diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:03:47 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:03:47 -0700 |
| commit | 5707a453fd0a130a2ed31f9592ef293a42fd5fc6 (patch) | |
| tree | b755af6a27e58002bf87ed61d50f3fef8e214185 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 19733-0.txt | 10417 | ||||
| -rw-r--r-- | 19733-0.zip | bin | 0 -> 210385 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 19733-8.txt | 10417 | ||||
| -rw-r--r-- | 19733-8.zip | bin | 0 -> 208725 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 19733-h.zip | bin | 0 -> 226574 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 19733-h/19733-h.htm | 12607 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
9 files changed, 33457 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/19733-0.txt b/19733-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f467439 --- /dev/null +++ b/19733-0.txt @@ -0,0 +1,10417 @@ +The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das kleine Dummerle + und andere Erzählungen + +Author: Agnes Sapper + +Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Das kleine Dummerle + + und andere Erzählungen + + + Zum Vorlesen im Familienkreise + von + Agnes Sapper + + + + Vierte Auflage + 13.–16. Tausend + + + Stuttgart 1915 + Verlag von D. Gundert + + + + Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart. + + + + +Vorwort zur dritten Auflage. + + +Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre +weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine +Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden +Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren +Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie. + +Würzburg, Dezember 1912. + Die Verfasserin. + + + + + Inhalt. + + Seite + 1. Das kleine Dummerle 5 + 2. Hoch droben 32 + 3. Im Thüringer Wald 36 + 4. Der Akazienbaum 104 + 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde 107 + 6. Ein geplagter Mann 118 + 7. Helf, wer helfen kann 144 + 8. Ein Wunderkind 150 + 9. Mutter und Tochter 161 +10. Die Feuerschau 187 +11. In der Adlerapotheke 193 +12. Bei der Patin 228 +13. Regine Lenz 294 + + + + +Das kleine Dummerle. + + +Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester +Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und +außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte +sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das +ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und +Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die +Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit +vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine +Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich +solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben +Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen, +seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte +er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu +hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und +Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr +Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich +dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg +nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze +Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue +Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des +Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen +gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der +Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen. +Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder, +ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster +und spielte auf einer Ziehharmonika. + +In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft +kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein +Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle +Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau +Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei +Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das +jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war +rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber, +übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden. +Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor, +breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele +steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den +geplanten Reiseweg bezeichnete. + +Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so +leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im +Geist jäh unterbrochen werden – es klopfte jemand an der Türe, alle +Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein. + +Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald +beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der +Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling +ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast +doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung +halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da +kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen +Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen +hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche +auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen +müssen. + +»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich +nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch +die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim +Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der +kleine Dicke, stand noch beim Vater. + +»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr +Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die +Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater +und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die +andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir’s gar +nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder +ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber +nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte: +»Sie sind alle fort.« + +Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring +doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu +kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der +Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,« +sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann’s meinen Verwandten +nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.« + +Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie +hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends +unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit +langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über +den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich, +»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird +nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit +seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch +stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah. + +»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr +Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn’s nur zum _Leben_ reicht,« +sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging +er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer +und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am +Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge, +reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in +die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.« + + * * * * * + +»An Wohnungen fehlt’s wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am +nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen +zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche +anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei +ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer. +Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen +müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte +er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße +entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da +war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf +Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein +wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen +und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner +Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder –« + +»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel +haben Sie eigentlich Kinder?« + +»Wir haben sieben.« + +»Sieben. Bei sieben tut’s mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben +nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem +Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir +schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir’s doch zu leid um meine +neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,« +entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren +kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus. + +Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein +großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von +weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der +Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die +Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich +die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts +verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt +nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte +einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder +bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters. + +»Pfäffling.« + +»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?« + +»Musiklehrer.« + +»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.« + +»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel +Unterricht außer Haus.« + +»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt +eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber +wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist’s schon gut.« + +»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.« + +»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?« + +»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere, +und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden; +die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag, +ich habe nicht viel Zeit.« + +Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel +Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder, +bitte? Sind’s Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling +mußte bekennen: »Vier Buben sind’s, und dann noch so ein paar kleine +Mädels, die merkt man nicht viel.« + +Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er, +»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein +halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!« + +»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen, +was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!« + +In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie +wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich – für +unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen. + +Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im +Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte +sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm +hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich: +»Eigentlich ist’s ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme +sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das +ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum +ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt +war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war +schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer +aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig +ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will +Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn +Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.« + +Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur +weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die +Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum +Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir +sieben Kinder haben.« + +»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk +so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen +Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost! +Ich tu’ aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt, +hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und +brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer +Gesellschaft!« + +Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim – für +heute hatte er’s satt! + +Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die +Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends +aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof +herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und +besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so +viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.« + +»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der +Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld, +daß wir so viele sind.« + +»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das +bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner +ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.« +Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und +fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister +längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten, +war er noch still und nachdenklich. + +Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei +großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war +eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und +sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche +Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten +ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch +nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es +nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es +sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle +zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er. + +Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte +mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn +Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor, +so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand +noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt, +und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er +wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die +Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es +ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine +finden könnte! + +Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß +gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser, +die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten +Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am +Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße +antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen – so, nun war sie +allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein +Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch +zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch +verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst +eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,« +und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig +Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe +höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als +dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und +rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein +komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.« + +Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen, +sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber +einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch +allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er’s verstand. Man konnte ihm +wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte +ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber +heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder +schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand +nehmen, weil wir sieben Kinder sind.« + +»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie +keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.« + +»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder +sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und +es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine +gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim +erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und +ging heim. + +Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem +Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz +ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_ +hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und +während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und +von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war. +Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen +Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn +herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand +auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder +wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle! + +Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich +war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als +Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele +Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling +berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht +gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem +wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie +liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.« + +»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen +nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo +kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der +Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen, +bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen +Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist’s nicht,« +sagte Pfäffling. + +»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner +gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.« + +»Wem gehört denn das Haus?« + +»Einem Seifensieder.« + +»Riecht’s da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?« + +»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.« + +»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist +nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,« +sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite +wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb +nehmen!« + +»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts +Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.« + +Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde +der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten. + +Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße +angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des +Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem +Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die +Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum +sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein +aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute +hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen +wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der +müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu +Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet +gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte +nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine +Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde, +während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und +zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf +los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten. + +Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen +und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen +gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil +auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum +das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer +und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu: +»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht +so hört.« + +Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein +Hausherr,« so ging’s von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm +verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos +wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus. +Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig. +»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte +ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße. +Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder +haben.« + +»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem +Mund. + +»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so +herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt. +Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln. +Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns +ist’s nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau, +die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine +Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine +Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.« + +Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf +Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in +die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen +Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne +Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu +billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer +von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er +schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem +Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe. +Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom +Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der +künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße. + +Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig +nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand +dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte +sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug +sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn +er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir +gefällt’s besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der +elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich +doch lieber einen Holzplatz.« + +»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug, +der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und +auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die +neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er +fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem +Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten, +und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn +aufzuklären. + +So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern +Katzengasse eingemietet. + +»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte +Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle +Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele +luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz +schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die +Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie +jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen +glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr +geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich +königlich auf das doppelte Mittagessen. + +Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die +Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von +ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen +waren und sich’s da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht +recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen +sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich +von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit +offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung +stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier +und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter +dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er +auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren +Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde +ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so +verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie +vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war’s +und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer. + +»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der +neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du +hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was +er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere +Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt +hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er +machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit +dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum +Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo? +Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links, +überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige? +Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar +Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg. +»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.« + +Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der +kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem +Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?« + +»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?« +»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer? +Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen. +Bist du sein Bub und weißt das nicht?« + +»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein. + +»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort, +wo du hin sollst, dort sagt man dir’s schon. So etwas ist mir aber noch +nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal +wohin!« + +Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse +wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere +Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn +nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder +aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles +ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig. +Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht +bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er +freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis +zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon +wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß +Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der +kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste +Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.« + +»O, der kommt viel zu spät!« + +»Gelt, ich sag’s auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich +»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das +Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das +heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte +er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und +der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und +die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit. + +Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu +wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme: +»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte +freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will +dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du +sie nicht findest.« + +Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er +sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal +die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander +herauskam: Kein Mittagessen – die alte leere Wohnung – die Hintere +Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle! +Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte, +und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der +Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch +gedeckt.« + +In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte +wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue +Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte +eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald +die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler +schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle +da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll +Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel +geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich’s +gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am +Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote +Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch +einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel +gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die +großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und +spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten. + +Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich +zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten +Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus, +er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur +manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der +Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch +reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm. + +Aber – in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr +fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett +herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte +und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling +sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die +Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen +Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am +nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig +schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die +Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine +gute Mietpartei für die Hausleute. + +Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe +verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie +manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern +Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal +allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die +zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum, +an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um +das Kind. + +Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was +dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.« +Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine +Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,« +sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er +schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames +Lieblingsspiel verwahrt war. + +»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und +streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder +es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote +Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß +die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm +komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn, +wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer +Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich +sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das +Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu +suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade +als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen +Lärm machte. + +»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der +Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr +ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn +da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn – –.« »Geh hinaus mit deinen +Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du +auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe +hinausgeschoben. + +Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und +dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die +rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das +Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das +Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie +hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es +die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade, +da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht +verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort. + +Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht. +Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten +den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,« +sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu +holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät +ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« – und die +Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder +noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er +nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie +sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an, +»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben –.« Aber die Mutter +fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen +so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?« + +Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich +Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine +rote Kugel gehabt und – –« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief +Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und +der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser +sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling +machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der +aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe +vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie +behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte +ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und +darum ist sie krank.« + +Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und +so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken +weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig – sie hörten es ganz +deutlich – fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr +Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein +wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr +freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie +war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir’s nur noch einmal ganz +genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester +gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel +geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir’s? Was hat sie denn +erzählt?« + +»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie +die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel +ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen. +»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich +an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den +Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.« + +»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an +die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders +Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind +geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn +nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es, +ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit, +vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak +darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine +Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!« + +»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der +Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die +Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel +zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus +allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in +jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden +liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte +nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe +schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.« + +Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als +ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling +fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine +Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab +– niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun +eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen, +lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über +den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf +Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete +Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz +ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling +aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen +konnte. + +Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers +aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die +Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der +Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel +wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die +rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich +hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen +Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem +Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte +zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut +gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.« + +Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während +draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die +Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der +kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er +wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt +bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein +kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester +gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher, +daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste, +da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die +Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn +staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes +Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte +er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier +Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!« + +Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen +wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich +abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das +noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte +dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern +begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der +Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und +ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters +Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch +abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen +hatte. + +Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein, +nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der +Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?« +Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du’s nicht gemerkt, daß +der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch +verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater +hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.« + +Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo +er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf +das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom +Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es +für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die +Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag +die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann +ein Blick auf die große Wanduhr – reicht es noch, kann man noch vor +Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es +geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der +Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus +zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite +und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit +einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte: +»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn +man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch +und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen +davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde +und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es +kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im +Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau +zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.« + +Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte +sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte +durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen +noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und +das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich +abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht –« »Und du wieder nicht +reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat’s schwer +gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der +Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um +das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus +ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und +riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht +nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer +empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei +Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern. +Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die +heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz +durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen – du kannst nicht +reisen – das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen +erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte, +der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der +Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom +Fichtelgebirge! + + + + +Hoch droben. + + +In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem +Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er +und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden +waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach +dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte +nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die +glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit +von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch +die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe +Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein +Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte +einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren +und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst, +wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte. +Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel +aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein. + +Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist’s +noch mehr! + +Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann +plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die +sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache +wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick +und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war +dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der +Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach. +Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom +Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer +mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in +Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß +gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei, +von unten wird’s besser gehen, mit der Leiter, mit der großen +Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell, +schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die +Tiefe!« + +Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die +ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können +nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von +Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig +wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die +Spannung. + +Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau +ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht +Platz für die Mutter.« Sie ist’s ja nicht, sie ist ein ehrsames altes +Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und +teilnahmsvoll Platz. + +Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell +zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit +man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und +jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer +glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das +große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet +und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen, +wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken +folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in +die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am +Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den +Daliegenden stemmt. + +Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit +Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in +demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er +die Hände gegen den Arbeiter. + +»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.« + +»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt’s denn, warum liegen Sie da? Ich +glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.« + +Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es +war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!« + +»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.« + +Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der +Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung +geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine +mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein +solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog +seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter: +»Hurra!« + +Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: »Hurra, Hurra!« + +»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann, +»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker +deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend +machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch +die Dachluke.« + +»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein +auf dem Dache.« + +»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach’ meinen Dank für +die Lebensrettung.« + +»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief +sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder +ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge +Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht +mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm +allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die +hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn! + + + + +Im Thüringer Wald. + + +Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein +Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne +Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im +Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen +Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die +Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es +gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen +Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man +nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht +durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein +läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber +doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von +früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben? + +Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der +Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie +eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter +ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein +Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte +durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser +standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft +und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder; +eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar +herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt +hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter. + +Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen +anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen +Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu +seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht +gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau, +»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.« + +»Ja, ja, im Sommer tut sich’s noch, aber die Kinder werden alle Tag’ +größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll’s im +Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten +herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll +Kartoffeln aufs Feuer. + +Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen +Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem +Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie +wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von +selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß. + +»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,« +sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt +halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem +Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange +hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine +immerhin noch mit zu essen. + +Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab, +daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und +rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen +gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte. +Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus +alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da +Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und +erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er +da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich +eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn +sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und +pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine +Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das +Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren +Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie +waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie +zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um +den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner +stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden +Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank +geworden von der schlechten Luft. + +Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald +lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu +Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer +Stoß geschnitten. Dann ging’s ans Nähen; ringsum mußte der Balg +zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er +offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau +Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar +Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem +Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!« + +Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen +Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne, +die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle +und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles +zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die +Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem +Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen. + +»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie +aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt +mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf +die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte +ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen +und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das +besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet +hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ: + +»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg +komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!« + +»Was sagt er dann, Mutter?« + +»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb +voll.« + +»Was sagst du dann, Mutter?« + +»Dann sag’ ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so +faul.« + +»Was sagt dann der Herr, Mutter?« + +»Dann sagt er: ›Euch geb’ ich keine Arbeit mehr, da geb’ ich’s lieber +dem Haldengreiner, der ist fleißiger.‹ + +»Und dann, Mutter?« + +»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.« + +Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze +Weile nicht von seiner Arbeit auf. + +»Es ist ein Elend, daß man’s mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing +der Hausvater nach einer Weile an. + +»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag +ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große +Bestellungen gekommen sind, da gibt’s Arbeit genug!« + +»Was hilft’s, wenn’s nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht +mehr fertig.« + +»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier +kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der +Philipp!« + +»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in +der Arbeit.« + +»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die +bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der +hat schon manche Nacht durchgeschafft.« + +»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul’, soll gar nicht gut sein +für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer +gesagt, und der neue Lehrer sagt’s auch und er hat recht.« + +»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht’ halt, +daß die Kinder lernen. Der alte hat’s immer gewollt, und der neue ist +auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.« + +»Aber ist’s nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz +sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.« + +»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren +Frieden im Land!« + +»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.« + +Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind. +Aber wieviel Nächte hab’ ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst +denn machen? Wir können’s doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die +Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring’ ich +dir wieder ein Päckchen Tabak mit.« + +_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der +sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung. + +Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann +wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die +Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt, +als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in +Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte +der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst +du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich +mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der +Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte +schon, wie sie’s zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben +dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum +Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An +sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig +geschmückt. + +Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah +begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre +Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle +Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine +Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad’ +nur von der Schul’ heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht +bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den +Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas +dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache; +sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu +heulen, daß Marie ihren Ȇbermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und +des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen. + +»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft +und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann +mit, daß er auch sein Vergnügen hat.« + +»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?« + +»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.« + +»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man +nimmer zumachen.« + +»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine +Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder +heimkommt.« + +»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater. + +»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will +ich’s schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß +es auf der Gasse nicht herunterfällt!« + +»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?« + +»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld +aus ist; sag nur, die Mutter zahlt’s morgen, wenn sie von Sonneberg mit +dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden +Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp +gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer +herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war. + +»Wenn man’s doch richten könnt’,« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man +immer gleich bezahlen täte, was man holt!« + +»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin. + +»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat +borgen müssen, und der Krämer macht’s auch so.« + +»So ist’s halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon +so.« + +»Aber anders wär’s halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein +klein Sümmchen ins Haus bekäm’, daß man das alte zahlen könnt’ und das +neue auch; von da an dürft’ mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein +Lot Kaffee. Aber wir bringen’s nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns +die Finger wund arbeiten.« + +»So red’ doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann’s denn +wissen, ob’s nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch +eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts +arbeiten.« + +»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht +halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen, +die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät! +Schon lang hat sie nichts geschickt.« + +»Weil sie auch gar so weit weg ist!« + +»Von Köln aus könnt’ man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt +man doch sogar bis nach Amerika.« + +»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber +und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn +aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das +muß viel weiter weg sein.« + +»Viel näher ist’s, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt +übers Meer.« + +»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes +Wasser sein.« + +»Der ist doch nur ein Fluß!« + +»Meinetwegen, ich hab’ auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.« + +Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung. +Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze +Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden +Hände durften ein wenig ruhen. + +»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?« +fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit +der Sprache. »Warum, sag’s, bist abgestraft worden? Hast doch gestern +abend geschrieben!« + +»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat’s nicht lesen können; ich +soll’s bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der +Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei’s.« + +»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt +und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den +ganzen Tag. Aber jetzt geht’s halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit +für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.« + +Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden +die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen. +Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um +alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da +wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen +Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den +Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb +aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann +möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so +schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu +tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch +sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den +oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau +hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß +der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit +ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein +gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber +diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor +andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen +eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen, +wenn es gar zu viel für die Mutter würde. + +Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie +blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen +Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit +kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg. +Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der +Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der +Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten +der Stadt zupilgern. + +»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie +du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die +machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch +nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem +schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.« +Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren +Korb. + +Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt, +erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter +grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der +umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf, +die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig +machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter +her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften: +»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an +dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu +sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast +alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen. + +Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner +arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große +Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in +dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten. + +Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und +ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf +ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau +sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am +Schluß noch einen. + +»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal +aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren +Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert +hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt +wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der +Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab. +Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld +ein. Für die nächste Woche gab’s Arbeit genug, fast mehr als Frau +Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch. + +»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie +aus dem Zimmer waren. – »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen, +sonst heißt’s später, wenn’s weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns +auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.« + +»Aber wenn wir’s in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht’ ich +nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst, +da würd’ ich mich fürchten!« + +»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt’s doch noch +die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie’s +der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.« + +Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine +Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren +einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie +wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich’s kaum mehr erinnern. + +Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang. +Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt’s dunkel vor?« sagte +die Mutter, »aber ich find’ gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen, +und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie +wenn’s heller Tag wär’.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte +sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub’, da wohnt ein Stimmacher; +weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und +Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht +Puppenschuh’, hörst nicht seine Maschine?« + +»Aber da wohnen viel Leut’, Mutter!« + +»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt +sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte +Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid +ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die +Hand und deiner Tante Regine auch.« + +Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu +und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn +sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz +fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen +noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön +gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus +der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech, +etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit +blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da +nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit +geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom +Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig +zum Aufkleben auf den Puppenkopf. + +Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie +doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und +wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine +Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die +Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist +euch vergönnt.« + +Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so +blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die +neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte, +daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre +wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte +Marie, »das möcht’ ich lieber tun.« + +»Gefällt dir’s?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann +kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der +zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst +nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein +sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul’ sind, sollen sie +dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir +haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen +Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir +müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.« + +Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg +heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene +Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der +Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und +überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft +schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der +kleine Philipp sprang ihnen entgegen. + +»Ihr kommt so spät heut’,« sagte er, »es steht schon lang einer da und +wartet auf dich.« + +»Wer ist’s denn?« + +»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht +leiden,« sagte die Mutter, »hätt’ ihn der Vater doch fortgeschickt.« +»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.« + +Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar +nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins +Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort +kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden. +Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das +sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte, +sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse +des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie +brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte. +Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und +sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte. + +»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen +Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden +Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.« + +Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch +mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn +leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den +Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade +heut’, wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb. +Sehen Sie? Gleich bar hab’ ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch +hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis +Ende der Woche reicht’s nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich +schon jetzt sehen.« + +»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,« +beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr. +Leben Sie wohl, und guten Verdienst!« + +Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den +Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht +mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die +Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch. +Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen, +wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in +der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das +hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun +machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die +Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und +plauderten. + +Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett, +Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die +Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von +Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon +zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute +kam’s ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der +Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus +zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu +errufen – sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest. +Frau Greiner lachte und ließ sich’s gefallen. + +Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von +ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so +verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben +dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton. +Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den +Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie +Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal +auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die +Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse. +Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt: +diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich +habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote, +»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil’s mich doch gewundert +hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil’s so eine ganz besondere +Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift +lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt +war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln +waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben. +Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen +ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten +sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für +ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das +Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin. + +»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester +gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in +der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals +so traurig zumute.« + +Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln +gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche +Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner +und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester +wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten +Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder +an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts +geschehen wäre. + +Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben +haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der +Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an +Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war. + +»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch +noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken +müssen. Ich will’s nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll +Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten +Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das +Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen +eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos +hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von +vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er +nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas +verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten +Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute +Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht. + +Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge +für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für +ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich +keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug. +Aber seine Frau sah’s anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie, +»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat +sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie +mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat. +Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald +acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und +dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!« + +Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich +auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an +eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag +ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den +nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem +sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen, +aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der +Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der +Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit, +daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche +Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im +Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein, +den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das +Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken, +daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und +Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich +gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im +Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und +wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu +übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon +übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb +auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum +Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe +haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt +ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll, +Kindergärtnerin.« + +Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte +sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte +Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein, +der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.« + +»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die +vornehmen Leut’ haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex +steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand. +Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt +ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So +schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!« + +Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große +Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir +kommt’s auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein +Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt’s nicht tun +sollen, und wenn’s auch meiner Schwester Kinder sind!« + +»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder, +da dürft ihr euch schmal machen.« + +»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie. + +»Soxhlet heißt er.« + +»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht’ ich mich, gelt, den legst nicht zu +mir?« + +»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter. + +»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand +abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn +doch nicht setzen.« + +»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau +Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der +schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man +nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh’ hat. Aber auch noch so einen +Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so +einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so +Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat +das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!« + +»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht +telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?« + +»Wenn’s halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.« + +»Man könnt’ ja fragen, was es kostet.« + +»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein +Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon – +zähl’ einmal – hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet +darin. Dann, so barsch möcht’ ich auch nicht sein, daß ich nur +schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt’ doch auch +erklären, warum. Wieviel gäb’ das Wörter! Das geht nicht in ein +Telegramm.« + +»Und zum Brief ist’s zu spät?« + +»Ja, zu spät.« + +Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder +über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch +sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren +gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die +Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon +vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die +Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung +über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon +wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie +nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt, +›mein Herr Gemahl!‹« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das +Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl +sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem +verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei +uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben. +Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so +armselig ist.« + +Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll, +die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete, +hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner +gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur +einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche +Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit +abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so +hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer +einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie +Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich +auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf +diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam +gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine +anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen +Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es +nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen, +noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen +auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie +Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden +die Reisevorbereitungen getroffen. + +In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer +des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen +und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer +Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den +Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei +Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge +Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen +Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr +geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben. + +Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht, +was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem +Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not +versetzen. + +Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise. +Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn +verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine +liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte +sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine +gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein +leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden. + +Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit +wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag +zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden +gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als +Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die +trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes +Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in +Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik – gewiß aus der +Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden +Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in +Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem +Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute +kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen +nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen +sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß +genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth +stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten +in Oberhain?« fragte der Kutscher. + +»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung +kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in +Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie +aber schon erfragen. Nun ging’s vorwärts, zuerst flott und rasch durchs +Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts +Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die +köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster +Stimmung. + +»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich +habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote +Bäckchen bekommen, mein Liebling – aber Papa und Mama können sich nicht +mehr darüber freuen, armer Schneck!« + +Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der +Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll +die Fabrik heißen?« + +»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der +Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich +an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine +Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht +begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist, +wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.« + +»Wir wollen’s schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich +mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß +sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem +Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die +Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig +sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom +Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau, +was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie +hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar +kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt +Elias.« + +Und nun ging’s noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde +enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen +Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt +– vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und +sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend, +wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der +hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran +die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen, +zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz – das sollte +die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je +gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam +Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete +bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner +Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie +dicht am Wagen stehen – keinen Schritt machte sie auf das Haus zu. + +Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte – das +junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter +enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich +drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen +dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist +ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du, +Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?« +Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe +sich’s Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön +geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau +Greiner den kleinen Alex ins Häuschen. + +Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen, +während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den +Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz, +hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie +folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß +sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen +Tag?« fragte sie. + +»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf +seine Arbeit. + +Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den +Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?« + +»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist +draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen +abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie +wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die +Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem +Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es +ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht +anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig +schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer +abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung +stehen, Philipp aber trat näher. + +»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet +nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still +verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte +sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch +vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte +Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein, +daß er so eingesperrt wird!« + +Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete +nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in +der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat, +und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der +Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und +Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor +den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer +Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie +nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der +Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben +geistreiches Gesicht. + +»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das +Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der +Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man +uns so gelehrt: ›Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die +Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den +Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf +Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen +geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.‹« Frau Greiner +hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit +der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate +sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.« + +»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch +haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee +reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an +Speck und Hering soll’s ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande +die Hauptnahrung.« + +»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt. + +»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie +nur ruhig, ich will’s ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft +eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da +sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer, +ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd +hinzu, »ob Sie den Thermometer ver – – – ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir +haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man +die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch +auch?« + +»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber +hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht’s auch nicht!« + +»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so +wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen, +wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden? +Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen +von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen +eine aus Sonneberg.« + +»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut’s schon auch, und so +oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.« + +»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem +Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar +nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem +andern Zimmer sein?« + +»Ein anderes Zimmer haben wir gerad’ nicht, aber wegen der Luft dürfen +Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer +Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur +meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen +drei waren ganz gesund.« + +»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth. + +»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über +sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat’s +auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht +weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns +weh getan, aber so ist’s halt; wir haben ja auch an dreien genug und +jetzt sind’s eben auf einmal vier geworden!« + +Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex +ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt +noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder +zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit +saß. + +Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen +bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her. +Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue +Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt. +Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?« +Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das +gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn +herzte und küßte und leise sagte: »Behüt’ dich Gott, mein Liebling, ich +habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich +deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?« + +»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich +zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen +wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war +denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?« + +»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts +bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht +weiter. + +Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während +sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem +Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so +oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel +hineingeschoben, ein sorgsam geschältes! + +Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen +sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen +auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege +standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den +Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt +bist du im Thüringer Wald!« + +Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die +Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit +zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde, +fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz +überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig +geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen +mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen +staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit +der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die +Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger +Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu +liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht +fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das +Schiff zu erreichen, das nach Australien ging. + +Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei +gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die +Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das +Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht +_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten +noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und +so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit. + +»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine +Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt +werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und +wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug +am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust +zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie +wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen, +so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ +sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein, +um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so +elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor +und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so +wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen +für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte +sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld. + +In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt +holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und +gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner +kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres +Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag +abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern +Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg, +wart ein wenig!« + +Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd +gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg +nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach +verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der +an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als +unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte, +wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war’s immerhin noch auf +dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich +der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann +siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie +fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein +Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die +deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm +verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe +und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner. + +»Was ist das, Drücker?« + +»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe +gibt.« + +»Helfen Sie auch drücken?« + +»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die +Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.« + +»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?« + +»Dann haben sie noch keine Augen und –« + +»Wer macht die Augen?« + +»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in +allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.« + +»Ist das das Letzte?« + +»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und +die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den +Balg geleimt.« + +»Das kann Ihr Mann nicht?« + +»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule +geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber +dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben +müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder +Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul’, +aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.« + +»Wieviel verdienen Sie in der Woche?« + +»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist’s mehr, bald weniger. Es gibt +Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.« + +»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der +Woche, Sie mit Mann und Kindern?« + +»Die vorige Woche hab’ ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch +schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht +durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu +den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht +dafür wieder hinaus und man bringt’s fast nicht dazu, daß man sich für +den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder +darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken, +sonst wird man ’s ganze Jahr nicht froh.« + +»Ist Ihr Mann gesund?« + +»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den +Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.« + +Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt +da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.« + +»Ja, Fleisch gibt’s nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln +sind die Hauptsache, bei uns heißt’s: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag +in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!« + +Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine +Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe +erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von +der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden. + +»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter +heut’?« + +»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren +Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er +Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß +ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht +gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie, +die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika. +Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar +nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen +alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn +wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der +besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch +versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser +Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn +Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.« + +Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge +Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt +Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das +wäre nicht schlecht!« + +»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu. + +»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein +Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.« + +»Das bleibt hier. Dazu gibt’s Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen +mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir +deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon +absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen +Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich +genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?« + +Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen +Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die +kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte. + +Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab’ ich nun das alles +geträumt oder ist’s wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein, +denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur +gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum +sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe? + +»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken +gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber +schön müßt’s sein, was könnt’ man da alles sehen, und ganz freie +Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch +nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab’, er wird doch +auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?« + +Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr +erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus, +trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag’s noch niemand, Georg, +weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie +ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben +im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige +Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt. + +Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge +Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit +besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in +dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde +sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war +ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann +hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis, +wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte. + +Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die +Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht +begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme +Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und +kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit, +die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte, +sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten +Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den +Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein +Hering hat er heut’ mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete +Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts +davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut’s weh; gelt, ja, das +sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein +Schatz, ich kauf’ dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen +und hol’ noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen +weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen +dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm’s gut +bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut +haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus. +Still, mein Waislein, still!« + +Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen +und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm +befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer +nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn +herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern +Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle +seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder +an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex +mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind +unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das +war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er, +»Kranke bleiben am besten daheim.« + +Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch +nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb’ +ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich, +die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End’, nur zwölf Mark hast +heut’ heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt’ +man’s schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und +alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich’s +überlegt.« + +So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es +war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand +offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen +Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er +dies alles zum erstenmal. Schön war’s doch im Thüringer Wald und leicht +wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum +Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie +lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah +still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht +mehr das Lied: ›In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der +alles kann und weiß‹; wie geht’s da weiter?« Sie brachten den Vers +zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt +gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten. + +Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter +den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten +sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der +Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer +Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres +Gesicht hatte er, vielleicht kam’s daher, daß er selbst so oft mit +finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der +Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte +Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah +sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein +Käßchen öffneten. »Vater, reicht’s?« fragte sie ganz leise und blickte +besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man +merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an. + +Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun +freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der +Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu, +»er bekommt später den Rest, andere haben’s auch nicht beisammen.« + +»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen +besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war +ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex’ Kinderwagen. »Da haben +Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte. + +»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit. +Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber +heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler +herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn +so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er +mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann +verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er +wittert das Geld,« sagte sie, »er hat’s nicht wissen können, daß wir +noch etwas haben, aber er hat’s gespürt, daß Geld im Haus ist.« + +»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus +dem Land.« + +»So mein’ ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig, +wir gehen auch fort.« + +»Ja, und das gern.« + +»Bist entschlossen? Im Ernst?« + +»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.« + +»Kinder, Kinder, denkt’s euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die +Mutter. + +Jetzt gab’s Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen +Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam +allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg +wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre +Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das +arme Waislein nur nehmen. + +Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur +auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete: +»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag +nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht. + +Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze +Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg +gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf, +die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache +verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als +gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine +Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in +Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine +Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur +immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die +Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden, +die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein +Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein +vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert, +daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle. + +Dienstag abend war’s. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine +Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und +rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort +noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann, +als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und +bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die +Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze +kommt zu dir.« + +Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen +weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher +von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt, +daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo +Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus +dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den +Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins +Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und +erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den +Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst +hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln +wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem +Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte. + +»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert. + +»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und +wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir +entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort. + +Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als +ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand, +nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch +natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht +wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20, +so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte, +ist’s nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat +man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird’s auch einmal nicht besser +gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?« + +Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte +besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und +bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika +unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir +jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn +die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste +Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_ +einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und +gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der +Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen +und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir’s vorkommt, +wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus +für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir’s vor, als wolltet Ihr +hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr +hat.« + +Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen +der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem +Graben ist’s ohnehin nicht viel bei ihm.« + +»Magdalene, was red’st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so +sinnbildlich gesagt!« + +»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum +Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt’s den Amerikanern, +wie sie’s machen sollen, so ist’s eine Gefahr für unsere Einnahmequelle. +Für _Euch_ könnt’s ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann’s zum +Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre +Puppen, das wollt’ ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich +heraufgekommen.« + +Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese +Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt +entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob’s dem Herrn Amerikaner gelingt da +drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so +einführt, wie’s bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon +ist.« + +»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt’s ihm nicht, so werdet +auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein. +Gelingt’s aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist’s der helle +Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war +einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie +mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem +Schulz konnte er’s aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu +reden. + +»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da +drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin, +und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von +dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann’s +noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.« + +Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte +sie zustimmend. + +»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir +kommt’s nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß +man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben +frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die +Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_ +Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür +gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir +so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den +Amerikanern bringen. Warum? – weil unsere Enkelkinder auch noch essen +wollen!« + +Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder +auch noch essen wollten, das war berechtigt. + +»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom +Dorf möchte ich nicht schuld sein.« + +»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein +Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der +Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner. + +»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut +kenn’ ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will +ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern +und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der +Amerikaner auch nichts erreichen.« + +Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des +kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann +vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?« +fragte Ruppert. + +»Ja, mein Schwesterkind ist’s.« + +»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?« + +»So ein Kostkind ist’s nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben’s +bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen +verloren.« + +»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer +Schwester war doch reich?« + +»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind +geschickt. Gewollt haben wir’s nicht; das große Mädchen hätten wir gern +genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.« + +»Der Vormund hat sich’s leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch +ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der +Amerikaner kommen sollte, so sagt’s ihm nur, er könne sich die Mühe +sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die +halten alle fest zusammen gegen Amerika.« + +»Ja, ja, das tun wir auch.« + +Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends, +und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er +sich geträumt hatte. + +Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht +erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder +wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da +stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen +sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es +ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte +schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd +sein wie ich.« + +Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander +anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war’s doch traurig, +ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt +sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher. +Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber +gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art +und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt’s noch +Menschenfresser.« + +»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!« + +»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich +zufrieden. + +Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen +als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch +nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der’s mit Oberhain gut +meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend +von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf +kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum +Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des +Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte. + +Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem +Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal +wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle. +Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder +vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße +heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er +hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen +Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und +dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken, +als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer +als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre +Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren +Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge. + +Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie: +»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag +Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?« + +Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete +an ihrer Stelle: »Sie hat’s schon getan, daran hat sie’s nicht fehlen +lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist’s bei uns, wie Sie +sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.« + +»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir +wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen +wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug +sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an, +Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst +einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.« + +»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen +nicht hinüber.« + +Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch +wohl schon reiflich überlegt war. + +»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht, +ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?« + +Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht +nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch +dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er +dächten auch die andern Familien im Ort. + +Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft – +die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder +rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie +wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und +der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er +gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter +Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren +in solch ärmlicher Umgebung. + +Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog +sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den +Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm +dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt +haben.« + +»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte +Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der +hat’s und tut’s gern.« + +»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich +den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.« + +Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort +hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. – + +In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein +Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der +ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden +hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu +entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg +mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen +Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis +das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte +er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam, +lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort. +Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht +bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war. + +»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika +mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich +wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch +bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute +in Amerika anweisen.« + +Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte +er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?« + +»Ja wohl weiß ich’s, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst +bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich +selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da +drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.« + +»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das +Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will +ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen +haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind +kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein +Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen +ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.« + +Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der +Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig, +halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich +dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der +konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe. + +Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem +Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick +gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue +aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in +den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der +Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte +Elend! + +Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und +wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld +und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut +gepflegt, wie’s eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im +Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit +Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch. +»Er verträgt’s nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das +Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war. + +»Nein, er verträgt’s nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die +Mutter. »Aber gut ist’s, daß er’s nicht weiß und nicht bös auf uns ist, +gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast’s ja so gut bei uns, kein +Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird’s lustig, da fahren wir +dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust +dich, kleiner Schelm?« + +So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und +lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der +Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb +hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht +so im Drange der Arbeit. + +Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu +Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere +kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren +Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben +keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer +wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und +doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker +mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen +Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte, +wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes +Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost +wurde immer schmäler. + +Um die Weihnachtszeit war’s am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,« +sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit, +was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit +leeren Händen. »Er gibt’s nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel, +sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle +er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch +gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau +Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur +Hälfte voll. + +»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den +Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt’ meinen, man hätte einen +Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach +merkt man’s doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar +nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm’ +kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die +harte Arbeitszeit wieder ersehnt. + +Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den +Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den +winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern. +Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen +sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten +von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der +Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und +diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder, +das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach +der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den +Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote, +dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah, +rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist +wohl ein Christstollen darin. Daß ihr’s nicht aufmacht! Ich leg’s lieber +da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank +und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie, +der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen +Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote +gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das +Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack +auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum +fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh +war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie +auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen +hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen. + +Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam +hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht +vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und +ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat +einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam +von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn’s ihm nur gut bekommt, gib’s ihm lieber +nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau: +»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen +essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da, +heute ist Weihnacht!« + +Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das +Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund +verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und +Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und +unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten +sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen +begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht +geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch +etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen. + +Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das +Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen +gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief +voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch +alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm +das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut, +als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das +schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht +gewachsen und gediehen, wie sich’s wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt +hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das +Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte +die Mutter und verwahrte es sorgsam. + +Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte +Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte +diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche +Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den +Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen +der ganzen Familie aussprach! – + +Januar war’s, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal +bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine +Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen +auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der +stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind +seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald +seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein +handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies +Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie +er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte +er sich’s wohl zugetraut. + +Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in +die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus +Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte +nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte +einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu +seinem Vorhaben. + +Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude +gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab; +denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte +sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die +ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig +Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran +und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit +hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen +heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl +waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die +dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit +einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen +Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos +beiseite. + +In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen +innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner +wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war +das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte +sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam’s ihm in die +Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich +sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete +er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf +den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde. + +In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die +Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand, +und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte +er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn +verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich +dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche +Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich +zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte +auf ihre Schritte – richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor +dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht +denn da oben?« + +»Ich weiß doch nicht, was du meinst.« + +»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.« + +Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die +Kammer. »Ein Puppenkopf ist’s,« rief er, »aber kein solcher,« und er +deutete auf die, welche sein Vater auspreßte. + +»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas +hinaufgestellt, Elias?« + +»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging +die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob +Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die +Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein +Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.« + +»Gerade hab’ ich’s auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz +wie er leibt und lebt.« + +Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie’s gar nicht +gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu +ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand. + +»Mich freut’s halt, daß ihr’s erkannt habt. Bei Nacht hab’ ich’s +gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben +sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise +hinzu. + +»So steht’s nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat +an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut +erraten hast’s, wirklich gut!« + +»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere +Puppenköpfe geben, als die alten da?« + +»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt’ man das anstellen?« + +»Einen andern Weg wüßt’ ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren +zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen +ließe.« + +»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon +viel Geld bekommen.« + +»Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt +in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu +laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.« + +Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_ +Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl +von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen +sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk +wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden +Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen. + +Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie +mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände. +Leichtfüßig ging sie aus dem Haus – Arbeit war nicht abzuliefern, der +große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in +dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust +geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr +Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn +sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie +etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute +aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren +Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine +große Summe erhalten würde? + +Einmal war’s ja vorgekommen im Dorf – das mochte aber schon dreißig +Jahre her sein – daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen +besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner +zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen +setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen – wird’s eine Niete sein, +ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen +Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen! +Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein. +Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen +und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in +Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten +Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine +Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner +Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte +kaum, was sie trieben. + +Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und +Schwester auf. – Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die +Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte, +friedlich und still war’s im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde +Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm +erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon +erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch +im Korb. + +»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm +ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes +Gesicht. »Da spar’ dir nur die Müh’, Magdalene,« sagte sie jetzt, »das +ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den +nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr +Köpf’ und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest’s ihm wohl +sagen können, hast’s denn du nicht gesehen?« + +»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die +Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.« + +»Wie, laß mich’s doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte +den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen +ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie +dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade +nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär’s doch nicht +unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging’ ich hin, der ist fürs +Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.« + +»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner. + +»Bis ans Haus begleit’ ich dich und wart’ unten; hinauf möcht’ ich grad +nicht, sie sind oft so barsch.« + +Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war +geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht, +man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt’ ich’s nicht +bleiben lassen? Der Mutter hat’s ja gar nicht gepaßt.« + +»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm’, wär’s freilich besser, als +wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen +sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim +denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem +Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich +könnt’ mich ja vor meinem Elias heut’ abend nicht blicken lassen.« Sie +läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt +zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift +»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei +Herren schrieben. + +»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf +erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher +brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr +Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt’ +er’s gemacht, wie’s leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester +Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht. + +»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn +eigentlich?« fragte der Schreiber. + +»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?« + +»Kaufen? Ja, zu was denn?« + +»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist +Drücker in Oberhain.« + +»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber +die neuen Köpfe, das könnt’ er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von +den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert, +von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So +etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen +Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der +jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war +nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern +lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den +Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr +Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt’?« + +»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr +Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es +ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine +zeigen.« + +Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie +ganz treuherzig: »Es wär’ mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn +Weber hätt’ einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs +Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er +noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt +noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist’s +schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm’. Man könnt’s Geld so +nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm +heimbring’! Der macht böse Falten hin!« + +Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben +hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick +herunterkomme.« + +Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf +einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus. + +So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau +Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal +sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es +fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?« + +»Elias Greiner.« + +»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er’s gelernt?« + +»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul’.« + +»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?« + +Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner +leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht, +was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit +seinem Buchhalter leise verhandelt. + +»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der +Fabrikant. + +Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk’ halt so,« sagte sie; »Fabriken +gibt’s hier in jedem dritten Haus, ich könnt’ überall fragen und es dem +Herrn geben, der’s am besten bezahlt.« + +Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an +sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann +ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben, +aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist +kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal +hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als +die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so, +und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein +Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es +nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber +ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen +eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben, +wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer +anbringen. Aber versuchen Sie es nur.« + +Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann +an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich +weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen +wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben, +was recht ist.« + +Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann +sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den +nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für +mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen +die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das +Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel +gleich schriftlich gemacht.« + +»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz +einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr +Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe +wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant: +»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit +ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den +Kopf auch in andern Größen liefert.« + +Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last +abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte – +die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte. +Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt’s Gott, und mein Mann +wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren +sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt’s auch um weniger +hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht, +wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler +hätt’ das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir +sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex +wurde in kostbarem Schrank verwahrt. + +Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und +ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!« + +»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat’s ja gekauft! Rat nur, +um wieviel? Aber du hättest’s ja doch nie erraten – um 800 Mark, Regine! +Komm zur Mutter, komm nur schnell!« – + +Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen +Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen +und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie +heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu +wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den +Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn +er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem +Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich’s ausgedacht. +Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten; +einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie +die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie +warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein +Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da +hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit +beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief +sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir! +Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!« + +Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach +einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges: +»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen +umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte +sich dem Kindlein zu. Des Alex’ Gesichtchen war’s ja, das solches Glück +ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen +Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all +die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und +wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie +sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle +Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!« + +Aber wie war es nur möglich – sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird +die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte +Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das +Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen +Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen +Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme +ich den Arzt mit heraus; wir sind’s ihm schuldig, dem Kind, wir wollen +alles dafür tun.« + +Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt, +Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt +hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler +Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine +Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still. +Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau. +»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.« + +Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und +Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen +Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und +Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das +liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen +für diese Welt. + +Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig +machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen, +ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe? +Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt, +daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den +Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen. + +Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort +mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner +in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen +sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten. + +»Vom Soxhlet steht nichts darin?« + +»Nein, von dem nicht.« + +»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem +Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.« + +Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab. +Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die +dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein +schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei +Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie +Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt +und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht! + +Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern +ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist +nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht +zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie +freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist +sie nachgebildet. + + + + +Der Akazienbaum. + + +Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das +Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin. + +Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es +in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der +Schwester gepflegt, lange Zeit. + +»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank, +wann werde ich wohl wieder gesund?« + +Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl +dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie +sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du +wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage +durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und +sehnte sich danach. + +Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere +Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und +Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie +stand noch kahl, wie im Winter. + +»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die +Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum; +sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die +andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird +wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte +bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch +abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte +sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester +wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem +Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.« + +»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt, +»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett, +und es konnte das Fenster nicht mehr sehen. + +Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital +gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht +besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal +Schwester Marie das stille Kind. + +»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ +sie liegen. + +Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit +diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine +vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte +nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, +aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt +hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt. +»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster +Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll +grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel +glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer +herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist +grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!« + +Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie +verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß +Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte +sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage +vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter +dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund. + + + + +Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde. + + +Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn +schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch +ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und +gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger +Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß +für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das +seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er +besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn +manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er +seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah, +oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte +er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch +ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine +sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen +wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären, +wie der!« + +Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester +Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater +hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit +der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst +stellte sich da und dort vor – aber es wollte nicht gelingen und die +gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft +wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere +Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen +sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern +an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine, +zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht +strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele +kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand +wollte Johannes. + +So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen, +immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn. + +Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig +auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin, +denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu +tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens +vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches, +und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die +arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte +Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft +aufnehmen, so mußte es anderswie gehen. + +Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen +plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte. + +Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen +Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen, +aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn +wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was +uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre? + +Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er +plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese +Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und +die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das +Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein +junges Füllen. + +Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste +mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als +die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine +Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er +selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas +verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er +wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln; +die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde +ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und +ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und +Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann +Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke, +und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er +dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und +Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander +hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken +und – – hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum +Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch +immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was +sie sagen würden. + +Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein +genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er +nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen +wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man +mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich’s nicht schön, +betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit +diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn +ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete +er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein +anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,« +sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat +machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten, +daran scheitert die Sache.« + +An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht +glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er, +Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte +ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer +und Abgaben drückten so sehr auf Johannes’ Luftschloß, daß es +einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam, +das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung +des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest +eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.« + +Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet +worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die +Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu +seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung. + +Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine +Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die +Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten, +ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle +durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der +zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es +war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine +Unternehmungslust weckte. + +Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln, +Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der +Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien; +gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem, +bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in +Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich +schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten +sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren +kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag +erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen +Räumen. + +Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der +zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor +Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater, +Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der +alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den +beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur +leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf +sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten. +Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen +Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte +ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein +großer Tag! + +Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und +Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall; +und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal +innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem +Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und +zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie +Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den +Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann +auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er +schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen. +Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging +er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des +»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie +auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es +schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen +Geschäftsmann seinem Schicksale. + +Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe, +ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte +keiner. Aber doch – das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung – +hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten +Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine +Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und +kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift: + + _Packwaren._ + +Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte +ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich +nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht +abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte +sich den Packwaren zu. Sie war Johannes’ erste Kundin, wie eifrig wurde +sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel +gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet! +Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen +können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und +bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen +Kaffees zu holen. + +Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und +in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen +durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf +den andern trippelten, das war kein Spaß. + +Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der +Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die +Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der +Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten +Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten +sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf +zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das +Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es +jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte, +so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter +seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch +wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware +gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch +wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin +Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und +fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er +sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze +bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte +recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich +herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie +ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz +angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre +Johannes’ Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue +war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch +die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch +Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt +konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch +dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft +zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel +davongehen. + +So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen +Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber. + +Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand +ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter +den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr +hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die +Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig +das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte, +war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief +in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war +Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und +beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie +betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie +unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken; +er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es +wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten +sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich +Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit +der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und, +obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch +weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten. +Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte +nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast +unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst +dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein +Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und +blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser; +lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem +fortstrebenden Enkelkinde. + +Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände +wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh, +Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte +Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf +Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen. +Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr +Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber +dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe. +Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig +packte er seinen Kram zusammen. + +Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig +ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der +Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser +dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich +Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt +wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber +er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er. + +Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu +gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich +aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling +hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere +Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das +reinste Kind. + +Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in +seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht +vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als +er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er +diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm +statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht +entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen. + +Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem +Jungen die Hand und fragte: »Wie geht’s, kleiner Geschäftsmann?« »Wie +geht’s« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will; +aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der +Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und +sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und +seinem Blick das Zutrauen: »Zeig’ du mir, wo der Weg weitergeht.« Und +Ulrich Wagner machte den Wegweiser. + +Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das +Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich +weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen +getäuscht. + +Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste +Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes +und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das +Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der +Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn. + + + + +Ein geplagter Mann. + + +Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen +gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in +dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt +malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen +durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser +Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu +eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es +noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem +Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der +manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem +Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits +fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner. + +Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen, +hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des +Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie +auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann +aufsuchte. + +»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die +Fahnen hinaus, das ist recht.« + +»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.« + +»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig +hinaus.« + +»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie +gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.« + +»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht +aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims, +der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß +man sieht, wie sich’s macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.« + +»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da +brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so +gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse, +weiter braucht’s nichts.« + +»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich +habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch +gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die +Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus +vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das +einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen +Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben +doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.« + +»Nun ja, dann muß ich’s eben machen,« sagte der Mann zögernd. + +»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei +Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der +Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre +Leiter ist nicht lang genug.« + +»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur +eine entlehnen.« + +»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe +heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken, +das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und +hole Brot.« + +Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und +die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete +den Frühstückstisch. + +Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im +Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen, +das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses, +Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte +vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen +schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er +ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein +Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen +hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige +Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen +Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei +einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die +Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten +werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten +wird.« + +Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine +Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte. +Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit +dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein +und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war, +wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze +und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig +im Sonnenschein des ersten Septembermorgens. + +Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere +Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die +landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und +seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag +angebrochen. + +»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau. + +»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der +Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun +Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe +nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den +Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn +ich wiederkomme?« + +»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und +dann Hänschens Bauernanzug.« + +»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!« + +Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag. +Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz, +eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen +Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des +Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als +Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer +gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß, +»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.« + +»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.« + +»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange +es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede +zurechtlegen.« + +»Zur Begrüßung am Bahnhof?« + +»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf +dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.« + +»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie +sah aber stolz zu ihm auf. + +»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl, +wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck. + +Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg +über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon +allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen, +während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke +zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche +Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser +Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit +verschiedenen Anliegen auf ihn warteten. + +Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes +festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die +Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig +der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel +genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem +Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie +noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte. + +Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf +der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht +angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen +kam. + +»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?« + +»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich +aufgeschichtet.« + +»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die +Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es +wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in +der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum +Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am +Haus?« + +»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so +naß ist und weil es so ordentlich aussieht –« + +»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den +Holzstoß damit vollständig zu!« + +»Wo bekomme ich wohl die Wedel?« + +»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort. + +»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie +wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine +rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.« + +»Aber du hast mir nichts davon gesagt.« + +»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite +herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer. + +»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans. + +Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er, +»das ist ja gar nicht möglich.« + +»Wieso?« fragte die Frau. + +»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja +unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?« + +»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber +doch ganz hübsch.« + +»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin +überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja – zwei +Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas +nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.« + +»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist +noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß +aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.« + +»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin +so wenig verstünde wie du!« + +Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit, +geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas +Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und +nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf +dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.« + +Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der +Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne +hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige +herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer +aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne, +mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter. + +Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus +zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er. + +»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge +Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an +der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das +zu beanstanden ist?« + +»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin +nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?« + +»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man +sich mit ihr einläßt, ist’s besser, daß man weiß, wie der Herr +Stadtschultheiß darüber denken.« + +Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,« +sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem +Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch +selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.« + +Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete +ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den +Stadtschultheißen sprechen. + +»Es _muß_ wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja, +dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll +Pulver durch unsere Stadt kommen werde.« + +»Schadet denn das etwas?« + +Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau +Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen +paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.« +Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas +gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst, +das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen. +Was gibt es schon wieder?« + +»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.« + +Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus. +Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie +selbst an. + +»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid. + +»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.« + +»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er +darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich +schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben +abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon +aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen: +könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans +als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher +reizend?« + +»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon +glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel +zu lassen.« + +»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen +Frau macht das sicher Spaß.« + +»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in +Ruhe.« + +Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie +schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der +schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig, +da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er +nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen +Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch +das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht +genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen, +aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!« + +»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht +der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus +aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der +Wäsche fragen.« + +»Die tut’s eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die +jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau +Stadtschultheiß Garten aufhängt.« + +»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?« + +»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt +und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.« + +»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder +stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn- +und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr +deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport +machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten, +wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte +sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme +sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde +vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt. +Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor +meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird +überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.« + +Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm +die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum +Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte +noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe +hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge +Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar +Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist +der Herr Stadtschultheiß da?« + +»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?« + +»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von +der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung +einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen, +wie’s doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei’s nicht +gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er +fürchtet, es könnte ein Unglück geben.« + +»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?« + +»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.« + +Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die +Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch +keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn +hereinlassen?« + +»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der +Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine +Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern +bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute +ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so +spät daran. Daß _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade +noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus +und hörte den Bericht wegen des Stiers. + +»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen, +wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet +werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen, +der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.« + +Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist +besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs +Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im +Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte +doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße +Halsbinde?« + +Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief: +»Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.« + +»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine +Zeit mehr zu verlieren.« + +Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter +sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann. + +»Die Binde _muß_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn +vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?« + +Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die +Kleine zum Erbarmen. + +»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer. + +»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.« + +»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.« + +»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden, +in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau. + +»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister +Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.« + +Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der +schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im +Auge. + +»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der +Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine +Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi +geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.« +Der Mann sagte gar nichts mehr. + +Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr +entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken +machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein +halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle +weggegangen,« berichtete Anne. + +»Und im andern Geschäft?« + +»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der +Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei, +so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie +gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint +Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.« + +»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!« + +Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie +ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den +Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor +sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus, +der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch +kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn +an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu +brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja +schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte – keine Frage, Hans +hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch +machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei? +Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama, +gib mir dafür eine andere.« + +Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts, +und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da +ist die Halsbinde.« + +»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen +Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein +Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie +habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden +zur Auswahl.« + +»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam +Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter +und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden +Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße +Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich’s aber nicht merken. +»Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.« + +»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen. + +»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib +ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.« + +Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie. + +»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine +verständige Tochter.« + +Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und +schickte sich an zu gehen. + +»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau. + +»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung; +um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube – da sehen wir uns wohl einen +Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese. +Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung – dazu wird dir ja unser +Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und +der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan +verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.« + +Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte, +verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz +mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit +ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich +heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß +gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die +Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr +Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf +nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm, +und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte. + +Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der +Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann. + +»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie +ihn. + +»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen +werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: ›Was wollen Sie denn? Die Wäsche +ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen‹, und sie hat sie +heruntergenommen.« + +»Ist die wirklich so schnell getrocknet?« + +»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie +den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten +müssen!« + +In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige +Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge +prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau +Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in +bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner +kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen +Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der +anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren +als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern +Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten +und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den +Strauß überreichen sollte. + +Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben +diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die +Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern +des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder +anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte +daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt +hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans +irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten +kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des +Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in +der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die +Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und +begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner +Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der +Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der +nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam +machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete, +»haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch +echte kleine Bewohner gestellt.« + +Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an +seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die +Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend. + +»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine +mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah +sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer +Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte +Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich +und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was +ist denn der Papa dieses Kleinen?« + +Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.« + +»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der Prinz; »ja, ja, +an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!« + +Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon leichte Winke von +verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand, +merkte, daß sie deutlicher werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst +ja deinen Strauß der Frau Prinzessin geben!« + +»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und sprang lustig durchs +Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die älteren +Damen zurückgezogen hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten. +Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit dem Kind +anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strauß aus der +Kinderhand, trat mit Hänschen vor und sagte bittend zur Prinzessin: +»Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?« + +»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, »was haben Sie für +einen prächtigen Jungen, er hat uns den größten Spaß gemacht, der kleine +geplagte Mann.« + +Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann verließen sie die +Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und +wieviel Arbeit und Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube +gekostet! + +Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. Lebhaft wurde das +Vorgefallene besprochen. »Es hat sich alles ganz gut gemacht,« entschied +schließlich die ehemalige Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine +war ein #faux pas,# liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen +müssen: ›Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen‹; wollen ›_Sie_‹ +ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht +nachtragen,« setzte sie begütigend hinzu. + +Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen +Hoheiten über sie dächten, das war es nicht, was sie bekümmerte, aber ob +ihr Mann über sie und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen +Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, daß am Abend +die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen müsse. Ihr +Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch +ein Gefühl dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte, +trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der +Bauernstube. + +Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim Seifensieder mit +Unschlitt füllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen +Döchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte +sie gehört, daß sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja, +von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner +gezeigt hätte! + +Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und +jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich +kommen. + +Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, was ist denn mit +Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?« + +Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte +sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es +dauerte gewiß eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in +schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die +Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine +Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist meinem Mann nicht gut, er hat +sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schläft ein wenig.« + +Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort mehr für die +Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie ja doch verzichten. »Anne,« +sagte sie, »was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?« + +»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige selbst auf die Leiter, +wenn’s dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst +einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem +Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei, +Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. »Sie +ist ja zu kurz!« rief Anne herauf. + +»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!« + +»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der gegenüber wohnte und +neugierig herbeikam. Frau Römer schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte +vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan +dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des +Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat das der Herr Stadtschultheiß +angeordnet?« fragte er. + +»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« Der Mann schüttelte +den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig +stampfte sie ein wenig mit dem Fuß, – ihre Ungeduld war _zu_ groß. »Die +Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« dachte +sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!« + +»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, »wenn ich etwas sagen +darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hängen die +Fahnen über dem Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist’s auch +zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.« + +Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. Aber Anne ergab sich +nicht so schnell. »O Herr Breitling,« sagte sie, »Sie wollen nur nicht. +Die Fahnen könnte man einziehen, wenn’s Nacht wird, und wie sollten denn +die Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie +zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken +bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!« + +Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und +zündete ein Streichhölzchen an – im Nu war es vom Wind ausgeblasen. +»Glauben Sie’s jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht’s, da +sind die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da löschen +alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt’s nicht.« + +Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter an ihren Platz,« +ließ sich nun von oben eine bekümmerte Stimme vernehmen, und das Fenster +wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum +Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen sah. +Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte sie es sich +ausgemalt! + +Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der Schreiner und der +Bäcker!« + +»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!« + +Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen +Sündenbock will der Mensch haben. + +Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon Lämpchen an. Ein +kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben wenigstens viele Fenster,« sagte +Frau Römer, »und Lichter für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im +Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen vor +die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, daß sie +nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In +der Ferne hörte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen +Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten in +bengalischer Beleuchtung. + +Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der +Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Römer tun. Aber der Wind, der +Wind! Kaum brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug und +blies sie aus. Und gerade auf _der_ Seite des Eckhauses, die freistand +und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gästen ins +Auge fallen mußte, gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die +schwachen Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Häusern? Die +junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Häuserreihe hinunter – +schön beleuchtet glänzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es +wenigstens, denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder +verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte, +und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam +auch Anne verzweifelt herunter. »Droben verlöschen sie alle! wie ist’s +denn unten?« + +»Ebenso!« + +»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der vor einem +angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte. + +»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne. + +»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den +inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; »schnell, geh hinunter vors +Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« und während das Mädchen +hinuntersprang, legte sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des +geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder: +»Prächtig sieht’s aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter nicht außen +stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.« + +Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine herbei, +schnell, schnell!« und mit Bausteinen und Büchern wurden nun sämtliche +Fenstersimse so hoch belegt, daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar +wurden. Und dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere +junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lämpchen und +Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. Aber sie brannten so gutmütig +an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die +Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig +Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster öffnen. +Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur +hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in +allen Zimmern, und Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der +Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum +Feuerwerk?« rief sie herauf. + +»Ja, ja, geht nur miteinander.« + +Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflüchtet +worden in die Küche; da schlief sie ganz sanft, während ihre Mutter +unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze +hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde +es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles +fühlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins +untere Stockwerk, waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war +fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine +Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig von einem Zimmer ins +andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der +Straße Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die +Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß, +fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; das Feuerwerk war aus, die +schaulustige Menge strömte ins Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die +Lichter durften ausgelöscht werden! + + * * * * * + +Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Römer saß allein +auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne +schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte +durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße ein lauter, +fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre gesteckt. »Mein Mann +kann es nicht sein, aber doch ist er’s!« sagte sich die junge Frau und +eilte hinaus. Ja, er war es. + +»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte gedacht, heute wird es +spät!« + +»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!« + +»Und du?« + +»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal +wieder bei meiner Frau sein.« Dies Wort zerstreute alle Sorgen der +jungen Frau, sie fühlte es: alles war schön und gut zwischen ihnen und +nun wurde es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten +sich behaglich zusammen. + +»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte Römer. + +»Ist alles gut gelungen?« + +»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser war ja durch den +Wind recht lückenhaft, nur unser Haus war glänzend. Schon von ferne +fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war +nicht wenig stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen +wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall sonst waren +doch die meisten Lichter verlöscht.« + +Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht es so merkwürdig +im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden während des +Feuerwerks, ich aber auch!« + +»Wieso du?« + +»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen hier durchkommen +wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche +Mann, hat den Fußweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich +nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die +beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich +seh ihm gleich an, daß etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn +beiseite. ›Sehen Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,‹ sagt er. ›Auf +der alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der Pulverwagen!‹ +Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort der große, schwarze Wagen, +mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fähnchen, +unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf +und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. ›Was +ist zu tun?‹ fragte mich der Ratsdiener. ›Es ist nicht mehr zu ändern,‹ +sagte ich, ›lassen Sie sich nichts merken, daß kein Schrecken unter den +Leuten entsteht. Gehen Sie hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne +Aufenthalt weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft, +kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.‹ Er +ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder +bewährt, du könntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von +mir weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: ›Sagen Sie, ist denn +das da drüben nicht ein Pulverwagen?‹ ›Das macht doch nichts,‹ sagt der +Ratsdiener mit größter Seelenruhe; ›auf dem Wagen können Sie ein +Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.‹ ›So, so,‹ sagt der +andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute +war, während das Feuerwerk so in der Luft herumschwärmte. So oft es +unbemerkt ging, mußte ich mich umwenden und hinübersehen nach dem +kleinen roten Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam +kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.« + +»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?« + +»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin, +die mir noch an der Bahn einen Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl +von seiner Plage?« + +Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den friedlichen Abend; +in der Wohnung des Stadtschultheißen gab es jetzt keinen geplagten Mann! + + + + +Helf, wer helfen kann! + + +Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen Händen und glühenden +Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um +vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte +versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da +ertönte die Klingel. »Es wird der Vater sein,« dachte Frida und öffnete. +Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf +der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in +das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit +ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hörte nur noch mit +halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das +Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht unhöflich +wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen hatte der Herr weiter +mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel +davon gehört. + +»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu +sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind eben meine Töchter, von denen +ich Ihnen erzählte.« Frida errötete. + +Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer Elise gesprochen +hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie _viele_ Töchter haben?« sagte sie in +ihrer Verwirrung. + +Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.« + +In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten +Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde +und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch +bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem +Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein +Meisterstück!« + +Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie +hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der +Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war +nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur +den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat! + +Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß +ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein +großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag, +Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur +halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch +abwenden. + +»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida. + +»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen. + +»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet +einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen +soll!« + +»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch +einen Fisch bekommen.« + +»Ist er tot?« fragte Frida. + +»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.« + +Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der +Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein +schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig +ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der +»tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit +dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten +Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn +töten. + +»Und das heißt die dumme Person _tot_!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn +ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da +klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die +heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein +Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen +verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so +verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und +wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida +ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch +töten?« + +»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt. + +»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?« + +»Warum denn nicht?« sagte er. + +»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ +sich’s nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah, +sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie +er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn _ganz_ tot +machen.« + +Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher +Macht auf, daß dieser fast davonflog. + +»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch +noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte +Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem +Küchenjungen. + +»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?« + +»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird’s nicht sein, daß +ich’s nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich’s recht +mache?« + +»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr +Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte. + +»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?« + +»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder +hineintun.« + +Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch +auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt. + +Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den +Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den +Fisch kunstgerecht zuzubereiten. + +»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O +ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu +richten, wäre ich recht froh.« + +Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte +dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten. + +»Man wird ihn _doch_ noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche. + +»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es +nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute +froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida +ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund +ist es, glaube ich, nicht.« + +»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt +und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar +entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück +Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe +hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei +ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte, +daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage: + +»Ist auch der Braten gut geworden?« + +»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten +mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!« + +»Einen Fisch? Woher?« + +»Von der Köchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch – oder nein, ich +glaube bloß den Vater, auf morgen – oder nein – ich glaube auf +übermorgen einzuladen.« + +»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?« + +»Ach, bei dem Fisch!« + +»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke +auf.« + +»Es geht nicht, Mutter.« + +»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?« + +»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen +mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!« + +»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben +haben?« + +Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als +er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in +Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug, +erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und +dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer +Stimmung. + +»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer +katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es +sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.« + +Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte, +berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem +Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem +Handwerksburschen – und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten +Besuch nie mehr vor Tisch zu machen. + +Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er +nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es +wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch +bringen werde. + +Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der +Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen! + + + + +Ein Wunderkind. + + +Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren +Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen +können. + +Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein +Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen +Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte, +was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages +der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum +Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum +Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich +will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht’s nicht,« +entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich +kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du +lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann +auch _lang_ warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der +Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an +der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben +ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich +an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen, +er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er +stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht +Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. – Nun +trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte +sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu +sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und +ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider +beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte, +daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn +und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit +Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken +Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit +dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft +war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt, +Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete +Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da +staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause +auch schon genäht habe, woher er’s könne usw., aber es war aus dem +Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat’s ihm der Schneider zulieb +und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht +hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die +Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der +Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh’ ich, komm du nur +ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.« + +Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat, +um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin +auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die +Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte: +Verdirbt er’s, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb +nichts und kam nun alle Tage. + +Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der +kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er +war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer +konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit +geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief +ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr +Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die +Augen zu. »Was ist’s heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und +schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine +weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!« +und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder +lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den +Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß _so_ +laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner +Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den +Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der +Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht, +sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen +scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an +einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch +Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu +seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht +an deiner Jacke zurecht.« + +Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider +für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu +Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der +Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm +der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes +wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und +sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider +verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin: +»_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_!« Der Schneider kam wieder +zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur +zufrieden, jetzt ist’s schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht +zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh’ ich nicht, ich +will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für +unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten +Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man +seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch +zu liefern und ging. + +Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen +und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es +fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so +flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar +anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister +daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie +wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre. + +Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich +nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der +geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und +wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja +manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte +ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen +zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister. + +Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der +Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben +sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft +könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist +dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird, +da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die +Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht +ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater +sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann, +er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.« +Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache +ausmachen. + +Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein +ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im +Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn +anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die +Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald +bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand, +war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen +und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz +zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den +kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und +beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den +ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe +tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein +auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem +er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier +sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht +habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten +Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die +gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem +jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort +unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte +bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu +dem Bedienten: »Der Herr soll zu _mir_ kommen.« Die Gesellen waren nicht +wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister +zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen. +Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel +haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn +Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun +neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in +die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl +und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen, +und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit, +ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten. +Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die +vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie +taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der +Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste +Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht’s mit den +Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre +Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches +Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen +können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da +lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und +besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die +Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das +Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen +den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen +Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu +sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich +wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld +zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben +hätte. + +Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen +Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der +Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue +Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in +Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der +Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit +prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach +dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was +sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern +wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm +umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war +Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus +der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner +Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es +sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt +herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie +habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht +anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf +_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab’s ja gleich +gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und +sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei +ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die +Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf, +als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen +Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst +sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste +Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da. +Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und +wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen +herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte. + +»So kann’s nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm +allein war. »Nein, so kann’s nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß +man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte +der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt +heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das +Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon +versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter +überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf +einen andern Ausweg besinnen. »Ist’s dir recht, wenn wir zu dir ziehen, +der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag +anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,« +sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das +nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo +soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal +leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu +durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen +Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er +gesagt: ›Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht +brauchen Sie’s einmal,‹ aber ich weiß nicht mehr, wohin er’s versteckt +hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und +richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel +mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im +Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte. + +Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen, +und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an, +wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am +ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie +sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine +Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die +Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder +versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte +noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und +schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war +aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er +wieder, und nun stellte sich’s heraus, daß er nach alter Gewohnheit in +sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für +ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht, +als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er +legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller, +schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt’s euch?« so +daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der +Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere +Leute. + +Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren +und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie +ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn +seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als +wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der +fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren, +und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in +Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und +fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt. + +Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines +Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie +sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir +ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und +legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du +bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum +Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er, +»einen _Riß_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist, +dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief +die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich +lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er +seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise: + + »Lieber Gott, mach mich fromm, + Daß ich zu dir in den Himmel komm!« + +Dann fielen ihm die Augen zu – für immer. Die alten Eltern haben ihn nie +verschmerzen können und die Geschwister alle haben ihm ein treues +Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von +dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind! + + + + +Mutter und Tochter. + + +Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im +Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten, +denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern +stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor +Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren +hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der +Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er +Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und +hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten +sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der +Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie +wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover. + +In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar +Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren +wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren +Lebensweg gemeinsam zu gehen. + +Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die +Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von +ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?« + +»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte +er. + +»Ist sie groß für ihr Alter?« + +»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich +nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.« + +»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?« + +»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die +Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße +begegnet?« fragte sie. + +Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen Blick für diese +Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so scharfes Verhör mit mir +anstellst, hätte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber +bald selbst sehen.« + +»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir hören.« Da wußte der Vater +besser Bescheid. »Sie ist gut,« sagte er, »du wirst keine schwere +Aufgabe mit ihr haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten +Jahren hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend +ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem +Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon +sprechen, fühle ich doch, daß das, was sie in diesem Unterricht gelernt +hat, lebendig in ihr geworden ist.« + +»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann finde ich schon den +Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, daß sie die Nachricht von +unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?« + +»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen. +Aber du weißt ja am besten, wie die Mädchen ihres Alters ungefähr sind.« + +»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, »und ich bitte +dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.« + +»Ja,« sagte der Direktor. + +Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. »Ich +fürchte, du schreibst mir doch nur: ›Sie hat es aufgenommen, wie es eben +so Mädchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.‹ Ich möchte es aber +genau hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen +sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich ja noch nicht.« + +Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung verbrachte er diesen +Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der +Hochzeitstag festgesetzt. + +Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes Familienleben +genossen. Verschiedene Haushälterinnen hatten sich in seinem Hause +abgelöst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er +nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes +Dienstmädchen hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung gehalten. +Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein +glückliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die +richtige Leitung. Das Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln, +es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau sollte +nicht unter ihm zu leiden haben. + +Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst +nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter +zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse +Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst +auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« sagte er, »dabei +erzähle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein +kleines Fest.« + +Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und +was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn +und sah sehr begierig zu ihm auf. + +»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und +fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im +nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.« + +Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie, +»das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder +wechseln, die bleibt dann doch!« + +»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater. + +»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte +Berta. + +»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie +eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir +verlangt.« + +»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar +keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein +Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und +die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die +Schrecklichste!« + +»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater +ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch +nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz +liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen, +die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta +schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen +Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber +sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von +den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten +Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen; +denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und +Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen. +Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden +schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.« + +»Mir ist’s selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so +lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und +ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick +sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater +vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen +Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.« + +Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo +sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte, +sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne +über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn +noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den +Freundinnen plaudern. + +»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist ja gar nicht wie +sonst!« + +»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« fragte Lorchen; und +nun drängten sich die beiden Mädchen an Berta und fragten und plagten +sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr +anvertraut hatte. »Nun begreife ich’s, daß du so ernsthaft aussiehst,« +sagte Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.« + +»Du hast’s auch gar so schön gehabt, wie eine kleine Hausfrau;« und +Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, den Berta an ihrer +Schürze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta +sich ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel wird +sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu Luise. »Natürlich, +die wird ihr die Mutter abverlangen,« sagte Luise. + +Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und +sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen +ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten +Augen am Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. Berta war +sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten +sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles +wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den +Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während sie +sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet hatte, +schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: »Lisette geht. Ich +bekomme eine zweite Mutter.« + +Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darüber, wie +Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte +sich dann: »Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ fürchtet, werde +ich leicht fertig werden mit ihm.« + +In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben und Treiben im Haus +des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben +ihr Wesen, um die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle +endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und +reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor Sauberkeit. + +»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus nicht ordentlich +übergeben habe,« sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wußte, daß +sie nicht mehr da sein würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten. +In einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und fertigte für +Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt +hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach +ihr. »Berta,« sagte er, als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum +Schreibtisch nicht!« + +»Zu _meinem_ Schreibtisch?« fragte Berta und griff nach ihrem +Schlüsselbund. + +»Zu _deinem?_ Nun, zu dem schönen Schreibtisch im Besuchszimmer, der +gehört doch nicht dir! Gib einmal den Schlüssel!« + +Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine Schublade. »Die Sachen +sind wohl von dir, die müssen natürlich alle heraus.« + +»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört doch mir, seit Mama tot +ist, und ich habe auch alle die kleinen Fächer und Schubladen voll +Andenken und wichtigen Sachen!« + +»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt sie jetzt anderswo +unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du +solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese +Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!« + +Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles +hinräumen und warum mußte sie gerade den Schreibtisch hergeben, in +dessen Besitz sie so glücklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja +tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau +entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem +Unmut nahm sie die Schätze heraus aus den kleinen Fächern und +Schubladen, um den Platz frei zu machen für die Mutter; und Lisette, die +sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja, +ja, ich muß ja auch den Platz räumen.« + +Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick +entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn +nur der Vater nicht dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht +so liebevoll sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe gebe.« Vor +der Abreise mußte sie von Lisette Abschied nehmen für immer. »Wenn du +beim fröhlichen Hochzeitsmahle sitzst,« sagte Lisette, »so denke an +mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und +Berta versprach unter Tränen, an sie zu denken. + +Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von München gefeiert +werden. + +Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der +Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem +Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu +seiner Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht wird, +und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. Ja, gewiß wollte sie dem +Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei +alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie +empfinden. + +Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen +nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die künftige Mutter. Wie im +Traum wandelte Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein +Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und sie hörte seine +Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« Berta sah auf. Eine große, +stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und +begrüßte sie ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine +Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt. +Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber +eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung, +so konnte ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter +stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als Gäste geladen waren, +und überließ sie diesen. + +Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mußte immer und +immer wieder zu ihr hinüberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich +und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal +begegneten sich ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder +vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich +gerichtet fühlte. + +Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und +unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und +lustig zu, so daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war. +Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und Bräutigam wurde viel +Gutes gerühmt; und alle schienen es ganz gewiß zu wissen, daß auch +Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta +hörte auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren erwähnen und +sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie +die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken +abgelenkt. Dort, an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die +Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei und daß in +dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Fröhlichkeit war mit einem +Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfüllte wieder ihre Seele und +sie kam sich wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte +vergessen können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn +angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird +angestoßen!« + +Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß mit allen an, die +freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein fröhliches Gesicht zu machen. +Es gelang ihr wohl, die Fremden zu täuschen, auch der Vater schien +nichts zu bemerken, als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte sie +wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte +beobachtend auf dem Mädchen, das sich ihr schüchtern näherte, und als +sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise, +so daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, der Tag +wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie +fühlte, daß die Mutter sie durchschaut hatte. + +Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das +Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich +zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas +erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich, +mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich +besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du +dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein +beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht +gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch +noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf. + +»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja +ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl +erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir’s +noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es +ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig +durch das lange, verwirrte Haar. + +»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt? +War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen, +kastanienbraunen Haares?« + +»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta. + +»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele +Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes +Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar +zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb +haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja +vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir +beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst +aber ist es ja noch gar nicht möglich.« + +Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam +ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb +hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb. +Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem +Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen +Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist’s heute schwerer ums Herz +gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es +auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den +Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige +Gedanken?« + +»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser +Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich +ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.« + +»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude? +Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie +ein gutes Mädchen?« + +»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen. + +»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die +Mutter. + +»Sie hat gar keine gehabt!« + +»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater gehen lassen? Warum +ist sie denn nicht geblieben?« + +»Weil – weil eben –« + +»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die Mutter, die den +Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, wie machen wir denn das, können +wir sie nicht wieder bekommen?« + +»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.« + +»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das nächste Vierteljahr +können wir also nichts machen; aber dann – wie meinst du, wenn....« + +In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. Die junge Frau wurde +gerufen, sie möchte doch kommen, man warte schon lange auf sie. + +»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch häusliche +Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.« + +Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf dem Rand des Bettes. +»Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel +setzen, daß wir Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater +bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.« + +»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, »das ist ein +schöner Plan!« + +»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter und stand auf; +»morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen +ja frühzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am +Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst +_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort +daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der +glücklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr +zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir +auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir’s nicht gefällt, +gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater +heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfängt, als das +neue Dienstmädchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen +Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich nicht deinen Vater so +lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich +gebe dir keinen Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei +Menschen, die sich nicht lieb haben.« + +»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« sagte Berta und +reichte der Mutter die Hand. + +Nun war Berta allein. + +Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet +hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Daß es auch der +Mutter bange vor der Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie +gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst +ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darüber, ob _ihr_ +wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat +gefallen würde, und nun war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön +gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft +in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; wenn sie nur das +ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang +bereiten könnte! Warum lag ihr denn so viel daran, daß es der Mutter +gefiele? Berta mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde +hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie es +deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am +Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte, +keine von all den Haushälterinnen, war eine heiße Sehnsucht in ihr +erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren +früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu +erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich +gesagt, daß sie sich nicht lieb hätten. Aber eines hatte die Mutter +gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich +vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer +Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon +lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit +ihr wollte sie gehen! + + * * * * * + +Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die +nächsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, daß sie einen +Tag früher heimreisen und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe, +daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst hatte sie +anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel der Wohnung anvertraut hatte. +Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen +Dienstmädchen in der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und +sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint +hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, »wir wollen alle Fenster +weit aufmachen und die Türen offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft +hinausgeht.« + +Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu +tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde +diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um +Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit heim, daß sie alle +Gläser füllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten +eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen +umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen +Luft war nichts mehr zu bemerken. + +Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem +Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen, +bemerkten sie schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks +hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das erklären soll,« +sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. »Sicherlich haben uns die +Bekannten eine Überraschung bereitet und sich in unserer Wohnung +versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht +angenehm.« + +»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre lieber ohne Fremde +daheim gewesen an diesem ersten Abend,« sagte seine Frau, »aber wir +müssen gute Miene zum bösen Spiel machen!« + +Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastüre +stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie aus einem Munde. + +»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.« + +»Und wer ist außer dir noch da?« + +»Niemand als das neue Mädchen.« + +»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht es hier aus!« rief +die Mutter, als sie ins Zimmer trat. »Wer hat denn alles so schön mit +Blumen geschmückt?« + +»Ich habe es mit Christine getan.« + +»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich erfreut. + +»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare Haustochter und +sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte freilich bei all dem mehr an die +Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon +etwas zu sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter gut +gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch +saßen. + +Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurückzog, war sie sehr +gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen +würde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte, +so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu halten. + +Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig zumute, als sie die +Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den +Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst +war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war +der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, und die Mutter voll +Freundlichkeit. Sie wußte auch so vielerlei zu erzählen, es war ein ganz +anderes Leben als sonst! + +Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel, +aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit +dem Auspacken ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch +zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar +keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich +nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.« + +»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat +dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errötete über und +über. + +»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der dies bemerkt hatte. + +»Darf ich’s denn nicht sehen?« fragte die Mutter. »Es ist mein +Tagebuch,« antwortete Berta. + +»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« sagte der Vater. + +»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch lesen läßt, +wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die Mutter und fügte freundlich +hinzu: »Aber es ist gewiß nichts Schlimmes darin, was du mich nicht +lesen lassen möchtest?« + +Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mädchen, das in größter +Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschließen +konnte, das Buch zu öffnen. + +»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, »ich kann solche +Tagebücher nicht leiden, was wird da für übertriebenes Zeug +hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!« + +Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt werden. Sie +sagte sich, daß die Mutter notwendig meinen müsse, in dem Tagebuch stehe +eine unfreundliche Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte +sie doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, der +Mutter das Tagebuch zu zeigen. + +Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen. +Sie packte ihre Bücher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und +verabschiedete sich. »Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte +die Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die Ellenbogen +herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick zu platzen droht!« + +»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben mir es auch alle schon +gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer +nicht an die Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich +keine Kleider.« + +»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte die Frau Direktor +und suchte ihren Mann auf. + +»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, »sie sagt, du werdest +ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du +dich so eingehend um ihre Kleider kümmerst.« + +»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher mußte ich schon +Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen für Berta. Weil ich nun +von Mädchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so +gehalten, daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre +Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.« + +»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen +haben. Ich meine, wir müssen ihr dringend eine Jacke kaufen.« + +»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kümmern mußte,« +sagte der Direktor. »Du weißt, was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so +einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.« + +Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten +wieder ins Zimmer kam und sagte: »Ich will dich nach der Schule abholen, +und dann kaufen wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem +Vater vorgekommen. + +Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in +eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat, +freundlich zu ihr sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen +bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute +Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fühlbar!« + +Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die +Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch die Mitschülerinnen, die +neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. »Berta,« sprach jetzt die +Mutter, »die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei +Jahren ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig +geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht +leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter +gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hörte, +daß ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im +Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und Englisch ist mir +so geläufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen, +daß du in _einem_ Jahr auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr +nette französische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig +benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur +Französisch reden, so ist dir’s in einem Jahr geläufig. Aber nur wenn du +selbst willst!« + +»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer. + +»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter +bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, fleißiges Mädchen? Es darf +aber weder Luise noch Lore sein!« + +»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt. + +»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die +Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt haben. Das sind zudringliche +Mädchen, die viel öfter kommen als man sie will und mit denen du +gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben +ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.« + +»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine +Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.« + +»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein +französisches Kränzchen aus, willst du?« Wie gerne wollte Berta! Solche +Geselligkeit war ihr etwas ganz neues. + +Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft +werden sollte. Da gab es eine große Auswahl, von den einfachsten bis zu +den feinsten. + +»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die Mutter. + +»Ja, sehr gut.« + +»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde dem Fräulein noch +viel besser stehen,« sagte der Ladendiener und zeigte ein reich +verziertes Jäckchen. + +»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die Mutter und leise +fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer das Schönste gewählt oder war sie +für das Einfache?« + +»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne Jacke beiseite. +»Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« drängte der Verkäufer. »Ich +will sie nicht, ich will die andere,« entschied Berta bestimmt, und +mehr als die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar +befriedigt zunickte. + +An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta +half dabei. »Hier sind die Schlüssel zum Schreibtisch,« sprach nun der +Vater, »dieser kleine schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte +sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut, +daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte der Vater das oberste +Fächlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die +Berta gehörten. »Was ist das, Berta,« rief der Vater, und eine böse +Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?« + +»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.« + +»Vergessen? das ist nicht wahr!« + +»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!« + +»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend dazwischen. + +»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den +Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was dabei gesprochen wurde, +haben wir beide auch nicht vergessen.« + +Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der +kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die große +Schublade auf – sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgeräumt, +nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise +gerade zuerst gekommen war. + +»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, da habe ich dir +Unrecht getan, ich war der Meinung, du hättest _gar_ nichts ausgeräumt;« +und als er sah, wie Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich +hinzu: »Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta war es mehr; +die Mutter hatte sicher erraten, daß sie widerwillig den Platz für sie +geräumt hatte, und es war Berta, als wären nun all die lieblosen +Gedanken aufgedeckt, die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich +zu weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen besonderen +Grund haben. + +»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist,« sagte die +Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen ausräumen zu müssen. Es war +wohl dein Lieblingsplätzchen?« + +»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den +Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu sich genommen; aber es +versteht sich von selbst, daß sie dies alles nun abgibt; nicht wahr, +Berta, du möchtest es nicht anders haben?« + +»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie ihr Schluchzen +nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie schwer es ihr wird,« sprach +die Mutter, »und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine +Sachen nur wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater +wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht überreden. +»Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel +lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, _so_ +machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr. + +Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim +Frühstück. Der Vater war ärgerlich über den Verdruß, den es wegen des +Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah, +daß Berta nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht +erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst kämpfte, ihre +Schüchternheit zu überwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr +auf dem Herzen lag. + +»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann könnte ich alles +sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt nicht; sie ist auch am +Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war.« Unwillkürlich +griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf, +dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und sie löste das +Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des Abends von selbst aufgehen +würde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt +hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald +Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal heimlich +nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar ist ja ganz offen,« +sagte nun die Mutter, »wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend +noch ganz schön?« + +Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, die Haare sind +ganz offen.« + +»Ich will sie dir drüben noch einmal flechten,« sagte die Mutter. + +»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater. + +»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta eifrig ein. + +»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete der Vater. + +»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese +Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. »Ich will ihr +gerne das Haar flechten,« versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch +einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich +gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer. + +Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin, +daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und dann schlüpfte sie so schnell +wie möglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam, +gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die +Mutter. »Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach +wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich dein Haar besser +machen können, wenn du dich nicht vorher gelegt hättest.« + +»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das Haar kann ich wohl +selbst machen; ich möchte dich nur bitten, daß du liest, was ich heute +in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die +Mutter las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar +keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich +nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.« + +»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, das mich so +glücklich macht?« rief die Mutter, beugte sich über Berta, zog sie an +ihr Herz und küßte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt +hatte seit ihrer Mama Tod. + +»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb habe, mein Kind, +oder fühlst du es?« fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe +auf Berta. + +»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe noch eine Bitte: +nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen +hinein, damit ich ganz gewiß weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir +alles geben möchte, was ich nur habe!« + +»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich doch, daß es einem +guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.« + +»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« sagte Berta, und +errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn +es eine Stelle wäre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am +Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?« + +»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht +_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?« + +Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da +ließ sich plötzlich draußen des Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar +noch nicht geflochten?« + +»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und lachten, denn das +Haar war ganz und gar vergessen worden. »Nein, wir kommen gar nicht +zurecht mit dem Haar,« rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!« + +»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der +erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah, +daß auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter, +die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend +gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so fröhlich +gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher +Bewegung: + +»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen würden, habe ich sicher +geglaubt; aber daß wir uns so schnell finden könnten, hätte ich noch +heute abend nicht zu hoffen gewagt!« + +»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im +stillen Schlafkämmerchen waren, sahen viel glücklicher aus, als damals +im strahlenden Hochzeitssaal. + +Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: »Mein Kind muß jetzt +schlafen,« und schnell ergriff sie die Haarbürste und begann ihr Werk. +»Morgen wollen wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr +aufgeht.« + +»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die Mutter dabei so +schelmisch an, daß dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es +mit dem Haar gehabt hatte. + +»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr nötig haben, ich +komme von selbst an dein Bett.« + +»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette auf den +Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du meinetwegen die Christine +fortschickst, die dich so gern hat!« + +»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte der Vater. »Du +wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wäre euch aber nicht +gelungen, sie heiratet!« + +»Ist es dir leid?« fragte die Mutter. + +»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, jetzt, +Mutter, wo du da bist!« + + + + +Die Feuerschau. + + +Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus +in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste +Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu +hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern +sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die +junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch +ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht +jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das +Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am +Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das +sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben. + +Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie +hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf +kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der +Hausfrau. + +»Was gibt’s?« fragte das Evchen hinunter. + +»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst +es deiner Frau ansagen.« + +Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag +auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.« + +»Die Feuerschau? Was will die wohl?« + +Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab +es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun +gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr +Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die +Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen +wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.« + +Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das +Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun +freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn +besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das +Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der +Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn, +»aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren +hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die +Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.« + +Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und +stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern, +dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch +nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau +hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche junge Frauchen ihres +Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich +schon ein wenig heimisch fühle im Städtchen? Die Frau Assessor +antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz +natürlich, daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück, +und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen +wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor: +»Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer +Handbewegung machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam. +Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein sehr hübscher +Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat sehr schön,« wiederholte der +Archivar. + +»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. Das +bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht könnte man es +ändern?« fragte die junge Frau. »Das ließe sich schwer machen,« +antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von +dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen. +Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben noch weiter +bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« sagte der Ingenieur. Der +Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er +fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen. + +Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen, +machte die Türe zum Eßzimmer auf und sagte: »Wollen Sie nicht den +eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort +abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich +verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu dem eisernen +Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen +herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas +davon und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. Der +Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im +stillen über die Feuerschau zu zürnen; sie fand es wunderlich, daß die +Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in +ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor +fürchtete. + +Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die junge Frau zu +zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, daß sie ihnen nicht einmal +einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen +weiter helfen,« und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte +sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es +ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. »Ich +danke,« sagte der Ingenieur, »wir wollen doch nicht überall eindringen.« + +»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und ging voran. + +»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich ab,« sagte der +Archivar. + +»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die junge Hausfrau, denn +sie dachte: »Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.« + +Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau +in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen, +alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte. + +»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz, +daß ihm noch eine so passende Frage einfiel. + +»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezündet.« + +»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.« + +»Ja, für die Lunge, nicht wahr?« + +Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und +Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein +älterer Mann in Begleitung eines jüngeren. + +»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne sich um das +verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, klopfte er an der nächsten +Türe an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer führte, in dem nun +schon drei Leute um den Ofen standen. + +»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, »wir wollen +nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.« + +»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne +Umstände gingen die Männer auf den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine +verbotene Ofenklappe,« sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie +es auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter. + +Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, daß die +junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war +offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und +sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? »Sie sind +gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, »Sie haben sich +bloß so gestellt.« + +Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, daß hier eine +Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau sind wir nicht,« sagte der +Ingenieur, »aber bitte, gnädige Frau, wir haben uns doch nicht so +gestellt.« + +»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!« + +»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das eigentlich gar nicht, +aber wir konnten nicht anders, wir mußten Ihnen doch folgen.« + +»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des +Herrn Assessors: Ingenieur Maier.« + +»Archivar Rau.« + +»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb beschämt, »was +müssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er +hört, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, o +bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« Sie waren +kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine +Freunde zu treffen. + +Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen +gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wäre, sie waren ja lange genug +herumgestanden. Nur sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten +Mühe, ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht wahr?« sagte +der Hausherr. + +»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der Ingenieur. Da war die +Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mußte lachen und +die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht, +bis ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich sah sie +trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl +aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor den Herren. Bewahre, das tat er +nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der +kleinen Frau überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es ja +auch nicht besser!« + + + + +In der Adlerapotheke. + + +Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger +gehörte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen +Abschied. Der älteste Sohn war zum Militär einberufen worden; den +zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt, +und der dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch +aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er +wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach +Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten. + +Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der +Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter, +Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser +Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das +Städtchen lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, wenn +der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und +täglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg +hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch +hineingeführt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen, +Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher +Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen. + +So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte +und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, daß seine +Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Tränen in den Augen +dastand. Sie war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen an +diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, »ich komme ja alle +vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich +in der Apotheke.« + +Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen freundlich +tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln mit dem Knecht, der Magd, +und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte. +Und Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, er freute +sich über die Maßen. + +Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der +Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentüre der Apotheke geöffnet, und +der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten +ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die kräftigere +Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit, +was man von den etwas blassen aber feinen Zügen des Apothekers nicht +sagen konnte. Er begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand; +der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der +ihm kein Fremder war, und den er, ohne daß dieser es wußte, schon seit +Jahren als seinen künftigen Lehrherrn betrachtet hatte. + +Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentümliche +Geruch herrschte, der für Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes +hatte, führte Apotheker Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen +Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der +kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschäftig den Kaffeetisch +deckte und sich entschuldigte, daß der Kaffee noch nicht bereit sei. +»Ich wußte nicht genau,« sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und +lieber möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als ihnen +einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.« + +Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, daß sie und +ihr Mann zu Hermann »du« sagen dürften, es sei doch traulicher für +Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu +freuen. + +Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim +Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr +mußte hinunter; nach einem weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite +Störung dadurch, daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war seinem +Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der ersten Mahlzeit so +einführte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke +sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen. +Diese Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an +die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die +beiden Männer tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wußte +nichts mehr zu sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er schon +aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein Vater abfahre, er +wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der +letzte Gruß, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen +rasselte über den Marktplatz. + +Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah, +sondern aufmerksam nach dem großen schwarzen Adler aufblickte, der +dräuend über dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf +die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst du in die +Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann ebenso, und indem er fröhlich +die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentüre aufmachte, fragte er: +»und wie geht’s jetzt an?« + +»Wie’s angeht?« wiederholte der Apotheker und sah lächelnd auf seinen +eifrigen Gehilfen. »Wie’s angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst +du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!« +Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, daß mitten am +Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, »es war auch früher nicht so, +erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst +seitdem ist’s stiller bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite +gegründet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker, +aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter +Geschäftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie früher.« + +Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium geführt, +da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und gläserne +Trichter und Röhren. Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so +mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar viele +Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich mache noch vieles +selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« fragte Hermann. »Diese Woche +nicht mehr, aber nächste Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus +Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.« + +»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In meiner Familie,« sagte +Mohr, »ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine +altberühmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.« + +Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann +so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wäre und lief +eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in +einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und +dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen. + +»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte +der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.« +Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In +verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben +aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem +Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier +sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle +lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter +brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung, +inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit +Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die +schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas. + +»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den +Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre +die Ladenglocke.« + +In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen, +Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen +einzuwickeln. »Sieh zu und mach’s nach,« sagte der Apotheker zu Hermann +und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen +verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der +Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen +kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem +Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte +lachend: »Der ist scheint’s nicht der geschickteste.« »Er ist neu +eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber +Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln. + +Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er +eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,« +sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und +mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von +selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht +stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte +aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das +nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat +sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal +vorkommt!« + +Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann +mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor, +als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser +war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr +seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling +studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele +naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte +der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der +Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte. + +»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht +gelernt.« + +»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und +gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich +mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker +über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht +bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte. +Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker +ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das +Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer +oben im Dachraum ausgebaut war. + +Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und +über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine +Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon +studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann. + +»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.« + +»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig die Rede +darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt ist.« + +»Der Apotheker wird’s bald selbst herausfinden.« + +»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser Hermann gar keinen +größeren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und daß ihm die +Apothekerbücher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas +muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!« + +»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst du ganz ruhig +sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ängstlichen, er hat +ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.« + +»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der +Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.« + +»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg +leichter als seine Brüder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.« + +Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker +zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch, +scheint mir.« + +»Ja, und gescheit, aber –« und bedenklich schüttelte Mohr den Kopf. + +»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoßen.« + +»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will +nur sehen, wie das geht.« + +»Anfangs ist’s allen schwer.« + +»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er +den Daumen so steif hinausstreckt; er weiß gar nicht, wie man die Finger +biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft +hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.« + +»Und so einer kommt vom Land!« + +»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Bürschlein alles nur +auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch +kann.« + +»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.« + +»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer oder gar einen +Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da – an was sollte +es fehlen!« + +Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann am Frühstückstisch. +»Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die +Schlafpulver geholt hat?« fragte er den Apotheker. + +»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?« + +»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.« + +»Warum sollten sie nicht?« + +»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor Schmerzen nicht +geschlafen habe.« + +»Ja, und?« + +»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut +geschlafen hätte.« + +»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.« + +»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke +geben kann!« sagte Hermann. + +»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fünfundzwanzig Jahren +daran gewöhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit +seiner Mittel. + +»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein Mittel entdecken!« +fuhr Hermann fort. + +Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes Rufen, das von dem +Mädchen draußen zu kommen schien. »Was hat doch die Mine,« rief Frau +Mohr lebhaft aufspringend, »es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe +riefe,« und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mädchen. +Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Türe und rief ihrem +Mann zu: »Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt, +nun hat sie einen Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller +kriechen die Blutegel umher.« + +»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich denn tun? Ich bring +ihn nicht weg.« + +»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder Asche her.« Im Nu +brachte Frau Mohr die Salzbüchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel +gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden. + +Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu +Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen +gelassen?« + +»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.« + +»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf. +Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft +zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im +Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn +die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von +selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen. + +Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings +erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen +müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im +Glas, bis Hermann einen herein brachte. + +Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr +ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht +viel mehr sagte als: Ȇber der Sache ist das Abstauben versäumt worden, +das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf +allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber +das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an +Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit +einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat +nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an _einem_ +Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit +ansehen. + +»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir +zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach, +siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem +Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann, +kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann, +komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen +sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins +Zimmer. Hermann schaute – aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund +herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an. + +»Was meinen Sie?« + +»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie +aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft +die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß +tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein +Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann +seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker +die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun +sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf +den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere +geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem +Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen +mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es. +Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden +Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei +der Inspektion getadelt wird.« + +»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine +Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist +und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das +Staubtuchkörbchen.« + +Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste +Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau +Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es +wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz +hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich +nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der +Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen +daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit +herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim +hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt – in _einem_ Tage +lernt sich die Ordnung nicht! + +Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt +worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am +Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch +war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke +auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im +Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf +Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde +im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan +mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten +Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem +Kessel des Laboratoriums gereinigt werden. + +»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff. +Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die +Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der +Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und +unfreundlich: »Geh’ hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann +sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile +verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst +du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um, +schnell!« + +Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen +sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie +gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst +verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung +vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her, +warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder +herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu. +Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich. +Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem +Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends +versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde +freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts, +gar nichts konnte er ihm anvertrauen! + +Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren +an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als +ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte +Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In +langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und +Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die +Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren +Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich +drängten und schoben. + +»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie +voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach +Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben, +einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter +in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger +Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm +zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter +weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu +Hilfe zu kommen. + +»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst +das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette +ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang +Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen +verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit +frischen. + +Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht +mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl +alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die +Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das +ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon +abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer +am Mittagstisch saßen. + +Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die +Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in +der Apotheke. + +»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach +zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau +beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch +etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen +gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.« + +»War er wieder so ungeschickt?« + +»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein +Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine +Kleider – –« + +»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein +nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf +hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt +hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht +aufzuregen, jetzt muß ich dir’s doch sagen: einen eisernen Kloben hat er +in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit +den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das +Staubtuchkörbchen gehängt!« + +»Das ist stark!« + +»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode – –« + +»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen. +Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem +Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst +könnte mit heimfahren.« + +»Hast du es dem Jungen schon gesagt?« + +»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu +sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die +größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist’s am besten, man schickt +ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.« + +»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich +gemacht hat.« + +»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß +er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein +eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur +gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.« + +In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da, +wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern +gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben, +so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie +könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das +wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf +ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?« + +»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden. + +Der Apotheker und seine Frau sahen sich an. + +»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir +zu leid.« + +»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die +Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im +Gegenteil!« + +»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,« +sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde +aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit. + +Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er, +»daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.« + +Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«. + +»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das +Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert +man sich ganz, wenn man’s auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife +gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?« + +»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die +Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören +sollte, Lehrling zu sein. + +Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er +auf, wieder in das Geschäft zu gehen. + +»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den +kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe +zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich +finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften +studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht +Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des +Apothekers.« + +»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich +will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere +Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.« + +»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den +Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum +Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?« + +»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei +Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.« + +»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß – ich kann dich +nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen, +der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um’s kurz zu machen, kehre +du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß +ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch +nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid, +Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb +gewonnen.« + +Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr +sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich +wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er +Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich +will mir alle Mühe geben.« + +»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber +ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so +viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im +Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der +Apotheke.« + +»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte +ich nicht.« + +Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau +Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel +weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du +meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im +Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift +in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im +Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar +nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner +Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne +Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht +wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der +Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht +so schwer, lieber Junge!« + +Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den +Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er +nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte +der Knecht später holen. + +Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten +Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht +nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so +hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den +Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße, +seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes +freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der +schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er +eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn +liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne +jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den +ersten Schmerz gebracht. + +Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf +den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem +Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren +war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch +mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem +Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die +Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen +sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn +fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?« + +»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein +schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit +der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.« + +»Was hat’s gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an. + +»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet, +und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das +ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre, +fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen +Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt +schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht +verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr. + +»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie +alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach +fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?« + +»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das, +ich kann eben kein Apotheker werden.« + +Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf +brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker, +der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach +und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe +die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden. + +Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und +versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte +Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist +nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles +im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen +zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im +Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!« + +»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man +in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?« + +»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann +ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken +mitgebracht hättest, so wär’s vielleicht doch anders gekommen, die Frau +Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für +dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf +die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich +nicht fort!« + +In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen, +was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium +schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so +war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub’ ist ganz +verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker, +er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.« + +»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten +dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders +gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und +sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr +Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich +doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre +Entgegnung. + +So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger +benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien +am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht; +und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den +Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast’s jetzt verwunden?« +fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen +die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben +wir.« + +»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer +noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!« + +»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt’ +ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?« + +»Nein, aufs Feld wollt’ ich nicht, bloß daheim bleiben.« + +»Faulenzen? Oder was? Red’ deutsch, Hermann.« + +»Ich weiß halt schon vorher, daß dir’s gar nicht recht sein wird, Vater, +aber einmal muß ich’s ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich, +mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden +kann.« + +»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein +zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch +gehört, daß du nicht taugst dazu, hast’s ja selbst gesagt!« + +»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und +sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein +Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles +einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen, +mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen +lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen +dürft’ mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt’ ich mich +einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis +Herbst, Vater, und wenn mir’s dann nicht gelingt, will ich selbst nicht +mehr.« + +»Also versuch’s,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und +verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir +das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt +werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie +der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.« + +»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich +lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir’s nicht +einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!« + +»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den +Heimweg ein. + +»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger +vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von +neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte. + +Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und +niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen; +denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge +studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und +Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe; +als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe +hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der +junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache +mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon +all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand +gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der +Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie +gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und +eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde. + +Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter +stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben +sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr +jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht +verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich +an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging +und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und +ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater +gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die +Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles +blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur +Bodenkammer, alles rein.« + +»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das +macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und +machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer. +»Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles +will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß +ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur +nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in +acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir +anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken +hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das +darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit +ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die +packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.« + +Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr, +Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan +werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen +treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit; +sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur +als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit +erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor, +der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt +überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.« + +Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer. +»Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte +die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde +von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände. + +Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die +Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein – +Sandkörnchen waren es – die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen +gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und +gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder. +Er war bekümmert darüber. + +»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh, +so kann ich’s auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach. +Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine +zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich +weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann. + +»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da +machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die +Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel +zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so +ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten +es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen +lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch +saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das +Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt. + +Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich +Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er +ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit +Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und +Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen +konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst +reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser +gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War +das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren +sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden. +Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand +schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große, +schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren +vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die +Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der +Hand. + +So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen, +mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich, +im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in +der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein +Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger. + +In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr +Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich +nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen +Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte +Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise +erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig +die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was +würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war +nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem +»Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht. +Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein +Arzneigläschen ein. »Vater, du bist’s?« sagte er. »Ich bin ganz +erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.« + +»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht +recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?« + +»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist’s vorbei. Ich bin ganz wach, Vater, +und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber +hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der +Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber +sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band +es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so +schlaftrunken wie die ersten Male.« + +»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas +kann ich nicht haben.« + +»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,« +sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder +aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das +zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah +wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag +Hermann schon wieder im Bett. + +Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe +hinunter. »Dem ist’s ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist’s bitter +ernst, der wird Apotheker.« + +Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er +auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns +Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie +den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die +manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach +der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde +zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und +zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und +vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von +der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich +in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten +voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen +Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im +Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert? + +»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen +sorglich die Mutter. + +Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den +Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die +Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen +gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger +saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich +liegen. + +»Nun, Hermann, wie steht’s jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre +vorbei. Länger kann’s bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß +etwas geschieht.« + +»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich +mich als Lehrling antragen könnte.« + +»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der +Hauptstadt.« + +Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag +nicht recht war. »Nun, was gibt’s? Paßt dir’s wieder nicht? Du wirst +nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?« + +Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.« + +»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu _dem_ Mann, der dich +so schnöd aus dem Haus gejagt hat!« + +»Nein!« sagte der Vater, »zu _dem_ gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich +zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange +gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden’s nicht +erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer +noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte +diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für +seinen Mann! + +»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis +zuletzt; in aller Liebe hat er mir’s gesagt, daß er mich nicht brauchen +könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war _zu_ +ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde +zutage kommt. Ihm danke ich’s, daß mir die Augen darüber aufgegangen +sind, was mir fehlt, und jetzt könnt’ er mich brauchen. Und die +Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele +gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab, +von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere +Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter +Mann, bei dem könnt’ ich etwas lernen!« + +Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne +und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester +fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach, +gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt +ist näher als die Hauptstadt.« + +Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,« +sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.« + +»Hermann, glaub’ mir’s,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort +nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der +in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.« + +Ȇberhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben, +zwei können sie nicht brauchen.« + +»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe, +der geht aber bald.« + +»Du weißt’s ja sehr genau, woher denn?« + +»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen +müssen, wie es in der Apotheke steht.« + +»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort +frage ich nicht an.« + +»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht, +so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.« + +»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!« + +»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau +Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was +meinst du?« + +»Ich glaube, das macht’s nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar +nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine +Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.« + +»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die +willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter. + +Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die +Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen +sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.« + +»So laß ihn’s mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat +seine eigene Art. Du würdest’s mit Butter und Rauchfleisch probieren, er +meint’s mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll’s versuchen, +gleich morgen.« + +Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten +Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten +Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte +Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er +die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab +es kein »zurück«. + +»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn’s nun fehl schlägt, so nimm’s nicht +schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines +reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging +und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen? + +Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein +kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher, +der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann +nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen +Furcht und Hoffnung schwankend. + +An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im +Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum +erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal +hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher. + +Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der +Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging +er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den +Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen +und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie, +führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker +auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar +Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich +losgelassen hat!« + +»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr, +während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit +freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie, +»immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind +wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer +sehe?« + +Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles +auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er +sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann +allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen. +Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen, +wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte, +nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn +sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt +voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie – es waren wohl +viele Hunderte – über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte +lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen +umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den +Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund? +Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht +entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker +mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und +als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn +vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam +ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des +Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt, +denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was +haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf +den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die +Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es +ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im +letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen +können!« + +Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er, +der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das, +was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der +Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und +sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das +Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen +freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht +gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht +vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade +nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat. +Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte +der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem +Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt +gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann +gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die +Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und +einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner +Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit +beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages +die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank +seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der +Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen +vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und +nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber. + +»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker. + +»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da +fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine +Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker +und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.« + +»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer +das Gefühl, sie sei gekränkt.« + +Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die +Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt +gehe ich heim.« + +»Jetzt gerade?« fragten sie ihn. + +»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da +draußen ist’s lustig jetzt.« + +War’s draußen oder war’s drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen +am ersten Oktober,« sagten sie zueinander. + +Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an +dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen +wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie. + +»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber +solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon +getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!« + +»So hätte er doch studieren sollen.« + +»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der +Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der +sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.« + +Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in +dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er +sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein +Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt +nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann’s sein? Wer kommt?« fragte die +Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief: +»Der Lehrling von der Adlerapotheke!« + + + + +Bei der Patin. + + +I. + +»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme. + +»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite. +In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher +Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein +Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme +wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich +schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden, +sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber +heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles +gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht +einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen. + +»Mir ist’s gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,« +sagte Heinrich. + +»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit +Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht, +wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad. + +»Das _müssen_ sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus +vertreiben!« + +»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die +Haushaltung führen?« + +»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule +und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige +Schwesterchen, fünf Jahre alt. + +»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht +nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es +gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo +meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?« + +»Zu irgend welchen Verwandten.« + +»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.« + +»Ich auch.« + +»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal +lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch +den und nicht Onkel Kuhn?« + +»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat +Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach +des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine +Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.« + +»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat +selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich +Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz +anders, die erinnert mich so an die Mutter!« + +»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.« + +»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben +wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und +Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei +beisammen bleiben.« + +»Ja,« sagte Heinrich, »und das _müssen_ sie uns erlauben.« + +Es schlug zwölf Uhr. + +»So spät schon,« sagte Konrad. + +»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem +Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide +Brüder schliefen. + +Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie +es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal +entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund, +Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau +Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte +sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu +sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu +erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch +war es neben der großen Knabenschar nicht möglich. + +Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei +Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine +Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein +Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen +aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche +Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie +seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem. +»Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du +dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit +deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast +Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine +Eltern haben ja genug hinterlassen ...« + +»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein +Stahlhammer. + +»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr +Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.« + +»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen. + +»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust +du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was +ist der Grund?« + +»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung +gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug +darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung +erleben.« + +»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und +wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber +seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit +Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht +an mich an.« + +»Unsinn, darauf kommt’s nicht an; du hattest damals solch törichte +Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen. +Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären +sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine +Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir +hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen, +und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und +breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer +soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen +Junggesellen, nicht zumuten?« + +Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu +werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich, +»dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu +nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.« + +»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann +man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich +erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die +Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug +heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das +Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei, +aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu +seiner Patin reisen sollte. + +Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde +beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es +ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die +nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus. + +Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war, +verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen +Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach, +und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch +bei uns aufnehmen!« + +Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die +Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester? + +Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die +Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens, +wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder +abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte +wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit +Kindern!« + + +II. + +»Wach’ auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? Wach’ auf, wach’ +auf, ich sage dir etwas.« + +Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen in aller Frühe Rike, +das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen +auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon +die Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule und so +hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für sie etwas ganz +Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich für ihr +Alter, ein herziges Mädchen, der Liebling von allen im Haus und selbst +voll Liebe für alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?« +fragte die Kleine ganz neugierig. + +»Steh’ nur geschwind auf, ich sag’ dir’s schon, Herzenskind. Aber wir +müssen schnell machen,« und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter +war, beim Waschen und Ankleiden. + +»Aber jetzt sag’ mir doch, Rike, was es gibt?« fragte Klärchen. + +»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du +sollst mit seiner Schwester abreisen.« + +»Mit meiner Patin?« + +»Ja.« + +»Warum denn?« + +»Weil die Mama gestorben ist.« + +»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?« + +Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort darauf, sie knüpfte +eifrig Klärchens Stiefelchen zu und beugte sich so darüber, daß +Klärchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen +herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen +sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden +Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, du bist traurig +wegen der Mama.« + +Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem Kleid, ließ sie +hineinschlupfen und sagte dann: »Komm nur schnell, ich habe dir schon +dein Frühstück gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.« + +»Wo ist der Konrad und der Heinrich?« + +»Die schlafen noch.« + +»Gehen sie denn nicht mit mir?« + +Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln. + +In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. Rike sah +hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst +herunter kommen, es sei höchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und +deinen Hut!« + +»Aber ich soll doch mit der Patin?« + +»Die wird am Bahnhof auf dich warten.« + +Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter. + +»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.« + +»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.« + +»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang hinüber in das +Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die nachts so spät eingeschlafen +waren, noch schliefen. »Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur +Patin,« rief sie, aber noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die +Hausglocke noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt +hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte. + +Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses Gesicht, und als +Rike vollends das Kind noch an sich drückte und ihm unter lautem +Schluchzen lebewohl sagte, rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind +das Herz noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und +führte es in großen, eiligen Schritten nach der Bahn. + +Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen +bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum +hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht früher +geweckt?« + +Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen habe, sie nicht +zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen +Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten +Rike und Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein Balsam +war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz unerwartet in aller Frühe +die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der +verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie +es stand: daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und +Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir’s gedacht, wie es euch +ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frühe schon zu euch +gekommen. Ich hätte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er +die Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und da konnte +ich nichts machen.« + +»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« fuhr Heinrich +auf, »uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!« + +»Der Kleinen ist’s vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,« +begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so traurig, als wenn sie euren +Schmerz gesehen hätte.« + +»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint hat sie und so +gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie ein Lämmlein zur +Schlachtbank.« + +»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte lächelnd die Tante, +»mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.« +Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein +Täßchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich +allmählich beruhigten. + +»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« fragte Konrad; +»können wir im Haus bleiben?« + +»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, daß ihr in einer +Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber +gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und +ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber +wir können es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt +das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine +drei Buben und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.« + +Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und dankte ihr für ihre +Güte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klärchen +wäre es doch nicht mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch +einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt ihr; es ist nur +ein halbes Stündchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fuß; da könnt +ihr Sonntags Klärchen besuchen.« + +»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur die Patin so wäre wie +du oder die Mutter, dann wäre ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie +ist so ganz anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.« + +»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die Patin; sie tut sehr +viel für Arme und Vereine, da muß sie doch ein gutes Herz haben, und +Klärchen wird das schon herausfühlen.« + +»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?« + +»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und hier die Haushaltung +aufgelöst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb +bei eurer Rike.« + +Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurück, das ihnen ganz +verändert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des +Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten +sich selbst sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben. + + +III. + +Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer, +unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses. +»Ist’s wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht +hat, das ganz bei euch bleiben soll?« + +»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines +nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem +schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem +leid, so früh verwaist.« + +»Nun, es wird’s gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.« +Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht brauchen, es muß mir +wieder fort aus dem Haus.« + +»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!« + +»Freilich ist’s mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie +bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der +Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo +ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das +Kind übergibt?« + +»Es ist wahr, so gut hast du’s dann nimmer wie bisher, aber du wirst’s +nicht ändern können.« – »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon +einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!« + +»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?« + +»Behüt’ mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil, +ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es +anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht, +du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein +Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese +Zeit, so ist’s eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!« + +Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber +das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der +Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort +gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die +Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu +schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als +die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern +unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir +eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr +Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht +auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst +wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß +sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett +gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins +Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob +sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das +erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und +Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der +Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch +nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du +Heimweh hast, dann sag’ du’s nur immer mir, vor der Patin sei ganz +still.« + +Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das +Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange +Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese +dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser +versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in +das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche, +unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so +köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!« + +Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue +Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig +umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes +Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten +Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme +mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen, +Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem +Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr +Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es +mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken +auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des +Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde +sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand +und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und +ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen +hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so +recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie +Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er, +»du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage: +Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder +sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich +sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein +und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares +Kind, verstehst du das?« + +»Ja,« antwortete leise die Kleine. + +»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.« + +»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz +ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und +fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem +sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas +wie Liebe und Dankbarkeit. + +»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben +wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.« + +»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die +Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und +hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.« + +»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu +sich genommen.« + +»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte +Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und +die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der +Vormund verlangt hat.« + + +IV. + +Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und Tante eingewöhnt. +Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher +wünschten sie auch ihre Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen, +von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund +hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht +besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den +Trennungsschmerz schon überwunden und sich in die neuen Verhältnisse +eingewöhnt hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen +erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den ihnen der Besuch in +dem Städtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich +die treue Tante danach, durch die Brüder Nachricht von der kleinen +Nichte zu erhalten. + +Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch +auf den Weg und kamen nach einem tüchtigen Marsch in dem Städtchen an. +Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts +vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung des Kindes und +gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, etwas für den Empfang der +jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste +erwartet wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie wollte +die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange, +so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an +den Hüten und Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien. +Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen +spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich weiß etwas, das dich +freut,« und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brüder +waren inzwischen schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen +erkannte sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd +entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und in Erinnerung +ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Tränen über, zur +großen Bestürzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf +dem ganzen Wege ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß +das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh nach Ihnen, und es +ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute +kommt!« + +»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad bekümmert. + +»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. Ein Kind gehört +zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen +Fräulein, die überdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.« + +»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief Heinrich und bemerkte +in seiner Erregtheit nicht, wie der ältere Bruder ihm zu bedeuten +suchte, daß es nicht passend sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen. +»Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete +Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das noch lange +dauert, so wird es noch krank werden.« + +Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so +frisch und blühend wie früher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und +jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn +zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor: +es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu bedauern sei. + +Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen, +waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie +bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei +Geschwister in das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich +gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre +Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick +auf Klärchen zeigte ihr, daß diese geweint hatte. Auch klammerte sie +sich fest an den Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher +feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der +Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen +der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich +schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den +ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klärchen +hätte im Glück über das Wiedersehen mit den Brüdern wohl alles andere +bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr +zuzuflüstern: »Mußt recht traurig und still sein, dann nehmen dich die +Brüder vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche +Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie gar sonderbar +verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends +von der kleinen Schwester. + +Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden +Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig +zumute, daß er fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich +hatte um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante +sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen sei. Er +schilderte das Wiedersehen auf der Straße, die Tränen der Kleinen, ihr +verändertes Aussehen, den Bericht des Dienstmädchens und die große, +ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und +nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen. + +»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf Konrad dazwischen, +»sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.« + +»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer unserer +Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen ist, wer weiß, was sie ihr +da tut!« + +»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte: +»Sie ist gewiß nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie +gehalten.« Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gespräch: +alle waren voll Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante +sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun kommt ja bald +Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf längere Zeit zu uns einladen +und ihr recht viel Freude machen.« Damit waren nun alle einverstanden +und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu Weihnachten +bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins +Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, was ihr die Mutter zu Weihnachten +machen wollte; wenn du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr +Herzenswunsch erfüllt.« + +»Ja, was ist’s?« + +»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb – ich glaube wirklich so lieb wie +uns; und für die möchte sie so ein Wickelkissen, wie’s die ganz kleinen +Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.« + +»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr bringt mir einmal das +Längenmaß der Puppe, dann soll’s ein echtes Wickelkind werden.« + +Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für Klärchen beruhigten +sich die erregten Gemüter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie +kannte sich aus bei ihrer jungen Schar. + + +V. + +Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei +Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die +Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in +dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem +Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes +Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen +Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun +hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen +übertragen – hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause –, aber es fand +sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso +glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde; +sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um +den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am +Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens +vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte. + +Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren +Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine +aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre +Freiheit hätte. + +Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah +hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß +voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn’s schneit, ist Weihnachten +nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind +auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor, +zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und +Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran. + +»Mine,« fragte sie, »wie ist’s denn hier an Weihnachten?« + +»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.« + +»Und dann?« + +»Und dann im Spital.« + +»Und dann?« + +»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still. +Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu +dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne +Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist +du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt: +›Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?‹ Aber jetzt haben wir keine +Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen ›Herzkind‹ und sie kann dir +keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du +undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter +und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren. + +Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,« +sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den +Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen +Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es +lustig zu, aber hier ist’s langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern +an Weihnachten?« + +»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast +doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!« + +»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.« + +»Sagst du’s nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich. +»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht +schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne +Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß +Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich +nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht +würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den +Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem +Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht +nettes, grünes Bäumchen.« + +An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine +Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei +verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten. +Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die +Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest +in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen +Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde; +sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der +gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen +Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig +verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach +gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte, +daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach, +die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den +nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und +gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein +half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung +bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin +schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder +für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_ +Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?« + +»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie +doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen +Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein +Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich, +daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch +wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann’s ja +ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter +andere Kinder.« + +Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte +sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern +darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist’s +ausgemacht mit deiner Tante.« + +Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind +noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl, +daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg, +und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder +war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante +konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die +Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem +sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die +Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der +Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal +nach seiner Nichte zu sehen. + +Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große +Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital +machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,« +sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir +auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder +bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden, +schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert. +Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe. +Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch. +Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da +kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen. +»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?« + +»Nein, sie ist fort.« + +»Mit meiner kleinen Nichte?« + +»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst +ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!« + +»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?« + +»Ach, da kann’s leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei +sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die +Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im +Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick. + +Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel +gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama +aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte! + +»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau +zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und +sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu +Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer. +Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum +zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das +Christkind schon beschert?« fragte er. + +»Ja, sieh nur, ein Hemd.« + +»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?« + +»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte +ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche +schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen +Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese +Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war +unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen +ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem +Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind +hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den +Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben, +das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig! + +»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme +dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er +zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es +mitnehmen, ich bin sein Onkel.« + +Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war +ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber +Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die +Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die +Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme +Ding!« + +»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine +Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich +sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen +wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den +Zug noch erreichen.« + +Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein. + +»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus +dröhnte. + +»Was ist’s?« + +»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie, +Klärchen?« + +»Sie schläft in meinem Bett.« + +Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich +an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm +noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe +unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof. + +Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn +man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?« + +»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir +folgen.« + +Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen +Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen +aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war. + +Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben +die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein +Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht +gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast. +Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas +vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch +erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen +möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?« + +– – Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau +Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei +ihrer Heimkehr – um acht Uhr war es – vernahm, daß ihr das Kind +weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet +und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu +ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur +recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und +das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu +werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß +sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß +es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt +eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es +lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise +empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in +ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den +Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von +Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung. + +Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes +Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis +hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit +einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein +Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn +Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren! +Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus +dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind +nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie +ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das +Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es +doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie +doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich +dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen. + +Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei +dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein +empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm +etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor, +und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so +hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich +das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen. +Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten, +wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht +sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das +war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen +mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor +Kuhn aufzusuchen. + +Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt +mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu +Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als +Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte +er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester +verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie +nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und +Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an +Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der +Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war. +Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf +seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir +leid.« + +»Ob’s Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er +gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für +sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen +Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute +nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte +nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?« +In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches +Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr +kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was +die beste Strafe für den Professor war. + +Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du +hierher kommst?« + +»Nein,« sagte erschrocken die Kleine. + +»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er +eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese +Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.« + +Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt. +So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte +der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach +ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt. + +»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch +ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die +kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und +Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der +Eisbahn. + +Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz +unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?« +Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.« + +»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger, +»von dem war schon oft die Rede.« + +»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch, +lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten +hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem +Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und +das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang +eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß +Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem +großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im +Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die +Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar +Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch +gereicht wurden. + +Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag +ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner +Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu +sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der +Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite +Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu. + +»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen, +das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie +nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich +Klärchen sein.« + +In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu; +aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr +das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen +Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt +werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es +ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es +wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was +du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf +seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den +Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so +schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch +hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm +mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in +der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die +Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter +hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand +nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich +unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee. +Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der +Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur +vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück, +ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf; +jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war +dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke +Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er +ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie +weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte +er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir +gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war +eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab, +der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter +Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter +durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es +verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen +Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.« + + +VI. + +Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung +seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der +Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft +hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr +erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer +keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das +Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort +kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging, +als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind +zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch, +von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte +er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so +frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch +diese unangenehme Sache.« + +Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste an, den übelgelaunten +Bruder und dann das Kind. Da kam es zurück nach zwei Tagen, stand da +fremd und verschüchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen +erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den +Mantel ausziehen. + +»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, »das Kind kann +sich wohl selbst bedienen.« + +Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine in das Schlafzimmer, +ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es +vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen +in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund zu seiner Schwester +sagte: »Das Kind macht mich nervös mit seinem ewigen Geheul, kannst du +nicht Maßregeln treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie +sollte die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte nicht +anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den +wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine +allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich +fallen lassen, im kalten Schnee liegt’s auf seinem Gesicht und friert!« + +»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das Mädchen, »warum hast +du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?« + +»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind. + +»Sag’s nur niemand, daß du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir’s +schlecht! Schlupfe unter die Decke, daß man dich nicht weinen hört; so +ist’s recht, jetzt schlafe!« + +Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Fräulein Stahlhammer: +»Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das +Haus verlassen hat?« + +»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie +unglücklich es ist. Und überdies ist es nur natürlich, daß es seinem +Onkel gefolgt ist.« + +»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf ohne deine oder +meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so weiß es das für künftige +Fälle. Das wirst du mir zugeben?« Und als seine Schwester nicht gleich +Antwort gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du +vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser +ein?« + +»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen dafür nicht strafen; du +kannst das Kind wegnehmen, – ich habe es ja nie gewollt – aber wenn du +es bei mir lassen willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein +Herz treibt.« + +»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du läßt dich nicht +belehren. Statt Gründe vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So +sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter +einmischen, nur an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge +wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen +wurden.« + +»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge muß sein.« + +»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem +besonderen Fall durchaus nicht für angemessen hältst, so will ich da +nicht eingreifen.« So klang die Unterredung noch versöhnlich aus. Ein +paar Stunden später war der Vormund auf der Heimreise begriffen. + +Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir uns jetzt nach ihrem +verlorenen Wickelkind umsehen. + +Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, während Herr +Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie +öffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte +vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte, +waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg und der schwache Ruf +der Frau wurde vom Wagengerassel übertönt. Ein kleiner Junge sprang +vorüber. »Reich’ mir die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam +das verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche Zurückschauen +Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie +sich auch immer wieder sagte: »Ein dummes Dinglein ist’s gewesen, daß es +seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie +sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine +Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstraße +5 p.« + +Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den +Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort »Wickelpuppe«. Sie hatte ja +erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen +in der Eile wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie traurig, +wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! Wo hatte man die Puppe +gefunden? In der Bahnhofstraße. Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund +gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag +durch die Bahnhofstraße getragen wurden! Oder sollte es gar die von +Klärchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß +hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte +kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, als auch Heinrich +schon davonrannte nach der Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer +Zeit mit dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, die +den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe springen sahen, +beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewöhnliche +Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes, +war Klärchens Ein und Alles! + +In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung allgemeine +Entrüstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte +bei Konrad ein Entschluß. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und +dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Fräulein +Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am +heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag +machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen. + +»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen +heißen,« meinte der Onkel; die Tante fürchtete, der Vormund werde es +nicht billigen; Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber +zubringen würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen wäre es von +Wert gewesen, Näheres zu erfahren über Klärchens neue Heimat, und so war +das Ende der Beratung doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort sein +Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen und machte sich auf +den Weg. + +An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß es der Patin auffallen +mußte, denn sie war gewöhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe +beschäftigt zu sehen. »Wo ist denn heute deine Puppe?« fragte sie. +Klärchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu +sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein Stahlhammer, +»wo hast du sie denn?« + +»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen. + +»So suche oder frage Mine danach.« + +Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt +nach der Puppe?« + +»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.« + +»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, wo sie ist.« + +»Dann sagst du wieder so.« + +Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es +endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im +Begriff, einen Ausgang zu machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht +mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast du die +Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht?« Die Kleine war +in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, daß etwas nicht in +Richtigkeit war. »Nun sag’ mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug +die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.« + +Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind will mir nicht sagen, wo +die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?« + +»Ach, das arme Wurm getraut sich’s nur nicht zu gestehen, sie hat ja +die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.« + +Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das Kind hatte Mine ihr +Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal +mußte Strafe sein; das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind +nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine +einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen war deutlich auf dem +Gesicht geschrieben. »Klärchen,« sagte die Patin, »warum hast du mir +nicht gesagt, daß du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt: +ich weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich, +so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn +ein Kind so böse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf +gesetzt.« Mit diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine +Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an +der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ängstlich an die +Wand und wagte gar nicht, von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst +du nun sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, daß du +ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen Kinder werden da +oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch +ganz unartig und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein +willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich +heimkomme, hebe ich dich herunter.« + +Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin ging. Draußen +sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank +gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen +Sie sie herunter, aber früher nicht.« + +Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da +saß die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrückt. Mine fühlte +sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine +aus ihrer Lage erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,« +sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt +sie.« + +»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« sagte Klärchen. +»Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, die Patin hat’s gesagt. Gelt, +ich bin jetzt brav? Ich lüge jetzt nicht und ich lüge auch das +nächstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich +gar nicht fallen?« + +»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie hatte wirklich +Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann +komme ich gleich wieder herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er +gerade in _diesem_ Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; er +sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das +konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie +führte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er +sein Klärchen in solcher Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn +hereinkommen sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu +rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« sagte Mine, +»zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, daß +Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,« +und sie eilte in die Küche. + +Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien könne, +denn er war empört, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er +nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß +bleiben,« sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß +ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« fragte Konrad, +und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: »Gelogen!« +Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem +Wickelkind,« sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,« +und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten +Trost. Schnell packte er sein kleines Ränzchen aus und hob hoch in die +Höhe, daß es Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene +Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich +vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und winkte zärtlich mit den +Händchen. »Warte, ich bringe dir’s.« Mit diesen Worten zog Konrad einen +Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und +nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den +Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter +sie, und so beschützt fühlte sich die Kleine ganz glücklich; streichelte +bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm +die brüderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf. + +Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, kam Fräulein +Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie +hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine +Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie +beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem +Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen und öfter als einmal ihr +Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht +herunterfallen. Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu +sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre +Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich hätte nicht fortgehen +sollen,« sagte sie sich, »aber meine Mutter ist auch einmal +fortgegangen.« Ja, Fräulein Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder +war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft +ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die +Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis +Abend ausharren müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? Wie +würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg sie die Treppe +hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete mit wahrem Herzklopfen die +Türe des Zimmers. An viele Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an +_die_ nicht, daß statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen +würden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die +ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da +in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht +engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter +auf den Tisch, von da auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und +sagte: »Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und habe sie +Klärchen hinaufgereicht.« + +Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur glücklich gewesen, daß +sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Hätte +lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klärchen so getroffen. Was wird +er denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in Strafe,« sagte +sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will +jetzt gewiß wieder brav sein,« fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend +und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich +bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, »der Schrank hat +auch gar nicht gewackelt.« + +»So ist’s recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde, +»dann komm, mein Kind!« Und sie faßte Klärchen und hob sie herunter. + +Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein Stahlhammer lud Konrad zu +Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht über die +Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er wie ein +Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit bei Fräulein +Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein +zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkürlich zu Hilfe. + +»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie und rückte ihren +Stuhl ganz dicht an den seinigen. + +»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, »sonst dürfte +er’s wohl.« + +»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« sagte er, sich an die +Patin wendend, »dürfte ich einige Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer +schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr +einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein +Kind zu ihr gekommen. + +»_Warum_ möchtest du da bleiben?« fragte sie und sah ihn fest dabei an. +Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er +möchte dahinter kommen, wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das +harte Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. Er +geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht +angeben, Ausflüchte zu machen war er nicht gewöhnt. Aber Fräulein +Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und +fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, du kannst +hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante können auch +selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben länger da als +wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und +dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.« + +Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über des Bruders längeren +Besuch voll Fröhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wäre das +Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen. + +Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; es lag ihrem Wesen +fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen +eher weniger herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es +seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die +Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der +Kleinen das Herz auf, und allmählich kam alles zu Tag, was sie erlebt +hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man +nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch daß Mine oft +fortging und Klärchen ganz allein zu Hause ließ, kam unter dem Siegel +der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht +Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so +wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einfluß +ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem +Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorüber waren, von der +Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe er +sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, fröhlichen +Familienkreis heimkehren durfte. + +Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschluß gefaßt. +Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten zurückkäme, so wollten sie an +Ostern, wo einer ihrer Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten, +Klärchen zu sich zu nehmen. + +Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, und gleich +der Beginn seiner Erzählung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe +getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe +einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und als er noch den +zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an +den Vormund zu schreiben. Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er +sich erbot, Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei +Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wären wohl am +glücklichsten, wenn sie beisammen wären. + +Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der Brief ankam. Er erbrach +ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim +Durchlesen. Am nächsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und +legte den Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit dem Kind +ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer las den Brief. Der +Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr +weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht +selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß diese Familie es +ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm +zugetraut, daß er Gutes berichten würde. Er kam ihr falsch vor. »Was +soll ich den Leuten antworten?« fragte ihr Bruder. + +»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein Stahlhammer bestimmt. + +»Dauernd?« + +»Ja, dauernd!« + +»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid +geben und dann wird hoffentlich von dem Mädchen nicht mehr gesprochen, +bis es konfirmiert ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände +man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwärts +und schrieb ganz artig, er danke für den Vorschlag; seine Schwester +wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege. + +Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer ihr Pflegekind +aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend +fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan. +Ein fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es +daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« Und dieses Wort +hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen. + +Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige Antwort des +Vormunds eintraf. Zu ändern war daran nichts mehr, das sahen sie ein, +aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und +er schmiedete ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin +bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er +bewerkstelligen. + +Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis +sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmädchen, das wußte er. Er +strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer +über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der +Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine öffnete, folgte +er ihr in die Küche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war +ein gut Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für seine +zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem +welligen Haar hervor. + +»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das Mädchen verwundert. +»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine,« sagte er und zog aus seiner +Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das +Blatt aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser +Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen +ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen gesucht bei hohem +Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« und vollends die Anzeige müssen Sie +lesen »Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit großer +Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. »Fein,« sagte sie, +»aber ich will ja gar nicht fort von hier.« + +»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist’s doch schöner.« + +»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.« + +»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen +Jungfrauenverein gibt’s.« + +»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und warum soll ich denn +fort?« + +»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz ernsthaft, »das +Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch +noch kommen –« + +»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?« + +»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da. +Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die +müßte ich schon in der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht, +weil die Raupen doch manchmal durchgehen.« + +»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine. + +»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch einmal,« und auf einmal +zog er aus seiner Tasche ein Gläschen, in dem ein paar Raupen von der +dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte +zurück, er folgte ihr. + +»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann’s nicht leiden.« + +»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und +beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, daß sie manchmal +herumkriechen.« + +»Schöne Aussicht!« + +»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schönen Dienst +suchen wollen?« + +»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es +gibt ja auch hier Plätze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.« + +»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon +eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie an den Hals.« Mine tat einen +lauten Schrei. »Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!« + +»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts geschieht, es ist +eine von meinen größten,« und der Schlingel berührte Mine sachte am +Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren meinte. »Ich bitte dich, +Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.« + +»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.« + +»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?« + +»Gleich kommt’s weg. Gehen Sie im nächsten Monat?« + +»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.« + +»Dann ist’s recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie +nur.« Lachend lief er dem zürnenden Mädchen davon. »Jetzt will ich zu +Klärchen,« sagte er. + +Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt +wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich wachsenden Lohn fesselte +sie doch und gab ihr zu denken; schließlich konnte man seine guten +Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig +auf den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der erste Plan war +gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn +Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein +Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon +selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte +immer so vielerlei Bedenken und würde auch jetzt immer nur sagen: »Das +geht nicht.« Es mußte aber fein gehen! + + +VII. + +Unter der großen Anzahl von Dienstmädchengesuchen konnte man am nächsten +Tag im Lokalanzeiger lesen: »Es wird ein recht gutes, freundliches +Dienstmädchen gesucht bei stets steigendem Lohn. Näheres um zehn Uhr im +Gymnasiumshof.« + +Als der Zeitungsträger den Lokalanzeiger wie jeden Tag mittags ins Haus +brachte, sah Heinrich ganz begierig nach: richtig, da kam _seine_ +Anzeige unter vielen andern. Er war überzeugt, daß niemand außer +Stellensuchenden diese Anzeige lesen würde und daß er gewiß ganz +unvermerkt während der Unterrichtspause, die von zehn bis ein Viertel +auf elf Uhr stattfand, in den Hof des Gymnasiums gehen und sich unter +den Dienstmädchen, die da kommen würden, die freundlichste heraussuchen +könne. Name und Wohnung der Patin hatte er schön deutlich auf einen +Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwählten geben, damit sie +sich Fräulein Stahlhammer anbiete. Nur durfte sie nicht sagen, wer sie +geschickt habe; wenn sie ihm nur das gewiß versprach! + +Es hatte aber doch noch jemand anders als nur Dienstmädchen die Anzeige +gelesen. Der Schuldiener des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der +ganzen Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gründlich. Sie +brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. »Da sieh doch nur, wer kann das +sein, der die Dienstmädchen in unseren Hof bestellt!« Der Schuldiener +machte ein ernstes Gesicht. »Das ist ein Unfug,« sagte er »und muß dem +Herrn Rektor gemeldet werden!« + +»Laß mich nur erst besinnen,« sagte die Frau, »es kommt doch darauf an, +wer’s ist; das bring ich schon heraus, es muß ja von unseren Professoren +jemand sein. Einer, der nicht will, daß das Mädchen sich in der Wohnung +zeigt, weil der alten noch nicht gekündigt ist. Der Herr Rektor selbst +ist’s natürlich nicht, der Herr kümmert sich nicht um das +Dienstpersonal, und von den alten Herren täte so etwas auch keiner. +Weißt du, wer das ist? Niemand anders als der neue Mathematikprofessor. +Bei dem ist immer Magdnot, _sie_ ist keine rechte Hausfrau und _er_ ist +ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht sich gar nichts daraus, +wenn’s seine Frau haben will, und läßt die Mädchen kommen und schaut sie +durch seine Brille an und nimmt dann natürlich die ungeschickteste. Da +muß ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, daß er nicht gar so +dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor nichts zu sagen.« + +Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er ließ seine Frau reden und +brachte das Zeitungsblatt dem Rektor der Anstalt, einem älteren ruhigen +Herrn, dem schon Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte er +auch die Vermutung seiner Frau mit. »Es kann ja sein, daß Professor +Graun, der hier noch fremd ist, auf diesen etwas wunderlichen Gedanken +kam,« sagte der Rektor, »ich werde ihn vorher fragen, dann kann die +Sache noch anders eingerichtet werden. Es wäre mir lieb, wenn sich Ihre +Frau nicht einmischte, können Sie das verhindern?« fragte er mit feinem +Lächeln. + +»Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig neugierig, +sozusagen gewalttätig; man bringt sie nicht recht aus dem Weg, wenn so +etwas los ist.« »Nun es wird sich schon machen lassen,« sagte der +Rektor, »die Sache ist ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor +Graun morgen früh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick zu mir zu +kommen.« Damit war der Diener entlassen. + +Am nächsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor ins +Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des Rektors ausgerichtet. + +»Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerückt hat?« fragte der +Rektor. + +»Nein, davon habe ich keine Ahnung.« Der Rektor ging in den großen Gang, +der in dem alten Gymnasiums-Gebäude auf drei Seiten den Hof umschloß. +Durch diesen Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem +Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der Fenster. Um +diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle die Schüler polterten die +Treppe herauf und trabten über den Gang nach ihren verschiedenen +Zimmern, dazwischen war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hörbar. +Heute wurde von letzteren ein jeder abgefaßt; der Rektor fragte nach der +Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. Unter diesen Professoren +war auch Heinrichs Onkel. Professor Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die +andern den Urheber der Anzeige und konnte darüber keinen Aufschluß +geben. Allmählich kamen nur noch vereinzelte Schüler, jetzt schlug es 8 +Uhr, und die größte Stille herrschte in dem noch eben so belebten +Gebäude, der Unterricht begann. + +Schlag 10 Uhr ertönte unten in des Dieners Wohnung ein zweimaliges +Glockenzeichen; dies war der verabredete Ruf, dem die Frau des Dieners +in das Rektoratszimmer zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am +Eingang des Hoftors, ihre Neugierde war aufs höchste gespannt. Nein, wie +fatal, gerade in _dem_ Augenblick klingelte ihr der Rektor. Diesmal +sollte nur ihr Mann an ihrer Stelle gehen. »Peter!« rief sie, Peter!« +Von Peter kam keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas stärker +das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging die Treppe +hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten Frau, möglich war. +Einen Blick warf sie noch zurück, ehe sie den Hof aus dem Auge verlor, +und da glaubte sie gerade noch ein Mädchen, ein ganz fein gekleidetes, +durch das Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter der +Türe seines Zimmers auf sie. + +»Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und holen Sie mir aus dem +Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, die mit Klasse #IX# Jahrgang 88 +bezeichnet sind.« + +Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, ging jedenfalls +eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame Viertelstunde! An eine +Widerrede war nicht zu denken, sie mußte hinauf in die Bodenkammer. Aber +etwas Glück ist doch meist beim Unglück, der Kasten Nr. 5 stand nahe bei +der Dachlücke, und aus dieser herunter konnte man den Hof überblicken. +Und da sah denn die gute Frau von ihrer Höhe aus was vorging. Die +Schüler rannten wie alle Tage während der Pause in den Hof hinunter, der +Herr Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie sonst in +der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer nach dem andern erschien +auf dem Gang, offenbar war jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich +ging; auch Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster im +Erdgeschoß blickte der Schuldiener hervor. + +Nun kam von der Straße herein durch den Torweg ganz unbefangen ein +Dienstmädchen und sah sich um, nicht ahnend, daß sie von so vielen +gestrengen Herren beobachtet wurde, denn sie traten alle etwas zurück, +um nicht bemerkt zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer +auf das Mädchen zu. Es war Heinrich. »Das ist der kleine Schubert,« +sagte einer der Lehrer zu dem andern. »Ihr Kostgänger, nicht wahr, Herr +Professor Kuhn?« + +»Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die beiden Schuberts.« + +»Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt keiner außer ihm, daß +dies Mädchen jemanden sucht.« + +»Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er Bescheid gibt!« + +»Der betreffende Herr oder Dame, die die Mädchen hierher bestellt hat, +scheint sich verspätet zu haben; aber da kommt schon wieder eine, das +ist eine stattliche Person; und richtig, der kleine Schubert nimmt sich +ihrer wieder an.« + +Die Herren Professoren lachten. Hätten sie das Zwiegespräch zwischen dem +Dienstmädchen und Heinrich gehört, so wären sie wohl erstaunt gewesen. + +»Ich habe mir ja gleich gedacht, daß das nichts Rechtes ist,« sagte die +große stattliche Köchin, »nur weil ich gerade vom Markt komme, hat mich +die Neugier hereingetrieben, wer sich denn die Mädchen in den +Gymnasiumshof bestellt. Daß es nur so ein kleiner Lausbub ist, hätte ich +mir aber doch nicht gedacht.« + +»Es ist aber eine ganz gute Stelle,« sagte Heinrich, »und ich hab’s +getan wegen meiner kleinen Schwester.« + +»Was wär’ denn hernach der Lohn?« fragte die Köchin von oben herab. + +»So genau weiß ich das nicht,« sagte Heinrich und dann, da hierauf das +Mädchen höhnisch lachte und so gar nicht gutmütig aussah, fügte er +offenherzig hinzu: »Ein besonders gutes Mädchen müßte es aber sein!« + +»Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt so was, das sieht +dumm genug aus, um auf deinen Leim zu gehen.« Die Große verschwand, ein +kleineres, vielleicht siebzehnjähriges Mädchen erschien im Hof, und +diesmal ging Heinrich gleich auf sie zu. + +Oben bemerkte der Rektor: »Man könnte meinen, der kleine Schubert habe +sie bestellt.« + +»Ja, wahrhaftig,« sagte sein Klassenlehrer, »er ist oft ein rechter +Schelm und hat närrische Einfälle.« + +»Es kommt mir auch wunderlich vor,« meinte Professor Kuhn, dem es schon +geraume Zeit unbehaglich zu Mute war, während er seinen Neffen +beobachtete. Inzwischen hatte Heinrich in eiligen Worten – denn er +fürchtete, das Ende der Pause möchte seine Unterhandlungen unterbrechen +– dem Mädchen gesagt, er wisse eine feine Stelle bei einem alten +Fräulein und einem herzigen kleinen Mädchen. Und dann schilderte er so +rührend sein verwaistes Schwesterchen, daß er des Mädchens Teilnahme +erregte. »Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,« sagte sie, +»und deshalb bin ich schon seit meinem fünfzehnten Jahr im Dienst und +hab’s so hart als Spülerin in einer Schenke. Wenn ich in ein so feines +Haus kommen könnte!« + +»Freilich können Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. Fahren Sie +nur gleich am Sonntag hinaus, aber ja nicht sagen, daß ich Sie geschickt +habe, bloß: Sie hätten’s gehört, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein +Klärchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!« + +»Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und weiße Böden?« + +»Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.« + +»Ich meine nur so, wenn’s so viele Zimmer sind, wegen dem Putzen, wenn +alle Böden weiß sind –« + +»Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht weiß, mehr so bräunlich –« + +»Vielleicht Parkett?« + +»Ja, ja wahrscheinlich.« + +»Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.« + +»Ich glaube auch gar nicht, daß sie Parkett sind, wie heißt man die +Böden, die so bequem sind zum Putzen?« + +»Die angestrichenen.« + +»Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.« + +»Und wie ist denn der Lohn?« + +»Der ist hoch und alljährlich wachsend, so viel ich weiß. Fräulein +Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.« + +»Ist’s ein gutes Fräulein? Ich frage ja nur, weil’s das Kind nicht gut +hat.« + +»Ja so, ja das Fräulein ist in allen wohltätigen Vereinen und schreibt +sehr schöne Briefe.« + +»Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir’s ansehen, aber ums Fahrgeld +ist mir’s halt.« + +»Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber warten Sie nur, ich +kann Ihnen schon etwas geben; dreißig Pfennig kostet die Fahrkarte, so +viel habe ich vielleicht noch Taschengeld, aber die Anzeige war so +teuer.« Heinrich zog sein Beutelchen. »Nein, siebenundzwanzig sind’s nur +noch, aber drei können Sie wohl darauflegen?« + +»Ja,« sagte das Mädchen gutmütig, »den letzten Pfennig will ich Ihnen +auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig bekomme.« + +»Gut,« sagte Heinrich, »dann habe ich doch noch sieben im Beutel, die +Woche ist noch lang!« + +Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts verstehen können, +aber als sie sahen, daß sich allmählich eine ganze Anzahl Schüler +neugierig um die Beiden sammelte und daß Heinrich seinen Geldbeutel +hervorzog, machten sie der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen +Neffen herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmädchen +durch den Torweg verschwand. + +Als Heinrich in fröhlicher Stimmung, dem Ruf seines Onkels folgend, die +Treppe hinaufsprang, war er nicht wenig bestürzt, den ganzen Gang voll +Professoren zu sehen, ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem +Klassenlehrer. Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte angesichts +so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich ein peinliches +Verhör. Der Rektor fragte zuerst: »Was hast du mit dem Mädchen im Hof +gesprochen?« + +Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft wie sein älterer +Bruder war er von Natur nicht und nicht immer hatte er bei seinen +Streichen der Versuchung widerstanden, sich ein wenig herauszuschwindeln. +Diesmal aber, in dem Gefühl, daß er in bester Absicht gehandelt hatte +und auch unter dem Eindruck der Würdenträger, die vor ihm standen, hielt +er mit der Wahrheit nicht zurück, sondern sagte gerade heraus: »Ich habe +das Mädchen gedungen für Fräulein Stahlhammer, bei der meine kleine +Schwester ist.« + +»So war von dir diese Anzeige verfaßt?« fragte der Rektor. + +»Ja,« sagte Heinrich, »die ist von mir.« + +»Wer hat davon gewußt?« + +»Wem hast du es vorher mitgeteilt?« + +»Gar niemand.« + +»Heinrich!« sagte der Onkel vorwurfsvoll, »weder der Tante noch Konrad?« + +»Niemand,« sagte Heinrich, »sie wären doch alle dagegen gewesen.« + +»Damit gibst du zu,« sagte langsam und nachdrücklich Heinrichs +Klassenlehrer, »daß du dir wohl einer unrechten oder törichten Handlung +bewußt warst.« + +»Für unrecht habe ich’s nicht gehalten,« sagte Heinrich, »aber für +anders als man’s gewöhnlich macht, und das wollen sie immer nicht.« + +»Sie wollen es nicht? Wer ›sie‹?« fragte der Klassenlehrer scharf. »Wen +meinst du mit diesem geringschätzigen ›sie‹?« + +»Bloß die Menschen,« sagte Heinrich. + +»Ich verstehe den Zusammenhang nicht,« sagte der Rektor, sich an +Professor Kuhn wendend, »was kann ihn veranlaßt haben, für andere Leute +ein Mädchen zu dingen? War er beauftragt?« + +»Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine Schwester wird in +ihrem Kosthaus von dem Dienstmädchen allem Anschein nach nicht gut +behandelt und beeinflußt; darüber waren die Brüder – und ich allerdings +mit ihnen – sehr betrübt. Meine Frau und ich konnten uns aber der +Verhältnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf diesen Ausweg +verfallen zu sein.« + +»Nun,« fragte der Rektor, »und was hast du denn ausgerichtet? es sind +wie mir scheint mehrere gekommen.« + +»Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie hat mir +versprochen, daß sie nach Waldeck fährt.« + +»Man darf vielleicht,« sagte der Onkel, sich an den Rektor und den +Klassenlehrer wendend, »die Anhänglichkeit der drei erst kürzlich +verwaisten Geschwister als Entschuldigung für Heinrich ansehen. Er hat +es gut gemeint mit seiner Schwester.« + +»Wenn Sie es so auffassen,« sagte der Rektor, »so schließe ich mich +Ihnen an, Sie kennen die Verhältnisse. Ich sehe keine strafbare Handlung +in dem Vorgefallenen; du kannst gehen, Heinrich.« Dieser ließ sich’s +nicht zweimal sagen; wie ein Wiesel schlüpfte er zwischen den Herren +hindurch, möglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die Sache nicht +eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer traute er nichts Gutes +zu, er sah ihn so ungnädig an. In der Tat sagte dieser auch etwas +mißbilligend zum Rektor: »Er ist gut durchgekommen für diese +unziemliche Handlung, fast zu gut.« + +»Ja,« sagte der Rektor, »schicken Sie ihn nach Schluß der Schule noch +einmal allein in mein Zimmer.« + +Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen Lehrers; Heinrich +aber war bestürzt, als er durch den Lehrer erfuhr, daß noch etwas +nachkommen sollte. Er fand sich nach dem Schluß der Schule im Zimmer des +Rektors ein. (Auf dem Tisch lagen die Hefte der #IX.# Klasse aus dem +Jahrgang 88.) »Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,« sagte der +Rektor, »das verdankst du der Fürsprache deines Onkels. Mit väterlicher +Treue ist er für dich eingetreten. Einen andern Mann an seiner Stelle +hätte es gekränkt, daß du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er +hat bewiesen, daß er dich lieb hat. Hast du auch ihn lieb?« + +»Ja,« sagte Heinrich, und das kam von Herzen. + +»Dann beweise auch du es. _Wie,_ das muß dir dein Herz sagen.« + +»Ich will’s tun,« sagte Heinrich. + +»Und noch etwas: du hast dich darüber beschwert, daß die Menschen nie +etwas anders machen wollen, als man es gewöhnlich macht, und das war der +Grund, warum du deine Absicht, ein Mädchen zu dingen, nicht vorher +verraten hast, nicht wahr?« + +»Ja,« sagte Heinrich, »es heißt immer: das kann man nicht, oder: so +macht’s niemand.« + +»Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr ganzes Leben +hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu handeln. Bei ihnen heißt es: so +machen’s alle Leute.« »Ja, ja,« sagte Heinrich von Herzen zustimmend. + +»Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen gehörst, sondern +wenn du später als Mann sagst: Ich tue, was gut und verständig ist, +ob’s nun andere auch so machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als +Mann. So lange du noch jung und unselbständig bist, darfst du dir nicht +herausnehmen, nach eigenem Gutdünken zu handeln; kannst auch überzeugt +sein, daß es meistens nicht gut ausfallen würde. Also für die nächsten +Jahre: Vertraue alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen magst, +das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue was recht ist.« + +Heinrich kam später als sein Onkel von der Schule heim. Inzwischen hatte +dieser noch über die Sache nachgedacht und war ärgerlich über den +Jungen. Wer konnte wissen, was der alles anstellen würde, nachdem er +einmal angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rücken solche Dinge +zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache ausgehen! Fräulein +Stahlhammer ließ sich kein Mädchen aufdrängen, am wenigsten, wenn es von +dieser Seite kam; Mine würde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache +nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor saß eben vor seinem +Schreibtisch, in dem er seine Hefte verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die +Jugend versammelte sich schon im Eßzimmer, da ging die Türe auf und +Heinrich sah herein. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Empfindungen +schwer über die Lippen bringen. Lebhaft ging er zu seinem Onkel und +dessen Hand fassend sagte er: »Das war so fein von dir, Onkel, daß du +mir geholfen hast. Mein Professor hätte mich ja am liebsten in den +Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wärst, ich danke +dir recht schön dafür! Sogar der Herr Rektor hat etwas von deiner +väterlichen Fürsorge gesagt, es war etwas sehr Schönes.« + +Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon wieder ganz +freundlich auf seinen Neffen. »Die Hauptsache ist,« sagte er, »daß du +nicht noch einmal so etwas tust.« + +»Nein, in den nächsten Jahren nicht mehr, das habe ich schon mit dem +Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel? +Ich habe in der Pause nichts essen können, bin furchtbar hungrig.« + +»So komm,« sagte der Onkel und sie gingen unwillkürlich Hand in Hand – +es war wohl der Rektor, der diese Hände ineinandergelegt hatte. + + +VIII. + +Am nächsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Küche abspülte, klingelte es +und ein Mädchen meldete sich. Sie sei aus der Stadt hierhergeschickt +worden, weil man hier ein Dienstmädchen suche. Mine traute kaum ihren +Ohren. »Das ist aber unerhört,« rief sie, »ich habe ja noch gar nicht +gekündigt und mein Fräulein weiß von nichts. Wer hat Sie denn geschickt? +Gewiß Frau Professor Kuhn?« + +»Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist’s besprochen worden.« + +»Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich denn jetzt? Versuchen +Sie’s eben und gehen Sie hinein. Wenn das Fräulein Sie will, dann soll’s +mir auch recht sein.« + +»Da ist ein Mädchen,« sagte Mine, indem sie die Türe aufmachte zu dem +Eßzimmer und sich rasch wieder zurückzog. Fräulein Stahlhammer saß da, +die Zeitung lesend, und Klärchen war mit ihrer Puppe beschäftigt. »Was +möchten Sie von mir?« fragte Fräulein Stahlhammer, »wer sind Sie?« + +»Katharine Schwarz heiße ich und weil ich gehört habe, daß Sie ein +Mädchen suchen, wollte ich mich vorstellen.« + +»Das ist jedenfalls eine Verwechselung,« sagte Fräulein Stahlhammer, +»ich suche keines. Wer hat Ihnen denn das gesagt?« + +»Im Hof ist’s gesprochen worden.« + +»So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mädchen schon seit fünf +Jahren und behalte sie auch.« + +»Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herüber gefahren,« sagte das +Mädchen. »Ich wäre erst so gerne gekommen; so ein stilles Plätzchen bei +guten Leuten, das gefiele mir.« + +»Das tut mir leid für Sie. Vielleicht ist’s in einem der Nachbarhäuser. +Meine Mine weiß das. Kommen sie einmal mit mir in die Küche.« Das +Mädchen folgte ihr. »Mine, nehmen Sie sich um das Mädchen an, sie ist +irrtümlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr eine Tasse Kaffee +ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein Plätzchen für sie.« + +Nun waren die beiden zusammen in der Küche; Mine räumte noch ihr letztes +Geschirr auf und Katharina ließ sich den Kaffee schmecken, nachdem sie +zuerst große Umstände gemacht hatte, ihn anzunehmen. »Da gefiele mir’s,« +sagte sie, »so ein freundliches Fräulein, das gleich Kaffee einschenken +läßt und so stattlich und hochgewachsen und alles so nobel und fein im +Haus, und dem Kind sieht man’s von fern an, wie gut es ist.« Im Lauf des +Gesprächs hatte Mine bald herausgebracht, daß kein anderer als Heinrich +das Mädchen hergeschickt hatte. Ja, der Schlingel, wenn der wirklich ins +Haus kam mit seinen Raupen und der große Bruder auch noch dazu, dann +waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich auch versprochen zu +gehen. + +Inzwischen hatte Klärchen zur Patin gesagt: »Kann das gute Mädchen nicht +bei uns bleiben?« + +»Wir haben ja unsere Mine,« sagte die Patin, »die ist auch gut.« +Fräulein Stahlhammer nahm wieder die Zeitung, aber es war nicht viel mit +dem Lesen. Nie hatte sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und +jetzt auf einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wäre, mit dem +jungen Mädchen, das so freundlich aussah, ganz neu anzufangen. Mine war +im Lauf der Jahre so selbständig geworden, sie nahm ihr auch die Kleine +ganz aus der Hand. Sie sagte so oft: »Die Kleine spürt’s, daß Sie seine +Mutter nicht sind,« das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mädchen würde so +etwas nicht denken und jedenfalls nicht sagen. Was wohl Mine zu dem +Vorschlag sagen würde, daß sie diesem Mädchen weichen sollte? +Unentschlossen ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. »Was würde +mein Bruder von mir denken?« sagte sie sich selbst, »er würde zu mir +sagen: »Du, die große Stahlhammer, traust dich nicht mit deinem Mädchen +zu reden?« Wirklich, sie war allmählich dieser Mine gegenüber ganz +schüchtern geworden. Sie schämte sich ihrer Schwäche. + +»Klärchen, sage doch Mine, sie möge herein kommen.« Mine kam, Klärchen +blieb in der Küche und schloß Freundschaft mit Katharine. + +»Es scheint ein ordentliches Mädchen zu sein?« sagte Fräulein +Stahlhammer zu Mine. »Ja, ein gutes Zeugnis hat sie bei sich und ein +armes Ding ist’s, dem’s immer hart gegangen ist bisher.« + +Nun nahm Fräulein Stahlhammer einen Anlauf: »Wie wär es, Mine, wenn ich +es mit diesem Mädchen versuchte und Sie mit einem andern Dienst?« + +Zu Fräulein Stahlhammers großem Erstaunen war Mine’s sofortige Antwort: +»Gerade wollte ich’s auch vorschlagen!« + + * * * * * + +Einen Monat später war Mine abgezogen, in der Küche hauste das neue +Mädchen. Es war der erste Abend. Bisher war es immer Mine gewesen, die +Klärchen begleitet hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die +Patin selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein wenig +sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz zutraulich. »Kommst +du jetzt alle Tage selbst mit mir?« fragte das Kind. »Ja, wenn ich nicht +im Verein bin.« + +»Hat unsere Katharina auch einen Verein?« + +»Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.« + +»Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du fort warst?« + +»Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie dich dann allein +gelassen?« + +»Ja, aber das hat man gar nicht sagen dürfen, nur dem Konrad habe ich’s +gesagt.« + +»Das mußt du dir nicht verbieten lassen, Klärchen. Wenn die Katharina +einmal will, daß du mir etwas nicht sagst, dann mußt du gleich +antworten: Der Patin sage ich alles.« + +»So? So soll ich’s machen?« sagte die Kleine ganz verwundert. + +»Ja, so sollst du’s machen, so machen es alle lieben kleinen Kinder.« + +Die Patin gab dem Kind einen Kuß und beide hatten das Gefühl, es sei +etwas weg, das sie bisher getrennt hatte. + +Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne daß zur Familie des Professors +irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer gedrungen wäre. Die Brüder +scheuten sich, hinzugehen, wußten sie doch nicht, wie Heinrichs +Einmischung in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da begegnete +diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, und mit stolzer Befriedigung +erfuhr er, daß die von ihm gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden +und Mine ihr Platz gemacht hatte. Aber Mine wußte auch noch das +allerneuste. Fräulein Stahlhammer läge krank zu Bett und werde +wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu Hause erzählt, als +seine Tante erklärte: »Das ist für mich die Gelegenheit, endlich einmal +Fräulein Stahlhammer aufzusuchen; schon lange liegt es mir schwer auf +der Seele, daß kein freundliches Einverständnis zwischen uns herrscht, +ich mache ihr einen Krankenbesuch!« + +Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als sie hinausfuhr aus +der großen Stadt und das hübsche Häuschen aufsuchte, das am Ende des +Städtchens lag, ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald +übergingen. Das neue Dienstmädchen fragte Fräulein Stahlhammer gar nicht +erst, ob sie zu sprechen sei, sondern ließ den Besuch ohne weiteres ein. +Im Schlafzimmer lag, unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fräulein +Stahlhammer im Bett und das Kind saß nahe dabei, spielend an seinem +Tischchen. + +Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit für das Kind, sie trat ans +Bett und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie krank sind, und wollte mich +deshalb nach Ihnen umsehen.« + +»Danke,« sagte Fräulein Stahlhammer, »es geht mir schon besser; aber Ihr +Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte Ihnen schon in diesen Tagen +schreiben und kann es doch nicht recht.« + +Hocherfreut über diesen unerwartet freundlichen Empfang setzte sich die +Tante ans Bett und nach einigen Reden über die Art der Krankheit sagte +Fräulein Stahlhammer: »Was ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich +nicht gern vor der Kleinen sagen.« + +Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was +darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei +Frauen waren allein. »Ich habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich +krank bin,« sagte die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe +und da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie +ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, dürfe es zu Onkel und +Tante und zu den Brüdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz +meine Gegenwart vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht brav +bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.« + +»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten gar nicht darauf +hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.« + +»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich weiß jetzt, daß sie +mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht +recht von mir, daß ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne +ich Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt hätte, so +möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei Ihnen eine +glücklichere Kinderzeit haben wird.« + +Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer schwer wurde, diese +Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich +begreife nicht,« sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt. +Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, das +Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern aufwächst. Leider +sind es bei uns lauter Knaben.« + +»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« sagte Fräulein +Stahlhammer. + +»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern läßt es sich zwar nicht +mehr einrichten, aber von den Sommerferien an können wir sie aufnehmen.« + +»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« sagte die Patin +bereitwillig. »Ihre Brüder können sie besuchen so oft sie wollen, und +ich werde ihr auch eine kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner +Bekannten hat auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis +jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen sich mehr an +mich anschließe, aber nun, da sie doch fort kommt, ist’s gleichgültig.« + +»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darüber,« sagte Frau +Professor Kuhn, »mein Mann würde wohl nicht gern noch einmal bei ihm +seinen Vorschlag wiederholen.« + +»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten die beiden Männer +nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so +herzlos, als Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest +bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kämmerlein. Das +Kind wußte es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.« + +»_So_ war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut mich noch +nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich selbst war trotz allem +Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm +die Hand der Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl sind, +kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns näher kennen +lernen und späterhin, wenn Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen +uns, dann werden Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.« + +»Wollen Sie Klärchen rufen? Ich möchte es ihr gleich mitteilen.« Die +Tante führte das Kind herein. »Klärchen,« sagte die Patin, sich im Bett +aufrichtend, »weißt du, was deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im +Sommer, wenn deine Brüder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst +ganz und für immer bei Onkel und Tante bleiben!« + +»Aber der Vormund holt mich gleich wieder,« sagte Klärchen. + +»Diesmal nicht,« sagte die Patin, »jetzt erlaubt er es, er führt dich +vielleicht selbst in die Stadt.« + +Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit der Nachricht +erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die Tante und sagte: »Dann bist +du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder +alle Tage meine Brüder!« + +»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg +zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet, +weil sie weiß, daß es dich freut.« + +»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du’s eingerichtet? Gelt dann bist +du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh!« rief sie in +einem Ton, der glückselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr +gehört hatte. + +Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für diesen Sommer gab sie +ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie möglich im +Freien sein. Sie nahm Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den +nahen Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine +Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. Es war ein +Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr +gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt. + +Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes +Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos +und Gebüsch und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde kam in +aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und +Klärchen, die zuerst staunte über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich +bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen +auch die Zukunft, die Gegenwart war schön. + +Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald saß +und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen, +zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen +Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, blieben sie +ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die manche der Kinder +kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen hielt sich zur Patin. + +»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr?« sagte +eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern. + +»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, aber Klärchen kommt +fort.« + +Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren +Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht recht bei der Sache und nach +einer Weile kam sie zögernd zur Bank her, auf der die Patin lesend saß, +legte ihr die Hände auf den Schoß und sagte leise: »Patin?« + +Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?« + +»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?« + +»Du darfst, du _mußt_ nicht.« + +»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?« + +»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das +Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald +Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und +Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange +gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen +hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach +gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester, +unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die +Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen, +ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des +knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das +stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin. +Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun +leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich. + +Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte, +nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er +sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig +nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die +Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du +sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und +dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein, +möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in +der Stadt. + + + + +Regine Lenz. + + +Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte, +hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war +wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein +Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen +war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine +Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese +Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher +an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit +nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die +älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von +der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen +mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren +düsteren Mienen zu schließen. + +Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im +Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht +einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und +ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut +langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte +und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den +Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.« + +Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken +versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist +denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß +irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du’s nicht? +Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell +wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim +bleibst!« + +Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit +gesenktem Kopf davon. + +Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es +wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es +wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht +bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der +Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein? + +Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind +blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem +Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke +stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines +Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz. +Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf. + +»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte +Hände; was tust du denn da?« – »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,« +sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine +fragte das Kind. + +»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat +sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar +nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was +heißt das ›gestohlen‹? Wohin führt sie jetzt der Mann?« + +Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt +über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt +begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit +Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen. + +Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine +hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.« +Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und +hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!« + +»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das +kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten +Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte +sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter +treibt es auch schon wie die Mutter.« + +Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie +mochte nichts weiter hören. + +Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich +endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an +dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie +Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den +Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da +und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den +Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm +doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte. +Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück +bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte +auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute +Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter +hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den +Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor. +War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht +lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter +allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der +Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne +Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen. + +Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie +sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten +alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin: +»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie +gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die +Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als +sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der +Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande +des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört +hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen! + +Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem +Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich +bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht +näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt +verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie +hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie +übersehen hätten. + +Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle +vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen +brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich +allmählich. + +Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater +mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag +kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie +sitzen.« + +»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der +Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die +Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man +brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige +verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die +Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.« + +»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das +nicht sein.« + +Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den +Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die +Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen +beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit +handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich +nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden, +um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob +dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete +eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete +schon den Mund, um zu sprechen. – Da stockte sie plötzlich und kehrte +sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß. + +»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht +zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte +doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre +Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und +schwieg. + +Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht +an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht; +aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen: +Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.« + +Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist +gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu +vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.« + +»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen +an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die +sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller +Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber +nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete +er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,« +sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von +dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit +wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht +begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch +und dabei nicht so herzlos wie du!« + +Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den +unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn +das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine +kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder +vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre +angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben +Stunde. + +Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während +des Unterrichts. + +Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte +noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen. +Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde +über das Vorgefallene. + +»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.« + +Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um +sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der +Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß +alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du +ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir +ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die +sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel +Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil +du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus, +wir andern wollen noch singen.« + +Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch +das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie +die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging, +wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich +weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal +hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß +sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher +hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander +nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und +jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht +besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle +Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne +Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich +nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es +vorher vielleicht nicht war, – in dieser Stunde hatte das Vertrauen des +Pfarrers sie dazu gemacht. + +Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging +Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken +geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst +einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder +Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er +für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete. +Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein +aufgeweckter Bursche. + +»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der +Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder +konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der +Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch +schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen +so gerne vor ihm verborgen! + +Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief +er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du’s auch schon wie die Mutter? +Was versteckst du in der Tasche?« – Da blickte sie auf zu ihm und sagte +leise: »Ich will dir’s erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören; +komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme: +»Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem +Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier +vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die +Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich +vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und +daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir +seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und +dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse +ins Pfarrhaus bringen.« + +Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich +vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder +sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach +keine Umstände!« + +Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was +die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit +Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit +den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die +Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern +mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem +Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt +folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?« +fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er +nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester. + +»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf +nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen +Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er +sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese, +erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder +auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr +klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.« + +Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und +sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts +von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von +mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum +Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der +Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt +kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz; +wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer +zusammen, gelt, Thomas?« + +Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir +zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es +zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den +kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft, +wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in +dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste +wachrief. + +Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine +Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer +selbst.« + +Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im +Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war +auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind +ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und +wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war +verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst +wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es +für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das +Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau. + +»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch, +– durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen +Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?« + +In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um +die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in +Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe +und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten +Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht +ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt +hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob +sie gewachsen wäre, die Kleine. + +Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten +Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu +Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie +an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die +Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.« + +Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann sorgst du für Regine?« + +»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete der Bruder ärgerlich. + +»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann schon; aber ich kann +nicht alles hergeben für die Kleine. Sie könnte auch selbst manchmal +etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!« + +»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas. + +»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr +zugehört; aber das hätte er doch gerne gewußt, wer in seiner Familie +ehrlich sei. + +»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und +sie hat seine Börse voll Gold und Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus +tragen müssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch +nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie hätte mir +einen abgebissen; ist’s nicht wahr, du?« Die beiden Verbündeten sahen +sich vergnügt an, worüber Marie große Augen machte, denn sie konnte die +Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine. +»Ehrlich ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile: +»Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran +darf’s nicht fehlen.« + +Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, seitdem die Mutter +das Haus verlassen hatte. Ein einziges Mal waren Nachrichten aus dem +Gefängnis gekommen; einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll +Sehnsucht nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte auch am +meisten die Mutter. Wenn die Großen morgens alle das Haus verließen, +legten sie wohl mancherlei zu essen hin, oder sie brachten ihn zu einer +mitleidigen Nachbarin: aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf +der Straße herum; sehnsüchtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich +wieder die Straße herunterkäme, in der sie vor seinen Augen verschwunden +war. Sie trösteten das Kind manchmal, Regine komme jetzt bald ganz aus +der Schule und bleibe dann immer bei ihm wie früher die Mutter. Nur noch +vier Wochen mußte sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang. + +Nein, nicht lang, und doch zu lang für das mutterlose Kind. Einmal fand +Regine es ganz durchkältet, die Schuhe und Strümpfe vollständig +durchnäßt, die Füße eiskalt von dem geschmolzenen Schneewasser, in dem +es herumgestiegen war. Weinend saß der Kleine auf der steinernen +Hausstaffel und zitterte am ganzen Körper. Nun wurde er freilich zu +Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie den Arzt zu ihm. +Marie blieb nun von der Fabrik daheim und pflegte mit Liebe den kleinen +Bruder; aber die Fürsorge kam doch zu spät, und ehe sie nur recht gewußt +hatten, daß das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer +Lungenentzündung erlegen. + +In großer Bestürzung standen sie alle an dem Bett des Kleinen, und _ein_ +Gedanke beherrschte die ganze Familie: der Gedanke an die Mutter. Wie +würde sie die Nachricht ertragen! Was mußte das einst für ein Heimkommen +sein, wenn sie ihren Liebling nicht mehr fände! Und welche Vorwürfe +würde sie ihnen machen! Hätte man das Kind nicht unter Tags in Kost +geben können, oder in eine Kinderschule schicken? Aber all diese +Gedanken kamen zu spät. + +Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und noch hatte niemand +sich entschließen können, der Mutter die Trauerbotschaft zu schreiben. +Der Vater tat es endlich mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben +war ihm ungewohnt. + +Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte sie nicht schreiben, +oder war sie krank geworden vor Kummer? Zürnte sie ihnen, daß sie das +Kind nicht besser behütet hatten? Sie hörten nichts von ihr. + +Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt und bei diesem +Anlaß Einblick in die Familie getan; auch war ihm so manches über sie +bekannt geworden, was ihn für seine Konfirmandin besorgt machte. Er +hatte das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt in ihr, +aber es mußte gepflegt werden. So hätte er dies Mädchen gern in andere +Verhältnisse versetzt, wo es unter ehrlichen Menschen sich in der +Ehrlichkeit befestigen konnte. So manches Mal beriet er mit seiner Frau +darüber; aber wo sollte man ein so kleines Mädchen unterbringen, von dem +man nicht einmal rühmen konnte: es ist aus gutem Haus! + +Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde Regine wieder von dem +Pfarrer aufgefordert, nach der Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort +wurde sie freundlich empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte, +eifrige Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, daß sie +für Regine ein gutes Plätzchen gefunden hatte. »Es ist bei meiner +Schwester,« erzählte sie ihr, »bei einer Pfarrfrau auf dem Lande. Sie +hat kleine Kinder, herzig nette Kinderchen; und ein ehrliches treues +Dienstmädchen, das aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird. +Dort kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein und selbst +ein solcher werden, und das möchtest du doch gewiß?« Regine bejahte aus +aufrichtigem Herzen. + +»Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,« fuhr die Pfarrfrau fort, +»fünf Mark im Monat, und nach einem Jahr, wenn du dich bewährst, +erhältst du das Doppelte. Bis dahin wirst du in der frischen Landluft +und bei der guten Kost groß und stark geworden sein. Nun geh nur heim +und erzähle es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester +bittest du, daß sie dir die nötige Wäsche und Kleider richtet. Gleich +nach der Konfirmation müßtest du abreisen, denn meine Schwester möchte +am liebsten schon heute eine Hilfe.« + +Regine eilte, ganz erfüllt von diesem Lebensplan, nach Hause. Sie fühlte +sich so stolz und glücklich, wie wenn sie sich schon als treue Pfarrmagd +bewährt hätte. Wie würden sie sich daheim alle wundern über das +Vertrauen, »Respekt!« würde Thomas wieder sagen. Und sie träumte sich +hinein unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern. + +Zu Hause saßen der Vater und Marie schon am Mittagstisch, Thomas fehlte +noch. Sie wollte mit ihrer Erzählung warten, bis er käme; aber als es +eine Weile gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten, was ihr +ganzes Herz erfüllte. »Die Frau Pfarrer weiß mir ein gutes Plätzchen,« +begann sie und wiederholte alles, was sie darüber gehört hatte. Und nun +erlebte sie eine schmerzliche Enttäuschung. Mit Hohn und Geringschätzung +wurde von diesem »Plätzchen« gesprochen und dieses so heruntergemacht, +daß nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr daran blieb. Als Kummer und +Scham ihr eben Tränen in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim +Anblick dieses ihres Verbündeten faßte Regine wieder Mut. Ehe sie aber +ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon Marie entgegen: »Du, als +Magd will die Regine fortgehen, aufs Land, und fünf Mark Monatslohn +bekommt sie; was sagst du dazu?« Und sie lachte laut. + +»Unsinn,« entgegnete Thomas und schien gar nichts weiter wissen zu +wollen, sondern machte sich daran, seine Suppe zu essen. Und die andern +sprachen auch nichts mehr darüber. Regine verstand sie alle nicht. Warum +wollten sie ihr denn das schöne Plätzchen nicht gönnen? Sie brachte kein +Wort mehr heraus während des Essens, so bitter und schmerzlich war ihr +zumute. Als aber der Vater sich anschickte wegzugehen, rief sie, während +ihr die Tränen aus den Augen stürzten: »Was soll ich denn dann der Frau +Pfarrer sagen?« + +Da sah Thomas die kleine Schwester überrascht an; er merkte erst jetzt, +daß es sich für sie um eine Lebensfrage handelte. »Was ist’s eigentlich, +was will sie denn?« fragte er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und +Herreden. »Verdingen will sie sich,« rief Marie, »statt daß sie in die +Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.« + +»So viel mehr ist’s zwar auch nicht,« entgegnete jetzt der Vater, »du +rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. Im Dienst hat sie +alles frei, Kost und Wäsche, das macht ein paar hundert Mark im Jahr; +und dabei wird sie vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die +ich kenne.« + +Marie lachte. »So soll sie gehen; aber die Mutter tät’s nicht leiden, +wenn sie da wäre.« + +»Ja, das ist’s,« sagte der Vater, »sie will immer hoch hinaus mit ihren +Töchtern.« + +»Ja, die Mutter, das ist wahr,« meinte auch Thomas, »wenn sie heimkommt +– das eine Kind ist tot, das andere fort; – Regine, sei gescheit, höre +auf zu weinen. Sag dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die +Mutter fort sei; er weiß ja schon davon und wird’s verstehen.« + +Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht zufrieden mit ihrem +Bundesgenossen. Er hatte nicht zu ihr gehalten, und nun war es aus und +vorbei mit ihrem schönen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur +Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. Regine holte +ihren Katechismus und setzte sich an das andere Ende des Tisches, um zu +lernen. Sie schlug das Buch auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen, +groß und deutlich standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift +geschrieben einige Worte. Unwillkürlich sagte sie laut: »Wie kommt denn +das in mein Buch?« Thomas blickte von seiner Zeitung auf. »Was steht +denn darauf?« + +»Nur ein Sprichwort; ich weiß nicht, wie das Papier in mein Buch kommt.« +Gleichgültig schob sie es beiseite. + +»Zeig doch her, was ist’s für ein Sprichwort?« rief Thomas, griff nach +dem Blatt und las laut: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« Er +behielt das Papier in der Hand und starrte darauf; während Regine wieder +in ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als nach einiger +Zeit ihr Bruder rief: »Wer hat dir denn die Bosheit angetan? Gewiß +wieder die Emilie Forbes! Weißt du nicht, was das heißen soll: Der +Apfel fällt nicht weit vom Stamm?« Und als Regine ihn immer noch +verständnislos ansah, sagte er: »Das heißt, daß du auch nicht ehrlich +bist, weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?« + +Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; über und über errötete +sie und sah das Blatt Papier an wie etwas Häßliches, Feindseliges. »Aber +das ist nicht die Schrift von Emilie Forbes,« sagte sie nach einiger +Zeit. – »Dann hat es jemand anders für sie geschrieben; sie will +natürlich nicht, daß euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, wenn du ihm +das Blatt zeigst.« + +»Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen davon +gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das nicht getan hätte!« Sie +stützte den Kopf in die Hände und weinte. Es war auch heute alles so +traurig; das gute Plätzchen durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch +das dazu! + +Der Bruder war erzürnt über Reginens Mitschülerin. »Ich schreibe dir +auch einen Zettel,« sagte er, »den legst du in ihr Buch, und an dem soll +sie auch keine Freude haben!« Nicht umsonst half er täglich als Setzer +eine Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe Antwort +kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht fein. Aber Regine wollte +nichts davon wissen, Thomas wurde ärgerlich. »So etwas läßt man sich +doch nicht gefallen!« sagte er, »was hilft dein Weinen? Wehren muß man +sich!« – Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: »Es wird eben wahr +sein, Thomas, was auf dem Zettel steht; wir sind alle nicht ehrlich, +weil’s die Mutter nicht ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so muß +doch auch das mit uns wahr sein!« + +Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah das Sprichwort auf dem +Papier nachdenklich an. Aber bald sprach er tröstend zur Schwester: +»Nein, nein, es ist nicht wahr. Die Äpfel bleiben freilich liegen, wo +sie hinfallen; aber wir Menschen können aufstehen, und gehen, wohin wir +wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon einmal nicht, wir zwei, +gelt, du?« Da hob die Schwester vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder, +der jetzt wieder mit ihr im Bunde stand. Sie rückte näher zu ihm heran +und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blättchen Papier beschrieb. »So,« +sagte er, »das kannst du ruhig Emilie Forbes ins Buch schieben; das ist +jetzt ganz zahm, und wenn es zufällig dein Pfarrer zu lesen bekäme, so +hätte er selbst nichts dagegen.« – Regine las: »Ein Apfel bin ich nicht, +der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch und kann mich frei vom +Platz bewegen.« + +Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. »Das Blatt kannst du ihr +frei in die Hand geben, dann sieht sie gleich, daß du dich nicht vor ihr +fürchtest. Paß auf, dann läßt sie ihre bösen Reden künftig bleiben.« + +Als nach der nächsten Konfirmandenstunde Emilie Forbes eben ihre Bücher +zusammenpackte, wandte sich Regine nach ihr um, schob ihr das Blatt +Papier entgegen und sagte: »Das gehört in dein Buch.« Betroffen sah das +Mädchen auf die Worte, die da standen, und errötete beschämt. Aber sie +geriet in noch größere Aufregung, als sie bemerkte, daß Regine vor allen +andern Mädchen mit dem Pfarrer zugleich den Saal verließ; gewiß in der +Absicht, mit ihm reden zu können. Darin hatte sie auch recht, nur daß +Regine nicht über das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan +hatte; nein, sie mußte dem Pfarrer Bescheid geben wegen des schönen +Plätzchens, das sie nicht annehmen durfte. Zögernd brachte sie die +ablehnende Antwort heraus. Dem Pfarrer war es sichtlich leid, daß der +Vorschlag seiner Frau nicht angenommen wurde. »Schade, schade!« sagte +er, »es wäre so gut für dich gewesen.« Gerne hätte er in dem Herzen des +Mädchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der wahre und einzige +Grund der Ablehnung war. »Später, wenn deine Mutter zurück ist, dürftest +du dann die Stelle annehmen?« fragte er. Regine wußte nichts darauf zu +antworten. Die Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen +wissen wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. Sie +gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander. + +»Zunächst ist da nichts zu machen,« sprach jetzt der Pfarrer, +»vielleicht später, wenn deine Mutter heimkommt. Das wird ein trauriges +Wiedersehen geben, Regine, wenn die Mutter deinen kleinen Bruder nicht +mehr findet. Du mußt sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan +hat. Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte du es, +Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an den Altar trittst, so +denke daran, was ich dir gesagt habe; und wenn ich dir die Hand zum +Segen aufs Haupt lege, so werde ich auch daran denken: das ist eine, die +hat einen schweren Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben, +aber die Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!« + +Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. Regine saß am +Nachmittag ganz allein zu Hause; der Vater, der Bruder, die Schwester +waren da- und dorthin gegangen. »Wenn du konfirmiert bist, nehme ich +dich auch einmal mit dahin, wo’s lustig zugeht,« hatte Marie +versprochen; obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie früher, +sondern blaß und verstimmt war. Aber sie war doch gegangen, und Regine +war allein. + +Alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem nächsten Sonntag. Gestern +Abend hatte die Näherin ihr das schwarze Kleid gebracht; es sah wie neu +aus, obwohl es aus dem der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem +Schrank und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. Man hörte +gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. Ob sie wohl wußte, +daß am nächsten Sonntag ihre Konfirmation war? Wie traurig zu denken, +daß die Mutter eingesperrt in ihrer Keuche sitzen würde, wie der Vater +das immer nannte; während andere Mütter in die Kirche kamen, um zu +sehen, wie ihre Kinder eingesegnet würden. Das zu denken, tat ihr weh. +Sie wollte ihr auch einmal schreiben, heute noch, gleich jetzt. Sie +sollte ja die Mutter lieb haben. + +So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag Nachmittag hin und +schrieb der Mutter einen langen Brief; erzählte ihr von der Konfirmation +und kam auch auf das verstorbene Brüderchen zu sprechen, wie es immer +nach der Mutter verlangt habe, und unter Tränen beschrieb sie die +Krankheit und den Tod des Kindes. Am nächsten Morgen bat sie den Bruder, +daß er den Brief überschreibe und besorge. Er las ihn und meinte, wenn +die Mutter nicht krank sei, würde sie ihn ganz gewiß beantworten. Darauf +hoffte nun Regine, und dachte es sich schön aus, daß sie zur +Konfirmation wenigstens einen Brief bekommen werde. + +Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation brach an, und es kam +kein Lebenszeichen von der Mutter. Regine dachte freilich an diesem +Morgen kaum mehr daran. Ihre Gedanken waren erfüllt von der Feier. Sie +mußte auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am Sonntag +Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht mit ihr gehen; und +Marie entschuldigte sich damit, daß sie heute etwas Gutes kochen wolle. +Aber Thomas begleitete sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen +Bruder und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was der Pfarrer +zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: »ich« soll die Mutter lieben +und die Unehrlichkeit hassen, sondern sie sagte »wir« und zog ihren +Bundesgenossen mit herein in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war. + +Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder stieg auf die +Empore und sah von oben, wie unter dem Geläute der Glocken die +Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff der Kirche bis zu den Bänken +vor dem geschmückten Altar kamen. Die Feier, die er seit der eigenen +Konfirmation nicht mehr mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen +das Herz. + +Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied der versammelten +Gemeinde denken: Welch ein kleines, schmächtiges Mägdlein, noch ein +ganzes Kind! Und doch war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen +mit solchem Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte ihr +doch auch der Pfarrer versprochen, daß er an sie denken wollte. Sie +erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem er sie eingesegnet +hatte, mit fröhlicher Zuversicht aus der Kirche heraus, um den Kampf des +Lebens aufzunehmen. + +Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben erst aufgestanden, +war mürrischer Laune; und die Schwester von eigenen Gedanken +hingenommen, die nicht erfreulich schienen. Doch hatte sie der +Konfirmandin zu Ehren ein gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille +verzehrt wurde. Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen. +Plötzlich ging die Türe leise auf, und in ihrem Rahmen erschien eine +blasse Frau mit abgehärmten Zügen und sah mit großen, traurigen Augen +auf die Anwesenden. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: »Die +Mutter!« Und da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen, +so blieb die Gestalt wie gebannt an der Türe stehen und rührte sich +nicht. Einen Augenblick währte die Bestürzung, dann erhob sich der Mann +und ging auf seine Frau zu. »Wie kommst du heute hierher?« fragte er. +»Ich glaube gar, du bist heimlich entwichen.« – »Nein, nein,« sagte die +Frau und trat nun näher an den Tisch heran; »ich habe meinen +Entlaßschein, ich bin frei. Die Hälfte der Zeit ist mir erlassen worden +wegen guter Führung, auch wegen meiner Kränklichkeit und aus Rücksicht +auf die Kinder. Zum Konfirmationstag haben sie mich entlassen.« + +Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der Stelle, wo noch +immer das leere Kinderbett stand; wandte sich dorthin, warf sich +schluchzend über das Bettchen und rief in lautem Jammer: »Mein Hansel, +mein gutes, gutes Kind!« + +Sie standen alle erschüttert und mit schlechtem Gewissen diesem Kummer +gegenüber, und jeden Augenblick erwarteten sie, daß die Mutter sich mit +Vorwürfen an sie wenden würde. Aber sie schien nicht an sie zu denken. +»O Kind!« rief sie, »ich bin schuld, daß du gestorben bist. Deine Mutter +hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! Hätte ich nur +bei dir sein und dich noch ein einziges Mal sehen können!« Allen, die da +standen, kamen die Tränen. Wie sah auch die Frau so elend und abgehärmt +aus! Nicht mehr wieder zu erkennen war sie. + +Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rührung zu verbergen. +»Laß jetzt das Jammern,« sagte er barsch. »Setz dich her und iß etwas, +du siehst ja aus, daß es Gott erbarmt!« Da erhob sich die Frau, setzte +sich an den Tisch und aß ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie +rückte ihr die Schüssel näher. »Du siehst so abgemagert aus, Mutter; +warst du krank oder hast du Hunger leiden müssen?« + +»Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche sagen auch, es sei +gut, aber mir hat keinen Tag das Essen geschmeckt,« sagte sie. »Schlaf +habe ich auch nicht viel gefunden. Ich war doch an unsere Federbetten +gewöhnt; die gibt’s dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank war +ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube gelegt. Da hat +man’s besser, und die Wärterin hat es wirklich gut mit einem gemeint und +mit jeder gesprochen. Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen. +Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo man ohne +Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann kam die Nachricht, daß +das Kind gestorben sei. Von da an habe ich keinen Schlaf mehr finden +können; immer mußte ich darüber nachgrübeln, daß ich’s hätte verhüten +können. An diese Nächte werde ich denken mein Leben lang.« + +Sie waren alle ergriffen und hörten noch manches von der Mutter; denn +sie war noch mit all ihren Gedanken bei dem, was hinter ihr lag, und +hatte noch keine einzige Frage an die andern gerichtet. Jetzt stand +Regine auf. »Ich muß in die Kirche,« sagte sie. Da schien die Mutter +erst wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen Blick wandte +sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen Kleid, mit dem langen +Kleiderrock vor ihr stand und ihr verändert vorkam. Daß das alles so +geworden war trotz ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwürdig; und als +nach Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, wie +sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, fand sich die Mutter +ganz allein zu Hause; wußte nicht recht, wozu sie da war und warum sie +sich heimgesehnt hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald saß sie +wieder trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, das ihr +zugejubelt hätte. + +So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst zurückkehrte. +Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid ging sie zu ihr hin. Die Mutter +fühlte das. »Komm, setze dich her und erzähle mir was von dir,« sagte +sie, und dann fuhr sie selbst fort: »Deinen Brief habe ich noch in der +Krankenstube bekommen und habe ihn die Wärterin lesen lassen, denn sie +ist eine gute gescheite Person. Sie hat auch gleich mit mir gesprochen, +wie sie deinen Brief gelesen hat. ›Das Kind ist noch unverdorben,‹ hat +sie gemeint, ›die dürfen Sie nicht mit der großen in die Fabrik +schicken. Ich würde sie gleich aus dem Haus in eine gute Familie tun.‹« +Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung erwachte in ihr. »Warum +schaust du so?« fragte die Mutter. – »Weil unser Herr Pfarrer auch so +meint,« entgegnete Regine und schilderte mit aller Wärme die Stelle, die +ihr angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte. + +»O,« rief die Mutter, »da hättet ihr zugreifen sollen, wenn es gleich +nur ein geringer Platz ist. Soviel habe ich jetzt gelernt: wenn man zu +hoch hinaus will, dann kommt man erst recht tief hinunter, bald genug +wird das auch die Marie erleben.« »Ich will nicht hoch hinaus, Mutter, +aber du willst ja nicht, daß wir in Dienst gehen.« – »Ich habe es +freilich nicht gewollt, aber wenn man solche Nächte durchgemacht hat wie +ich, dann denkt man über manches anders als vorher. Ich rate dir: danke +deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!« + +Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, wenn du so sagst, +dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute +Plätzchen noch zu haben ist.« Die Mutter wunderte sich über ihre Kleine; +die hatte sich verändert. »Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen +Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die Mutter +allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem +verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mädchen, das voll Eifer +ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie +hatte sich in der einsamen Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu +lassen: »Sie ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein +gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der +wenigstens kann man einmal Freude erleben.« + +Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend von dem raschen +Entschluß. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie +sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes +Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber nächste Woche soll +ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie +hilft nicht gerne dazu.« »Wir machen’s schon ohne sie,« meinte die +Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen +wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte Regine. Da verlor +das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher +gehabt hatte. »Gut, daß du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl; +zeigten sie ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute. + +»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte Thomas nachdenklich +zu der Schwester. »Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei +bleiben und für eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über +alles, was geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt +würde.« – »Was fängst du dann aber an, Thomas?« fragte die Schwester +betroffen. + +»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß ich bei einer +anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen +selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin +nur so zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so +ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will nicht liegen +bleiben, verstehst du?« + +Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu +ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.« + +Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun getrost verlassen; sie +meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird +Segen von ihnen über ihre ganze Familie kommen. + + + + +Von =Agnes Sapper= sind im gleichen Verlag erschienen: + + +=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten. +31.–40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.–. + + +=Werden und Wachsen.= Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder. 350 +Seiten. 16.–23. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 4.–. + + Der Glanzpunkt Sapperscher Erzählungskunst ist die Geschichte der + _Familie Pfäffling_ in zwei Bänden. Der erste Band mit der + Jugendgeschichte der Pfäfflingskinder ist eine Perle erzählender + Literatur, und für Kinder _und_ Eltern gleich interessant. Keine + großen äußeren Verhältnisse werden da vorgeführt, alles geschieht + nur im Rahmen einer bescheidenen, arbeitsamen Familie, und doch – + wie packt es, wie läßt einen von Satz zu Satz, von Seite zu Seite + die Spannung nicht los, und wie greift Freude und Leid im + Miterleben ins eigene Herz! – Dem Verlangen nach einem Mehr, das + auch den erwachsenen Leser dieser Geschichte befallen muß, hat + Agnes Sapper im zweiten Band: »_Werden und Wachsen_« entsprochen. + Es ist ein nachdenkliches Buch, für die reifere Jugend geschrieben + und, wie der erste Band, auch für Eltern und Erzieher wichtig. + Jenaer Volksblatt. + + +=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7–12 Jahren. Vierte +Aufl. Gebunden Mk. 1.20. + + +=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12–16 Jahren. 3. +Aufl. Geb. M. 3.–. + + Jede Mutter, die dies Buch prüft, wird sagen, daß dies eine der + gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten ist, die wir + haben. + + +Beide Teile in _einem_ Band gebunden: + +=Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.= Dritte Auflage. In +Leinwand Mk. 4.–. + + +=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen. Mit Bildern von Gertrud +Caspari. Zweite Auflage. Gebunden Mk. 3.60. + + Das sind fröhliche und ernste Geschichten, die aus des Kindes + ureigenem Quell schöpfen und darum allen Kindern gefallen werden. + + +=Kriegsbüchlein.= 120 Seiten. 11.–20. Tausend. Steif geheftet Mk. 1.–. + + Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der bekannten + Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die feine Auswahl von + höchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten aus Ost und + West läßt unsere Kinder hineinblicken in das große Geschehen der + Gegenwart, es läßt sie mitkämpfen, mitleiden, mithoffen. Manch + feines pädagogisches Wort weist unaufdringlich, aber dennoch + eindringlich darauf hin, daß das deutsche Volk nur dann siegen und + an die Spitze der Völker treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz + und wahrhaftig ein Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl + prächtiger kleiner Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von + unserem Hindenburg, bildet den Beschluß. Allen Eltern wird dies + »Kriegsbüchlein« höchst willkommen sein.... + Erlanger Tageblatt. + + +=Im Thüringer Wald.= Mit Vollbildern von P. F. Messerschmitt und +Buchschmuck von Helene Reinhardt. Ein fein illustriertes Büchlein in +steifer Decke M. 2.–. + + Diese rührende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher wird + in der schönen Ausstattung mit zehn Vollbildern und zahlreichen + hübschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere Freude bereiten. + + +=Erziehen oder Werdenlassen?= 336 Seiten. In Leinwand gebunden Mk. 4.–. + + Ein verständiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes Buch, das + dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite stehen kann vom + Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt in das Leben der + Erwachsenen. Frei von der modernen Anbetung des Kindes, zeigt das + Buch doch auf jeder Seite die Achtung vor der werdenden + Persönlichkeit, die _eben deshalb_ kein bloßes Werdenlassen kennt, + sondern dem Kinde durch Erziehung zu möglichster Vollendung seiner + individuellen Persönlichkeit helfen will. + Die Frau. + + ... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes Sapper so oft + durch den bunten Schleier ihrer reinen und launigen Erzählungen + schimmern ließ, trägt sie in ihrem neuesten Buche als praktische + Pädagogik vor. Das Beste an diesem Buche ist, daß es keine Theorie, + daß es goldene _Erfahrungen einer Mutter_ sind von der ersten bis + zur letzten Zeile. + Deutscher Courier. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte: +p 040: [Anführungszeichen] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹ +p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg +p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen +p 195: [Anführungszeichen] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte +p 203: hat man dem Apother -> Apotheker +p 219: [Anführungszeichen] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich +p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir +p 282: nicht vorher verraten hat -> hast +p 292: [Anführungszeichen] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?« + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurde prinzipiell beibehalten. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the fourth +edition published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte: +p 040: [inner quotes] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹ +p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg +p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen +p 195: [added quote] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte +p 203: hat man dem Apother -> Apotheker +p 219: [removed quote] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich +p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir +p 282: nicht vorher verraten hat -> hast +p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?« + +The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE *** + +***** This file should be named 19733-0.txt or 19733-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/19733-0.zip b/19733-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9307a19 --- /dev/null +++ b/19733-0.zip diff --git a/19733-8.txt b/19733-8.txt new file mode 100644 index 0000000..84c4502 --- /dev/null +++ b/19733-8.txt @@ -0,0 +1,10417 @@ +The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das kleine Dummerle + und andere Erzählungen + +Author: Agnes Sapper + +Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Das kleine Dummerle + + und andere Erzählungen + + + Zum Vorlesen im Familienkreise + von + Agnes Sapper + + + + Vierte Auflage + 13.-16. Tausend + + + Stuttgart 1915 + Verlag von D. Gundert + + + + Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart. + + + + +Vorwort zur dritten Auflage. + + +Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre +weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine +Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden +Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren +Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie. + +Würzburg, Dezember 1912. + Die Verfasserin. + + + + + Inhalt. + + Seite + 1. Das kleine Dummerle 5 + 2. Hoch droben 32 + 3. Im Thüringer Wald 36 + 4. Der Akazienbaum 104 + 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde 107 + 6. Ein geplagter Mann 118 + 7. Helf, wer helfen kann 144 + 8. Ein Wunderkind 150 + 9. Mutter und Tochter 161 +10. Die Feuerschau 187 +11. In der Adlerapotheke 193 +12. Bei der Patin 228 +13. Regine Lenz 294 + + + + +Das kleine Dummerle. + + +Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester +Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und +außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte +sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das +ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und +Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die +Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit +vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine +Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich +solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben +Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen, +seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte +er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu +hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und +Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr +Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich +dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg +nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze +Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue +Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des +Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen +gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der +Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen. +Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder, +ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster +und spielte auf einer Ziehharmonika. + +In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft +kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein +Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle +Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau +Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei +Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das +jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war +rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber, +übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden. +Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor, +breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele +steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den +geplanten Reiseweg bezeichnete. + +Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so +leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im +Geist jäh unterbrochen werden -- es klopfte jemand an der Türe, alle +Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein. + +Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald +beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der +Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling +ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast +doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung +halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da +kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen +Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen +hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche +auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen +müssen. + +»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich +nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch +die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim +Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der +kleine Dicke, stand noch beim Vater. + +»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr +Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die +Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater +und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die +andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir's gar +nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder +ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber +nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte: +»Sie sind alle fort.« + +Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring +doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu +kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der +Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,« +sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann's meinen Verwandten +nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.« + +Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie +hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends +unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit +langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über +den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich, +»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird +nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit +seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch +stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah. + +»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr +Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn's nur zum _Leben_ reicht,« +sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging +er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer +und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am +Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge, +reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in +die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.« + + * * * * * + +»An Wohnungen fehlt's wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am +nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen +zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche +anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei +ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer. +Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen +müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte +er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße +entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da +war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf +Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein +wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen +und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner +Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder --« + +»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel +haben Sie eigentlich Kinder?« + +»Wir haben sieben.« + +»Sieben. Bei sieben tut's mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben +nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem +Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir +schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir's doch zu leid um meine +neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,« +entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren +kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus. + +Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein +großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von +weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der +Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die +Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich +die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts +verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt +nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte +einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder +bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters. + +»Pfäffling.« + +»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?« + +»Musiklehrer.« + +»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.« + +»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel +Unterricht außer Haus.« + +»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt +eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber +wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist's schon gut.« + +»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.« + +»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?« + +»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere, +und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden; +die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag, +ich habe nicht viel Zeit.« + +Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel +Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder, +bitte? Sind's Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling +mußte bekennen: »Vier Buben sind's, und dann noch so ein paar kleine +Mädels, die merkt man nicht viel.« + +Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er, +»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein +halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!« + +»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen, +was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!« + +In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie +wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich -- für +unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen. + +Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im +Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte +sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm +hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich: +»Eigentlich ist's ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme +sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das +ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum +ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt +war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war +schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer +aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig +ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will +Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn +Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.« + +Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur +weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die +Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum +Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir +sieben Kinder haben.« + +»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk +so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen +Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost! +Ich tu' aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt, +hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und +brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer +Gesellschaft!« + +Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim -- für +heute hatte er's satt! + +Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die +Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends +aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof +herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und +besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so +viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.« + +»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der +Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld, +daß wir so viele sind.« + +»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das +bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner +ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.« +Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und +fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister +längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten, +war er noch still und nachdenklich. + +Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei +großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war +eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und +sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche +Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten +ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch +nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es +nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es +sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle +zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er. + +Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte +mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn +Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor, +so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand +noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt, +und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er +wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die +Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es +ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine +finden könnte! + +Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß +gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser, +die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten +Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am +Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße +antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen -- so, nun war sie +allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein +Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch +zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch +verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst +eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,« +und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig +Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe +höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als +dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und +rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein +komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.« + +Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen, +sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber +einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch +allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er's verstand. Man konnte ihm +wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte +ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber +heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder +schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand +nehmen, weil wir sieben Kinder sind.« + +»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie +keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.« + +»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder +sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und +es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine +gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim +erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und +ging heim. + +Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem +Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz +ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_ +hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und +während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und +von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war. +Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen +Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn +herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand +auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder +wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle! + +Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich +war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als +Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele +Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling +berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht +gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem +wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie +liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.« + +»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen +nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo +kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der +Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen, +bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen +Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist's nicht,« +sagte Pfäffling. + +»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner +gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.« + +»Wem gehört denn das Haus?« + +»Einem Seifensieder.« + +»Riecht's da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?« + +»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.« + +»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist +nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,« +sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite +wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb +nehmen!« + +»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts +Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.« + +Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde +der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten. + +Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße +angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des +Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem +Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die +Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum +sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein +aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute +hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen +wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der +müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu +Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet +gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte +nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine +Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde, +während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und +zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf +los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten. + +Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen +und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen +gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil +auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum +das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer +und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu: +»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht +so hört.« + +Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein +Hausherr,« so ging's von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm +verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos +wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus. +Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig. +»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte +ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße. +Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder +haben.« + +»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem +Mund. + +»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so +herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt. +Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln. +Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns +ist's nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau, +die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine +Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine +Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.« + +Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf +Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in +die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen +Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne +Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu +billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer +von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er +schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem +Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe. +Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom +Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der +künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße. + +Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig +nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand +dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte +sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug +sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn +er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir +gefällt's besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der +elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich +doch lieber einen Holzplatz.« + +»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug, +der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und +auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die +neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er +fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem +Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten, +und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn +aufzuklären. + +So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern +Katzengasse eingemietet. + +»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte +Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle +Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele +luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz +schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die +Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie +jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen +glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr +geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich +königlich auf das doppelte Mittagessen. + +Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die +Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von +ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen +waren und sich's da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht +recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen +sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich +von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit +offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung +stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier +und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter +dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er +auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren +Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde +ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so +verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie +vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war's +und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer. + +»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der +neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du +hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was +er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere +Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt +hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er +machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit +dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum +Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo? +Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links, +überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige? +Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar +Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg. +»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.« + +Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der +kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem +Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?« + +»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?« +»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer? +Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen. +Bist du sein Bub und weißt das nicht?« + +»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein. + +»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort, +wo du hin sollst, dort sagt man dir's schon. So etwas ist mir aber noch +nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal +wohin!« + +Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse +wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere +Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn +nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder +aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles +ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig. +Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht +bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er +freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis +zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon +wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß +Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der +kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste +Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.« + +»O, der kommt viel zu spät!« + +»Gelt, ich sag's auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich +»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das +Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das +heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte +er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und +der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und +die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit. + +Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu +wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme: +»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte +freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will +dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du +sie nicht findest.« + +Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er +sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal +die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander +herauskam: Kein Mittagessen -- die alte leere Wohnung -- die Hintere +Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle! +Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte, +und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der +Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch +gedeckt.« + +In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte +wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue +Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte +eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald +die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler +schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle +da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll +Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel +geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich's +gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am +Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote +Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch +einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel +gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die +großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und +spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten. + +Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich +zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten +Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus, +er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur +manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der +Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch +reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm. + +Aber -- in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr +fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett +herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte +und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling +sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die +Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen +Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am +nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig +schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die +Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine +gute Mietpartei für die Hausleute. + +Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe +verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie +manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern +Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal +allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die +zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum, +an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um +das Kind. + +Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was +dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.« +Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine +Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,« +sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er +schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames +Lieblingsspiel verwahrt war. + +»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und +streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder +es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote +Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß +die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm +komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn, +wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer +Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich +sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das +Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu +suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade +als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen +Lärm machte. + +»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der +Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr +ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn +da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn -- --.« »Geh hinaus mit deinen +Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du +auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe +hinausgeschoben. + +Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und +dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die +rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das +Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das +Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie +hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es +die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade, +da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht +verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort. + +Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht. +Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten +den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,« +sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu +holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät +ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« -- und die +Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder +noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er +nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie +sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an, +»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben --.« Aber die Mutter +fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen +so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?« + +Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich +Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine +rote Kugel gehabt und -- --« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief +Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und +der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser +sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling +machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der +aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe +vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie +behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte +ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und +darum ist sie krank.« + +Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und +so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken +weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig -- sie hörten es ganz +deutlich -- fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr +Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein +wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr +freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie +war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir's nur noch einmal ganz +genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester +gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel +geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir's? Was hat sie denn +erzählt?« + +»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie +die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel +ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen. +»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich +an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den +Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.« + +»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an +die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders +Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind +geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn +nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es, +ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit, +vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak +darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine +Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!« + +»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der +Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die +Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel +zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus +allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in +jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden +liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte +nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe +schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.« + +Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als +ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling +fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine +Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab +-- niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun +eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen, +lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über +den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf +Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete +Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz +ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling +aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen +konnte. + +Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers +aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die +Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der +Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel +wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die +rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich +hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen +Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem +Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte +zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut +gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.« + +Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während +draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die +Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der +kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er +wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt +bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein +kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester +gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher, +daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste, +da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die +Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn +staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes +Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte +er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier +Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!« + +Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen +wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich +abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das +noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte +dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern +begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der +Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und +ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters +Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch +abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen +hatte. + +Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein, +nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der +Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?« +Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du's nicht gemerkt, daß +der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch +verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater +hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.« + +Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo +er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf +das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom +Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es +für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die +Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag +die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann +ein Blick auf die große Wanduhr -- reicht es noch, kann man noch vor +Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es +geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der +Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus +zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite +und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit +einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte: +»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn +man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch +und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen +davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde +und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es +kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im +Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau +zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.« + +Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte +sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte +durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen +noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und +das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich +abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht --« »Und du wieder nicht +reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat's schwer +gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der +Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um +das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus +ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und +riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht +nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer +empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei +Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern. +Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die +heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz +durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen -- du kannst nicht +reisen -- das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen +erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte, +der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der +Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom +Fichtelgebirge! + + + + +Hoch droben. + + +In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem +Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er +und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden +waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach +dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte +nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die +glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit +von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch +die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe +Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein +Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte +einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren +und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst, +wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte. +Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel +aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein. + +Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist's +noch mehr! + +Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann +plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die +sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache +wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick +und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war +dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der +Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach. +Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom +Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer +mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in +Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß +gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei, +von unten wird's besser gehen, mit der Leiter, mit der großen +Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell, +schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die +Tiefe!« + +Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die +ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können +nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von +Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig +wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die +Spannung. + +Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau +ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht +Platz für die Mutter.« Sie ist's ja nicht, sie ist ein ehrsames altes +Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und +teilnahmsvoll Platz. + +Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell +zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit +man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und +jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer +glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das +große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet +und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen, +wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken +folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in +die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am +Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den +Daliegenden stemmt. + +Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit +Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in +demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er +die Hände gegen den Arbeiter. + +»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.« + +»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt's denn, warum liegen Sie da? Ich +glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.« + +Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es +war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!« + +»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.« + +Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der +Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung +geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine +mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein +solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog +seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter: +»Hurra!« + +Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: »Hurra, Hurra!« + +»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann, +»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker +deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend +machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch +die Dachluke.« + +»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein +auf dem Dache.« + +»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach' meinen Dank für +die Lebensrettung.« + +»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief +sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder +ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge +Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht +mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm +allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die +hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn! + + + + +Im Thüringer Wald. + + +Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein +Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne +Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im +Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen +Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die +Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es +gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen +Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man +nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht +durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein +läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber +doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von +früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben? + +Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der +Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie +eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter +ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein +Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte +durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser +standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft +und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder; +eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar +herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt +hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter. + +Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen +anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen +Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu +seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht +gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau, +»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.« + +»Ja, ja, im Sommer tut sich's noch, aber die Kinder werden alle Tag' +größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll's im +Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten +herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll +Kartoffeln aufs Feuer. + +Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen +Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem +Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie +wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von +selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß. + +»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,« +sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt +halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem +Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange +hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine +immerhin noch mit zu essen. + +Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab, +daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und +rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen +gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte. +Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus +alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da +Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und +erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er +da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich +eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn +sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und +pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine +Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das +Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren +Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie +waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie +zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um +den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner +stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden +Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank +geworden von der schlechten Luft. + +Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald +lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu +Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer +Stoß geschnitten. Dann ging's ans Nähen; ringsum mußte der Balg +zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er +offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau +Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar +Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem +Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!« + +Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen +Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne, +die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle +und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles +zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die +Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem +Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen. + +»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie +aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt +mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf +die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte +ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen +und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das +besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet +hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ: + +»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg +komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!« + +»Was sagt er dann, Mutter?« + +»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb +voll.« + +»Was sagst du dann, Mutter?« + +»Dann sag' ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so +faul.« + +»Was sagt dann der Herr, Mutter?« + +»Dann sagt er: 'Euch geb' ich keine Arbeit mehr, da geb' ich's lieber +dem Haldengreiner, der ist fleißiger.' + +»Und dann, Mutter?« + +»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.« + +Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze +Weile nicht von seiner Arbeit auf. + +»Es ist ein Elend, daß man's mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing +der Hausvater nach einer Weile an. + +»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag +ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große +Bestellungen gekommen sind, da gibt's Arbeit genug!« + +»Was hilft's, wenn's nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht +mehr fertig.« + +»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier +kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der +Philipp!« + +»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in +der Arbeit.« + +»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die +bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der +hat schon manche Nacht durchgeschafft.« + +»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul', soll gar nicht gut sein +für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer +gesagt, und der neue Lehrer sagt's auch und er hat recht.« + +»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht' halt, +daß die Kinder lernen. Der alte hat's immer gewollt, und der neue ist +auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.« + +»Aber ist's nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz +sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.« + +»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren +Frieden im Land!« + +»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.« + +Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind. +Aber wieviel Nächte hab' ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst +denn machen? Wir können's doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die +Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring' ich +dir wieder ein Päckchen Tabak mit.« + +_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der +sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung. + +Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann +wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die +Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt, +als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in +Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte +der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst +du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich +mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der +Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte +schon, wie sie's zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben +dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum +Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An +sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig +geschmückt. + +Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah +begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre +Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle +Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine +Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad' +nur von der Schul' heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht +bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den +Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas +dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache; +sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu +heulen, daß Marie ihren »Übermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und +des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen. + +»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft +und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann +mit, daß er auch sein Vergnügen hat.« + +»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?« + +»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.« + +»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man +nimmer zumachen.« + +»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine +Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder +heimkommt.« + +»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater. + +»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will +ich's schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß +es auf der Gasse nicht herunterfällt!« + +»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?« + +»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld +aus ist; sag nur, die Mutter zahlt's morgen, wenn sie von Sonneberg mit +dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden +Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp +gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer +herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war. + +»Wenn man's doch richten könnt',« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man +immer gleich bezahlen täte, was man holt!« + +»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin. + +»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat +borgen müssen, und der Krämer macht's auch so.« + +»So ist's halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon +so.« + +»Aber anders wär's halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein +klein Sümmchen ins Haus bekäm', daß man das alte zahlen könnt' und das +neue auch; von da an dürft' mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein +Lot Kaffee. Aber wir bringen's nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns +die Finger wund arbeiten.« + +»So red' doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann's denn +wissen, ob's nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch +eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts +arbeiten.« + +»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht +halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen, +die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät! +Schon lang hat sie nichts geschickt.« + +»Weil sie auch gar so weit weg ist!« + +»Von Köln aus könnt' man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt +man doch sogar bis nach Amerika.« + +»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber +und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn +aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das +muß viel weiter weg sein.« + +»Viel näher ist's, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt +übers Meer.« + +»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes +Wasser sein.« + +»Der ist doch nur ein Fluß!« + +»Meinetwegen, ich hab' auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.« + +Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung. +Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze +Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden +Hände durften ein wenig ruhen. + +»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?« +fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit +der Sprache. »Warum, sag's, bist abgestraft worden? Hast doch gestern +abend geschrieben!« + +»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat's nicht lesen können; ich +soll's bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der +Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei's.« + +»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt +und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den +ganzen Tag. Aber jetzt geht's halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit +für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.« + +Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden +die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen. +Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um +alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da +wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen +Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den +Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb +aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann +möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so +schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu +tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch +sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den +oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau +hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß +der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit +ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein +gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber +diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor +andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen +eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen, +wenn es gar zu viel für die Mutter würde. + +Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie +blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen +Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit +kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg. +Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der +Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der +Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten +der Stadt zupilgern. + +»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie +du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die +machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch +nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem +schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.« +Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren +Korb. + +Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt, +erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter +grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der +umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf, +die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig +machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter +her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften: +»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an +dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu +sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast +alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen. + +Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner +arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große +Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in +dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten. + +Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und +ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf +ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau +sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am +Schluß noch einen. + +»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal +aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren +Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert +hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt +wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der +Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab. +Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld +ein. Für die nächste Woche gab's Arbeit genug, fast mehr als Frau +Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch. + +»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie +aus dem Zimmer waren. -- »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen, +sonst heißt's später, wenn's weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns +auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.« + +»Aber wenn wir's in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht' ich +nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst, +da würd' ich mich fürchten!« + +»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt's doch noch +die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie's +der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.« + +Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine +Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren +einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie +wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich's kaum mehr erinnern. + +Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang. +Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt's dunkel vor?« sagte +die Mutter, »aber ich find' gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen, +und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie +wenn's heller Tag wär'.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte +sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub', da wohnt ein Stimmacher; +weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und +Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht +Puppenschuh', hörst nicht seine Maschine?« + +»Aber da wohnen viel Leut', Mutter!« + +»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt +sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte +Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid +ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die +Hand und deiner Tante Regine auch.« + +Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu +und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn +sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz +fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen +noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön +gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus +der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech, +etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit +blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da +nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit +geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom +Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig +zum Aufkleben auf den Puppenkopf. + +Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie +doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und +wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine +Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die +Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist +euch vergönnt.« + +Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so +blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die +neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte, +daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre +wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte +Marie, »das möcht' ich lieber tun.« + +»Gefällt dir's?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann +kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der +zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst +nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein +sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul' sind, sollen sie +dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir +haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen +Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir +müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.« + +Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg +heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene +Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der +Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und +überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft +schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der +kleine Philipp sprang ihnen entgegen. + +»Ihr kommt so spät heut',« sagte er, »es steht schon lang einer da und +wartet auf dich.« + +»Wer ist's denn?« + +»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht +leiden,« sagte die Mutter, »hätt' ihn der Vater doch fortgeschickt.« +»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.« + +Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar +nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins +Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort +kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden. +Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das +sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte, +sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse +des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie +brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte. +Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und +sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte. + +»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen +Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden +Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.« + +Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch +mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn +leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den +Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade +heut', wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb. +Sehen Sie? Gleich bar hab' ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch +hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis +Ende der Woche reicht's nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich +schon jetzt sehen.« + +»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,« +beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr. +Leben Sie wohl, und guten Verdienst!« + +Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den +Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht +mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die +Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch. +Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen, +wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in +der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das +hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun +machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die +Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und +plauderten. + +Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett, +Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die +Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von +Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon +zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute +kam's ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der +Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus +zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu +errufen -- sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest. +Frau Greiner lachte und ließ sich's gefallen. + +Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von +ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so +verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben +dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton. +Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den +Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie +Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal +auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die +Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse. +Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt: +diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich +habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote, +»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil's mich doch gewundert +hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil's so eine ganz besondere +Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift +lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt +war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln +waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben. +Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen +ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten +sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für +ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das +Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin. + +»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester +gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in +der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals +so traurig zumute.« + +Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln +gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche +Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner +und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester +wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten +Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder +an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts +geschehen wäre. + +Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben +haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der +Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an +Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war. + +»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch +noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken +müssen. Ich will's nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll +Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten +Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das +Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen +eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos +hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von +vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er +nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas +verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten +Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute +Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht. + +Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge +für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für +ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich +keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug. +Aber seine Frau sah's anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie, +»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat +sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie +mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat. +Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald +acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und +dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!« + +Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich +auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an +eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag +ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den +nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem +sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen, +aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der +Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der +Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit, +daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche +Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im +Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein, +den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das +Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken, +daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und +Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich +gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im +Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und +wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu +übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon +übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb +auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum +Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe +haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt +ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll, +Kindergärtnerin.« + +Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte +sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte +Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein, +der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.« + +»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die +vornehmen Leut' haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex +steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand. +Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt +ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So +schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!« + +Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große +Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir +kommt's auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein +Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt's nicht tun +sollen, und wenn's auch meiner Schwester Kinder sind!« + +»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder, +da dürft ihr euch schmal machen.« + +»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie. + +»Soxhlet heißt er.« + +»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht' ich mich, gelt, den legst nicht zu +mir?« + +»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter. + +»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand +abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn +doch nicht setzen.« + +»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau +Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der +schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man +nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh' hat. Aber auch noch so einen +Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so +einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so +Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat +das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!« + +»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht +telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?« + +»Wenn's halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.« + +»Man könnt' ja fragen, was es kostet.« + +»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein +Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon -- +zähl' einmal -- hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet +darin. Dann, so barsch möcht' ich auch nicht sein, daß ich nur +schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt' doch auch +erklären, warum. Wieviel gäb' das Wörter! Das geht nicht in ein +Telegramm.« + +»Und zum Brief ist's zu spät?« + +»Ja, zu spät.« + +Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder +über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch +sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren +gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die +Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon +vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die +Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung +über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon +wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie +nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt, +'mein Herr Gemahl!'« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das +Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl +sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem +verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei +uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben. +Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so +armselig ist.« + +Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll, +die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete, +hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner +gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur +einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche +Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit +abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so +hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer +einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie +Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich +auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf +diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam +gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine +anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen +Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es +nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen, +noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen +auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie +Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden +die Reisevorbereitungen getroffen. + +In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer +des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen +und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer +Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den +Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei +Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge +Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen +Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr +geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben. + +Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht, +was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem +Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not +versetzen. + +Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise. +Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn +verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine +liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte +sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine +gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein +leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden. + +Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit +wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag +zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden +gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als +Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die +trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes +Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in +Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik -- gewiß aus der +Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden +Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in +Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem +Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute +kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen +nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen +sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß +genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth +stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten +in Oberhain?« fragte der Kutscher. + +»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung +kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in +Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie +aber schon erfragen. Nun ging's vorwärts, zuerst flott und rasch durchs +Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts +Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die +köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster +Stimmung. + +»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich +habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote +Bäckchen bekommen, mein Liebling -- aber Papa und Mama können sich nicht +mehr darüber freuen, armer Schneck!« + +Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der +Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll +die Fabrik heißen?« + +»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der +Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich +an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine +Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht +begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist, +wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.« + +»Wir wollen's schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich +mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß +sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem +Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die +Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig +sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom +Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau, +was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie +hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar +kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt +Elias.« + +Und nun ging's noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde +enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen +Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt +-- vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und +sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend, +wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der +hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran +die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen, +zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz -- das sollte +die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je +gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam +Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete +bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner +Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie +dicht am Wagen stehen -- keinen Schritt machte sie auf das Haus zu. + +Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte -- das +junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter +enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich +drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen +dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist +ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du, +Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?« +Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe +sich's Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön +geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau +Greiner den kleinen Alex ins Häuschen. + +Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen, +während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den +Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz, +hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie +folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß +sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen +Tag?« fragte sie. + +»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf +seine Arbeit. + +Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den +Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?« + +»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist +draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen +abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie +wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die +Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem +Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es +ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht +anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig +schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer +abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung +stehen, Philipp aber trat näher. + +»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet +nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still +verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte +sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch +vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte +Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein, +daß er so eingesperrt wird!« + +Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete +nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in +der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat, +und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der +Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und +Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor +den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer +Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie +nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der +Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben +geistreiches Gesicht. + +»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das +Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der +Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man +uns so gelehrt: 'Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die +Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den +Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf +Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen +geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.'« Frau Greiner +hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit +der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate +sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.« + +»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch +haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee +reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an +Speck und Hering soll's ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande +die Hauptnahrung.« + +»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt. + +»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie +nur ruhig, ich will's ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft +eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da +sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer, +ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd +hinzu, »ob Sie den Thermometer ver -- -- -- ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir +haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man +die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch +auch?« + +»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber +hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht's auch nicht!« + +»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so +wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen, +wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden? +Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen +von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen +eine aus Sonneberg.« + +»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut's schon auch, und so +oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.« + +»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem +Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar +nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem +andern Zimmer sein?« + +»Ein anderes Zimmer haben wir gerad' nicht, aber wegen der Luft dürfen +Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer +Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur +meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen +drei waren ganz gesund.« + +»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth. + +»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über +sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat's +auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht +weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns +weh getan, aber so ist's halt; wir haben ja auch an dreien genug und +jetzt sind's eben auf einmal vier geworden!« + +Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex +ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt +noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder +zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit +saß. + +Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen +bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her. +Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue +Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt. +Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?« +Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das +gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn +herzte und küßte und leise sagte: »Behüt' dich Gott, mein Liebling, ich +habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich +deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?« + +»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich +zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen +wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war +denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?« + +»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts +bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht +weiter. + +Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während +sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem +Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so +oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel +hineingeschoben, ein sorgsam geschältes! + +Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen +sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen +auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege +standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den +Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt +bist du im Thüringer Wald!« + +Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die +Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit +zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde, +fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz +überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig +geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen +mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen +staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit +der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die +Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger +Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu +liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht +fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das +Schiff zu erreichen, das nach Australien ging. + +Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei +gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die +Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das +Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht +_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten +noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und +so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit. + +»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine +Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt +werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und +wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug +am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust +zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie +wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen, +so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ +sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein, +um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so +elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor +und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so +wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen +für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte +sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld. + +In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt +holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und +gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner +kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres +Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag +abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern +Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg, +wart ein wenig!« + +Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd +gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg +nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach +verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der +an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als +unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte, +wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war's immerhin noch auf +dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich +der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann +siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie +fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein +Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die +deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm +verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe +und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner. + +»Was ist das, Drücker?« + +»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe +gibt.« + +»Helfen Sie auch drücken?« + +»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die +Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.« + +»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?« + +»Dann haben sie noch keine Augen und --« + +»Wer macht die Augen?« + +»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in +allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.« + +»Ist das das Letzte?« + +»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und +die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den +Balg geleimt.« + +»Das kann Ihr Mann nicht?« + +»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule +geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber +dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben +müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder +Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul', +aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.« + +»Wieviel verdienen Sie in der Woche?« + +»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist's mehr, bald weniger. Es gibt +Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.« + +»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der +Woche, Sie mit Mann und Kindern?« + +»Die vorige Woche hab' ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch +schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht +durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu +den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht +dafür wieder hinaus und man bringt's fast nicht dazu, daß man sich für +den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder +darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken, +sonst wird man 's ganze Jahr nicht froh.« + +»Ist Ihr Mann gesund?« + +»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den +Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.« + +Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt +da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.« + +»Ja, Fleisch gibt's nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln +sind die Hauptsache, bei uns heißt's: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag +in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!« + +Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine +Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe +erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von +der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden. + +»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter +heut'?« + +»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren +Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er +Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß +ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht +gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie, +die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika. +Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar +nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen +alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn +wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der +besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch +versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser +Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn +Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.« + +Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge +Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt +Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das +wäre nicht schlecht!« + +»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu. + +»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein +Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.« + +»Das bleibt hier. Dazu gibt's Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen +mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir +deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon +absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen +Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich +genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?« + +Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen +Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die +kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte. + +Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab' ich nun das alles +geträumt oder ist's wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein, +denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur +gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum +sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe? + +»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken +gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber +schön müßt's sein, was könnt' man da alles sehen, und ganz freie +Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch +nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab', er wird doch +auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?« + +Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr +erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus, +trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag's noch niemand, Georg, +weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie +ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben +im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige +Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt. + +Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge +Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit +besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in +dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde +sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war +ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann +hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis, +wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte. + +Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die +Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht +begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme +Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und +kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit, +die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte, +sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten +Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den +Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein +Hering hat er heut' mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete +Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts +davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut's weh; gelt, ja, das +sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein +Schatz, ich kauf' dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen +und hol' noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen +weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen +dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm's gut +bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut +haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus. +Still, mein Waislein, still!« + +Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen +und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm +befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer +nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn +herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern +Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle +seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder +an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex +mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind +unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das +war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er, +»Kranke bleiben am besten daheim.« + +Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch +nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb' +ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich, +die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End', nur zwölf Mark hast +heut' heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt' +man's schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und +alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich's +überlegt.« + +So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es +war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand +offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen +Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er +dies alles zum erstenmal. Schön war's doch im Thüringer Wald und leicht +wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum +Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie +lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah +still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht +mehr das Lied: 'In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der +alles kann und weiß'; wie geht's da weiter?« Sie brachten den Vers +zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt +gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten. + +Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter +den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten +sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der +Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer +Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres +Gesicht hatte er, vielleicht kam's daher, daß er selbst so oft mit +finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der +Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte +Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah +sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein +Käßchen öffneten. »Vater, reicht's?« fragte sie ganz leise und blickte +besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man +merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an. + +Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun +freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der +Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu, +»er bekommt später den Rest, andere haben's auch nicht beisammen.« + +»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen +besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war +ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex' Kinderwagen. »Da haben +Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte. + +»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit. +Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber +heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler +herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn +so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er +mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann +verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er +wittert das Geld,« sagte sie, »er hat's nicht wissen können, daß wir +noch etwas haben, aber er hat's gespürt, daß Geld im Haus ist.« + +»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus +dem Land.« + +»So mein' ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig, +wir gehen auch fort.« + +»Ja, und das gern.« + +»Bist entschlossen? Im Ernst?« + +»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.« + +»Kinder, Kinder, denkt's euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die +Mutter. + +Jetzt gab's Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen +Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam +allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg +wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre +Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das +arme Waislein nur nehmen. + +Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur +auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete: +»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag +nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht. + +Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze +Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg +gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf, +die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache +verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als +gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine +Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in +Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine +Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur +immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die +Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden, +die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein +Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein +vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert, +daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle. + +Dienstag abend war's. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine +Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und +rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort +noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann, +als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und +bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die +Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze +kommt zu dir.« + +Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen +weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher +von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt, +daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo +Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus +dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den +Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins +Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und +erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den +Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst +hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln +wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem +Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte. + +»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert. + +»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und +wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir +entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort. + +Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als +ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand, +nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch +natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht +wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20, +so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte, +ist's nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat +man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird's auch einmal nicht besser +gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?« + +Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte +besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und +bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika +unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir +jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn +die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste +Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_ +einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und +gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der +Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen +und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir's vorkommt, +wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus +für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir's vor, als wolltet Ihr +hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr +hat.« + +Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen +der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem +Graben ist's ohnehin nicht viel bei ihm.« + +»Magdalene, was red'st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so +sinnbildlich gesagt!« + +»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum +Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt's den Amerikanern, +wie sie's machen sollen, so ist's eine Gefahr für unsere Einnahmequelle. +Für _Euch_ könnt's ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann's zum +Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre +Puppen, das wollt' ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich +heraufgekommen.« + +Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese +Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt +entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob's dem Herrn Amerikaner gelingt da +drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so +einführt, wie's bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon +ist.« + +»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt's ihm nicht, so werdet +auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein. +Gelingt's aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist's der helle +Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war +einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie +mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem +Schulz konnte er's aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu +reden. + +»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da +drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin, +und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von +dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann's +noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.« + +Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte +sie zustimmend. + +»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir +kommt's nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß +man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben +frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die +Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_ +Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür +gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir +so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den +Amerikanern bringen. Warum? -- weil unsere Enkelkinder auch noch essen +wollen!« + +Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder +auch noch essen wollten, das war berechtigt. + +»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom +Dorf möchte ich nicht schuld sein.« + +»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein +Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der +Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner. + +»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut +kenn' ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will +ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern +und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der +Amerikaner auch nichts erreichen.« + +Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des +kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann +vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?« +fragte Ruppert. + +»Ja, mein Schwesterkind ist's.« + +»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?« + +»So ein Kostkind ist's nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben's +bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen +verloren.« + +»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer +Schwester war doch reich?« + +»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind +geschickt. Gewollt haben wir's nicht; das große Mädchen hätten wir gern +genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.« + +»Der Vormund hat sich's leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch +ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der +Amerikaner kommen sollte, so sagt's ihm nur, er könne sich die Mühe +sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die +halten alle fest zusammen gegen Amerika.« + +»Ja, ja, das tun wir auch.« + +Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends, +und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er +sich geträumt hatte. + +Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht +erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder +wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da +stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen +sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es +ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte +schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd +sein wie ich.« + +Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander +anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war's doch traurig, +ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt +sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher. +Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber +gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art +und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt's noch +Menschenfresser.« + +»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!« + +»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich +zufrieden. + +Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen +als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch +nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der's mit Oberhain gut +meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend +von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf +kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum +Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des +Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte. + +Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem +Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal +wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle. +Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder +vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße +heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er +hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen +Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und +dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken, +als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer +als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre +Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren +Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge. + +Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie: +»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag +Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?« + +Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete +an ihrer Stelle: »Sie hat's schon getan, daran hat sie's nicht fehlen +lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist's bei uns, wie Sie +sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.« + +»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir +wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen +wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug +sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an, +Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst +einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.« + +»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen +nicht hinüber.« + +Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch +wohl schon reiflich überlegt war. + +»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht, +ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?« + +Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht +nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch +dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er +dächten auch die andern Familien im Ort. + +Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft -- +die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder +rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie +wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und +der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er +gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter +Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren +in solch ärmlicher Umgebung. + +Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog +sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den +Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm +dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt +haben.« + +»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte +Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der +hat's und tut's gern.« + +»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich +den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.« + +Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort +hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. -- + +In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein +Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der +ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden +hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu +entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg +mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen +Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis +das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte +er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam, +lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort. +Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht +bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war. + +»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika +mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich +wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch +bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute +in Amerika anweisen.« + +Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte +er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?« + +»Ja wohl weiß ich's, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst +bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich +selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da +drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.« + +»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das +Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will +ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen +haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind +kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein +Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen +ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.« + +Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der +Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig, +halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich +dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der +konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe. + +Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem +Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick +gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue +aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in +den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der +Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte +Elend! + +Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und +wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld +und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut +gepflegt, wie's eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im +Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit +Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch. +»Er verträgt's nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das +Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war. + +»Nein, er verträgt's nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die +Mutter. »Aber gut ist's, daß er's nicht weiß und nicht bös auf uns ist, +gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast's ja so gut bei uns, kein +Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird's lustig, da fahren wir +dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust +dich, kleiner Schelm?« + +So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und +lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der +Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb +hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht +so im Drange der Arbeit. + +Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu +Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere +kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren +Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben +keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer +wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und +doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker +mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen +Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte, +wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes +Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost +wurde immer schmäler. + +Um die Weihnachtszeit war's am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,« +sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit, +was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit +leeren Händen. »Er gibt's nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel, +sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle +er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch +gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau +Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur +Hälfte voll. + +»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den +Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt' meinen, man hätte einen +Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach +merkt man's doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar +nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm' +kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die +harte Arbeitszeit wieder ersehnt. + +Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den +Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den +winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern. +Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen +sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten +von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der +Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und +diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder, +das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach +der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den +Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote, +dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah, +rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist +wohl ein Christstollen darin. Daß ihr's nicht aufmacht! Ich leg's lieber +da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank +und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie, +der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen +Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote +gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das +Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack +auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum +fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh +war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie +auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen +hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen. + +Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam +hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht +vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und +ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat +einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam +von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn's ihm nur gut bekommt, gib's ihm lieber +nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau: +»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen +essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da, +heute ist Weihnacht!« + +Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das +Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund +verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und +Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und +unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten +sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen +begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht +geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch +etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen. + +Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das +Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen +gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief +voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch +alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm +das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut, +als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das +schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht +gewachsen und gediehen, wie sich's wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt +hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das +Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte +die Mutter und verwahrte es sorgsam. + +Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte +Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte +diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche +Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den +Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen +der ganzen Familie aussprach! -- + +Januar war's, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal +bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine +Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen +auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der +stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind +seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald +seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein +handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies +Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie +er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte +er sich's wohl zugetraut. + +Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in +die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus +Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte +nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte +einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu +seinem Vorhaben. + +Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude +gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab; +denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte +sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die +ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig +Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran +und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit +hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen +heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl +waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die +dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit +einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen +Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos +beiseite. + +In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen +innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner +wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war +das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte +sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam's ihm in die +Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich +sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete +er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf +den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde. + +In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die +Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand, +und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte +er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn +verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich +dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche +Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich +zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte +auf ihre Schritte -- richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor +dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht +denn da oben?« + +»Ich weiß doch nicht, was du meinst.« + +»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.« + +Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die +Kammer. »Ein Puppenkopf ist's,« rief er, »aber kein solcher,« und er +deutete auf die, welche sein Vater auspreßte. + +»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas +hinaufgestellt, Elias?« + +»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging +die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob +Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die +Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein +Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.« + +»Gerade hab' ich's auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz +wie er leibt und lebt.« + +Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie's gar nicht +gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu +ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand. + +»Mich freut's halt, daß ihr's erkannt habt. Bei Nacht hab' ich's +gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben +sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise +hinzu. + +»So steht's nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat +an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut +erraten hast's, wirklich gut!« + +»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere +Puppenköpfe geben, als die alten da?« + +»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt' man das anstellen?« + +»Einen andern Weg wüßt' ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren +zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen +ließe.« + +»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon +viel Geld bekommen.« + +»Ich hab' ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt +in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu +laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.« + +Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_ +Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl +von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen +sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk +wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden +Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen. + +Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie +mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände. +Leichtfüßig ging sie aus dem Haus -- Arbeit war nicht abzuliefern, der +große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in +dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust +geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr +Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn +sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie +etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute +aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren +Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine +große Summe erhalten würde? + +Einmal war's ja vorgekommen im Dorf -- das mochte aber schon dreißig +Jahre her sein -- daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen +besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner +zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen +setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen -- wird's eine Niete sein, +ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen +Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen! +Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein. +Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen +und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in +Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten +Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine +Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner +Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte +kaum, was sie trieben. + +Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und +Schwester auf. -- Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die +Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte, +friedlich und still war's im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde +Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm +erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon +erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch +im Korb. + +»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm +ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes +Gesicht. »Da spar' dir nur die Müh', Magdalene,« sagte sie jetzt, »das +ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den +nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr +Köpf' und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest's ihm wohl +sagen können, hast's denn du nicht gesehen?« + +»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die +Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.« + +»Wie, laß mich's doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte +den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen +ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie +dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade +nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär's doch nicht +unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging' ich hin, der ist fürs +Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.« + +»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner. + +»Bis ans Haus begleit' ich dich und wart' unten; hinauf möcht' ich grad +nicht, sie sind oft so barsch.« + +Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war +geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht, +man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt' ich's nicht +bleiben lassen? Der Mutter hat's ja gar nicht gepaßt.« + +»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm', wär's freilich besser, als +wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen +sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim +denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem +Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich +könnt' mich ja vor meinem Elias heut' abend nicht blicken lassen.« Sie +läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt +zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift +»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei +Herren schrieben. + +»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf +erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher +brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr +Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt' +er's gemacht, wie's leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester +Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht. + +»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn +eigentlich?« fragte der Schreiber. + +»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?« + +»Kaufen? Ja, zu was denn?« + +»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist +Drücker in Oberhain.« + +»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber +die neuen Köpfe, das könnt' er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von +den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert, +von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So +etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen +Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der +jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war +nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern +lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den +Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr +Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt'?« + +»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr +Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es +ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine +zeigen.« + +Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie +ganz treuherzig: »Es wär' mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn +Weber hätt' einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs +Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er +noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt +noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist's +schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm'. Man könnt's Geld so +nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm +heimbring'! Der macht böse Falten hin!« + +Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben +hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick +herunterkomme.« + +Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf +einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus. + +So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau +Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal +sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es +fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?« + +»Elias Greiner.« + +»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er's gelernt?« + +»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul'.« + +»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?« + +Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner +leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht, +was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit +seinem Buchhalter leise verhandelt. + +»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der +Fabrikant. + +Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk' halt so,« sagte sie; »Fabriken +gibt's hier in jedem dritten Haus, ich könnt' überall fragen und es dem +Herrn geben, der's am besten bezahlt.« + +Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an +sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann +ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben, +aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist +kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal +hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als +die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so, +und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein +Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es +nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber +ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen +eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben, +wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer +anbringen. Aber versuchen Sie es nur.« + +Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann +an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich +weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen +wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben, +was recht ist.« + +Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann +sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den +nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für +mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen +die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das +Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel +gleich schriftlich gemacht.« + +»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz +einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr +Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe +wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant: +»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit +ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den +Kopf auch in andern Größen liefert.« + +Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last +abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte -- +die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte. +Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt's Gott, und mein Mann +wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren +sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt's auch um weniger +hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht, +wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler +hätt' das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir +sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex +wurde in kostbarem Schrank verwahrt. + +Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und +ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!« + +»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat's ja gekauft! Rat nur, +um wieviel? Aber du hättest's ja doch nie erraten -- um 800 Mark, Regine! +Komm zur Mutter, komm nur schnell!« -- + +Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen +Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen +und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie +heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu +wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den +Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn +er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem +Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich's ausgedacht. +Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten; +einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie +die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie +warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein +Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da +hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit +beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief +sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir! +Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!« + +Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach +einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges: +»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen +umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte +sich dem Kindlein zu. Des Alex' Gesichtchen war's ja, das solches Glück +ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen +Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all +die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und +wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie +sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle +Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!« + +Aber wie war es nur möglich -- sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird +die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte +Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das +Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen +Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen +Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme +ich den Arzt mit heraus; wir sind's ihm schuldig, dem Kind, wir wollen +alles dafür tun.« + +Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt, +Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt +hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler +Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine +Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still. +Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau. +»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.« + +Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und +Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen +Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und +Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das +liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen +für diese Welt. + +Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig +machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen, +ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe? +Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt, +daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den +Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen. + +Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort +mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner +in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen +sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten. + +»Vom Soxhlet steht nichts darin?« + +»Nein, von dem nicht.« + +»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem +Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.« + +Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab. +Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die +dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein +schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei +Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie +Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt +und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht! + +Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern +ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist +nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht +zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie +freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist +sie nachgebildet. + + + + +Der Akazienbaum. + + +Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das +Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin. + +Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es +in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der +Schwester gepflegt, lange Zeit. + +»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank, +wann werde ich wohl wieder gesund?« + +Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl +dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie +sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du +wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage +durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und +sehnte sich danach. + +Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere +Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und +Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie +stand noch kahl, wie im Winter. + +»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die +Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum; +sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die +andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird +wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte +bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch +abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte +sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester +wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem +Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.« + +»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt, +»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett, +und es konnte das Fenster nicht mehr sehen. + +Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital +gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht +besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal +Schwester Marie das stille Kind. + +»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ +sie liegen. + +Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit +diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine +vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte +nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, +aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt +hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt. +»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster +Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll +grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel +glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer +herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist +grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!« + +Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie +verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß +Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte +sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage +vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter +dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund. + + + + +Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde. + + +Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn +schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch +ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und +gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger +Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß +für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das +seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er +besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn +manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er +seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah, +oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte +er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch +ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine +sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen +wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären, +wie der!« + +Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester +Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater +hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit +der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst +stellte sich da und dort vor -- aber es wollte nicht gelingen und die +gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft +wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere +Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen +sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern +an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine, +zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht +strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele +kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand +wollte Johannes. + +So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen, +immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn. + +Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig +auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin, +denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu +tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens +vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches, +und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die +arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte +Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft +aufnehmen, so mußte es anderswie gehen. + +Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen +plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte. + +Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen +Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen, +aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn +wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was +uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre? + +Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er +plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese +Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und +die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das +Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein +junges Füllen. + +Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste +mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als +die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine +Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er +selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas +verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er +wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln; +die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde +ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und +ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und +Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann +Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke, +und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er +dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und +Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander +hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken +und -- -- hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum +Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch +immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was +sie sagen würden. + +Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein +genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er +nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen +wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man +mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich's nicht schön, +betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit +diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn +ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete +er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein +anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,« +sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat +machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten, +daran scheitert die Sache.« + +An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht +glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er, +Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte +ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer +und Abgaben drückten so sehr auf Johannes' Luftschloß, daß es +einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam, +das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung +des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest +eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.« + +Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet +worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die +Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu +seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung. + +Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine +Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die +Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten, +ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle +durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der +zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es +war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine +Unternehmungslust weckte. + +Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln, +Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der +Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien; +gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem, +bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in +Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich +schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten +sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren +kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag +erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen +Räumen. + +Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der +zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor +Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater, +Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der +alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den +beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur +leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf +sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten. +Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen +Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte +ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein +großer Tag! + +Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und +Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall; +und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal +innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem +Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und +zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie +Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den +Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann +auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er +schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen. +Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging +er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des +»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie +auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es +schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen +Geschäftsmann seinem Schicksale. + +Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe, +ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte +keiner. Aber doch -- das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung -- +hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten +Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine +Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und +kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift: + + _Packwaren._ + +Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte +ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich +nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht +abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte +sich den Packwaren zu. Sie war Johannes' erste Kundin, wie eifrig wurde +sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel +gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet! +Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen +können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und +bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen +Kaffees zu holen. + +Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und +in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen +durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf +den andern trippelten, das war kein Spaß. + +Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der +Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die +Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der +Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten +Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten +sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf +zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das +Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es +jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte, +so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter +seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch +wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware +gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch +wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin +Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und +fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er +sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze +bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte +recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich +herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie +ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz +angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre +Johannes' Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue +war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch +die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch +Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt +konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch +dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft +zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel +davongehen. + +So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen +Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber. + +Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand +ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter +den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr +hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die +Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig +das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte, +war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief +in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war +Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und +beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie +betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie +unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken; +er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es +wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten +sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich +Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit +der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und, +obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch +weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten. +Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte +nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast +unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst +dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein +Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und +blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser; +lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem +fortstrebenden Enkelkinde. + +Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände +wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh, +Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte +Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf +Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen. +Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr +Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber +dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe. +Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig +packte er seinen Kram zusammen. + +Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig +ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der +Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser +dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich +Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt +wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber +er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er. + +Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu +gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich +aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling +hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere +Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das +reinste Kind. + +Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in +seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht +vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als +er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er +diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm +statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht +entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen. + +Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem +Jungen die Hand und fragte: »Wie geht's, kleiner Geschäftsmann?« »Wie +geht's« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will; +aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der +Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und +sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und +seinem Blick das Zutrauen: »Zeig' du mir, wo der Weg weitergeht.« Und +Ulrich Wagner machte den Wegweiser. + +Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das +Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich +weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen +getäuscht. + +Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste +Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes +und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das +Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der +Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn. + + + + +Ein geplagter Mann. + + +Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen +gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in +dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt +malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen +durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser +Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu +eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es +noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem +Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der +manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem +Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits +fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner. + +Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen, +hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des +Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie +auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann +aufsuchte. + +»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die +Fahnen hinaus, das ist recht.« + +»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.« + +»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig +hinaus.« + +»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie +gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.« + +»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht +aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims, +der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß +man sieht, wie sich's macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.« + +»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da +brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so +gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse, +weiter braucht's nichts.« + +»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich +habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch +gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die +Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus +vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das +einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen +Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben +doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.« + +»Nun ja, dann muß ich's eben machen,« sagte der Mann zögernd. + +»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei +Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der +Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre +Leiter ist nicht lang genug.« + +»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur +eine entlehnen.« + +»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe +heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken, +das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und +hole Brot.« + +Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und +die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete +den Frühstückstisch. + +Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im +Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen, +das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses, +Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte +vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen +schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er +ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein +Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen +hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige +Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen +Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei +einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die +Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten +werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten +wird.« + +Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine +Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte. +Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit +dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein +und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war, +wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze +und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig +im Sonnenschein des ersten Septembermorgens. + +Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere +Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die +landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und +seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag +angebrochen. + +»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau. + +»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der +Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun +Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe +nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den +Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn +ich wiederkomme?« + +»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und +dann Hänschens Bauernanzug.« + +»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!« + +Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag. +Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz, +eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen +Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des +Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als +Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer +gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß, +»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.« + +»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.« + +»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange +es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede +zurechtlegen.« + +»Zur Begrüßung am Bahnhof?« + +»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf +dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.« + +»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie +sah aber stolz zu ihm auf. + +»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl, +wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck. + +Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg +über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon +allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen, +während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke +zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche +Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser +Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit +verschiedenen Anliegen auf ihn warteten. + +Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes +festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die +Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig +der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel +genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem +Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie +noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte. + +Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf +der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht +angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen +kam. + +»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?« + +»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich +aufgeschichtet.« + +»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die +Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es +wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in +der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum +Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am +Haus?« + +»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so +naß ist und weil es so ordentlich aussieht --« + +»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den +Holzstoß damit vollständig zu!« + +»Wo bekomme ich wohl die Wedel?« + +»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort. + +»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie +wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine +rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.« + +»Aber du hast mir nichts davon gesagt.« + +»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite +herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer. + +»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans. + +Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er, +»das ist ja gar nicht möglich.« + +»Wieso?« fragte die Frau. + +»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja +unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?« + +»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber +doch ganz hübsch.« + +»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin +überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja -- zwei +Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas +nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.« + +»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist +noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß +aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.« + +»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin +so wenig verstünde wie du!« + +Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit, +geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas +Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und +nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf +dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.« + +Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der +Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne +hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige +herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer +aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne, +mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter. + +Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus +zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er. + +»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge +Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an +der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das +zu beanstanden ist?« + +»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin +nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?« + +»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man +sich mit ihr einläßt, ist's besser, daß man weiß, wie der Herr +Stadtschultheiß darüber denken.« + +Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,« +sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem +Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch +selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.« + +Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete +ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den +Stadtschultheißen sprechen. + +»Es _muß_ wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja, +dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll +Pulver durch unsere Stadt kommen werde.« + +»Schadet denn das etwas?« + +Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau +Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen +paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.« +Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas +gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst, +das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen. +Was gibt es schon wieder?« + +»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.« + +Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus. +Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie +selbst an. + +»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid. + +»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.« + +»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er +darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich +schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben +abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon +aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen: +könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans +als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher +reizend?« + +»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon +glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel +zu lassen.« + +»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen +Frau macht das sicher Spaß.« + +»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in +Ruhe.« + +Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie +schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der +schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig, +da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er +nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen +Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch +das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht +genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen, +aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!« + +»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht +der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus +aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der +Wäsche fragen.« + +»Die tut's eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die +jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau +Stadtschultheiß Garten aufhängt.« + +»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?« + +»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt +und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.« + +»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder +stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn- +und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr +deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport +machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten, +wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte +sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme +sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde +vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt. +Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor +meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird +überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.« + +Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm +die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum +Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte +noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe +hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge +Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar +Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist +der Herr Stadtschultheiß da?« + +»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?« + +»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von +der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung +einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen, +wie's doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei's nicht +gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er +fürchtet, es könnte ein Unglück geben.« + +»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?« + +»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.« + +Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die +Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch +keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn +hereinlassen?« + +»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der +Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine +Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern +bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute +ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so +spät daran. Daß _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade +noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus +und hörte den Bericht wegen des Stiers. + +»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen, +wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet +werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen, +der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.« + +Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist +besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs +Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im +Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte +doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße +Halsbinde?« + +Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief: +»Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.« + +»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine +Zeit mehr zu verlieren.« + +Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter +sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann. + +»Die Binde _muß_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn +vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?« + +Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die +Kleine zum Erbarmen. + +»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer. + +»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.« + +»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.« + +»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden, +in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau. + +»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister +Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.« + +Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der +schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im +Auge. + +»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der +Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine +Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi +geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.« +Der Mann sagte gar nichts mehr. + +Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr +entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken +machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein +halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle +weggegangen,« berichtete Anne. + +»Und im andern Geschäft?« + +»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der +Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei, +so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie +gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint +Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.« + +»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!« + +Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie +ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den +Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor +sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus, +der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch +kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn +an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu +brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja +schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte -- keine Frage, Hans +hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch +machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei? +Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama, +gib mir dafür eine andere.« + +Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts, +und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da +ist die Halsbinde.« + +»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen +Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein +Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie +habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden +zur Auswahl.« + +»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam +Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter +und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden +Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße +Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich's aber nicht merken. +»Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.« + +»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen. + +»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib +ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.« + +Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie. + +»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine +verständige Tochter.« + +Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und +schickte sich an zu gehen. + +»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau. + +»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung; +um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube -- da sehen wir uns wohl einen +Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese. +Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung -- dazu wird dir ja unser +Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und +der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan +verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.« + +Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte, +verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz +mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit +ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich +heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß +gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die +Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr +Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf +nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm, +und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte. + +Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der +Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann. + +»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie +ihn. + +»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen +werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: 'Was wollen Sie denn? Die Wäsche +ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen', und sie hat sie +heruntergenommen.« + +»Ist die wirklich so schnell getrocknet?« + +»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie +den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten +müssen!« + +In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige +Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge +prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau +Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in +bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner +kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen +Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der +anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren +als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern +Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten +und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den +Strauß überreichen sollte. + +Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben +diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die +Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern +des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder +anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte +daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt +hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans +irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten +kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des +Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in +der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die +Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und +begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner +Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der +Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der +nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam +machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete, +»haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch +echte kleine Bewohner gestellt.« + +Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an +seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die +Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend. + +»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine +mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah +sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer +Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte +Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich +und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was +ist denn der Papa dieses Kleinen?« + +Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.« + +»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der Prinz; »ja, ja, +an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!« + +Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon leichte Winke von +verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand, +merkte, daß sie deutlicher werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst +ja deinen Strauß der Frau Prinzessin geben!« + +»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und sprang lustig durchs +Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die älteren +Damen zurückgezogen hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten. +Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit dem Kind +anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strauß aus der +Kinderhand, trat mit Hänschen vor und sagte bittend zur Prinzessin: +»Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?« + +»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, »was haben Sie für +einen prächtigen Jungen, er hat uns den größten Spaß gemacht, der kleine +geplagte Mann.« + +Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann verließen sie die +Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und +wieviel Arbeit und Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube +gekostet! + +Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. Lebhaft wurde das +Vorgefallene besprochen. »Es hat sich alles ganz gut gemacht,« entschied +schließlich die ehemalige Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine +war ein #faux pas,# liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen +müssen: 'Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen'; wollen '_Sie_' +ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht +nachtragen,« setzte sie begütigend hinzu. + +Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen +Hoheiten über sie dächten, das war es nicht, was sie bekümmerte, aber ob +ihr Mann über sie und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen +Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, daß am Abend +die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen müsse. Ihr +Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch +ein Gefühl dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte, +trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der +Bauernstube. + +Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim Seifensieder mit +Unschlitt füllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen +Döchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte +sie gehört, daß sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja, +von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner +gezeigt hätte! + +Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und +jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich +kommen. + +Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, was ist denn mit +Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?« + +Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte +sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es +dauerte gewiß eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in +schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die +Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine +Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist meinem Mann nicht gut, er hat +sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schläft ein wenig.« + +Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort mehr für die +Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie ja doch verzichten. »Anne,« +sagte sie, »was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?« + +»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige selbst auf die Leiter, +wenn's dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst +einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem +Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei, +Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. »Sie +ist ja zu kurz!« rief Anne herauf. + +»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!« + +»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der gegenüber wohnte und +neugierig herbeikam. Frau Römer schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte +vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan +dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des +Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat das der Herr Stadtschultheiß +angeordnet?« fragte er. + +»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« Der Mann schüttelte +den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig +stampfte sie ein wenig mit dem Fuß, -- ihre Ungeduld war _zu_ groß. »Die +Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« dachte +sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!« + +»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, »wenn ich etwas sagen +darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hängen die +Fahnen über dem Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist's auch +zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.« + +Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. Aber Anne ergab sich +nicht so schnell. »O Herr Breitling,« sagte sie, »Sie wollen nur nicht. +Die Fahnen könnte man einziehen, wenn's Nacht wird, und wie sollten denn +die Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie +zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken +bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!« + +Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und +zündete ein Streichhölzchen an -- im Nu war es vom Wind ausgeblasen. +»Glauben Sie's jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht's, da +sind die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da löschen +alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt's nicht.« + +Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter an ihren Platz,« +ließ sich nun von oben eine bekümmerte Stimme vernehmen, und das Fenster +wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum +Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen sah. +Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte sie es sich +ausgemalt! + +Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der Schreiner und der +Bäcker!« + +»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!« + +Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen +Sündenbock will der Mensch haben. + +Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon Lämpchen an. Ein +kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben wenigstens viele Fenster,« sagte +Frau Römer, »und Lichter für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im +Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen vor +die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, daß sie +nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In +der Ferne hörte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen +Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten in +bengalischer Beleuchtung. + +Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der +Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Römer tun. Aber der Wind, der +Wind! Kaum brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug und +blies sie aus. Und gerade auf _der_ Seite des Eckhauses, die freistand +und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gästen ins +Auge fallen mußte, gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die +schwachen Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Häusern? Die +junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Häuserreihe hinunter -- +schön beleuchtet glänzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es +wenigstens, denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder +verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte, +und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam +auch Anne verzweifelt herunter. »Droben verlöschen sie alle! wie ist's +denn unten?« + +»Ebenso!« + +»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der vor einem +angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte. + +»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne. + +»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den +inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; »schnell, geh hinunter vors +Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« und während das Mädchen +hinuntersprang, legte sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des +geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder: +»Prächtig sieht's aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter nicht außen +stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.« + +Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine herbei, +schnell, schnell!« und mit Bausteinen und Büchern wurden nun sämtliche +Fenstersimse so hoch belegt, daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar +wurden. Und dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere +junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lämpchen und +Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. Aber sie brannten so gutmütig +an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die +Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig +Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster öffnen. +Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur +hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in +allen Zimmern, und Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der +Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum +Feuerwerk?« rief sie herauf. + +»Ja, ja, geht nur miteinander.« + +Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflüchtet +worden in die Küche; da schlief sie ganz sanft, während ihre Mutter +unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze +hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde +es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles +fühlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins +untere Stockwerk, waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war +fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine +Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig von einem Zimmer ins +andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der +Straße Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die +Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß, +fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; das Feuerwerk war aus, die +schaulustige Menge strömte ins Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die +Lichter durften ausgelöscht werden! + + * * * * * + +Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Römer saß allein +auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne +schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte +durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße ein lauter, +fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre gesteckt. »Mein Mann +kann es nicht sein, aber doch ist er's!« sagte sich die junge Frau und +eilte hinaus. Ja, er war es. + +»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte gedacht, heute wird es +spät!« + +»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!« + +»Und du?« + +»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal +wieder bei meiner Frau sein.« Dies Wort zerstreute alle Sorgen der +jungen Frau, sie fühlte es: alles war schön und gut zwischen ihnen und +nun wurde es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten +sich behaglich zusammen. + +»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte Römer. + +»Ist alles gut gelungen?« + +»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser war ja durch den +Wind recht lückenhaft, nur unser Haus war glänzend. Schon von ferne +fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war +nicht wenig stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen +wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall sonst waren +doch die meisten Lichter verlöscht.« + +Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht es so merkwürdig +im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden während des +Feuerwerks, ich aber auch!« + +»Wieso du?« + +»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen hier durchkommen +wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche +Mann, hat den Fußweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich +nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die +beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich +seh ihm gleich an, daß etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn +beiseite. 'Sehen Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,' sagt er. 'Auf +der alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der Pulverwagen!' +Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort der große, schwarze Wagen, +mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fähnchen, +unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf +und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. 'Was +ist zu tun?' fragte mich der Ratsdiener. 'Es ist nicht mehr zu ändern,' +sagte ich, 'lassen Sie sich nichts merken, daß kein Schrecken unter den +Leuten entsteht. Gehen Sie hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne +Aufenthalt weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft, +kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.' Er +ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder +bewährt, du könntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von +mir weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: 'Sagen Sie, ist denn +das da drüben nicht ein Pulverwagen?' 'Das macht doch nichts,' sagt der +Ratsdiener mit größter Seelenruhe; 'auf dem Wagen können Sie ein +Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.' 'So, so,' sagt der +andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute +war, während das Feuerwerk so in der Luft herumschwärmte. So oft es +unbemerkt ging, mußte ich mich umwenden und hinübersehen nach dem +kleinen roten Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam +kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.« + +»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?« + +»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin, +die mir noch an der Bahn einen Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl +von seiner Plage?« + +Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den friedlichen Abend; +in der Wohnung des Stadtschultheißen gab es jetzt keinen geplagten Mann! + + + + +Helf, wer helfen kann! + + +Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen Händen und glühenden +Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um +vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte +versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da +ertönte die Klingel. »Es wird der Vater sein,« dachte Frida und öffnete. +Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf +der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in +das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit +ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hörte nur noch mit +halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das +Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht unhöflich +wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen hatte der Herr weiter +mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel +davon gehört. + +»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu +sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind eben meine Töchter, von denen +ich Ihnen erzählte.« Frida errötete. + +Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer Elise gesprochen +hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie _viele_ Töchter haben?« sagte sie in +ihrer Verwirrung. + +Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.« + +In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten +Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde +und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch +bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem +Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein +Meisterstück!« + +Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie +hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der +Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war +nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur +den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat! + +Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß +ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein +großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag, +Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur +halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch +abwenden. + +»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida. + +»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen. + +»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet +einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen +soll!« + +»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch +einen Fisch bekommen.« + +»Ist er tot?« fragte Frida. + +»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.« + +Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der +Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein +schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig +ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der +»tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit +dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten +Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn +töten. + +»Und das heißt die dumme Person _tot_!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn +ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da +klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die +heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein +Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen +verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so +verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und +wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida +ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch +töten?« + +»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt. + +»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?« + +»Warum denn nicht?« sagte er. + +»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ +sich's nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah, +sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie +er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn _ganz_ tot +machen.« + +Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher +Macht auf, daß dieser fast davonflog. + +»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch +noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte +Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem +Küchenjungen. + +»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?« + +»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird's nicht sein, daß +ich's nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich's recht +mache?« + +»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr +Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte. + +»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?« + +»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder +hineintun.« + +Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch +auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt. + +Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den +Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den +Fisch kunstgerecht zuzubereiten. + +»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O +ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu +richten, wäre ich recht froh.« + +Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte +dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten. + +»Man wird ihn _doch_ noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche. + +»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es +nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute +froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida +ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund +ist es, glaube ich, nicht.« + +»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt +und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar +entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück +Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe +hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei +ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte, +daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage: + +»Ist auch der Braten gut geworden?« + +»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten +mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!« + +»Einen Fisch? Woher?« + +»Von der Köchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch -- oder nein, ich +glaube bloß den Vater, auf morgen -- oder nein -- ich glaube auf +übermorgen einzuladen.« + +»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?« + +»Ach, bei dem Fisch!« + +»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke +auf.« + +»Es geht nicht, Mutter.« + +»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?« + +»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen +mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!« + +»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben +haben?« + +Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als +er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in +Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug, +erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und +dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer +Stimmung. + +»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer +katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es +sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.« + +Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte, +berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem +Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem +Handwerksburschen -- und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten +Besuch nie mehr vor Tisch zu machen. + +Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er +nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es +wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch +bringen werde. + +Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der +Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen! + + + + +Ein Wunderkind. + + +Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren +Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen +können. + +Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein +Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen +Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte, +was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages +der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum +Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum +Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich +will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht's nicht,« +entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich +kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du +lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann +auch _lang_ warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der +Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an +der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben +ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich +an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen, +er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er +stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht +Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. -- Nun +trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte +sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu +sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und +ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider +beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte, +daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn +und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit +Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken +Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit +dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft +war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt, +Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete +Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da +staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause +auch schon genäht habe, woher er's könne usw., aber es war aus dem +Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat's ihm der Schneider zulieb +und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht +hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die +Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der +Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh' ich, komm du nur +ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.« + +Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat, +um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin +auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die +Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte: +Verdirbt er's, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb +nichts und kam nun alle Tage. + +Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der +kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er +war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer +konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit +geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief +ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr +Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die +Augen zu. »Was ist's heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und +schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine +weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!« +und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder +lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den +Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß _so_ +laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner +Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den +Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der +Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht, +sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen +scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an +einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch +Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu +seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht +an deiner Jacke zurecht.« + +Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider +für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu +Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der +Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm +der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes +wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und +sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider +verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin: +»_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_!« Der Schneider kam wieder +zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur +zufrieden, jetzt ist's schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht +zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh' ich nicht, ich +will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für +unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten +Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man +seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch +zu liefern und ging. + +Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen +und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es +fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so +flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar +anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister +daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie +wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre. + +Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich +nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der +geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und +wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja +manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte +ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen +zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister. + +Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der +Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben +sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft +könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist +dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird, +da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die +Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht +ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater +sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann, +er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.« +Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache +ausmachen. + +Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein +ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im +Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn +anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die +Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald +bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand, +war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen +und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz +zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den +kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und +beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den +ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe +tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein +auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem +er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier +sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht +habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten +Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die +gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem +jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort +unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte +bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu +dem Bedienten: »Der Herr soll zu _mir_ kommen.« Die Gesellen waren nicht +wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister +zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen. +Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel +haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn +Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun +neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in +die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl +und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen, +und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit, +ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten. +Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die +vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie +taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der +Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste +Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht's mit den +Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre +Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches +Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen +können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da +lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und +besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die +Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das +Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen +den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen +Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu +sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich +wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld +zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben +hätte. + +Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen +Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der +Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue +Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in +Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der +Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit +prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach +dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was +sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern +wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm +umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war +Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus +der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner +Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es +sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt +herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie +habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht +anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf +_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab's ja gleich +gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und +sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei +ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die +Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf, +als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen +Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst +sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste +Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da. +Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und +wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen +herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte. + +»So kann's nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm +allein war. »Nein, so kann's nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß +man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte +der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt +heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das +Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon +versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter +überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf +einen andern Ausweg besinnen. »Ist's dir recht, wenn wir zu dir ziehen, +der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag +anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,« +sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das +nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo +soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal +leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu +durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen +Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er +gesagt: 'Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht +brauchen Sie's einmal,' aber ich weiß nicht mehr, wohin er's versteckt +hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und +richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel +mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im +Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte. + +Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen, +und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an, +wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am +ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie +sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine +Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die +Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder +versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte +noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und +schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war +aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er +wieder, und nun stellte sich's heraus, daß er nach alter Gewohnheit in +sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für +ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht, +als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er +legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller, +schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt's euch?« so +daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der +Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere +Leute. + +Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren +und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie +ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn +seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als +wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der +fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren, +und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in +Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und +fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt. + +Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines +Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie +sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir +ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und +legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du +bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum +Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er, +»einen _Riß_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist, +dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief +die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich +lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er +seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise: + + »Lieber Gott, mach mich fromm, + Daß ich zu dir in den Himmel komm!« + +Dann fielen ihm die Augen zu -- für immer. Die alten Eltern haben ihn nie +verschmerzen können und die Geschwister alle haben ihm ein treues +Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von +dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind! + + + + +Mutter und Tochter. + + +Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im +Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten, +denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern +stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor +Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren +hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der +Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er +Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und +hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten +sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der +Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie +wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover. + +In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar +Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren +wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren +Lebensweg gemeinsam zu gehen. + +Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die +Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von +ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?« + +»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte +er. + +»Ist sie groß für ihr Alter?« + +»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich +nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.« + +»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?« + +»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die +Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße +begegnet?« fragte sie. + +Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen Blick für diese +Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so scharfes Verhör mit mir +anstellst, hätte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber +bald selbst sehen.« + +»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir hören.« Da wußte der Vater +besser Bescheid. »Sie ist gut,« sagte er, »du wirst keine schwere +Aufgabe mit ihr haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten +Jahren hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend +ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem +Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon +sprechen, fühle ich doch, daß das, was sie in diesem Unterricht gelernt +hat, lebendig in ihr geworden ist.« + +»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann finde ich schon den +Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, daß sie die Nachricht von +unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?« + +»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen. +Aber du weißt ja am besten, wie die Mädchen ihres Alters ungefähr sind.« + +»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, »und ich bitte +dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.« + +»Ja,« sagte der Direktor. + +Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. »Ich +fürchte, du schreibst mir doch nur: 'Sie hat es aufgenommen, wie es eben +so Mädchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.' Ich möchte es aber +genau hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen +sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich ja noch nicht.« + +Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung verbrachte er diesen +Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der +Hochzeitstag festgesetzt. + +Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes Familienleben +genossen. Verschiedene Haushälterinnen hatten sich in seinem Hause +abgelöst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er +nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes +Dienstmädchen hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung gehalten. +Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein +glückliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die +richtige Leitung. Das Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln, +es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau sollte +nicht unter ihm zu leiden haben. + +Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst +nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter +zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse +Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst +auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« sagte er, »dabei +erzähle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein +kleines Fest.« + +Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und +was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn +und sah sehr begierig zu ihm auf. + +»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und +fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im +nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.« + +Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie, +»das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder +wechseln, die bleibt dann doch!« + +»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater. + +»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte +Berta. + +»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie +eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir +verlangt.« + +»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar +keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein +Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und +die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die +Schrecklichste!« + +»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater +ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch +nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz +liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen, +die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta +schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen +Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber +sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von +den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten +Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen; +denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und +Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen. +Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden +schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.« + +»Mir ist's selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so +lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und +ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick +sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater +vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen +Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.« + +Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo +sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte, +sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne +über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn +noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den +Freundinnen plaudern. + +»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist ja gar nicht wie +sonst!« + +»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« fragte Lorchen; und +nun drängten sich die beiden Mädchen an Berta und fragten und plagten +sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr +anvertraut hatte. »Nun begreife ich's, daß du so ernsthaft aussiehst,« +sagte Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.« + +»Du hast's auch gar so schön gehabt, wie eine kleine Hausfrau;« und +Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, den Berta an ihrer +Schürze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta +sich ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel wird +sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu Luise. »Natürlich, +die wird ihr die Mutter abverlangen,« sagte Luise. + +Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und +sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen +ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten +Augen am Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. Berta war +sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten +sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles +wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den +Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während sie +sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet hatte, +schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: »Lisette geht. Ich +bekomme eine zweite Mutter.« + +Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darüber, wie +Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte +sich dann: »Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ fürchtet, werde +ich leicht fertig werden mit ihm.« + +In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben und Treiben im Haus +des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben +ihr Wesen, um die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle +endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und +reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor Sauberkeit. + +»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus nicht ordentlich +übergeben habe,« sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wußte, daß +sie nicht mehr da sein würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten. +In einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und fertigte für +Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt +hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach +ihr. »Berta,« sagte er, als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum +Schreibtisch nicht!« + +»Zu _meinem_ Schreibtisch?« fragte Berta und griff nach ihrem +Schlüsselbund. + +»Zu _deinem?_ Nun, zu dem schönen Schreibtisch im Besuchszimmer, der +gehört doch nicht dir! Gib einmal den Schlüssel!« + +Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine Schublade. »Die Sachen +sind wohl von dir, die müssen natürlich alle heraus.« + +»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört doch mir, seit Mama tot +ist, und ich habe auch alle die kleinen Fächer und Schubladen voll +Andenken und wichtigen Sachen!« + +»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt sie jetzt anderswo +unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du +solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese +Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!« + +Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles +hinräumen und warum mußte sie gerade den Schreibtisch hergeben, in +dessen Besitz sie so glücklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja +tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau +entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem +Unmut nahm sie die Schätze heraus aus den kleinen Fächern und +Schubladen, um den Platz frei zu machen für die Mutter; und Lisette, die +sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja, +ja, ich muß ja auch den Platz räumen.« + +Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick +entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn +nur der Vater nicht dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht +so liebevoll sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe gebe.« Vor +der Abreise mußte sie von Lisette Abschied nehmen für immer. »Wenn du +beim fröhlichen Hochzeitsmahle sitzst,« sagte Lisette, »so denke an +mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und +Berta versprach unter Tränen, an sie zu denken. + +Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von München gefeiert +werden. + +Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der +Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem +Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu +seiner Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht wird, +und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. Ja, gewiß wollte sie dem +Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei +alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie +empfinden. + +Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen +nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die künftige Mutter. Wie im +Traum wandelte Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein +Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und sie hörte seine +Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« Berta sah auf. Eine große, +stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und +begrüßte sie ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine +Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt. +Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber +eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung, +so konnte ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter +stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als Gäste geladen waren, +und überließ sie diesen. + +Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mußte immer und +immer wieder zu ihr hinüberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich +und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal +begegneten sich ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder +vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich +gerichtet fühlte. + +Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und +unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und +lustig zu, so daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war. +Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und Bräutigam wurde viel +Gutes gerühmt; und alle schienen es ganz gewiß zu wissen, daß auch +Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta +hörte auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren erwähnen und +sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie +die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken +abgelenkt. Dort, an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die +Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei und daß in +dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Fröhlichkeit war mit einem +Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfüllte wieder ihre Seele und +sie kam sich wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte +vergessen können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn +angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird +angestoßen!« + +Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß mit allen an, die +freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein fröhliches Gesicht zu machen. +Es gelang ihr wohl, die Fremden zu täuschen, auch der Vater schien +nichts zu bemerken, als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte sie +wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte +beobachtend auf dem Mädchen, das sich ihr schüchtern näherte, und als +sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise, +so daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, der Tag +wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie +fühlte, daß die Mutter sie durchschaut hatte. + +Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das +Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich +zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas +erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich, +mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich +besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du +dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein +beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht +gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch +noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf. + +»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja +ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl +erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir's +noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es +ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig +durch das lange, verwirrte Haar. + +»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt? +War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen, +kastanienbraunen Haares?« + +»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta. + +»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele +Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes +Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar +zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb +haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja +vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir +beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst +aber ist es ja noch gar nicht möglich.« + +Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam +ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb +hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb. +Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem +Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen +Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist's heute schwerer ums Herz +gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es +auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den +Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige +Gedanken?« + +»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser +Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich +ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.« + +»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude? +Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie +ein gutes Mädchen?« + +»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen. + +»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die +Mutter. + +»Sie hat gar keine gehabt!« + +»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater gehen lassen? Warum +ist sie denn nicht geblieben?« + +»Weil -- weil eben --« + +»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die Mutter, die den +Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, wie machen wir denn das, können +wir sie nicht wieder bekommen?« + +»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.« + +»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das nächste Vierteljahr +können wir also nichts machen; aber dann -- wie meinst du, wenn....« + +In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. Die junge Frau wurde +gerufen, sie möchte doch kommen, man warte schon lange auf sie. + +»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch häusliche +Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.« + +Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf dem Rand des Bettes. +»Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel +setzen, daß wir Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater +bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.« + +»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, »das ist ein +schöner Plan!« + +»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter und stand auf; +»morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen +ja frühzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am +Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst +_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort +daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der +glücklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr +zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir +auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir's nicht gefällt, +gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater +heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfängt, als das +neue Dienstmädchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen +Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich nicht deinen Vater so +lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich +gebe dir keinen Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei +Menschen, die sich nicht lieb haben.« + +»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« sagte Berta und +reichte der Mutter die Hand. + +Nun war Berta allein. + +Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet +hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Daß es auch der +Mutter bange vor der Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie +gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst +ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darüber, ob _ihr_ +wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat +gefallen würde, und nun war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön +gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft +in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; wenn sie nur das +ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang +bereiten könnte! Warum lag ihr denn so viel daran, daß es der Mutter +gefiele? Berta mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde +hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie es +deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am +Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte, +keine von all den Haushälterinnen, war eine heiße Sehnsucht in ihr +erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren +früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu +erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich +gesagt, daß sie sich nicht lieb hätten. Aber eines hatte die Mutter +gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich +vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer +Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon +lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit +ihr wollte sie gehen! + + * * * * * + +Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die +nächsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, daß sie einen +Tag früher heimreisen und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe, +daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst hatte sie +anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel der Wohnung anvertraut hatte. +Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen +Dienstmädchen in der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und +sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint +hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, »wir wollen alle Fenster +weit aufmachen und die Türen offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft +hinausgeht.« + +Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu +tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde +diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um +Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit heim, daß sie alle +Gläser füllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten +eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen +umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen +Luft war nichts mehr zu bemerken. + +Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem +Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen, +bemerkten sie schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks +hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das erklären soll,« +sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. »Sicherlich haben uns die +Bekannten eine Überraschung bereitet und sich in unserer Wohnung +versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht +angenehm.« + +»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre lieber ohne Fremde +daheim gewesen an diesem ersten Abend,« sagte seine Frau, »aber wir +müssen gute Miene zum bösen Spiel machen!« + +Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastüre +stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie aus einem Munde. + +»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.« + +»Und wer ist außer dir noch da?« + +»Niemand als das neue Mädchen.« + +»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht es hier aus!« rief +die Mutter, als sie ins Zimmer trat. »Wer hat denn alles so schön mit +Blumen geschmückt?« + +»Ich habe es mit Christine getan.« + +»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich erfreut. + +»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare Haustochter und +sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte freilich bei all dem mehr an die +Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon +etwas zu sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter gut +gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch +saßen. + +Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurückzog, war sie sehr +gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen +würde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte, +so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu halten. + +Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig zumute, als sie die +Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den +Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst +war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war +der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, und die Mutter voll +Freundlichkeit. Sie wußte auch so vielerlei zu erzählen, es war ein ganz +anderes Leben als sonst! + +Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel, +aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit +dem Auspacken ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch +zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar +keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich +nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.« + +»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat +dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errötete über und +über. + +»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der dies bemerkt hatte. + +»Darf ich's denn nicht sehen?« fragte die Mutter. »Es ist mein +Tagebuch,« antwortete Berta. + +»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« sagte der Vater. + +»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch lesen läßt, +wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die Mutter und fügte freundlich +hinzu: »Aber es ist gewiß nichts Schlimmes darin, was du mich nicht +lesen lassen möchtest?« + +Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mädchen, das in größter +Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschließen +konnte, das Buch zu öffnen. + +»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, »ich kann solche +Tagebücher nicht leiden, was wird da für übertriebenes Zeug +hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!« + +Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt werden. Sie +sagte sich, daß die Mutter notwendig meinen müsse, in dem Tagebuch stehe +eine unfreundliche Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte +sie doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, der +Mutter das Tagebuch zu zeigen. + +Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen. +Sie packte ihre Bücher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und +verabschiedete sich. »Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte +die Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die Ellenbogen +herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick zu platzen droht!« + +»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben mir es auch alle schon +gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer +nicht an die Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich +keine Kleider.« + +»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte die Frau Direktor +und suchte ihren Mann auf. + +»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, »sie sagt, du werdest +ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du +dich so eingehend um ihre Kleider kümmerst.« + +»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher mußte ich schon +Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen für Berta. Weil ich nun +von Mädchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so +gehalten, daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre +Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.« + +»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen +haben. Ich meine, wir müssen ihr dringend eine Jacke kaufen.« + +»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kümmern mußte,« +sagte der Direktor. »Du weißt, was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so +einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.« + +Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten +wieder ins Zimmer kam und sagte: »Ich will dich nach der Schule abholen, +und dann kaufen wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem +Vater vorgekommen. + +Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in +eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat, +freundlich zu ihr sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen +bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute +Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fühlbar!« + +Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die +Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch die Mitschülerinnen, die +neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. »Berta,« sprach jetzt die +Mutter, »die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei +Jahren ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig +geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht +leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter +gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hörte, +daß ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im +Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und Englisch ist mir +so geläufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen, +daß du in _einem_ Jahr auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr +nette französische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig +benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur +Französisch reden, so ist dir's in einem Jahr geläufig. Aber nur wenn du +selbst willst!« + +»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer. + +»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter +bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, fleißiges Mädchen? Es darf +aber weder Luise noch Lore sein!« + +»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt. + +»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die +Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt haben. Das sind zudringliche +Mädchen, die viel öfter kommen als man sie will und mit denen du +gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben +ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.« + +»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine +Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.« + +»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein +französisches Kränzchen aus, willst du?« Wie gerne wollte Berta! Solche +Geselligkeit war ihr etwas ganz neues. + +Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft +werden sollte. Da gab es eine große Auswahl, von den einfachsten bis zu +den feinsten. + +»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die Mutter. + +»Ja, sehr gut.« + +»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde dem Fräulein noch +viel besser stehen,« sagte der Ladendiener und zeigte ein reich +verziertes Jäckchen. + +»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die Mutter und leise +fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer das Schönste gewählt oder war sie +für das Einfache?« + +»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne Jacke beiseite. +»Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« drängte der Verkäufer. »Ich +will sie nicht, ich will die andere,« entschied Berta bestimmt, und +mehr als die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar +befriedigt zunickte. + +An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta +half dabei. »Hier sind die Schlüssel zum Schreibtisch,« sprach nun der +Vater, »dieser kleine schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte +sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut, +daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte der Vater das oberste +Fächlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die +Berta gehörten. »Was ist das, Berta,« rief der Vater, und eine böse +Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?« + +»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.« + +»Vergessen? das ist nicht wahr!« + +»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!« + +»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend dazwischen. + +»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den +Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was dabei gesprochen wurde, +haben wir beide auch nicht vergessen.« + +Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der +kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die große +Schublade auf -- sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgeräumt, +nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise +gerade zuerst gekommen war. + +»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, da habe ich dir +Unrecht getan, ich war der Meinung, du hättest _gar_ nichts ausgeräumt;« +und als er sah, wie Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich +hinzu: »Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta war es mehr; +die Mutter hatte sicher erraten, daß sie widerwillig den Platz für sie +geräumt hatte, und es war Berta, als wären nun all die lieblosen +Gedanken aufgedeckt, die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich +zu weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen besonderen +Grund haben. + +»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist,« sagte die +Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen ausräumen zu müssen. Es war +wohl dein Lieblingsplätzchen?« + +»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den +Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu sich genommen; aber es +versteht sich von selbst, daß sie dies alles nun abgibt; nicht wahr, +Berta, du möchtest es nicht anders haben?« + +»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie ihr Schluchzen +nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie schwer es ihr wird,« sprach +die Mutter, »und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine +Sachen nur wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater +wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht überreden. +»Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel +lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, _so_ +machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr. + +Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim +Frühstück. Der Vater war ärgerlich über den Verdruß, den es wegen des +Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah, +daß Berta nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht +erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst kämpfte, ihre +Schüchternheit zu überwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr +auf dem Herzen lag. + +»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann könnte ich alles +sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt nicht; sie ist auch am +Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war.« Unwillkürlich +griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf, +dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und sie löste das +Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des Abends von selbst aufgehen +würde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt +hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald +Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal heimlich +nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar ist ja ganz offen,« +sagte nun die Mutter, »wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend +noch ganz schön?« + +Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, die Haare sind +ganz offen.« + +»Ich will sie dir drüben noch einmal flechten,« sagte die Mutter. + +»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater. + +»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta eifrig ein. + +»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete der Vater. + +»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese +Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. »Ich will ihr +gerne das Haar flechten,« versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch +einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich +gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer. + +Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin, +daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und dann schlüpfte sie so schnell +wie möglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam, +gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die +Mutter. »Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach +wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich dein Haar besser +machen können, wenn du dich nicht vorher gelegt hättest.« + +»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das Haar kann ich wohl +selbst machen; ich möchte dich nur bitten, daß du liest, was ich heute +in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die +Mutter las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar +keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich +nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.« + +»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, das mich so +glücklich macht?« rief die Mutter, beugte sich über Berta, zog sie an +ihr Herz und küßte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt +hatte seit ihrer Mama Tod. + +»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb habe, mein Kind, +oder fühlst du es?« fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe +auf Berta. + +»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe noch eine Bitte: +nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen +hinein, damit ich ganz gewiß weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir +alles geben möchte, was ich nur habe!« + +»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich doch, daß es einem +guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.« + +»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« sagte Berta, und +errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn +es eine Stelle wäre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am +Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?« + +»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht +_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?« + +Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da +ließ sich plötzlich draußen des Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar +noch nicht geflochten?« + +»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und lachten, denn das +Haar war ganz und gar vergessen worden. »Nein, wir kommen gar nicht +zurecht mit dem Haar,« rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!« + +»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der +erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah, +daß auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter, +die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend +gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so fröhlich +gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher +Bewegung: + +»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen würden, habe ich sicher +geglaubt; aber daß wir uns so schnell finden könnten, hätte ich noch +heute abend nicht zu hoffen gewagt!« + +»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im +stillen Schlafkämmerchen waren, sahen viel glücklicher aus, als damals +im strahlenden Hochzeitssaal. + +Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: »Mein Kind muß jetzt +schlafen,« und schnell ergriff sie die Haarbürste und begann ihr Werk. +»Morgen wollen wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr +aufgeht.« + +»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die Mutter dabei so +schelmisch an, daß dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es +mit dem Haar gehabt hatte. + +»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr nötig haben, ich +komme von selbst an dein Bett.« + +»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette auf den +Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du meinetwegen die Christine +fortschickst, die dich so gern hat!« + +»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte der Vater. »Du +wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wäre euch aber nicht +gelungen, sie heiratet!« + +»Ist es dir leid?« fragte die Mutter. + +»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, jetzt, +Mutter, wo du da bist!« + + + + +Die Feuerschau. + + +Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus +in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste +Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu +hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern +sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die +junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch +ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht +jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das +Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am +Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das +sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben. + +Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie +hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf +kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der +Hausfrau. + +»Was gibt's?« fragte das Evchen hinunter. + +»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst +es deiner Frau ansagen.« + +Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag +auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.« + +»Die Feuerschau? Was will die wohl?« + +Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab +es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun +gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr +Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die +Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen +wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.« + +Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das +Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun +freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn +besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das +Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der +Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn, +»aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren +hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die +Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.« + +Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und +stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern, +dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch +nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau +hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche junge Frauchen ihres +Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich +schon ein wenig heimisch fühle im Städtchen? Die Frau Assessor +antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz +natürlich, daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück, +und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen +wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor: +»Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer +Handbewegung machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam. +Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein sehr hübscher +Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat sehr schön,« wiederholte der +Archivar. + +»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. Das +bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht könnte man es +ändern?« fragte die junge Frau. »Das ließe sich schwer machen,« +antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von +dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen. +Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben noch weiter +bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« sagte der Ingenieur. Der +Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er +fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen. + +Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen, +machte die Türe zum Eßzimmer auf und sagte: »Wollen Sie nicht den +eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort +abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich +verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu dem eisernen +Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen +herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas +davon und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. Der +Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im +stillen über die Feuerschau zu zürnen; sie fand es wunderlich, daß die +Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in +ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor +fürchtete. + +Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die junge Frau zu +zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, daß sie ihnen nicht einmal +einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen +weiter helfen,« und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte +sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es +ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. »Ich +danke,« sagte der Ingenieur, »wir wollen doch nicht überall eindringen.« + +»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und ging voran. + +»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich ab,« sagte der +Archivar. + +»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die junge Hausfrau, denn +sie dachte: »Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.« + +Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau +in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen, +alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte. + +»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz, +daß ihm noch eine so passende Frage einfiel. + +»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezündet.« + +»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.« + +»Ja, für die Lunge, nicht wahr?« + +Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und +Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein +älterer Mann in Begleitung eines jüngeren. + +»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne sich um das +verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, klopfte er an der nächsten +Türe an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer führte, in dem nun +schon drei Leute um den Ofen standen. + +»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, »wir wollen +nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.« + +»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne +Umstände gingen die Männer auf den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine +verbotene Ofenklappe,« sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie +es auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter. + +Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, daß die +junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war +offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und +sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? »Sie sind +gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, »Sie haben sich +bloß so gestellt.« + +Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, daß hier eine +Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau sind wir nicht,« sagte der +Ingenieur, »aber bitte, gnädige Frau, wir haben uns doch nicht so +gestellt.« + +»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!« + +»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das eigentlich gar nicht, +aber wir konnten nicht anders, wir mußten Ihnen doch folgen.« + +»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des +Herrn Assessors: Ingenieur Maier.« + +»Archivar Rau.« + +»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb beschämt, »was +müssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er +hört, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, o +bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« Sie waren +kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine +Freunde zu treffen. + +Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen +gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wäre, sie waren ja lange genug +herumgestanden. Nur sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten +Mühe, ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht wahr?« sagte +der Hausherr. + +»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der Ingenieur. Da war die +Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mußte lachen und +die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht, +bis ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich sah sie +trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl +aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor den Herren. Bewahre, das tat er +nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der +kleinen Frau überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es ja +auch nicht besser!« + + + + +In der Adlerapotheke. + + +Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger +gehörte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen +Abschied. Der älteste Sohn war zum Militär einberufen worden; den +zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt, +und der dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch +aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er +wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach +Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten. + +Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der +Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter, +Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser +Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das +Städtchen lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, wenn +der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und +täglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg +hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch +hineingeführt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen, +Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher +Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen. + +So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte +und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, daß seine +Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Tränen in den Augen +dastand. Sie war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen an +diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, »ich komme ja alle +vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich +in der Apotheke.« + +Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen freundlich +tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln mit dem Knecht, der Magd, +und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte. +Und Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, er freute +sich über die Maßen. + +Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der +Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentüre der Apotheke geöffnet, und +der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten +ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die kräftigere +Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit, +was man von den etwas blassen aber feinen Zügen des Apothekers nicht +sagen konnte. Er begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand; +der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der +ihm kein Fremder war, und den er, ohne daß dieser es wußte, schon seit +Jahren als seinen künftigen Lehrherrn betrachtet hatte. + +Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentümliche +Geruch herrschte, der für Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes +hatte, führte Apotheker Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen +Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der +kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschäftig den Kaffeetisch +deckte und sich entschuldigte, daß der Kaffee noch nicht bereit sei. +»Ich wußte nicht genau,« sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und +lieber möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als ihnen +einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.« + +Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, daß sie und +ihr Mann zu Hermann »du« sagen dürften, es sei doch traulicher für +Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu +freuen. + +Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim +Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr +mußte hinunter; nach einem weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite +Störung dadurch, daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war seinem +Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der ersten Mahlzeit so +einführte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke +sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen. +Diese Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an +die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die +beiden Männer tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wußte +nichts mehr zu sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er schon +aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein Vater abfahre, er +wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der +letzte Gruß, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen +rasselte über den Marktplatz. + +Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah, +sondern aufmerksam nach dem großen schwarzen Adler aufblickte, der +dräuend über dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf +die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst du in die +Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann ebenso, und indem er fröhlich +die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentüre aufmachte, fragte er: +»und wie geht's jetzt an?« + +»Wie's angeht?« wiederholte der Apotheker und sah lächelnd auf seinen +eifrigen Gehilfen. »Wie's angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst +du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!« +Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, daß mitten am +Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, »es war auch früher nicht so, +erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst +seitdem ist's stiller bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite +gegründet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker, +aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter +Geschäftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie früher.« + +Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium geführt, +da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und gläserne +Trichter und Röhren. Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so +mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar viele +Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich mache noch vieles +selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« fragte Hermann. »Diese Woche +nicht mehr, aber nächste Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus +Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.« + +»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In meiner Familie,« sagte +Mohr, »ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine +altberühmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.« + +Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann +so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wäre und lief +eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in +einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und +dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen. + +»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte +der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.« +Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In +verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben +aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem +Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier +sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle +lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter +brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung, +inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit +Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die +schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas. + +»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den +Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre +die Ladenglocke.« + +In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen, +Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen +einzuwickeln. »Sieh zu und mach's nach,« sagte der Apotheker zu Hermann +und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen +verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der +Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen +kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem +Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte +lachend: »Der ist scheint's nicht der geschickteste.« »Er ist neu +eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber +Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln. + +Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er +eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,« +sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und +mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von +selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht +stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte +aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das +nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat +sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal +vorkommt!« + +Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann +mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor, +als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser +war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr +seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling +studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele +naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte +der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der +Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte. + +»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht +gelernt.« + +»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und +gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich +mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker +über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht +bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte. +Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker +ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das +Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer +oben im Dachraum ausgebaut war. + +Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und +über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine +Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon +studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann. + +»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.« + +»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig die Rede +darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt ist.« + +»Der Apotheker wird's bald selbst herausfinden.« + +»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser Hermann gar keinen +größeren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und daß ihm die +Apothekerbücher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas +muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!« + +»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst du ganz ruhig +sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ängstlichen, er hat +ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.« + +»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der +Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.« + +»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg +leichter als seine Brüder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.« + +Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker +zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch, +scheint mir.« + +»Ja, und gescheit, aber --« und bedenklich schüttelte Mohr den Kopf. + +»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoßen.« + +»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will +nur sehen, wie das geht.« + +»Anfangs ist's allen schwer.« + +»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er +den Daumen so steif hinausstreckt; er weiß gar nicht, wie man die Finger +biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft +hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.« + +»Und so einer kommt vom Land!« + +»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Bürschlein alles nur +auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch +kann.« + +»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.« + +»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer oder gar einen +Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da -- an was sollte +es fehlen!« + +Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann am Frühstückstisch. +»Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die +Schlafpulver geholt hat?« fragte er den Apotheker. + +»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?« + +»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.« + +»Warum sollten sie nicht?« + +»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor Schmerzen nicht +geschlafen habe.« + +»Ja, und?« + +»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut +geschlafen hätte.« + +»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.« + +»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke +geben kann!« sagte Hermann. + +»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fünfundzwanzig Jahren +daran gewöhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit +seiner Mittel. + +»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein Mittel entdecken!« +fuhr Hermann fort. + +Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes Rufen, das von dem +Mädchen draußen zu kommen schien. »Was hat doch die Mine,« rief Frau +Mohr lebhaft aufspringend, »es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe +riefe,« und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mädchen. +Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Türe und rief ihrem +Mann zu: »Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt, +nun hat sie einen Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller +kriechen die Blutegel umher.« + +»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich denn tun? Ich bring +ihn nicht weg.« + +»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder Asche her.« Im Nu +brachte Frau Mohr die Salzbüchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel +gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden. + +Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu +Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen +gelassen?« + +»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.« + +»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf. +Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft +zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im +Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn +die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von +selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen. + +Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings +erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen +müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im +Glas, bis Hermann einen herein brachte. + +Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr +ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht +viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden, +das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf +allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber +das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an +Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit +einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat +nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an _einem_ +Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit +ansehen. + +»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir +zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach, +siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem +Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann, +kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann, +komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen +sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins +Zimmer. Hermann schaute -- aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund +herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an. + +»Was meinen Sie?« + +»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie +aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft +die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß +tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein +Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann +seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker +die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun +sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf +den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere +geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem +Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen +mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es. +Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden +Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei +der Inspektion getadelt wird.« + +»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine +Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist +und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das +Staubtuchkörbchen.« + +Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste +Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau +Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es +wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz +hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich +nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der +Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen +daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit +herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim +hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt -- in _einem_ Tage +lernt sich die Ordnung nicht! + +Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt +worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am +Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch +war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke +auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im +Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf +Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde +im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan +mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten +Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem +Kessel des Laboratoriums gereinigt werden. + +»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff. +Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die +Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der +Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und +unfreundlich: »Geh' hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann +sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile +verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst +du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um, +schnell!« + +Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen +sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie +gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst +verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung +vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her, +warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder +herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu. +Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich. +Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem +Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends +versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde +freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts, +gar nichts konnte er ihm anvertrauen! + +Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren +an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als +ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte +Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In +langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und +Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die +Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren +Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich +drängten und schoben. + +»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie +voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach +Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben, +einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter +in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger +Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm +zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter +weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu +Hilfe zu kommen. + +»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst +das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette +ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang +Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen +verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit +frischen. + +Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht +mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl +alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die +Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das +ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon +abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer +am Mittagstisch saßen. + +Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die +Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in +der Apotheke. + +»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach +zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau +beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch +etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen +gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.« + +»War er wieder so ungeschickt?« + +»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein +Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine +Kleider -- --« + +»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein +nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf +hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt +hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht +aufzuregen, jetzt muß ich dir's doch sagen: einen eisernen Kloben hat er +in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit +den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das +Staubtuchkörbchen gehängt!« + +»Das ist stark!« + +»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode -- --« + +»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen. +Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem +Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst +könnte mit heimfahren.« + +»Hast du es dem Jungen schon gesagt?« + +»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu +sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die +größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist's am besten, man schickt +ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.« + +»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich +gemacht hat.« + +»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß +er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein +eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur +gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.« + +In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da, +wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern +gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben, +so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie +könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das +wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf +ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?« + +»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden. + +Der Apotheker und seine Frau sahen sich an. + +»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir +zu leid.« + +»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die +Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im +Gegenteil!« + +»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,« +sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde +aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit. + +Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er, +»daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.« + +Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«. + +»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das +Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert +man sich ganz, wenn man's auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife +gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?« + +»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die +Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören +sollte, Lehrling zu sein. + +Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er +auf, wieder in das Geschäft zu gehen. + +»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den +kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe +zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich +finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften +studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht +Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des +Apothekers.« + +»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich +will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere +Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.« + +»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den +Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum +Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?« + +»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei +Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.« + +»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß -- ich kann dich +nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen, +der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um's kurz zu machen, kehre +du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß +ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch +nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid, +Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb +gewonnen.« + +Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr +sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich +wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er +Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich +will mir alle Mühe geben.« + +»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber +ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so +viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im +Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der +Apotheke.« + +»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte +ich nicht.« + +Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau +Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel +weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du +meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im +Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift +in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im +Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar +nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner +Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne +Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht +wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der +Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht +so schwer, lieber Junge!« + +Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den +Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er +nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte +der Knecht später holen. + +Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten +Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht +nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so +hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den +Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße, +seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes +freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der +schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er +eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn +liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne +jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den +ersten Schmerz gebracht. + +Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf +den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem +Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren +war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch +mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem +Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die +Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen +sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn +fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?« + +»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein +schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit +der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.« + +»Was hat's gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an. + +»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet, +und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das +ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre, +fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen +Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt +schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht +verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr. + +»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie +alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach +fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?« + +»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das, +ich kann eben kein Apotheker werden.« + +Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf +brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker, +der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach +und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe +die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden. + +Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und +versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte +Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist +nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles +im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen +zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im +Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!« + +»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man +in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?« + +»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann +ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken +mitgebracht hättest, so wär's vielleicht doch anders gekommen, die Frau +Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für +dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf +die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich +nicht fort!« + +In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen, +was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium +schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so +war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub' ist ganz +verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker, +er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.« + +»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten +dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders +gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und +sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr +Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich +doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre +Entgegnung. + +So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger +benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien +am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht; +und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den +Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast's jetzt verwunden?« +fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen +die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben +wir.« + +»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer +noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!« + +»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt' +ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?« + +»Nein, aufs Feld wollt' ich nicht, bloß daheim bleiben.« + +»Faulenzen? Oder was? Red' deutsch, Hermann.« + +»Ich weiß halt schon vorher, daß dir's gar nicht recht sein wird, Vater, +aber einmal muß ich's ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich, +mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden +kann.« + +»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein +zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch +gehört, daß du nicht taugst dazu, hast's ja selbst gesagt!« + +»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und +sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein +Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles +einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen, +mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen +lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen +dürft' mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt' ich mich +einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis +Herbst, Vater, und wenn mir's dann nicht gelingt, will ich selbst nicht +mehr.« + +»Also versuch's,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und +verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir +das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt +werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie +der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.« + +»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich +lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir's nicht +einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!« + +»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den +Heimweg ein. + +»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger +vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von +neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte. + +Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und +niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen; +denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge +studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und +Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe; +als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe +hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der +junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache +mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon +all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand +gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der +Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie +gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und +eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde. + +Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter +stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben +sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr +jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht +verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich +an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging +und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und +ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater +gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die +Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles +blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur +Bodenkammer, alles rein.« + +»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das +macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und +machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer. +»Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles +will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß +ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur +nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in +acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir +anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken +hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das +darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit +ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die +packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.« + +Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr, +Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan +werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen +treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit; +sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur +als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit +erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor, +der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt +überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.« + +Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer. +»Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte +die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde +von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände. + +Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die +Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein -- +Sandkörnchen waren es -- die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen +gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und +gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder. +Er war bekümmert darüber. + +»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh, +so kann ich's auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach. +Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine +zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich +weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann. + +»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da +machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die +Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel +zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so +ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten +es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen +lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch +saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das +Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt. + +Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich +Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er +ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit +Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und +Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen +konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst +reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser +gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War +das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren +sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden. +Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand +schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große, +schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren +vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die +Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der +Hand. + +So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen, +mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich, +im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in +der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein +Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger. + +In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr +Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich +nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen +Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte +Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise +erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig +die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was +würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war +nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem +»Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht. +Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein +Arzneigläschen ein. »Vater, du bist's?« sagte er. »Ich bin ganz +erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.« + +»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht +recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?« + +»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist's vorbei. Ich bin ganz wach, Vater, +und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber +hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der +Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber +sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band +es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so +schlaftrunken wie die ersten Male.« + +»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas +kann ich nicht haben.« + +»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,« +sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder +aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das +zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah +wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag +Hermann schon wieder im Bett. + +Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe +hinunter. »Dem ist's ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist's bitter +ernst, der wird Apotheker.« + +Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er +auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns +Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie +den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die +manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach +der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde +zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und +zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und +vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von +der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich +in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten +voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen +Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im +Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert? + +»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen +sorglich die Mutter. + +Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den +Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die +Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen +gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger +saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich +liegen. + +»Nun, Hermann, wie steht's jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre +vorbei. Länger kann's bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß +etwas geschieht.« + +»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich +mich als Lehrling antragen könnte.« + +»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der +Hauptstadt.« + +Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag +nicht recht war. »Nun, was gibt's? Paßt dir's wieder nicht? Du wirst +nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?« + +Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.« + +»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu _dem_ Mann, der dich +so schnöd aus dem Haus gejagt hat!« + +»Nein!« sagte der Vater, »zu _dem_ gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich +zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange +gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden's nicht +erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer +noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte +diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für +seinen Mann! + +»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis +zuletzt; in aller Liebe hat er mir's gesagt, daß er mich nicht brauchen +könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war _zu_ +ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde +zutage kommt. Ihm danke ich's, daß mir die Augen darüber aufgegangen +sind, was mir fehlt, und jetzt könnt' er mich brauchen. Und die +Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele +gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab, +von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere +Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter +Mann, bei dem könnt' ich etwas lernen!« + +Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne +und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester +fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach, +gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt +ist näher als die Hauptstadt.« + +Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,« +sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.« + +»Hermann, glaub' mir's,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort +nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der +in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.« + +»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben, +zwei können sie nicht brauchen.« + +»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe, +der geht aber bald.« + +»Du weißt's ja sehr genau, woher denn?« + +»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen +müssen, wie es in der Apotheke steht.« + +»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort +frage ich nicht an.« + +»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht, +so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.« + +»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!« + +»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau +Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was +meinst du?« + +»Ich glaube, das macht's nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar +nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine +Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.« + +»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die +willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter. + +Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die +Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen +sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.« + +»So laß ihn's mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat +seine eigene Art. Du würdest's mit Butter und Rauchfleisch probieren, er +meint's mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll's versuchen, +gleich morgen.« + +Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten +Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten +Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte +Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er +die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab +es kein »zurück«. + +»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn's nun fehl schlägt, so nimm's nicht +schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines +reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging +und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen? + +Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein +kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher, +der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann +nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen +Furcht und Hoffnung schwankend. + +An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im +Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum +erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal +hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher. + +Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der +Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging +er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den +Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen +und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie, +führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker +auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar +Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich +losgelassen hat!« + +»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr, +während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit +freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie, +»immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind +wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer +sehe?« + +Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles +auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er +sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann +allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen. +Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen, +wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte, +nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn +sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt +voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie -- es waren wohl +viele Hunderte -- über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte +lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen +umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den +Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund? +Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht +entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker +mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und +als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn +vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam +ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des +Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt, +denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was +haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf +den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die +Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es +ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im +letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen +können!« + +Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er, +der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das, +was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der +Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und +sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das +Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen +freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht +gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht +vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade +nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat. +Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte +der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem +Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt +gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann +gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die +Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und +einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner +Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit +beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages +die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank +seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der +Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen +vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und +nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber. + +»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker. + +»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da +fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine +Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker +und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.« + +»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer +das Gefühl, sie sei gekränkt.« + +Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die +Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt +gehe ich heim.« + +»Jetzt gerade?« fragten sie ihn. + +»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da +draußen ist's lustig jetzt.« + +War's draußen oder war's drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen +am ersten Oktober,« sagten sie zueinander. + +Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an +dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen +wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie. + +»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber +solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon +getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!« + +»So hätte er doch studieren sollen.« + +»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der +Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der +sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.« + +Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in +dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er +sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein +Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt +nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann's sein? Wer kommt?« fragte die +Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief: +»Der Lehrling von der Adlerapotheke!« + + + + +Bei der Patin. + + +I. + +»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme. + +»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite. +In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher +Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein +Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme +wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich +schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden, +sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber +heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles +gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht +einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen. + +»Mir ist's gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,« +sagte Heinrich. + +»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit +Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht, +wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad. + +»Das _müssen_ sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus +vertreiben!« + +»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die +Haushaltung führen?« + +»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule +und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige +Schwesterchen, fünf Jahre alt. + +»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht +nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es +gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo +meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?« + +»Zu irgend welchen Verwandten.« + +»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.« + +»Ich auch.« + +»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal +lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch +den und nicht Onkel Kuhn?« + +»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat +Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach +des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine +Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.« + +»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat +selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich +Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz +anders, die erinnert mich so an die Mutter!« + +»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.« + +»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben +wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und +Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei +beisammen bleiben.« + +»Ja,« sagte Heinrich, »und das _müssen_ sie uns erlauben.« + +Es schlug zwölf Uhr. + +»So spät schon,« sagte Konrad. + +»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem +Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide +Brüder schliefen. + +Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie +es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal +entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund, +Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau +Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte +sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu +sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu +erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch +war es neben der großen Knabenschar nicht möglich. + +Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei +Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine +Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein +Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen +aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche +Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie +seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem. +»Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du +dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit +deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast +Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine +Eltern haben ja genug hinterlassen ...« + +»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein +Stahlhammer. + +»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr +Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.« + +»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen. + +»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust +du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was +ist der Grund?« + +»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung +gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug +darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung +erleben.« + +»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und +wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber +seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit +Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht +an mich an.« + +»Unsinn, darauf kommt's nicht an; du hattest damals solch törichte +Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen. +Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären +sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine +Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir +hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen, +und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und +breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer +soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen +Junggesellen, nicht zumuten?« + +Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu +werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich, +»dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu +nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.« + +»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann +man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich +erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die +Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug +heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das +Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei, +aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu +seiner Patin reisen sollte. + +Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde +beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es +ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die +nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus. + +Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war, +verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen +Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach, +und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch +bei uns aufnehmen!« + +Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die +Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester? + +Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die +Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens, +wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder +abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte +wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit +Kindern!« + + +II. + +»Wach' auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? Wach' auf, wach' +auf, ich sage dir etwas.« + +Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen in aller Frühe Rike, +das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen +auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon +die Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule und so +hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für sie etwas ganz +Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich für ihr +Alter, ein herziges Mädchen, der Liebling von allen im Haus und selbst +voll Liebe für alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?« +fragte die Kleine ganz neugierig. + +»Steh' nur geschwind auf, ich sag' dir's schon, Herzenskind. Aber wir +müssen schnell machen,« und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter +war, beim Waschen und Ankleiden. + +»Aber jetzt sag' mir doch, Rike, was es gibt?« fragte Klärchen. + +»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du +sollst mit seiner Schwester abreisen.« + +»Mit meiner Patin?« + +»Ja.« + +»Warum denn?« + +»Weil die Mama gestorben ist.« + +»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?« + +Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort darauf, sie knüpfte +eifrig Klärchens Stiefelchen zu und beugte sich so darüber, daß +Klärchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen +herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen +sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden +Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, du bist traurig +wegen der Mama.« + +Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem Kleid, ließ sie +hineinschlupfen und sagte dann: »Komm nur schnell, ich habe dir schon +dein Frühstück gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.« + +»Wo ist der Konrad und der Heinrich?« + +»Die schlafen noch.« + +»Gehen sie denn nicht mit mir?« + +Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln. + +In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. Rike sah +hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst +herunter kommen, es sei höchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und +deinen Hut!« + +»Aber ich soll doch mit der Patin?« + +»Die wird am Bahnhof auf dich warten.« + +Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter. + +»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.« + +»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.« + +»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang hinüber in das +Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die nachts so spät eingeschlafen +waren, noch schliefen. »Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur +Patin,« rief sie, aber noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die +Hausglocke noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt +hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte. + +Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses Gesicht, und als +Rike vollends das Kind noch an sich drückte und ihm unter lautem +Schluchzen lebewohl sagte, rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind +das Herz noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und +führte es in großen, eiligen Schritten nach der Bahn. + +Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen +bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum +hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht früher +geweckt?« + +Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen habe, sie nicht +zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen +Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten +Rike und Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein Balsam +war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz unerwartet in aller Frühe +die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der +verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie +es stand: daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und +Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir's gedacht, wie es euch +ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frühe schon zu euch +gekommen. Ich hätte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er +die Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und da konnte +ich nichts machen.« + +»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« fuhr Heinrich +auf, »uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!« + +»Der Kleinen ist's vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,« +begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so traurig, als wenn sie euren +Schmerz gesehen hätte.« + +»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint hat sie und so +gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie ein Lämmlein zur +Schlachtbank.« + +»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte lächelnd die Tante, +»mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.« +Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein +Täßchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich +allmählich beruhigten. + +»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« fragte Konrad; +»können wir im Haus bleiben?« + +»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, daß ihr in einer +Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber +gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und +ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber +wir können es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt +das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine +drei Buben und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.« + +Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und dankte ihr für ihre +Güte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klärchen +wäre es doch nicht mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch +einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt ihr; es ist nur +ein halbes Stündchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fuß; da könnt +ihr Sonntags Klärchen besuchen.« + +»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur die Patin so wäre wie +du oder die Mutter, dann wäre ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie +ist so ganz anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.« + +»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die Patin; sie tut sehr +viel für Arme und Vereine, da muß sie doch ein gutes Herz haben, und +Klärchen wird das schon herausfühlen.« + +»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?« + +»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und hier die Haushaltung +aufgelöst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb +bei eurer Rike.« + +Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurück, das ihnen ganz +verändert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des +Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten +sich selbst sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben. + + +III. + +Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer, +unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses. +»Ist's wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht +hat, das ganz bei euch bleiben soll?« + +»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines +nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem +schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem +leid, so früh verwaist.« + +»Nun, es wird's gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.« +Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann's nicht brauchen, es muß mir +wieder fort aus dem Haus.« + +»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!« + +»Freilich ist's mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie +bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der +Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo +ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das +Kind übergibt?« + +»Es ist wahr, so gut hast du's dann nimmer wie bisher, aber du wirst's +nicht ändern können.« -- »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon +einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!« + +»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?« + +»Behüt' mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil, +ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es +anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht, +du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein +Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese +Zeit, so ist's eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!« + +Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber +das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der +Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort +gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die +Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu +schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als +die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern +unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir +eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr +Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht +auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst +wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß +sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett +gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins +Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob +sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das +erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und +Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der +Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch +nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du +Heimweh hast, dann sag' du's nur immer mir, vor der Patin sei ganz +still.« + +Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das +Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange +Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese +dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser +versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in +das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche, +unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so +köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!« + +Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue +Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig +umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes +Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten +Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme +mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen, +Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem +Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr +Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es +mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken +auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des +Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde +sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand +und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und +ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen +hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so +recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie +Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er, +»du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage: +Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder +sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich +sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein +und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares +Kind, verstehst du das?« + +»Ja,« antwortete leise die Kleine. + +»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.« + +»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz +ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und +fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem +sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas +wie Liebe und Dankbarkeit. + +»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben +wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.« + +»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die +Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und +hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.« + +»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu +sich genommen.« + +»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte +Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und +die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der +Vormund verlangt hat.« + + +IV. + +Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und Tante eingewöhnt. +Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher +wünschten sie auch ihre Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen, +von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund +hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht +besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den +Trennungsschmerz schon überwunden und sich in die neuen Verhältnisse +eingewöhnt hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen +erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den ihnen der Besuch in +dem Städtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich +die treue Tante danach, durch die Brüder Nachricht von der kleinen +Nichte zu erhalten. + +Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch +auf den Weg und kamen nach einem tüchtigen Marsch in dem Städtchen an. +Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts +vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung des Kindes und +gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, etwas für den Empfang der +jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste +erwartet wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie wollte +die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange, +so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an +den Hüten und Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien. +Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen +spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich weiß etwas, das dich +freut,« und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brüder +waren inzwischen schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen +erkannte sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd +entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und in Erinnerung +ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Tränen über, zur +großen Bestürzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf +dem ganzen Wege ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß +das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh nach Ihnen, und es +ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute +kommt!« + +»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad bekümmert. + +»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. Ein Kind gehört +zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen +Fräulein, die überdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.« + +»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief Heinrich und bemerkte +in seiner Erregtheit nicht, wie der ältere Bruder ihm zu bedeuten +suchte, daß es nicht passend sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen. +»Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete +Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das noch lange +dauert, so wird es noch krank werden.« + +Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so +frisch und blühend wie früher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und +jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn +zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor: +es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu bedauern sei. + +Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen, +waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie +bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei +Geschwister in das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich +gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre +Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick +auf Klärchen zeigte ihr, daß diese geweint hatte. Auch klammerte sie +sich fest an den Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher +feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der +Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen +der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich +schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den +ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klärchen +hätte im Glück über das Wiedersehen mit den Brüdern wohl alles andere +bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr +zuzuflüstern: »Mußt recht traurig und still sein, dann nehmen dich die +Brüder vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche +Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie gar sonderbar +verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends +von der kleinen Schwester. + +Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden +Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig +zumute, daß er fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich +hatte um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante +sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen sei. Er +schilderte das Wiedersehen auf der Straße, die Tränen der Kleinen, ihr +verändertes Aussehen, den Bericht des Dienstmädchens und die große, +ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und +nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen. + +»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf Konrad dazwischen, +»sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.« + +»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer unserer +Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen ist, wer weiß, was sie ihr +da tut!« + +»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte: +»Sie ist gewiß nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie +gehalten.« Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gespräch: +alle waren voll Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante +sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun kommt ja bald +Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf längere Zeit zu uns einladen +und ihr recht viel Freude machen.« Damit waren nun alle einverstanden +und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu Weihnachten +bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins +Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, was ihr die Mutter zu Weihnachten +machen wollte; wenn du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr +Herzenswunsch erfüllt.« + +»Ja, was ist's?« + +»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb -- ich glaube wirklich so lieb wie +uns; und für die möchte sie so ein Wickelkissen, wie's die ganz kleinen +Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.« + +»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr bringt mir einmal das +Längenmaß der Puppe, dann soll's ein echtes Wickelkind werden.« + +Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für Klärchen beruhigten +sich die erregten Gemüter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie +kannte sich aus bei ihrer jungen Schar. + + +V. + +Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei +Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die +Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in +dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem +Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes +Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen +Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun +hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen +übertragen -- hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause --, aber es fand +sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso +glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde; +sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um +den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am +Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens +vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte. + +Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren +Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine +aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre +Freiheit hätte. + +Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah +hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß +voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn's schneit, ist Weihnachten +nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind +auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor, +zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und +Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran. + +»Mine,« fragte sie, »wie ist's denn hier an Weihnachten?« + +»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.« + +»Und dann?« + +»Und dann im Spital.« + +»Und dann?« + +»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still. +Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu +dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne +Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist +du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt: +'Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?' Aber jetzt haben wir keine +Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen 'Herzkind' und sie kann dir +keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du +undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter +und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren. + +Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,« +sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den +Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen +Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es +lustig zu, aber hier ist's langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern +an Weihnachten?« + +»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast +doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!« + +»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.« + +»Sagst du's nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich. +»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht +schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne +Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß +Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich +nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht +würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den +Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem +Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht +nettes, grünes Bäumchen.« + +An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine +Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei +verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten. +Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die +Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest +in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen +Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde; +sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der +gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen +Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig +verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach +gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte, +daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach, +die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den +nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und +gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein +half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung +bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin +schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder +für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_ +Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?« + +»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie +doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen +Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein +Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich, +daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch +wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann's ja +ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter +andere Kinder.« + +Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte +sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern +darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist's +ausgemacht mit deiner Tante.« + +Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind +noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl, +daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg, +und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder +war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante +konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die +Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem +sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die +Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der +Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal +nach seiner Nichte zu sehen. + +Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große +Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital +machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,« +sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir +auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder +bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden, +schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert. +Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe. +Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch. +Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da +kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen. +»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?« + +»Nein, sie ist fort.« + +»Mit meiner kleinen Nichte?« + +»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst +ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!« + +»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?« + +»Ach, da kann's leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei +sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die +Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im +Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick. + +Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel +gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama +aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte! + +»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau +zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und +sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu +Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer. +Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum +zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das +Christkind schon beschert?« fragte er. + +»Ja, sieh nur, ein Hemd.« + +»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?« + +»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte +ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche +schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen +Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese +Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war +unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen +ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem +Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind +hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den +Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben, +das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig! + +»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme +dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er +zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es +mitnehmen, ich bin sein Onkel.« + +Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war +ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber +Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die +Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die +Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme +Ding!« + +»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine +Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich +sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen +wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den +Zug noch erreichen.« + +Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein. + +»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus +dröhnte. + +»Was ist's?« + +»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie, +Klärchen?« + +»Sie schläft in meinem Bett.« + +Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich +an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm +noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe +unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof. + +Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn +man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?« + +»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir +folgen.« + +Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen +Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen +aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war. + +Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben +die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein +Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht +gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast. +Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas +vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch +erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen +möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?« + +-- -- Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau +Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei +ihrer Heimkehr -- um acht Uhr war es -- vernahm, daß ihr das Kind +weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet +und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu +ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur +recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und +das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu +werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß +sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß +es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt +eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es +lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise +empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in +ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den +Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von +Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung. + +Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes +Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis +hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit +einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein +Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn +Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren! +Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus +dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind +nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie +ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das +Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es +doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie +doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich +dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen. + +Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei +dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein +empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm +etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor, +und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so +hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich +das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen. +Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten, +wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht +sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das +war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen +mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor +Kuhn aufzusuchen. + +Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt +mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu +Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als +Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte +er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester +verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie +nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und +Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an +Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der +Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war. +Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf +seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir +leid.« + +»Ob's Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er +gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für +sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen +Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute +nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte +nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?« +In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches +Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr +kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was +die beste Strafe für den Professor war. + +Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du +hierher kommst?« + +»Nein,« sagte erschrocken die Kleine. + +»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er +eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese +Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.« + +Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt. +So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte +der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach +ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt. + +»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch +ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die +kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und +Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der +Eisbahn. + +Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz +unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?« +Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.« + +»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger, +»von dem war schon oft die Rede.« + +»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch, +lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten +hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem +Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und +das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang +eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß +Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem +großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im +Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die +Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar +Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch +gereicht wurden. + +Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag +ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner +Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu +sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der +Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite +Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu. + +»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen, +das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie +nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich +Klärchen sein.« + +In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu; +aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr +das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen +Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt +werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es +ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es +wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was +du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf +seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den +Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so +schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch +hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm +mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in +der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die +Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter +hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand +nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich +unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee. +Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der +Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur +vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück, +ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf; +jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war +dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke +Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er +ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie +weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte +er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir +gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war +eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab, +der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter +Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter +durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es +verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen +Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.« + + +VI. + +Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung +seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der +Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft +hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr +erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer +keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das +Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort +kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging, +als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind +zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch, +von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte +er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so +frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch +diese unangenehme Sache.« + +Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste an, den übelgelaunten +Bruder und dann das Kind. Da kam es zurück nach zwei Tagen, stand da +fremd und verschüchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen +erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den +Mantel ausziehen. + +»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, »das Kind kann +sich wohl selbst bedienen.« + +Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine in das Schlafzimmer, +ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es +vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen +in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund zu seiner Schwester +sagte: »Das Kind macht mich nervös mit seinem ewigen Geheul, kannst du +nicht Maßregeln treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie +sollte die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte nicht +anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den +wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine +allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich +fallen lassen, im kalten Schnee liegt's auf seinem Gesicht und friert!« + +»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das Mädchen, »warum hast +du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?« + +»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind. + +»Sag's nur niemand, daß du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir's +schlecht! Schlupfe unter die Decke, daß man dich nicht weinen hört; so +ist's recht, jetzt schlafe!« + +Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Fräulein Stahlhammer: +»Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das +Haus verlassen hat?« + +»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie +unglücklich es ist. Und überdies ist es nur natürlich, daß es seinem +Onkel gefolgt ist.« + +»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf ohne deine oder +meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so weiß es das für künftige +Fälle. Das wirst du mir zugeben?« Und als seine Schwester nicht gleich +Antwort gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du +vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser +ein?« + +»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen dafür nicht strafen; du +kannst das Kind wegnehmen, -- ich habe es ja nie gewollt -- aber wenn du +es bei mir lassen willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein +Herz treibt.« + +»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du läßt dich nicht +belehren. Statt Gründe vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So +sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter +einmischen, nur an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge +wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen +wurden.« + +»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge muß sein.« + +»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem +besonderen Fall durchaus nicht für angemessen hältst, so will ich da +nicht eingreifen.« So klang die Unterredung noch versöhnlich aus. Ein +paar Stunden später war der Vormund auf der Heimreise begriffen. + +Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir uns jetzt nach ihrem +verlorenen Wickelkind umsehen. + +Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, während Herr +Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie +öffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte +vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte, +waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg und der schwache Ruf +der Frau wurde vom Wagengerassel übertönt. Ein kleiner Junge sprang +vorüber. »Reich' mir die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam +das verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche Zurückschauen +Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie +sich auch immer wieder sagte: »Ein dummes Dinglein ist's gewesen, daß es +seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie +sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine +Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstraße +5 p.« + +Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den +Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort »Wickelpuppe«. Sie hatte ja +erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen +in der Eile wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie traurig, +wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! Wo hatte man die Puppe +gefunden? In der Bahnhofstraße. Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund +gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag +durch die Bahnhofstraße getragen wurden! Oder sollte es gar die von +Klärchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß +hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte +kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, als auch Heinrich +schon davonrannte nach der Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer +Zeit mit dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, die +den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe springen sahen, +beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewöhnliche +Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes, +war Klärchens Ein und Alles! + +In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung allgemeine +Entrüstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte +bei Konrad ein Entschluß. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und +dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Fräulein +Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am +heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag +machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen. + +»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen +heißen,« meinte der Onkel; die Tante fürchtete, der Vormund werde es +nicht billigen; Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber +zubringen würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen wäre es von +Wert gewesen, Näheres zu erfahren über Klärchens neue Heimat, und so war +das Ende der Beratung doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort sein +Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen und machte sich auf +den Weg. + +An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß es der Patin auffallen +mußte, denn sie war gewöhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe +beschäftigt zu sehen. »Wo ist denn heute deine Puppe?« fragte sie. +Klärchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu +sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein Stahlhammer, +»wo hast du sie denn?« + +»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen. + +»So suche oder frage Mine danach.« + +Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt +nach der Puppe?« + +»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.« + +»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, wo sie ist.« + +»Dann sagst du wieder so.« + +Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es +endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im +Begriff, einen Ausgang zu machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht +mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast du die +Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht?« Die Kleine war +in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, daß etwas nicht in +Richtigkeit war. »Nun sag' mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug +die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.« + +Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind will mir nicht sagen, wo +die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?« + +»Ach, das arme Wurm getraut sich's nur nicht zu gestehen, sie hat ja +die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.« + +Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das Kind hatte Mine ihr +Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal +mußte Strafe sein; das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind +nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine +einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen war deutlich auf dem +Gesicht geschrieben. »Klärchen,« sagte die Patin, »warum hast du mir +nicht gesagt, daß du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt: +ich weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich, +so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn +ein Kind so böse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf +gesetzt.« Mit diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine +Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an +der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ängstlich an die +Wand und wagte gar nicht, von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst +du nun sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, daß du +ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen Kinder werden da +oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch +ganz unartig und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein +willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich +heimkomme, hebe ich dich herunter.« + +Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin ging. Draußen +sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank +gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen +Sie sie herunter, aber früher nicht.« + +Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da +saß die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrückt. Mine fühlte +sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine +aus ihrer Lage erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,« +sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt +sie.« + +»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« sagte Klärchen. +»Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, die Patin hat's gesagt. Gelt, +ich bin jetzt brav? Ich lüge jetzt nicht und ich lüge auch das +nächstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich +gar nicht fallen?« + +»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie hatte wirklich +Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann +komme ich gleich wieder herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er +gerade in _diesem_ Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; er +sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das +konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie +führte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er +sein Klärchen in solcher Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn +hereinkommen sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu +rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« sagte Mine, +»zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, daß +Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,« +und sie eilte in die Küche. + +Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien könne, +denn er war empört, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er +nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß +bleiben,« sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß +ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« fragte Konrad, +und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: »Gelogen!« +Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem +Wickelkind,« sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,« +und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten +Trost. Schnell packte er sein kleines Ränzchen aus und hob hoch in die +Höhe, daß es Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene +Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich +vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und winkte zärtlich mit den +Händchen. »Warte, ich bringe dir's.« Mit diesen Worten zog Konrad einen +Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und +nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den +Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter +sie, und so beschützt fühlte sich die Kleine ganz glücklich; streichelte +bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm +die brüderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf. + +Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, kam Fräulein +Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie +hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine +Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie +beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem +Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen und öfter als einmal ihr +Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht +herunterfallen. Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu +sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre +Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich hätte nicht fortgehen +sollen,« sagte sie sich, »aber meine Mutter ist auch einmal +fortgegangen.« Ja, Fräulein Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder +war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft +ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die +Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis +Abend ausharren müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? Wie +würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg sie die Treppe +hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete mit wahrem Herzklopfen die +Türe des Zimmers. An viele Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an +_die_ nicht, daß statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen +würden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die +ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da +in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht +engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter +auf den Tisch, von da auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und +sagte: »Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und habe sie +Klärchen hinaufgereicht.« + +Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur glücklich gewesen, daß +sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Hätte +lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klärchen so getroffen. Was wird +er denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in Strafe,« sagte +sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will +jetzt gewiß wieder brav sein,« fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend +und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich +bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, »der Schrank hat +auch gar nicht gewackelt.« + +»So ist's recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde, +»dann komm, mein Kind!« Und sie faßte Klärchen und hob sie herunter. + +Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein Stahlhammer lud Konrad zu +Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht über die +Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er wie ein +Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit bei Fräulein +Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein +zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkürlich zu Hilfe. + +»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie und rückte ihren +Stuhl ganz dicht an den seinigen. + +»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, »sonst dürfte +er's wohl.« + +»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« sagte er, sich an die +Patin wendend, »dürfte ich einige Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer +schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr +einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein +Kind zu ihr gekommen. + +»_Warum_ möchtest du da bleiben?« fragte sie und sah ihn fest dabei an. +Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er +möchte dahinter kommen, wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das +harte Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. Er +geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht +angeben, Ausflüchte zu machen war er nicht gewöhnt. Aber Fräulein +Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und +fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, du kannst +hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante können auch +selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben länger da als +wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und +dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.« + +Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über des Bruders längeren +Besuch voll Fröhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wäre das +Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen. + +Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; es lag ihrem Wesen +fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen +eher weniger herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es +seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die +Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der +Kleinen das Herz auf, und allmählich kam alles zu Tag, was sie erlebt +hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man +nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch daß Mine oft +fortging und Klärchen ganz allein zu Hause ließ, kam unter dem Siegel +der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht +Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so +wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einfluß +ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem +Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorüber waren, von der +Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe er +sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, fröhlichen +Familienkreis heimkehren durfte. + +Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschluß gefaßt. +Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten zurückkäme, so wollten sie an +Ostern, wo einer ihrer Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten, +Klärchen zu sich zu nehmen. + +Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, und gleich +der Beginn seiner Erzählung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe +getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe +einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und als er noch den +zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an +den Vormund zu schreiben. Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er +sich erbot, Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei +Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wären wohl am +glücklichsten, wenn sie beisammen wären. + +Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der Brief ankam. Er erbrach +ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim +Durchlesen. Am nächsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und +legte den Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit dem Kind +ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer las den Brief. Der +Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr +weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht +selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß diese Familie es +ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm +zugetraut, daß er Gutes berichten würde. Er kam ihr falsch vor. »Was +soll ich den Leuten antworten?« fragte ihr Bruder. + +»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein Stahlhammer bestimmt. + +»Dauernd?« + +»Ja, dauernd!« + +»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid +geben und dann wird hoffentlich von dem Mädchen nicht mehr gesprochen, +bis es konfirmiert ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände +man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwärts +und schrieb ganz artig, er danke für den Vorschlag; seine Schwester +wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege. + +Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer ihr Pflegekind +aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend +fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan. +Ein fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es +daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« Und dieses Wort +hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen. + +Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige Antwort des +Vormunds eintraf. Zu ändern war daran nichts mehr, das sahen sie ein, +aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und +er schmiedete ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin +bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er +bewerkstelligen. + +Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis +sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmädchen, das wußte er. Er +strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer +über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der +Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine öffnete, folgte +er ihr in die Küche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war +ein gut Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für seine +zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem +welligen Haar hervor. + +»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das Mädchen verwundert. +»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine,« sagte er und zog aus seiner +Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das +Blatt aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser +Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen +ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen gesucht bei hohem +Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« und vollends die Anzeige müssen Sie +lesen »Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit großer +Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. »Fein,« sagte sie, +»aber ich will ja gar nicht fort von hier.« + +»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist's doch schöner.« + +»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.« + +»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen +Jungfrauenverein gibt's.« + +»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und warum soll ich denn +fort?« + +»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz ernsthaft, »das +Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch +noch kommen --« + +»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?« + +»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da. +Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die +müßte ich schon in der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht, +weil die Raupen doch manchmal durchgehen.« + +»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine. + +»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch einmal,« und auf einmal +zog er aus seiner Tasche ein Gläschen, in dem ein paar Raupen von der +dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte +zurück, er folgte ihr. + +»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann's nicht leiden.« + +»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und +beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, daß sie manchmal +herumkriechen.« + +»Schöne Aussicht!« + +»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schönen Dienst +suchen wollen?« + +»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es +gibt ja auch hier Plätze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.« + +»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon +eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie an den Hals.« Mine tat einen +lauten Schrei. »Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!« + +»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts geschieht, es ist +eine von meinen größten,« und der Schlingel berührte Mine sachte am +Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren meinte. »Ich bitte dich, +Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.« + +»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.« + +»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?« + +»Gleich kommt's weg. Gehen Sie im nächsten Monat?« + +»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.« + +»Dann ist's recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie +nur.« Lachend lief er dem zürnenden Mädchen davon. »Jetzt will ich zu +Klärchen,« sagte er. + +Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt +wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich wachsenden Lohn fesselte +sie doch und gab ihr zu denken; schließlich konnte man seine guten +Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig +auf den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der erste Plan war +gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn +Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein +Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon +selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte +immer so vielerlei Bedenken und würde auch jetzt immer nur sagen: »Das +geht nicht.« Es mußte aber fein gehen! + + +VII. + +Unter der großen Anzahl von Dienstmädchengesuchen konnte man am nächsten +Tag im Lokalanzeiger lesen: »Es wird ein recht gutes, freundliches +Dienstmädchen gesucht bei stets steigendem Lohn. Näheres um zehn Uhr im +Gymnasiumshof.« + +Als der Zeitungsträger den Lokalanzeiger wie jeden Tag mittags ins Haus +brachte, sah Heinrich ganz begierig nach: richtig, da kam _seine_ +Anzeige unter vielen andern. Er war überzeugt, daß niemand außer +Stellensuchenden diese Anzeige lesen würde und daß er gewiß ganz +unvermerkt während der Unterrichtspause, die von zehn bis ein Viertel +auf elf Uhr stattfand, in den Hof des Gymnasiums gehen und sich unter +den Dienstmädchen, die da kommen würden, die freundlichste heraussuchen +könne. Name und Wohnung der Patin hatte er schön deutlich auf einen +Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwählten geben, damit sie +sich Fräulein Stahlhammer anbiete. Nur durfte sie nicht sagen, wer sie +geschickt habe; wenn sie ihm nur das gewiß versprach! + +Es hatte aber doch noch jemand anders als nur Dienstmädchen die Anzeige +gelesen. Der Schuldiener des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der +ganzen Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gründlich. Sie +brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. »Da sieh doch nur, wer kann das +sein, der die Dienstmädchen in unseren Hof bestellt!« Der Schuldiener +machte ein ernstes Gesicht. »Das ist ein Unfug,« sagte er »und muß dem +Herrn Rektor gemeldet werden!« + +»Laß mich nur erst besinnen,« sagte die Frau, »es kommt doch darauf an, +wer's ist; das bring ich schon heraus, es muß ja von unseren Professoren +jemand sein. Einer, der nicht will, daß das Mädchen sich in der Wohnung +zeigt, weil der alten noch nicht gekündigt ist. Der Herr Rektor selbst +ist's natürlich nicht, der Herr kümmert sich nicht um das +Dienstpersonal, und von den alten Herren täte so etwas auch keiner. +Weißt du, wer das ist? Niemand anders als der neue Mathematikprofessor. +Bei dem ist immer Magdnot, _sie_ ist keine rechte Hausfrau und _er_ ist +ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht sich gar nichts daraus, +wenn's seine Frau haben will, und läßt die Mädchen kommen und schaut sie +durch seine Brille an und nimmt dann natürlich die ungeschickteste. Da +muß ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, daß er nicht gar so +dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor nichts zu sagen.« + +Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er ließ seine Frau reden und +brachte das Zeitungsblatt dem Rektor der Anstalt, einem älteren ruhigen +Herrn, dem schon Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte er +auch die Vermutung seiner Frau mit. »Es kann ja sein, daß Professor +Graun, der hier noch fremd ist, auf diesen etwas wunderlichen Gedanken +kam,« sagte der Rektor, »ich werde ihn vorher fragen, dann kann die +Sache noch anders eingerichtet werden. Es wäre mir lieb, wenn sich Ihre +Frau nicht einmischte, können Sie das verhindern?« fragte er mit feinem +Lächeln. + +»Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig neugierig, +sozusagen gewalttätig; man bringt sie nicht recht aus dem Weg, wenn so +etwas los ist.« »Nun es wird sich schon machen lassen,« sagte der +Rektor, »die Sache ist ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor +Graun morgen früh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick zu mir zu +kommen.« Damit war der Diener entlassen. + +Am nächsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor ins +Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des Rektors ausgerichtet. + +»Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerückt hat?« fragte der +Rektor. + +»Nein, davon habe ich keine Ahnung.« Der Rektor ging in den großen Gang, +der in dem alten Gymnasiums-Gebäude auf drei Seiten den Hof umschloß. +Durch diesen Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem +Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der Fenster. Um +diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle die Schüler polterten die +Treppe herauf und trabten über den Gang nach ihren verschiedenen +Zimmern, dazwischen war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hörbar. +Heute wurde von letzteren ein jeder abgefaßt; der Rektor fragte nach der +Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. Unter diesen Professoren +war auch Heinrichs Onkel. Professor Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die +andern den Urheber der Anzeige und konnte darüber keinen Aufschluß +geben. Allmählich kamen nur noch vereinzelte Schüler, jetzt schlug es 8 +Uhr, und die größte Stille herrschte in dem noch eben so belebten +Gebäude, der Unterricht begann. + +Schlag 10 Uhr ertönte unten in des Dieners Wohnung ein zweimaliges +Glockenzeichen; dies war der verabredete Ruf, dem die Frau des Dieners +in das Rektoratszimmer zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am +Eingang des Hoftors, ihre Neugierde war aufs höchste gespannt. Nein, wie +fatal, gerade in _dem_ Augenblick klingelte ihr der Rektor. Diesmal +sollte nur ihr Mann an ihrer Stelle gehen. »Peter!« rief sie, Peter!« +Von Peter kam keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas stärker +das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging die Treppe +hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten Frau, möglich war. +Einen Blick warf sie noch zurück, ehe sie den Hof aus dem Auge verlor, +und da glaubte sie gerade noch ein Mädchen, ein ganz fein gekleidetes, +durch das Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter der +Türe seines Zimmers auf sie. + +»Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und holen Sie mir aus dem +Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, die mit Klasse #IX# Jahrgang 88 +bezeichnet sind.« + +Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, ging jedenfalls +eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame Viertelstunde! An eine +Widerrede war nicht zu denken, sie mußte hinauf in die Bodenkammer. Aber +etwas Glück ist doch meist beim Unglück, der Kasten Nr. 5 stand nahe bei +der Dachlücke, und aus dieser herunter konnte man den Hof überblicken. +Und da sah denn die gute Frau von ihrer Höhe aus was vorging. Die +Schüler rannten wie alle Tage während der Pause in den Hof hinunter, der +Herr Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie sonst in +der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer nach dem andern erschien +auf dem Gang, offenbar war jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich +ging; auch Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster im +Erdgeschoß blickte der Schuldiener hervor. + +Nun kam von der Straße herein durch den Torweg ganz unbefangen ein +Dienstmädchen und sah sich um, nicht ahnend, daß sie von so vielen +gestrengen Herren beobachtet wurde, denn sie traten alle etwas zurück, +um nicht bemerkt zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer +auf das Mädchen zu. Es war Heinrich. »Das ist der kleine Schubert,« +sagte einer der Lehrer zu dem andern. »Ihr Kostgänger, nicht wahr, Herr +Professor Kuhn?« + +»Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die beiden Schuberts.« + +»Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt keiner außer ihm, daß +dies Mädchen jemanden sucht.« + +»Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er Bescheid gibt!« + +»Der betreffende Herr oder Dame, die die Mädchen hierher bestellt hat, +scheint sich verspätet zu haben; aber da kommt schon wieder eine, das +ist eine stattliche Person; und richtig, der kleine Schubert nimmt sich +ihrer wieder an.« + +Die Herren Professoren lachten. Hätten sie das Zwiegespräch zwischen dem +Dienstmädchen und Heinrich gehört, so wären sie wohl erstaunt gewesen. + +»Ich habe mir ja gleich gedacht, daß das nichts Rechtes ist,« sagte die +große stattliche Köchin, »nur weil ich gerade vom Markt komme, hat mich +die Neugier hereingetrieben, wer sich denn die Mädchen in den +Gymnasiumshof bestellt. Daß es nur so ein kleiner Lausbub ist, hätte ich +mir aber doch nicht gedacht.« + +»Es ist aber eine ganz gute Stelle,« sagte Heinrich, »und ich hab's +getan wegen meiner kleinen Schwester.« + +»Was wär' denn hernach der Lohn?« fragte die Köchin von oben herab. + +»So genau weiß ich das nicht,« sagte Heinrich und dann, da hierauf das +Mädchen höhnisch lachte und so gar nicht gutmütig aussah, fügte er +offenherzig hinzu: »Ein besonders gutes Mädchen müßte es aber sein!« + +»Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt so was, das sieht +dumm genug aus, um auf deinen Leim zu gehen.« Die Große verschwand, ein +kleineres, vielleicht siebzehnjähriges Mädchen erschien im Hof, und +diesmal ging Heinrich gleich auf sie zu. + +Oben bemerkte der Rektor: »Man könnte meinen, der kleine Schubert habe +sie bestellt.« + +»Ja, wahrhaftig,« sagte sein Klassenlehrer, »er ist oft ein rechter +Schelm und hat närrische Einfälle.« + +»Es kommt mir auch wunderlich vor,« meinte Professor Kuhn, dem es schon +geraume Zeit unbehaglich zu Mute war, während er seinen Neffen +beobachtete. Inzwischen hatte Heinrich in eiligen Worten -- denn er +fürchtete, das Ende der Pause möchte seine Unterhandlungen unterbrechen +-- dem Mädchen gesagt, er wisse eine feine Stelle bei einem alten +Fräulein und einem herzigen kleinen Mädchen. Und dann schilderte er so +rührend sein verwaistes Schwesterchen, daß er des Mädchens Teilnahme +erregte. »Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,« sagte sie, +»und deshalb bin ich schon seit meinem fünfzehnten Jahr im Dienst und +hab's so hart als Spülerin in einer Schenke. Wenn ich in ein so feines +Haus kommen könnte!« + +»Freilich können Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. Fahren Sie +nur gleich am Sonntag hinaus, aber ja nicht sagen, daß ich Sie geschickt +habe, bloß: Sie hätten's gehört, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein +Klärchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!« + +»Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und weiße Böden?« + +»Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.« + +»Ich meine nur so, wenn's so viele Zimmer sind, wegen dem Putzen, wenn +alle Böden weiß sind --« + +»Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht weiß, mehr so bräunlich --« + +»Vielleicht Parkett?« + +»Ja, ja wahrscheinlich.« + +»Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.« + +»Ich glaube auch gar nicht, daß sie Parkett sind, wie heißt man die +Böden, die so bequem sind zum Putzen?« + +»Die angestrichenen.« + +»Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.« + +»Und wie ist denn der Lohn?« + +»Der ist hoch und alljährlich wachsend, so viel ich weiß. Fräulein +Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.« + +»Ist's ein gutes Fräulein? Ich frage ja nur, weil's das Kind nicht gut +hat.« + +»Ja so, ja das Fräulein ist in allen wohltätigen Vereinen und schreibt +sehr schöne Briefe.« + +»Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir's ansehen, aber ums Fahrgeld +ist mir's halt.« + +»Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber warten Sie nur, ich +kann Ihnen schon etwas geben; dreißig Pfennig kostet die Fahrkarte, so +viel habe ich vielleicht noch Taschengeld, aber die Anzeige war so +teuer.« Heinrich zog sein Beutelchen. »Nein, siebenundzwanzig sind's nur +noch, aber drei können Sie wohl darauflegen?« + +»Ja,« sagte das Mädchen gutmütig, »den letzten Pfennig will ich Ihnen +auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig bekomme.« + +»Gut,« sagte Heinrich, »dann habe ich doch noch sieben im Beutel, die +Woche ist noch lang!« + +Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts verstehen können, +aber als sie sahen, daß sich allmählich eine ganze Anzahl Schüler +neugierig um die Beiden sammelte und daß Heinrich seinen Geldbeutel +hervorzog, machten sie der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen +Neffen herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmädchen +durch den Torweg verschwand. + +Als Heinrich in fröhlicher Stimmung, dem Ruf seines Onkels folgend, die +Treppe hinaufsprang, war er nicht wenig bestürzt, den ganzen Gang voll +Professoren zu sehen, ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem +Klassenlehrer. Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte angesichts +so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich ein peinliches +Verhör. Der Rektor fragte zuerst: »Was hast du mit dem Mädchen im Hof +gesprochen?« + +Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft wie sein älterer +Bruder war er von Natur nicht und nicht immer hatte er bei seinen +Streichen der Versuchung widerstanden, sich ein wenig herauszuschwindeln. +Diesmal aber, in dem Gefühl, daß er in bester Absicht gehandelt hatte +und auch unter dem Eindruck der Würdenträger, die vor ihm standen, hielt +er mit der Wahrheit nicht zurück, sondern sagte gerade heraus: »Ich habe +das Mädchen gedungen für Fräulein Stahlhammer, bei der meine kleine +Schwester ist.« + +»So war von dir diese Anzeige verfaßt?« fragte der Rektor. + +»Ja,« sagte Heinrich, »die ist von mir.« + +»Wer hat davon gewußt?« + +»Wem hast du es vorher mitgeteilt?« + +»Gar niemand.« + +»Heinrich!« sagte der Onkel vorwurfsvoll, »weder der Tante noch Konrad?« + +»Niemand,« sagte Heinrich, »sie wären doch alle dagegen gewesen.« + +»Damit gibst du zu,« sagte langsam und nachdrücklich Heinrichs +Klassenlehrer, »daß du dir wohl einer unrechten oder törichten Handlung +bewußt warst.« + +»Für unrecht habe ich's nicht gehalten,« sagte Heinrich, »aber für +anders als man's gewöhnlich macht, und das wollen sie immer nicht.« + +»Sie wollen es nicht? Wer 'sie'?« fragte der Klassenlehrer scharf. »Wen +meinst du mit diesem geringschätzigen 'sie'?« + +»Bloß die Menschen,« sagte Heinrich. + +»Ich verstehe den Zusammenhang nicht,« sagte der Rektor, sich an +Professor Kuhn wendend, »was kann ihn veranlaßt haben, für andere Leute +ein Mädchen zu dingen? War er beauftragt?« + +»Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine Schwester wird in +ihrem Kosthaus von dem Dienstmädchen allem Anschein nach nicht gut +behandelt und beeinflußt; darüber waren die Brüder -- und ich allerdings +mit ihnen -- sehr betrübt. Meine Frau und ich konnten uns aber der +Verhältnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf diesen Ausweg +verfallen zu sein.« + +»Nun,« fragte der Rektor, »und was hast du denn ausgerichtet? es sind +wie mir scheint mehrere gekommen.« + +»Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie hat mir +versprochen, daß sie nach Waldeck fährt.« + +»Man darf vielleicht,« sagte der Onkel, sich an den Rektor und den +Klassenlehrer wendend, »die Anhänglichkeit der drei erst kürzlich +verwaisten Geschwister als Entschuldigung für Heinrich ansehen. Er hat +es gut gemeint mit seiner Schwester.« + +»Wenn Sie es so auffassen,« sagte der Rektor, »so schließe ich mich +Ihnen an, Sie kennen die Verhältnisse. Ich sehe keine strafbare Handlung +in dem Vorgefallenen; du kannst gehen, Heinrich.« Dieser ließ sich's +nicht zweimal sagen; wie ein Wiesel schlüpfte er zwischen den Herren +hindurch, möglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die Sache nicht +eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer traute er nichts Gutes +zu, er sah ihn so ungnädig an. In der Tat sagte dieser auch etwas +mißbilligend zum Rektor: »Er ist gut durchgekommen für diese +unziemliche Handlung, fast zu gut.« + +»Ja,« sagte der Rektor, »schicken Sie ihn nach Schluß der Schule noch +einmal allein in mein Zimmer.« + +Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen Lehrers; Heinrich +aber war bestürzt, als er durch den Lehrer erfuhr, daß noch etwas +nachkommen sollte. Er fand sich nach dem Schluß der Schule im Zimmer des +Rektors ein. (Auf dem Tisch lagen die Hefte der #IX.# Klasse aus dem +Jahrgang 88.) »Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,« sagte der +Rektor, »das verdankst du der Fürsprache deines Onkels. Mit väterlicher +Treue ist er für dich eingetreten. Einen andern Mann an seiner Stelle +hätte es gekränkt, daß du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er +hat bewiesen, daß er dich lieb hat. Hast du auch ihn lieb?« + +»Ja,« sagte Heinrich, und das kam von Herzen. + +»Dann beweise auch du es. _Wie,_ das muß dir dein Herz sagen.« + +»Ich will's tun,« sagte Heinrich. + +»Und noch etwas: du hast dich darüber beschwert, daß die Menschen nie +etwas anders machen wollen, als man es gewöhnlich macht, und das war der +Grund, warum du deine Absicht, ein Mädchen zu dingen, nicht vorher +verraten hast, nicht wahr?« + +»Ja,« sagte Heinrich, »es heißt immer: das kann man nicht, oder: so +macht's niemand.« + +»Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr ganzes Leben +hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu handeln. Bei ihnen heißt es: so +machen's alle Leute.« »Ja, ja,« sagte Heinrich von Herzen zustimmend. + +»Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen gehörst, sondern +wenn du später als Mann sagst: Ich tue, was gut und verständig ist, +ob's nun andere auch so machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als +Mann. So lange du noch jung und unselbständig bist, darfst du dir nicht +herausnehmen, nach eigenem Gutdünken zu handeln; kannst auch überzeugt +sein, daß es meistens nicht gut ausfallen würde. Also für die nächsten +Jahre: Vertraue alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen magst, +das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue was recht ist.« + +Heinrich kam später als sein Onkel von der Schule heim. Inzwischen hatte +dieser noch über die Sache nachgedacht und war ärgerlich über den +Jungen. Wer konnte wissen, was der alles anstellen würde, nachdem er +einmal angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rücken solche Dinge +zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache ausgehen! Fräulein +Stahlhammer ließ sich kein Mädchen aufdrängen, am wenigsten, wenn es von +dieser Seite kam; Mine würde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache +nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor saß eben vor seinem +Schreibtisch, in dem er seine Hefte verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die +Jugend versammelte sich schon im Eßzimmer, da ging die Türe auf und +Heinrich sah herein. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Empfindungen +schwer über die Lippen bringen. Lebhaft ging er zu seinem Onkel und +dessen Hand fassend sagte er: »Das war so fein von dir, Onkel, daß du +mir geholfen hast. Mein Professor hätte mich ja am liebsten in den +Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wärst, ich danke +dir recht schön dafür! Sogar der Herr Rektor hat etwas von deiner +väterlichen Fürsorge gesagt, es war etwas sehr Schönes.« + +Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon wieder ganz +freundlich auf seinen Neffen. »Die Hauptsache ist,« sagte er, »daß du +nicht noch einmal so etwas tust.« + +»Nein, in den nächsten Jahren nicht mehr, das habe ich schon mit dem +Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel? +Ich habe in der Pause nichts essen können, bin furchtbar hungrig.« + +»So komm,« sagte der Onkel und sie gingen unwillkürlich Hand in Hand -- +es war wohl der Rektor, der diese Hände ineinandergelegt hatte. + + +VIII. + +Am nächsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Küche abspülte, klingelte es +und ein Mädchen meldete sich. Sie sei aus der Stadt hierhergeschickt +worden, weil man hier ein Dienstmädchen suche. Mine traute kaum ihren +Ohren. »Das ist aber unerhört,« rief sie, »ich habe ja noch gar nicht +gekündigt und mein Fräulein weiß von nichts. Wer hat Sie denn geschickt? +Gewiß Frau Professor Kuhn?« + +»Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist's besprochen worden.« + +»Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich denn jetzt? Versuchen +Sie's eben und gehen Sie hinein. Wenn das Fräulein Sie will, dann soll's +mir auch recht sein.« + +»Da ist ein Mädchen,« sagte Mine, indem sie die Türe aufmachte zu dem +Eßzimmer und sich rasch wieder zurückzog. Fräulein Stahlhammer saß da, +die Zeitung lesend, und Klärchen war mit ihrer Puppe beschäftigt. »Was +möchten Sie von mir?« fragte Fräulein Stahlhammer, »wer sind Sie?« + +»Katharine Schwarz heiße ich und weil ich gehört habe, daß Sie ein +Mädchen suchen, wollte ich mich vorstellen.« + +»Das ist jedenfalls eine Verwechselung,« sagte Fräulein Stahlhammer, +»ich suche keines. Wer hat Ihnen denn das gesagt?« + +»Im Hof ist's gesprochen worden.« + +»So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mädchen schon seit fünf +Jahren und behalte sie auch.« + +»Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herüber gefahren,« sagte das +Mädchen. »Ich wäre erst so gerne gekommen; so ein stilles Plätzchen bei +guten Leuten, das gefiele mir.« + +»Das tut mir leid für Sie. Vielleicht ist's in einem der Nachbarhäuser. +Meine Mine weiß das. Kommen sie einmal mit mir in die Küche.« Das +Mädchen folgte ihr. »Mine, nehmen Sie sich um das Mädchen an, sie ist +irrtümlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr eine Tasse Kaffee +ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein Plätzchen für sie.« + +Nun waren die beiden zusammen in der Küche; Mine räumte noch ihr letztes +Geschirr auf und Katharina ließ sich den Kaffee schmecken, nachdem sie +zuerst große Umstände gemacht hatte, ihn anzunehmen. »Da gefiele mir's,« +sagte sie, »so ein freundliches Fräulein, das gleich Kaffee einschenken +läßt und so stattlich und hochgewachsen und alles so nobel und fein im +Haus, und dem Kind sieht man's von fern an, wie gut es ist.« Im Lauf des +Gesprächs hatte Mine bald herausgebracht, daß kein anderer als Heinrich +das Mädchen hergeschickt hatte. Ja, der Schlingel, wenn der wirklich ins +Haus kam mit seinen Raupen und der große Bruder auch noch dazu, dann +waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich auch versprochen zu +gehen. + +Inzwischen hatte Klärchen zur Patin gesagt: »Kann das gute Mädchen nicht +bei uns bleiben?« + +»Wir haben ja unsere Mine,« sagte die Patin, »die ist auch gut.« +Fräulein Stahlhammer nahm wieder die Zeitung, aber es war nicht viel mit +dem Lesen. Nie hatte sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und +jetzt auf einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wäre, mit dem +jungen Mädchen, das so freundlich aussah, ganz neu anzufangen. Mine war +im Lauf der Jahre so selbständig geworden, sie nahm ihr auch die Kleine +ganz aus der Hand. Sie sagte so oft: »Die Kleine spürt's, daß Sie seine +Mutter nicht sind,« das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mädchen würde so +etwas nicht denken und jedenfalls nicht sagen. Was wohl Mine zu dem +Vorschlag sagen würde, daß sie diesem Mädchen weichen sollte? +Unentschlossen ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. »Was würde +mein Bruder von mir denken?« sagte sie sich selbst, »er würde zu mir +sagen: »Du, die große Stahlhammer, traust dich nicht mit deinem Mädchen +zu reden?« Wirklich, sie war allmählich dieser Mine gegenüber ganz +schüchtern geworden. Sie schämte sich ihrer Schwäche. + +»Klärchen, sage doch Mine, sie möge herein kommen.« Mine kam, Klärchen +blieb in der Küche und schloß Freundschaft mit Katharine. + +»Es scheint ein ordentliches Mädchen zu sein?« sagte Fräulein +Stahlhammer zu Mine. »Ja, ein gutes Zeugnis hat sie bei sich und ein +armes Ding ist's, dem's immer hart gegangen ist bisher.« + +Nun nahm Fräulein Stahlhammer einen Anlauf: »Wie wär es, Mine, wenn ich +es mit diesem Mädchen versuchte und Sie mit einem andern Dienst?« + +Zu Fräulein Stahlhammers großem Erstaunen war Mine's sofortige Antwort: +»Gerade wollte ich's auch vorschlagen!« + + * * * * * + +Einen Monat später war Mine abgezogen, in der Küche hauste das neue +Mädchen. Es war der erste Abend. Bisher war es immer Mine gewesen, die +Klärchen begleitet hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die +Patin selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein wenig +sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz zutraulich. »Kommst +du jetzt alle Tage selbst mit mir?« fragte das Kind. »Ja, wenn ich nicht +im Verein bin.« + +»Hat unsere Katharina auch einen Verein?« + +»Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.« + +»Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du fort warst?« + +»Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie dich dann allein +gelassen?« + +»Ja, aber das hat man gar nicht sagen dürfen, nur dem Konrad habe ich's +gesagt.« + +»Das mußt du dir nicht verbieten lassen, Klärchen. Wenn die Katharina +einmal will, daß du mir etwas nicht sagst, dann mußt du gleich +antworten: Der Patin sage ich alles.« + +»So? So soll ich's machen?« sagte die Kleine ganz verwundert. + +»Ja, so sollst du's machen, so machen es alle lieben kleinen Kinder.« + +Die Patin gab dem Kind einen Kuß und beide hatten das Gefühl, es sei +etwas weg, das sie bisher getrennt hatte. + +Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne daß zur Familie des Professors +irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer gedrungen wäre. Die Brüder +scheuten sich, hinzugehen, wußten sie doch nicht, wie Heinrichs +Einmischung in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da begegnete +diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, und mit stolzer Befriedigung +erfuhr er, daß die von ihm gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden +und Mine ihr Platz gemacht hatte. Aber Mine wußte auch noch das +allerneuste. Fräulein Stahlhammer läge krank zu Bett und werde +wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu Hause erzählt, als +seine Tante erklärte: »Das ist für mich die Gelegenheit, endlich einmal +Fräulein Stahlhammer aufzusuchen; schon lange liegt es mir schwer auf +der Seele, daß kein freundliches Einverständnis zwischen uns herrscht, +ich mache ihr einen Krankenbesuch!« + +Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als sie hinausfuhr aus +der großen Stadt und das hübsche Häuschen aufsuchte, das am Ende des +Städtchens lag, ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald +übergingen. Das neue Dienstmädchen fragte Fräulein Stahlhammer gar nicht +erst, ob sie zu sprechen sei, sondern ließ den Besuch ohne weiteres ein. +Im Schlafzimmer lag, unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fräulein +Stahlhammer im Bett und das Kind saß nahe dabei, spielend an seinem +Tischchen. + +Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit für das Kind, sie trat ans +Bett und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie krank sind, und wollte mich +deshalb nach Ihnen umsehen.« + +»Danke,« sagte Fräulein Stahlhammer, »es geht mir schon besser; aber Ihr +Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte Ihnen schon in diesen Tagen +schreiben und kann es doch nicht recht.« + +Hocherfreut über diesen unerwartet freundlichen Empfang setzte sich die +Tante ans Bett und nach einigen Reden über die Art der Krankheit sagte +Fräulein Stahlhammer: »Was ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich +nicht gern vor der Kleinen sagen.« + +Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was +darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei +Frauen waren allein. »Ich habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich +krank bin,« sagte die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe +und da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie +ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, dürfe es zu Onkel und +Tante und zu den Brüdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz +meine Gegenwart vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht brav +bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.« + +»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten gar nicht darauf +hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.« + +»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich weiß jetzt, daß sie +mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht +recht von mir, daß ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne +ich Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt hätte, so +möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei Ihnen eine +glücklichere Kinderzeit haben wird.« + +Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer schwer wurde, diese +Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich +begreife nicht,« sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt. +Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, das +Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern aufwächst. Leider +sind es bei uns lauter Knaben.« + +»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« sagte Fräulein +Stahlhammer. + +»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern läßt es sich zwar nicht +mehr einrichten, aber von den Sommerferien an können wir sie aufnehmen.« + +»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« sagte die Patin +bereitwillig. »Ihre Brüder können sie besuchen so oft sie wollen, und +ich werde ihr auch eine kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner +Bekannten hat auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis +jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen sich mehr an +mich anschließe, aber nun, da sie doch fort kommt, ist's gleichgültig.« + +»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darüber,« sagte Frau +Professor Kuhn, »mein Mann würde wohl nicht gern noch einmal bei ihm +seinen Vorschlag wiederholen.« + +»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten die beiden Männer +nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so +herzlos, als Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest +bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kämmerlein. Das +Kind wußte es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.« + +»_So_ war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut mich noch +nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich selbst war trotz allem +Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm +die Hand der Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl sind, +kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns näher kennen +lernen und späterhin, wenn Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen +uns, dann werden Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.« + +»Wollen Sie Klärchen rufen? Ich möchte es ihr gleich mitteilen.« Die +Tante führte das Kind herein. »Klärchen,« sagte die Patin, sich im Bett +aufrichtend, »weißt du, was deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im +Sommer, wenn deine Brüder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst +ganz und für immer bei Onkel und Tante bleiben!« + +»Aber der Vormund holt mich gleich wieder,« sagte Klärchen. + +»Diesmal nicht,« sagte die Patin, »jetzt erlaubt er es, er führt dich +vielleicht selbst in die Stadt.« + +Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit der Nachricht +erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die Tante und sagte: »Dann bist +du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder +alle Tage meine Brüder!« + +»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg +zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet, +weil sie weiß, daß es dich freut.« + +»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du's eingerichtet? Gelt dann bist +du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh!« rief sie in +einem Ton, der glückselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr +gehört hatte. + +Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für diesen Sommer gab sie +ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie möglich im +Freien sein. Sie nahm Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den +nahen Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine +Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. Es war ein +Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr +gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt. + +Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes +Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos +und Gebüsch und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde kam in +aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und +Klärchen, die zuerst staunte über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich +bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen +auch die Zukunft, die Gegenwart war schön. + +Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald saß +und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen, +zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen +Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, blieben sie +ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die manche der Kinder +kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen hielt sich zur Patin. + +»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr?« sagte +eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern. + +»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, aber Klärchen kommt +fort.« + +Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren +Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht recht bei der Sache und nach +einer Weile kam sie zögernd zur Bank her, auf der die Patin lesend saß, +legte ihr die Hände auf den Schoß und sagte leise: »Patin?« + +Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?« + +»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?« + +»Du darfst, du _mußt_ nicht.« + +»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?« + +»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das +Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald +Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und +Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange +gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen +hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach +gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester, +unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die +Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen, +ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des +knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das +stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin. +Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun +leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich. + +Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte, +nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er +sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig +nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die +Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du +sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und +dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein, +möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in +der Stadt. + + + + +Regine Lenz. + + +Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte, +hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war +wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein +Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen +war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine +Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese +Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher +an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit +nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die +älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von +der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen +mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren +düsteren Mienen zu schließen. + +Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im +Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht +einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und +ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut +langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte +und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den +Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.« + +Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken +versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist +denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß +irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du's nicht? +Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell +wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim +bleibst!« + +Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit +gesenktem Kopf davon. + +Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es +wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es +wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht +bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der +Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein? + +Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind +blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem +Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke +stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines +Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz. +Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf. + +»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte +Hände; was tust du denn da?« -- »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,« +sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine +fragte das Kind. + +»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat +sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar +nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was +heißt das 'gestohlen'? Wohin führt sie jetzt der Mann?« + +Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt +über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt +begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit +Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen. + +Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine +hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.« +Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und +hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!« + +»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das +kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten +Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte +sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter +treibt es auch schon wie die Mutter.« + +Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie +mochte nichts weiter hören. + +Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich +endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an +dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie +Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den +Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da +und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den +Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm +doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte. +Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück +bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte +auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute +Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter +hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den +Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor. +War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht +lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter +allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der +Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne +Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen. + +Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie +sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten +alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin: +»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie +gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die +Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als +sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der +Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande +des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört +hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen! + +Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem +Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich +bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht +näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt +verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie +hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie +übersehen hätten. + +Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle +vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen +brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich +allmählich. + +Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater +mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag +kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie +sitzen.« + +»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der +Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die +Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man +brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige +verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die +Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.« + +»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das +nicht sein.« + +Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den +Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die +Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen +beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit +handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich +nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden, +um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob +dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete +eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete +schon den Mund, um zu sprechen. -- Da stockte sie plötzlich und kehrte +sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß. + +»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht +zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte +doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre +Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und +schwieg. + +Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht +an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht; +aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen: +Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.« + +Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist +gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu +vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.« + +»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen +an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die +sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller +Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber +nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete +er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,« +sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von +dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit +wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht +begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch +und dabei nicht so herzlos wie du!« + +Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den +unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn +das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine +kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder +vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre +angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben +Stunde. + +Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während +des Unterrichts. + +Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte +noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen. +Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde +über das Vorgefallene. + +»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.« + +Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um +sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der +Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß +alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du +ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir +ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die +sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel +Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil +du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus, +wir andern wollen noch singen.« + +Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch +das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie +die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging, +wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich +weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal +hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß +sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher +hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander +nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und +jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht +besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle +Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne +Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich +nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es +vorher vielleicht nicht war, -- in dieser Stunde hatte das Vertrauen des +Pfarrers sie dazu gemacht. + +Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging +Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken +geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst +einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder +Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er +für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete. +Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein +aufgeweckter Bursche. + +»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der +Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder +konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der +Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch +schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen +so gerne vor ihm verborgen! + +Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief +er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du's auch schon wie die Mutter? +Was versteckst du in der Tasche?« -- Da blickte sie auf zu ihm und sagte +leise: »Ich will dir's erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören; +komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme: +»Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem +Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier +vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die +Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich +vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und +daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir +seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und +dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse +ins Pfarrhaus bringen.« + +Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich +vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder +sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach +keine Umstände!« + +Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was +die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit +Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit +den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die +Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern +mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem +Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt +folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?« +fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er +nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester. + +»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf +nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen +Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er +sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese, +erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder +auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr +klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.« + +Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und +sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts +von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von +mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum +Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der +Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt +kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz; +wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer +zusammen, gelt, Thomas?« + +Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir +zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es +zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den +kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft, +wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in +dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste +wachrief. + +Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine +Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer +selbst.« + +Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im +Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war +auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind +ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und +wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war +verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst +wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es +für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das +Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau. + +»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch, +-- durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen +Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?« + +In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um +die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in +Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe +und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten +Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht +ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt +hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob +sie gewachsen wäre, die Kleine. + +Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten +Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu +Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie +an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die +Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.« + +Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann sorgst du für Regine?« + +»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete der Bruder ärgerlich. + +»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann schon; aber ich kann +nicht alles hergeben für die Kleine. Sie könnte auch selbst manchmal +etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!« + +»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas. + +»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr +zugehört; aber das hätte er doch gerne gewußt, wer in seiner Familie +ehrlich sei. + +»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und +sie hat seine Börse voll Gold und Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus +tragen müssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch +nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie hätte mir +einen abgebissen; ist's nicht wahr, du?« Die beiden Verbündeten sahen +sich vergnügt an, worüber Marie große Augen machte, denn sie konnte die +Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine. +»Ehrlich ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile: +»Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran +darf's nicht fehlen.« + +Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, seitdem die Mutter +das Haus verlassen hatte. Ein einziges Mal waren Nachrichten aus dem +Gefängnis gekommen; einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll +Sehnsucht nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte auch am +meisten die Mutter. Wenn die Großen morgens alle das Haus verließen, +legten sie wohl mancherlei zu essen hin, oder sie brachten ihn zu einer +mitleidigen Nachbarin: aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf +der Straße herum; sehnsüchtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich +wieder die Straße herunterkäme, in der sie vor seinen Augen verschwunden +war. Sie trösteten das Kind manchmal, Regine komme jetzt bald ganz aus +der Schule und bleibe dann immer bei ihm wie früher die Mutter. Nur noch +vier Wochen mußte sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang. + +Nein, nicht lang, und doch zu lang für das mutterlose Kind. Einmal fand +Regine es ganz durchkältet, die Schuhe und Strümpfe vollständig +durchnäßt, die Füße eiskalt von dem geschmolzenen Schneewasser, in dem +es herumgestiegen war. Weinend saß der Kleine auf der steinernen +Hausstaffel und zitterte am ganzen Körper. Nun wurde er freilich zu +Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie den Arzt zu ihm. +Marie blieb nun von der Fabrik daheim und pflegte mit Liebe den kleinen +Bruder; aber die Fürsorge kam doch zu spät, und ehe sie nur recht gewußt +hatten, daß das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer +Lungenentzündung erlegen. + +In großer Bestürzung standen sie alle an dem Bett des Kleinen, und _ein_ +Gedanke beherrschte die ganze Familie: der Gedanke an die Mutter. Wie +würde sie die Nachricht ertragen! Was mußte das einst für ein Heimkommen +sein, wenn sie ihren Liebling nicht mehr fände! Und welche Vorwürfe +würde sie ihnen machen! Hätte man das Kind nicht unter Tags in Kost +geben können, oder in eine Kinderschule schicken? Aber all diese +Gedanken kamen zu spät. + +Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und noch hatte niemand +sich entschließen können, der Mutter die Trauerbotschaft zu schreiben. +Der Vater tat es endlich mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben +war ihm ungewohnt. + +Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte sie nicht schreiben, +oder war sie krank geworden vor Kummer? Zürnte sie ihnen, daß sie das +Kind nicht besser behütet hatten? Sie hörten nichts von ihr. + +Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt und bei diesem +Anlaß Einblick in die Familie getan; auch war ihm so manches über sie +bekannt geworden, was ihn für seine Konfirmandin besorgt machte. Er +hatte das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt in ihr, +aber es mußte gepflegt werden. So hätte er dies Mädchen gern in andere +Verhältnisse versetzt, wo es unter ehrlichen Menschen sich in der +Ehrlichkeit befestigen konnte. So manches Mal beriet er mit seiner Frau +darüber; aber wo sollte man ein so kleines Mädchen unterbringen, von dem +man nicht einmal rühmen konnte: es ist aus gutem Haus! + +Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde Regine wieder von dem +Pfarrer aufgefordert, nach der Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort +wurde sie freundlich empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte, +eifrige Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, daß sie +für Regine ein gutes Plätzchen gefunden hatte. »Es ist bei meiner +Schwester,« erzählte sie ihr, »bei einer Pfarrfrau auf dem Lande. Sie +hat kleine Kinder, herzig nette Kinderchen; und ein ehrliches treues +Dienstmädchen, das aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird. +Dort kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein und selbst +ein solcher werden, und das möchtest du doch gewiß?« Regine bejahte aus +aufrichtigem Herzen. + +»Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,« fuhr die Pfarrfrau fort, +»fünf Mark im Monat, und nach einem Jahr, wenn du dich bewährst, +erhältst du das Doppelte. Bis dahin wirst du in der frischen Landluft +und bei der guten Kost groß und stark geworden sein. Nun geh nur heim +und erzähle es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester +bittest du, daß sie dir die nötige Wäsche und Kleider richtet. Gleich +nach der Konfirmation müßtest du abreisen, denn meine Schwester möchte +am liebsten schon heute eine Hilfe.« + +Regine eilte, ganz erfüllt von diesem Lebensplan, nach Hause. Sie fühlte +sich so stolz und glücklich, wie wenn sie sich schon als treue Pfarrmagd +bewährt hätte. Wie würden sie sich daheim alle wundern über das +Vertrauen, »Respekt!« würde Thomas wieder sagen. Und sie träumte sich +hinein unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern. + +Zu Hause saßen der Vater und Marie schon am Mittagstisch, Thomas fehlte +noch. Sie wollte mit ihrer Erzählung warten, bis er käme; aber als es +eine Weile gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten, was ihr +ganzes Herz erfüllte. »Die Frau Pfarrer weiß mir ein gutes Plätzchen,« +begann sie und wiederholte alles, was sie darüber gehört hatte. Und nun +erlebte sie eine schmerzliche Enttäuschung. Mit Hohn und Geringschätzung +wurde von diesem »Plätzchen« gesprochen und dieses so heruntergemacht, +daß nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr daran blieb. Als Kummer und +Scham ihr eben Tränen in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim +Anblick dieses ihres Verbündeten faßte Regine wieder Mut. Ehe sie aber +ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon Marie entgegen: »Du, als +Magd will die Regine fortgehen, aufs Land, und fünf Mark Monatslohn +bekommt sie; was sagst du dazu?« Und sie lachte laut. + +»Unsinn,« entgegnete Thomas und schien gar nichts weiter wissen zu +wollen, sondern machte sich daran, seine Suppe zu essen. Und die andern +sprachen auch nichts mehr darüber. Regine verstand sie alle nicht. Warum +wollten sie ihr denn das schöne Plätzchen nicht gönnen? Sie brachte kein +Wort mehr heraus während des Essens, so bitter und schmerzlich war ihr +zumute. Als aber der Vater sich anschickte wegzugehen, rief sie, während +ihr die Tränen aus den Augen stürzten: »Was soll ich denn dann der Frau +Pfarrer sagen?« + +Da sah Thomas die kleine Schwester überrascht an; er merkte erst jetzt, +daß es sich für sie um eine Lebensfrage handelte. »Was ist's eigentlich, +was will sie denn?« fragte er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und +Herreden. »Verdingen will sie sich,« rief Marie, »statt daß sie in die +Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.« + +»So viel mehr ist's zwar auch nicht,« entgegnete jetzt der Vater, »du +rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. Im Dienst hat sie +alles frei, Kost und Wäsche, das macht ein paar hundert Mark im Jahr; +und dabei wird sie vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die +ich kenne.« + +Marie lachte. »So soll sie gehen; aber die Mutter tät's nicht leiden, +wenn sie da wäre.« + +»Ja, das ist's,« sagte der Vater, »sie will immer hoch hinaus mit ihren +Töchtern.« + +»Ja, die Mutter, das ist wahr,« meinte auch Thomas, »wenn sie heimkommt +-- das eine Kind ist tot, das andere fort; -- Regine, sei gescheit, höre +auf zu weinen. Sag dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die +Mutter fort sei; er weiß ja schon davon und wird's verstehen.« + +Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht zufrieden mit ihrem +Bundesgenossen. Er hatte nicht zu ihr gehalten, und nun war es aus und +vorbei mit ihrem schönen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur +Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. Regine holte +ihren Katechismus und setzte sich an das andere Ende des Tisches, um zu +lernen. Sie schlug das Buch auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen, +groß und deutlich standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift +geschrieben einige Worte. Unwillkürlich sagte sie laut: »Wie kommt denn +das in mein Buch?« Thomas blickte von seiner Zeitung auf. »Was steht +denn darauf?« + +»Nur ein Sprichwort; ich weiß nicht, wie das Papier in mein Buch kommt.« +Gleichgültig schob sie es beiseite. + +»Zeig doch her, was ist's für ein Sprichwort?« rief Thomas, griff nach +dem Blatt und las laut: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« Er +behielt das Papier in der Hand und starrte darauf; während Regine wieder +in ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als nach einiger +Zeit ihr Bruder rief: »Wer hat dir denn die Bosheit angetan? Gewiß +wieder die Emilie Forbes! Weißt du nicht, was das heißen soll: Der +Apfel fällt nicht weit vom Stamm?« Und als Regine ihn immer noch +verständnislos ansah, sagte er: »Das heißt, daß du auch nicht ehrlich +bist, weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?« + +Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; über und über errötete +sie und sah das Blatt Papier an wie etwas Häßliches, Feindseliges. »Aber +das ist nicht die Schrift von Emilie Forbes,« sagte sie nach einiger +Zeit. -- »Dann hat es jemand anders für sie geschrieben; sie will +natürlich nicht, daß euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, wenn du ihm +das Blatt zeigst.« + +»Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen davon +gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das nicht getan hätte!« Sie +stützte den Kopf in die Hände und weinte. Es war auch heute alles so +traurig; das gute Plätzchen durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch +das dazu! + +Der Bruder war erzürnt über Reginens Mitschülerin. »Ich schreibe dir +auch einen Zettel,« sagte er, »den legst du in ihr Buch, und an dem soll +sie auch keine Freude haben!« Nicht umsonst half er täglich als Setzer +eine Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe Antwort +kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht fein. Aber Regine wollte +nichts davon wissen, Thomas wurde ärgerlich. »So etwas läßt man sich +doch nicht gefallen!« sagte er, »was hilft dein Weinen? Wehren muß man +sich!« -- Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: »Es wird eben wahr +sein, Thomas, was auf dem Zettel steht; wir sind alle nicht ehrlich, +weil's die Mutter nicht ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so muß +doch auch das mit uns wahr sein!« + +Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah das Sprichwort auf dem +Papier nachdenklich an. Aber bald sprach er tröstend zur Schwester: +»Nein, nein, es ist nicht wahr. Die Äpfel bleiben freilich liegen, wo +sie hinfallen; aber wir Menschen können aufstehen, und gehen, wohin wir +wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon einmal nicht, wir zwei, +gelt, du?« Da hob die Schwester vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder, +der jetzt wieder mit ihr im Bunde stand. Sie rückte näher zu ihm heran +und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blättchen Papier beschrieb. »So,« +sagte er, »das kannst du ruhig Emilie Forbes ins Buch schieben; das ist +jetzt ganz zahm, und wenn es zufällig dein Pfarrer zu lesen bekäme, so +hätte er selbst nichts dagegen.« -- Regine las: »Ein Apfel bin ich nicht, +der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch und kann mich frei vom +Platz bewegen.« + +Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. »Das Blatt kannst du ihr +frei in die Hand geben, dann sieht sie gleich, daß du dich nicht vor ihr +fürchtest. Paß auf, dann läßt sie ihre bösen Reden künftig bleiben.« + +Als nach der nächsten Konfirmandenstunde Emilie Forbes eben ihre Bücher +zusammenpackte, wandte sich Regine nach ihr um, schob ihr das Blatt +Papier entgegen und sagte: »Das gehört in dein Buch.« Betroffen sah das +Mädchen auf die Worte, die da standen, und errötete beschämt. Aber sie +geriet in noch größere Aufregung, als sie bemerkte, daß Regine vor allen +andern Mädchen mit dem Pfarrer zugleich den Saal verließ; gewiß in der +Absicht, mit ihm reden zu können. Darin hatte sie auch recht, nur daß +Regine nicht über das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan +hatte; nein, sie mußte dem Pfarrer Bescheid geben wegen des schönen +Plätzchens, das sie nicht annehmen durfte. Zögernd brachte sie die +ablehnende Antwort heraus. Dem Pfarrer war es sichtlich leid, daß der +Vorschlag seiner Frau nicht angenommen wurde. »Schade, schade!« sagte +er, »es wäre so gut für dich gewesen.« Gerne hätte er in dem Herzen des +Mädchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der wahre und einzige +Grund der Ablehnung war. »Später, wenn deine Mutter zurück ist, dürftest +du dann die Stelle annehmen?« fragte er. Regine wußte nichts darauf zu +antworten. Die Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen +wissen wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. Sie +gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander. + +»Zunächst ist da nichts zu machen,« sprach jetzt der Pfarrer, +»vielleicht später, wenn deine Mutter heimkommt. Das wird ein trauriges +Wiedersehen geben, Regine, wenn die Mutter deinen kleinen Bruder nicht +mehr findet. Du mußt sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan +hat. Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte du es, +Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an den Altar trittst, so +denke daran, was ich dir gesagt habe; und wenn ich dir die Hand zum +Segen aufs Haupt lege, so werde ich auch daran denken: das ist eine, die +hat einen schweren Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben, +aber die Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!« + +Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. Regine saß am +Nachmittag ganz allein zu Hause; der Vater, der Bruder, die Schwester +waren da- und dorthin gegangen. »Wenn du konfirmiert bist, nehme ich +dich auch einmal mit dahin, wo's lustig zugeht,« hatte Marie +versprochen; obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie früher, +sondern blaß und verstimmt war. Aber sie war doch gegangen, und Regine +war allein. + +Alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem nächsten Sonntag. Gestern +Abend hatte die Näherin ihr das schwarze Kleid gebracht; es sah wie neu +aus, obwohl es aus dem der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem +Schrank und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. Man hörte +gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. Ob sie wohl wußte, +daß am nächsten Sonntag ihre Konfirmation war? Wie traurig zu denken, +daß die Mutter eingesperrt in ihrer Keuche sitzen würde, wie der Vater +das immer nannte; während andere Mütter in die Kirche kamen, um zu +sehen, wie ihre Kinder eingesegnet würden. Das zu denken, tat ihr weh. +Sie wollte ihr auch einmal schreiben, heute noch, gleich jetzt. Sie +sollte ja die Mutter lieb haben. + +So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag Nachmittag hin und +schrieb der Mutter einen langen Brief; erzählte ihr von der Konfirmation +und kam auch auf das verstorbene Brüderchen zu sprechen, wie es immer +nach der Mutter verlangt habe, und unter Tränen beschrieb sie die +Krankheit und den Tod des Kindes. Am nächsten Morgen bat sie den Bruder, +daß er den Brief überschreibe und besorge. Er las ihn und meinte, wenn +die Mutter nicht krank sei, würde sie ihn ganz gewiß beantworten. Darauf +hoffte nun Regine, und dachte es sich schön aus, daß sie zur +Konfirmation wenigstens einen Brief bekommen werde. + +Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation brach an, und es kam +kein Lebenszeichen von der Mutter. Regine dachte freilich an diesem +Morgen kaum mehr daran. Ihre Gedanken waren erfüllt von der Feier. Sie +mußte auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am Sonntag +Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht mit ihr gehen; und +Marie entschuldigte sich damit, daß sie heute etwas Gutes kochen wolle. +Aber Thomas begleitete sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen +Bruder und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was der Pfarrer +zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: »ich« soll die Mutter lieben +und die Unehrlichkeit hassen, sondern sie sagte »wir« und zog ihren +Bundesgenossen mit herein in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war. + +Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder stieg auf die +Empore und sah von oben, wie unter dem Geläute der Glocken die +Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff der Kirche bis zu den Bänken +vor dem geschmückten Altar kamen. Die Feier, die er seit der eigenen +Konfirmation nicht mehr mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen +das Herz. + +Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied der versammelten +Gemeinde denken: Welch ein kleines, schmächtiges Mägdlein, noch ein +ganzes Kind! Und doch war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen +mit solchem Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte ihr +doch auch der Pfarrer versprochen, daß er an sie denken wollte. Sie +erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem er sie eingesegnet +hatte, mit fröhlicher Zuversicht aus der Kirche heraus, um den Kampf des +Lebens aufzunehmen. + +Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben erst aufgestanden, +war mürrischer Laune; und die Schwester von eigenen Gedanken +hingenommen, die nicht erfreulich schienen. Doch hatte sie der +Konfirmandin zu Ehren ein gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille +verzehrt wurde. Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen. +Plötzlich ging die Türe leise auf, und in ihrem Rahmen erschien eine +blasse Frau mit abgehärmten Zügen und sah mit großen, traurigen Augen +auf die Anwesenden. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: »Die +Mutter!« Und da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen, +so blieb die Gestalt wie gebannt an der Türe stehen und rührte sich +nicht. Einen Augenblick währte die Bestürzung, dann erhob sich der Mann +und ging auf seine Frau zu. »Wie kommst du heute hierher?« fragte er. +»Ich glaube gar, du bist heimlich entwichen.« -- »Nein, nein,« sagte die +Frau und trat nun näher an den Tisch heran; »ich habe meinen +Entlaßschein, ich bin frei. Die Hälfte der Zeit ist mir erlassen worden +wegen guter Führung, auch wegen meiner Kränklichkeit und aus Rücksicht +auf die Kinder. Zum Konfirmationstag haben sie mich entlassen.« + +Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der Stelle, wo noch +immer das leere Kinderbett stand; wandte sich dorthin, warf sich +schluchzend über das Bettchen und rief in lautem Jammer: »Mein Hansel, +mein gutes, gutes Kind!« + +Sie standen alle erschüttert und mit schlechtem Gewissen diesem Kummer +gegenüber, und jeden Augenblick erwarteten sie, daß die Mutter sich mit +Vorwürfen an sie wenden würde. Aber sie schien nicht an sie zu denken. +»O Kind!« rief sie, »ich bin schuld, daß du gestorben bist. Deine Mutter +hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! Hätte ich nur +bei dir sein und dich noch ein einziges Mal sehen können!« Allen, die da +standen, kamen die Tränen. Wie sah auch die Frau so elend und abgehärmt +aus! Nicht mehr wieder zu erkennen war sie. + +Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rührung zu verbergen. +»Laß jetzt das Jammern,« sagte er barsch. »Setz dich her und iß etwas, +du siehst ja aus, daß es Gott erbarmt!« Da erhob sich die Frau, setzte +sich an den Tisch und aß ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie +rückte ihr die Schüssel näher. »Du siehst so abgemagert aus, Mutter; +warst du krank oder hast du Hunger leiden müssen?« + +»Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche sagen auch, es sei +gut, aber mir hat keinen Tag das Essen geschmeckt,« sagte sie. »Schlaf +habe ich auch nicht viel gefunden. Ich war doch an unsere Federbetten +gewöhnt; die gibt's dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank war +ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube gelegt. Da hat +man's besser, und die Wärterin hat es wirklich gut mit einem gemeint und +mit jeder gesprochen. Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen. +Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo man ohne +Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann kam die Nachricht, daß +das Kind gestorben sei. Von da an habe ich keinen Schlaf mehr finden +können; immer mußte ich darüber nachgrübeln, daß ich's hätte verhüten +können. An diese Nächte werde ich denken mein Leben lang.« + +Sie waren alle ergriffen und hörten noch manches von der Mutter; denn +sie war noch mit all ihren Gedanken bei dem, was hinter ihr lag, und +hatte noch keine einzige Frage an die andern gerichtet. Jetzt stand +Regine auf. »Ich muß in die Kirche,« sagte sie. Da schien die Mutter +erst wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen Blick wandte +sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen Kleid, mit dem langen +Kleiderrock vor ihr stand und ihr verändert vorkam. Daß das alles so +geworden war trotz ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwürdig; und als +nach Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, wie +sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, fand sich die Mutter +ganz allein zu Hause; wußte nicht recht, wozu sie da war und warum sie +sich heimgesehnt hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald saß sie +wieder trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, das ihr +zugejubelt hätte. + +So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst zurückkehrte. +Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid ging sie zu ihr hin. Die Mutter +fühlte das. »Komm, setze dich her und erzähle mir was von dir,« sagte +sie, und dann fuhr sie selbst fort: »Deinen Brief habe ich noch in der +Krankenstube bekommen und habe ihn die Wärterin lesen lassen, denn sie +ist eine gute gescheite Person. Sie hat auch gleich mit mir gesprochen, +wie sie deinen Brief gelesen hat. 'Das Kind ist noch unverdorben,' hat +sie gemeint, 'die dürfen Sie nicht mit der großen in die Fabrik +schicken. Ich würde sie gleich aus dem Haus in eine gute Familie tun.'« +Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung erwachte in ihr. »Warum +schaust du so?« fragte die Mutter. -- »Weil unser Herr Pfarrer auch so +meint,« entgegnete Regine und schilderte mit aller Wärme die Stelle, die +ihr angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte. + +»O,« rief die Mutter, »da hättet ihr zugreifen sollen, wenn es gleich +nur ein geringer Platz ist. Soviel habe ich jetzt gelernt: wenn man zu +hoch hinaus will, dann kommt man erst recht tief hinunter, bald genug +wird das auch die Marie erleben.« »Ich will nicht hoch hinaus, Mutter, +aber du willst ja nicht, daß wir in Dienst gehen.« -- »Ich habe es +freilich nicht gewollt, aber wenn man solche Nächte durchgemacht hat wie +ich, dann denkt man über manches anders als vorher. Ich rate dir: danke +deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!« + +Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, wenn du so sagst, +dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute +Plätzchen noch zu haben ist.« Die Mutter wunderte sich über ihre Kleine; +die hatte sich verändert. »Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen +Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die Mutter +allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem +verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mädchen, das voll Eifer +ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie +hatte sich in der einsamen Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu +lassen: »Sie ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein +gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der +wenigstens kann man einmal Freude erleben.« + +Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend von dem raschen +Entschluß. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie +sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes +Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber nächste Woche soll +ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie +hilft nicht gerne dazu.« »Wir machen's schon ohne sie,« meinte die +Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen +wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte Regine. Da verlor +das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher +gehabt hatte. »Gut, daß du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl; +zeigten sie ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute. + +»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte Thomas nachdenklich +zu der Schwester. »Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei +bleiben und für eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über +alles, was geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt +würde.« -- »Was fängst du dann aber an, Thomas?« fragte die Schwester +betroffen. + +»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß ich bei einer +anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen +selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin +nur so zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so +ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will nicht liegen +bleiben, verstehst du?« + +Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu +ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.« + +Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun getrost verlassen; sie +meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird +Segen von ihnen über ihre ganze Familie kommen. + + + + +Von =Agnes Sapper= sind im gleichen Verlag erschienen: + + +=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten. +31.-40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.--. + + +=Werden und Wachsen.= Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder. 350 +Seiten. 16.-23. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 4.--. + + Der Glanzpunkt Sapperscher Erzählungskunst ist die Geschichte der + _Familie Pfäffling_ in zwei Bänden. Der erste Band mit der + Jugendgeschichte der Pfäfflingskinder ist eine Perle erzählender + Literatur, und für Kinder _und_ Eltern gleich interessant. Keine + großen äußeren Verhältnisse werden da vorgeführt, alles geschieht + nur im Rahmen einer bescheidenen, arbeitsamen Familie, und doch -- + wie packt es, wie läßt einen von Satz zu Satz, von Seite zu Seite + die Spannung nicht los, und wie greift Freude und Leid im + Miterleben ins eigene Herz! -- Dem Verlangen nach einem Mehr, das + auch den erwachsenen Leser dieser Geschichte befallen muß, hat + Agnes Sapper im zweiten Band: »_Werden und Wachsen_« entsprochen. + Es ist ein nachdenkliches Buch, für die reifere Jugend geschrieben + und, wie der erste Band, auch für Eltern und Erzieher wichtig. + Jenaer Volksblatt. + + +=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren. Vierte +Aufl. Gebunden Mk. 1.20. + + +=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12-16 Jahren. 3. +Aufl. Geb. M. 3.--. + + Jede Mutter, die dies Buch prüft, wird sagen, daß dies eine der + gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten ist, die wir + haben. + + +Beide Teile in _einem_ Band gebunden: + +=Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.= Dritte Auflage. In +Leinwand Mk. 4.--. + + +=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen. Mit Bildern von Gertrud +Caspari. Zweite Auflage. Gebunden Mk. 3.60. + + Das sind fröhliche und ernste Geschichten, die aus des Kindes + ureigenem Quell schöpfen und darum allen Kindern gefallen werden. + + +=Kriegsbüchlein.= 120 Seiten. 11.-20. Tausend. Steif geheftet Mk. 1.--. + + Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der bekannten + Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die feine Auswahl von + höchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten aus Ost und + West läßt unsere Kinder hineinblicken in das große Geschehen der + Gegenwart, es läßt sie mitkämpfen, mitleiden, mithoffen. Manch + feines pädagogisches Wort weist unaufdringlich, aber dennoch + eindringlich darauf hin, daß das deutsche Volk nur dann siegen und + an die Spitze der Völker treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz + und wahrhaftig ein Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl + prächtiger kleiner Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von + unserem Hindenburg, bildet den Beschluß. Allen Eltern wird dies + »Kriegsbüchlein« höchst willkommen sein.... + Erlanger Tageblatt. + + +=Im Thüringer Wald.= Mit Vollbildern von P. F. Messerschmitt und +Buchschmuck von Helene Reinhardt. Ein fein illustriertes Büchlein in +steifer Decke M. 2.--. + + Diese rührende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher wird + in der schönen Ausstattung mit zehn Vollbildern und zahlreichen + hübschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere Freude bereiten. + + +=Erziehen oder Werdenlassen?= 336 Seiten. In Leinwand gebunden Mk. 4.--. + + Ein verständiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes Buch, das + dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite stehen kann vom + Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt in das Leben der + Erwachsenen. Frei von der modernen Anbetung des Kindes, zeigt das + Buch doch auf jeder Seite die Achtung vor der werdenden + Persönlichkeit, die _eben deshalb_ kein bloßes Werdenlassen kennt, + sondern dem Kinde durch Erziehung zu möglichster Vollendung seiner + individuellen Persönlichkeit helfen will. + Die Frau. + + ... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes Sapper so oft + durch den bunten Schleier ihrer reinen und launigen Erzählungen + schimmern ließ, trägt sie in ihrem neuesten Buche als praktische + Pädagogik vor. Das Beste an diesem Buche ist, daß es keine Theorie, + daß es goldene _Erfahrungen einer Mutter_ sind von der ersten bis + zur letzten Zeile. + Deutscher Courier. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte: +p 040: [Anführungszeichen] »Euch ... fleißiger.« -> 'Euch ... fleißiger.' +p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg +p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen +p 195: [Anführungszeichen] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte +p 203: hat man dem Apother -> Apotheker +p 219: [Anführungszeichen] Uhr ist's vorbei. »Ich -> vorbei. Ich +p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir +p 282: nicht vorher verraten hat -> hast +p 292: [Anführungszeichen] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?« + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurde prinzipiell beibehalten. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the fourth +edition published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte: +p 040: [inner quotes] »Euch ... fleißiger.« -> 'Euch ... fleißiger.' +p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg +p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen +p 195: [added quote] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte +p 203: hat man dem Apother -> Apotheker +p 219: [removed quote] Uhr ist's vorbei. »Ich -> vorbei. Ich +p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir +p 282: nicht vorher verraten hat -> hast +p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?« + +The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE *** + +***** This file should be named 19733-8.txt or 19733-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/19733-8.zip b/19733-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f5aa692 --- /dev/null +++ b/19733-8.zip diff --git a/19733-h.zip b/19733-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9ff87a6 --- /dev/null +++ b/19733-h.zip diff --git a/19733-h/19733-h.htm b/19733-h/19733-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c80bcd2 --- /dev/null +++ b/19733-h/19733-h.htm @@ -0,0 +1,12607 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Das Kleine Dummerle, Agnes Sapper + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + color: gray; + background-color: white; + display: inline; /* set to "none" to make page numbers disappear */ + } + a[title].page:after { + content: attr(title); + } + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + clear: both; + } + p.copyright { + margin-top: 2em; + font-size: smaller; + text-align: center; + } + p.printer { + margin-top: 4em; + text-align: center; + font-size: smaller; + } + p.zitat { + margin-bottom: 0em; + } + p.zeitung { + margin-top: 0em; + margin-bottom: 1.5em; + text-align: right; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + div.inhalt { + margin-top: 3em; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + color: black; + font-size: smaller; + } + div.advertisements { + margin-top: 4em; + margin-left:10%; + margin-right:10%; + font-size: smaller; + padding: 1em 1em 1em 1em; + background-color: rgb(95%,95%,95%); + color: black; + } + div.advertisements p.right { + text-align: right; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + } + hr { width: 20%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + height: 1px; + border: 0; + background-color: black; + color: black; + } + hr.short { + width: 7.5%; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + } + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + em.antiqua { + font-family: "Courier New", monospace; + font-size: smaller; + font-style: normal; + } + em.largertitle { + font-size: medium; + font-style: normal; + } + + div.titlepage h1 { + font-size: xx-large; + line-height: 140%; + margin-top: 0.75em; + margin-bottom: 0em; + } + div.titlepage h2 { + font-size: x-large; + letter-spacing: 0.25ex; + margin-top: 0.5em; + margin-bottom: 0em; + } + div.titlepage h3 { + font-size: large; + font-weight: bold; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 3em; + } + div.titlepage h4 { + font-size: medium; + line-height: 200%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + } + p.auflage { + text-align: center; + font-size: medium; + margin-top: 3em; + } + p.tausend { + text-align: center; + font-size: small; + margin-top: 1em; + } + p.ort { + text-align: center; + font-size: medium; + font-weight: bold; + margin-top: 3em; + } + p.verlag { + text-align: center; + font-size: medium; + margin-top: 0.5em; + letter-spacing: 0.25ex; + } + + div.textbody h2 { + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1.5em; + font-size: x-large; + font-style: normal; + } + div.textbody h3 { + margin-top: 2em; + font-size: medium; + font-style: normal; + font-weight: normal; + } + + div.advertisements h2 { + margin-top: 0em; + margin-bottom: 1.5em; + font-size: small; + font-style: normal; + } + + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + table.toc { + font-size: medium; + width: 50ex; + line-height: 125%; + margin-top: 0.5em; + margin-bottom: 1em; + } + table.toc caption { + font-size: x-large; + font-style: normal; + line-height: 200%; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + } + table.toc td.onpage {text-align: right; } + table.toc td.number {text-align: right; } + + table.break { + line-height: 50%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + table.break td { + padding-right: 1.5em; + padding-left: 1.5em; + } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;} + + .center {text-align: center;} + .right {text-align: right;} + .caption {font-weight: bold;} + + .footnotes {border: dashed 1px;} + .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + .fnanchor {vertical-align: super; font-size: .8em; text-decoration: none;} + + .sidebar { + width: 40%; + font-size: small; + float: right; + border: 1px solid black; + padding: 0 4px 0 4px; /* ease content out from left border */ + margin: 5px 0 5px 10px; /* get border away from body text */ + background-color: rgb(95%,95%,95%); + color: black; + } + + ins.correction { + text-decoration:none; /* replace default underline ... */ + border-bottom: thin dotted gray; /* ... with delicate gray line */ + } + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das kleine Dummerle + und andere Erzählungen + +Author: Agnes Sapper + +Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div class="titlepage"> +<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p> +<h1>Das kleine Dummerle</h1> + +<h2>und andere Erzählungen</h2> + + +<h4>Zum Vorlesen im Familienkreise<br /> +von</h4> + +<h3>Agnes Sapper</h3> + +<hr class="short" /> + +<p class="auflage">Vierte Auflage</p> + +<p class="tausend">13.–16. Tausend</p> + +<p class="ort">Stuttgart 1915</p> + +<p class="verlag">Verlag von D. Gundert</p> + +<p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a></p> +<p class="printer">Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.</p> +</div> + + +<div class="textbody"> +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p> +<h2>Vorwort zur dritten Auflage.</h2> + + +<p>Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat +sich im Laufe der Jahre weiter entwickelt. Das kleine +Dummerle ist groß geworden. Wer über seine Kindheit +und Jugend noch mehr hören möchte, findet in +den beiden Büchern: »Die Familie Pfäffling« und +»Werden und Wachsen« die weiteren Erlebnisse des +kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie.</p> + +<p>Würzburg, Dezember 1912.</p> + +<p class="right"><strong>Die Verfasserin.</strong></p> + + +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> +<div class="inhalt"> +<table class="toc"> +<caption>Inhalt.</caption> + +<tr><td/><td/><td class="onpage">Seite</td></tr> +<tr><td class="number">1.</td><td><a href="#Das_kleine_Dummerle">Das kleine Dummerle</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr> +<tr><td class="number">2.</td><td><a href="#Hoch_droben">Hoch droben</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_32">32</a></td></tr> +<tr><td class="number">3.</td><td><a href="#Im_Thueringer_Wald">Im Thüringer Wald</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_36">36</a></td></tr> +<tr><td class="number">4.</td><td><a href="#Der_Akazienbaum">Der Akazienbaum</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_104">104</a></td></tr> +<tr><td class="number">5.</td><td><a href="#Wie_Johannes_Ruhn_Kaufmann_wurde">Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td></tr> +<tr><td class="number">6.</td><td><a href="#Ein_geplagter_Mann">Ein geplagter Mann</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_118">118</a></td></tr> +<tr><td class="number">7.</td><td><a href="#Helf_wer_helfen_kann">Helf, wer helfen kann</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_144">144</a></td></tr> +<tr><td class="number">8.</td><td><a href="#Ein_Wunderkind">Ein Wunderkind</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_150">150</a></td></tr> +<tr><td class="number">9.</td><td><a href="#Mutter_und_Tochter">Mutter und Tochter</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_161">161</a></td></tr> +<tr><td class="number">10.</td><td><a href="#Die_Feuerschau">Die Feuerschau</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_187">187</a></td></tr> +<tr><td class="number">11.</td><td><a href="#In_der_Adlerapotheke">In der Adlerapotheke</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_193">193</a></td></tr> +<tr><td class="number">12.</td><td><a href="#Bei_der_Patin">Bei der Patin</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_228">228</a></td></tr> +<tr><td class="number">13.</td><td><a href="#Regine_Lenz">Regine Lenz</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_294">294</a></td></tr> +</table> +</div> + + + +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> +<h2><a name="Das_kleine_Dummerle" id="Das_kleine_Dummerle"></a>Das kleine Dummerle.</h2> + + +<p>Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer +Pfäffling in bester Laune aus der Musikschule. Er +hatte heute seinen Gehalt eingenommen und außerdem noch +eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte +sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, +das ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, +Klavier- und Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis +spät abends. Nun winkte die Ferienzeit; in 14 Tagen +sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit vielen Jahren +hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine Ferienreise +unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, +sich solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater +und hatte sieben Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren +auch einmal verreist gewesen, seitdem galt es für ausgemacht, +daß nun er an der Reihe sei. So wollte er denn fort; +nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu +hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, +um Wald- und Bergluft zu genießen, solange eben das +Geld reichte. So ging Herr Pfäffling gleich von der Schule +aus in die Buchhandlung, erwarb sich dort eine Karte vom +Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg nach +Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand +die ganze Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da +war seine getreue Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; +auf der einen Seite des Tisches saßen die ältesten, +<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>drei große Lateinschüler, und ihnen gegenüber die Zwillingsschwestern, +zwei zehnjährige Mädchen. Neben der Mutter +hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen. +Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, +der Frieder, ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen +Gesichtchen, stand am Fenster und spielte auf einer Ziehharmonika.</p> + +<p>In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die +Hausfrau findet oft kaum Zeit zum Essen, bis sie den +Kindern vorgelegt hat, und es ist ein Glück, wenn für sie +noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle Teller voll +sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau +Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso +waren die drei Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern +schmal und das jüngste, das Elschen, gar ein +zartes Geschöpf. Nur der Frieder war rundlich und hatte +frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber, übrig +blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden. +Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte +vom Fichtelgebirge vor, breitete sie aus, und so viel Köpfe +darüber Platz hatten, so viele steckten sich zusammen, um +des Vaters Finger zu folgen, der den geplanten Reiseweg +bezeichnete.</p> + +<p>Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; +da geht alles so leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch +können auch die Reisen im Geist jäh unterbrochen werden +– es klopfte jemand an der Türe, alle Köpfe hoben sich, +der Hausherr trat ein.</p> + +<p>Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter +und die bald beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es +eben heraus, daß der Hausherr leider die Wohnung kündigen, +und daß die Familie Pfäffling ausziehen müsse. Ein Verwandter +wollte die Wohnung mieten und fast doppelt so viel +<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung halb +umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur <em class="gesperrt">ein</em> +Kind und da kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. +gestern, wo die jungen Pfäfflings durch den Hof gesprungen +seien und die Stangen umgestoßen hätten, die das Waschseil +hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche auf den Hof +gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe +waschen müssen.</p> + +<p>»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling +und wandte sich nach den Angeschuldigten um; aber +merkwürdigerweise standen bloß noch die Mädchen da, die +Knaben hatten sich einer nach dem andern beim Erscheinen +des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, +der kleine Dicke, stand noch beim Vater.</p> + +<p>»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft +lasse,« sagte Herr Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen +ja nur klagen, dann werden die Jungen bestraft. Kommt +nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater und faßte den +Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die +andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein +ist mir’s gar nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole +deine Brüder.« Der Frieder ging und rief mit weinerlichem +Stimmchen die Brüder; von denen war aber nichts +zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und +sagte: »Sie sind alle fort.«</p> + +<p>Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht +so dumm wie du, spring doch nur auch davon, du brauchst +nicht für die andern die Schläge zu kriegen, du bist ja gar +nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der Hausherr +sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der +Kinder,« sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich +kann’s meinen Verwandten nicht abschlagen, daß sie zu +mir ins Haus ziehen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. +So billig wie sie hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, +würden sie jetzt nirgends unterkommen, und schon der Auszug +kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit langen Schritten +hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über den +Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er +endlich, »hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, +jetzt wird nichts mehr daraus oder meinst du, es +ginge doch?« fragte er, hielt mit seinem raschen Gang inne +vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch stand und in +Gedanken verloren auf die Karte niedersah.</p> + +<p>»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte +Herr Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn’s nur +zum <em class="gesperrt">Leben</em> reicht,« sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete +wir künftig zahlen müssen!« Da ging er wieder auf und +ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer +und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als +er wieder am Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte +vom Fichtelgebirge, reichte sie einem der Kinder und sagte +traurig: »Tragt sie nur wieder in die Buchhandlung zurück +und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.«</p> + +<table class="break" summary="Neuer Abschnitt"> +<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr> +<tr><td /><td>*</td><td /></tr> +</table> + +<p>»An Wohnungen fehlt’s wenigstens nicht,« sagte Herr +Pfäffling, als er am nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, +in dem ganze Reihen Wohnungen zur Miete angeboten +waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche +anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße +waren zwei ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die +zweite noch viel teurer. Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. +»Wenn ich so viel Miete zahlen müßte, dann bliebe +uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte er +und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose +<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>Straße entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung +frei war. Ja, da war es nicht mehr so schrecklich +teuer, da konnte man sich doch auf Unterhandlung einlassen. +Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein wenig +klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen +und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein +Bett und das von meiner Frau, hier Karl, Wilhelm und +Otto, hier Marianne, da Frieder –«</p> + +<p>»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der +Hausherr, »wieviel haben Sie eigentlich Kinder?«</p> + +<p>»Wir haben sieben.«</p> + +<p>»Sieben. Bei sieben tut’s mir leid, daß ich Ihnen +sagen muß, sieben nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich +habe meist so Parteien mit einem Kind, auch zwei und drei +lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir schon zu viel und +gar sieben, nein, da ist mir’s doch zu leid um meine neuen +Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,« +entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger +auf Ihren kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich +verließ er das Haus.</p> + +<p>Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache +Häuser. Ein großer, weißer Zettel am Fenster des +dritten Stocks zeigte schon von weitem, daß hier etwas zu +hoffen war. Der Werkmeister Schall war der Besitzer. Er +stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die Wohnung. +Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, +wie sich die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern +ließ er nichts verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der +Preis war nicht zu hoch, jetzt nur gleich fest mieten. Dem +Werkmeister war es auch recht, er holte einen Mietvertrag +zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder bereitlegte, +fragte er nach dem Namen seines Mieters.</p> + +<p>»Pfäffling.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«</p> + +<p>»Musiklehrer.«</p> + +<p>»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«</p> + +<p>»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, +»ich gebe viel Unterricht außer Haus.«</p> + +<p>»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im +untern Stock wohnt eine Dame, eine feine Dame, die leidet +an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber wenn die Stunden +alle außer Haus sind, ist’s schon gut.«</p> + +<p>»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«</p> + +<p>»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«</p> + +<p>»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt +noch viel größere, und übrigens kommt alles darauf an, +ob Kinder streng gehalten werden; die meinigen dürfen +keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag, +ich habe nicht viel Zeit.«</p> + +<p>Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte +ich doch, wieviel Personen ins Haus kommen und was für +welche,« sagte er, »wieviel Kinder, bitte? Sind’s Knaben +oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling +mußte bekennen: »Vier Buben sind’s, und dann noch so +ein paar kleine Mädels, die merkt man nicht viel.«</p> + +<p>Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es +geht nicht,« sagte er, »es ist unmöglich, Musikstunden sind +schon schlimm, dazu aber noch ein halbes Dutzend Kinder, +nein, was zu viel ist, ist zu viel!«</p> + +<p>»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen +doch auch wohnen, was sollen wir denn tun, wenn uns +niemand hereinläßt!«</p> + +<p>In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen +unter der Türe, sie wollten die Wohnung besehen. Der +Hausherr begrüßte sie höflich – für unsern armen Musiklehrer +hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau +hängte eben im Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte +was Pfäfflings Begehr war, holte sie ihren großen Schlüsselbund +und schickte sich an, mit ihm hinaufzusteigen in den +vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich: »Eigentlich +ist’s ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme +sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau +uns nimmt, das ist die Frage!« Er sagte aber nichts und +ging voraus, die Treppe zum ersten Stock hinauf. Langsam +folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt war und schwer +atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war +schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, +wie die Zimmer aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz +mußte die Frau ein wenig ausschnaufen. Jetzt konnte er +sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will Ihnen lieber gleich +mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn Sie +also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«</p> + +<p>Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: +»Steigen Sie nur weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling +die zweite Treppe droben, die Hausfrau keuchte nach. Auf +dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum Atemholen +und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir +sieben Kinder haben.«</p> + +<p>»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie +denn für jedes Stockwerk so eine Hiobspost? Bis wir in +den vierten Stock hinaufkommen, spielen Sie die Regimentstrommel +und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost! +Ich tu’ aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau +machte Kehrt, hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, +die ihr Pfäffling gab, und brummte noch vor sich hin: +»Gott bewahre mich vor so einer Gesellschaft!«</p> + +<p>Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs +heim – für heute hatte er’s satt!</p> + +<p><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, +fühlten sich die Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern +ihretwegen nirgends aufgenommen wurden, und nach Tisch, +wo sie sonst alle im Hof herumtollten, standen sie ganz +bescheiden in einem Eckchen beisammen und besprachen die +Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß +wir so viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon +immer da.«</p> + +<p>»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, +»aber der Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« +»Ja, die sind schuld, daß wir so viele sind.«</p> + +<p>»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein +und still, das bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, +ja der Frieder mit seiner ewigen Ziehharmonika, wenn der +nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.« Sie sahen alle +auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und +fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als +seine Geschwister längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten +und lustig im Hofe spielten, war er noch still und nachdenklich.</p> + +<p>Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. +Die drei großen Brüder sahen auf ihn herab +und nannten ihn das Dummerle. Er war eigentlich nicht +dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und +sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft +wunderliche Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer +miteinander und brauchten ihn nicht, so blieb nur das +Elschen übrig und mit dem konnte er noch nicht viel besprechen; +aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es nicht +auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern +weil es sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, +weil es nie Dummerle zu ihm sagte, denn es war noch +kleiner und dummer als er.</p> + +<p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn +Frieder hatte mehr Zeit und auch mehr Geduld als die +größern Geschwister und wenn Elschen noch so oft des +Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor, so suchte +sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand +noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war +sehr davon bedrückt, und als er an diesem Nachmittag aus +der Schule kam, fiel ihm ein, er wolle auch helfen Wohnung +suchen. Sein Weg führte ihn durch die Kaiserstraße, +das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab +es ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, +wenn er so eine finden könnte!</p> + +<p>Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem +verwaschenen blau und weiß gestreiften Sommeranzug ging +Frieder in eines des stattlichsten Häuser, die teppichbelegte +Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten Stock. +Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war +eben am Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, +schnell eine weiße antun, rasch am Spiegel ihr Haar +glatt streichen – so, nun war sie allerdings schön genug, +um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein Mützchen +ab und <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'sagte.'">sagte:</ins> »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte +es noch zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, +es habe ihn falsch verstanden. Dann lachte sie und sagte: +»Du kleiner Däumling, du willst eine Wohnung suchen? +Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,« und +damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. +»Zwanzig Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder +und ging eine Treppe höher. Dort öffnete ihm ein Junge, +nur ein paar Jahre älter wie er. Als dieser erfaßt hatte, +was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und rief +einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein komischer, +kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig +mißtrauisch entgegen, sie fragte ihn, wem er gehöre. Der +Musiklehrer Pfäffling hatte aber einen guten Namen und +war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch allerlei. +Der Frieder antwortete, so gut er’s verstand. Man konnte +ihm wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. +Die Dame konnte ihm aber doch nicht helfen. +»Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber heim, dein Vater +wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder +schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns +will niemand nehmen, weil wir sieben Kinder sind.«</p> + +<p>»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn +des Hauses, »wenn sie keine Wohnung finden, dann müssen +sie immer auf der Straße bleiben.«</p> + +<p>»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon +unter; sieben Kinder sind nicht so schlimm, da drüben +wohnt eine Familie mit acht Kindern und es gibt auch +solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm +eine gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das +mußte er gleich daheim erzählen, die wußten das gewiß +nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und ging heim.</p> + +<p>Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, +daß sie an diesem Nachmittag vergeblich in vielen Häusern +gewesen sei, sagte Frieder ganz ernsthaft: »Ich habe auch +Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »<em class="gesperrt">Du</em> hast gesucht? +ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander +und während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig +ausgelacht und von den Eltern gezankt, daß +er allein in fremde Häuser gegangen war. Frieder ließ +das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in +seinen Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil +sie gerade an ihn herankam und zu ihm aufsah, und sie +streichelte den Bruder. Sie verstand auch noch nicht, warum +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>die andern lachten, und das tat dem Frieder wohl, in +ihren Augen war er doch kein Dummerle!</p> + +<p>Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig +gemacht. Freilich war sie auch teurer als die seitherige, +gerade etwa um soviel teurer als Herrn Pfäfflings +Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele Zimmer +darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau +Pfäffling berichtete genau über die innere Einteilung. »Du +hast ja noch gar nicht gesagt, in welcher Straße sie liegt, +das möchte ich doch vor allem wissen,« sagte Herr Pfäffling. +Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie liegt in der +Hintern Katzengasse Nr. 13.«</p> + +<p>»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja +nicht einmal dem Namen nach. Wollen wir doch sehen, +wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo kürzlich die Karte +vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der Stadtplan +ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen, +bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie +führte von der Vorderen Katzengasse nach der alten Trödlergasse. +»Eine feine Lage ist’s nicht,« sagte Pfäffling.</p> + +<p>»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße +wäre feiner gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«</p> + +<p>»Wem gehört denn das Haus?«</p> + +<p>»Einem Seifensieder.«</p> + +<p>»Riecht’s da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«</p> + +<p>»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«</p> + +<p>»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und +das Haus ist nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt +kaum in diese engen Gassen,« sagte Pfäffling seufzend. +»Es können nicht alle auf der Sonnenseite wohnen,« erwiderte +Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten +vorlieb nehmen!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, +wenn wir gar nichts Besseres finden, nun, dann müssen wir +uns eben begnügen.«</p> + +<p>Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit +schwerem Herzen wurde der Beschluß gefaßt, in der Hintern +Katzengasse Nr. 13 einzumieten.</p> + +<p>Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in +der Kaiserstraße angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft +versammelt. Die Dame des Hauses erzählte von dem kleinen +Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem Rücken nach einer +Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die Verlegenheit +der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter +zum sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! +Ein älteres Fräulein aus der Gesellschaft, das ein warmes +Herz für die Not anderer Leute hatte, erklärte, da müsse +geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen wolle sie zu +Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der +müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. +und dieser wieder zu Frau C., und als die Sache noch ein +Stück weiter durchs Alphabet gelaufen war, kam eines +Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte nach dem +Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er +habe eine Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben +in seinem Zimmer Geigstunde, während am andern Ende der +Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und zwischen +darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten +darauf los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.</p> + +<p>Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen +der Wohnung vernommen und hätte sie nur gekonnt, sie +hätte heimlich alle Musik zum Schweigen gebracht; aber +da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil +auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so +konnte man kaum das eigene Wort verstehen. Die Mutter +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>führte Herrn Hartwig ins Zimmer und im Vorbeigehen +faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu: »Es +ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man +euch nicht so hört.«</p> + +<p>Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich +handelte. »Ein Hausherr,« so ging’s von Mund zu Mund; +alle Musik, aller Lärm verstummte, auf den Zehen schlichen +sich die Kinder hinaus, lautlos wurden die Türen geschlossen, +eine ungewohnte Stille herrschte im Haus. Herr und Frau +Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig. +»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte +dieser, »so möchte ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, +draußen in der Frühlingsstraße. Platz genug gäbe +es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder +haben.«</p> + +<p>»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern +wie aus einem Mund.</p> + +<p>»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat +sich halt so herumgesprochen in der Stadt und darüber +haben sich die Kinder vermehrt. Es ist ein großer Holzplatz +am Haus, da können sich die Kinder tummeln. Und +was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon +einigen. Bei uns ist’s nämlich so: Mich hat noch nie ein +Lärm gestört, und meine Frau, die hat die Liebhaberei +Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine Liebhaberei +hat. Darum sagt sie: Eine <em class="gesperrt">gute</em> Mietpartei nehmen ist +keine Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das +ist christlich.«</p> + +<p>Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie +Musik, und nach fünf Minuten schon war Pfäffling mit +dem freundlichen Hausherrn unterwegs in die Frühlingsstraße +und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen +Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>und ohne Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde +der Mietvertrag zu billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen +Herzens ging unser Musiklehrer von der Frühlingsstraße +in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er schon von +ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem +Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung +entschlossen habe. Dann vorbei an der Buchhandlung, wo +er zum zweitenmal die Karte vom Fichtelgebirge verlangte, +und nun heim zur begeisterten Schilderung der künftigen +Wohnung in der Frühlingsstraße.</p> + +<p>Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder +hörte zufällig nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika +im Hof war, und niemand dachte daran, daß er die Neuigkeit +nicht erfahren hatte. Er wunderte sich im stillen, als +beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug +sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als +jetzt; denn er dachte, es handle sich noch um die Hintere +Katzengasse. »Mir gefällt’s besser da,« sagte er, »weil wir +doch einen Hof haben.« »Der elende Hof voll Wäschepfosten,« +sagte einer der Brüder, »da will ich doch lieber +einen Holzplatz.«</p> + +<p>»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung +nicht gut genug, der will eben in die Kaiserstraße,« sagte +der Vater neckend zu ihm, und auch die andern lachten. Es +wußte niemand, daß man <em class="gesperrt">ihm</em> eigentlich die neue Wohnung +verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. +Er fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden +sein sollte mit dem Tausch, aber ihm kam ja oft etwas +sonderbar vor, was die Großen sagten, und er fragte nie +viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn aufzuklären.</p> + +<p>So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man +habe in der Hintern Katzengasse eingemietet.</p> + +<p>»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>möglich,« sagte Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit +großem Eifer wurden alle Vorbereitungen getroffen. Manche +Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele luden die Kinder für +den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz schwierige Beratung +gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. +Die Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, +wo und wie jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. +So fanden die großen Jungen glücklich heraus, daß Brauns +auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr geladen +hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten +sich königlich auf das doppelte Mittagessen.</p> + +<p>Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der +vollbeladene Wagen ab, die Eltern folgten ihm in die neue +Wohnung, während die Kinder gleich von ihren Schulen +aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen waren +und sich’s da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht +recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu +Mittag essen sollte. Er wollte die Mutter noch einmal +fragen und ging wie gewöhnlich von der Schule aus heim, +in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit offen. +Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen +Wohnung stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem +Zimmer ins andere, Papier und Stroh lagen auf dem Fußboden +zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter dem Staub, +sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob +er auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch +all die leeren Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war +alles stille. Ihm wurde ganz unheimlich zumute, Tränen +kamen ihm in die Augen, als er sich so verlassen fühlte. +Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie vergessen. +Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war’s +und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.</p> + +<p>»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>sind schon in der neuen Wohnung, mache nur, daß du auch +hinkommst, sonst wirst du hinausgekehrt.« Da ging Frieder +die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was er zu tun hatte, +er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere +Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; +hinter dem Markt hatte er sagen hören, und auf dem +Markt war er schon oft gewesen. Er machte sich auf den +Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit +dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, +daß er zum Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn +er nur gewußt hätte, wo? Endlich gelangte er doch auf +den Markt und sah sich um. Rechts, links, überall gingen +Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige? +Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich +ein paar Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen +wies ihm den Weg. »Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen +ist, da ist Nr. 13.«</p> + +<p>Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als +er sah, daß der kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf +dem Rücken unschlüssig vor dem Hause stehen blieb, fragte +er: »Wen suchst denn du, Kleiner?«</p> + +<p>»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. +»Wie heißt du denn?« »Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? +Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer? Ja? Der hat +ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen. +Bist du sein Bub und weißt das nicht?«</p> + +<p>»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht +jämmerlich darein.</p> + +<p>»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der +Mann, »und frage dort, wo du hin sollst, dort sagt man +dir’s schon. So etwas ist mir aber noch nicht vorgekommen, +daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal wohin!«</p> + +<p>Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Hintere Katzengasse wieder hinaufging nach dem Markt. +Seine Eltern waren also in eine andere Wohnung gezogen +und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn nicht +brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs +Kinder aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. +Das kam ihm alles ganz natürlich vor, aber traurig +war es. Und jetzt war er so hungrig. Für heute war er +wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht bei +Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg +dahin konnte er freilich nur von zu Hause oder von der +Schule aus finden. So ging er bis zu seinem Schulhaus. +Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon wieder +in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, +daß Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer +Kamerad, der kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, +Meinert,« rief ihm der erste Kamerad zu, »der Pfäffling will +erst zum Essen gehen.«</p> + +<p>»O, der kommt viel zu spät!«</p> + +<p>»Gelt, ich sag’s auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert +wagte sich »der Pfäffling« auch nicht mehr weg, +sondern ging hinauf in das Schulzimmer, setzte sich todmüde +auf seinen Platz in der Bank, ließ das heiße Köpflein hängen +und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte er erst, +als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten +und der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in +der Schule und die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.</p> + +<p>Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe +herunterkam, ohne zu wissen, wohin er sich dann wenden +solle, da rief plötzlich eine Stimme: »Frieder!« Er sah +auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte freundlich +zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will +dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst +gehabt, daß du sie nicht findest.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater +aufsah, wie er sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! +Und wie ihm dann auf einmal die Tränen aus den Augen +schossen und all der Jammer im Durcheinander herauskam: +Kein Mittagessen – die alte leere Wohnung – die Hintere +Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder +haben wolle! Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, +die in der seinigen ruhte, und sagte: »Frieder, wo wir sind, +da gehörst du auch hin und in der Frühlingsstraße Nr. 20 +da wird auch für unser Dummerle der Tisch gedeckt.«</p> + +<p>In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander +und Frieder hätte wohl nicht so schnell etwas zu +essen gefunden, wenn nicht die neue Hausfrau mit der Liebhaberei, +Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte eine +riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die +sich bald die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare +Musikschüler schickten Vorräte für die Speisekammer, +so daß alles in Hülle und Fülle da war, wie sonst nie im +Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll Vergnügen +waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel +geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber +er ließ sich’s gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und +als das Elschen am Abend zu ihm kam mit vier Kugeln +in den Händen und klagte: »Die rote Kugel ist nicht mit +eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch einmal +in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die +Kugel gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf +den Holzplatz, wo die großen Geschwister auf den Balken +schaukelten und kletterten, und spielte mit ihren Kugeln, +wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.</p> + +<p>Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling +rüstete sich zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles +lag bereit, am nächsten Morgen wollte er abreisen. Das +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>Wetter war herrlich und lockte hinaus, er sang und pfiff +den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur manchmal, +um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du +an der Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß +seid, dürft ihr auch reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm.</p> + +<p>Aber – in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte +nicht sagen, was ihr fehlte, aber sie weinte und wimmerte +und wälzte sich in ihrem Bett herum. Am frühen Morgen +wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte und wurde +nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling +sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da +zuckte er die Achseln und meinte: »Ich würde doch noch +einen Tag zusehen.« Den ganzen Tag konnte die Kleine +nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am nächsten +Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. +Traurig schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst +der Eltern um die Kleine, alle Musik verstummte. In diesen +Tagen waren Pfäfflings eine gute Mietpartei für die +Hausleute.</p> + +<p>Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man +ihr Ruhe verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem +Bett; ihn lächelte sie manchmal an und sprach auch ein paar +Worte mit ihm, aber von den andern Geschwistern wollte +sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal allein +am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen +mußte, die zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling +ging unruhig im Haus herum, an seine Reise dachte er +schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um das Kind.</p> + +<p>Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich +nur erst herausfände, was dem Kinde fehlte,« sagte er, +»aber so kann ich ihm gar nicht helfen.« Die Eltern begleiteten +ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine +Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>»Elschen,« sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen +Glaskugeln?« und er schüttelte ein wenig das Büchschen, +in dem dieses ihr gemeinsames Lieblingsspiel verwahrt war.</p> + +<p>»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter +Heftigkeit und streckte ihre Hände wie abwehrend gegen +das Büchschen, und als Frieder es schnell beiseite legte, +flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel schmeckt so +hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß die +Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam +es ihm komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen +konnte. Wer weiß denn, wie Kugeln schmecken! Frieder +war kein großer Denker, aber nach einer Stunde war er +doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich +sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht +hat das Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im +Zimmer nach der Kugel zu suchen, ob sie nicht doch irgendwo +lag. So trafen ihn die Eltern, gerade als er mit einem +Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen +Lärm machte.</p> + +<p>»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, +der immer neben der Sorge auch ein wenig Ärger empfand +wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr ihn ungeduldig an: +»Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn da?« +»Ich muß die rote Kugel suchen, denn – –.« »Geh hinaus +mit deinen Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen +bleiben kannst, dann darfst du auch nicht mehr zu ihr,« +und unsanft wurde der Kleine zur Türe hinausgeschoben.</p> + +<p>Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf +einen Balken und dachte an sein Schwesterchen. Nach und +nach wurde ihm alles klar: die rote Kugel war am Sonntag +noch in der Büchse gewesen, dann war das Elschen +krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und +wenn das Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es +<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>doch nicht, daß sie hart schmeckt. Und das hatte sie ihm +deshalb ganz leise gesagt, damit es die Eltern nicht hörten, +denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade, da wird +man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester +nicht verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu +niemand ein Wort.</p> + +<p>Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an +Elschens Bett gemacht. Die Eltern beachteten ihn nicht +und sprachen miteinander. Sie erwarteten den Arzt. +»Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind +fehlt,« sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen +andern Arzt dazu holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, +»laß ihn holen, ehe es zu spät ist, heute nacht habe ich +schon gemeint, sie stirbt mir« – und die Mutter weinte. +Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder +noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm +ganz klar, daß er nicht verschweigen dürfe, was er wußte, +lieber Elschen verraten als sie sterben lassen. Da klingelte +schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an, »du weißt +doch, daß wir so eine rote Kugel haben –.« Aber die +Mutter fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, +wenn das Schwesterchen so krank ist, will man etwas von +deinen Kugeln wissen?«</p> + +<p>Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. +Unterdessen näherte sich Frieder dem Vater. »Vater,« begann +er leise, »Vater, wir haben doch eine rote Kugel gehabt +und – –« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« +rief Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind +erschreckt und der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: +»Es wird immerhin besser sein, wenn die Kinder nicht im +Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling machte die Türe +auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. +Der aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte +<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>an der Türe vorbei zum Arzt, der über das Bett der +Kleinen gebeugt stand und sie behorchte. Er schlang beide +Arme um den Hals des Arztes und flüsterte ihm ganz +leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, +und darum ist sie krank.«</p> + +<p>Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise +gesagt hatte, und so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor +sich von der kleinen Kranken weg eifrig dem Frieder zuwandte +und nun, wahrhaftig – sie hörten es ganz deutlich +– fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu +sprechen, die Herr Pfäffling eben verwünscht hatte. Der +Arzt nahm den Frieder, der ein wenig ängstlich nach dem +Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr freundlich +mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. +»Wie war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir’s +nur noch einmal ganz genau; weißt du, das muß ich alles +erfahren, wenn ich deine Schwester gesund machen soll. +Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel geschluckt hat? +Nein? Aber erzählt hat sie dir’s? Was hat sie denn +erzählt?«</p> + +<p>»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das +weiß man doch nicht, wie die rote Kugel schmeckt, wenn +man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel ist auch nicht +mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen. +»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen +fing ängstlich an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder +und schien selbst den Tränen nahe, »ich habe sie doch auch +nicht verraten wollen.«</p> + +<p>»So etwas <em class="gesperrt">muß</em> man verraten,« sagte der Arzt, und +nun wandte er sich an die Eltern, die in große Aufregung +versetzt waren durch Frieders Mitteilung. »Wenn es so +ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind geholfen +werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>denn nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. +Am besten ist es, ich bringe gleich heute nachmittag einen +geschickten Chirurgen mit, vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« +Frau Pfäffling erschrak darüber. »Unser +Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine Reden +hin kann man doch keine Operation vornehmen!«</p> + +<p>»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte +im Fortgehen der Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das +Leben Ihres Kindes verdanken.« Die Mutter aber traute +der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel zu +suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen +Wohnung wurde aus allen Ecken vorgekehrt, der Vater +setzte einen Finderlohn aus und in jedem Zimmer traf +man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden +liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. +Nur Frieder suchte nicht mit, er sah dem Treiben verwundert +zu und sagte nur: »Ich habe schon lange gesucht, da ist +unsere rote Kugel nie.«</p> + +<p>Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, +daß es aussah, als ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, +und so eilte Herr Pfäffling fort und holte die beiden Ärzte +zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine Krankenschwester mit, +gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab – +niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. +Das war nun eine bange Stunde. Die ganze Familie war +im Wohnzimmer beisammen, lauschte auf die Geräusche, +die hie und da aus dem Krankenzimmer über den Vorplatz +herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf +Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, +unbeachtete Dummerle, den wahren Grund der Krankheit +gefunden haben? Er saß ganz ruhig mit seinem Büchschen +in der Hand da, während Herr Pfäffling aufgeregt im Zimmer +hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen konnte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers +aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in +den Vorplatz, die Mutter ihm nach. Da kamen schon die +beiden Ärzte auf sie zu und der Hausarzt rief ihnen entgegen: +»Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel wieder,« und +er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die +rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den +Augen. »Darf ich hinein?« fragte sie und war schon durch +die Türe und bei dem kleinen Liebling, ehe sie Antwort +bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem Bettchen +und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester +sagte zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, +es ist so gut gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.«</p> + +<p>Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, +während draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die +großen Brüder, die Zwillingsschwestern, jedes wollte das +Elschen sehen. Da konnte der kleine Frieder nicht beikommen +und das Schwesterchen nicht sehen. Er wollte +hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. +Der Arzt bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er +zu dem Chirurgen, »ein kluges, aufmerksames Kind, dem +verdankt die kleine Schwester gewissermaßen das Leben.« +»Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher, daß er +sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste, +da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt +haben.« Die Geschwister alle hörten das, sie wandten sich +Frieder zu und sahen ihn staunend an. Dieser selbst beachtete +das nicht, er hatte ein anderes Anliegen, und da +er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte er +es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem +die vier Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die +rote Kugel!«</p> + +<p>Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach +<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>einigen Tagen wieder ganz lustig und munter war, und +Herr Pfäffling rüstete sich abermals zur Reise. Ohne Sorge +konnte er sein Töchterchen verlassen, das noch im Bett lag, +aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte +dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern +begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder +sollten ihn dafür bei der Heimkehr abholen. Als Frau +Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und ins Zimmer +kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des +Vaters Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie +fing an, den Tisch abzuräumen, an dem der Vater noch +eine kleine Mahlzeit eingenommen hatte.</p> + +<p>Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben +war, herein, nahm seine Ziehharmonika und spielte +ein Lied. Aber mitten in der Melodie unterbrach er sich +und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?« Da sahen +ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du’s nicht gemerkt, +daß der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und +Elschen auch verabschiedet. Bist du denn doch wieder +unser Dummerle? Und der Vater hat erst gesagt, niemand +darf dich mehr so heißen.«</p> + +<p>Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine +Melodie wieder auf, wo er sie unterbrochen hatte, und +spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf das Klavier und +sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom +Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« +Was gab es für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen +Worten! Die Mutter, die Geschwister, alle waren in einem +Augenblick am Klavier: richtig, da lag die Karte; wie +war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann +ein Blick auf die große Wanduhr – reicht es noch, kann +man noch vor Abgang des Zuges an die Bahn kommen, +dem Vater die Karte bringen? »Es geht nicht mehr,« meint +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der Jungen +und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel +und hinaus zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und +ich länger,« ruft der Zweite und Dritte, und einer hinter +dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit einem Gepolter, +daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann +sagte: »So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, +es ist besser, wenn man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« +Der Hausherr meinte das auch und ging an die +Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen davon +und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht +wurde und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: +»Rennt nur, was ihr könnt, es kann noch reichen!« Aber +die drei hörten schon nichts mehr und waren im Nu um +die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die +Hausfrau zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.«</p> + +<p>Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn +gegangen, er konnte sich in Ruhe einen guten Platz im +Zug wählen, stieg ein und plauderte durchs offene Fenster +mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen noch die +Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch +einmal und das Elschen, und nun geht nicht so nahe an +den Zug, er wird gleich abfahren, daß nicht noch ein Unglück +geschieht –« »Und du wieder nicht reisen kannst,« +sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat’s schwer gelingen +wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« +rief der Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das +Pfeifchen an den Mund, um das Zeichen zur Abfahrt zu +geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus ein Bub, atemlos, +schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und +riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte +war nicht nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh +verloren. Der Zugführer empfand ein menschliches Rühren, +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>er war doch auch Vater; wenn zwei Kinder so nach dem +Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern. Er +nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden +sahen auf die heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte +sie, und wie der Blitz durchfuhr ihn der Gedanke: +»Es ist etwas geschehen – du kannst nicht reisen – das +Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den +Wagen erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« +Der Pfiff ertönte, der Zug fuhr ab und noch aus weiter +Ferne sahen die Kinder, wie der Vater sie grüßte und +ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom Fichtelgebirge!</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a></p> +<h2><a name="Hoch_droben" id="Hoch_droben"></a>Hoch droben.</h2> + + +<p>In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein +Dachdecker auf dem Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. +Am Rand des Daches saß er und setzte neue +Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden waren. +Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße +herauf nach dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. +Der Dachdecker aber blickte nicht hinunter, er sah nur auf +das Dach mit seinen vielen Plättchen, die glühend heiß +wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die +Arbeit von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, +die Sonne stach durch die Wolken; jetzt hielt er mit seiner +Arbeit inne. Eine lange Reihe Plättchen hatte er eingesetzt, +nun kam die nächste Reihe. Er legte sein Werkzeug +aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der +Stirne und ruhte einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf +die Straße, wo die Wagen fuhren und die Menschen +wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst, +wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen +und ruhte. Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, +ein tiefer Schatten fiel aufs Dach und der junge Arbeiter +schlief ein.</p> + +<p>Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine +Ruhe ist’s noch mehr!</p> + +<p>Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und +her, bis ein Mann plötzlich stehen blieb. Er hatte nach +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>der dunkeln Wolke geschaut, die sich am Himmel zusammenballte, +und da hatte er die Gestalt auf dem Dache wahrgenommen. +Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich +seinem Blick und blieben ebenso an den Platz gebannt +stehen wie der erste. Was war dem Mann? Er lag da +wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der Arm, +den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter +über das Dach. Das Gesicht war halb verdeckt von der +Mütze. Schlief er oder war er vom Hitzschlag getroffen? +Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer +mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe +blickte zu dem in Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute +kamen hinzu. »Der Mann muß gerettet werden, +aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei, +von unten wird’s besser gehen, mit der Leiter, mit der +großen Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, +aber schnell, schnell; wenn der Mann eine Bewegung +macht, so stürzt er herunter in die Tiefe!«</p> + +<p>Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen +füllt sich die ganze Straße, Kopf an Kopf steht +die Menge, Wagen halten, sie können nicht durch das Gedränge +kommen. Aber trotzdem ist alles still und von +Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der +Mann nicht unruhig wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend +ist die Stille und die Spannung.</p> + +<p>Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht +Platz, eine Frau ist ohnmächtig geworden. Es ist seine +Mutter,« sagen die Leute, »macht Platz für die Mutter.« +Sie ist’s ja nicht, sie ist ein ehrsames altes Jüngferlein, +aber die Leute meinen es und machen willig und teilnahmsvoll +Platz.</p> + +<p>Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie +ist doch sonst so schnell zur Stelle. In Wahrheit sind +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>erst ein paar Minuten verstrichen, seit man sie benachrichtigt +hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und jetzt saust +sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer +glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter +aufgestellt, das große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher +und immer höher aufrichtet und die obersten Sprossen endlich +ganz nahe der Stelle am Dach kommen, wo der Mann liegt. +Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken +folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte +Steiger in die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem +Ziele nähert und nun, am Dach angelangt, von der Leiter +aus sich rasch und fest gegen den Daliegenden stemmt.</p> + +<p>Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die +Augen auf und sah mit Staunen einen Feuerwehrmann +auf der Leiter vor sich. Der aber rief in demselben Augenblick: +»Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er die +Hände gegen den Arbeiter.</p> + +<p>»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich +nur aufstehen.«</p> + +<p>»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt’s denn, +warum liegen Sie da? Ich glaube wahrhaftig, Sie sind +da oben eingeschlafen.«</p> + +<p>Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß +schon so sein, es war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!«</p> + +<p>»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.«</p> + +<p>Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er +drunten in der Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter +sich erhob, in Bewegung geriet und laut ihrer Freude Ausdruck +gab. Den jungen Mann überkam eine mächtige Bewegung, +als er sah, wie um seiner armen Person willen +ein solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den +äußersten Rand, zog seine Mütze vom Kopf, schwang sie +in die Luft und rief laut hinunter: »Hurra!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: +»Hurra, Hurra!«</p> + +<p>»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der +Feuerwehrmann, »daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück +geschieht,« aber der Dachdecker deutete auf die Schieferplättchen: +»Ich kann noch nicht Feierabend machen,« sagte +er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt +durch die Dachluke.«</p> + +<p>»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie +nicht noch einmal ein auf dem Dache.«</p> + +<p>»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich +mach’ meinen Dank für die Lebensrettung.«</p> + +<p>»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die +Menge drunten verlief sich, die große Leiter wurde weggefahren, +bald hatte die Straße wieder ihr gewöhnliches +Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge +Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, +er war nicht mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen +gemacht; auch kamen ihm allerlei Gedanken über die Gefahr, +in der er geschwebt hatte, über die hilfreichen Menschen +und über Gott den Herrn!</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a></p> +<h2><a name="Im_Thueringer_Wald" id="Im_Thueringer_Wald"></a>Im Thüringer Wald.</h2> + + +<p>Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, +liegt das Dörflein Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein +ohne Scheunen und Ställe, ohne Gärten und Felder stehen +eins neben dem andern dicht am Berg, im Schatten der +nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen Kartoffeläcker +bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist +die Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln +der Sensen, denn es gibt kein Heu auf den kleinen, nassen +Wiesen. Im Herbst sieht man keinen Erntewagen, denn +niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man +nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine +Viehherde zieht durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen +da und dort oder ein Schweinlein läßt sein Grunzen vernehmen. +So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber doch +leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, +die von früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl +treiben?</p> + +<p>Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. +Aus der Türe eines der Häuschen trat eine kleine Frau; sie +war nicht kräftig und rotbackig wie eine Bäuerin, schmächtig +und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter ums Haus +und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, +ein Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>und man konnte durch dieselbe in das Zimmer sehen und +in die Kammer daneben. In dieser standen zwei Betten. +Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft und +der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei +Kinder; eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber +das war offenbar herausgefallen, denn es lag auf dem +Boden, war halb unter die Bettstatt hinuntergekugelt, schlief +aber dort unten ganz ruhig weiter.</p> + +<p>Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam +und Feuer im Ofen anmachte, verließ der Mann das Bett, +kleidete sich an, hob den kleinen Kerl unter der Bettstatt +hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu seiner Frau: +»Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht +gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« +sagte die Frau, »aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm +nichts.«</p> + +<p>»Ja, ja, im Sommer tut sich’s noch, aber die Kinder +werden alle Tag’ größer, sie haben zu dritt nimmer Platz +in dem Bett, wie soll’s im Winter werden?« »Geh, sorg +dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten herum,« sagte +munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll Kartoffeln +aufs Feuer.</p> + +<p>Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast +alle zur gleichen Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig +um den Tisch. Mit dem Anrichten der Kartoffeln +machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie wurden +mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von +selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß.</p> + +<p>»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den +Schalen hinein,« sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die +Mutter lachte bloß: »Er denkt halt, so geben sie mehr +aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem Johann,« +mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>lange hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen +bekam der Kleine immerhin noch mit zu essen.</p> + +<p>Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden +Armen den Tisch ab, daß die Kartoffelschalen nach rechts +und links auf den Boden flogen und rieb mit ihrer Schürze +darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen gegangen, +in dem trotz des warmen Junimorgens noch das +Feuer brannte. Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher +Duft ausströmte: Aus alten Papierabfällen und Kreide, +aus Mehl und Leimwasser rührte da Greiner einen wunderlichen +Brei zusammen und bald brodelte die Masse und erfüllte +mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché +war es, das er da bereitet hatte, und nun ging er an seine +Arbeit. Er hatte neben sich eine Anzahl von Formen, so +etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn sie mit +Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten +Sand und pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, +so stehen kleine Törtchen oder dergleichen da. So +füllte Greiner in seine Formen das Papiermasché, drückte es +fest an, und was herauskam, das waren Puppenköpfe, +lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie +waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig +mußten sie zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt +werden, die an Brettern rings um den Ofen gestellt waren. +So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner stundenlang +zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden +Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge +war krank geworden von der schlechten Luft.</p> + +<p>Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch +sauber gemacht. Bald lag auf demselben ein Ballen +weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu Puppenkörpern +herausschnitt; das ging so flink, im Nu war +ein ganzer Stoß geschnitten. Dann ging’s ans Nähen; +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>ringsum mußte der Balg zugenäht werden, nur oben, +wo später der Kopf darauf kommt, blieb er offen. War +er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das +tat Frau Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. +Jetzt lagen ein paar Bälge fertig genäht da. »Philipp, +da komm her,« rief die Mutter dem Fünfjährigen zu, »umwenden! +Philippchen, umwenden!«</p> + +<p>Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit +dem dreijährigen Bruder, dem Johann, auf dem Boden +herum; da war so allerlei: Sägspäne, die man beim Ausstopfen +der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle +und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das +alles zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau +Greiner nicht die Zeit. Und heute war Freitag, da waren +schon Abfälle aller Art auf dem Boden und damit unterhielten +sich die zwei Kleinen.</p> + +<p>»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, +»wenn die Marie aus der Schule heimkommt, dann darfst +du wieder springen, aber jetzt mußt du halt dran, da hilft +nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf die Bank +am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. +Er stülpte ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine +mühsame Arbeit: die Ärmchen und Beinchen umzukehren; +doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das besser +als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter +gearbeitet hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er +seine Hände ruhen ließ:</p> + +<p>»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen +zu ihm nach Sonneberg komme und kann nicht so viel +abliefern, als ich versprochen habe!«</p> + +<p>»Was sagt er dann, Mutter?«</p> + +<p>»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb +ist ja nur halb voll.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>»Was sagst du dann, Mutter?«</p> + +<p>»Dann sag’ ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein +Philipp ist halt so faul.«</p> + +<p>»Was sagt dann der Herr, Mutter?«</p> + +<p>»Dann sagt er: <ins class="correction" title="Transcriber's note: changed from double to single quote">›Euch</ins> geb’ ich keine Arbeit mehr, da +geb’ ich’s lieber dem Haldengreiner, der ist <ins class="correction" title="Transcriber's note: changed from double to single quote">fleißiger.‹</ins></p> + +<p>»Und dann, Mutter?«</p> + +<p>»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.«</p> + +<p>Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein +und sah eine ganze Weile nicht von seiner Arbeit auf.</p> + +<p>»Es ist ein Elend, daß man’s mit allem Fleiß nicht +weiter bringt,« fing der Hausvater nach einer Weile an.</p> + +<p>»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, +»am letzten Samstag ist in Sonneberg allgemein die Rede +gewesen, daß aus Amerika große Bestellungen gekommen +sind, da gibt’s Arbeit genug!«</p> + +<p>»Was hilft’s, wenn’s nicht besser bezahlt wird? Wir +bringen doch nicht mehr fertig.«</p> + +<p>»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon +drei Jahre, mit vier kann man ihn schon anweisen und +mit fünf hilft er so viel wie der Philipp!«</p> + +<p>»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch +wieder einen Ausfall in der Arbeit.«</p> + +<p>»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte +die Frau, »die bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner +sein Achtjähriger, der hat schon manche Nacht +durchgeschafft.«</p> + +<p>»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul’, soll gar +nicht gut sein für die Kinder; dumm und schwach bleiben +sie, hat der alte Lehrer gesagt, und der neue Lehrer sagt’s +auch und er hat recht.«</p> + +<p>»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, +er möcht’ halt, daß die Kinder lernen. Der alte +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>hat’s immer gewollt, und der neue ist auch nicht besser. +Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.«</p> + +<p>»Aber ist’s nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? +Sogar der Schulz sagt, die wenigsten von unseren Burschen +geben Soldaten.«</p> + +<p>»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja +seit dreißig Jahren Frieden im Land!«</p> + +<p>»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.«</p> + +<p>Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, +daß wir dumm sind. Aber wieviel Nächte hab’ ich auch +schon durchgeschafft! Aber was willst denn machen? Wir +können’s doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die Pfeife, +daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag +bring’ ich dir wieder ein Päckchen Tabak mit.«</p> + +<p><em class="gesperrt">Der</em> Trost verfing am besten; über den Qualm der +Pfeife kam der sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung.</p> + +<p>Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in +dem Stübchen; der Johann wollte auch nicht mehr gut +tun, da kam gerade zur rechten Zeit die Schwester aus der +Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt, +als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, +den er eben in Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt +komm du her.« »Halt,« sagte der Vater, »zuerst müssen +die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst du noch +sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich +mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm +eines der Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie +hinaus. Sie wußte schon, wie sie’s zu machen hatte: am +Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben dem andern aufgesteckt, +auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum +Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden +war. An sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und +Häuser im Dorf so eigenartig geschmückt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine +Philipp sah begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen +würde. Die aber nahm ihre Schiefertafel, ihr Schulbuch +und ihren Griffel und machte alle Anstalten, ihre +Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine +Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, +»gerad’ nur von der Schul’ heim und wieder schreiben, du +bist wohl nicht recht bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit +hätten! Elias, siehst nicht den Übermut?« rief sie dem +Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas +dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die +Einsprache; sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp +fing so laut an zu heulen, daß Marie ihren »Übermut« +aufgab, die Bücher beiseite schob und des kleinen Bruders +Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.</p> + +<p>»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du +in die Wirtschaft und holst um zwanzig Pfennige Speck zu +Mittag; nimmst auch den Johann mit, daß er auch sein +Vergnügen hat.«</p> + +<p>»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?«</p> + +<p>»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der +Kammer auf dem Bett.«</p> + +<p>»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, +den kann man nimmer zumachen.«</p> + +<p>»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du +nicht eine Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, +bis ihr wieder heimkommt.«</p> + +<p>»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der +Vater.</p> + +<p>»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am +Sonntag will ich’s schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen +schön halten, daß es auf der Gasse nicht herunterfällt!«</p> + +<p>»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß +am Freitag das Geld aus ist; sag nur, die Mutter zahlt’s +morgen, wenn sie von Sonneberg mit dem Geld heimkommt.« +Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden +Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, +die der Philipp gefunden hatte, taugte nicht viel und der +Rock wollte immer herunterrutschen auf dem Weg zum +Wirt, der zugleich der Metzger war.</p> + +<p>»Wenn man’s doch richten könnt’,« sagte Greiner zu seiner +Frau, »daß man immer gleich bezahlen täte, was man holt!«</p> + +<p>»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin.</p> + +<p>»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt +zehn, wenn er hat borgen müssen, und der Krämer macht’s +auch so.«</p> + +<p>»So ist’s halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, +es war immer schon so.«</p> + +<p>»Aber anders wär’s halt doch besser. Wenn man nur +ein einziges Mal ein klein Sümmchen ins Haus bekäm’, +daß man das alte zahlen könnt’ und das neue auch; von +da an dürft’ mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein +Lot Kaffee. Aber wir bringen’s nie zu einem Sümmchen +und wenn wir uns die Finger wund arbeiten.«</p> + +<p>»So red’ doch nicht so viel, mußt sonst doch nur +husten, wer kann’s denn wissen, ob’s nicht einmal besser +kommt? Deine Schwester ist doch auch eine reiche Frau +geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts +arbeiten.«</p> + +<p>»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie +nicht; das macht halt, sie ist so jung schon fortgekommen +und hat unser Elend vergessen, die weiß gar nicht, wie +wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät! Schon lang +hat sie nichts geschickt.«</p> + +<p>»Weil sie auch gar so weit weg ist!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>»Von Köln aus könnt’ man schon etwas schicken; unsere +Puppen schickt man doch sogar bis nach Amerika.«</p> + +<p>»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe +alle Tage herüber und hinüber und am Samstag kannst +in <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Sonnenberg'">Sonneberg</ins> oft genug so einen Herrn aus Amerika +sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, +das muß viel weiter weg sein.«</p> + +<p>»Viel näher ist’s, Frau, das könntest auch wissen, nach +Amerika mußt übers Meer.«</p> + +<p>»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der +soll auch so ein großes Wasser sein.«</p> + +<p>»Der ist doch nur ein Fluß!«</p> + +<p>»Meinetwegen, ich hab’ auch keinen Fluß und kein +Meer gesehen.«</p> + +<p>Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, +die Unterhaltung. Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, +und um 12 Uhr legte die ganze Familie für ein Stündchen +die eintönige Arbeit beiseite und die müden Hände +durften ein wenig ruhen.</p> + +<p>»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe +schreiben wollen?« fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. +Marie wollte nicht heraus mit der Sprache. »Warum, +sag’s, bist abgestraft worden? Hast doch gestern abend +geschrieben!«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat’s nicht +lesen können; ich soll’s bei Tag schreiben, sagt er, gleich +zuerst. Denn was wir bei der Nacht schreiben, könne er +gar nicht lesen, so schlecht sei’s.«</p> + +<p>»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn +die stille Zeit kommt und keine Arbeit im Haus, dann +kannst schreiben, wann du willst, den ganzen Tag. Aber +jetzt geht’s halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit für +uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn +im Sommer werden die Puppen gemacht, die im Winter +auf dem Weihnachtstisch liegen sollen. Bis spät in die Nacht +hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um alles +fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. +Da wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all +den fertigen Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen +Schachteln noch oben auf den Korb geschnürt und ein langes +Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb aufzuhuckeln, +ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann möchte +die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so +schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die +Last zu tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. +Ihr Mann zog noch sorglich die Schnur fest, daß nichts +ins Wanken geraten konnte von den oben aufgepackten +Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau hinausragten, +und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß +der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die +Mutter die Arbeit ablieferte und neue heimbrachte, und +Geld dazu für die ganze Woche. Ein gut Stück Weg +liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber diesmal +nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer +Samstag vor andern, sie durfte mit in die Stadt, und die +Mutter wollte für sie einen eigenen Huckelkorb einkaufen, +damit sie künftig helfen könnte tragen, wenn es gar zu viel +für die Mutter würde.</p> + +<p>Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs +Dörfchen. Aber sie blieben nicht lange allein, denn da +und dort kamen aus den kleinen Häusern Frauen und +Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit kleinen +Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg. +Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt +unter der Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>und als sie in die Nähe der Stadt kamen, sahen sie von +anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten der Stadt +zupilgern.</p> + +<p>»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen +nicht so schwer wie du,« fragte Marie. »Das sind die von +Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die machen Glaskugeln +und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch +nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort +mit dem schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind +am besten bezahlt.« Achtungsvoll sahen Mutter und +Tochter nach dem Mann mit dem schweren Korb.</p> + +<p>Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, +die freundliche Stadt, erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten +Häusern mitten unter grünen Hügeln. Hier +strömten von allen Seiten die Bewohner der umliegenden +Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte +auf, die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern +die Puppen fertig machen und in alle Welt hinaus versenden. +Marie ging neben der Mutter her, sah nach den +schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften: »Spielwarenfabrik« +hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter +Puppen« an dem andern, und so fort; die ganze Stadt +schien wegen der Puppen da zu sein. Darüber wunderte +sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast alle Menschen, +die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.</p> + +<p>Jetzt endlich waren sie an <em class="gesperrt">der</em> Fabrik angelangt, für +die Greiner arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie +ihrer Mutter durch das große Eingangstor in den Hofraum +und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in dem +schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten.</p> + +<p>Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie +gebracht hatte, und ein Herr mit der Brille auf der Nase +sah einen jeden prüfend an, warf ihn dann neben sich in +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau sah +ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite +und am Schluß noch einen.</p> + +<p>»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen +noch einmal aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend +wieder in ihren Korb, bekam dann einen Zettel, +auf dem stand, wieviel sie abgeliefert hatte, und ging mit +diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt wurde +und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam +eine der Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau +Greiner lieferte ab. Ihre Arbeit wurde tadellos befunden +und vergnügt strich sie ihr Geld ein. Für die nächste +Woche gab’s Arbeit genug, fast mehr als Frau Greiner +versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.</p> + +<p>»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte +Marie, als sie aus dem Zimmer waren. – »Ich weiß +wohl, aber das darf man nicht sagen, sonst heißt’s später, +wenn’s weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns auch +im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.«</p> + +<p>»Aber wenn wir’s in dieser Woche nicht fertig bringen? +O da möcht’ ich nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn +kommst und zu wenig ablieferst, da würd’ ich mich fürchten!«</p> + +<p>»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, +so gibt’s doch noch die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen +wir zur Großmutter und schauen, wie’s der Alten geht, +und deinen Korb kaufen wir auch.«</p> + +<p>Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des +Städtchens, wo kleine Häuschen in engen Gassen sich am +Berg hinziehen. Marie war vor Jahren einmal dagewesen +und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie wohnte, +besuchen dürfen, sie konnte sich’s kaum mehr erinnern.</p> + +<p>Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen +in einen dunklen Gang. Marie hielt sich an der Mutter. +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>»Gelt, dir kommt’s dunkel vor?« sagte die Mutter, »aber +ich find’ gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen, und +wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, +wie wenn’s heller Tag wär’.« Sie kamen an +einer Tür vorbei, man hörte sprechen. »Das ist noch nicht +die rechte Stub’, da wohnt ein Stimmacher; weißt so einer, +der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und +Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, +der macht Puppenschuh’, hörst nicht seine Maschine?«</p> + +<p>»Aber da wohnen viel Leut’, Mutter!«</p> + +<p>»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen +gar teuer, aber jetzt sind wir an der rechten Tür, da wohnen +wir.« Ohne anzuklopfen machte Frau Greiner die Türe +auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid ihr +wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, +gib ihr die Hand und deiner Tante Regine auch.«</p> + +<p>Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich +den Ankommenden zu und erwiderte den Gruß. Aber sie +stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn sie war an der +Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz +fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben +war das Köpfchen noch offen, dem leimte sie eben das +Deckelchen auf, mit dem schön gelockten Haar. Und die +Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus der +Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf +dem Blech, etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, +umwickelt mit blonder und brauner Mohärwolle, +die wie Haar aussah, lagen da nebeneinander auf dem Blech +und waren im Ofen getrocknet worden. Mit geschickten +Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom Glasröhrchen +ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, +fertig zum Aufkleben auf den Puppenkopf.</p> + +<p>Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>waren sie doch freundlich gegen ihre Besuche, +fragten nach Mann und Kind und wunderten sich, daß +Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine Kanne +mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« +sagte die Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade +und schneid euch ab, es ist euch vergönnt.«</p> + +<p>Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die +Tante, wie sie so blitzschnell die Löckchen abstreifte und von +der schönen Mohärwolle, die neben ihr stand, neue feuchte +Strängchen um die Glasröhrchen wickelte, daß in kurzer +Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre +wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, +Mutter,« sagte Marie, »das möcht’ ich lieber tun.«</p> + +<p>»Gefällt dir’s?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der +Schule bist, dann kommst du nur zu uns und hilfst mir. +Die Großmutter wird alt, der zittern jetzt schon die Hände.« +Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst nicht dumm,« sagte +sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein sind, +soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul’ sind, sollen +sie dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim +bleiben müssen. Wir haben jetzt auch Arbeit genug, ich +kann sie nimmer allein tragen; einen Korb will ich der +Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir müssen +gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.«</p> + +<p>Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf +dem Rücken von Sonneberg heim. Im Dorf hielten sie +sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene Haus kamen. +Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei +der Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden +zu bezahlen und überall wurde noch ein wenig eingekauft, +so daß die kleine Barschaft schon ziemlich zusammengeschmolzen +war, als sie ihr Haus erreichten. Der kleine +Philipp sprang ihnen entgegen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>»Ihr kommt so spät heut’,« sagte er, »es steht schon +lang einer da und wartet auf dich.«</p> + +<p>»Wer ist’s denn?«</p> + +<p>»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den +kann ich schon gar nicht leiden,« sagte die Mutter, »hätt’ +ihn der Vater doch fortgeschickt.« »Der Vater ist auf dem +Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«</p> + +<p>Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb +ab, mit dem sie gar nicht durch die niedrige Türe gekonnt +hätte, und dann trat sie ins Zimmer. Am Fenster stand +der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort kam und +das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt +wurden. Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern +sie ihr Geldchen, das sauer verdiente, hergab, so langsam +sie auch die Markstücke aufzählte, sie durfte sie doch +nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse des +Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben +und sie brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie +angenommen hatte. Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er +bereitwillig seinen Ballen auf, und sie konnte von dem +schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.</p> + +<p>»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, +oder wenigstens einen Teil davon? Sie haben ja noch +Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden Meter um +zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«</p> + +<p>Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den +Vorschlag. »Noch mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen +Sie denn, von was sollten wir denn leben in der Woche? +Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den Hauszins +und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? +Und gerade heut’, wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! +Marie, zeig deinen Korb. Sehen Sie? Gleich bar hab’ +ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch hinlegen +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, +bis Ende der Woche reicht’s nimmer zu einem Päckchen +Zichorie, das kann ich schon jetzt sehen.«</p> + +<p>»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit +Ihnen gemeint,« beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die +beste Zeit vom Jahr. Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«</p> + +<p>Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen +im Schrank; auch den Stoff schloß sie sorgfältig hinein, +denn am Samstag abend wurde nicht mehr gearbeitet. +Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war +die Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde +von dem langen Marsch. Aber als sie dann mit den +Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen, wurden sie +alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz +nett in der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der +Boden aufgekehrt. Das hatte der Mann besorgt, während +die Frau in der Stadt war, und nun machte er Feierabend +und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die Nachbarn +erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und +plauderten.</p> + +<p>Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft +ins Bett, Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« +sagte Frau Greiner. Die Kleinen besaßen jedes nur <em class="gesperrt">ein</em> +Hemd, das wurde immer in der Nacht von Samstag auf +Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte +schon zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen +beim Waschen. Heute kam’s ihr sauer an, sie war so +müde, und als die Mutter einmal von der Waschwanne +an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder +ins Haus zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr +zu sehen und nicht zu errufen – sie war schnell ins Bett +geschlupft und schlief schon fest. Frau Greiner lachte und +ließ sich’s gefallen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>Am Montag morgen saß die Familie wieder an der +Arbeit und jedes von ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag +und all die nächsten genau so verstreichen würden, wie die +vorigen, denn eintönig floß das Leben dieser fleißigen Leute +dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton. Er +kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: +durch den Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener +Gast in der Familie Greiner, denn er brachte manchmal +Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal auch Mahnungen +wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte +er die Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs +Fenster aufs Gesimse. Heute aber kam er ins Zimmer und +sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt: diesmal bringe ich +einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich habe +ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote, +»aber <em class="gesperrt">die</em> Anzeige habe ich lesen müssen, weil’s mich doch +gewundert hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil’s +so eine ganz besondere Traueranzeige ist.« Er ging. Die +Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift lautete: an »Herrn +Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt war +freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck +in Köln waren an <em class="gesperrt">einem</em> Tag infolge eines Unglücksfalls +plötzlich gestorben. Frau Langbeck war Greiners +Schwester. Greiner und seine Frau standen ganz erschüttert +beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten sie +kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres +gewußt. Was für ein Unglücksfall konnte das gewesen +sein? Immer wieder lasen sie das Blatt, aber es standen +nur so wenige Worte darin.</p> + +<p>»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner +Schwester gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade +in der Stunde, in der sie verunglückt ist; das war eine +Ahnung, es war mir gleich damals so traurig zumute.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten +in Köln gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte +Papier an, das solche Trauerkunde gebracht hatte. +Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner und seine Frau +wieder an der Arbeit, und wenn <em class="gesperrt">er</em> auch seine Schwester +wirklich betrauerte, und wenn <em class="gesperrt">sie</em> auch voll Mitleid +an die verwaisten Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt +werden; er mußte doch wieder an seine Formen zurück +und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts geschehen +wäre.</p> + +<p>Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß +auf ihr Leben haben, als sie ahnten. Es vergingen ein +paar Tage, da reichte der Postbote wieder einen Brief +mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an Herrn +Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war.</p> + +<p>»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt +sind wohl auch noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch +auch so viel an sie denken müssen. Ich will’s nur gleich vorlesen, +du hast ja doch die Hände voll Brei!« Der Brief war +von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten Langbeck. +Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß +das Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er +sein Vermögen eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden +für die drei mittellos hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen +von sieben Jahren, ein Knabe von vier, und einer von +einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er nicht +eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder +seien etwas verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause +aufgewachsen seien, aber guten Charakters. Nur der vierjährige +sei ein wilder Junge und brauche gute Zucht. +Baldiger Bescheid wäre erwünscht.</p> + +<p>Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte +ohnedies die Sorge für seine Familie; es war kein Brot +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>übrig und war kein Platz frei für ein weiteres Familienglied. +Er war kränklich und schwach und wollte sich keine +neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug. +Aber seine Frau sah’s anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« +sagte sie, »die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch +nur den Nutzen! Ein Bett hat sie, denn in reichen Familien +hat jedes ein Bett, das muß sie mitbringen, da kann unsere +Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat. Und dann +die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich +bald acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr +verdient sie mehr. Und dann bedenk doch, es sind doch +deiner Schwester Kinder!«</p> + +<p>Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die +Kinder stellten sich auf der Mutter Seite, Marie vor allem +freute sich bei dem Gedanken an eine große Schwester. +Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag ihm doch +schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den +nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln +abging, in dem sich Greiner bereit erklärte, Edith, das +siebenjährige Töchterchen, aufzunehmen. Gleich darauf kam +der dritte Brief aus Köln. Er war von der Hand eines +jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in +der Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. +Sie teilte mit, daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen +war, eine freundliche Unterkunft gefunden habe, +nicht so die Knaben. Sie bitte nun im Einvernehmen +mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein, +den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges +Kind,« schrieb das Fräulein. »Es war unser aller Liebling; +ich mag gar nicht daran denken, daß ich mich nun +von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie +und Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, +und er wird herrlich gedeihen in der köstlichen Luft des +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Thüringer Waldes. Ich bin im Begriff, in meine Heimat zu +reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und wurde von dem +Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu übergeben. +So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, +schon übermorgen. +<span class="sidebar"><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[*]</span></a> Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum Kochen +der Milch für kleine Kinder.</span> +Alex ist mit Soxhlet<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[*]</a> aufgezogen, ich +bringe diesen deshalb auch mit. Wenn Sie dadurch auch +mehr Mühe haben, wird es doch für die ersten Wochen, +bis der Kleine eingewöhnt ist, gut sein.« Der Brief war +unterschrieben: »Elisabeth Moll, Kindergärtnerin.«</p> + +<p>Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem +Wort »Soxhlet« stockte sie, <em class="gesperrt">das</em> Wort hatte sie noch nie +gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte Greiner. »Den +Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein, +der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben +haben.«</p> + +<p>»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« +sagte Greiner. »Die vornehmen Leut’ haben immer so tolle +Namen«, meinte die Frau. »Alex steht gerade so wenig im +Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand. Es kann +auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie +schreibt ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, +aber die Buben nicht. So schicken sie halt beide zu uns, +das ist eine schöne Bescherung!«</p> + +<p>Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das +gehen solle, und große Bestürzung herrschte in der Familie. +Vater Greiner war ungehalten. »Mir kommt’s +auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle +ein Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! +Man hätt’s nicht tun sollen, und wenn’s auch meiner +Schwester Kinder sind!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte +Frau Greiner. »Kinder, da dürft ihr euch schmal machen.«</p> + +<p>»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie.</p> + +<p>»Soxhlet heißt er.«</p> + +<p>»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht’ ich mich, gelt, +den legst nicht zu mir?«</p> + +<p>»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die +Mutter.</p> + +<p>»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn +ihn aber niemand abholt, dann bleibt er halt an uns +hängen, auf die Straße kannst ihn doch nicht setzen.«</p> + +<p>»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« +rief Frau Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist +schon der Kleine schlimm, der schreit noch bei Tag und +Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man nicht einmal +seine paar Stunden Nachtruh’ hat. Aber auch noch +so einen Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder +deine Köpfe umstößt, so einen können wir nicht brauchen. +Weißt noch, wie der Lehrer einmal so Kostbuben gehabt +hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat +das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal +die Kosten!«</p> + +<p>»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann +man das nicht telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht +mitbringen sollen?«</p> + +<p>»Wenn’s halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm +nach Köln.«</p> + +<p>»Man könnt’ ja fragen, was es kostet.«</p> + +<p>»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: +an Fräulein Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere +Ringstraße Nr. 5, hast schon – zähl’ einmal – hast schon +zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet darin. +Dann, so barsch möcht’ ich auch nicht sein, daß ich nur +<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt’ doch +auch erklären, warum. Wieviel gäb’ das Wörter! Das +geht nicht in ein Telegramm.«</p> + +<p>»Und zum Brief ist’s zu spät?«</p> + +<p>»Ja, zu spät.«</p> + +<p>Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner +bückte sich wieder über seine Arbeit wie immer, nur sah +sein abgemagertes Gesicht noch sorgenvoller aus, als sonst, +und auch Frau Greiner hatte nicht ihren gewohnten fröhlichen +Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die Genossin, +nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie +schon vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, +während sie die Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, +und es lag eine rechte Mißstimmung über der +ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien +schon wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau +Greiner, und indem sie nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: +»So hat dich wohl niemand genannt, ›mein Herr Gemahl!‹« +und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl +das Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn +sie meinen Herrn Gemahl sieht in seinem großen Schurz voll +Papiermaschétropfen und in seinem verflickten Kittel? Ich +meine, die stellen sich alles viel nobler bei uns vor, weil +sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben. +Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns +alles so armselig ist.«</p> + +<p>Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein +Elisabeth Moll, die seit einem Jahr in der Familie Langbeck +treue Dienste leistete, hatte sich eine ganz falsche Vorstellung +von der Familie Greiner gemacht. Frau Langbeck +hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur einmal gesprochen. +»Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche +Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat +<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>sich schon damit abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer +einer großen Fabrik war, so hatte sich das Fräulein +unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer einer eben so +großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie +Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so +machte sie sich auch vom Haus Greiner ein solches Bild. +Sie war es, die den Vormund auf diesen Bruder der Frau, +auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam gemacht hatte. +Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine anscheinend +so günstige Aussicht für einen seiner kleinen Pflegebefohlenen +eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt +es nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten +zu erkundigen, noch auch mit ihnen persönlich in +Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen auf das bewährte +Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie Greiner +anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, +wurden die Reisevorbereitungen getroffen.</p> + +<p>In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche +Aussteuer des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, +die gestickten Kleidchen und die feine Bettwäsche. Den +Kleinen kleidete sie mit besonderer Sorgfalt an, damit er +den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den +Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, +daß er bei Ankunft in Thüringen sein gewohntes +Bett gleich fände. So trat das junge Mädchen die Reise +an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen Zusammenbruch +sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für +ihr geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.</p> + +<p>Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. +Er wußte nicht, was dieser Tag für sein Leben bedeutete. +Ahnungslos ließ er sich aus dem Haus des Reichtums und +Wohllebens in die Stätte der Armut und Not versetzen.</p> + +<p>Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>dauerte die Reise. Sonneberg war die letzte Station; hier +mußte Elisabeth die Bahn verlassen. Der Korbwagen wurde +ausgeladen, der schlafende Kleine liebevoll hineingebettet +und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte sicher +gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, +eine gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner +oder seine Gemahlin ein leichtes sein, sie und ihr zukünftiges +Pflegekind aufzufinden.</p> + +<p>Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau +saßen an der Arbeit wie immer; keinem wäre auch nur der +Gedanke gekommen, einen Arbeitstag zu versäumen, selbst +wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden gewußt hätten. +Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als Wegweiser +dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei +Frauen. Die trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, +in dem wohl ein halbes Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet +lagen, lauter Puppen, in Hemden und Häubchen, +offenbar frisch aus der Fabrik – gewiß aus der Fabrik von +Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden +Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn +Greiner in Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, +wußten auch nichts von dem Namen; aber das Dorf Oberhain +war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute kein Postwagen +mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge +Mädchen nach einem Gasthaus und bat dort um einen +Wagen, der sie mit dem Kleinen sofort nach Oberhain +fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß genug, +daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und +Elisabeth stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. +»Wo soll ich halten in Oberhain?« fragte der Kutscher.</p> + +<p>»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, +»die Wohnung kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte +sie nicht, er war schon oft in Oberhain gewesen, hatte aber +<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie aber schon erfragen. +Nun ging’s vorwärts, zuerst flott und rasch durchs Städtchen, +dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, +rechts Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die +Städterin. Die köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth +war in glücklichster Stimmung.</p> + +<p>»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden +Kind, »gelt, ich habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, +wie wirst du da rote Bäckchen bekommen, mein +Liebling – aber Papa und Mama können sich nicht mehr +darüber freuen, armer Schneck!«</p> + +<p>Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, +fuhr der Kutscher langsamer, wandte sich zurück +und rief in den Wagen: »Wie soll die Fabrik heißen?«</p> + +<p>»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. +»He,« rief der Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias +Greiner?« Die sahen sich an und kicherten und ein Junge +sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine Fabrik.« Fräulein Elisabeth +wurde ängstlich. »Das kann ich nicht begreifen,« sagte sie. +»Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist, wir haben +erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.«</p> + +<p>»Wir wollen’s schon herausbringen,« sagte der Kutscher, +»es heißt sich mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er +trieb die Pferde an, daß sie rasch durch die Dorfstraße fuhren +bis ans Wirtshaus. Bei dem Geräusch des vorfahrenden +Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die Kutsche hielt, der +Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig sammelten +sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher +vom Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand +nicht genau, was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander +verhandelten, aber sie hörte, wie der Wirt dem langsam +Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar kein anderer gemeint +sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt Elias.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Und nun ging’s noch ein Stück langsam weiter, die +Dorfstraße wurde enge, ein Häuschen kam zum Vorschein +mit einem halb zerfallenen Bretterzaun, über und über mit +blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt – vor dem hielt +der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und +sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster +zuwendend, wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der +Elias Greiner?« Der hatte schon den Wagen halten hören, +und nun kamen sie alle heraus: Voran die Frau, dann die +Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen, +zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums +Herz – das sollte die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere +Gestalten hatte sie kaum je gesehen! Noch hoffte sie, es +möchte ein Irrtum sein, aber nun kam Greiner dicht heran, +sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete bewegt +das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner +Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich +blieb sie dicht am Wagen stehen – keinen Schritt machte +sie auf das Haus zu.</p> + +<p>Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht +hatte – das junge Mädchen war enttäuscht über das, was +sie vor sich sah, bitter enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand +sie da, das Kind fest an sich drückend. Frau Greiner war +nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen dauerte sie. +»Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind +ist ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar +nicht. Gelt du, Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur +etwas zu essen bekommst?« Freundlich blickte sie das Kind +an und dieses lächelte wieder, und ehe sich’s Elisabeth versah, +hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön geputzte +Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug +Frau Greiner den kleinen Alex ins Häuschen.</p> + +<p>Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>neuen Ankömmling sahen, während Greiner half, den +Koffer abzuladen, und Elisabeth den Kinderwagen richtete. +Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz, hatte sie +doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. +Sie folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein +Dunst und Geruch, daß sie nicht glaubte, bleiben zu können. +»Sie haben Feuer an diesem heißen Tag?« fragte sie.</p> + +<p>»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner +und deutete auf seine Arbeit.</p> + +<p>Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die +allen längst auf den Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet +nicht mitgebracht?«</p> + +<p>»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, +er ist draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem +Kleinen das Reisekleidchen abnehmen.« Greiner und seine +Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie wußten nun, +daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die +Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des +Fräuleins mit dem Kind, der schöne Korbwagen, der feine +Lederkoffer so wunderbar, daß es ihnen auf ein Wunder +mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht anders, als +daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig +schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo +der Koffer abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig +in einiger Entfernung stehen, Philipp aber trat näher.</p> + +<p>»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß +es der Soxhlet nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche +Koffer ganz still verhielt, wurden die Kinder kecker. +Sie kamen nahe heran, Philipp wagte sogar mit dem Fuß +einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch vorsichtig +zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« +sagte Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der +muß doch arg bös sein, daß er so eingesperrt wird!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel +heraus, kniete nieder und schloß auf. Die Kinder blieben +ängstlich und fluchtbereit in der Ferne stehen, wunderten +sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat, und dann waren +sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der Deckel +aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke +und Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« +sagte das Fräulein und vor den erstaunten Augen der Umstehenden +zog sie ein Blechgestell mit einer Anzahl leerer +Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig +wie nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. +»Das ist der Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte +dabei ein nicht eben geistreiches Gesicht.</p> + +<p>»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« +sagte das Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die +Behandlung erklären. In der Berliner Anstalt, wo ich als +Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man uns so gelehrt: +›Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die Fläschchen +gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den +Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst +man sie fünf Minuten kochen läßt. Danach werden die +Fläschchen durch Glaspfropfen geschlossen und die Milch +noch eine halbe Stunde gekocht.‹« Frau Greiner hatte geduldig +und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein +mit der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die +Sommermonate sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht +machen. Milch haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß +es grad zum Kaffee reicht. Aber den wird er schon auch mögen +und auch Kartoffeln, und an Speck und Hering soll’s ihm gewiß +nicht fehlen. Das ist bei uns zulande die Hauptnahrung.«</p> + +<p>»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth +entsetzt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau +Greiner. »Seien Sie nur ruhig, ich will’s ihm schon in +die Soxhletfläschchen tun, so oft eben Milch da ist.« Inzwischen +hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da sind seine +Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer, +ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte +sie zweifelnd hinzu, »ob Sie den Thermometer ver – – – +ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir haben das Bad auf +24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man +die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden +Ihre Kinder doch auch?«</p> + +<p>»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die +Welt kommt, aber hernach kommt man nimmer leicht dazu, +das braucht’s auch nicht!«</p> + +<p>»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die +Hautpflege so wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so +rein am ganzen Körperchen, wäre es nicht möglich, daß Sie +ihn wenigstens immer am Samstag baden? Haben Sie +eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine +kaufen von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; +oder ich schicke Ihnen eine aus Sonneberg.«</p> + +<p>»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut’s +schon auch, und so oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.«</p> + +<p>»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem +Herzen: In dem Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; +Sie werden das gar nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt +sind; könnte Alex nicht in einem andern Zimmer sein?«</p> + +<p>»Ein anderes Zimmer haben wir gerad’ nicht, aber +wegen der Luft dürfen Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, +die ist berühmt im Thüringer Wald, deretwegen kommen +die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur meine Kinder +an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen +drei waren ganz gesund.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth.</p> + +<p>»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den +heißen Brei über sich geschüttet, den mein Mann braucht +zu den Köpfen; und eines hat’s auf der Lunge gehabt, und +das dritte ist uns nur so über Nacht weggestorben, niemand +hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns weh +getan, aber so ist’s halt; wir haben ja auch an dreien genug +und jetzt sind’s eben auf einmal vier geworden!«</p> + +<p>Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten +des kleinen Alex ausgepackt worden mit vielen Anweisungen +über die Verwendung; was jetzt noch im Koffer verblieb, +war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder zu und +kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an +der Arbeit saß.</p> + +<p>Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die +Kinder standen bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn +vorsichtig hin und her. Elisabeth trat hinzu und sagte leise +zu Marie: »Willst du ihm eine treue Schwester sein? Sieh, +der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt. Gelt, du +fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für +ihn?« Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen +das Fräulein an, das gegen die Tränen ankämpfte, als sie +sich über den Kleinen beugte, ihn herzte und küßte und leise +sagte: »Behüt’ dich Gott, mein Liebling, ich habe es gut +mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich +deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?«</p> + +<p>»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, +und sie nahm sich zusammen, um ihren Tränen zu wehren. +»Ich habe Sie noch etwas fragen wollen,« sagte Greiner, +und nun zitterten auch seine Lippen; »was war denn das +für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem +Mann?«</p> + +<p>»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>des Geschäfts bekannt wurde. Näheres kann ich nicht +sagen.« Greiner fragte auch nicht weiter.</p> + +<p>Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer +Heimat zu, und während sie nach langer Zeit wieder am +elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem Schoß der neuen +Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und +so oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen +Kartoffel hineingeschoben, ein sorgsam geschältes!</p> + +<p>Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und +warm war, gingen sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner +trug stolz den schönen Kleinen auf dem Arm, und da er +verwundert nach den Tannen sah, die am Wege standen +und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis +zu den Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, +Alex, schau, jetzt bist du im Thüringer Wald!«</p> + +<p>Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt +worden durch all die Briefe, durch die Ankunft des kleinen +Pflegekinds und alles, was damit zusammenhing! Als am +Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde, fand sich, +daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz +überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit +war fertig geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; +den eleganten Kinderwagen mit dem schönen neuen Brüderchen +vor dem Haus herumzufahren und allen staunenden +Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als +mit der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner +allein der Stadt zu, die Arbeit abzuliefern. Aber diesmal +kam sie übel an! Der Sonneberger Fabrikant hatte fest +gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu liefern; die +Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht +fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen +sollte, um das Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.</p> + +<p>Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Mannes sei gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen +müssen. Die Entschuldigung wurde ganz ungnädig +aufgenommen. Ob sie meine, daß das Schiff warte, bis alle +Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht <em class="gesperrt">mehr</em> Arbeit +versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten noch +einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, +und so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.</p> + +<p>»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere +ich meine Kundschaft, was wollen Sie dann machen, +wenn keine Puppen mehr bestellt werden?« Ganz schuldbewußt +und zerknirscht stand Frau Greiner da und wagte +kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger +Abzug am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der +Herr schien auch gar keine Lust zu haben, ihr neue Aufträge +zu geben, und ließ sie lange stehen, wie wenn sie +nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen, +so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, +und diesmal verließ sie ohne Verzug die Stadt und kehrte +nicht einmal bei ihrer Mutter ein, um keine Zeit zu verlieren. +Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so elendes +Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine +Schande vor und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches +Gesicht, wenn sie so wenig abliefern konnte. Im +Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen für den +Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich +konnte sie auch nichts dafür, es war ja <em class="gesperrt">sein</em> Schwesterkind +an allem schuld.</p> + +<p>In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit +ihrem flinken Schritt holte sie bald einen jungen Burschen +ein, der auch von Sonneberg kam und gemütlich, eine +Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner +kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein +Neffe ihres Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>in der Fabrik, Samstag abends kam er heim zu seinen +Eltern. Frau Greiner hatte gern Reisegesellschaft, sie rief +schon von ferne dem Burschen zu: »Georg, wart ein wenig!«</p> + +<p>Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft +plaudernd gingen sie nebeneinander her und kamen +bis zu dem Punkte, wo der Fußweg nach Oberhain von +der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach verschiedenen +Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand +ein Herr, der an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu +erkennen war und der nun, als unsere beiden Leutchen an +ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte, wie weit +es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war’s immerhin +noch auf dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen +konnte. So schloß sich der Herr an und sie gingen zu dritt +weiter. Zuerst schweigsam, dann siegte bei Frau Greiner die +Neugier über die Schüchternheit und sie fragte, ob der Herr +kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein Kaufmann, +der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen +war. Die deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, +man konnte sich wohl mit ihm verständigen. Er fragte Frau +Greiner, was sie zu Markte gebracht habe und was ihr +Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner.</p> + +<p>»Was ist das, Drücker?«</p> + +<p>»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, +daß es Puppenköpfe gibt.«</p> + +<p>»Helfen Sie auch drücken?«</p> + +<p>»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die +Puppen gibt. Und die Kinder helfen auch, sie wenden +um und stopfen aus mit Sägespänen.«</p> + +<p>»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?«</p> + +<p>»Dann haben sie noch keine Augen und –«</p> + +<p>»Wer macht die Augen?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze +Schachteln voll her in allen Größen, die muß der Augeneinsetzer +hineinmachen.«</p> + +<p>»Ist das das Letzte?«</p> + +<p>»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen +und die Lippen, und die Friseurin muß die Haare aufsetzen, +dann wird erst der Kopf auf den Balg geleimt.«</p> + +<p>»Das kann Ihr Mann nicht?«</p> + +<p>»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er +in die Industrieschule geschickt worden, hat schon Köpfe +und all die Formen machen lernen, aber dann ist sein +Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben +müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist +halt auch wieder Drücker geworden. Mein Mann war +von den besten einer auf der Schul’, aber er hat halt heim +müssen, die Not ist gar groß bei uns.«</p> + +<p>»Wieviel verdienen Sie in der Woche?«</p> + +<p>»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist’s mehr, bald +weniger. Es gibt Wochen im Winter, da bekommt man +gar keine Bestellung.«</p> + +<p>»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel +bringen Sie es in der Woche, Sie mit Mann und +Kindern?«</p> + +<p>»Die vorige Woche hab’ ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, +es ist auch schon auf dreißig gestiegen, aber da muß +man schon die Nacht durcharbeiten. Und davon müssen wir +alles selbst anschaffen, was wir zu den Puppen brauchen, +gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht dafür +wieder hinaus und man bringt’s fast nicht dazu, daß man +sich für den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt +sich jetzt schon wieder darum; ich nicht, im Sommer mag +ich gar nicht an den Winter denken, sonst wird man ’s +ganze Jahr nicht froh.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>»Ist Ihr Mann gesund?«</p> + +<p>»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom +Papiermasché und von den Sägspänen, aber krank ist er +nicht, gottlob.«</p> + +<p>Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige +Nahrung fehlt halt da außen auf dem Land, in der Stadt +essen sie besser.«</p> + +<p>»Ja, Fleisch gibt’s nicht viel bei uns, der Kaffee und +die Kartoffeln sind die Hauptsache, bei uns heißt’s: Kartoffeln +in der Früh, zu Mittag in der Brüh, des Abends mitsamt +dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!«</p> + +<p>Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde +steiler und eine Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, +bis sie die Höhe erreicht hatten, wo sie wieder +auf die Landstraße einmündeten und von der Ferne einzelne +schiefergraue Dächer sichtbar wurden.</p> + +<p>»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der +Herr noch weiter heut’?«</p> + +<p>»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und +dann will ich Ihren Mann aufsuchen.« Er blieb stehen +bei diesen Worten und sagte, indem er Frau Greiner +ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, +daß ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen +will. Es ist vielleicht gut, wenn ich Ihnen vorher schon +sage warum. Ich möchte so eine Familie, die den ganzen +Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika. +Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, +es ist gar nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, +warum wir die Puppen alle so weit her holen sollen, das +könnten wir drüben auch machen, wenn wir nur die Leute +dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der besten +Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr +hindurch versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin +<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>schon mit dieser Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls +Leute von hier mit. Wenn Sie klug sind, reden Sie +Ihrem Manne zu.«</p> + +<p>Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos +an. Der junge Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar +nimmer reden, es versetzt Euch den Atem, gelt? Dreimal +soviel und das ganze Jahr hindurch, das wäre nicht schlecht!«</p> + +<p>»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner +hinzu.</p> + +<p>»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das +vierte ist ein Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.«</p> + +<p>»Das bleibt hier. Dazu gibt’s Waisenhäuser. Aber +Ihre eigenen drei gehen mit. Die Kinderarbeit will ich bei +uns auch einführen, dazu brauchen wir deutsche Kinder, die +es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon absehen. +Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und +lassen Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn <em class="gesperrt">Sie</em> nicht +gehen, so finde ich genug andere, die gerne gehen. Wie +heißen Sie?«</p> + +<p>Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte +der Frau einen Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort +für ihn einlege, und schlug die kleine Straße ein, die hier +von der Oberhainer Straße abzweigte.</p> + +<p>Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab’ ich +nun das alles geträumt oder ist’s wahr?« sagte sie zu Georg. +Es mußte wohl wahr sein, denn Georg behauptete, sie habe +ein unerhörtes Glück und sie hätte nur gleich »ja« sagen +sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum +sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?</p> + +<p>»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz +wie aus den Wolken gefallen, denk nur, alle miteinander +übers Meer, die weite Reise! Aber schön müßt’s sein, was +könnt’ man da alles sehen, und ganz freie Überfahrt und +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch +nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab’, er +wird doch auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?«</p> + +<p>Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte +es nicht mehr erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, +gerade beim Wirtshaus, trennte sich ihr junger Begleiter +von ihr. »Sag’s noch niemand, Georg, weißt, es gibt so viel +Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie ihm noch an; +aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben +im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige +Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt.</p> + +<p>Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, +mit der die junge Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach +rechts und nach links und grüßte mit besonderer Herzlichkeit +die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in dem +Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie +würde sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die +schlechte Einnahme war ganz überwunden durch die Hoffnung +auf zukünftige Reichtümer, und dann hatte sie ja auch noch +den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis, wenn +ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte.</p> + +<p>Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und +als sie die Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten +mit der Nachricht begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag +geschrien. Da lag das arme Büblein in seinem schönen +Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und kreischte wie ein +Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit, die +große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt +hatte, sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur +schnell die guten Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden +und den Kleinen auf den Arm genommen. Lange +wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein Hering +hat er heut’ mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er +gleich nichts davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut’s +weh; gelt, ja, das sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet +nicht, sei nur still, mein Schatz, ich kauf’ dir Milch, still, still! +Marie, spring in Gottes Namen und hol’ noch einmal Milch; +geh zu Bauers hinüber, von der schönen weißen Geiß sollen +sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen dafür. Nimm +so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm’s gut bekommt; +still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; +sollst es gut haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja +doch bald ins Waisenhaus. Still, mein Waislein, still!«</p> + +<p>Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und +Frau saßen beisammen und sprachen von dem großen Plan, +den Frau Greiner mitgeteilt und warm befürwortet hatte. +Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer nahm, +wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an +ihn herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle +in einen andern Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit +ihm; wenn seine Frau gegen alle seine Bedenken etwas vorgebracht +hatte, so fing er beim ersten wieder an. Als sein +Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex +mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten +wir das arme Kind unter?« fragte Greiner. Dann kam noch +ein weiterer Bundesgenosse, das war der Husten: »Siehst +doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er, »Kranke bleiben +am besten daheim.«</p> + +<p>Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, +ich will dich auch nicht in die Fremde treiben, so bleiben +wir halt hier und den Taler geb’ ich dem Herrn wieder +zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich, die Hungerleiderei +nimmt hierzulande kein End’, nur zwölf Mark hast +heut’ heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! +Leicht könnt’ man’s schöner haben in Amerika. Wieviel +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>sagst, den dreifachen Lohn, und alles will er schriftlich +machen? Es ist wohl wert, daß man sich’s überlegt.«</p> + +<p>So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu +keinem Entschluß. Es war eine schwüle Sommernacht, +das Fensterchen der Schlafkammer stand offen. In seinen +schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen +Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war +ihm, als sähe er dies alles zum erstenmal. Schön war’s +doch im Thüringer Wald und leicht wäre es nicht, davonzugehen. +Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum Bewußtsein, +und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein +und sie lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, +auch sie sah still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« +sagte er, »kannst nicht mehr das Lied: ›In allen meinen +Taten laß ich den Höchsten raten, der alles kann und weiß‹; +wie geht’s da weiter?« Sie brachten den Vers zusammen, +und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt +gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.</p> + +<p>Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am +Tisch saß und die Mutter den Kindern ihren Teil von +der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten sich feste +Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: +»Der Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der +eintrat, war ein anderer Gast, ein ganz unwillkommener. +Es war der Steuerbote. Ein finsteres Gesicht hatte er, +vielleicht kam’s daher, daß er selbst so oft mit finsterer +Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; +der Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner +stand auf, ging an die alte Kommode und schloß sie auf. +Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah sie in sein +Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher +ein Käßchen öffneten. »Vater, reicht’s?« fragte sie ganz +leise und blickte besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>es war auch nicht nötig, man merkte ihm auch ohne +Worte die Verlegenheit an.</p> + +<p>Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles +haben wir nun freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte +er entschuldigend. »Der Herr wird schon zufrieden sein,« +setzte freundlich Frau Greiner hinzu, »er bekommt später +den Rest, andere haben’s auch nicht beisammen.«</p> + +<p>»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar +oder dergleichen besitzen,« sagte scharf der Beamte und +sah sich im Zimmer um. Das war ein unheimlicher Blick. +Er blieb haften auf Alex’ Kinderwagen. »Da haben Sie noch +ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.</p> + +<p>»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter +Festigkeit. Schon manchmal war der Steuerbote +mit geringem Betrag abgezogen, aber heute war er +so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den +Taler herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben +hatte. Sie hatte ihn so schön in einem besonderem Büchschen +aufgehoben; es half nichts, er mußte eingewechselt +und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann +verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau +ihm nach. »Er wittert das Geld,« sagte sie, »er hat’s +nicht wissen können, daß wir noch etwas haben, aber er +hat’s gespürt, daß Geld im Haus ist.«</p> + +<p>»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man +wahrhaftig gern aus dem Land.«</p> + +<p>»So mein’ ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist +ein Fingerzeig, wir gehen auch fort.«</p> + +<p>»Ja, und das gern.«</p> + +<p>»Bist entschlossen? Im Ernst?«</p> + +<p>»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«</p> + +<p>»Kinder, Kinder, denkt’s euch nur, wir gehen nach +Amerika!« rief die Mutter.</p> + +<p><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Jetzt gab’s Fragen und Verwundern und eine Aufregung +war in der kleinen Familie wie noch nicht leicht. +Daß der Alex nicht mit durfte, das kam allen hart vor, +aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg +wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; +ihre Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder +gehabt, die sollte das arme Waislein nur nehmen.</p> + +<p>Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem +Tag: »Wenn er nur auch Wort hält, dein Amerikaner!« +worauf dann seine Frau entgegnete: »Denk nur an den +Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag +nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.</p> + +<p>Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, +daß die ganze Familie Greiner auswandern würde +nach Amerika. Dafür hatte schon Georg gesorgt. Öfter +als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf, +die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, +wie sich die Sache verhielt, und es wurde in Greiners +Stübchen mehr gesprochen als gearbeitet in diesen Tagen; +Greiner drückte zwar unermüdlich seine Puppenköpfe aus +und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in +Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. +Aber seine Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre +Puppenbälge; sie dachte nur immer an die Zukunft und +wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die Kinder +liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die +Reisenden, die übers Meer wollten. Einmal kam Georg +herein und erzählte, daß ein Kamerad aus dem Nachbarort +von dem Amerikaner erzählt habe. Ein vornehmer Herr +sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert, +daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg +zurück wolle.</p> + +<p>Dienstag abend war’s. Die Kinder lagen schon im +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Bett, Greiner und seine Frau hatten auch Feierabend gemacht. +Er stand vor der Haustüre und rauchte sein Pfeifchen; sie +nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort noch zum Trocknen +am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann, +als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann +langsam und bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen +zukommen sahen. Die Frau bemerkte ihn zuerst, stieß +ihren Mann an und sagte: »Der Schulze kommt zu dir.«</p> + +<p>Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein +mochte und mit seinen weißen Haaren einen ehrwürdigen +Eindruck machte, war der Ortsvorsteher von Oberhain, +der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies +Amt, daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht +mehr erinnern konnten, wo Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand +war. Greiner nahm die Pfeife aus dem +Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, +und grüßte den Alten, der nun zu ihnen trat, um ein +Wort mit ihnen zu sprechen. Ins Haus wollte er nicht, +er war noch rüstig, stand fest und gerade und erschien in +seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den +Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte +von Greiner selbst hören, was wahr sei von dem Gerede, +daß sie nach Amerika übersiedeln wollten. Frau Greiner +mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem Amerikaner +erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet +hatte.</p> + +<p>»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.</p> + +<p>»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner +Frau gesagt hat, und wenn er alles schriftlich vor dem +Notar macht, dann wären wir entschlossen zu gehen,« war +Greiners Antwort.</p> + +<p>Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes +Gefühl, als ob der Mann, der nun schweigend +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand, nicht einverstanden +wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch natürlich, +daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn +man kann, nicht wahr? Und wenn einem jemand sagt, +du kannst 60 Mark verdienen statt 20, so wäre man doch +nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte, ist’s +nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, +alles hat man ihm verpfändet! Und meinen Kindern +wird’s auch einmal nicht besser gehen, wenn wir sie nicht +fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«</p> + +<p>Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend +genickt, wer kannte besser als er die Armut im Dorf! »Ja, +ja, ja,« sagte er nun langsam und bedächtig, »wenn nur +<em class="gesperrt">eines</em> nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika unser +Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, +die wir jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen +Puppen kommen lassen? Wenn die Amerikaner nicht +mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste Kundschaft +weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner +in <em class="gesperrt">einem</em> einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach +Amerika kommen lassen und gerade am meisten von der +Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der Bürgermeister +von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber +gesprochen und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, +Greiner, wie mir’s vorkommt, wenn Ihr geht? Da oben +hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus für +alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir’s vor, als +wolltet Ihr hingehen und die Quelle verschütten, daß der +ganze Ort kein Wasser mehr hat.«</p> + +<p>Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« +sagte sie, »wegen der Quelle dürfen Sie keine Sorge +haben, das tät mein Mann nie, mit dem Graben ist’s +ohnehin nicht viel bei ihm.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>»Magdalene, was red’st so ungeschickt,« sagte Greiner, +»das ist nur so sinnbildlich gesagt!«</p> + +<p>»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das +Wort, »es ist zum Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht +und zeigt’s den Amerikanern, wie sie’s machen sollen, +so ist’s eine Gefahr für unsere Einnahmequelle. Für <em class="gesperrt">Euch</em> +könnt’s ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann’s +zum Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern +Verdienst als ihre Puppen, das wollt’ ich Euch zu bedenken +geben, darum bin ich heraufgekommen.«</p> + +<p>Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er +wohl etwas gegen diese Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst +wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt entgegnete er etwas. +»Wer weiß, ob’s dem Herrn Amerikaner gelingt da drüben?« +fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade +so einführt, wie’s bei uns seit hundert Jahren oder wer +weiß wie lang schon ist.«</p> + +<p>»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt’s +ihm nicht, so werdet auch Ihr Euer Glück nicht machen, +Ihr werdet ihm bald zur Last sein. Gelingt’s aber, die +Industrie dort einzuführen, dann ist’s der helle Schaden +für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war +einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber +ihr Mann? Sie mußte sich nur wundern, er war halt +doch ein ganzer Mann, sogar mit dem Schulz konnte er’s +aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu reden.</p> + +<p>»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas +Zeit. Bis die da drüben die Kunst so los haben, wie +wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin, und bis das dann +im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von +dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, +da kann’s noch lang dauern, bis dorthin leben +wir wohl nicht mehr.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt +niemand,« sagte sie zustimmend.</p> + +<p>»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert +zur Frau. »Mir kommt’s nicht soviel vor, so zwanzig +Jährlein, und an die Nachkommen muß man auch denken. +Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da +oben frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die +Kinder, für die Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen +wir unser Holz her? Von <em class="gesperrt">den</em> Bäumen nicht, die wir +gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür gesorgt, die +lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da +wir so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen +Verdienst nicht den Amerikanern bringen. Warum? – +weil unsere Enkelkinder auch noch essen wollen!«</p> + +<p>Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß +die Enkelkinder auch noch essen wollten, das war berechtigt.</p> + +<p>»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, +»am Unglück vom Dorf möchte ich nicht schuld sein.«</p> + +<p>»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es +wäre gar kein Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. +Wenn aber der Amerikaner eine andere Familie +mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.</p> + +<p>»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, +»unsere Leut kenn’ ich und will schon mit ihnen reden, und +wegen der Nachbarorte will ich schon sorgen; wenn man +mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern und +Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann +wird der Amerikaner auch nichts erreichen.«</p> + +<p>Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend +das Schreien des kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ +sich auch noch der Johann vernehmen und die Mutter ging +hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?« fragte Ruppert.</p> + +<p>»Ja, mein Schwesterkind ist’s.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«</p> + +<p>»So ein Kostkind ist’s nicht, für das man Kostgeld +bekommt, wir haben’s bloß aus Barmherzigkeit, weil die +Eltern tot sind und das Vermögen verloren.«</p> + +<p>»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? +Der Mann Eurer Schwester war doch reich?«</p> + +<p>»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns +halt das Kind geschickt. Gewollt haben wir’s nicht; das +große Mädchen hätten wir gern genommen, aber der Kleine +ist ihnen übrig geblieben.«</p> + +<p>»Der Vormund hat sich’s leicht gemacht. Etwas Kostgeld +hättet Ihr Euch ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, +Greiner. Wenn morgen wirklich der Amerikaner kommen +sollte, so sagt’s ihm nur, er könne sich die Mühe sparen, +in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner +mit, die halten alle fest zusammen gegen Amerika.«</p> + +<p>»Ja, ja, das tun wir auch.«</p> + +<p>Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel +des Sommerabends, und Greiner kehrte in die Hütte des +Elends zurück, aus der hinaus er sich geträumt hatte.</p> + +<p>Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach +Mitternacht erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: +Hungrige Enkelkinder wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. +Sie fuhr auf in ihrem Bett: da stand ihr Mann am Wagen +des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen sanft +hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu +ihr, »es ist ja <em class="gesperrt">meiner</em> Schwester Kind.« Da legte sie sich +behaglich und sagte schon wieder halb schlafend: »Es ist +recht, Elias, du wirst nicht so müd sein wie ich.«</p> + +<p>Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, +schon miteinander anfingen zu plaudern von der Reise +übers Meer, da war’s doch traurig, ihnen sagen zu müssen, +daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt sei, daß +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie +bisher. Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu +verstehen; als sie aber gar nicht abließen, danach zu fragen, +half sich die Mutter auf ihre Art und sagte: »Kinder, seid +zufrieden, da drüben gibt’s noch Menschenfresser.«</p> + +<p>»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«</p> + +<p>»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« +Da gaben sie sich zufrieden.</p> + +<p>Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts +anderem die Rede gewesen als davon, daß Greiners übers +Meer gingen, und dann, daß sie nun doch nicht gingen, +weil Ruppert gesagt habe: keiner, der’s mit Oberhain +gut meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser +Herr, nichts ahnend von der Stimmung, die gegen ihn +gemacht worden war, am Mittag ins Dorf kam, sahen +ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher +zum Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm +die Wohnung des Drückers Greiner zu zeigen, nach der +er fragte.</p> + +<p>Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner +schon unbehaglich bei dem Gedanken, daß der Herr nun +abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal wollte sie +von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle. +Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp +immer wieder vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein +Fremder die Dorfstraße heraufkomme, und richtig, so +gegen Mittag war es, da kam er hereingerannt und rief: +»Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen Kerl auf +dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen +Anzug und dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. +Er mußte sich bücken, als er durch die kleine +Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer als +Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Frau ihre Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur +um so eifriger an ihren Puppenbälgen nähte, als ob sie +der Besuch nichts anginge.</p> + +<p>Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte +sich gleich an sie: »Wie geht es, Madame Greiner?« fragte +er; »haben Sie meinen Vorschlag Ihrem Manne mitgeteilt? +Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«</p> + +<p>Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann +auf, und der antwortete an ihrer Stelle: »Sie hat’s schon +getan, daran hat sie’s nicht fehlen lassen; es wäre auch +nicht so ohne, elend genug ist’s bei uns, wie Sie sehen. +Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht +gehen.«</p> + +<p>»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und +ich. Ich denke mir wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden +Mann, wie ich bin, vertrauen wollen, und auch ich +müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug sind, +und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen +jetzt erst an, Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß +reden. Sie dürfen mir selbst einen Notar vorschlagen, mit +dem wir die Sache besprechen wollen.«</p> + +<p>»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, +»wir Oberhainer gehen nicht hinüber.«</p> + +<p>Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß +die Sache doch wohl schon reiflich überlegt war.</p> + +<p>»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen +Vertrauen entgegengebracht, ich darf wohl auch von Ihnen +Vertrauen erwarten?«</p> + +<p>Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die +Puppenindustrie nicht nach Amerika bringen und dadurch +sein Heimatland schädigen wolle; auch dann nicht, wenn +er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er dächten +auch die andern Familien im Ort.</p> + +<p><a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder +an sein Geschäft – die Pause war schon lang gewesen für +einen Wochentag, auch die Kinder rührten wieder die Hände. +Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie wandte +mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, +und der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche +Familien hätte er gerne gehabt, drüben in seinem Wald: +Leute mit solch ehrenwerter Gesinnung und mit solchem +Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren in solch +ärmlicher Umgebung.</p> + +<p>Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf +und beschämt zog sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: +»Etwas fehlt an dem Taler, den Sie mir gegeben haben,« +sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm dahergekommen +ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt +haben.«</p> + +<p>»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum +Schulzen,« sagte Greiner, »er soll dir darauf legen, was +fehlt, bis nächsten Samstag. Der hat’s und tut’s gern.«</p> + +<p>»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht +ausgemacht, daß ich den Taler wieder bekomme. Es war +ein Geschenk.«</p> + +<p>Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog +von dannen, zum Ort hinaus, ohne einen Versuch bei +andern Familien zu machen. –</p> + +<p>In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den +ganzen Morgen ein Bursche herumgestrichen: Georg, der +junge Fabrikarbeiter, der bei der ersten Begegnung mit +dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden +hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der +Fabrik zu entschuldigen. Als aber der Amerikaner den +Ort verließ, folgte ihm Georg mit seinem bösen Fuß erstaunlich +schnell. Der Amerikaner ging mit langen Schritten +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, +bis das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. +Dann eilte er vorwärts, versicherte sich noch einmal, +daß niemand des Weges kam, lief dem Fremden nach und +redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort. Einen Augenblick +dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht bereute +er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.</p> + +<p>»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht +nach Amerika mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft +aufgewachsen und ich wüßte noch einen Burschen +und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch bereit, +mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die +Leute in Amerika anweisen.«</p> + +<p>Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr +auch den Grund,« fragte er, »warum die Familie Greiner +nicht mit mir zieht?«</p> + +<p>»Ja wohl weiß ich’s, daß sie unser Dorf nicht um +seinen Verdienst bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, +ich denke: Jeder ist sich selbst der Nächste, und soviel ich +von Amerika weiß, denken sie da drüben auch so und +machen Geld, soviel sie können.«</p> + +<p>»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. +»Es ist auch das Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal +Deutsche mitnehme, dann will ich <em class="gesperrt">richtige</em> Deutsche, +die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen haben, +die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. +Sie sind kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: +Sie würden auch für mein Geschäft kein Herz haben, sondern +würden mich verlassen, sobald Ihnen ein anderer +einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«</p> + +<p>Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach +der andern Seite der Straße und hatte keinen Blick mehr +für Georg. Der stand da, halb zornig, halb beschämt, +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich +dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt +begegnete, der konnte eher glauben, daß er einen bösen +Fuß habe.</p> + +<p>Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer +schwer auf dem Menschen, aber am schwersten trägt er +daran, wenn er einen Augenblick gemeint hat, er habe die +Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue aufgebürdet +wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers +in den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an +den Plan der Auswanderung verblaßte und sie wieder +eingewöhnt waren in das alte Elend!</p> + +<p>Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er +nahm nicht zu und wurde nicht kräftig wie andere Kinder +seines Alters. Wenn gerade Geld und Zeit übrig war, +so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut gepflegt, +wie’s eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel +im Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der +Kleine wieder mit Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe +trinken wie die andern Kinder auch. »Er verträgt’s nicht,« +sagte dann Greiner und sah trübselig auf das Kleine, das +bei Nacht <em class="gesperrt">sein</em> Pflegekind war.</p> + +<p>»Nein, er verträgt’s nicht, er ist an seinen Soxhlet +gewöhnt,« sagte die Mutter. »Aber gut ist’s, daß er’s nicht +weiß und nicht bös auf uns ist, gelt du Kleiner, gelt du +magst uns doch? Hast’s ja so gut bei uns, kein Mensch darf +dir was tun! Und am Sonntag, da wird’s lustig, da fahren +wir dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, +gelt du freust dich, kleiner Schelm?«</p> + +<p>So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der +Hand zu legen, und lachte ihm freundlich zu, und Marie, +Philipp und Johann machten es der Mutter nach. Dann +lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb hatten und +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht +so im Drange der Arbeit.</p> + +<p>Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, +das die Puppen zu Weihnachten nach Amerika bringen sollte, +war abgefahren, und was unsere kleinen Leute gearbeitet +hatten, war nun auf der Reise in aller Herren Länder. +Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg +gaben keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im +Winter, aber es war immer wieder ein Schrecken für die +Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und doch konnten sie +die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker mußte +bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der +man den ganzen Sommer versprochen hatte, daß sie auch +einmal geputzt werden sollte, wurde nun rein gemacht. +Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes Hemd +mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber +die Kost wurde immer schmäler.</p> + +<p>Um die Weihnachtszeit war’s am schlimmsten. »Marie, +geh zum Krämer,« sagte die Mutter, »hol einen Hering +zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit, was er mehr +kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück +mit leeren Händen. »Er gibt’s nicht mehr auf Borg; es +wird ihm gar zuviel, sagt er; aber ich soll ein Töpfchen +bringen, von der Heringsbrüh wolle er mir geben um drei +Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch +gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst +mehr,« sagte Frau Greiner. Aber der Krämer war auch +gescheit; er machte den Topf nur zur Hälfte voll.</p> + +<p>»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie +sie zu den Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt’ +meinen, man hätte einen Hering, so stark schmeckt sie.« +»Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach merkt man’s doch, +daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn +die gute Einnahm’ kommt, dann holen wir wieder Speck.« +So wurde schon im Dezember die harte Arbeitszeit wieder +ersehnt.</p> + +<p>Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das +Eis glitzerte an den Bäumen, aber doch wanderten gar +viele Dorfbewohner durch den winterlichen Wald, Sonneberg +zu, das Christfest in der Kirche zu feiern. Auch Greiner +und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen +sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, +denn sie wußten von vergangenen Jahren: Vater und Mutter +kehrten nach der Kirche bei der Großmutter ein, und die +schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und diese Freude +warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder, +das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete +eine Stunde nach der andern, unfähig an etwas anderes +denken zu können, als an den Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand +in den Hausgang herein; der Postbote, dick beschneit, +erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah, +rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist +ein Paket, ist wohl ein Christstollen darin. Daß ihr’s nicht +aufmacht! Ich leg’s lieber da hinauf.« Und der Bote legte +den Pack oben hin auf den Kleiderschrank und ging. Das +war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie, +der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf +nach dem großen Paket in seinem braunen Packpapier und +wiederholten, was der Postbote gesagt hatte: »Es ist wohl +ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das Paket näher +besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack +auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben +und darum fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, +so daß der Philipp schrie und froh war, als er glücklich +wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie auf +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben +und sahen hindurch, ob denn die Eltern immer und immer +noch nicht kämen.</p> + +<p>Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; +der Vater kam hustend und frierend gleich auf den Ofen +zu, die Mutter konnte nicht vorwärts kommen, so wurde +sie bedrängt und umringt von den Kindern und ihr Korb +bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im +Wagen tat einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder +sah, und auch er bekam von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn’s +ihm nur gut bekommt, gib’s ihm lieber nicht,« sagte Greiner +sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau: »Ich werd +doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle +einen essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: +da, mein Bübchen, da, heute ist Weihnacht!«</p> + +<p>Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen +die Kinder sogar das Paket vergessen lassen, aber noch mit +dem ersten Bissen im Mund verkündeten sie das Ereignis. +Philipp sprang wieder auf den Stuhl und Marie wehrte +ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und +unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. +Alle drängten sich heran und mit unbeschreiblichem +Jubel wurde der Christstollen begrüßt, den der Postbote +prophezeit hatte, und was auch dieser nicht geahnt hatte: +ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch +etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.</p> + +<p>Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte +dem kleinen Alex das Kleid gemacht, der ganzen Familie +zum Gruß für die Feiertage den Stollen gebacken und +ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief +voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling +und ob ihn auch alle lieb hätten. Da umringten sie den +Kleinen im Gefühl, daß sie ihm das alles verdankten, und +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut, als sich all +die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das +schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; +so war er nicht gewachsen und gediehen, wie sich’s wohl +Fräulein Elisabeth vorgestellt hatte. »So sollte er halt +jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das Kleidchen gut +auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte +die Mutter und verwahrte es sorgsam.</p> + +<p>Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene +abgemagerte Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen +wurden, und wie schmeckte diese ganze Woche die +Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche Stollen dazu +eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, +den Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein +Elisabeth im Namen der ganzen Familie aussprach! –</p> + +<p>Januar war’s, kalte kurze Tage und keine Arbeit im +Haus. Nicht einmal bei Nacht konnte man die Sorgen +verschlafen, denn Alex war krank. Eine Frau im Dorf +hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen +auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß +er in der stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem +er auf das schöne Kind seiner verstorbenen Schwester sah +und sich fragte, ob es wohl bald seiner Mutter nachfolgen +würde, kam den Mann, der jahraus jahrein handwerksmäßig +die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen +an, dies Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte +er nur Wachs gehabt, wie er es in seinen jungen Jahren +auf der Schule verwendet hatte, so hätte er sich’s wohl +zugetraut.</p> + +<p>Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden +Tag nach Sonneberg in die Industrieschule wanderten. +Dort lernten sie Menschen und Tiere aus Wachs bilden. +Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens +vors Haus, paßte einen der Burschen ab und am Abend +hatte er schon, was er brauchte zu seinem Vorhaben.</p> + +<p>Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie +hatte es ihm Freude gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, +die ihm die Fabrik übergab; denn die Puppenköpfe, +die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte +sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er +eine Arbeit, die ihm Freude machte; er konnte etwas +Schönes schaffen, wie vor zwanzig Jahren, wo er auf der +Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran und +nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, +das Ähnlichkeit hatte mit dem des kleinen Alex. Aber +als er es am nächsten Morgen heimlich bei Tageslicht +ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl waren +die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, +die dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz +verlieh, die fehlte. Mit einem einzigen Druck der Hand +zerstörte er die Arbeit der vergangenen Nacht; er hielt +wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos +beiseite.</p> + +<p>In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde +und dann im Weinen innehielt und verlangend die Arme +nach ihm ausstreckte, war Greiner wieder ergriffen von +dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war +das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht +widerstehen, setzte sich an die Arbeit, formte aufs neue +und allmählich kam’s ihm in die Finger, daß er das zum +Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich sah. Ja, +nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete +er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, +er stellte es oben auf den Kleiderkasten; er wollte hören, +was seine Frau dazu sagen würde.</p> + +<p><a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten +weder die Frau noch die Kinder beim Aufstehen das kleine +Köpfchen, das auf dem Schrank stand, und Greiner hatte +eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte er +beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine +Frau ihn verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, +daß er so vergnüglich dreinschaute, es war ihr +schon lieber als das sorgliche und grämliche Gesicht, das +sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie +sich zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu +holen. Der Vater horchte auf ihre Schritte – richtig, +jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor dem Schrank +stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was +steht denn da oben?«</p> + +<p>»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«</p> + +<p>»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«</p> + +<p>Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp +sprang neugierig in die Kammer. »Ein Puppenkopf ist’s,« +rief er, »aber kein solcher,« und er deutete auf die, welche +sein Vater auspreßte.</p> + +<p>»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder +hast du etwas hinaufgestellt, Elias?«</p> + +<p>»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen +Lächeln. Jetzt ging die Mutter selbst hinaus und +Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob Frau Greiner +das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; +die Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das +ist gar kein Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp +sagen, »das ist ja der Alex.«</p> + +<p>»Gerade hab’ ich’s auch gedacht,« rief die Frau, +»unser Alex, ja ganz wie er leibt und lebt.«</p> + +<p>Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie +sie’s gar nicht gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>fragte seine Frau und kam zu ihm mit dem kleinen Kunstwerk +in der Hand.</p> + +<p>»Mich freut’s halt, daß ihr’s erkannt habt. Bei +Nacht hab’ ich’s gemacht, daß wir doch ein Andenken +haben, wenn der Kleine sterben sollte,« setzte er schon +wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise hinzu.</p> + +<p>»So steht’s nicht um ihn, daran brauchst gar nicht +zu denken.« Sie trat an den Wagen, das Kind schlief, +sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut erraten hast’s, +wirklich gut!«</p> + +<p>»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das +würde schönere Puppenköpfe geben, als die alten da?«</p> + +<p>»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt’ man das +anstellen?«</p> + +<p>»Einen andern Weg wüßt’ ich nicht, als daß man den +Kopf den Fabrikherren zeigt, ob er einem von ihnen so +gut gefiele, daß er Formen danach machen ließe.«</p> + +<p>»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen +Kopf hat mancher schon viel Geld bekommen.«</p> + +<p>»Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, +du mußt ihn halt in die Stadt tragen; meine Liebhaberei +ist das nicht, zu den Herren zu laufen, die einen +vielleicht kurz abweisen.«</p> + +<p>Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, +ob es <em class="gesperrt">ihre</em> Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es +gab ja eine ganze Anzahl von Fabrikanten in Sonneberg; +ihre Schwester wollte sie fragen, an wen sie sich wenden +sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk +wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und +am folgenden Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück +in der Stadt zu versuchen.</p> + +<p>Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, +daß es ihm nie mehr an Milch fehlen sollte, wenn +<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>sein Abbild einen Käufer fände. Leichtfüßig ging sie aus +dem Haus – Arbeit war nicht abzuliefern, der große +Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines +Körbchen, in dem der Schatz geborgen war, ein großes +Tuch um Kopf und Brust geschlungen, das die Winterkälte +abhalten sollte, so verließ sie ihr Heim. Der Mann +blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn +sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur +darum, ob sie etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen +heimbringen würde; heute aber war die große +Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren Händen +beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder +gar eine große Summe erhalten würde?</p> + +<p>Einmal war’s ja vorgekommen im Dorf – das mochte +aber schon dreißig Jahre her sein – daß einer ein reicher +Mann geworden war durch einen besonders hübschen +Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner zumute +wie einem, der ein Los genommen, auf das er +große Hoffnungen setzt, und nun sieht er der Ziehung +entgegen – wird’s eine Niete sein, ein Gewinnst oder +gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen +Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war +er verflogen! Nun ja, auch <em class="gesperrt">der</em> schöne Traum würde +wohl heute abend vorbei sein. Seine Frau wird den +kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen und +sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten +ja in Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere +machen? Die alten Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht +viel besser, sie lachten seine Frau wohl aus. Mit all +seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner Frau, +nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah +und hörte kaum, was sie trieben.</p> + +<p>Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und +<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>suchte Mutter und Schwester auf. – Auch bei diesen stockte +in dieser Jahreszeit die Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen +und ruhte, die Schwester flickte, friedlich und still war’s +im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde Frau +Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie +angenehm erwärmte nach dem langen Marsch durch die +Kälte. Sie hatte schon erzählt, was sie heute in die Stadt +trieb, aber das Kunstwerk war noch im Korb.</p> + +<p>»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte +Frau. Sorgsam nahm ihn Frau Greiner heraus, gespannt +sah sie auf der Mutter prüfendes Gesicht. »Da +spar’ dir nur die Müh’, Magdalene,« sagte sie jetzt, »das +ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein +Kinderkopf, den nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht +der Greiner in die dreißig Jahr Köpf’ und weiß noch +nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest’s ihm wohl sagen +können, hast’s denn du nicht gesehen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, +als sonst die Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, +so wären sie schöner.«</p> + +<p>»Wie, laß mich’s doch auch recht sehen,« sagte die +Schwester und stellte den Kopf an das Plätzchen, an dem +sie sonst jahraus jahrein den Köpfen ihren Haarschmuck +zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie dagestanden,« +sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade nicht. +Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär’s doch +nicht unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging’ ich hin, +der ist fürs Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann +nimmt ihn keiner.«</p> + +<p>»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« +fragte Frau Greiner.</p> + +<p>»Bis ans Haus begleit’ ich dich und wart’ unten; +hinauf möcht’ ich grad nicht, sie sind oft so barsch.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. +Das Haus war geschlossen, am Glockenzug blieben sie +zögernd stehen. »Meinst du nicht, man lacht mich nur aus +mit meinem elenden Köpfchen? Sollt’ ich’s nicht bleiben +lassen? Der Mutter hat’s ja gar nicht gepaßt.«</p> + +<p>»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm’, wär’s +freilich besser, als wenn man so extra und großartig die +Glocke zieht.« Eine Weile standen sie zaghaft auf dem +kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim +denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann +mit all seinem Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes +Namen hinein,« sagte sie, »ich könnt’ mich ja vor meinem +Elias heut’ abend nicht blicken lassen.« Sie läutete; die +Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt +zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit +der Aufschrift »Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, +wo an großen Stehpulten zwei Herren schrieben.</p> + +<p>»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick +den Kopf erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. +Schüchtern und unsicher brachte Frau Greiner ihr Anliegen +vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr Mann gemacht, weil +sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt’ er’s +gemacht, wie’s leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner +Schwester Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.</p> + +<p>»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was +wollen Sie denn eigentlich?« fragte der Schreiber.</p> + +<p>»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht +kaufen würde?«</p> + +<p>»Kaufen? Ja, zu was denn?«</p> + +<p>»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. +Mein Mann ist Drücker in Oberhain.«</p> + +<p>»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen +schön ausdrücken; aber die neuen Köpfe, das könnt’ er +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>wissen, die bezieht Herr Weber nicht von den Drückern +da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert, +von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der +Kunstschule. So etwas muß gelernt sein, gute Frau. +Jetzt gehen Sie nur heim und machen Sie Ihrem Waisenkind +Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der +jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber +Frau Greiner war nicht empfindlich; es waren eben junge +Herrn, die machten sich gern lustig, das nahm sie nicht +schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den Kopf. Sie +nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der +Herr Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf +zeigen könnt’?«</p> + +<p>»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach +dem Köpfchen. »Herr Weber hat genug neue Muster, +fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es ja hier in +jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann +Ihnen eine zeigen.«</p> + +<p>Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, +und dabei sagte sie ganz treuherzig: »Es wär’ mir doch +recht gewesen, wenn ich den Herrn Weber hätt’ einen +Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs Neumodische +ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz +weich ist er noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau +Greiner mit. »Sie haben halt noch gut lachen,« sagte +sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist’s +schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm’. +Man könnt’s Geld so nötig brauchen und er hat schon +wunder gemeint, wieviel ich ihm heimbring’! Der macht +böse Falten hin!«</p> + +<p>Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: +»So gehen Sie eben hinauf und bitten Sie Herrn Weber, +daß er einen Augenblick herunterkomme.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß +Herr Weber nun auf einmal zu Hause war. Gleich packte +sie ihr Köpfchen wieder aus.</p> + +<p>So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun +eintrat und zu Frau Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr +Mann gemacht? So lassen Sie mal sehen.« Und während +er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es +fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr +Mann?«</p> + +<p>»Elias Greiner.«</p> + +<p>»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat +er’s gelernt?«</p> + +<p>»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul’.«</p> + +<p>»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«</p> + +<p>Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen +von Frau Greiner leuchteten ordentlich, aber was sollte sie +antworten? »Ich weiß nicht, was ich verlangen soll,« +sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit seinem Buchhalter +leise verhandelt.</p> + +<p>»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis +machen,« sagte der Fabrikant.</p> + +<p>Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk’ halt +so,« sagte sie; »Fabriken gibt’s hier in jedem dritten Haus, +ich könnt’ überall fragen und es dem Herrn geben, der’s +am besten bezahlt.«</p> + +<p>Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant +wandte sich ernsthaft an sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, +Frau, und Sie können es Ihrem Mann ausrichten: der +Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben, +aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen +können. Es ist kein Puppenkopf, wie man es gewohnt +ist. Ihr Mann soll sich einmal hundert Puppenköpfe +ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als die +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist +es ja nicht so, und bei diesem Kopf auch nicht, darum +sieht er aus wie ein Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. +<em class="gesperrt">Mir</em> gefällt es so, weil es nach dem Leben ist, +ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber ob +es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute +wollen eben die hergebrachten Puppenköpfe, und +darum dürfen Sie mir glauben, wenn Sie auch zu allen +Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer anbringen. +Aber versuchen Sie es nur.«</p> + +<p>Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war +froh, daß dieser Mann an dem Kopf Gefallen fand. Auch +flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich weiß nicht, was +ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen +wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden +mir schon geben, was recht ist.«</p> + +<p>Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das +kleine Kunstwerk, dann sagte er: »Ihr Mann soll mir +schriftlich versprechen, daß er in den nächsten Jahren keinen +Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für mich, +dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon +gebe ich Ihnen die Hälfte gleich mit und die andere +Hälfte, sowie Ihr Mann mir das Schriftliche bringt. +Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel gleich +schriftlich gemacht.«</p> + +<p>»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, +ganz einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe +überstrahlte ihr Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. +Als sie die Summe wirklich in die Hand bekam +und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant: »Ihr Mann +soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte +mit ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, +daß er mir den Kopf auch in andern Größen liefert.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die +Zukunft eine Last abgenommen war, die sie getragen hatte, +solang sie zurückdenken konnte – die bittere Armut, unter +deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte. Sie sagte +noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt’s Gott, und +mein Mann wird sich selbst bedanken,« und ging wie im +Traum von dannen. Die Herren sahen ihr nach, der +Buchhalter meinte: »Die hätt’s auch um weniger hergegeben.« +»Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht +recht, wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. +Ein Künstler hätt’ das Doppelte dafür verlangt. +Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir sehen, ob wir gute +Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex +wurde in kostbarem Schrank verwahrt.</p> + +<p>Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau +Greiners Schwester auf und ab. »Aber du hast lang gebraucht! +Ich bin ganz erstarrt!«</p> + +<p>»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat’s ja +gekauft! Rat nur, um wieviel? Aber du hättest’s ja doch +nie erraten – um 800 Mark, Regine! Komm zur Mutter, +komm nur schnell!« –</p> + +<p>Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. +Auf dem langen Wege hatte sie sich ihren Plan +gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen und am Metzger, +Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, +wenn sie heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die +brauchten nichts zu wissen von dem vielen Geld. Danach +wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den Kopf nimmt niemand, +der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, +wenn er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen +und statt dem Kopf die Geldrollen vor ihn legen. +Ja, so hatte sie sich’s ausgedacht. Als sie aber endlich +im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten; einkaufen +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als +sie die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen +saßen und auf sie warteten, und als ihr Mann auf sie +zukam und sie ansah, wie wenn sein Leben abhinge von +dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da +hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr +sie ihm mit beiden Händen über seine schmalen Backen, +und strahlend vor Glück rief sie: »Um 800 Mark haben +sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir! Gelt, +da kannst lachen, du alter Griesgram du!«</p> + +<p>Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen +war. Nach einer Stunde etwa ließ er sein +Stimmchen hören und ein einstimmiges: »Jetzt wacht er!« +kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen +umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze +Dankbarkeit wandte sich dem Kindlein zu. Des Alex’ +Gesichtchen war’s ja, das solches Glück ins Haus gebracht +hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von +seinen Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie +lieblich der Kleine all die freundlichen Gesichter anlächelte, +die seinen Wagen umringten, und wie gierig +er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! +Sie sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel +du willst, alle Tage frische Milch, du lieber kleiner +Schelm du!«</p> + +<p>Aber wie war es nur möglich – sie bekam ihm nicht +einmal gut! »Er wird die Milch doch vertragen, es wird +doch nicht zu spät sein?« dachte Greiner. Am nächsten +Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das Soxhletfläschchen +weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen +Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht +faßte Greiner einen Entschluß: »Wenn ich morgen in die +Stadt gehe und das Geld hole, nehme ich den Arzt mit +<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>heraus; wir sind’s ihm schuldig, dem Kind, wir wollen +alles dafür tun.«</p> + +<p>Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. +Er war nicht gesandt, Mühe und Kosten zu machen, er +sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt hatte er geholfen +und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler Morgenstunde, +als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der +kleine Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein +und war still. Ganz sanft war er entschlafen. Da +trat der Mann ans Bett seiner Frau. »Magdalene, wach +auf, unser Kleiner ist gestorben.«</p> + +<p>Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen +eigenen Eltern und Geschwistern nicht mehr hätte betrauert +werden können, und dem kleinen Fremdling folgten +auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und +Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan +hätte um das liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, +es sei zu schön gewesen für diese Welt.</p> + +<p>Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den +Vormund ausfindig machen und ihm den Todesfall mitteilen. +Die Familie lasse auch fragen, ob sie die Wäsche, +den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe? +Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe +es nie gebilligt, daß man dieser armen Familie das Kind +zugeschoben habe, und bitte den Vormund, die Beerdigungskosten +zu zahlen.</p> + +<p>Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung +und eine Antwort mit Entschuldigung. Der +Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner in so +schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und +den Wagen sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung +erhalten.</p> + +<p>»Vom Soxhlet steht nichts darin?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>»Nein, von dem nicht.«</p> + +<p>»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau +Greiner zu ihrem Mann. »Die Herren wissen halt auch +nicht, was der Soxhlet ist.«</p> + +<p>Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie +das kleine Grab. Rings um den Hügel gruben sie in +die Erde die Soxhletfläschchen, die dienten als Gläser für +die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein schönes +Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte +ist bei Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner +Erdenbürger, der, wie Alex, eine ganze Familie aus dem +Elend errettet hat? Mancher wird alt und grau und hat +in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!</p> + +<p>Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben +der andern ausgestellt in den Läden der großen Stadt, +dann schaut sie genau an. Ist nicht eine dabei, die lebensvoll +wie ein Kindergesichtchen euch ansieht zwischen all den +großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie freundlich, +ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex +ist sie nachgebildet.</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a></p> +<h2><a name="Der_Akazienbaum" id="Der_Akazienbaum"></a>Der Akazienbaum.</h2> + + +<p>Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, +das ist das Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.</p> + +<p>Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen +krank. Man brachte es in das Kinderspital. Dort wurde +es in ein Bett gelegt und von der Schwester gepflegt, +lange Zeit.</p> + +<p>»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon +so lange krank, wann werde ich wohl wieder gesund?«</p> + +<p>Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der +vor dem Fenster so kahl dastand und seine dürren Äste +über die Gartenmauer streckte, und sie sagte: »Wenn die +Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du wieder +gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus +alle Tage durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen +Blätter zeigte, und sehnte sich danach.</p> + +<p>Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam +fort, eine andere Schwester kam und pflegte die Kinder. +Es wurde Frühling, alle Hecken und Büsche trieben Blätter, +viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie stand +noch kahl, wie im Winter.</p> + +<p>»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird +denn endlich die Akazie grün?« Da sah Schwester Marie +hinaus auf den blätterlosen Baum; sie wußte nicht, daß +die Akazien alle Jahre später grün werden als die andern +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: +»Der wird wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da +erschrak Lenchen und dachte bei sich: »dann werde ich auch +nimmer gesund, dann bin ich auch abgestorben,« und das +arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte sich ab +vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die +Schwester wußte aber nicht warum und sagte eines Tages +zum Arzt: »Ich glaube, dem Kind tun die Augen weh, +es wendet sich immer ab vom Fenster.«</p> + +<p>»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett +stellen,« sagte der Arzt, »damit es nicht ins Helle sieht.« +So kam eine Wand vor Lenchens Bett, und es konnte +das Fenster nicht mehr sehen.</p> + +<p>Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im +Winter ins Spital gebracht hatte, waren längst wieder +fort, nur mit Lenchen wurde es nicht besser. »Willst du +nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal Schwester +Marie das stille Kind.</p> + +<p>»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die +Kleine und man ließ sie liegen.</p> + +<p>Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, +warum es mit diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, +tragen Sie einmal die Kleine vor an das Fenster, damit +ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte nicht ans Fenster, +denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, aber +Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der +Arzt verlangt hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. +Am Fenster stand der Arzt. »Augen auf!« befahl er. +Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster Blick fiel +auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über +voll grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein +und der blaue Himmel glänzte zwischen den Zweigen hindurch, +die freundlich über die Mauer herübergrüßten. Da +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist grün, +jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«</p> + +<p>Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert +an, denn sie verstanden gar nicht, was das Kind meinte, +aber sie freuten sich, daß Lenchen so glücklich war. Lange, +lange blieb sie am Fenster und konnte sich nicht satt sehen +an dem grünen Baum, und als noch einige Tage vorüber +waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern +unter dem schönen Akazienbaum und war bald wieder +frisch und gesund.</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a></p> +<h2><a name="Wie_Johannes_Ruhn_Kaufmann_wurde" id="Wie_Johannes_Ruhn_Kaufmann_wurde"></a>Wie Johannes Ruhn Kaufmann +wurde.</h2> + + +<p>Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war +für Johannes Ruhn schon gelöst, lange ehe er aus der +Schule kam; denn er hatte eine solch ausgesprochene Neigung +zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und gar +davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger +Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war +allerdings der Ansicht, daß für den kaufmännischen Beruf +etwas Vermögen not täte, und er hatte das seinige nicht +in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er +besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte +Vater Ruhn manchmal Bedenken über die Zukunftspläne +seines Ältesten; aber wenn er seinen Johannes beobachtete, +wie der mit hellen Augen ins Leben sah, oder wenn er ihn +von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte er, +ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: +der wird auch ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch +seine Frau, die sonst eine sorgliche, schüchterne Art hatte, +meinte von ihrem Johannes: »Den lassen wir nur machen, +er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären, +wie der!«</p> + +<p>Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die +Eltern mit bester Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig +zu machen. Der Vater hielt Umfrage, die Mutter +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit der Frage +zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst +stellte sich da und dort vor – aber es wollte nicht gelingen +und die gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche +mehr. In manchem Geschäft wäre wohl Platz gewesen, +aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere Ausbildung +und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere +besahen sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das +Besondere, das die Eltern an ihm kannten; sie sahen nur +die für sein Alter noch etwas kleine, zarte Gestalt, nicht +die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht strahlten +und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so +viele kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug +gegeben, und niemand wollte Johannes.</p> + +<p>So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand +sich kein Plätzchen, immer kleinmütiger wurde die Stimmung +bei Vater, Mutter und Sohn.</p> + +<p>Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter +konnte ruhig auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte +ihr Kindsmagd und Köchin, denn zur Untätigkeit war seine +Natur nicht angelegt, er mußte immer zu tun haben, sonst +war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens vergaß +er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so +manches, und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei +der Sache waren; die arbeiteten unablässig und suchten +nach Mittel und Wegen, um das ersehnte Ziel zu erreichen: +Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft +aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.</p> + +<p>Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in +der seine hellen Augen plötzlich den Weg vor sich sahen, +den er gehen mußte.</p> + +<p>Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den +abendlichen Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>das Licht nicht gekommen, aber woher sonst? Was ist es +doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn wir nachdenken, +so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was uns +ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?</p> + +<p>Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie +es zugegangen, daß er plötzlich wußte, was er tun mußte; +aber er war glückselig über diese Klarheit. Sein gutes, +noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und die Lust +belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf +das Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine +hinaus wie ein junges Füllen.</p> + +<p>Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die +Arbeit. Die erste mußte sein: Vater und Mutter für seinen +Plan zu gewinnen. Am Abend, als die kleinen Geschwister zu +Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine Gedanken zu +entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er +selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er +etwas verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt +bekäme. Er wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, +Büchsen und Pappschachteln; die bekomme man umsonst in +den Läden und auch von seinen Kameraden würde ihm +jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten +und ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen +in allen Größen und Formen, dann könnte er sie verkaufen, +vor Weihnachten, wo jedermann Pakete abschicke, vielleicht +auf der Messe oder an einer Straßenecke, und alte Packpapiere +und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn +er dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch +Siegellack dazu und Adreßkarten und Begleitscheine, daß +die Leute alles bequem beieinander hätten, und den Ungeschickten +würde er auch helfen zusammenpacken und – – +hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum +Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Eltern noch immer kein Zeichen von Beifall gaben. So +hielt er inne, begierig, was sie sagen würden.</p> + +<p>Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der +Handel nicht fein genug; ein Trödelgeschäft sei das, und +wenn er Trödler sei, komme er nimmer hinauf in den +richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen wäre +das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da +könnte man mehr als einen Schnupfen davontragen; auch +denke sie sich’s nicht schön, betteln zu gehen, um so eine +Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit diesen und +ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; +denn ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und +die Kälte fürchtete er gar nicht und betteln würde er nirgends, +nur bitten. Aber nun kam ein anderes, ein schwerwiegendes +Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,« sagte +der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem +Magistrat machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch +Gewerbesteuer entrichten, daran scheitert die Sache.«</p> + +<p>An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte +es zuerst gar nicht glauben. Wie sollte denn der Magistrat +sich darum kümmern, wenn er, Johannes Ruhn, alte +Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte ihm +die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, +Gewerbesteuer und Abgaben drückten so sehr auf Johannes’ +Luftschloß, daß es einzustürzen drohte; bis die Mutter dem +schönen Gebilde zu Hilfe kam, das sie doch selbst erst angegriffen +hatte, nun aber in warmer Regung des Mitleids +zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du +müßtest eben einen der Herren vom Magistrate darum +ansprechen.«</p> + +<p>Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause +heim, wo ihm eröffnet worden war: wenn sein Junge so ein +findiger Kerl sei, so möge er die Sache immerhin versuchen, +<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu seinem Versuch +ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.</p> + +<p>Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu +fassen vor Glück. Seine Freude war so groß, daß sie wie +ein Strom die Geschwister, ja auch die Eltern mit fortriß, +die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten, ob +es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten +Falle durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark +verdient würden? Der zu erwartende Gewinn war es auch +nicht, der Johannes so beseligte; es war vielmehr die Freude +des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine Unternehmungslust +weckte.</p> + +<p>Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume +mit Schachteln, Pappkästen und Kistchen aller Art; denn +es sprach sich bald in der Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht +solche in der Familie Ruhn seien; gar manche +Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem, bestaubtem +Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter +Dankbarkeit in Empfang genommen und nun gereinigt und +ausgebessert wurde. Unermüdlich schaffte er mit Zwirn, +mit Kleister und Leim, und allmählich türmten sich die +sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in +ihren kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß +und sehnlich den Tag erwartete, bis sich der Segen herausergießen +würde aus ihren engen Räumen.</p> + +<p>Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die +Weihnachtsmesse, der zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte +Zeitpunkt. Noch vor Tagesanbruch, ehe die kleinen +Geschwister wach waren, zogen Vater, Mutter und Sohn +hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der alten +Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, +doch war den beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen +peinlich; sie sprachen nur leise miteinander, um die Aufmerksamkeit +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>der anderen Meßleute nicht auf sich zu ziehen, +während sie sich mühten, den Stand aufzurichten. Johannes +dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen +Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, +und man durfte ihn nur ansehen, um auf seinen belebten +Zügen zu lesen: Heute ist ein großer Tag!</p> + +<p>Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren +und Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als +einen besonderen Glücksfall; und als die derbe Frauensperson, +die eben ihre Kiste auspackte, einmal innehielt und +neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem +Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat +zu ihr heran und zog artig die Mütze: »Ich handle mit +Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie Glaswaren verkaufen, +dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den +Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut +sich dann auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« +So hatte er schon in der ersten Morgenstunde +eine Geschäftsverbindung geschlossen. Seine Mutter hatte +ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging er +auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein +des »Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie +auslachen. So trieb sie auch bald ihren Mann, mit ihr +heimzugehen: »der Johannes richtet es schon ohne uns,« +meinte sie, und so überließen sie den kleinen Geschäftsmann +seinem Schicksale.</p> + +<p>Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb +es auf der Messe, ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und +nach leeren Schachteln fragte keiner. Aber doch – das +bemerkte Johannes mit großer Befriedigung – hatten +alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten +Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die +feine Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Stärken dahingen, und kaum einer übersah die ungewohnte +Aufschrift:</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Packwaren.</em></p> + +<p>Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin +brachte ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, +zum Verkauf. »Nehmen Sie sich nur gleich da drüben eine +Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht abbricht,« sagte sie +zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte sich den +Packwaren zu. Sie war Johannes’ erste Kundin, wie +eifrig wurde sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die +passendste Schachtel gewählt und wie vorsichtig die Schäferin +in feinste Holzwolle gebettet! Bis nach Australien hätte sie +ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen können. Und +dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber +zu, und bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, +sich einen Topf heißen Kaffees zu holen.</p> + +<p>Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige +Pfennige als Erlös heim, und in den nächsten Tagen war +es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen durcheinander +auf die Verkäufer herab, die frierend von einem +Fuß auf den andern trippelten, das war kein Spaß.</p> + +<p>Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in +der Frühe der Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« +und bald darauf brach die Sonne durch und all die Glaswaren +glitzerten in ihren Strahlen; der Himmel wurde blau +und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten Tag +benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und +drängten sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes +Ecke war gar oft der Ausruf zu hören: Hier können wir +gleich eine passende Schachtel auswählen. Das Geschäft +ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er +es jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn +er bei ihm kaufte, so war er selbst voll Freundlichkeit und +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>scheute keine Mühe, unter seinen Schätzen den passendsten +für einen jeden auszuwählen. Dadurch wurden die Leute +zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware gleich +von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst +noch wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl +da- und dorthin Porto koste. Als das Johannes merkte, +brachte er der Mutter Wage mit und fing an, daheim jeden +Abend die Postvorschriften zu studieren, die er sich verschafft +hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze bis +in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, +es möchte recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. +Bald sprach es sich herum: auf der Messe ist einer, handelt +mit Schachteln, sieht aus wie ein Bub, weiß doch alles wie +ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz angebunden wie diese, +sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre Johannes’ +Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle +für neue war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen +wurden, ging er durch die Reihen; man kannte +ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch Verkauf +leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, +jetzt konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn +sprang doch noch dabei heraus; und was ihm die Hauptsache +war, es ging doch immer lebhaft zu vor seiner Bude und +niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel davongehen.</p> + +<p>So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er +das Ende der ganzen Herrlichkeit nahen, noch drei Tage +und die Messe war vorüber.</p> + +<p>Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der +Porzellanhändlerin stand ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. +Die Kleine suchte unter den Blumengläschen, +und während sie wählte, horchte und schaute der Herr hinüber +nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die +Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>sah nun zufällig das wunderliche Geschäft im Betrieb. +Was ihn aufmerksam gemacht hatte, war der Ruf einer +noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief in +die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es +war Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte +Herr trat näher und beobachtete mit wachsender Teilnahme +den kleinen Geschäftsmann. Wie betrieb der Junge seine +Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie unverdrossen +half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken; +er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, +man merkte es wohl, daß seine Freude war, die +Leute <em class="gesperrt">gut</em> zu bedienen; und nun fragten sie den kleinen +Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich +Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche +Mann mit der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter +dagestanden; und, obgleich ihn das Kind an seiner +Hand zog und bat: »Gehen wir doch weiter, da ist ja gar +nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten. Johannes +hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr +kaufte nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte +er denn? Fast unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen +Blick des großen, ernst dreinsehenden Mannes; hatte er +vielleicht etwas einzuwenden gegen sein Geschäft? »Ich +habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und +blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete +dieser; lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile +stehen und folgte dann dem fortstrebenden Enkelkinde.</p> + +<p>Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges +Bild. Die Stände wurden abgeschlagen, Kisten standen +überall in den Wegen, die mit Stroh, Papier und Scherben +bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte Johannes +einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf +Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Sohne zu helfen. Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, +das Geschäft war über all ihr Erwarten gut gegangen; +stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber dieser war +heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der +Messe. Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte +keinen Weg. Trübselig packte er seinen Kram zusammen.</p> + +<p>Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon +kennen. Ein wenig eilig ging er, wie einer, der nicht zu +spät kommen möchte. »Das ist wieder der Herr,« sagte +Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser dagegen, +»und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der +Kaufmann Ulrich Wagner, dem das große Kolonialgeschäft +am Markt gehört. Was der jetzt wohl noch auf der Messe +sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber er ahnte +gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.</p> + +<p>Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um +den Kleinen für sich zu gewinnen. Er hatte dazu schon vor +drei Tagen die Lust verspürt, sich aber die Sache wieder +ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling hatte +er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer +größere Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der +da war ja noch das reinste Kind.</p> + +<p>Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. +Er sah es vor sich in seinem freundlichen Eifer und konnte +vor allem den Blick nicht vergessen, die hellen Augen, mit +denen Johannes ihn angesehen hatte, als er sagte: Ich +habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn +er diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme +er mit ihm statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. +Die wollte er sich nicht entgehen lassen; er eilte, +sie für sich zu gewinnen.</p> + +<p>Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der +Familie Ruhn, bot dem Jungen die Hand und fragte: +<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>»Wie geht’s, kleiner Geschäftsmann?« »Wie geht’s« ist +eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will; +aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und +da ihm die Not der Zukunft heute auf der Seele lag, so +sah er ernsthaft auf zu dem Mann und sagte: »Es geht +nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und seinem +Blick das Zutrauen: »Zeig’ du mir, wo der Weg weitergeht.« +Und Ulrich Wagner machte den Wegweiser.</p> + +<p>Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden +Meßleute wurde das Schicksal eines jungen Menschenkindes +entschieden, und es fand sich weder der große noch der kleine +Geschäftsmann in seinem Vertrauen getäuscht.</p> + +<p>Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner +als der kleinste Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen +Leitung des großen Mannes und verdankte ihm viel. Doch +als die Jahre vergingen, da war es das Geschäft, das +wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der +Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a></p> +<h2><a name="Ein_geplagter_Mann" id="Ein_geplagter_Mann"></a><b>Ein geplagter Mann.</b></h2> + + +<p>Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen +Wald und Bergen gelegen, und versetzen uns um etwa +dreißig Jahre zurück. Das Haus, in dem wir nur einen +Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt +malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das +Städtchen durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße +nach dem Bahnhof. Unser Haus hat zwei Besitzer; das +Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu eigen, der obere +Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es noch +im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei +dem Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der +Schreiner, der manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in +solchen Fällen dem Stadtschultheißen eine Kammer zum +Kauf an und so gehörten jetzt bereits fünf Kammern dem +Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.</p> + +<p>Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir +berichten wollen, hantierte in einer dieser Kammern der +Schreiner; und die junge Frau des Stadtschultheißen hörte +kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie auch schon +im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den +Mann aufsuchte.</p> + +<p>»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, +»machen Sie schon die Fahnen hinaus, das ist recht.«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir +auch rechtzeitig hinaus.«</p> + +<p>»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst +am Abend, wenn man sie gleich anzünden kann; das ist +ja schnell getan.«</p> + +<p>»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster +sind sie freilich leicht aufzustellen, aber ich meine die außen, +die auf dem vorspringenden Sims, der rings ums Haus +herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß +man sieht, wie sich’s macht und ob auch die Leiter hoch +genug ist.«</p> + +<p>»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine +aufstellen, da brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an +keinem Haus wird es hier so gemacht. Die Leute stellen +halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse, weiter braucht’s +nichts.«</p> + +<p>»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander +verabredet, und ich habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! +Unser Haus liegt doch auch gerade so an der Ecke; +wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die Felsenbeleuchtung +draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus vorbei, +und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich +habe das einmal in Hamburg gesehen, das macht sich +wundervoll; ich wollte meinen Mann damit überraschen, +wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben doch +vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«</p> + +<p>»Nun ja, dann muß ich’s eben machen,« sagte der +Mann zögernd.</p> + +<p>»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht +richten wir es um zwei Uhr, während die Herren im Gasthof +zur Tafel sind;« und als der Schreiner nicht antwortete, +fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre Leiter +ist nicht lang genug.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, +da muß man nur eine entlehnen.«</p> + +<p>»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das +eilig die Treppe heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß +möchte heute früher frühstücken, das Bäckermädchen ist aber +noch nicht da, ich renne schnell hinüber und hole Brot.«</p> + +<p>Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge +Dienstmädchen, und die Frau Stadtschultheiß kam schnell +herab in die Wohnung und richtete den Frühstückstisch.</p> + +<p>Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige +Hans, turnte noch im Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt +herum; und sein Schwesterchen, das vierteljährige, +schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses, Stadtschultheiß +Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte +vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen +großen schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend +aus. Jetzt trat er ans Fenster und horchte auf. +An der Straßenecke schellte ein Polizeidiener und nachdem +er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, las er mit +lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige Einwohnerschaft +die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen Hoheiten +des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, +und bei einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner +wird erwartet, daß die Straßen während des Aufenthalts +der hohen Gäste sonntäglich gehalten werden und daß +insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten +wird.«</p> + +<p>Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne +hörte man wieder seine Schelle und danach seine laute +Stimme, die die Aufforderung wiederholte. Die Folge +seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd +mit dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und +daß manches Gänslein und Hühnervolk, dem soeben erst +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>die Stalltür geöffnet worden war, wieder in den Stall +zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze und +Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und +glänzten lustig im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.</p> + +<p>Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche +andere Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon +stand die landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der +Besuch des Prinzen und seiner jungen Gemahlin in Aussicht; +und heute war nun der große Tag angebrochen.</p> + +<p>»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« +fragte die Frau.</p> + +<p>»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es +fehlt noch der Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin +bestellt haben. Mit der neun Uhr Post muß er ankommen, +dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe nun aufs +Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du +mir den Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch +umkleiden kann, wenn ich wiederkomme?«</p> + +<p>»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich +deine Sachen und dann Hänschens Bauernanzug.«</p> + +<p>»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«</p> + +<p>Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an +diesem großen Tag. Eine schwäbische Bauernstube war +draußen, nahe am Ausstellungsplatz, eingerichtet worden, +genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen Gäste +geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten +des Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen +Bub, als Bauer und Bäuerin verkleidet, darin +aufgestellt werden. »Es ist immer gewagt, wenn man +Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß, »wenigstens +so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern +um so mehr.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«</p> + +<p>»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber +nun muß ich gehen. Solange es noch ein wenig ruhig +ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede zurechtlegen.«</p> + +<p>»Zur Begrüßung am Bahnhof?«</p> + +<p>»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich +die Hauptrede, und auf dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«</p> + +<p>»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte +die Frau freundlich, sie sah aber stolz zu ihm auf.</p> + +<p>»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans +mit ebensoviel Gefühl, wie es die Mutter gesagt hatte. +Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.</p> + +<p>Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, +machte er den Umweg über den Rasenplatz, auf dem die +landwirtschaftliche Ausstellung schon allerhand Leute herbeigezogen +hatte, die sich die Maschinen besahen, während +vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne +Stücke zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage +zu beantworten, manche Einrichtung zu beanstanden und +Befehle zu erlassen, bis unser Stadtschultheiß auf das Rathaus +kam, wo auch schon allerlei Leute mit verschiedenen +Anliegen auf ihn warteten.</p> + +<p>Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, +was zu ihres Mannes festlichem Gewand gehörte: Da lag +der Frack bereit, die weiße Binde, die Handschuhe und +der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig +der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der +Schachtel genommen; der kleine Hans und die große Anne +waren so entzückt bei dem Anblick der Blumen, daß auch +die junge Frau zufrieden war, obwohl sie noch etwas +Schöneres und Größeres erwartet hatte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« +rief er noch auf der Treppe, und der Ton, in dem er sie +rief, fiel seiner Frau nicht angenehm auf. Er nahm sich +kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen kam.</p> + +<p>»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?«</p> + +<p>»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz +ordentlich aufgeschichtet.«</p> + +<p>»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei +sein. Allen Leuten, die Holz vorn an das Haus aufgeschichtet +hatten, ist anbefohlen worden, es wegzuräumen. +Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne +in der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur +ungern zum Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt +wegen des Holzstoßes am Haus?«</p> + +<p>»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil +unser Holz doch noch so naß ist und weil es so ordentlich +aussieht –«</p> + +<p>»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel +und decken Sie den Holzstoß damit vollständig zu!«</p> + +<p>»Wo bekomme ich wohl die Wedel?«</p> + +<p>»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen +lief fort.</p> + +<p>»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, +daß sie wegräumen, und vor meinem eigenen Haus +bleibt die Sache liegen. Eine rechte Stadtschultheißin muß +ein gutes Beispiel geben.«</p> + +<p>»Aber du hast mir nichts davon gesagt.«</p> + +<p>»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von +der andern Seite herkomme.« Der Stadtschultheiß kam +ins Zimmer.</p> + +<p>»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief +Hans.</p> + +<p><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß +sein?« sagte er, »das ist ja gar nicht möglich.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte die Frau.</p> + +<p>»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; +der ist ja unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht +gleich sagen lassen?«</p> + +<p>»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch +vorgekommen, aber doch ganz hübsch.«</p> + +<p>»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn +einer Prinzessin überreicht! Wo ist denn die Rechnung? +Nun ja, da siehst du es ja – zwei Mark statt zwanzig +Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas +nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich +das nicht.«</p> + +<p>»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau +Römer, »die Prinzessin ist noch jünger als ich, sie wird +nicht so genau wissen, wie der Strauß aussehen sollte. +Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.«</p> + +<p>»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos +nähmen und die Prinzessin so wenig verstünde wie du!«</p> + +<p>Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die +Blumen an: »Fort mit, geht unmöglich zum feierlichen +Empfang. Lieber gar nichts, als etwas Geringes. Schicke +den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und +nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede +zu überlegen; auf dem Rathaus war keine Möglichkeit +dazu.«</p> + +<p>Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste +Zimmerchen der Wohnung, in das stille Gastzimmer; +der kleine Hans wurde zu Anne hinuntergeschickt, die inzwischen +einen ganzen Arm voll Tannenzweige herbeigeschleppt +hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer +aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Kleinen, Anne, mein Mann will Ruhe haben,« sagte die +junge Mutter.</p> + +<p>Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener +auf das Haus zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß +droben?« fragte er.</p> + +<p>»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte +es droben die junge Frau. »Ich habe zu melden, daß die +Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an der Bahnhofstraße, +und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob +das zu beanstanden ist?«</p> + +<p>»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, +»können Sie der Wäscherin nicht gute Worte geben, daß +sie das lassen soll bis morgen?«</p> + +<p>»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale +Person und ehe man sich mit ihr einläßt, ist’s besser, daß +man weiß, wie der Herr Stadtschultheiß darüber denken.«</p> + +<p>Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur +einen Augenblick,« sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners +Meldung. »Sage dem Polizeidiener, die Straßen +seien sonntäglich zu halten, hat er es doch selbst ausgeschellt. +Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.«</p> + +<p>Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf +der Treppe begegnete ihm der Ratsdiener, ein würdiger +älterer Mann. Auch er wollte den Stadtschultheißen +sprechen.</p> + +<p>»Es <em class="gesperrt">muß</em> wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. +»Ja, dringend. Der Schultheiß von N. hat +sagen lassen, daß ein Wagen voll Pulver durch unsere +Stadt kommen werde.«</p> + +<p>»Schadet denn das etwas?«</p> + +<p>Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, +Frau Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und +Feuerwerk im Städtchen paßt nicht zusammen. Bitte melden +<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.« Wieder öffnete die +junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas +gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch +leise aufmachst, das hilft mir nichts, ich werde doch aus +meinem Gedankengang gerissen. Was gibt es schon wieder?«</p> + +<p>»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.«</p> + +<p>Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite +und eilte hinaus. Diese Meldung schien ihm wichtiger +als die von der Wäsche, er hörte sie selbst an.</p> + +<p>»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« +war sein Bescheid.</p> + +<p>»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht +mehr geben.«</p> + +<p>»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem +Verbot. Er darf heute auf drei Stunden im Umkreis +der Stadt nicht nahe kommen. Ich schreibe sofort +den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben +abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du +nun doch schon aus deinem Gedankengang gekommen bist, +laß dich nur schnell fragen: könnte man nicht den Strauß +in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans als Bauernjunge +der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher +reizend?«</p> + +<p>»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, +bist du schon glücklich. Mir dagegen kommt es immer +sicherer vor, Kinder aus dem Spiel zu lassen.«</p> + +<p>»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie +du. Einer jungen Frau macht das sicher Spaß.«</p> + +<p>»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch +eine halbe Stunde in Ruhe.«</p> + +<p>Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick +später sah sie schon wieder den Polizeidiener aufs +Haus zukommen. Es war derselbe, der schon einmal wegen +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig, da +kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« +meldete er nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand +verwehren, bei dem schönen Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. +Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch das Holz vor dem +Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht genommen. +Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie +hinten hin hängen, aber ihre schöne Wäsche nehme sie +keinem Prinzen zuliebe ab!«</p> + +<p>»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, +»können Sie denn nicht der Frau sagen, sie dürfe ihre +Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus aufhängen? +Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen +der Wäsche fragen.«</p> + +<p>»Die tut’s eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn +Sie meinen, daß die jetzt nachgibt und die Wäsche wieder +abzieht und in der Frau Stadtschultheiß Garten aufhängt.«</p> + +<p>»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?«</p> + +<p>»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften +am Bahnhof abholt und vorbeifährt und sieht das, dann +fällt die Schuld auf mich.«</p> + +<p>»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn +nicht schon wieder stören,« sagte die junge Frau und führte +den Polizeidiener durch Wohn- und Schlafzimmer bis an +das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr deutliches +»Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen +Rapport machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz +vor dem Haus hatten, wiederholte er; wäre sie lieber selbst +zu ihrem Mann gegangen, das hätte sie gewiß weggelassen! +Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme sagen: +»Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde +vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen +besorgt. Verstanden? Sie haben für die Ausführung +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>zu sorgen. Was das Holz vor meinem Haus +betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird +überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck +dient.«</p> + +<p>Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß +folgte ihm die Treppe hinunter und überzeugte +sich, ob der Holzstoß wirklich zum Schmuck diene. Ja, +Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte +noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich +die Treppe hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein +Störenfried. Der junge Schreiber war es, der auf dem Rathaus +verwendet wurde. In ein paar Sätzen kam er die +Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist der +Herr Stadtschultheiß da?«</p> + +<p>»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie +denn, Meyer?«</p> + +<p>»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat +mich geschickt von der Wiese draußen. Der Knecht vom +Weidenhof hat zur Viehausstellung einen Stier gebracht +nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen, wie’s doch +vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei’s nicht gewöhnt +und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell +hergeschickt, er fürchtet, es könnte ein Unglück geben.«</p> + +<p>»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?«</p> + +<p>»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß +fragen.«</p> + +<p>Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann +ein. »Wenn du nur die Rede früher studiert hättest,« +sagte sie, »am letzten Morgen ist doch keine Ruhe! Nun +ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn hereinlassen?«</p> + +<p>»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune +zu sein,« sagte der Mann, »hast aber keine Ursache dazu, +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>wo du doch gar keine Unannehmlichkeiten von der Sache +hast! Übrigens war bis gestern bestimmt, daß der Oberamtmann +die Festrede halten solle, und erst heute ließ er +mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich +nicht so spät daran. Daß <em class="gesperrt">du</em> auch noch schlechter Laune +bist, das fehlte gerade noch an diesem Tage, das ist doch +sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus und hörte den +Bericht wegen des Stiers.</p> + +<p>»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige +Kette anzulegen, wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe +vom Schlachtmeister geleistet werden soll. Widersetzt er sich, +so ist der Knecht in Arrest abzuführen, der Stier von der +Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.«</p> + +<p>Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen +zurück. »Es ist besser, ich kleide mich jetzt an,« +sagte er, »und gehe wieder aufs Rathaus, dort ist es noch +ruhiger als daheim.« Er verschwand im Schlafzimmer, wo +sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte doch. +Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist +meine weiße Halsbinde?«</p> + +<p>Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die +Flasche reichte, rief: »Auf dem Tisch bei deinem Hut und +den Handschuhen.«</p> + +<p>»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal +kommen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.«</p> + +<p>Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde +genommen, die Mutter sprang auf, lieber sollte das Kind +warten als der Mann.</p> + +<p>»Die Binde <em class="gesperrt">muß</em> da liegen, ich habe sie doch hingelegt, +ist sie denn vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?«</p> + +<p>Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher +wurde, dazu schrie die Kleine zum Erbarmen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt +hast,« sagte Römer.</p> + +<p>»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.«</p> + +<p>»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«</p> + +<p>»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber +Anne in den Laden, in fünf Minuten ist sie wieder da.« +Und hinaus rannte die Frau.</p> + +<p>»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, +zu Geschwister Keller; eine weiße Halsbinde für meinen +Mann, ich zahle sie morgen.«</p> + +<p>Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich +inzwischen der schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen +standen dem kleinen Wesen im Auge.</p> + +<p>»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« +fragte der Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? +Das ist aber eine Unordnung!« Nun kam das Geständnis: +»Die alte habe ich dem Bubi geschenkt, der hat sich damit +geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.« Der Mann +sagte gar nichts mehr.</p> + +<p>Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte +sie kommen und eilte ihr entgegen, mochte immerhin die +Kleine wieder eine Pause im Trinken machen. »Fräulein +Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein halbes +Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien +alle weggegangen,« berichtete Anne.</p> + +<p>»Und im andern Geschäft?«</p> + +<p>»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie +hat gesagt, wenn der Herr Oberamtmann, der gestern schon +unwohl war, heute nicht besser sei, so schicke die Frau +Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie gekauft +habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und +nun meint Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann +anfragen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«</p> + +<p>Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren +wollte, sah sie ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in +der Hand, die weiße Binde um den Hals, militärisch +auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor +sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm +sich so drollig aus, der kleine Mann mit seinen dicken +roten Bäckchen; heute hatte sie noch kaum einen Blick gehabt +für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn an. +War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt +noch zu brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war +denn das? Die Binde sah ja schöner aus als gestern. +Das war gar nicht die alte – keine Frage, Hans hatte +die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. +Rasch machte sie sie los unter dringenden Fragen, +wie Hans dazu gekommen sei? Genommen hatte er sie, +weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama, gib +mir dafür eine andere.«</p> + +<p>Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps +gab sie ihm, weiter nichts, und eilte an dem weinenden +Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da ist die +Halsbinde.«</p> + +<p>»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters +Zorn nicht auf des Kleinen Haupt laden. »Entschuldige,« +sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein Mädchen war +draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und +sie habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da +seien zwei Binden zur Auswahl.«</p> + +<p>»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« +Und nun kam Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann +befinden sich schlechter und können nicht ausgehen. +Frau Oberamtmann schickt die beiden Halsbinden, +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug +weiße Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ +sich’s aber nicht merken. »Das ist recht, Anne,« sagte sie, +»du glühst ja ganz.«</p> + +<p>»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute +Mädchen.</p> + +<p>»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein +wenig aus; gib ihr die Flasche vollends, wenn die Milch +nicht zu kalt geworden ist.«</p> + +<p>Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie.</p> + +<p>»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie +recht; es ist eine verständige Tochter.«</p> + +<p>Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum +Vorschein und schickte sich an zu gehen.</p> + +<p>»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau.</p> + +<p>»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die +Wiese zur Ausstellung; um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube +– da sehen wir uns wohl einen Augenblick; um +ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese. Mit +einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung – dazu wird dir +ja unser Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann +Abfahrt <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'der'">des</ins> Prinzen und der Prinzessin. Zum Abendessen +haben wir Herren uns in den Schwan verabredet. Es +kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.«</p> + +<p>Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag +handelte, verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte +nicht recht, war er nur ganz mit seinen Gedanken beschäftigt +oder war er nicht recht zufrieden mit ihr. Sie jedenfalls +war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich heute morgen +vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß +gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz +vor elf Uhr fuhren die Wagen am Haus vorbei, die die +Gäste abholen sollten; in einem saß ihr Mann, er war +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht +herauf nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit +der Kleinen auf dem Arm, und ihm gern einen Gruß zugewinkt +hätte.</p> + +<p>Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg +nach der Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener +Hagemann.</p> + +<p>»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« +fragte sie ihn.</p> + +<p>»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche +polizeilich abgezogen werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: +›Was wollen Sie denn? Die Wäsche ist ja schon trocken, +die muß ich so wie so abziehen‹, und sie hat sie heruntergenommen.«</p> + +<p>»Ist die wirklich so schnell getrocknet?«</p> + +<p>»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur +so gesagt, wie sie den Ernst gemerkt hat, weil halt die +Weiber immer recht behalten müssen!«</p> + +<p>In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet +war, hatten sich einige Damen versammelt, denen der Vorzug +zuteil werden sollte, das junge prinzliche Ehepaar zu +sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau Stadtschultheiß +mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig +in bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster +hinter seiner kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, +das man an einen Spinnrocken gesetzt hatte; +es war ein nettes Pärchen. Eine der anwesenden Damen, +die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren als +Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den +Kindern Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der +Gäste knicksen sollten und wie Hans dann, wenn sie ihm +einen Wink gäbe, der Prinzessin den Strauß überreichen +sollte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten +und neben diesem, unter der geöffneten Türe eines +Nebengemachs, hielten sich die Damen auf, um den Eindruck +der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern des +Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr +als die Kinder anfingen, ungeduldig und mißmutig zu +werden, und Frau Römer dachte daran, was ihr Mann +von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt hatte. Heute +wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans +irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man +die Erwarteten kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, +nur die Frau des Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte +der Prinzessin hielt sich in der Nähe der Kinder, grüßte +nun mit einer tadellosen Verbeugung die Eintretenden und +wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und +begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des +Prinzen und seiner Gemahlin erschienen als Begleiter +mehrere Herren, worunter der Stadtschultheiß und der +Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der nun auf +alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam +machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in +den Hintergrund deutete, »haben sich besonders bemüht um +die getreue Ausstattung und haben auch echte kleine Bewohner +gestellt.«</p> + +<p>Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, +der Prinz folgte, an seiner Seite der Stadtschultheiß. +»Was stellst du denn vor?« fragte die Prinzessin das +kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend.</p> + +<p>»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« +antwortete die Kleine mit höflichem Knicks. »Und du?« +fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah sehr ernsthaft +zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer +Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>unverhoffte Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz +lachte laut und herzlich und sagte dann, zu Römer gewandt: +»Da muß man unwillkürlich fragen, was ist denn +der Papa dieses Kleinen?«</p> + +<p>Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.«</p> + +<p>»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der +Prinz; »ja, ja, an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar +nicht ganz unschuldig!«</p> + +<p>Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon +leichte Winke von verschiedenen Seiten bekommen hatte. +Die Dame, die hinter ihm stand, merkte, daß sie deutlicher +werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst ja deinen +Strauß der Frau Prinzessin geben!«</p> + +<p>»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und +sprang lustig durchs Zimmer auf seine Mutter zu, die sich +ganz bescheiden hinter die älteren Damen zurückgezogen +hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten. Was +tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit +dem Kind anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, +nahm den Strauß aus der Kinderhand, trat mit Hänschen +vor und sagte bittend zur Prinzessin: »Wollen Sie die +Blumen wohl von mir annehmen?«</p> + +<p>»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, +»was haben Sie für einen prächtigen Jungen, er hat uns +den größten Spaß gemacht, der kleine geplagte Mann.«</p> + +<p>Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann +verließen sie die Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht +zehn Minuten gedauert und wieviel Arbeit und +Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube gekostet!</p> + +<p>Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. +Lebhaft wurde das Vorgefallene besprochen. »Es hat sich +alles ganz gut gemacht,« entschied schließlich die ehemalige +Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine war ein +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a><em class="antiqua">faux pas,</em> liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen +müssen: ›Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen‹; +wollen ›<em class="gesperrt">Sie</em>‹ ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin +wird es Ihnen nicht nachtragen,« setzte sie begütigend +hinzu.</p> + +<p>Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. +Wie die prinzlichen Hoheiten über sie dächten, das war es +nicht, was sie bekümmerte, aber ob ihr Mann über sie +und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen +Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, +daß am Abend die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles +wieder gut machen müsse. Ihr Mann sollte es sehen, wenn +er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch ein Gefühl +dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte, +trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls +in der Bauernstube.</p> + +<p>Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim +Seifensieder mit Unschlitt füllen lassen und nun machte sie +sich daran, jedem einzelnen Döchtchen einen Tropfen Petroleum +zu geben, denn vom Seifensieder hatte sie gehört, daß +sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja, +von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der +Schreiner gezeigt hätte!</p> + +<p>Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne +hinuntergeschickt und jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, +Herr Wahl werde jetzt gleich kommen.</p> + +<p>Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, +was ist denn mit Ihrem Mann? Warum kommt er +denn nicht?«</p> + +<p>Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden +erwarte. Sie wollte sich jetzt aber selbst auf den Weg +machen, ihren Mann zu suchen. Es dauerte gewiß eine +Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in schlimmer +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die +Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, +da kam seine Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist +meinem Mann nicht gut, er hat sich aufs Bett gelegt; es +wird auch besser sein, er schläft ein wenig.«</p> + +<p>Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort +mehr für die Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie +ja doch verzichten. »Anne,« sagte sie, »was tun wir jetzt, +wer kann uns helfen?«</p> + +<p>»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige +selbst auf die Leiter, wenn’s dunkel wird und die Leute es +nicht so bemerken. Ich will nur erst einmal nach der Leiter +sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem Haus, +an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte +sie herbei, Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun +lehnte die Leiter am Haus. »Sie ist ja zu kurz!« rief +Anne herauf.</p> + +<p>»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!«</p> + +<p>»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der +gegenüber wohnte und neugierig herbeikam. Frau Römer +schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte vielleicht helfen. +Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan +dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der +die Front des Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat +das der Herr Stadtschultheiß angeordnet?« fragte er.</p> + +<p>»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« +Der Mann schüttelte den Kopf und schwieg. Unsere junge +Frau oben sah das, und wahrhaftig stampfte sie ein wenig +mit dem Fuß, – ihre Ungeduld war <em class="gesperrt">zu</em> groß. »Die Leute +hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« +dachte sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!«</p> + +<p>»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, +»wenn ich etwas sagen darf, dann rate ich Ihnen, lassen +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>Sie das bleiben. Erstens hängen die Fahnen über dem +Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist’s auch +zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.«</p> + +<p>Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. +Aber Anne ergab sich nicht so schnell. »O Herr Breitling,« +sagte sie, »Sie wollen nur nicht. Die Fahnen könnte man +einziehen, wenn’s Nacht wird, und wie sollten denn die +Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. +Gehen Sie zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle +Tage die Wecken bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!«</p> + +<p>Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug +aus der Tasche und zündete ein Streichhölzchen an – +im Nu war es vom Wind ausgeblasen. »Glauben Sie’s +jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht’s, da sind +die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da +löschen alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt’s nicht.«</p> + +<p>Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter +an ihren Platz,« ließ sich nun von oben eine bekümmerte +Stimme vernehmen, und das Fenster wurde geschlossen. +Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum Weinen +war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen +sah. Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte +sie es sich ausgemalt!</p> + +<p>Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der +Schreiner und der Bäcker!«</p> + +<p>»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der +Schreiner!«</p> + +<p>Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze +Zorn, denn einen Sündenbock will der Mensch haben.</p> + +<p>Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon +Lämpchen an. Ein kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben +wenigstens viele Fenster,« sagte Frau Römer, »und Lichter +für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im Dachstock +<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen +vor die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine +Gefahr, daß sie nicht reichten. Dann ebenso an allen +Fenstern des ersten Stockwerks. In der Ferne hörte man +ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen +Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten +in bengalischer Beleuchtung.</p> + +<p>Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, +es in der Kammer zu besorgen; unten wollte es +Frau Römer tun. Aber der Wind, der Wind! Kaum +brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug +und blies sie aus. Und gerade auf <em class="gesperrt">der</em> Seite des Eckhauses, +die freistand und die von weiter Ferne beim Hereinfahren +von den Felsen den Gästen ins Auge fallen mußte, +gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die schwachen +Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern +Häusern? Die junge Frau lehnte sich hinaus und sah an +der Häuserreihe hinunter – schön beleuchtet glänzte sie +ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es wenigstens, +denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder +verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was +brannte, und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten +Punkt. Jetzt kam auch Anne verzweifelt herunter. +»Droben verlöschen sie alle! wie ist’s denn unten?«</p> + +<p>»Ebenso!«</p> + +<p>»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der +vor einem angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch +hell brannte.</p> + +<p>»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne.</p> + +<p>»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie +herein auf den inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; +»schnell, geh hinunter vors Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« +und während das Mädchen hinuntersprang, legte +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des geschlossenen +Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder: +»Prächtig sieht’s aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter +nicht außen stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.«</p> + +<p>Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine +herbei, schnell, schnell!« und mit Bausteinen und +Büchern wurden nun sämtliche Fenstersimse so hoch belegt, +daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar wurden. Und +dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere +junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute +Lämpchen und Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. +Aber sie brannten so gutmütig an, stellten sich ganz unschuldig. +Einen Qualm gab das freilich in die Zimmer! +Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig +Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster +öffnen. Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer +atmen konnte, wenn es nur hell hinunterleuchtete! Und das +tat es! Eine strahlende Helle war in allen Zimmern, und +Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der +Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm +fortrennen zum Feuerwerk?« rief sie herauf.</p> + +<p>»Ja, ja, geht nur miteinander.«</p> + +<p>Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer +hinausgeflüchtet worden in die Küche; da schlief sie ganz +sanft, während ihre Mutter unruhig im Haus herumging. +Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze hatte etwas +Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben +wurde es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an +zu riechen, alles fühlte sich warm an. Wenn nur kein +Brand entstand! Sie lief wieder ins untere Stockwerk, +waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war fast +nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die +Angst! Eine Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>von einem Zimmer ins andere, wohl eine halbe +Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der Straße +Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die +Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß, +fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; +das Feuerwerk war aus, die schaulustige Menge strömte ins +Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die Lichter durften +ausgelöscht werden!</p> + +<table class="break" summary="Neuer Abschnitt"> +<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr> +<tr><td /><td>*</td><td /></tr> +</table> + +<p>Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, +Frau Römer saß allein auf ihrem kleinen Sofa am Tisch +und ruhte aus. Die Kinder und Anne schliefen schon. +Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte +durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße +ein lauter, fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre +gesteckt. »Mein Mann kann es nicht sein, aber doch +ist er’s!« sagte sich die junge Frau und eilte hinaus. Ja, +er war es.</p> + +<p>»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte +gedacht, heute wird es spät!«</p> + +<p>»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!«</p> + +<p>»Und du?«</p> + +<p>»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich +wollte auch einmal wieder bei meiner Frau sein.« Dies +Wort zerstreute alle Sorgen der jungen Frau, sie fühlte +es: alles war schön und gut zwischen ihnen und nun wurde +es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und +setzten sich behaglich zusammen.</p> + +<p>»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte +Römer.</p> + +<p>»Ist alles gut gelungen?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser +war ja durch den Wind recht lückenhaft, nur unser Haus +war glänzend. Schon von ferne fragte mich die Prinzessin, +wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war nicht wenig +stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen wenigstens +kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall +sonst waren doch die meisten Lichter verlöscht.«</p> + +<p>Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht +es so merkwürdig im ganzen Haus? Also hast auch du +Angst ausgestanden während des Feuerwerks, ich aber auch!«</p> + +<p>»Wieso du?«</p> + +<p>»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen +hier durchkommen wollte. Nun, der Eilbote, der +das hintertreiben sollte, der geistreiche Mann, hat den Fußweg +eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich +nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach +den Felsen, die beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt +der Ratsdiener auf mich zu. Ich seh ihm gleich an, daß +etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn beiseite. ›Sehen +Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,‹ sagt er. ›Auf der +alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der +Pulverwagen!‹ Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort +der große, schwarze Wagen, mit der vorgeschriebenen roten +Laterne und dem roten Fähnchen, unheimlich anzusehen. +Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf und der +Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. +›Was ist zu tun?‹ fragte mich der Ratsdiener. ›Es ist nicht +mehr zu ändern,‹ sagte ich, ›lassen Sie sich nichts merken, +daß kein Schrecken unter den Leuten entsteht. Gehen Sie +hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne Aufenthalt +weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft, +kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel +dringt kein Funke.‹ Er ist ein wackerer Mann, der alte +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>Ratsdiener, und hat sich heute wieder bewährt, du könntest +ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von mir +weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: ›Sagen Sie, +ist denn das da drüben nicht ein Pulverwagen?‹ ›Das +macht doch nichts,‹ sagt der Ratsdiener mit größter Seelenruhe; +›auf dem Wagen können Sie ein Feuerwerk abbrennen +und es dringt kein Funke hinein.‹ ›So, so,‹ sagt +der andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, +wie es mir zumute war, während das Feuerwerk so in +der Luft herumschwärmte. So oft es unbemerkt ging, mußte +ich mich umwenden und hinübersehen nach dem kleinen roten +Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam +kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg +verschwand.«</p> + +<p>»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?«</p> + +<p>»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und +ebenso die Prinzessin, die mir noch an der Bahn einen +Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl von seiner +Plage?«</p> + +<p>Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den +friedlichen Abend; in der Wohnung des Stadtschultheißen +gab es jetzt keinen geplagten Mann!</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a></p> +<h2><a name="Helf_wer_helfen_kann" id="Helf_wer_helfen_kann"></a>Helf, wer helfen kann!</h2> + + +<p>Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen +Händen und glühenden Wangen Frida, der liebliche Backfisch. +Die Mutter war ausgegangen, um vor Tisch noch +einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte versprochen, +ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. +Da ertönte die Klingel. »Es wird der Vater +sein,« dachte Frida und öffnete. Es war aber nicht der +Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf der +Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete +ihn in das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, +der sich freundlich mit ihr unterhielt. Bald aber wurde +sie unruhig und hörte nur noch mit halbem Ohr auf den +Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das +Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht +unhöflich wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen +hatte der Herr weiter mit ihr gesprochen, Frida hatte aber +in ihrer Zerstreutheit nicht viel davon gehört.</p> + +<p>»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur +irgend etwas zu sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind +eben meine Töchter, von denen ich Ihnen erzählte.« Frida +errötete.</p> + +<p>Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer +Elise gesprochen hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie <em class="gesperrt">viele</em> +Töchter haben?« sagte sie in ihrer Verwirrung.</p> + +<p><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.«</p> + +<p>In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken +den wohlbekannten Tritt ihres Vaters. Mit großer +Freude begrüßten sich die beiden Freunde und eine der +ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst +doch bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen +und Frida von ihrem Vater mit den Worten entlassen: +»Nun geh du in die Küche und mach dein Meisterstück!«</p> + +<p>Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, +als sie hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der +Braten in der Pfanne und der Geruch des angebrannten +Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war nichts mehr +zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte +nur den <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken: wenn doch die Mutter käme, +die wüßte Rat!</p> + +<p>Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. +Aber es kam bloß ein Dienstmädchen mit einem Korb am +Arm und einem Netz, in dem ein großer Fisch war. Sie +kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag, Fridas +Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida +hörte nur halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre +Blicke nicht von dem Fisch abwenden.</p> + +<p>»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte +Frida.</p> + +<p>»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das +Mädchen.</p> + +<p>»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir +haben unerwartet einen Gast bekommen und ich weiß nicht, +was ich ihm zu Mittag vorsetzen soll!«</p> + +<p>»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann +bis morgen schon noch einen Fisch bekommen.«</p> + +<p>»Ist er tot?« fragte Frida.</p> + +<p><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.«</p> + +<p>Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf +eine Platte in der Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen +verlangte, und gab noch ein schönes Trinkgeld. Als das +Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig ihrem Fisch +zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, +der »tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt +und schlug mit dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun +war Frida ratlos. Einen halbtoten Fisch aufschneiden, das +konnte sie nicht und noch viel weniger ihn töten.</p> + +<p>»Und das heißt die dumme Person <em class="gesperrt">tot</em>!« sagte sie in +Verzweiflung, »wenn ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber +die war nicht mehr zu sehen. Da klingelte es wieder. +Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die heiß ersehnte. +Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein +Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes +zu essen verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« +sagte Frida in so verzweifeltem Ton, daß ihr der junge +Bursche aufs Wort glaubte und wieder davonging. Als +er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida ein +Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen +Fisch töten?«</p> + +<p>»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt.</p> + +<p>»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?«</p> + +<p>»Warum denn nicht?« sagte er.</p> + +<p>»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und +der Bursche ließ sich’s nicht zweimal sagen. Als er den +Fisch in der Küche liegen sah, sagte er: »Der ist ja schon +tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie er allein +mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn <em class="gesperrt">ganz</em> +tot machen.«</p> + +<p>Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm +den Kopf mit solcher Macht auf, daß dieser fast davonflog.</p> + +<p><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich +kann ihm aber auch noch den Bauch aufschlitzen, wenn +Sie wollen.« Bereitwilligst reichte Frida ein Messer her. +Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem Küchenjungen.</p> + +<p>»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?«</p> + +<p>»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird’s +nicht sein, daß ich’s nicht herausreißen kann. Wollen Sie +nicht zusehen, ob ich’s recht mache?«</p> + +<p>»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd +aus Frida, die ihr Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr +los werden konnte.</p> + +<p>»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?«</p> + +<p>»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich +ja wieder hineintun.«</p> + +<p>Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, +um den Fisch auszunehmen, und er machte seine Sache +ganz geschickt.</p> + +<p>Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr +Mißtrauen gegen den Tod des Tieres war verschwunden +und eifrig machte sie sich daran, den Fisch kunstgerecht zuzubereiten.</p> + +<p>»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« +fragte der Bursche. »O ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen +wollten, kleine Kartoffeln zu richten, wäre ich recht froh.«</p> + +<p>Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft +und Frida erzählte dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten.</p> + +<p>»Man wird ihn <em class="gesperrt">doch</em> noch essen können,« tröstete der +Handwerksbursche.</p> + +<p>»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« +Er fand es nicht so schrecklich, sondern behauptete, +da wären noch manche Leute froh daran. »Wenn Sie ihn +vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida ganz schüchtern, +<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>»dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund +ist es, glaube ich, nicht.«</p> + +<p>»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten +wurde eingewickelt und verschwand in der Tasche des jungen +Mannes, der sich nun dankbar entfernen wollte. Frida +aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück Geld und +dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die +Treppe hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. +Diese hatte sich bei ihrem Besuch verspätet und kam eiligst +herauf. Als sie von Frida hörte, daß ein Gast angekommen +sei, war ihre erste Frage:</p> + +<p>»Ist auch der Braten gut geworden?«</p> + +<p>»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den +Herrn unterhalten mußte. Aber wir haben einen prächtigen +Fisch für heute mittag!«</p> + +<p>»Einen Fisch? Woher?«</p> + +<p>»Von der Köchin des Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> N.; sie war da, um +Euch – oder nein, ich glaube bloß den Vater, auf morgen +– oder nein – ich glaube auf übermorgen einzuladen.«</p> + +<p>»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?«</p> + +<p>»Ach, bei dem Fisch!«</p> + +<p>»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch +die schönsten Stücke auf.«</p> + +<p>»Es geht nicht, Mutter.«</p> + +<p>»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?«</p> + +<p>»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn +dem Handwerksburschen mitgegeben, der mir den schrecklichen +Fisch totschlug!«</p> + +<p>»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten +nicht hergegeben haben?«</p> + +<p>Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast +abgeschnitten, der, als er die Stimme der Hausfrau hörte, +herauskam, sie lebhaft begrüßte und in Beschlag nahm. +<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug, +erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen +nieder und dachte an den verbrannten Braten. Die Herren +aber waren in heiterer Stimmung.</p> + +<p>»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, +daß man in einer katholischen Stadt ist, ihr habt heute, +am Freitag, Fisch. Ich finde es sehr hübsch, wenn man +sich nach der Sitte des Ortes richtet.«</p> + +<p>Als am Abend der Gast fort war und die Mutter +alles erfahren hatte, berechnete sie im stillen: Ein feiner +Fisch und ein Trinkgeld dem Mädchen, ein dreipfündiger +Rindsbraten und ein Trinkgeld dem Handwerksburschen – +und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten Besuch +nie mehr vor Tisch zu machen.</p> + +<p>Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an +dem Braten, von dem er nur die verbrannte Rinde abgelöst +hatte, und er fragte sich, ob er es wohl noch einmal +in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch bringen +werde.</p> + +<p>Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, +denn ihr träumte, der Fisch sei vom Tisch herunter und +in ihren Schoß gesprungen!</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a></p> +<h2><a name="Ein_Wunderkind" id="Ein_Wunderkind"></a>Ein Wunderkind.</h2> + + +<p>Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart +mit drei Jahren Klavier spielen, andere, die im gleichen +Alter mehrere Sprachen lesen können.</p> + +<p>Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich +erzählen. Mein Wunderkind heißt Fridolin und ist das +älteste Kind von armen Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre +alt geworden, ohne daß jemand ahnte, was für ein besonderes +Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages +der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und +trag ihn zum Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« +Fridolin trug den Rock zum Schneider und dieser versprach, +den Schaden wieder gut zu machen. »Ich will darauf +warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht’s nicht,« entgegnete +der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu +nähen.« »Ich kann ja warten,« wiederholte das kleine +Bürschlein. »Da dürftest du lange warten,« meinte der +Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann auch +<em class="gesperrt">lang</em> warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht +von der Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und +ein Lehrling, die auch an der Arbeit saßen, lachten über +den Kleinen, der sich nicht vertreiben ließ; da lachte der +Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich an die +Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps +nur stehen, er wird schon bald genug kriegen.« Aber +<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Fridolin bekam nicht genug. Er stand hinter dem Gesellen +und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht Uhr +war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er +noch da. – Nun trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier +und Brot, und der Meister setzte sich mit dem Gesellen an +den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu sagen, nahm +den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und ergriff +die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider +beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als +er aber merkte, daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, +trat er leise hinter ihn und sah ihm zu. Dann winkte er +den Gesellen und alle drei sahen mit Staunen, wie die +Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken Stoff +schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit +dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in +seine Arbeit vertieft war, daß es nicht einmal nach ihnen +aufschaute. »Wer hat dich gelehrt, Knopflöcher machen?« +fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete Fridolin +und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen +hatte. Da staunte der Meister und fragte den Kleinen +nach allerlei: ob er zu Hause auch schon genäht habe, woher +er’s könne usw., aber es war aus dem Büblein nicht +viel herauszubringen. Nun tat’s ihm der Schneider zulieb +und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den +Fridolin gebracht hatte, und der Kleine stand dabei und +verwandte kein Auge davon. Als die Arbeit fertig war +und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der Schneider +zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh’ ich, komm +du nur ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«</p> + +<p>Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin +aus der Türe trat, um droben in der Kammer den Lehrbuben +zu wecken, saß der kleine Fridolin auf der Treppe +und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die +<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von +der er dachte: Verdirbt er’s, so ist nicht viel daran verloren. +Aber Fridolin verdarb nichts und kam nun alle Tage.</p> + +<p>Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die +Schule. Er war der kleinste unter all seinen Kameraden +und im Lernen nicht stark; aber er war brav, machte seine +Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer konnte das +stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin +mit geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. +»Schläfst du?« rief ihn der Lehrer an und berührte ihn +mit dem Stock. Erschrocken fuhr Fridolin auf, aber nach +ein paar Minuten drückte er schon wieder die Augen zu. +»Was ist’s heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und +schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete +der Kleine weinerlich, »aber die Naht ist ganz +krumm, die kann ich nicht sehen!« und er deutete auf die +Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder lachten, +aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du +den Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die +Naht muß <em class="gesperrt">so</em> laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen +Schneiderskreide aus seiner Tasche genommen und zeichnete +damit eine schnurgerade Linie über den Rücken seines +Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der +Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. +Er wußte nicht, sollte er lachen über den kleinen Sonderling +oder staunen über seinen scharfen Blick. »Setze dich +vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an einen andern +Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch +Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte +Fridolin zu seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn +mitbringst, mache ich dir die Naht an deiner Jacke zurecht.«</p> + +<p>Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin +der Flickschneider für seine ganze Klasse. Als die Ferien +<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>begannen, kam der Schneider zu Fridolins Eltern und bat, +daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der Vater +war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, +was ihm der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder +Arbeiter sei seines Lohnes wert. Die beiden Männer +handelten hin und her, Fridolin stand dabei und sagte kein +Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider +verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach +Fridolin: »<em class="gesperrt">Geld</em> will ich nicht, ich will <em class="gesperrt">Tuch</em>!« Der +Schneider kam wieder zurück und der Vater sagte: »Hättest +auch früher reden können, sei nur zufrieden, jetzt ist’s +schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht zufrieden, er +wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh’ ich nicht, ich +will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu +einem Anzug für unseren Kleinen,« antwortete Fridolin +und meinte damit seinen jüngsten Bruder, den er sehr lieb +hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man seinen +Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes +Tuch zu liefern und ging.</p> + +<p>Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; +er lernte Maß nehmen und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren +auf den ersten Blick, wo es fehlte, und seine +Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so flink +auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz +wunderbar anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er +für seine Geschwister daheim, und was er ihnen machte, +das saß so nett und stand so fein, wie wenn es aus dem +feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.</p> + +<p>Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule +und man durfte sich nicht lange besinnen, was er werden +sollte, er war ja schon etwas: Der geschickteste Schneider +im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und wenn er +jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Schemel, ja manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen +zu können. Er lebte ganz still nur für seine Arbeit, +wußte nicht, wie es in der Welt draußen zugeht, und hatte +keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.</p> + +<p>Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um +diese Zeit hörte der Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger +Schneidermeister gestorben sei, der gute Kundschaft gehabt +habe, und er dachte sich: »Das Geschäft könnte mein Fridolin +übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist dort, +Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben +wird, da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein +Glück machen!« Die Mutter hatte zwar ihre Bedenken +und meinte, der Fridolin könne nicht ohne sie sein, er sei +zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater sagte: +»Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie +ein Mann, er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er +schon klug werden.« Fridolin selbst redete nicht darein +und ließ seine Eltern die Sache ausmachen.</p> + +<p>Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der +Großstadt. Ein ganzes Stockwerk war für ihn und seine +Gesellen eingerichtet. Unten im Hause wohnten ordentliche +Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn anempfohlen, +und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die +Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, +aber bald bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. +Der erste Kunde, der sich einfand, war ein alter Herr. Er +hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen und +nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht +ganz zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran +verändert haben. Den kleinen Meister Fridolin sah er +wohl für den jüngsten Lehrjungen an und beachtete ihn +nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den +ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, +<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>er stehe tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da +sprang unser Meisterlein auf, stellte flugs einen Schemel +neben den Herrn, stieg hinauf und indem er mit seiner +Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier +sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der +Meister recht habe, und am nächsten Tag war unter des +Schneiderleins geschickten Händen der Fehler schon verbessert. +Der alte Herr freute sich über die gute Arbeit +und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem +jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte +sofort unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß +nehme. Aber Fridolin schüttelte bloß den Kopf, sah von +seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu dem Bedienten: +»Der Herr soll zu <em class="gesperrt">mir</em> kommen.« Die Gesellen +waren nicht wenig erstaunt über diese Antwort und der +älteste flüsterte dem Meister zu, der vorige Meister sei auch +immer zu den Herren ins Haus gegangen. Aber Fridolin +sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel +haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener +des Herrn Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der +Herr Baron war nun neugierig, das kleine Schneiderlein +zu sehen, und bemühte sich selbst in die Werkstatt. Rührig +sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl und +vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das +Maß zu nehmen, und als er damit fertig war, setzte er sich +sofort wieder an die Arbeit, ließ den hohen Herrn stehen +und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten. Der Anzug +wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die +vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, +und sie taten es um so lieber, als unser guter Fridolin +sie nicht mit der Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« +sagte eines Tages der älteste Geselle, der eine wahre Liebe +zu ihm gefaßt hatte, »wie steht’s mit den Rechnungen? +<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre +Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin +ein ängstliches Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das +hatte er nie recht lernen können. »Die Rechnungen?« sagte +er, »die sind schwer zu machen.« Da lächelte der Geselle +und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und besorgte +die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, +um die Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am +Zuschneiden war, nahm das Geld, zählte es aber nicht +nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen den verschiedenen +Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen Gesellen +darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück +zu sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen +fiele; und schließlich wäre wohl alles verschwunden, wenn +nicht der älteste Geselle das Geld zusammengerafft und es +seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben hätte.</p> + +<p>Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre +Geselle, dessen Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er +war schon viele Jahre in der Fremde gewesen und wollte +zurückkehren in seine Heimat. Der treue Bursche brachte +noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in Ordnung; +aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht +mehr in der Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein +machte zwar seine Arbeit prächtig und war von früh bis +spät so emsig, daß ein Meisterstück nach dem andern aus +seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was +sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins +Eltern wußten davon nichts. Sie hatten sich in der +ersten Zeit einmal nach ihm umgesehen und seitdem hörten +sie nichts mehr, denn das Schreiben war Fridolins Sache +nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus +der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber +von seiner Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>nach dem Sohn sehen; es sei gar nicht zu beschreiben, was +für eine Unordnung in der Werkstatt herrsche und wie er +von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie habe +es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl +nicht anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich +der Verstand ganz auf <em class="gesperrt">eine</em> Seite geschlagen. Die Mutter +seufzte: »Ich hab’s ja gleich gewußt, daß es nicht geht,« +und der Vater wurde ganz nachdenklich und sprach vor sich +hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei ihm +ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag +reiste die Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein +sprang von der Arbeit auf, als es die Mutter so unverhofft +vor sich sah, und aus seinen blauen Kinderaugen +strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst +sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die +feinste Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, +war doch kein Geld da. Denn meistens vergaß er, für +seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und wenn ehrliche +Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen herumliegen, +daß es nehmen konnte, wer da wollte.</p> + +<p>»So kann’s nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum +Sohn, als sie mit ihm allein war. »Nein, so kann’s nicht +fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß man ändern,« erklärte +die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte +der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, +»du mußt heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« +Da sah das Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte +den Kopf. »Davon versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, +und so sehr ihn auch die Mutter überreden wollte, er gab +nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf einen +andern Ausweg besinnen. »Ist’s dir recht, wenn wir zu +dir ziehen, der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal +wurde ihr Vorschlag anders aufgenommen. Fridolin +<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,« sagte er, »und +bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das +nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug +kostet Geld! Wo soll das so schnell herkommen?« Jetzt +tat es dem Fridolin zum erstenmal leid, daß er kein Geld +hatte, und er fing an, seine Schubladen zu durchsuchen. +»Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen Gesellen +gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und +manchmal hat er gesagt: ›Meisterlein, Ihr Geld verstecke +ich vor den Buben, vielleicht brauchen Sie’s einmal,‹ aber +ich weiß nicht mehr, wohin er’s versteckt hat.« Nun machte +sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und richtig +entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel +mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, +und die Mutter dankte im Geiste dem wackeren Gesellen, +der so für ihren Sohn gesorgt hatte.</p> + +<p>Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in +die Stadt gezogen, und obwohl unser Schneiderlein nicht +viel Worte machte, sah man ihm an, wie glücklich er sich +fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am +ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der +Arbeit, während sie sonst schon um 11 Uhr davongelaufen +waren. Sie merkten, daß nun eine Meisterin da war, die +ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die +Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum +Essen, die Kinder versammelten sich, die Mutter trug die +Suppe auf, nur Fridolin fehlte noch. »Der merkt nicht, +daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und schickte den Kleinen +in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war aber +nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben +Stunde kam er wieder, und nun stellte sich’s heraus, daß +er nach alter Gewohnheit in sein Kosthaus gegangen war +und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für ihn der Tisch +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht, +als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den +Tisch saß, und er legte den kleinen Brüdern einen Kloß +nach dem andern auf den Teller, schaute ihnen vergnügt +zu und fragte immer wieder: »Schmeckt’s euch?« so daß die +Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch +der Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß +nie so viel wie andere Leute.</p> + +<p>Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn +vor dem Haus anfuhren und sich von dem kleinen Schneiderlein +das Maß nehmen ließen; wie sie ihm dann wohl ein +Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn seine +kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff +fuhren, als wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit +der Zeit kamen statt der fremden Arbeiter die Brüder zur +Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren, und so gedieh das +Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in Glück +und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges +lernen und fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt.</p> + +<p>Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre +alt, als es eines Tages von der Arbeit weg zur Mutter +kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie sah erstaunt auf, +was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, +mir ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel +neben sie und legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein +Kind. Die Mutter erschrak. »Du bist krank, Fridolin,« +sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum Arzt.« +Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat +er, »einen <em class="gesperrt">Riß</em> kann man schon flicken, aber wenn das +ganze Tuch mürb ist, dann kann man nimmer helfen.« +»O Herzenskind, was ist dir denn?« rief die Mutter, +»komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich +lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>dann legte er seine feinen, weißen Hände zusammen und +sagte ganz leise:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Lieber Gott, mach mich fromm,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich zu dir in den Himmel komm!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Dann fielen ihm die Augen zu – für immer. Die +alten Eltern haben ihn nie verschmerzen können und die +Geschwister alle haben ihm ein treues Andenken bewahrt +und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von +dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a></p> +<h2><a name="Mutter_und_Tochter" id="Mutter_und_Tochter"></a>Mutter und Tochter.</h2> + + +<p>Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens +wanderte Arm in Arm im Gespräch ein Paar, das die +Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten, denn der +Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern +stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der +Direktor Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe +seine Frau verloren hatte; und sie die Witwe eines Missionars, +der wenige Wochen nach der Verheiratung im +fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er +Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus +der Jugendzeit und hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme +ausgesprochen, aber nie hatten sie sich wieder gesehen in +den fünf Jahren des Witwenstandes. Der Fabrikdirektor +lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie +wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover.</p> + +<p>In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den +Direktor für ein paar Tage nach Hannover. Dort trafen +die beiden sich nach langen Jahren wieder, und heute hatten +sie den Entschluß gefaßt, den ferneren Lebensweg gemeinsam +zu gehen.</p> + +<p>Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen +und nun sagte die Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner +Tochter; ich möchte mir ein Bild von ihr machen. Vierzehn +Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen +pflegen,« sagte er.</p> + +<p>»Ist sie groß für ihr Alter?«</p> + +<p>»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den +Großen gehört, weiß ich nicht, ich denke, sie ist mittlerer +Größe.«</p> + +<p>»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich +oder ihrer Mutter?«</p> + +<p>»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie +aufgefallen.« Die Braut lächelte. »Du erkennst sie aber +doch, wenn sie dir auf der Straße begegnet?« fragte sie.</p> + +<p>Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen +Blick für diese Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so +scharfes Verhör mit mir anstellst, hätte ich mir Berta +noch genauer angesehen. Du wirst sie aber bald selbst +sehen.«</p> + +<p>»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir +hören.« Da wußte der Vater besser Bescheid. »Sie ist +gut,« sagte er, »du wirst keine schwere Aufgabe mit ihr +haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten Jahren +hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend +ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. +Von ihrem Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, +und obwohl wir nie davon sprechen, fühle ich doch, daß +das, was sie in diesem Unterricht gelernt hat, lebendig in +ihr geworden ist.«</p> + +<p>»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann +finde ich schon den Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst +du, daß sie die Nachricht von unserer baldigen Verheiratung +aufnehmen wird?«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie +mit ihr gesprochen. Aber du weißt ja am besten, wie die +Mädchen ihres Alters ungefähr sind.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, +»und ich bitte dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung +aufgenommen hat.«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Direktor.</p> + +<p>Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht +zufrieden. »Ich fürchte, du schreibst mir doch nur: ›Sie +hat es aufgenommen, wie es eben so Mädchen mit vierzehn +Jahren aufzunehmen pflegen.‹ Ich möchte es aber genau +hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen +sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich +ja noch nicht.«</p> + +<p>Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung +verbrachte er diesen Abend mit seiner Braut, und +ehe er sich von ihr trennte, wurde der Hochzeitstag festgesetzt.</p> + +<p>Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes +Familienleben genossen. Verschiedene Haushälterinnen +hatten sich in seinem Hause abgelöst; die eine konnte nicht +lange bleiben, die andere wollte er nicht behalten. Zuletzt +hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes Dienstmädchen +hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung +gehalten. Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich +stand ihm wieder ein glückliches, behagliches Familienleben +in Aussicht und seinem Kinde die richtige Leitung. Das +Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln, es war +zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau +sollte nicht unter ihm zu leiden haben.</p> + +<p>Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den +Direktor; erst nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, +um mit seiner Tochter zu sprechen. Er pflegte +sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse Kaffee seine +Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst +auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>sagte er, »dabei erzähle ich dir von meiner Reise und wir +feiern ganz heimlich ein kleines Fest.«</p> + +<p>Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht +nur für dich, Vater, und was sollen wir denn feiern?« +Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn und sah sehr begierig +zu ihm auf.</p> + +<p>»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar +Gruner,« sagte er und fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen +als ihre zukünftige Tochter; im nächsten Monat soll unsere +Hochzeit sein.«</p> + +<p>Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist +recht,« sagte sie, »das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, +die immer wieder wechseln, die bleibt dann doch!«</p> + +<p>»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater.</p> + +<p>»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt +haben?« fragte Berta.</p> + +<p>»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin +denken, sondern wie eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, +aber auch Liebe von dir verlangt.«</p> + +<p>»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, +»Liebe habe ich gar keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, +die zärtliche Fräulein Schmidt, die immer wollte, +ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und die mich immer +küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die +Schrecklichste!«</p> + +<p>»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte +der Vater ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine +künftige Mutter hat auch nicht die Spur von Ähnlichkeit +mit ihr. Wenn du nicht ein ganz liebeleeres Herz hast, +so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen, die uns +ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« +Berta schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam +zu dem traurigen Schluß, daß sie wohl in der Tat ein +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>ganz liebeleeres Herz habe, aber sie sprach es nicht aus. +Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von den +früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im +besten Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden +sie unterbrochen; denn Lisette, das Dienstmädchen, kam +herein und meldete, daß Luise und Lore, zwei Freundinnen +von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen. Ärgerlich über +die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die +beiden schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen +Tagen da.«</p> + +<p>»Mir ist’s selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen +und immer so lange bleiben; aber ich kann es doch nicht +ändern,« erwiderte Berta und ging hinaus zu den beiden +Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick sehr ungelegen +kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach +der Vater vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau +für Ordnung in all diesen Dingen sorgt und Bertas Verkehr +überwacht.«</p> + +<p>Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer +geführt worden, wo sie unaufgefordert ihre Hüte +ablegten, so daß Berta wohl merken konnte, sie würden +so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne +über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, +und hätte ihn noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte +sie wie sonst lustig mit den Freundinnen plaudern.</p> + +<p>»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist +ja gar nicht wie sonst!«</p> + +<p>»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« +fragte Lorchen; und nun drängten sich die beiden Mädchen +an Berta und fragten und plagten sie so lange, bis sie +ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr anvertraut hatte. +»Nun begreife ich’s, daß du so ernsthaft aussiehst,« sagte +Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>»Du hast’s auch gar so schön gehabt, wie eine kleine +Hausfrau;« und Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, +den Berta an ihrer Schürze trug. Er war von +ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta sich +ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel +wird sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu +Luise. »Natürlich, die wird ihr die Mutter abverlangen,« +sagte Luise.</p> + +<p>Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich +verabschiedeten und sie allein war. Sie suchte nach +dem Vater, er war inzwischen ausgegangen; sie ging zu +Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten Augen am +Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. +Berta war sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu +ihr gehalten, sie hatten sich lieb gehabt, die beiden. Ja, +die Freundinnen hatten recht, alles wurde nun anders. +Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den Schreibtisch +auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während +sie sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet +hatte, schrieb sie heute nur die wenigen Worte +hinein: »Lisette geht. Ich bekomme eine zweite Mutter.«</p> + +<p>Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen +Bericht darüber, wie Berta die Mitteilung aufgenommen +habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte sich dann: »Wenn +sich das Kind nur vor meiner <em class="gesperrt">Liebe</em> fürchtet, werde ich +leicht fertig werden mit ihm.«</p> + +<p>In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben +und Treiben im Haus des Direktors. Maurer und Tapezierer, +Handwerksleute aller Art trieben ihr Wesen, um +die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle endlich +ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige +und reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor +Sauberkeit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus +nicht ordentlich übergeben habe,« sagte sie und tat ihre +Pflicht, obwohl sie wußte, daß sie nicht mehr da sein +würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten. In +einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und +fertigte für Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie +sie noch nie eines gehabt hatte. Eben hatte sie es zur Probe +angezogen, da rief der Vater nach ihr. »Berta,« sagte er, +als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum Schreibtisch +nicht!«</p> + +<p>»Zu <em class="gesperrt">meinem</em> Schreibtisch?« fragte Berta und griff +nach ihrem Schlüsselbund.</p> + +<p>»Zu <em class="gesperrt">deinem?</em> Nun, zu dem schönen Schreibtisch +im Besuchszimmer, der gehört doch nicht dir! Gib einmal +den Schlüssel!«</p> + +<p>Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine +Schublade. »Die Sachen sind wohl von dir, die müssen +natürlich alle heraus.«</p> + +<p>»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört +doch mir, seit Mama tot ist, und ich habe auch alle die +kleinen Fächer und Schubladen voll Andenken und wichtigen +Sachen!«</p> + +<p>»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt +sie jetzt anderswo unterbringen. Es versteht sich doch von +selbst; wo hat ein Kind wie du solch einen Schreibtisch! +Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese Dinge +heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!«</p> + +<p>Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo +sollte sie alles hinräumen und warum mußte sie gerade +den Schreibtisch hergeben, in dessen Besitz sie so glücklich +und stolz gewesen war? Sie wollte es ja tun, nur sollte +man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau +<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. +Mit bitterem Unmut nahm sie die Schätze heraus aus +den kleinen Fächern und Schubladen, um den Platz frei +zu machen für die Mutter; und Lisette, die sie an dieser +Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja, +ja, ich muß ja auch den Platz räumen.«</p> + +<p>Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem +Herzen dem Augenblick entgegen, wo sie zum erstenmal die +neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn nur der Vater nicht +dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht so liebevoll +sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe +gebe.« Vor der Abreise mußte sie von Lisette Abschied +nehmen für immer. »Wenn du beim fröhlichen Hochzeitsmahle +sitzst,« sagte Lisette, »so denke an mich; um zwei Uhr +geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und Berta +versprach unter Tränen, an sie zu denken.</p> + +<p>Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von +München gefeiert werden.</p> + +<p>Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel +miteinander auf der Reise. Jedes war von seinen eigenen +Gedanken hingenommen; aber in dem Augenblick, als sie +in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu seiner +Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht +wird, und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. +Ja, gewiß wollte sie dem Vater heute zuliebe tun, was +sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei alles leer und +kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie empfinden.</p> + +<p>Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie +gingen alle zusammen nach dem Haus, in dem die Braut +wohnte, die künftige Mutter. Wie im Traum wandelte +Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein +Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und +<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>sie hörte seine Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« +Berta sah auf. Eine große, stattliche Erscheinung stand +vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und begrüßte sie +ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine +Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. +Berta war erstaunt. Sie hatte sich das so ganz anders +gedacht. Eigentlich war es ihr aber eine Erleichterung. Sie +selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung, so konnte +ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue +Mutter stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als +Gäste geladen waren, und überließ sie diesen.</p> + +<p>Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und +sie mußte immer und immer wieder zu ihr hinüberblicken. +Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich und heiter, wie sich +Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal begegneten sich +ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder vor +dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich +gerichtet fühlte.</p> + +<p>Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft +beim Mahle, und unter der jungen Welt, die +Berta umgab, ging es bald sehr heiter und lustig zu, so +daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war. +Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und +Bräutigam wurde viel Gutes gerühmt; und alle schienen +es ganz gewiß zu wissen, daß auch Mutter und Tochter +sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta hörte +auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren +erwähnen und sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, +aber genau verstand sie die Worte nicht, denn eben in +diesem Augenblick wurden ihre Gedanken abgelenkt. Dort, +an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die +Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei +und daß in dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas +<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Fröhlichkeit war mit einem Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz +erfüllte wieder ihre Seele und sie kam sich +wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte vergessen +können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn +angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja +Ihnen, auf Sie wird angestoßen!«</p> + +<p>Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß +mit allen an, die freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein +fröhliches Gesicht zu machen. Es gelang ihr wohl, die +Fremden zu täuschen, auch der Vater schien nichts zu bemerken, +als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte +sie wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? +Ihr Blick ruhte beobachtend auf dem Mädchen, +das sich ihr schüchtern näherte, und als sie nun zusammentrafen, +beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise, so +daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, +der Tag wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug +Berta die Augen nieder, sie fühlte, daß die Mutter sie +durchschaut hatte.</p> + +<p>Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte +Berta in das Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet +war, und nun hatte sie sich zu Bett gelegt. Da ging die +Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas erster Gedanke +war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich, +mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich +besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter +sie fragte: »Hast du dich gefreut auf mich? Hast du mich +lieb?« Und nun, wenn sie so allein beisammen waren, +kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht gewöhnt, +sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du +wachst doch noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich +in ihrem Bett auf.</p> + +<p>»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>die Mutter, »es ist ja ganz offen und wäre morgen so +verwirrt, daß dich das Mädchen wohl erbärmlich rupfen +würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir’s noch +flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt +wird es ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und +strich langsam und geduldig durch das lange, verwirrte Haar.</p> + +<p>»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch +über dein Haar gesagt? War es nicht, man müßte dich +schon lieb haben wegen deines schönen, kastanienbraunen +Haares?«</p> + +<p>»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta.</p> + +<p>»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da +müßte ich viele Mädchen gern haben, wenn ich alle die +lieb hätte, die kastanienbraunes Haar haben!« Berta lachte. +»Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar zu viel vom +Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn +lieb haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. +Aber es kann ja vielleicht einmal so kommen. Wenn wir +beide Gottes Willen tun, wenn wir beide Gottes Wege +gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst +aber ist es ja noch gar nicht möglich.«</p> + +<p>Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten +der Mutter; es kam ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht +vor, daß sie die Mutter nicht lieb hatte, diese erwartete +es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb. Eine Weile +war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in +dem Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen +Tag unter den vielen Leuten,« fing die Mutter wieder an. +»Mir ist’s heute schwerer ums Herz gewesen, als die lustigen +Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es auch nicht +leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den Trinkspruch +auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du +traurige Gedanken?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette +denken, an unser Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke +an mich um zwei Uhr, da reise ich ab. Es war aber gerade +zwei Uhr auf der Uhr im Saal.«</p> + +<p>»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in +der Festfreude? Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast +du sie lieb gehabt, war sie ein gutes Mädchen?«</p> + +<p>»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu +rühmen.</p> + +<p>»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« +fragte jetzt die Mutter.</p> + +<p>»Sie hat gar keine gehabt!«</p> + +<p>»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater +gehen lassen? Warum ist sie denn nicht geblieben?«</p> + +<p>»Weil – weil eben –«</p> + +<p>»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die +Mutter, die den Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, +wie machen wir denn das, können wir sie nicht wieder bekommen?«</p> + +<p>»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa +will eine andere.«</p> + +<p>»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das +nächste Vierteljahr können wir also nichts machen; aber +dann – wie meinst du, wenn....«</p> + +<p>In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. +Die junge Frau wurde gerufen, sie möchte doch kommen, +man warte schon lange auf sie.</p> + +<p>»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher +noch häusliche Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.«</p> + +<p>Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf +dem Rand des Bettes. »Wie meinst du, wenn wir beide +an Weihnachten auf unseren Wunschzettel setzen, daß wir +<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater bescheren, +meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.«</p> + +<p>»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, +»das ist ein schöner Plan!«</p> + +<p>»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter +und stand auf; »morgen werden wir uns nicht mehr lang +sehen, dein Vater und ich reisen ja frühzeitig ab. Vierzehn +Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am Tag nach uns +sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst +<em class="gesperrt">heim,</em> ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll +mich dort daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so +oft heute die Rede von der glücklichen Braut war, dachte +ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr zumute ist! Wenn +ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir auch +oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir’s nicht +gefällt, gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. +Wenn ich mit deinem Vater heim komme, ist kein Mensch +in der Wohnung, der uns empfängt, als das neue Dienstmädchen; +in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen +Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich +nicht deinen Vater so lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. +Jetzt gute Nacht, Kind; ich gebe dir keinen +Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei Menschen, +die sich nicht lieb haben.«</p> + +<p>»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« +sagte Berta und reichte der Mutter die Hand.</p> + +<p>Nun war Berta allein.</p> + +<p>Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, +als sie es erwartet hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken +noch einmal vor. Daß es auch der Mutter bange vor der +Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie gedacht, +deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so +<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>ernst ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr +darüber, ob <em class="gesperrt">ihr</em> wohl die Mutter gefiele, sondern ob es +der Mutter in der neuen Heimat gefallen würde, und nun +war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön gerichtet und +geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe +Luft in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; +wenn sie nur das ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen +recht freundlichen Empfang bereiten könnte! Warum lag +ihr denn so viel daran, daß es der Mutter gefiele? Berta +mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde +hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie +es deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als +sie so bei ihr am Bett gesessen war, wie es niemand mehr +seit ihrer Mama Tod getan hatte, keine von all den Haushälterinnen, +war eine heiße Sehnsucht in ihr erwacht, wieder +an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren +früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, +die Hand zu erfassen und die Mutter zu umschlingen, +zweimal hatte sie ja deutlich gesagt, daß sie sich nicht lieb +hätten. Aber eines hatte die Mutter gesagt: sie wollten +beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich vielleicht +begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer +Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die +Mutter schon lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, +Vertrauen erweckendes, mit ihr wollte sie gehen!</p> + +<table class="break" summary="Neuer Abschnitt"> +<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr> +<tr><td /><td>*</td><td /></tr> +</table> + +<p>Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, +bei denen sie die nächsten vierzehn Tage zubrachte, +die Erlaubnis erbeten, daß sie einen Tag früher heimreisen +und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe, +daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>hatte sie anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel +der Wohnung anvertraut hatte. Endlich hatte sie ihr Ziel +erreicht und stand nun mit dem neuen Dienstmädchen in +der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und sofort +wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen +Luft gemeint hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, +»wir wollen alle Fenster weit aufmachen und die Türen +offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft hinausgeht.«</p> + +<p>Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und +eifrig, alles zu tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft +vorschlug. Am Abend erst wurde diese erwartet. +Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um +Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit +heim, daß sie alle Gläser füllen konnten, die im Hause +waren. Bekannte des Vaters schickten eine Torte und nun +wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen umgeben, +aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von +der dumpfen Luft war nichts mehr zu bemerken.</p> + +<p>Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen +und Lichtern in dem Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten +Stunde Bertas Eltern ankamen, bemerkten sie +schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks +hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das +erklären soll,« sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. +»Sicherlich haben uns die Bekannten eine Überraschung +bereitet und sich in unserer Wohnung versammelt; offen +gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht angenehm.«</p> + +<p>»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre +lieber ohne Fremde daheim gewesen an diesem ersten Abend,« +sagte seine Frau, »aber wir müssen gute Miene zum bösen +Spiel machen!«</p> + +<p>Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter +<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>der Glastüre stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie +aus einem Munde.</p> + +<p>»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.«</p> + +<p>»Und wer ist außer dir noch da?«</p> + +<p>»Niemand als das neue Mädchen.«</p> + +<p>»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht +es hier aus!« rief die Mutter, als sie ins Zimmer trat. +»Wer hat denn alles so schön mit Blumen geschmückt?«</p> + +<p>»Ich habe es mit Christine getan.«</p> + +<p>»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich +erfreut.</p> + +<p>»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare +Haustochter und sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte +freilich bei all dem mehr an die Mutter gedacht, als an +den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon etwas zu +sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter +gut gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf +um den Teetisch saßen.</p> + +<p>Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen +zurückzog, war sie sehr gespannt, ob wohl die Mutter heute +abend wieder zu ihr ans Bett kommen würde. Aber sie +kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte, +so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu +halten.</p> + +<p>Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig +zumute, als sie die Mutter als Hausfrau schalten und +walten und mit ihrer Hilfe den Kaffeetisch ordnen sah. +Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst war +es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt +aber war der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, +und die Mutter voll Freundlichkeit. Sie wußte auch so +vielerlei zu erzählen, es war ein ganz anderes Leben +als sonst!</p> + +<p><a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr +die Mutter gefiel, aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. +Als Vater und Mutter mit dem Auspacken +ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch +zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man +kann sie mit gar keiner Haushälterin vergleichen; ich habe +sie <em class="gesperrt">sehr</em> lieb, wenn sie mich nur auch lieb hätte, aber ich +glaube es gar nicht bis jetzt.«</p> + +<p>»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick +die Mutter und trat dicht heran. Hastig klappte Berta +das Buch zu und errötete über und über.</p> + +<p>»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der +dies bemerkt hatte.</p> + +<p>»Darf ich’s denn nicht sehen?« fragte die Mutter. +»Es ist mein Tagebuch,« antwortete Berta.</p> + +<p>»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« +sagte der Vater.</p> + +<p>»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch +lesen läßt, wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die +Mutter und fügte freundlich hinzu: »Aber es ist gewiß +nichts Schlimmes darin, was du mich nicht lesen lassen +möchtest?«</p> + +<p>Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das +Mädchen, das in größter Verlegenheit die Augen zu Boden +schlug und sich nicht entschließen konnte, das Buch zu öffnen.</p> + +<p>»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, +»ich kann solche Tagebücher nicht leiden, was wird da für +übertriebenes Zeug hineingeschrieben! Nimm es weg, +Berta!«</p> + +<p>Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt +werden. Sie sagte sich, daß die Mutter notwendig +meinen müsse, in dem Tagebuch stehe eine unfreundliche +Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte sie +<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, +der Mutter das Tagebuch zu zeigen.</p> + +<p>Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in +ihre Schule gehen. Sie packte ihre Bücher zusammen, zog +ihre Jacke an, nahm den Hut und verabschiedete sich. +»Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte die +Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die +Ellenbogen herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick +zu platzen droht!«</p> + +<p>»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben +mir es auch alle schon gesagt; aber an Weihnachten und +an meinem Geburtstag haben wir immer nicht an die +Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich +keine Kleider.«</p> + +<p>»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte +die Frau Direktor und suchte ihren Mann auf.</p> + +<p>»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, +»sie sagt, du werdest ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich +hätte gar nicht gedacht, daß du dich so eingehend um ihre +Kleider kümmerst.«</p> + +<p>»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher +mußte ich schon Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen +für Berta. Weil ich nun von Mädchenkleidern +nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so gehalten, +daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre +Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.«</p> + +<p>»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer +manchmal knapp ausgesehen haben. Ich meine, wir müssen +ihr dringend eine Jacke kaufen.«</p> + +<p>»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich +darum kümmern mußte,« sagte der Direktor. »Du weißt, +was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so einfach wird wie +du und wie auch ihre Mutter war.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach +ein paar Minuten wieder ins Zimmer kam und sagte: +»Ich will dich nach der Schule abholen, und dann kaufen +wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem +Vater vorgekommen.</p> + +<p>Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer +kam, stand die Mutter in eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, +die nun, als Berta herzutrat, freundlich zu ihr +sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen bessern +Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch +gute Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich +immer fühlbar!«</p> + +<p>Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor +bis unter die Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch +die Mitschülerinnen, die neugierig auf die neue Mutter gesehen +hatten. »Berta,« sprach jetzt die Mutter, »die Vorsteherin +hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei Jahren +ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig +geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du +seist nicht leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe +und Aufsicht der Mutter gefehlt, die andern Kindern zuteil +wird. Sie freute sich, als sie hörte, daß ich viel im +Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im +Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und +Englisch ist mir so geläufig wie Deutsch, und wenn du +willst, kann ich dir versprechen, daß du in <em class="gesperrt">einem</em> Jahr +auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr nette französische +Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig +benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen +wir nur Französisch reden, so ist dir’s in einem Jahr geläufig. +Aber nur wenn du selbst willst!«</p> + +<p>»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer.</p> + +<p>»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>ist viel netter bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, +fleißiges Mädchen? Es darf aber weder Luise noch Lore +sein!«</p> + +<p>»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt.</p> + +<p>»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der +Vater und die Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt +haben. Das sind zudringliche Mädchen, die viel öfter +kommen als man sie will und mit denen du gemeinsam +gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben +ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.«</p> + +<p>»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer +Mama, als meine Mama noch lebte, und Papa hat sie +auch gern.«</p> + +<p>»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann +machen wir ein französisches Kränzchen aus, willst du?« +Wie gerne wollte Berta! Solche Geselligkeit war ihr etwas +ganz neues.</p> + +<p>Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in +dem die Jacke gekauft werden sollte. Da gab es eine +große Auswahl, von den einfachsten bis zu den feinsten.</p> + +<p>»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die +Mutter.</p> + +<p>»Ja, sehr gut.«</p> + +<p>»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde +dem Fräulein noch viel besser stehen,« sagte der Ladendiener +und zeigte ein reich verziertes Jäckchen.</p> + +<p>»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die +Mutter und leise fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer +das Schönste gewählt oder war sie für das Einfache?«</p> + +<p>»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne +Jacke beiseite. »Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« +drängte der Verkäufer. »Ich will sie nicht, ich +<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>will die andere,« entschied Berta bestimmt, und mehr als +die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar +befriedigt zunickte.</p> + +<p>An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu +ordnen und Berta half dabei. »Hier sind die Schlüssel +zum Schreibtisch,« sprach nun der Vater, »dieser kleine +schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte sich, in +welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; +gut, daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte +der Vater das oberste Fächlein aufgeschlossen und siehe, es +war voll von Kleinigkeiten, die Berta gehörten. »Was ist +das, Berta,« rief der Vater, und eine böse Falte zog sich +auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie +herauszunehmen.«</p> + +<p>»Vergessen? das ist nicht wahr!«</p> + +<p>»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!«</p> + +<p>»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend +dazwischen.</p> + +<p>»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals +bestimmt den Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was +dabei gesprochen wurde, haben wir beide auch nicht vergessen.«</p> + +<p>Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, +die in der kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. +Der Vater zog die große Schublade auf – sie war leer; +ebenso waren die andern alle ausgeräumt, nur die einzige +war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise gerade +zuerst gekommen war.</p> + +<p>»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, +da habe ich dir Unrecht getan, ich war der Meinung, du +hättest <em class="gesperrt">gar</em> nichts ausgeräumt;« und als er sah, wie +Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich hinzu: +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>»Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta +war es mehr; die Mutter hatte sicher erraten, daß sie +widerwillig den Platz für sie geräumt hatte, und es war +Berta, als wären nun all die lieblosen Gedanken aufgedeckt, +die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich zu +weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen +besonderen Grund haben.</p> + +<p>»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz +ist,« sagte die Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen +ausräumen zu müssen. Es war wohl dein Lieblingsplätzchen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat +sie sich den Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu +sich genommen; aber es versteht sich von selbst, daß sie dies +alles nun abgibt; nicht wahr, Berta, du möchtest es nicht +anders haben?«</p> + +<p>»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie +ihr Schluchzen nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie +schwer es ihr wird,« sprach die Mutter, »und ich will ihr +gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine Sachen nur +wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater +wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht +überreden. »Ich will nur, was man mir freiwillig und +gerne gibt, es ist mir viel lieber so. Hier Berta, nimm +deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, <em class="gesperrt">so</em> machte ihr der +Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.</p> + +<p>Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie +am Morgen beim Frühstück. Der Vater war ärgerlich über +den Verdruß, den es wegen des Tagebuchs und wegen des +Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah, daß Berta +nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht +erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst +kämpfte, ihre Schüchternheit zu überwinden und der Mutter +alles zu gestehen, was ihr auf dem Herzen lag.</p> + +<p><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann +könnte ich alles sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt +nicht; sie ist auch am Hochzeitsabend nur gekommen, weil +mein Haar offen war.« Unwillkürlich griff Berta nach +ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf, +dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und +sie löste das Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des +Abends von selbst aufgehen würde, wie oft war das schon +geschehen, wenn sie es <em class="gesperrt">nicht</em> gewollt hatte! Der Zopf +wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald +Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal +heimlich nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar +ist ja ganz offen,« sagte nun die Mutter, »wie kommt +das nur, der Zopf war doch heute abend noch ganz +schön?«</p> + +<p>Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, +die Haare sind ganz offen.«</p> + +<p>»Ich will sie dir drüben noch einmal flechten,« sagte +die Mutter.</p> + +<p>»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater.</p> + +<p>»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta +eifrig ein.</p> + +<p>»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete +der Vater.</p> + +<p>»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der +Mutter fiel diese Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete +fragend auf Berta. »Ich will ihr gerne das Haar flechten,« +versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch einmal etwas +einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich +gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer.</p> + +<p>Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch +offen hin, daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und +dann schlüpfte sie so schnell wie möglich ins Bett; sie wollte +<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>schon darin sein, ehe die Mutter kam, gerade wie am Hochzeitstag. +Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die Mutter. +»Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach +wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich +dein Haar besser machen können, wenn du dich nicht vorher +gelegt hättest.«</p> + +<p>»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das +Haar kann ich wohl selbst machen; ich möchte dich nur +bitten, daß du liest, was ich heute in mein Tagebuch geschrieben +habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die Mutter +las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie +mit gar keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie <em class="gesperrt">sehr</em> +lieb, wenn sie mich nur auch lieb hätte, aber ich glaube +es gar nicht bis jetzt.«</p> + +<p>»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, +das mich so glücklich macht?« rief die Mutter, +beugte sich über Berta, zog sie an ihr Herz und küßte sie +so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt hatte +seit ihrer Mama Tod.</p> + +<p>»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb +habe, mein Kind, oder fühlst du es?« fragte die Mutter +und sah mit einem Blick voll Liebe auf Berta.</p> + +<p>»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe +noch eine Bitte: nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch +und lege deine Sachen hinein, damit ich ganz gewiß +weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir alles geben +möchte, was ich nur habe!«</p> + +<p>»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich +doch, daß es einem guten Herzen eine Lust ist, denen, die +es liebt, ein Opfer zu bringen.«</p> + +<p>»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« +sagte Berta, und errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt +nicht mehr von uns fort, wenn es eine Stelle wäre, die +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>man verlassen kann, wenn man will, wie du am Hochzeitsabend +zu mir gesagt hast?«</p> + +<p>»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas +denken! Habe ich nicht <em class="gesperrt">Liebe</em> gefunden und kann es etwas +Besseres geben auf Erden?«</p> + +<p>Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter +und Kind gewechselt, da ließ sich plötzlich draußen des +Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar noch nicht geflochten?«</p> + +<p>»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und +lachten, denn das Haar war ganz und gar vergessen worden. +»Nein, wir kommen gar nicht zurecht mit dem Haar,« +rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!«</p> + +<p>»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten +sagte ihm der erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit +um den Zopf handle. Er sah, daß auf einmal alles +anders geworden war zwischen Mutter und Tochter, die sich +bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend +gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch +so fröhlich gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte +in sichtlicher Bewegung:</p> + +<p>»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen +würden, habe ich sicher geglaubt; aber daß wir uns so +schnell finden könnten, hätte ich noch heute abend nicht zu +hoffen gewagt!«</p> + +<p>»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die +da beisammen im stillen Schlafkämmerchen waren, sahen +viel glücklicher aus, als damals im strahlenden Hochzeitssaal.</p> + +<p>Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: +»Mein Kind muß jetzt schlafen,« und schnell ergriff sie +die Haarbürste und begann ihr Werk. »Morgen wollen +wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr aufgeht.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die +Mutter dabei so schelmisch an, daß dieser auf einmal klar +wurde, welche Bewandtnis es mit dem Haar gehabt hatte.</p> + +<p>»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr +nötig haben, ich komme von selbst an dein Bett.«</p> + +<p>»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette +auf den Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du +meinetwegen die Christine fortschickst, die dich so gern hat!«</p> + +<p>»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte +der Vater. »Du wolltest wohl Lisette wieder ins Haus +bringen? Das wäre euch aber nicht gelungen, sie heiratet!«</p> + +<p>»Ist es dir leid?« fragte die Mutter.</p> + +<p>»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, +jetzt, Mutter, wo du da bist!«</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a></p> +<h2><a name="Die_Feuerschau" id="Die_Feuerschau"></a>Die Feuerschau.</h2> + + +<p>Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, +das schönste Haus in der Ringstraße ist das Eckhaus mit +der Altane; und das schönste Stockwerk im Eckhaus ist der +erste Stock. In diesem ist alles neu hergerichtet, frisch +tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern sind +nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. +Auch die junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt +und strickt, ist noch ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist +sie Hausfrau, eine recht jugendliche Hausfrau; und noch ein +paar Jahre jünger als sie ist das Evchen, das kleine Dienstmädchen, +das in frischer, weißer Schürze am Herd steht, +ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das +sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.</p> + +<p>Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem +Gesang unterbrochen. Sie hörte ihren Namen rufen durch +das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf kam der Ruf. +Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen +der Hausfrau.</p> + +<p>»Was gibt’s?« fragte das Evchen hinunter.</p> + +<p>»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch +hinauf, du sollst es deiner Frau ansagen.«</p> + +<p>Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den +wichtigen Auftrag auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau +wird gleich zu uns kommen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>»Die Feuerschau? Was will die wohl?«</p> + +<p>Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, +wo sie her war, gab es keine Feuerschau. Die Frau Assessor +hatte auch noch nie damit zu tun gehabt; aber es zeigte sich +doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr Dienstmädchen, +denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die +Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer +ansehen wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.«</p> + +<p>Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen +und als das Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. +Die Feuerschau war es nun freilich nicht, sondern zwei +Freunde des Herrn Assessor, die ihn besuchen und seine +junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das +Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor +sich. »Der Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf +die Frage des Herrn, »aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« +Nachdem sie die beiden Herren hineingeführt hatte, +eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die Feuerschau +ist schon im Besuchzimmer.«</p> + +<p>Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde +Herren vor ihr, und stellten sich vor: der eine nannte sich +Ingenieur Maier, von dem andern, dem Archivar Rau, +verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch +nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen +Feuerschau hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche +junge Frauchen ihres Freundes kennen zu lernen, sprachen +es auch aus und fragten, ob sie sich schon ein wenig heimisch +fühle im Städtchen? Die Frau Assessor antwortete darauf +sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz natürlich, +daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück, +und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. +Freilich, zum Sitzen wurden die Herren nicht aufgefordert, +dagegen sagte die Frau Assessor: »Wollen Sie vielleicht +<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer Handbewegung +machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam. +Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein +sehr hübscher Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat +sehr schön,« wiederholte der Archivar.</p> + +<p>»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. +Das bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht +könnte man es ändern?« fragte die junge Frau. »Das +ließe sich schwer machen,« antwortete der Ingenieur. Da +die Hausfrau keine Miene machte, sich von dem Ofen zu +entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen. +Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben +noch weiter bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« +sagte der Ingenieur. Der Archivar setzte seinen Zwicker +auf und besichtigte die Kacheln, aber er fand trotz des +Zwickers nichts Besonderes an ihnen.</p> + +<p>Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau +von dem Ofen, machte die Türe zum Eßzimmer auf und +sagte: »Wollen Sie nicht den eisernen Ofen ansehen, den +habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort abzuwarten, +ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich +verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu +dem eisernen Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle +drei wie gebannt um den Ofen herum. Der Ingenieur +war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas davon +und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. +Der Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser +Frauchen fing an im stillen über die Feuerschau zu zürnen; +sie fand es wunderlich, daß die Herren gar nicht voran +machten, der Archivar besonders blieb immer in ehrerbietiger +Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich +davor fürchtete.</p> + +<p>Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die +<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>junge Frau zu zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, +daß sie ihnen nicht einmal einen Platz anbot! Die Frau +Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen weiter helfen,« +und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte +sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer +ansehen? Es ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre +Besucher widerspenstig. »Ich danke,« sagte der Ingenieur, +»wir wollen doch nicht überall eindringen.«</p> + +<p>»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und +ging voran.</p> + +<p>»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich +ab,« sagte der Archivar.</p> + +<p>»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die +junge Hausfrau, denn sie dachte: »Der Mann hat offenbar +seinen Beruf verfehlt.«</p> + +<p>Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, +als der Hausfrau in das Schlafzimmer folgen, und nun +standen sie vor einem kleinen, alten, unscheinbaren Tonofen, +der ihnen so gar nichts sagte.</p> + +<p>»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und +war nicht wenig stolz, daß ihm noch eine so passende Frage +einfiel.</p> + +<p>»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar +nie angezündet.«</p> + +<p>»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.«</p> + +<p>»Ja, für die Lunge, nicht wahr?«</p> + +<p>Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es +klingelte und Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam +die wirkliche Feuerschau, ein älterer Mann in Begleitung +eines jüngeren.</p> + +<p>»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne +sich um das verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, +klopfte er an der nächsten Türe an. Das war eben die, +<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>die in das Schlafzimmer führte, in dem nun schon drei +Leute um den Ofen standen.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, +»wir wollen nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.«</p> + +<p>»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau +mit Entsetzen. Ohne Umstände gingen die Männer auf +den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine verbotene Ofenklappe,« +sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie es +auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.</p> + +<p>Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch +lange genug, daß die junge Frau erkannte: das war die +richtige Feuerschau. Die andere war offenbar keine. Sie +kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und sah +ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? +»Sie sind gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, +»Sie haben sich bloß so gestellt.«</p> + +<p>Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, +daß hier eine Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau +sind wir nicht,« sagte der Ingenieur, »aber bitte, gnädige +Frau, wir haben uns doch nicht so gestellt.«</p> + +<p>»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!«</p> + +<p>»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das +eigentlich gar nicht, aber wir konnten nicht anders, wir +mußten Ihnen doch folgen.«</p> + +<p>»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen +als Freunde des Herrn Assessors: Ingenieur Maier.«</p> + +<p>»Archivar Rau.«</p> + +<p>»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb +beschämt, »was müssen Sie von mir gedacht haben, und +was wird mein Mann sagen, wenn er hört, wie ich seine +Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, +o bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« +<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>Sie waren kaum darin, so erschien der Herr des +Hauses und freute sich, seine Freunde zu treffen.</p> + +<p>Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu +verraten, und nahmen gerne Platz, wie wenn nichts gewesen +wäre, sie waren ja lange genug herumgestanden. Nur +sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten Mühe, +ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht +wahr?« sagte der Hausherr.</p> + +<p>»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der +Ingenieur. Da war die Verstellungskunst der jungen Frau +schon zu Ende. Sie mußte lachen und die Herren lachten +mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht, bis +ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich +sah sie trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr +Ungeschick wohl aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor +den Herren. Bewahre, das tat er nicht. Auch er lachte +und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der kleinen Frau +überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es +ja auch nicht besser!«</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a></p> +<h2><a name="In_der_Adlerapotheke" id="In_der_Adlerapotheke"></a>In der Adlerapotheke.</h2> + + +<p>Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt +Hollwanger gehörte, gab es nun schon zum dritten +Male in Jahresfrist einen Abschied. Der älteste Sohn war +zum Militär einberufen worden; den zweiten hatte der +Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt, und der +dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch aufgeschossen, +war nun auch im Begriff, das Elternhaus +zu verlassen. Er wollte Apotheker werden, und so hatte +er heute, am Donnerstag nach Ostern, in der Adlerapotheke +in Neustadt als Lehrling einzutreten.</p> + +<p>Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater +den Sohn nach der Stadt fahren wollte. Der Koffer war +hinten aufgepackt, Mutter, Schwester, Knecht und Magd +standen vor dem Haus in dieser Abschiedsstunde. Die +Trennung war keine von den schwersten; denn das Städtchen +lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, +wenn der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die +Lateinschule besucht und täglich den Weg vom Elternhaus +nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg hatte ihn +immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch hineingeführt, +und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen, +Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts +dagegen, er war ein reicher Mann und konnte seinem +Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der +Mutter Lebewohl sagte und erst ein ernstes Gesicht machte, +als er entdeckte, daß seine Schwester, seine treue Jugendgespielin, +Helene, mit Tränen in den Augen dastand. Sie +war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen +an diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, +»ich komme ja alle vierzehn Tage heim und so oft du nach +Neustadt kommst, besuchst du mich in der Apotheke.«</p> + +<p>Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen +freundlich tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln +mit dem Knecht, der Magd, und fort ging es +mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte. Und +Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, +er freute sich über die Maßen.</p> + +<p>Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt +fuhr und vor der Adlerapotheke anhielt, wurde die +Ladentüre der Apotheke geöffnet, und der Apotheker ging +Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten +ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte +die kräftigere Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war +ein Bild der Gesundheit, was man von den etwas blassen +aber feinen Zügen des Apothekers nicht sagen konnte. Er +begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand; +der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu +dem Manne auf, der ihm kein Fremder war, und den er, +ohne daß dieser es wußte, schon seit Jahren als seinen +künftigen Lehrherrn betrachtet hatte.</p> + +<p>Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken +eigentümliche Geruch herrschte, der für Hermann immer +etwas geheimnisvoll Anziehendes hatte, führte Apotheker +Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen Stock +und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich +empfangen von der kleinen rundlichen Apothekerin, die +<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>gleich geschäftig den Kaffeetisch deckte und sich entschuldigte, +daß der Kaffee noch nicht bereit sei. »Ich wußte nicht +<ins class="correction" title="Transcriber's note: original misses quote">genau,«</ins> sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und lieber +möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als +ihnen einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.«</p> + +<p>Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, +daß sie und ihr Mann zu Hermann »du« sagen +dürften, es sei doch traulicher für Leute, die an <em class="gesperrt">einem</em> +Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu freuen.</p> + +<p>Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft +gemütlich beim Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke +der Apotheke, und Mohr mußte hinunter; nach einem +weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite Störung dadurch, +daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war +seinem Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der +ersten Mahlzeit so einführte, doch versicherte Frau Mohr, +der Flecken in der Kaffeedecke sei nicht schlimm, aber +sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen. Diese +Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. +Bis an die Kutsche begleitet vom Apotheker und von +Hermann stieg er ein. Die beiden Männer tauschten noch +freundliche Worte, Hermann aber wußte nichts mehr zu +sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er +schon aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein +Vater abfahre, er wollte doch Apotheker werden, endlich +sollte es losgehen. Jetzt kam der letzte Gruß, das Pferd +folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen rasselte +über den Marktplatz.</p> + +<p>Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem +Wagen nachsah, sondern aufmerksam nach dem großen +schwarzen Adler aufblickte, der dräuend über dem Eingang +der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf die +Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst +<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>du in die Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann +ebenso, und indem er fröhlich die wenigen Stufen vorauseilte +und die Ladentüre aufmachte, fragte er: »und wie +geht’s jetzt an?«</p> + +<p>»Wie’s angeht?« wiederholte der Apotheker und sah +lächelnd auf seinen eifrigen Gehilfen. »Wie’s angeht, wenn +man Apotheker werden will, meinst du? Ich denke, man +schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!« +Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, +daß mitten am Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, +»es war auch früher nicht so, erst seit Herbst, wo sich die +neue Apotheke hier aufgetan hat, erst seitdem ist’s stiller +bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite gegründet +hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem +jungen Apotheker, aber er hat es nicht einsehen wollen, und +nun ist bei ihm kein rechter Geschäftsgang und bei mir +ist es auch nicht mehr wie früher.«</p> + +<p>Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das +Laboratorium geführt, da standen wunderliche Kolben und +Kochgeschirre aus Glas und gläserne Trichter und Röhren. +Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so +mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar +viele Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich +mache noch vieles selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« +fragte Hermann. »Diese Woche nicht mehr, aber nächste +Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus Silber +bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.«</p> + +<p>»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In +meiner Familie,« sagte Mohr, »ist diese Liebhaberei von +alters her, die Mohrs sind eine altberühmte Chemiker- +und Apotheker-Familie aus Koblenz.«</p> + +<p>Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch +jemand,« rief Hermann so erfreut, wie wenn der Kunde +<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>schon <em class="gesperrt">sein</em> Kunde wäre und lief eiligst, die Türe zu öffnen. +Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in einer halben +Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und +dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.</p> + +<p>»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller +kennen lernen,« sagte der Apotheker, »in dem sind gar +mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.« Sie stiegen miteinander +hinunter in die großen Kellerräume. In verschiedenen +Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, +Kolben aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos +rein gehalten; in jedem Raum hing ein Lämpchen, von +denen der Apotheker eines anzündete. »Hier sind die Blutegel; +es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob +alle lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt +werden. Futter brauchen sie nicht; sie bleiben ein +und zwei Jahre lang ohne Nahrung, inzwischen kommen +wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit +Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem +schwammen die schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus +in ein kleines Glas.</p> + +<p>»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber +binde fest den Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; +ich muß hinauf, ich höre die Ladenglocke.«</p> + +<p>In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien +waren einzufüllen, Pulver waren zu richten und in +die weißen zugeschnittenen Papierchen einzuwickeln. »Sieh +zu und mach’s nach,« sagte der Apotheker zu Hermann und +deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen +verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten +Fingern eines der Pülverchen einwickeln wollte, schob er +mit dem Ärmel die vier anderen kleinen Portionen zum Tisch +hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem Apotheker; +der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, +<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>sagte lachend: »Der ist scheint’s nicht der geschickteste.« +»Er ist neu eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und +wog neue Pülverchen ab, aber Hermann wurde nicht mehr +aufgefordert, sie einzuwickeln.</p> + +<p>Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar +Gläschen hin, die er eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde +die Fläschchen zu, so wie dieses,« sagte er, indem er ein +farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und mit einem +Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging +wie von selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte +das Papier nicht stramm aufliegen, das Schnürchen nicht +halten. Eines der Gläser rutschte aus und zerbrach +auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das +nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so +ungeschickt hat sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß +das nicht noch einmal vorkommt!«</p> + +<p>Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt +war und Hermann mit dem Apotheker und seiner Frau +beim Abendessen saß, kam es ihm vor, als sei er nicht in +der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser war sehr +einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr +Mohr seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, +die jeder Lehrling studieren müsse, und er führte ihn an +einen Bücherschrank, der viele naturwissenschaftliche Werke +enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte der Prinzipal, +daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen +der Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte.</p> + +<p>»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule +hast du das nicht gelernt.«</p> + +<p>»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes +gewünscht und gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, +schon seit Jahren weiß ich mir nichts Schöneres.« Vor seinen +Büchern stehend, sprach der Apotheker über die verschiedenen +<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht bemerkte, +eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er +staunen mußte. Hermann saß an diesem Abend in ein +Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker ihn entschieden zum +Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das +Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der +Vorratskammer oben im Dachraum ausgebaut war.</p> + +<p>Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare +beisammen saßen und über ihn sprachen: daheim die Eltern +und hier der Apotheker und seine Frau. »Hast du dem +Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon +studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger +ihren Mann.</p> + +<p>»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.«</p> + +<p>»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig +die Rede darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt +ist.«</p> + +<p>»Der Apotheker wird’s bald selbst herausfinden.«</p> + +<p>»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser +Hermann gar keinen größeren Wunsch hat, als einmal ein +Apotheker zu werden, und daß ihm die Apothekerbücher +lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas +muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!«</p> + +<p>»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst +du ganz ruhig sein, und der Hermann ist ja auch keiner +von den ängstlichen, er hat ganz zutraulich getan mit dem +Apotheker.«</p> + +<p>»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der +Liebling sein in der Apotheke, wie er es in der Schule auch +war. Alle haben ihn gern.«</p> + +<p>»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, +der geht seinen Weg leichter als seine Brüder, gottlob! +Man hat sonst genug Sorgen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte +die Frau Apotheker zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt +er dir vor? es ist ein lieber Mensch, scheint mir.«</p> + +<p>»Ja, und gescheit, aber –« und bedenklich schüttelte +Mohr den Kopf.</p> + +<p>»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse +umgestoßen.«</p> + +<p>»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver +einwickeln, ich will nur sehen, wie das geht.«</p> + +<p>»Anfangs ist’s allen schwer.«</p> + +<p>»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas +mit der Hand tut, wie er den Daumen so steif hinausstreckt; +er weiß gar nicht, wie man die Finger biegt, wie +einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft +hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.«</p> + +<p>»Und so einer kommt vom Land!«</p> + +<p>»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so +ein Bürschlein alles nur auf Knecht und Magd abladen +darf und angestaunt wird, weil er lateinisch kann.«</p> + +<p>»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.«</p> + +<p>»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer +oder gar einen Professor aus ihm machen; Verstand ist da, +Geld ist da – an was sollte es fehlen!«</p> + +<p>Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann +am Frühstückstisch. »Wird der Mann wohl heute wieder +in die Apotheke kommen, der gestern die Schlafpulver geholt +hat?« fragte er den Apotheker.</p> + +<p>»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?«</p> + +<p>»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen +haben.«</p> + +<p>»Warum sollten sie nicht?«</p> + +<p>»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor +Schmerzen nicht geschlafen habe.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>»Ja, und?«</p> + +<p>»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich +heute Nacht gut geschlafen hätte.«</p> + +<p>»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.«</p> + +<p>»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel +aus seiner Apotheke geben kann!« sagte Hermann.</p> + +<p>»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa +fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt und deshalb schon +etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit seiner Mittel.</p> + +<p>»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein +Mittel entdecken!« fuhr Hermann fort.</p> + +<p>Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes +Rufen, das von dem Mädchen draußen zu kommen schien. +»Was hat doch die Mine,« rief Frau Mohr lebhaft aufspringend, +»es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe riefe,« +und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum +Mädchen. Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter +die Türe und rief ihrem Mann zu: »Ach, komm nur schnell, +die Mine hat eben den Keller gekehrt, nun hat sie einen +Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller kriechen +die Blutegel umher.«</p> + +<p>»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich +denn tun? Ich bring ihn nicht weg.«</p> + +<p>»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder +Asche her.« Im Nu brachte Frau Mohr die Salzbüchse. +Eine Hand voll wurde auf den Blutegel gestreut, da fiel +er weg und lag harmlos auf dem Boden.</p> + +<p>Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich +bösem Gesicht zu Hermann: »Hast du den Kolben mit den +Blutegeln gestern abend offen gelassen?«</p> + +<p>»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.«</p> + +<p>»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten +klärte es sich bald auf. Zugebunden war der Kolben, aber +<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>so lose, daß die ganze Bewohnerschaft zwischen dem Tuch +und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im +Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war +keine Zeit mehr, denn die Glocke an der Apotheke erklang, +aber die Strafe ergab sich von selbst: etwa ein halb hundert +Blutegel aufsuchen und einfangen.</p> + +<p>Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten +Lehrlings erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag +in diesem Keller zubringen müssen. Aber sie wußte, wie +die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im Glas, bis +Hermann einen herein brachte.</p> + +<p>Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah +ihn sein Herr sehr ungnädig an. Aber Hermann kam +ihm reumütig entgegen, so daß er nicht viel mehr sagte als: +»Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden, das +sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden +Morgen muß auf allen Fächern und Ständern abgestaubt +werden. Dort ist die Leiter, aber das bitte ich mir aus: +nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an Büchse +standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt +werden. Mit einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging +Hermann daran, daß in der Tat nichts fallen konnte; aber +freilich, auf diese Art wäre er an <em class="gesperrt">einem</em> Tag schwerlich +fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht +mit ansehen.</p> + +<p>»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, +ich will dir zeigen, wie man das macht. So mit einem +flotten Griff über das Fach, siehst du? Hast du denn nie +in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem Augenblick +steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann, +kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« +»Dann, Hermann, komme doch einmal mit mir hinauf in +dein Zimmerchen.« Oben angekommen sagte Frau Mohr: +<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>»Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins +Zimmer. Hermann schaute – aber er sah nichts Besonderes. +Nachdem er rund herum geblickt, sah er die +Gestrenge fragend an.</p> + +<p>»Was meinen Sie?«</p> + +<p>»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so +darf es doch nie aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. +Bedenke nur, wenn unverhofft die Inspektion käme, die +sieht in alle Räume des Hauses und überall muß tadellose +Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, +daß ein Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer +gefahren ist und dann seine Hand besehen hat; und weil +Staub daran war, hat man dem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Apother'">Apotheker</ins> die Apothekerberechtigung +entzogen. Ja, so streng wird das genommen. +Nun sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie +der Staub auf den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt +das Mädchen, aber alles andere geht dich an. Neben der +Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem Staubtuch. +Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das +Körbchen mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er +hält schwer, ich weiß es. Das muß gleich wieder gut gemacht +werden. Siehst du, so mußt du jeden Tag abstauben. +Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei +der Inspektion getadelt wird.«</p> + +<p>»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe +nur davon gar keine Ahnung gehabt.« »Nun komm mit +herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist und die Nagelkiste, +dann klopfst du den Nagel wieder ein für das +Staubtuchkörbchen.«</p> + +<p>Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem +Werkzeug. Der erste Nagel verbog sich in der Wand, auch +der zweite wollte nicht halten. Frau Mohr hatte recht +gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, +im Holz hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen +kräftigen Kloben, der sich nicht so leicht umbiegen konnte, +hämmerte ihn fest in das Holz der Kommode hinein und +hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen daran. +Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß +er freilich mit herunter zu nehmen, ehe er wieder in die +Apotheke zurückging; daheim hatten sechzehn Jahre lang +andere für ihn aufgeräumt – in <em class="gesperrt">einem</em> Tage lernt sich +die Ordnung nicht!</p> + +<p>Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst +war Hermann geweckt worden, denn nie ging es so lebhaft +zu in der Adlerapotheke wie am Samstag, dem Markttag. +Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch war es +dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der +Apotheke auf den Markt sah. Der große Platz war leer +und still, nur das Wasser im Marktbrunnen plätscherte +und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf Uhr. In +der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium +wurde im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und +in der Stoßkammer nebenan mußte im großen Mörser fein +zu Pulver zermalmt werden, was in harten Brocken hineinkam. +Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem +Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.</p> + +<p>»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte +den Kunstgriff. Hermann machte sich daran, als er aber +die gesäuberten Fläschchen in die Apotheke brachte, in der +schon die ersten Kunden standen, und der Apotheker einen +Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und +unfreundlich: »Geh’ hinaus!« Warum? Draußen stand +Hermann und besann sich und konnte das unfreundliche +»hinaus« nicht verstehen. Eine Weile verging, da kam +Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. +Kleide dich um, schnell!«</p> + +<p>Er war allerdings über und über naß und verschmiert, +an den Hemdkragen sogar waren braune Spritzer gekommen, +natürlich vom Putzen. Er hatte nie gedacht, daß sein +eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst verwunderlich +kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit +und Ordnung vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, +richtete sich frisch her, warf all das nasse Zeug auf das +Bett, um nur möglichst schnell wieder herunter in die Apotheke +zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu. Bauern und +Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm +drängten sich. Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, +die Hermann nicht einmal dem Namen nach kannte, aber +jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends versagte +die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser +Stunde freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als +Hermann war. Nichts, gar nichts konnte er ihm anvertrauen!</p> + +<p>Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, +Bauernwagen fuhren an mit Körben voll junger Schweinchen, +die ein Geschrei verführten, als ginge es ihnen ans Leben. +Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte Hermann von +ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In +langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit +Tauben und Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. +Goldgelb schimmerten die Apfelsinen über den ganzen Platz, +auf dem die Frauen mit ihren Markttaschen, die Dienstmädchen +mit großen Körben und Netzen sich drängten +und schoben.</p> + +<p>»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die +Fläschchen, bis sie voll sind.« Flink war Hermann bei der +Hand. Eine Kanne mit kräftig nach Wein duftender Arznei +<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben, einen Trichter, +dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter +in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft +über, junger Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die +wartend dastand und ihm zugesehen hatte. Rasch stellte +Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter weg, ringsum +floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, +zu Hilfe zu kommen.</p> + +<p>»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, +besorgte selbst das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: +»Nimm deine nasse Manschette ab.« Die weiße Manschette +hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang Hermann +in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den +übrigen verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der +Apotheke wieder mit frischen.</p> + +<p>Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf +dem Markt waren nicht mehr die Köchinnen in den weißen +Schürzen zu sehen, sie standen wohl alle in ihren Küchen +und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die Marktweiber +saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das +Essen, das ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; +manche Wagen waren schon abgefahren, andere standen vor +den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer am Mittagstisch saßen.</p> + +<p>Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch +droben im Eßzimmer die Frau Apotheker ihr Essen auftragen, +um diese Zeit war es am ruhigsten in der Apotheke.</p> + +<p>»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, +und dann komme nach zum Essen,« sagte Mohr und ging +voraus. Droben nahm er seine Frau beiseite. »Laß die +Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch etwas +mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den +Jungen gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich +ihn doch nicht.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>»War er wieder so ungeschickt?«</p> + +<p>»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, +er kann kein Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, +er verschmiert seine Kleider – –«</p> + +<p>»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte +Frau Mohr, »sein nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf +den frischen, weißen Bettüberwurf hat er es hingeworfen, +obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt hatte. +Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen +nicht aufzuregen, jetzt muß ich dir’s doch sagen: einen +eisernen Kloben hat er in die polierte Kommode geschlagen, +du weißt doch, die alte Kommode mit den Messingknöpfen? +Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das Staubtuchkörbchen +gehängt!«</p> + +<p>»Das ist stark!«</p> + +<p>»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode – –«</p> + +<p>»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das +Notwendige besprechen. Es ist nämlich drüben auf dem +Markt des Hollwangers Knecht mit dem Wagen, der könnte +gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst könnte +mit heimfahren.«</p> + +<p>»Hast du es dem Jungen schon gesagt?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird +mir schwer, es ihm zu sagen; aber zum Apotheker ist er +entschieden unbrauchbar, könnte mir die größten Unannehmlichkeiten +machen. Darum ist’s am besten, man schickt ihn +gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte +zu tun.«</p> + +<p>»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen +schlechten Streich gemacht hat.«</p> + +<p>»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich +werde schreiben, daß er gescheit ist; sie sollen ihn einen +Professor werden lassen; auch sein eifriges und freundliches +<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur gerade zu +<em class="gesperrt">dem</em> Beruf ist er zu ungeschickt.«</p> + +<p>In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. +»Es ist ein Mädchen da, wollte ein Stück Glycerinseife +um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern gegeben, aber +weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben, +so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte +sie, sie könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke +mitnehmen; aber das wollte ich doch nicht, sie soll nur der +Adlerapotheke treu bleiben. Darf ich ihr von der Glycerinseife +geben, die vorn liegt im Glaskasten?«</p> + +<p>»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war +Hermann verschwunden.</p> + +<p>Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.</p> + +<p>»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die +Frau, »er tut mir zu leid.«</p> + +<p>»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er +gleich an die Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er +ist keine Hilfe für mich, im Gegenteil!«</p> + +<p>»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar +nicht dabei sein,« sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam +Hermann wieder, die Suppe wurde aufgetragen, aber kein +harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit.</p> + +<p>Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir +merken,« sagte er, »daß ein Stück Glycerinseife das erste +war, das ich verkauft habe.«</p> + +<p>Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«.</p> + +<p>»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, +»daß man das Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen +verwendet. Da wundert man sich ganz, wenn man’s +auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife gebraucht. +Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt +<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>nur weh, die Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, +der nach dem Essen aufhören sollte, Lehrling zu sein.</p> + +<p>Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, +so sprang er auf, wieder in das Geschäft zu gehen.</p> + +<p>»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte +Mohr, ging voraus in den kleinen, neben dem Eßzimmer +liegenden Empfangsraum und machte die Türe zu. »Ich +wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich +finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften +studierst, auf die Universität gehst und Chemiker +und vielleicht Professor wirst, was ja eine viel angesehenere +Stellung ist, als die des Apothekers.«</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was +damit gemeint war; »ich will viel lieber Apotheker werden. +Ich weiß wohl, daß es höhere Stellungen gibt, aber mir +ist eine Apotheke das liebste.«</p> + +<p>»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder +Mensch muß sich den Beruf wählen, zu dem er geschickt +ist, und an der Geschicklichkeit zum Apotheker fehlt es dir. +Hast du das nicht selbst schon gemerkt?«</p> + +<p>»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling +und muß es drei Jahre bleiben, in so langer Zeit +werde ich das schon lernen.«</p> + +<p>»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß – +ich kann dich nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche +einen geschickten Jungen, der mir von der ersten Woche +an helfen kann. Um’s kurz zu machen, kehre du heute +abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, +daß ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer +Knecht ist wohl noch nicht heimgefahren, er kann den Koffer +mitnehmen. Es ist mir leid, Hermann, ich hätte dich sehr +gern behalten, ich habe dich lieb gewonnen.«</p> + +<p>Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>Worten. Ganz starr sah er auf den Mann, der so zu +ihm redete. Als er aber deutlich wahrnahm, daß dem +Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er Mut +und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? +Ich will mir alle Mühe geben.«</p> + +<p>»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge +es vielleicht; aber ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, +und wenn in einer Apotheke so viel ungeschickte Sachen gemacht +werden, so spricht sich das herum im Städtchen und +die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der Apotheke.«</p> + +<p>»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich +gehen, schaden möchte ich nicht.«</p> + +<p>Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, +redete ihn die Frau Apotheker an: »Sei nur getrost, mein +Junge, du kannst es noch viel weiter bringen als zum +Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du meinst. +Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß +im Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem +Gehilfen, es kommt Gift in die Arznei, es kostet ein Menschenleben +und der Apotheker muß es im Kerker büßen. Ich +habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar nicht +nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode +meiner Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid +ist um das schöne Möbel; auch der weiße Bettüberwurf +hat einen Flecken, aber er geht wieder heraus, der Kaffeeflecken +ist auch wieder herausgegangen aus der Tischdecke +und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur +nicht so schwer, lieber Junge!«</p> + +<p>Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein +Zimmer und packte den Koffer. Er war wie im Traum. +Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er nicht heimfahren, +er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte der +Knecht später holen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter +den freundlichsten Wünschen von Herrn und Frau Mohr +die Apotheke. Er hob den Kopf nicht nach dem schwarzen +Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so +hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging +er über den Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus +auf die einsame Landstraße, seinem Dorfe zu. Und als er +niemand mehr sah und ganz allein in Gottes freier Natur +war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen +der schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem +Leben hatte er eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher +war er als ein guter Sohn liebevoller Eltern, als ein +eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne jegliche Anfechtung +seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den +ersten Schmerz gebracht.</p> + +<p>Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er +von ferne seine Eltern auf den Stall zugehen. Jetzt kam +ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem Tag zur +Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt +gefahren war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst +drei Tage her war, und doch mußte es so sein. Er ging +nach dem Stall, sie standen beide bei dem Kälbchen, Vater +und Mutter; und nun, als helles Licht durch die Stalltüre +hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus <em class="gesperrt">einem</em> Mund +riefen sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren +Blick auf ihren Sohn fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du +bist krank?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber +es war ein schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, +aber es ist aus mit der Apotheke, Herr Mohr meint, ich +solle lieber etwas anderes werden.«</p> + +<p>»Was hat’s gegeben, Hermann?« fragte der Vater +und sah ihn scharf an.</p> + +<p><a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes +ist mir begegnet, und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe +nicht zum Apotheker, und das ist auch wahr, nichts kann +ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre, fällt um, und +was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen +Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit +aller Gewalt schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm +der Schmerz das Gesicht verzog und das Kälblein erschreckt +zusammenfuhr.</p> + +<p>»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus +und erzähle genau wie alles gewesen ist,« sagte der Vater. +»Haben sie dich einfach fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«</p> + +<p>»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber +was hilft mich das, ich kann eben kein Apotheker werden.«</p> + +<p>Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, +und kurz darauf brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer +einen Brief vom Apotheker, der sich in aufrichtigen und +freundlichen Worten über Hermann aussprach und den +dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er +habe die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft +zu werden.</p> + +<p>Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne +Aussicht und versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. +»Es ist ja wahr,« sagte Hollwanger, »diese Laufbahn ist +noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist nicht das Höchste, +aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles +im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich +darf anfangen zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn +unterbringe, und das gerade im Frühjahr, wo ich jede +Stunde draußen sein sollte!«</p> + +<p>»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so +etwas Arges, wenn man in eine Kommode einen Kloben +schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf +gekommen bist, kann ich nicht begreifen. Aber wer weiß, +wenn du einen schönen Schinken mitgebracht hättest, so +wär’s vielleicht doch anders gekommen, die Frau Apotheker +hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort +für dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, +Hermann, wenn du auf die Universität kommst, ohne Schinken +für den Professor lasse ich dich nicht fort!«</p> + +<p>In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns +Zukunft gesprochen, was er studieren könnte und ob man +ihn zunächst auf das Obergymnasium schicken sollte. Hermann +sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so war ein +freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub’ +ist ganz verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht +gewesen vom Apotheker, er hätte erst ein paar Wochen +Geduld haben sollen.«</p> + +<p>»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, +und sie grollten dem Manne. Am meisten war die Schwester +über die Behandlung des Bruders gekränkt, denn für sie +war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und sie +allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß +es ihr Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen +könnte. »Er hat sich doch aber eine Apotheke gewünscht +und nichts anderes,« war ihre Entgegnung.</p> + +<p>So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag +wollte Hollwanger benützen, um wegen seines Sohnes +einen Brief zu schreiben. Da erschien am Samstag morgen +Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht; und +als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, +nach den Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. +»Hast’s jetzt verwunden?« fragte ihn freundlich der Vater, +»gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen die Frucht niederschlagen, +sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben wir.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke +mich den Sommer noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst +daheim!«</p> + +<p>»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur +Feldarbeit? Dann wüßt’ ich nicht, wozu du dein Latein +gelernt hast?«</p> + +<p>»Nein, aufs Feld wollt’ ich nicht, bloß daheim bleiben.«</p> + +<p>»Faulenzen? Oder was? Red’ deutsch, Hermann.«</p> + +<p>»Ich weiß halt schon vorher, daß dir’s gar nicht +recht sein wird, Vater, aber einmal muß ich’s ja doch sagen: +Für mich allein arbeiten möcht ich, mich den Sommer über +einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden kann.«</p> + +<p>»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch +bist du, Hermann. Ein zäher, einrissiger Kerl mit deiner +verwünschten Apotheke! Hast doch gehört, daß du nicht +taugst dazu, hast’s ja selbst gesagt!«</p> + +<p>»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir +fehlt, Vater, und sieh,« sagte Hermann, und wurde immer +wärmer, während er sein Zukunftsbild entwickelte, »sieh, +ich könnte mir in meinem Zimmer alles einrichten wie in +einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen, +mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen +umgehen lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, +kein Stäubchen dürft’ mir im ganzen Zimmer sein. Von +früh bis Nacht wollt’ ich mich einüben, ob nicht doch vielleicht +meine Hände geschickt würden. Nur bis Herbst, +Vater, und wenn mir’s dann nicht gelingt, will ich selbst +nicht mehr.«</p> + +<p>»Also versuch’s,« sagte der Vater, »wenn du dich schon +ganz vernarrt und verbohrt hast in den Gedanken, daß du +Apotheker wirst, so will ich dir das halbe Jahr wohl gönnen; +in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt werden sie dich +dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie +<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich +zahlen.«</p> + +<p>»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte +Hermann fröhlich lachend hinzu und der Vater lachte auch +und sagte: »Daß du dir’s nicht einfallen läßt, deine Mutter +zu verhöhnen!«</p> + +<p>»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« +und er schlug den Heimweg ein.</p> + +<p>»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« +sagte Hollwanger vor sich hin und sah nach dem Sohn +zurück, der mit langen Schritten, von neuer Hoffnung belebt, +dem Haus zueilte.</p> + +<p>Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen +getrieben und niemand ins Vertrauen gezogen, aber das +ließ sich nicht durchführen; denn es erregte allgemeines +Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge studierte Herr, +in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und Wischtücher +ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten +dürfe; als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte +und diese die Treppe hinauftrug in sein Zimmer. Bald +drang zur Hausfrau das Gerücht, der junge Herr sei heute +ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache mit der +Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er +ja schon all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon +mancher um den Verstand gekommen. Frau Hollwanger +war mit ihren dienstbaren Geistern in der Waschküche beschäftigt, +als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie gewaltig +erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und +eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt +wurde.</p> + +<p>Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann +auf der Leiter stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer +und Putztuch neben sich. So hatte sie ihn freilich +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>nie früher gesehen, aber als er ihr jetzt bei ihrem Eintritt +das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht verstört und verwirrt +aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich an und +lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging +und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich +befriedigen und ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, +wie er es dem Vater gegenüber getan hatte. »Zuerst muß +mein Zimmer so sauber werden wie die Apotheke,« sagte +er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles blitzblank +ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis +zur Bodenkammer, alles rein.«</p> + +<p>»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, +daß sie dir das macht, laß du das nur bleiben, Hermann, +du kannst es doch nicht und machst bloß deine Kleider +schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer. »Nein, +nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, +alles will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. +Das muß ein Apotheker alles können und wegen +meiner Kleider sorge dich nur nicht; die müssen auch immer +rein gehalten sein, ich nehme mich schon in acht und Flecken +mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir anschaffen, +Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in +den Apotheken hat; und ein paar Kolben und Glastrichter +und einen Mörser, gelt, das darf ich mir kaufen? Und +meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit ich Platz +bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, +die packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.«</p> + +<p>Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte +jetzt, im Frühjahr, Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, +daß für Hermann nichts getan werden mußte. So +durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen treiben. +Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns +<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>Arbeit; sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem +Bruder und nicht nur als müßige Zuschauerin. Sie hatte +bald das Ideal der Reinlichkeit erfaßt, das Hermann anstrebte. +»Du mußt denken, du seiest der Inspektor, der +die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, +du mußt überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo +Staub findest.«</p> + +<p>Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr +Auge schärfer. »Hermann, an der Türleiste ist Staub, +sieh her,« sagte sie und zeigte die grauen Spuren am Finger. +Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde von da an +aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände.</p> + +<p>Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich +Hermann an die Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und +wickelte Pülverchen ein – Sandkörnchen waren es – die +in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen gepackt wurden. +»Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und +gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als +der Bruder. Er war bekümmert darüber.</p> + +<p>»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so +dumm hinausstreckst, sieh, so kann ich’s auch nicht machen,« +und sie ahmte seine Handbewegung nach. Hermann war +im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine +zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. +»Ich weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann.</p> + +<p>»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, +»er weiß, was man da machen muß.« Der Merz war +der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die Geschwister +kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen +recht viel zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine +dumme Gewohnheit, so ein Glied immer noch so zu halten +als wäre es krank, die Hunde machten es auch oft so. Mit +den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen lassen, +<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei +Tisch saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; +bald hatte das Glied seine frühere Beweglichkeit wieder +erlangt.</p> + +<p>Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und +oft legte sich Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am +Schlusse eines Tages, den er ganz der Übung jener Handgriffe +gewidmet hatte, die seine Schwester mit Leichtigkeit +ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und +Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug +bekommen konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn +Hermann wollte sie selbst reinigen. Und dann wurden sie +durch den Glastrichter mit Salzwasser gefüllt, kein Tropfen +sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War +das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer +gestellt; waren sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und +wieder aufgebunden. Allmählich ging das doch besser, eine +schöne Reihe von Fläschchen stand schon auf dem Fachwerk. +Oben auf den hohen Schrank hatte er große, schwere +Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger +müde waren vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam +zur Erholung die Übung, die Leiter hinauf und hinunter +zu steigen, mit den schweren Kolben in der Hand.</p> + +<p>So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen +und Einfüllen, mit Pulvereinwickeln und Zubinden +einen Tag um den andern; und endlich, im dritten Monat, +kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in der +Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß +sein Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer +eifriger.</p> + +<p>In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, +um ein Uhr Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit +längerer Zeit hatte er sich nicht mehr um seines Sohnes +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen Stimmung, die +uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was +mochte Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin +und her zu gehen? Leise erhob er sich, der Sache mußte +er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig die Treppe +hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, +was würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? +In der Ordnung war nur, Schlafen zwischen ein +und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem »Bubenzimmer«. +Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie +nicht. Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch +und füllte ein Arzneigläschen ein. »Vater, du bist’s?« +sagte er. »Ich bin ganz erschrocken, wie so unverhofft meine +Tür aufgegangen ist.«</p> + +<p>»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, +oder bist du nicht recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr +es ist?«</p> + +<p>»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist’s vorbei. <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra opening quote '»Ich'">Ich</ins> +bin ganz wach, Vater, und lege mich gleich wieder, sowie +die Arznei fertig ist. Ich muß aber hie und da auch +nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der +Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr +gesagt, aber sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann +füllte sein Fläschchen, band es mit großer Ruhe zu und +sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so schlaftrunken +wie die ersten Male.«</p> + +<p>»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß +Ruhe sein, so etwas kann ich nicht haben.«</p> + +<p>»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß +niemand aufwacht,« sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin +ich schon fertig, muß nur wieder aufräumen.« Das Kölbchen +kam zu der stattlichen Reihe, die schon das zweite Fach +des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah wunderlich, +<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später +lag Hermann schon wieder im Bett.</p> + +<p>Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger +die Treppe hinunter. »Dem ist’s ernst,« sagte er +vor sich hin, »dem ist’s bitter ernst, der wird Apotheker.«</p> + +<p>Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit +all der Arbeit, die er auf dem großen Bauernhof bringt. +Kaum etwas davon drang in Hermanns Zimmer. Rastlos +gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie +den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit +zu erwerben, die manchem andern schon in die Wiege +gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach der Uhr, die vor ihm +hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde zwei +Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt +und zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier +und im dritten und vierten noch mehr und jetzt im fünften +und letzten Monat ging es ihm von der Hand, daß es ein +Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich in +Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein +großer Kasten voll und sie standen in ungezählten Mengen +nebeneinander, die kleinen Fläschchen. Warum er sie aufhob, +das verstand niemand; der Sand im Pulverpapier, das +Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?</p> + +<p>»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte +im stillen sorglich die Mutter.</p> + +<p>Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste +Arbeit auf den Feldern war getan. Der Landwirt konnte +befriedigt zurückblicken auf die Arbeit des Sommers. Ein +stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen gleichmäßig +herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger +saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender +vor sich liegen.</p> + +<p>»Nun, Hermann, wie steht’s jetzt eigentlich mit dir? +<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Der Sommer wäre vorbei. Länger kann’s bei dir so nicht +weiter gehen, höchste Zeit, daß etwas geschieht.«</p> + +<p>»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre +ich so weit, daß ich mich als Lehrling antragen könnte.«</p> + +<p>»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel +schreiben in der Hauptstadt.«</p> + +<p>Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, +daß ihm der Vorschlag nicht recht war. »Nun, was gibt’s? +Paßt dir’s wieder nicht? Du wirst nach und nach ein +wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?«</p> + +<p>Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in +die Adlerapotheke.«</p> + +<p>»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu +<em class="gesperrt">dem</em> Mann, der dich so schnöd aus dem Haus gejagt hat!«</p> + +<p>»Nein!« sagte der Vater, »zu <em class="gesperrt">dem</em> gehe ich nicht.« +Helene sah ängstlich zum Bruder auf, wie würde das weiter +gehen? Sie hatte ja schon lange gesagt: »Die Eltern sind +bös auf den Apotheker Mohr und werden’s nicht erlauben.« +Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern +immer noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan +hatte, und er hatte diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt +galt es, einzutreten für seinen Mann!</p> + +<p>»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, +freundlich war er bis zuletzt; in aller Liebe hat er mir’s +gesagt, daß er mich nicht brauchen könne, und er hat mich +auch wirklich nicht brauchen können, ich war <em class="gesperrt">zu</em> ungeschickt. +Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede +Stunde zutage kommt. Ihm danke ich’s, daß mir die +Augen darüber aufgegangen sind, was mir fehlt, und jetzt +könnt’ er mich brauchen. Und die Adlerapotheke, Vater, +das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele gibt und +musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom +Mohr ab, von einem berühmten Chemiker, und er macht +<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>vieles selbst, was andere Apotheker heutzutage nicht mehr +machen. Er ist ein feiner, gelehrter Mann, bei dem +könnt’ ich etwas lernen!«</p> + +<p>Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, +jetzt hielt er inne und sah gespannt auf die Eltern, die +beide schwiegen. Die Schwester fand, daß der Bruder den +besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach, gar nicht +vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt +ist näher als die Hauptstadt.«</p> + +<p>Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, +Neustadt ist näher,« sagte der Vater, »dagegen läßt sich +nicht viel einwenden.«</p> + +<p>»Hermann, glaub’ mir’s,« sprach Frau Hollwanger, +»sie nehmen dich dort nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem +Mann sagen: da kommt wieder der, der in die polierten +Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.«</p> + +<p>»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen +Lehrling haben, zwei können sie nicht brauchen.«</p> + +<p>»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben +sie zur Aushilfe, der geht aber bald.«</p> + +<p>»Du weißt’s ja sehr genau, woher denn?«</p> + +<p>»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat +ihr immer erzählen müssen, wie es in der Apotheke steht.«</p> + +<p>»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. +Hermann, dort frage ich nicht an.«</p> + +<p>»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; +will er mich nicht, so gehe ich gleich wieder heim und +wende mich, wohin du willst.«</p> + +<p>»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann +in Gottes Namen!«</p> + +<p>»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, +daß die Frau Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder +Eier oder Rauchfleisch, was meinst du?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>»Ich glaube, das macht’s nicht aus, Mutter, und ich +kann auch gar nichts tragen. Ich will all meine Pulver +mitnehmen und all meine Fläschchen, die müssen meine +Empfehlung sein.«</p> + +<p>»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser +voll Wasser? Die willst du mitnehmen? O Bub, da +wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter.</p> + +<p>Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch +gesammelt all die Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß +ich nicht, warum er mich annehmen sollte, darauf habe ich +meine ganze Hoffnung gesetzt.«</p> + +<p>»So laß ihn’s mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner +Frau. »Jeder hat seine eigene Art. Du würdest’s mit +Butter und Rauchfleisch probieren, er meint’s mit Pulvern +und Gläsern durchzusetzen, er soll’s versuchen, gleich morgen.«</p> + +<p>Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau +Hollwanger am nächsten Tag ihren Sohn »den ganzen +Plunder«, wie sie es nannte, in den größten Handkoffer +packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte +Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts +gewesen, da hatte er die Eltern überredet, heute hätte er +das nicht vermocht. Aber jetzt gab es kein »zurück«.</p> + +<p>»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn’s nun fehl +schlägt, so nimm’s nicht schwer; bitten und betteln darfst du +den Apotheker nicht, du bist eines reichen Landwirts Sohn, +hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging und die +er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?</p> + +<p>Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom +gestrigen Regen, ein kalter Wind blies. »Ungut Wetter +heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher, der den Schmutz +von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann +nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, +zwischen Furcht und Hoffnung schwankend.</p> + +<p><a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, +seit er sie im Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, +jetzt sah er sie zum erstenmal wieder und blickte nach dem +schwarzen Adler. »Bist mir diesmal hold, du finsterer +Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher.</p> + +<p>Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger +Herr, das mochte der Provisor sein; mit dem wollte Hermann +nichts zu schaffen haben, so ging er nicht die Steinstufen +zum Laden hinauf, sondern durch den Seiteneingang +ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen +und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist +oben,« sagte sie, führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, +suchte die Frau Apotheker auf und kündigte ihn +an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar Tage +in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf +mich losgelassen hat!«</p> + +<p>»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« +sagte Frau Mohr, während sie ihre Küchenschürze ablegte, +und dann kam sie mit freundlichem Gruß zu Hermann. +»Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie, »immer wollten +wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind +wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, +wie ich am Koffer sehe?«</p> + +<p>Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. +»Das müssen Sie alles auch meinem Mann erzählen, ich +will gleich hinunter und sehen, ob er sich losmachen kann, +setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann allein +lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum +Sitzen. Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, +geschickten Bewegungen, wie er sie vor einem halben Jahr +noch nicht zur Verfügung gehabt hätte, nahm er vom Tisch +den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn sorgsam +auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt +<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte +sie – es waren wohl viele Hunderte – über den Tisch +aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte lag; dann behend +alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen umbundener +Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. +Den Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch +auf dem Grund? Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, +er konnte sich nicht entschließen, ihn heraus zu nehmen, er +hörte auch schon den Apotheker mit seiner Frau heraufkommen. +Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und +als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der +ihn vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich +hinzog, überkam ihn eine große Bewegung, so daß er +nicht gleich Worte fand, um des Apothekers herzlichen +Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt, denn +mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine +Güte, was haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt +denn da?« und sie ging auf den Tisch zu. Der Apotheker +folgte, und nun fühlte Hermann, daß die Erklärung kommen +mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es +ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch +mehr gemacht im letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie +mich als Lehrling brauchen können!«</p> + +<p>Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die +Bescherung; aber er, der Apotheker lachte nicht; er sah +genau, prüfend und ernsthaft auf das, was vor ihm lag, +strich mit der Hand durch den großen Haufen der Pülverchen, +nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann +hin und sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich +möchte es sehen.« Nun galt es, das Zittern der Aufregung +zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen freien +Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf +oder nicht gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber +<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>nein, er hatte ja nicht vergeblich gearbeitet; es gelang ihm +im Nu; der Apotheker hatte gerade nur Zeit zu beobachten, +daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat. Ebenso schnell +machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte +der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, +und mit einem Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz +wurde, sagte er: »Hermann, jetzt gehörst du wirklich in die +Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann gerade nur +zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in +die Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem +solchen Glücksgefühl und einer so übermütigen Fröhlichkeit, +daß dem würdigen Herrn und seiner Frau das Herz +aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit beisammen +saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal +des Tages die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen +sei und von dem Schrank seine Wasserkolben +heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der Uhr +Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine +Übungen vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau +lustig über ihn und nannte ihn einen närrischen Kauz und +sie lachten miteinander darüber.</p> + +<p>»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der +Apotheker.</p> + +<p>»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau +Mohr hinzu. Da fiel Hermann der Butterballen ein; +jetzt, ja jetzt konnte der seine Dienste leisten; rasch holte er +ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker und sagte: »Das +ist ein Gruß von meiner Mutter.«</p> + +<p>»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, +ich hatte immer das Gefühl, sie sei gekränkt.«</p> + +<p>Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der +Wind schlug die Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann +sah nach dem Fenster. »Jetzt gehe ich heim.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>»Jetzt gerade?« fragten sie ihn.</p> + +<p>»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete +Hermann, »da draußen ist’s lustig jetzt.«</p> + +<p>War’s draußen oder war’s drinnen im Herzen so +lustig? »Auf Wiedersehen am ersten Oktober,« sagten sie +zueinander.</p> + +<p>Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an +den Tisch zurück, an dem ihr Mann sinnend stand und mit +Wohlgefallen in den Pülverchen wühlte. »Recht geschickt +ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie.</p> + +<p>»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt +sind manche. Aber solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, +hast du die schon getroffen, Frau? Damit +richtet man Großes aus in der Welt!«</p> + +<p>»So hätte er doch studieren sollen.«</p> + +<p>»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen +in der Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in +ihn gelegt hat, so bricht der sich Bahn, und ich will ihm +helfen und ihn fördern, so gut ich kann.«</p> + +<p>Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem +Menschen begegnete er in dem Unwetter, auch der Wegmacher +hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er sein Dorf, sein +Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein +Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen +Schritt nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann’s sein? +Wer kommt?« fragte die Mutter, als er schon die Zimmertüre +öffnete und triumphierend ausrief: »Der Lehrling von +der Adlerapotheke!«</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a></p> +<h2><a name="Bei_der_Patin" id="Bei_der_Patin"></a>Bei der Patin.</h2> + + +<h3>I.</h3> + +<p>»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.</p> + +<p>»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso +leise eine zweite. In dem Schlafzimmer, in das nur durch +die Straßenlaterne ein schwacher Lichtschimmer fiel, standen +zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein Knabenkopf +auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme +wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer +und Heinrich schlupfte zu seinem Bruder Konrad +ins Bett. Sonst schliefen die beiden, sie waren zwölf und +dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber heute, +wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen +alles gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der +Jammer sie nicht einschlafen. Und zum Jammer kamen +auch noch die ersten Sorgen.</p> + +<p>»Mir ist’s gar nicht recht, daß der Vormund uns zu +Bett geschickt hat,« sagte Heinrich.</p> + +<p>»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit +der Tante und mit Fräulein Stahlhammer über unsere +Zukunft spricht. Mir ist alles recht, wenn sie uns nur +beisammen lassen,« sagte Konrad.</p> + +<p>»Das <em class="gesperrt">müssen</em> sie doch! Sie können uns doch nicht +aus dem Haus vertreiben!«</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll +denn die Haushaltung führen?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast +immer in der Schule und das Klärchen macht nicht viele +Mühe.« Klärchen war das einzige Schwesterchen, fünf +Jahre alt.</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden +sagen: es geht nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich +ärgerlich, »immer heißt es gleich: es geht nicht, wenn einmal +etwas anders ist als gewöhnlich. Wo meinst du denn, +daß sie uns hintun wollen?«</p> + +<p>»Zu irgend welchen Verwandten.«</p> + +<p>»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und +Tante Kuhn.«</p> + +<p>»Ich auch.«</p> + +<p>»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe +ich tausendmal lieber als den Herrn Rat Stahlhammer +als Vormund, warum haben wir doch den und nicht Onkel +Kuhn?«</p> + +<p>»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater +starb, und Herr Rat Stahlhammer war hier und war ein +Freund des Vaters, darum hat ihn nach des Vaters Tod +die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine Schwester +ist ja auch die Patin von Klärchen.«</p> + +<p>»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß +wie der Herr Rat selbst; wie sie heute zur Beerdigung +hereingekommen ist, hat sich Klärchen ordentlich vor ihr +gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz anders, die erinnert +mich so an die Mutter!«</p> + +<p>»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.«</p> + +<p>»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: +Am liebsten bleiben wir, wo wir sind, und wenn das nicht +geht, möchten wir zu Onkel und Tante Kuhn hinaus in +die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei beisammen +bleiben.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>»Ja,« sagte Heinrich, »und das <em class="gesperrt">müssen</em> sie uns +erlauben.«</p> + +<p>Es schlug zwölf Uhr.</p> + +<p>»So spät schon,« sagte Konrad.</p> + +<p>»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er +wieder in seinem Bereich und nach kurzer Zeit wurde es +still im Schlafzimmer, beide Brüder schliefen.</p> + +<p>Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, +wurde ohne daß sie es wußten, in ihres verstorbenen Vaters +Zimmer schon über ihr Schicksal entschieden. Drei Personen +saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund, Rat +Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und +Frau Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen +Mutter. Diese hatte sich, auch im Namen ihres Mannes, +bereit erklärt, die beiden Knaben zu sich zu nehmen und +mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu erziehen. +Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, +doch war es neben der großen Knabenschar nicht möglich.</p> + +<p>Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten +für die zwei Knaben angenommen und die Überzeugung +ausgesprochen, daß seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, +die in dem nahen Städtchen Waldeck ein Häuschen +besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen +aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, +stattliche Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des +Bruders Erstaunen, daß sie seinen Wunsch nicht erfüllen +könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem. »Ich +kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum +du dich weigerst, dein Patenkind <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'zur'">zu</ins> dir zu nehmen. Du +lebst ganz allein mit deinem Dienstmädchen, du kannst +frei über deine Zeit verfügen, du hast Platz im Hause; +Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine +Eltern haben ja genug hinterlassen ...«</p> + +<p><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete +Fräulein Stahlhammer.</p> + +<p>»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir +nehmen?« sagte Herr Stahlhammer etwas ungeduldig. +»Jedermann kann es von dir erwarten.«</p> + +<p>»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen.</p> + +<p>»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten +bist du, da tust du Gutes, und hier, wo du die +Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was ist der Grund?«</p> + +<p>»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal +eine traurige Erfahrung gemacht mit zwei Waisenkindern, +die ich bei mir hatte; ich habe genug darunter gelitten und +will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung erleben.«</p> + +<p>»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener +geworden und wirst die Sache geschickter anstellen +als damals,« sagte der Rat. Aber seine Schwester wollte +nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit Kindern,« +sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht an +mich an.«</p> + +<p>»Unsinn, darauf kommt’s nicht an; du hattest damals +solch törichte Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen +wolltest und dergleichen. Hättest du sie mit gehöriger +Strenge von Anfang an behandelt, so wären sie nicht so +nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund +meine Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich +zu dir hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person +den Kopf zurechtsetzen, und es wäre doch lächerlich, wenn +wir zwei Leute, die größten weit und breit, mit dem kleinen +Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer soll denn +das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen +Junggesellen, nicht zumuten?«</p> + +<p>Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer +<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>schien wankend zu werden. »Wenn du sie mir auf Probe +geben willst,« sagte sie endlich, »dann will ich mich dazu +verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu nehmen, für +mehr verpflichte ich mich nicht.«</p> + +<p>»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal +nimmst, dann kann man ja später weiter sehen,« rief Herr +Stahlhammer sichtlich erleichtert. Noch hatte er einen +kleinen Kampf zu bestehen, denn die Schwester erklärte, +daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug heimreisen +müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, +um das Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch +die Tante der Kinder bei, aber der Vormund war der +Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu seiner +Patin reisen sollte.</p> + +<p>Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem +Punkt und so wurde beschlossen, daß der Vormund am +nächsten Morgen das Kind abholen und es ihr an die +Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen +die nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das +Trauerhaus.</p> + +<p>Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein +Gast war, verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. +Diese sah den großen Gestalten, die sich ernst und schweigend +miteinander entfernten, nach, und leise sprach sie vor sich +hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch bei uns aufnehmen!«</p> + +<p>Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen +des Abends, die Sorge für seine drei Mündel war +ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?</p> + +<p>Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben +dem Bruder durch die Straßen schritt, dachte sie zurück an +eine bittere Stunde ihres Lebens, wo der Waisenhausvater +gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder abzuholen, +<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte +wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht +es mit Kindern!«</p> + + +<h3>II.</h3> + +<p>»Wach’ auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? +Wach’ auf, wach’ auf, ich sage dir etwas.«</p> + +<p>Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen +in aller Frühe Rike, das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. +Das Kind schlug endlich die Augen auf und sah erstaunt +auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon die +Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule +und so hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für +sie etwas ganz Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war +noch recht kindlich für ihr Alter, ein herziges Mädchen, +der Liebling von allen im Haus und selbst voll Liebe für +alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?« +fragte die Kleine ganz neugierig.</p> + +<p>»Steh’ nur geschwind auf, ich sag’ dir’s schon, Herzenskind. +Aber wir müssen schnell machen,« und nun half +Rike dem Kind, das bald ganz munter war, beim Waschen +und Ankleiden.</p> + +<p>»Aber jetzt sag’ mir doch, Rike, was es gibt?« fragte +Klärchen.</p> + +<p>»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll +dich wecken, du sollst mit seiner Schwester abreisen.«</p> + +<p>»Mit meiner Patin?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Warum denn?«</p> + +<p>»Weil die Mama gestorben ist.«</p> + +<p>»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?«</p> + +<p>Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort +darauf, sie knüpfte eifrig Klärchens Stiefelchen zu +<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>und beugte sich so darüber, daß Klärchen ihr Gesicht nicht +sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen herunter auf +die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen +sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden +Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, +du bist traurig wegen der Mama.«</p> + +<p>Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem +Kleid, ließ sie hineinschlupfen und sagte dann: »Komm +nur schnell, ich habe dir schon dein Frühstück gerichtet, du +hast gar nicht mehr lange Zeit.«</p> + +<p>»Wo ist der Konrad und der Heinrich?«</p> + +<p>»Die schlafen noch.«</p> + +<p>»Gehen sie denn nicht mit mir?«</p> + +<p>Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln.</p> + +<p>In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. +Rike sah hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der +Herr Vormund. Du sollst herunter kommen, es sei höchste +Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und deinen Hut!«</p> + +<p>»Aber ich soll doch mit der Patin?«</p> + +<p>»Die wird am Bahnhof auf dich warten.«</p> + +<p>Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr +hinunter.</p> + +<p>»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.«</p> + +<p>»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.«</p> + +<p>»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang +hinüber in das Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die +nachts so spät eingeschlafen waren, noch schliefen. »Lebwohl, +Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur Patin,« rief sie, aber +noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die Hausglocke +noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt +hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.</p> + +<p>Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses +Gesicht, und als Rike vollends das Kind noch an sich +<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>drückte und ihm unter lautem Schluchzen lebewohl sagte, +rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind das Herz +noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von +ihr weg und führte es in großen, eiligen Schritten nach +der Bahn.</p> + +<p>Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad +und Heinrich mit Fragen bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? +Mit wem ist sie gegangen? Warum hat man +uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht +früher geweckt?«</p> + +<p>Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen +habe, sie nicht zu wecken, geriet Heinrich in eine +wahre Wut, wollte der kleinen Schwester nacheilen und sie +mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten Rike und +Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein +Balsam war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz +unerwartet in aller Frühe die Tante, Frau Professor Kuhn, +eintrat. Sie war die Schwester der verstorbenen Mutter +und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie es stand: +daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, +und Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir’s +gedacht, wie es euch ums Herz sein wird, liebe Kinder, +darum bin ich so frühe schon zu euch gekommen. Ich hätte +so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er die +Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und +da konnte ich nichts machen.«</p> + +<p>»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« +fuhr Heinrich auf, »uns heimlich so die Schwester +wegzunehmen ohne Abschied!«</p> + +<p>»Der Kleinen ist’s vielleicht wirklich so am leichtesten +geworden,« begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so +traurig, als wenn sie euren Schmerz gesehen hätte.«</p> + +<p>»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint +<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>hat sie und so gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie +ein Lämmlein zur Schlachtbank.«</p> + +<p>»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte +lächelnd die Tante, »mit der Schlachtbank wollen wir das +Haus der Patin nicht vergleichen.« Dabei legte sie den +Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein Täßchen +Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich +allmählich beruhigten.</p> + +<p>»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« +fragte Konrad; »können wir im Haus bleiben?«</p> + +<p>»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, +daß ihr in einer Haushaltung ohne Vater und Mutter +nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber gern zu uns kommt, +so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und +ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, +aber wir können es mit dem besten Willen nicht +machen. Es wird schon jetzt das Haus fast zu eng sein, +aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine drei Buben +und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.«</p> + +<p>Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und +dankte ihr für ihre Güte und auch Heinrich war wieder +getrost, ohne die Mutter und Klärchen wäre es doch nicht +mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch +einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt +ihr; es ist nur ein halbes Stündchen mit der Bahn oder +ein paar Stunden zu Fuß; da könnt ihr Sonntags Klärchen +besuchen.«</p> + +<p>»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur +die Patin so wäre wie du oder die Mutter, dann wäre +ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie ist so ganz +anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.«</p> + +<p>»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die +Patin; sie tut sehr viel für Arme und Vereine, da muß +<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>sie doch ein gutes Herz haben, und Klärchen wird das +schon herausfühlen.«</p> + +<p>»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?«</p> + +<p>»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und +hier die Haushaltung aufgelöst ist, holt euch der Onkel. +Bis dahin haltet euch still und lieb bei eurer Rike.«</p> + +<p>Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus +zurück, das ihnen ganz verändert schien. Seit dem Tod +der Mutter und der Abreise des Schwesterchens war jeder +Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten sich selbst +sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben.</p> + + +<h3>III.</h3> + +<p>Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von +Fräulein Stahlhammer, unter der Haustüre und plauderte +mit dem Mädchen des Nachbarhauses. »Ist’s wahr, daß +dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht hat, +das ganz bei euch bleiben soll?«</p> + +<p>»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf +Probe; ein kleines nettes Dingchen ist es, das einen ganz +treuherzig anblickt. In seinem schwarzen Trauerkleidchen +sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem leid, so früh +verwaist.«</p> + +<p>»Nun, es wird’s gut bekommen bei euch, und bald +wieder lustig sein.« Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich +kann’s nicht brauchen, es muß mir wieder fort aus dem +Haus.«</p> + +<p>»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!«</p> + +<p>»Freilich ist’s mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? +Kann ich wie bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein +im Verein oder in der Ausschußsitzung ist und das Kind +daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo ich will, wenn +<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir +das Kind übergibt?«</p> + +<p>»Es ist wahr, so gut hast du’s dann nimmer wie bisher, +aber du wirst’s nicht ändern können.« – »Das wollen +wir erst sehen! Es waren schon einmal zwei Waisenkinder +da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!«</p> + +<p>»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?«</p> + +<p>»Behüt’ mich Gott, da würde ich mich der Sünde +fürchten! Im Gegenteil, ich tue ja dem armen Würmchen +nur Gutes, wenn ich sorge, daß es anderswohin kommt, +wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht, du +wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, +mein Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht +sie nie etwas um diese Zeit, so ist’s eben, wenn ein Kind +da ist, fort muß es!«</p> + +<p>Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer +und ihr gegenüber das Kind. Ihm kam es so unheimlich +vor in dem fremden Raum bei der Patin, die sie +kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort +gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, +und anstatt die Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing +sie ganz bitterlich an zu schluchzen. »So war es damals +auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als die zwei Waisenkinder +den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern +unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei +mir eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen +fertig bringen?« Ihr Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, +aber sie wollte dieses Kind nicht auch mit Liebe verwöhnen, +sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst wohl müde sein, +weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß +sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« +Als das Bett gerichtet war und Fräulein Stahlhammer +das weinende Kind ins Schlafzimmer führen wollte, ergriff +<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>Mine rasch die kleine Gestalt, hob sie auf den Arm und +sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das erstemal +lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« +und Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden +sagte Mine zu der Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst +wird die Patin böse, darfst auch nicht merken lassen, daß +du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du Heimweh +hast, dann sag’ du’s nur immer mir, vor der Patin sei +ganz still.«</p> + +<p>Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und +Mine verließ das Zimmer. »Ich will schon für das Kind +sorgen, wenn es aufwacht, solange Sie in Ihrem Verein +sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese +dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat +und besser versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein +ging, schlich sie leise in das Schlafzimmer, saß lange an +dem Kinderbett, sah auf das liebliche, unschuldige Gesichtchen +und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so köstlich +sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!«</p> + +<p>Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell +an neue Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen +schlich sie gar trübselig umher, die Sehnsucht nach der +Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes Herz. Es +dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten +Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester +gut zurecht käme mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er +traf die Kleine bei dem Mädchen, Fräulein Stahlhammer +war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem Kind?« +fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, +Herr Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht +an seine Patin, es mag sie nicht.« Klärchen stand dabei +und sah ängstlich und erschrocken auf, als sie diese Worte +hörte und bemerkte, wie sich die Züge des Vormunds verfinsterten. +<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>»So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde +sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen +an der Hand und führte sie in das Zimmer. Er +wollte das Kind gehörig ausschelten und ihm den Kopf +zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen hatte. +Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, +so recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch +etwas wie Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich +tue dir nichts,« sagte er, »du brauchst nicht so vor mir zu +zittern. Aber höre, was ich dir sage: Dein Vater ist gestorben +und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder +sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand +da, der für dich sorgen mag außer deiner Patin; du +mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein und sie lieb haben +wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares Kind, +verstehst du das?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete leise die Kleine.</p> + +<p>»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.«</p> + +<p>»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen +und sah dabei ganz ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede +des Vormunds wohl verstanden und fing an zu begreifen, +daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem sie sie +zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort +etwas wie Liebe und Dankbarkeit.</p> + +<p>»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die +Patin lieb haben wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.«</p> + +<p>»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, +»kein Kind hat die Patin so lieb wie seine Mutter, und +sie ist ja auch gar keine Mutter und hat dich nicht so lieb +wie ihr Kind.«</p> + +<p>»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat +mich ja auch zu sich genommen.«</p> + +<p>»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund +<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>verlangt hat,« sagte Mine. Da fiel ein trüber Schatten +über das Gesichtchen der Kleinen und die erwachende Liebe +erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der Vormund +verlangt hat.«</p> + + +<h3>IV.</h3> + +<p>Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und +Tante eingewöhnt. Aber je mehr sie sich einlebten in der +neuen Umgebung, um so sehnlicher wünschten sie auch ihre +Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen, von +der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der +Vormund hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen +die Geschwister sich nicht besuchen sollten, damit beide Teile +vor dem ersten Wiedersehen den Trennungsschmerz schon +überwunden und sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnt +hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen +erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den +ihnen der Besuch in dem Städtchen Waldeck versprochen +war, und fast ebensosehr sehnte sich die treue Tante danach, +durch die Brüder Nachricht von der kleinen Nichte zu +erhalten.</p> + +<p>Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten +sich gleich nach Tisch auf den Weg und kamen nach einem +tüchtigen Marsch in dem Städtchen an. Die Patin vermutete +den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts +vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung +des Kindes und gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, +etwas für den Empfang der jungen Wanderer bereit +zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste erwartet +wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie +wollte die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es +dauerte nicht lange, so sah sie zwei fremde Knaben des +Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an den Hüten und +<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien. +Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem +Puppenwagen spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich +weiß etwas, das dich freut,« und dann eilte sie mit dem +Kind die Treppe hinunter. Die Brüder waren inzwischen +schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen erkannte +sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd +entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und +in Erinnerung ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel +gleich in Tränen über, zur großen Bestürzung der Knaben, +die sich die helle Freude des Kindes auf dem ganzen Wege +ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß +das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh +nach Ihnen, und es ist ja auch kein Wunder, wenn man +so klein schon unter fremde Leute kommt!«</p> + +<p>»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad +bekümmert.</p> + +<p>»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. +Ein Kind gehört zu Kindern, da kann es sich vergessen, +aber nicht bei einem einsamen Fräulein, die überdies halbe +Tage lang gar nicht zu Hause ist.«</p> + +<p>»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief +Heinrich und bemerkte in seiner Erregtheit nicht, wie der +ältere Bruder ihm zu bedeuten suchte, daß es nicht passend +sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen. »Ich will +nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete +Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das +noch lange dauert, so wird es noch krank werden.«</p> + +<p>Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der +Kleinen. Freilich, so frisch und blühend wie früher sah +es in diesem Augenblick nicht aus, und jetzt hatte sie +einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn +zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar +<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>wichtig vor: es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu +bedauern sei.</p> + +<p>Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die +Treppe hinaufkamen, waren sie in ganz anderer Stimmung +als noch vor wenigen Minuten; sie bedauerten die Schwester +und grollten der Patin. So traten die drei Geschwister in +das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich +gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie +ganz um ihre Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie +ihnen entgegen; denn ein Blick auf Klärchen zeigte ihr, daß +diese geweint hatte. Auch klammerte sie sich fest an den +Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher +feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun +los von der Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, +richtete ihr Empfehlungen der Tante aus und erinnerte dadurch +auch Heinrich an das, was sich schickte; doch behielt +dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den ganzen +Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. +Klärchen hätte im Glück über das Wiedersehen mit den +Brüdern wohl alles andere bald vergessen, aber Mine hatte +die Gelegenheit wahrgenommen, ihr zuzuflüstern: »Mußt +recht traurig und still sein, dann nehmen dich die Brüder +vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche +Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie +gar sonderbar verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten +sie sich abends von der kleinen Schwester.</p> + +<p>Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten +mit teilnehmenden Fragen empfangen. Konrad gab nur +kurzen Bescheid, es war ihm so traurig zumute, daß er +fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich hatte +um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und +Tante sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen +sei. Er schilderte das Wiedersehen auf der Straße, +<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>die Tränen der Kleinen, ihr verändertes Aussehen, den +Bericht des Dienstmädchens und die große, ernste Gestalt +der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und nannte +es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.</p> + +<p>»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf +Konrad dazwischen, »sie hat eigentlich kein unfreundliches +Wort gesagt.«</p> + +<p>»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer +unserer Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen +ist, wer weiß, was sie ihr da tut!«</p> + +<p>»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die +Tante versicherte: »Sie ist gewiß nicht schlimm, eure +Mutter hat ja so viel auf sie gehalten.« Und nun mischten +sich die Kinder des Hauses ins Gespräch: alle waren voll +Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante +sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun +kommt ja bald Weihnachten, da wollen wir die Kleine +auf längere Zeit zu uns einladen und ihr recht viel Freude +machen.« Damit waren nun alle einverstanden und es +begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu +Weihnachten bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich +bisher noch nicht ins Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, +was ihr die Mutter zu Weihnachten machen wollte; wenn +du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr Herzenswunsch +erfüllt.«</p> + +<p>»Ja, was ist’s?«</p> + +<p>»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb – ich glaube +wirklich so lieb wie uns; und für die möchte sie so ein +Wickelkissen, wie’s die ganz kleinen Kinder haben. Mit +solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.«</p> + +<p>»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr +bringt mir einmal das Längenmaß der Puppe, dann soll’s +ein echtes Wickelkind werden.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für +Klärchen beruhigten sich die erregten Gemüter, das hatte +die Tante gewollt und erreicht; sie kannte sich aus bei ihrer +jungen Schar.</p> + + +<h3>V.</h3> + +<p>Nicht nur in der Familie des Professors plante man +allerlei Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen +in Waldeck waren die Gedanken bei dem herannahenden +Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in dieser Zeit alle +Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem +Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem +hatte sie jedes Jahr die Bescherung der armen Leute im +Spital zu besorgen, am heiligen Abend, wo Hausfrauen +sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun +hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese +Aufgabe anderen übertragen – hatte sie nun doch auch ein +Kind zu Hause –, aber es fand sich niemand bereit, und so +sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso glücklich wäre, +wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde; sie +kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch +zu klein, um den Kalender selbst zu studieren. So wollte +ihr Fräulein Stahlhammer am Christfest bescheren und sie +ging nie an den Läden des Städtchens vorbei, ohne sich +zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte.</p> + +<p>Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den +Feiertagen mit ihren Bekannten vergnügen und hätte es +gar zu gern gesehen, wenn die Kleine aus dem Wege gewesen +wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre Freiheit +hätte.</p> + +<p>Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm +träumend am Fenster; sah hinaus, wie die Schneeflocken +herunterwirbelten, und dachte daran, daß voriges Jahr ihre +<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>Mama gesagt hatte: »Wenn’s schneit, ist Weihnachten nahe!« +Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind +auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und +nahm sich vor, zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun +war die Patin ausgegangen, und Mine putzte die Fenster +in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran.</p> + +<p>»Mine,« fragte sie, »wie ist’s denn hier an Weihnachten?«</p> + +<p>»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der +Schule.«</p> + +<p>»Und dann?«</p> + +<p>»Und dann im Spital.«</p> + +<p>»Und dann?«</p> + +<p>»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen +war Klärchen still. Sie hatte ihre Puppe im Arm +und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu dem Puppenkind +zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das +schöne Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die +neuen Locken auch, da bist du unter dem Christbaum gesessen +und die Mama hat zu mir gesagt: ›Herzkind, kennst +du denn deine Puppe noch?‹ Aber jetzt haben wir keine +Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen ›Herzkind‹ +und sie kann dir keine Kleider mehr machen; aber du darfst +nicht weinen, sonst bist du undankbar.« Und dabei schluckte +die Kleine tapfer die Tränen hinunter und wischte die weg, +die über das Puppengesicht gerollt waren.</p> + +<p>Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums +Herz war. »Klärchen,« sagte sie, »bitte doch die Patin, +daß sie dich an Weihnachten zu den Brüdern läßt. Bei +denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen +Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; +dort geht es lustig zu, aber hier ist’s langweilig. Möchtest +du nicht zu den Brüdern an Weihnachten?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht +bitten; du hast doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, +sonst wird sie böse!«</p> + +<p>»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst +du schon sagen.«</p> + +<p>»Sagst du’s nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen +ängstlich. »Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber +du mußt dann auch recht schön bitten; denke nur, wie +traurig es hier für dich wäre ohne Christbaum!« Mine +sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß Fräulein +Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie +sich nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu +lieb anders gemacht würde, oder wollte sie nichts davon +wissen? Als Fräulein Stahlhammer den Christbaum für +die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem Waldschützen +zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich +ein recht nettes, grünes Bäumchen.«</p> + +<p>An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in +dem sie ihre kleine Nichte freundlich einlud, über Weihnachten +zu kommen, damit die drei verwaisten Geschwister +dies erste Christfest beisammen feiern könnten. Fräulein +Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden +die Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein +fröhliches Fest in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte +sie gerade von einem schönen Weihnachtsabend gehofft, daß +er ihr das Kinderherz näher bringen würde; sie wollte eine +Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der +gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, +wo allen Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch +sie ihr Pflegekind ein wenig verwöhnen. Nun kam ihr +recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach gewissenhaftem +Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte, +daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, +<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>und versprach, die Kleine über Neujahr zu schicken. Den +Brief ließ sie Klärchen in den nahen Briefkasten einwerfen. +Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und gerade als sie +vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem +Fräulein half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die +für die Schulbescherung bereit lagen, gerade da sagte Mine: +»Klärchen, hast du denn der Patin schon gesagt, um was +du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder für +dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß +den <em class="gesperrt">einen</em> Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern +darf, gelt Klärchen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze +Antwort war, sah sie doch so gespannt auf die Patin, +daß diese wohl die Bitte von den stummen Lippen ablesen +konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein Stahlhammer +und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch +natürlich, daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat +sie verloren, so möchte sie doch wenigstens bei ihren Geschwistern +sein. Gelt, Klärchen? Mir kann’s ja ganz einerlei +sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter andere +Kinder.«</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem +Paket und dann sagte sie zu Klärchen: »Wenn du auch +an Weihnachten nicht zu den Brüdern darfst, so doch an +Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist’s ausgemacht +mit deiner Tante.«</p> + +<p>Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, +daß das Kind noch für sich selbst bäte; aber Klärchen +hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß dieses der Patin nicht +recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg, und somit war +die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die +Brüder war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, +aber die Tante konnte den freundlichen Brief der Patin +<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>verstehen; sie vertröstete die Beiden auf das Wiedersehen +an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem sie die +Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen +durch die Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor +wollte am Nachmittag vor der Bescherung selbst der Kleinen +das Päckchen überbringen, um auch einmal nach seiner +Nichte zu sehen.</p> + +<p>Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer +große Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags +auf den Weg in das Spital machte, tat es ihr leid, die +Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,« sagte sie, »ist +Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir auch +schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder +bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von +den neuen Hemden, schön mit roten Bändchen gebunden, +mit einem Tannenzweiglein verziert. Dann eilte sie fort. +Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe. Als +es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein +am Tisch. Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein +drehte sie in den Fingern. Da kam in Eile Professor +Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen. »Ist +Fräulein Stahlhammer zu Hause?«</p> + +<p>»Nein, sie ist fort.«</p> + +<p>»Mit meiner kleinen Nichte?«</p> + +<p>»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen +vor dem Fest, sonst ließe ich sie nicht allein, das arme +Tröpflein!«</p> + +<p>»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?«</p> + +<p>»Ach, da kann’s leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen +vorbei sind.« Der Professor sagte kein Wort, +ging mit raschen Schritten die Treppe hinauf und ins +Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im Halbdunkel +am Tisch, ein trübseliger Anblick.</p> + +<p><a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: +der Onkel gehörte zu den Brüdern, er gehörte +zu der Tante, die wie die Mama aussah, er gehörte zu +dem, was sie lieb hatte!</p> + +<p>»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr +kam, um sie genau zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, +bist du zu mir gekommen?« und sie schlang ihre Arme +um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu Herzen, +das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im +Zimmer. Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; +aber da war kein Baum zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig +lag vor ihr. »Hat dir das Christkind schon beschert?« +fragte er.</p> + +<p>»Ja, sieh nur, ein Hemd.«</p> + +<p>»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen +Christbaum?«</p> + +<p>»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr +Zweiglein; sie wußte ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer +neben der neuen Puppenküche schon das geputzte +Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen Lichterglanz +zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese Möglichkeit +nicht und war im innersten Herzen empört. Die +Patin war unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr +anvertraute Geschöpfchen ließ sie am Weihnachtsfest ohne +Bescherung, ohne Baum allein mit einem Hemd als Christgeschenk. +Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind +hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, +daß es bei den Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte +aber sein Weihnachtsfest haben, das Kind, mochte die Patin +zürnen, das war ihm ganz gleichgültig!</p> + +<p>»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, +ich nehme dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« +Und hinaus eilte er zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, +<a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>ziehen Sie es recht warm an, ich will es mitnehmen, ich +bin sein Onkel.«</p> + +<p>Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. +Klärchen selbst war ganz verwirrt, konnte kaum fassen, +was so schnell mit ihr geschah. Aber Mine flüsterte ihr +zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die Freude, +zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie +die Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser +versorgt, das arme Ding!«</p> + +<p>»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, +dem Kind seine Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich +sie allein fand, hätte ich sie mitgenommen. Bis Neujahr +bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen wir weiter sehen. +Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den +Zug noch erreichen.«</p> + +<p>Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.</p> + +<p>»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die +durchs ganze Haus dröhnte.</p> + +<p>»Was ist’s?«</p> + +<p>»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. +Wo ist sie, Klärchen?«</p> + +<p>»Sie schläft in meinem Bett.«</p> + +<p>Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen +drückte sie sorglich an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; +zur rechten Zeit war ihm noch eingefallen, +daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe +unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.</p> + +<p>Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar +ist das nicht, wenn man fortgeht von der Patin, gelt, +undankbar ist das nicht?«</p> + +<p>»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt +und du mußt mir folgen.«</p> + +<p>Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die +<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Straßen der großen Stadt, und sie standen umringt von +jubelnden Kindern, daß dem Klärchen aus ihrer Stille +heraus ganz traumhaft zumute war.</p> + +<p>Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer +traf sie eben die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. +Ein Loblied auf Fräulein Stahlhammer war es +nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht gehabt, +ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt +hast. Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, +wie anderen Menschen so etwas vorkommt. Ich kann es +nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch erst so schön +geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen +möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn +eine Heuchlerin?«</p> + +<p>– – Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte +nur die gute Frau Professor gesehen, mit welch tiefem +Schmerz Fräulein Stahlhammer bei ihrer Heimkehr – um +acht Uhr war es – vernahm, daß ihr das Kind weggenommen +worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen +Hergang berichtet und ein kleines Abendbrot aufgetragen +hatte, fragte sie, ob sie noch zu ihren Verwandten gehen +dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur recht zu +wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein +lag und das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich +vergeblich, Herr zu werden über die Empfindungen, die sie +überwältigen wollten: Schmerz, daß sie dem Kind nicht den +Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß es so +vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt +eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und +Befürchtung, daß es lieblose Worte über sie hören und von +anderen um so mehr Liebesbeweise empfangen würde. Und +je länger der Abend sich hinzog, totenstill in ihrem einsamen +Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den +<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte +trieft von Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung.</p> + +<p>Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers +wohl schon ein halbes Jahrhundert hing und in ihrem +schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis hinauf reichte +über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit einem +Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein +Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen +Zeigern. Wirklich zehn Uhr? Wo waren die Stunden +hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren! Das war +kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich +heraus aus dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das +Fest verdorben, aber dem Kind nicht; das war wohl am +glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie ihm das +Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das +Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, +dann war es doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. +Aber dem Vormund wollte sie doch gleich schreiben, was +sich begeben hatte; er konnte gelegentlich dem Onkel vorhalten, +daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen.</p> + +<p>Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten +Weihnachtsfeiertages bei dem Vormund ankam, versetzte +den Mann in großen Zorn. Er war ein empfindlicher +Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß +ihm etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, +nicht der Professor, und wenn er als Vormund das kleine +Mädel seiner Schwester übergab, so hatte nach seiner +Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich das +Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester +zu holen. Das wollte er ihm sagen. Heute war noch +Feiertag; es war wohl am besten, wenn er gleich heute +nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht +<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, +das war lang, das war viel zu lang für den Ärger, den +er empfand und durchaus aussprechen mußte. Schon nach +einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor Kuhn +aufzusuchen.</p> + +<p>Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit +hinausziehen! Die ganze Stadt mußte er durchqueren mit +der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu Fuß +gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte +sich als Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so +eines kleinen Rackers mußte er, der Rat, sich so bemühen, +ganz ungehörig war das. Seine Schwester verstand es +aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum +war sie nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen +Haufen gutes Zeug und Spielkram hingelegt, wie es so +kleine Bälge nun einmal wollen an Weihnachten. Er +hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der +Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors +angekommen war. Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, +das die Türe aufmachte, denn auf seine Frage, ob Herr +Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir leid.«</p> + +<p>»Ob’s Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig +einerlei,« sagte er gereizt, »ist die Frau Professor zu +Hause?« Das Mädchen hielt es nun für sicherer, bloß +verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb +einen Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. +»Wenn die Leute nur immer alle fortlaufen können,« sagte +er vor sich hin, »ich möchte nur wissen, wozu sie Häuser +haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?« In diesem +Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches Kindergelächter +drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter +ihr kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde +dem Rat klar, was die beste Strafe für den Professor war.</p> + +<p><a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die +Patin erlaubt, daß du hierher kommst?«</p> + +<p>»Nein,« sagte erschrocken die Kleine.</p> + +<p>»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« +Zugleich nahm er eine Besuchskarte aus der Tasche und +sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese Karte ab, wenn +Herr Professor heimkommt.«</p> + +<p>Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war +es nicht anders gewöhnt. So plötzlich hatte man sie das +erste Mal zur Patin gebracht, so hatte der Onkel sie vorgestern +entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach ihrer +kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.</p> + +<p>»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen +ging rasch ins Zimmer, als wollte es die Kleider +holen. Im Zimmer waren die kleineren Kinder und einer +der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und Heinrich, +waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der +Eisbahn.</p> + +<p>Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist +ein Herr, ein ganz unfreundlicher, der will das Klärchen +mitnehmen, was soll ich denn tun?« Und auf die Besuchskarte +sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«</p> + +<p>»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« +sagte der Kostgänger, »von dem war schon oft die Rede.«</p> + +<p>»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« +Allgemeiner Widerspruch, lautes Bedauern ertönte nun in der +Kinderstube und die Kinder drängten hinaus in den Vorplatz. +Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem Herrn Rat +schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? +Und das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht +hat?« Das Mädchen sprang eilends an den Kleiderschrank, +und die Kinder, als sie sahen, daß Klärchen wirklich gehen +mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem großen Bescherungstisch +<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>auf ihrem Platze lag: die Puppe im Wickelkissen, +das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine +Schürze. Die Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der +Rat war schon ein paar Treppenstufen hinunter gegangen, +als die einzelnen Schätze Klärchen noch gereicht wurden.</p> + +<p>Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er +wußte, daß um Mittag ein Zug abging, den er benützen +wollte, um das Kind wieder bei seiner Schwester abzuliefern. +Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu sprechen, +<em class="gesperrt">diese</em> Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der +Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten +Seite Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.</p> + +<p>»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, +»man könnte meinen, das Kind dort, das mit dem Herrn +geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie nicht mehr sehen, sie sind +schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich Klärchen sein.«</p> + +<p>In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem +Mündel der Bahn zu; aber rasch kamen sie doch nicht von +der Stelle, denn zuerst rutschte ihr das Buch aus der Hand +und als sie es aufheben wollte, das Päckchen Backwerk. +Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt +werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der +Rat und nahm es ab. Aber nach einiger Zeit rutschte +die Schürze auf den Boden, da gab es wieder einen +Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber +was du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! +Man muß auf seine Sachen achten lernen; nun +spring so rasch du kannst, daß wir den Zug noch erreichen.« +Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so schnell +sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch +hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und +den andern Arm mußte sie fest an sich pressen; denn unter +dem steckte die Puppe, und in der Hand war das Backwerk. +<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Allmählich wurde der Arm müde und konnte die Puppe +nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer +weiter hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja +die zweite Hand nicht frei, um die Puppe zu halten, und +ganz sachte glitt diese endlich unter dem Arm hindurch +und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee. Klärchen +wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der +Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, +trieb sie an: »Nur vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte +nichts zu sagen, sie sah nur zurück, ach da lag ihr Wickelkind +im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf; +jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr +Liebling war dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein +ein Seelenschmerz. Dicke Tränen rollten ihr +über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er +ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, +warum sie weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht +weinen, Klärchen,« sagte er, »schäme dich, am hellen Tag +auf der Straße zu weinen. Nun sind wir gleich zur +Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es +war eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann +ihre Hand frei gab, der Arm hatte so weh getan. Und +nun saß sie im Wagenabteil zweiter Klasse auf weichem +Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter durfte +ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es +verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine +Wesen seinen Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: +»Ich danke schön.«</p> + + +<h3>VI.</h3> + +<p>Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem +Mündel in der Wohnung seiner Schwester ankam. Als +Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der Hand +<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon +gehofft hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, +machte sie ein sehr erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter +hatte aber Herr Stahlhammer keinen Sinn. Was er tat, +war doch immer vernünftig, und über das Vernünftige hat +niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort +kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu +Hause?« und ging, als dies bejaht wurde, mit dem Kind +ins Zimmer. »Ich bringe das Kind zurück,« sagte er zu +seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch, von +dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, +setzte er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, +wie man so frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich +um mein Essen gekommen durch diese unangenehme Sache.«</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste +an, den übelgelaunten Bruder und dann das Kind. Da +kam es zurück nach zwei Tagen, stand da fremd und verschüchtert, +mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen +erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem +Kind den Mantel ausziehen.</p> + +<p>»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, +»das Kind kann sich wohl selbst bedienen.«</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine +in das Schlafzimmer, ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da +stand das leere Puppenbett, nun war es vorbei mit ihrer +Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen +in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund +zu seiner Schwester sagte: »Das Kind macht mich nervös +mit seinem ewigen Geheul, kannst du nicht Maßregeln +treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie sollte +die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte +nicht anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so +schwer falle, denn den wahren Grund des Kummers kannte +<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine allein, so brach +sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich +fallen lassen, im kalten Schnee liegt’s auf seinem Gesicht +und friert!«</p> + +<p>»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das +Mädchen, »warum hast du es nicht aufgehoben, wenn es +hinuntergefallen ist?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind.</p> + +<p>»Sag’s nur niemand, daß du deine Puppe verloren +hast, sonst geht dir’s schlecht! Schlupfe unter die Decke, +daß man dich nicht weinen hört; so ist’s recht, jetzt schlafe!«</p> + +<p>Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu +Fräulein Stahlhammer: »Wie gedenkst du das Kind zu +strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das Haus verlassen +hat?«</p> + +<p>»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du +siehst ja, wie unglücklich es ist. Und überdies ist es nur +natürlich, daß es seinem Onkel gefolgt ist.«</p> + +<p>»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf +ohne deine oder meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, +so weiß es das für künftige Fälle. Das wirst du mir zugeben?« +Und als seine Schwester nicht gleich Antwort +gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du +vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht +besser ein?«</p> + +<p>»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen +dafür nicht strafen; du kannst das Kind wegnehmen, – ich +habe es ja nie gewollt – aber wenn du es bei mir lassen +willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein Herz +treibt.«</p> + +<p>»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du +läßt dich nicht belehren. Statt Gründe vorzubringen, +kommst du mit deinem Herzen. So sieh eben zu, wie du +<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter einmischen, nur +an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge +wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide +erzogen wurden.«</p> + +<p>»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge +muß sein.«</p> + +<p>»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du +es in diesem besonderen Fall durchaus nicht für angemessen +hältst, so will ich da nicht eingreifen.« So klang die Unterredung +noch versöhnlich aus. Ein paar Stunden später +war der Vormund auf der Heimreise begriffen.</p> + +<p>Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir +uns jetzt nach ihrem verlorenen Wickelkind umsehen.</p> + +<p>Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, +während Herr Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, +hatte die Puppe fallen sehen. Sie öffnete das Fenster; es +ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte vorsichtig der +Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte, +waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg +und der schwache Ruf der Frau wurde vom Wagengerassel +übertönt. Ein kleiner Junge sprang vorüber. »Reich’ mir +die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam das +verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche +Zurückschauen Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick +ging ihr nach. Wenn sie sich auch immer wieder sagte: +»Ein dummes Dinglein ist’s gewesen, daß es seine Puppe +nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie +sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt +eine Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. +Bahnhofstraße 5 p.«</p> + +<p>Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer +Gewohnheit den Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort +»Wickelpuppe«. Sie hatte ja erst mit so viel Liebe eine +<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen in der Eile +wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie +traurig, wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! +Wo hatte man die Puppe gefunden? In der Bahnhofstraße. +Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund +gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen +an diesem Wintertag durch die Bahnhofstraße getragen +wurden! Oder sollte es gar die von Klärchen sein? Ja, +das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß hatte +es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die +Tante hatte kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, +als auch Heinrich schon davonrannte nach der +Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer Zeit mit +dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, +die den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe +springen sahen, beachtete er nicht. Die Leute meinten +wohl, es sei eine gewöhnliche Puppe, ein Spielzeug; aber +das war es ja nicht, es war etwas anderes, war Klärchens +Ein und Alles!</p> + +<p>In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung +allgemeine Entrüstung hervorgerufen, und nun, da +noch das Mitleid hinzukam, reifte bei Konrad ein Entschluß. +Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und +dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, +ob Fräulein Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen +sei, wie es ihnen allen am heiligen Abend erschienen war. +Als er am Familientisch diesen Vorschlag machte, kamen +von allen Seiten Entgegnungen.</p> + +<p>»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem +Haus willkommen heißen,« meinte der Onkel; die +Tante fürchtete, der Vormund werde es nicht billigen; +Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber zubringen +würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen +<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>wäre es von Wert gewesen, Näheres zu erfahren über +Klärchens neue Heimat, und so war das Ende der Beratung +doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort +sein Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen +und machte sich auf den Weg.</p> + +<p>An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß +es der Patin auffallen mußte, denn sie war gewöhnt, die +Kleine immer mit ihrer Puppe beschäftigt zu sehen. »Wo +ist denn heute deine Puppe?« fragte sie. Klärchen erschrak, +nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu +sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein +Stahlhammer, »wo hast du sie denn?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen.</p> + +<p>»So suche oder frage Mine danach.«</p> + +<p>Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich +sagen, die Patin fragt nach der Puppe?«</p> + +<p>»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.«</p> + +<p>»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, +wo sie ist.«</p> + +<p>»Dann sagst du wieder so.«</p> + +<p>Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu +gehen; als sie es endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer +in Hut und Mantel da, im Begriff, einen Ausgang zu +machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht mehr gefragt, +aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast +du die Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine +auch nicht?« Die Kleine war in sichtlicher Verlegenheit, +die Patin merkte, daß etwas nicht in Richtigkeit war. +»Nun sag’ mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug +die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.«</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind +will mir nicht sagen, wo die Puppe ist. Wissen Sie etwas +davon?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>»Ach, das arme Wurm getraut sich’s nur nicht zu gestehen, +sie hat ja die Puppe mit auf die Reise genommen +und unterwegs verloren.«</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das +Kind hatte Mine ihr Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber +die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal mußte Strafe sein; +das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind nicht, +um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf +die Kleine einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen +war deutlich auf dem Gesicht geschrieben. »Klärchen,« +sagte die Patin, »warum hast du mir nicht gesagt, daß du +deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt: ich +weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz +abscheulich, so mag ich dich nicht, und so mag der liebe +Gott dich nicht. Sieh, wenn ein Kind so böse ist, dann +wird es genommen und zur Strafe da hinauf gesetzt.« Mit +diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine Gestalt, +hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den +Schrank, der an der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte +beide Arme ängstlich an die Wand und wagte gar nicht, +von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst du nun +sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, +daß du ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen +Kinder werden da oben ganz brav. Sei nur still, +denn solange du noch weinst, bist du noch ganz unartig +und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein +willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und +wenn ich heimkomme, hebe ich dich herunter.«</p> + +<p>Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin +ging. Draußen sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das +Kind zur Strafe auf den Schrank gesetzt. Wenn ich in +einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen Sie +sie herunter, aber früher nicht.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. +Wirklich, da saß die Kleine hoch droben, regungslos an +die Wand gedrückt. Mine fühlte sich selbst schuldig, ihr +Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine aus ihrer Lage +erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,« +sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, +zankt sie.«</p> + +<p>»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« +sagte Klärchen. »Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, +die Patin hat’s gesagt. Gelt, ich bin jetzt brav? Ich +lüge jetzt nicht und ich lüge auch das nächstemal nicht, +wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich gar +nicht fallen?«</p> + +<p>»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie +hatte wirklich Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand +geklingelt hat, aber dann komme ich gleich wieder +herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er gerade +in <em class="gesperrt">diesem</em> Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; +er sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage +sehen, das konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie +nicht hier zu lassen. Sie führte ihn unvorbereitet ins Zimmer +und der gute Junge erschrak, als er sein Klärchen in solcher +Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn hereinkommen +sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu +rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« +sagte Mine, »zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, +das arme Kind. Gut, daß Sie da sind, dann ist +sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,« und sie eilte +in die Küche.</p> + +<p>Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine +Schwester befreien könne, denn er war empört, sie in dieser +hilflosen Lage zu finden. Aber als er nur ein Wort von +seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß bleiben,« +<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß +ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« +fragte Konrad, und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete +die Kleine: »Gelogen!« Das war auch nach Konrads +Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem Wickelkind,« +sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,« +und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber +da hatte Konrad den besten Trost. Schnell packte er sein +kleines Ränzchen aus und hob hoch in die Höhe, daß es +Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene +Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte +nicht, sich vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und +winkte zärtlich mit den Händchen. »Warte, ich bringe +dir’s.« Mit diesen Worten zog Konrad einen Tisch herbei, +stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und +nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends +auf den Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, +legte den Arm hinter sie, und so beschützt fühlte sich die +Kleine ganz glücklich; streichelte bald den Bruder, bald die +Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm die brüderlichen +Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.</p> + +<p>Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, +kam Fräulein Stahlhammer mit eilenden Schritten schon +wieder auf ihr Haus zu. Sie hatte mehrere Besorgungen +machen wollen, aber sie war kaum eine Viertelstunde aus +dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie beunruhigte. +Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst +war auf diesem Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen +und öfter als einmal ihr Bruder, und man konnte +doch von dem breiten festen Schrank gar nicht herunterfallen. +Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu sehr +aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber +ihre Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich +<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>hätte nicht fortgehen sollen,« sagte sie sich, »aber meine +Mutter ist auch einmal fortgegangen.« Ja, Fräulein +Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder war wohl +schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und +so oft ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, +hatte er trutzig die Antwort verweigert. So war die +Mutter fortgegangen und er hatte bis Abend ausharren +müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? +Wie würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg +sie die Treppe hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete +mit wahrem Herzklopfen die Türe des Zimmers. An viele +Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an <em class="gesperrt">die</em> nicht, daß +statt <em class="gesperrt">eines</em> Kindes zwei auf dem Schrank sitzen würden. +Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der +die ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen +Beine, die da in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter +hingen, so gar nicht engelhaft anzusehen. Und nun machte +der Schutzengel einen Satz herunter auf den Tisch, von da +auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und sagte: +»Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und +habe sie Klärchen hinaufgereicht.«</p> + +<p>Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur +glücklich gewesen, daß sie das Kind wohlbehalten vor sich +sah, im zweiten dachte sie: Hätte lieber <em class="gesperrt">mein</em> Bruder +statt <em class="gesperrt">ihr</em> Bruder Klärchen so getroffen. Was wird er +denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in +Strafe,« sagte sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht +gesagt hat. Aber sie will jetzt gewiß wieder brav sein,« +fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend und voll Sorge, +ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich +bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, +»der Schrank hat auch gar nicht gewackelt.«</p> + +<p>»So ist’s recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht +<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>ums Herz wurde, »dann komm, mein Kind!« Und sie faßte +Klärchen und hob sie herunter.</p> + +<p>Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein +Stahlhammer lud Konrad zu Tisch. Er nahm es dankbar +an; noch hatte er die Frage nicht über die Lippen gebracht, +ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er +wie ein Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit +bei Fräulein Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam +er sich nur wie ein zudringlicher Gast vor. Die Schwester +kam ihm unwillkürlich zu Hilfe.</p> + +<p>»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie +und rückte ihren Stuhl ganz dicht an den seinigen.</p> + +<p>»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, +»sonst dürfte er’s wohl.«</p> + +<p>»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« +sagte er, sich an die Patin wendend, »dürfte ich einige +Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer schien betroffen. +Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr +einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war +noch nie ein Kind zu ihr gekommen.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Warum</em> möchtest du da bleiben?« fragte sie und +sah ihn fest dabei an. Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, +wie er daheim gesagt hatte, er möchte dahinter kommen, +wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das harte +Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. +Er geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren +Grund konnte er nicht angeben, Ausflüchte zu machen war +er nicht gewöhnt. Aber Fräulein Stahlhammer brauchte +auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und +fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, +du kannst hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und +deine Tante können auch selbst kommen, und es ist mir +sogar lieber, sie bleiben länger da als wenn sie, wie dein +<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und +dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.«</p> + +<p>Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über +des Bruders längeren Besuch voll Fröhlichkeit war und +harmlos plauderte, sonst wäre das Mittagessen wohl etwas +peinlich gewesen.</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; +es lag ihrem Wesen fern, sich einen guten Schein +geben zu wollen; sie war in diesen Tagen eher weniger +herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es +seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie +an die Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander +und da ging der Kleinen das Herz auf, und allmählich +kam alles zu Tag, was sie erlebt hatte. Immer +kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man +nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch +daß Mine oft fortging und Klärchen ganz allein zu Hause +ließ, kam unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit +heraus, und Konrad war noch keine acht Tage im Haus, +als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so +wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen +schlimmen Einfluß ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen +konnte, warum. Mit schwerem Herzen trennte er +sich, als die Feiertage vorüber waren, von der Kleinen, +die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe +er sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, +fröhlichen Familienkreis heimkehren durfte.</p> + +<p>Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen +einen Beschluß gefaßt. Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten +zurückkäme, so wollten sie an Ostern, wo einer ihrer +Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten, Klärchen +zu sich zu nehmen.</p> + +<p>Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, +<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>und gleich der Beginn seiner Erzählung, wie +er die Kleine auf dem Schrank in Strafe getroffen habe, +weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe +einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und +als er noch den zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, +wurde beschlossen, noch heute an den Vormund zu schreiben. +Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er sich erbot, +Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei +Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister +wären wohl am glücklichsten, wenn sie beisammen wären.</p> + +<p>Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der +Brief ankam. Er erbrach ihn schon mit gerunzelter Stirne +und sie wurde nicht heller beim Durchlesen. Am nächsten +Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und legte den +Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit +dem Kind ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer +las den Brief. Der Kundschafter hatte also keine +befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr weh. Sie tat +doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht +selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß +diese Familie es ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war +nett gewesen, sie hatte ihm zugetraut, daß er Gutes berichten +würde. Er kam ihr falsch vor. »Was soll ich den +Leuten antworten?« fragte ihr Bruder.</p> + +<p>»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein +Stahlhammer bestimmt.</p> + +<p>»Dauernd?«</p> + +<p>»Ja, dauernd!«</p> + +<p>»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde +dem Professor Bescheid geben und dann wird hoffentlich +von dem Mädchen nicht mehr gesprochen, bis es konfirmiert +ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände +man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr +<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>befriedigt heimwärts und schrieb ganz artig, er danke für +den Vorschlag; seine Schwester wolle das Kind dauernd +behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege.</p> + +<p>Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer +ihr Pflegekind aufsuchte, und es allein in einer +Ecke des Schlafzimmers still sitzend fand, kam es ihr vor, +als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan. Ein +fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es +daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« +Und dieses Wort hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen.</p> + +<p>Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige +Antwort des Vormunds eintraf. Zu ändern war daran +nichts mehr, das sahen sie ein, aber etwas konnte doch getan +werden, so dachte wenigstens Heinrich und er schmiedete +ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin +bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er +bewerkstelligen.</p> + +<p>Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach +Waldeck. Von vier bis sechs Uhr war die Patin im Verein +der Dienstmädchen, das wußte er. Er strich ums Haus +herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer +über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen +Blicken in der Ferne entschwand; dann ging er hinauf und +als ihm Mine öffnete, folgte er ihr in die Küche, ohne +nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war ein gut +Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für +seine zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht +sah unter dem welligen Haar hervor.</p> + +<p>»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das +Mädchen verwundert. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, +Mine,« sagte er und zog aus seiner Tasche ein Zeitungsblatt +hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das Blatt +<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser +Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen +ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen +gesucht bei hohem Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« +und vollends die Anzeige müssen Sie lesen +»Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit +großer Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. +»Fein,« sagte sie, »aber ich will ja gar nicht fort von hier.«</p> + +<p>»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist’s doch +schöner.«</p> + +<p>»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.«</p> + +<p>»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar +einen Jungfrauenverein gibt’s.«</p> + +<p>»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und +warum soll ich denn fort?«</p> + +<p>»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz +ernsthaft, »das Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn +nun mein Bruder und ich auch noch kommen –«</p> + +<p>»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?«</p> + +<p>»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein +und Platz ist ja da. Wir haben freilich viele Sachen. Zum +Beispiel meine Raupensammlung; die müßte ich schon in +der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht, +weil die Raupen doch manchmal durchgehen.«</p> + +<p>»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine.</p> + +<p>»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch +einmal,« und auf einmal zog er aus seiner Tasche ein +Gläschen, in dem ein paar Raupen von der dicksten Sorte +herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte +zurück, er folgte ihr.</p> + +<p>»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann’s +nicht leiden.«</p> + +<p>»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da +<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>sind auch Raupen und beim besten Willen kann man das +nicht vermeiden, daß sie manchmal herumkriechen.«</p> + +<p>»Schöne Aussicht!«</p> + +<p>»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern +schönen Dienst suchen wollen?«</p> + +<p>»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer +dazu, dann gern. Es gibt ja auch hier Plätze +genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.«</p> + +<p>»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es +krabbelt schon eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie +an den Hals.« Mine tat einen lauten Schrei. »Tu sie +weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!«</p> + +<p>»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts +geschieht, es ist eine von meinen größten,« und der Schlingel +berührte Mine sachte am Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren +meinte. »Ich bitte dich, Heinrich, sei so gut, nimm +sie weg.«</p> + +<p>»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.«</p> + +<p>»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist +das Tier weg?«</p> + +<p>»Gleich kommt’s weg. Gehen Sie im nächsten Monat?«</p> + +<p>»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.«</p> + +<p>»Dann ist’s recht; da ist ja schon die Raupe wieder +im Glas, sehen Sie nur.« Lachend lief er dem zürnenden +Mädchen davon. »Jetzt will ich zu Klärchen,« sagte er.</p> + +<p>Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie +das Zeitungsblatt wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich +wachsenden Lohn fesselte sie doch und gab ihr zu +denken; schließlich konnte man seine guten Bekannten auch +von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig auf +den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der +erste Plan war gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause +sagte er gar nichts davon, denn Onkel und Tante wollten +<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein Stahlhammer +mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon +selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, +denn der hatte immer so vielerlei Bedenken und würde +auch jetzt immer nur sagen: »Das geht nicht.« Es mußte +aber fein gehen!</p> + + +<h3>VII.</h3> + +<p>Unter der großen Anzahl von Dienstmädchengesuchen +konnte man am nächsten Tag im Lokalanzeiger lesen: »Es +wird ein recht gutes, freundliches Dienstmädchen gesucht +bei stets steigendem Lohn. Näheres um zehn Uhr im Gymnasiumshof.«</p> + +<p>Als der Zeitungsträger den Lokalanzeiger wie jeden +Tag mittags ins Haus brachte, sah Heinrich ganz begierig +nach: richtig, da kam <em class="gesperrt">seine</em> Anzeige unter vielen +andern. Er war überzeugt, daß niemand außer Stellensuchenden +diese Anzeige lesen würde und daß er gewiß +ganz unvermerkt während der Unterrichtspause, die von +zehn bis ein Viertel auf elf Uhr stattfand, in den Hof +des Gymnasiums gehen und sich unter den Dienstmädchen, +die da kommen würden, die freundlichste heraussuchen könne. +Name und Wohnung der Patin hatte er schön deutlich auf +einen Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwählten +geben, damit sie sich Fräulein Stahlhammer anbiete. Nur +durfte sie nicht sagen, wer sie geschickt habe; wenn sie ihm +nur das gewiß versprach!</p> + +<p>Es hatte aber doch noch jemand anders als nur +Dienstmädchen die Anzeige gelesen. Der Schuldiener +des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der ganzen +Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gründlich. +Sie brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. »Da sieh +doch nur, wer kann das sein, der die Dienstmädchen in +<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>unseren Hof bestellt!« Der Schuldiener machte ein ernstes +Gesicht. »Das ist ein Unfug,« sagte er »und muß dem Herrn +Rektor gemeldet werden!«</p> + +<p>»Laß mich nur erst besinnen,« sagte die Frau, »es +kommt doch darauf an, wer’s ist; das bring ich schon +heraus, es muß ja von unseren Professoren jemand sein. +Einer, der nicht will, daß das Mädchen sich in der Wohnung +zeigt, weil der alten noch nicht gekündigt ist. Der Herr +Rektor selbst ist’s natürlich nicht, der Herr kümmert sich +nicht um das Dienstpersonal, und von den alten Herren +täte so etwas auch keiner. Weißt du, wer das ist? Niemand +anders als der neue Mathematikprofessor. Bei dem +ist immer Magdnot, <em class="gesperrt">sie</em> ist keine rechte Hausfrau und <em class="gesperrt">er</em> +ist ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht +sich gar nichts daraus, wenn’s seine Frau haben will, und +läßt die Mädchen kommen und schaut sie durch seine Brille +an und nimmt dann natürlich die ungeschickteste. Da muß +ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, daß +er nicht gar so dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor +nichts zu sagen.«</p> + +<p>Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er ließ seine +Frau reden und brachte das Zeitungsblatt dem Rektor +der Anstalt, einem älteren ruhigen Herrn, dem schon +Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte +er auch die Vermutung seiner Frau mit. »Es kann ja +sein, daß Professor Graun, der hier noch fremd ist, auf +diesen etwas wunderlichen Gedanken kam,« sagte der Rektor, +»ich werde ihn vorher fragen, dann kann die Sache noch +anders eingerichtet werden. Es wäre mir lieb, wenn sich +Ihre Frau nicht einmischte, können Sie das verhindern?« +fragte er mit feinem Lächeln.</p> + +<p>»Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig +neugierig, sozusagen gewalttätig; man bringt sie nicht recht +<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>aus dem Weg, wenn so etwas los ist.« »Nun es wird +sich schon machen lassen,« sagte der Rektor, »die Sache ist +ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor Graun +morgen früh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick +zu mir zu kommen.« Damit war der Diener entlassen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor +ins Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des +Rektors ausgerichtet.</p> + +<p>»Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerückt +hat?« fragte der Rektor.</p> + +<p>»Nein, davon habe ich keine Ahnung.« Der Rektor +ging in den großen Gang, der in dem alten Gymnasiums-Gebäude +auf drei Seiten den Hof umschloß. Durch diesen +Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem +Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der +Fenster. Um diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle +die Schüler polterten die Treppe herauf und trabten über +den Gang nach ihren verschiedenen Zimmern, dazwischen +war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hörbar. Heute +wurde von letzteren ein jeder abgefaßt; der Rektor fragte +nach der Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. +Unter diesen Professoren war auch Heinrichs Onkel. Professor +Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die andern den Urheber +der Anzeige und konnte darüber keinen Aufschluß geben. +Allmählich kamen nur noch vereinzelte Schüler, jetzt schlug +es 8 Uhr, und die größte Stille herrschte in dem noch eben +so belebten Gebäude, der Unterricht begann.</p> + +<p>Schlag 10 Uhr ertönte unten in des Dieners Wohnung +ein zweimaliges Glockenzeichen; dies war der verabredete +Ruf, dem die Frau des Dieners in das Rektoratszimmer +zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am Eingang +des Hoftors, ihre Neugierde war aufs höchste gespannt. +Nein, wie fatal, gerade in <em class="gesperrt">dem</em> Augenblick klingelte +<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>ihr der Rektor. Diesmal sollte nur ihr Mann an ihrer +Stelle gehen. »Peter!« rief sie, Peter!« Von Peter kam +keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas stärker +das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging +die Treppe hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten +Frau, möglich war. Einen Blick warf sie noch zurück, ehe +sie den Hof aus dem Auge verlor, und da glaubte sie gerade +noch ein Mädchen, ein ganz fein gekleidetes, durch das +Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter +der Türe seines Zimmers auf sie.</p> + +<p>»Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und +holen Sie mir aus dem Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, +die mit Klasse <em class="antiqua">IX</em> Jahrgang 88 bezeichnet sind.«</p> + +<p>Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, +ging jedenfalls eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame +Viertelstunde! An eine Widerrede war nicht zu denken, +sie mußte hinauf in die Bodenkammer. Aber etwas Glück +ist doch meist beim Unglück, der Kasten Nr. 5 stand nahe +bei der Dachlücke, und aus dieser herunter konnte man den +Hof überblicken. Und da sah denn die gute Frau von ihrer +Höhe aus was vorging. Die Schüler rannten wie alle +Tage während der Pause in den Hof hinunter, der Herr +Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie +sonst in der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer +nach dem andern erschien auf dem Gang, offenbar war +jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich ging; auch +Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster +im Erdgeschoß blickte der Schuldiener hervor.</p> + +<p>Nun kam von der Straße herein durch den Torweg +ganz unbefangen ein Dienstmädchen und sah sich um, nicht +ahnend, daß sie von so vielen gestrengen Herren beobachtet +wurde, denn sie traten alle etwas zurück, um nicht bemerkt +zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer +<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>auf das Mädchen zu. Es war Heinrich. »Das ist der +kleine Schubert,« sagte einer der Lehrer zu dem andern. +»Ihr Kostgänger, nicht wahr, Herr Professor Kuhn?«</p> + +<p>»Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die +beiden Schuberts.«</p> + +<p>»Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt +keiner außer ihm, daß dies Mädchen jemanden sucht.«</p> + +<p>»Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er +Bescheid gibt!«</p> + +<p>»Der betreffende Herr oder Dame, die die Mädchen +hierher bestellt hat, scheint sich verspätet zu haben; aber +da kommt schon wieder eine, das ist eine stattliche Person; +und richtig, der kleine Schubert nimmt sich ihrer wieder an.«</p> + +<p>Die Herren Professoren lachten. Hätten sie das Zwiegespräch +zwischen dem Dienstmädchen und Heinrich gehört, +so wären sie wohl erstaunt gewesen.</p> + +<p>»Ich habe mir ja gleich gedacht, daß das nichts Rechtes +ist,« sagte die große stattliche Köchin, »nur weil ich gerade +vom Markt komme, hat mich die Neugier hereingetrieben, +wer sich denn die Mädchen in den Gymnasiumshof bestellt. +Daß es nur so ein kleiner Lausbub ist, hätte ich mir aber +doch nicht gedacht.«</p> + +<p>»Es ist aber eine ganz gute Stelle,« sagte Heinrich, +»und ich hab’s getan wegen meiner kleinen Schwester.«</p> + +<p>»Was wär’ denn hernach der Lohn?« fragte die Köchin +von oben herab.</p> + +<p>»So genau weiß ich das nicht,« sagte Heinrich und +dann, da hierauf das Mädchen höhnisch lachte und so gar +nicht gutmütig aussah, fügte er offenherzig hinzu: »Ein +besonders gutes Mädchen müßte es aber sein!«</p> + +<p>»Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt +so was, das sieht dumm genug aus, um auf deinen Leim +zu gehen.« Die Große verschwand, ein kleineres, vielleicht +<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>siebzehnjähriges Mädchen erschien im Hof, und diesmal +ging Heinrich gleich auf sie zu.</p> + +<p>Oben bemerkte der Rektor: »Man könnte meinen, der +kleine Schubert habe sie bestellt.«</p> + +<p>»Ja, wahrhaftig,« sagte sein Klassenlehrer, »er ist oft +ein rechter Schelm und hat närrische Einfälle.«</p> + +<p>»Es kommt mir auch wunderlich vor,« meinte Professor +Kuhn, dem es schon geraume Zeit unbehaglich zu Mute +war, während er seinen Neffen beobachtete. Inzwischen +hatte Heinrich in eiligen Worten – denn er fürchtete, das +Ende der Pause möchte seine Unterhandlungen unterbrechen +– dem Mädchen gesagt, er wisse eine feine Stelle +bei einem alten Fräulein und einem herzigen kleinen +Mädchen. Und dann schilderte er so rührend sein verwaistes +Schwesterchen, daß er des Mädchens Teilnahme +erregte. »Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,« +sagte sie, »und deshalb bin ich schon seit meinem fünfzehnten +Jahr im Dienst und hab’s so hart als Spülerin in einer +Schenke. Wenn ich in ein so feines Haus kommen könnte!«</p> + +<p>»Freilich können Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. +Fahren Sie nur gleich am Sonntag hinaus, +aber ja nicht sagen, daß ich Sie geschickt habe, bloß: Sie +hätten’s gehört, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein +Klärchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!«</p> + +<p>»Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und +weiße Böden?«</p> + +<p>»Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.«</p> + +<p>»Ich meine nur so, wenn’s so viele Zimmer sind, wegen +dem Putzen, wenn alle Böden weiß sind –«</p> + +<p>»Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht weiß, mehr so +bräunlich –«</p> + +<p>»Vielleicht Parkett?«</p> + +<p>»Ja, ja wahrscheinlich.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>»Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.«</p> + +<p>»Ich glaube auch gar nicht, daß sie Parkett sind, wie +heißt man die Böden, die so bequem sind zum Putzen?«</p> + +<p>»Die angestrichenen.«</p> + +<p>»Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.«</p> + +<p>»Und wie ist denn der Lohn?«</p> + +<p>»Der ist hoch und alljährlich wachsend, so viel ich weiß. +Fräulein Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.«</p> + +<p>»Ist’s ein gutes Fräulein? Ich frage ja nur, weil’s +das Kind nicht gut hat.«</p> + +<p>»Ja so, ja das Fräulein ist in allen wohltätigen +Vereinen und schreibt sehr schöne Briefe.«</p> + +<p>»Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir’s +ansehen, aber ums Fahrgeld ist mir’s halt.«</p> + +<p>»Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber +warten Sie nur, ich kann Ihnen schon etwas geben; dreißig +Pfennig kostet die Fahrkarte, so viel habe ich vielleicht noch +Taschengeld, aber die Anzeige war so teuer.« Heinrich +zog sein Beutelchen. »Nein, siebenundzwanzig sind’s nur +noch, aber drei können Sie wohl darauflegen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte das Mädchen gutmütig, »den letzten Pfennig +will ich Ihnen auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig +bekomme.«</p> + +<p>»Gut,« sagte Heinrich, »dann habe ich doch noch sieben +im Beutel, die Woche ist noch lang!«</p> + +<p>Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts +verstehen können, aber als sie sahen, daß sich allmählich +eine ganze Anzahl Schüler neugierig um die Beiden sammelte +und daß Heinrich seinen Geldbeutel hervorzog, machten sie +der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen Neffen +herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmädchen +durch den Torweg verschwand.</p> + +<p>Als Heinrich in fröhlicher Stimmung, dem Ruf seines +<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>Onkels folgend, die Treppe hinaufsprang, war er nicht +wenig bestürzt, den ganzen Gang voll Professoren zu sehen, +ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem Klassenlehrer. +Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte +angesichts so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich +ein peinliches Verhör. Der Rektor fragte zuerst: +»Was hast du mit dem Mädchen im Hof gesprochen?«</p> + +<p>Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft +wie sein älterer Bruder war er von Natur nicht und nicht +immer hatte er bei seinen Streichen der Versuchung widerstanden, +sich ein wenig herauszuschwindeln. Diesmal aber, +in dem Gefühl, daß er in bester Absicht gehandelt hatte +und auch unter dem Eindruck der Würdenträger, die vor +ihm standen, hielt er mit der Wahrheit nicht zurück, sondern +sagte gerade heraus: »Ich habe das Mädchen gedungen +für Fräulein Stahlhammer, bei der meine kleine +Schwester ist.«</p> + +<p>»So war von dir diese Anzeige verfaßt?« fragte der +Rektor.</p> + +<p>»Ja,« sagte Heinrich, »die ist von mir.«</p> + +<p>»Wer hat davon gewußt?«</p> + +<p>»Wem hast du es vorher mitgeteilt?«</p> + +<p>»Gar niemand.«</p> + +<p>»Heinrich!« sagte der Onkel vorwurfsvoll, »weder der +Tante noch Konrad?«</p> + +<p>»Niemand,« sagte Heinrich, »sie wären doch alle dagegen +gewesen.«</p> + +<p>»Damit gibst du zu,« sagte langsam und nachdrücklich +Heinrichs Klassenlehrer, »daß du dir wohl einer unrechten +oder törichten Handlung bewußt warst.«</p> + +<p>»Für unrecht habe ich’s nicht gehalten,« sagte Heinrich, +»aber für anders als man’s gewöhnlich macht, und das +wollen sie immer nicht.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>»Sie wollen es nicht? Wer ›sie‹?« fragte der Klassenlehrer +scharf. »Wen meinst du mit diesem geringschätzigen +›sie‹?«</p> + +<p>»Bloß die Menschen,« sagte Heinrich.</p> + +<p>»Ich verstehe den Zusammenhang nicht,« sagte der +Rektor, sich an Professor Kuhn wendend, »was kann ihn +veranlaßt haben, für andere Leute ein Mädchen zu dingen? +War er beauftragt?«</p> + +<p>»Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine +Schwester wird in ihrem Kosthaus von dem Dienstmädchen +allem Anschein nach nicht gut behandelt und beeinflußt; +darüber waren die Brüder – und ich allerdings mit ihnen – +sehr betrübt. Meine Frau und ich konnten uns aber der +Verhältnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf +diesen Ausweg verfallen zu sein.«</p> + +<p>»Nun,« fragte der Rektor, »und was hast du denn +ausgerichtet? es sind wie mir scheint mehrere gekommen.«</p> + +<p>»Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie +hat mir versprochen, daß sie nach Waldeck fährt.«</p> + +<p>»Man darf vielleicht,« sagte der Onkel, sich an den +Rektor und den Klassenlehrer wendend, »die Anhänglichkeit +der drei erst kürzlich verwaisten Geschwister als Entschuldigung +für Heinrich ansehen. Er hat es gut gemeint mit +seiner Schwester.«</p> + +<p>»Wenn Sie es so auffassen,« sagte der Rektor, »so +schließe ich mich Ihnen an, Sie kennen die Verhältnisse. +Ich sehe keine strafbare Handlung in dem Vorgefallenen; +du kannst gehen, Heinrich.« Dieser ließ sich’s nicht zweimal +sagen; wie ein Wiesel schlüpfte er zwischen den Herren hindurch, +möglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die +Sache nicht eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer +traute er nichts Gutes zu, er sah ihn so ungnädig +an. In der Tat sagte dieser auch etwas mißbilligend zum +<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>Rektor: »Er ist gut durchgekommen für diese unziemliche +Handlung, fast zu gut.«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Rektor, »schicken Sie ihn nach Schluß +der Schule noch einmal allein in mein Zimmer.«</p> + +<p>Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen +Lehrers; Heinrich aber war bestürzt, als er durch den Lehrer +erfuhr, daß noch etwas nachkommen sollte. Er fand sich +nach dem Schluß der Schule im Zimmer des Rektors ein. +(Auf dem Tisch lagen die Hefte der <em class="antiqua">IX.</em> Klasse aus dem +Jahrgang 88.) »Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,« +sagte der Rektor, »das verdankst du der Fürsprache deines +Onkels. Mit väterlicher Treue ist er für dich eingetreten. +Einen andern Mann an seiner Stelle hätte es gekränkt, +daß du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er +hat bewiesen, daß er dich lieb hat. Hast du auch +ihn lieb?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Heinrich, und das kam von Herzen.</p> + +<p>»Dann beweise auch du es. <em class="gesperrt">Wie,</em> das muß dir dein +Herz sagen.«</p> + +<p>»Ich will’s tun,« sagte Heinrich.</p> + +<p>»Und noch etwas: du hast dich darüber beschwert, +daß die Menschen nie etwas anders machen wollen, als +man es gewöhnlich macht, und das war der Grund, warum +du deine Absicht, ein Mädchen zu dingen, nicht vorher verraten +<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'hat'">hast</ins>, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Heinrich, »es heißt immer: das kann man +nicht, oder: so macht’s niemand.«</p> + +<p>»Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr +ganzes Leben hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu +handeln. Bei ihnen heißt es: so machen’s alle Leute.« +»Ja, ja,« sagte Heinrich von Herzen zustimmend.</p> + +<p>»Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen +gehörst, sondern wenn du später als Mann sagst: Ich tue, +<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>was gut und verständig ist, ob’s nun andere auch so +machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als Mann. +So lange du noch jung und unselbständig bist, darfst du +dir nicht herausnehmen, nach eigenem Gutdünken zu handeln; +kannst auch überzeugt sein, daß es meistens nicht gut ausfallen +würde. Also für die nächsten Jahre: Vertraue +alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen +magst, das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue +was recht ist.«</p> + +<p>Heinrich kam später als sein Onkel von der Schule +heim. Inzwischen hatte dieser noch über die Sache nachgedacht +und war ärgerlich über den Jungen. Wer konnte +wissen, was der alles anstellen würde, nachdem er einmal +angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rücken +solche Dinge zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache +ausgehen! Fräulein Stahlhammer ließ sich kein Mädchen +aufdrängen, am wenigsten, wenn es von dieser Seite kam; +Mine würde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache +nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor +saß eben vor seinem Schreibtisch, in dem er seine Hefte +verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die Jugend versammelte +sich schon im Eßzimmer, da ging die Türe auf und Heinrich +sah herein. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Empfindungen +schwer über die Lippen bringen. Lebhaft ging +er zu seinem Onkel und dessen Hand fassend sagte er: +»Das war so fein von dir, Onkel, daß du mir geholfen +hast. Mein Professor hätte mich ja am liebsten in den +Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen +wärst, ich danke dir recht schön dafür! Sogar der Herr +Rektor hat etwas von deiner väterlichen Fürsorge gesagt, +es war etwas sehr Schönes.«</p> + +<p>Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon +wieder ganz freundlich auf seinen Neffen. »Die Hauptsache +<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>ist,« sagte er, »daß du nicht noch einmal so etwas +tust.«</p> + +<p>»Nein, in den nächsten Jahren nicht mehr, das habe +ich schon mit dem Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! +Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel? Ich habe in der +Pause nichts essen können, bin furchtbar hungrig.«</p> + +<p>»So komm,« sagte der Onkel und sie gingen unwillkürlich +Hand in Hand – es war wohl der Rektor, der +diese Hände ineinandergelegt hatte.</p> + + +<h3>VIII.</h3> + +<p>Am nächsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Küche +abspülte, klingelte es und ein Mädchen meldete sich. Sie +sei aus der Stadt hierhergeschickt worden, weil man hier +ein Dienstmädchen suche. Mine traute kaum ihren Ohren. +»Das ist aber unerhört,« rief sie, »ich habe ja noch gar +nicht gekündigt und mein Fräulein weiß von nichts. Wer +hat Sie denn geschickt? Gewiß Frau Professor Kuhn?«</p> + +<p>»Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist’s besprochen +worden.«</p> + +<p>»Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich +denn jetzt? Versuchen Sie’s eben und gehen Sie hinein. +Wenn das Fräulein Sie will, dann soll’s mir auch recht +sein.«</p> + +<p>»Da ist ein Mädchen,« sagte Mine, indem sie die +Türe aufmachte zu dem Eßzimmer und sich rasch wieder +zurückzog. Fräulein Stahlhammer saß da, die Zeitung +lesend, und Klärchen war mit ihrer Puppe beschäftigt. +»Was möchten Sie von mir?« fragte Fräulein Stahlhammer, +»wer sind Sie?«</p> + +<p>»Katharine Schwarz heiße ich und weil ich gehört +habe, daß Sie ein Mädchen suchen, wollte ich mich vorstellen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>»Das ist jedenfalls eine Verwechselung,« sagte Fräulein +Stahlhammer, »ich suche keines. Wer hat Ihnen denn +das gesagt?«</p> + +<p>»Im Hof ist’s gesprochen worden.«</p> + +<p>»So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mädchen +schon seit fünf Jahren und behalte sie auch.«</p> + +<p>»Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herüber +gefahren,« sagte das Mädchen. »Ich wäre erst so gerne +gekommen; so ein stilles Plätzchen bei guten Leuten, das +gefiele mir.«</p> + +<p>»Das tut mir leid für Sie. Vielleicht ist’s in einem +der Nachbarhäuser. Meine Mine weiß das. Kommen +sie einmal mit mir in die Küche.« Das Mädchen folgte +ihr. »Mine, nehmen Sie sich um das Mädchen an, sie ist +irrtümlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr +eine Tasse Kaffee ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein +Plätzchen für sie.«</p> + +<p>Nun waren die beiden zusammen in der Küche; Mine +räumte noch ihr letztes Geschirr auf und Katharina ließ +sich den Kaffee schmecken, nachdem sie zuerst große Umstände +gemacht hatte, ihn anzunehmen. »Da gefiele mir’s,« +sagte sie, »so ein freundliches Fräulein, das gleich Kaffee +einschenken läßt und so stattlich und hochgewachsen und +alles so nobel und fein im Haus, und dem Kind sieht +man’s von fern an, wie gut es ist.« Im Lauf des Gesprächs +hatte Mine bald herausgebracht, daß kein anderer +als Heinrich das Mädchen hergeschickt hatte. Ja, der +Schlingel, wenn der wirklich ins Haus kam mit seinen +Raupen und der große Bruder auch noch dazu, dann +waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich +auch versprochen zu gehen.</p> + +<p>Inzwischen hatte Klärchen zur Patin gesagt: »Kann +das gute Mädchen nicht bei uns bleiben?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>»Wir haben ja unsere Mine,« sagte die Patin, »die +ist auch gut.« Fräulein Stahlhammer nahm wieder die +Zeitung, aber es war nicht viel mit dem Lesen. Nie hatte +sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und jetzt auf +einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wäre, mit +dem jungen Mädchen, das so freundlich aussah, ganz neu +anzufangen. Mine war im Lauf der Jahre so selbständig +geworden, sie nahm ihr auch die Kleine ganz aus der Hand. +Sie sagte so oft: »Die Kleine spürt’s, daß Sie seine Mutter +nicht sind,« das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mädchen +würde so etwas nicht denken und jedenfalls nicht +sagen. Was wohl Mine zu dem Vorschlag sagen würde, +daß sie diesem Mädchen weichen sollte? Unentschlossen +ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. »Was würde +mein Bruder von mir denken?« sagte sie sich selbst, »er +würde zu mir sagen: »Du, die große Stahlhammer, traust +dich nicht mit deinem Mädchen zu reden?« Wirklich, sie +war allmählich dieser Mine gegenüber ganz schüchtern geworden. +Sie schämte sich ihrer Schwäche.</p> + +<p>»Klärchen, sage doch Mine, sie möge herein kommen.« +Mine kam, Klärchen blieb in der Küche und schloß Freundschaft +mit Katharine.</p> + +<p>»Es scheint ein ordentliches Mädchen zu sein?« sagte +Fräulein Stahlhammer zu Mine. »Ja, ein gutes Zeugnis +hat sie bei sich und ein armes Ding ist’s, dem’s immer +hart gegangen ist bisher.«</p> + +<p>Nun nahm Fräulein Stahlhammer einen Anlauf: +»Wie wär es, Mine, wenn ich es mit diesem Mädchen versuchte +und Sie mit einem andern Dienst?«</p> + +<p>Zu Fräulein Stahlhammers großem Erstaunen war +Mine’s sofortige Antwort: »Gerade wollte ich’s auch vorschlagen!«</p> + +<table class="break" summary="Neuer Abschnitt"> +<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr> +<tr><td /><td>*</td><td /></tr> +</table> + +<p><a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>Einen Monat später war Mine abgezogen, in der +Küche hauste das neue Mädchen. Es war der erste Abend. +Bisher war es immer Mine gewesen, die Klärchen begleitet +hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die Patin +selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein +wenig sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz +zutraulich. »Kommst du jetzt alle Tage selbst mit mir?« +fragte das Kind. »Ja, wenn ich nicht im Verein bin.«</p> + +<p>»Hat unsere Katharina auch einen Verein?«</p> + +<p>»Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.«</p> + +<p>»Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du +fort warst?«</p> + +<p>»Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie +dich dann allein gelassen?«</p> + +<p>»Ja, aber das hat man gar nicht sagen dürfen, nur +dem Konrad habe ich’s gesagt.«</p> + +<p>»Das mußt du dir nicht verbieten lassen, Klärchen. +Wenn die Katharina einmal will, daß du mir etwas nicht +sagst, dann mußt du gleich antworten: Der Patin sage +ich alles.«</p> + +<p>»So? So soll ich’s machen?« sagte die Kleine ganz +verwundert.</p> + +<p>»Ja, so sollst du’s machen, so machen es alle lieben +kleinen Kinder.«</p> + +<p>Die Patin gab dem Kind einen Kuß und beide hatten +das Gefühl, es sei etwas weg, das sie bisher getrennt hatte.</p> + +<p>Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne daß zur +Familie des Professors irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer +gedrungen wäre. Die Brüder scheuten sich, hinzugehen, +wußten sie doch nicht, wie Heinrichs Einmischung +in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da +begegnete diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, +und mit stolzer Befriedigung erfuhr er, daß die von ihm +<a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden und Mine ihr +Platz gemacht hatte. Aber Mine wußte auch noch das +allerneuste. Fräulein Stahlhammer läge krank zu Bett +und werde wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu +Hause erzählt, als seine Tante erklärte: »Das ist für mich +die Gelegenheit, endlich einmal Fräulein Stahlhammer aufzusuchen; +schon lange liegt es mir schwer auf der Seele, daß +kein freundliches Einverständnis zwischen uns herrscht, ich +mache ihr einen Krankenbesuch!«</p> + +<p>Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als +sie hinausfuhr aus der großen Stadt und das hübsche +Häuschen aufsuchte, das am Ende des Städtchens lag, +ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald übergingen. +Das neue Dienstmädchen fragte Fräulein Stahlhammer +gar nicht erst, ob sie zu sprechen sei, sondern ließ +den Besuch ohne weiteres ein. Im Schlafzimmer lag, +unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fräulein Stahlhammer +im Bett und das Kind saß nahe dabei, spielend +an seinem Tischchen.</p> + +<p>Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit für das +Kind, sie trat ans Bett und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie +krank sind, und wollte mich deshalb nach Ihnen umsehen.«</p> + +<p>»Danke,« sagte Fräulein Stahlhammer, »es geht mir +schon besser; aber Ihr Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte +Ihnen schon in diesen Tagen schreiben und kann es doch +nicht recht.«</p> + +<p>Hocherfreut über diesen unerwartet freundlichen Empfang +setzte sich die Tante ans Bett und nach einigen Reden über +die Art der Krankheit sagte Fräulein Stahlhammer: »Was +ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich nicht gern vor +der Kleinen sagen.«</p> + +<p>Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen +mit allem was darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine +<a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>Nichte folgte und die zwei Frauen waren allein. »Ich +habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich krank bin,« sagte +die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe und +da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, +wie sie ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, +dürfe es zu Onkel und Tante und zu den Brüdern. Ja, +einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz meine Gegenwart +vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht +brav bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.«</p> + +<p>»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten +gar nicht darauf hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.«</p> + +<p>»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich +weiß jetzt, daß sie mein Haus nur als einen Strafplatz +ansieht; ich glaube, es war nicht recht von mir, daß +ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne ich +Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt +hätte, so möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei +Ihnen eine glücklichere Kinderzeit haben wird.«</p> + +<p>Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer +schwer wurde, diese Worte auszusprechen. Sie +tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich begreife nicht,« +sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt. +Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, +das Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern +aufwächst. Leider sind es bei uns lauter Knaben.«</p> + +<p>»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« +sagte Fräulein Stahlhammer.</p> + +<p>»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern +läßt es sich zwar nicht mehr einrichten, aber von den +Sommerferien an können wir sie aufnehmen.«</p> + +<p>»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« +sagte die Patin bereitwillig. »Ihre Brüder können sie +besuchen so oft sie wollen, und ich werde ihr auch eine +<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner Bekannten hat +auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis +jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen +sich mehr an mich anschließe, aber nun, da sie doch fort +kommt, ist’s gleichgültig.«</p> + +<p>»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund +darüber,« sagte Frau Professor Kuhn, »mein Mann würde +wohl nicht gern noch einmal bei ihm seinen Vorschlag +wiederholen.«</p> + +<p>»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten +die beiden Männer nicht gut miteinander stehen. +Glauben Sie mir, ich war damals nicht so herzlos, als +Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest +bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im +Kämmerlein. Das Kind wußte es nur nicht und Mine +sagte leider nichts davon.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">So</em> war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut +mich noch nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich +selbst war trotz allem Anschein immer von Ihrer edlen +Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm die Hand der +Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl +sind, kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir +wollen uns näher kennen lernen und späterhin, wenn +Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen uns, dann werden +Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.«</p> + +<p>»Wollen Sie Klärchen rufen? Ich möchte es ihr gleich +mitteilen.« Die Tante führte das Kind herein. »Klärchen,« +sagte die Patin, sich im Bett aufrichtend, »weißt du, was +deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im Sommer, wenn +deine Brüder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst +ganz und für immer bei Onkel und Tante bleiben!«</p> + +<p>»Aber der Vormund holt mich gleich wieder,« sagte +Klärchen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>»Diesmal nicht,« sagte die Patin, »jetzt erlaubt er es, +er führt dich vielleicht selbst in die Stadt.«</p> + +<p>Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit +der Nachricht erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die +Tante und sagte: »Dann bist du meine Mama und der +Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder alle Tage +meine Brüder!«</p> + +<p>»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft +die Kleine weg zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin +hat das so eingerichtet, weil sie weiß, daß es dich freut.«</p> + +<p>»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du’s eingerichtet? +Gelt dann bist du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind +alle, alle froh!« rief sie in einem Ton, der glückselig klang, +wie ihn die Patin noch nicht an ihr gehört hatte.</p> + +<p>Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für +diesen Sommer gab sie ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, +sie sollte so viel wie möglich im Freien sein. Sie nahm +Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den nahen +Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine +Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. +Es war ein Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die +kleine Mathilde sich zu ihr gesellte, denn eine Freundin +hatte sie noch nie gehabt.</p> + +<p>Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer +Bank am Saume des Waldes Rast machte, spielten die +Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos und Gebüsch +und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde +kam in aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer +mit all ihren Anliegen, und Klärchen, die zuerst staunte +über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich bald selbst daran; +vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen auch die +Zukunft, die Gegenwart war schön.</p> + +<p>Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf +<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>der Bank im Wald saß und die Kinder spielten, kam des +Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen, zwei Lehrerinnen +an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen +Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, +blieben sie ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die +manche der Kinder kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen +hielt sich zur Patin.</p> + +<p>»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, +nicht wahr?« sagte eine der Lehrerinnen freundlich zu den +Kindern.</p> + +<p>»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, +aber Klärchen kommt fort.«</p> + +<p>Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder +kehrten zu ihren Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht +recht bei der Sache und nach einer Weile kam sie zögernd +zur Bank her, auf der die Patin lesend saß, legte ihr die +Hände auf den Schoß und sagte leise: <ins class="correction" title="Transcriber's note: opening quote missing in original">»Patin?«</ins></p> + +<p>Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, +Kind?«</p> + +<p>»Patin, <em class="gesperrt">darf</em> ich zu den Brüdern, oder <em class="gesperrt">muß</em> ich hin?«</p> + +<p>»Du darfst, du <em class="gesperrt">mußt</em> nicht.«</p> + +<p>»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?«</p> + +<p>»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf +den Boden, denn das Kind war auf einmal auf ihrem +Schoß, das Kind, das doch schon bald Schulkind werden +sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und +Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, +was sie so lange gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie +lieb hatte! Wie sie es gewonnen hatte, wußte sie selbst nicht +zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach gestrebt hatte, war +es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester, unbestrittener +Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die +Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, +<a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>um zu sehen, ob es sich nicht getäuscht habe; aber +aus dem lauten Getümmel des knabenreichen Hauses in +der Großstadt verlangte es bald zurück in das stille, ländliche +Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin. +Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder +fanden sich nun leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen +glücklich.</p> + +<p>Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten +Entschluß hörte, nach langer Zeit wieder einmal +eines Morgens heraus nach Waldeck. Er sagte zu Katharine, +die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig +nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« +die Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen +so, daß du sie dreimal umstößt?« Er empfahl +Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und dann kehrte er +mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein, +möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen +Mittagstafel in der Stadt.</p> + + + +<hr /> +<p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a></p> +<h2><a name="Regine_Lenz" id="Regine_Lenz"></a>Regine Lenz.</h2> + + +<p>Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. +Wer es nicht wußte, hätte nicht gedacht, daß sie schon zu +den Konfirmanden gehörte; sie war wohl die kleinste von +allen, dabei schmal und schmächtig; ein Persönchen, das +wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen +war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun +in die kleine Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. +Der Vater war um diese Nachmittagsstunde meist nicht zu +Hause, sondern irgendwo als Wegmacher an der Arbeit; +auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit +nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren +Vater, die älteste Schwester Marie und ihren Bruder +Thomas zu treffen, hingegen von der Mutter und dem +jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen mit +ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, +nach ihren düsteren Mienen zu schließen.</p> + +<p>Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn +sie galt im Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten +der Großen nicht einzumischen habe. Ihr +Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und ging ohne +Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten +Hut langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel +zurechtsetzte und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt +<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>fort; sorg du für den Kleinen. Ich weiß nicht, wo der +hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.«</p> + +<p>Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, +der in Gedanken versunken am Tisch saß. Es war alles +so ganz anders als sonst. »Wo ist denn die Mutter?« +fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß +irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. +»Weißt du’s nicht? Du brauchst es auch nicht zu wissen. +Sie kommt aber nicht so schnell wieder, die Mutter. Daß +du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim bleibst!«</p> + +<p>Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging +langsam mit gesenktem Kopf davon.</p> + +<p>Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es +nicht begreifen; es wurde ihr bang und immer bänger zumute +in der verlassenen Stube. Es wunderte sie, daß sie +nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht bei der +Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und +der Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?</p> + +<p>Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, +wo ein kalter Wind blies und die Dämmerung sich schon +herniedersenkte. Sie suchte nach dem Kleinen und fand ihn +endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke stehen. +Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein +feines Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren +der Mutter Stolz. Er stand an der Ecke und sah die +Straße hinauf.</p> + +<p>»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. +Hast ja ganz kalte Hände; was tust du denn da?« – »Ich +wart auf die Mutter, schon so lang,« sagte er kläglich. +Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine +fragte das Kind.</p> + +<p>»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. +»Der Mann hat sie geholt, der, mit den großen goldenen +<a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>Knöpfen. Sie hat doch gar nicht mit ihm gewollt und hat +geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was heißt das +›gestohlen‹? Wohin führt sie jetzt der Mann?«</p> + +<p>Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war +zu sehr bestürzt über die Schuld der Mutter, die das unschuldige +Kind ihr verriet. Jetzt begriff sie alles; die +Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit Mühe +konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen.</p> + +<p>Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer +Nachbarin und Regine hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie +gestohlen und beim Trödler verkauft.« Nun schwiegen die +Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und hörten +den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!«</p> + +<p>»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau +und sah das kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die +beschämt und mit gesenkten Augen an den beiden Frauen +vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte sie noch +sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter +treibt es auch schon wie die Mutter.«</p> + +<p>Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe +hinter sich zu; sie mochte nichts weiter hören.</p> + +<p>Was war das für ein langer und trauriger Abend! +Der Kleine ließ sich endlich zu Bett bringen und weinte +sich in Schlaf. Regine saß allein an dem großen Tisch, +dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie Heimweh +hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, +wie man den Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal +hatte die Mutter, wenn sie da und dort in die Häuser ging, +etwas mitgenommen, und Regine hatte den Vater warnen +hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er +nahm doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« +hatte, wie sie das nannte. Marie, die große Tochter, hatte +auf diese Weise manches Schmuckstück bekommen, die Mutter +<a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte auch +Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte +sie oft gute Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde +selten bedacht. Die Mutter hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, +wie an den Großen, und nicht den Spaß, wie an +dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich +vor. War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit +wie Thomas, nicht lustig wie der Kleine; nein, sie war +auch in ihren eigenen Augen unter allen die geringste. Aber +das hatte sie nie bedrückt; sie war in der Schule immer so +leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne Freundschaft +und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.</p> + +<p>Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe +dahin. Als sie sich am nächsten Morgen auf den +Schulweg machte, war es ihr, als müßten alle Kinder ihr +die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin: +»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr +noch im Ohr; sie gehörte doch auch zur Familie, sie war +also »nichts nutz«. Die Mitschülerinnen sahen sie aber +doch nicht mit anderen Augen an als sonst, und die Schulstunden +gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der Schule +kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun +die Schande des Hauses bekannt würde, wenn gar der +Pfarrer selbst davon gehört hätte? Wie schrecklich mußte +ihm dies vorkommen!</p> + +<p>Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht +beisammen. Dem Pfarrer waren nicht all diese +Kinder und ihre Familien persönlich bekannt; auch von der +Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht näher. +Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine +Gestalt verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute +war ihr das lieb; sie hätte sich gerne noch dünner gemacht, +so dünn, daß alle Menschen sie übersehen hätten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief +wie alle vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten +Tage kein Zeichen brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen +wisse, beruhigte sie sich allmählich.</p> + +<p>Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines +Tages der Vater mitteilte: »Heute war die Verhandlung +vor Gericht. Am nächsten Montag kommt die Mutter fort +in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie sitzen.«</p> + +<p>»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und +darauf fing der Kleine laut an zu schluchzen. Reginens +erster Gedanke war, daß die Mutter dann nicht bis zu +ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man brauchte so +manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige verschaffen? +»Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch +gar nicht; die Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich +eingesegnet werde.«</p> + +<p>»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so +wichtig wird das nicht sein.«</p> + +<p>Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll +ging sie heute in den Unterricht; saß stiller als sonst an +ihrem Platz und hob nur selten die Hand auf als Zeichen, +daß sie gerne eine Frage des Geistlichen beantwortet hätte; +und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit handelten, +von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da +rührte sie sich nicht mehr und rückte hinter den breiten +Rücken der vor ihr Sitzenden, um dem Pfarrer ganz aus +dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob dieser es +bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete +eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort +und öffnete schon den Mund, um zu sprechen. – +Da stockte sie plötzlich und kehrte sich um nach dem Mädchen, +das hinter ihr saß.</p> + +<p>»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie +<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>ihm wieder ihr Gesicht zu, aber das war wie verwandelt, +von Röte ganz übergossen. Sie machte doch noch einen +Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre Stimme. +In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm +und schwieg.</p> + +<p>Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis +der Pfarrer dicht an die Bank herantrat und fragte, was +es gäbe. Regine antwortete nicht; aber die neben ihr +Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen: Regine +Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.«</p> + +<p>Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: +»Nun ja, es ist gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre +Mutter wegen Diebstahls zu vier Monaten Gefängnis +verurteilt wurde.«</p> + +<p>»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all +seine Schülerinnen an dem ungewohnten Ton erschraken +und lautlos nach Regine sahen, die sich gesetzt hatte und +das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller Augen auf +sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber +nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie +Forbes richtete er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung +wahr ist, weiß ich nicht,« sagte er; »aber das +weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von dir +ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine +damit wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre +Mutter ein Unrecht begangen hat? Nein, sie selbst kann +so ehrlich sein wie jede von euch und dabei nicht so herzlos +wie du!«</p> + +<p>Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer +wieder den unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm +wohl anzumerken, daß ihn das Vorgefallene noch bewegte. +Er fühlte, daß in dieser Stunde seine kleine Konfirmandin +etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder vergessen +<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre +Ehre angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, +gleich in derselben Stunde.</p> + +<p>Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr +um sich während des Unterrichts.</p> + +<p>Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, +ein Liedervers sollte noch gesungen werden. Die Kinder +sahen gespannt auf den Geistlichen. Warum stimmte er +nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde +über das Vorgefallene.</p> + +<p>»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.«</p> + +<p>Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und +wiewohl sie nicht um sich sah, spürte sie doch, daß alle +Blicke auf sie gerichtet waren. Der Pfarrer näherte sich +ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß alle +Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, +daß du ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen +sehen, daß ich dir ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich +dir hier meine Geldbörse; die sollst du in das Pfarrhaus +tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel Geld darin, +aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil +du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun +geh du voraus, wir andern wollen noch singen.«</p> + +<p>Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude +und trat durch das weite Tor hinaus in die belebte +Straße. Krampfhaft fest hielt sie die Börse in der +Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging, +wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: +»Weil ich weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und +gar vertraue.« Zweimal hatte er es ausgesprochen, alle +hatten das gehört und wußten nun, daß sie ehrlich war. +Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher hatte +ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle +<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>einander nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was +es erwischen konnte, und jedes versteckte, was es behalten +wollte. Und sie, die sich bisher nicht besser gedünkt hatte +als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle Börse in +der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte +ohne Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in +Versuchung, natürlich nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, +sie sei ehrlich, und wenn sie es vorher vielleicht nicht war, +– in dieser Stunde hatte das Vertrauen des Pfarrers sie +dazu gemacht.</p> + +<p>Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse +darin haltend, ging Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, +bis sie plötzlich aus ihren Gedanken geschreckt wurde durch +den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst einen nicht, +wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr +Bruder Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam +aus der Druckerei, in der er für eine der schlechtesten +Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete. Thomas war +siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, +ein aufgeweckter Bursche.</p> + +<p>»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was +hältst du in der Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick +wußte sie: gegen den Bruder konnte sie nicht aufkommen; +nie, er war immer der Stärkere, immer der Klügere. Wohl +zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch +schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie +hätte diesen so gerne vor ihm verborgen!</p> + +<p>Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber +keine Umstände,« rief er, »es hilft dir doch nichts. Treibst +du’s auch schon wie die Mutter? Was versteckst du in der +Tasche?« – Da blickte sie auf zu ihm und sagte leise: »Ich +will dir’s erzählen, Thomas, aber es darf es niemand +hören; komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie +<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>mit gedämpfter Stimme: »Vorhin hat in der Konfirmandenstunde +eine, Emilie Forbes heißt sie, dem Pfarrer erzählt, +daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier vergangen +vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts +gegen die Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt +hat er mich vorgerufen, und vor allen hat er laut +gesagt, daß ich ehrlich sei und daß er mir ganz und gar +vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir seine volle +Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. +Und dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt +muß ich die Börse ins Pfarrhaus bringen.«</p> + +<p>Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen +fast unglaublich vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in +der Börse sein,« sagte er, »oder sie hat einen Verschluß, +den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach keine Umstände!«</p> + +<p>Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß +sie tun mußte, was die Großen wollten. So zog sie die +Börse aus der Tasche und sah mit Angst und Zittern, wie +der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit den Fingern +hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber +die Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den +Geschwistern mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief +der Bruder bei diesem Anblick. Dann sah er der Schwester, +die jeder seiner Bewegungen gespannt folgte, scharf in das +aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?« fragte +er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er +nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.</p> + +<p>»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal +galt der Ausruf nicht dem Geld, sondern Regine. Die +kleine Schwester flößte dem großen Bruder Achtung ein. +Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er sorgfältig +wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese, +<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank +zu dem Bruder auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, +wie ihr die Worte im Ohr klangen: »Du bist ehrlich; dir +vertraue ich ganz und gar.«</p> + +<p>Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen +Worte und sahen dem Paar erstaunt lächelnd +nach. Aber Regine sah und hörte nichts von den Menschen +um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von +mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich +noch bis zum Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und +dieser folgte zum erstenmal der Schwester. Sie sah wieder +vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt kann die Hausfrau +nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz; +wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten +jetzt immer zusammen, gelt, Thomas?«</p> + +<p>Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges +Schwesterlein. »Wir zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen +wäre. Eigentlich war es zum Lachen, daß die Kleine +ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den kräftigen +jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine +Kraft, wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten +war es, der heute in dieser jungen Seele lebendig geworden +war und nun auch in ihm das Beste wachrief.</p> + +<p>Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« +sagte Thomas, »mach deine Sache geschickt; gib das Geld +niemand anderem als der Frau Pfarrer selbst.«</p> + +<p>Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, +das es im Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird +ein Bettelmädchen sein.« Daher war auch die Pfarrfrau, +als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind ihr +die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, +woher und wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; +denn Regine war verlegen, gab nicht viel Antwort, +<a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>sondern schlüpfte baldmöglichst wieder zur Türe hinaus. +Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es für eine +Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das +Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau.</p> + +<p>»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, +»und wenn auch, – durfte ich nicht ein Goldstück daran +wagen, um einem jungen Menschenkind einen ehrlichen +Namen zu geben?«</p> + +<p>In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick +sofort diejenige, um die er sich inzwischen gesorgt hatte, +denn hatte er sie nicht selbst in Versuchung geführt? Da +begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe und Vertrauen +auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten +Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis +zu. Nicht ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde +Reginens Gestalt hinter den Mitschülerinnen; immer +war sie zwischendurch zu sehen, als ob sie gewachsen wäre, +die Kleine.</p> + +<p>Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber +am nächsten Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. +Denn als sie zusammen zu Mittag gegessen hatten, redete +Thomas plötzlich seine Schwester Marie an: »Wenn die +Mutter nicht da ist, dann mußt <em class="gesperrt">du</em> eben sorgen, daß die +Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.«</p> + +<p>Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann +sorgst du für Regine?«</p> + +<p>»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete +der Bruder ärgerlich.</p> + +<p>»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann +schon; aber ich kann nicht alles hergeben für die Kleine. +Sie könnte auch selbst manchmal etwas heimbringen, in +ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!«</p> + +<p>»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas.</p> + +<p><a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher +nur mit halbem Ohr zugehört; aber das hätte er doch gerne +gewußt, wer in seiner Familie ehrlich sei.</p> + +<p>»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja +vor allen gesagt; und sie hat seine Börse voll Gold und +Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus tragen müssen und hat +keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch nicht; +Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie +hätte mir einen abgebissen; ist’s nicht wahr, du?« Die +beiden Verbündeten sahen sich vergnügt an, worüber Marie +große Augen machte, denn sie konnte die Geschwister nicht +begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine. »Ehrlich +ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer +Weile: »Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu +ihrer Einsegnung; daran darf’s nicht fehlen.«</p> + +<p>Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, +seitdem die Mutter das Haus verlassen hatte. Ein einziges +Mal waren Nachrichten aus dem Gefängnis gekommen; +einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll Sehnsucht +nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte +auch am meisten die Mutter. Wenn die Großen morgens +alle das Haus verließen, legten sie wohl mancherlei zu essen +hin, oder sie brachten ihn zu einer mitleidigen Nachbarin: +aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf der Straße +herum; sehnsüchtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich +wieder die Straße herunterkäme, in der sie vor seinen Augen +verschwunden war. Sie trösteten das Kind manchmal, Regine +komme jetzt bald ganz aus der Schule und bleibe dann +immer bei ihm wie früher die Mutter. Nur noch vier Wochen +mußte sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang.</p> + +<p>Nein, nicht lang, und doch zu lang für das mutterlose +Kind. Einmal fand Regine es ganz durchkältet, die Schuhe +und Strümpfe vollständig durchnäßt, die Füße eiskalt von +<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>dem geschmolzenen Schneewasser, in dem es herumgestiegen +war. Weinend saß der Kleine auf der steinernen Hausstaffel +und zitterte am ganzen Körper. Nun wurde er freilich +zu Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie +den Arzt zu ihm. Marie blieb nun von der Fabrik daheim +und pflegte mit Liebe den kleinen Bruder; aber die Fürsorge +kam doch zu spät, und ehe sie nur recht gewußt hatten, +daß das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer +Lungenentzündung erlegen.</p> + +<p>In großer Bestürzung standen sie alle an dem Bett +des Kleinen, und <em class="gesperrt">ein</em> Gedanke beherrschte die ganze Familie: +der Gedanke an die Mutter. Wie würde sie die Nachricht +ertragen! Was mußte das einst für ein Heimkommen sein, +wenn sie ihren Liebling nicht mehr fände! Und welche +Vorwürfe würde sie ihnen machen! Hätte man das Kind +nicht unter Tags in Kost geben können, oder in eine Kinderschule +schicken? Aber all diese Gedanken kamen zu spät.</p> + +<p>Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und +noch hatte niemand sich entschließen können, der Mutter +die Trauerbotschaft zu schreiben. Der Vater tat es endlich +mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben war ihm +ungewohnt.</p> + +<p>Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte +sie nicht schreiben, oder war sie krank geworden vor Kummer? +Zürnte sie ihnen, daß sie das Kind nicht besser behütet +hatten? Sie hörten nichts von ihr.</p> + +<p>Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt +und bei diesem Anlaß Einblick in die Familie getan; +auch war ihm so manches über sie bekannt geworden, +was ihn für seine Konfirmandin besorgt machte. Er hatte +das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt +in ihr, aber es mußte gepflegt werden. So hätte er dies +Mädchen gern in andere Verhältnisse versetzt, wo es unter +<a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a>ehrlichen Menschen sich in der Ehrlichkeit befestigen konnte. +So manches Mal beriet er mit seiner Frau darüber; aber wo +sollte man ein so kleines Mädchen unterbringen, von dem +man nicht einmal rühmen konnte: es ist aus gutem Haus!</p> + +<p>Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde +Regine wieder von dem Pfarrer aufgefordert, nach der +Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort wurde sie freundlich +empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte, eifrige +Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, +daß sie für Regine ein gutes Plätzchen gefunden hatte. »Es +ist bei meiner Schwester,« erzählte sie ihr, »bei einer Pfarrfrau +auf dem Lande. Sie hat kleine Kinder, herzig nette +Kinderchen; und ein ehrliches treues Dienstmädchen, das +aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird. Dort +kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein +und selbst ein solcher werden, und das möchtest du doch +gewiß?« Regine bejahte aus aufrichtigem Herzen.</p> + +<p>»Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,« fuhr +die Pfarrfrau fort, »fünf Mark im Monat, und nach einem +Jahr, wenn du dich bewährst, erhältst du das Doppelte. Bis +dahin wirst du in der frischen Landluft und bei der guten Kost +groß und stark geworden sein. Nun geh nur heim und erzähle +es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester +bittest du, daß sie dir die nötige Wäsche und Kleider richtet. +Gleich nach der Konfirmation müßtest du abreisen, denn +meine Schwester möchte am liebsten schon heute eine Hilfe.«</p> + +<p>Regine eilte, ganz erfüllt von diesem Lebensplan, nach +Hause. Sie fühlte sich so stolz und glücklich, wie wenn sie +sich schon als treue Pfarrmagd bewährt hätte. Wie würden +sie sich daheim alle wundern über das Vertrauen, »Respekt!« +würde Thomas wieder sagen. Und sie träumte sich hinein +unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern.</p> + +<p>Zu Hause saßen der Vater und Marie schon am +<a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>Mittagstisch, Thomas fehlte noch. Sie wollte mit ihrer +Erzählung warten, bis er käme; aber als es eine Weile +gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten, was ihr +ganzes Herz erfüllte. »Die Frau Pfarrer weiß mir ein +gutes Plätzchen,« begann sie und wiederholte alles, was +sie darüber gehört hatte. Und nun erlebte sie eine schmerzliche +Enttäuschung. Mit Hohn und Geringschätzung wurde +von diesem »Plätzchen« gesprochen und dieses so heruntergemacht, +daß nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr +daran blieb. Als Kummer und Scham ihr eben Tränen +in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim Anblick +dieses ihres Verbündeten faßte Regine wieder Mut. +Ehe sie aber ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon +Marie entgegen: »Du, als Magd will die Regine fortgehen, +aufs Land, und fünf Mark Monatslohn bekommt +sie; was sagst du dazu?« Und sie lachte laut.</p> + +<p>»Unsinn,« entgegnete Thomas und schien gar nichts +weiter wissen zu wollen, sondern machte sich daran, seine +Suppe zu essen. Und die andern sprachen auch nichts mehr +darüber. Regine verstand sie alle nicht. Warum wollten +sie ihr denn das schöne Plätzchen nicht gönnen? Sie brachte +kein Wort mehr heraus während des Essens, so bitter und +schmerzlich war ihr zumute. Als aber der Vater sich anschickte +wegzugehen, rief sie, während ihr die Tränen aus den Augen +stürzten: »Was soll ich denn dann der Frau Pfarrer sagen?«</p> + +<p>Da sah Thomas die kleine Schwester überrascht an; +er merkte erst jetzt, daß es sich für sie um eine Lebensfrage +handelte. »Was ist’s eigentlich, was will sie denn?« fragte +er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und Herreden. +»Verdingen will sie sich,« rief Marie, »statt daß sie in die +Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.«</p> + +<p>»So viel mehr ist’s zwar auch nicht,« entgegnete jetzt +der Vater, »du rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. +<a class="page" name="Page_309" id="Page_309" title="309"></a>Im Dienst hat sie alles frei, Kost und Wäsche, das +macht ein paar hundert Mark im Jahr; und dabei wird sie +vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die ich kenne.«</p> + +<p>Marie lachte. »So soll sie gehen; aber die Mutter +tät’s nicht leiden, wenn sie da wäre.«</p> + +<p>»Ja, das ist’s,« sagte der Vater, »sie will immer hoch +hinaus mit ihren Töchtern.«</p> + +<p>»Ja, die Mutter, das ist wahr,« meinte auch Thomas, +»wenn sie heimkommt – das eine Kind ist tot, das andere +fort; – Regine, sei gescheit, höre auf zu weinen. Sag +dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die Mutter +fort sei; er weiß ja schon davon und wird’s verstehen.«</p> + +<p>Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht +zufrieden mit ihrem Bundesgenossen. Er hatte nicht zu +ihr gehalten, und nun war es aus und vorbei mit ihrem +schönen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur +Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. +Regine holte ihren Katechismus und setzte sich an das andere +Ende des Tisches, um zu lernen. Sie schlug das Buch +auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen, groß und deutlich +standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift +geschrieben einige Worte. Unwillkürlich sagte sie laut: +»Wie kommt denn das in mein Buch?« Thomas blickte +von seiner Zeitung auf. »Was steht denn darauf?«</p> + +<p>»Nur ein Sprichwort; ich weiß nicht, wie das Papier +in mein Buch kommt.« Gleichgültig schob sie es beiseite.</p> + +<p>»Zeig doch her, was ist’s für ein Sprichwort?« rief +Thomas, griff nach dem Blatt und las laut: »Der Apfel +fällt nicht weit vom Stamm!« Er behielt das Papier in +der Hand und starrte darauf; während Regine wieder in +ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als +nach einiger Zeit ihr Bruder rief: »Wer hat dir denn die +Bosheit angetan? Gewiß wieder die Emilie Forbes! Weißt +<a class="page" name="Page_310" id="Page_310" title="310"></a>du nicht, was das heißen soll: Der Apfel fällt nicht weit +vom Stamm?« Und als Regine ihn immer noch verständnislos +ansah, sagte er: »Das heißt, daß du auch nicht ehrlich bist, +weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?«</p> + +<p>Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; über +und über errötete sie und sah das Blatt Papier an wie +etwas Häßliches, Feindseliges. »Aber das ist nicht die +Schrift von Emilie Forbes,« sagte sie nach einiger Zeit. – +»Dann hat es jemand anders für sie geschrieben; sie will +natürlich nicht, daß euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, +wenn du ihm das Blatt zeigst.«</p> + +<p>»Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen +davon gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das +nicht getan hätte!« Sie stützte den Kopf in die Hände und +weinte. Es war auch heute alles so traurig; das gute Plätzchen +durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch das dazu!</p> + +<p>Der Bruder war erzürnt über Reginens Mitschülerin. +»Ich schreibe dir auch einen Zettel,« sagte er, »den legst +du in ihr Buch, und an dem soll sie auch keine Freude +haben!« Nicht umsonst half er täglich als Setzer eine +Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe +Antwort kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht +fein. Aber Regine wollte nichts davon wissen, Thomas +wurde ärgerlich. »So etwas läßt man sich doch nicht gefallen!« +sagte er, »was hilft dein Weinen? Wehren muß +man sich!« – Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: +»Es wird eben wahr sein, Thomas, was auf dem Zettel +steht; wir sind alle nicht ehrlich, weil’s die Mutter nicht +ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so muß doch auch +das mit uns wahr sein!«</p> + +<p>Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah +das Sprichwort auf dem Papier nachdenklich an. Aber +bald sprach er tröstend zur Schwester: »Nein, nein, es ist +<a class="page" name="Page_311" id="Page_311" title="311"></a>nicht wahr. Die Äpfel bleiben freilich liegen, wo sie hinfallen; +aber wir Menschen können aufstehen, und gehen, +wohin wir wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon +einmal nicht, wir zwei, gelt, du?« Da hob die Schwester +vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder, der jetzt wieder +mit ihr im Bunde stand. Sie rückte näher zu ihm heran +und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blättchen Papier +beschrieb. »So,« sagte er, »das kannst du ruhig Emilie +Forbes ins Buch schieben; das ist jetzt ganz zahm, und +wenn es zufällig dein Pfarrer zu lesen bekäme, so hätte +er selbst nichts dagegen.« – Regine las: »Ein Apfel bin +ich nicht, der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch +und kann mich frei vom Platz bewegen.«</p> + +<p>Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. »Das +Blatt kannst du ihr frei in die Hand geben, dann sieht sie +gleich, daß du dich nicht vor ihr fürchtest. Paß auf, dann +läßt sie ihre bösen Reden künftig bleiben.«</p> + +<p>Als nach der nächsten Konfirmandenstunde Emilie +Forbes eben ihre Bücher zusammenpackte, wandte sich Regine +nach ihr um, schob ihr das Blatt Papier entgegen und sagte: +»Das gehört in dein Buch.« Betroffen sah das Mädchen +auf die Worte, die da standen, und errötete beschämt. +Aber sie geriet in noch größere Aufregung, als sie bemerkte, +daß Regine vor allen andern Mädchen mit dem Pfarrer +zugleich den Saal verließ; gewiß in der Absicht, mit ihm +reden zu können. Darin hatte sie auch recht, nur daß Regine +nicht über das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan +hatte; nein, sie mußte dem Pfarrer Bescheid geben +wegen des schönen Plätzchens, das sie nicht annehmen durfte. +Zögernd brachte sie die ablehnende Antwort heraus. Dem +Pfarrer war es sichtlich leid, daß der Vorschlag seiner Frau +nicht angenommen wurde. »Schade, schade!« sagte er, »es +wäre so gut für dich gewesen.« Gerne hätte er in dem Herzen +<a class="page" name="Page_312" id="Page_312" title="312"></a>des Mädchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der +wahre und einzige Grund der Ablehnung war. »Später, wenn +deine Mutter zurück ist, dürftest du dann die Stelle annehmen?« +fragte er. Regine wußte nichts darauf zu antworten. Die +Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen wissen +wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. +Sie gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander.</p> + +<p>»Zunächst ist da nichts zu machen,« sprach jetzt der +Pfarrer, »vielleicht später, wenn deine Mutter heimkommt. +Das wird ein trauriges Wiedersehen geben, Regine, wenn +die Mutter deinen kleinen Bruder nicht mehr findet. Du +mußt sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan hat. +Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte +du es, Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an +den Altar trittst, so denke daran, was ich dir gesagt habe; +und wenn ich dir die Hand zum Segen aufs Haupt lege, so +werde ich auch daran denken: das ist eine, die hat einen schweren +Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben, aber die +Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!«</p> + +<p>Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. +Regine saß am Nachmittag ganz allein zu Hause; der +Vater, der Bruder, die Schwester waren da- und dorthin +gegangen. »Wenn du konfirmiert bist, nehme ich dich auch +einmal mit dahin, wo’s lustig zugeht,« hatte Marie versprochen; +obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie +früher, sondern blaß und verstimmt war. Aber sie war +doch gegangen, und Regine war allein.</p> + +<p>Alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem nächsten +Sonntag. Gestern Abend hatte die Näherin ihr das schwarze +Kleid gebracht; es sah wie neu aus, obwohl es aus dem +der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem Schrank +und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. +Man hörte gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. +<a class="page" name="Page_313" id="Page_313" title="313"></a>Ob sie wohl wußte, daß am nächsten Sonntag ihre Konfirmation +war? Wie traurig zu denken, daß die Mutter +eingesperrt in ihrer Keuche sitzen würde, wie der Vater das +immer nannte; während andere Mütter in die Kirche kamen, +um zu sehen, wie ihre Kinder eingesegnet würden. Das +zu denken, tat ihr weh. Sie wollte ihr auch einmal schreiben, +heute noch, gleich jetzt. Sie sollte ja die Mutter lieb haben.</p> + +<p>So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag +Nachmittag hin und schrieb der Mutter einen langen Brief; +erzählte ihr von der Konfirmation und kam auch auf das +verstorbene Brüderchen zu sprechen, wie es immer nach der +Mutter verlangt habe, und unter Tränen beschrieb sie die +Krankheit und den Tod des Kindes. Am nächsten Morgen +bat sie den Bruder, daß er den Brief überschreibe und besorge. +Er las ihn und meinte, wenn die Mutter nicht krank sei, +würde sie ihn ganz gewiß beantworten. Darauf hoffte nun +Regine, und dachte es sich schön aus, daß sie zur Konfirmation +wenigstens einen Brief bekommen werde.</p> + +<p>Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation +brach an, und es kam kein Lebenszeichen von der Mutter. +Regine dachte freilich an diesem Morgen kaum mehr daran. +Ihre Gedanken waren erfüllt von der Feier. Sie mußte +auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am +Sonntag Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht +mit ihr gehen; und Marie entschuldigte sich damit, daß sie +heute etwas Gutes kochen wolle. Aber Thomas begleitete +sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen Bruder +und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was +der Pfarrer zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: »ich« +soll die Mutter lieben und die Unehrlichkeit hassen, sondern +sie sagte »wir« und zog ihren Bundesgenossen mit herein +in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war.</p> + +<p>Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder +<a class="page" name="Page_314" id="Page_314" title="314"></a>stieg auf die Empore und sah von oben, wie unter dem Geläute +der Glocken die Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff +der Kirche bis zu den Bänken vor dem geschmückten Altar kamen. +Die Feier, die er seit der eigenen Konfirmation nicht mehr +mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen das Herz.</p> + +<p>Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied +der versammelten Gemeinde denken: Welch ein kleines, +schmächtiges Mägdlein, noch ein ganzes Kind! Und doch +war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen mit solchem +Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte +ihr doch auch der Pfarrer versprochen, daß er an sie denken +wollte. Sie erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem +er sie eingesegnet hatte, mit fröhlicher Zuversicht aus +der Kirche heraus, um den Kampf des Lebens aufzunehmen.</p> + +<p>Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben +erst aufgestanden, war mürrischer Laune; und die Schwester +von eigenen Gedanken hingenommen, die nicht erfreulich +schienen. Doch hatte sie der Konfirmandin zu Ehren ein +gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille verzehrt wurde. +Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen. +Plötzlich ging die Türe leise auf, und in ihrem Rahmen +erschien eine blasse Frau mit abgehärmten Zügen und sah +mit großen, traurigen Augen auf die Anwesenden. Ein +Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: »Die Mutter!« Und +da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen, +so blieb die Gestalt wie gebannt an der Türe stehen und +rührte sich nicht. Einen Augenblick währte die Bestürzung, +dann erhob sich der Mann und ging auf seine Frau zu. +»Wie kommst du heute hierher?« fragte er. »Ich glaube +gar, du bist heimlich entwichen.« – »Nein, nein,« sagte +die Frau und trat nun näher an den Tisch heran; »ich +habe meinen Entlaßschein, ich bin frei. Die Hälfte der Zeit +ist mir erlassen worden wegen guter Führung, auch wegen +<a class="page" name="Page_315" id="Page_315" title="315"></a>meiner Kränklichkeit und aus Rücksicht auf die Kinder. Zum +Konfirmationstag haben sie mich entlassen.«</p> + +<p>Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der +Stelle, wo noch immer das leere Kinderbett stand; wandte +sich dorthin, warf sich schluchzend über das Bettchen und rief +in lautem Jammer: »Mein Hansel, mein gutes, gutes Kind!«</p> + +<p>Sie standen alle erschüttert und mit schlechtem Gewissen +diesem Kummer gegenüber, und jeden Augenblick erwarteten +sie, daß die Mutter sich mit Vorwürfen an sie wenden +würde. Aber sie schien nicht an sie zu denken. »O Kind!« +rief sie, »ich bin schuld, daß du gestorben bist. Deine Mutter +hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! +Hätte ich nur bei dir sein und dich noch ein einziges Mal +sehen können!« Allen, die da standen, kamen die Tränen. +Wie sah auch die Frau so elend und abgehärmt aus! Nicht +mehr wieder zu erkennen war sie.</p> + +<p>Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rührung +zu verbergen. »Laß jetzt das Jammern,« sagte er +barsch. »Setz dich her und iß etwas, du siehst ja aus, daß +es Gott erbarmt!« Da erhob sich die Frau, setzte sich an den +Tisch und aß ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie +rückte ihr die Schüssel näher. »Du siehst so abgemagert aus, +Mutter; warst du krank oder hast du Hunger leiden müssen?«</p> + +<p>»Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche +sagen auch, es sei gut, aber mir hat keinen Tag das Essen +geschmeckt,« sagte sie. »Schlaf habe ich auch nicht viel gefunden. +Ich war doch an unsere Federbetten gewöhnt; die +gibt’s dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank +war ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube +gelegt. Da hat man’s besser, und die Wärterin hat +es wirklich gut mit einem gemeint und mit jeder gesprochen. +Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen. +Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo +<a class="page" name="Page_316" id="Page_316" title="316"></a>man ohne Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann +kam die Nachricht, daß das Kind gestorben sei. Von da +an habe ich keinen Schlaf mehr finden können; immer +mußte ich darüber nachgrübeln, daß ich’s hätte verhüten +können. An diese Nächte werde ich denken mein Leben lang.«</p> + +<p>Sie waren alle ergriffen und hörten noch manches von +der Mutter; denn sie war noch mit all ihren Gedanken bei +dem, was hinter ihr lag, und hatte noch keine einzige Frage +an die andern gerichtet. Jetzt stand Regine auf. »Ich +muß in die Kirche,« sagte sie. Da schien die Mutter erst +wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen +Blick wandte sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen +Kleid, mit dem langen Kleiderrock vor ihr stand und ihr +verändert vorkam. Daß das alles so geworden war trotz +ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwürdig; und als nach +Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, +wie sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, +fand sich die Mutter ganz allein zu Hause; wußte nicht +recht, wozu sie da war und warum sie sich heimgesehnt +hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald saß sie wieder +trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, +das ihr zugejubelt hätte.</p> + +<p>So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst +zurückkehrte. Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid +ging sie zu ihr hin. Die Mutter fühlte das. »Komm, +setze dich her und erzähle mir was von dir,« sagte sie, und +dann fuhr sie selbst fort: »Deinen Brief habe ich noch in +der Krankenstube bekommen und habe ihn die Wärterin +lesen lassen, denn sie ist eine gute gescheite Person. Sie +hat auch gleich mit mir gesprochen, wie sie deinen Brief +gelesen hat. ›Das Kind ist noch unverdorben,‹ hat sie gemeint, +›die dürfen Sie nicht mit der großen in die Fabrik +schicken. Ich würde sie gleich aus dem Haus in eine gute +<a class="page" name="Page_317" id="Page_317" title="317"></a>Familie tun.‹« Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung +erwachte in ihr. »Warum schaust du so?« fragte die Mutter. +– »Weil unser Herr Pfarrer auch so meint,« entgegnete +Regine und schilderte mit aller Wärme die Stelle, die ihr +angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte.</p> + +<p>»O,« rief die Mutter, »da hättet ihr zugreifen sollen, +wenn es gleich nur ein geringer Platz ist. Soviel habe +ich jetzt gelernt: wenn man zu hoch hinaus will, dann +kommt man erst recht tief hinunter, bald genug wird das +auch die Marie erleben.« »Ich will nicht hoch hinaus, +Mutter, aber du willst ja nicht, daß wir in Dienst gehen.« +– »Ich habe es freilich nicht gewollt, aber wenn man +solche Nächte durchgemacht hat wie ich, dann denkt man +über manches anders als vorher. Ich rate dir: danke +deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!«</p> + +<p>Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, +wenn du so sagst, dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus +und frage, ob das gute Plätzchen noch zu haben ist.« Die +Mutter wunderte sich über ihre Kleine; die hatte sich verändert. +»Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen Schritts +ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die +Mutter allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht +mehr bei dem verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das +Mädchen, das voll Eifer ihr neues Leben beginnen wollte; +und sie sagte vor sich hin, denn sie hatte sich in der einsamen +Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu lassen: »Sie +ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein +gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. +An der wenigstens kann man einmal Freude erleben.«</p> + +<p>Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend +von dem raschen Entschluß. Gespannt warteten Mutter +und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie sahen ihr die +Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes +<a class="page" name="Page_318" id="Page_318" title="318"></a>Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber +nächste Woche soll ich fort; da ist noch viel zu richten! +Ob das alles fertig wird? Marie hilft nicht gerne dazu.« +»Wir machen’s schon ohne sie,« meinte die Mutter und +stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen +wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte +Regine. Da verlor das traurige Gesicht der Frau den +trostlosen Ausdruck, den es bisher gehabt hatte. »Gut, daß +du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl; zeigten sie +ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute.</p> + +<p>»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte +Thomas nachdenklich zu der Schwester. »Dann kann ich +auch nicht mehr in der Druckerei bleiben und für eine +Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über alles, was +geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt +würde.« – »Was fängst du dann aber an, Thomas?« +fragte die Schwester betroffen.</p> + +<p>»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß +ich bei einer anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe +das ewige Spotten und Schimpfen selber satt, es kommt +nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin nur so +zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie +so ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will +nicht liegen bleiben, verstehst du?«</p> + +<p>Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal +sagte sie zu ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.«</p> + +<p>Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun +getrost verlassen; sie meinen es ehrlich, und es wird ihnen +gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird Segen von ihnen +über ihre ganze Familie kommen.</p> + +<hr /> +</div> + + + +<div class="advertisements"> +<p><a class="page" name="Page_319" id="Page_319" title="319"></a></p> +<h2>Von <b>Agnes Sapper</b> sind im gleichen Verlag erschienen:</h2> + +<p><em class="largertitle"><b>Die Familie Pfäffling.</b> Eine deutsche Wintergeschichte. +288 Seiten. 31.–40. Tausend. In Leinwand +gebunden Mk. 3.–.</em></p> + +<p><em class="largertitle"><b>Werden und Wachsen.</b> Erlebnisse der großen +Pfäfflingskinder. 350 Seiten. 16.–23. Tausend. In +Leinwand gebunden Mk. 4.–.</em></p> + +<div class="blockquot"><p class="zitat">Der Glanzpunkt Sapperscher Erzählungskunst ist die Geschichte +der <em class="gesperrt">Familie Pfäffling</em> in zwei Bänden. Der erste +Band mit der Jugendgeschichte der Pfäfflingskinder ist eine +Perle erzählender Literatur, und für Kinder <em class="gesperrt">und</em> Eltern gleich +interessant. Keine großen äußeren Verhältnisse werden da vorgeführt, +alles geschieht nur im Rahmen einer bescheidenen, +arbeitsamen Familie, und doch – wie packt es, wie läßt einen +von Satz zu Satz, von Seite zu Seite die Spannung nicht los, +und wie greift Freude und Leid im Miterleben ins eigene Herz! +– Dem Verlangen nach einem Mehr, das auch den erwachsenen +Leser dieser Geschichte befallen muß, hat Agnes Sapper im +zweiten Band: »<em class="gesperrt">Werden und Wachsen</em>« entsprochen. Es +ist ein nachdenkliches Buch, für die reifere Jugend geschrieben +und, wie der erste Band, auch für Eltern und Erzieher wichtig.</p> +<p class="zeitung">Jenaer Volksblatt.</p></div> + +<p><em class="largertitle"><b>Das erste Schuljahr.</b> Eine Erzählung für Kinder +von 7–12 Jahren. Vierte Aufl. Gebunden Mk. 1.20.</em></p> + +<p><em class="largertitle"><b>Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.</b> +Für Mädchen von 12–16 Jahren. 3. Aufl. Geb. M. 3.–.</em></p> + +<div class="blockquot"><p>Jede Mutter, die dies Buch prüft, wird sagen, daß dies +eine der gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten ist, +die wir haben.</p></div> + +<p class="center"><em class="largertitle">Beide Teile in <em class="gesperrt">einem</em> Band gebunden:</em></p> + +<p><em class="largertitle"><b>Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.</b> +Dritte Auflage. In Leinwand Mk. 4.–.</em></p> + +<p><em class="largertitle"><b>Lieschens Streiche</b> und andere Erzählungen. +Mit Bildern von Gertrud Caspari. Zweite Auflage. +Gebunden Mk. 3.60.</em></p> + +<div class="blockquot"><p>Das sind fröhliche und ernste Geschichten, die aus des +Kindes ureigenem Quell schöpfen und darum allen Kindern +gefallen werden.</p></div> + +<p><a class="page" name="Page_320" id="Page_320" title="320"></a></p> +<p><em class="largertitle"><b>Kriegsbüchlein.</b> 120 Seiten. 11.–20. Tausend. +Steif geheftet Mk. 1.–.</em></p> + +<div class="blockquot"><p class="zitat">Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der +bekannten Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die +feine Auswahl von höchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten +aus Ost und West läßt unsere Kinder hineinblicken +in das große Geschehen der Gegenwart, es läßt sie mitkämpfen, +mitleiden, mithoffen. Manch feines pädagogisches Wort weist +unaufdringlich, aber dennoch eindringlich darauf hin, daß das +deutsche Volk nur dann siegen und an die Spitze der Völker +treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz und wahrhaftig ein +Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl prächtiger kleiner +Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von unserem Hindenburg, +bildet den Beschluß. Allen Eltern wird dies »Kriegsbüchlein« +höchst willkommen sein....</p> +<p class="zeitung">Erlanger Tageblatt.</p></div> + +<p><em class="largertitle"><b>Im Thüringer Wald.</b> Mit Vollbildern von P. F. +Messerschmitt und Buchschmuck von Helene Reinhardt. +Ein fein illustriertes Büchlein in steifer Decke M. 2.–.</em></p> + +<div class="blockquot"><p>Diese rührende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher +wird in der schönen Ausstattung mit zehn Vollbildern +und zahlreichen hübschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere +Freude bereiten.</p></div> + +<p><em class="largertitle"><b>Erziehen oder Werdenlassen?</b> 336 Seiten. +In Leinwand gebunden Mk. 4.–.</em></p> + +<div class="blockquot"><p class="zitat">Ein verständiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes +Buch, das dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite +stehen kann vom Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt +in das Leben der Erwachsenen. Frei von der modernen +Anbetung des Kindes, zeigt das Buch doch auf jeder Seite die +Achtung vor der werdenden Persönlichkeit, die <em class="gesperrt">eben deshalb</em> +kein bloßes Werdenlassen kennt, sondern dem Kinde durch Erziehung +zu möglichster Vollendung seiner individuellen Persönlichkeit +helfen will.</p> +<p class="zeitung">Die Frau.</p></div> + +<div class="blockquot"><p class="zitat">... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes +Sapper so oft durch den bunten Schleier ihrer reinen und +launigen Erzählungen schimmern ließ, trägt sie in ihrem neuesten +Buche als praktische Pädagogik vor. Das Beste an diesem +Buche ist, daß es keine Theorie, daß es goldene <em class="gesperrt">Erfahrungen +einer Mutter</em> sind von der ersten bis zur letzten Zeile.</p> +<p class="zeitung">Deutscher Courier.</p></div> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<p> +p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:<br /> +p 040: [Anführungszeichen] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹<br /> +p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg<br /> +p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen<br /> +p 195: [Anführungszeichen] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte<br /> +p 203: hat man dem Apother -> Apotheker<br /> +p 219: [Anführungszeichen] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich<br /> +p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir<br /> +p 282: nicht vorher verraten hat -> hast<br /> +p 292: [Anführungszeichen] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«<br /> +</p> + +<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurde prinzipiell beibehalten.</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the fourth edition +published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all corrections +applied to the original text.</p> + +<p> +p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:<br /> +p 040: [inner quotes] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹<br /> +p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg<br /> +p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen<br /> +p 195: [added quote] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte<br /> +p 203: hat man dem Apother -> Apotheker<br /> +p 219: [removed quote] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich<br /> +p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir<br /> +p 282: nicht vorher verraten hat -> hast<br /> +p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«<br /> +</p> + +<p>The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained.</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE *** + +***** This file should be named 19733-h.htm or 19733-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..8213e29 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #19733 (https://www.gutenberg.org/ebooks/19733) |
