summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:03:47 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:03:47 -0700
commit5707a453fd0a130a2ed31f9592ef293a42fd5fc6 (patch)
treeb755af6a27e58002bf87ed61d50f3fef8e214185
initial commit of ebook 19733HEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--19733-0.txt10417
-rw-r--r--19733-0.zipbin0 -> 210385 bytes
-rw-r--r--19733-8.txt10417
-rw-r--r--19733-8.zipbin0 -> 208725 bytes
-rw-r--r--19733-h.zipbin0 -> 226574 bytes
-rw-r--r--19733-h/19733-h.htm12607
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
9 files changed, 33457 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/19733-0.txt b/19733-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..f467439
--- /dev/null
+++ b/19733-0.txt
@@ -0,0 +1,10417 @@
+The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das kleine Dummerle
+ und andere Erzählungen
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Das kleine Dummerle
+
+ und andere Erzählungen
+
+
+ Zum Vorlesen im Familienkreise
+ von
+ Agnes Sapper
+
+
+
+ Vierte Auflage
+ 13.–16. Tausend
+
+
+ Stuttgart 1915
+ Verlag von D. Gundert
+
+
+
+ Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.
+
+
+
+
+Vorwort zur dritten Auflage.
+
+
+Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre
+weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine
+Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden
+Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren
+Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie.
+
+Würzburg, Dezember 1912.
+ Die Verfasserin.
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+ Seite
+ 1. Das kleine Dummerle 5
+ 2. Hoch droben 32
+ 3. Im Thüringer Wald 36
+ 4. Der Akazienbaum 104
+ 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde 107
+ 6. Ein geplagter Mann 118
+ 7. Helf, wer helfen kann 144
+ 8. Ein Wunderkind 150
+ 9. Mutter und Tochter 161
+10. Die Feuerschau 187
+11. In der Adlerapotheke 193
+12. Bei der Patin 228
+13. Regine Lenz 294
+
+
+
+
+Das kleine Dummerle.
+
+
+Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester
+Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und
+außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte
+sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das
+ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und
+Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die
+Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit
+vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine
+Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich
+solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben
+Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen,
+seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte
+er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu
+hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und
+Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr
+Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich
+dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg
+nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze
+Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue
+Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des
+Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen
+gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der
+Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen.
+Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder,
+ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster
+und spielte auf einer Ziehharmonika.
+
+In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft
+kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein
+Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle
+Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau
+Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei
+Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das
+jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war
+rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber,
+übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.
+Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor,
+breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele
+steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den
+geplanten Reiseweg bezeichnete.
+
+Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so
+leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im
+Geist jäh unterbrochen werden – es klopfte jemand an der Türe, alle
+Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein.
+
+Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald
+beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der
+Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling
+ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast
+doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung
+halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da
+kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen
+Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen
+hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche
+auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen
+müssen.
+
+»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich
+nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch
+die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim
+Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der
+kleine Dicke, stand noch beim Vater.
+
+»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr
+Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die
+Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater
+und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die
+andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir’s gar
+nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder
+ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber
+nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte:
+»Sie sind alle fort.«
+
+Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring
+doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu
+kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der
+Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,«
+sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann’s meinen Verwandten
+nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.«
+
+Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie
+hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends
+unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit
+langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über
+den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich,
+»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird
+nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit
+seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch
+stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah.
+
+»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr
+Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn’s nur zum _Leben_ reicht,«
+sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging
+er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer
+und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am
+Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge,
+reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in
+die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.«
+
+ * * * * *
+
+»An Wohnungen fehlt’s wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am
+nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen
+zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche
+anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei
+ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer.
+Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen
+müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte
+er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße
+entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da
+war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf
+Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein
+wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen
+und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner
+Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder –«
+
+»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel
+haben Sie eigentlich Kinder?«
+
+»Wir haben sieben.«
+
+»Sieben. Bei sieben tut’s mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben
+nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem
+Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir
+schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir’s doch zu leid um meine
+neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,«
+entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren
+kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus.
+
+Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein
+großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von
+weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der
+Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die
+Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich
+die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts
+verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt
+nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte
+einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder
+bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.
+
+»Pfäffling.«
+
+»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«
+
+»Musiklehrer.«
+
+»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«
+
+»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel
+Unterricht außer Haus.«
+
+»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt
+eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber
+wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist’s schon gut.«
+
+»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«
+
+»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«
+
+»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere,
+und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;
+die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,
+ich habe nicht viel Zeit.«
+
+Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel
+Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder,
+bitte? Sind’s Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling
+mußte bekennen: »Vier Buben sind’s, und dann noch so ein paar kleine
+Mädels, die merkt man nicht viel.«
+
+Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er,
+»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein
+halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!«
+
+»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen,
+was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!«
+
+In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie
+wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich – für
+unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.
+
+Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im
+Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte
+sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm
+hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich:
+»Eigentlich ist’s ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme
+sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das
+ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum
+ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt
+war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
+schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer
+aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig
+ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will
+Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn
+Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«
+
+Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur
+weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die
+Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum
+Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir
+sieben Kinder haben.«
+
+»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk
+so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen
+Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!
+Ich tu’ aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt,
+hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und
+brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer
+Gesellschaft!«
+
+Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim – für
+heute hatte er’s satt!
+
+Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die
+Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends
+aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof
+herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und
+besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so
+viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.«
+
+»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der
+Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld,
+daß wir so viele sind.«
+
+»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das
+bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner
+ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.«
+Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und
+fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister
+längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten,
+war er noch still und nachdenklich.
+
+Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei
+großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war
+eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und
+sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche
+Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten
+ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch
+nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es
+nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es
+sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle
+zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er.
+
+Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte
+mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn
+Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor,
+so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand
+noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt,
+und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er
+wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die
+Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es
+ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine
+finden könnte!
+
+Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß
+gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser,
+die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten
+Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am
+Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße
+antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen – so, nun war sie
+allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein
+Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch
+zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch
+verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst
+eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,«
+und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig
+Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe
+höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als
+dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und
+rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein
+komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«
+
+Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen,
+sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber
+einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch
+allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er’s verstand. Man konnte ihm
+wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte
+ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber
+heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder
+schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand
+nehmen, weil wir sieben Kinder sind.«
+
+»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie
+keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.«
+
+»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder
+sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und
+es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine
+gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim
+erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und
+ging heim.
+
+Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem
+Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz
+ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_
+hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und
+während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und
+von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war.
+Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen
+Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn
+herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand
+auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder
+wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle!
+
+Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich
+war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als
+Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele
+Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling
+berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht
+gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem
+wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie
+liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.«
+
+»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen
+nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo
+kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der
+Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen,
+bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen
+Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist’s nicht,«
+sagte Pfäffling.
+
+»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner
+gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«
+
+»Wem gehört denn das Haus?«
+
+»Einem Seifensieder.«
+
+»Riecht’s da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«
+
+»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«
+
+»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist
+nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,«
+sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite
+wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb
+nehmen!«
+
+»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts
+Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.«
+
+Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde
+der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten.
+
+Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße
+angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des
+Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem
+Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die
+Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum
+sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein
+aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute
+hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen
+wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der
+müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu
+Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet
+gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte
+nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine
+Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,
+während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und
+zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf
+los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.
+
+Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen
+und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen
+gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil
+auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum
+das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer
+und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu:
+»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht
+so hört.«
+
+Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein
+Hausherr,« so ging’s von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm
+verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos
+wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus.
+Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.
+»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte
+ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße.
+Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder
+haben.«
+
+»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem
+Mund.
+
+»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so
+herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt.
+Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln.
+Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns
+ist’s nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau,
+die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine
+Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine
+Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.«
+
+Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf
+Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in
+die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen
+Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne
+Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu
+billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer
+von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er
+schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem
+Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe.
+Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom
+Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der
+künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße.
+
+Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig
+nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand
+dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte
+sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug
+sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn
+er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir
+gefällt’s besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der
+elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich
+doch lieber einen Holzplatz.«
+
+»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug,
+der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und
+auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die
+neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er
+fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem
+Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten,
+und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn
+aufzuklären.
+
+So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern
+Katzengasse eingemietet.
+
+»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte
+Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle
+Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele
+luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz
+schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die
+Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie
+jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen
+glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr
+geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich
+königlich auf das doppelte Mittagessen.
+
+Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die
+Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von
+ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen
+waren und sich’s da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht
+recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen
+sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich
+von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit
+offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung
+stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier
+und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter
+dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er
+auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren
+Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde
+ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so
+verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie
+vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war’s
+und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.
+
+»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der
+neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du
+hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was
+er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere
+Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt
+hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er
+machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit
+dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum
+Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo?
+Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links,
+überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige?
+Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar
+Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg.
+»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.«
+
+Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der
+kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem
+Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?«
+
+»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?«
+»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer?
+Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.
+Bist du sein Bub und weißt das nicht?«
+
+»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein.
+
+»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort,
+wo du hin sollst, dort sagt man dir’s schon. So etwas ist mir aber noch
+nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal
+wohin!«
+
+Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse
+wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere
+Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn
+nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder
+aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles
+ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig.
+Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht
+bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er
+freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis
+zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon
+wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß
+Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der
+kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste
+Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.«
+
+»O, der kommt viel zu spät!«
+
+»Gelt, ich sag’s auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich
+»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das
+Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das
+heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte
+er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und
+der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und
+die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.
+
+Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu
+wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme:
+»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte
+freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will
+dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du
+sie nicht findest.«
+
+Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er
+sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal
+die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander
+herauskam: Kein Mittagessen – die alte leere Wohnung – die Hintere
+Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle!
+Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte,
+und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der
+Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch
+gedeckt.«
+
+In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte
+wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue
+Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte
+eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald
+die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler
+schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle
+da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll
+Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel
+geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich’s
+gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am
+Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote
+Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch
+einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel
+gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die
+großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und
+spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.
+
+Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich
+zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten
+Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus,
+er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur
+manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der
+Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch
+reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm.
+
+Aber – in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr
+fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett
+herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte
+und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling
+sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die
+Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen
+Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am
+nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig
+schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die
+Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine
+gute Mietpartei für die Hausleute.
+
+Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe
+verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie
+manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern
+Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal
+allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die
+zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum,
+an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um
+das Kind.
+
+Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was
+dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.«
+Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine
+Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,«
+sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er
+schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames
+Lieblingsspiel verwahrt war.
+
+»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und
+streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder
+es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote
+Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß
+die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm
+komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn,
+wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer
+Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich
+sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das
+Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu
+suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade
+als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen
+Lärm machte.
+
+»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der
+Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr
+ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn
+da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn – –.« »Geh hinaus mit deinen
+Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du
+auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe
+hinausgeschoben.
+
+Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und
+dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die
+rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das
+Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das
+Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie
+hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es
+die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade,
+da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht
+verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort.
+
+Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht.
+Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten
+den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,«
+sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu
+holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät
+ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« – und die
+Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder
+noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er
+nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie
+sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an,
+»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben –.« Aber die Mutter
+fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen
+so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?«
+
+Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich
+Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine
+rote Kugel gehabt und – –« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief
+Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und
+der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser
+sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling
+machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der
+aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe
+vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie
+behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte
+ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und
+darum ist sie krank.«
+
+Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und
+so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken
+weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig – sie hörten es ganz
+deutlich – fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr
+Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein
+wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr
+freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie
+war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir’s nur noch einmal ganz
+genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester
+gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel
+geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir’s? Was hat sie denn
+erzählt?«
+
+»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie
+die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel
+ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen.
+»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich
+an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den
+Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.«
+
+»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an
+die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders
+Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind
+geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn
+nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es,
+ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit,
+vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak
+darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine
+Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!«
+
+»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der
+Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die
+Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel
+zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus
+allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in
+jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden
+liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte
+nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe
+schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.«
+
+Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als
+ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling
+fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine
+Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab
+– niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun
+eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen,
+lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über
+den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf
+Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete
+Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz
+ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling
+aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen
+konnte.
+
+Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers
+aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die
+Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der
+Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel
+wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die
+rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich
+hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen
+Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem
+Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte
+zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut
+gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.«
+
+Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während
+draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die
+Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der
+kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er
+wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt
+bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein
+kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester
+gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher,
+daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste,
+da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die
+Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn
+staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes
+Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte
+er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier
+Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!«
+
+Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen
+wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich
+abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das
+noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte
+dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern
+begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der
+Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und
+ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters
+Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch
+abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen
+hatte.
+
+Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein,
+nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der
+Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?«
+Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du’s nicht gemerkt, daß
+der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch
+verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater
+hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.«
+
+Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo
+er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf
+das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom
+Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es
+für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die
+Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag
+die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann
+ein Blick auf die große Wanduhr – reicht es noch, kann man noch vor
+Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es
+geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der
+Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus
+zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite
+und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit
+einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte:
+»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn
+man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch
+und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen
+davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde
+und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es
+kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im
+Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau
+zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.«
+
+Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte
+sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte
+durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen
+noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und
+das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich
+abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht –« »Und du wieder nicht
+reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat’s schwer
+gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der
+Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um
+das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus
+ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und
+riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht
+nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer
+empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei
+Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern.
+Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die
+heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz
+durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen – du kannst nicht
+reisen – das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen
+erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte,
+der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der
+Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom
+Fichtelgebirge!
+
+
+
+
+Hoch droben.
+
+
+In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem
+Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er
+und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden
+waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach
+dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte
+nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die
+glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit
+von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch
+die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe
+Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein
+Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte
+einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren
+und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,
+wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte.
+Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel
+aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein.
+
+Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist’s
+noch mehr!
+
+Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann
+plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die
+sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache
+wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick
+und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war
+dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der
+Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach.
+Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom
+Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer
+mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in
+Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß
+gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,
+von unten wird’s besser gehen, mit der Leiter, mit der großen
+Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell,
+schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die
+Tiefe!«
+
+Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die
+ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können
+nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von
+Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig
+wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die
+Spannung.
+
+Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau
+ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht
+Platz für die Mutter.« Sie ist’s ja nicht, sie ist ein ehrsames altes
+Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und
+teilnahmsvoll Platz.
+
+Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell
+zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit
+man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und
+jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer
+glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das
+große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet
+und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen,
+wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken
+folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in
+die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am
+Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den
+Daliegenden stemmt.
+
+Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit
+Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in
+demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er
+die Hände gegen den Arbeiter.
+
+»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.«
+
+»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt’s denn, warum liegen Sie da? Ich
+glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.«
+
+Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es
+war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!«
+
+»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.«
+
+Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der
+Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung
+geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine
+mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein
+solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog
+seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter:
+»Hurra!«
+
+Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: »Hurra, Hurra!«
+
+»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann,
+»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker
+deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend
+machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch
+die Dachluke.«
+
+»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein
+auf dem Dache.«
+
+»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach’ meinen Dank für
+die Lebensrettung.«
+
+»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief
+sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder
+ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
+Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht
+mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm
+allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die
+hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn!
+
+
+
+
+Im Thüringer Wald.
+
+
+Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein
+Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne
+Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im
+Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen
+Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die
+Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es
+gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen
+Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man
+nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht
+durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein
+läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber
+doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von
+früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben?
+
+Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der
+Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie
+eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter
+ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein
+Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte
+durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser
+standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft
+und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder;
+eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar
+herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt
+hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter.
+
+Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen
+anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen
+Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu
+seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
+gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau,
+»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.«
+
+»Ja, ja, im Sommer tut sich’s noch, aber die Kinder werden alle Tag’
+größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll’s im
+Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten
+herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll
+Kartoffeln aufs Feuer.
+
+Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen
+Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem
+Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie
+wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von
+selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß.
+
+»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,«
+sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt
+halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem
+Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange
+hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine
+immerhin noch mit zu essen.
+
+Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab,
+daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und
+rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen
+gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte.
+Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus
+alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da
+Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und
+erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er
+da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich
+eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn
+sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und
+pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine
+Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das
+Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren
+Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie
+waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie
+zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um
+den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner
+stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden
+Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank
+geworden von der schlechten Luft.
+
+Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald
+lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu
+Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer
+Stoß geschnitten. Dann ging’s ans Nähen; ringsum mußte der Balg
+zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er
+offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau
+Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar
+Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem
+Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!«
+
+Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen
+Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne,
+die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle
+und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles
+zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die
+Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem
+Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen.
+
+»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie
+aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt
+mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf
+die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte
+ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen
+und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das
+besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet
+hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ:
+
+»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg
+komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!«
+
+»Was sagt er dann, Mutter?«
+
+»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb
+voll.«
+
+»Was sagst du dann, Mutter?«
+
+»Dann sag’ ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so
+faul.«
+
+»Was sagt dann der Herr, Mutter?«
+
+»Dann sagt er: ›Euch geb’ ich keine Arbeit mehr, da geb’ ich’s lieber
+dem Haldengreiner, der ist fleißiger.‹
+
+»Und dann, Mutter?«
+
+»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.«
+
+Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze
+Weile nicht von seiner Arbeit auf.
+
+»Es ist ein Elend, daß man’s mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing
+der Hausvater nach einer Weile an.
+
+»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag
+ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große
+Bestellungen gekommen sind, da gibt’s Arbeit genug!«
+
+»Was hilft’s, wenn’s nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht
+mehr fertig.«
+
+»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier
+kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der
+Philipp!«
+
+»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in
+der Arbeit.«
+
+»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die
+bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der
+hat schon manche Nacht durchgeschafft.«
+
+»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul’, soll gar nicht gut sein
+für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer
+gesagt, und der neue Lehrer sagt’s auch und er hat recht.«
+
+»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht’ halt,
+daß die Kinder lernen. Der alte hat’s immer gewollt, und der neue ist
+auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.«
+
+»Aber ist’s nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz
+sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.«
+
+»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren
+Frieden im Land!«
+
+»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.«
+
+Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind.
+Aber wieviel Nächte hab’ ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst
+denn machen? Wir können’s doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die
+Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring’ ich
+dir wieder ein Päckchen Tabak mit.«
+
+_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der
+sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung.
+
+Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann
+wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die
+Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt,
+als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in
+Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte
+der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst
+du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich
+mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der
+Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte
+schon, wie sie’s zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben
+dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum
+Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An
+sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig
+geschmückt.
+
+Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah
+begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre
+Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle
+Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
+Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad’
+nur von der Schul’ heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht
+bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den
+Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
+dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache;
+sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu
+heulen, daß Marie ihren »Übermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und
+des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.
+
+»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft
+und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann
+mit, daß er auch sein Vergnügen hat.«
+
+»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?«
+
+»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.«
+
+»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man
+nimmer zumachen.«
+
+»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine
+Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder
+heimkommt.«
+
+»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater.
+
+»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will
+ich’s schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß
+es auf der Gasse nicht herunterfällt!«
+
+»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?«
+
+»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld
+aus ist; sag nur, die Mutter zahlt’s morgen, wenn sie von Sonneberg mit
+dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
+Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp
+gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer
+herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war.
+
+»Wenn man’s doch richten könnt’,« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man
+immer gleich bezahlen täte, was man holt!«
+
+»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin.
+
+»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat
+borgen müssen, und der Krämer macht’s auch so.«
+
+»So ist’s halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon
+so.«
+
+»Aber anders wär’s halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein
+klein Sümmchen ins Haus bekäm’, daß man das alte zahlen könnt’ und das
+neue auch; von da an dürft’ mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
+Lot Kaffee. Aber wir bringen’s nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns
+die Finger wund arbeiten.«
+
+»So red’ doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann’s denn
+wissen, ob’s nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch
+eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts
+arbeiten.«
+
+»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht
+halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen,
+die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät!
+Schon lang hat sie nichts geschickt.«
+
+»Weil sie auch gar so weit weg ist!«
+
+»Von Köln aus könnt’ man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt
+man doch sogar bis nach Amerika.«
+
+»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber
+und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn
+aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das
+muß viel weiter weg sein.«
+
+»Viel näher ist’s, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt
+übers Meer.«
+
+»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes
+Wasser sein.«
+
+»Der ist doch nur ein Fluß!«
+
+»Meinetwegen, ich hab’ auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.«
+
+Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung.
+Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze
+Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden
+Hände durften ein wenig ruhen.
+
+»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?«
+fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit
+der Sprache. »Warum, sag’s, bist abgestraft worden? Hast doch gestern
+abend geschrieben!«
+
+»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat’s nicht lesen können; ich
+soll’s bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der
+Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei’s.«
+
+»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt
+und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den
+ganzen Tag. Aber jetzt geht’s halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit
+für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.«
+
+Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden
+die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen.
+Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um
+alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da
+wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen
+Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den
+Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb
+aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann
+möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
+schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu
+tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch
+sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den
+oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau
+hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß
+der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit
+ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein
+gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber
+diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor
+andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen
+eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen,
+wenn es gar zu viel für die Mutter würde.
+
+Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie
+blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen
+Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit
+kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg.
+Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der
+Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der
+Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten
+der Stadt zupilgern.
+
+»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie
+du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die
+machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
+nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem
+schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.«
+Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren
+Korb.
+
+Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt,
+erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter
+grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der
+umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf,
+die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig
+machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter
+her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften:
+»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an
+dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu
+sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast
+alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.
+
+Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner
+arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große
+Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in
+dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten.
+
+Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und
+ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf
+ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau
+sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am
+Schluß noch einen.
+
+»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal
+aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren
+Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert
+hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt
+wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der
+Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab.
+Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld
+ein. Für die nächste Woche gab’s Arbeit genug, fast mehr als Frau
+Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.
+
+»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie
+aus dem Zimmer waren. – »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen,
+sonst heißt’s später, wenn’s weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns
+auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.«
+
+»Aber wenn wir’s in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht’ ich
+nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst,
+da würd’ ich mich fürchten!«
+
+»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt’s doch noch
+die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie’s
+der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.«
+
+Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine
+Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren
+einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie
+wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich’s kaum mehr erinnern.
+
+Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang.
+Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt’s dunkel vor?« sagte
+die Mutter, »aber ich find’ gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen,
+und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie
+wenn’s heller Tag wär’.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte
+sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub’, da wohnt ein Stimmacher;
+weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und
+Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht
+Puppenschuh’, hörst nicht seine Maschine?«
+
+»Aber da wohnen viel Leut’, Mutter!«
+
+»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt
+sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte
+Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid
+ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die
+Hand und deiner Tante Regine auch.«
+
+Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu
+und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn
+sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
+fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen
+noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön
+gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus
+der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech,
+etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit
+blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da
+nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit
+geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom
+Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig
+zum Aufkleben auf den Puppenkopf.
+
+Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie
+doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und
+wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine
+Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die
+Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist
+euch vergönnt.«
+
+Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so
+blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die
+neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte,
+daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre
+wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte
+Marie, »das möcht’ ich lieber tun.«
+
+»Gefällt dir’s?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann
+kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der
+zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst
+nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein
+sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul’ sind, sollen sie
+dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir
+haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen
+Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir
+müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.«
+
+Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg
+heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene
+Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der
+Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und
+überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft
+schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der
+kleine Philipp sprang ihnen entgegen.
+
+»Ihr kommt so spät heut’,« sagte er, »es steht schon lang einer da und
+wartet auf dich.«
+
+»Wer ist’s denn?«
+
+»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht
+leiden,« sagte die Mutter, »hätt’ ihn der Vater doch fortgeschickt.«
+»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«
+
+Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar
+nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins
+Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort
+kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden.
+Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das
+sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte,
+sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse
+des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie
+brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte.
+Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und
+sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.
+
+»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen
+Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden
+Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«
+
+Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch
+mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn
+leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den
+Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade
+heut’, wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb.
+Sehen Sie? Gleich bar hab’ ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch
+hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis
+Ende der Woche reicht’s nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich
+schon jetzt sehen.«
+
+»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,«
+beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr.
+Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«
+
+Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den
+Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht
+mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die
+Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch.
+Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen,
+wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in
+der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das
+hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun
+machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die
+Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
+plauderten.
+
+Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett,
+Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die
+Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von
+Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon
+zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute
+kam’s ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der
+Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus
+zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu
+errufen – sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest.
+Frau Greiner lachte und ließ sich’s gefallen.
+
+Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von
+ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so
+verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben
+dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton.
+Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den
+Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie
+Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal
+auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die
+Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse.
+Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt:
+diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich
+habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote,
+»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil’s mich doch gewundert
+hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil’s so eine ganz besondere
+Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift
+lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt
+war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln
+waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben.
+Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen
+ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten
+sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für
+ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das
+Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.
+
+»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester
+gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in
+der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals
+so traurig zumute.«
+
+Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln
+gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche
+Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner
+und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester
+wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten
+Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder
+an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts
+geschehen wäre.
+
+Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben
+haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der
+Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an
+Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war.
+
+»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch
+noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken
+müssen. Ich will’s nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll
+Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten
+Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das
+Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen
+eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos
+hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von
+vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er
+nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas
+verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten
+Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute
+Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht.
+
+Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge
+für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für
+ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich
+keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug.
+Aber seine Frau sah’s anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie,
+»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat
+sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie
+mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat.
+Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald
+acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und
+dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!«
+
+Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich
+auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an
+eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag
+ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den
+nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem
+sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen,
+aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der
+Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der
+Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit,
+daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche
+Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im
+Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein,
+den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das
+Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken,
+daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und
+Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich
+gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im
+Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und
+wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu
+übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon
+übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb
+auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum
+Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe
+haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt
+ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll,
+Kindergärtnerin.«
+
+Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte
+sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte
+Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein,
+der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.«
+
+»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die
+vornehmen Leut’ haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex
+steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand.
+Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt
+ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So
+schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!«
+
+Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große
+Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir
+kommt’s auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein
+Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt’s nicht tun
+sollen, und wenn’s auch meiner Schwester Kinder sind!«
+
+»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder,
+da dürft ihr euch schmal machen.«
+
+»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie.
+
+»Soxhlet heißt er.«
+
+»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht’ ich mich, gelt, den legst nicht zu
+mir?«
+
+»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter.
+
+»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand
+abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn
+doch nicht setzen.«
+
+»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau
+Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der
+schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man
+nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh’ hat. Aber auch noch so einen
+Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so
+einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so
+Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat
+das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!«
+
+»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht
+telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?«
+
+»Wenn’s halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.«
+
+»Man könnt’ ja fragen, was es kostet.«
+
+»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein
+Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon –
+zähl’ einmal – hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet
+darin. Dann, so barsch möcht’ ich auch nicht sein, daß ich nur
+schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt’ doch auch
+erklären, warum. Wieviel gäb’ das Wörter! Das geht nicht in ein
+Telegramm.«
+
+»Und zum Brief ist’s zu spät?«
+
+»Ja, zu spät.«
+
+Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder
+über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch
+sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren
+gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die
+Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon
+vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die
+Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung
+über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon
+wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie
+nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt,
+›mein Herr Gemahl!‹« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das
+Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl
+sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem
+verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei
+uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
+Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so
+armselig ist.«
+
+Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll,
+die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete,
+hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner
+gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur
+einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche
+Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit
+abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so
+hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer
+einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
+Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich
+auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf
+diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam
+gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine
+anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen
+Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es
+nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen,
+noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen
+auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie
+Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden
+die Reisevorbereitungen getroffen.
+
+In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer
+des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen
+und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer
+Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
+Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei
+Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge
+Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen
+Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr
+geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.
+
+Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht,
+was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem
+Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not
+versetzen.
+
+Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise.
+Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn
+verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine
+liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte
+sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine
+gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein
+leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden.
+
+Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit
+wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag
+zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden
+gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als
+Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die
+trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes
+Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in
+Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik – gewiß aus der
+Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden
+Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in
+Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem
+Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute
+kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen
+nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen
+sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß
+genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth
+stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten
+in Oberhain?« fragte der Kutscher.
+
+»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung
+kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in
+Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie
+aber schon erfragen. Nun ging’s vorwärts, zuerst flott und rasch durchs
+Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts
+Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die
+köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster
+Stimmung.
+
+»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich
+habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote
+Bäckchen bekommen, mein Liebling – aber Papa und Mama können sich nicht
+mehr darüber freuen, armer Schneck!«
+
+Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der
+Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll
+die Fabrik heißen?«
+
+»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der
+Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich
+an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine
+Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht
+begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist,
+wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.«
+
+»Wir wollen’s schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich
+mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß
+sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem
+Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die
+Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig
+sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom
+Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau,
+was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie
+hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar
+kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt
+Elias.«
+
+Und nun ging’s noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde
+enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen
+Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt
+– vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und
+sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend,
+wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der
+hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran
+die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen,
+zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz – das sollte
+die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je
+gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam
+Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete
+bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner
+Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie
+dicht am Wagen stehen – keinen Schritt machte sie auf das Haus zu.
+
+Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte – das
+junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter
+enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich
+drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen
+dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist
+ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du,
+Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?«
+Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe
+sich’s Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön
+geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau
+Greiner den kleinen Alex ins Häuschen.
+
+Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen,
+während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den
+Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz,
+hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie
+folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß
+sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen
+Tag?« fragte sie.
+
+»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf
+seine Arbeit.
+
+Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den
+Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?«
+
+»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist
+draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen
+abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie
+wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
+Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem
+Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es
+ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht
+anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
+schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer
+abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung
+stehen, Philipp aber trat näher.
+
+»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet
+nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still
+verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte
+sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch
+vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte
+Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein,
+daß er so eingesperrt wird!«
+
+Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete
+nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in
+der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat,
+und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der
+Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und
+Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor
+den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer
+Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie
+nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der
+Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben
+geistreiches Gesicht.
+
+»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das
+Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der
+Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man
+uns so gelehrt: ›Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die
+Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
+Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf
+Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen
+geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.‹« Frau Greiner
+hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit
+der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate
+sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.«
+
+»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch
+haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee
+reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an
+Speck und Hering soll’s ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande
+die Hauptnahrung.«
+
+»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt.
+
+»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie
+nur ruhig, ich will’s ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft
+eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da
+sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer,
+ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd
+hinzu, »ob Sie den Thermometer ver – – – ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir
+haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man
+die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch
+auch?«
+
+»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber
+hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht’s auch nicht!«
+
+»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so
+wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen,
+wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden?
+Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen
+von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen
+eine aus Sonneberg.«
+
+»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut’s schon auch, und so
+oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.«
+
+»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem
+Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar
+nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem
+andern Zimmer sein?«
+
+»Ein anderes Zimmer haben wir gerad’ nicht, aber wegen der Luft dürfen
+Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer
+Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur
+meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
+drei waren ganz gesund.«
+
+»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth.
+
+»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über
+sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat’s
+auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht
+weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns
+weh getan, aber so ist’s halt; wir haben ja auch an dreien genug und
+jetzt sind’s eben auf einmal vier geworden!«
+
+Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex
+ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt
+noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder
+zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit
+saß.
+
+Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen
+bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her.
+Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue
+Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt.
+Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?«
+Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das
+gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn
+herzte und küßte und leise sagte: »Behüt’ dich Gott, mein Liebling, ich
+habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
+deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?«
+
+»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich
+zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen
+wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war
+denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?«
+
+»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts
+bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht
+weiter.
+
+Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während
+sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem
+Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so
+oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel
+hineingeschoben, ein sorgsam geschältes!
+
+Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen
+sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen
+auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege
+standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den
+Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt
+bist du im Thüringer Wald!«
+
+Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die
+Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit
+zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde,
+fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz
+überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig
+geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen
+mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen
+staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit
+der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die
+Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger
+Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu
+liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
+fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das
+Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.
+
+Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei
+gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die
+Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das
+Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht
+_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten
+noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und
+so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.
+
+»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine
+Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt
+werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und
+wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug
+am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust
+zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie
+wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen,
+so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ
+sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein,
+um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so
+elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor
+und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so
+wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen
+für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte
+sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld.
+
+In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt
+holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und
+gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
+kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres
+Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag
+abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern
+Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg,
+wart ein wenig!«
+
+Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd
+gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg
+nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach
+verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der
+an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als
+unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte,
+wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war’s immerhin noch auf
+dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich
+der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann
+siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie
+fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein
+Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die
+deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm
+verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe
+und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner.
+
+»Was ist das, Drücker?«
+
+»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe
+gibt.«
+
+»Helfen Sie auch drücken?«
+
+»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die
+Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.«
+
+»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?«
+
+»Dann haben sie noch keine Augen und –«
+
+»Wer macht die Augen?«
+
+»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in
+allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.«
+
+»Ist das das Letzte?«
+
+»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und
+die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den
+Balg geleimt.«
+
+»Das kann Ihr Mann nicht?«
+
+»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule
+geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber
+dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
+müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder
+Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul’,
+aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.«
+
+»Wieviel verdienen Sie in der Woche?«
+
+»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist’s mehr, bald weniger. Es gibt
+Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.«
+
+»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der
+Woche, Sie mit Mann und Kindern?«
+
+»Die vorige Woche hab’ ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch
+schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht
+durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu
+den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht
+dafür wieder hinaus und man bringt’s fast nicht dazu, daß man sich für
+den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder
+darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken,
+sonst wird man ’s ganze Jahr nicht froh.«
+
+»Ist Ihr Mann gesund?«
+
+»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den
+Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.«
+
+Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt
+da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.«
+
+»Ja, Fleisch gibt’s nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln
+sind die Hauptsache, bei uns heißt’s: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag
+in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!«
+
+Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine
+Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe
+erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von
+der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden.
+
+»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter
+heut’?«
+
+»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren
+Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er
+Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß
+ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht
+gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie,
+die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika.
+Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar
+nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen
+alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn
+wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der
+besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch
+versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser
+Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn
+Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.«
+
+Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge
+Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt
+Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das
+wäre nicht schlecht!«
+
+»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu.
+
+»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein
+Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.«
+
+»Das bleibt hier. Dazu gibt’s Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen
+mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir
+deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon
+absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen
+Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich
+genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?«
+
+Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen
+Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die
+kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte.
+
+Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab’ ich nun das alles
+geträumt oder ist’s wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein,
+denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur
+gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum
+sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?
+
+»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken
+gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber
+schön müßt’s sein, was könnt’ man da alles sehen, und ganz freie
+Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
+nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab’, er wird doch
+auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?«
+
+Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr
+erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus,
+trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag’s noch niemand, Georg,
+weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie
+ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
+im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige
+Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt.
+
+Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge
+Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit
+besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in
+dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde
+sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war
+ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann
+hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis,
+wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte.
+
+Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die
+Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht
+begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme
+Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und
+kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit,
+die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte,
+sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten
+Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den
+Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein
+Hering hat er heut’ mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete
+Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts
+davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut’s weh; gelt, ja, das
+sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein
+Schatz, ich kauf’ dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen
+und hol’ noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen
+weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen
+dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm’s gut
+bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut
+haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus.
+Still, mein Waislein, still!«
+
+Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen
+und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm
+befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer
+nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn
+herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern
+Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle
+seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder
+an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
+mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind
+unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das
+war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er,
+»Kranke bleiben am besten daheim.«
+
+Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch
+nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb’
+ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich,
+die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End’, nur zwölf Mark hast
+heut’ heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt’
+man’s schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und
+alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich’s
+überlegt.«
+
+So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es
+war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand
+offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
+Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er
+dies alles zum erstenmal. Schön war’s doch im Thüringer Wald und leicht
+wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum
+Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie
+lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah
+still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht
+mehr das Lied: ›In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der
+alles kann und weiß‹; wie geht’s da weiter?« Sie brachten den Vers
+zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt
+gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.
+
+Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter
+den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten
+sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der
+Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer
+Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres
+Gesicht hatte er, vielleicht kam’s daher, daß er selbst so oft mit
+finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der
+Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte
+Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah
+sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein
+Käßchen öffneten. »Vater, reicht’s?« fragte sie ganz leise und blickte
+besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man
+merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.
+
+Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun
+freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der
+Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu,
+»er bekommt später den Rest, andere haben’s auch nicht beisammen.«
+
+»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen
+besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war
+ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex’ Kinderwagen. »Da haben
+Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.
+
+»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit.
+Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber
+heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler
+herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn
+so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er
+mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann
+verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er
+wittert das Geld,« sagte sie, »er hat’s nicht wissen können, daß wir
+noch etwas haben, aber er hat’s gespürt, daß Geld im Haus ist.«
+
+»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus
+dem Land.«
+
+»So mein’ ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig,
+wir gehen auch fort.«
+
+»Ja, und das gern.«
+
+»Bist entschlossen? Im Ernst?«
+
+»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«
+
+»Kinder, Kinder, denkt’s euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die
+Mutter.
+
+Jetzt gab’s Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen
+Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam
+allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
+wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre
+Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das
+arme Waislein nur nehmen.
+
+Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur
+auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete:
+»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
+nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.
+
+Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze
+Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg
+gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf,
+die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache
+verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als
+gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine
+Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
+Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine
+Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur
+immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die
+Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden,
+die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein
+Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein
+vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert,
+daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle.
+
+Dienstag abend war’s. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine
+Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und
+rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort
+noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
+als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und
+bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die
+Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze
+kommt zu dir.«
+
+Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen
+weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher
+von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt,
+daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo
+Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus
+dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den
+Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins
+Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und
+erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den
+Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst
+hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln
+wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem
+Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.
+
+»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.
+
+»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und
+wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir
+entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort.
+
+Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als
+ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand,
+nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch
+natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht
+wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20,
+so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte,
+ist’s nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat
+man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird’s auch einmal nicht besser
+gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«
+
+Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte
+besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und
+bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika
+unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir
+jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn
+die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste
+Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_
+einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und
+gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der
+Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen
+und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir’s vorkommt,
+wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus
+für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir’s vor, als wolltet Ihr
+hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr
+hat.«
+
+Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen
+der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem
+Graben ist’s ohnehin nicht viel bei ihm.«
+
+»Magdalene, was red’st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so
+sinnbildlich gesagt!«
+
+»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum
+Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt’s den Amerikanern,
+wie sie’s machen sollen, so ist’s eine Gefahr für unsere Einnahmequelle.
+Für _Euch_ könnt’s ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann’s zum
+Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre
+Puppen, das wollt’ ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich
+heraufgekommen.«
+
+Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese
+Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt
+entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob’s dem Herrn Amerikaner gelingt da
+drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so
+einführt, wie’s bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon
+ist.«
+
+»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt’s ihm nicht, so werdet
+auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein.
+Gelingt’s aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist’s der helle
+Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war
+einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie
+mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem
+Schulz konnte er’s aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu
+reden.
+
+»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da
+drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin,
+und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
+dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann’s
+noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.«
+
+Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte
+sie zustimmend.
+
+»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir
+kommt’s nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß
+man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben
+frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die
+Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_
+Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür
+gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir
+so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den
+Amerikanern bringen. Warum? – weil unsere Enkelkinder auch noch essen
+wollen!«
+
+Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder
+auch noch essen wollten, das war berechtigt.
+
+»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom
+Dorf möchte ich nicht schuld sein.«
+
+»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein
+Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der
+Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.
+
+»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut
+kenn’ ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will
+ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern
+und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der
+Amerikaner auch nichts erreichen.«
+
+Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des
+kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann
+vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?«
+fragte Ruppert.
+
+»Ja, mein Schwesterkind ist’s.«
+
+»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«
+
+»So ein Kostkind ist’s nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben’s
+bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen
+verloren.«
+
+»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer
+Schwester war doch reich?«
+
+»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind
+geschickt. Gewollt haben wir’s nicht; das große Mädchen hätten wir gern
+genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.«
+
+»Der Vormund hat sich’s leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch
+ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der
+Amerikaner kommen sollte, so sagt’s ihm nur, er könne sich die Mühe
+sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die
+halten alle fest zusammen gegen Amerika.«
+
+»Ja, ja, das tun wir auch.«
+
+Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends,
+und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er
+sich geträumt hatte.
+
+Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht
+erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder
+wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da
+stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen
+sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es
+ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte
+schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd
+sein wie ich.«
+
+Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander
+anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war’s doch traurig,
+ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt
+sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher.
+Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber
+gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art
+und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt’s noch
+Menschenfresser.«
+
+»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«
+
+»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich
+zufrieden.
+
+Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen
+als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch
+nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der’s mit Oberhain gut
+meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend
+von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf
+kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum
+Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des
+Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.
+
+Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem
+Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal
+wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle.
+Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder
+vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße
+heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er
+hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen
+Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und
+dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken,
+als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer
+als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre
+Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren
+Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge.
+
+Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie:
+»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag
+Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«
+
+Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete
+an ihrer Stelle: »Sie hat’s schon getan, daran hat sie’s nicht fehlen
+lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist’s bei uns, wie Sie
+sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.«
+
+»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir
+wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen
+wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug
+sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an,
+Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst
+einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.«
+
+»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen
+nicht hinüber.«
+
+Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch
+wohl schon reiflich überlegt war.
+
+»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht,
+ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«
+
+Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht
+nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch
+dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er
+dächten auch die andern Familien im Ort.
+
+Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft –
+die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder
+rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie
+wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und
+der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er
+gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter
+Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren
+in solch ärmlicher Umgebung.
+
+Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog
+sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den
+Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm
+dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt
+haben.«
+
+»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte
+Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der
+hat’s und tut’s gern.«
+
+»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich
+den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«
+
+Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort
+hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. –
+
+In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein
+Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der
+ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden
+hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu
+entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg
+mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen
+Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis
+das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte
+er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam,
+lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort.
+Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht
+bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.
+
+»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika
+mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich
+wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch
+bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute
+in Amerika anweisen.«
+
+Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte
+er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«
+
+»Ja wohl weiß ich’s, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst
+bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich
+selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da
+drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«
+
+»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das
+Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will
+ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen
+haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind
+kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein
+Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen
+ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«
+
+Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der
+Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig,
+halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich
+dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der
+konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.
+
+Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem
+Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick
+gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue
+aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in
+den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der
+Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte
+Elend!
+
+Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und
+wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld
+und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut
+gepflegt, wie’s eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im
+Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit
+Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch.
+»Er verträgt’s nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das
+Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.
+
+»Nein, er verträgt’s nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die
+Mutter. »Aber gut ist’s, daß er’s nicht weiß und nicht bös auf uns ist,
+gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast’s ja so gut bei uns, kein
+Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird’s lustig, da fahren wir
+dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust
+dich, kleiner Schelm?«
+
+So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und
+lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der
+Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb
+hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht
+so im Drange der Arbeit.
+
+Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu
+Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere
+kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren
+Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben
+keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer
+wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und
+doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker
+mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen
+Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte,
+wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes
+Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost
+wurde immer schmäler.
+
+Um die Weihnachtszeit war’s am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,«
+sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit,
+was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit
+leeren Händen. »Er gibt’s nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel,
+sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle
+er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch
+gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau
+Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur
+Hälfte voll.
+
+»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den
+Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt’ meinen, man hätte einen
+Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach
+merkt man’s doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar
+nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm’
+kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die
+harte Arbeitszeit wieder ersehnt.
+
+Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den
+Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den
+winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern.
+Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen
+sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten
+von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der
+Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und
+diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder,
+das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach
+der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den
+Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote,
+dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah,
+rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist
+wohl ein Christstollen darin. Daß ihr’s nicht aufmacht! Ich leg’s lieber
+da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank
+und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,
+der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen
+Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote
+gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das
+Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack
+auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum
+fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh
+war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie
+auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen
+hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.
+
+Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam
+hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht
+vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und
+ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat
+einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam
+von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn’s ihm nur gut bekommt, gib’s ihm lieber
+nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau:
+»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen
+essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da,
+heute ist Weihnacht!«
+
+Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das
+Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund
+verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und
+Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und
+unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten
+sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen
+begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht
+geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch
+etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.
+
+Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das
+Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen
+gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief
+voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch
+alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm
+das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut,
+als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das
+schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht
+gewachsen und gediehen, wie sich’s wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt
+hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das
+Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte
+die Mutter und verwahrte es sorgsam.
+
+Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte
+Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte
+diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche
+Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den
+Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen
+der ganzen Familie aussprach! –
+
+Januar war’s, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal
+bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine
+Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen
+auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der
+stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind
+seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald
+seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein
+handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies
+Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie
+er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte
+er sich’s wohl zugetraut.
+
+Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in
+die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus
+Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte
+nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte
+einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu
+seinem Vorhaben.
+
+Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude
+gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab;
+denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte
+sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die
+ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig
+Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran
+und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit
+hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen
+heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl
+waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die
+dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit
+einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen
+Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos
+beiseite.
+
+In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen
+innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner
+wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war
+das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte
+sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam’s ihm in die
+Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich
+sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete
+er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf
+den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.
+
+In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die
+Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand,
+und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte
+er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn
+verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich
+dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche
+Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich
+zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte
+auf ihre Schritte – richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor
+dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht
+denn da oben?«
+
+»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«
+
+»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«
+
+Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die
+Kammer. »Ein Puppenkopf ist’s,« rief er, »aber kein solcher,« und er
+deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.
+
+»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas
+hinaufgestellt, Elias?«
+
+»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging
+die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob
+Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die
+Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein
+Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«
+
+»Gerade hab’ ich’s auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz
+wie er leibt und lebt.«
+
+Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie’s gar nicht
+gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu
+ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.
+
+»Mich freut’s halt, daß ihr’s erkannt habt. Bei Nacht hab’ ich’s
+gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben
+sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise
+hinzu.
+
+»So steht’s nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat
+an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut
+erraten hast’s, wirklich gut!«
+
+»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere
+Puppenköpfe geben, als die alten da?«
+
+»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt’ man das anstellen?«
+
+»Einen andern Weg wüßt’ ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren
+zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen
+ließe.«
+
+»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon
+viel Geld bekommen.«
+
+»Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt
+in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu
+laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«
+
+Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_
+Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl
+von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen
+sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk
+wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden
+Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.
+
+Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie
+mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände.
+Leichtfüßig ging sie aus dem Haus – Arbeit war nicht abzuliefern, der
+große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in
+dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust
+geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr
+Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn
+sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie
+etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute
+aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren
+Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine
+große Summe erhalten würde?
+
+Einmal war’s ja vorgekommen im Dorf – das mochte aber schon dreißig
+Jahre her sein – daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen
+besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner
+zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen
+setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen – wird’s eine Niete sein,
+ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen
+Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen!
+Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein.
+Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen
+und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in
+Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten
+Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine
+Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner
+Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte
+kaum, was sie trieben.
+
+Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und
+Schwester auf. – Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die
+Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte,
+friedlich und still war’s im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde
+Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm
+erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon
+erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch
+im Korb.
+
+»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm
+ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes
+Gesicht. »Da spar’ dir nur die Müh’, Magdalene,« sagte sie jetzt, »das
+ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den
+nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr
+Köpf’ und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest’s ihm wohl
+sagen können, hast’s denn du nicht gesehen?«
+
+»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die
+Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«
+
+»Wie, laß mich’s doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte
+den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen
+ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie
+dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade
+nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär’s doch nicht
+unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging’ ich hin, der ist fürs
+Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«
+
+»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.
+
+»Bis ans Haus begleit’ ich dich und wart’ unten; hinauf möcht’ ich grad
+nicht, sie sind oft so barsch.«
+
+Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war
+geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht,
+man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt’ ich’s nicht
+bleiben lassen? Der Mutter hat’s ja gar nicht gepaßt.«
+
+»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm’, wär’s freilich besser, als
+wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen
+sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim
+denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem
+Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich
+könnt’ mich ja vor meinem Elias heut’ abend nicht blicken lassen.« Sie
+läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt
+zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift
+»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei
+Herren schrieben.
+
+»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf
+erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher
+brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr
+Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt’
+er’s gemacht, wie’s leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester
+Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.
+
+»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn
+eigentlich?« fragte der Schreiber.
+
+»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«
+
+»Kaufen? Ja, zu was denn?«
+
+»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist
+Drücker in Oberhain.«
+
+»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber
+die neuen Köpfe, das könnt’ er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von
+den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert,
+von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So
+etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen
+Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der
+jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war
+nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern
+lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den
+Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr
+Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt’?«
+
+»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr
+Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es
+ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine
+zeigen.«
+
+Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie
+ganz treuherzig: »Es wär’ mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn
+Weber hätt’ einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs
+Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er
+noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt
+noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist’s
+schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm’. Man könnt’s Geld so
+nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm
+heimbring’! Der macht böse Falten hin!«
+
+Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben
+hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick
+herunterkomme.«
+
+Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf
+einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.
+
+So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau
+Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal
+sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es
+fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«
+
+»Elias Greiner.«
+
+»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er’s gelernt?«
+
+»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul’.«
+
+»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«
+
+Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner
+leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht,
+was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit
+seinem Buchhalter leise verhandelt.
+
+»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der
+Fabrikant.
+
+Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk’ halt so,« sagte sie; »Fabriken
+gibt’s hier in jedem dritten Haus, ich könnt’ überall fragen und es dem
+Herrn geben, der’s am besten bezahlt.«
+
+Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an
+sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann
+ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,
+aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist
+kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal
+hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als
+die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so,
+und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein
+Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es
+nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber
+ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen
+eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben,
+wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer
+anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«
+
+Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann
+an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich
+weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen
+wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben,
+was recht ist.«
+
+Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann
+sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den
+nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für
+mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen
+die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das
+Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel
+gleich schriftlich gemacht.«
+
+»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz
+einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr
+Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe
+wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant:
+»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit
+ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den
+Kopf auch in andern Größen liefert.«
+
+Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last
+abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte –
+die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte.
+Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt’s Gott, und mein Mann
+wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren
+sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt’s auch um weniger
+hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht,
+wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler
+hätt’ das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir
+sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex
+wurde in kostbarem Schrank verwahrt.
+
+Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und
+ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«
+
+»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat’s ja gekauft! Rat nur,
+um wieviel? Aber du hättest’s ja doch nie erraten – um 800 Mark, Regine!
+Komm zur Mutter, komm nur schnell!« –
+
+Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen
+Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen
+und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie
+heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu
+wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den
+Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn
+er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem
+Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich’s ausgedacht.
+Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten;
+einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie
+die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie
+warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein
+Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da
+hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit
+beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief
+sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir!
+Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«
+
+Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach
+einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges:
+»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen
+umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte
+sich dem Kindlein zu. Des Alex’ Gesichtchen war’s ja, das solches Glück
+ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen
+Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all
+die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und
+wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie
+sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle
+Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«
+
+Aber wie war es nur möglich – sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird
+die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte
+Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das
+Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen
+Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen
+Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme
+ich den Arzt mit heraus; wir sind’s ihm schuldig, dem Kind, wir wollen
+alles dafür tun.«
+
+Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt,
+Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt
+hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler
+Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine
+Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still.
+Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau.
+»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«
+
+Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und
+Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen
+Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und
+Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das
+liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen
+für diese Welt.
+
+Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig
+machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen,
+ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe?
+Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt,
+daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den
+Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.
+
+Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort
+mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner
+in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen
+sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.
+
+»Vom Soxhlet steht nichts darin?«
+
+»Nein, von dem nicht.«
+
+»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem
+Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«
+
+Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab.
+Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die
+dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein
+schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei
+Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie
+Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt
+und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!
+
+Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern
+ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist
+nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht
+zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie
+freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist
+sie nachgebildet.
+
+
+
+
+Der Akazienbaum.
+
+
+Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das
+Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.
+
+Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es
+in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der
+Schwester gepflegt, lange Zeit.
+
+»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank,
+wann werde ich wohl wieder gesund?«
+
+Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl
+dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie
+sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du
+wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage
+durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und
+sehnte sich danach.
+
+Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere
+Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und
+Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie
+stand noch kahl, wie im Winter.
+
+»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die
+Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum;
+sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die
+andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird
+wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte
+bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch
+abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte
+sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester
+wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem
+Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«
+
+»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt,
+»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett,
+und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.
+
+Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital
+gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht
+besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal
+Schwester Marie das stille Kind.
+
+»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ
+sie liegen.
+
+Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit
+diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine
+vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte
+nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen,
+aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt
+hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt.
+»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster
+Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll
+grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel
+glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer
+herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist
+grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«
+
+Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie
+verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß
+Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte
+sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage
+vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter
+dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.
+
+
+
+
+Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.
+
+
+Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn
+schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch
+ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und
+gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger
+Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß
+für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das
+seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er
+besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn
+manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er
+seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah,
+oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte
+er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch
+ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine
+sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen
+wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären,
+wie der!«
+
+Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester
+Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater
+hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit
+der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst
+stellte sich da und dort vor – aber es wollte nicht gelingen und die
+gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft
+wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere
+Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen
+sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern
+an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine,
+zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht
+strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele
+kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand
+wollte Johannes.
+
+So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen,
+immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.
+
+Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig
+auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin,
+denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu
+tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens
+vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches,
+und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die
+arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte
+Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft
+aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.
+
+Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen
+plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.
+
+Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen
+Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen,
+aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn
+wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was
+uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?
+
+Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er
+plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese
+Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und
+die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das
+Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein
+junges Füllen.
+
+Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste
+mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als
+die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine
+Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er
+selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas
+verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er
+wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln;
+die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde
+ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und
+ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und
+Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann
+Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke,
+und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er
+dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und
+Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander
+hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken
+und – – hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum
+Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch
+immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was
+sie sagen würden.
+
+Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein
+genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er
+nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen
+wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man
+mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich’s nicht schön,
+betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit
+diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn
+ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete
+er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein
+anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,«
+sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat
+machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten,
+daran scheitert die Sache.«
+
+An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht
+glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er,
+Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte
+ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer
+und Abgaben drückten so sehr auf Johannes’ Luftschloß, daß es
+einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam,
+das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung
+des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest
+eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«
+
+Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet
+worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die
+Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu
+seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.
+
+Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine
+Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die
+Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten,
+ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle
+durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der
+zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es
+war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine
+Unternehmungslust weckte.
+
+Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln,
+Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der
+Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien;
+gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem,
+bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in
+Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich
+schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten
+sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren
+kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag
+erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen
+Räumen.
+
+Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der
+zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor
+Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater,
+Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der
+alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den
+beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur
+leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf
+sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten.
+Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen
+Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte
+ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein
+großer Tag!
+
+Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und
+Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall;
+und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal
+innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem
+Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und
+zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie
+Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den
+Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann
+auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er
+schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen.
+Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging
+er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des
+»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie
+auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es
+schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen
+Geschäftsmann seinem Schicksale.
+
+Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe,
+ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte
+keiner. Aber doch – das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung –
+hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten
+Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine
+Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und
+kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:
+
+ _Packwaren._
+
+Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte
+ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich
+nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht
+abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte
+sich den Packwaren zu. Sie war Johannes’ erste Kundin, wie eifrig wurde
+sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel
+gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet!
+Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen
+können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und
+bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen
+Kaffees zu holen.
+
+Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und
+in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen
+durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf
+den andern trippelten, das war kein Spaß.
+
+Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der
+Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die
+Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der
+Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten
+Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten
+sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf
+zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das
+Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es
+jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte,
+so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter
+seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch
+wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware
+gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch
+wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin
+Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und
+fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er
+sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze
+bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte
+recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich
+herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie
+ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz
+angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre
+Johannes’ Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue
+war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch
+die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch
+Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt
+konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch
+dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft
+zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel
+davongehen.
+
+So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen
+Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.
+
+Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand
+ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter
+den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr
+hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die
+Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig
+das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte,
+war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief
+in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war
+Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und
+beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie
+betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie
+unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken;
+er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es
+wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten
+sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich
+Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit
+der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und,
+obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch
+weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten.
+Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte
+nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast
+unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst
+dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein
+Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und
+blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser;
+lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem
+fortstrebenden Enkelkinde.
+
+Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände
+wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh,
+Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte
+Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf
+Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen.
+Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr
+Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber
+dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe.
+Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig
+packte er seinen Kram zusammen.
+
+Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig
+ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der
+Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser
+dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich
+Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt
+wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber
+er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.
+
+Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu
+gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich
+aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling
+hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere
+Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das
+reinste Kind.
+
+Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in
+seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht
+vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als
+er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er
+diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm
+statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht
+entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.
+
+Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem
+Jungen die Hand und fragte: »Wie geht’s, kleiner Geschäftsmann?« »Wie
+geht’s« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;
+aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der
+Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und
+sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und
+seinem Blick das Zutrauen: »Zeig’ du mir, wo der Weg weitergeht.« Und
+Ulrich Wagner machte den Wegweiser.
+
+Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das
+Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich
+weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen
+getäuscht.
+
+Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste
+Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes
+und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das
+Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der
+Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.
+
+
+
+
+Ein geplagter Mann.
+
+
+Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen
+gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in
+dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt
+malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen
+durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser
+Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu
+eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es
+noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem
+Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der
+manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem
+Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits
+fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.
+
+Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen,
+hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des
+Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie
+auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann
+aufsuchte.
+
+»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die
+Fahnen hinaus, das ist recht.«
+
+»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«
+
+»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig
+hinaus.«
+
+»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie
+gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.«
+
+»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht
+aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims,
+der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß
+man sieht, wie sich’s macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.«
+
+»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da
+brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so
+gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse,
+weiter braucht’s nichts.«
+
+»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich
+habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch
+gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die
+Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus
+vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das
+einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen
+Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben
+doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«
+
+»Nun ja, dann muß ich’s eben machen,« sagte der Mann zögernd.
+
+»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei
+Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der
+Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre
+Leiter ist nicht lang genug.«
+
+»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur
+eine entlehnen.«
+
+»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe
+heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken,
+das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und
+hole Brot.«
+
+Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und
+die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete
+den Frühstückstisch.
+
+Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im
+Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen,
+das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses,
+Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte
+vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen
+schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er
+ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein
+Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
+hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige
+Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen
+Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei
+einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die
+Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten
+werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten
+wird.«
+
+Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine
+Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte.
+Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit
+dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein
+und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war,
+wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze
+und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig
+im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.
+
+Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere
+Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die
+landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und
+seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag
+angebrochen.
+
+»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.
+
+»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der
+Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun
+Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe
+nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den
+Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn
+ich wiederkomme?«
+
+»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und
+dann Hänschens Bauernanzug.«
+
+»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«
+
+Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag.
+Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz,
+eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen
+Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des
+Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als
+Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer
+gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß,
+»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.«
+
+»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«
+
+»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange
+es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede
+zurechtlegen.«
+
+»Zur Begrüßung am Bahnhof?«
+
+»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf
+dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«
+
+»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie
+sah aber stolz zu ihm auf.
+
+»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl,
+wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.
+
+Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg
+über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon
+allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen,
+während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke
+zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche
+Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser
+Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit
+verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.
+
+Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes
+festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die
+Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig
+der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel
+genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem
+Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie
+noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte.
+
+Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf
+der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht
+angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen
+kam.
+
+»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?«
+
+»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich
+aufgeschichtet.«
+
+»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die
+Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es
+wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in
+der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum
+Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am
+Haus?«
+
+»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so
+naß ist und weil es so ordentlich aussieht –«
+
+»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den
+Holzstoß damit vollständig zu!«
+
+»Wo bekomme ich wohl die Wedel?«
+
+»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort.
+
+»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie
+wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine
+rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.«
+
+»Aber du hast mir nichts davon gesagt.«
+
+»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite
+herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer.
+
+»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans.
+
+Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er,
+»das ist ja gar nicht möglich.«
+
+»Wieso?« fragte die Frau.
+
+»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja
+unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?«
+
+»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber
+doch ganz hübsch.«
+
+»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin
+überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja – zwei
+Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas
+nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.«
+
+»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist
+noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß
+aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.«
+
+»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin
+so wenig verstünde wie du!«
+
+Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit,
+geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas
+Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und
+nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf
+dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.«
+
+Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der
+Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne
+hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige
+herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer
+aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne,
+mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter.
+
+Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus
+zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er.
+
+»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge
+Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an
+der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das
+zu beanstanden ist?«
+
+»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin
+nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?«
+
+»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man
+sich mit ihr einläßt, ist’s besser, daß man weiß, wie der Herr
+Stadtschultheiß darüber denken.«
+
+Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,«
+sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem
+Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch
+selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.«
+
+Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete
+ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den
+Stadtschultheißen sprechen.
+
+»Es _muß_ wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja,
+dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll
+Pulver durch unsere Stadt kommen werde.«
+
+»Schadet denn das etwas?«
+
+Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau
+Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen
+paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.«
+Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas
+gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst,
+das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen.
+Was gibt es schon wieder?«
+
+»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.«
+
+Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus.
+Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie
+selbst an.
+
+»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid.
+
+»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.«
+
+»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er
+darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich
+schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben
+abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon
+aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen:
+könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans
+als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher
+reizend?«
+
+»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon
+glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel
+zu lassen.«
+
+»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen
+Frau macht das sicher Spaß.«
+
+»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in
+Ruhe.«
+
+Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie
+schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der
+schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig,
+da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er
+nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen
+Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch
+das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht
+genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen,
+aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!«
+
+»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht
+der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus
+aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der
+Wäsche fragen.«
+
+»Die tut’s eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die
+jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau
+Stadtschultheiß Garten aufhängt.«
+
+»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?«
+
+»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt
+und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.«
+
+»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder
+stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn-
+und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr
+deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport
+machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten,
+wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte
+sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme
+sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde
+vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt.
+Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor
+meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird
+überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.«
+
+Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm
+die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum
+Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte
+noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe
+hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge
+Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar
+Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist
+der Herr Stadtschultheiß da?«
+
+»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?«
+
+»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von
+der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung
+einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen,
+wie’s doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei’s nicht
+gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er
+fürchtet, es könnte ein Unglück geben.«
+
+»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?«
+
+»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.«
+
+Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die
+Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch
+keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn
+hereinlassen?«
+
+»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der
+Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine
+Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern
+bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute
+ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so
+spät daran. Daß _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade
+noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus
+und hörte den Bericht wegen des Stiers.
+
+»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen,
+wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet
+werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen,
+der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.«
+
+Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist
+besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs
+Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im
+Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte
+doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße
+Halsbinde?«
+
+Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief:
+»Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.«
+
+»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine
+Zeit mehr zu verlieren.«
+
+Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter
+sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann.
+
+»Die Binde _muß_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn
+vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?«
+
+Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die
+Kleine zum Erbarmen.
+
+»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer.
+
+»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.«
+
+»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«
+
+»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden,
+in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau.
+
+»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister
+Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.«
+
+Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der
+schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im
+Auge.
+
+»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der
+Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine
+Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi
+geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.«
+Der Mann sagte gar nichts mehr.
+
+Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr
+entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken
+machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein
+halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle
+weggegangen,« berichtete Anne.
+
+»Und im andern Geschäft?«
+
+»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der
+Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei,
+so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie
+gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint
+Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.«
+
+»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«
+
+Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie
+ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den
+Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor
+sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus,
+der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch
+kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn
+an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu
+brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja
+schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte – keine Frage, Hans
+hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch
+machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei?
+Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama,
+gib mir dafür eine andere.«
+
+Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts,
+und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da
+ist die Halsbinde.«
+
+»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen
+Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein
+Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie
+habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden
+zur Auswahl.«
+
+»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam
+Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter
+und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden
+Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße
+Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich’s aber nicht merken.
+»Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.«
+
+»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen.
+
+»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib
+ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.«
+
+Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie.
+
+»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine
+verständige Tochter.«
+
+Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und
+schickte sich an zu gehen.
+
+»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau.
+
+»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung;
+um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube – da sehen wir uns wohl einen
+Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese.
+Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung – dazu wird dir ja unser
+Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und
+der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan
+verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.«
+
+Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte,
+verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz
+mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit
+ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich
+heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß
+gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die
+Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr
+Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf
+nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm,
+und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte.
+
+Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der
+Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann.
+
+»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie
+ihn.
+
+»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen
+werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: ›Was wollen Sie denn? Die Wäsche
+ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen‹, und sie hat sie
+heruntergenommen.«
+
+»Ist die wirklich so schnell getrocknet?«
+
+»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie
+den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten
+müssen!«
+
+In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige
+Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge
+prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau
+Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in
+bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner
+kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen
+Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der
+anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren
+als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern
+Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten
+und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den
+Strauß überreichen sollte.
+
+Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben
+diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die
+Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern
+des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder
+anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte
+daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt
+hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans
+irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten
+kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des
+Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in
+der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die
+Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und
+begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner
+Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der
+Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der
+nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam
+machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete,
+»haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch
+echte kleine Bewohner gestellt.«
+
+Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an
+seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die
+Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend.
+
+»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine
+mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah
+sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer
+Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte
+Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich
+und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was
+ist denn der Papa dieses Kleinen?«
+
+Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.«
+
+»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der Prinz; »ja, ja,
+an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!«
+
+Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon leichte Winke von
+verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand,
+merkte, daß sie deutlicher werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst
+ja deinen Strauß der Frau Prinzessin geben!«
+
+»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und sprang lustig durchs
+Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die älteren
+Damen zurückgezogen hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten.
+Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit dem Kind
+anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strauß aus der
+Kinderhand, trat mit Hänschen vor und sagte bittend zur Prinzessin:
+»Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?«
+
+»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, »was haben Sie für
+einen prächtigen Jungen, er hat uns den größten Spaß gemacht, der kleine
+geplagte Mann.«
+
+Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann verließen sie die
+Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und
+wieviel Arbeit und Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube
+gekostet!
+
+Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. Lebhaft wurde das
+Vorgefallene besprochen. »Es hat sich alles ganz gut gemacht,« entschied
+schließlich die ehemalige Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine
+war ein #faux pas,# liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen
+müssen: ›Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen‹; wollen ›_Sie_‹
+ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht
+nachtragen,« setzte sie begütigend hinzu.
+
+Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen
+Hoheiten über sie dächten, das war es nicht, was sie bekümmerte, aber ob
+ihr Mann über sie und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen
+Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, daß am Abend
+die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen müsse. Ihr
+Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch
+ein Gefühl dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte,
+trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der
+Bauernstube.
+
+Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim Seifensieder mit
+Unschlitt füllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen
+Döchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte
+sie gehört, daß sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja,
+von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner
+gezeigt hätte!
+
+Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und
+jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich
+kommen.
+
+Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, was ist denn mit
+Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?«
+
+Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte
+sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es
+dauerte gewiß eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in
+schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die
+Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine
+Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist meinem Mann nicht gut, er hat
+sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schläft ein wenig.«
+
+Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort mehr für die
+Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie ja doch verzichten. »Anne,«
+sagte sie, »was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?«
+
+»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige selbst auf die Leiter,
+wenn’s dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst
+einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem
+Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei,
+Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. »Sie
+ist ja zu kurz!« rief Anne herauf.
+
+»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!«
+
+»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der gegenüber wohnte und
+neugierig herbeikam. Frau Römer schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte
+vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan
+dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des
+Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat das der Herr Stadtschultheiß
+angeordnet?« fragte er.
+
+»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« Der Mann schüttelte
+den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig
+stampfte sie ein wenig mit dem Fuß, – ihre Ungeduld war _zu_ groß. »Die
+Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« dachte
+sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!«
+
+»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, »wenn ich etwas sagen
+darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hängen die
+Fahnen über dem Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist’s auch
+zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.«
+
+Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. Aber Anne ergab sich
+nicht so schnell. »O Herr Breitling,« sagte sie, »Sie wollen nur nicht.
+Die Fahnen könnte man einziehen, wenn’s Nacht wird, und wie sollten denn
+die Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie
+zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken
+bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!«
+
+Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und
+zündete ein Streichhölzchen an – im Nu war es vom Wind ausgeblasen.
+»Glauben Sie’s jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht’s, da
+sind die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da löschen
+alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt’s nicht.«
+
+Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter an ihren Platz,«
+ließ sich nun von oben eine bekümmerte Stimme vernehmen, und das Fenster
+wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum
+Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen sah.
+Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte sie es sich
+ausgemalt!
+
+Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der Schreiner und der
+Bäcker!«
+
+»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!«
+
+Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen
+Sündenbock will der Mensch haben.
+
+Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon Lämpchen an. Ein
+kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben wenigstens viele Fenster,« sagte
+Frau Römer, »und Lichter für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im
+Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen vor
+die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, daß sie
+nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In
+der Ferne hörte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen
+Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten in
+bengalischer Beleuchtung.
+
+Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der
+Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Römer tun. Aber der Wind, der
+Wind! Kaum brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug und
+blies sie aus. Und gerade auf _der_ Seite des Eckhauses, die freistand
+und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gästen ins
+Auge fallen mußte, gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die
+schwachen Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Häusern? Die
+junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Häuserreihe hinunter –
+schön beleuchtet glänzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es
+wenigstens, denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder
+verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte,
+und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam
+auch Anne verzweifelt herunter. »Droben verlöschen sie alle! wie ist’s
+denn unten?«
+
+»Ebenso!«
+
+»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der vor einem
+angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte.
+
+»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne.
+
+»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den
+inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; »schnell, geh hinunter vors
+Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« und während das Mädchen
+hinuntersprang, legte sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des
+geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder:
+»Prächtig sieht’s aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter nicht außen
+stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.«
+
+Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine herbei,
+schnell, schnell!« und mit Bausteinen und Büchern wurden nun sämtliche
+Fenstersimse so hoch belegt, daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar
+wurden. Und dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere
+junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lämpchen und
+Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. Aber sie brannten so gutmütig
+an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die
+Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig
+Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster öffnen.
+Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur
+hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in
+allen Zimmern, und Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der
+Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum
+Feuerwerk?« rief sie herauf.
+
+»Ja, ja, geht nur miteinander.«
+
+Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflüchtet
+worden in die Küche; da schlief sie ganz sanft, während ihre Mutter
+unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze
+hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde
+es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles
+fühlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins
+untere Stockwerk, waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war
+fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine
+Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig von einem Zimmer ins
+andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der
+Straße Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die
+Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß,
+fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; das Feuerwerk war aus, die
+schaulustige Menge strömte ins Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die
+Lichter durften ausgelöscht werden!
+
+ * * * * *
+
+Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Römer saß allein
+auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne
+schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte
+durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße ein lauter,
+fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre gesteckt. »Mein Mann
+kann es nicht sein, aber doch ist er’s!« sagte sich die junge Frau und
+eilte hinaus. Ja, er war es.
+
+»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte gedacht, heute wird es
+spät!«
+
+»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!«
+
+»Und du?«
+
+»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal
+wieder bei meiner Frau sein.« Dies Wort zerstreute alle Sorgen der
+jungen Frau, sie fühlte es: alles war schön und gut zwischen ihnen und
+nun wurde es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten
+sich behaglich zusammen.
+
+»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte Römer.
+
+»Ist alles gut gelungen?«
+
+»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser war ja durch den
+Wind recht lückenhaft, nur unser Haus war glänzend. Schon von ferne
+fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war
+nicht wenig stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen
+wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall sonst waren
+doch die meisten Lichter verlöscht.«
+
+Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht es so merkwürdig
+im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden während des
+Feuerwerks, ich aber auch!«
+
+»Wieso du?«
+
+»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen hier durchkommen
+wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche
+Mann, hat den Fußweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich
+nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die
+beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich
+seh ihm gleich an, daß etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn
+beiseite. ›Sehen Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,‹ sagt er. ›Auf
+der alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der Pulverwagen!‹
+Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort der große, schwarze Wagen,
+mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fähnchen,
+unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf
+und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. ›Was
+ist zu tun?‹ fragte mich der Ratsdiener. ›Es ist nicht mehr zu ändern,‹
+sagte ich, ›lassen Sie sich nichts merken, daß kein Schrecken unter den
+Leuten entsteht. Gehen Sie hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne
+Aufenthalt weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft,
+kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.‹ Er
+ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder
+bewährt, du könntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von
+mir weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: ›Sagen Sie, ist denn
+das da drüben nicht ein Pulverwagen?‹ ›Das macht doch nichts,‹ sagt der
+Ratsdiener mit größter Seelenruhe; ›auf dem Wagen können Sie ein
+Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.‹ ›So, so,‹ sagt der
+andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute
+war, während das Feuerwerk so in der Luft herumschwärmte. So oft es
+unbemerkt ging, mußte ich mich umwenden und hinübersehen nach dem
+kleinen roten Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam
+kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.«
+
+»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?«
+
+»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin,
+die mir noch an der Bahn einen Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl
+von seiner Plage?«
+
+Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den friedlichen Abend;
+in der Wohnung des Stadtschultheißen gab es jetzt keinen geplagten Mann!
+
+
+
+
+Helf, wer helfen kann!
+
+
+Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen Händen und glühenden
+Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um
+vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte
+versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da
+ertönte die Klingel. »Es wird der Vater sein,« dachte Frida und öffnete.
+Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf
+der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in
+das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit
+ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hörte nur noch mit
+halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das
+Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht unhöflich
+wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen hatte der Herr weiter
+mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel
+davon gehört.
+
+»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu
+sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind eben meine Töchter, von denen
+ich Ihnen erzählte.« Frida errötete.
+
+Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer Elise gesprochen
+hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie _viele_ Töchter haben?« sagte sie in
+ihrer Verwirrung.
+
+Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.«
+
+In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten
+Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde
+und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch
+bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem
+Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein
+Meisterstück!«
+
+Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie
+hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der
+Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war
+nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur
+den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat!
+
+Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß
+ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein
+großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag,
+Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur
+halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch
+abwenden.
+
+»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida.
+
+»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen.
+
+»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet
+einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen
+soll!«
+
+»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch
+einen Fisch bekommen.«
+
+»Ist er tot?« fragte Frida.
+
+»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.«
+
+Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der
+Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein
+schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig
+ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der
+»tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit
+dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten
+Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn
+töten.
+
+»Und das heißt die dumme Person _tot_!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn
+ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da
+klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die
+heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein
+Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen
+verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so
+verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und
+wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida
+ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch
+töten?«
+
+»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt.
+
+»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?«
+
+»Warum denn nicht?« sagte er.
+
+»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ
+sich’s nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah,
+sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie
+er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn _ganz_ tot
+machen.«
+
+Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher
+Macht auf, daß dieser fast davonflog.
+
+»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch
+noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte
+Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem
+Küchenjungen.
+
+»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?«
+
+»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird’s nicht sein, daß
+ich’s nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich’s recht
+mache?«
+
+»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr
+Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte.
+
+»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?«
+
+»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder
+hineintun.«
+
+Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch
+auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt.
+
+Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den
+Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den
+Fisch kunstgerecht zuzubereiten.
+
+»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O
+ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu
+richten, wäre ich recht froh.«
+
+Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte
+dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten.
+
+»Man wird ihn _doch_ noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche.
+
+»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es
+nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute
+froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida
+ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund
+ist es, glaube ich, nicht.«
+
+»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt
+und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar
+entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück
+Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe
+hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei
+ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte,
+daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage:
+
+»Ist auch der Braten gut geworden?«
+
+»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten
+mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!«
+
+»Einen Fisch? Woher?«
+
+»Von der Köchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch – oder nein, ich
+glaube bloß den Vater, auf morgen – oder nein – ich glaube auf
+übermorgen einzuladen.«
+
+»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?«
+
+»Ach, bei dem Fisch!«
+
+»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke
+auf.«
+
+»Es geht nicht, Mutter.«
+
+»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?«
+
+»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen
+mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!«
+
+»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben
+haben?«
+
+Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als
+er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in
+Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug,
+erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und
+dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer
+Stimmung.
+
+»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer
+katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es
+sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.«
+
+Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte,
+berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem
+Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem
+Handwerksburschen – und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten
+Besuch nie mehr vor Tisch zu machen.
+
+Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er
+nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es
+wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch
+bringen werde.
+
+Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der
+Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen!
+
+
+
+
+Ein Wunderkind.
+
+
+Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren
+Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen
+können.
+
+Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein
+Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen
+Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte,
+was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages
+der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum
+Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum
+Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich
+will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht’s nicht,«
+entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich
+kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du
+lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann
+auch _lang_ warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der
+Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an
+der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben
+ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich
+an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen,
+er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er
+stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht
+Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. – Nun
+trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte
+sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu
+sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und
+ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider
+beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte,
+daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn
+und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit
+Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken
+Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit
+dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft
+war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt,
+Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete
+Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da
+staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause
+auch schon genäht habe, woher er’s könne usw., aber es war aus dem
+Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat’s ihm der Schneider zulieb
+und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht
+hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die
+Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der
+Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh’ ich, komm du nur
+ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«
+
+Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat,
+um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin
+auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die
+Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte:
+Verdirbt er’s, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb
+nichts und kam nun alle Tage.
+
+Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der
+kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er
+war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer
+konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit
+geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief
+ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr
+Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die
+Augen zu. »Was ist’s heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und
+schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine
+weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!«
+und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder
+lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den
+Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß _so_
+laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner
+Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den
+Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der
+Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht,
+sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen
+scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an
+einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch
+Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu
+seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht
+an deiner Jacke zurecht.«
+
+Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider
+für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu
+Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der
+Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm
+der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes
+wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und
+sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider
+verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin:
+»_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_!« Der Schneider kam wieder
+zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur
+zufrieden, jetzt ist’s schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht
+zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh’ ich nicht, ich
+will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für
+unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten
+Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man
+seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch
+zu liefern und ging.
+
+Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen
+und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es
+fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so
+flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar
+anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister
+daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie
+wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.
+
+Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich
+nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der
+geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und
+wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja
+manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte
+ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen
+zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.
+
+Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der
+Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben
+sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft
+könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist
+dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird,
+da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die
+Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht
+ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater
+sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann,
+er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.«
+Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache
+ausmachen.
+
+Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein
+ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im
+Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn
+anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die
+Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald
+bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand,
+war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen
+und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz
+zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den
+kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und
+beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den
+ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe
+tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein
+auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem
+er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier
+sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht
+habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten
+Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die
+gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem
+jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort
+unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte
+bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu
+dem Bedienten: »Der Herr soll zu _mir_ kommen.« Die Gesellen waren nicht
+wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister
+zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen.
+Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel
+haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn
+Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun
+neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in
+die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl
+und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen,
+und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit,
+ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten.
+Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die
+vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie
+taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der
+Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste
+Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht’s mit den
+Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre
+Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches
+Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen
+können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da
+lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und
+besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die
+Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das
+Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen
+den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen
+Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu
+sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich
+wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld
+zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben
+hätte.
+
+Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen
+Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der
+Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue
+Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in
+Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der
+Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit
+prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach
+dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was
+sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern
+wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm
+umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war
+Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus
+der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner
+Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es
+sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt
+herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie
+habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht
+anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf
+_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab’s ja gleich
+gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und
+sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei
+ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die
+Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf,
+als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen
+Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst
+sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste
+Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da.
+Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und
+wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen
+herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte.
+
+»So kann’s nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm
+allein war. »Nein, so kann’s nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß
+man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte
+der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt
+heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das
+Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon
+versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter
+überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf
+einen andern Ausweg besinnen. »Ist’s dir recht, wenn wir zu dir ziehen,
+der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag
+anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,«
+sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das
+nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo
+soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal
+leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu
+durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen
+Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er
+gesagt: ›Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht
+brauchen Sie’s einmal,‹ aber ich weiß nicht mehr, wohin er’s versteckt
+hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und
+richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel
+mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im
+Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte.
+
+Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen,
+und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an,
+wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am
+ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie
+sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine
+Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die
+Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder
+versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte
+noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und
+schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war
+aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er
+wieder, und nun stellte sich’s heraus, daß er nach alter Gewohnheit in
+sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für
+ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht,
+als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er
+legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller,
+schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt’s euch?« so
+daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der
+Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere
+Leute.
+
+Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren
+und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie
+ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn
+seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als
+wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der
+fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren,
+und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in
+Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und
+fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt.
+
+Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines
+Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie
+sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir
+ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und
+legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du
+bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum
+Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er,
+»einen _Riß_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist,
+dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief
+die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich
+lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er
+seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise:
+
+ »Lieber Gott, mach mich fromm,
+ Daß ich zu dir in den Himmel komm!«
+
+Dann fielen ihm die Augen zu – für immer. Die alten Eltern haben ihn nie
+verschmerzen können und die Geschwister alle haben ihm ein treues
+Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von
+dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!
+
+
+
+
+Mutter und Tochter.
+
+
+Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im
+Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten,
+denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern
+stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor
+Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren
+hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der
+Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er
+Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und
+hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten
+sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der
+Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie
+wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover.
+
+In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar
+Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren
+wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren
+Lebensweg gemeinsam zu gehen.
+
+Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die
+Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von
+ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?«
+
+»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte
+er.
+
+»Ist sie groß für ihr Alter?«
+
+»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich
+nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.«
+
+»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?«
+
+»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die
+Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße
+begegnet?« fragte sie.
+
+Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen Blick für diese
+Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so scharfes Verhör mit mir
+anstellst, hätte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber
+bald selbst sehen.«
+
+»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir hören.« Da wußte der Vater
+besser Bescheid. »Sie ist gut,« sagte er, »du wirst keine schwere
+Aufgabe mit ihr haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten
+Jahren hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend
+ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem
+Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon
+sprechen, fühle ich doch, daß das, was sie in diesem Unterricht gelernt
+hat, lebendig in ihr geworden ist.«
+
+»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann finde ich schon den
+Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, daß sie die Nachricht von
+unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?«
+
+»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen.
+Aber du weißt ja am besten, wie die Mädchen ihres Alters ungefähr sind.«
+
+»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, »und ich bitte
+dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.«
+
+»Ja,« sagte der Direktor.
+
+Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. »Ich
+fürchte, du schreibst mir doch nur: ›Sie hat es aufgenommen, wie es eben
+so Mädchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.‹ Ich möchte es aber
+genau hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen
+sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich ja noch nicht.«
+
+Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung verbrachte er diesen
+Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der
+Hochzeitstag festgesetzt.
+
+Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes Familienleben
+genossen. Verschiedene Haushälterinnen hatten sich in seinem Hause
+abgelöst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er
+nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes
+Dienstmädchen hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung gehalten.
+Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein
+glückliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die
+richtige Leitung. Das Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln,
+es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau sollte
+nicht unter ihm zu leiden haben.
+
+Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst
+nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter
+zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse
+Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst
+auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« sagte er, »dabei
+erzähle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein
+kleines Fest.«
+
+Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und
+was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn
+und sah sehr begierig zu ihm auf.
+
+»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und
+fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im
+nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.«
+
+Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie,
+»das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder
+wechseln, die bleibt dann doch!«
+
+»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater.
+
+»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte
+Berta.
+
+»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie
+eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir
+verlangt.«
+
+»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar
+keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein
+Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und
+die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die
+Schrecklichste!«
+
+»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater
+ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch
+nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz
+liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen,
+die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta
+schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen
+Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber
+sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von
+den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten
+Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen;
+denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und
+Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen.
+Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden
+schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.«
+
+»Mir ist’s selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so
+lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und
+ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick
+sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater
+vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen
+Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.«
+
+Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo
+sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte,
+sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne
+über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn
+noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den
+Freundinnen plaudern.
+
+»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist ja gar nicht wie
+sonst!«
+
+»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« fragte Lorchen; und
+nun drängten sich die beiden Mädchen an Berta und fragten und plagten
+sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr
+anvertraut hatte. »Nun begreife ich’s, daß du so ernsthaft aussiehst,«
+sagte Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.«
+
+»Du hast’s auch gar so schön gehabt, wie eine kleine Hausfrau;« und
+Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, den Berta an ihrer
+Schürze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta
+sich ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel wird
+sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu Luise. »Natürlich,
+die wird ihr die Mutter abverlangen,« sagte Luise.
+
+Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und
+sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen
+ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten
+Augen am Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. Berta war
+sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten
+sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles
+wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den
+Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während sie
+sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet hatte,
+schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: »Lisette geht. Ich
+bekomme eine zweite Mutter.«
+
+Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darüber, wie
+Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte
+sich dann: »Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ fürchtet, werde
+ich leicht fertig werden mit ihm.«
+
+In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben und Treiben im Haus
+des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben
+ihr Wesen, um die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle
+endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und
+reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor Sauberkeit.
+
+»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus nicht ordentlich
+übergeben habe,« sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wußte, daß
+sie nicht mehr da sein würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten.
+In einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und fertigte für
+Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt
+hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach
+ihr. »Berta,« sagte er, als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum
+Schreibtisch nicht!«
+
+»Zu _meinem_ Schreibtisch?« fragte Berta und griff nach ihrem
+Schlüsselbund.
+
+»Zu _deinem?_ Nun, zu dem schönen Schreibtisch im Besuchszimmer, der
+gehört doch nicht dir! Gib einmal den Schlüssel!«
+
+Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine Schublade. »Die Sachen
+sind wohl von dir, die müssen natürlich alle heraus.«
+
+»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört doch mir, seit Mama tot
+ist, und ich habe auch alle die kleinen Fächer und Schubladen voll
+Andenken und wichtigen Sachen!«
+
+»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt sie jetzt anderswo
+unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du
+solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese
+Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!«
+
+Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles
+hinräumen und warum mußte sie gerade den Schreibtisch hergeben, in
+dessen Besitz sie so glücklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja
+tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau
+entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem
+Unmut nahm sie die Schätze heraus aus den kleinen Fächern und
+Schubladen, um den Platz frei zu machen für die Mutter; und Lisette, die
+sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja,
+ja, ich muß ja auch den Platz räumen.«
+
+Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick
+entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn
+nur der Vater nicht dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht
+so liebevoll sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe gebe.« Vor
+der Abreise mußte sie von Lisette Abschied nehmen für immer. »Wenn du
+beim fröhlichen Hochzeitsmahle sitzst,« sagte Lisette, »so denke an
+mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und
+Berta versprach unter Tränen, an sie zu denken.
+
+Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von München gefeiert
+werden.
+
+Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der
+Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem
+Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu
+seiner Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht wird,
+und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. Ja, gewiß wollte sie dem
+Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei
+alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie
+empfinden.
+
+Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen
+nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die künftige Mutter. Wie im
+Traum wandelte Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein
+Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und sie hörte seine
+Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« Berta sah auf. Eine große,
+stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und
+begrüßte sie ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine
+Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt.
+Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber
+eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung,
+so konnte ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter
+stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als Gäste geladen waren,
+und überließ sie diesen.
+
+Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mußte immer und
+immer wieder zu ihr hinüberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich
+und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal
+begegneten sich ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder
+vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich
+gerichtet fühlte.
+
+Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und
+unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und
+lustig zu, so daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war.
+Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und Bräutigam wurde viel
+Gutes gerühmt; und alle schienen es ganz gewiß zu wissen, daß auch
+Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta
+hörte auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren erwähnen und
+sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie
+die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken
+abgelenkt. Dort, an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die
+Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei und daß in
+dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Fröhlichkeit war mit einem
+Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfüllte wieder ihre Seele und
+sie kam sich wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte
+vergessen können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn
+angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird
+angestoßen!«
+
+Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß mit allen an, die
+freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein fröhliches Gesicht zu machen.
+Es gelang ihr wohl, die Fremden zu täuschen, auch der Vater schien
+nichts zu bemerken, als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte sie
+wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte
+beobachtend auf dem Mädchen, das sich ihr schüchtern näherte, und als
+sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise,
+so daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, der Tag
+wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie
+fühlte, daß die Mutter sie durchschaut hatte.
+
+Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das
+Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich
+zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas
+erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich,
+mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich
+besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du
+dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein
+beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht
+gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch
+noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf.
+
+»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja
+ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl
+erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir’s
+noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es
+ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig
+durch das lange, verwirrte Haar.
+
+»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt?
+War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen,
+kastanienbraunen Haares?«
+
+»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta.
+
+»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele
+Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes
+Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar
+zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb
+haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja
+vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir
+beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst
+aber ist es ja noch gar nicht möglich.«
+
+Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam
+ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb
+hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb.
+Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem
+Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen
+Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist’s heute schwerer ums Herz
+gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es
+auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den
+Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige
+Gedanken?«
+
+»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser
+Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich
+ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.«
+
+»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude?
+Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie
+ein gutes Mädchen?«
+
+»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen.
+
+»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die
+Mutter.
+
+»Sie hat gar keine gehabt!«
+
+»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater gehen lassen? Warum
+ist sie denn nicht geblieben?«
+
+»Weil – weil eben –«
+
+»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die Mutter, die den
+Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, wie machen wir denn das, können
+wir sie nicht wieder bekommen?«
+
+»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.«
+
+»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das nächste Vierteljahr
+können wir also nichts machen; aber dann – wie meinst du, wenn....«
+
+In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. Die junge Frau wurde
+gerufen, sie möchte doch kommen, man warte schon lange auf sie.
+
+»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch häusliche
+Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.«
+
+Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf dem Rand des Bettes.
+»Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel
+setzen, daß wir Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater
+bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.«
+
+»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, »das ist ein
+schöner Plan!«
+
+»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter und stand auf;
+»morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen
+ja frühzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am
+Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst
+_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort
+daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der
+glücklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr
+zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir
+auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir’s nicht gefällt,
+gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater
+heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfängt, als das
+neue Dienstmädchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen
+Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich nicht deinen Vater so
+lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich
+gebe dir keinen Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei
+Menschen, die sich nicht lieb haben.«
+
+»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« sagte Berta und
+reichte der Mutter die Hand.
+
+Nun war Berta allein.
+
+Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet
+hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Daß es auch der
+Mutter bange vor der Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie
+gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst
+ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darüber, ob _ihr_
+wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat
+gefallen würde, und nun war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön
+gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft
+in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; wenn sie nur das
+ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang
+bereiten könnte! Warum lag ihr denn so viel daran, daß es der Mutter
+gefiele? Berta mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde
+hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie es
+deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am
+Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte,
+keine von all den Haushälterinnen, war eine heiße Sehnsucht in ihr
+erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren
+früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu
+erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich
+gesagt, daß sie sich nicht lieb hätten. Aber eines hatte die Mutter
+gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich
+vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer
+Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon
+lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit
+ihr wollte sie gehen!
+
+ * * * * *
+
+Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die
+nächsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, daß sie einen
+Tag früher heimreisen und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe,
+daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst hatte sie
+anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel der Wohnung anvertraut hatte.
+Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen
+Dienstmädchen in der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und
+sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint
+hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, »wir wollen alle Fenster
+weit aufmachen und die Türen offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft
+hinausgeht.«
+
+Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu
+tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde
+diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um
+Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit heim, daß sie alle
+Gläser füllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten
+eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen
+umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen
+Luft war nichts mehr zu bemerken.
+
+Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem
+Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen,
+bemerkten sie schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks
+hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das erklären soll,«
+sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. »Sicherlich haben uns die
+Bekannten eine Überraschung bereitet und sich in unserer Wohnung
+versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht
+angenehm.«
+
+»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre lieber ohne Fremde
+daheim gewesen an diesem ersten Abend,« sagte seine Frau, »aber wir
+müssen gute Miene zum bösen Spiel machen!«
+
+Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastüre
+stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie aus einem Munde.
+
+»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.«
+
+»Und wer ist außer dir noch da?«
+
+»Niemand als das neue Mädchen.«
+
+»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht es hier aus!« rief
+die Mutter, als sie ins Zimmer trat. »Wer hat denn alles so schön mit
+Blumen geschmückt?«
+
+»Ich habe es mit Christine getan.«
+
+»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich erfreut.
+
+»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare Haustochter und
+sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte freilich bei all dem mehr an die
+Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon
+etwas zu sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter gut
+gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch
+saßen.
+
+Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurückzog, war sie sehr
+gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen
+würde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte,
+so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu halten.
+
+Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig zumute, als sie die
+Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den
+Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst
+war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war
+der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, und die Mutter voll
+Freundlichkeit. Sie wußte auch so vielerlei zu erzählen, es war ein ganz
+anderes Leben als sonst!
+
+Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel,
+aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit
+dem Auspacken ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch
+zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
+keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
+nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
+
+»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat
+dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errötete über und
+über.
+
+»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der dies bemerkt hatte.
+
+»Darf ich’s denn nicht sehen?« fragte die Mutter. »Es ist mein
+Tagebuch,« antwortete Berta.
+
+»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« sagte der Vater.
+
+»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch lesen läßt,
+wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die Mutter und fügte freundlich
+hinzu: »Aber es ist gewiß nichts Schlimmes darin, was du mich nicht
+lesen lassen möchtest?«
+
+Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mädchen, das in größter
+Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschließen
+konnte, das Buch zu öffnen.
+
+»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, »ich kann solche
+Tagebücher nicht leiden, was wird da für übertriebenes Zeug
+hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!«
+
+Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt werden. Sie
+sagte sich, daß die Mutter notwendig meinen müsse, in dem Tagebuch stehe
+eine unfreundliche Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte
+sie doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, der
+Mutter das Tagebuch zu zeigen.
+
+Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen.
+Sie packte ihre Bücher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und
+verabschiedete sich. »Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte
+die Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die Ellenbogen
+herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick zu platzen droht!«
+
+»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben mir es auch alle schon
+gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer
+nicht an die Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich
+keine Kleider.«
+
+»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte die Frau Direktor
+und suchte ihren Mann auf.
+
+»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, »sie sagt, du werdest
+ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du
+dich so eingehend um ihre Kleider kümmerst.«
+
+»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher mußte ich schon
+Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen für Berta. Weil ich nun
+von Mädchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so
+gehalten, daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre
+Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.«
+
+»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen
+haben. Ich meine, wir müssen ihr dringend eine Jacke kaufen.«
+
+»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kümmern mußte,«
+sagte der Direktor. »Du weißt, was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so
+einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.«
+
+Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten
+wieder ins Zimmer kam und sagte: »Ich will dich nach der Schule abholen,
+und dann kaufen wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem
+Vater vorgekommen.
+
+Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in
+eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat,
+freundlich zu ihr sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen
+bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute
+Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fühlbar!«
+
+Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die
+Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch die Mitschülerinnen, die
+neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. »Berta,« sprach jetzt die
+Mutter, »die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei
+Jahren ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig
+geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht
+leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter
+gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hörte,
+daß ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im
+Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und Englisch ist mir
+so geläufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen,
+daß du in _einem_ Jahr auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr
+nette französische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig
+benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur
+Französisch reden, so ist dir’s in einem Jahr geläufig. Aber nur wenn du
+selbst willst!«
+
+»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer.
+
+»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter
+bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, fleißiges Mädchen? Es darf
+aber weder Luise noch Lore sein!«
+
+»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt.
+
+»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die
+Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt haben. Das sind zudringliche
+Mädchen, die viel öfter kommen als man sie will und mit denen du
+gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben
+ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.«
+
+»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine
+Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.«
+
+»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein
+französisches Kränzchen aus, willst du?« Wie gerne wollte Berta! Solche
+Geselligkeit war ihr etwas ganz neues.
+
+Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft
+werden sollte. Da gab es eine große Auswahl, von den einfachsten bis zu
+den feinsten.
+
+»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die Mutter.
+
+»Ja, sehr gut.«
+
+»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde dem Fräulein noch
+viel besser stehen,« sagte der Ladendiener und zeigte ein reich
+verziertes Jäckchen.
+
+»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die Mutter und leise
+fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer das Schönste gewählt oder war sie
+für das Einfache?«
+
+»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne Jacke beiseite.
+»Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« drängte der Verkäufer. »Ich
+will sie nicht, ich will die andere,« entschied Berta bestimmt, und
+mehr als die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar
+befriedigt zunickte.
+
+An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta
+half dabei. »Hier sind die Schlüssel zum Schreibtisch,« sprach nun der
+Vater, »dieser kleine schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte
+sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut,
+daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte der Vater das oberste
+Fächlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die
+Berta gehörten. »Was ist das, Berta,« rief der Vater, und eine böse
+Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?«
+
+»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.«
+
+»Vergessen? das ist nicht wahr!«
+
+»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!«
+
+»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend dazwischen.
+
+»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den
+Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was dabei gesprochen wurde,
+haben wir beide auch nicht vergessen.«
+
+Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der
+kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die große
+Schublade auf – sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgeräumt,
+nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise
+gerade zuerst gekommen war.
+
+»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, da habe ich dir
+Unrecht getan, ich war der Meinung, du hättest _gar_ nichts ausgeräumt;«
+und als er sah, wie Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich
+hinzu: »Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta war es mehr;
+die Mutter hatte sicher erraten, daß sie widerwillig den Platz für sie
+geräumt hatte, und es war Berta, als wären nun all die lieblosen
+Gedanken aufgedeckt, die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich
+zu weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen besonderen
+Grund haben.
+
+»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist,« sagte die
+Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen ausräumen zu müssen. Es war
+wohl dein Lieblingsplätzchen?«
+
+»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den
+Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu sich genommen; aber es
+versteht sich von selbst, daß sie dies alles nun abgibt; nicht wahr,
+Berta, du möchtest es nicht anders haben?«
+
+»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie ihr Schluchzen
+nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie schwer es ihr wird,« sprach
+die Mutter, »und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine
+Sachen nur wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater
+wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht überreden.
+»Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel
+lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, _so_
+machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.
+
+Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim
+Frühstück. Der Vater war ärgerlich über den Verdruß, den es wegen des
+Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah,
+daß Berta nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht
+erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst kämpfte, ihre
+Schüchternheit zu überwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr
+auf dem Herzen lag.
+
+»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann könnte ich alles
+sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt nicht; sie ist auch am
+Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war.« Unwillkürlich
+griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf,
+dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und sie löste das
+Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des Abends von selbst aufgehen
+würde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt
+hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald
+Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal heimlich
+nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar ist ja ganz offen,«
+sagte nun die Mutter, »wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend
+noch ganz schön?«
+
+Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, die Haare sind
+ganz offen.«
+
+»Ich will sie dir drüben noch einmal flechten,« sagte die Mutter.
+
+»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater.
+
+»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta eifrig ein.
+
+»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete der Vater.
+
+»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese
+Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. »Ich will ihr
+gerne das Haar flechten,« versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch
+einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich
+gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer.
+
+Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin,
+daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und dann schlüpfte sie so schnell
+wie möglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam,
+gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die
+Mutter. »Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach
+wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich dein Haar besser
+machen können, wenn du dich nicht vorher gelegt hättest.«
+
+»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das Haar kann ich wohl
+selbst machen; ich möchte dich nur bitten, daß du liest, was ich heute
+in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die
+Mutter las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
+keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
+nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
+
+»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, das mich so
+glücklich macht?« rief die Mutter, beugte sich über Berta, zog sie an
+ihr Herz und küßte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt
+hatte seit ihrer Mama Tod.
+
+»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb habe, mein Kind,
+oder fühlst du es?« fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe
+auf Berta.
+
+»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe noch eine Bitte:
+nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen
+hinein, damit ich ganz gewiß weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir
+alles geben möchte, was ich nur habe!«
+
+»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich doch, daß es einem
+guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.«
+
+»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« sagte Berta, und
+errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn
+es eine Stelle wäre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am
+Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?«
+
+»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht
+_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?«
+
+Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da
+ließ sich plötzlich draußen des Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar
+noch nicht geflochten?«
+
+»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und lachten, denn das
+Haar war ganz und gar vergessen worden. »Nein, wir kommen gar nicht
+zurecht mit dem Haar,« rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!«
+
+»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der
+erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah,
+daß auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter,
+die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend
+gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so fröhlich
+gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher
+Bewegung:
+
+»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen würden, habe ich sicher
+geglaubt; aber daß wir uns so schnell finden könnten, hätte ich noch
+heute abend nicht zu hoffen gewagt!«
+
+»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im
+stillen Schlafkämmerchen waren, sahen viel glücklicher aus, als damals
+im strahlenden Hochzeitssaal.
+
+Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: »Mein Kind muß jetzt
+schlafen,« und schnell ergriff sie die Haarbürste und begann ihr Werk.
+»Morgen wollen wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr
+aufgeht.«
+
+»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die Mutter dabei so
+schelmisch an, daß dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es
+mit dem Haar gehabt hatte.
+
+»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr nötig haben, ich
+komme von selbst an dein Bett.«
+
+»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette auf den
+Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du meinetwegen die Christine
+fortschickst, die dich so gern hat!«
+
+»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte der Vater. »Du
+wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wäre euch aber nicht
+gelungen, sie heiratet!«
+
+»Ist es dir leid?« fragte die Mutter.
+
+»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, jetzt,
+Mutter, wo du da bist!«
+
+
+
+
+Die Feuerschau.
+
+
+Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus
+in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste
+Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu
+hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern
+sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die
+junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch
+ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht
+jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das
+Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am
+Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das
+sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.
+
+Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie
+hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf
+kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der
+Hausfrau.
+
+»Was gibt’s?« fragte das Evchen hinunter.
+
+»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst
+es deiner Frau ansagen.«
+
+Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag
+auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.«
+
+»Die Feuerschau? Was will die wohl?«
+
+Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab
+es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun
+gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr
+Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die
+Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen
+wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.«
+
+Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das
+Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun
+freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn
+besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das
+Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der
+Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn,
+»aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren
+hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die
+Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.«
+
+Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und
+stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern,
+dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch
+nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau
+hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche junge Frauchen ihres
+Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich
+schon ein wenig heimisch fühle im Städtchen? Die Frau Assessor
+antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz
+natürlich, daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück,
+und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen
+wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor:
+»Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer
+Handbewegung machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam.
+Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein sehr hübscher
+Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat sehr schön,« wiederholte der
+Archivar.
+
+»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. Das
+bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht könnte man es
+ändern?« fragte die junge Frau. »Das ließe sich schwer machen,«
+antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von
+dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen.
+Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben noch weiter
+bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« sagte der Ingenieur. Der
+Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er
+fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen.
+
+Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen,
+machte die Türe zum Eßzimmer auf und sagte: »Wollen Sie nicht den
+eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort
+abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich
+verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu dem eisernen
+Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen
+herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas
+davon und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. Der
+Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im
+stillen über die Feuerschau zu zürnen; sie fand es wunderlich, daß die
+Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in
+ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor
+fürchtete.
+
+Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die junge Frau zu
+zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, daß sie ihnen nicht einmal
+einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen
+weiter helfen,« und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte
+sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es
+ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. »Ich
+danke,« sagte der Ingenieur, »wir wollen doch nicht überall eindringen.«
+
+»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und ging voran.
+
+»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich ab,« sagte der
+Archivar.
+
+»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die junge Hausfrau, denn
+sie dachte: »Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.«
+
+Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau
+in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen,
+alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte.
+
+»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz,
+daß ihm noch eine so passende Frage einfiel.
+
+»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezündet.«
+
+»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.«
+
+»Ja, für die Lunge, nicht wahr?«
+
+Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und
+Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein
+älterer Mann in Begleitung eines jüngeren.
+
+»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne sich um das
+verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, klopfte er an der nächsten
+Türe an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer führte, in dem nun
+schon drei Leute um den Ofen standen.
+
+»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, »wir wollen
+nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.«
+
+»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne
+Umstände gingen die Männer auf den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine
+verbotene Ofenklappe,« sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie
+es auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.
+
+Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, daß die
+junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war
+offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und
+sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? »Sie sind
+gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, »Sie haben sich
+bloß so gestellt.«
+
+Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, daß hier eine
+Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau sind wir nicht,« sagte der
+Ingenieur, »aber bitte, gnädige Frau, wir haben uns doch nicht so
+gestellt.«
+
+»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!«
+
+»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das eigentlich gar nicht,
+aber wir konnten nicht anders, wir mußten Ihnen doch folgen.«
+
+»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des
+Herrn Assessors: Ingenieur Maier.«
+
+»Archivar Rau.«
+
+»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb beschämt, »was
+müssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er
+hört, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, o
+bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« Sie waren
+kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine
+Freunde zu treffen.
+
+Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen
+gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wäre, sie waren ja lange genug
+herumgestanden. Nur sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten
+Mühe, ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht wahr?« sagte
+der Hausherr.
+
+»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der Ingenieur. Da war die
+Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mußte lachen und
+die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht,
+bis ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich sah sie
+trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl
+aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor den Herren. Bewahre, das tat er
+nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der
+kleinen Frau überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es ja
+auch nicht besser!«
+
+
+
+
+In der Adlerapotheke.
+
+
+Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger
+gehörte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen
+Abschied. Der älteste Sohn war zum Militär einberufen worden; den
+zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt,
+und der dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch
+aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er
+wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach
+Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten.
+
+Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der
+Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter,
+Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser
+Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das
+Städtchen lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, wenn
+der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und
+täglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg
+hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch
+hineingeführt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen,
+Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher
+Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.
+
+So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte
+und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, daß seine
+Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Tränen in den Augen
+dastand. Sie war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen an
+diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, »ich komme ja alle
+vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich
+in der Apotheke.«
+
+Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen freundlich
+tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln mit dem Knecht, der Magd,
+und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte.
+Und Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, er freute
+sich über die Maßen.
+
+Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der
+Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentüre der Apotheke geöffnet, und
+der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten
+ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die kräftigere
+Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit,
+was man von den etwas blassen aber feinen Zügen des Apothekers nicht
+sagen konnte. Er begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand;
+der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der
+ihm kein Fremder war, und den er, ohne daß dieser es wußte, schon seit
+Jahren als seinen künftigen Lehrherrn betrachtet hatte.
+
+Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentümliche
+Geruch herrschte, der für Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes
+hatte, führte Apotheker Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen
+Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der
+kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschäftig den Kaffeetisch
+deckte und sich entschuldigte, daß der Kaffee noch nicht bereit sei.
+»Ich wußte nicht genau,« sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und
+lieber möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als ihnen
+einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.«
+
+Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, daß sie und
+ihr Mann zu Hermann »du« sagen dürften, es sei doch traulicher für
+Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu
+freuen.
+
+Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim
+Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr
+mußte hinunter; nach einem weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite
+Störung dadurch, daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war seinem
+Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der ersten Mahlzeit so
+einführte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke
+sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen.
+Diese Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an
+die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die
+beiden Männer tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wußte
+nichts mehr zu sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er schon
+aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein Vater abfahre, er
+wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der
+letzte Gruß, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen
+rasselte über den Marktplatz.
+
+Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah,
+sondern aufmerksam nach dem großen schwarzen Adler aufblickte, der
+dräuend über dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf
+die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst du in die
+Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann ebenso, und indem er fröhlich
+die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentüre aufmachte, fragte er:
+»und wie geht’s jetzt an?«
+
+»Wie’s angeht?« wiederholte der Apotheker und sah lächelnd auf seinen
+eifrigen Gehilfen. »Wie’s angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst
+du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!«
+Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, daß mitten am
+Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, »es war auch früher nicht so,
+erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst
+seitdem ist’s stiller bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite
+gegründet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker,
+aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter
+Geschäftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie früher.«
+
+Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium geführt,
+da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und gläserne
+Trichter und Röhren. Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so
+mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar viele
+Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich mache noch vieles
+selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« fragte Hermann. »Diese Woche
+nicht mehr, aber nächste Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus
+Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.«
+
+»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In meiner Familie,« sagte
+Mohr, »ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine
+altberühmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.«
+
+Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann
+so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wäre und lief
+eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in
+einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und
+dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.
+
+»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte
+der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.«
+Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In
+verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben
+aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem
+Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier
+sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle
+lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter
+brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung,
+inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit
+Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die
+schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas.
+
+»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den
+Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre
+die Ladenglocke.«
+
+In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen,
+Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen
+einzuwickeln. »Sieh zu und mach’s nach,« sagte der Apotheker zu Hermann
+und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen
+verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der
+Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen
+kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem
+Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte
+lachend: »Der ist scheint’s nicht der geschickteste.« »Er ist neu
+eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber
+Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln.
+
+Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er
+eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,«
+sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und
+mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von
+selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht
+stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte
+aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das
+nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat
+sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal
+vorkommt!«
+
+Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann
+mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor,
+als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser
+war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr
+seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling
+studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele
+naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte
+der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der
+Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte.
+
+»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht
+gelernt.«
+
+»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und
+gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich
+mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker
+über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht
+bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte.
+Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker
+ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das
+Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer
+oben im Dachraum ausgebaut war.
+
+Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und
+über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine
+Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon
+studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann.
+
+»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.«
+
+»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig die Rede
+darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt ist.«
+
+»Der Apotheker wird’s bald selbst herausfinden.«
+
+»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser Hermann gar keinen
+größeren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und daß ihm die
+Apothekerbücher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas
+muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!«
+
+»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst du ganz ruhig
+sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ängstlichen, er hat
+ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.«
+
+»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der
+Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.«
+
+»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg
+leichter als seine Brüder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.«
+
+Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker
+zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch,
+scheint mir.«
+
+»Ja, und gescheit, aber –« und bedenklich schüttelte Mohr den Kopf.
+
+»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoßen.«
+
+»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will
+nur sehen, wie das geht.«
+
+»Anfangs ist’s allen schwer.«
+
+»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er
+den Daumen so steif hinausstreckt; er weiß gar nicht, wie man die Finger
+biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft
+hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.«
+
+»Und so einer kommt vom Land!«
+
+»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Bürschlein alles nur
+auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch
+kann.«
+
+»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.«
+
+»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer oder gar einen
+Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da – an was sollte
+es fehlen!«
+
+Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann am Frühstückstisch.
+»Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die
+Schlafpulver geholt hat?« fragte er den Apotheker.
+
+»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?«
+
+»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.«
+
+»Warum sollten sie nicht?«
+
+»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor Schmerzen nicht
+geschlafen habe.«
+
+»Ja, und?«
+
+»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut
+geschlafen hätte.«
+
+»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.«
+
+»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke
+geben kann!« sagte Hermann.
+
+»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fünfundzwanzig Jahren
+daran gewöhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit
+seiner Mittel.
+
+»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein Mittel entdecken!«
+fuhr Hermann fort.
+
+Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes Rufen, das von dem
+Mädchen draußen zu kommen schien. »Was hat doch die Mine,« rief Frau
+Mohr lebhaft aufspringend, »es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe
+riefe,« und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mädchen.
+Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Türe und rief ihrem
+Mann zu: »Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt,
+nun hat sie einen Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller
+kriechen die Blutegel umher.«
+
+»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich denn tun? Ich bring
+ihn nicht weg.«
+
+»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder Asche her.« Im Nu
+brachte Frau Mohr die Salzbüchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel
+gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden.
+
+Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu
+Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen
+gelassen?«
+
+»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.«
+
+»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf.
+Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft
+zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im
+Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn
+die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von
+selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen.
+
+Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings
+erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen
+müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im
+Glas, bis Hermann einen herein brachte.
+
+Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr
+ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht
+viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden,
+das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf
+allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber
+das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an
+Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit
+einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat
+nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an _einem_
+Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit
+ansehen.
+
+»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir
+zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach,
+siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem
+Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann,
+kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann,
+komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen
+sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins
+Zimmer. Hermann schaute – aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund
+herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.
+
+»Was meinen Sie?«
+
+»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie
+aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft
+die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß
+tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein
+Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann
+seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker
+die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun
+sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf
+den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere
+geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem
+Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen
+mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es.
+Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden
+Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei
+der Inspektion getadelt wird.«
+
+»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine
+Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist
+und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das
+Staubtuchkörbchen.«
+
+Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste
+Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau
+Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es
+wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz
+hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich
+nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der
+Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen
+daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit
+herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim
+hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt – in _einem_ Tage
+lernt sich die Ordnung nicht!
+
+Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt
+worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am
+Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch
+war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke
+auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im
+Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf
+Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde
+im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan
+mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten
+Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem
+Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.
+
+»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff.
+Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die
+Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der
+Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und
+unfreundlich: »Geh’ hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann
+sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile
+verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst
+du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um,
+schnell!«
+
+Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen
+sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie
+gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst
+verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung
+vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her,
+warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder
+herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu.
+Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich.
+Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem
+Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends
+versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde
+freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts,
+gar nichts konnte er ihm anvertrauen!
+
+Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren
+an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als
+ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte
+Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In
+langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und
+Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die
+Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren
+Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich
+drängten und schoben.
+
+»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie
+voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach
+Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben,
+einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter
+in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger
+Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm
+zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter
+weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu
+Hilfe zu kommen.
+
+»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst
+das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette
+ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang
+Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen
+verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit
+frischen.
+
+Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht
+mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl
+alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die
+Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das
+ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon
+abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer
+am Mittagstisch saßen.
+
+Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die
+Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in
+der Apotheke.
+
+»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach
+zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau
+beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch
+etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen
+gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.«
+
+»War er wieder so ungeschickt?«
+
+»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein
+Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine
+Kleider – –«
+
+»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein
+nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf
+hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt
+hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht
+aufzuregen, jetzt muß ich dir’s doch sagen: einen eisernen Kloben hat er
+in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit
+den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das
+Staubtuchkörbchen gehängt!«
+
+»Das ist stark!«
+
+»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode – –«
+
+»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen.
+Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem
+Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst
+könnte mit heimfahren.«
+
+»Hast du es dem Jungen schon gesagt?«
+
+»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu
+sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die
+größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist’s am besten, man schickt
+ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.«
+
+»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich
+gemacht hat.«
+
+»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß
+er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein
+eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur
+gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.«
+
+In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da,
+wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern
+gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben,
+so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie
+könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das
+wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf
+ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?«
+
+»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden.
+
+Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.
+
+»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir
+zu leid.«
+
+»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die
+Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im
+Gegenteil!«
+
+»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,«
+sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde
+aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit.
+
+Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er,
+»daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.«
+
+Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«.
+
+»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das
+Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert
+man sich ganz, wenn man’s auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife
+gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?«
+
+»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die
+Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören
+sollte, Lehrling zu sein.
+
+Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er
+auf, wieder in das Geschäft zu gehen.
+
+»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den
+kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe
+zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich
+finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften
+studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht
+Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des
+Apothekers.«
+
+»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich
+will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere
+Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.«
+
+»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den
+Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum
+Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?«
+
+»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei
+Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.«
+
+»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß – ich kann dich
+nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen,
+der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um’s kurz zu machen, kehre
+du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß
+ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch
+nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid,
+Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb
+gewonnen.«
+
+Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr
+sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich
+wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er
+Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich
+will mir alle Mühe geben.«
+
+»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber
+ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so
+viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im
+Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der
+Apotheke.«
+
+»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte
+ich nicht.«
+
+Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau
+Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel
+weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du
+meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im
+Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift
+in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im
+Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar
+nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner
+Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne
+Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht
+wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der
+Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht
+so schwer, lieber Junge!«
+
+Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den
+Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er
+nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte
+der Knecht später holen.
+
+Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten
+Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht
+nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so
+hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den
+Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße,
+seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes
+freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der
+schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er
+eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn
+liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne
+jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den
+ersten Schmerz gebracht.
+
+Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf
+den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem
+Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren
+war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch
+mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem
+Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die
+Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen
+sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn
+fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?«
+
+»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein
+schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit
+der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.«
+
+»Was hat’s gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an.
+
+»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet,
+und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das
+ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre,
+fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen
+Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt
+schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht
+verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr.
+
+»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie
+alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach
+fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«
+
+»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das,
+ich kann eben kein Apotheker werden.«
+
+Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf
+brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker,
+der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach
+und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe
+die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.
+
+Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und
+versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte
+Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist
+nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles
+im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen
+zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im
+Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!«
+
+»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man
+in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«
+
+»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann
+ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken
+mitgebracht hättest, so wär’s vielleicht doch anders gekommen, die Frau
+Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für
+dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf
+die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich
+nicht fort!«
+
+In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen,
+was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium
+schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so
+war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub’ ist ganz
+verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker,
+er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.«
+
+»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten
+dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders
+gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und
+sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr
+Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich
+doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre
+Entgegnung.
+
+So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger
+benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien
+am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht;
+und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den
+Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast’s jetzt verwunden?«
+fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen
+die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben
+wir.«
+
+»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer
+noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!«
+
+»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt’
+ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?«
+
+»Nein, aufs Feld wollt’ ich nicht, bloß daheim bleiben.«
+
+»Faulenzen? Oder was? Red’ deutsch, Hermann.«
+
+»Ich weiß halt schon vorher, daß dir’s gar nicht recht sein wird, Vater,
+aber einmal muß ich’s ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich,
+mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden
+kann.«
+
+»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein
+zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch
+gehört, daß du nicht taugst dazu, hast’s ja selbst gesagt!«
+
+»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und
+sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein
+Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles
+einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen,
+mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen
+lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen
+dürft’ mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt’ ich mich
+einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis
+Herbst, Vater, und wenn mir’s dann nicht gelingt, will ich selbst nicht
+mehr.«
+
+»Also versuch’s,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und
+verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir
+das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt
+werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie
+der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.«
+
+»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich
+lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir’s nicht
+einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!«
+
+»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den
+Heimweg ein.
+
+»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger
+vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von
+neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte.
+
+Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und
+niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen;
+denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge
+studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und
+Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe;
+als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe
+hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der
+junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache
+mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon
+all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand
+gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der
+Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie
+gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und
+eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde.
+
+Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter
+stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben
+sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr
+jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht
+verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich
+an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging
+und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und
+ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater
+gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die
+Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles
+blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur
+Bodenkammer, alles rein.«
+
+»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das
+macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und
+machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer.
+»Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles
+will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß
+ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur
+nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in
+acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir
+anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken
+hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das
+darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit
+ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die
+packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.«
+
+Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr,
+Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan
+werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen
+treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit;
+sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur
+als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit
+erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor,
+der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt
+überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.«
+
+Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer.
+»Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte
+die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde
+von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände.
+
+Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die
+Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein –
+Sandkörnchen waren es – die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen
+gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und
+gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder.
+Er war bekümmert darüber.
+
+»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh,
+so kann ich’s auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach.
+Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine
+zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich
+weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann.
+
+»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da
+machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die
+Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel
+zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so
+ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten
+es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen
+lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch
+saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das
+Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt.
+
+Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich
+Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er
+ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit
+Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und
+Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen
+konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst
+reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser
+gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War
+das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren
+sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden.
+Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand
+schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große,
+schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren
+vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die
+Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der
+Hand.
+
+So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen,
+mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich,
+im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in
+der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein
+Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger.
+
+In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr
+Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich
+nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen
+Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte
+Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise
+erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig
+die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was
+würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war
+nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem
+»Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht.
+Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein
+Arzneigläschen ein. »Vater, du bist’s?« sagte er. »Ich bin ganz
+erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.«
+
+»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht
+recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?«
+
+»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist’s vorbei. Ich bin ganz wach, Vater,
+und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber
+hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der
+Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber
+sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band
+es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so
+schlaftrunken wie die ersten Male.«
+
+»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas
+kann ich nicht haben.«
+
+»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,«
+sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder
+aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das
+zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah
+wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag
+Hermann schon wieder im Bett.
+
+Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe
+hinunter. »Dem ist’s ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist’s bitter
+ernst, der wird Apotheker.«
+
+Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er
+auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns
+Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie
+den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die
+manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach
+der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde
+zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und
+zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und
+vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von
+der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich
+in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten
+voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen
+Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im
+Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?
+
+»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen
+sorglich die Mutter.
+
+Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den
+Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die
+Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen
+gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger
+saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich
+liegen.
+
+»Nun, Hermann, wie steht’s jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre
+vorbei. Länger kann’s bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß
+etwas geschieht.«
+
+»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich
+mich als Lehrling antragen könnte.«
+
+»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der
+Hauptstadt.«
+
+Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag
+nicht recht war. »Nun, was gibt’s? Paßt dir’s wieder nicht? Du wirst
+nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?«
+
+Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.«
+
+»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu _dem_ Mann, der dich
+so schnöd aus dem Haus gejagt hat!«
+
+»Nein!« sagte der Vater, »zu _dem_ gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich
+zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange
+gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden’s nicht
+erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer
+noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte
+diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für
+seinen Mann!
+
+»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis
+zuletzt; in aller Liebe hat er mir’s gesagt, daß er mich nicht brauchen
+könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war _zu_
+ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde
+zutage kommt. Ihm danke ich’s, daß mir die Augen darüber aufgegangen
+sind, was mir fehlt, und jetzt könnt’ er mich brauchen. Und die
+Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele
+gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab,
+von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere
+Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter
+Mann, bei dem könnt’ ich etwas lernen!«
+
+Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne
+und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester
+fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach,
+gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt
+ist näher als die Hauptstadt.«
+
+Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,«
+sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.«
+
+»Hermann, glaub’ mir’s,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort
+nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der
+in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.«
+
+»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben,
+zwei können sie nicht brauchen.«
+
+»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe,
+der geht aber bald.«
+
+»Du weißt’s ja sehr genau, woher denn?«
+
+»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen
+müssen, wie es in der Apotheke steht.«
+
+»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort
+frage ich nicht an.«
+
+»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht,
+so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.«
+
+»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!«
+
+»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau
+Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was
+meinst du?«
+
+»Ich glaube, das macht’s nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar
+nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine
+Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.«
+
+»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die
+willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter.
+
+Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die
+Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen
+sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.«
+
+»So laß ihn’s mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat
+seine eigene Art. Du würdest’s mit Butter und Rauchfleisch probieren, er
+meint’s mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll’s versuchen,
+gleich morgen.«
+
+Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten
+Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten
+Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte
+Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er
+die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab
+es kein »zurück«.
+
+»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn’s nun fehl schlägt, so nimm’s nicht
+schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines
+reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging
+und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?
+
+Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein
+kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher,
+der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann
+nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen
+Furcht und Hoffnung schwankend.
+
+An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im
+Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum
+erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal
+hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher.
+
+Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der
+Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging
+er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den
+Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen
+und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie,
+führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker
+auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar
+Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich
+losgelassen hat!«
+
+»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr,
+während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit
+freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie,
+»immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind
+wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer
+sehe?«
+
+Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles
+auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er
+sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann
+allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen.
+Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen,
+wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte,
+nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn
+sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt
+voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie – es waren wohl
+viele Hunderte – über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte
+lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen
+umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den
+Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund?
+Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht
+entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker
+mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und
+als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn
+vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam
+ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des
+Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt,
+denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was
+haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf
+den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die
+Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es
+ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im
+letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen
+können!«
+
+Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er,
+der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das,
+was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der
+Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und
+sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das
+Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen
+freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht
+gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht
+vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade
+nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat.
+Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte
+der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem
+Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt
+gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann
+gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die
+Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und
+einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner
+Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit
+beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages
+die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank
+seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der
+Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen
+vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und
+nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber.
+
+»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker.
+
+»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da
+fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine
+Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker
+und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.«
+
+»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer
+das Gefühl, sie sei gekränkt.«
+
+Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die
+Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt
+gehe ich heim.«
+
+»Jetzt gerade?« fragten sie ihn.
+
+»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da
+draußen ist’s lustig jetzt.«
+
+War’s draußen oder war’s drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen
+am ersten Oktober,« sagten sie zueinander.
+
+Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an
+dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen
+wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie.
+
+»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber
+solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon
+getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!«
+
+»So hätte er doch studieren sollen.«
+
+»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der
+Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der
+sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.«
+
+Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in
+dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er
+sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein
+Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt
+nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann’s sein? Wer kommt?« fragte die
+Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief:
+»Der Lehrling von der Adlerapotheke!«
+
+
+
+
+Bei der Patin.
+
+
+I.
+
+»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.
+
+»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite.
+In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher
+Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein
+Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme
+wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich
+schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden,
+sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber
+heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles
+gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht
+einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.
+
+»Mir ist’s gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,«
+sagte Heinrich.
+
+»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit
+Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht,
+wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad.
+
+»Das _müssen_ sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus
+vertreiben!«
+
+»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die
+Haushaltung führen?«
+
+»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule
+und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige
+Schwesterchen, fünf Jahre alt.
+
+»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht
+nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es
+gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo
+meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?«
+
+»Zu irgend welchen Verwandten.«
+
+»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal
+lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch
+den und nicht Onkel Kuhn?«
+
+»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat
+Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach
+des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine
+Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.«
+
+»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat
+selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich
+Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz
+anders, die erinnert mich so an die Mutter!«
+
+»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.«
+
+»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben
+wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und
+Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei
+beisammen bleiben.«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »und das _müssen_ sie uns erlauben.«
+
+Es schlug zwölf Uhr.
+
+»So spät schon,« sagte Konrad.
+
+»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem
+Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide
+Brüder schliefen.
+
+Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie
+es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal
+entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund,
+Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau
+Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte
+sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu
+sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu
+erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch
+war es neben der großen Knabenschar nicht möglich.
+
+Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei
+Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine
+Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein
+Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen
+aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche
+Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie
+seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem.
+»Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du
+dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit
+deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast
+Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine
+Eltern haben ja genug hinterlassen ...«
+
+»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein
+Stahlhammer.
+
+»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr
+Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.«
+
+»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen.
+
+»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust
+du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was
+ist der Grund?«
+
+»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung
+gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug
+darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung
+erleben.«
+
+»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und
+wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber
+seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit
+Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht
+an mich an.«
+
+»Unsinn, darauf kommt’s nicht an; du hattest damals solch törichte
+Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen.
+Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären
+sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine
+Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir
+hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen,
+und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und
+breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer
+soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen
+Junggesellen, nicht zumuten?«
+
+Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu
+werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich,
+»dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu
+nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.«
+
+»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann
+man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich
+erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die
+Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug
+heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das
+Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei,
+aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu
+seiner Patin reisen sollte.
+
+Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde
+beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es
+ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die
+nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus.
+
+Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war,
+verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen
+Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach,
+und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch
+bei uns aufnehmen!«
+
+Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die
+Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?
+
+Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die
+Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens,
+wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder
+abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte
+wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit
+Kindern!«
+
+
+II.
+
+»Wach’ auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? Wach’ auf, wach’
+auf, ich sage dir etwas.«
+
+Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen in aller Frühe Rike,
+das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen
+auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon
+die Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule und so
+hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für sie etwas ganz
+Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich für ihr
+Alter, ein herziges Mädchen, der Liebling von allen im Haus und selbst
+voll Liebe für alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?«
+fragte die Kleine ganz neugierig.
+
+»Steh’ nur geschwind auf, ich sag’ dir’s schon, Herzenskind. Aber wir
+müssen schnell machen,« und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter
+war, beim Waschen und Ankleiden.
+
+»Aber jetzt sag’ mir doch, Rike, was es gibt?« fragte Klärchen.
+
+»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du
+sollst mit seiner Schwester abreisen.«
+
+»Mit meiner Patin?«
+
+»Ja.«
+
+»Warum denn?«
+
+»Weil die Mama gestorben ist.«
+
+»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?«
+
+Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort darauf, sie knüpfte
+eifrig Klärchens Stiefelchen zu und beugte sich so darüber, daß
+Klärchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen
+herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen
+sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden
+Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, du bist traurig
+wegen der Mama.«
+
+Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem Kleid, ließ sie
+hineinschlupfen und sagte dann: »Komm nur schnell, ich habe dir schon
+dein Frühstück gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.«
+
+»Wo ist der Konrad und der Heinrich?«
+
+»Die schlafen noch.«
+
+»Gehen sie denn nicht mit mir?«
+
+Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln.
+
+In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. Rike sah
+hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst
+herunter kommen, es sei höchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und
+deinen Hut!«
+
+»Aber ich soll doch mit der Patin?«
+
+»Die wird am Bahnhof auf dich warten.«
+
+Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter.
+
+»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.«
+
+»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.«
+
+»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang hinüber in das
+Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die nachts so spät eingeschlafen
+waren, noch schliefen. »Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur
+Patin,« rief sie, aber noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die
+Hausglocke noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt
+hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.
+
+Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses Gesicht, und als
+Rike vollends das Kind noch an sich drückte und ihm unter lautem
+Schluchzen lebewohl sagte, rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind
+das Herz noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und
+führte es in großen, eiligen Schritten nach der Bahn.
+
+Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen
+bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum
+hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht früher
+geweckt?«
+
+Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen habe, sie nicht
+zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen
+Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten
+Rike und Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein Balsam
+war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz unerwartet in aller Frühe
+die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der
+verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie
+es stand: daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und
+Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir’s gedacht, wie es euch
+ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frühe schon zu euch
+gekommen. Ich hätte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er
+die Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und da konnte
+ich nichts machen.«
+
+»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« fuhr Heinrich
+auf, »uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!«
+
+»Der Kleinen ist’s vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,«
+begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so traurig, als wenn sie euren
+Schmerz gesehen hätte.«
+
+»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint hat sie und so
+gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie ein Lämmlein zur
+Schlachtbank.«
+
+»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte lächelnd die Tante,
+»mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.«
+Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein
+Täßchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich
+allmählich beruhigten.
+
+»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« fragte Konrad;
+»können wir im Haus bleiben?«
+
+»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, daß ihr in einer
+Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber
+gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und
+ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber
+wir können es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt
+das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine
+drei Buben und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.«
+
+Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und dankte ihr für ihre
+Güte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klärchen
+wäre es doch nicht mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch
+einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt ihr; es ist nur
+ein halbes Stündchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fuß; da könnt
+ihr Sonntags Klärchen besuchen.«
+
+»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur die Patin so wäre wie
+du oder die Mutter, dann wäre ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie
+ist so ganz anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.«
+
+»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die Patin; sie tut sehr
+viel für Arme und Vereine, da muß sie doch ein gutes Herz haben, und
+Klärchen wird das schon herausfühlen.«
+
+»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?«
+
+»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und hier die Haushaltung
+aufgelöst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb
+bei eurer Rike.«
+
+Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurück, das ihnen ganz
+verändert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des
+Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten
+sich selbst sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben.
+
+
+III.
+
+Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer,
+unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses.
+»Ist’s wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht
+hat, das ganz bei euch bleiben soll?«
+
+»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines
+nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem
+schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem
+leid, so früh verwaist.«
+
+»Nun, es wird’s gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.«
+Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht brauchen, es muß mir
+wieder fort aus dem Haus.«
+
+»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!«
+
+»Freilich ist’s mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie
+bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der
+Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo
+ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das
+Kind übergibt?«
+
+»Es ist wahr, so gut hast du’s dann nimmer wie bisher, aber du wirst’s
+nicht ändern können.« – »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon
+einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!«
+
+»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?«
+
+»Behüt’ mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil,
+ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es
+anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht,
+du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein
+Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese
+Zeit, so ist’s eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!«
+
+Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber
+das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der
+Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort
+gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die
+Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu
+schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als
+die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern
+unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir
+eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr
+Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht
+auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst
+wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß
+sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett
+gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins
+Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob
+sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das
+erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und
+Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der
+Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch
+nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du
+Heimweh hast, dann sag’ du’s nur immer mir, vor der Patin sei ganz
+still.«
+
+Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das
+Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange
+Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese
+dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser
+versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in
+das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche,
+unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so
+köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!«
+
+Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue
+Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig
+umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes
+Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten
+Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme
+mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen,
+Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem
+Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr
+Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es
+mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken
+auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des
+Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde
+sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand
+und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und
+ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen
+hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so
+recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie
+Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er,
+»du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage:
+Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder
+sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich
+sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein
+und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares
+Kind, verstehst du das?«
+
+»Ja,« antwortete leise die Kleine.
+
+»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.«
+
+»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz
+ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und
+fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem
+sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas
+wie Liebe und Dankbarkeit.
+
+»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben
+wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.«
+
+»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die
+Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und
+hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.«
+
+»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu
+sich genommen.«
+
+»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte
+Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und
+die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der
+Vormund verlangt hat.«
+
+
+IV.
+
+Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und Tante eingewöhnt.
+Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher
+wünschten sie auch ihre Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen,
+von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund
+hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht
+besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den
+Trennungsschmerz schon überwunden und sich in die neuen Verhältnisse
+eingewöhnt hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen
+erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den ihnen der Besuch in
+dem Städtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich
+die treue Tante danach, durch die Brüder Nachricht von der kleinen
+Nichte zu erhalten.
+
+Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch
+auf den Weg und kamen nach einem tüchtigen Marsch in dem Städtchen an.
+Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts
+vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung des Kindes und
+gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, etwas für den Empfang der
+jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste
+erwartet wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie wollte
+die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange,
+so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an
+den Hüten und Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien.
+Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen
+spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich weiß etwas, das dich
+freut,« und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brüder
+waren inzwischen schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen
+erkannte sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd
+entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und in Erinnerung
+ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Tränen über, zur
+großen Bestürzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf
+dem ganzen Wege ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß
+das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh nach Ihnen, und es
+ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute
+kommt!«
+
+»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad bekümmert.
+
+»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. Ein Kind gehört
+zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen
+Fräulein, die überdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.«
+
+»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief Heinrich und bemerkte
+in seiner Erregtheit nicht, wie der ältere Bruder ihm zu bedeuten
+suchte, daß es nicht passend sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen.
+»Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete
+Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das noch lange
+dauert, so wird es noch krank werden.«
+
+Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so
+frisch und blühend wie früher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und
+jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn
+zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor:
+es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu bedauern sei.
+
+Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen,
+waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie
+bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei
+Geschwister in das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich
+gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre
+Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick
+auf Klärchen zeigte ihr, daß diese geweint hatte. Auch klammerte sie
+sich fest an den Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher
+feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der
+Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen
+der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich
+schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den
+ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klärchen
+hätte im Glück über das Wiedersehen mit den Brüdern wohl alles andere
+bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr
+zuzuflüstern: »Mußt recht traurig und still sein, dann nehmen dich die
+Brüder vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche
+Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie gar sonderbar
+verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends
+von der kleinen Schwester.
+
+Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden
+Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig
+zumute, daß er fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich
+hatte um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante
+sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen sei. Er
+schilderte das Wiedersehen auf der Straße, die Tränen der Kleinen, ihr
+verändertes Aussehen, den Bericht des Dienstmädchens und die große,
+ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und
+nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.
+
+»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf Konrad dazwischen,
+»sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.«
+
+»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer unserer
+Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen ist, wer weiß, was sie ihr
+da tut!«
+
+»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte:
+»Sie ist gewiß nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie
+gehalten.« Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gespräch:
+alle waren voll Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante
+sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun kommt ja bald
+Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf längere Zeit zu uns einladen
+und ihr recht viel Freude machen.« Damit waren nun alle einverstanden
+und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu Weihnachten
+bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins
+Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, was ihr die Mutter zu Weihnachten
+machen wollte; wenn du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr
+Herzenswunsch erfüllt.«
+
+»Ja, was ist’s?«
+
+»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb – ich glaube wirklich so lieb wie
+uns; und für die möchte sie so ein Wickelkissen, wie’s die ganz kleinen
+Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.«
+
+»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr bringt mir einmal das
+Längenmaß der Puppe, dann soll’s ein echtes Wickelkind werden.«
+
+Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für Klärchen beruhigten
+sich die erregten Gemüter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie
+kannte sich aus bei ihrer jungen Schar.
+
+
+V.
+
+Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei
+Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die
+Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in
+dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem
+Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes
+Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen
+Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun
+hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen
+übertragen – hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause –, aber es fand
+sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso
+glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde;
+sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um
+den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am
+Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens
+vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte.
+
+Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren
+Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine
+aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre
+Freiheit hätte.
+
+Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah
+hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß
+voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn’s schneit, ist Weihnachten
+nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind
+auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor,
+zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und
+Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran.
+
+»Mine,« fragte sie, »wie ist’s denn hier an Weihnachten?«
+
+»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.«
+
+»Und dann?«
+
+»Und dann im Spital.«
+
+»Und dann?«
+
+»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still.
+Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu
+dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne
+Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist
+du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt:
+›Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?‹ Aber jetzt haben wir keine
+Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen ›Herzkind‹ und sie kann dir
+keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du
+undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter
+und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren.
+
+Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,«
+sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den
+Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen
+Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es
+lustig zu, aber hier ist’s langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern
+an Weihnachten?«
+
+»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast
+doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!«
+
+»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.«
+
+»Sagst du’s nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich.
+»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht
+schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne
+Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß
+Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich
+nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht
+würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den
+Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem
+Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht
+nettes, grünes Bäumchen.«
+
+An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine
+Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei
+verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten.
+Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die
+Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest
+in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen
+Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde;
+sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der
+gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen
+Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig
+verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach
+gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte,
+daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach,
+die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den
+nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und
+gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein
+half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung
+bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin
+schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder
+für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_
+Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?«
+
+»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie
+doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen
+Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein
+Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich,
+daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch
+wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann’s ja
+ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter
+andere Kinder.«
+
+Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte
+sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern
+darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist’s
+ausgemacht mit deiner Tante.«
+
+Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind
+noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl,
+daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg,
+und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder
+war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante
+konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die
+Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem
+sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die
+Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der
+Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal
+nach seiner Nichte zu sehen.
+
+Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große
+Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital
+machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,«
+sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir
+auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder
+bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden,
+schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert.
+Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe.
+Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch.
+Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da
+kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen.
+»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?«
+
+»Nein, sie ist fort.«
+
+»Mit meiner kleinen Nichte?«
+
+»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst
+ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!«
+
+»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?«
+
+»Ach, da kann’s leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei
+sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die
+Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im
+Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick.
+
+Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel
+gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama
+aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte!
+
+»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau
+zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und
+sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu
+Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer.
+Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum
+zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das
+Christkind schon beschert?« fragte er.
+
+»Ja, sieh nur, ein Hemd.«
+
+»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?«
+
+»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte
+ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche
+schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen
+Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese
+Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war
+unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen
+ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem
+Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind
+hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den
+Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben,
+das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig!
+
+»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme
+dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er
+zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es
+mitnehmen, ich bin sein Onkel.«
+
+Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war
+ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber
+Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die
+Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die
+Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme
+Ding!«
+
+»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine
+Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich
+sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen
+wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den
+Zug noch erreichen.«
+
+Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.
+
+»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus
+dröhnte.
+
+»Was ist’s?«
+
+»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie,
+Klärchen?«
+
+»Sie schläft in meinem Bett.«
+
+Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich
+an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm
+noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe
+unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.
+
+Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn
+man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?«
+
+»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir
+folgen.«
+
+Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen
+Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen
+aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war.
+
+Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben
+die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein
+Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht
+gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast.
+Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas
+vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch
+erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen
+möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?«
+
+– – Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau
+Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei
+ihrer Heimkehr – um acht Uhr war es – vernahm, daß ihr das Kind
+weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet
+und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu
+ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur
+recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und
+das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu
+werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß
+sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß
+es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt
+eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es
+lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise
+empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in
+ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den
+Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von
+Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung.
+
+Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes
+Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis
+hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit
+einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein
+Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn
+Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren!
+Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus
+dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind
+nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie
+ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das
+Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es
+doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie
+doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich
+dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen.
+
+Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei
+dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein
+empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm
+etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor,
+und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so
+hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich
+das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen.
+Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten,
+wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht
+sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das
+war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen
+mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor
+Kuhn aufzusuchen.
+
+Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt
+mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu
+Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als
+Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte
+er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester
+verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie
+nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und
+Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an
+Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der
+Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war.
+Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf
+seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir
+leid.«
+
+»Ob’s Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er
+gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für
+sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen
+Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute
+nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte
+nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?«
+In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches
+Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr
+kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was
+die beste Strafe für den Professor war.
+
+Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du
+hierher kommst?«
+
+»Nein,« sagte erschrocken die Kleine.
+
+»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er
+eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese
+Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.«
+
+Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt.
+So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte
+der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach
+ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.
+
+»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch
+ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die
+kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und
+Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der
+Eisbahn.
+
+Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz
+unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?«
+Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«
+
+»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger,
+»von dem war schon oft die Rede.«
+
+»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch,
+lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten
+hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem
+Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und
+das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang
+eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß
+Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem
+großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im
+Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die
+Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar
+Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch
+gereicht wurden.
+
+Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag
+ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner
+Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu
+sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der
+Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite
+Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.
+
+»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen,
+das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie
+nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich
+Klärchen sein.«
+
+In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu;
+aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr
+das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen
+Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt
+werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es
+ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es
+wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was
+du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf
+seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den
+Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so
+schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch
+hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm
+mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in
+der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die
+Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter
+hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand
+nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich
+unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee.
+Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der
+Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur
+vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück,
+ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;
+jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war
+dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke
+Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er
+ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie
+weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte
+er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir
+gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war
+eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab,
+der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter
+Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter
+durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es
+verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen
+Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.«
+
+
+VI.
+
+Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung
+seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der
+Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft
+hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr
+erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer
+keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das
+Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort
+kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging,
+als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind
+zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch,
+von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte
+er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so
+frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch
+diese unangenehme Sache.«
+
+Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste an, den übelgelaunten
+Bruder und dann das Kind. Da kam es zurück nach zwei Tagen, stand da
+fremd und verschüchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen
+erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den
+Mantel ausziehen.
+
+»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, »das Kind kann
+sich wohl selbst bedienen.«
+
+Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine in das Schlafzimmer,
+ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es
+vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen
+in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund zu seiner Schwester
+sagte: »Das Kind macht mich nervös mit seinem ewigen Geheul, kannst du
+nicht Maßregeln treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie
+sollte die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte nicht
+anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den
+wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine
+allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich
+fallen lassen, im kalten Schnee liegt’s auf seinem Gesicht und friert!«
+
+»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das Mädchen, »warum hast
+du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?«
+
+»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind.
+
+»Sag’s nur niemand, daß du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir’s
+schlecht! Schlupfe unter die Decke, daß man dich nicht weinen hört; so
+ist’s recht, jetzt schlafe!«
+
+Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Fräulein Stahlhammer:
+»Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das
+Haus verlassen hat?«
+
+»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie
+unglücklich es ist. Und überdies ist es nur natürlich, daß es seinem
+Onkel gefolgt ist.«
+
+»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf ohne deine oder
+meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so weiß es das für künftige
+Fälle. Das wirst du mir zugeben?« Und als seine Schwester nicht gleich
+Antwort gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du
+vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser
+ein?«
+
+»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen dafür nicht strafen; du
+kannst das Kind wegnehmen, – ich habe es ja nie gewollt – aber wenn du
+es bei mir lassen willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein
+Herz treibt.«
+
+»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du läßt dich nicht
+belehren. Statt Gründe vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So
+sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter
+einmischen, nur an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge
+wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen
+wurden.«
+
+»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge muß sein.«
+
+»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem
+besonderen Fall durchaus nicht für angemessen hältst, so will ich da
+nicht eingreifen.« So klang die Unterredung noch versöhnlich aus. Ein
+paar Stunden später war der Vormund auf der Heimreise begriffen.
+
+Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir uns jetzt nach ihrem
+verlorenen Wickelkind umsehen.
+
+Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, während Herr
+Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie
+öffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte
+vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte,
+waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg und der schwache Ruf
+der Frau wurde vom Wagengerassel übertönt. Ein kleiner Junge sprang
+vorüber. »Reich’ mir die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam
+das verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche Zurückschauen
+Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie
+sich auch immer wieder sagte: »Ein dummes Dinglein ist’s gewesen, daß es
+seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie
+sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine
+Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstraße
+5 p.«
+
+Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den
+Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort »Wickelpuppe«. Sie hatte ja
+erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen
+in der Eile wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie traurig,
+wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! Wo hatte man die Puppe
+gefunden? In der Bahnhofstraße. Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund
+gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag
+durch die Bahnhofstraße getragen wurden! Oder sollte es gar die von
+Klärchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß
+hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte
+kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, als auch Heinrich
+schon davonrannte nach der Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer
+Zeit mit dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, die
+den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe springen sahen,
+beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewöhnliche
+Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes,
+war Klärchens Ein und Alles!
+
+In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung allgemeine
+Entrüstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte
+bei Konrad ein Entschluß. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und
+dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Fräulein
+Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am
+heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag
+machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen.
+
+»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen
+heißen,« meinte der Onkel; die Tante fürchtete, der Vormund werde es
+nicht billigen; Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber
+zubringen würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen wäre es von
+Wert gewesen, Näheres zu erfahren über Klärchens neue Heimat, und so war
+das Ende der Beratung doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort sein
+Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen und machte sich auf
+den Weg.
+
+An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß es der Patin auffallen
+mußte, denn sie war gewöhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe
+beschäftigt zu sehen. »Wo ist denn heute deine Puppe?« fragte sie.
+Klärchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu
+sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein Stahlhammer,
+»wo hast du sie denn?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen.
+
+»So suche oder frage Mine danach.«
+
+Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt
+nach der Puppe?«
+
+»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.«
+
+»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, wo sie ist.«
+
+»Dann sagst du wieder so.«
+
+Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es
+endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im
+Begriff, einen Ausgang zu machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht
+mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast du die
+Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht?« Die Kleine war
+in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, daß etwas nicht in
+Richtigkeit war. »Nun sag’ mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug
+die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.«
+
+Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind will mir nicht sagen, wo
+die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?«
+
+»Ach, das arme Wurm getraut sich’s nur nicht zu gestehen, sie hat ja
+die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.«
+
+Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das Kind hatte Mine ihr
+Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal
+mußte Strafe sein; das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind
+nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine
+einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen war deutlich auf dem
+Gesicht geschrieben. »Klärchen,« sagte die Patin, »warum hast du mir
+nicht gesagt, daß du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt:
+ich weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich,
+so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn
+ein Kind so böse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf
+gesetzt.« Mit diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine
+Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an
+der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ängstlich an die
+Wand und wagte gar nicht, von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst
+du nun sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, daß du
+ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen Kinder werden da
+oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch
+ganz unartig und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein
+willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich
+heimkomme, hebe ich dich herunter.«
+
+Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin ging. Draußen
+sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank
+gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen
+Sie sie herunter, aber früher nicht.«
+
+Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da
+saß die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrückt. Mine fühlte
+sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine
+aus ihrer Lage erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,«
+sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt
+sie.«
+
+»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« sagte Klärchen.
+»Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, die Patin hat’s gesagt. Gelt,
+ich bin jetzt brav? Ich lüge jetzt nicht und ich lüge auch das
+nächstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich
+gar nicht fallen?«
+
+»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie hatte wirklich
+Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann
+komme ich gleich wieder herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er
+gerade in _diesem_ Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; er
+sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das
+konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie
+führte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er
+sein Klärchen in solcher Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn
+hereinkommen sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu
+rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« sagte Mine,
+»zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, daß
+Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,«
+und sie eilte in die Küche.
+
+Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien könne,
+denn er war empört, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er
+nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß
+bleiben,« sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß
+ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« fragte Konrad,
+und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: »Gelogen!«
+Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem
+Wickelkind,« sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,«
+und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten
+Trost. Schnell packte er sein kleines Ränzchen aus und hob hoch in die
+Höhe, daß es Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene
+Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich
+vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und winkte zärtlich mit den
+Händchen. »Warte, ich bringe dir’s.« Mit diesen Worten zog Konrad einen
+Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und
+nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den
+Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter
+sie, und so beschützt fühlte sich die Kleine ganz glücklich; streichelte
+bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm
+die brüderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.
+
+Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, kam Fräulein
+Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie
+hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine
+Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie
+beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem
+Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen und öfter als einmal ihr
+Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht
+herunterfallen. Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu
+sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre
+Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich hätte nicht fortgehen
+sollen,« sagte sie sich, »aber meine Mutter ist auch einmal
+fortgegangen.« Ja, Fräulein Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder
+war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft
+ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die
+Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis
+Abend ausharren müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? Wie
+würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg sie die Treppe
+hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete mit wahrem Herzklopfen die
+Türe des Zimmers. An viele Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an
+_die_ nicht, daß statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen
+würden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die
+ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da
+in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht
+engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter
+auf den Tisch, von da auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und
+sagte: »Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und habe sie
+Klärchen hinaufgereicht.«
+
+Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur glücklich gewesen, daß
+sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Hätte
+lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klärchen so getroffen. Was wird
+er denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in Strafe,« sagte
+sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will
+jetzt gewiß wieder brav sein,« fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend
+und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich
+bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, »der Schrank hat
+auch gar nicht gewackelt.«
+
+»So ist’s recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde,
+»dann komm, mein Kind!« Und sie faßte Klärchen und hob sie herunter.
+
+Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein Stahlhammer lud Konrad zu
+Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht über die
+Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er wie ein
+Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit bei Fräulein
+Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein
+zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkürlich zu Hilfe.
+
+»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie und rückte ihren
+Stuhl ganz dicht an den seinigen.
+
+»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, »sonst dürfte
+er’s wohl.«
+
+»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« sagte er, sich an die
+Patin wendend, »dürfte ich einige Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer
+schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr
+einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein
+Kind zu ihr gekommen.
+
+»_Warum_ möchtest du da bleiben?« fragte sie und sah ihn fest dabei an.
+Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er
+möchte dahinter kommen, wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das
+harte Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. Er
+geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht
+angeben, Ausflüchte zu machen war er nicht gewöhnt. Aber Fräulein
+Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und
+fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, du kannst
+hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante können auch
+selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben länger da als
+wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und
+dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.«
+
+Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über des Bruders längeren
+Besuch voll Fröhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wäre das
+Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen.
+
+Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; es lag ihrem Wesen
+fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen
+eher weniger herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es
+seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die
+Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der
+Kleinen das Herz auf, und allmählich kam alles zu Tag, was sie erlebt
+hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man
+nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch daß Mine oft
+fortging und Klärchen ganz allein zu Hause ließ, kam unter dem Siegel
+der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht
+Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so
+wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einfluß
+ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem
+Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorüber waren, von der
+Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe er
+sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, fröhlichen
+Familienkreis heimkehren durfte.
+
+Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschluß gefaßt.
+Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten zurückkäme, so wollten sie an
+Ostern, wo einer ihrer Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten,
+Klärchen zu sich zu nehmen.
+
+Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, und gleich
+der Beginn seiner Erzählung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe
+getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe
+einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und als er noch den
+zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an
+den Vormund zu schreiben. Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er
+sich erbot, Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei
+Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wären wohl am
+glücklichsten, wenn sie beisammen wären.
+
+Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der Brief ankam. Er erbrach
+ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim
+Durchlesen. Am nächsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und
+legte den Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit dem Kind
+ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer las den Brief. Der
+Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr
+weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht
+selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß diese Familie es
+ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm
+zugetraut, daß er Gutes berichten würde. Er kam ihr falsch vor. »Was
+soll ich den Leuten antworten?« fragte ihr Bruder.
+
+»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein Stahlhammer bestimmt.
+
+»Dauernd?«
+
+»Ja, dauernd!«
+
+»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid
+geben und dann wird hoffentlich von dem Mädchen nicht mehr gesprochen,
+bis es konfirmiert ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände
+man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwärts
+und schrieb ganz artig, er danke für den Vorschlag; seine Schwester
+wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege.
+
+Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer ihr Pflegekind
+aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend
+fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan.
+Ein fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es
+daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« Und dieses Wort
+hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen.
+
+Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige Antwort des
+Vormunds eintraf. Zu ändern war daran nichts mehr, das sahen sie ein,
+aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und
+er schmiedete ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin
+bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er
+bewerkstelligen.
+
+Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis
+sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmädchen, das wußte er. Er
+strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer
+über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der
+Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine öffnete, folgte
+er ihr in die Küche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war
+ein gut Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für seine
+zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem
+welligen Haar hervor.
+
+»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das Mädchen verwundert.
+»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine,« sagte er und zog aus seiner
+Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das
+Blatt aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser
+Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen
+ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen gesucht bei hohem
+Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« und vollends die Anzeige müssen Sie
+lesen »Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit großer
+Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. »Fein,« sagte sie,
+»aber ich will ja gar nicht fort von hier.«
+
+»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist’s doch schöner.«
+
+»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.«
+
+»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen
+Jungfrauenverein gibt’s.«
+
+»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und warum soll ich denn
+fort?«
+
+»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz ernsthaft, »das
+Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch
+noch kommen –«
+
+»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?«
+
+»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da.
+Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die
+müßte ich schon in der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht,
+weil die Raupen doch manchmal durchgehen.«
+
+»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine.
+
+»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch einmal,« und auf einmal
+zog er aus seiner Tasche ein Gläschen, in dem ein paar Raupen von der
+dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte
+zurück, er folgte ihr.
+
+»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann’s nicht leiden.«
+
+»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und
+beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, daß sie manchmal
+herumkriechen.«
+
+»Schöne Aussicht!«
+
+»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schönen Dienst
+suchen wollen?«
+
+»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es
+gibt ja auch hier Plätze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.«
+
+»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon
+eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie an den Hals.« Mine tat einen
+lauten Schrei. »Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts geschieht, es ist
+eine von meinen größten,« und der Schlingel berührte Mine sachte am
+Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren meinte. »Ich bitte dich,
+Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.«
+
+»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.«
+
+»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?«
+
+»Gleich kommt’s weg. Gehen Sie im nächsten Monat?«
+
+»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.«
+
+»Dann ist’s recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie
+nur.« Lachend lief er dem zürnenden Mädchen davon. »Jetzt will ich zu
+Klärchen,« sagte er.
+
+Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt
+wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich wachsenden Lohn fesselte
+sie doch und gab ihr zu denken; schließlich konnte man seine guten
+Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig
+auf den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der erste Plan war
+gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn
+Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein
+Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon
+selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte
+immer so vielerlei Bedenken und würde auch jetzt immer nur sagen: »Das
+geht nicht.« Es mußte aber fein gehen!
+
+
+VII.
+
+Unter der großen Anzahl von Dienstmädchengesuchen konnte man am nächsten
+Tag im Lokalanzeiger lesen: »Es wird ein recht gutes, freundliches
+Dienstmädchen gesucht bei stets steigendem Lohn. Näheres um zehn Uhr im
+Gymnasiumshof.«
+
+Als der Zeitungsträger den Lokalanzeiger wie jeden Tag mittags ins Haus
+brachte, sah Heinrich ganz begierig nach: richtig, da kam _seine_
+Anzeige unter vielen andern. Er war überzeugt, daß niemand außer
+Stellensuchenden diese Anzeige lesen würde und daß er gewiß ganz
+unvermerkt während der Unterrichtspause, die von zehn bis ein Viertel
+auf elf Uhr stattfand, in den Hof des Gymnasiums gehen und sich unter
+den Dienstmädchen, die da kommen würden, die freundlichste heraussuchen
+könne. Name und Wohnung der Patin hatte er schön deutlich auf einen
+Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwählten geben, damit sie
+sich Fräulein Stahlhammer anbiete. Nur durfte sie nicht sagen, wer sie
+geschickt habe; wenn sie ihm nur das gewiß versprach!
+
+Es hatte aber doch noch jemand anders als nur Dienstmädchen die Anzeige
+gelesen. Der Schuldiener des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der
+ganzen Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gründlich. Sie
+brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. »Da sieh doch nur, wer kann das
+sein, der die Dienstmädchen in unseren Hof bestellt!« Der Schuldiener
+machte ein ernstes Gesicht. »Das ist ein Unfug,« sagte er »und muß dem
+Herrn Rektor gemeldet werden!«
+
+»Laß mich nur erst besinnen,« sagte die Frau, »es kommt doch darauf an,
+wer’s ist; das bring ich schon heraus, es muß ja von unseren Professoren
+jemand sein. Einer, der nicht will, daß das Mädchen sich in der Wohnung
+zeigt, weil der alten noch nicht gekündigt ist. Der Herr Rektor selbst
+ist’s natürlich nicht, der Herr kümmert sich nicht um das
+Dienstpersonal, und von den alten Herren täte so etwas auch keiner.
+Weißt du, wer das ist? Niemand anders als der neue Mathematikprofessor.
+Bei dem ist immer Magdnot, _sie_ ist keine rechte Hausfrau und _er_ ist
+ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht sich gar nichts daraus,
+wenn’s seine Frau haben will, und läßt die Mädchen kommen und schaut sie
+durch seine Brille an und nimmt dann natürlich die ungeschickteste. Da
+muß ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, daß er nicht gar so
+dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor nichts zu sagen.«
+
+Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er ließ seine Frau reden und
+brachte das Zeitungsblatt dem Rektor der Anstalt, einem älteren ruhigen
+Herrn, dem schon Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte er
+auch die Vermutung seiner Frau mit. »Es kann ja sein, daß Professor
+Graun, der hier noch fremd ist, auf diesen etwas wunderlichen Gedanken
+kam,« sagte der Rektor, »ich werde ihn vorher fragen, dann kann die
+Sache noch anders eingerichtet werden. Es wäre mir lieb, wenn sich Ihre
+Frau nicht einmischte, können Sie das verhindern?« fragte er mit feinem
+Lächeln.
+
+»Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig neugierig,
+sozusagen gewalttätig; man bringt sie nicht recht aus dem Weg, wenn so
+etwas los ist.« »Nun es wird sich schon machen lassen,« sagte der
+Rektor, »die Sache ist ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor
+Graun morgen früh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick zu mir zu
+kommen.« Damit war der Diener entlassen.
+
+Am nächsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor ins
+Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des Rektors ausgerichtet.
+
+»Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerückt hat?« fragte der
+Rektor.
+
+»Nein, davon habe ich keine Ahnung.« Der Rektor ging in den großen Gang,
+der in dem alten Gymnasiums-Gebäude auf drei Seiten den Hof umschloß.
+Durch diesen Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem
+Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der Fenster. Um
+diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle die Schüler polterten die
+Treppe herauf und trabten über den Gang nach ihren verschiedenen
+Zimmern, dazwischen war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hörbar.
+Heute wurde von letzteren ein jeder abgefaßt; der Rektor fragte nach der
+Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. Unter diesen Professoren
+war auch Heinrichs Onkel. Professor Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die
+andern den Urheber der Anzeige und konnte darüber keinen Aufschluß
+geben. Allmählich kamen nur noch vereinzelte Schüler, jetzt schlug es 8
+Uhr, und die größte Stille herrschte in dem noch eben so belebten
+Gebäude, der Unterricht begann.
+
+Schlag 10 Uhr ertönte unten in des Dieners Wohnung ein zweimaliges
+Glockenzeichen; dies war der verabredete Ruf, dem die Frau des Dieners
+in das Rektoratszimmer zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am
+Eingang des Hoftors, ihre Neugierde war aufs höchste gespannt. Nein, wie
+fatal, gerade in _dem_ Augenblick klingelte ihr der Rektor. Diesmal
+sollte nur ihr Mann an ihrer Stelle gehen. »Peter!« rief sie, Peter!«
+Von Peter kam keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas stärker
+das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging die Treppe
+hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten Frau, möglich war.
+Einen Blick warf sie noch zurück, ehe sie den Hof aus dem Auge verlor,
+und da glaubte sie gerade noch ein Mädchen, ein ganz fein gekleidetes,
+durch das Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter der
+Türe seines Zimmers auf sie.
+
+»Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und holen Sie mir aus dem
+Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, die mit Klasse #IX# Jahrgang 88
+bezeichnet sind.«
+
+Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, ging jedenfalls
+eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame Viertelstunde! An eine
+Widerrede war nicht zu denken, sie mußte hinauf in die Bodenkammer. Aber
+etwas Glück ist doch meist beim Unglück, der Kasten Nr. 5 stand nahe bei
+der Dachlücke, und aus dieser herunter konnte man den Hof überblicken.
+Und da sah denn die gute Frau von ihrer Höhe aus was vorging. Die
+Schüler rannten wie alle Tage während der Pause in den Hof hinunter, der
+Herr Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie sonst in
+der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer nach dem andern erschien
+auf dem Gang, offenbar war jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich
+ging; auch Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster im
+Erdgeschoß blickte der Schuldiener hervor.
+
+Nun kam von der Straße herein durch den Torweg ganz unbefangen ein
+Dienstmädchen und sah sich um, nicht ahnend, daß sie von so vielen
+gestrengen Herren beobachtet wurde, denn sie traten alle etwas zurück,
+um nicht bemerkt zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer
+auf das Mädchen zu. Es war Heinrich. »Das ist der kleine Schubert,«
+sagte einer der Lehrer zu dem andern. »Ihr Kostgänger, nicht wahr, Herr
+Professor Kuhn?«
+
+»Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die beiden Schuberts.«
+
+»Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt keiner außer ihm, daß
+dies Mädchen jemanden sucht.«
+
+»Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er Bescheid gibt!«
+
+»Der betreffende Herr oder Dame, die die Mädchen hierher bestellt hat,
+scheint sich verspätet zu haben; aber da kommt schon wieder eine, das
+ist eine stattliche Person; und richtig, der kleine Schubert nimmt sich
+ihrer wieder an.«
+
+Die Herren Professoren lachten. Hätten sie das Zwiegespräch zwischen dem
+Dienstmädchen und Heinrich gehört, so wären sie wohl erstaunt gewesen.
+
+»Ich habe mir ja gleich gedacht, daß das nichts Rechtes ist,« sagte die
+große stattliche Köchin, »nur weil ich gerade vom Markt komme, hat mich
+die Neugier hereingetrieben, wer sich denn die Mädchen in den
+Gymnasiumshof bestellt. Daß es nur so ein kleiner Lausbub ist, hätte ich
+mir aber doch nicht gedacht.«
+
+»Es ist aber eine ganz gute Stelle,« sagte Heinrich, »und ich hab’s
+getan wegen meiner kleinen Schwester.«
+
+»Was wär’ denn hernach der Lohn?« fragte die Köchin von oben herab.
+
+»So genau weiß ich das nicht,« sagte Heinrich und dann, da hierauf das
+Mädchen höhnisch lachte und so gar nicht gutmütig aussah, fügte er
+offenherzig hinzu: »Ein besonders gutes Mädchen müßte es aber sein!«
+
+»Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt so was, das sieht
+dumm genug aus, um auf deinen Leim zu gehen.« Die Große verschwand, ein
+kleineres, vielleicht siebzehnjähriges Mädchen erschien im Hof, und
+diesmal ging Heinrich gleich auf sie zu.
+
+Oben bemerkte der Rektor: »Man könnte meinen, der kleine Schubert habe
+sie bestellt.«
+
+»Ja, wahrhaftig,« sagte sein Klassenlehrer, »er ist oft ein rechter
+Schelm und hat närrische Einfälle.«
+
+»Es kommt mir auch wunderlich vor,« meinte Professor Kuhn, dem es schon
+geraume Zeit unbehaglich zu Mute war, während er seinen Neffen
+beobachtete. Inzwischen hatte Heinrich in eiligen Worten – denn er
+fürchtete, das Ende der Pause möchte seine Unterhandlungen unterbrechen
+– dem Mädchen gesagt, er wisse eine feine Stelle bei einem alten
+Fräulein und einem herzigen kleinen Mädchen. Und dann schilderte er so
+rührend sein verwaistes Schwesterchen, daß er des Mädchens Teilnahme
+erregte. »Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,« sagte sie,
+»und deshalb bin ich schon seit meinem fünfzehnten Jahr im Dienst und
+hab’s so hart als Spülerin in einer Schenke. Wenn ich in ein so feines
+Haus kommen könnte!«
+
+»Freilich können Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. Fahren Sie
+nur gleich am Sonntag hinaus, aber ja nicht sagen, daß ich Sie geschickt
+habe, bloß: Sie hätten’s gehört, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein
+Klärchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!«
+
+»Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und weiße Böden?«
+
+»Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.«
+
+»Ich meine nur so, wenn’s so viele Zimmer sind, wegen dem Putzen, wenn
+alle Böden weiß sind –«
+
+»Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht weiß, mehr so bräunlich –«
+
+»Vielleicht Parkett?«
+
+»Ja, ja wahrscheinlich.«
+
+»Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.«
+
+»Ich glaube auch gar nicht, daß sie Parkett sind, wie heißt man die
+Böden, die so bequem sind zum Putzen?«
+
+»Die angestrichenen.«
+
+»Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.«
+
+»Und wie ist denn der Lohn?«
+
+»Der ist hoch und alljährlich wachsend, so viel ich weiß. Fräulein
+Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.«
+
+»Ist’s ein gutes Fräulein? Ich frage ja nur, weil’s das Kind nicht gut
+hat.«
+
+»Ja so, ja das Fräulein ist in allen wohltätigen Vereinen und schreibt
+sehr schöne Briefe.«
+
+»Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir’s ansehen, aber ums Fahrgeld
+ist mir’s halt.«
+
+»Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber warten Sie nur, ich
+kann Ihnen schon etwas geben; dreißig Pfennig kostet die Fahrkarte, so
+viel habe ich vielleicht noch Taschengeld, aber die Anzeige war so
+teuer.« Heinrich zog sein Beutelchen. »Nein, siebenundzwanzig sind’s nur
+noch, aber drei können Sie wohl darauflegen?«
+
+»Ja,« sagte das Mädchen gutmütig, »den letzten Pfennig will ich Ihnen
+auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig bekomme.«
+
+»Gut,« sagte Heinrich, »dann habe ich doch noch sieben im Beutel, die
+Woche ist noch lang!«
+
+Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts verstehen können,
+aber als sie sahen, daß sich allmählich eine ganze Anzahl Schüler
+neugierig um die Beiden sammelte und daß Heinrich seinen Geldbeutel
+hervorzog, machten sie der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen
+Neffen herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmädchen
+durch den Torweg verschwand.
+
+Als Heinrich in fröhlicher Stimmung, dem Ruf seines Onkels folgend, die
+Treppe hinaufsprang, war er nicht wenig bestürzt, den ganzen Gang voll
+Professoren zu sehen, ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem
+Klassenlehrer. Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte angesichts
+so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich ein peinliches
+Verhör. Der Rektor fragte zuerst: »Was hast du mit dem Mädchen im Hof
+gesprochen?«
+
+Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft wie sein älterer
+Bruder war er von Natur nicht und nicht immer hatte er bei seinen
+Streichen der Versuchung widerstanden, sich ein wenig herauszuschwindeln.
+Diesmal aber, in dem Gefühl, daß er in bester Absicht gehandelt hatte
+und auch unter dem Eindruck der Würdenträger, die vor ihm standen, hielt
+er mit der Wahrheit nicht zurück, sondern sagte gerade heraus: »Ich habe
+das Mädchen gedungen für Fräulein Stahlhammer, bei der meine kleine
+Schwester ist.«
+
+»So war von dir diese Anzeige verfaßt?« fragte der Rektor.
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »die ist von mir.«
+
+»Wer hat davon gewußt?«
+
+»Wem hast du es vorher mitgeteilt?«
+
+»Gar niemand.«
+
+»Heinrich!« sagte der Onkel vorwurfsvoll, »weder der Tante noch Konrad?«
+
+»Niemand,« sagte Heinrich, »sie wären doch alle dagegen gewesen.«
+
+»Damit gibst du zu,« sagte langsam und nachdrücklich Heinrichs
+Klassenlehrer, »daß du dir wohl einer unrechten oder törichten Handlung
+bewußt warst.«
+
+»Für unrecht habe ich’s nicht gehalten,« sagte Heinrich, »aber für
+anders als man’s gewöhnlich macht, und das wollen sie immer nicht.«
+
+»Sie wollen es nicht? Wer ›sie‹?« fragte der Klassenlehrer scharf. »Wen
+meinst du mit diesem geringschätzigen ›sie‹?«
+
+»Bloß die Menschen,« sagte Heinrich.
+
+»Ich verstehe den Zusammenhang nicht,« sagte der Rektor, sich an
+Professor Kuhn wendend, »was kann ihn veranlaßt haben, für andere Leute
+ein Mädchen zu dingen? War er beauftragt?«
+
+»Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine Schwester wird in
+ihrem Kosthaus von dem Dienstmädchen allem Anschein nach nicht gut
+behandelt und beeinflußt; darüber waren die Brüder – und ich allerdings
+mit ihnen – sehr betrübt. Meine Frau und ich konnten uns aber der
+Verhältnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf diesen Ausweg
+verfallen zu sein.«
+
+»Nun,« fragte der Rektor, »und was hast du denn ausgerichtet? es sind
+wie mir scheint mehrere gekommen.«
+
+»Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie hat mir
+versprochen, daß sie nach Waldeck fährt.«
+
+»Man darf vielleicht,« sagte der Onkel, sich an den Rektor und den
+Klassenlehrer wendend, »die Anhänglichkeit der drei erst kürzlich
+verwaisten Geschwister als Entschuldigung für Heinrich ansehen. Er hat
+es gut gemeint mit seiner Schwester.«
+
+»Wenn Sie es so auffassen,« sagte der Rektor, »so schließe ich mich
+Ihnen an, Sie kennen die Verhältnisse. Ich sehe keine strafbare Handlung
+in dem Vorgefallenen; du kannst gehen, Heinrich.« Dieser ließ sich’s
+nicht zweimal sagen; wie ein Wiesel schlüpfte er zwischen den Herren
+hindurch, möglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die Sache nicht
+eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer traute er nichts Gutes
+zu, er sah ihn so ungnädig an. In der Tat sagte dieser auch etwas
+mißbilligend zum Rektor: »Er ist gut durchgekommen für diese
+unziemliche Handlung, fast zu gut.«
+
+»Ja,« sagte der Rektor, »schicken Sie ihn nach Schluß der Schule noch
+einmal allein in mein Zimmer.«
+
+Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen Lehrers; Heinrich
+aber war bestürzt, als er durch den Lehrer erfuhr, daß noch etwas
+nachkommen sollte. Er fand sich nach dem Schluß der Schule im Zimmer des
+Rektors ein. (Auf dem Tisch lagen die Hefte der #IX.# Klasse aus dem
+Jahrgang 88.) »Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,« sagte der
+Rektor, »das verdankst du der Fürsprache deines Onkels. Mit väterlicher
+Treue ist er für dich eingetreten. Einen andern Mann an seiner Stelle
+hätte es gekränkt, daß du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er
+hat bewiesen, daß er dich lieb hat. Hast du auch ihn lieb?«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, und das kam von Herzen.
+
+»Dann beweise auch du es. _Wie,_ das muß dir dein Herz sagen.«
+
+»Ich will’s tun,« sagte Heinrich.
+
+»Und noch etwas: du hast dich darüber beschwert, daß die Menschen nie
+etwas anders machen wollen, als man es gewöhnlich macht, und das war der
+Grund, warum du deine Absicht, ein Mädchen zu dingen, nicht vorher
+verraten hast, nicht wahr?«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »es heißt immer: das kann man nicht, oder: so
+macht’s niemand.«
+
+»Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr ganzes Leben
+hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu handeln. Bei ihnen heißt es: so
+machen’s alle Leute.« »Ja, ja,« sagte Heinrich von Herzen zustimmend.
+
+»Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen gehörst, sondern
+wenn du später als Mann sagst: Ich tue, was gut und verständig ist,
+ob’s nun andere auch so machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als
+Mann. So lange du noch jung und unselbständig bist, darfst du dir nicht
+herausnehmen, nach eigenem Gutdünken zu handeln; kannst auch überzeugt
+sein, daß es meistens nicht gut ausfallen würde. Also für die nächsten
+Jahre: Vertraue alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen magst,
+das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue was recht ist.«
+
+Heinrich kam später als sein Onkel von der Schule heim. Inzwischen hatte
+dieser noch über die Sache nachgedacht und war ärgerlich über den
+Jungen. Wer konnte wissen, was der alles anstellen würde, nachdem er
+einmal angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rücken solche Dinge
+zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache ausgehen! Fräulein
+Stahlhammer ließ sich kein Mädchen aufdrängen, am wenigsten, wenn es von
+dieser Seite kam; Mine würde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache
+nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor saß eben vor seinem
+Schreibtisch, in dem er seine Hefte verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die
+Jugend versammelte sich schon im Eßzimmer, da ging die Türe auf und
+Heinrich sah herein. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Empfindungen
+schwer über die Lippen bringen. Lebhaft ging er zu seinem Onkel und
+dessen Hand fassend sagte er: »Das war so fein von dir, Onkel, daß du
+mir geholfen hast. Mein Professor hätte mich ja am liebsten in den
+Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wärst, ich danke
+dir recht schön dafür! Sogar der Herr Rektor hat etwas von deiner
+väterlichen Fürsorge gesagt, es war etwas sehr Schönes.«
+
+Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon wieder ganz
+freundlich auf seinen Neffen. »Die Hauptsache ist,« sagte er, »daß du
+nicht noch einmal so etwas tust.«
+
+»Nein, in den nächsten Jahren nicht mehr, das habe ich schon mit dem
+Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel?
+Ich habe in der Pause nichts essen können, bin furchtbar hungrig.«
+
+»So komm,« sagte der Onkel und sie gingen unwillkürlich Hand in Hand –
+es war wohl der Rektor, der diese Hände ineinandergelegt hatte.
+
+
+VIII.
+
+Am nächsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Küche abspülte, klingelte es
+und ein Mädchen meldete sich. Sie sei aus der Stadt hierhergeschickt
+worden, weil man hier ein Dienstmädchen suche. Mine traute kaum ihren
+Ohren. »Das ist aber unerhört,« rief sie, »ich habe ja noch gar nicht
+gekündigt und mein Fräulein weiß von nichts. Wer hat Sie denn geschickt?
+Gewiß Frau Professor Kuhn?«
+
+»Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist’s besprochen worden.«
+
+»Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich denn jetzt? Versuchen
+Sie’s eben und gehen Sie hinein. Wenn das Fräulein Sie will, dann soll’s
+mir auch recht sein.«
+
+»Da ist ein Mädchen,« sagte Mine, indem sie die Türe aufmachte zu dem
+Eßzimmer und sich rasch wieder zurückzog. Fräulein Stahlhammer saß da,
+die Zeitung lesend, und Klärchen war mit ihrer Puppe beschäftigt. »Was
+möchten Sie von mir?« fragte Fräulein Stahlhammer, »wer sind Sie?«
+
+»Katharine Schwarz heiße ich und weil ich gehört habe, daß Sie ein
+Mädchen suchen, wollte ich mich vorstellen.«
+
+»Das ist jedenfalls eine Verwechselung,« sagte Fräulein Stahlhammer,
+»ich suche keines. Wer hat Ihnen denn das gesagt?«
+
+»Im Hof ist’s gesprochen worden.«
+
+»So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mädchen schon seit fünf
+Jahren und behalte sie auch.«
+
+»Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herüber gefahren,« sagte das
+Mädchen. »Ich wäre erst so gerne gekommen; so ein stilles Plätzchen bei
+guten Leuten, das gefiele mir.«
+
+»Das tut mir leid für Sie. Vielleicht ist’s in einem der Nachbarhäuser.
+Meine Mine weiß das. Kommen sie einmal mit mir in die Küche.« Das
+Mädchen folgte ihr. »Mine, nehmen Sie sich um das Mädchen an, sie ist
+irrtümlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr eine Tasse Kaffee
+ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein Plätzchen für sie.«
+
+Nun waren die beiden zusammen in der Küche; Mine räumte noch ihr letztes
+Geschirr auf und Katharina ließ sich den Kaffee schmecken, nachdem sie
+zuerst große Umstände gemacht hatte, ihn anzunehmen. »Da gefiele mir’s,«
+sagte sie, »so ein freundliches Fräulein, das gleich Kaffee einschenken
+läßt und so stattlich und hochgewachsen und alles so nobel und fein im
+Haus, und dem Kind sieht man’s von fern an, wie gut es ist.« Im Lauf des
+Gesprächs hatte Mine bald herausgebracht, daß kein anderer als Heinrich
+das Mädchen hergeschickt hatte. Ja, der Schlingel, wenn der wirklich ins
+Haus kam mit seinen Raupen und der große Bruder auch noch dazu, dann
+waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich auch versprochen zu
+gehen.
+
+Inzwischen hatte Klärchen zur Patin gesagt: »Kann das gute Mädchen nicht
+bei uns bleiben?«
+
+»Wir haben ja unsere Mine,« sagte die Patin, »die ist auch gut.«
+Fräulein Stahlhammer nahm wieder die Zeitung, aber es war nicht viel mit
+dem Lesen. Nie hatte sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und
+jetzt auf einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wäre, mit dem
+jungen Mädchen, das so freundlich aussah, ganz neu anzufangen. Mine war
+im Lauf der Jahre so selbständig geworden, sie nahm ihr auch die Kleine
+ganz aus der Hand. Sie sagte so oft: »Die Kleine spürt’s, daß Sie seine
+Mutter nicht sind,« das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mädchen würde so
+etwas nicht denken und jedenfalls nicht sagen. Was wohl Mine zu dem
+Vorschlag sagen würde, daß sie diesem Mädchen weichen sollte?
+Unentschlossen ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. »Was würde
+mein Bruder von mir denken?« sagte sie sich selbst, »er würde zu mir
+sagen: »Du, die große Stahlhammer, traust dich nicht mit deinem Mädchen
+zu reden?« Wirklich, sie war allmählich dieser Mine gegenüber ganz
+schüchtern geworden. Sie schämte sich ihrer Schwäche.
+
+»Klärchen, sage doch Mine, sie möge herein kommen.« Mine kam, Klärchen
+blieb in der Küche und schloß Freundschaft mit Katharine.
+
+»Es scheint ein ordentliches Mädchen zu sein?« sagte Fräulein
+Stahlhammer zu Mine. »Ja, ein gutes Zeugnis hat sie bei sich und ein
+armes Ding ist’s, dem’s immer hart gegangen ist bisher.«
+
+Nun nahm Fräulein Stahlhammer einen Anlauf: »Wie wär es, Mine, wenn ich
+es mit diesem Mädchen versuchte und Sie mit einem andern Dienst?«
+
+Zu Fräulein Stahlhammers großem Erstaunen war Mine’s sofortige Antwort:
+»Gerade wollte ich’s auch vorschlagen!«
+
+ * * * * *
+
+Einen Monat später war Mine abgezogen, in der Küche hauste das neue
+Mädchen. Es war der erste Abend. Bisher war es immer Mine gewesen, die
+Klärchen begleitet hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die
+Patin selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein wenig
+sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz zutraulich. »Kommst
+du jetzt alle Tage selbst mit mir?« fragte das Kind. »Ja, wenn ich nicht
+im Verein bin.«
+
+»Hat unsere Katharina auch einen Verein?«
+
+»Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.«
+
+»Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du fort warst?«
+
+»Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie dich dann allein
+gelassen?«
+
+»Ja, aber das hat man gar nicht sagen dürfen, nur dem Konrad habe ich’s
+gesagt.«
+
+»Das mußt du dir nicht verbieten lassen, Klärchen. Wenn die Katharina
+einmal will, daß du mir etwas nicht sagst, dann mußt du gleich
+antworten: Der Patin sage ich alles.«
+
+»So? So soll ich’s machen?« sagte die Kleine ganz verwundert.
+
+»Ja, so sollst du’s machen, so machen es alle lieben kleinen Kinder.«
+
+Die Patin gab dem Kind einen Kuß und beide hatten das Gefühl, es sei
+etwas weg, das sie bisher getrennt hatte.
+
+Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne daß zur Familie des Professors
+irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer gedrungen wäre. Die Brüder
+scheuten sich, hinzugehen, wußten sie doch nicht, wie Heinrichs
+Einmischung in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da begegnete
+diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, und mit stolzer Befriedigung
+erfuhr er, daß die von ihm gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden
+und Mine ihr Platz gemacht hatte. Aber Mine wußte auch noch das
+allerneuste. Fräulein Stahlhammer läge krank zu Bett und werde
+wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu Hause erzählt, als
+seine Tante erklärte: »Das ist für mich die Gelegenheit, endlich einmal
+Fräulein Stahlhammer aufzusuchen; schon lange liegt es mir schwer auf
+der Seele, daß kein freundliches Einverständnis zwischen uns herrscht,
+ich mache ihr einen Krankenbesuch!«
+
+Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als sie hinausfuhr aus
+der großen Stadt und das hübsche Häuschen aufsuchte, das am Ende des
+Städtchens lag, ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald
+übergingen. Das neue Dienstmädchen fragte Fräulein Stahlhammer gar nicht
+erst, ob sie zu sprechen sei, sondern ließ den Besuch ohne weiteres ein.
+Im Schlafzimmer lag, unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fräulein
+Stahlhammer im Bett und das Kind saß nahe dabei, spielend an seinem
+Tischchen.
+
+Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit für das Kind, sie trat ans
+Bett und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie krank sind, und wollte mich
+deshalb nach Ihnen umsehen.«
+
+»Danke,« sagte Fräulein Stahlhammer, »es geht mir schon besser; aber Ihr
+Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte Ihnen schon in diesen Tagen
+schreiben und kann es doch nicht recht.«
+
+Hocherfreut über diesen unerwartet freundlichen Empfang setzte sich die
+Tante ans Bett und nach einigen Reden über die Art der Krankheit sagte
+Fräulein Stahlhammer: »Was ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich
+nicht gern vor der Kleinen sagen.«
+
+Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was
+darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei
+Frauen waren allein. »Ich habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich
+krank bin,« sagte die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe
+und da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie
+ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, dürfe es zu Onkel und
+Tante und zu den Brüdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz
+meine Gegenwart vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht brav
+bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.«
+
+»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten gar nicht darauf
+hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.«
+
+»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich weiß jetzt, daß sie
+mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht
+recht von mir, daß ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne
+ich Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt hätte, so
+möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei Ihnen eine
+glücklichere Kinderzeit haben wird.«
+
+Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer schwer wurde, diese
+Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich
+begreife nicht,« sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt.
+Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, das
+Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern aufwächst. Leider
+sind es bei uns lauter Knaben.«
+
+»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« sagte Fräulein
+Stahlhammer.
+
+»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern läßt es sich zwar nicht
+mehr einrichten, aber von den Sommerferien an können wir sie aufnehmen.«
+
+»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« sagte die Patin
+bereitwillig. »Ihre Brüder können sie besuchen so oft sie wollen, und
+ich werde ihr auch eine kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner
+Bekannten hat auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis
+jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen sich mehr an
+mich anschließe, aber nun, da sie doch fort kommt, ist’s gleichgültig.«
+
+»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darüber,« sagte Frau
+Professor Kuhn, »mein Mann würde wohl nicht gern noch einmal bei ihm
+seinen Vorschlag wiederholen.«
+
+»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten die beiden Männer
+nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so
+herzlos, als Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest
+bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kämmerlein. Das
+Kind wußte es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.«
+
+»_So_ war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut mich noch
+nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich selbst war trotz allem
+Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm
+die Hand der Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl sind,
+kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns näher kennen
+lernen und späterhin, wenn Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen
+uns, dann werden Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.«
+
+»Wollen Sie Klärchen rufen? Ich möchte es ihr gleich mitteilen.« Die
+Tante führte das Kind herein. »Klärchen,« sagte die Patin, sich im Bett
+aufrichtend, »weißt du, was deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im
+Sommer, wenn deine Brüder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst
+ganz und für immer bei Onkel und Tante bleiben!«
+
+»Aber der Vormund holt mich gleich wieder,« sagte Klärchen.
+
+»Diesmal nicht,« sagte die Patin, »jetzt erlaubt er es, er führt dich
+vielleicht selbst in die Stadt.«
+
+Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit der Nachricht
+erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die Tante und sagte: »Dann bist
+du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder
+alle Tage meine Brüder!«
+
+»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg
+zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet,
+weil sie weiß, daß es dich freut.«
+
+»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du’s eingerichtet? Gelt dann bist
+du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh!« rief sie in
+einem Ton, der glückselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr
+gehört hatte.
+
+Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für diesen Sommer gab sie
+ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie möglich im
+Freien sein. Sie nahm Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den
+nahen Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine
+Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. Es war ein
+Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr
+gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt.
+
+Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes
+Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos
+und Gebüsch und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde kam in
+aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und
+Klärchen, die zuerst staunte über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich
+bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen
+auch die Zukunft, die Gegenwart war schön.
+
+Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald saß
+und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen,
+zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen
+Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, blieben sie
+ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die manche der Kinder
+kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen hielt sich zur Patin.
+
+»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr?« sagte
+eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern.
+
+»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, aber Klärchen kommt
+fort.«
+
+Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren
+Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht recht bei der Sache und nach
+einer Weile kam sie zögernd zur Bank her, auf der die Patin lesend saß,
+legte ihr die Hände auf den Schoß und sagte leise: »Patin?«
+
+Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?«
+
+»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?«
+
+»Du darfst, du _mußt_ nicht.«
+
+»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?«
+
+»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das
+Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald
+Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und
+Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange
+gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen
+hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach
+gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester,
+unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die
+Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen,
+ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des
+knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das
+stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin.
+Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun
+leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich.
+
+Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte,
+nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er
+sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig
+nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die
+Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du
+sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und
+dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein,
+möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in
+der Stadt.
+
+
+
+
+Regine Lenz.
+
+
+Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte,
+hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war
+wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein
+Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen
+war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine
+Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese
+Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher
+an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit
+nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die
+älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von
+der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen
+mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren
+düsteren Mienen zu schließen.
+
+Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im
+Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht
+einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und
+ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut
+langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte
+und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den
+Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.«
+
+Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken
+versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist
+denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß
+irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du’s nicht?
+Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell
+wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim
+bleibst!«
+
+Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit
+gesenktem Kopf davon.
+
+Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es
+wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es
+wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht
+bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der
+Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?
+
+Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind
+blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem
+Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke
+stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines
+Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz.
+Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf.
+
+»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte
+Hände; was tust du denn da?« – »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,«
+sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine
+fragte das Kind.
+
+»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat
+sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar
+nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was
+heißt das ›gestohlen‹? Wohin führt sie jetzt der Mann?«
+
+Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt
+über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt
+begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit
+Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen.
+
+Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine
+hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.«
+Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und
+hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!«
+
+»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das
+kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten
+Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte
+sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter
+treibt es auch schon wie die Mutter.«
+
+Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie
+mochte nichts weiter hören.
+
+Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich
+endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an
+dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie
+Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den
+Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da
+und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den
+Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm
+doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte.
+Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück
+bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte
+auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute
+Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter
+hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den
+Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor.
+War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht
+lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter
+allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der
+Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne
+Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.
+
+Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie
+sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten
+alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin:
+»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie
+gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die
+Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als
+sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der
+Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande
+des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört
+hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen!
+
+Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem
+Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich
+bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht
+näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt
+verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie
+hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie
+übersehen hätten.
+
+Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle
+vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen
+brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich
+allmählich.
+
+Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater
+mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag
+kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie
+sitzen.«
+
+»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der
+Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die
+Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man
+brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige
+verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die
+Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.«
+
+»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das
+nicht sein.«
+
+Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den
+Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die
+Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen
+beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit
+handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich
+nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden,
+um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob
+dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete
+eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete
+schon den Mund, um zu sprechen. – Da stockte sie plötzlich und kehrte
+sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß.
+
+»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht
+zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte
+doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre
+Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und
+schwieg.
+
+Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht
+an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht;
+aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen:
+Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.«
+
+Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist
+gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu
+vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.«
+
+»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen
+an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die
+sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller
+Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber
+nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete
+er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,«
+sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von
+dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit
+wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht
+begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch
+und dabei nicht so herzlos wie du!«
+
+Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den
+unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn
+das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine
+kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder
+vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre
+angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben
+Stunde.
+
+Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während
+des Unterrichts.
+
+Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte
+noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen.
+Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde
+über das Vorgefallene.
+
+»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.«
+
+Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um
+sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der
+Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß
+alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du
+ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir
+ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die
+sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel
+Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil
+du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus,
+wir andern wollen noch singen.«
+
+Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch
+das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie
+die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging,
+wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich
+weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal
+hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß
+sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher
+hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander
+nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und
+jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht
+besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle
+Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne
+Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich
+nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es
+vorher vielleicht nicht war, – in dieser Stunde hatte das Vertrauen des
+Pfarrers sie dazu gemacht.
+
+Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging
+Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken
+geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst
+einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder
+Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er
+für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete.
+Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein
+aufgeweckter Bursche.
+
+»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der
+Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder
+konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der
+Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch
+schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen
+so gerne vor ihm verborgen!
+
+Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief
+er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du’s auch schon wie die Mutter?
+Was versteckst du in der Tasche?« – Da blickte sie auf zu ihm und sagte
+leise: »Ich will dir’s erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören;
+komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme:
+»Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem
+Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier
+vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die
+Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich
+vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und
+daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir
+seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und
+dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse
+ins Pfarrhaus bringen.«
+
+Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich
+vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder
+sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach
+keine Umstände!«
+
+Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was
+die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit
+Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit
+den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die
+Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern
+mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem
+Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt
+folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?«
+fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er
+nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.
+
+»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf
+nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen
+Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er
+sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese,
+erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder
+auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr
+klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.«
+
+Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und
+sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts
+von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von
+mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum
+Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der
+Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt
+kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz;
+wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer
+zusammen, gelt, Thomas?«
+
+Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir
+zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es
+zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den
+kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft,
+wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in
+dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste
+wachrief.
+
+Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine
+Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer
+selbst.«
+
+Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im
+Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war
+auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind
+ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und
+wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war
+verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst
+wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es
+für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das
+Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau.
+
+»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch,
+– durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen
+Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?«
+
+In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um
+die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in
+Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe
+und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten
+Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht
+ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt
+hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob
+sie gewachsen wäre, die Kleine.
+
+Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten
+Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu
+Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie
+an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die
+Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.«
+
+Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann sorgst du für Regine?«
+
+»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete der Bruder ärgerlich.
+
+»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann schon; aber ich kann
+nicht alles hergeben für die Kleine. Sie könnte auch selbst manchmal
+etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!«
+
+»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas.
+
+»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr
+zugehört; aber das hätte er doch gerne gewußt, wer in seiner Familie
+ehrlich sei.
+
+»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und
+sie hat seine Börse voll Gold und Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus
+tragen müssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch
+nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie hätte mir
+einen abgebissen; ist’s nicht wahr, du?« Die beiden Verbündeten sahen
+sich vergnügt an, worüber Marie große Augen machte, denn sie konnte die
+Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine.
+»Ehrlich ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile:
+»Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran
+darf’s nicht fehlen.«
+
+Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, seitdem die Mutter
+das Haus verlassen hatte. Ein einziges Mal waren Nachrichten aus dem
+Gefängnis gekommen; einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll
+Sehnsucht nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte auch am
+meisten die Mutter. Wenn die Großen morgens alle das Haus verließen,
+legten sie wohl mancherlei zu essen hin, oder sie brachten ihn zu einer
+mitleidigen Nachbarin: aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf
+der Straße herum; sehnsüchtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich
+wieder die Straße herunterkäme, in der sie vor seinen Augen verschwunden
+war. Sie trösteten das Kind manchmal, Regine komme jetzt bald ganz aus
+der Schule und bleibe dann immer bei ihm wie früher die Mutter. Nur noch
+vier Wochen mußte sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang.
+
+Nein, nicht lang, und doch zu lang für das mutterlose Kind. Einmal fand
+Regine es ganz durchkältet, die Schuhe und Strümpfe vollständig
+durchnäßt, die Füße eiskalt von dem geschmolzenen Schneewasser, in dem
+es herumgestiegen war. Weinend saß der Kleine auf der steinernen
+Hausstaffel und zitterte am ganzen Körper. Nun wurde er freilich zu
+Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie den Arzt zu ihm.
+Marie blieb nun von der Fabrik daheim und pflegte mit Liebe den kleinen
+Bruder; aber die Fürsorge kam doch zu spät, und ehe sie nur recht gewußt
+hatten, daß das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer
+Lungenentzündung erlegen.
+
+In großer Bestürzung standen sie alle an dem Bett des Kleinen, und _ein_
+Gedanke beherrschte die ganze Familie: der Gedanke an die Mutter. Wie
+würde sie die Nachricht ertragen! Was mußte das einst für ein Heimkommen
+sein, wenn sie ihren Liebling nicht mehr fände! Und welche Vorwürfe
+würde sie ihnen machen! Hätte man das Kind nicht unter Tags in Kost
+geben können, oder in eine Kinderschule schicken? Aber all diese
+Gedanken kamen zu spät.
+
+Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und noch hatte niemand
+sich entschließen können, der Mutter die Trauerbotschaft zu schreiben.
+Der Vater tat es endlich mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben
+war ihm ungewohnt.
+
+Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte sie nicht schreiben,
+oder war sie krank geworden vor Kummer? Zürnte sie ihnen, daß sie das
+Kind nicht besser behütet hatten? Sie hörten nichts von ihr.
+
+Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt und bei diesem
+Anlaß Einblick in die Familie getan; auch war ihm so manches über sie
+bekannt geworden, was ihn für seine Konfirmandin besorgt machte. Er
+hatte das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt in ihr,
+aber es mußte gepflegt werden. So hätte er dies Mädchen gern in andere
+Verhältnisse versetzt, wo es unter ehrlichen Menschen sich in der
+Ehrlichkeit befestigen konnte. So manches Mal beriet er mit seiner Frau
+darüber; aber wo sollte man ein so kleines Mädchen unterbringen, von dem
+man nicht einmal rühmen konnte: es ist aus gutem Haus!
+
+Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde Regine wieder von dem
+Pfarrer aufgefordert, nach der Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort
+wurde sie freundlich empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte,
+eifrige Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, daß sie
+für Regine ein gutes Plätzchen gefunden hatte. »Es ist bei meiner
+Schwester,« erzählte sie ihr, »bei einer Pfarrfrau auf dem Lande. Sie
+hat kleine Kinder, herzig nette Kinderchen; und ein ehrliches treues
+Dienstmädchen, das aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird.
+Dort kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein und selbst
+ein solcher werden, und das möchtest du doch gewiß?« Regine bejahte aus
+aufrichtigem Herzen.
+
+»Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,« fuhr die Pfarrfrau fort,
+»fünf Mark im Monat, und nach einem Jahr, wenn du dich bewährst,
+erhältst du das Doppelte. Bis dahin wirst du in der frischen Landluft
+und bei der guten Kost groß und stark geworden sein. Nun geh nur heim
+und erzähle es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester
+bittest du, daß sie dir die nötige Wäsche und Kleider richtet. Gleich
+nach der Konfirmation müßtest du abreisen, denn meine Schwester möchte
+am liebsten schon heute eine Hilfe.«
+
+Regine eilte, ganz erfüllt von diesem Lebensplan, nach Hause. Sie fühlte
+sich so stolz und glücklich, wie wenn sie sich schon als treue Pfarrmagd
+bewährt hätte. Wie würden sie sich daheim alle wundern über das
+Vertrauen, »Respekt!« würde Thomas wieder sagen. Und sie träumte sich
+hinein unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern.
+
+Zu Hause saßen der Vater und Marie schon am Mittagstisch, Thomas fehlte
+noch. Sie wollte mit ihrer Erzählung warten, bis er käme; aber als es
+eine Weile gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten, was ihr
+ganzes Herz erfüllte. »Die Frau Pfarrer weiß mir ein gutes Plätzchen,«
+begann sie und wiederholte alles, was sie darüber gehört hatte. Und nun
+erlebte sie eine schmerzliche Enttäuschung. Mit Hohn und Geringschätzung
+wurde von diesem »Plätzchen« gesprochen und dieses so heruntergemacht,
+daß nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr daran blieb. Als Kummer und
+Scham ihr eben Tränen in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim
+Anblick dieses ihres Verbündeten faßte Regine wieder Mut. Ehe sie aber
+ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon Marie entgegen: »Du, als
+Magd will die Regine fortgehen, aufs Land, und fünf Mark Monatslohn
+bekommt sie; was sagst du dazu?« Und sie lachte laut.
+
+»Unsinn,« entgegnete Thomas und schien gar nichts weiter wissen zu
+wollen, sondern machte sich daran, seine Suppe zu essen. Und die andern
+sprachen auch nichts mehr darüber. Regine verstand sie alle nicht. Warum
+wollten sie ihr denn das schöne Plätzchen nicht gönnen? Sie brachte kein
+Wort mehr heraus während des Essens, so bitter und schmerzlich war ihr
+zumute. Als aber der Vater sich anschickte wegzugehen, rief sie, während
+ihr die Tränen aus den Augen stürzten: »Was soll ich denn dann der Frau
+Pfarrer sagen?«
+
+Da sah Thomas die kleine Schwester überrascht an; er merkte erst jetzt,
+daß es sich für sie um eine Lebensfrage handelte. »Was ist’s eigentlich,
+was will sie denn?« fragte er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und
+Herreden. »Verdingen will sie sich,« rief Marie, »statt daß sie in die
+Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.«
+
+»So viel mehr ist’s zwar auch nicht,« entgegnete jetzt der Vater, »du
+rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. Im Dienst hat sie
+alles frei, Kost und Wäsche, das macht ein paar hundert Mark im Jahr;
+und dabei wird sie vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die
+ich kenne.«
+
+Marie lachte. »So soll sie gehen; aber die Mutter tät’s nicht leiden,
+wenn sie da wäre.«
+
+»Ja, das ist’s,« sagte der Vater, »sie will immer hoch hinaus mit ihren
+Töchtern.«
+
+»Ja, die Mutter, das ist wahr,« meinte auch Thomas, »wenn sie heimkommt
+– das eine Kind ist tot, das andere fort; – Regine, sei gescheit, höre
+auf zu weinen. Sag dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die
+Mutter fort sei; er weiß ja schon davon und wird’s verstehen.«
+
+Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht zufrieden mit ihrem
+Bundesgenossen. Er hatte nicht zu ihr gehalten, und nun war es aus und
+vorbei mit ihrem schönen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur
+Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. Regine holte
+ihren Katechismus und setzte sich an das andere Ende des Tisches, um zu
+lernen. Sie schlug das Buch auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen,
+groß und deutlich standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift
+geschrieben einige Worte. Unwillkürlich sagte sie laut: »Wie kommt denn
+das in mein Buch?« Thomas blickte von seiner Zeitung auf. »Was steht
+denn darauf?«
+
+»Nur ein Sprichwort; ich weiß nicht, wie das Papier in mein Buch kommt.«
+Gleichgültig schob sie es beiseite.
+
+»Zeig doch her, was ist’s für ein Sprichwort?« rief Thomas, griff nach
+dem Blatt und las laut: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« Er
+behielt das Papier in der Hand und starrte darauf; während Regine wieder
+in ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als nach einiger
+Zeit ihr Bruder rief: »Wer hat dir denn die Bosheit angetan? Gewiß
+wieder die Emilie Forbes! Weißt du nicht, was das heißen soll: Der
+Apfel fällt nicht weit vom Stamm?« Und als Regine ihn immer noch
+verständnislos ansah, sagte er: »Das heißt, daß du auch nicht ehrlich
+bist, weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?«
+
+Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; über und über errötete
+sie und sah das Blatt Papier an wie etwas Häßliches, Feindseliges. »Aber
+das ist nicht die Schrift von Emilie Forbes,« sagte sie nach einiger
+Zeit. – »Dann hat es jemand anders für sie geschrieben; sie will
+natürlich nicht, daß euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, wenn du ihm
+das Blatt zeigst.«
+
+»Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen davon
+gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das nicht getan hätte!« Sie
+stützte den Kopf in die Hände und weinte. Es war auch heute alles so
+traurig; das gute Plätzchen durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch
+das dazu!
+
+Der Bruder war erzürnt über Reginens Mitschülerin. »Ich schreibe dir
+auch einen Zettel,« sagte er, »den legst du in ihr Buch, und an dem soll
+sie auch keine Freude haben!« Nicht umsonst half er täglich als Setzer
+eine Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe Antwort
+kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht fein. Aber Regine wollte
+nichts davon wissen, Thomas wurde ärgerlich. »So etwas läßt man sich
+doch nicht gefallen!« sagte er, »was hilft dein Weinen? Wehren muß man
+sich!« – Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: »Es wird eben wahr
+sein, Thomas, was auf dem Zettel steht; wir sind alle nicht ehrlich,
+weil’s die Mutter nicht ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so muß
+doch auch das mit uns wahr sein!«
+
+Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah das Sprichwort auf dem
+Papier nachdenklich an. Aber bald sprach er tröstend zur Schwester:
+»Nein, nein, es ist nicht wahr. Die Äpfel bleiben freilich liegen, wo
+sie hinfallen; aber wir Menschen können aufstehen, und gehen, wohin wir
+wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon einmal nicht, wir zwei,
+gelt, du?« Da hob die Schwester vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder,
+der jetzt wieder mit ihr im Bunde stand. Sie rückte näher zu ihm heran
+und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blättchen Papier beschrieb. »So,«
+sagte er, »das kannst du ruhig Emilie Forbes ins Buch schieben; das ist
+jetzt ganz zahm, und wenn es zufällig dein Pfarrer zu lesen bekäme, so
+hätte er selbst nichts dagegen.« – Regine las: »Ein Apfel bin ich nicht,
+der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch und kann mich frei vom
+Platz bewegen.«
+
+Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. »Das Blatt kannst du ihr
+frei in die Hand geben, dann sieht sie gleich, daß du dich nicht vor ihr
+fürchtest. Paß auf, dann läßt sie ihre bösen Reden künftig bleiben.«
+
+Als nach der nächsten Konfirmandenstunde Emilie Forbes eben ihre Bücher
+zusammenpackte, wandte sich Regine nach ihr um, schob ihr das Blatt
+Papier entgegen und sagte: »Das gehört in dein Buch.« Betroffen sah das
+Mädchen auf die Worte, die da standen, und errötete beschämt. Aber sie
+geriet in noch größere Aufregung, als sie bemerkte, daß Regine vor allen
+andern Mädchen mit dem Pfarrer zugleich den Saal verließ; gewiß in der
+Absicht, mit ihm reden zu können. Darin hatte sie auch recht, nur daß
+Regine nicht über das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan
+hatte; nein, sie mußte dem Pfarrer Bescheid geben wegen des schönen
+Plätzchens, das sie nicht annehmen durfte. Zögernd brachte sie die
+ablehnende Antwort heraus. Dem Pfarrer war es sichtlich leid, daß der
+Vorschlag seiner Frau nicht angenommen wurde. »Schade, schade!« sagte
+er, »es wäre so gut für dich gewesen.« Gerne hätte er in dem Herzen des
+Mädchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der wahre und einzige
+Grund der Ablehnung war. »Später, wenn deine Mutter zurück ist, dürftest
+du dann die Stelle annehmen?« fragte er. Regine wußte nichts darauf zu
+antworten. Die Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen
+wissen wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. Sie
+gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander.
+
+»Zunächst ist da nichts zu machen,« sprach jetzt der Pfarrer,
+»vielleicht später, wenn deine Mutter heimkommt. Das wird ein trauriges
+Wiedersehen geben, Regine, wenn die Mutter deinen kleinen Bruder nicht
+mehr findet. Du mußt sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan
+hat. Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte du es,
+Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an den Altar trittst, so
+denke daran, was ich dir gesagt habe; und wenn ich dir die Hand zum
+Segen aufs Haupt lege, so werde ich auch daran denken: das ist eine, die
+hat einen schweren Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben,
+aber die Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!«
+
+Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. Regine saß am
+Nachmittag ganz allein zu Hause; der Vater, der Bruder, die Schwester
+waren da- und dorthin gegangen. »Wenn du konfirmiert bist, nehme ich
+dich auch einmal mit dahin, wo’s lustig zugeht,« hatte Marie
+versprochen; obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie früher,
+sondern blaß und verstimmt war. Aber sie war doch gegangen, und Regine
+war allein.
+
+Alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem nächsten Sonntag. Gestern
+Abend hatte die Näherin ihr das schwarze Kleid gebracht; es sah wie neu
+aus, obwohl es aus dem der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem
+Schrank und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. Man hörte
+gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. Ob sie wohl wußte,
+daß am nächsten Sonntag ihre Konfirmation war? Wie traurig zu denken,
+daß die Mutter eingesperrt in ihrer Keuche sitzen würde, wie der Vater
+das immer nannte; während andere Mütter in die Kirche kamen, um zu
+sehen, wie ihre Kinder eingesegnet würden. Das zu denken, tat ihr weh.
+Sie wollte ihr auch einmal schreiben, heute noch, gleich jetzt. Sie
+sollte ja die Mutter lieb haben.
+
+So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag Nachmittag hin und
+schrieb der Mutter einen langen Brief; erzählte ihr von der Konfirmation
+und kam auch auf das verstorbene Brüderchen zu sprechen, wie es immer
+nach der Mutter verlangt habe, und unter Tränen beschrieb sie die
+Krankheit und den Tod des Kindes. Am nächsten Morgen bat sie den Bruder,
+daß er den Brief überschreibe und besorge. Er las ihn und meinte, wenn
+die Mutter nicht krank sei, würde sie ihn ganz gewiß beantworten. Darauf
+hoffte nun Regine, und dachte es sich schön aus, daß sie zur
+Konfirmation wenigstens einen Brief bekommen werde.
+
+Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation brach an, und es kam
+kein Lebenszeichen von der Mutter. Regine dachte freilich an diesem
+Morgen kaum mehr daran. Ihre Gedanken waren erfüllt von der Feier. Sie
+mußte auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am Sonntag
+Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht mit ihr gehen; und
+Marie entschuldigte sich damit, daß sie heute etwas Gutes kochen wolle.
+Aber Thomas begleitete sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen
+Bruder und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was der Pfarrer
+zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: »ich« soll die Mutter lieben
+und die Unehrlichkeit hassen, sondern sie sagte »wir« und zog ihren
+Bundesgenossen mit herein in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war.
+
+Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder stieg auf die
+Empore und sah von oben, wie unter dem Geläute der Glocken die
+Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff der Kirche bis zu den Bänken
+vor dem geschmückten Altar kamen. Die Feier, die er seit der eigenen
+Konfirmation nicht mehr mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen
+das Herz.
+
+Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied der versammelten
+Gemeinde denken: Welch ein kleines, schmächtiges Mägdlein, noch ein
+ganzes Kind! Und doch war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen
+mit solchem Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte ihr
+doch auch der Pfarrer versprochen, daß er an sie denken wollte. Sie
+erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem er sie eingesegnet
+hatte, mit fröhlicher Zuversicht aus der Kirche heraus, um den Kampf des
+Lebens aufzunehmen.
+
+Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben erst aufgestanden,
+war mürrischer Laune; und die Schwester von eigenen Gedanken
+hingenommen, die nicht erfreulich schienen. Doch hatte sie der
+Konfirmandin zu Ehren ein gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille
+verzehrt wurde. Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen.
+Plötzlich ging die Türe leise auf, und in ihrem Rahmen erschien eine
+blasse Frau mit abgehärmten Zügen und sah mit großen, traurigen Augen
+auf die Anwesenden. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: »Die
+Mutter!« Und da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen,
+so blieb die Gestalt wie gebannt an der Türe stehen und rührte sich
+nicht. Einen Augenblick währte die Bestürzung, dann erhob sich der Mann
+und ging auf seine Frau zu. »Wie kommst du heute hierher?« fragte er.
+»Ich glaube gar, du bist heimlich entwichen.« – »Nein, nein,« sagte die
+Frau und trat nun näher an den Tisch heran; »ich habe meinen
+Entlaßschein, ich bin frei. Die Hälfte der Zeit ist mir erlassen worden
+wegen guter Führung, auch wegen meiner Kränklichkeit und aus Rücksicht
+auf die Kinder. Zum Konfirmationstag haben sie mich entlassen.«
+
+Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der Stelle, wo noch
+immer das leere Kinderbett stand; wandte sich dorthin, warf sich
+schluchzend über das Bettchen und rief in lautem Jammer: »Mein Hansel,
+mein gutes, gutes Kind!«
+
+Sie standen alle erschüttert und mit schlechtem Gewissen diesem Kummer
+gegenüber, und jeden Augenblick erwarteten sie, daß die Mutter sich mit
+Vorwürfen an sie wenden würde. Aber sie schien nicht an sie zu denken.
+»O Kind!« rief sie, »ich bin schuld, daß du gestorben bist. Deine Mutter
+hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! Hätte ich nur
+bei dir sein und dich noch ein einziges Mal sehen können!« Allen, die da
+standen, kamen die Tränen. Wie sah auch die Frau so elend und abgehärmt
+aus! Nicht mehr wieder zu erkennen war sie.
+
+Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rührung zu verbergen.
+»Laß jetzt das Jammern,« sagte er barsch. »Setz dich her und iß etwas,
+du siehst ja aus, daß es Gott erbarmt!« Da erhob sich die Frau, setzte
+sich an den Tisch und aß ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie
+rückte ihr die Schüssel näher. »Du siehst so abgemagert aus, Mutter;
+warst du krank oder hast du Hunger leiden müssen?«
+
+»Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche sagen auch, es sei
+gut, aber mir hat keinen Tag das Essen geschmeckt,« sagte sie. »Schlaf
+habe ich auch nicht viel gefunden. Ich war doch an unsere Federbetten
+gewöhnt; die gibt’s dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank war
+ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube gelegt. Da hat
+man’s besser, und die Wärterin hat es wirklich gut mit einem gemeint und
+mit jeder gesprochen. Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen.
+Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo man ohne
+Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann kam die Nachricht, daß
+das Kind gestorben sei. Von da an habe ich keinen Schlaf mehr finden
+können; immer mußte ich darüber nachgrübeln, daß ich’s hätte verhüten
+können. An diese Nächte werde ich denken mein Leben lang.«
+
+Sie waren alle ergriffen und hörten noch manches von der Mutter; denn
+sie war noch mit all ihren Gedanken bei dem, was hinter ihr lag, und
+hatte noch keine einzige Frage an die andern gerichtet. Jetzt stand
+Regine auf. »Ich muß in die Kirche,« sagte sie. Da schien die Mutter
+erst wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen Blick wandte
+sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen Kleid, mit dem langen
+Kleiderrock vor ihr stand und ihr verändert vorkam. Daß das alles so
+geworden war trotz ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwürdig; und als
+nach Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, wie
+sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, fand sich die Mutter
+ganz allein zu Hause; wußte nicht recht, wozu sie da war und warum sie
+sich heimgesehnt hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald saß sie
+wieder trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, das ihr
+zugejubelt hätte.
+
+So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst zurückkehrte.
+Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid ging sie zu ihr hin. Die Mutter
+fühlte das. »Komm, setze dich her und erzähle mir was von dir,« sagte
+sie, und dann fuhr sie selbst fort: »Deinen Brief habe ich noch in der
+Krankenstube bekommen und habe ihn die Wärterin lesen lassen, denn sie
+ist eine gute gescheite Person. Sie hat auch gleich mit mir gesprochen,
+wie sie deinen Brief gelesen hat. ›Das Kind ist noch unverdorben,‹ hat
+sie gemeint, ›die dürfen Sie nicht mit der großen in die Fabrik
+schicken. Ich würde sie gleich aus dem Haus in eine gute Familie tun.‹«
+Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung erwachte in ihr. »Warum
+schaust du so?« fragte die Mutter. – »Weil unser Herr Pfarrer auch so
+meint,« entgegnete Regine und schilderte mit aller Wärme die Stelle, die
+ihr angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte.
+
+»O,« rief die Mutter, »da hättet ihr zugreifen sollen, wenn es gleich
+nur ein geringer Platz ist. Soviel habe ich jetzt gelernt: wenn man zu
+hoch hinaus will, dann kommt man erst recht tief hinunter, bald genug
+wird das auch die Marie erleben.« »Ich will nicht hoch hinaus, Mutter,
+aber du willst ja nicht, daß wir in Dienst gehen.« – »Ich habe es
+freilich nicht gewollt, aber wenn man solche Nächte durchgemacht hat wie
+ich, dann denkt man über manches anders als vorher. Ich rate dir: danke
+deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!«
+
+Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, wenn du so sagst,
+dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute
+Plätzchen noch zu haben ist.« Die Mutter wunderte sich über ihre Kleine;
+die hatte sich verändert. »Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen
+Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die Mutter
+allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem
+verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mädchen, das voll Eifer
+ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie
+hatte sich in der einsamen Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu
+lassen: »Sie ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein
+gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der
+wenigstens kann man einmal Freude erleben.«
+
+Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend von dem raschen
+Entschluß. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie
+sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes
+Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber nächste Woche soll
+ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie
+hilft nicht gerne dazu.« »Wir machen’s schon ohne sie,« meinte die
+Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen
+wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte Regine. Da verlor
+das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher
+gehabt hatte. »Gut, daß du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl;
+zeigten sie ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute.
+
+»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte Thomas nachdenklich
+zu der Schwester. »Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei
+bleiben und für eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über
+alles, was geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt
+würde.« – »Was fängst du dann aber an, Thomas?« fragte die Schwester
+betroffen.
+
+»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß ich bei einer
+anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen
+selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin
+nur so zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so
+ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will nicht liegen
+bleiben, verstehst du?«
+
+Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu
+ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.«
+
+Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun getrost verlassen; sie
+meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird
+Segen von ihnen über ihre ganze Familie kommen.
+
+
+
+
+Von =Agnes Sapper= sind im gleichen Verlag erschienen:
+
+
+=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten.
+31.–40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.–.
+
+
+=Werden und Wachsen.= Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder. 350
+Seiten. 16.–23. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 4.–.
+
+ Der Glanzpunkt Sapperscher Erzählungskunst ist die Geschichte der
+ _Familie Pfäffling_ in zwei Bänden. Der erste Band mit der
+ Jugendgeschichte der Pfäfflingskinder ist eine Perle erzählender
+ Literatur, und für Kinder _und_ Eltern gleich interessant. Keine
+ großen äußeren Verhältnisse werden da vorgeführt, alles geschieht
+ nur im Rahmen einer bescheidenen, arbeitsamen Familie, und doch –
+ wie packt es, wie läßt einen von Satz zu Satz, von Seite zu Seite
+ die Spannung nicht los, und wie greift Freude und Leid im
+ Miterleben ins eigene Herz! – Dem Verlangen nach einem Mehr, das
+ auch den erwachsenen Leser dieser Geschichte befallen muß, hat
+ Agnes Sapper im zweiten Band: »_Werden und Wachsen_« entsprochen.
+ Es ist ein nachdenkliches Buch, für die reifere Jugend geschrieben
+ und, wie der erste Band, auch für Eltern und Erzieher wichtig.
+ Jenaer Volksblatt.
+
+
+=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7–12 Jahren. Vierte
+Aufl. Gebunden Mk. 1.20.
+
+
+=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12–16 Jahren. 3.
+Aufl. Geb. M. 3.–.
+
+ Jede Mutter, die dies Buch prüft, wird sagen, daß dies eine der
+ gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten ist, die wir
+ haben.
+
+
+Beide Teile in _einem_ Band gebunden:
+
+=Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.= Dritte Auflage. In
+Leinwand Mk. 4.–.
+
+
+=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen. Mit Bildern von Gertrud
+Caspari. Zweite Auflage. Gebunden Mk. 3.60.
+
+ Das sind fröhliche und ernste Geschichten, die aus des Kindes
+ ureigenem Quell schöpfen und darum allen Kindern gefallen werden.
+
+
+=Kriegsbüchlein.= 120 Seiten. 11.–20. Tausend. Steif geheftet Mk. 1.–.
+
+ Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der bekannten
+ Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die feine Auswahl von
+ höchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten aus Ost und
+ West läßt unsere Kinder hineinblicken in das große Geschehen der
+ Gegenwart, es läßt sie mitkämpfen, mitleiden, mithoffen. Manch
+ feines pädagogisches Wort weist unaufdringlich, aber dennoch
+ eindringlich darauf hin, daß das deutsche Volk nur dann siegen und
+ an die Spitze der Völker treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz
+ und wahrhaftig ein Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl
+ prächtiger kleiner Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von
+ unserem Hindenburg, bildet den Beschluß. Allen Eltern wird dies
+ »Kriegsbüchlein« höchst willkommen sein....
+ Erlanger Tageblatt.
+
+
+=Im Thüringer Wald.= Mit Vollbildern von P. F. Messerschmitt und
+Buchschmuck von Helene Reinhardt. Ein fein illustriertes Büchlein in
+steifer Decke M. 2.–.
+
+ Diese rührende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher wird
+ in der schönen Ausstattung mit zehn Vollbildern und zahlreichen
+ hübschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere Freude bereiten.
+
+
+=Erziehen oder Werdenlassen?= 336 Seiten. In Leinwand gebunden Mk. 4.–.
+
+ Ein verständiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes Buch, das
+ dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite stehen kann vom
+ Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt in das Leben der
+ Erwachsenen. Frei von der modernen Anbetung des Kindes, zeigt das
+ Buch doch auf jeder Seite die Achtung vor der werdenden
+ Persönlichkeit, die _eben deshalb_ kein bloßes Werdenlassen kennt,
+ sondern dem Kinde durch Erziehung zu möglichster Vollendung seiner
+ individuellen Persönlichkeit helfen will.
+ Die Frau.
+
+ ... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes Sapper so oft
+ durch den bunten Schleier ihrer reinen und launigen Erzählungen
+ schimmern ließ, trägt sie in ihrem neuesten Buche als praktische
+ Pädagogik vor. Das Beste an diesem Buche ist, daß es keine Theorie,
+ daß es goldene _Erfahrungen einer Mutter_ sind von der ersten bis
+ zur letzten Zeile.
+ Deutscher Courier.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:
+p 040: [Anführungszeichen] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹
+p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
+p 195: [Anführungszeichen] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
+p 219: [Anführungszeichen] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
+p 292: [Anführungszeichen] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurde prinzipiell beibehalten.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the fourth
+edition published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:
+p 040: [inner quotes] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹
+p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
+p 195: [added quote] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
+p 219: [removed quote] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
+p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+***** This file should be named 19733-0.txt or 19733-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/19733-0.zip b/19733-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..9307a19
--- /dev/null
+++ b/19733-0.zip
Binary files differ
diff --git a/19733-8.txt b/19733-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..84c4502
--- /dev/null
+++ b/19733-8.txt
@@ -0,0 +1,10417 @@
+The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das kleine Dummerle
+ und andere Erzählungen
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Das kleine Dummerle
+
+ und andere Erzählungen
+
+
+ Zum Vorlesen im Familienkreise
+ von
+ Agnes Sapper
+
+
+
+ Vierte Auflage
+ 13.-16. Tausend
+
+
+ Stuttgart 1915
+ Verlag von D. Gundert
+
+
+
+ Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.
+
+
+
+
+Vorwort zur dritten Auflage.
+
+
+Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre
+weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine
+Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden
+Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren
+Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie.
+
+Würzburg, Dezember 1912.
+ Die Verfasserin.
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+ Seite
+ 1. Das kleine Dummerle 5
+ 2. Hoch droben 32
+ 3. Im Thüringer Wald 36
+ 4. Der Akazienbaum 104
+ 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde 107
+ 6. Ein geplagter Mann 118
+ 7. Helf, wer helfen kann 144
+ 8. Ein Wunderkind 150
+ 9. Mutter und Tochter 161
+10. Die Feuerschau 187
+11. In der Adlerapotheke 193
+12. Bei der Patin 228
+13. Regine Lenz 294
+
+
+
+
+Das kleine Dummerle.
+
+
+Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester
+Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und
+außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte
+sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das
+ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und
+Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die
+Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit
+vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine
+Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich
+solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben
+Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen,
+seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte
+er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu
+hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und
+Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr
+Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich
+dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg
+nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze
+Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue
+Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des
+Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen
+gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der
+Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen.
+Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder,
+ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster
+und spielte auf einer Ziehharmonika.
+
+In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft
+kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein
+Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle
+Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau
+Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei
+Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das
+jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war
+rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber,
+übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.
+Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor,
+breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele
+steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den
+geplanten Reiseweg bezeichnete.
+
+Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so
+leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im
+Geist jäh unterbrochen werden -- es klopfte jemand an der Türe, alle
+Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein.
+
+Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald
+beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der
+Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling
+ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast
+doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung
+halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da
+kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen
+Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen
+hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche
+auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen
+müssen.
+
+»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich
+nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch
+die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim
+Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der
+kleine Dicke, stand noch beim Vater.
+
+»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr
+Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die
+Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater
+und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die
+andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir's gar
+nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder
+ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber
+nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte:
+»Sie sind alle fort.«
+
+Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring
+doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu
+kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der
+Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,«
+sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann's meinen Verwandten
+nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.«
+
+Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie
+hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends
+unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit
+langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über
+den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich,
+»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird
+nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit
+seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch
+stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah.
+
+»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr
+Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn's nur zum _Leben_ reicht,«
+sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging
+er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer
+und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am
+Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge,
+reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in
+die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.«
+
+ * * * * *
+
+»An Wohnungen fehlt's wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am
+nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen
+zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche
+anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei
+ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer.
+Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen
+müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte
+er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße
+entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da
+war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf
+Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein
+wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen
+und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner
+Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder --«
+
+»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel
+haben Sie eigentlich Kinder?«
+
+»Wir haben sieben.«
+
+»Sieben. Bei sieben tut's mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben
+nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem
+Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir
+schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir's doch zu leid um meine
+neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,«
+entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren
+kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus.
+
+Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein
+großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von
+weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der
+Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die
+Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich
+die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts
+verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt
+nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte
+einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder
+bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.
+
+»Pfäffling.«
+
+»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«
+
+»Musiklehrer.«
+
+»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«
+
+»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel
+Unterricht außer Haus.«
+
+»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt
+eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber
+wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist's schon gut.«
+
+»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«
+
+»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«
+
+»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere,
+und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;
+die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,
+ich habe nicht viel Zeit.«
+
+Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel
+Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder,
+bitte? Sind's Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling
+mußte bekennen: »Vier Buben sind's, und dann noch so ein paar kleine
+Mädels, die merkt man nicht viel.«
+
+Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er,
+»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein
+halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!«
+
+»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen,
+was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!«
+
+In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie
+wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich -- für
+unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.
+
+Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im
+Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte
+sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm
+hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich:
+»Eigentlich ist's ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme
+sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das
+ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum
+ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt
+war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
+schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer
+aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig
+ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will
+Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn
+Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«
+
+Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur
+weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die
+Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum
+Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir
+sieben Kinder haben.«
+
+»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk
+so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen
+Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!
+Ich tu' aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt,
+hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und
+brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer
+Gesellschaft!«
+
+Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim -- für
+heute hatte er's satt!
+
+Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die
+Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends
+aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof
+herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und
+besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so
+viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.«
+
+»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der
+Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld,
+daß wir so viele sind.«
+
+»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das
+bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner
+ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.«
+Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und
+fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister
+längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten,
+war er noch still und nachdenklich.
+
+Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei
+großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war
+eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und
+sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche
+Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten
+ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch
+nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es
+nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es
+sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle
+zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er.
+
+Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte
+mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn
+Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor,
+so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand
+noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt,
+und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er
+wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die
+Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es
+ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine
+finden könnte!
+
+Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß
+gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser,
+die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten
+Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am
+Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße
+antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen -- so, nun war sie
+allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein
+Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch
+zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch
+verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst
+eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,«
+und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig
+Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe
+höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als
+dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und
+rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein
+komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«
+
+Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen,
+sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber
+einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch
+allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er's verstand. Man konnte ihm
+wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte
+ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber
+heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder
+schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand
+nehmen, weil wir sieben Kinder sind.«
+
+»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie
+keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.«
+
+»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder
+sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und
+es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine
+gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim
+erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und
+ging heim.
+
+Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem
+Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz
+ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_
+hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und
+während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und
+von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war.
+Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen
+Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn
+herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand
+auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder
+wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle!
+
+Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich
+war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als
+Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele
+Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling
+berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht
+gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem
+wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie
+liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.«
+
+»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen
+nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo
+kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der
+Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen,
+bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen
+Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist's nicht,«
+sagte Pfäffling.
+
+»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner
+gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«
+
+»Wem gehört denn das Haus?«
+
+»Einem Seifensieder.«
+
+»Riecht's da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«
+
+»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«
+
+»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist
+nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,«
+sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite
+wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb
+nehmen!«
+
+»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts
+Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.«
+
+Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde
+der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten.
+
+Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße
+angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des
+Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem
+Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die
+Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum
+sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein
+aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute
+hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen
+wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der
+müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu
+Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet
+gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte
+nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine
+Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,
+während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und
+zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf
+los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.
+
+Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen
+und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen
+gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil
+auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum
+das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer
+und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu:
+»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht
+so hört.«
+
+Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein
+Hausherr,« so ging's von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm
+verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos
+wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus.
+Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.
+»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte
+ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße.
+Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder
+haben.«
+
+»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem
+Mund.
+
+»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so
+herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt.
+Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln.
+Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns
+ist's nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau,
+die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine
+Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine
+Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.«
+
+Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf
+Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in
+die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen
+Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne
+Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu
+billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer
+von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er
+schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem
+Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe.
+Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom
+Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der
+künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße.
+
+Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig
+nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand
+dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte
+sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug
+sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn
+er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir
+gefällt's besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der
+elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich
+doch lieber einen Holzplatz.«
+
+»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug,
+der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und
+auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die
+neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er
+fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem
+Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten,
+und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn
+aufzuklären.
+
+So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern
+Katzengasse eingemietet.
+
+»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte
+Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle
+Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele
+luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz
+schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die
+Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie
+jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen
+glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr
+geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich
+königlich auf das doppelte Mittagessen.
+
+Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die
+Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von
+ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen
+waren und sich's da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht
+recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen
+sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich
+von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit
+offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung
+stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier
+und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter
+dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er
+auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren
+Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde
+ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so
+verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie
+vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war's
+und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.
+
+»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der
+neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du
+hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was
+er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere
+Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt
+hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er
+machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit
+dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum
+Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo?
+Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links,
+überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige?
+Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar
+Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg.
+»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.«
+
+Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der
+kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem
+Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?«
+
+»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?«
+»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer?
+Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.
+Bist du sein Bub und weißt das nicht?«
+
+»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein.
+
+»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort,
+wo du hin sollst, dort sagt man dir's schon. So etwas ist mir aber noch
+nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal
+wohin!«
+
+Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse
+wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere
+Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn
+nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder
+aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles
+ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig.
+Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht
+bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er
+freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis
+zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon
+wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß
+Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der
+kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste
+Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.«
+
+»O, der kommt viel zu spät!«
+
+»Gelt, ich sag's auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich
+»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das
+Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das
+heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte
+er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und
+der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und
+die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.
+
+Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu
+wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme:
+»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte
+freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will
+dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du
+sie nicht findest.«
+
+Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er
+sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal
+die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander
+herauskam: Kein Mittagessen -- die alte leere Wohnung -- die Hintere
+Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle!
+Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte,
+und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der
+Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch
+gedeckt.«
+
+In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte
+wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue
+Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte
+eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald
+die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler
+schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle
+da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll
+Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel
+geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich's
+gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am
+Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote
+Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch
+einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel
+gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die
+großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und
+spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.
+
+Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich
+zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten
+Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus,
+er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur
+manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der
+Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch
+reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm.
+
+Aber -- in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr
+fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett
+herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte
+und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling
+sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die
+Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen
+Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am
+nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig
+schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die
+Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine
+gute Mietpartei für die Hausleute.
+
+Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe
+verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie
+manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern
+Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal
+allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die
+zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum,
+an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um
+das Kind.
+
+Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was
+dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.«
+Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine
+Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,«
+sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er
+schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames
+Lieblingsspiel verwahrt war.
+
+»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und
+streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder
+es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote
+Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß
+die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm
+komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn,
+wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer
+Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich
+sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das
+Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu
+suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade
+als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen
+Lärm machte.
+
+»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der
+Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr
+ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn
+da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn -- --.« »Geh hinaus mit deinen
+Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du
+auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe
+hinausgeschoben.
+
+Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und
+dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die
+rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das
+Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das
+Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie
+hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es
+die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade,
+da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht
+verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort.
+
+Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht.
+Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten
+den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,«
+sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu
+holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät
+ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« -- und die
+Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder
+noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er
+nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie
+sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an,
+»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben --.« Aber die Mutter
+fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen
+so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?«
+
+Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich
+Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine
+rote Kugel gehabt und -- --« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief
+Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und
+der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser
+sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling
+machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der
+aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe
+vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie
+behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte
+ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und
+darum ist sie krank.«
+
+Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und
+so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken
+weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig -- sie hörten es ganz
+deutlich -- fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr
+Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein
+wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr
+freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie
+war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir's nur noch einmal ganz
+genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester
+gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel
+geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir's? Was hat sie denn
+erzählt?«
+
+»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie
+die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel
+ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen.
+»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich
+an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den
+Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.«
+
+»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an
+die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders
+Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind
+geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn
+nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es,
+ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit,
+vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak
+darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine
+Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!«
+
+»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der
+Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die
+Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel
+zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus
+allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in
+jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden
+liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte
+nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe
+schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.«
+
+Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als
+ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling
+fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine
+Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab
+-- niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun
+eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen,
+lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über
+den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf
+Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete
+Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz
+ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling
+aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen
+konnte.
+
+Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers
+aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die
+Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der
+Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel
+wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die
+rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich
+hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen
+Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem
+Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte
+zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut
+gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.«
+
+Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während
+draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die
+Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der
+kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er
+wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt
+bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein
+kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester
+gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher,
+daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste,
+da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die
+Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn
+staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes
+Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte
+er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier
+Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!«
+
+Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen
+wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich
+abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das
+noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte
+dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern
+begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der
+Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und
+ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters
+Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch
+abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen
+hatte.
+
+Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein,
+nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der
+Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?«
+Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du's nicht gemerkt, daß
+der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch
+verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater
+hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.«
+
+Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo
+er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf
+das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom
+Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es
+für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die
+Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag
+die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann
+ein Blick auf die große Wanduhr -- reicht es noch, kann man noch vor
+Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es
+geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der
+Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus
+zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite
+und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit
+einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte:
+»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn
+man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch
+und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen
+davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde
+und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es
+kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im
+Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau
+zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.«
+
+Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte
+sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte
+durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen
+noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und
+das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich
+abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht --« »Und du wieder nicht
+reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat's schwer
+gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der
+Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um
+das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus
+ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und
+riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht
+nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer
+empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei
+Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern.
+Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die
+heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz
+durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen -- du kannst nicht
+reisen -- das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen
+erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte,
+der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der
+Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom
+Fichtelgebirge!
+
+
+
+
+Hoch droben.
+
+
+In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem
+Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er
+und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden
+waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach
+dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte
+nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die
+glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit
+von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch
+die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe
+Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein
+Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte
+einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren
+und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,
+wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte.
+Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel
+aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein.
+
+Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist's
+noch mehr!
+
+Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann
+plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die
+sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache
+wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick
+und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war
+dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der
+Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach.
+Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom
+Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer
+mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in
+Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß
+gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,
+von unten wird's besser gehen, mit der Leiter, mit der großen
+Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell,
+schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die
+Tiefe!«
+
+Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die
+ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können
+nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von
+Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig
+wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die
+Spannung.
+
+Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau
+ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht
+Platz für die Mutter.« Sie ist's ja nicht, sie ist ein ehrsames altes
+Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und
+teilnahmsvoll Platz.
+
+Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell
+zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit
+man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und
+jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer
+glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das
+große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet
+und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen,
+wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken
+folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in
+die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am
+Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den
+Daliegenden stemmt.
+
+Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit
+Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in
+demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er
+die Hände gegen den Arbeiter.
+
+»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.«
+
+»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt's denn, warum liegen Sie da? Ich
+glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.«
+
+Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es
+war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!«
+
+»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.«
+
+Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der
+Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung
+geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine
+mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein
+solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog
+seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter:
+»Hurra!«
+
+Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: »Hurra, Hurra!«
+
+»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann,
+»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker
+deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend
+machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch
+die Dachluke.«
+
+»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein
+auf dem Dache.«
+
+»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach' meinen Dank für
+die Lebensrettung.«
+
+»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief
+sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder
+ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
+Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht
+mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm
+allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die
+hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn!
+
+
+
+
+Im Thüringer Wald.
+
+
+Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein
+Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne
+Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im
+Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen
+Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die
+Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es
+gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen
+Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man
+nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht
+durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein
+läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber
+doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von
+früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben?
+
+Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der
+Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie
+eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter
+ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein
+Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte
+durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser
+standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft
+und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder;
+eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar
+herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt
+hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter.
+
+Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen
+anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen
+Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu
+seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
+gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau,
+»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.«
+
+»Ja, ja, im Sommer tut sich's noch, aber die Kinder werden alle Tag'
+größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll's im
+Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten
+herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll
+Kartoffeln aufs Feuer.
+
+Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen
+Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem
+Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie
+wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von
+selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß.
+
+»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,«
+sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt
+halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem
+Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange
+hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine
+immerhin noch mit zu essen.
+
+Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab,
+daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und
+rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen
+gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte.
+Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus
+alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da
+Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und
+erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er
+da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich
+eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn
+sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und
+pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine
+Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das
+Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren
+Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie
+waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie
+zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um
+den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner
+stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden
+Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank
+geworden von der schlechten Luft.
+
+Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald
+lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu
+Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer
+Stoß geschnitten. Dann ging's ans Nähen; ringsum mußte der Balg
+zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er
+offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau
+Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar
+Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem
+Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!«
+
+Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen
+Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne,
+die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle
+und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles
+zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die
+Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem
+Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen.
+
+»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie
+aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt
+mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf
+die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte
+ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen
+und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das
+besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet
+hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ:
+
+»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg
+komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!«
+
+»Was sagt er dann, Mutter?«
+
+»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb
+voll.«
+
+»Was sagst du dann, Mutter?«
+
+»Dann sag' ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so
+faul.«
+
+»Was sagt dann der Herr, Mutter?«
+
+»Dann sagt er: 'Euch geb' ich keine Arbeit mehr, da geb' ich's lieber
+dem Haldengreiner, der ist fleißiger.'
+
+»Und dann, Mutter?«
+
+»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.«
+
+Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze
+Weile nicht von seiner Arbeit auf.
+
+»Es ist ein Elend, daß man's mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing
+der Hausvater nach einer Weile an.
+
+»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag
+ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große
+Bestellungen gekommen sind, da gibt's Arbeit genug!«
+
+»Was hilft's, wenn's nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht
+mehr fertig.«
+
+»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier
+kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der
+Philipp!«
+
+»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in
+der Arbeit.«
+
+»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die
+bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der
+hat schon manche Nacht durchgeschafft.«
+
+»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul', soll gar nicht gut sein
+für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer
+gesagt, und der neue Lehrer sagt's auch und er hat recht.«
+
+»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht' halt,
+daß die Kinder lernen. Der alte hat's immer gewollt, und der neue ist
+auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.«
+
+»Aber ist's nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz
+sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.«
+
+»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren
+Frieden im Land!«
+
+»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.«
+
+Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind.
+Aber wieviel Nächte hab' ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst
+denn machen? Wir können's doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die
+Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring' ich
+dir wieder ein Päckchen Tabak mit.«
+
+_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der
+sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung.
+
+Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann
+wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die
+Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt,
+als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in
+Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte
+der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst
+du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich
+mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der
+Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte
+schon, wie sie's zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben
+dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum
+Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An
+sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig
+geschmückt.
+
+Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah
+begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre
+Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle
+Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
+Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad'
+nur von der Schul' heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht
+bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den
+Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
+dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache;
+sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu
+heulen, daß Marie ihren »Übermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und
+des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.
+
+»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft
+und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann
+mit, daß er auch sein Vergnügen hat.«
+
+»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?«
+
+»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.«
+
+»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man
+nimmer zumachen.«
+
+»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine
+Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder
+heimkommt.«
+
+»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater.
+
+»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will
+ich's schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß
+es auf der Gasse nicht herunterfällt!«
+
+»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?«
+
+»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld
+aus ist; sag nur, die Mutter zahlt's morgen, wenn sie von Sonneberg mit
+dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
+Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp
+gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer
+herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war.
+
+»Wenn man's doch richten könnt',« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man
+immer gleich bezahlen täte, was man holt!«
+
+»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin.
+
+»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat
+borgen müssen, und der Krämer macht's auch so.«
+
+»So ist's halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon
+so.«
+
+»Aber anders wär's halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein
+klein Sümmchen ins Haus bekäm', daß man das alte zahlen könnt' und das
+neue auch; von da an dürft' mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
+Lot Kaffee. Aber wir bringen's nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns
+die Finger wund arbeiten.«
+
+»So red' doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann's denn
+wissen, ob's nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch
+eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts
+arbeiten.«
+
+»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht
+halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen,
+die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät!
+Schon lang hat sie nichts geschickt.«
+
+»Weil sie auch gar so weit weg ist!«
+
+»Von Köln aus könnt' man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt
+man doch sogar bis nach Amerika.«
+
+»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber
+und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn
+aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das
+muß viel weiter weg sein.«
+
+»Viel näher ist's, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt
+übers Meer.«
+
+»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes
+Wasser sein.«
+
+»Der ist doch nur ein Fluß!«
+
+»Meinetwegen, ich hab' auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.«
+
+Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung.
+Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze
+Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden
+Hände durften ein wenig ruhen.
+
+»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?«
+fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit
+der Sprache. »Warum, sag's, bist abgestraft worden? Hast doch gestern
+abend geschrieben!«
+
+»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat's nicht lesen können; ich
+soll's bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der
+Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei's.«
+
+»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt
+und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den
+ganzen Tag. Aber jetzt geht's halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit
+für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.«
+
+Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden
+die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen.
+Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um
+alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da
+wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen
+Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den
+Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb
+aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann
+möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
+schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu
+tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch
+sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den
+oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau
+hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß
+der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit
+ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein
+gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber
+diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor
+andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen
+eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen,
+wenn es gar zu viel für die Mutter würde.
+
+Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie
+blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen
+Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit
+kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg.
+Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der
+Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der
+Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten
+der Stadt zupilgern.
+
+»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie
+du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die
+machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
+nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem
+schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.«
+Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren
+Korb.
+
+Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt,
+erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter
+grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der
+umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf,
+die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig
+machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter
+her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften:
+»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an
+dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu
+sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast
+alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.
+
+Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner
+arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große
+Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in
+dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten.
+
+Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und
+ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf
+ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau
+sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am
+Schluß noch einen.
+
+»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal
+aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren
+Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert
+hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt
+wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der
+Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab.
+Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld
+ein. Für die nächste Woche gab's Arbeit genug, fast mehr als Frau
+Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.
+
+»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie
+aus dem Zimmer waren. -- »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen,
+sonst heißt's später, wenn's weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns
+auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.«
+
+»Aber wenn wir's in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht' ich
+nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst,
+da würd' ich mich fürchten!«
+
+»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt's doch noch
+die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie's
+der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.«
+
+Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine
+Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren
+einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie
+wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich's kaum mehr erinnern.
+
+Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang.
+Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt's dunkel vor?« sagte
+die Mutter, »aber ich find' gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen,
+und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie
+wenn's heller Tag wär'.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte
+sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub', da wohnt ein Stimmacher;
+weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und
+Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht
+Puppenschuh', hörst nicht seine Maschine?«
+
+»Aber da wohnen viel Leut', Mutter!«
+
+»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt
+sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte
+Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid
+ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die
+Hand und deiner Tante Regine auch.«
+
+Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu
+und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn
+sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
+fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen
+noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön
+gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus
+der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech,
+etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit
+blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da
+nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit
+geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom
+Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig
+zum Aufkleben auf den Puppenkopf.
+
+Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie
+doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und
+wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine
+Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die
+Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist
+euch vergönnt.«
+
+Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so
+blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die
+neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte,
+daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre
+wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte
+Marie, »das möcht' ich lieber tun.«
+
+»Gefällt dir's?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann
+kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der
+zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst
+nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein
+sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul' sind, sollen sie
+dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir
+haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen
+Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir
+müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.«
+
+Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg
+heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene
+Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der
+Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und
+überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft
+schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der
+kleine Philipp sprang ihnen entgegen.
+
+»Ihr kommt so spät heut',« sagte er, »es steht schon lang einer da und
+wartet auf dich.«
+
+»Wer ist's denn?«
+
+»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht
+leiden,« sagte die Mutter, »hätt' ihn der Vater doch fortgeschickt.«
+»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«
+
+Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar
+nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins
+Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort
+kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden.
+Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das
+sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte,
+sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse
+des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie
+brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte.
+Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und
+sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.
+
+»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen
+Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden
+Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«
+
+Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch
+mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn
+leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den
+Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade
+heut', wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb.
+Sehen Sie? Gleich bar hab' ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch
+hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis
+Ende der Woche reicht's nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich
+schon jetzt sehen.«
+
+»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,«
+beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr.
+Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«
+
+Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den
+Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht
+mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die
+Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch.
+Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen,
+wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in
+der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das
+hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun
+machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die
+Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
+plauderten.
+
+Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett,
+Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die
+Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von
+Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon
+zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute
+kam's ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der
+Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus
+zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu
+errufen -- sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest.
+Frau Greiner lachte und ließ sich's gefallen.
+
+Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von
+ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so
+verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben
+dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton.
+Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den
+Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie
+Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal
+auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die
+Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse.
+Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt:
+diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich
+habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote,
+»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil's mich doch gewundert
+hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil's so eine ganz besondere
+Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift
+lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt
+war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln
+waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben.
+Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen
+ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten
+sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für
+ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das
+Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.
+
+»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester
+gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in
+der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals
+so traurig zumute.«
+
+Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln
+gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche
+Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner
+und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester
+wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten
+Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder
+an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts
+geschehen wäre.
+
+Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben
+haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der
+Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an
+Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war.
+
+»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch
+noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken
+müssen. Ich will's nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll
+Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten
+Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das
+Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen
+eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos
+hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von
+vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er
+nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas
+verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten
+Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute
+Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht.
+
+Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge
+für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für
+ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich
+keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug.
+Aber seine Frau sah's anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie,
+»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat
+sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie
+mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat.
+Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald
+acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und
+dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!«
+
+Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich
+auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an
+eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag
+ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den
+nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem
+sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen,
+aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der
+Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der
+Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit,
+daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche
+Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im
+Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein,
+den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das
+Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken,
+daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und
+Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich
+gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im
+Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und
+wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu
+übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon
+übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb
+auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum
+Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe
+haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt
+ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll,
+Kindergärtnerin.«
+
+Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte
+sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte
+Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein,
+der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.«
+
+»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die
+vornehmen Leut' haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex
+steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand.
+Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt
+ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So
+schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!«
+
+Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große
+Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir
+kommt's auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein
+Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt's nicht tun
+sollen, und wenn's auch meiner Schwester Kinder sind!«
+
+»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder,
+da dürft ihr euch schmal machen.«
+
+»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie.
+
+»Soxhlet heißt er.«
+
+»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht' ich mich, gelt, den legst nicht zu
+mir?«
+
+»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter.
+
+»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand
+abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn
+doch nicht setzen.«
+
+»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau
+Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der
+schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man
+nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh' hat. Aber auch noch so einen
+Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so
+einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so
+Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat
+das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!«
+
+»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht
+telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?«
+
+»Wenn's halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.«
+
+»Man könnt' ja fragen, was es kostet.«
+
+»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein
+Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon --
+zähl' einmal -- hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet
+darin. Dann, so barsch möcht' ich auch nicht sein, daß ich nur
+schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt' doch auch
+erklären, warum. Wieviel gäb' das Wörter! Das geht nicht in ein
+Telegramm.«
+
+»Und zum Brief ist's zu spät?«
+
+»Ja, zu spät.«
+
+Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder
+über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch
+sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren
+gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die
+Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon
+vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die
+Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung
+über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon
+wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie
+nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt,
+'mein Herr Gemahl!'« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das
+Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl
+sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem
+verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei
+uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
+Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so
+armselig ist.«
+
+Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll,
+die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete,
+hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner
+gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur
+einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche
+Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit
+abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so
+hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer
+einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
+Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich
+auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf
+diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam
+gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine
+anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen
+Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es
+nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen,
+noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen
+auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie
+Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden
+die Reisevorbereitungen getroffen.
+
+In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer
+des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen
+und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer
+Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
+Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei
+Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge
+Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen
+Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr
+geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.
+
+Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht,
+was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem
+Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not
+versetzen.
+
+Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise.
+Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn
+verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine
+liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte
+sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine
+gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein
+leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden.
+
+Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit
+wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag
+zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden
+gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als
+Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die
+trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes
+Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in
+Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik -- gewiß aus der
+Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden
+Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in
+Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem
+Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute
+kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen
+nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen
+sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß
+genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth
+stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten
+in Oberhain?« fragte der Kutscher.
+
+»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung
+kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in
+Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie
+aber schon erfragen. Nun ging's vorwärts, zuerst flott und rasch durchs
+Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts
+Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die
+köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster
+Stimmung.
+
+»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich
+habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote
+Bäckchen bekommen, mein Liebling -- aber Papa und Mama können sich nicht
+mehr darüber freuen, armer Schneck!«
+
+Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der
+Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll
+die Fabrik heißen?«
+
+»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der
+Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich
+an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine
+Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht
+begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist,
+wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.«
+
+»Wir wollen's schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich
+mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß
+sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem
+Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die
+Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig
+sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom
+Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau,
+was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie
+hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar
+kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt
+Elias.«
+
+Und nun ging's noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde
+enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen
+Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt
+-- vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und
+sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend,
+wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der
+hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran
+die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen,
+zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz -- das sollte
+die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je
+gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam
+Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete
+bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner
+Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie
+dicht am Wagen stehen -- keinen Schritt machte sie auf das Haus zu.
+
+Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte -- das
+junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter
+enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich
+drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen
+dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist
+ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du,
+Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?«
+Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe
+sich's Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön
+geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau
+Greiner den kleinen Alex ins Häuschen.
+
+Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen,
+während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den
+Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz,
+hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie
+folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß
+sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen
+Tag?« fragte sie.
+
+»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf
+seine Arbeit.
+
+Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den
+Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?«
+
+»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist
+draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen
+abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie
+wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
+Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem
+Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es
+ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht
+anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
+schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer
+abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung
+stehen, Philipp aber trat näher.
+
+»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet
+nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still
+verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte
+sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch
+vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte
+Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein,
+daß er so eingesperrt wird!«
+
+Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete
+nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in
+der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat,
+und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der
+Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und
+Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor
+den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer
+Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie
+nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der
+Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben
+geistreiches Gesicht.
+
+»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das
+Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der
+Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man
+uns so gelehrt: 'Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die
+Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
+Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf
+Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen
+geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.'« Frau Greiner
+hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit
+der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate
+sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.«
+
+»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch
+haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee
+reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an
+Speck und Hering soll's ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande
+die Hauptnahrung.«
+
+»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt.
+
+»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie
+nur ruhig, ich will's ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft
+eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da
+sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer,
+ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd
+hinzu, »ob Sie den Thermometer ver -- -- -- ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir
+haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man
+die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch
+auch?«
+
+»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber
+hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht's auch nicht!«
+
+»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so
+wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen,
+wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden?
+Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen
+von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen
+eine aus Sonneberg.«
+
+»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut's schon auch, und so
+oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.«
+
+»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem
+Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar
+nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem
+andern Zimmer sein?«
+
+»Ein anderes Zimmer haben wir gerad' nicht, aber wegen der Luft dürfen
+Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer
+Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur
+meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
+drei waren ganz gesund.«
+
+»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth.
+
+»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über
+sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat's
+auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht
+weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns
+weh getan, aber so ist's halt; wir haben ja auch an dreien genug und
+jetzt sind's eben auf einmal vier geworden!«
+
+Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex
+ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt
+noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder
+zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit
+saß.
+
+Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen
+bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her.
+Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue
+Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt.
+Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?«
+Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das
+gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn
+herzte und küßte und leise sagte: »Behüt' dich Gott, mein Liebling, ich
+habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
+deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?«
+
+»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich
+zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen
+wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war
+denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?«
+
+»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts
+bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht
+weiter.
+
+Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während
+sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem
+Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so
+oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel
+hineingeschoben, ein sorgsam geschältes!
+
+Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen
+sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen
+auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege
+standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den
+Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt
+bist du im Thüringer Wald!«
+
+Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die
+Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit
+zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde,
+fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz
+überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig
+geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen
+mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen
+staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit
+der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die
+Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger
+Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu
+liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
+fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das
+Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.
+
+Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei
+gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die
+Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das
+Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht
+_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten
+noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und
+so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.
+
+»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine
+Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt
+werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und
+wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug
+am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust
+zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie
+wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen,
+so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ
+sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein,
+um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so
+elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor
+und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so
+wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen
+für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte
+sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld.
+
+In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt
+holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und
+gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
+kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres
+Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag
+abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern
+Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg,
+wart ein wenig!«
+
+Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd
+gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg
+nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach
+verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der
+an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als
+unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte,
+wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war's immerhin noch auf
+dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich
+der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann
+siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie
+fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein
+Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die
+deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm
+verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe
+und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner.
+
+»Was ist das, Drücker?«
+
+»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe
+gibt.«
+
+»Helfen Sie auch drücken?«
+
+»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die
+Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.«
+
+»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?«
+
+»Dann haben sie noch keine Augen und --«
+
+»Wer macht die Augen?«
+
+»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in
+allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.«
+
+»Ist das das Letzte?«
+
+»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und
+die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den
+Balg geleimt.«
+
+»Das kann Ihr Mann nicht?«
+
+»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule
+geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber
+dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
+müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder
+Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul',
+aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.«
+
+»Wieviel verdienen Sie in der Woche?«
+
+»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist's mehr, bald weniger. Es gibt
+Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.«
+
+»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der
+Woche, Sie mit Mann und Kindern?«
+
+»Die vorige Woche hab' ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch
+schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht
+durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu
+den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht
+dafür wieder hinaus und man bringt's fast nicht dazu, daß man sich für
+den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder
+darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken,
+sonst wird man 's ganze Jahr nicht froh.«
+
+»Ist Ihr Mann gesund?«
+
+»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den
+Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.«
+
+Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt
+da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.«
+
+»Ja, Fleisch gibt's nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln
+sind die Hauptsache, bei uns heißt's: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag
+in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!«
+
+Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine
+Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe
+erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von
+der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden.
+
+»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter
+heut'?«
+
+»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren
+Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er
+Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß
+ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht
+gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie,
+die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika.
+Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar
+nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen
+alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn
+wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der
+besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch
+versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser
+Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn
+Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.«
+
+Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge
+Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt
+Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das
+wäre nicht schlecht!«
+
+»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu.
+
+»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein
+Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.«
+
+»Das bleibt hier. Dazu gibt's Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen
+mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir
+deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon
+absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen
+Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich
+genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?«
+
+Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen
+Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die
+kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte.
+
+Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab' ich nun das alles
+geträumt oder ist's wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein,
+denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur
+gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum
+sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?
+
+»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken
+gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber
+schön müßt's sein, was könnt' man da alles sehen, und ganz freie
+Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
+nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab', er wird doch
+auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?«
+
+Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr
+erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus,
+trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag's noch niemand, Georg,
+weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie
+ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
+im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige
+Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt.
+
+Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge
+Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit
+besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in
+dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde
+sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war
+ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann
+hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis,
+wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte.
+
+Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die
+Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht
+begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme
+Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und
+kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit,
+die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte,
+sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten
+Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den
+Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein
+Hering hat er heut' mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete
+Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts
+davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut's weh; gelt, ja, das
+sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein
+Schatz, ich kauf' dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen
+und hol' noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen
+weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen
+dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm's gut
+bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut
+haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus.
+Still, mein Waislein, still!«
+
+Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen
+und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm
+befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer
+nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn
+herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern
+Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle
+seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder
+an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
+mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind
+unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das
+war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er,
+»Kranke bleiben am besten daheim.«
+
+Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch
+nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb'
+ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich,
+die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End', nur zwölf Mark hast
+heut' heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt'
+man's schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und
+alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich's
+überlegt.«
+
+So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es
+war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand
+offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
+Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er
+dies alles zum erstenmal. Schön war's doch im Thüringer Wald und leicht
+wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum
+Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie
+lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah
+still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht
+mehr das Lied: 'In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der
+alles kann und weiß'; wie geht's da weiter?« Sie brachten den Vers
+zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt
+gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.
+
+Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter
+den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten
+sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der
+Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer
+Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres
+Gesicht hatte er, vielleicht kam's daher, daß er selbst so oft mit
+finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der
+Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte
+Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah
+sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein
+Käßchen öffneten. »Vater, reicht's?« fragte sie ganz leise und blickte
+besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man
+merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.
+
+Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun
+freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der
+Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu,
+»er bekommt später den Rest, andere haben's auch nicht beisammen.«
+
+»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen
+besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war
+ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex' Kinderwagen. »Da haben
+Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.
+
+»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit.
+Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber
+heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler
+herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn
+so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er
+mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann
+verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er
+wittert das Geld,« sagte sie, »er hat's nicht wissen können, daß wir
+noch etwas haben, aber er hat's gespürt, daß Geld im Haus ist.«
+
+»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus
+dem Land.«
+
+»So mein' ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig,
+wir gehen auch fort.«
+
+»Ja, und das gern.«
+
+»Bist entschlossen? Im Ernst?«
+
+»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«
+
+»Kinder, Kinder, denkt's euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die
+Mutter.
+
+Jetzt gab's Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen
+Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam
+allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
+wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre
+Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das
+arme Waislein nur nehmen.
+
+Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur
+auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete:
+»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
+nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.
+
+Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze
+Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg
+gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf,
+die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache
+verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als
+gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine
+Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
+Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine
+Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur
+immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die
+Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden,
+die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein
+Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein
+vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert,
+daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle.
+
+Dienstag abend war's. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine
+Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und
+rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort
+noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
+als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und
+bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die
+Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze
+kommt zu dir.«
+
+Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen
+weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher
+von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt,
+daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo
+Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus
+dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den
+Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins
+Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und
+erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den
+Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst
+hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln
+wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem
+Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.
+
+»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.
+
+»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und
+wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir
+entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort.
+
+Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als
+ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand,
+nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch
+natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht
+wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20,
+so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte,
+ist's nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat
+man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird's auch einmal nicht besser
+gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«
+
+Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte
+besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und
+bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika
+unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir
+jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn
+die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste
+Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_
+einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und
+gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der
+Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen
+und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir's vorkommt,
+wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus
+für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir's vor, als wolltet Ihr
+hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr
+hat.«
+
+Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen
+der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem
+Graben ist's ohnehin nicht viel bei ihm.«
+
+»Magdalene, was red'st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so
+sinnbildlich gesagt!«
+
+»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum
+Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt's den Amerikanern,
+wie sie's machen sollen, so ist's eine Gefahr für unsere Einnahmequelle.
+Für _Euch_ könnt's ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann's zum
+Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre
+Puppen, das wollt' ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich
+heraufgekommen.«
+
+Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese
+Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt
+entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob's dem Herrn Amerikaner gelingt da
+drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so
+einführt, wie's bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon
+ist.«
+
+»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt's ihm nicht, so werdet
+auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein.
+Gelingt's aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist's der helle
+Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war
+einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie
+mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem
+Schulz konnte er's aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu
+reden.
+
+»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da
+drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin,
+und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
+dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann's
+noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.«
+
+Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte
+sie zustimmend.
+
+»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir
+kommt's nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß
+man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben
+frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die
+Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_
+Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür
+gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir
+so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den
+Amerikanern bringen. Warum? -- weil unsere Enkelkinder auch noch essen
+wollen!«
+
+Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder
+auch noch essen wollten, das war berechtigt.
+
+»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom
+Dorf möchte ich nicht schuld sein.«
+
+»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein
+Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der
+Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.
+
+»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut
+kenn' ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will
+ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern
+und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der
+Amerikaner auch nichts erreichen.«
+
+Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des
+kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann
+vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?«
+fragte Ruppert.
+
+»Ja, mein Schwesterkind ist's.«
+
+»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«
+
+»So ein Kostkind ist's nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben's
+bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen
+verloren.«
+
+»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer
+Schwester war doch reich?«
+
+»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind
+geschickt. Gewollt haben wir's nicht; das große Mädchen hätten wir gern
+genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.«
+
+»Der Vormund hat sich's leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch
+ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der
+Amerikaner kommen sollte, so sagt's ihm nur, er könne sich die Mühe
+sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die
+halten alle fest zusammen gegen Amerika.«
+
+»Ja, ja, das tun wir auch.«
+
+Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends,
+und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er
+sich geträumt hatte.
+
+Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht
+erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder
+wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da
+stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen
+sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es
+ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte
+schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd
+sein wie ich.«
+
+Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander
+anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war's doch traurig,
+ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt
+sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher.
+Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber
+gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art
+und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt's noch
+Menschenfresser.«
+
+»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«
+
+»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich
+zufrieden.
+
+Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen
+als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch
+nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der's mit Oberhain gut
+meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend
+von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf
+kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum
+Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des
+Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.
+
+Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem
+Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal
+wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle.
+Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder
+vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße
+heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er
+hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen
+Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und
+dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken,
+als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer
+als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre
+Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren
+Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge.
+
+Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie:
+»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag
+Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«
+
+Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete
+an ihrer Stelle: »Sie hat's schon getan, daran hat sie's nicht fehlen
+lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist's bei uns, wie Sie
+sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.«
+
+»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir
+wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen
+wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug
+sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an,
+Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst
+einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.«
+
+»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen
+nicht hinüber.«
+
+Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch
+wohl schon reiflich überlegt war.
+
+»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht,
+ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«
+
+Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht
+nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch
+dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er
+dächten auch die andern Familien im Ort.
+
+Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft --
+die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder
+rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie
+wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und
+der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er
+gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter
+Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren
+in solch ärmlicher Umgebung.
+
+Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog
+sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den
+Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm
+dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt
+haben.«
+
+»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte
+Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der
+hat's und tut's gern.«
+
+»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich
+den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«
+
+Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort
+hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. --
+
+In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein
+Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der
+ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden
+hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu
+entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg
+mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen
+Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis
+das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte
+er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam,
+lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort.
+Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht
+bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.
+
+»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika
+mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich
+wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch
+bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute
+in Amerika anweisen.«
+
+Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte
+er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«
+
+»Ja wohl weiß ich's, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst
+bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich
+selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da
+drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«
+
+»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das
+Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will
+ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen
+haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind
+kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein
+Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen
+ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«
+
+Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der
+Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig,
+halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich
+dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der
+konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.
+
+Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem
+Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick
+gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue
+aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in
+den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der
+Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte
+Elend!
+
+Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und
+wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld
+und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut
+gepflegt, wie's eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im
+Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit
+Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch.
+»Er verträgt's nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das
+Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.
+
+»Nein, er verträgt's nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die
+Mutter. »Aber gut ist's, daß er's nicht weiß und nicht bös auf uns ist,
+gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast's ja so gut bei uns, kein
+Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird's lustig, da fahren wir
+dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust
+dich, kleiner Schelm?«
+
+So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und
+lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der
+Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb
+hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht
+so im Drange der Arbeit.
+
+Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu
+Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere
+kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren
+Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben
+keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer
+wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und
+doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker
+mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen
+Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte,
+wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes
+Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost
+wurde immer schmäler.
+
+Um die Weihnachtszeit war's am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,«
+sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit,
+was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit
+leeren Händen. »Er gibt's nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel,
+sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle
+er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch
+gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau
+Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur
+Hälfte voll.
+
+»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den
+Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt' meinen, man hätte einen
+Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach
+merkt man's doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar
+nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm'
+kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die
+harte Arbeitszeit wieder ersehnt.
+
+Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den
+Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den
+winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern.
+Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen
+sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten
+von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der
+Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und
+diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder,
+das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach
+der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den
+Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote,
+dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah,
+rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist
+wohl ein Christstollen darin. Daß ihr's nicht aufmacht! Ich leg's lieber
+da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank
+und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,
+der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen
+Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote
+gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das
+Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack
+auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum
+fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh
+war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie
+auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen
+hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.
+
+Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam
+hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht
+vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und
+ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat
+einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam
+von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn's ihm nur gut bekommt, gib's ihm lieber
+nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau:
+»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen
+essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da,
+heute ist Weihnacht!«
+
+Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das
+Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund
+verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und
+Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und
+unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten
+sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen
+begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht
+geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch
+etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.
+
+Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das
+Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen
+gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief
+voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch
+alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm
+das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut,
+als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das
+schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht
+gewachsen und gediehen, wie sich's wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt
+hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das
+Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte
+die Mutter und verwahrte es sorgsam.
+
+Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte
+Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte
+diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche
+Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den
+Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen
+der ganzen Familie aussprach! --
+
+Januar war's, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal
+bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine
+Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen
+auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der
+stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind
+seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald
+seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein
+handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies
+Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie
+er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte
+er sich's wohl zugetraut.
+
+Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in
+die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus
+Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte
+nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte
+einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu
+seinem Vorhaben.
+
+Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude
+gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab;
+denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte
+sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die
+ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig
+Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran
+und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit
+hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen
+heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl
+waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die
+dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit
+einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen
+Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos
+beiseite.
+
+In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen
+innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner
+wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war
+das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte
+sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam's ihm in die
+Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich
+sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete
+er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf
+den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.
+
+In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die
+Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand,
+und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte
+er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn
+verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich
+dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche
+Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich
+zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte
+auf ihre Schritte -- richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor
+dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht
+denn da oben?«
+
+»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«
+
+»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«
+
+Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die
+Kammer. »Ein Puppenkopf ist's,« rief er, »aber kein solcher,« und er
+deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.
+
+»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas
+hinaufgestellt, Elias?«
+
+»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging
+die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob
+Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die
+Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein
+Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«
+
+»Gerade hab' ich's auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz
+wie er leibt und lebt.«
+
+Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie's gar nicht
+gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu
+ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.
+
+»Mich freut's halt, daß ihr's erkannt habt. Bei Nacht hab' ich's
+gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben
+sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise
+hinzu.
+
+»So steht's nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat
+an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut
+erraten hast's, wirklich gut!«
+
+»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere
+Puppenköpfe geben, als die alten da?«
+
+»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt' man das anstellen?«
+
+»Einen andern Weg wüßt' ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren
+zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen
+ließe.«
+
+»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon
+viel Geld bekommen.«
+
+»Ich hab' ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt
+in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu
+laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«
+
+Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_
+Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl
+von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen
+sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk
+wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden
+Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.
+
+Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie
+mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände.
+Leichtfüßig ging sie aus dem Haus -- Arbeit war nicht abzuliefern, der
+große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in
+dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust
+geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr
+Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn
+sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie
+etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute
+aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren
+Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine
+große Summe erhalten würde?
+
+Einmal war's ja vorgekommen im Dorf -- das mochte aber schon dreißig
+Jahre her sein -- daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen
+besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner
+zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen
+setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen -- wird's eine Niete sein,
+ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen
+Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen!
+Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein.
+Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen
+und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in
+Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten
+Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine
+Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner
+Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte
+kaum, was sie trieben.
+
+Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und
+Schwester auf. -- Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die
+Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte,
+friedlich und still war's im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde
+Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm
+erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon
+erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch
+im Korb.
+
+»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm
+ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes
+Gesicht. »Da spar' dir nur die Müh', Magdalene,« sagte sie jetzt, »das
+ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den
+nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr
+Köpf' und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest's ihm wohl
+sagen können, hast's denn du nicht gesehen?«
+
+»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die
+Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«
+
+»Wie, laß mich's doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte
+den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen
+ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie
+dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade
+nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär's doch nicht
+unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging' ich hin, der ist fürs
+Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«
+
+»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.
+
+»Bis ans Haus begleit' ich dich und wart' unten; hinauf möcht' ich grad
+nicht, sie sind oft so barsch.«
+
+Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war
+geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht,
+man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt' ich's nicht
+bleiben lassen? Der Mutter hat's ja gar nicht gepaßt.«
+
+»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm', wär's freilich besser, als
+wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen
+sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim
+denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem
+Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich
+könnt' mich ja vor meinem Elias heut' abend nicht blicken lassen.« Sie
+läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt
+zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift
+»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei
+Herren schrieben.
+
+»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf
+erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher
+brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr
+Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt'
+er's gemacht, wie's leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester
+Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.
+
+»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn
+eigentlich?« fragte der Schreiber.
+
+»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«
+
+»Kaufen? Ja, zu was denn?«
+
+»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist
+Drücker in Oberhain.«
+
+»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber
+die neuen Köpfe, das könnt' er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von
+den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert,
+von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So
+etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen
+Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der
+jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war
+nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern
+lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den
+Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr
+Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt'?«
+
+»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr
+Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es
+ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine
+zeigen.«
+
+Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie
+ganz treuherzig: »Es wär' mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn
+Weber hätt' einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs
+Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er
+noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt
+noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist's
+schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm'. Man könnt's Geld so
+nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm
+heimbring'! Der macht böse Falten hin!«
+
+Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben
+hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick
+herunterkomme.«
+
+Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf
+einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.
+
+So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau
+Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal
+sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es
+fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«
+
+»Elias Greiner.«
+
+»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er's gelernt?«
+
+»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul'.«
+
+»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«
+
+Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner
+leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht,
+was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit
+seinem Buchhalter leise verhandelt.
+
+»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der
+Fabrikant.
+
+Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk' halt so,« sagte sie; »Fabriken
+gibt's hier in jedem dritten Haus, ich könnt' überall fragen und es dem
+Herrn geben, der's am besten bezahlt.«
+
+Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an
+sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann
+ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,
+aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist
+kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal
+hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als
+die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so,
+und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein
+Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es
+nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber
+ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen
+eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben,
+wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer
+anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«
+
+Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann
+an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich
+weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen
+wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben,
+was recht ist.«
+
+Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann
+sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den
+nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für
+mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen
+die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das
+Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel
+gleich schriftlich gemacht.«
+
+»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz
+einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr
+Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe
+wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant:
+»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit
+ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den
+Kopf auch in andern Größen liefert.«
+
+Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last
+abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte --
+die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte.
+Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt's Gott, und mein Mann
+wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren
+sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt's auch um weniger
+hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht,
+wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler
+hätt' das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir
+sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex
+wurde in kostbarem Schrank verwahrt.
+
+Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und
+ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«
+
+»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat's ja gekauft! Rat nur,
+um wieviel? Aber du hättest's ja doch nie erraten -- um 800 Mark, Regine!
+Komm zur Mutter, komm nur schnell!« --
+
+Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen
+Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen
+und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie
+heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu
+wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den
+Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn
+er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem
+Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich's ausgedacht.
+Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten;
+einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie
+die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie
+warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein
+Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da
+hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit
+beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief
+sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir!
+Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«
+
+Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach
+einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges:
+»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen
+umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte
+sich dem Kindlein zu. Des Alex' Gesichtchen war's ja, das solches Glück
+ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen
+Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all
+die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und
+wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie
+sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle
+Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«
+
+Aber wie war es nur möglich -- sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird
+die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte
+Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das
+Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen
+Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen
+Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme
+ich den Arzt mit heraus; wir sind's ihm schuldig, dem Kind, wir wollen
+alles dafür tun.«
+
+Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt,
+Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt
+hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler
+Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine
+Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still.
+Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau.
+»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«
+
+Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und
+Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen
+Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und
+Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das
+liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen
+für diese Welt.
+
+Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig
+machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen,
+ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe?
+Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt,
+daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den
+Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.
+
+Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort
+mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner
+in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen
+sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.
+
+»Vom Soxhlet steht nichts darin?«
+
+»Nein, von dem nicht.«
+
+»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem
+Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«
+
+Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab.
+Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die
+dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein
+schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei
+Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie
+Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt
+und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!
+
+Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern
+ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist
+nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht
+zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie
+freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist
+sie nachgebildet.
+
+
+
+
+Der Akazienbaum.
+
+
+Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das
+Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.
+
+Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es
+in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der
+Schwester gepflegt, lange Zeit.
+
+»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank,
+wann werde ich wohl wieder gesund?«
+
+Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl
+dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie
+sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du
+wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage
+durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und
+sehnte sich danach.
+
+Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere
+Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und
+Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie
+stand noch kahl, wie im Winter.
+
+»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die
+Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum;
+sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die
+andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird
+wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte
+bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch
+abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte
+sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester
+wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem
+Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«
+
+»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt,
+»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett,
+und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.
+
+Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital
+gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht
+besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal
+Schwester Marie das stille Kind.
+
+»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ
+sie liegen.
+
+Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit
+diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine
+vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte
+nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen,
+aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt
+hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt.
+»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster
+Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll
+grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel
+glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer
+herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist
+grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«
+
+Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie
+verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß
+Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte
+sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage
+vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter
+dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.
+
+
+
+
+Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.
+
+
+Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn
+schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch
+ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und
+gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger
+Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß
+für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das
+seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er
+besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn
+manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er
+seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah,
+oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte
+er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch
+ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine
+sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen
+wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären,
+wie der!«
+
+Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester
+Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater
+hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit
+der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst
+stellte sich da und dort vor -- aber es wollte nicht gelingen und die
+gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft
+wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere
+Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen
+sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern
+an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine,
+zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht
+strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele
+kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand
+wollte Johannes.
+
+So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen,
+immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.
+
+Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig
+auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin,
+denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu
+tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens
+vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches,
+und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die
+arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte
+Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft
+aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.
+
+Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen
+plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.
+
+Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen
+Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen,
+aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn
+wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was
+uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?
+
+Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er
+plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese
+Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und
+die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das
+Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein
+junges Füllen.
+
+Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste
+mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als
+die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine
+Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er
+selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas
+verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er
+wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln;
+die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde
+ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und
+ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und
+Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann
+Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke,
+und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er
+dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und
+Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander
+hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken
+und -- -- hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum
+Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch
+immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was
+sie sagen würden.
+
+Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein
+genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er
+nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen
+wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man
+mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich's nicht schön,
+betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit
+diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn
+ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete
+er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein
+anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,«
+sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat
+machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten,
+daran scheitert die Sache.«
+
+An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht
+glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er,
+Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte
+ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer
+und Abgaben drückten so sehr auf Johannes' Luftschloß, daß es
+einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam,
+das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung
+des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest
+eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«
+
+Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet
+worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die
+Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu
+seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.
+
+Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine
+Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die
+Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten,
+ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle
+durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der
+zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es
+war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine
+Unternehmungslust weckte.
+
+Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln,
+Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der
+Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien;
+gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem,
+bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in
+Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich
+schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten
+sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren
+kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag
+erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen
+Räumen.
+
+Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der
+zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor
+Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater,
+Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der
+alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den
+beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur
+leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf
+sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten.
+Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen
+Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte
+ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein
+großer Tag!
+
+Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und
+Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall;
+und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal
+innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem
+Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und
+zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie
+Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den
+Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann
+auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er
+schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen.
+Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging
+er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des
+»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie
+auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es
+schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen
+Geschäftsmann seinem Schicksale.
+
+Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe,
+ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte
+keiner. Aber doch -- das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung --
+hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten
+Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine
+Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und
+kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:
+
+ _Packwaren._
+
+Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte
+ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich
+nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht
+abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte
+sich den Packwaren zu. Sie war Johannes' erste Kundin, wie eifrig wurde
+sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel
+gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet!
+Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen
+können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und
+bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen
+Kaffees zu holen.
+
+Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und
+in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen
+durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf
+den andern trippelten, das war kein Spaß.
+
+Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der
+Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die
+Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der
+Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten
+Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten
+sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf
+zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das
+Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es
+jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte,
+so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter
+seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch
+wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware
+gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch
+wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin
+Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und
+fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er
+sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze
+bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte
+recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich
+herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie
+ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz
+angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre
+Johannes' Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue
+war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch
+die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch
+Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt
+konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch
+dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft
+zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel
+davongehen.
+
+So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen
+Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.
+
+Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand
+ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter
+den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr
+hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die
+Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig
+das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte,
+war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief
+in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war
+Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und
+beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie
+betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie
+unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken;
+er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es
+wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten
+sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich
+Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit
+der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und,
+obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch
+weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten.
+Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte
+nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast
+unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst
+dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein
+Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und
+blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser;
+lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem
+fortstrebenden Enkelkinde.
+
+Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände
+wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh,
+Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte
+Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf
+Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen.
+Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr
+Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber
+dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe.
+Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig
+packte er seinen Kram zusammen.
+
+Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig
+ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der
+Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser
+dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich
+Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt
+wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber
+er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.
+
+Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu
+gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich
+aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling
+hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere
+Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das
+reinste Kind.
+
+Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in
+seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht
+vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als
+er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er
+diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm
+statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht
+entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.
+
+Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem
+Jungen die Hand und fragte: »Wie geht's, kleiner Geschäftsmann?« »Wie
+geht's« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;
+aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der
+Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und
+sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und
+seinem Blick das Zutrauen: »Zeig' du mir, wo der Weg weitergeht.« Und
+Ulrich Wagner machte den Wegweiser.
+
+Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das
+Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich
+weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen
+getäuscht.
+
+Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste
+Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes
+und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das
+Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der
+Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.
+
+
+
+
+Ein geplagter Mann.
+
+
+Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen
+gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in
+dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt
+malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen
+durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser
+Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu
+eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es
+noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem
+Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der
+manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem
+Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits
+fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.
+
+Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen,
+hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des
+Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie
+auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann
+aufsuchte.
+
+»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die
+Fahnen hinaus, das ist recht.«
+
+»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«
+
+»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig
+hinaus.«
+
+»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie
+gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.«
+
+»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht
+aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims,
+der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß
+man sieht, wie sich's macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.«
+
+»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da
+brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so
+gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse,
+weiter braucht's nichts.«
+
+»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich
+habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch
+gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die
+Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus
+vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das
+einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen
+Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben
+doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«
+
+»Nun ja, dann muß ich's eben machen,« sagte der Mann zögernd.
+
+»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei
+Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der
+Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre
+Leiter ist nicht lang genug.«
+
+»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur
+eine entlehnen.«
+
+»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe
+heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken,
+das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und
+hole Brot.«
+
+Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und
+die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete
+den Frühstückstisch.
+
+Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im
+Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen,
+das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses,
+Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte
+vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen
+schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er
+ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein
+Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
+hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige
+Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen
+Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei
+einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die
+Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten
+werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten
+wird.«
+
+Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine
+Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte.
+Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit
+dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein
+und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war,
+wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze
+und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig
+im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.
+
+Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere
+Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die
+landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und
+seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag
+angebrochen.
+
+»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.
+
+»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der
+Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun
+Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe
+nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den
+Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn
+ich wiederkomme?«
+
+»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und
+dann Hänschens Bauernanzug.«
+
+»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«
+
+Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag.
+Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz,
+eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen
+Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des
+Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als
+Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer
+gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß,
+»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.«
+
+»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«
+
+»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange
+es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede
+zurechtlegen.«
+
+»Zur Begrüßung am Bahnhof?«
+
+»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf
+dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«
+
+»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie
+sah aber stolz zu ihm auf.
+
+»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl,
+wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.
+
+Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg
+über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon
+allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen,
+während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke
+zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche
+Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser
+Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit
+verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.
+
+Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes
+festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die
+Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig
+der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel
+genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem
+Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie
+noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte.
+
+Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf
+der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht
+angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen
+kam.
+
+»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?«
+
+»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich
+aufgeschichtet.«
+
+»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die
+Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es
+wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in
+der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum
+Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am
+Haus?«
+
+»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so
+naß ist und weil es so ordentlich aussieht --«
+
+»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den
+Holzstoß damit vollständig zu!«
+
+»Wo bekomme ich wohl die Wedel?«
+
+»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort.
+
+»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie
+wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine
+rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.«
+
+»Aber du hast mir nichts davon gesagt.«
+
+»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite
+herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer.
+
+»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans.
+
+Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er,
+»das ist ja gar nicht möglich.«
+
+»Wieso?« fragte die Frau.
+
+»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja
+unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?«
+
+»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber
+doch ganz hübsch.«
+
+»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin
+überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja -- zwei
+Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas
+nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.«
+
+»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist
+noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß
+aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.«
+
+»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin
+so wenig verstünde wie du!«
+
+Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit,
+geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas
+Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und
+nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf
+dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.«
+
+Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der
+Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne
+hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige
+herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer
+aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne,
+mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter.
+
+Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus
+zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er.
+
+»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge
+Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an
+der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das
+zu beanstanden ist?«
+
+»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin
+nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?«
+
+»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man
+sich mit ihr einläßt, ist's besser, daß man weiß, wie der Herr
+Stadtschultheiß darüber denken.«
+
+Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,«
+sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem
+Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch
+selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.«
+
+Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete
+ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den
+Stadtschultheißen sprechen.
+
+»Es _muß_ wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja,
+dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll
+Pulver durch unsere Stadt kommen werde.«
+
+»Schadet denn das etwas?«
+
+Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau
+Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen
+paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.«
+Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas
+gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst,
+das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen.
+Was gibt es schon wieder?«
+
+»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.«
+
+Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus.
+Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie
+selbst an.
+
+»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid.
+
+»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.«
+
+»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er
+darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich
+schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben
+abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon
+aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen:
+könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans
+als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher
+reizend?«
+
+»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon
+glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel
+zu lassen.«
+
+»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen
+Frau macht das sicher Spaß.«
+
+»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in
+Ruhe.«
+
+Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie
+schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der
+schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig,
+da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er
+nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen
+Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch
+das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht
+genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen,
+aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!«
+
+»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht
+der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus
+aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der
+Wäsche fragen.«
+
+»Die tut's eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die
+jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau
+Stadtschultheiß Garten aufhängt.«
+
+»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?«
+
+»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt
+und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.«
+
+»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder
+stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn-
+und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr
+deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport
+machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten,
+wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte
+sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme
+sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde
+vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt.
+Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor
+meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird
+überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.«
+
+Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm
+die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum
+Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte
+noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe
+hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge
+Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar
+Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist
+der Herr Stadtschultheiß da?«
+
+»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?«
+
+»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von
+der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung
+einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen,
+wie's doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei's nicht
+gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er
+fürchtet, es könnte ein Unglück geben.«
+
+»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?«
+
+»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.«
+
+Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die
+Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch
+keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn
+hereinlassen?«
+
+»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der
+Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine
+Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern
+bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute
+ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so
+spät daran. Daß _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade
+noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus
+und hörte den Bericht wegen des Stiers.
+
+»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen,
+wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet
+werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen,
+der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.«
+
+Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist
+besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs
+Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im
+Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte
+doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße
+Halsbinde?«
+
+Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief:
+»Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.«
+
+»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine
+Zeit mehr zu verlieren.«
+
+Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter
+sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann.
+
+»Die Binde _muß_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn
+vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?«
+
+Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die
+Kleine zum Erbarmen.
+
+»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer.
+
+»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.«
+
+»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«
+
+»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden,
+in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau.
+
+»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister
+Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.«
+
+Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der
+schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im
+Auge.
+
+»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der
+Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine
+Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi
+geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.«
+Der Mann sagte gar nichts mehr.
+
+Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr
+entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken
+machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein
+halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle
+weggegangen,« berichtete Anne.
+
+»Und im andern Geschäft?«
+
+»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der
+Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei,
+so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie
+gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint
+Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.«
+
+»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«
+
+Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie
+ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den
+Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor
+sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus,
+der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch
+kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn
+an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu
+brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja
+schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte -- keine Frage, Hans
+hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch
+machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei?
+Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama,
+gib mir dafür eine andere.«
+
+Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts,
+und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da
+ist die Halsbinde.«
+
+»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen
+Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein
+Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie
+habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden
+zur Auswahl.«
+
+»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam
+Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter
+und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden
+Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße
+Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich's aber nicht merken.
+»Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.«
+
+»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen.
+
+»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib
+ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.«
+
+Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie.
+
+»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine
+verständige Tochter.«
+
+Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und
+schickte sich an zu gehen.
+
+»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau.
+
+»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung;
+um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube -- da sehen wir uns wohl einen
+Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese.
+Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung -- dazu wird dir ja unser
+Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und
+der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan
+verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.«
+
+Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte,
+verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz
+mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit
+ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich
+heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß
+gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die
+Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr
+Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf
+nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm,
+und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte.
+
+Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der
+Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann.
+
+»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie
+ihn.
+
+»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen
+werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: 'Was wollen Sie denn? Die Wäsche
+ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen', und sie hat sie
+heruntergenommen.«
+
+»Ist die wirklich so schnell getrocknet?«
+
+»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie
+den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten
+müssen!«
+
+In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige
+Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge
+prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau
+Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in
+bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner
+kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen
+Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der
+anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren
+als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern
+Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten
+und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den
+Strauß überreichen sollte.
+
+Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben
+diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die
+Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern
+des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder
+anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte
+daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt
+hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans
+irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten
+kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des
+Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in
+der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die
+Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und
+begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner
+Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der
+Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der
+nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam
+machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete,
+»haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch
+echte kleine Bewohner gestellt.«
+
+Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an
+seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die
+Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend.
+
+»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine
+mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah
+sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer
+Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte
+Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich
+und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was
+ist denn der Papa dieses Kleinen?«
+
+Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.«
+
+»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der Prinz; »ja, ja,
+an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!«
+
+Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon leichte Winke von
+verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand,
+merkte, daß sie deutlicher werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst
+ja deinen Strauß der Frau Prinzessin geben!«
+
+»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und sprang lustig durchs
+Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die älteren
+Damen zurückgezogen hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten.
+Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit dem Kind
+anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strauß aus der
+Kinderhand, trat mit Hänschen vor und sagte bittend zur Prinzessin:
+»Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?«
+
+»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, »was haben Sie für
+einen prächtigen Jungen, er hat uns den größten Spaß gemacht, der kleine
+geplagte Mann.«
+
+Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann verließen sie die
+Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und
+wieviel Arbeit und Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube
+gekostet!
+
+Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. Lebhaft wurde das
+Vorgefallene besprochen. »Es hat sich alles ganz gut gemacht,« entschied
+schließlich die ehemalige Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine
+war ein #faux pas,# liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen
+müssen: 'Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen'; wollen '_Sie_'
+ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht
+nachtragen,« setzte sie begütigend hinzu.
+
+Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen
+Hoheiten über sie dächten, das war es nicht, was sie bekümmerte, aber ob
+ihr Mann über sie und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen
+Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, daß am Abend
+die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen müsse. Ihr
+Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch
+ein Gefühl dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte,
+trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der
+Bauernstube.
+
+Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim Seifensieder mit
+Unschlitt füllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen
+Döchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte
+sie gehört, daß sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja,
+von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner
+gezeigt hätte!
+
+Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und
+jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich
+kommen.
+
+Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, was ist denn mit
+Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?«
+
+Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte
+sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es
+dauerte gewiß eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in
+schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die
+Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine
+Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist meinem Mann nicht gut, er hat
+sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schläft ein wenig.«
+
+Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort mehr für die
+Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie ja doch verzichten. »Anne,«
+sagte sie, »was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?«
+
+»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige selbst auf die Leiter,
+wenn's dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst
+einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem
+Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei,
+Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. »Sie
+ist ja zu kurz!« rief Anne herauf.
+
+»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!«
+
+»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der gegenüber wohnte und
+neugierig herbeikam. Frau Römer schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte
+vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan
+dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des
+Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat das der Herr Stadtschultheiß
+angeordnet?« fragte er.
+
+»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« Der Mann schüttelte
+den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig
+stampfte sie ein wenig mit dem Fuß, -- ihre Ungeduld war _zu_ groß. »Die
+Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« dachte
+sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!«
+
+»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, »wenn ich etwas sagen
+darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hängen die
+Fahnen über dem Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist's auch
+zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.«
+
+Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. Aber Anne ergab sich
+nicht so schnell. »O Herr Breitling,« sagte sie, »Sie wollen nur nicht.
+Die Fahnen könnte man einziehen, wenn's Nacht wird, und wie sollten denn
+die Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie
+zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken
+bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!«
+
+Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und
+zündete ein Streichhölzchen an -- im Nu war es vom Wind ausgeblasen.
+»Glauben Sie's jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht's, da
+sind die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da löschen
+alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt's nicht.«
+
+Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter an ihren Platz,«
+ließ sich nun von oben eine bekümmerte Stimme vernehmen, und das Fenster
+wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum
+Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen sah.
+Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte sie es sich
+ausgemalt!
+
+Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der Schreiner und der
+Bäcker!«
+
+»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!«
+
+Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen
+Sündenbock will der Mensch haben.
+
+Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon Lämpchen an. Ein
+kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben wenigstens viele Fenster,« sagte
+Frau Römer, »und Lichter für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im
+Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen vor
+die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, daß sie
+nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In
+der Ferne hörte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen
+Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten in
+bengalischer Beleuchtung.
+
+Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der
+Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Römer tun. Aber der Wind, der
+Wind! Kaum brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug und
+blies sie aus. Und gerade auf _der_ Seite des Eckhauses, die freistand
+und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gästen ins
+Auge fallen mußte, gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die
+schwachen Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Häusern? Die
+junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Häuserreihe hinunter --
+schön beleuchtet glänzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es
+wenigstens, denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder
+verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte,
+und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam
+auch Anne verzweifelt herunter. »Droben verlöschen sie alle! wie ist's
+denn unten?«
+
+»Ebenso!«
+
+»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der vor einem
+angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte.
+
+»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne.
+
+»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den
+inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; »schnell, geh hinunter vors
+Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« und während das Mädchen
+hinuntersprang, legte sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des
+geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder:
+»Prächtig sieht's aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter nicht außen
+stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.«
+
+Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine herbei,
+schnell, schnell!« und mit Bausteinen und Büchern wurden nun sämtliche
+Fenstersimse so hoch belegt, daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar
+wurden. Und dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere
+junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lämpchen und
+Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. Aber sie brannten so gutmütig
+an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die
+Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig
+Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster öffnen.
+Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur
+hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in
+allen Zimmern, und Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der
+Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum
+Feuerwerk?« rief sie herauf.
+
+»Ja, ja, geht nur miteinander.«
+
+Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflüchtet
+worden in die Küche; da schlief sie ganz sanft, während ihre Mutter
+unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze
+hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde
+es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles
+fühlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins
+untere Stockwerk, waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war
+fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine
+Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig von einem Zimmer ins
+andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der
+Straße Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die
+Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß,
+fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; das Feuerwerk war aus, die
+schaulustige Menge strömte ins Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die
+Lichter durften ausgelöscht werden!
+
+ * * * * *
+
+Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Römer saß allein
+auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne
+schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte
+durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße ein lauter,
+fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre gesteckt. »Mein Mann
+kann es nicht sein, aber doch ist er's!« sagte sich die junge Frau und
+eilte hinaus. Ja, er war es.
+
+»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte gedacht, heute wird es
+spät!«
+
+»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!«
+
+»Und du?«
+
+»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal
+wieder bei meiner Frau sein.« Dies Wort zerstreute alle Sorgen der
+jungen Frau, sie fühlte es: alles war schön und gut zwischen ihnen und
+nun wurde es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten
+sich behaglich zusammen.
+
+»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte Römer.
+
+»Ist alles gut gelungen?«
+
+»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser war ja durch den
+Wind recht lückenhaft, nur unser Haus war glänzend. Schon von ferne
+fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war
+nicht wenig stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen
+wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall sonst waren
+doch die meisten Lichter verlöscht.«
+
+Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht es so merkwürdig
+im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden während des
+Feuerwerks, ich aber auch!«
+
+»Wieso du?«
+
+»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen hier durchkommen
+wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche
+Mann, hat den Fußweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich
+nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die
+beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich
+seh ihm gleich an, daß etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn
+beiseite. 'Sehen Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,' sagt er. 'Auf
+der alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der Pulverwagen!'
+Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort der große, schwarze Wagen,
+mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fähnchen,
+unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf
+und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. 'Was
+ist zu tun?' fragte mich der Ratsdiener. 'Es ist nicht mehr zu ändern,'
+sagte ich, 'lassen Sie sich nichts merken, daß kein Schrecken unter den
+Leuten entsteht. Gehen Sie hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne
+Aufenthalt weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft,
+kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.' Er
+ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder
+bewährt, du könntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von
+mir weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: 'Sagen Sie, ist denn
+das da drüben nicht ein Pulverwagen?' 'Das macht doch nichts,' sagt der
+Ratsdiener mit größter Seelenruhe; 'auf dem Wagen können Sie ein
+Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.' 'So, so,' sagt der
+andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute
+war, während das Feuerwerk so in der Luft herumschwärmte. So oft es
+unbemerkt ging, mußte ich mich umwenden und hinübersehen nach dem
+kleinen roten Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam
+kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.«
+
+»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?«
+
+»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin,
+die mir noch an der Bahn einen Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl
+von seiner Plage?«
+
+Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den friedlichen Abend;
+in der Wohnung des Stadtschultheißen gab es jetzt keinen geplagten Mann!
+
+
+
+
+Helf, wer helfen kann!
+
+
+Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen Händen und glühenden
+Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um
+vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte
+versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da
+ertönte die Klingel. »Es wird der Vater sein,« dachte Frida und öffnete.
+Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf
+der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in
+das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit
+ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hörte nur noch mit
+halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das
+Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht unhöflich
+wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen hatte der Herr weiter
+mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel
+davon gehört.
+
+»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu
+sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind eben meine Töchter, von denen
+ich Ihnen erzählte.« Frida errötete.
+
+Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer Elise gesprochen
+hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie _viele_ Töchter haben?« sagte sie in
+ihrer Verwirrung.
+
+Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.«
+
+In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten
+Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde
+und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch
+bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem
+Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein
+Meisterstück!«
+
+Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie
+hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der
+Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war
+nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur
+den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat!
+
+Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß
+ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein
+großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag,
+Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur
+halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch
+abwenden.
+
+»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida.
+
+»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen.
+
+»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet
+einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen
+soll!«
+
+»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch
+einen Fisch bekommen.«
+
+»Ist er tot?« fragte Frida.
+
+»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.«
+
+Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der
+Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein
+schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig
+ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der
+»tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit
+dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten
+Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn
+töten.
+
+»Und das heißt die dumme Person _tot_!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn
+ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da
+klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die
+heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein
+Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen
+verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so
+verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und
+wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida
+ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch
+töten?«
+
+»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt.
+
+»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?«
+
+»Warum denn nicht?« sagte er.
+
+»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ
+sich's nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah,
+sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie
+er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn _ganz_ tot
+machen.«
+
+Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher
+Macht auf, daß dieser fast davonflog.
+
+»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch
+noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte
+Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem
+Küchenjungen.
+
+»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?«
+
+»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird's nicht sein, daß
+ich's nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich's recht
+mache?«
+
+»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr
+Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte.
+
+»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?«
+
+»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder
+hineintun.«
+
+Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch
+auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt.
+
+Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den
+Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den
+Fisch kunstgerecht zuzubereiten.
+
+»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O
+ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu
+richten, wäre ich recht froh.«
+
+Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte
+dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten.
+
+»Man wird ihn _doch_ noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche.
+
+»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es
+nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute
+froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida
+ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund
+ist es, glaube ich, nicht.«
+
+»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt
+und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar
+entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück
+Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe
+hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei
+ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte,
+daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage:
+
+»Ist auch der Braten gut geworden?«
+
+»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten
+mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!«
+
+»Einen Fisch? Woher?«
+
+»Von der Köchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch -- oder nein, ich
+glaube bloß den Vater, auf morgen -- oder nein -- ich glaube auf
+übermorgen einzuladen.«
+
+»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?«
+
+»Ach, bei dem Fisch!«
+
+»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke
+auf.«
+
+»Es geht nicht, Mutter.«
+
+»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?«
+
+»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen
+mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!«
+
+»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben
+haben?«
+
+Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als
+er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in
+Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug,
+erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und
+dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer
+Stimmung.
+
+»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer
+katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es
+sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.«
+
+Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte,
+berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem
+Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem
+Handwerksburschen -- und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten
+Besuch nie mehr vor Tisch zu machen.
+
+Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er
+nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es
+wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch
+bringen werde.
+
+Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der
+Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen!
+
+
+
+
+Ein Wunderkind.
+
+
+Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren
+Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen
+können.
+
+Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein
+Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen
+Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte,
+was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages
+der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum
+Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum
+Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich
+will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht's nicht,«
+entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich
+kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du
+lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann
+auch _lang_ warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der
+Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an
+der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben
+ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich
+an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen,
+er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er
+stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht
+Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. -- Nun
+trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte
+sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu
+sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und
+ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider
+beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte,
+daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn
+und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit
+Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken
+Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit
+dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft
+war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt,
+Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete
+Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da
+staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause
+auch schon genäht habe, woher er's könne usw., aber es war aus dem
+Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat's ihm der Schneider zulieb
+und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht
+hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die
+Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der
+Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh' ich, komm du nur
+ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«
+
+Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat,
+um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin
+auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die
+Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte:
+Verdirbt er's, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb
+nichts und kam nun alle Tage.
+
+Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der
+kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er
+war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer
+konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit
+geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief
+ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr
+Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die
+Augen zu. »Was ist's heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und
+schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine
+weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!«
+und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder
+lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den
+Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß _so_
+laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner
+Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den
+Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der
+Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht,
+sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen
+scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an
+einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch
+Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu
+seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht
+an deiner Jacke zurecht.«
+
+Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider
+für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu
+Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der
+Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm
+der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes
+wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und
+sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider
+verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin:
+»_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_!« Der Schneider kam wieder
+zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur
+zufrieden, jetzt ist's schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht
+zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh' ich nicht, ich
+will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für
+unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten
+Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man
+seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch
+zu liefern und ging.
+
+Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen
+und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es
+fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so
+flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar
+anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister
+daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie
+wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.
+
+Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich
+nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der
+geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und
+wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja
+manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte
+ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen
+zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.
+
+Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der
+Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben
+sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft
+könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist
+dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird,
+da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die
+Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht
+ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater
+sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann,
+er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.«
+Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache
+ausmachen.
+
+Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein
+ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im
+Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn
+anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die
+Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald
+bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand,
+war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen
+und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz
+zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den
+kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und
+beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den
+ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe
+tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein
+auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem
+er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier
+sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht
+habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten
+Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die
+gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem
+jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort
+unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte
+bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu
+dem Bedienten: »Der Herr soll zu _mir_ kommen.« Die Gesellen waren nicht
+wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister
+zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen.
+Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel
+haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn
+Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun
+neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in
+die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl
+und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen,
+und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit,
+ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten.
+Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die
+vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie
+taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der
+Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste
+Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht's mit den
+Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre
+Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches
+Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen
+können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da
+lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und
+besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die
+Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das
+Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen
+den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen
+Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu
+sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich
+wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld
+zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben
+hätte.
+
+Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen
+Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der
+Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue
+Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in
+Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der
+Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit
+prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach
+dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was
+sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern
+wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm
+umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war
+Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus
+der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner
+Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es
+sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt
+herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie
+habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht
+anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf
+_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab's ja gleich
+gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und
+sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei
+ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die
+Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf,
+als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen
+Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst
+sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste
+Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da.
+Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und
+wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen
+herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte.
+
+»So kann's nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm
+allein war. »Nein, so kann's nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß
+man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte
+der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt
+heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das
+Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon
+versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter
+überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf
+einen andern Ausweg besinnen. »Ist's dir recht, wenn wir zu dir ziehen,
+der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag
+anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,«
+sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das
+nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo
+soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal
+leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu
+durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen
+Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er
+gesagt: 'Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht
+brauchen Sie's einmal,' aber ich weiß nicht mehr, wohin er's versteckt
+hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und
+richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel
+mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im
+Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte.
+
+Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen,
+und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an,
+wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am
+ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie
+sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine
+Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die
+Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder
+versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte
+noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und
+schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war
+aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er
+wieder, und nun stellte sich's heraus, daß er nach alter Gewohnheit in
+sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für
+ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht,
+als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er
+legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller,
+schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt's euch?« so
+daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der
+Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere
+Leute.
+
+Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren
+und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie
+ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn
+seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als
+wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der
+fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren,
+und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in
+Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und
+fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt.
+
+Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines
+Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie
+sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir
+ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und
+legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du
+bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum
+Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er,
+»einen _Riß_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist,
+dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief
+die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich
+lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er
+seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise:
+
+ »Lieber Gott, mach mich fromm,
+ Daß ich zu dir in den Himmel komm!«
+
+Dann fielen ihm die Augen zu -- für immer. Die alten Eltern haben ihn nie
+verschmerzen können und die Geschwister alle haben ihm ein treues
+Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von
+dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!
+
+
+
+
+Mutter und Tochter.
+
+
+Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im
+Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten,
+denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern
+stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor
+Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren
+hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der
+Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er
+Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und
+hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten
+sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der
+Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie
+wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover.
+
+In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar
+Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren
+wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren
+Lebensweg gemeinsam zu gehen.
+
+Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die
+Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von
+ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?«
+
+»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte
+er.
+
+»Ist sie groß für ihr Alter?«
+
+»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich
+nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.«
+
+»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?«
+
+»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die
+Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße
+begegnet?« fragte sie.
+
+Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen Blick für diese
+Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so scharfes Verhör mit mir
+anstellst, hätte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber
+bald selbst sehen.«
+
+»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir hören.« Da wußte der Vater
+besser Bescheid. »Sie ist gut,« sagte er, »du wirst keine schwere
+Aufgabe mit ihr haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten
+Jahren hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend
+ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem
+Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon
+sprechen, fühle ich doch, daß das, was sie in diesem Unterricht gelernt
+hat, lebendig in ihr geworden ist.«
+
+»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann finde ich schon den
+Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, daß sie die Nachricht von
+unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?«
+
+»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen.
+Aber du weißt ja am besten, wie die Mädchen ihres Alters ungefähr sind.«
+
+»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, »und ich bitte
+dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.«
+
+»Ja,« sagte der Direktor.
+
+Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. »Ich
+fürchte, du schreibst mir doch nur: 'Sie hat es aufgenommen, wie es eben
+so Mädchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.' Ich möchte es aber
+genau hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen
+sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich ja noch nicht.«
+
+Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung verbrachte er diesen
+Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der
+Hochzeitstag festgesetzt.
+
+Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes Familienleben
+genossen. Verschiedene Haushälterinnen hatten sich in seinem Hause
+abgelöst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er
+nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes
+Dienstmädchen hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung gehalten.
+Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein
+glückliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die
+richtige Leitung. Das Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln,
+es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau sollte
+nicht unter ihm zu leiden haben.
+
+Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst
+nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter
+zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse
+Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst
+auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« sagte er, »dabei
+erzähle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein
+kleines Fest.«
+
+Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und
+was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn
+und sah sehr begierig zu ihm auf.
+
+»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und
+fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im
+nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.«
+
+Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie,
+»das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder
+wechseln, die bleibt dann doch!«
+
+»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater.
+
+»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte
+Berta.
+
+»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie
+eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir
+verlangt.«
+
+»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar
+keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein
+Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und
+die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die
+Schrecklichste!«
+
+»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater
+ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch
+nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz
+liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen,
+die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta
+schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen
+Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber
+sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von
+den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten
+Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen;
+denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und
+Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen.
+Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden
+schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.«
+
+»Mir ist's selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so
+lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und
+ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick
+sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater
+vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen
+Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.«
+
+Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo
+sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte,
+sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne
+über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn
+noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den
+Freundinnen plaudern.
+
+»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist ja gar nicht wie
+sonst!«
+
+»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« fragte Lorchen; und
+nun drängten sich die beiden Mädchen an Berta und fragten und plagten
+sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr
+anvertraut hatte. »Nun begreife ich's, daß du so ernsthaft aussiehst,«
+sagte Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.«
+
+»Du hast's auch gar so schön gehabt, wie eine kleine Hausfrau;« und
+Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, den Berta an ihrer
+Schürze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta
+sich ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel wird
+sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu Luise. »Natürlich,
+die wird ihr die Mutter abverlangen,« sagte Luise.
+
+Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und
+sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen
+ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten
+Augen am Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. Berta war
+sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten
+sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles
+wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den
+Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während sie
+sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet hatte,
+schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: »Lisette geht. Ich
+bekomme eine zweite Mutter.«
+
+Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darüber, wie
+Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte
+sich dann: »Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ fürchtet, werde
+ich leicht fertig werden mit ihm.«
+
+In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben und Treiben im Haus
+des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben
+ihr Wesen, um die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle
+endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und
+reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor Sauberkeit.
+
+»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus nicht ordentlich
+übergeben habe,« sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wußte, daß
+sie nicht mehr da sein würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten.
+In einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und fertigte für
+Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt
+hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach
+ihr. »Berta,« sagte er, als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum
+Schreibtisch nicht!«
+
+»Zu _meinem_ Schreibtisch?« fragte Berta und griff nach ihrem
+Schlüsselbund.
+
+»Zu _deinem?_ Nun, zu dem schönen Schreibtisch im Besuchszimmer, der
+gehört doch nicht dir! Gib einmal den Schlüssel!«
+
+Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine Schublade. »Die Sachen
+sind wohl von dir, die müssen natürlich alle heraus.«
+
+»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört doch mir, seit Mama tot
+ist, und ich habe auch alle die kleinen Fächer und Schubladen voll
+Andenken und wichtigen Sachen!«
+
+»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt sie jetzt anderswo
+unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du
+solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese
+Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!«
+
+Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles
+hinräumen und warum mußte sie gerade den Schreibtisch hergeben, in
+dessen Besitz sie so glücklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja
+tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau
+entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem
+Unmut nahm sie die Schätze heraus aus den kleinen Fächern und
+Schubladen, um den Platz frei zu machen für die Mutter; und Lisette, die
+sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja,
+ja, ich muß ja auch den Platz räumen.«
+
+Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick
+entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn
+nur der Vater nicht dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht
+so liebevoll sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe gebe.« Vor
+der Abreise mußte sie von Lisette Abschied nehmen für immer. »Wenn du
+beim fröhlichen Hochzeitsmahle sitzst,« sagte Lisette, »so denke an
+mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und
+Berta versprach unter Tränen, an sie zu denken.
+
+Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von München gefeiert
+werden.
+
+Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der
+Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem
+Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu
+seiner Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht wird,
+und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. Ja, gewiß wollte sie dem
+Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei
+alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie
+empfinden.
+
+Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen
+nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die künftige Mutter. Wie im
+Traum wandelte Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein
+Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und sie hörte seine
+Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« Berta sah auf. Eine große,
+stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und
+begrüßte sie ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine
+Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt.
+Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber
+eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung,
+so konnte ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter
+stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als Gäste geladen waren,
+und überließ sie diesen.
+
+Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mußte immer und
+immer wieder zu ihr hinüberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich
+und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal
+begegneten sich ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder
+vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich
+gerichtet fühlte.
+
+Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und
+unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und
+lustig zu, so daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war.
+Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und Bräutigam wurde viel
+Gutes gerühmt; und alle schienen es ganz gewiß zu wissen, daß auch
+Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta
+hörte auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren erwähnen und
+sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie
+die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken
+abgelenkt. Dort, an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die
+Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei und daß in
+dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Fröhlichkeit war mit einem
+Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfüllte wieder ihre Seele und
+sie kam sich wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte
+vergessen können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn
+angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird
+angestoßen!«
+
+Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß mit allen an, die
+freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein fröhliches Gesicht zu machen.
+Es gelang ihr wohl, die Fremden zu täuschen, auch der Vater schien
+nichts zu bemerken, als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte sie
+wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte
+beobachtend auf dem Mädchen, das sich ihr schüchtern näherte, und als
+sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise,
+so daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, der Tag
+wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie
+fühlte, daß die Mutter sie durchschaut hatte.
+
+Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das
+Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich
+zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas
+erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich,
+mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich
+besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du
+dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein
+beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht
+gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch
+noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf.
+
+»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja
+ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl
+erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir's
+noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es
+ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig
+durch das lange, verwirrte Haar.
+
+»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt?
+War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen,
+kastanienbraunen Haares?«
+
+»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta.
+
+»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele
+Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes
+Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar
+zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb
+haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja
+vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir
+beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst
+aber ist es ja noch gar nicht möglich.«
+
+Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam
+ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb
+hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb.
+Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem
+Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen
+Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist's heute schwerer ums Herz
+gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es
+auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den
+Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige
+Gedanken?«
+
+»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser
+Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich
+ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.«
+
+»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude?
+Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie
+ein gutes Mädchen?«
+
+»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen.
+
+»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die
+Mutter.
+
+»Sie hat gar keine gehabt!«
+
+»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater gehen lassen? Warum
+ist sie denn nicht geblieben?«
+
+»Weil -- weil eben --«
+
+»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die Mutter, die den
+Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, wie machen wir denn das, können
+wir sie nicht wieder bekommen?«
+
+»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.«
+
+»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das nächste Vierteljahr
+können wir also nichts machen; aber dann -- wie meinst du, wenn....«
+
+In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. Die junge Frau wurde
+gerufen, sie möchte doch kommen, man warte schon lange auf sie.
+
+»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch häusliche
+Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.«
+
+Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf dem Rand des Bettes.
+»Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel
+setzen, daß wir Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater
+bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.«
+
+»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, »das ist ein
+schöner Plan!«
+
+»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter und stand auf;
+»morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen
+ja frühzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am
+Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst
+_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort
+daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der
+glücklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr
+zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir
+auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir's nicht gefällt,
+gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater
+heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfängt, als das
+neue Dienstmädchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen
+Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich nicht deinen Vater so
+lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich
+gebe dir keinen Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei
+Menschen, die sich nicht lieb haben.«
+
+»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« sagte Berta und
+reichte der Mutter die Hand.
+
+Nun war Berta allein.
+
+Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet
+hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Daß es auch der
+Mutter bange vor der Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie
+gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst
+ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darüber, ob _ihr_
+wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat
+gefallen würde, und nun war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön
+gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft
+in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; wenn sie nur das
+ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang
+bereiten könnte! Warum lag ihr denn so viel daran, daß es der Mutter
+gefiele? Berta mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde
+hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie es
+deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am
+Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte,
+keine von all den Haushälterinnen, war eine heiße Sehnsucht in ihr
+erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren
+früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu
+erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich
+gesagt, daß sie sich nicht lieb hätten. Aber eines hatte die Mutter
+gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich
+vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer
+Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon
+lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit
+ihr wollte sie gehen!
+
+ * * * * *
+
+Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die
+nächsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, daß sie einen
+Tag früher heimreisen und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe,
+daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst hatte sie
+anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel der Wohnung anvertraut hatte.
+Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen
+Dienstmädchen in der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und
+sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint
+hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, »wir wollen alle Fenster
+weit aufmachen und die Türen offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft
+hinausgeht.«
+
+Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu
+tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde
+diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um
+Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit heim, daß sie alle
+Gläser füllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten
+eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen
+umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen
+Luft war nichts mehr zu bemerken.
+
+Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem
+Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen,
+bemerkten sie schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks
+hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das erklären soll,«
+sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. »Sicherlich haben uns die
+Bekannten eine Überraschung bereitet und sich in unserer Wohnung
+versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht
+angenehm.«
+
+»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre lieber ohne Fremde
+daheim gewesen an diesem ersten Abend,« sagte seine Frau, »aber wir
+müssen gute Miene zum bösen Spiel machen!«
+
+Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastüre
+stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie aus einem Munde.
+
+»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.«
+
+»Und wer ist außer dir noch da?«
+
+»Niemand als das neue Mädchen.«
+
+»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht es hier aus!« rief
+die Mutter, als sie ins Zimmer trat. »Wer hat denn alles so schön mit
+Blumen geschmückt?«
+
+»Ich habe es mit Christine getan.«
+
+»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich erfreut.
+
+»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare Haustochter und
+sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte freilich bei all dem mehr an die
+Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon
+etwas zu sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter gut
+gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch
+saßen.
+
+Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurückzog, war sie sehr
+gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen
+würde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte,
+so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu halten.
+
+Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig zumute, als sie die
+Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den
+Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst
+war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war
+der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, und die Mutter voll
+Freundlichkeit. Sie wußte auch so vielerlei zu erzählen, es war ein ganz
+anderes Leben als sonst!
+
+Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel,
+aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit
+dem Auspacken ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch
+zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
+keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
+nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
+
+»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat
+dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errötete über und
+über.
+
+»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der dies bemerkt hatte.
+
+»Darf ich's denn nicht sehen?« fragte die Mutter. »Es ist mein
+Tagebuch,« antwortete Berta.
+
+»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« sagte der Vater.
+
+»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch lesen läßt,
+wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die Mutter und fügte freundlich
+hinzu: »Aber es ist gewiß nichts Schlimmes darin, was du mich nicht
+lesen lassen möchtest?«
+
+Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mädchen, das in größter
+Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschließen
+konnte, das Buch zu öffnen.
+
+»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, »ich kann solche
+Tagebücher nicht leiden, was wird da für übertriebenes Zeug
+hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!«
+
+Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt werden. Sie
+sagte sich, daß die Mutter notwendig meinen müsse, in dem Tagebuch stehe
+eine unfreundliche Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte
+sie doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, der
+Mutter das Tagebuch zu zeigen.
+
+Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen.
+Sie packte ihre Bücher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und
+verabschiedete sich. »Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte
+die Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die Ellenbogen
+herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick zu platzen droht!«
+
+»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben mir es auch alle schon
+gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer
+nicht an die Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich
+keine Kleider.«
+
+»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte die Frau Direktor
+und suchte ihren Mann auf.
+
+»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, »sie sagt, du werdest
+ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du
+dich so eingehend um ihre Kleider kümmerst.«
+
+»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher mußte ich schon
+Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen für Berta. Weil ich nun
+von Mädchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so
+gehalten, daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre
+Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.«
+
+»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen
+haben. Ich meine, wir müssen ihr dringend eine Jacke kaufen.«
+
+»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kümmern mußte,«
+sagte der Direktor. »Du weißt, was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so
+einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.«
+
+Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten
+wieder ins Zimmer kam und sagte: »Ich will dich nach der Schule abholen,
+und dann kaufen wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem
+Vater vorgekommen.
+
+Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in
+eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat,
+freundlich zu ihr sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen
+bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute
+Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fühlbar!«
+
+Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die
+Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch die Mitschülerinnen, die
+neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. »Berta,« sprach jetzt die
+Mutter, »die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei
+Jahren ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig
+geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht
+leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter
+gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hörte,
+daß ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im
+Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und Englisch ist mir
+so geläufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen,
+daß du in _einem_ Jahr auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr
+nette französische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig
+benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur
+Französisch reden, so ist dir's in einem Jahr geläufig. Aber nur wenn du
+selbst willst!«
+
+»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer.
+
+»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter
+bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, fleißiges Mädchen? Es darf
+aber weder Luise noch Lore sein!«
+
+»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt.
+
+»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die
+Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt haben. Das sind zudringliche
+Mädchen, die viel öfter kommen als man sie will und mit denen du
+gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben
+ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.«
+
+»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine
+Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.«
+
+»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein
+französisches Kränzchen aus, willst du?« Wie gerne wollte Berta! Solche
+Geselligkeit war ihr etwas ganz neues.
+
+Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft
+werden sollte. Da gab es eine große Auswahl, von den einfachsten bis zu
+den feinsten.
+
+»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die Mutter.
+
+»Ja, sehr gut.«
+
+»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde dem Fräulein noch
+viel besser stehen,« sagte der Ladendiener und zeigte ein reich
+verziertes Jäckchen.
+
+»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die Mutter und leise
+fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer das Schönste gewählt oder war sie
+für das Einfache?«
+
+»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne Jacke beiseite.
+»Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« drängte der Verkäufer. »Ich
+will sie nicht, ich will die andere,« entschied Berta bestimmt, und
+mehr als die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar
+befriedigt zunickte.
+
+An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta
+half dabei. »Hier sind die Schlüssel zum Schreibtisch,« sprach nun der
+Vater, »dieser kleine schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte
+sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut,
+daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte der Vater das oberste
+Fächlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die
+Berta gehörten. »Was ist das, Berta,« rief der Vater, und eine böse
+Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?«
+
+»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.«
+
+»Vergessen? das ist nicht wahr!«
+
+»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!«
+
+»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend dazwischen.
+
+»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den
+Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was dabei gesprochen wurde,
+haben wir beide auch nicht vergessen.«
+
+Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der
+kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die große
+Schublade auf -- sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgeräumt,
+nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise
+gerade zuerst gekommen war.
+
+»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, da habe ich dir
+Unrecht getan, ich war der Meinung, du hättest _gar_ nichts ausgeräumt;«
+und als er sah, wie Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich
+hinzu: »Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta war es mehr;
+die Mutter hatte sicher erraten, daß sie widerwillig den Platz für sie
+geräumt hatte, und es war Berta, als wären nun all die lieblosen
+Gedanken aufgedeckt, die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich
+zu weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen besonderen
+Grund haben.
+
+»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist,« sagte die
+Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen ausräumen zu müssen. Es war
+wohl dein Lieblingsplätzchen?«
+
+»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den
+Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu sich genommen; aber es
+versteht sich von selbst, daß sie dies alles nun abgibt; nicht wahr,
+Berta, du möchtest es nicht anders haben?«
+
+»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie ihr Schluchzen
+nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie schwer es ihr wird,« sprach
+die Mutter, »und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine
+Sachen nur wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater
+wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht überreden.
+»Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel
+lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, _so_
+machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.
+
+Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim
+Frühstück. Der Vater war ärgerlich über den Verdruß, den es wegen des
+Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah,
+daß Berta nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht
+erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst kämpfte, ihre
+Schüchternheit zu überwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr
+auf dem Herzen lag.
+
+»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann könnte ich alles
+sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt nicht; sie ist auch am
+Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war.« Unwillkürlich
+griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf,
+dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und sie löste das
+Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des Abends von selbst aufgehen
+würde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt
+hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald
+Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal heimlich
+nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar ist ja ganz offen,«
+sagte nun die Mutter, »wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend
+noch ganz schön?«
+
+Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, die Haare sind
+ganz offen.«
+
+»Ich will sie dir drüben noch einmal flechten,« sagte die Mutter.
+
+»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater.
+
+»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta eifrig ein.
+
+»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete der Vater.
+
+»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese
+Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. »Ich will ihr
+gerne das Haar flechten,« versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch
+einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich
+gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer.
+
+Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin,
+daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und dann schlüpfte sie so schnell
+wie möglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam,
+gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die
+Mutter. »Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach
+wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich dein Haar besser
+machen können, wenn du dich nicht vorher gelegt hättest.«
+
+»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das Haar kann ich wohl
+selbst machen; ich möchte dich nur bitten, daß du liest, was ich heute
+in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die
+Mutter las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
+keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
+nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
+
+»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, das mich so
+glücklich macht?« rief die Mutter, beugte sich über Berta, zog sie an
+ihr Herz und küßte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt
+hatte seit ihrer Mama Tod.
+
+»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb habe, mein Kind,
+oder fühlst du es?« fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe
+auf Berta.
+
+»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe noch eine Bitte:
+nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen
+hinein, damit ich ganz gewiß weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir
+alles geben möchte, was ich nur habe!«
+
+»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich doch, daß es einem
+guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.«
+
+»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« sagte Berta, und
+errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn
+es eine Stelle wäre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am
+Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?«
+
+»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht
+_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?«
+
+Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da
+ließ sich plötzlich draußen des Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar
+noch nicht geflochten?«
+
+»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und lachten, denn das
+Haar war ganz und gar vergessen worden. »Nein, wir kommen gar nicht
+zurecht mit dem Haar,« rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!«
+
+»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der
+erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah,
+daß auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter,
+die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend
+gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so fröhlich
+gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher
+Bewegung:
+
+»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen würden, habe ich sicher
+geglaubt; aber daß wir uns so schnell finden könnten, hätte ich noch
+heute abend nicht zu hoffen gewagt!«
+
+»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im
+stillen Schlafkämmerchen waren, sahen viel glücklicher aus, als damals
+im strahlenden Hochzeitssaal.
+
+Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: »Mein Kind muß jetzt
+schlafen,« und schnell ergriff sie die Haarbürste und begann ihr Werk.
+»Morgen wollen wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr
+aufgeht.«
+
+»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die Mutter dabei so
+schelmisch an, daß dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es
+mit dem Haar gehabt hatte.
+
+»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr nötig haben, ich
+komme von selbst an dein Bett.«
+
+»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette auf den
+Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du meinetwegen die Christine
+fortschickst, die dich so gern hat!«
+
+»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte der Vater. »Du
+wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wäre euch aber nicht
+gelungen, sie heiratet!«
+
+»Ist es dir leid?« fragte die Mutter.
+
+»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, jetzt,
+Mutter, wo du da bist!«
+
+
+
+
+Die Feuerschau.
+
+
+Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus
+in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste
+Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu
+hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern
+sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die
+junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch
+ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht
+jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das
+Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am
+Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das
+sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.
+
+Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie
+hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf
+kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der
+Hausfrau.
+
+»Was gibt's?« fragte das Evchen hinunter.
+
+»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst
+es deiner Frau ansagen.«
+
+Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag
+auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.«
+
+»Die Feuerschau? Was will die wohl?«
+
+Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab
+es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun
+gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr
+Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die
+Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen
+wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.«
+
+Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das
+Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun
+freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn
+besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das
+Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der
+Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn,
+»aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren
+hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die
+Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.«
+
+Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und
+stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern,
+dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch
+nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau
+hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche junge Frauchen ihres
+Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich
+schon ein wenig heimisch fühle im Städtchen? Die Frau Assessor
+antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz
+natürlich, daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück,
+und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen
+wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor:
+»Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer
+Handbewegung machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam.
+Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein sehr hübscher
+Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat sehr schön,« wiederholte der
+Archivar.
+
+»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. Das
+bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht könnte man es
+ändern?« fragte die junge Frau. »Das ließe sich schwer machen,«
+antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von
+dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen.
+Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben noch weiter
+bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« sagte der Ingenieur. Der
+Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er
+fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen.
+
+Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen,
+machte die Türe zum Eßzimmer auf und sagte: »Wollen Sie nicht den
+eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort
+abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich
+verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu dem eisernen
+Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen
+herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas
+davon und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. Der
+Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im
+stillen über die Feuerschau zu zürnen; sie fand es wunderlich, daß die
+Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in
+ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor
+fürchtete.
+
+Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die junge Frau zu
+zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, daß sie ihnen nicht einmal
+einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen
+weiter helfen,« und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte
+sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es
+ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. »Ich
+danke,« sagte der Ingenieur, »wir wollen doch nicht überall eindringen.«
+
+»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und ging voran.
+
+»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich ab,« sagte der
+Archivar.
+
+»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die junge Hausfrau, denn
+sie dachte: »Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.«
+
+Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau
+in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen,
+alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte.
+
+»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz,
+daß ihm noch eine so passende Frage einfiel.
+
+»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezündet.«
+
+»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.«
+
+»Ja, für die Lunge, nicht wahr?«
+
+Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und
+Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein
+älterer Mann in Begleitung eines jüngeren.
+
+»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne sich um das
+verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, klopfte er an der nächsten
+Türe an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer führte, in dem nun
+schon drei Leute um den Ofen standen.
+
+»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, »wir wollen
+nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.«
+
+»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne
+Umstände gingen die Männer auf den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine
+verbotene Ofenklappe,« sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie
+es auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.
+
+Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, daß die
+junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war
+offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und
+sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? »Sie sind
+gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, »Sie haben sich
+bloß so gestellt.«
+
+Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, daß hier eine
+Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau sind wir nicht,« sagte der
+Ingenieur, »aber bitte, gnädige Frau, wir haben uns doch nicht so
+gestellt.«
+
+»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!«
+
+»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das eigentlich gar nicht,
+aber wir konnten nicht anders, wir mußten Ihnen doch folgen.«
+
+»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des
+Herrn Assessors: Ingenieur Maier.«
+
+»Archivar Rau.«
+
+»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb beschämt, »was
+müssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er
+hört, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, o
+bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« Sie waren
+kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine
+Freunde zu treffen.
+
+Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen
+gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wäre, sie waren ja lange genug
+herumgestanden. Nur sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten
+Mühe, ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht wahr?« sagte
+der Hausherr.
+
+»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der Ingenieur. Da war die
+Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mußte lachen und
+die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht,
+bis ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich sah sie
+trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl
+aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor den Herren. Bewahre, das tat er
+nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der
+kleinen Frau überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es ja
+auch nicht besser!«
+
+
+
+
+In der Adlerapotheke.
+
+
+Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger
+gehörte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen
+Abschied. Der älteste Sohn war zum Militär einberufen worden; den
+zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt,
+und der dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch
+aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er
+wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach
+Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten.
+
+Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der
+Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter,
+Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser
+Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das
+Städtchen lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, wenn
+der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und
+täglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg
+hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch
+hineingeführt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen,
+Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher
+Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.
+
+So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte
+und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, daß seine
+Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Tränen in den Augen
+dastand. Sie war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen an
+diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, »ich komme ja alle
+vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich
+in der Apotheke.«
+
+Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen freundlich
+tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln mit dem Knecht, der Magd,
+und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte.
+Und Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, er freute
+sich über die Maßen.
+
+Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der
+Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentüre der Apotheke geöffnet, und
+der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten
+ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die kräftigere
+Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit,
+was man von den etwas blassen aber feinen Zügen des Apothekers nicht
+sagen konnte. Er begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand;
+der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der
+ihm kein Fremder war, und den er, ohne daß dieser es wußte, schon seit
+Jahren als seinen künftigen Lehrherrn betrachtet hatte.
+
+Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentümliche
+Geruch herrschte, der für Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes
+hatte, führte Apotheker Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen
+Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der
+kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschäftig den Kaffeetisch
+deckte und sich entschuldigte, daß der Kaffee noch nicht bereit sei.
+»Ich wußte nicht genau,« sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und
+lieber möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als ihnen
+einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.«
+
+Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, daß sie und
+ihr Mann zu Hermann »du« sagen dürften, es sei doch traulicher für
+Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu
+freuen.
+
+Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim
+Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr
+mußte hinunter; nach einem weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite
+Störung dadurch, daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war seinem
+Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der ersten Mahlzeit so
+einführte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke
+sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen.
+Diese Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an
+die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die
+beiden Männer tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wußte
+nichts mehr zu sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er schon
+aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein Vater abfahre, er
+wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der
+letzte Gruß, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen
+rasselte über den Marktplatz.
+
+Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah,
+sondern aufmerksam nach dem großen schwarzen Adler aufblickte, der
+dräuend über dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf
+die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst du in die
+Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann ebenso, und indem er fröhlich
+die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentüre aufmachte, fragte er:
+»und wie geht's jetzt an?«
+
+»Wie's angeht?« wiederholte der Apotheker und sah lächelnd auf seinen
+eifrigen Gehilfen. »Wie's angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst
+du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!«
+Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, daß mitten am
+Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, »es war auch früher nicht so,
+erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst
+seitdem ist's stiller bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite
+gegründet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker,
+aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter
+Geschäftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie früher.«
+
+Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium geführt,
+da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und gläserne
+Trichter und Röhren. Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so
+mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar viele
+Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich mache noch vieles
+selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« fragte Hermann. »Diese Woche
+nicht mehr, aber nächste Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus
+Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.«
+
+»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In meiner Familie,« sagte
+Mohr, »ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine
+altberühmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.«
+
+Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann
+so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wäre und lief
+eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in
+einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und
+dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.
+
+»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte
+der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.«
+Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In
+verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben
+aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem
+Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier
+sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle
+lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter
+brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung,
+inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit
+Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die
+schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas.
+
+»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den
+Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre
+die Ladenglocke.«
+
+In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen,
+Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen
+einzuwickeln. »Sieh zu und mach's nach,« sagte der Apotheker zu Hermann
+und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen
+verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der
+Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen
+kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem
+Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte
+lachend: »Der ist scheint's nicht der geschickteste.« »Er ist neu
+eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber
+Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln.
+
+Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er
+eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,«
+sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und
+mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von
+selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht
+stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte
+aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das
+nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat
+sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal
+vorkommt!«
+
+Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann
+mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor,
+als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser
+war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr
+seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling
+studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele
+naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte
+der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der
+Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte.
+
+»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht
+gelernt.«
+
+»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und
+gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich
+mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker
+über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht
+bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte.
+Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker
+ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das
+Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer
+oben im Dachraum ausgebaut war.
+
+Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und
+über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine
+Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon
+studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann.
+
+»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.«
+
+»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig die Rede
+darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt ist.«
+
+»Der Apotheker wird's bald selbst herausfinden.«
+
+»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser Hermann gar keinen
+größeren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und daß ihm die
+Apothekerbücher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas
+muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!«
+
+»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst du ganz ruhig
+sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ängstlichen, er hat
+ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.«
+
+»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der
+Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.«
+
+»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg
+leichter als seine Brüder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.«
+
+Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker
+zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch,
+scheint mir.«
+
+»Ja, und gescheit, aber --« und bedenklich schüttelte Mohr den Kopf.
+
+»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoßen.«
+
+»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will
+nur sehen, wie das geht.«
+
+»Anfangs ist's allen schwer.«
+
+»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er
+den Daumen so steif hinausstreckt; er weiß gar nicht, wie man die Finger
+biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft
+hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.«
+
+»Und so einer kommt vom Land!«
+
+»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Bürschlein alles nur
+auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch
+kann.«
+
+»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.«
+
+»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer oder gar einen
+Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da -- an was sollte
+es fehlen!«
+
+Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann am Frühstückstisch.
+»Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die
+Schlafpulver geholt hat?« fragte er den Apotheker.
+
+»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?«
+
+»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.«
+
+»Warum sollten sie nicht?«
+
+»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor Schmerzen nicht
+geschlafen habe.«
+
+»Ja, und?«
+
+»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut
+geschlafen hätte.«
+
+»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.«
+
+»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke
+geben kann!« sagte Hermann.
+
+»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fünfundzwanzig Jahren
+daran gewöhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit
+seiner Mittel.
+
+»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein Mittel entdecken!«
+fuhr Hermann fort.
+
+Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes Rufen, das von dem
+Mädchen draußen zu kommen schien. »Was hat doch die Mine,« rief Frau
+Mohr lebhaft aufspringend, »es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe
+riefe,« und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mädchen.
+Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Türe und rief ihrem
+Mann zu: »Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt,
+nun hat sie einen Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller
+kriechen die Blutegel umher.«
+
+»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich denn tun? Ich bring
+ihn nicht weg.«
+
+»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder Asche her.« Im Nu
+brachte Frau Mohr die Salzbüchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel
+gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden.
+
+Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu
+Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen
+gelassen?«
+
+»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.«
+
+»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf.
+Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft
+zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im
+Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn
+die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von
+selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen.
+
+Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings
+erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen
+müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im
+Glas, bis Hermann einen herein brachte.
+
+Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr
+ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht
+viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden,
+das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf
+allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber
+das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an
+Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit
+einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat
+nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an _einem_
+Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit
+ansehen.
+
+»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir
+zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach,
+siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem
+Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann,
+kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann,
+komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen
+sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins
+Zimmer. Hermann schaute -- aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund
+herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.
+
+»Was meinen Sie?«
+
+»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie
+aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft
+die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß
+tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein
+Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann
+seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker
+die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun
+sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf
+den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere
+geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem
+Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen
+mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es.
+Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden
+Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei
+der Inspektion getadelt wird.«
+
+»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine
+Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist
+und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das
+Staubtuchkörbchen.«
+
+Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste
+Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau
+Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es
+wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz
+hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich
+nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der
+Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen
+daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit
+herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim
+hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt -- in _einem_ Tage
+lernt sich die Ordnung nicht!
+
+Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt
+worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am
+Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch
+war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke
+auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im
+Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf
+Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde
+im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan
+mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten
+Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem
+Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.
+
+»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff.
+Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die
+Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der
+Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und
+unfreundlich: »Geh' hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann
+sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile
+verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst
+du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um,
+schnell!«
+
+Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen
+sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie
+gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst
+verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung
+vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her,
+warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder
+herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu.
+Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich.
+Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem
+Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends
+versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde
+freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts,
+gar nichts konnte er ihm anvertrauen!
+
+Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren
+an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als
+ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte
+Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In
+langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und
+Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die
+Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren
+Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich
+drängten und schoben.
+
+»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie
+voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach
+Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben,
+einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter
+in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger
+Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm
+zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter
+weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu
+Hilfe zu kommen.
+
+»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst
+das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette
+ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang
+Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen
+verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit
+frischen.
+
+Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht
+mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl
+alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die
+Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das
+ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon
+abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer
+am Mittagstisch saßen.
+
+Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die
+Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in
+der Apotheke.
+
+»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach
+zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau
+beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch
+etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen
+gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.«
+
+»War er wieder so ungeschickt?«
+
+»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein
+Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine
+Kleider -- --«
+
+»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein
+nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf
+hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt
+hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht
+aufzuregen, jetzt muß ich dir's doch sagen: einen eisernen Kloben hat er
+in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit
+den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das
+Staubtuchkörbchen gehängt!«
+
+»Das ist stark!«
+
+»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode -- --«
+
+»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen.
+Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem
+Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst
+könnte mit heimfahren.«
+
+»Hast du es dem Jungen schon gesagt?«
+
+»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu
+sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die
+größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist's am besten, man schickt
+ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.«
+
+»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich
+gemacht hat.«
+
+»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß
+er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein
+eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur
+gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.«
+
+In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da,
+wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern
+gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben,
+so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie
+könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das
+wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf
+ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?«
+
+»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden.
+
+Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.
+
+»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir
+zu leid.«
+
+»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die
+Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im
+Gegenteil!«
+
+»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,«
+sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde
+aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit.
+
+Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er,
+»daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.«
+
+Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«.
+
+»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das
+Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert
+man sich ganz, wenn man's auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife
+gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?«
+
+»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die
+Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören
+sollte, Lehrling zu sein.
+
+Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er
+auf, wieder in das Geschäft zu gehen.
+
+»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den
+kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe
+zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich
+finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften
+studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht
+Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des
+Apothekers.«
+
+»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich
+will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere
+Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.«
+
+»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den
+Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum
+Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?«
+
+»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei
+Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.«
+
+»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß -- ich kann dich
+nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen,
+der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um's kurz zu machen, kehre
+du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß
+ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch
+nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid,
+Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb
+gewonnen.«
+
+Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr
+sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich
+wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er
+Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich
+will mir alle Mühe geben.«
+
+»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber
+ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so
+viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im
+Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der
+Apotheke.«
+
+»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte
+ich nicht.«
+
+Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau
+Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel
+weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du
+meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im
+Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift
+in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im
+Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar
+nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner
+Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne
+Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht
+wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der
+Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht
+so schwer, lieber Junge!«
+
+Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den
+Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er
+nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte
+der Knecht später holen.
+
+Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten
+Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht
+nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so
+hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den
+Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße,
+seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes
+freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der
+schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er
+eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn
+liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne
+jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den
+ersten Schmerz gebracht.
+
+Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf
+den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem
+Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren
+war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch
+mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem
+Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die
+Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen
+sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn
+fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?«
+
+»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein
+schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit
+der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.«
+
+»Was hat's gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an.
+
+»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet,
+und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das
+ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre,
+fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen
+Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt
+schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht
+verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr.
+
+»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie
+alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach
+fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«
+
+»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das,
+ich kann eben kein Apotheker werden.«
+
+Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf
+brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker,
+der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach
+und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe
+die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.
+
+Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und
+versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte
+Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist
+nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles
+im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen
+zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im
+Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!«
+
+»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man
+in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«
+
+»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann
+ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken
+mitgebracht hättest, so wär's vielleicht doch anders gekommen, die Frau
+Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für
+dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf
+die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich
+nicht fort!«
+
+In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen,
+was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium
+schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so
+war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub' ist ganz
+verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker,
+er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.«
+
+»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten
+dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders
+gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und
+sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr
+Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich
+doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre
+Entgegnung.
+
+So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger
+benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien
+am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht;
+und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den
+Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast's jetzt verwunden?«
+fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen
+die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben
+wir.«
+
+»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer
+noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!«
+
+»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt'
+ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?«
+
+»Nein, aufs Feld wollt' ich nicht, bloß daheim bleiben.«
+
+»Faulenzen? Oder was? Red' deutsch, Hermann.«
+
+»Ich weiß halt schon vorher, daß dir's gar nicht recht sein wird, Vater,
+aber einmal muß ich's ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich,
+mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden
+kann.«
+
+»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein
+zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch
+gehört, daß du nicht taugst dazu, hast's ja selbst gesagt!«
+
+»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und
+sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein
+Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles
+einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen,
+mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen
+lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen
+dürft' mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt' ich mich
+einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis
+Herbst, Vater, und wenn mir's dann nicht gelingt, will ich selbst nicht
+mehr.«
+
+»Also versuch's,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und
+verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir
+das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt
+werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie
+der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.«
+
+»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich
+lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir's nicht
+einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!«
+
+»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den
+Heimweg ein.
+
+»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger
+vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von
+neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte.
+
+Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und
+niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen;
+denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge
+studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und
+Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe;
+als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe
+hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der
+junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache
+mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon
+all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand
+gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der
+Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie
+gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und
+eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde.
+
+Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter
+stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben
+sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr
+jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht
+verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich
+an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging
+und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und
+ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater
+gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die
+Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles
+blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur
+Bodenkammer, alles rein.«
+
+»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das
+macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und
+machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer.
+»Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles
+will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß
+ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur
+nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in
+acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir
+anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken
+hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das
+darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit
+ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die
+packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.«
+
+Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr,
+Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan
+werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen
+treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit;
+sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur
+als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit
+erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor,
+der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt
+überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.«
+
+Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer.
+»Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte
+die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde
+von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände.
+
+Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die
+Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein --
+Sandkörnchen waren es -- die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen
+gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und
+gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder.
+Er war bekümmert darüber.
+
+»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh,
+so kann ich's auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach.
+Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine
+zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich
+weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann.
+
+»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da
+machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die
+Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel
+zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so
+ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten
+es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen
+lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch
+saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das
+Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt.
+
+Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich
+Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er
+ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit
+Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und
+Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen
+konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst
+reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser
+gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War
+das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren
+sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden.
+Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand
+schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große,
+schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren
+vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die
+Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der
+Hand.
+
+So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen,
+mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich,
+im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in
+der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein
+Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger.
+
+In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr
+Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich
+nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen
+Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte
+Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise
+erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig
+die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was
+würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war
+nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem
+»Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht.
+Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein
+Arzneigläschen ein. »Vater, du bist's?« sagte er. »Ich bin ganz
+erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.«
+
+»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht
+recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?«
+
+»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist's vorbei. Ich bin ganz wach, Vater,
+und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber
+hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der
+Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber
+sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band
+es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so
+schlaftrunken wie die ersten Male.«
+
+»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas
+kann ich nicht haben.«
+
+»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,«
+sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder
+aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das
+zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah
+wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag
+Hermann schon wieder im Bett.
+
+Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe
+hinunter. »Dem ist's ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist's bitter
+ernst, der wird Apotheker.«
+
+Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er
+auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns
+Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie
+den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die
+manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach
+der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde
+zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und
+zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und
+vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von
+der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich
+in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten
+voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen
+Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im
+Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?
+
+»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen
+sorglich die Mutter.
+
+Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den
+Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die
+Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen
+gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger
+saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich
+liegen.
+
+»Nun, Hermann, wie steht's jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre
+vorbei. Länger kann's bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß
+etwas geschieht.«
+
+»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich
+mich als Lehrling antragen könnte.«
+
+»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der
+Hauptstadt.«
+
+Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag
+nicht recht war. »Nun, was gibt's? Paßt dir's wieder nicht? Du wirst
+nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?«
+
+Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.«
+
+»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu _dem_ Mann, der dich
+so schnöd aus dem Haus gejagt hat!«
+
+»Nein!« sagte der Vater, »zu _dem_ gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich
+zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange
+gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden's nicht
+erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer
+noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte
+diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für
+seinen Mann!
+
+»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis
+zuletzt; in aller Liebe hat er mir's gesagt, daß er mich nicht brauchen
+könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war _zu_
+ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde
+zutage kommt. Ihm danke ich's, daß mir die Augen darüber aufgegangen
+sind, was mir fehlt, und jetzt könnt' er mich brauchen. Und die
+Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele
+gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab,
+von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere
+Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter
+Mann, bei dem könnt' ich etwas lernen!«
+
+Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne
+und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester
+fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach,
+gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt
+ist näher als die Hauptstadt.«
+
+Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,«
+sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.«
+
+»Hermann, glaub' mir's,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort
+nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der
+in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.«
+
+»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben,
+zwei können sie nicht brauchen.«
+
+»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe,
+der geht aber bald.«
+
+»Du weißt's ja sehr genau, woher denn?«
+
+»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen
+müssen, wie es in der Apotheke steht.«
+
+»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort
+frage ich nicht an.«
+
+»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht,
+so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.«
+
+»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!«
+
+»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau
+Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was
+meinst du?«
+
+»Ich glaube, das macht's nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar
+nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine
+Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.«
+
+»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die
+willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter.
+
+Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die
+Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen
+sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.«
+
+»So laß ihn's mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat
+seine eigene Art. Du würdest's mit Butter und Rauchfleisch probieren, er
+meint's mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll's versuchen,
+gleich morgen.«
+
+Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten
+Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten
+Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte
+Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er
+die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab
+es kein »zurück«.
+
+»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn's nun fehl schlägt, so nimm's nicht
+schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines
+reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging
+und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?
+
+Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein
+kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher,
+der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann
+nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen
+Furcht und Hoffnung schwankend.
+
+An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im
+Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum
+erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal
+hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher.
+
+Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der
+Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging
+er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den
+Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen
+und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie,
+führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker
+auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar
+Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich
+losgelassen hat!«
+
+»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr,
+während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit
+freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie,
+»immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind
+wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer
+sehe?«
+
+Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles
+auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er
+sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann
+allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen.
+Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen,
+wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte,
+nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn
+sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt
+voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie -- es waren wohl
+viele Hunderte -- über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte
+lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen
+umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den
+Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund?
+Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht
+entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker
+mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und
+als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn
+vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam
+ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des
+Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt,
+denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was
+haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf
+den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die
+Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es
+ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im
+letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen
+können!«
+
+Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er,
+der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das,
+was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der
+Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und
+sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das
+Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen
+freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht
+gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht
+vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade
+nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat.
+Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte
+der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem
+Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt
+gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann
+gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die
+Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und
+einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner
+Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit
+beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages
+die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank
+seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der
+Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen
+vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und
+nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber.
+
+»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker.
+
+»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da
+fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine
+Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker
+und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.«
+
+»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer
+das Gefühl, sie sei gekränkt.«
+
+Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die
+Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt
+gehe ich heim.«
+
+»Jetzt gerade?« fragten sie ihn.
+
+»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da
+draußen ist's lustig jetzt.«
+
+War's draußen oder war's drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen
+am ersten Oktober,« sagten sie zueinander.
+
+Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an
+dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen
+wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie.
+
+»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber
+solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon
+getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!«
+
+»So hätte er doch studieren sollen.«
+
+»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der
+Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der
+sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.«
+
+Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in
+dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er
+sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein
+Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt
+nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann's sein? Wer kommt?« fragte die
+Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief:
+»Der Lehrling von der Adlerapotheke!«
+
+
+
+
+Bei der Patin.
+
+
+I.
+
+»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.
+
+»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite.
+In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher
+Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein
+Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme
+wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich
+schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden,
+sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber
+heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles
+gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht
+einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.
+
+»Mir ist's gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,«
+sagte Heinrich.
+
+»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit
+Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht,
+wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad.
+
+»Das _müssen_ sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus
+vertreiben!«
+
+»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die
+Haushaltung führen?«
+
+»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule
+und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige
+Schwesterchen, fünf Jahre alt.
+
+»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht
+nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es
+gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo
+meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?«
+
+»Zu irgend welchen Verwandten.«
+
+»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal
+lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch
+den und nicht Onkel Kuhn?«
+
+»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat
+Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach
+des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine
+Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.«
+
+»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat
+selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich
+Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz
+anders, die erinnert mich so an die Mutter!«
+
+»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.«
+
+»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben
+wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und
+Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei
+beisammen bleiben.«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »und das _müssen_ sie uns erlauben.«
+
+Es schlug zwölf Uhr.
+
+»So spät schon,« sagte Konrad.
+
+»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem
+Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide
+Brüder schliefen.
+
+Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie
+es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal
+entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund,
+Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau
+Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte
+sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu
+sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu
+erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch
+war es neben der großen Knabenschar nicht möglich.
+
+Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei
+Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine
+Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein
+Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen
+aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche
+Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie
+seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem.
+»Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du
+dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit
+deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast
+Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine
+Eltern haben ja genug hinterlassen ...«
+
+»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein
+Stahlhammer.
+
+»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr
+Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.«
+
+»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen.
+
+»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust
+du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was
+ist der Grund?«
+
+»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung
+gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug
+darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung
+erleben.«
+
+»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und
+wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber
+seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit
+Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht
+an mich an.«
+
+»Unsinn, darauf kommt's nicht an; du hattest damals solch törichte
+Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen.
+Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären
+sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine
+Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir
+hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen,
+und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und
+breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer
+soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen
+Junggesellen, nicht zumuten?«
+
+Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu
+werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich,
+»dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu
+nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.«
+
+»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann
+man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich
+erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die
+Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug
+heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das
+Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei,
+aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu
+seiner Patin reisen sollte.
+
+Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde
+beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es
+ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die
+nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus.
+
+Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war,
+verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen
+Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach,
+und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch
+bei uns aufnehmen!«
+
+Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die
+Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?
+
+Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die
+Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens,
+wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder
+abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte
+wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit
+Kindern!«
+
+
+II.
+
+»Wach' auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? Wach' auf, wach'
+auf, ich sage dir etwas.«
+
+Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen in aller Frühe Rike,
+das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen
+auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon
+die Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule und so
+hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für sie etwas ganz
+Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich für ihr
+Alter, ein herziges Mädchen, der Liebling von allen im Haus und selbst
+voll Liebe für alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?«
+fragte die Kleine ganz neugierig.
+
+»Steh' nur geschwind auf, ich sag' dir's schon, Herzenskind. Aber wir
+müssen schnell machen,« und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter
+war, beim Waschen und Ankleiden.
+
+»Aber jetzt sag' mir doch, Rike, was es gibt?« fragte Klärchen.
+
+»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du
+sollst mit seiner Schwester abreisen.«
+
+»Mit meiner Patin?«
+
+»Ja.«
+
+»Warum denn?«
+
+»Weil die Mama gestorben ist.«
+
+»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?«
+
+Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort darauf, sie knüpfte
+eifrig Klärchens Stiefelchen zu und beugte sich so darüber, daß
+Klärchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen
+herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen
+sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden
+Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, du bist traurig
+wegen der Mama.«
+
+Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem Kleid, ließ sie
+hineinschlupfen und sagte dann: »Komm nur schnell, ich habe dir schon
+dein Frühstück gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.«
+
+»Wo ist der Konrad und der Heinrich?«
+
+»Die schlafen noch.«
+
+»Gehen sie denn nicht mit mir?«
+
+Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln.
+
+In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. Rike sah
+hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst
+herunter kommen, es sei höchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und
+deinen Hut!«
+
+»Aber ich soll doch mit der Patin?«
+
+»Die wird am Bahnhof auf dich warten.«
+
+Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter.
+
+»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.«
+
+»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.«
+
+»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang hinüber in das
+Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die nachts so spät eingeschlafen
+waren, noch schliefen. »Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur
+Patin,« rief sie, aber noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die
+Hausglocke noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt
+hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.
+
+Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses Gesicht, und als
+Rike vollends das Kind noch an sich drückte und ihm unter lautem
+Schluchzen lebewohl sagte, rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind
+das Herz noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und
+führte es in großen, eiligen Schritten nach der Bahn.
+
+Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen
+bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum
+hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht früher
+geweckt?«
+
+Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen habe, sie nicht
+zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen
+Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten
+Rike und Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein Balsam
+war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz unerwartet in aller Frühe
+die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der
+verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie
+es stand: daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und
+Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir's gedacht, wie es euch
+ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frühe schon zu euch
+gekommen. Ich hätte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er
+die Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und da konnte
+ich nichts machen.«
+
+»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« fuhr Heinrich
+auf, »uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!«
+
+»Der Kleinen ist's vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,«
+begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so traurig, als wenn sie euren
+Schmerz gesehen hätte.«
+
+»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint hat sie und so
+gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie ein Lämmlein zur
+Schlachtbank.«
+
+»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte lächelnd die Tante,
+»mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.«
+Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein
+Täßchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich
+allmählich beruhigten.
+
+»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« fragte Konrad;
+»können wir im Haus bleiben?«
+
+»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, daß ihr in einer
+Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber
+gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und
+ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber
+wir können es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt
+das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine
+drei Buben und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.«
+
+Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und dankte ihr für ihre
+Güte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klärchen
+wäre es doch nicht mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch
+einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt ihr; es ist nur
+ein halbes Stündchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fuß; da könnt
+ihr Sonntags Klärchen besuchen.«
+
+»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur die Patin so wäre wie
+du oder die Mutter, dann wäre ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie
+ist so ganz anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.«
+
+»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die Patin; sie tut sehr
+viel für Arme und Vereine, da muß sie doch ein gutes Herz haben, und
+Klärchen wird das schon herausfühlen.«
+
+»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?«
+
+»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und hier die Haushaltung
+aufgelöst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb
+bei eurer Rike.«
+
+Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurück, das ihnen ganz
+verändert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des
+Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten
+sich selbst sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben.
+
+
+III.
+
+Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer,
+unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses.
+»Ist's wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht
+hat, das ganz bei euch bleiben soll?«
+
+»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines
+nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem
+schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem
+leid, so früh verwaist.«
+
+»Nun, es wird's gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.«
+Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann's nicht brauchen, es muß mir
+wieder fort aus dem Haus.«
+
+»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!«
+
+»Freilich ist's mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie
+bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der
+Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo
+ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das
+Kind übergibt?«
+
+»Es ist wahr, so gut hast du's dann nimmer wie bisher, aber du wirst's
+nicht ändern können.« -- »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon
+einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!«
+
+»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?«
+
+»Behüt' mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil,
+ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es
+anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht,
+du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein
+Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese
+Zeit, so ist's eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!«
+
+Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber
+das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der
+Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort
+gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die
+Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu
+schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als
+die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern
+unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir
+eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr
+Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht
+auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst
+wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß
+sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett
+gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins
+Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob
+sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das
+erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und
+Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der
+Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch
+nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du
+Heimweh hast, dann sag' du's nur immer mir, vor der Patin sei ganz
+still.«
+
+Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das
+Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange
+Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese
+dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser
+versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in
+das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche,
+unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so
+köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!«
+
+Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue
+Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig
+umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes
+Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten
+Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme
+mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen,
+Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem
+Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr
+Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es
+mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken
+auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des
+Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde
+sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand
+und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und
+ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen
+hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so
+recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie
+Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er,
+»du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage:
+Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder
+sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich
+sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein
+und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares
+Kind, verstehst du das?«
+
+»Ja,« antwortete leise die Kleine.
+
+»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.«
+
+»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz
+ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und
+fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem
+sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas
+wie Liebe und Dankbarkeit.
+
+»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben
+wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.«
+
+»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die
+Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und
+hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.«
+
+»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu
+sich genommen.«
+
+»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte
+Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und
+die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der
+Vormund verlangt hat.«
+
+
+IV.
+
+Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und Tante eingewöhnt.
+Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher
+wünschten sie auch ihre Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen,
+von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund
+hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht
+besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den
+Trennungsschmerz schon überwunden und sich in die neuen Verhältnisse
+eingewöhnt hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen
+erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den ihnen der Besuch in
+dem Städtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich
+die treue Tante danach, durch die Brüder Nachricht von der kleinen
+Nichte zu erhalten.
+
+Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch
+auf den Weg und kamen nach einem tüchtigen Marsch in dem Städtchen an.
+Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts
+vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung des Kindes und
+gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, etwas für den Empfang der
+jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste
+erwartet wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie wollte
+die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange,
+so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an
+den Hüten und Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien.
+Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen
+spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich weiß etwas, das dich
+freut,« und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brüder
+waren inzwischen schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen
+erkannte sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd
+entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und in Erinnerung
+ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Tränen über, zur
+großen Bestürzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf
+dem ganzen Wege ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß
+das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh nach Ihnen, und es
+ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute
+kommt!«
+
+»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad bekümmert.
+
+»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. Ein Kind gehört
+zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen
+Fräulein, die überdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.«
+
+»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief Heinrich und bemerkte
+in seiner Erregtheit nicht, wie der ältere Bruder ihm zu bedeuten
+suchte, daß es nicht passend sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen.
+»Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete
+Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das noch lange
+dauert, so wird es noch krank werden.«
+
+Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so
+frisch und blühend wie früher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und
+jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn
+zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor:
+es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu bedauern sei.
+
+Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen,
+waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie
+bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei
+Geschwister in das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich
+gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre
+Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick
+auf Klärchen zeigte ihr, daß diese geweint hatte. Auch klammerte sie
+sich fest an den Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher
+feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der
+Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen
+der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich
+schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den
+ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klärchen
+hätte im Glück über das Wiedersehen mit den Brüdern wohl alles andere
+bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr
+zuzuflüstern: »Mußt recht traurig und still sein, dann nehmen dich die
+Brüder vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche
+Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie gar sonderbar
+verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends
+von der kleinen Schwester.
+
+Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden
+Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig
+zumute, daß er fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich
+hatte um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante
+sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen sei. Er
+schilderte das Wiedersehen auf der Straße, die Tränen der Kleinen, ihr
+verändertes Aussehen, den Bericht des Dienstmädchens und die große,
+ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und
+nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.
+
+»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf Konrad dazwischen,
+»sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.«
+
+»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer unserer
+Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen ist, wer weiß, was sie ihr
+da tut!«
+
+»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte:
+»Sie ist gewiß nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie
+gehalten.« Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gespräch:
+alle waren voll Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante
+sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun kommt ja bald
+Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf längere Zeit zu uns einladen
+und ihr recht viel Freude machen.« Damit waren nun alle einverstanden
+und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu Weihnachten
+bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins
+Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, was ihr die Mutter zu Weihnachten
+machen wollte; wenn du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr
+Herzenswunsch erfüllt.«
+
+»Ja, was ist's?«
+
+»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb -- ich glaube wirklich so lieb wie
+uns; und für die möchte sie so ein Wickelkissen, wie's die ganz kleinen
+Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.«
+
+»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr bringt mir einmal das
+Längenmaß der Puppe, dann soll's ein echtes Wickelkind werden.«
+
+Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für Klärchen beruhigten
+sich die erregten Gemüter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie
+kannte sich aus bei ihrer jungen Schar.
+
+
+V.
+
+Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei
+Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die
+Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in
+dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem
+Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes
+Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen
+Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun
+hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen
+übertragen -- hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause --, aber es fand
+sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso
+glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde;
+sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um
+den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am
+Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens
+vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte.
+
+Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren
+Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine
+aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre
+Freiheit hätte.
+
+Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah
+hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß
+voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn's schneit, ist Weihnachten
+nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind
+auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor,
+zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und
+Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran.
+
+»Mine,« fragte sie, »wie ist's denn hier an Weihnachten?«
+
+»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.«
+
+»Und dann?«
+
+»Und dann im Spital.«
+
+»Und dann?«
+
+»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still.
+Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu
+dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne
+Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist
+du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt:
+'Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?' Aber jetzt haben wir keine
+Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen 'Herzkind' und sie kann dir
+keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du
+undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter
+und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren.
+
+Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,«
+sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den
+Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen
+Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es
+lustig zu, aber hier ist's langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern
+an Weihnachten?«
+
+»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast
+doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!«
+
+»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.«
+
+»Sagst du's nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich.
+»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht
+schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne
+Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß
+Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich
+nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht
+würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den
+Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem
+Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht
+nettes, grünes Bäumchen.«
+
+An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine
+Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei
+verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten.
+Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die
+Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest
+in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen
+Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde;
+sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der
+gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen
+Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig
+verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach
+gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte,
+daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach,
+die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den
+nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und
+gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein
+half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung
+bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin
+schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder
+für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_
+Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?«
+
+»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie
+doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen
+Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein
+Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich,
+daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch
+wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann's ja
+ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter
+andere Kinder.«
+
+Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte
+sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern
+darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist's
+ausgemacht mit deiner Tante.«
+
+Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind
+noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl,
+daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg,
+und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder
+war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante
+konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die
+Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem
+sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die
+Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der
+Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal
+nach seiner Nichte zu sehen.
+
+Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große
+Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital
+machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,«
+sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir
+auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder
+bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden,
+schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert.
+Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe.
+Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch.
+Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da
+kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen.
+»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?«
+
+»Nein, sie ist fort.«
+
+»Mit meiner kleinen Nichte?«
+
+»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst
+ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!«
+
+»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?«
+
+»Ach, da kann's leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei
+sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die
+Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im
+Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick.
+
+Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel
+gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama
+aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte!
+
+»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau
+zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und
+sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu
+Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer.
+Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum
+zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das
+Christkind schon beschert?« fragte er.
+
+»Ja, sieh nur, ein Hemd.«
+
+»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?«
+
+»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte
+ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche
+schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen
+Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese
+Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war
+unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen
+ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem
+Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind
+hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den
+Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben,
+das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig!
+
+»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme
+dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er
+zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es
+mitnehmen, ich bin sein Onkel.«
+
+Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war
+ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber
+Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die
+Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die
+Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme
+Ding!«
+
+»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine
+Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich
+sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen
+wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den
+Zug noch erreichen.«
+
+Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.
+
+»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus
+dröhnte.
+
+»Was ist's?«
+
+»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie,
+Klärchen?«
+
+»Sie schläft in meinem Bett.«
+
+Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich
+an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm
+noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe
+unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.
+
+Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn
+man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?«
+
+»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir
+folgen.«
+
+Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen
+Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen
+aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war.
+
+Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben
+die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein
+Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht
+gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast.
+Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas
+vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch
+erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen
+möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?«
+
+-- -- Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau
+Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei
+ihrer Heimkehr -- um acht Uhr war es -- vernahm, daß ihr das Kind
+weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet
+und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu
+ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur
+recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und
+das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu
+werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß
+sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß
+es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt
+eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es
+lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise
+empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in
+ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den
+Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von
+Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung.
+
+Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes
+Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis
+hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit
+einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein
+Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn
+Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren!
+Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus
+dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind
+nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie
+ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das
+Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es
+doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie
+doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich
+dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen.
+
+Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei
+dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein
+empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm
+etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor,
+und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so
+hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich
+das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen.
+Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten,
+wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht
+sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das
+war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen
+mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor
+Kuhn aufzusuchen.
+
+Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt
+mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu
+Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als
+Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte
+er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester
+verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie
+nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und
+Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an
+Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der
+Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war.
+Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf
+seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir
+leid.«
+
+»Ob's Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er
+gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für
+sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen
+Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute
+nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte
+nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?«
+In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches
+Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr
+kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was
+die beste Strafe für den Professor war.
+
+Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du
+hierher kommst?«
+
+»Nein,« sagte erschrocken die Kleine.
+
+»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er
+eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese
+Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.«
+
+Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt.
+So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte
+der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach
+ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.
+
+»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch
+ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die
+kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und
+Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der
+Eisbahn.
+
+Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz
+unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?«
+Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«
+
+»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger,
+»von dem war schon oft die Rede.«
+
+»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch,
+lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten
+hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem
+Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und
+das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang
+eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß
+Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem
+großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im
+Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die
+Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar
+Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch
+gereicht wurden.
+
+Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag
+ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner
+Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu
+sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der
+Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite
+Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.
+
+»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen,
+das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie
+nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich
+Klärchen sein.«
+
+In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu;
+aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr
+das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen
+Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt
+werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es
+ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es
+wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was
+du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf
+seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den
+Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so
+schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch
+hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm
+mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in
+der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die
+Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter
+hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand
+nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich
+unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee.
+Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der
+Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur
+vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück,
+ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;
+jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war
+dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke
+Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er
+ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie
+weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte
+er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir
+gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war
+eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab,
+der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter
+Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter
+durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es
+verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen
+Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.«
+
+
+VI.
+
+Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung
+seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der
+Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft
+hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr
+erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer
+keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das
+Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort
+kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging,
+als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind
+zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch,
+von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte
+er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so
+frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch
+diese unangenehme Sache.«
+
+Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste an, den übelgelaunten
+Bruder und dann das Kind. Da kam es zurück nach zwei Tagen, stand da
+fremd und verschüchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen
+erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den
+Mantel ausziehen.
+
+»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, »das Kind kann
+sich wohl selbst bedienen.«
+
+Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine in das Schlafzimmer,
+ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es
+vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen
+in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund zu seiner Schwester
+sagte: »Das Kind macht mich nervös mit seinem ewigen Geheul, kannst du
+nicht Maßregeln treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie
+sollte die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte nicht
+anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den
+wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine
+allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich
+fallen lassen, im kalten Schnee liegt's auf seinem Gesicht und friert!«
+
+»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das Mädchen, »warum hast
+du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?«
+
+»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind.
+
+»Sag's nur niemand, daß du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir's
+schlecht! Schlupfe unter die Decke, daß man dich nicht weinen hört; so
+ist's recht, jetzt schlafe!«
+
+Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Fräulein Stahlhammer:
+»Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das
+Haus verlassen hat?«
+
+»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie
+unglücklich es ist. Und überdies ist es nur natürlich, daß es seinem
+Onkel gefolgt ist.«
+
+»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf ohne deine oder
+meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so weiß es das für künftige
+Fälle. Das wirst du mir zugeben?« Und als seine Schwester nicht gleich
+Antwort gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du
+vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser
+ein?«
+
+»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen dafür nicht strafen; du
+kannst das Kind wegnehmen, -- ich habe es ja nie gewollt -- aber wenn du
+es bei mir lassen willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein
+Herz treibt.«
+
+»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du läßt dich nicht
+belehren. Statt Gründe vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So
+sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter
+einmischen, nur an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge
+wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen
+wurden.«
+
+»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge muß sein.«
+
+»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem
+besonderen Fall durchaus nicht für angemessen hältst, so will ich da
+nicht eingreifen.« So klang die Unterredung noch versöhnlich aus. Ein
+paar Stunden später war der Vormund auf der Heimreise begriffen.
+
+Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir uns jetzt nach ihrem
+verlorenen Wickelkind umsehen.
+
+Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, während Herr
+Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie
+öffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte
+vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte,
+waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg und der schwache Ruf
+der Frau wurde vom Wagengerassel übertönt. Ein kleiner Junge sprang
+vorüber. »Reich' mir die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam
+das verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche Zurückschauen
+Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie
+sich auch immer wieder sagte: »Ein dummes Dinglein ist's gewesen, daß es
+seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie
+sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine
+Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstraße
+5 p.«
+
+Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den
+Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort »Wickelpuppe«. Sie hatte ja
+erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen
+in der Eile wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie traurig,
+wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! Wo hatte man die Puppe
+gefunden? In der Bahnhofstraße. Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund
+gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag
+durch die Bahnhofstraße getragen wurden! Oder sollte es gar die von
+Klärchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß
+hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte
+kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, als auch Heinrich
+schon davonrannte nach der Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer
+Zeit mit dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, die
+den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe springen sahen,
+beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewöhnliche
+Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes,
+war Klärchens Ein und Alles!
+
+In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung allgemeine
+Entrüstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte
+bei Konrad ein Entschluß. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und
+dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Fräulein
+Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am
+heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag
+machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen.
+
+»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen
+heißen,« meinte der Onkel; die Tante fürchtete, der Vormund werde es
+nicht billigen; Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber
+zubringen würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen wäre es von
+Wert gewesen, Näheres zu erfahren über Klärchens neue Heimat, und so war
+das Ende der Beratung doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort sein
+Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen und machte sich auf
+den Weg.
+
+An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß es der Patin auffallen
+mußte, denn sie war gewöhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe
+beschäftigt zu sehen. »Wo ist denn heute deine Puppe?« fragte sie.
+Klärchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu
+sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein Stahlhammer,
+»wo hast du sie denn?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen.
+
+»So suche oder frage Mine danach.«
+
+Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt
+nach der Puppe?«
+
+»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.«
+
+»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, wo sie ist.«
+
+»Dann sagst du wieder so.«
+
+Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es
+endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im
+Begriff, einen Ausgang zu machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht
+mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast du die
+Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht?« Die Kleine war
+in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, daß etwas nicht in
+Richtigkeit war. »Nun sag' mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug
+die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.«
+
+Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind will mir nicht sagen, wo
+die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?«
+
+»Ach, das arme Wurm getraut sich's nur nicht zu gestehen, sie hat ja
+die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.«
+
+Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das Kind hatte Mine ihr
+Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal
+mußte Strafe sein; das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind
+nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine
+einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen war deutlich auf dem
+Gesicht geschrieben. »Klärchen,« sagte die Patin, »warum hast du mir
+nicht gesagt, daß du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt:
+ich weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich,
+so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn
+ein Kind so böse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf
+gesetzt.« Mit diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine
+Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an
+der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ängstlich an die
+Wand und wagte gar nicht, von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst
+du nun sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, daß du
+ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen Kinder werden da
+oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch
+ganz unartig und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein
+willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich
+heimkomme, hebe ich dich herunter.«
+
+Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin ging. Draußen
+sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank
+gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen
+Sie sie herunter, aber früher nicht.«
+
+Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da
+saß die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrückt. Mine fühlte
+sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine
+aus ihrer Lage erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,«
+sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt
+sie.«
+
+»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« sagte Klärchen.
+»Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, die Patin hat's gesagt. Gelt,
+ich bin jetzt brav? Ich lüge jetzt nicht und ich lüge auch das
+nächstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich
+gar nicht fallen?«
+
+»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie hatte wirklich
+Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann
+komme ich gleich wieder herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er
+gerade in _diesem_ Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; er
+sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das
+konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie
+führte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er
+sein Klärchen in solcher Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn
+hereinkommen sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu
+rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« sagte Mine,
+»zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, daß
+Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,«
+und sie eilte in die Küche.
+
+Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien könne,
+denn er war empört, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er
+nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß
+bleiben,« sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß
+ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« fragte Konrad,
+und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: »Gelogen!«
+Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem
+Wickelkind,« sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,«
+und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten
+Trost. Schnell packte er sein kleines Ränzchen aus und hob hoch in die
+Höhe, daß es Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene
+Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich
+vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und winkte zärtlich mit den
+Händchen. »Warte, ich bringe dir's.« Mit diesen Worten zog Konrad einen
+Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und
+nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den
+Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter
+sie, und so beschützt fühlte sich die Kleine ganz glücklich; streichelte
+bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm
+die brüderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.
+
+Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, kam Fräulein
+Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie
+hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine
+Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie
+beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem
+Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen und öfter als einmal ihr
+Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht
+herunterfallen. Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu
+sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre
+Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich hätte nicht fortgehen
+sollen,« sagte sie sich, »aber meine Mutter ist auch einmal
+fortgegangen.« Ja, Fräulein Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder
+war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft
+ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die
+Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis
+Abend ausharren müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? Wie
+würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg sie die Treppe
+hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete mit wahrem Herzklopfen die
+Türe des Zimmers. An viele Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an
+_die_ nicht, daß statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen
+würden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die
+ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da
+in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht
+engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter
+auf den Tisch, von da auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und
+sagte: »Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und habe sie
+Klärchen hinaufgereicht.«
+
+Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur glücklich gewesen, daß
+sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Hätte
+lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klärchen so getroffen. Was wird
+er denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in Strafe,« sagte
+sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will
+jetzt gewiß wieder brav sein,« fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend
+und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich
+bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, »der Schrank hat
+auch gar nicht gewackelt.«
+
+»So ist's recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde,
+»dann komm, mein Kind!« Und sie faßte Klärchen und hob sie herunter.
+
+Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein Stahlhammer lud Konrad zu
+Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht über die
+Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er wie ein
+Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit bei Fräulein
+Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein
+zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkürlich zu Hilfe.
+
+»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie und rückte ihren
+Stuhl ganz dicht an den seinigen.
+
+»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, »sonst dürfte
+er's wohl.«
+
+»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« sagte er, sich an die
+Patin wendend, »dürfte ich einige Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer
+schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr
+einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein
+Kind zu ihr gekommen.
+
+»_Warum_ möchtest du da bleiben?« fragte sie und sah ihn fest dabei an.
+Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er
+möchte dahinter kommen, wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das
+harte Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. Er
+geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht
+angeben, Ausflüchte zu machen war er nicht gewöhnt. Aber Fräulein
+Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und
+fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, du kannst
+hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante können auch
+selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben länger da als
+wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und
+dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.«
+
+Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über des Bruders längeren
+Besuch voll Fröhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wäre das
+Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen.
+
+Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; es lag ihrem Wesen
+fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen
+eher weniger herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es
+seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die
+Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der
+Kleinen das Herz auf, und allmählich kam alles zu Tag, was sie erlebt
+hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man
+nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch daß Mine oft
+fortging und Klärchen ganz allein zu Hause ließ, kam unter dem Siegel
+der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht
+Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so
+wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einfluß
+ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem
+Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorüber waren, von der
+Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe er
+sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, fröhlichen
+Familienkreis heimkehren durfte.
+
+Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschluß gefaßt.
+Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten zurückkäme, so wollten sie an
+Ostern, wo einer ihrer Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten,
+Klärchen zu sich zu nehmen.
+
+Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, und gleich
+der Beginn seiner Erzählung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe
+getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe
+einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und als er noch den
+zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an
+den Vormund zu schreiben. Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er
+sich erbot, Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei
+Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wären wohl am
+glücklichsten, wenn sie beisammen wären.
+
+Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der Brief ankam. Er erbrach
+ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim
+Durchlesen. Am nächsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und
+legte den Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit dem Kind
+ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer las den Brief. Der
+Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr
+weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht
+selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß diese Familie es
+ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm
+zugetraut, daß er Gutes berichten würde. Er kam ihr falsch vor. »Was
+soll ich den Leuten antworten?« fragte ihr Bruder.
+
+»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein Stahlhammer bestimmt.
+
+»Dauernd?«
+
+»Ja, dauernd!«
+
+»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid
+geben und dann wird hoffentlich von dem Mädchen nicht mehr gesprochen,
+bis es konfirmiert ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände
+man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwärts
+und schrieb ganz artig, er danke für den Vorschlag; seine Schwester
+wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege.
+
+Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer ihr Pflegekind
+aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend
+fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan.
+Ein fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es
+daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« Und dieses Wort
+hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen.
+
+Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige Antwort des
+Vormunds eintraf. Zu ändern war daran nichts mehr, das sahen sie ein,
+aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und
+er schmiedete ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin
+bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er
+bewerkstelligen.
+
+Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis
+sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmädchen, das wußte er. Er
+strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer
+über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der
+Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine öffnete, folgte
+er ihr in die Küche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war
+ein gut Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für seine
+zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem
+welligen Haar hervor.
+
+»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das Mädchen verwundert.
+»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine,« sagte er und zog aus seiner
+Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das
+Blatt aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser
+Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen
+ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen gesucht bei hohem
+Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« und vollends die Anzeige müssen Sie
+lesen »Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit großer
+Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. »Fein,« sagte sie,
+»aber ich will ja gar nicht fort von hier.«
+
+»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist's doch schöner.«
+
+»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.«
+
+»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen
+Jungfrauenverein gibt's.«
+
+»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und warum soll ich denn
+fort?«
+
+»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz ernsthaft, »das
+Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch
+noch kommen --«
+
+»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?«
+
+»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da.
+Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die
+müßte ich schon in der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht,
+weil die Raupen doch manchmal durchgehen.«
+
+»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine.
+
+»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch einmal,« und auf einmal
+zog er aus seiner Tasche ein Gläschen, in dem ein paar Raupen von der
+dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte
+zurück, er folgte ihr.
+
+»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann's nicht leiden.«
+
+»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und
+beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, daß sie manchmal
+herumkriechen.«
+
+»Schöne Aussicht!«
+
+»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schönen Dienst
+suchen wollen?«
+
+»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es
+gibt ja auch hier Plätze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.«
+
+»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon
+eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie an den Hals.« Mine tat einen
+lauten Schrei. »Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts geschieht, es ist
+eine von meinen größten,« und der Schlingel berührte Mine sachte am
+Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren meinte. »Ich bitte dich,
+Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.«
+
+»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.«
+
+»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?«
+
+»Gleich kommt's weg. Gehen Sie im nächsten Monat?«
+
+»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.«
+
+»Dann ist's recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie
+nur.« Lachend lief er dem zürnenden Mädchen davon. »Jetzt will ich zu
+Klärchen,« sagte er.
+
+Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt
+wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich wachsenden Lohn fesselte
+sie doch und gab ihr zu denken; schließlich konnte man seine guten
+Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig
+auf den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der erste Plan war
+gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn
+Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein
+Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon
+selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte
+immer so vielerlei Bedenken und würde auch jetzt immer nur sagen: »Das
+geht nicht.« Es mußte aber fein gehen!
+
+
+VII.
+
+Unter der großen Anzahl von Dienstmädchengesuchen konnte man am nächsten
+Tag im Lokalanzeiger lesen: »Es wird ein recht gutes, freundliches
+Dienstmädchen gesucht bei stets steigendem Lohn. Näheres um zehn Uhr im
+Gymnasiumshof.«
+
+Als der Zeitungsträger den Lokalanzeiger wie jeden Tag mittags ins Haus
+brachte, sah Heinrich ganz begierig nach: richtig, da kam _seine_
+Anzeige unter vielen andern. Er war überzeugt, daß niemand außer
+Stellensuchenden diese Anzeige lesen würde und daß er gewiß ganz
+unvermerkt während der Unterrichtspause, die von zehn bis ein Viertel
+auf elf Uhr stattfand, in den Hof des Gymnasiums gehen und sich unter
+den Dienstmädchen, die da kommen würden, die freundlichste heraussuchen
+könne. Name und Wohnung der Patin hatte er schön deutlich auf einen
+Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwählten geben, damit sie
+sich Fräulein Stahlhammer anbiete. Nur durfte sie nicht sagen, wer sie
+geschickt habe; wenn sie ihm nur das gewiß versprach!
+
+Es hatte aber doch noch jemand anders als nur Dienstmädchen die Anzeige
+gelesen. Der Schuldiener des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der
+ganzen Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gründlich. Sie
+brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. »Da sieh doch nur, wer kann das
+sein, der die Dienstmädchen in unseren Hof bestellt!« Der Schuldiener
+machte ein ernstes Gesicht. »Das ist ein Unfug,« sagte er »und muß dem
+Herrn Rektor gemeldet werden!«
+
+»Laß mich nur erst besinnen,« sagte die Frau, »es kommt doch darauf an,
+wer's ist; das bring ich schon heraus, es muß ja von unseren Professoren
+jemand sein. Einer, der nicht will, daß das Mädchen sich in der Wohnung
+zeigt, weil der alten noch nicht gekündigt ist. Der Herr Rektor selbst
+ist's natürlich nicht, der Herr kümmert sich nicht um das
+Dienstpersonal, und von den alten Herren täte so etwas auch keiner.
+Weißt du, wer das ist? Niemand anders als der neue Mathematikprofessor.
+Bei dem ist immer Magdnot, _sie_ ist keine rechte Hausfrau und _er_ ist
+ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht sich gar nichts daraus,
+wenn's seine Frau haben will, und läßt die Mädchen kommen und schaut sie
+durch seine Brille an und nimmt dann natürlich die ungeschickteste. Da
+muß ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, daß er nicht gar so
+dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor nichts zu sagen.«
+
+Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er ließ seine Frau reden und
+brachte das Zeitungsblatt dem Rektor der Anstalt, einem älteren ruhigen
+Herrn, dem schon Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte er
+auch die Vermutung seiner Frau mit. »Es kann ja sein, daß Professor
+Graun, der hier noch fremd ist, auf diesen etwas wunderlichen Gedanken
+kam,« sagte der Rektor, »ich werde ihn vorher fragen, dann kann die
+Sache noch anders eingerichtet werden. Es wäre mir lieb, wenn sich Ihre
+Frau nicht einmischte, können Sie das verhindern?« fragte er mit feinem
+Lächeln.
+
+»Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig neugierig,
+sozusagen gewalttätig; man bringt sie nicht recht aus dem Weg, wenn so
+etwas los ist.« »Nun es wird sich schon machen lassen,« sagte der
+Rektor, »die Sache ist ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor
+Graun morgen früh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick zu mir zu
+kommen.« Damit war der Diener entlassen.
+
+Am nächsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor ins
+Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des Rektors ausgerichtet.
+
+»Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerückt hat?« fragte der
+Rektor.
+
+»Nein, davon habe ich keine Ahnung.« Der Rektor ging in den großen Gang,
+der in dem alten Gymnasiums-Gebäude auf drei Seiten den Hof umschloß.
+Durch diesen Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem
+Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der Fenster. Um
+diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle die Schüler polterten die
+Treppe herauf und trabten über den Gang nach ihren verschiedenen
+Zimmern, dazwischen war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hörbar.
+Heute wurde von letzteren ein jeder abgefaßt; der Rektor fragte nach der
+Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. Unter diesen Professoren
+war auch Heinrichs Onkel. Professor Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die
+andern den Urheber der Anzeige und konnte darüber keinen Aufschluß
+geben. Allmählich kamen nur noch vereinzelte Schüler, jetzt schlug es 8
+Uhr, und die größte Stille herrschte in dem noch eben so belebten
+Gebäude, der Unterricht begann.
+
+Schlag 10 Uhr ertönte unten in des Dieners Wohnung ein zweimaliges
+Glockenzeichen; dies war der verabredete Ruf, dem die Frau des Dieners
+in das Rektoratszimmer zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am
+Eingang des Hoftors, ihre Neugierde war aufs höchste gespannt. Nein, wie
+fatal, gerade in _dem_ Augenblick klingelte ihr der Rektor. Diesmal
+sollte nur ihr Mann an ihrer Stelle gehen. »Peter!« rief sie, Peter!«
+Von Peter kam keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas stärker
+das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging die Treppe
+hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten Frau, möglich war.
+Einen Blick warf sie noch zurück, ehe sie den Hof aus dem Auge verlor,
+und da glaubte sie gerade noch ein Mädchen, ein ganz fein gekleidetes,
+durch das Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter der
+Türe seines Zimmers auf sie.
+
+»Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und holen Sie mir aus dem
+Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, die mit Klasse #IX# Jahrgang 88
+bezeichnet sind.«
+
+Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, ging jedenfalls
+eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame Viertelstunde! An eine
+Widerrede war nicht zu denken, sie mußte hinauf in die Bodenkammer. Aber
+etwas Glück ist doch meist beim Unglück, der Kasten Nr. 5 stand nahe bei
+der Dachlücke, und aus dieser herunter konnte man den Hof überblicken.
+Und da sah denn die gute Frau von ihrer Höhe aus was vorging. Die
+Schüler rannten wie alle Tage während der Pause in den Hof hinunter, der
+Herr Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie sonst in
+der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer nach dem andern erschien
+auf dem Gang, offenbar war jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich
+ging; auch Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster im
+Erdgeschoß blickte der Schuldiener hervor.
+
+Nun kam von der Straße herein durch den Torweg ganz unbefangen ein
+Dienstmädchen und sah sich um, nicht ahnend, daß sie von so vielen
+gestrengen Herren beobachtet wurde, denn sie traten alle etwas zurück,
+um nicht bemerkt zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer
+auf das Mädchen zu. Es war Heinrich. »Das ist der kleine Schubert,«
+sagte einer der Lehrer zu dem andern. »Ihr Kostgänger, nicht wahr, Herr
+Professor Kuhn?«
+
+»Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die beiden Schuberts.«
+
+»Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt keiner außer ihm, daß
+dies Mädchen jemanden sucht.«
+
+»Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er Bescheid gibt!«
+
+»Der betreffende Herr oder Dame, die die Mädchen hierher bestellt hat,
+scheint sich verspätet zu haben; aber da kommt schon wieder eine, das
+ist eine stattliche Person; und richtig, der kleine Schubert nimmt sich
+ihrer wieder an.«
+
+Die Herren Professoren lachten. Hätten sie das Zwiegespräch zwischen dem
+Dienstmädchen und Heinrich gehört, so wären sie wohl erstaunt gewesen.
+
+»Ich habe mir ja gleich gedacht, daß das nichts Rechtes ist,« sagte die
+große stattliche Köchin, »nur weil ich gerade vom Markt komme, hat mich
+die Neugier hereingetrieben, wer sich denn die Mädchen in den
+Gymnasiumshof bestellt. Daß es nur so ein kleiner Lausbub ist, hätte ich
+mir aber doch nicht gedacht.«
+
+»Es ist aber eine ganz gute Stelle,« sagte Heinrich, »und ich hab's
+getan wegen meiner kleinen Schwester.«
+
+»Was wär' denn hernach der Lohn?« fragte die Köchin von oben herab.
+
+»So genau weiß ich das nicht,« sagte Heinrich und dann, da hierauf das
+Mädchen höhnisch lachte und so gar nicht gutmütig aussah, fügte er
+offenherzig hinzu: »Ein besonders gutes Mädchen müßte es aber sein!«
+
+»Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt so was, das sieht
+dumm genug aus, um auf deinen Leim zu gehen.« Die Große verschwand, ein
+kleineres, vielleicht siebzehnjähriges Mädchen erschien im Hof, und
+diesmal ging Heinrich gleich auf sie zu.
+
+Oben bemerkte der Rektor: »Man könnte meinen, der kleine Schubert habe
+sie bestellt.«
+
+»Ja, wahrhaftig,« sagte sein Klassenlehrer, »er ist oft ein rechter
+Schelm und hat närrische Einfälle.«
+
+»Es kommt mir auch wunderlich vor,« meinte Professor Kuhn, dem es schon
+geraume Zeit unbehaglich zu Mute war, während er seinen Neffen
+beobachtete. Inzwischen hatte Heinrich in eiligen Worten -- denn er
+fürchtete, das Ende der Pause möchte seine Unterhandlungen unterbrechen
+-- dem Mädchen gesagt, er wisse eine feine Stelle bei einem alten
+Fräulein und einem herzigen kleinen Mädchen. Und dann schilderte er so
+rührend sein verwaistes Schwesterchen, daß er des Mädchens Teilnahme
+erregte. »Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,« sagte sie,
+»und deshalb bin ich schon seit meinem fünfzehnten Jahr im Dienst und
+hab's so hart als Spülerin in einer Schenke. Wenn ich in ein so feines
+Haus kommen könnte!«
+
+»Freilich können Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. Fahren Sie
+nur gleich am Sonntag hinaus, aber ja nicht sagen, daß ich Sie geschickt
+habe, bloß: Sie hätten's gehört, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein
+Klärchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!«
+
+»Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und weiße Böden?«
+
+»Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.«
+
+»Ich meine nur so, wenn's so viele Zimmer sind, wegen dem Putzen, wenn
+alle Böden weiß sind --«
+
+»Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht weiß, mehr so bräunlich --«
+
+»Vielleicht Parkett?«
+
+»Ja, ja wahrscheinlich.«
+
+»Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.«
+
+»Ich glaube auch gar nicht, daß sie Parkett sind, wie heißt man die
+Böden, die so bequem sind zum Putzen?«
+
+»Die angestrichenen.«
+
+»Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.«
+
+»Und wie ist denn der Lohn?«
+
+»Der ist hoch und alljährlich wachsend, so viel ich weiß. Fräulein
+Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.«
+
+»Ist's ein gutes Fräulein? Ich frage ja nur, weil's das Kind nicht gut
+hat.«
+
+»Ja so, ja das Fräulein ist in allen wohltätigen Vereinen und schreibt
+sehr schöne Briefe.«
+
+»Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir's ansehen, aber ums Fahrgeld
+ist mir's halt.«
+
+»Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber warten Sie nur, ich
+kann Ihnen schon etwas geben; dreißig Pfennig kostet die Fahrkarte, so
+viel habe ich vielleicht noch Taschengeld, aber die Anzeige war so
+teuer.« Heinrich zog sein Beutelchen. »Nein, siebenundzwanzig sind's nur
+noch, aber drei können Sie wohl darauflegen?«
+
+»Ja,« sagte das Mädchen gutmütig, »den letzten Pfennig will ich Ihnen
+auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig bekomme.«
+
+»Gut,« sagte Heinrich, »dann habe ich doch noch sieben im Beutel, die
+Woche ist noch lang!«
+
+Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts verstehen können,
+aber als sie sahen, daß sich allmählich eine ganze Anzahl Schüler
+neugierig um die Beiden sammelte und daß Heinrich seinen Geldbeutel
+hervorzog, machten sie der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen
+Neffen herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmädchen
+durch den Torweg verschwand.
+
+Als Heinrich in fröhlicher Stimmung, dem Ruf seines Onkels folgend, die
+Treppe hinaufsprang, war er nicht wenig bestürzt, den ganzen Gang voll
+Professoren zu sehen, ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem
+Klassenlehrer. Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte angesichts
+so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich ein peinliches
+Verhör. Der Rektor fragte zuerst: »Was hast du mit dem Mädchen im Hof
+gesprochen?«
+
+Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft wie sein älterer
+Bruder war er von Natur nicht und nicht immer hatte er bei seinen
+Streichen der Versuchung widerstanden, sich ein wenig herauszuschwindeln.
+Diesmal aber, in dem Gefühl, daß er in bester Absicht gehandelt hatte
+und auch unter dem Eindruck der Würdenträger, die vor ihm standen, hielt
+er mit der Wahrheit nicht zurück, sondern sagte gerade heraus: »Ich habe
+das Mädchen gedungen für Fräulein Stahlhammer, bei der meine kleine
+Schwester ist.«
+
+»So war von dir diese Anzeige verfaßt?« fragte der Rektor.
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »die ist von mir.«
+
+»Wer hat davon gewußt?«
+
+»Wem hast du es vorher mitgeteilt?«
+
+»Gar niemand.«
+
+»Heinrich!« sagte der Onkel vorwurfsvoll, »weder der Tante noch Konrad?«
+
+»Niemand,« sagte Heinrich, »sie wären doch alle dagegen gewesen.«
+
+»Damit gibst du zu,« sagte langsam und nachdrücklich Heinrichs
+Klassenlehrer, »daß du dir wohl einer unrechten oder törichten Handlung
+bewußt warst.«
+
+»Für unrecht habe ich's nicht gehalten,« sagte Heinrich, »aber für
+anders als man's gewöhnlich macht, und das wollen sie immer nicht.«
+
+»Sie wollen es nicht? Wer 'sie'?« fragte der Klassenlehrer scharf. »Wen
+meinst du mit diesem geringschätzigen 'sie'?«
+
+»Bloß die Menschen,« sagte Heinrich.
+
+»Ich verstehe den Zusammenhang nicht,« sagte der Rektor, sich an
+Professor Kuhn wendend, »was kann ihn veranlaßt haben, für andere Leute
+ein Mädchen zu dingen? War er beauftragt?«
+
+»Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine Schwester wird in
+ihrem Kosthaus von dem Dienstmädchen allem Anschein nach nicht gut
+behandelt und beeinflußt; darüber waren die Brüder -- und ich allerdings
+mit ihnen -- sehr betrübt. Meine Frau und ich konnten uns aber der
+Verhältnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf diesen Ausweg
+verfallen zu sein.«
+
+»Nun,« fragte der Rektor, »und was hast du denn ausgerichtet? es sind
+wie mir scheint mehrere gekommen.«
+
+»Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie hat mir
+versprochen, daß sie nach Waldeck fährt.«
+
+»Man darf vielleicht,« sagte der Onkel, sich an den Rektor und den
+Klassenlehrer wendend, »die Anhänglichkeit der drei erst kürzlich
+verwaisten Geschwister als Entschuldigung für Heinrich ansehen. Er hat
+es gut gemeint mit seiner Schwester.«
+
+»Wenn Sie es so auffassen,« sagte der Rektor, »so schließe ich mich
+Ihnen an, Sie kennen die Verhältnisse. Ich sehe keine strafbare Handlung
+in dem Vorgefallenen; du kannst gehen, Heinrich.« Dieser ließ sich's
+nicht zweimal sagen; wie ein Wiesel schlüpfte er zwischen den Herren
+hindurch, möglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die Sache nicht
+eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer traute er nichts Gutes
+zu, er sah ihn so ungnädig an. In der Tat sagte dieser auch etwas
+mißbilligend zum Rektor: »Er ist gut durchgekommen für diese
+unziemliche Handlung, fast zu gut.«
+
+»Ja,« sagte der Rektor, »schicken Sie ihn nach Schluß der Schule noch
+einmal allein in mein Zimmer.«
+
+Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen Lehrers; Heinrich
+aber war bestürzt, als er durch den Lehrer erfuhr, daß noch etwas
+nachkommen sollte. Er fand sich nach dem Schluß der Schule im Zimmer des
+Rektors ein. (Auf dem Tisch lagen die Hefte der #IX.# Klasse aus dem
+Jahrgang 88.) »Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,« sagte der
+Rektor, »das verdankst du der Fürsprache deines Onkels. Mit väterlicher
+Treue ist er für dich eingetreten. Einen andern Mann an seiner Stelle
+hätte es gekränkt, daß du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er
+hat bewiesen, daß er dich lieb hat. Hast du auch ihn lieb?«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, und das kam von Herzen.
+
+»Dann beweise auch du es. _Wie,_ das muß dir dein Herz sagen.«
+
+»Ich will's tun,« sagte Heinrich.
+
+»Und noch etwas: du hast dich darüber beschwert, daß die Menschen nie
+etwas anders machen wollen, als man es gewöhnlich macht, und das war der
+Grund, warum du deine Absicht, ein Mädchen zu dingen, nicht vorher
+verraten hast, nicht wahr?«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »es heißt immer: das kann man nicht, oder: so
+macht's niemand.«
+
+»Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr ganzes Leben
+hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu handeln. Bei ihnen heißt es: so
+machen's alle Leute.« »Ja, ja,« sagte Heinrich von Herzen zustimmend.
+
+»Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen gehörst, sondern
+wenn du später als Mann sagst: Ich tue, was gut und verständig ist,
+ob's nun andere auch so machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als
+Mann. So lange du noch jung und unselbständig bist, darfst du dir nicht
+herausnehmen, nach eigenem Gutdünken zu handeln; kannst auch überzeugt
+sein, daß es meistens nicht gut ausfallen würde. Also für die nächsten
+Jahre: Vertraue alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen magst,
+das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue was recht ist.«
+
+Heinrich kam später als sein Onkel von der Schule heim. Inzwischen hatte
+dieser noch über die Sache nachgedacht und war ärgerlich über den
+Jungen. Wer konnte wissen, was der alles anstellen würde, nachdem er
+einmal angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rücken solche Dinge
+zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache ausgehen! Fräulein
+Stahlhammer ließ sich kein Mädchen aufdrängen, am wenigsten, wenn es von
+dieser Seite kam; Mine würde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache
+nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor saß eben vor seinem
+Schreibtisch, in dem er seine Hefte verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die
+Jugend versammelte sich schon im Eßzimmer, da ging die Türe auf und
+Heinrich sah herein. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Empfindungen
+schwer über die Lippen bringen. Lebhaft ging er zu seinem Onkel und
+dessen Hand fassend sagte er: »Das war so fein von dir, Onkel, daß du
+mir geholfen hast. Mein Professor hätte mich ja am liebsten in den
+Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wärst, ich danke
+dir recht schön dafür! Sogar der Herr Rektor hat etwas von deiner
+väterlichen Fürsorge gesagt, es war etwas sehr Schönes.«
+
+Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon wieder ganz
+freundlich auf seinen Neffen. »Die Hauptsache ist,« sagte er, »daß du
+nicht noch einmal so etwas tust.«
+
+»Nein, in den nächsten Jahren nicht mehr, das habe ich schon mit dem
+Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel?
+Ich habe in der Pause nichts essen können, bin furchtbar hungrig.«
+
+»So komm,« sagte der Onkel und sie gingen unwillkürlich Hand in Hand --
+es war wohl der Rektor, der diese Hände ineinandergelegt hatte.
+
+
+VIII.
+
+Am nächsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Küche abspülte, klingelte es
+und ein Mädchen meldete sich. Sie sei aus der Stadt hierhergeschickt
+worden, weil man hier ein Dienstmädchen suche. Mine traute kaum ihren
+Ohren. »Das ist aber unerhört,« rief sie, »ich habe ja noch gar nicht
+gekündigt und mein Fräulein weiß von nichts. Wer hat Sie denn geschickt?
+Gewiß Frau Professor Kuhn?«
+
+»Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist's besprochen worden.«
+
+»Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich denn jetzt? Versuchen
+Sie's eben und gehen Sie hinein. Wenn das Fräulein Sie will, dann soll's
+mir auch recht sein.«
+
+»Da ist ein Mädchen,« sagte Mine, indem sie die Türe aufmachte zu dem
+Eßzimmer und sich rasch wieder zurückzog. Fräulein Stahlhammer saß da,
+die Zeitung lesend, und Klärchen war mit ihrer Puppe beschäftigt. »Was
+möchten Sie von mir?« fragte Fräulein Stahlhammer, »wer sind Sie?«
+
+»Katharine Schwarz heiße ich und weil ich gehört habe, daß Sie ein
+Mädchen suchen, wollte ich mich vorstellen.«
+
+»Das ist jedenfalls eine Verwechselung,« sagte Fräulein Stahlhammer,
+»ich suche keines. Wer hat Ihnen denn das gesagt?«
+
+»Im Hof ist's gesprochen worden.«
+
+»So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mädchen schon seit fünf
+Jahren und behalte sie auch.«
+
+»Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herüber gefahren,« sagte das
+Mädchen. »Ich wäre erst so gerne gekommen; so ein stilles Plätzchen bei
+guten Leuten, das gefiele mir.«
+
+»Das tut mir leid für Sie. Vielleicht ist's in einem der Nachbarhäuser.
+Meine Mine weiß das. Kommen sie einmal mit mir in die Küche.« Das
+Mädchen folgte ihr. »Mine, nehmen Sie sich um das Mädchen an, sie ist
+irrtümlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr eine Tasse Kaffee
+ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein Plätzchen für sie.«
+
+Nun waren die beiden zusammen in der Küche; Mine räumte noch ihr letztes
+Geschirr auf und Katharina ließ sich den Kaffee schmecken, nachdem sie
+zuerst große Umstände gemacht hatte, ihn anzunehmen. »Da gefiele mir's,«
+sagte sie, »so ein freundliches Fräulein, das gleich Kaffee einschenken
+läßt und so stattlich und hochgewachsen und alles so nobel und fein im
+Haus, und dem Kind sieht man's von fern an, wie gut es ist.« Im Lauf des
+Gesprächs hatte Mine bald herausgebracht, daß kein anderer als Heinrich
+das Mädchen hergeschickt hatte. Ja, der Schlingel, wenn der wirklich ins
+Haus kam mit seinen Raupen und der große Bruder auch noch dazu, dann
+waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich auch versprochen zu
+gehen.
+
+Inzwischen hatte Klärchen zur Patin gesagt: »Kann das gute Mädchen nicht
+bei uns bleiben?«
+
+»Wir haben ja unsere Mine,« sagte die Patin, »die ist auch gut.«
+Fräulein Stahlhammer nahm wieder die Zeitung, aber es war nicht viel mit
+dem Lesen. Nie hatte sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und
+jetzt auf einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wäre, mit dem
+jungen Mädchen, das so freundlich aussah, ganz neu anzufangen. Mine war
+im Lauf der Jahre so selbständig geworden, sie nahm ihr auch die Kleine
+ganz aus der Hand. Sie sagte so oft: »Die Kleine spürt's, daß Sie seine
+Mutter nicht sind,« das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mädchen würde so
+etwas nicht denken und jedenfalls nicht sagen. Was wohl Mine zu dem
+Vorschlag sagen würde, daß sie diesem Mädchen weichen sollte?
+Unentschlossen ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. »Was würde
+mein Bruder von mir denken?« sagte sie sich selbst, »er würde zu mir
+sagen: »Du, die große Stahlhammer, traust dich nicht mit deinem Mädchen
+zu reden?« Wirklich, sie war allmählich dieser Mine gegenüber ganz
+schüchtern geworden. Sie schämte sich ihrer Schwäche.
+
+»Klärchen, sage doch Mine, sie möge herein kommen.« Mine kam, Klärchen
+blieb in der Küche und schloß Freundschaft mit Katharine.
+
+»Es scheint ein ordentliches Mädchen zu sein?« sagte Fräulein
+Stahlhammer zu Mine. »Ja, ein gutes Zeugnis hat sie bei sich und ein
+armes Ding ist's, dem's immer hart gegangen ist bisher.«
+
+Nun nahm Fräulein Stahlhammer einen Anlauf: »Wie wär es, Mine, wenn ich
+es mit diesem Mädchen versuchte und Sie mit einem andern Dienst?«
+
+Zu Fräulein Stahlhammers großem Erstaunen war Mine's sofortige Antwort:
+»Gerade wollte ich's auch vorschlagen!«
+
+ * * * * *
+
+Einen Monat später war Mine abgezogen, in der Küche hauste das neue
+Mädchen. Es war der erste Abend. Bisher war es immer Mine gewesen, die
+Klärchen begleitet hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die
+Patin selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein wenig
+sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz zutraulich. »Kommst
+du jetzt alle Tage selbst mit mir?« fragte das Kind. »Ja, wenn ich nicht
+im Verein bin.«
+
+»Hat unsere Katharina auch einen Verein?«
+
+»Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.«
+
+»Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du fort warst?«
+
+»Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie dich dann allein
+gelassen?«
+
+»Ja, aber das hat man gar nicht sagen dürfen, nur dem Konrad habe ich's
+gesagt.«
+
+»Das mußt du dir nicht verbieten lassen, Klärchen. Wenn die Katharina
+einmal will, daß du mir etwas nicht sagst, dann mußt du gleich
+antworten: Der Patin sage ich alles.«
+
+»So? So soll ich's machen?« sagte die Kleine ganz verwundert.
+
+»Ja, so sollst du's machen, so machen es alle lieben kleinen Kinder.«
+
+Die Patin gab dem Kind einen Kuß und beide hatten das Gefühl, es sei
+etwas weg, das sie bisher getrennt hatte.
+
+Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne daß zur Familie des Professors
+irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer gedrungen wäre. Die Brüder
+scheuten sich, hinzugehen, wußten sie doch nicht, wie Heinrichs
+Einmischung in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da begegnete
+diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, und mit stolzer Befriedigung
+erfuhr er, daß die von ihm gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden
+und Mine ihr Platz gemacht hatte. Aber Mine wußte auch noch das
+allerneuste. Fräulein Stahlhammer läge krank zu Bett und werde
+wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu Hause erzählt, als
+seine Tante erklärte: »Das ist für mich die Gelegenheit, endlich einmal
+Fräulein Stahlhammer aufzusuchen; schon lange liegt es mir schwer auf
+der Seele, daß kein freundliches Einverständnis zwischen uns herrscht,
+ich mache ihr einen Krankenbesuch!«
+
+Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als sie hinausfuhr aus
+der großen Stadt und das hübsche Häuschen aufsuchte, das am Ende des
+Städtchens lag, ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald
+übergingen. Das neue Dienstmädchen fragte Fräulein Stahlhammer gar nicht
+erst, ob sie zu sprechen sei, sondern ließ den Besuch ohne weiteres ein.
+Im Schlafzimmer lag, unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fräulein
+Stahlhammer im Bett und das Kind saß nahe dabei, spielend an seinem
+Tischchen.
+
+Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit für das Kind, sie trat ans
+Bett und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie krank sind, und wollte mich
+deshalb nach Ihnen umsehen.«
+
+»Danke,« sagte Fräulein Stahlhammer, »es geht mir schon besser; aber Ihr
+Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte Ihnen schon in diesen Tagen
+schreiben und kann es doch nicht recht.«
+
+Hocherfreut über diesen unerwartet freundlichen Empfang setzte sich die
+Tante ans Bett und nach einigen Reden über die Art der Krankheit sagte
+Fräulein Stahlhammer: »Was ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich
+nicht gern vor der Kleinen sagen.«
+
+Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was
+darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei
+Frauen waren allein. »Ich habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich
+krank bin,« sagte die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe
+und da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie
+ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, dürfe es zu Onkel und
+Tante und zu den Brüdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz
+meine Gegenwart vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht brav
+bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.«
+
+»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten gar nicht darauf
+hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.«
+
+»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich weiß jetzt, daß sie
+mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht
+recht von mir, daß ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne
+ich Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt hätte, so
+möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei Ihnen eine
+glücklichere Kinderzeit haben wird.«
+
+Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer schwer wurde, diese
+Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich
+begreife nicht,« sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt.
+Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, das
+Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern aufwächst. Leider
+sind es bei uns lauter Knaben.«
+
+»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« sagte Fräulein
+Stahlhammer.
+
+»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern läßt es sich zwar nicht
+mehr einrichten, aber von den Sommerferien an können wir sie aufnehmen.«
+
+»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« sagte die Patin
+bereitwillig. »Ihre Brüder können sie besuchen so oft sie wollen, und
+ich werde ihr auch eine kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner
+Bekannten hat auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis
+jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen sich mehr an
+mich anschließe, aber nun, da sie doch fort kommt, ist's gleichgültig.«
+
+»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darüber,« sagte Frau
+Professor Kuhn, »mein Mann würde wohl nicht gern noch einmal bei ihm
+seinen Vorschlag wiederholen.«
+
+»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten die beiden Männer
+nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so
+herzlos, als Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest
+bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kämmerlein. Das
+Kind wußte es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.«
+
+»_So_ war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut mich noch
+nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich selbst war trotz allem
+Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm
+die Hand der Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl sind,
+kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns näher kennen
+lernen und späterhin, wenn Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen
+uns, dann werden Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.«
+
+»Wollen Sie Klärchen rufen? Ich möchte es ihr gleich mitteilen.« Die
+Tante führte das Kind herein. »Klärchen,« sagte die Patin, sich im Bett
+aufrichtend, »weißt du, was deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im
+Sommer, wenn deine Brüder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst
+ganz und für immer bei Onkel und Tante bleiben!«
+
+»Aber der Vormund holt mich gleich wieder,« sagte Klärchen.
+
+»Diesmal nicht,« sagte die Patin, »jetzt erlaubt er es, er führt dich
+vielleicht selbst in die Stadt.«
+
+Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit der Nachricht
+erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die Tante und sagte: »Dann bist
+du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder
+alle Tage meine Brüder!«
+
+»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg
+zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet,
+weil sie weiß, daß es dich freut.«
+
+»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du's eingerichtet? Gelt dann bist
+du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh!« rief sie in
+einem Ton, der glückselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr
+gehört hatte.
+
+Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für diesen Sommer gab sie
+ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie möglich im
+Freien sein. Sie nahm Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den
+nahen Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine
+Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. Es war ein
+Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr
+gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt.
+
+Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes
+Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos
+und Gebüsch und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde kam in
+aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und
+Klärchen, die zuerst staunte über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich
+bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen
+auch die Zukunft, die Gegenwart war schön.
+
+Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald saß
+und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen,
+zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen
+Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, blieben sie
+ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die manche der Kinder
+kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen hielt sich zur Patin.
+
+»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr?« sagte
+eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern.
+
+»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, aber Klärchen kommt
+fort.«
+
+Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren
+Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht recht bei der Sache und nach
+einer Weile kam sie zögernd zur Bank her, auf der die Patin lesend saß,
+legte ihr die Hände auf den Schoß und sagte leise: »Patin?«
+
+Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?«
+
+»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?«
+
+»Du darfst, du _mußt_ nicht.«
+
+»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?«
+
+»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das
+Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald
+Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und
+Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange
+gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen
+hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach
+gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester,
+unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die
+Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen,
+ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des
+knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das
+stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin.
+Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun
+leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich.
+
+Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte,
+nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er
+sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig
+nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die
+Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du
+sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und
+dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein,
+möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in
+der Stadt.
+
+
+
+
+Regine Lenz.
+
+
+Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte,
+hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war
+wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein
+Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen
+war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine
+Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese
+Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher
+an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit
+nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die
+älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von
+der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen
+mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren
+düsteren Mienen zu schließen.
+
+Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im
+Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht
+einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und
+ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut
+langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte
+und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den
+Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.«
+
+Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken
+versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist
+denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß
+irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du's nicht?
+Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell
+wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim
+bleibst!«
+
+Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit
+gesenktem Kopf davon.
+
+Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es
+wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es
+wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht
+bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der
+Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?
+
+Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind
+blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem
+Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke
+stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines
+Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz.
+Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf.
+
+»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte
+Hände; was tust du denn da?« -- »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,«
+sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine
+fragte das Kind.
+
+»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat
+sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar
+nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was
+heißt das 'gestohlen'? Wohin führt sie jetzt der Mann?«
+
+Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt
+über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt
+begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit
+Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen.
+
+Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine
+hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.«
+Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und
+hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!«
+
+»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das
+kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten
+Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte
+sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter
+treibt es auch schon wie die Mutter.«
+
+Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie
+mochte nichts weiter hören.
+
+Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich
+endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an
+dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie
+Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den
+Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da
+und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den
+Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm
+doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte.
+Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück
+bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte
+auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute
+Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter
+hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den
+Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor.
+War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht
+lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter
+allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der
+Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne
+Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.
+
+Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie
+sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten
+alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin:
+»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie
+gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die
+Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als
+sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der
+Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande
+des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört
+hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen!
+
+Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem
+Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich
+bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht
+näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt
+verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie
+hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie
+übersehen hätten.
+
+Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle
+vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen
+brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich
+allmählich.
+
+Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater
+mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag
+kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie
+sitzen.«
+
+»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der
+Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die
+Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man
+brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige
+verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die
+Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.«
+
+»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das
+nicht sein.«
+
+Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den
+Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die
+Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen
+beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit
+handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich
+nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden,
+um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob
+dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete
+eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete
+schon den Mund, um zu sprechen. -- Da stockte sie plötzlich und kehrte
+sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß.
+
+»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht
+zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte
+doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre
+Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und
+schwieg.
+
+Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht
+an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht;
+aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen:
+Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.«
+
+Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist
+gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu
+vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.«
+
+»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen
+an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die
+sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller
+Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber
+nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete
+er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,«
+sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von
+dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit
+wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht
+begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch
+und dabei nicht so herzlos wie du!«
+
+Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den
+unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn
+das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine
+kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder
+vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre
+angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben
+Stunde.
+
+Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während
+des Unterrichts.
+
+Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte
+noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen.
+Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde
+über das Vorgefallene.
+
+»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.«
+
+Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um
+sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der
+Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß
+alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du
+ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir
+ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die
+sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel
+Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil
+du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus,
+wir andern wollen noch singen.«
+
+Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch
+das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie
+die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging,
+wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich
+weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal
+hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß
+sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher
+hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander
+nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und
+jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht
+besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle
+Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne
+Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich
+nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es
+vorher vielleicht nicht war, -- in dieser Stunde hatte das Vertrauen des
+Pfarrers sie dazu gemacht.
+
+Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging
+Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken
+geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst
+einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder
+Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er
+für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete.
+Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein
+aufgeweckter Bursche.
+
+»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der
+Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder
+konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der
+Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch
+schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen
+so gerne vor ihm verborgen!
+
+Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief
+er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du's auch schon wie die Mutter?
+Was versteckst du in der Tasche?« -- Da blickte sie auf zu ihm und sagte
+leise: »Ich will dir's erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören;
+komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme:
+»Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem
+Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier
+vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die
+Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich
+vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und
+daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir
+seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und
+dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse
+ins Pfarrhaus bringen.«
+
+Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich
+vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder
+sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach
+keine Umstände!«
+
+Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was
+die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit
+Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit
+den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die
+Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern
+mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem
+Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt
+folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?«
+fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er
+nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.
+
+»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf
+nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen
+Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er
+sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese,
+erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder
+auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr
+klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.«
+
+Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und
+sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts
+von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von
+mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum
+Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der
+Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt
+kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz;
+wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer
+zusammen, gelt, Thomas?«
+
+Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir
+zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es
+zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den
+kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft,
+wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in
+dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste
+wachrief.
+
+Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine
+Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer
+selbst.«
+
+Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im
+Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war
+auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind
+ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und
+wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war
+verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst
+wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es
+für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das
+Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau.
+
+»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch,
+-- durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen
+Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?«
+
+In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um
+die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in
+Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe
+und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten
+Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht
+ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt
+hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob
+sie gewachsen wäre, die Kleine.
+
+Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten
+Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu
+Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie
+an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die
+Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.«
+
+Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann sorgst du für Regine?«
+
+»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete der Bruder ärgerlich.
+
+»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann schon; aber ich kann
+nicht alles hergeben für die Kleine. Sie könnte auch selbst manchmal
+etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!«
+
+»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas.
+
+»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr
+zugehört; aber das hätte er doch gerne gewußt, wer in seiner Familie
+ehrlich sei.
+
+»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und
+sie hat seine Börse voll Gold und Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus
+tragen müssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch
+nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie hätte mir
+einen abgebissen; ist's nicht wahr, du?« Die beiden Verbündeten sahen
+sich vergnügt an, worüber Marie große Augen machte, denn sie konnte die
+Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine.
+»Ehrlich ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile:
+»Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran
+darf's nicht fehlen.«
+
+Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, seitdem die Mutter
+das Haus verlassen hatte. Ein einziges Mal waren Nachrichten aus dem
+Gefängnis gekommen; einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll
+Sehnsucht nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte auch am
+meisten die Mutter. Wenn die Großen morgens alle das Haus verließen,
+legten sie wohl mancherlei zu essen hin, oder sie brachten ihn zu einer
+mitleidigen Nachbarin: aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf
+der Straße herum; sehnsüchtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich
+wieder die Straße herunterkäme, in der sie vor seinen Augen verschwunden
+war. Sie trösteten das Kind manchmal, Regine komme jetzt bald ganz aus
+der Schule und bleibe dann immer bei ihm wie früher die Mutter. Nur noch
+vier Wochen mußte sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang.
+
+Nein, nicht lang, und doch zu lang für das mutterlose Kind. Einmal fand
+Regine es ganz durchkältet, die Schuhe und Strümpfe vollständig
+durchnäßt, die Füße eiskalt von dem geschmolzenen Schneewasser, in dem
+es herumgestiegen war. Weinend saß der Kleine auf der steinernen
+Hausstaffel und zitterte am ganzen Körper. Nun wurde er freilich zu
+Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie den Arzt zu ihm.
+Marie blieb nun von der Fabrik daheim und pflegte mit Liebe den kleinen
+Bruder; aber die Fürsorge kam doch zu spät, und ehe sie nur recht gewußt
+hatten, daß das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer
+Lungenentzündung erlegen.
+
+In großer Bestürzung standen sie alle an dem Bett des Kleinen, und _ein_
+Gedanke beherrschte die ganze Familie: der Gedanke an die Mutter. Wie
+würde sie die Nachricht ertragen! Was mußte das einst für ein Heimkommen
+sein, wenn sie ihren Liebling nicht mehr fände! Und welche Vorwürfe
+würde sie ihnen machen! Hätte man das Kind nicht unter Tags in Kost
+geben können, oder in eine Kinderschule schicken? Aber all diese
+Gedanken kamen zu spät.
+
+Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und noch hatte niemand
+sich entschließen können, der Mutter die Trauerbotschaft zu schreiben.
+Der Vater tat es endlich mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben
+war ihm ungewohnt.
+
+Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte sie nicht schreiben,
+oder war sie krank geworden vor Kummer? Zürnte sie ihnen, daß sie das
+Kind nicht besser behütet hatten? Sie hörten nichts von ihr.
+
+Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt und bei diesem
+Anlaß Einblick in die Familie getan; auch war ihm so manches über sie
+bekannt geworden, was ihn für seine Konfirmandin besorgt machte. Er
+hatte das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt in ihr,
+aber es mußte gepflegt werden. So hätte er dies Mädchen gern in andere
+Verhältnisse versetzt, wo es unter ehrlichen Menschen sich in der
+Ehrlichkeit befestigen konnte. So manches Mal beriet er mit seiner Frau
+darüber; aber wo sollte man ein so kleines Mädchen unterbringen, von dem
+man nicht einmal rühmen konnte: es ist aus gutem Haus!
+
+Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde Regine wieder von dem
+Pfarrer aufgefordert, nach der Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort
+wurde sie freundlich empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte,
+eifrige Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, daß sie
+für Regine ein gutes Plätzchen gefunden hatte. »Es ist bei meiner
+Schwester,« erzählte sie ihr, »bei einer Pfarrfrau auf dem Lande. Sie
+hat kleine Kinder, herzig nette Kinderchen; und ein ehrliches treues
+Dienstmädchen, das aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird.
+Dort kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein und selbst
+ein solcher werden, und das möchtest du doch gewiß?« Regine bejahte aus
+aufrichtigem Herzen.
+
+»Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,« fuhr die Pfarrfrau fort,
+»fünf Mark im Monat, und nach einem Jahr, wenn du dich bewährst,
+erhältst du das Doppelte. Bis dahin wirst du in der frischen Landluft
+und bei der guten Kost groß und stark geworden sein. Nun geh nur heim
+und erzähle es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester
+bittest du, daß sie dir die nötige Wäsche und Kleider richtet. Gleich
+nach der Konfirmation müßtest du abreisen, denn meine Schwester möchte
+am liebsten schon heute eine Hilfe.«
+
+Regine eilte, ganz erfüllt von diesem Lebensplan, nach Hause. Sie fühlte
+sich so stolz und glücklich, wie wenn sie sich schon als treue Pfarrmagd
+bewährt hätte. Wie würden sie sich daheim alle wundern über das
+Vertrauen, »Respekt!« würde Thomas wieder sagen. Und sie träumte sich
+hinein unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern.
+
+Zu Hause saßen der Vater und Marie schon am Mittagstisch, Thomas fehlte
+noch. Sie wollte mit ihrer Erzählung warten, bis er käme; aber als es
+eine Weile gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten, was ihr
+ganzes Herz erfüllte. »Die Frau Pfarrer weiß mir ein gutes Plätzchen,«
+begann sie und wiederholte alles, was sie darüber gehört hatte. Und nun
+erlebte sie eine schmerzliche Enttäuschung. Mit Hohn und Geringschätzung
+wurde von diesem »Plätzchen« gesprochen und dieses so heruntergemacht,
+daß nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr daran blieb. Als Kummer und
+Scham ihr eben Tränen in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim
+Anblick dieses ihres Verbündeten faßte Regine wieder Mut. Ehe sie aber
+ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon Marie entgegen: »Du, als
+Magd will die Regine fortgehen, aufs Land, und fünf Mark Monatslohn
+bekommt sie; was sagst du dazu?« Und sie lachte laut.
+
+»Unsinn,« entgegnete Thomas und schien gar nichts weiter wissen zu
+wollen, sondern machte sich daran, seine Suppe zu essen. Und die andern
+sprachen auch nichts mehr darüber. Regine verstand sie alle nicht. Warum
+wollten sie ihr denn das schöne Plätzchen nicht gönnen? Sie brachte kein
+Wort mehr heraus während des Essens, so bitter und schmerzlich war ihr
+zumute. Als aber der Vater sich anschickte wegzugehen, rief sie, während
+ihr die Tränen aus den Augen stürzten: »Was soll ich denn dann der Frau
+Pfarrer sagen?«
+
+Da sah Thomas die kleine Schwester überrascht an; er merkte erst jetzt,
+daß es sich für sie um eine Lebensfrage handelte. »Was ist's eigentlich,
+was will sie denn?« fragte er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und
+Herreden. »Verdingen will sie sich,« rief Marie, »statt daß sie in die
+Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.«
+
+»So viel mehr ist's zwar auch nicht,« entgegnete jetzt der Vater, »du
+rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. Im Dienst hat sie
+alles frei, Kost und Wäsche, das macht ein paar hundert Mark im Jahr;
+und dabei wird sie vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die
+ich kenne.«
+
+Marie lachte. »So soll sie gehen; aber die Mutter tät's nicht leiden,
+wenn sie da wäre.«
+
+»Ja, das ist's,« sagte der Vater, »sie will immer hoch hinaus mit ihren
+Töchtern.«
+
+»Ja, die Mutter, das ist wahr,« meinte auch Thomas, »wenn sie heimkommt
+-- das eine Kind ist tot, das andere fort; -- Regine, sei gescheit, höre
+auf zu weinen. Sag dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die
+Mutter fort sei; er weiß ja schon davon und wird's verstehen.«
+
+Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht zufrieden mit ihrem
+Bundesgenossen. Er hatte nicht zu ihr gehalten, und nun war es aus und
+vorbei mit ihrem schönen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur
+Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. Regine holte
+ihren Katechismus und setzte sich an das andere Ende des Tisches, um zu
+lernen. Sie schlug das Buch auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen,
+groß und deutlich standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift
+geschrieben einige Worte. Unwillkürlich sagte sie laut: »Wie kommt denn
+das in mein Buch?« Thomas blickte von seiner Zeitung auf. »Was steht
+denn darauf?«
+
+»Nur ein Sprichwort; ich weiß nicht, wie das Papier in mein Buch kommt.«
+Gleichgültig schob sie es beiseite.
+
+»Zeig doch her, was ist's für ein Sprichwort?« rief Thomas, griff nach
+dem Blatt und las laut: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« Er
+behielt das Papier in der Hand und starrte darauf; während Regine wieder
+in ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als nach einiger
+Zeit ihr Bruder rief: »Wer hat dir denn die Bosheit angetan? Gewiß
+wieder die Emilie Forbes! Weißt du nicht, was das heißen soll: Der
+Apfel fällt nicht weit vom Stamm?« Und als Regine ihn immer noch
+verständnislos ansah, sagte er: »Das heißt, daß du auch nicht ehrlich
+bist, weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?«
+
+Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; über und über errötete
+sie und sah das Blatt Papier an wie etwas Häßliches, Feindseliges. »Aber
+das ist nicht die Schrift von Emilie Forbes,« sagte sie nach einiger
+Zeit. -- »Dann hat es jemand anders für sie geschrieben; sie will
+natürlich nicht, daß euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, wenn du ihm
+das Blatt zeigst.«
+
+»Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen davon
+gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das nicht getan hätte!« Sie
+stützte den Kopf in die Hände und weinte. Es war auch heute alles so
+traurig; das gute Plätzchen durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch
+das dazu!
+
+Der Bruder war erzürnt über Reginens Mitschülerin. »Ich schreibe dir
+auch einen Zettel,« sagte er, »den legst du in ihr Buch, und an dem soll
+sie auch keine Freude haben!« Nicht umsonst half er täglich als Setzer
+eine Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe Antwort
+kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht fein. Aber Regine wollte
+nichts davon wissen, Thomas wurde ärgerlich. »So etwas läßt man sich
+doch nicht gefallen!« sagte er, »was hilft dein Weinen? Wehren muß man
+sich!« -- Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: »Es wird eben wahr
+sein, Thomas, was auf dem Zettel steht; wir sind alle nicht ehrlich,
+weil's die Mutter nicht ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so muß
+doch auch das mit uns wahr sein!«
+
+Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah das Sprichwort auf dem
+Papier nachdenklich an. Aber bald sprach er tröstend zur Schwester:
+»Nein, nein, es ist nicht wahr. Die Äpfel bleiben freilich liegen, wo
+sie hinfallen; aber wir Menschen können aufstehen, und gehen, wohin wir
+wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon einmal nicht, wir zwei,
+gelt, du?« Da hob die Schwester vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder,
+der jetzt wieder mit ihr im Bunde stand. Sie rückte näher zu ihm heran
+und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blättchen Papier beschrieb. »So,«
+sagte er, »das kannst du ruhig Emilie Forbes ins Buch schieben; das ist
+jetzt ganz zahm, und wenn es zufällig dein Pfarrer zu lesen bekäme, so
+hätte er selbst nichts dagegen.« -- Regine las: »Ein Apfel bin ich nicht,
+der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch und kann mich frei vom
+Platz bewegen.«
+
+Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. »Das Blatt kannst du ihr
+frei in die Hand geben, dann sieht sie gleich, daß du dich nicht vor ihr
+fürchtest. Paß auf, dann läßt sie ihre bösen Reden künftig bleiben.«
+
+Als nach der nächsten Konfirmandenstunde Emilie Forbes eben ihre Bücher
+zusammenpackte, wandte sich Regine nach ihr um, schob ihr das Blatt
+Papier entgegen und sagte: »Das gehört in dein Buch.« Betroffen sah das
+Mädchen auf die Worte, die da standen, und errötete beschämt. Aber sie
+geriet in noch größere Aufregung, als sie bemerkte, daß Regine vor allen
+andern Mädchen mit dem Pfarrer zugleich den Saal verließ; gewiß in der
+Absicht, mit ihm reden zu können. Darin hatte sie auch recht, nur daß
+Regine nicht über das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan
+hatte; nein, sie mußte dem Pfarrer Bescheid geben wegen des schönen
+Plätzchens, das sie nicht annehmen durfte. Zögernd brachte sie die
+ablehnende Antwort heraus. Dem Pfarrer war es sichtlich leid, daß der
+Vorschlag seiner Frau nicht angenommen wurde. »Schade, schade!« sagte
+er, »es wäre so gut für dich gewesen.« Gerne hätte er in dem Herzen des
+Mädchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der wahre und einzige
+Grund der Ablehnung war. »Später, wenn deine Mutter zurück ist, dürftest
+du dann die Stelle annehmen?« fragte er. Regine wußte nichts darauf zu
+antworten. Die Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen
+wissen wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. Sie
+gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander.
+
+»Zunächst ist da nichts zu machen,« sprach jetzt der Pfarrer,
+»vielleicht später, wenn deine Mutter heimkommt. Das wird ein trauriges
+Wiedersehen geben, Regine, wenn die Mutter deinen kleinen Bruder nicht
+mehr findet. Du mußt sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan
+hat. Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte du es,
+Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an den Altar trittst, so
+denke daran, was ich dir gesagt habe; und wenn ich dir die Hand zum
+Segen aufs Haupt lege, so werde ich auch daran denken: das ist eine, die
+hat einen schweren Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben,
+aber die Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!«
+
+Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. Regine saß am
+Nachmittag ganz allein zu Hause; der Vater, der Bruder, die Schwester
+waren da- und dorthin gegangen. »Wenn du konfirmiert bist, nehme ich
+dich auch einmal mit dahin, wo's lustig zugeht,« hatte Marie
+versprochen; obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie früher,
+sondern blaß und verstimmt war. Aber sie war doch gegangen, und Regine
+war allein.
+
+Alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem nächsten Sonntag. Gestern
+Abend hatte die Näherin ihr das schwarze Kleid gebracht; es sah wie neu
+aus, obwohl es aus dem der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem
+Schrank und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. Man hörte
+gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. Ob sie wohl wußte,
+daß am nächsten Sonntag ihre Konfirmation war? Wie traurig zu denken,
+daß die Mutter eingesperrt in ihrer Keuche sitzen würde, wie der Vater
+das immer nannte; während andere Mütter in die Kirche kamen, um zu
+sehen, wie ihre Kinder eingesegnet würden. Das zu denken, tat ihr weh.
+Sie wollte ihr auch einmal schreiben, heute noch, gleich jetzt. Sie
+sollte ja die Mutter lieb haben.
+
+So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag Nachmittag hin und
+schrieb der Mutter einen langen Brief; erzählte ihr von der Konfirmation
+und kam auch auf das verstorbene Brüderchen zu sprechen, wie es immer
+nach der Mutter verlangt habe, und unter Tränen beschrieb sie die
+Krankheit und den Tod des Kindes. Am nächsten Morgen bat sie den Bruder,
+daß er den Brief überschreibe und besorge. Er las ihn und meinte, wenn
+die Mutter nicht krank sei, würde sie ihn ganz gewiß beantworten. Darauf
+hoffte nun Regine, und dachte es sich schön aus, daß sie zur
+Konfirmation wenigstens einen Brief bekommen werde.
+
+Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation brach an, und es kam
+kein Lebenszeichen von der Mutter. Regine dachte freilich an diesem
+Morgen kaum mehr daran. Ihre Gedanken waren erfüllt von der Feier. Sie
+mußte auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am Sonntag
+Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht mit ihr gehen; und
+Marie entschuldigte sich damit, daß sie heute etwas Gutes kochen wolle.
+Aber Thomas begleitete sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen
+Bruder und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was der Pfarrer
+zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: »ich« soll die Mutter lieben
+und die Unehrlichkeit hassen, sondern sie sagte »wir« und zog ihren
+Bundesgenossen mit herein in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war.
+
+Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder stieg auf die
+Empore und sah von oben, wie unter dem Geläute der Glocken die
+Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff der Kirche bis zu den Bänken
+vor dem geschmückten Altar kamen. Die Feier, die er seit der eigenen
+Konfirmation nicht mehr mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen
+das Herz.
+
+Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied der versammelten
+Gemeinde denken: Welch ein kleines, schmächtiges Mägdlein, noch ein
+ganzes Kind! Und doch war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen
+mit solchem Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte ihr
+doch auch der Pfarrer versprochen, daß er an sie denken wollte. Sie
+erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem er sie eingesegnet
+hatte, mit fröhlicher Zuversicht aus der Kirche heraus, um den Kampf des
+Lebens aufzunehmen.
+
+Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben erst aufgestanden,
+war mürrischer Laune; und die Schwester von eigenen Gedanken
+hingenommen, die nicht erfreulich schienen. Doch hatte sie der
+Konfirmandin zu Ehren ein gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille
+verzehrt wurde. Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen.
+Plötzlich ging die Türe leise auf, und in ihrem Rahmen erschien eine
+blasse Frau mit abgehärmten Zügen und sah mit großen, traurigen Augen
+auf die Anwesenden. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: »Die
+Mutter!« Und da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen,
+so blieb die Gestalt wie gebannt an der Türe stehen und rührte sich
+nicht. Einen Augenblick währte die Bestürzung, dann erhob sich der Mann
+und ging auf seine Frau zu. »Wie kommst du heute hierher?« fragte er.
+»Ich glaube gar, du bist heimlich entwichen.« -- »Nein, nein,« sagte die
+Frau und trat nun näher an den Tisch heran; »ich habe meinen
+Entlaßschein, ich bin frei. Die Hälfte der Zeit ist mir erlassen worden
+wegen guter Führung, auch wegen meiner Kränklichkeit und aus Rücksicht
+auf die Kinder. Zum Konfirmationstag haben sie mich entlassen.«
+
+Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der Stelle, wo noch
+immer das leere Kinderbett stand; wandte sich dorthin, warf sich
+schluchzend über das Bettchen und rief in lautem Jammer: »Mein Hansel,
+mein gutes, gutes Kind!«
+
+Sie standen alle erschüttert und mit schlechtem Gewissen diesem Kummer
+gegenüber, und jeden Augenblick erwarteten sie, daß die Mutter sich mit
+Vorwürfen an sie wenden würde. Aber sie schien nicht an sie zu denken.
+»O Kind!« rief sie, »ich bin schuld, daß du gestorben bist. Deine Mutter
+hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! Hätte ich nur
+bei dir sein und dich noch ein einziges Mal sehen können!« Allen, die da
+standen, kamen die Tränen. Wie sah auch die Frau so elend und abgehärmt
+aus! Nicht mehr wieder zu erkennen war sie.
+
+Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rührung zu verbergen.
+»Laß jetzt das Jammern,« sagte er barsch. »Setz dich her und iß etwas,
+du siehst ja aus, daß es Gott erbarmt!« Da erhob sich die Frau, setzte
+sich an den Tisch und aß ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie
+rückte ihr die Schüssel näher. »Du siehst so abgemagert aus, Mutter;
+warst du krank oder hast du Hunger leiden müssen?«
+
+»Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche sagen auch, es sei
+gut, aber mir hat keinen Tag das Essen geschmeckt,« sagte sie. »Schlaf
+habe ich auch nicht viel gefunden. Ich war doch an unsere Federbetten
+gewöhnt; die gibt's dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank war
+ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube gelegt. Da hat
+man's besser, und die Wärterin hat es wirklich gut mit einem gemeint und
+mit jeder gesprochen. Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen.
+Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo man ohne
+Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann kam die Nachricht, daß
+das Kind gestorben sei. Von da an habe ich keinen Schlaf mehr finden
+können; immer mußte ich darüber nachgrübeln, daß ich's hätte verhüten
+können. An diese Nächte werde ich denken mein Leben lang.«
+
+Sie waren alle ergriffen und hörten noch manches von der Mutter; denn
+sie war noch mit all ihren Gedanken bei dem, was hinter ihr lag, und
+hatte noch keine einzige Frage an die andern gerichtet. Jetzt stand
+Regine auf. »Ich muß in die Kirche,« sagte sie. Da schien die Mutter
+erst wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen Blick wandte
+sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen Kleid, mit dem langen
+Kleiderrock vor ihr stand und ihr verändert vorkam. Daß das alles so
+geworden war trotz ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwürdig; und als
+nach Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, wie
+sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, fand sich die Mutter
+ganz allein zu Hause; wußte nicht recht, wozu sie da war und warum sie
+sich heimgesehnt hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald saß sie
+wieder trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, das ihr
+zugejubelt hätte.
+
+So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst zurückkehrte.
+Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid ging sie zu ihr hin. Die Mutter
+fühlte das. »Komm, setze dich her und erzähle mir was von dir,« sagte
+sie, und dann fuhr sie selbst fort: »Deinen Brief habe ich noch in der
+Krankenstube bekommen und habe ihn die Wärterin lesen lassen, denn sie
+ist eine gute gescheite Person. Sie hat auch gleich mit mir gesprochen,
+wie sie deinen Brief gelesen hat. 'Das Kind ist noch unverdorben,' hat
+sie gemeint, 'die dürfen Sie nicht mit der großen in die Fabrik
+schicken. Ich würde sie gleich aus dem Haus in eine gute Familie tun.'«
+Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung erwachte in ihr. »Warum
+schaust du so?« fragte die Mutter. -- »Weil unser Herr Pfarrer auch so
+meint,« entgegnete Regine und schilderte mit aller Wärme die Stelle, die
+ihr angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte.
+
+»O,« rief die Mutter, »da hättet ihr zugreifen sollen, wenn es gleich
+nur ein geringer Platz ist. Soviel habe ich jetzt gelernt: wenn man zu
+hoch hinaus will, dann kommt man erst recht tief hinunter, bald genug
+wird das auch die Marie erleben.« »Ich will nicht hoch hinaus, Mutter,
+aber du willst ja nicht, daß wir in Dienst gehen.« -- »Ich habe es
+freilich nicht gewollt, aber wenn man solche Nächte durchgemacht hat wie
+ich, dann denkt man über manches anders als vorher. Ich rate dir: danke
+deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!«
+
+Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, wenn du so sagst,
+dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute
+Plätzchen noch zu haben ist.« Die Mutter wunderte sich über ihre Kleine;
+die hatte sich verändert. »Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen
+Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die Mutter
+allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem
+verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mädchen, das voll Eifer
+ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie
+hatte sich in der einsamen Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu
+lassen: »Sie ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein
+gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der
+wenigstens kann man einmal Freude erleben.«
+
+Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend von dem raschen
+Entschluß. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie
+sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes
+Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber nächste Woche soll
+ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie
+hilft nicht gerne dazu.« »Wir machen's schon ohne sie,« meinte die
+Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen
+wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte Regine. Da verlor
+das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher
+gehabt hatte. »Gut, daß du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl;
+zeigten sie ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute.
+
+»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte Thomas nachdenklich
+zu der Schwester. »Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei
+bleiben und für eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über
+alles, was geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt
+würde.« -- »Was fängst du dann aber an, Thomas?« fragte die Schwester
+betroffen.
+
+»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß ich bei einer
+anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen
+selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin
+nur so zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so
+ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will nicht liegen
+bleiben, verstehst du?«
+
+Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu
+ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.«
+
+Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun getrost verlassen; sie
+meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird
+Segen von ihnen über ihre ganze Familie kommen.
+
+
+
+
+Von =Agnes Sapper= sind im gleichen Verlag erschienen:
+
+
+=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten.
+31.-40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.--.
+
+
+=Werden und Wachsen.= Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder. 350
+Seiten. 16.-23. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 4.--.
+
+ Der Glanzpunkt Sapperscher Erzählungskunst ist die Geschichte der
+ _Familie Pfäffling_ in zwei Bänden. Der erste Band mit der
+ Jugendgeschichte der Pfäfflingskinder ist eine Perle erzählender
+ Literatur, und für Kinder _und_ Eltern gleich interessant. Keine
+ großen äußeren Verhältnisse werden da vorgeführt, alles geschieht
+ nur im Rahmen einer bescheidenen, arbeitsamen Familie, und doch --
+ wie packt es, wie läßt einen von Satz zu Satz, von Seite zu Seite
+ die Spannung nicht los, und wie greift Freude und Leid im
+ Miterleben ins eigene Herz! -- Dem Verlangen nach einem Mehr, das
+ auch den erwachsenen Leser dieser Geschichte befallen muß, hat
+ Agnes Sapper im zweiten Band: »_Werden und Wachsen_« entsprochen.
+ Es ist ein nachdenkliches Buch, für die reifere Jugend geschrieben
+ und, wie der erste Band, auch für Eltern und Erzieher wichtig.
+ Jenaer Volksblatt.
+
+
+=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren. Vierte
+Aufl. Gebunden Mk. 1.20.
+
+
+=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12-16 Jahren. 3.
+Aufl. Geb. M. 3.--.
+
+ Jede Mutter, die dies Buch prüft, wird sagen, daß dies eine der
+ gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten ist, die wir
+ haben.
+
+
+Beide Teile in _einem_ Band gebunden:
+
+=Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.= Dritte Auflage. In
+Leinwand Mk. 4.--.
+
+
+=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen. Mit Bildern von Gertrud
+Caspari. Zweite Auflage. Gebunden Mk. 3.60.
+
+ Das sind fröhliche und ernste Geschichten, die aus des Kindes
+ ureigenem Quell schöpfen und darum allen Kindern gefallen werden.
+
+
+=Kriegsbüchlein.= 120 Seiten. 11.-20. Tausend. Steif geheftet Mk. 1.--.
+
+ Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der bekannten
+ Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die feine Auswahl von
+ höchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten aus Ost und
+ West läßt unsere Kinder hineinblicken in das große Geschehen der
+ Gegenwart, es läßt sie mitkämpfen, mitleiden, mithoffen. Manch
+ feines pädagogisches Wort weist unaufdringlich, aber dennoch
+ eindringlich darauf hin, daß das deutsche Volk nur dann siegen und
+ an die Spitze der Völker treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz
+ und wahrhaftig ein Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl
+ prächtiger kleiner Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von
+ unserem Hindenburg, bildet den Beschluß. Allen Eltern wird dies
+ »Kriegsbüchlein« höchst willkommen sein....
+ Erlanger Tageblatt.
+
+
+=Im Thüringer Wald.= Mit Vollbildern von P. F. Messerschmitt und
+Buchschmuck von Helene Reinhardt. Ein fein illustriertes Büchlein in
+steifer Decke M. 2.--.
+
+ Diese rührende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher wird
+ in der schönen Ausstattung mit zehn Vollbildern und zahlreichen
+ hübschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere Freude bereiten.
+
+
+=Erziehen oder Werdenlassen?= 336 Seiten. In Leinwand gebunden Mk. 4.--.
+
+ Ein verständiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes Buch, das
+ dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite stehen kann vom
+ Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt in das Leben der
+ Erwachsenen. Frei von der modernen Anbetung des Kindes, zeigt das
+ Buch doch auf jeder Seite die Achtung vor der werdenden
+ Persönlichkeit, die _eben deshalb_ kein bloßes Werdenlassen kennt,
+ sondern dem Kinde durch Erziehung zu möglichster Vollendung seiner
+ individuellen Persönlichkeit helfen will.
+ Die Frau.
+
+ ... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes Sapper so oft
+ durch den bunten Schleier ihrer reinen und launigen Erzählungen
+ schimmern ließ, trägt sie in ihrem neuesten Buche als praktische
+ Pädagogik vor. Das Beste an diesem Buche ist, daß es keine Theorie,
+ daß es goldene _Erfahrungen einer Mutter_ sind von der ersten bis
+ zur letzten Zeile.
+ Deutscher Courier.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:
+p 040: [Anführungszeichen] »Euch ... fleißiger.« -> 'Euch ... fleißiger.'
+p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
+p 195: [Anführungszeichen] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
+p 219: [Anführungszeichen] Uhr ist's vorbei. »Ich -> vorbei. Ich
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
+p 292: [Anführungszeichen] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurde prinzipiell beibehalten.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the fourth
+edition published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:
+p 040: [inner quotes] »Euch ... fleißiger.« -> 'Euch ... fleißiger.'
+p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
+p 195: [added quote] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
+p 219: [removed quote] Uhr ist's vorbei. »Ich -> vorbei. Ich
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
+p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+***** This file should be named 19733-8.txt or 19733-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/19733-8.zip b/19733-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..f5aa692
--- /dev/null
+++ b/19733-8.zip
Binary files differ
diff --git a/19733-h.zip b/19733-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..9ff87a6
--- /dev/null
+++ b/19733-h.zip
Binary files differ
diff --git a/19733-h/19733-h.htm b/19733-h/19733-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..c80bcd2
--- /dev/null
+++ b/19733-h/19733-h.htm
@@ -0,0 +1,12607 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <title>
+ The Project Gutenberg eBook of Das Kleine Dummerle, Agnes Sapper
+ </title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ a[title].page {
+ position: absolute;
+ right: 1%;
+ font-size: x-small;
+ color: gray;
+ background-color: white;
+ display: inline; /* set to "none" to make page numbers disappear */
+ }
+ a[title].page:after {
+ content: attr(title);
+ }
+ p { margin-top: .75em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .75em;
+ clear: both;
+ }
+ p.copyright {
+ margin-top: 2em;
+ font-size: smaller;
+ text-align: center;
+ }
+ p.printer {
+ margin-top: 4em;
+ text-align: center;
+ font-size: smaller;
+ }
+ p.zitat {
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+ p.zeitung {
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ text-align: right;
+ }
+ h1,h2,h3,h4,h5,h6 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ font-weight: normal;
+ }
+ div.inhalt {
+ margin-top: 3em;
+ }
+ div.note {
+ margin: 4em 10% 0 10%;
+ padding: 0 0.5em 0 0.5em;
+ border: 1px dashed black;
+ background-color: rgb(80%,100%,80%);
+ color: black;
+ font-size: smaller;
+ }
+ div.advertisements {
+ margin-top: 4em;
+ margin-left:10%;
+ margin-right:10%;
+ font-size: smaller;
+ padding: 1em 1em 1em 1em;
+ background-color: rgb(95%,95%,95%);
+ color: black;
+ }
+ div.advertisements p.right {
+ text-align: right;
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+ hr { width: 20%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 0em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both;
+ height: 1px;
+ border: 0;
+ background-color: black;
+ color: black;
+ }
+ hr.short {
+ width: 7.5%;
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+ em.gesperrt {
+ letter-spacing: 0.35ex;
+ padding-left: 0.35ex;
+ font-style: normal;
+ }
+ em.antiqua {
+ font-family: "Courier New", monospace;
+ font-size: smaller;
+ font-style: normal;
+ }
+ em.largertitle {
+ font-size: medium;
+ font-style: normal;
+ }
+
+ div.titlepage h1 {
+ font-size: xx-large;
+ line-height: 140%;
+ margin-top: 0.75em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+ div.titlepage h2 {
+ font-size: x-large;
+ letter-spacing: 0.25ex;
+ margin-top: 0.5em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+ div.titlepage h3 {
+ font-size: large;
+ font-weight: bold;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 3em;
+ }
+ div.titlepage h4 {
+ font-size: medium;
+ line-height: 200%;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+ p.auflage {
+ text-align: center;
+ font-size: medium;
+ margin-top: 3em;
+ }
+ p.tausend {
+ text-align: center;
+ font-size: small;
+ margin-top: 1em;
+ }
+ p.ort {
+ text-align: center;
+ font-size: medium;
+ font-weight: bold;
+ margin-top: 3em;
+ }
+ p.verlag {
+ text-align: center;
+ font-size: medium;
+ margin-top: 0.5em;
+ letter-spacing: 0.25ex;
+ }
+
+ div.textbody h2 {
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ font-size: x-large;
+ font-style: normal;
+ }
+ div.textbody h3 {
+ margin-top: 2em;
+ font-size: medium;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ }
+
+ div.advertisements h2 {
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ font-size: small;
+ font-style: normal;
+ }
+
+
+ table {margin-left: auto; margin-right: auto;}
+ table.toc {
+ font-size: medium;
+ width: 50ex;
+ line-height: 125%;
+ margin-top: 0.5em;
+ margin-bottom: 1em;
+ }
+ table.toc caption {
+ font-size: x-large;
+ font-style: normal;
+ line-height: 200%;
+ letter-spacing: 0.35ex;
+ padding-left: 0.35ex;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ }
+ table.toc td.onpage {text-align: right; }
+ table.toc td.number {text-align: right; }
+
+ table.break {
+ line-height: 50%;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em;
+ }
+ table.break td {
+ padding-right: 1.5em;
+ padding-left: 1.5em;
+ }
+
+ a:link {
+ text-decoration: none;
+ color: rgb(10%,30%,60%);
+ }
+ a:visited {
+ text-decoration: none;
+ color: rgb(10%,30%,60%);
+ }
+ a:hover {
+ text-decoration: underline;
+ }
+ a:active {
+ text-decoration: underline;
+ }
+
+ body{margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+ }
+
+ .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;}
+
+ .center {text-align: center;}
+ .right {text-align: right;}
+ .caption {font-weight: bold;}
+
+ .footnotes {border: dashed 1px;}
+ .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
+ .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
+ .fnanchor {vertical-align: super; font-size: .8em; text-decoration: none;}
+
+ .sidebar {
+ width: 40%;
+ font-size: small;
+ float: right;
+ border: 1px solid black;
+ padding: 0 4px 0 4px; /* ease content out from left border */
+ margin: 5px 0 5px 10px; /* get border away from body text */
+ background-color: rgb(95%,95%,95%);
+ color: black;
+ }
+
+ ins.correction {
+ text-decoration:none; /* replace default underline ... */
+ border-bottom: thin dotted gray; /* ... with delicate gray line */
+ }
+
+ .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;}
+ .poem br {display: none;}
+ .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
+ .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das kleine Dummerle
+ und andere Erzählungen
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div class="titlepage">
+<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p>
+<h1>Das kleine Dummerle</h1>
+
+<h2>und andere Erz&auml;hlungen</h2>
+
+
+<h4>Zum Vorlesen im Familienkreise<br />
+von</h4>
+
+<h3>Agnes Sapper</h3>
+
+<hr class="short" />
+
+<p class="auflage">Vierte Auflage</p>
+
+<p class="tausend">13.&#8211;16. Tausend</p>
+
+<p class="ort">Stuttgart 1915</p>
+
+<p class="verlag">Verlag von D. Gundert</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a></p>
+<p class="printer">Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.</p>
+</div>
+
+
+<div class="textbody">
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p>
+<h2>Vorwort zur dritten Auflage.</h2>
+
+
+<p>Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat
+sich im Laufe der Jahre weiter entwickelt. Das kleine
+Dummerle ist gro&szlig; geworden. Wer &uuml;ber seine Kindheit
+und Jugend noch mehr h&ouml;ren m&ouml;chte, findet in
+den beiden B&uuml;chern: &raquo;Die Familie Pf&auml;ffling&laquo; und
+&raquo;Werden und Wachsen&laquo; die weiteren Erlebnisse des
+kleinen Frieder und der ganzen Pf&auml;fflings-Familie.</p>
+
+<p>W&uuml;rzburg, Dezember 1912.</p>
+
+<p class="right"><strong>Die Verfasserin.</strong></p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p>
+<div class="inhalt">
+<table class="toc">
+<caption>Inhalt.</caption>
+
+<tr><td/><td/><td class="onpage">Seite</td></tr>
+<tr><td class="number">1.</td><td><a href="#Das_kleine_Dummerle">Das kleine Dummerle</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr>
+<tr><td class="number">2.</td><td><a href="#Hoch_droben">Hoch droben</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_32">32</a></td></tr>
+<tr><td class="number">3.</td><td><a href="#Im_Thueringer_Wald">Im Th&uuml;ringer Wald</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_36">36</a></td></tr>
+<tr><td class="number">4.</td><td><a href="#Der_Akazienbaum">Der Akazienbaum</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_104">104</a></td></tr>
+<tr><td class="number">5.</td><td><a href="#Wie_Johannes_Ruhn_Kaufmann_wurde">Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td></tr>
+<tr><td class="number">6.</td><td><a href="#Ein_geplagter_Mann">Ein geplagter Mann</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_118">118</a></td></tr>
+<tr><td class="number">7.</td><td><a href="#Helf_wer_helfen_kann">Helf, wer helfen kann</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_144">144</a></td></tr>
+<tr><td class="number">8.</td><td><a href="#Ein_Wunderkind">Ein Wunderkind</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_150">150</a></td></tr>
+<tr><td class="number">9.</td><td><a href="#Mutter_und_Tochter">Mutter und Tochter</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_161">161</a></td></tr>
+<tr><td class="number">10.</td><td><a href="#Die_Feuerschau">Die Feuerschau</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_187">187</a></td></tr>
+<tr><td class="number">11.</td><td><a href="#In_der_Adlerapotheke">In der Adlerapotheke</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_193">193</a></td></tr>
+<tr><td class="number">12.</td><td><a href="#Bei_der_Patin">Bei der Patin</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_228">228</a></td></tr>
+<tr><td class="number">13.</td><td><a href="#Regine_Lenz">Regine Lenz</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_294">294</a></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+<h2><a name="Das_kleine_Dummerle" id="Das_kleine_Dummerle"></a>Das kleine Dummerle.</h2>
+
+
+<p>Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer
+Pf&auml;ffling in bester Laune aus der Musikschule. Er
+hatte heute seinen Gehalt eingenommen und au&szlig;erdem noch
+eine ganz nette Summe f&uuml;r Hausunterricht. Ja, er hatte
+sich mit allerlei flei&szlig;igen und faulen Sch&uuml;lern redlich geplagt,
+das ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Fl&ouml;ten-,
+Klavier- und Zitherstunden gegeben von fr&uuml;hmorgens bis
+sp&auml;t abends. Nun winkte die Ferienzeit; in 14 Tagen
+sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit vielen Jahren
+hatte Herr Pf&auml;ffling so viel erspart, da&szlig; er eine Ferienreise
+unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor,
+sich solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater
+und hatte sieben Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren
+auch einmal verreist gewesen, seitdem galt es f&uuml;r ausgemacht,
+da&szlig; nun er an der Reihe sei. So wollte er denn fort;
+nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu
+h&ouml;ren war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge,
+um Wald- und Bergluft zu genie&szlig;en, solange eben das
+Geld reichte. So ging Herr Pf&auml;ffling gleich von der Schule
+aus in die Buchhandlung, erwarb sich dort eine Karte vom
+Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg nach
+Hause studierte, so kam er sp&auml;ter heim als sonst und fand
+die ganze Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da
+war seine getreue Hausfrau, die einstweilen die Suppe aussch&ouml;pfte;
+auf der einen Seite des Tisches sa&szlig;en die &auml;ltesten,
+<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>drei gro&szlig;e Lateinsch&uuml;ler, und ihnen gegen&uuml;ber die Zwillingsschwestern,
+zwei zehnj&auml;hrige M&auml;dchen. Neben der Mutter
+hatte das J&uuml;ngste seinen Platz, das dreij&auml;hrige T&ouml;chterchen.
+Diese sechs sa&szlig;en schon um den Tisch. Der siebente aber,
+der Frieder, ein kleiner Abcsch&uuml;tz mit einem gutm&uuml;tigen
+Gesichtchen, stand am Fenster und spielte auf einer Ziehharmonika.</p>
+
+<p>In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die
+Hausfrau findet oft kaum Zeit zum Essen, bis sie den
+Kindern vorgelegt hat, und es ist ein Gl&uuml;ck, wenn f&uuml;r sie
+noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle Teller voll
+sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau
+Pf&auml;ffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso
+waren die drei Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern
+schmal und das j&uuml;ngste, das Elschen, gar ein
+zartes Gesch&ouml;pf. Nur der Frieder war rundlich und hatte
+frische rote Backen. Das Essen ging rasch vor&uuml;ber, &uuml;brig
+blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.
+Vater Pf&auml;ffling nahm gleich wieder seine Karte
+vom Fichtelgebirge vor, breitete sie aus, und so viel K&ouml;pfe
+dar&uuml;ber Platz hatten, so viele steckten sich zusammen, um
+des Vaters Finger zu folgen, der den geplanten Reiseweg
+bezeichnete.</p>
+
+<p>Es gibt nichts Sch&ouml;neres als so im Geist zu reisen;
+da geht alles so leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch
+k&ouml;nnen auch die Reisen im Geist j&auml;h unterbrochen werden
+&#8211; es klopfte jemand an der T&uuml;re, alle K&ouml;pfe hoben sich,
+der Hausherr trat ein.</p>
+
+<p>Ein paar Reden wurden gewechselt &uuml;ber das Wetter
+und die bald beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es
+eben heraus, da&szlig; der Hausherr leider die Wohnung k&uuml;ndigen,
+und da&szlig; die Familie Pf&auml;ffling ausziehen m&uuml;sse. Ein Verwandter
+wollte die Wohnung mieten und fast doppelt so viel
+<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>Miete zahlen wie Herr Pf&auml;ffling, der ja die Wohnung halb
+umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur <em class="gesperrt">ein</em>
+Kind und da k&auml;men nicht so fatale Sachen vor wie z.&nbsp;B.
+gestern, wo die jungen Pf&auml;fflings durch den Hof gesprungen
+seien und die Stangen umgesto&szlig;en h&auml;tten, die das Waschseil
+hielten, so da&szlig; die frisch gewaschene W&auml;sche auf den Hof
+gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe
+waschen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;So etwas habt ihr getan, Kinder?&laquo; rief Vater Pf&auml;ffling
+und wandte sich nach den Angeschuldigten um; aber
+merkw&uuml;rdigerweise standen blo&szlig; noch die M&auml;dchen da, die
+Knaben hatten sich einer nach dem andern beim Erscheinen
+des Hausherrn hinausgedr&uuml;ckt. Doch nicht alle, Frieder,
+der kleine Dicke, stand noch beim Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie nicht, da&szlig; ich solche Unarten unbestraft
+lasse,&laquo; sagte Herr Pf&auml;ffling zum Hausherrn. &raquo;Sie d&uuml;rfen
+ja nur klagen, dann werden die Jungen bestraft. Kommt
+nur gleich her, ihr Schlingel,&laquo; rief der Vater und fa&szlig;te den
+Kleinen, der ihm zun&auml;chst stand. &raquo;Wo sind denn aber die
+andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein
+ist mir&#8217;s gar nicht der M&uuml;he wert anzufangen, schnell hole
+deine Br&uuml;der.&laquo; Der Frieder ging und rief mit weinerlichem
+Stimmchen die Br&uuml;der; von denen war aber nichts
+zu sehen und nichts zu h&ouml;ren, er kam allein zur&uuml;ck und
+sagte: &raquo;Sie sind alle fort.&laquo;</p>
+
+<p>Da lachte der Hausherr und sagte: &raquo;Die sind nicht
+so dumm wie du, spring doch nur auch davon, du brauchst
+nicht f&uuml;r die andern die Schl&auml;ge zu kriegen, du bist ja gar
+nicht einmal dabei gewesen.&laquo; Und dann wandte der Hausherr
+sich zu Herrn Pf&auml;ffling: &raquo;Es ist nicht nur wegen der
+Kinder,&laquo; sagte er, &raquo;die sind ja gut in Zucht, aber ich
+kann&#8217;s meinen Verwandten nicht abschlagen, da&szlig; sie zu
+mir ins Haus ziehen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich best&uuml;rzt an.
+So billig wie sie hier seit zehn Jahren gewohnt hatten,
+w&uuml;rden sie jetzt nirgends unterkommen, und schon der Auszug
+kostet Geld. Herr Pf&auml;ffling ging mit langen Schritten
+hin und her und schalt bald &uuml;ber die Kinder, bald &uuml;ber den
+Hausherrn. &raquo;W&auml;re ich nur schon fort gewesen,&laquo; rief er
+endlich, &raquo;h&auml;tte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht,
+jetzt wird nichts mehr daraus oder meinst du, es
+ginge doch?&laquo; fragte er, hielt mit seinem raschen Gang inne
+vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch stand und in
+Gedanken verloren auf die Karte niedersah.</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?&laquo; wiederholte
+Herr Pf&auml;ffling. Sie sah ihn traurig an: &raquo;Wenn&#8217;s nur
+zum <em class="gesperrt">Leben</em> reicht,&laquo; sagte sie, &raquo;wer wei&szlig;, wieviel Miete
+wir k&uuml;nftig zahlen m&uuml;ssen!&laquo; Da ging er wieder auf und
+ab, der &Auml;rger wich und die Sorge kam; immer langsamer
+und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als
+er wieder am Tisch vorbeikam, faltete er sorgf&auml;ltig die Karte
+vom Fichtelgebirge, reichte sie einem der Kinder und sagte
+traurig: &raquo;Tragt sie nur wieder in die Buchhandlung zur&uuml;ck
+und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>&raquo;An Wohnungen fehlt&#8217;s wenigstens nicht,&laquo; sagte Herr
+Pf&auml;ffling, als er am n&auml;chsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte,
+in dem ganze Reihen Wohnungen zur Miete angeboten
+waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche
+anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstra&szlig;e
+waren zwei ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die
+zweite noch viel teurer. Unser Musiklehrer erschrak ordentlich.
+&raquo;Wenn ich so viel Miete zahlen m&uuml;&szlig;te, dann bliebe
+uns kein Geld mehr &uuml;brig f&uuml;rs t&auml;gliche Brot,&laquo; sagte er
+und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>Stra&szlig;e entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung
+frei war. Ja, da war es nicht mehr so schrecklich
+teuer, da konnte man sich doch auf Unterhandlung einlassen.
+Der Hausherr f&uuml;hrte ihn durch die Zimmer. Ein wenig
+klein waren diese. Herr Pf&auml;ffling stellte im Geist die Bettstellen
+und sprach so halblaut vor sich hin: &raquo;Hier mein
+Bett und das von meiner Frau, hier Karl, Wilhelm und
+Otto, hier Marianne, da Frieder&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, erlauben Sie einmal,&laquo; unterbrach ihn jetzt der
+Hausherr, &raquo;wieviel haben Sie eigentlich Kinder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben sieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieben. Bei sieben tut&#8217;s mir leid, da&szlig; ich Ihnen
+sagen mu&szlig;, sieben nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich
+habe meist so Parteien mit einem Kind, auch zwei und drei
+lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir schon zu viel und
+gar sieben, nein, da ist mir&#8217;s doch zu leid um meine neuen
+Fu&szlig;b&ouml;den, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.&laquo; &raquo;So,&laquo;
+entgegnete Herr Pf&auml;ffling, &raquo;dann will ich auch nicht l&auml;nger
+auf Ihren kostbaren Fu&szlig;b&ouml;den herumtreten,&laquo; und &auml;rgerlich
+verlie&szlig; er das Haus.</p>
+
+<p>Nun hinaus in die Sonnenstra&szlig;e, dort gibt es auch einfache
+H&auml;user. Ein gro&szlig;er, wei&szlig;er Zettel am Fenster des
+dritten Stocks zeigte schon von weitem, da&szlig; hier etwas zu
+hoffen war. Der Werkmeister Schall war der Besitzer. Er
+stand unter der Haust&uuml;re und zeigte bereitwillig die Wohnung.
+Diesmal &uuml;berlegte Pf&auml;ffling nur ganz in der Stille,
+wie sich die Betten stellen lie&szlig;en. Von seinen sieben Kindern
+lie&szlig; er nichts verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der
+Preis war nicht zu hoch, jetzt nur gleich fest mieten. Dem
+Werkmeister war es auch recht, er holte einen Mietvertrag
+zum Unterschreiben, und w&auml;hrend er Tinte und Feder bereitlegte,
+fragte er nach dem Namen seines Mieters.</p>
+
+<p>&raquo;Pf&auml;ffling.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>&raquo;Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Musiklehrer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;St&ouml;rt in unserem Fall nicht viel,&laquo; sagte Herr Pf&auml;ffling,
+&raquo;ich gebe viel Unterricht au&szlig;er Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut, denn ich mu&szlig; Ihnen gleich sagen, im
+untern Stock wohnt eine Dame, eine feine Dame, die leidet
+an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber wenn die Stunden
+alle au&szlig;er Haus sind, ist&#8217;s schon gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr gro&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gro&szlig;?&laquo; sagte Pf&auml;ffling, &raquo;was hei&szlig;t das, es gibt
+noch viel gr&ouml;&szlig;ere, und &uuml;brigens kommt alles darauf an,
+ob Kinder streng gehalten werden; die meinigen d&uuml;rfen
+keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,
+ich habe nicht viel Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Hausherr war hartn&auml;ckig. &raquo;Wissen m&ouml;chte
+ich doch, wieviel Personen ins Haus kommen und was f&uuml;r
+welche,&laquo; sagte er, &raquo;wieviel Kinder, bitte? Sind&#8217;s Knaben
+oder M&auml;dchen?&laquo; Nun half nichts mehr, Herr Pf&auml;ffling
+mu&szlig;te bekennen: &raquo;Vier Buben sind&#8217;s, und dann noch so
+ein paar kleine M&auml;dels, die merkt man nicht viel.&laquo;</p>
+
+<p>Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. &raquo;Es
+geht nicht,&laquo; sagte er, &raquo;es ist unm&ouml;glich, Musikstunden sind
+schon schlimm, dazu aber noch ein halbes Dutzend Kinder,
+nein, was zu viel ist, ist zu viel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Mensch,&laquo; rief Pf&auml;ffling au&szlig;er sich, &raquo;wir m&uuml;ssen
+doch auch wohnen, was sollen wir denn tun, wenn uns
+niemand hereinl&auml;&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick erschienen zwei &auml;ltere Damen
+unter der T&uuml;re, sie wollten die Wohnung besehen. Der
+Hausherr begr&uuml;&szlig;te sie h&ouml;flich &#8211; f&uuml;r unsern armen Musiklehrer
+hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau
+h&auml;ngte eben im Vorg&auml;rtchen W&auml;sche auf; als sie h&ouml;rte
+was Pf&auml;fflings Begehr war, holte sie ihren gro&szlig;en Schl&uuml;sselbund
+und schickte sich an, mit ihm hinaufzusteigen in den
+vierten Stock. Herr Pf&auml;ffling dachte bei sich: &raquo;Eigentlich
+ist&#8217;s ganz unn&ouml;tig, da&szlig; ich die Wohnung ansehe, ich nehme
+sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau
+uns nimmt, das ist die Frage!&laquo; Er sagte aber nichts und
+ging voraus, die Treppe zum ersten Stock hinauf. Langsam
+folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt war und schwer
+atmete. Pf&auml;ffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
+schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichg&uuml;ltig,
+wie die Zimmer aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz
+mu&szlig;te die Frau ein wenig ausschnaufen. Jetzt konnte er
+sich nicht mehr zur&uuml;ckhalten. &raquo;Ich will Ihnen lieber gleich
+mitteilen, da&szlig; ich Musiklehrer bin,&laquo; sagte er, &raquo;wenn Sie
+also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gn&auml;dig:
+&raquo;Steigen Sie nur weiter hinauf.&laquo; Im Nu war Pf&auml;ffling
+die zweite Treppe droben, die Hausfrau keuchte nach. Auf
+dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum Atemholen
+und Pf&auml;ffling: &raquo;Ich will Ihnen nur gleich sagen, da&szlig; wir
+sieben Kinder haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Himmels willen,&laquo; rief die Frau, &raquo;haben Sie
+denn f&uuml;r jedes Stockwerk so eine Hiobspost? Bis wir in
+den vierten Stock hinaufkommen, spielen Sie die Regimentstrommel
+und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!
+Ich tu&#8217; aber nicht mehr mit!&laquo; Und die schwerf&auml;llige Frau
+machte Kehrt, h&ouml;rte gar nicht mehr auf die guten Worte,
+die ihr Pf&auml;ffling gab, und brummte noch vor sich hin:
+&raquo;Gott bewahre mich vor so einer Gesellschaft!&laquo;</p>
+
+<p>Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs
+heim &#8211; f&uuml;r heute hatte er&#8217;s satt!</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Als er bei Tisch erz&auml;hlte, wie es ihm ergangen war,
+f&uuml;hlten sich die Kinder ordentlich besch&auml;mt, da&szlig; die Eltern
+ihretwegen nirgends aufgenommen wurden, und nach Tisch,
+wo sie sonst alle im Hof herumtollten, standen sie ganz
+bescheiden in einem Eckchen beisammen und besprachen die
+Wohnungsnot. &raquo;Wir Gro&szlig;en k&ouml;nnen nichts daf&uuml;r, da&szlig;
+wir so viele sind,&laquo; sagte der &Auml;lteste, &raquo;wir drei waren schon
+immer da.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wir zwei auch,&laquo; sagte eine der Zwillingsschwestern,
+&raquo;aber der Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.&laquo;
+&raquo;Ja, die sind schuld, da&szlig; wir so viele sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein
+und still, das bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder,
+ja der Frieder mit seiner ewigen Ziehharmonika, wenn der
+nicht w&auml;re, dann w&auml;ren wir blo&szlig; sechs.&laquo; Sie sahen alle
+auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner S&uuml;nder und
+f&uuml;hlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als
+seine Geschwister l&auml;ngst schon die Sorge abgesch&uuml;ttelt hatten
+und lustig im Hofe spielten, war er noch still und nachdenklich.</p>
+
+<p>Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern.
+Die drei gro&szlig;en Br&uuml;der sahen auf ihn herab
+und nannten ihn das Dummerle. Er war eigentlich nicht
+dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, h&ouml;rte und
+sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft
+wunderliche Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer
+miteinander und brauchten ihn nicht, so blieb nur das
+Elschen &uuml;brig und mit dem konnte er noch nicht viel besprechen;
+aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es nicht
+auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern
+weil es sogar zu ihm hinaufblicken mu&szlig;te; er hatte es lieb,
+weil es nie Dummerle zu ihm sagte, denn es war noch
+kleiner und dummer als er.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn
+Frieder hatte mehr Zeit und auch mehr Geduld als die
+gr&ouml;&szlig;ern Geschwister und wenn Elschen noch so oft des
+Tages eine ihrer f&uuml;nf sch&ouml;nen Glaskugeln verlor, so suchte
+sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand
+noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war
+sehr davon bedr&uuml;ckt, und als er an diesem Nachmittag aus
+der Schule kam, fiel ihm ein, er wolle auch helfen Wohnung
+suchen. Sein Weg f&uuml;hrte ihn durch die Kaiserstra&szlig;e,
+das war die eleganteste Stra&szlig;e der Stadt. In dieser gab
+es ja pr&auml;chtige H&auml;user, da mu&szlig;ten feine Wohnungen sein,
+wenn er so eine finden k&ouml;nnte!</p>
+
+<p>Mit dem Schulranzen auf dem R&uuml;cken, in seinem
+verwaschenen blau und wei&szlig; gestreiften Sommeranzug ging
+Frieder in eines des stattlichsten H&auml;user, die teppichbelegte
+Treppe hinauf und dr&uuml;ckte auf die Klingel im ersten Stock.
+Er mu&szlig;te ein wenig warten, denn das Dienstm&auml;dchen war
+eben am Scheuern; sie mu&szlig;te erst ihre nasse Sch&uuml;rze ablegen,
+schnell eine wei&szlig;e antun, rasch am Spiegel ihr Haar
+glatt streichen &#8211; so, nun war sie allerdings sch&ouml;n genug,
+um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein M&uuml;tzchen
+ab und <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'sagte.'">sagte:</ins> &raquo;Wir suchen eine Wohnung.&laquo; Er mu&szlig;te
+es noch zweimal sagen, denn das M&auml;dchen meinte immer,
+es habe ihn falsch verstanden. Dann lachte sie und sagte:
+&raquo;Du kleiner D&auml;umling, du willst eine Wohnung suchen?
+Geh, da w&uuml;rde ich doch noch zwanzig Jahre warten,&laquo; und
+damit lie&szlig; sie den kleinen Mann stehen und schlo&szlig; die T&uuml;re.
+&raquo;Zwanzig Jahre k&ouml;nnen wir doch nicht warten,&laquo; dachte Frieder
+und ging eine Treppe h&ouml;her. Dort &ouml;ffnete ihm ein Junge,
+nur ein paar Jahre &auml;lter wie er. Als dieser erfa&szlig;t hatte,
+was Frieder wollte, f&uuml;hrte er ihn in das Zimmer und rief
+einer Dame, die da sa&szlig;, zu: &raquo;Sieh doch, Mama, da ist so ein komischer,
+kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig
+mi&szlig;trauisch entgegen, sie fragte ihn, wem er geh&ouml;re. Der
+Musiklehrer Pf&auml;ffling hatte aber einen guten Namen und
+war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch allerlei.
+Der Frieder antwortete, so gut er&#8217;s verstand. Man konnte
+ihm wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot.
+Die Dame konnte ihm aber doch nicht helfen.
+&raquo;Liebes Kind,&laquo; sagte sie, &raquo;geh du lieber heim, dein Vater
+wird schon selbst eine Wohnung finden.&laquo; Der Frieder
+sch&uuml;ttelte traurig das K&ouml;pfchen. &raquo;Nein,&laquo; sagte er, &raquo;uns
+will niemand nehmen, weil wir sieben Kinder sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist aber arg, Mama,&laquo; sagte der kleine Sohn
+des Hauses, &raquo;wenn sie keine Wohnung finden, dann m&uuml;ssen
+sie immer auf der Stra&szlig;e bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bewahre,&laquo; entgegnete die Mama, &raquo;sie kommen schon
+unter; sieben Kinder sind nicht so schlimm, da dr&uuml;ben
+wohnt eine Familie mit acht Kindern und es gibt auch
+solche mit zehn!&laquo; Da lauschte der Frieder, das war ihm
+eine gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das
+mu&szlig;te er gleich daheim erz&auml;hlen, die wu&szlig;ten das gewi&szlig;
+nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und ging heim.</p>
+
+<p>Als Frau Pf&auml;ffling im Kreis der Ihrigen erz&auml;hlte,
+da&szlig; sie an diesem Nachmittag vergeblich in vielen H&auml;usern
+gewesen sei, sagte Frieder ganz ernsthaft: &raquo;Ich habe auch
+Wohnungen gesucht und keine gefunden.&laquo; &raquo;<em class="gesperrt">Du</em> hast gesucht?
+ja wo denn? wie denn?&laquo; fragten alle durcheinander
+und w&auml;hrend er erz&auml;hlte, wurde er von den Gro&szlig;en unbarmherzig
+ausgelacht und von den Eltern gezankt, da&szlig;
+er allein in fremde H&auml;user gegangen war. Frieder lie&szlig;
+das K&ouml;pfchen h&auml;ngen. Niemand bemerkte, da&szlig; Tr&auml;nen in
+seinen Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil
+sie gerade an ihn herankam und zu ihm aufsah, und sie
+streichelte den Bruder. Sie verstand auch noch nicht, warum
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>die andern lachten, und das tat dem Frieder wohl, in
+ihren Augen war er doch kein Dummerle!</p>
+
+<p>Frau Pf&auml;ffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig
+gemacht. Freilich war sie auch teurer als die seitherige,
+gerade etwa um soviel teurer als Herrn Pf&auml;fflings
+Reise gekostet h&auml;tte, aber es waren doch so viele Zimmer
+darin, da&szlig; die gro&szlig;e Familie gut Platz hatte. Frau
+Pf&auml;ffling berichtete genau &uuml;ber die innere Einteilung. &raquo;Du
+hast ja noch gar nicht gesagt, in welcher Stra&szlig;e sie liegt,
+das m&ouml;chte ich doch vor allem wissen,&laquo; sagte Herr Pf&auml;ffling.
+Da kam es etwas z&ouml;gernd heraus: &raquo;Sie liegt in der
+Hintern Katzengasse Nr. 13.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja
+nicht einmal dem Namen nach. Wollen wir doch sehen,
+wo die liegt.&laquo; Auf demselben Tisch, wo k&uuml;rzlich die Karte
+vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der Stadtplan
+ausgebreitet, und wieder steckten sich alle K&ouml;pfe zusammen,
+bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie
+f&uuml;hrte von der Vorderen Katzengasse nach der alten Tr&ouml;dlergasse.
+&raquo;Eine feine Lage ist&#8217;s nicht,&laquo; sagte Pf&auml;ffling.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstra&szlig;e
+w&auml;re feiner gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;rt denn das Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einem Seifensieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Riecht&#8217;s da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da ist wohl auch kein G&auml;rtchen oder Hof dabei, und
+das Haus ist n&ouml;rdlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt
+kaum in diese engen Gassen,&laquo; sagte Pf&auml;ffling seufzend.
+&raquo;Es k&ouml;nnen nicht alle auf der Sonnenseite wohnen,&laquo; erwiderte
+Frau Pf&auml;ffling, &raquo;wie viele m&uuml;ssen im Schatten
+vorlieb nehmen!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>&raquo;Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann,
+wenn wir gar nichts Besseres finden, nun, dann m&uuml;ssen wir
+uns eben begn&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag fand sich nichts Besseres und mit
+schwerem Herzen wurde der Beschlu&szlig; gefa&szlig;t, in der Hintern
+Katzengasse Nr. 13 einzumieten.</p>
+
+<p>Inzwischen war in der sch&ouml;nen Wohnung, die Frieder in
+der Kaiserstra&szlig;e angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft
+versammelt. Die Dame des Hauses erz&auml;hlte von dem kleinen
+Pf&auml;ffling, der mit dem R&auml;nzchen auf dem R&uuml;cken nach einer
+Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie gro&szlig; mu&szlig;te die Verlegenheit
+der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter
+zum sechsj&auml;hrigen ausschickte auf Suche nach Wohnung!
+Ein &auml;lteres Fr&auml;ulein aus der Gesellschaft, das ein warmes
+Herz f&uuml;r die Not anderer Leute hatte, erkl&auml;rte, da m&uuml;sse
+geholfen werden. Gleich am n&auml;chsten Morgen wolle sie zu
+Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der
+m&uuml;sse Rat schaffen. So ging Fr&auml;ulein A. zu Herrn B.
+und dieser wieder zu Frau C., und als die Sache noch ein
+St&uuml;ck weiter durchs Alphabet gelaufen war, kam eines
+Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte nach dem
+Musiklehrer Pf&auml;ffling und sagte dem Dienstm&auml;dchen, er
+habe eine Wohnung anzubieten. Herr Pf&auml;ffling gab eben
+in seinem Zimmer Geigstunde, w&auml;hrend am andern Ende der
+Wohnung einer seiner Jungen Klavier &uuml;bte, und zwischen
+darin sa&szlig;en die Zwillinge und sangen so laut sie konnten
+darauf los, weil sie die zweierlei Musik &uuml;bert&ouml;nen wollten.</p>
+
+<p>Frau Pf&auml;ffling hatte in der K&uuml;che die Frage wegen
+der Wohnung vernommen und h&auml;tte sie nur gekonnt, sie
+h&auml;tte heimlich alle Musik zum Schweigen gebracht; aber
+da f&uuml;hrte ihr das M&auml;dchen schon den Herrn her und weil
+auch gerade die andern Kinder &uuml;ber den Gang sprangen, so
+konnte man kaum das eigene Wort verstehen. Die Mutter
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>f&uuml;hrte Herrn Hartwig ins Zimmer und im Vorbeigehen
+fa&szlig;te sie einen ihrer Jungen und fl&uuml;sterte ihm zu: &raquo;Es
+ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, da&szlig; man
+euch nicht so h&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Das wirkte; die Kinder wu&szlig;ten ja, um was es sich
+handelte. &raquo;Ein Hausherr,&laquo; so ging&#8217;s von Mund zu Mund;
+alle Musik, aller L&auml;rm verstummte, auf den Zehen schlichen
+sich die Kinder hinaus, lautlos wurden die T&uuml;ren geschlossen,
+eine ungewohnte Stille herrschte im Haus. Herr und Frau
+Pf&auml;ffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.
+&raquo;Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,&laquo; sagte
+dieser, &raquo;so m&ouml;chte ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten,
+drau&szlig;en in der Fr&uuml;hlingsstra&szlig;e. Platz genug g&auml;be
+es da, und es schadet auch nichts, da&szlig; Sie zehn Kinder
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieben, sieben, blo&szlig; sieben,&laquo; riefen die beiden Eltern
+wie aus einem Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat
+sich halt so herumgesprochen in der Stadt und dar&uuml;ber
+haben sich die Kinder vermehrt. Es ist ein gro&szlig;er Holzplatz
+am Haus, da k&ouml;nnen sich die Kinder tummeln. Und
+was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon
+einigen. Bei uns ist&#8217;s n&auml;mlich so: Mich hat noch nie ein
+L&auml;rm gest&ouml;rt, und meine Frau, die hat die Liebhaberei
+Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine Liebhaberei
+hat. Darum sagt sie: Eine <em class="gesperrt">gute</em> Mietpartei nehmen ist
+keine Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das
+ist christlich.&laquo;</p>
+
+<p>Der &raquo;schlechten Mietpartei&laquo; klangen diese Worte wie
+Musik, und nach f&uuml;nf Minuten schon war Pf&auml;ffling mit
+dem freundlichen Hausherrn unterwegs in die Fr&uuml;hlingsstra&szlig;e
+und lie&szlig; sich von der Hausfrau mit der christlichen
+Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>und ohne Schriftst&uuml;ck, mit freundlichem Handschlag wurde
+der Mietvertrag zu billigem Preis abgeschlossen. Fr&ouml;hlichen
+Herzens ging unser Musiklehrer von der Fr&uuml;hlingsstra&szlig;e
+in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er schon von
+ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem
+Seifensieder mit, da&szlig; er sich zu einer andern Wohnung
+entschlossen habe. Dann vorbei an der Buchhandlung, wo
+er zum zweitenmal die Karte vom Fichtelgebirge verlangte,
+und nun heim zur begeisterten Schilderung der k&uuml;nftigen
+Wohnung in der Fr&uuml;hlingsstra&szlig;e.</p>
+
+<p>Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder
+h&ouml;rte zuf&auml;llig nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika
+im Hof war, und niemand dachte daran, da&szlig; er die Neuigkeit
+nicht erfahren hatte. Er wunderte sich im stillen, als
+beim Mittagstisch alle so vergn&uuml;gt vom nahen Umzug
+sprachen und sogar sagten, sie bek&auml;men es viel sch&ouml;ner als
+jetzt; denn er dachte, es handle sich noch um die Hintere
+Katzengasse. &raquo;Mir gef&auml;llt&#8217;s besser da,&laquo; sagte er, &raquo;weil wir
+doch einen Hof haben.&laquo; &raquo;Der elende Hof voll W&auml;schepfosten,&laquo;
+sagte einer der Br&uuml;der, &raquo;da will ich doch lieber
+einen Holzplatz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung
+nicht gut genug, der will eben in die Kaiserstra&szlig;e,&laquo; sagte
+der Vater neckend zu ihm, und auch die andern lachten. Es
+wu&szlig;te niemand, da&szlig; man <em class="gesperrt">ihm</em> eigentlich die neue Wohnung
+verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder.
+Er fand es zwar wunderlich, da&szlig; man heute so zufrieden
+sein sollte mit dem Tausch, aber ihm kam ja oft etwas
+sonderbar vor, was die Gro&szlig;en sagten, und er fragte nie
+viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn aufzukl&auml;ren.</p>
+
+<p>So kam es, da&szlig; Frieder bei der Meinung blieb, man
+habe in der Hintern Katzengasse eingemietet.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Umzug doch sein mu&szlig;, dann so bald wie
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>m&ouml;glich,&laquo; sagte Pf&auml;ffling, &raquo;noch vor meiner Reise&laquo;, und mit
+gro&szlig;em Eifer wurden alle Vorbereitungen getroffen. Manche
+Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele luden die Kinder f&uuml;r
+den Umzugstag zu Tisch, so da&szlig; es eine ganz schwierige Beratung
+gab, was man annehmen konnte und ablehnen mu&szlig;te.
+Die Eltern hatten viel zu tun; sie &uuml;berlie&szlig;en es den Kindern,
+wo und wie jedes zu seinem Mittagstisch gelangen w&uuml;rde.
+So fanden die gro&szlig;en Jungen gl&uuml;cklich heraus, da&szlig; Brauns
+auf zw&ouml;lf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr geladen
+hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten
+sich k&ouml;niglich auf das doppelte Mittagessen.</p>
+
+<p>Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der
+vollbeladene Wagen ab, die Eltern folgten ihm in die neue
+Wohnung, w&auml;hrend die Kinder gleich von ihren Schulen
+aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen waren
+und sich&#8217;s da schmecken lie&szlig;en. Nur unser Frieder hatte nicht
+recht erfa&szlig;t, wie das alles eingerichtet war und wo er zu
+Mittag essen sollte. Er wollte die Mutter noch einmal
+fragen und ging wie gew&ouml;hnlich von der Schule aus heim,
+in die alte Wohnung. Alle T&uuml;ren standen weit offen.
+Betroffen blieb Frieder unter der T&uuml;re der verlassenen
+Wohnung stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem
+Zimmer ins andere, Papier und Stroh lagen auf dem Fu&szlig;boden
+zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter dem Staub,
+sah er eine von Elschens Kugeln, die sch&ouml;ne rote, die hob
+er auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch
+all die leeren R&auml;ume, seine Schritte hallten, aber sonst war
+alles stille. Ihm wurde ganz unheimlich zumute, Tr&auml;nen
+kamen ihm in die Augen, als er sich so verlassen f&uuml;hlte.
+Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie vergessen.
+Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war&#8217;s
+und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du noch da, Frieder?&laquo; fragte er. &raquo;Deine Leute
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>sind schon in der neuen Wohnung, mache nur, da&szlig; du auch
+hinkommst, sonst wirst du hinausgekehrt.&laquo; Da ging Frieder
+die Treppe hinunter; er wu&szlig;te jetzt, was er zu tun hatte,
+er mu&szlig;te in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere
+Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wu&szlig;te er ungef&auml;hr;
+hinter dem Markt hatte er sagen h&ouml;ren, und auf dem
+Markt war er schon oft gewesen. Er machte sich auf den
+Weg. Der war weit und hei&szlig;; der kleine Fu&szlig;g&auml;nger mit
+dem Schulranzen kam langsam vorw&auml;rts und dachte dabei,
+da&szlig; er zum Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn
+er nur gewu&szlig;t h&auml;tte, wo? Endlich gelangte er doch auf
+den Markt und sah sich um. Rechts, links, &uuml;berall gingen
+Stra&szlig;en und Gassen ab, welche aber war die richtige?
+Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich
+ein paar Kinder herum. An die wandte er sich. Ein M&auml;dchen
+wies ihm den Weg. &raquo;Dort,&laquo; sagte sie, &raquo;wo der Seifenladen
+ist, da ist Nr. 13.&laquo;</p>
+
+<p>Der Seifensieder stand unter der Ladent&uuml;re und als
+er sah, da&szlig; der kleine ABC-Sch&uuml;tz mit dem R&auml;nzchen auf
+dem R&uuml;cken unschl&uuml;ssig vor dem Hause stehen blieb, fragte
+er: &raquo;Wen suchst denn du, Kleiner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte in unsere neue Wohnung,&laquo; sagte Frieder.
+&raquo;Wie hei&szlig;t du denn?&laquo; &raquo;Frieder Pf&auml;ffling.&laquo; &raquo;Pf&auml;ffling?
+Pf&auml;ffling? Geh&ouml;rst du dem Musiklehrer? Ja? Der hat
+ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.
+Bist du sein Bub und wei&szlig;t das nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; gar nichts,&laquo; sagte Frieder und sah recht
+j&auml;mmerlich darein.</p>
+
+<p>&raquo;Geh nur wieder in deine alte Wohnung,&laquo; sagte der
+Mann, &raquo;und frage dort, wo du hin sollst, dort sagt man
+dir&#8217;s schon. So etwas ist mir aber noch nicht vorgekommen,
+da&szlig; man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal wohin!&laquo;</p>
+
+<p>Dem Frieder kamen tr&uuml;be Gedanken, w&auml;hrend er die
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Hintere Katzengasse wieder hinaufging nach dem Markt.
+Seine Eltern waren also in eine andere Wohnung gezogen
+und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn nicht
+brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewi&szlig; nur sechs
+Kinder aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel.
+Das kam ihm alles ganz nat&uuml;rlich vor, aber traurig
+war es. Und jetzt war er so hungrig. F&uuml;r heute war er
+wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht bei
+Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg
+dahin konnte er freilich nur von zu Hause oder von der
+Schule aus finden. So ging er bis zu seinem Schulhaus.
+Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon wieder
+in die Nachmittagsschule ging und h&ouml;chlich erstaunt war,
+da&szlig; Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer
+Kamerad, der kleine Meinert, kam schon des Wegs. &raquo;Du,
+Meinert,&laquo; rief ihm der erste Kamerad zu, &raquo;der Pf&auml;ffling will
+erst zum Essen gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, der kommt viel zu sp&auml;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gelt, ich sag&#8217;s auch, der kommt zu sp&auml;t.&laquo; So eingesch&uuml;chtert
+wagte sich &raquo;der Pf&auml;ffling&laquo; auch nicht mehr weg,
+sondern ging hinauf in das Schulzimmer, setzte sich todm&uuml;de
+auf seinen Platz in der Bank, lie&szlig; das hei&szlig;e K&ouml;pflein h&auml;ngen
+und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte er erst,
+als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufst&uuml;rmten
+und der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in
+der Schule und die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.</p>
+
+<p>Als sie endlich &uuml;berstanden waren und er die Treppe
+herunterkam, ohne zu wissen, wohin er sich dann wenden
+solle, da rief pl&ouml;tzlich eine Stimme: &raquo;Frieder!&laquo; Er sah
+auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte freundlich
+zu ihm: &raquo;So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will
+dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst
+gehabt, da&szlig; du sie nicht findest.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Ei, wie da der kleine Frieder verkl&auml;rt zu seinem Vater
+aufsah, wie er sich dicht an ihn dr&auml;ngte und mit ihm ging!
+Und wie ihm dann auf einmal die Tr&auml;nen aus den Augen
+schossen und all der Jammer im Durcheinander herauskam:
+Kein Mittagessen &#8211; die alte leere Wohnung &#8211; die Hintere
+Katzengasse und die Angst, da&szlig; man nur noch sechs Kinder
+haben wolle! Vater Pf&auml;ffling dr&uuml;ckte fest die kleine Hand,
+die in der seinigen ruhte, und sagte: &raquo;Frieder, wo wir sind,
+da geh&ouml;rst du auch hin und in der Fr&uuml;hlingsstra&szlig;e Nr. 20
+da wird auch f&uuml;r unser Dummerle der Tisch gedeckt.&laquo;</p>
+
+<p>In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander
+und Frieder h&auml;tte wohl nicht so schnell etwas zu
+essen gefunden, wenn nicht die neue Hausfrau mit der Liebhaberei,
+Gutes zu tun, dagewesen w&auml;re. Sie brachte eine
+riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die
+sich bald die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare
+Musiksch&uuml;ler schickten Vorr&auml;te f&uuml;r die Speisekammer,
+so da&szlig; alles in H&uuml;lle und F&uuml;lle da war, wie sonst nie im
+Jahr, und alle Pf&auml;fflinge, jung und alt, voll Vergn&uuml;gen
+waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel
+geneckt und mu&szlig;te sich oft Dummerle nennen lassen, aber
+er lie&szlig; sich&#8217;s gar nicht anfechten, er war jetzt gl&uuml;cklich! Und
+als das Elschen am Abend zu ihm kam mit vier Kugeln
+in den H&auml;nden und klagte: &raquo;Die rote Kugel ist nicht mit
+eingezogen,&laquo; da freute er sich dar&uuml;ber, da&szlig; er noch einmal
+in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die
+Kugel gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf
+den Holzplatz, wo die gro&szlig;en Geschwister auf den Balken
+schaukelten und kletterten, und spielte mit ihren Kugeln,
+wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.</p>
+
+<p>Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pf&auml;ffling
+r&uuml;stete sich zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles
+lag bereit, am n&auml;chsten Morgen wollte er abreisen. Das
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>Wetter war herrlich und lockte hinaus, er sang und pfiff
+den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur manchmal,
+um zu seiner Frau zu sagen: &raquo;N&auml;chstes Jahr bist du
+an der Reihe,&laquo; oder zu den Kindern: &raquo;Wenn ihr gro&szlig;
+seid, d&uuml;rft ihr auch reisen.&laquo; Sie freuten sich alle mit ihm.</p>
+
+<p>Aber &#8211; in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte
+nicht sagen, was ihr fehlte, aber sie weinte und wimmerte
+und w&auml;lzte sich in ihrem Bett herum. Am fr&uuml;hen Morgen
+wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte und wurde
+nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pf&auml;ffling
+sagte: &raquo;Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?&laquo; da
+zuckte er die Achseln und meinte: &raquo;Ich w&uuml;rde doch noch
+einen Tag zusehen.&laquo; Den ganzen Tag konnte die Kleine
+nichts essen und lag st&ouml;hnend im Bettchen, und am n&auml;chsten
+Tag fand der Arzt sie kr&auml;nker als am vorhergehenden.
+Traurig schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst
+der Eltern um die Kleine, alle Musik verstummte. In diesen
+Tagen waren Pf&auml;fflings eine gute Mietpartei f&uuml;r die
+Hausleute.</p>
+
+<p>Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man
+ihr Ruhe verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem
+Bett; ihn l&auml;chelte sie manchmal an und sprach auch ein paar
+Worte mit ihm, aber von den andern Geschwistern wollte
+sie nichts wissen. So lie&szlig; ihn die Mutter manchmal allein
+am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen
+mu&szlig;te, die zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pf&auml;ffling
+ging unruhig im Haus herum, an seine Reise dachte er
+schon fast nicht mehr, so gro&szlig; war die Sorge um das Kind.</p>
+
+<p>Eben war der Arzt wieder dagewesen. &raquo;Wenn ich
+nur erst herausf&auml;nde, was dem Kinde fehlte,&laquo; sagte er,
+&raquo;aber so kann ich ihm gar nicht helfen.&laquo; Die Eltern begleiteten
+ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine
+Schwester sah ihn an und streckte ihm die H&auml;ndchen hin.
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>&raquo;Elschen,&laquo; sagte er schmeichelnd, &raquo;willst du unsre sch&ouml;nen
+Glaskugeln?&laquo; und er sch&uuml;ttelte ein wenig das B&uuml;chschen,
+in dem dieses ihr gemeinsames Lieblingsspiel verwahrt war.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nein!&laquo; rief die Kleine mit ungewohnter
+Heftigkeit und streckte ihre H&auml;nde wie abwehrend gegen
+das B&uuml;chschen, und als Frieder es schnell beiseite legte,
+fl&uuml;sterte sie ihm ganz leise zu: &raquo;Die rote Kugel schmeckt so
+hart.&laquo; Dann legte sie sich auf die Seite und schlo&szlig; die
+Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam
+es ihm komisch vor, da&szlig; Elschen so etwas Dummes sagen
+konnte. Wer wei&szlig; denn, wie Kugeln schmecken! Frieder
+war kein gro&szlig;er Denker, aber nach einer Stunde war er
+doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, da&szlig; er sich
+sagte: &raquo;Die rote Kugel ist nicht im B&uuml;chschen, vielleicht
+hat das Elschen sie gegessen.&laquo; Und nun fing er an, im
+Zimmer nach der Kugel zu suchen, ob sie nicht doch irgendwo
+lag. So trafen ihn die Eltern, gerade als er mit einem
+Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen
+L&auml;rm machte.</p>
+
+<p>&raquo;Ruhig, ruhig,&laquo; wehrte die Mutter, und der Vater,
+der immer neben der Sorge auch ein wenig &Auml;rger empfand
+wegen seiner mi&szlig;lungenen Reise, fuhr ihn ungeduldig an:
+&raquo;Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn da?&laquo;
+&raquo;Ich mu&szlig; die rote Kugel suchen, denn&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;.&laquo; &raquo;Geh hinaus
+mit deinen Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen
+bleiben kannst, dann darfst du auch nicht mehr zu ihr,&laquo;
+und unsanft wurde der Kleine zur T&uuml;re hinausgeschoben.</p>
+
+<p>Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf
+einen Balken und dachte an sein Schwesterchen. Nach und
+nach wurde ihm alles klar: die rote Kugel war am Sonntag
+noch in der B&uuml;chse gewesen, dann war das Elschen
+krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und
+wenn das Elschen sie nicht gegessen h&auml;tte, dann w&uuml;&szlig;te es
+<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>doch nicht, da&szlig; sie hart schmeckt. Und das hatte sie ihm
+deshalb ganz leise gesagt, damit es die Eltern nicht h&ouml;rten,
+denn so eine sch&ouml;ne Glaskugel essen ist schade, da wird
+man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester
+nicht verraten, damit sie nicht gezankt w&uuml;rde, er sagte zu
+niemand ein Wort.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen hatte er sich doch wieder an
+Elschens Bett gemacht. Die Eltern beachteten ihn nicht
+und sprachen miteinander. Sie erwarteten den Arzt.
+&raquo;Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind
+fehlt,&laquo; sagte Vater Pf&auml;ffling, &raquo;dann m&uuml;ssen wir doch einen
+andern Arzt dazu holen.&laquo; &raquo;O ja, bitte,&laquo; sagte die Mutter,
+&raquo;la&szlig; ihn holen, ehe es zu sp&auml;t ist, heute nacht habe ich
+schon gemeint, sie stirbt mir&laquo; &#8211; und die Mutter weinte.
+Da&szlig; seine Schwester sterben k&ouml;nnte, daran hatte Frieder
+noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm
+ganz klar, da&szlig; er nicht verschweigen d&uuml;rfe, was er wu&szlig;te,
+lieber Elschen verraten als sie sterben lassen. Da klingelte
+schon der Arzt. &raquo;Mutter,&laquo; fing Frieder an, &raquo;du wei&szlig;t
+doch, da&szlig; wir so eine rote Kugel haben&nbsp;&#8211;.&laquo; Aber die
+Mutter fiel ihm ins Wort: &raquo;Aber Frieder, meinst du denn,
+wenn das Schwesterchen so krank ist, will man etwas von
+deinen Kugeln wissen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke.
+Unterdessen n&auml;herte sich Frieder dem Vater. &raquo;Vater,&laquo; begann
+er leise, &raquo;Vater, wir haben doch eine rote Kugel gehabt
+und&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo; &raquo;O du mit deinen verw&uuml;nschten Kugeln!&laquo;
+rief Herr Pf&auml;ffling so laut und &auml;rgerlich, da&szlig; das kranke Kind
+erschreckt und der Arzt erstaunt her&uuml;ber blickte und sagte:
+&raquo;Es wird immerhin besser sein, wenn die Kinder nicht im
+Krankenzimmer sind,&laquo; und Vater Pf&auml;ffling machte die T&uuml;re
+auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg.
+Der aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schl&uuml;pfte
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>an der T&uuml;re vorbei zum Arzt, der &uuml;ber das Bett der
+Kleinen gebeugt stand und sie behorchte. Er schlang beide
+Arme um den Hals des Arztes und fl&uuml;sterte ihm ganz
+leise zu: &raquo;Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja,
+und darum ist sie krank.&laquo;</p>
+
+<p>Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise
+gesagt hatte, und so sahen sie mit Staunen, da&szlig; der Doktor
+sich von der kleinen Kranken weg eifrig dem Frieder zuwandte
+und nun, wahrhaftig &#8211; sie h&ouml;rten es ganz deutlich
+&#8211; fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu
+sprechen, die Herr Pf&auml;ffling eben verw&uuml;nscht hatte. Der
+Arzt nahm den Frieder, der ein wenig &auml;ngstlich nach dem
+Vater hin&uuml;bersah, auf die Kniee und redete sehr freundlich
+mit ihm, w&auml;hrend die Eltern auf seine Worte lauschten.
+&raquo;Wie war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir&#8217;s
+nur noch einmal ganz genau; wei&szlig;t du, das mu&szlig; ich alles
+erfahren, wenn ich deine Schwester gesund machen soll.
+Hast du es denn gesehen, da&szlig; sie die Kugel geschluckt hat?
+Nein? Aber erz&auml;hlt hat sie dir&#8217;s? Was hat sie denn
+erz&auml;hlt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur da&szlig; die rote Kugel hart schmeckt. Und das
+wei&szlig; man doch nicht, wie die rote Kugel schmeckt, wenn
+man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel ist auch nicht
+mehr da, sieh nur her.&laquo; Und Frieder &ouml;ffnete das K&auml;stchen.
+&raquo;F&uuml;nf m&uuml;ssen es sein, und es sind doch nur vier.&laquo; Elschen
+fing &auml;ngstlich an zu weinen. &raquo;Jetzt weint sie,&laquo; sagte Frieder
+und schien selbst den Tr&auml;nen nahe, &raquo;ich habe sie doch auch
+nicht verraten wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So etwas <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> man verraten,&laquo; sagte der Arzt, und
+nun wandte er sich an die Eltern, die in gro&szlig;e Aufregung
+versetzt waren durch Frieders Mitteilung. &raquo;Wenn es so
+ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind geholfen
+werden. Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; die Sache sich so verh&auml;lt,
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>denn nur durch so etwas l&auml;&szlig;t sich diese Krankheit erkl&auml;ren.
+Am besten ist es, ich bringe gleich heute nachmittag einen
+geschickten Chirurgen mit, vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.&laquo;
+Frau Pf&auml;ffling erschrak dar&uuml;ber. &raquo;Unser
+Frieder ist so ein Dummerle,&laquo; sagte sie, &raquo;auf seine Reden
+hin kann man doch keine Operation vornehmen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,&laquo; sagte
+im Fortgehen der Arzt, &raquo;wer wei&szlig;, ob Sie ihm nicht das
+Leben Ihres Kindes verdanken.&laquo; Die Mutter aber traute
+der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel zu
+suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen
+Wohnung wurde aus allen Ecken vorgekehrt, der Vater
+setzte einen Finderlohn aus und in jedem Zimmer traf
+man eines der Kinder der L&auml;nge nach auf dem Boden
+liegend und unter die M&ouml;bel schlupfend, um zu suchen.
+Nur Frieder suchte nicht mit, er sah dem Treiben verwundert
+zu und sagte nur: &raquo;Ich habe schon lange gesucht, da ist
+unsere rote Kugel nie.&laquo;</p>
+
+<p>Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach,
+da&szlig; es aussah, als ob sie den Abend nicht mehr erleben k&ouml;nnte,
+und so eilte Herr Pf&auml;ffling fort und holte die beiden &Auml;rzte
+zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine Krankenschwester mit,
+gingen ins Krankenzimmer und schlossen die T&uuml;re ab &#8211;
+niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein.
+Das war nun eine bange Stunde. Die ganze Familie war
+im Wohnzimmer beisammen, lauschte auf die Ger&auml;usche,
+die hie und da aus dem Krankenzimmer &uuml;ber den Vorplatz
+her&uuml;bert&ouml;nten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf
+Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine,
+unbeachtete Dummerle, den wahren Grund der Krankheit
+gefunden haben? Er sa&szlig; ganz ruhig mit seinem B&uuml;chschen
+in der Hand da, w&auml;hrend Herr Pf&auml;ffling aufgeregt im Zimmer
+hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen konnte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Endlich, endlich h&ouml;rte man, da&szlig; die T&uuml;re des Schlafzimmers
+aufgeschlossen wurde, Herr Pf&auml;ffling eilte hinaus in
+den Vorplatz, die Mutter ihm nach. Da kamen schon die
+beiden &Auml;rzte auf sie zu und der Hausarzt rief ihnen entgegen:
+&raquo;Nun, da h&auml;tten wir ja die verlorene Kugel wieder,&laquo; und
+er hielt hoch in der Hand, da&szlig; es alle sehen konnten, die
+rote Kugel! Der Mutter st&uuml;rzten die Tr&auml;nen aus den
+Augen. &raquo;Darf ich hinein?&laquo; fragte sie und war schon durch
+die T&uuml;re und bei dem kleinen Liebling, ehe sie Antwort
+bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem Bettchen
+und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester
+sagte zu der besorgten Mutter: &raquo;Seien Sie nur ganz getrost,
+es ist so gut gegangen, die &Auml;rzte sind ganz zufrieden.&laquo;</p>
+
+<p>Leise, leise schlichen sich allm&auml;hlich alle Kinder herein,
+w&auml;hrend drau&szlig;en die &Auml;rzte mit dem Vater sprachen. Die
+gro&szlig;en Br&uuml;der, die Zwillingsschwestern, jedes wollte das
+Elschen sehen. Da konnte der kleine Frieder nicht beikommen
+und das Schwesterchen nicht sehen. Er wollte
+hinausschl&uuml;pfen, aber die Herren standen unter der T&uuml;re.
+Der Arzt bemerkte ihn. &raquo;Das ist der Kleine,&laquo; sagte er
+zu dem Chirurgen, &raquo;ein kluges, aufmerksames Kind, dem
+verdankt die kleine Schwester gewisserma&szlig;en das Leben.&laquo;
+&raquo;Ja,&laquo; sagte Herr Pf&auml;ffling, &raquo;das kommt daher, da&szlig; er
+sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Kl&uuml;gste,
+da mu&szlig; die Liebe den schlummernden Verstand geweckt
+haben.&laquo; Die Geschwister alle h&ouml;rten das, sie wandten sich
+Frieder zu und sahen ihn staunend an. Dieser selbst beachtete
+das nicht, er hatte ein anderes Anliegen, und da
+er sah, da&szlig; die &Auml;rzte ihn freundlich anblickten, wagte er
+es vorzubringen. Er streckte das B&uuml;chslein hin, in dem
+die vier Kugeln waren und sagte: &raquo;Da herein geh&ouml;rt die
+rote Kugel!&laquo;</p>
+
+<p>Das Elschen erholte sich so schnell, da&szlig; es schon nach
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>einigen Tagen wieder ganz lustig und munter war, und
+Herr Pf&auml;ffling r&uuml;stete sich abermals zur Reise. Ohne Sorge
+konnte er sein T&ouml;chterchen verlassen, das noch im Bett lag,
+aber fr&ouml;hlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte
+dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern
+begleiteten den Vater an die Bahn, die Br&uuml;der
+sollten ihn daf&uuml;r bei der Heimkehr abholen. Als Frau
+Pf&auml;ffling allein die Treppe wieder herauf und ins Zimmer
+kam, sagte sie zu ihren drei Gro&szlig;en: &raquo;Gottlob, da&szlig; des
+Vaters Reise doch noch zustande gekommen ist,&laquo; und sie
+fing an, den Tisch abzur&auml;umen, an dem der Vater noch
+eine kleine Mahlzeit eingenommen hatte.</p>
+
+<p>Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben
+war, herein, nahm seine Ziehharmonika und spielte
+ein Lied. Aber mitten in der Melodie unterbrach er sich
+und fragte: &raquo;Wann reist denn der Vater fort?&laquo; Da sahen
+ihn alle an, lachten und fragten: &raquo;Hast du&#8217;s nicht gemerkt,
+da&szlig; der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und
+Elschen auch verabschiedet. Bist du denn doch wieder
+unser Dummerle? Und der Vater hat erst gesagt, niemand
+darf dich mehr so hei&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine
+Melodie wieder auf, wo er sie unterbrochen hatte, und
+spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf das Klavier und
+sagte langsam: &raquo;Weil doch da oben noch die Karte vom
+Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.&laquo;
+Was gab es f&uuml;r einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen
+Worten! Die Mutter, die Geschwister, alle waren in einem
+Augenblick am Klavier: richtig, da lag die Karte; wie
+war es m&ouml;glich, da&szlig; der Vater die vergessen hatte! Dann
+ein Blick auf die gro&szlig;e Wanduhr &#8211; reicht es noch, kann
+man noch vor Abgang des Zuges an die Bahn kommen,
+dem Vater die Karte bringen? &raquo;Es geht nicht mehr,&laquo; meint
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>die Mutter. &raquo;Es geht, es geht,&laquo; meint einer der Jungen
+und nimmt schon die Karte, rei&szlig;t die M&uuml;tze vom Nagel
+und hinaus zur T&uuml;re: &raquo;Ich kann schneller laufen,&laquo; &raquo;und
+ich l&auml;nger,&laquo; ruft der Zweite und Dritte, und einer hinter
+dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit einem Gepolter,
+da&szlig; sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann
+sagte: &raquo;So ein Gepolter d&uuml;rfen die Kinder nicht anfangen,
+es ist besser, wenn man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.&laquo;
+Der Hausherr meinte das auch und ging an die
+T&uuml;re, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen davon
+und man h&ouml;rte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht
+wurde und Frau Pf&auml;ffling ihren Jungen nachrief:
+&raquo;Rennt nur, was ihr k&ouml;nnt, es kann noch reichen!&laquo; Aber
+die drei h&ouml;rten schon nichts mehr und waren im Nu um
+die Ecke. &raquo;Es mu&szlig; etwas Besonderes los sein,&laquo; sagte die
+Hausfrau zu ihrem Mann, &raquo;da kann man nicht zanken.&laquo;</p>
+
+<p>Der Musiklehrer Pf&auml;ffling war zeitig an die Bahn
+gegangen, er konnte sich in Ruhe einen guten Platz im
+Zug w&auml;hlen, stieg ein und plauderte durchs offene Fenster
+mit seinen zwei T&ouml;chtern. Nun reichte er ihnen noch die
+Hand heraus zum Abschied: &raquo;Gr&uuml;&szlig;t mir die Mutter noch
+einmal und das Elschen, und nun geht nicht so nahe an
+den Zug, er wird gleich abfahren, da&szlig; nicht noch ein Ungl&uuml;ck
+geschieht&nbsp;&#8211;&laquo; &raquo;Und du wieder nicht reisen kannst,&laquo;
+sagte eine der Schwestern. &raquo;Ja, diesmal hat&#8217;s schwer gelingen
+wollen, gottlob, da&szlig; ich soweit bin.&laquo; &raquo;Fertig!&laquo;
+rief der Zugf&uuml;hrer, und der Bahnbeamte setzte eben das
+Pfeifchen an den Mund, um das Zeichen zur Abfahrt zu
+geben, da st&uuml;rzte auf den Bahnsteig heraus ein Bub, atemlos,
+schwei&szlig;triefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und
+riefen schon von der Ferne: &raquo;Vater, Vater!&laquo; Der dritte
+war nicht nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh
+verloren. Der Zugf&uuml;hrer empfand ein menschliches R&uuml;hren,
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>er war doch auch Vater; wenn zwei Kinder so nach dem
+Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden z&ouml;gern. Er
+nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden
+sahen auf die heranst&uuml;rmenden Jungen, auch Pf&auml;ffling erblickte
+sie, und wie der Blitz durchfuhr ihn der Gedanke:
+&raquo;Es ist etwas geschehen &#8211; du kannst nicht reisen &#8211; das
+Elschen ist wieder krank!&laquo; Da hatte sein &Auml;ltester den
+Wagen erreicht, streckte ihm etwas entgegen: &raquo;Die Karte!&laquo;
+Der Pfiff ert&ouml;nte, der Zug fuhr ab und noch aus weiter
+Ferne sahen die Kinder, wie der Vater sie gr&uuml;&szlig;te und
+ihnen fr&ouml;hlich zuwinkte mit der Karte vom Fichtelgebirge!</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a></p>
+<h2><a name="Hoch_droben" id="Hoch_droben"></a>Hoch droben.</h2>
+
+
+<p>In Berlin war an einem hei&szlig;en Juninachmittag ein
+Dachdecker auf dem Dache eines vierst&ouml;ckigen Hauses besch&auml;ftigt.
+Am Rand des Daches sa&szlig; er und setzte neue
+Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden waren.
+Manchmal sah einer der Vor&uuml;bergehenden von der Stra&szlig;e
+herauf nach dem jungen Mann in der schwindelnden H&ouml;he.
+Der Dachdecker aber blickte nicht hinunter, er sah nur auf
+das Dach mit seinen vielen Pl&auml;ttchen, die gl&uuml;hend hei&szlig;
+wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die
+Arbeit von der Hand. Die Hitze wurde immer dr&uuml;ckender,
+die Sonne stach durch die Wolken; jetzt hielt er mit seiner
+Arbeit inne. Eine lange Reihe Pl&auml;ttchen hatte er eingesetzt,
+nun kam die n&auml;chste Reihe. Er legte sein Werkzeug
+aus der Hand, wischte sich den Schwei&szlig; von der
+Stirne und ruhte einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf
+die Stra&szlig;e, wo die Wagen fuhren und die Menschen
+wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,
+wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schlo&szlig; die Augen
+und ruhte. Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken,
+ein tiefer Schatten fiel aufs Dach und der junge Arbeiter
+schlief ein.</p>
+
+<p>Dachdecker, h&uuml;te dich, deine Arbeit ist gef&auml;hrlich, deine
+Ruhe ist&#8217;s noch mehr!</p>
+
+<p>Drunten in der Stra&szlig;e wogten die Menschen hin und
+her, bis ein Mann pl&ouml;tzlich stehen blieb. Er hatte nach
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>der dunkeln Wolke geschaut, die sich am Himmel zusammenballte,
+und da hatte er die Gestalt auf dem Dache wahrgenommen.
+Andere Vor&uuml;bergehende folgten unwillk&uuml;rlich
+seinem Blick und blieben ebenso an den Platz gebannt
+stehen wie der erste. Was war dem Mann? Er lag da
+wie tot. Nein, jetzt r&uuml;hrte er sich ein wenig; der Arm,
+den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter
+&uuml;ber das Dach. Das Gesicht war halb verdeckt von der
+M&uuml;tze. Schlief er oder war er vom Hitzschlag getroffen?
+Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer
+mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die H&ouml;he
+blickte zu dem in Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute
+kamen hinzu. &raquo;Der Mann mu&szlig; gerettet werden,
+aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,
+von unten wird&#8217;s besser gehen, mit der Leiter, mit der
+gro&szlig;en Feuerwehrleiter; man mu&szlig; die Feuerwehr benachrichtigen,
+aber schnell, schnell; wenn der Mann eine Bewegung
+macht, so st&uuml;rzt er herunter in die Tiefe!&laquo;</p>
+
+<p>Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen
+f&uuml;llt sich die ganze Stra&szlig;e, Kopf an Kopf steht
+die Menge, Wagen halten, sie k&ouml;nnen nicht durch das Gedr&auml;nge
+kommen. Aber trotzdem ist alles still und von
+Mund zu Mund geht die Losung: &raquo;Nur leise, da&szlig; der
+Mann nicht unruhig wird, sonst ist er verloren.&laquo; Ergreifend
+ist die Stille und die Spannung.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: &raquo;Macht
+Platz, eine Frau ist ohnm&auml;chtig geworden. Es ist seine
+Mutter,&laquo; sagen die Leute, &raquo;macht Platz f&uuml;r die Mutter.&laquo;
+Sie ist&#8217;s ja nicht, sie ist ein ehrsames altes J&uuml;ngferlein,
+aber die Leute meinen es und machen willig und teilnahmsvoll
+Platz.</p>
+
+<p>Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie
+ist doch sonst so schnell zur Stelle. In Wahrheit sind
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>erst ein paar Minuten verstrichen, seit man sie benachrichtigt
+hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und jetzt saust
+sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der M&auml;nner
+gl&auml;nzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter
+aufgestellt, das gro&szlig;e Rad gedreht, bis die Leiter sich h&ouml;her
+und immer h&ouml;her aufrichtet und die obersten Sprossen endlich
+ganz nahe der Stelle am Dach kommen, wo der Mann liegt.
+Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken
+folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der ge&uuml;bte
+Steiger in die schwindelnde H&ouml;he kommt, wie er sich seinem
+Ziele n&auml;hert und nun, am Dach angelangt, von der Leiter
+aus sich rasch und fest gegen den Daliegenden stemmt.</p>
+
+<p>Die Ber&uuml;hrung weckte den Schl&auml;fer, er schlug die
+Augen auf und sah mit Staunen einen Feuerwehrmann
+auf der Leiter vor sich. Der aber rief in demselben Augenblick:
+&raquo;Vorsicht, oder Sie fallen!&laquo; und fest dr&uuml;ckte er die
+H&auml;nde gegen den Arbeiter.</p>
+
+<p>&raquo;Keine Angst,&laquo; sagte der Dachdecker, &raquo;lassen Sie mich
+nur aufstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon recht, wenn Sie k&ouml;nnen! Wo fehlt&#8217;s denn,
+warum liegen Sie da? Ich glaube wahrhaftig, Sie sind
+da oben eingeschlafen.&laquo;</p>
+
+<p>Und ein wenig besch&auml;mt sagte der junge Mann: &raquo;Es mu&szlig;
+schon so sein, es war so hei&szlig;, ich wollte nur ein wenig ruhen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das h&auml;tte Ihnen das Leben kosten k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er
+drunten in der Stra&szlig;e die Volksmenge, die, als der Arbeiter
+sich erhob, in Bewegung geriet und laut ihrer Freude Ausdruck
+gab. Den jungen Mann &uuml;berkam eine m&auml;chtige Bewegung,
+als er sah, wie um seiner armen Person willen
+ein solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den
+&auml;u&szlig;ersten Rand, zog seine M&uuml;tze vom Kopf, schwang sie
+in die Luft und rief laut hinunter: &raquo;Hurra!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Und fr&ouml;hlich klang es aus vielen Kehlen wieder:
+&raquo;Hurra, Hurra!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,&laquo; sagte der
+Feuerwehrmann, &raquo;da&szlig; nicht zuletzt doch noch ein Ungl&uuml;ck
+geschieht,&laquo; aber der Dachdecker deutete auf die Schieferpl&auml;ttchen:
+&raquo;Ich kann noch nicht Feierabend machen,&laquo; sagte
+er, &raquo;ich mu&szlig; an die Arbeit gehen und mein Weg f&uuml;hrt
+durch die Dachluke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also gut,&laquo; sagte der Feuerwehrmann, &raquo;schlafen Sie
+nicht noch einmal ein auf dem Dache.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Lebtag nimmer,&laquo; sagte der Dachdecker, &raquo;ich
+mach&#8217; meinen Dank f&uuml;r die Lebensrettung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon recht.&laquo; Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die
+Menge drunten verlief sich, die gro&szlig;e Leiter wurde weggefahren,
+bald hatte die Stra&szlig;e wieder ihr gew&ouml;hnliches
+Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
+Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand,
+er war nicht mehr m&uuml;de, hatte er doch ein gutes Schl&auml;fchen
+gemacht; auch kamen ihm allerlei Gedanken &uuml;ber die Gefahr,
+in der er geschwebt hatte, &uuml;ber die hilfreichen Menschen
+und &uuml;ber Gott den Herrn!</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a></p>
+<h2><a name="Im_Thueringer_Wald" id="Im_Thueringer_Wald"></a>Im Th&uuml;ringer Wald.</h2>
+
+
+<p>Im Th&uuml;ringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen,
+liegt das D&ouml;rflein Oberhain. Kleine, schiefergraue H&auml;uslein
+ohne Scheunen und St&auml;lle, ohne G&auml;rten und Felder stehen
+eins neben dem andern dicht am Berg, im Schatten der
+nahen Waldb&auml;ume. Wenn im Fr&uuml;hjahr die kleinen Kartoffel&auml;cker
+bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist
+die Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln
+der Sensen, denn es gibt kein Heu auf den kleinen, nassen
+Wiesen. Im Herbst sieht man keinen Erntewagen, denn
+niemand hat Garben einzubringen; im Winter h&ouml;rt man
+nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine
+Viehherde zieht durchs Dorf, nur ein paar Gei&szlig;en grasen
+da und dort oder ein Schweinlein l&auml;&szlig;t sein Grunzen vernehmen.
+So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber doch
+leben Leute genug in den schieferbedeckten H&auml;uschen, Leute,
+die von fr&uuml;h bis sp&auml;t flei&szlig;ig sind. Was m&ouml;gen sie wohl
+treiben?</p>
+
+<p>Es war im Juni des Jahres 1900 fr&uuml;h am Morgen.
+Aus der T&uuml;re eines der H&auml;uschen trat eine kleine Frau; sie
+war nicht kr&auml;ftig und rotbackig wie eine B&auml;uerin, schm&auml;chtig
+und bla&szlig; sah sie aus; doch ging sie ganz munter ums Haus
+und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen,
+ein B&uuml;schel. Die T&uuml;re hatte sie weit offen stehen lassen
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>und man konnte durch dieselbe in das Zimmer sehen und
+in die Kammer daneben. In dieser standen zwei Betten.
+Aus dem einen war eben die Frau herausgeschl&uuml;pft und
+der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei
+Kinder; eigentlich geh&ouml;rte wohl noch ein drittes hinein, aber
+das war offenbar herausgefallen, denn es lag auf dem
+Boden, war halb unter die Bettstatt hinuntergekugelt, schlief
+aber dort unten ganz ruhig weiter.</p>
+
+<p>Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam
+und Feuer im Ofen anmachte, verlie&szlig; der Mann das Bett,
+kleidete sich an, hob den kleinen Kerl unter der Bettstatt
+hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu seiner Frau:
+&raquo;Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
+gesehen, da&szlig; er auf dem Boden gelegen ist?&laquo; &raquo;Wohl,&laquo;
+sagte die Frau, &raquo;aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm
+nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, im Sommer tut sich&#8217;s noch, aber die Kinder
+werden alle Tag&#8217; gr&ouml;&szlig;er, sie haben zu dritt nimmer Platz
+in dem Bett, wie soll&#8217;s im Winter werden?&laquo; &raquo;Geh, sorg
+dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten herum,&laquo; sagte
+munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll Kartoffeln
+aufs Feuer.</p>
+
+<p>Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast
+alle zur gleichen Zeit und bald sa&szlig; die ganze Familie eintr&auml;chtig
+um den Tisch. Mit dem Anrichten der Kartoffeln
+machte die Hausfrau nicht viele Umst&auml;nde, sie wurden
+mitten auf den Tisch gesch&uuml;ttet, da kollerten sie schon von
+selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und a&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den
+Schalen hinein,&laquo; sagte Marie, die Sechsj&auml;hrige. Aber die
+Mutter lachte blo&szlig;: &raquo;Er denkt halt, so geben sie mehr
+aus,&laquo; sagte sie. &raquo;Geh, Marie, sch&auml;l du sie dem Johann,&laquo;
+mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>lange hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen
+bekam der Kleine immerhin noch mit zu essen.</p>
+
+<p>Nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck wischte Frau Greiner mit beiden
+Armen den Tisch ab, da&szlig; die Kartoffelschalen nach rechts
+und links auf den Boden flogen und rieb mit ihrer Sch&uuml;rze
+dar&uuml;ber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen gegangen,
+in dem trotz des warmen Junimorgens noch das
+Feuer brannte. Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher
+Duft ausstr&ouml;mte: Aus alten Papierabf&auml;llen und Kreide,
+aus Mehl und Leimwasser r&uuml;hrte da Greiner einen wunderlichen
+Brei zusammen und bald brodelte die Masse und erf&uuml;llte
+mit ihrem Dunst das ganze St&uuml;bchen. Papiermasch&eacute;
+war es, das er da bereitet hatte, und nun ging er an seine
+Arbeit. Er hatte neben sich eine Anzahl von Formen, so
+etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn sie mit
+Sand spielen. Sie f&uuml;llen ihre F&ouml;rmchen mit dem feuchten
+Sand und pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umst&uuml;rzen,
+so stehen kleine T&ouml;rtchen oder dergleichen da. So
+f&uuml;llte Greiner in seine Formen das Papiermasch&eacute;, dr&uuml;ckte es
+fest an, und was herauskam, das waren Puppenk&ouml;pfe,
+lauter Puppenk&ouml;pfe. Sch&ouml;n sahen diese noch nicht aus, sie
+waren wei&szlig; und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig
+mu&szlig;ten sie zum Trocknen auf die St&auml;bchen gesteckt
+werden, die an Brettern rings um den Ofen gestellt waren.
+So sa&szlig; nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner stundenlang
+zwischen dem &uuml;belriechenden Brei und all den dampfenden
+K&ouml;pfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge
+war krank geworden von der schlechten Luft.</p>
+
+<p>Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch
+sauber gemacht. Bald lag auf demselben ein Ballen
+wei&szlig;en Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu Puppenk&ouml;rpern
+herausschnitt; das ging so flink, im Nu war
+ein ganzer Sto&szlig; geschnitten. Dann ging&#8217;s ans N&auml;hen;
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>ringsum mu&szlig;te der Balg zugen&auml;ht werden, nur oben,
+wo sp&auml;ter der Kopf darauf kommt, blieb er offen. War
+er gen&auml;ht, so mu&szlig;te er umgewendet werden, aber das
+tat Frau Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar.
+Jetzt lagen ein paar B&auml;lge fertig gen&auml;ht da. &raquo;Philipp,
+da komm her,&laquo; rief die Mutter dem F&uuml;nfj&auml;hrigen zu, &raquo;umwenden!
+Philippchen, umwenden!&laquo;</p>
+
+<p>Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit
+dem dreij&auml;hrigen Bruder, dem Johann, auf dem Boden
+herum; da war so allerlei: S&auml;gsp&auml;ne, die man beim Ausstopfen
+der Puppenk&ouml;rper verstreut hatte, Papierabf&auml;lle
+und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das
+alles zusammengekehrt, unter der Woche g&ouml;nnte sich Frau
+Greiner nicht die Zeit. Und heute war Freitag, da waren
+schon Abf&auml;lle aller Art auf dem Boden und damit unterhielten
+sich die zwei Kleinen.</p>
+
+<p>&raquo;Philippchen, geh zur Mutter,&laquo; sagte jetzt der Vater,
+&raquo;wenn die Marie aus der Schule heimkommt, dann darfst
+du wieder springen, aber jetzt mu&szlig;t du halt dran, da hilft
+nichts.&laquo; Das Philippchen setzte sich nun auf die Bank
+am Tisch und nahm einen der gen&auml;hten Puppenb&auml;lge.
+Er st&uuml;lpte ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine
+m&uuml;hsame Arbeit: die &Auml;rmchen und Beinchen umzukehren;
+doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das besser
+als gro&szlig;e Leute. Wenn er nur auch immer flei&szlig;ig weiter
+gearbeitet h&auml;tte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er
+seine H&auml;nde ruhen lie&szlig;:</p>
+
+<p>&raquo;Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen
+zu ihm nach Sonneberg komme und kann nicht so viel
+abliefern, als ich versprochen habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagt er dann, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagt er, &raquo;so wenig B&auml;lge bringt Ihr? Der Korb
+ist ja nur halb voll.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>&raquo;Was sagst du dann, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sag&#8217; ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein
+Philipp ist halt so faul.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagt dann der Herr, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sagt er: <ins class="correction" title="Transcriber's note: changed from double to single quote">&#8250;Euch</ins> geb&#8217; ich keine Arbeit mehr, da
+geb&#8217; ich&#8217;s lieber dem Haldengreiner, der ist <ins class="correction" title="Transcriber's note: changed from double to single quote">flei&szlig;iger.&#8249;</ins></p>
+
+<p>&raquo;Und dann, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann m&uuml;ssen wir alle Hungers sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Auf das hin regte Philipp flei&szlig;ig seine Fingerlein
+und sah eine ganze Weile nicht von seiner Arbeit auf.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein Elend, da&szlig; man&#8217;s mit allem Flei&szlig; nicht
+weiter bringt,&laquo; fing der Hausvater nach einer Weile an.</p>
+
+<p>&raquo;Warte nur, es kommt schon besser,&laquo; sagte die Frau,
+&raquo;am letzten Samstag ist in Sonneberg allgemein die Rede
+gewesen, da&szlig; aus Amerika gro&szlig;e Bestellungen gekommen
+sind, da gibt&#8217;s Arbeit genug!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hilft&#8217;s, wenn&#8217;s nicht besser bezahlt wird? Wir
+bringen doch nicht mehr fertig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig;t nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon
+drei Jahre, mit vier kann man ihn schon anweisen und
+mit f&uuml;nf hilft er so viel wie der Philipp!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r mu&szlig; der dann in die Schule, das gibt auch
+wieder einen Ausfall in der Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die paar Schulstunden mu&szlig;t nicht so rechnen,&laquo; sagte
+die Frau, &raquo;die bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner
+sein Achtj&auml;hriger, der hat schon manche Nacht
+durchgeschafft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; schon, dann schlafen sie in der Schul&#8217;, soll gar
+nicht gut sein f&uuml;r die Kinder; dumm und schwach bleiben
+sie, hat der alte Lehrer gesagt, und der neue Lehrer sagt&#8217;s
+auch und er hat recht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geh zu, was der Lehrer sagt, mu&szlig;t nicht so anschlagen,
+er m&ouml;cht&#8217; halt, da&szlig; die Kinder lernen. Der alte
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>hat&#8217;s immer gewollt, und der neue ist auch nicht besser.
+Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ist&#8217;s nicht wahr, da&szlig; wir Leute schwach sind?
+Sogar der Schulz sagt, die wenigsten von unseren Burschen
+geben Soldaten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja
+seit drei&szlig;ig Jahren Frieden im Land!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau lachte. &raquo;Wird halt der Lehrer recht haben,
+da&szlig; wir dumm sind. Aber wieviel N&auml;chte hab&#8217; ich auch
+schon durchgeschafft! Aber was willst denn machen? Wir
+k&ouml;nnen&#8217;s doch nicht &auml;ndern. Geh, stopf du dir die Pfeife,
+da&szlig; dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag
+bring&#8217; ich dir wieder ein P&auml;ckchen Tabak mit.&laquo;</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Der</em> Trost verfing am besten; &uuml;ber den Qualm der
+Pfeife kam der sorgliche Hausvater in gem&uuml;tliche Stimmung.</p>
+
+<p>Inzwischen wurde es immer dumpfer und hei&szlig;er in
+dem St&uuml;bchen; der Johann wollte auch nicht mehr gut
+tun, da kam gerade zur rechten Zeit die Schwester aus der
+Schule heim. Sie hatte noch nicht die B&uuml;cher abgelegt,
+als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf,
+den er eben in Arbeit hatte: &raquo;Da, Marie,&laquo; rief er, &raquo;jetzt
+komm du her.&laquo; &raquo;Halt,&laquo; sagte der Vater, &raquo;zuerst m&uuml;ssen
+die K&ouml;pfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst du noch
+sitzen, Philipp.&laquo; Der kleine f&uuml;nfj&auml;hrige Arbeiter setzte sich
+mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm
+eines der Bretter, auf dem die K&ouml;pfe standen, und trug sie
+hinaus. Sie wu&szlig;te schon, wie sie&#8217;s zu machen hatte: am
+Gartenzaun wurde ein K&ouml;pfchen neben dem andern aufgesteckt,
+auch auf die Fensterbretter au&szlig;en wurden sie zum
+Trocknen gestellt, &uuml;berall, wo irgend ein Platz zu finden
+war. An sonnigen Tagen waren gar viele G&auml;rten und
+H&auml;user im Dorf so eigenartig geschm&uuml;ckt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Jetzt kam Marie wieder zur&uuml;ck in die Stube; der kleine
+Philipp sah begierig auf, ob ihn die Schwester nun abl&ouml;sen
+w&uuml;rde. Die aber nahm ihre Schiefertafel, ihr Schulbuch
+und ihren Griffel und machte alle Anstalten, ihre
+Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
+Einsprache: &raquo;Was f&auml;llt dir denn ein, Marie,&laquo; rief die Mutter,
+&raquo;gerad&#8217; nur von der Schul&#8217; heim und wieder schreiben, du
+bist wohl nicht recht bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit
+h&auml;tten! Elias, siehst nicht den &Uuml;bermut?&laquo; rief sie dem
+Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
+dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die
+Einsprache; sie war auch nicht mehr n&ouml;tig, denn der Philipp
+fing so laut an zu heulen, da&szlig; Marie ihren &raquo;&Uuml;bermut&laquo;
+aufgab, die B&uuml;cher beiseite schob und des kleinen Bruders
+Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.</p>
+
+<p>&raquo;So, Philippchen,&laquo; sagte die Mutter, &raquo;jetzt gehst du
+in die Wirtschaft und holst um zwanzig Pfennige Speck zu
+Mittag; nimmst auch den Johann mit, da&szlig; er auch sein
+Vergn&uuml;gen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Rock mu&szlig;t ihm halt anziehen, er liegt in der
+Kammer auf dem Bett.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, der hat schon gestern keinen H&auml;ckel mehr gehabt,
+den kann man nimmer zumachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du
+nicht eine Stecknadel findest, da&szlig; der Rock so lange h&auml;lt,
+bis ihr wieder heimkommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nntest nicht so einen H&auml;ckel hinn&auml;hen?&laquo; fragte der
+Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist halt alles zerrissen,&laquo; sagte die Mutter, &raquo;aber am
+Sonntag will ich&#8217;s schon richten. Johann, gelt, tust dein R&ouml;ckchen
+sch&ouml;n halten, da&szlig; es auf der Gasse nicht herunterf&auml;llt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>&raquo;Was fragst so dumm, Philipp, du wei&szlig;t doch, da&szlig;
+am Freitag das Geld aus ist; sag nur, die Mutter zahlt&#8217;s
+morgen, wenn sie von Sonneberg mit dem Geld heimkommt.&laquo;
+Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
+H&auml;ndchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel,
+die der Philipp gefunden hatte, taugte nicht viel und der
+Rock wollte immer herunterrutschen auf dem Weg zum
+Wirt, der zugleich der Metzger war.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man&#8217;s doch richten k&ouml;nnt&#8217;,&laquo; sagte Greiner zu seiner
+Frau, &raquo;da&szlig; man immer gleich bezahlen t&auml;te, was man holt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Wirt borgt gern,&laquo; entgegnete die Frau leichthin.</p>
+
+<p>&raquo;Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt
+zehn, wenn er hat borgen m&uuml;ssen, und der Kr&auml;mer macht&#8217;s
+auch so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist&#8217;s halt, Elias, das kannst doch nicht &auml;ndern,
+es war immer schon so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber anders w&auml;r&#8217;s halt doch besser. Wenn man nur
+ein einziges Mal ein klein S&uuml;mmchen ins Haus bek&auml;m&#8217;,
+da&szlig; man das alte zahlen k&ouml;nnt&#8217; und das neue auch; von
+da an d&uuml;rft&#8217; mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
+Lot Kaffee. Aber wir bringen&#8217;s nie zu einem S&uuml;mmchen
+und wenn wir uns die Finger wund arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So red&#8217; doch nicht so viel, mu&szlig;t sonst doch nur
+husten, wer kann&#8217;s denn wissen, ob&#8217;s nicht einmal besser
+kommt? Deine Schwester ist doch auch eine reiche Frau
+geworden und lebt in K&ouml;ln am Rhein und mu&szlig; gar nichts
+arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die hat ihr Gl&uuml;ck gemacht, aber an uns denkt sie
+nicht; das macht halt, sie ist so jung schon fortgekommen
+und hat unser Elend vergessen, die wei&szlig; gar nicht, wie
+wohl unsereinem einmal ein Goldst&uuml;cklein t&auml;t! Schon lang
+hat sie nichts geschickt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie auch gar so weit weg ist!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>&raquo;Von K&ouml;ln aus k&ouml;nnt&#8217; man schon etwas schicken; unsere
+Puppen schickt man doch sogar bis nach Amerika.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe
+alle Tage her&uuml;ber und hin&uuml;ber und am Samstag kannst
+in <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Sonnenberg'">Sonneberg</ins> oft genug so einen Herrn aus Amerika
+sehen und aus England auch; aber aus K&ouml;ln kommt keiner,
+das mu&szlig; viel weiter weg sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viel n&auml;her ist&#8217;s, Frau, das k&ouml;nntest auch wissen, nach
+Amerika mu&szlig;t &uuml;bers Meer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nach K&ouml;ln wirst &uuml;ber den Rhein m&uuml;ssen, der
+soll auch so ein gro&szlig;es Wasser sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ist doch nur ein Flu&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen, ich hab&#8217; auch keinen Flu&szlig; und kein
+Meer gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten,
+die Unterhaltung. Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu,
+und um 12 Uhr legte die ganze Familie f&uuml;r ein St&uuml;ndchen
+die eint&ouml;nige Arbeit beiseite und die m&uuml;den H&auml;nde
+durften ein wenig ruhen.</p>
+
+<p>&raquo;Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe
+schreiben wollen?&laquo; fragte Vater Greiner sein Schulm&auml;dchen.
+Marie wollte nicht heraus mit der Sprache. &raquo;Warum,
+sag&#8217;s, bist abgestraft worden? Hast doch gestern abend
+geschrieben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete Marie, &raquo;aber der Lehrer hat&#8217;s nicht
+lesen k&ouml;nnen; ich soll&#8217;s bei Tag schreiben, sagt er, gleich
+zuerst. Denn was wir bei der Nacht schreiben, k&ouml;nne er
+gar nicht lesen, so schlecht sei&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wart nur,&laquo; tr&ouml;stete die Mutter, &raquo;im Winter, wenn
+die stille Zeit kommt und keine Arbeit im Haus, dann
+kannst schreiben, wann du willst, den ganzen Tag. Aber
+jetzt geht&#8217;s halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit f&uuml;r
+uns, da mu&szlig; schon der Lehrer nachgeben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn
+im Sommer werden die Puppen gemacht, die im Winter
+auf dem Weihnachtstisch liegen sollen. Bis sp&auml;t in die Nacht
+hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um alles
+fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie fr&uuml;he auf.
+Da wurde der riesengro&szlig;e Huckelkorb vollgepackt mit all
+den fertigen Puppenk&ouml;rpern, die K&ouml;pfe wurden in gro&szlig;en
+Schachteln noch oben auf den Korb geschn&uuml;rt und ein langes
+Tuch dar&uuml;ber gebunden. Solch einen Korb aufzuhuckeln,
+ist ein ganzes Kunstst&uuml;ck, und mancher kr&auml;ftige Mann m&ouml;chte
+die B&uuml;rde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
+schw&auml;chlich sie erschien, war von Jugend auf gew&ouml;hnt, die
+Last zu tragen, und nahm sie auch heute fr&ouml;hlich auf sich.
+Ihr Mann zog noch sorglich die Schnur fest, da&szlig; nichts
+ins Wanken geraten konnte von den oben aufgepackten
+Schachteln, die hoch &uuml;ber den Kopf der Frau hinausragten,
+und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wu&szlig;ten schon, da&szlig;
+der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die
+Mutter die Arbeit ablieferte und neue heimbrachte, und
+Geld dazu f&uuml;r die ganze Woche. Ein gut St&uuml;ck Weg
+liefen sie neben ihr, dann mu&szlig;ten sie umkehren, aber diesmal
+nicht alle. F&uuml;r Marie war heute ein besonderer
+Samstag vor andern, sie durfte mit in die Stadt, und die
+Mutter wollte f&uuml;r sie einen eigenen Huckelkorb einkaufen,
+damit sie k&uuml;nftig helfen k&ouml;nnte tragen, wenn es gar zu viel
+f&uuml;r die Mutter w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs
+D&ouml;rfchen. Aber sie blieben nicht lange allein, denn da
+und dort kamen aus den kleinen H&auml;usern Frauen und
+M&auml;dchen mit schwerbeladenen Huckelk&ouml;rben und mit kleinen
+Handwagen; sie zogen alle dieselbe Stra&szlig;e nach Sonneberg.
+Zwischen den sch&ouml;nen Waldbergen hindurch gingen sie geb&uuml;ckt
+unter der Last, aber doch in fr&ouml;hlichem Geplauder,
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>und als sie in die N&auml;he der Stadt kamen, sahen sie von
+anderen Ortschaften her &auml;hnliche Gestalten der Stadt
+zupilgern.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter, was haben die in ihren K&ouml;rben? Die tragen
+nicht so schwer wie du,&laquo; fragte Marie. &raquo;Das sind die von
+Lauscha,&laquo; sagte Frau Greiner, &raquo;die machen Glaskugeln
+und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
+nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt pa&szlig; auf, der dort
+mit dem schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind
+am besten bezahlt.&laquo; Achtungsvoll sahen Mutter und
+Tochter nach dem Mann mit dem schweren Korb.</p>
+
+<p>Nun machte die Stra&szlig;e eine Biegung und Sonneberg,
+die freundliche Stadt, erschien mit ihren sch&ouml;nen, schiefergedeckten
+H&auml;usern mitten unter gr&uuml;nen H&uuml;geln. Hier
+str&ouml;mten von allen Seiten die Bewohner der umliegenden
+Ortschaften zusammen und suchten die gro&szlig;en Gesch&auml;fte
+auf, die aus den abgelieferten K&ouml;pfen, K&ouml;rpern und Gliedern
+die Puppen fertig machen und in alle Welt hinaus versenden.
+Marie ging neben der Mutter her, sah nach den
+sch&ouml;nen H&auml;usern hinauf und las die Aufschriften: &raquo;Spielwarenfabrik&laquo;
+hie&szlig; es an dem einen, &raquo;Fabrik gekleideter
+Puppen&laquo; an dem andern, und so fort; die ganze Stadt
+schien wegen der Puppen da zu sein. Dar&uuml;ber wunderte
+sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast alle Menschen,
+die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.</p>
+
+<p>Jetzt endlich waren sie an <em class="gesperrt">der</em> Fabrik angelangt, f&uuml;r
+die Greiner arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie
+ihrer Mutter durch das gro&szlig;e Eingangstor in den Hofraum
+und durch eine T&uuml;r in ein Arbeitszimmer, in dem
+schon mehrere Frauen und M&auml;dchen standen und warteten.</p>
+
+<p>Eine Frau packte eben die Puppenk&ouml;rper aus, die sie
+gebracht hatte, und ein Herr mit der Brille auf der Nase
+sah einen jeden pr&uuml;fend an, warf ihn dann neben sich in
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>einen gro&szlig;en Kasten und z&auml;hlte dabei. Die Frau sah
+&auml;ngstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der K&ouml;rper beiseite
+und am Schlu&szlig; noch einen.</p>
+
+<p>&raquo;Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, m&uuml;ssen
+noch einmal aufgetrennt werden.&laquo; Die Frau legte sie stillschweigend
+wieder in ihren Korb, bekam dann einen Zettel,
+auf dem stand, wieviel sie abgeliefert hatte, und ging mit
+diesem in das n&auml;chste Zimmer, wo sie ausbezahlt wurde
+und neue Auftr&auml;ge f&uuml;r die n&auml;chste Woche erhielt. So kam
+eine der Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau
+Greiner lieferte ab. Ihre Arbeit wurde tadellos befunden
+und vergn&uuml;gt strich sie ihr Geld ein. F&uuml;r die n&auml;chste
+Woche gab&#8217;s Arbeit genug, fast mehr als Frau Greiner
+versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?&laquo; fragte
+Marie, als sie aus dem Zimmer waren. &#8211; &raquo;Ich wei&szlig;
+wohl, aber das darf man nicht sagen, sonst hei&szlig;t&#8217;s sp&auml;ter,
+wenn&#8217;s weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns auch
+im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit dr&auml;ngte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn wir&#8217;s in dieser Woche nicht fertig bringen?
+O da m&ouml;cht&#8217; ich nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn
+kommst und zu wenig ablieferst, da w&uuml;rd&#8217; ich mich f&uuml;rchten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht,
+so gibt&#8217;s doch noch die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen
+wir zur Gro&szlig;mutter und schauen, wie&#8217;s der Alten geht,
+und deinen Korb kaufen wir auch.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter wohnte ganz oben im alten Teil des
+St&auml;dtchens, wo kleine H&auml;uschen in engen Gassen sich am
+Berg hinziehen. Marie war vor Jahren einmal dagewesen
+und hatte ihre Gro&szlig;mutter und die Tante, bei der sie wohnte,
+besuchen d&uuml;rfen, sie konnte sich&#8217;s kaum mehr erinnern.</p>
+
+<p>Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen
+in einen dunklen Gang. Marie hielt sich an der Mutter.
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>&raquo;Gelt, dir kommt&#8217;s dunkel vor?&laquo; sagte die Mutter, &raquo;aber
+ich find&#8217; gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen, und
+wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen,
+wie wenn&#8217;s heller Tag w&auml;r&#8217;.&laquo; Sie kamen an
+einer T&uuml;r vorbei, man h&ouml;rte sprechen. &raquo;Das ist noch nicht
+die rechte Stub&#8217;, da wohnt ein Stimmacher; wei&szlig;t so einer,
+der den Puppen die Stimme einsetzt, da&szlig; sie Papa und
+Mama sagen k&ouml;nnen. Und da gegen&uuml;ber ist jetzt einer,
+der macht Puppenschuh&#8217;, h&ouml;rst nicht seine Maschine?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber da wohnen viel Leut&#8217;, Mutter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen
+gar teuer, aber jetzt sind wir an der rechten T&uuml;r, da wohnen
+wir.&laquo; Ohne anzuklopfen machte Frau Greiner die T&uuml;re
+auf: &raquo;Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid ihr
+wohlauf? Marie, kennst die Gro&szlig;mutter noch? Geh vor,
+gib ihr die Hand und deiner Tante Regine auch.&laquo;</p>
+
+<p>Die alte Frau, die am Fenster sa&szlig;, nickte freundlich
+den Ankommenden zu und erwiderte den Gru&szlig;. Aber sie
+stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn sie war an der
+Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
+fertigen, sch&ouml;n bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben
+war das K&ouml;pfchen noch offen, dem leimte sie eben das
+Deckelchen auf, mit dem sch&ouml;n gelockten Haar. Und die
+Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus der
+R&ouml;hre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf
+dem Blech, etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasr&ouml;hrchen,
+umwickelt mit blonder und brauner Moh&auml;rwolle,
+die wie Haar aussah, lagen da nebeneinander auf dem Blech
+und waren im Ofen getrocknet worden. Mit geschickten
+Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom Glasr&ouml;hrchen
+ab, und nun war es eine festgerollte sch&ouml;ne Locke,
+fertig zum Aufkleben auf den Puppenkopf.</p>
+
+<p>Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen,
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>waren sie doch freundlich gegen ihre Besuche,
+fragten nach Mann und Kind und wunderten sich, da&szlig;
+Marie schon so gro&szlig; sei. Auf dem Ofen stand eine Kanne
+mit Kaffee. &raquo;Schenk dir ein und deiner Marie auch,&laquo;
+sagte die Gro&szlig;mutter, &raquo;hol das Brot aus der Schublade
+und schneid euch ab, es ist euch verg&ouml;nnt.&laquo;</p>
+
+<p>Da sa&szlig;en sie und a&szlig;en und Marie sah dabei auf die
+Tante, wie sie so blitzschnell die L&ouml;ckchen abstreifte und von
+der sch&ouml;nen Moh&auml;rwolle, die neben ihr stand, neue feuchte
+Str&auml;ngchen um die Glasr&ouml;hrchen wickelte, da&szlig; in kurzer
+Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdr&ouml;hre
+wanderte. &raquo;Das Frisieren ist sch&ouml;ner als das B&auml;lgemachen,
+Mutter,&laquo; sagte Marie, &raquo;das m&ouml;cht&#8217; ich lieber tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;llt dir&#8217;s?&laquo; sagte ihre Tante. &raquo;Wenn du aus der
+Schule bist, dann kommst du nur zu uns und hilfst mir.
+Die Gro&szlig;mutter wird alt, der zittern jetzt schon die H&auml;nde.&laquo;
+Aber Frau Greiner lachte. &raquo;Du w&auml;rst nicht dumm,&laquo; sagte
+sie zu ihrer Schwester. &raquo;So lang die Kinder klein sind,
+soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul&#8217; sind, sollen
+sie dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim
+bleiben m&uuml;ssen. Wir haben jetzt auch Arbeit genug, ich
+kann sie nimmer allein tragen; einen Korb will ich der
+Marie kaufen, da&szlig; sie mir k&uuml;nftig tragen hilft. Wir m&uuml;ssen
+gehen, da&szlig; wir vor Abend noch heimkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf
+dem R&uuml;cken von Sonneberg heim. Im Dorf hielten sie
+sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene Haus kamen.
+Beim Metzger und beim Kr&auml;mer, beim B&auml;cker und bei
+der Nachbarin, die Gei&szlig;milch verkaufte, waren Schulden
+zu bezahlen und &uuml;berall wurde noch ein wenig eingekauft,
+so da&szlig; die kleine Barschaft schon ziemlich zusammengeschmolzen
+war, als sie ihr Haus erreichten. Der kleine
+Philipp sprang ihnen entgegen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>&raquo;Ihr kommt so sp&auml;t heut&#8217;,&laquo; sagte er, &raquo;es steht schon
+lang einer da und wartet auf dich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist&#8217;s denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der den Stoff verkauft, der will Geld.&laquo; &raquo;O den
+kann ich schon gar nicht leiden,&laquo; sagte die Mutter, &raquo;h&auml;tt&#8217;
+ihn der Vater doch fortgeschickt.&laquo; &raquo;Der Vater ist auf dem
+Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb
+ab, mit dem sie gar nicht durch die niedrige T&uuml;re gekonnt
+h&auml;tte, und dann trat sie ins Zimmer. Am Fenster stand
+der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort kam und
+das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenk&ouml;rper angefertigt
+wurden. Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern
+sie ihr Geldchen, das sauer verdiente, hergab, so langsam
+sie auch die Markst&uuml;cke aufz&auml;hlte, sie durfte sie doch
+nicht behalten, sie wanderten in die gro&szlig;e Geldb&ouml;rse des
+Kaufmanns. Er h&auml;tte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben
+und sie brauchte doch so viel f&uuml;r die Bestellungen, die sie
+angenommen hatte. Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er
+bereitwillig seinen Ballen auf, und sie konnte von dem
+sch&ouml;nen wei&szlig;en Stoff haben so viel sie wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner,
+oder wenigstens einen Teil davon? Sie haben ja noch
+Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden Meter um
+zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich &uuml;ber den
+Vorschlag. &raquo;Noch mehr zahlen!&laquo; rief sie. &raquo;Was meinen
+Sie denn, von was sollten wir denn leben in der Woche?
+Und mu&szlig; ich nicht auch was zur&uuml;cklegen f&uuml;r den Hauszins
+und etwas f&uuml;r die Steuer und f&uuml;r die Sterbekasse?
+Und gerade heut&#8217;, wo wir einen Huckelkorb gekauft haben!
+Marie, zeig deinen Korb. Sehen Sie? Gleich bar hab&#8217;
+ich die H&auml;lfte vom Preis auf den Ladentisch hinlegen
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>m&uuml;ssen, sonst h&auml;tte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein,
+bis Ende der Woche reicht&#8217;s nimmer zu einem P&auml;ckchen
+Zichorie, das kann ich schon jetzt sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit
+Ihnen gemeint,&laquo; beschwichtigte der Kaufmann. &raquo;Jetzt ist ja die
+beste Zeit vom Jahr. Leben Sie wohl, und guten Verdienst!&laquo;</p>
+
+<p>Frau Greiner verwahrte das kleine Gelds&uuml;mmchen
+im Schrank; auch den Stoff schlo&szlig; sie sorgf&auml;ltig hinein,
+denn am Samstag abend wurde nicht mehr gearbeitet.
+Der Mann kam ganz ersch&ouml;pft vom Acker heim, er war
+die Feldarbeit nicht gew&ouml;hnt, auch die Frau war m&uuml;de
+von dem langen Marsch. Aber als sie dann mit den
+Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln sa&szlig;en, wurden sie
+alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz
+nett in der Stube aus, die Arbeit war wegger&auml;umt, der
+Boden aufgekehrt. Das hatte der Mann besorgt, w&auml;hrend
+die Frau in der Stadt war, und nun machte er Feierabend
+und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die Nachbarn
+erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
+plauderten.</p>
+
+<p>Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. &raquo;Schlupft
+ins Bett, Kinder, da&szlig; ich euere Hemden waschen kann,&laquo;
+sagte Frau Greiner. Die Kleinen besa&szlig;en jedes nur <em class="gesperrt">ein</em>
+Hemd, das wurde immer in der Nacht von Samstag auf
+Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte
+schon zwei Hemden, daf&uuml;r mu&szlig;te sie aber auch schon helfen
+beim Waschen. Heute kam&#8217;s ihr sauer an, sie war so
+m&uuml;de, und als die Mutter einmal von der Waschwanne
+an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder
+ins Haus zur&uuml;ckkam, war die kleine W&auml;scherin nicht mehr
+zu sehen und nicht zu errufen &#8211; sie war schnell ins Bett
+geschlupft und schlief schon fest. Frau Greiner lachte und
+lie&szlig; sich&#8217;s gefallen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>Am Montag morgen sa&szlig; die Familie wieder an der
+Arbeit und jedes von ihnen h&auml;tte gedacht, da&szlig; dieser Tag
+und all die n&auml;chsten genau so verstreichen w&uuml;rden, wie die
+vorigen, denn eint&ouml;nig flo&szlig; das Leben dieser flei&szlig;igen Leute
+dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton. Er
+kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt:
+durch den Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener
+Gast in der Familie Greiner, denn er brachte manchmal
+Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal auch Mahnungen
+wegen r&uuml;ckst&auml;ndiger Zahlungen. Derentwegen machte
+er die T&uuml;re gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs
+Fenster aufs Gesimse. Heute aber kam er ins Zimmer und
+sagte: &raquo;Da&szlig; ihr nur nicht erschreckt: diesmal bringe ich
+einen Trauerbrief!&laquo; Sie erschraken aber doch. &raquo;Ich habe
+ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,&laquo; sagte der Postbote,
+&raquo;aber <em class="gesperrt">die</em> Anzeige habe ich lesen m&uuml;ssen, weil&#8217;s mich doch
+gewundert hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil&#8217;s
+so eine ganz besondere Traueranzeige ist.&laquo; Er ging. Die
+Anzeige kam aus K&ouml;ln. Die Aufschrift lautete: an &raquo;Herrn
+Fabrikbesitzer Greiner mit Familie&laquo; und der Inhalt war
+freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck
+in K&ouml;ln waren an <em class="gesperrt">einem</em> Tag infolge eines Ungl&uuml;cksfalls
+pl&ouml;tzlich gestorben. Frau Langbeck war Greiners
+Schwester. Greiner und seine Frau standen ganz ersch&uuml;ttert
+beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten sie
+kaum glauben. Und dann h&auml;tten sie so gerne N&auml;heres
+gewu&szlig;t. Was f&uuml;r ein Ungl&uuml;cksfall konnte das gewesen
+sein? Immer wieder lasen sie das Blatt, aber es standen
+nur so wenige Worte darin.</p>
+
+<p>&raquo;Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner
+Schwester gesprochen?&laquo; sagte Frau Greiner. &raquo;Vielleicht gerade
+in der Stunde, in der sie verungl&uuml;ckt ist; das war eine
+Ahnung, es war mir gleich damals so traurig zumute.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten
+in K&ouml;ln geh&ouml;rt hatten, staunten das schwarzger&auml;nderte
+Papier an, das solche Trauerkunde gebracht hatte.
+Aber nach einer Viertelstunde sa&szlig;en Greiner und seine Frau
+wieder an der Arbeit, und wenn <em class="gesperrt">er</em> auch seine Schwester
+wirklich betrauerte, und wenn <em class="gesperrt">sie</em> auch voll Mitleid
+an die verwaisten Kinder dachte, Zeit durfte nicht vers&auml;umt
+werden; er mu&szlig;te doch wieder an seine Formen zur&uuml;ck
+und sie mu&szlig;te die B&auml;lge n&auml;hen, wie wenn nichts geschehen
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einflu&szlig;
+auf ihr Leben haben, als sie ahnten. Es vergingen ein
+paar Tage, da reichte der Postbote wieder einen Brief
+mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an Herrn
+Fabrikbesitzer Greiner &uuml;berschrieben war.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist aber das!&laquo; rief Frau Greiner entsetzt. &raquo;Jetzt
+sind wohl auch noch die Kinder verungl&uuml;ckt. Ich habe doch
+auch so viel an sie denken m&uuml;ssen. Ich will&#8217;s nur gleich vorlesen,
+du hast ja doch die H&auml;nde voll Brei!&laquo; Der Brief war
+von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten Langbeck.
+Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, da&szlig;
+das Gesch&auml;ft des Verstorbenen zur&uuml;ckgegangen sei und er
+sein Verm&ouml;gen eingeb&uuml;&szlig;t habe. Nun m&uuml;sse gesorgt werden
+f&uuml;r die drei mittellos hinterbliebenen Kinder: ein M&auml;dchen
+von sieben Jahren, ein Knabe von vier, und einer von
+einem halben Jahr. Greiner m&ouml;chte erkl&auml;ren, ob er nicht
+eins oder zwei der Waisen aufnehmen k&ouml;nne. Die Kinder
+seien etwas verw&ouml;hnt, weil sie in einem reichen Hause
+aufgewachsen seien, aber guten Charakters. Nur der vierj&auml;hrige
+sei ein wilder Junge und brauche gute Zucht.
+Baldiger Bescheid w&auml;re erw&uuml;nscht.</p>
+
+<p>Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn dr&uuml;ckte
+ohnedies die Sorge f&uuml;r seine Familie; es war kein Brot
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>&uuml;brig und war kein Platz frei f&uuml;r ein weiteres Familienglied.
+Er war kr&auml;nklich und schwach und wollte sich keine
+neue Lasten aufb&uuml;rden, die alte dr&uuml;ckte ihn schon schwer genug.
+Aber seine Frau sah&#8217;s anders an. &raquo;Wir nehmen das M&auml;dchen,&laquo;
+sagte sie, &raquo;die Gro&szlig;e, die Siebenj&auml;hrige. Bedenk doch
+nur den Nutzen! Ein Bett hat sie, denn in reichen Familien
+hat jedes ein Bett, das mu&szlig; sie mitbringen, da kann unsere
+Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat. Und dann
+die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich
+bald acht, gleich kann sie B&auml;lge f&uuml;llen und jedes Jahr
+verdient sie mehr. Und dann bedenk doch, es sind doch
+deiner Schwester Kinder!&laquo;</p>
+
+<p>Vater Greiner wurde ganz &uuml;berstimmt, denn auch die
+Kinder stellten sich auf der Mutter Seite, Marie vor allem
+freute sich bei dem Gedanken an eine gro&szlig;e Schwester.
+Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag ihm doch
+schwer auf der Seele, und oft mu&szlig;te ihn seine Frau in den
+n&auml;chsten Tagen dr&auml;ngen, bis endlich ein Brief nach K&ouml;ln
+abging, in dem sich Greiner bereit erkl&auml;rte, Edith, das
+siebenj&auml;hrige T&ouml;chterchen, aufzunehmen. Gleich darauf kam
+der dritte Brief aus K&ouml;ln. Er war von der Hand eines
+jungen M&auml;dchens geschrieben, das als Kinderfr&auml;ulein in
+der Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner.
+Sie teilte mit, da&szlig; Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen
+war, eine freundliche Unterkunft gefunden habe,
+nicht so die Knaben. Sie bitte nun im Einvernehmen
+mit dem Vormund herzlich, statt Edith das j&uuml;ngste Kn&auml;blein,
+den kleinen Alex, aufzunehmen. &raquo;Es ist ein goldiges
+Kind,&laquo; schrieb das Fr&auml;ulein. &raquo;Es war unser aller Liebling;
+ich mag gar nicht daran denken, da&szlig; ich mich nun
+von ihm trennen mu&szlig;, und ganz gewi&szlig; werden auch Sie
+und Ihr Herr Gemahl die gr&ouml;&szlig;te Freude an ihm haben,
+und er wird herrlich gedeihen in der k&ouml;stlichen Luft des
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Th&uuml;ringer Waldes. Ich bin im Begriff, in meine Heimat zu
+reisen, komme nahe an Th&uuml;ringen vorbei und wurde von dem
+Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu &uuml;bergeben.
+So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren,
+schon &uuml;bermorgen.
+<span class="sidebar"><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[*]</span></a> Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum Kochen
+der Milch f&uuml;r kleine Kinder.</span>
+Alex ist mit Soxhlet<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[*]</a> aufgezogen, ich
+bringe diesen deshalb auch mit. Wenn Sie dadurch auch
+mehr M&uuml;he haben, wird es doch f&uuml;r die ersten Wochen,
+bis der Kleine eingew&ouml;hnt ist, gut sein.&laquo; Der Brief war
+unterschrieben: &raquo;Elisabeth Moll, Kinderg&auml;rtnerin.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem
+Wort &raquo;Soxhlet&laquo; stockte sie, <em class="gesperrt">das</em> Wort hatte sie noch nie
+gelesen. &raquo;Wen bringt sie mit?&laquo; fragte Greiner. &raquo;Den
+Soxhlet bringt sie mit; das mu&szlig; der gr&ouml;&szlig;ere Bruder sein,
+der vierj&auml;hrige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie geh&ouml;rt,&laquo;
+sagte Greiner. &raquo;Die vornehmen Leut&#8217; haben immer so tolle
+Namen&laquo;, meinte die Frau. &raquo;Alex steht gerade so wenig im
+Kalender, und Edith hei&szlig;t bei uns auch niemand. Es kann
+auch gar niemand anders sein, als der gr&ouml;&szlig;ere Bub, sie
+schreibt ja, das M&auml;dchen habe eine Unterkunft gefunden,
+aber die Buben nicht. So schicken sie halt beide zu uns,
+das ist eine sch&ouml;ne Bescherung!&laquo;</p>
+
+<p>Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das
+gehen solle, und gro&szlig;e Best&uuml;rzung herrschte in der Familie.
+Vater Greiner war ungehalten. &raquo;Mir kommt&#8217;s
+auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle
+ein M&auml;dchen und man schickt einem dann zwei Buben!
+Man h&auml;tt&#8217;s nicht tun sollen, und wenn&#8217;s auch meiner
+Schwester Kinder sind!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>&raquo;Wer wei&szlig;, ob sie nur Betten mitbringen,&laquo; sagte
+Frau Greiner. &raquo;Kinder, da d&uuml;rft ihr euch schmal machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t der B&ouml;se, Mutter?&laquo; fragte Marie.</p>
+
+<p>&raquo;Soxhlet hei&szlig;t er.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei wem schl&auml;ft der? Vor dem f&uuml;rcht&#8217; ich mich, gelt,
+den legst nicht zu mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der kommt ja nur f&uuml;r ein paar Wochen,&laquo; sagte die
+Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn das nur wahr ist,&laquo; sagte Greiner. &raquo;Wenn
+ihn aber niemand abholt, dann bleibt er halt an uns
+h&auml;ngen, auf die Stra&szlig;e kannst ihn doch nicht setzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meine G&uuml;te, du denkst auch gleich ans Schlimmste,&laquo;
+rief Frau Greiner. &raquo;Das w&auml;r doch gar zu arg. Es ist
+schon der Kleine schlimm, der schreit noch bei Tag und
+Nacht, und das ist noch das &auml;rgste, wenn man nicht einmal
+seine paar Stunden Nachtruh&#8217; hat. Aber auch noch
+so einen Wilden dazu, der die S&auml;gsp&auml;ne verstreut oder
+deine K&ouml;pfe umst&ouml;&szlig;t, so einen k&ouml;nnen wir nicht brauchen.
+Wei&szlig;t noch, wie der Lehrer einmal so Kostbuben gehabt
+hat? Gleich ist der eine zum T&auml;uflingsmacher und hat
+das Papiermasch&eacute; umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal
+die Kosten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann
+man das nicht telegraphieren, da&szlig; sie den Soxhlet nicht
+mitbringen sollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn&#8217;s halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm
+nach K&ouml;ln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man k&ouml;nnt&#8217; ja fragen, was es kostet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur &uuml;berschreibst:
+an Fr&auml;ulein Elisabeth Moll in K&ouml;ln am Rhein, &auml;u&szlig;ere
+Ringstra&szlig;e Nr.&nbsp;5, hast schon &#8211; z&auml;hl&#8217; einmal &#8211; hast schon
+zehn W&ouml;rter und steht noch nichts vom Soxhlet darin.
+Dann, so barsch m&ouml;cht&#8217; ich auch nicht sein, da&szlig; ich nur
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man m&uuml;&szlig;t&#8217; doch
+auch erkl&auml;ren, warum. Wieviel g&auml;b&#8217; das W&ouml;rter! Das
+geht nicht in ein Telegramm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und zum Brief ist&#8217;s zu sp&auml;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, zu sp&auml;t.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner
+b&uuml;ckte sich wieder &uuml;ber seine Arbeit wie immer, nur sah
+sein abgemagertes Gesicht noch sorgenvoller aus, als sonst,
+und auch Frau Greiner hatte nicht ihren gewohnten fr&ouml;hlichen
+Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die Genossin,
+nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie
+schon vorher genug. So machte auch sie ein betr&uuml;btes Gesicht,
+w&auml;hrend sie die Puppenb&auml;lge mit S&auml;gsp&auml;nen ausstopfte,
+und es lag eine rechte Mi&szlig;stimmung &uuml;ber der
+ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien
+schon wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau
+Greiner, und indem sie nach ihrem Mann hinsah, sagte sie:
+&raquo;So hat dich wohl niemand genannt, &#8250;mein Herr Gemahl!&#8249;&laquo;
+und sie lachte und die Kinder auch. &raquo;Was wohl
+das Fr&auml;ulein, wenn sie kommt, f&uuml;r Augen macht, wenn
+sie meinen Herrn Gemahl sieht in seinem gro&szlig;en Schurz voll
+Papiermasch&eacute;tropfen und in seinem verflickten Kittel? Ich
+meine, die stellen sich alles viel nobler bei uns vor, weil
+sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
+Die denkt nicht, da&szlig; du nur ein Dr&uuml;cker bist und bei uns
+alles so armselig ist.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fr&auml;ulein
+Elisabeth Moll, die seit einem Jahr in der Familie Langbeck
+treue Dienste leistete, hatte sich eine ganz falsche Vorstellung
+von der Familie Greiner gemacht. Frau Langbeck
+hatte von ihren Verwandten in Th&uuml;ringen nur einmal gesprochen.
+&raquo;Mein Bruder,&laquo; hatte sie gesagt, &raquo;verfertigt solche
+Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>sich schon damit abgegeben.&laquo; Da nun Herr Langbeck Besitzer
+einer gro&szlig;en Fabrik war, so hatte sich das Fr&auml;ulein
+unwillk&uuml;rlich Herrn Greiner als den Besitzer einer eben so
+gro&szlig;en Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
+Langbeck alles h&uuml;bsch und vornehm eingerichtet war, so
+machte sie sich auch vom Haus Greiner ein solches Bild.
+Sie war es, die den Vormund auf diesen Bruder der Frau,
+auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam gemacht hatte.
+Der Vormund f&uuml;hlte sich sehr erleichtert, als sich eine anscheinend
+so g&uuml;nstige Aussicht f&uuml;r einen seiner kleinen Pflegebefohlenen
+er&ouml;ffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt
+es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, sich n&auml;her nach den Th&uuml;ringer Verwandten
+zu erkundigen, noch auch mit ihnen pers&ouml;nlich in
+Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen auf das bew&auml;hrte
+Kinderfr&auml;ulein beauftragte er dieses, bei der Familie Greiner
+anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf,
+wurden die Reisevorbereitungen getroffen.</p>
+
+<p>In einen Reisekoffer packte das Fr&auml;ulein die ganze niedliche
+Aussteuer des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen,
+die gestickten Kleidchen und die feine Bettw&auml;sche. Den
+Kleinen kleidete sie mit besonderer Sorgfalt an, damit er
+den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
+G&uuml;terwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt,
+da&szlig; er bei Ankunft in Th&uuml;ringen sein gewohntes
+Bett gleich f&auml;nde. So trat das junge M&auml;dchen die Reise
+an, froh, das Haus verlassen zu d&uuml;rfen, dessen Zusammenbruch
+sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, f&uuml;r
+ihr geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.</p>
+
+<p>Der kleine Alex lachte fr&ouml;hlich, als die Fahrt begann.
+Er wu&szlig;te nicht, was dieser Tag f&uuml;r sein Leben bedeutete.
+Ahnungslos lie&szlig; er sich aus dem Haus des Reichtums und
+Wohllebens in die St&auml;tte der Armut und Not versetzen.</p>
+
+<p>Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>dauerte die Reise. Sonneberg war die letzte Station; hier
+mu&szlig;te Elisabeth die Bahn verlassen. Der Korbwagen wurde
+ausgeladen, der schlafende Kleine liebevoll hineingebettet
+und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte sicher
+gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend,
+eine gute Weile. Es mu&szlig;te f&uuml;r Herrn Fabrikant Greiner
+oder seine Gemahlin ein leichtes sein, sie und ihr zuk&uuml;nftiges
+Pflegekind aufzufinden.</p>
+
+<p>Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau
+sa&szlig;en an der Arbeit wie immer; keinem w&auml;re auch nur der
+Gedanke gekommen, einen Arbeitstag zu vers&auml;umen, selbst
+wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden gewu&szlig;t h&auml;tten.
+Aber nun sah Fr&auml;ulein Elisabeth jemand, der ihr als Wegweiser
+dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei
+Frauen. Die trugen eine gro&szlig;e &raquo;Schanze&laquo;, einen flachen Korb,
+in dem wohl ein halbes Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet
+lagen, lauter Puppen, in Hemden und H&auml;ubchen,
+offenbar frisch aus der Fabrik &#8211; gewi&szlig; aus der Fabrik von
+Herrn Greiner, dachte das Fr&auml;ulein. Sie ging auf die beiden
+Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn
+Greiner in Oberhain k&auml;men. Nein, daher kamen sie nicht,
+wu&szlig;ten auch nichts von dem Namen; aber das Dorf Oberhain
+war ihnen wohlbekannt und auch, da&szlig; heute kein Postwagen
+mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge
+M&auml;dchen nach einem Gasthaus und bat dort um einen
+Wagen, der sie mit dem Kleinen sofort nach Oberhain
+fahren k&ouml;nnte. Ein solcher fand sich auch, gro&szlig; genug,
+da&szlig; hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und
+Elisabeth stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein.
+&raquo;Wo soll ich halten in Oberhain?&laquo; fragte der Kutscher.</p>
+
+<p>&raquo;Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,&laquo; sagte Elisabeth,
+&raquo;die Wohnung kennen Sie ja wohl?&laquo; Nein, er kannte
+sie nicht, er war schon oft in Oberhain gewesen, hatte aber
+<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie aber schon erfragen.
+Nun ging&#8217;s vorw&auml;rts, zuerst flott und rasch durchs St&auml;dtchen,
+dann langsamer die aufw&auml;rts steigende Stra&szlig;e hinan,
+rechts Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick f&uuml;r die
+St&auml;dterin. Die k&ouml;stliche Waldluft str&ouml;mte herein, Elisabeth
+war in gl&uuml;cklichster Stimmung.</p>
+
+<p>&raquo;Mein kleiner Schatz,&laquo; sagte sie zu dem schlummernden
+Kind, &raquo;gelt, ich habe dir eine sch&ouml;ne Heimat ausfindig gemacht,
+wie wirst du da rote B&auml;ckchen bekommen, mein
+Liebling &#8211; aber Papa und Mama k&ouml;nnen sich nicht mehr
+dar&uuml;ber freuen, armer Schneck!&laquo;</p>
+
+<p>Als die ersten Schieferh&auml;uschen von Oberhain auftauchten,
+fuhr der Kutscher langsamer, wandte sich zur&uuml;ck
+und rief in den Wagen: &raquo;Wie soll die Fabrik hei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elias Greiner.&laquo; Ein paar Schulkinder kamen des Wegs.
+&raquo;He,&laquo; rief der Kutscher sie an, &raquo;wo ist die Fabrik von Elias
+Greiner?&laquo; Die sahen sich an und kicherten und ein Junge
+sagte: &raquo;Bei uns im Dorfe ist keine Fabrik.&laquo; Fr&auml;ulein Elisabeth
+wurde &auml;ngstlich. &raquo;Das kann ich nicht begreifen,&laquo; sagte sie.
+&raquo;Ich wei&szlig; aber gewi&szlig;, da&szlig; der Name richtig ist, wir haben
+erst vorige Woche so &uuml;berschrieben und Antwort erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen&#8217;s schon herausbringen,&laquo; sagte der Kutscher,
+&raquo;es hei&szlig;t sich mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.&laquo; Er
+trieb die Pferde an, da&szlig; sie rasch durch die Dorfstra&szlig;e fuhren
+bis ans Wirtshaus. Bei dem Ger&auml;usch des vorfahrenden
+Wagens trat der Wirt unter die T&uuml;re. Die Kutsche hielt, der
+Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig sammelten
+sich einige Leute um die Kutsche, w&auml;hrend der Kutscher
+vom Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand
+nicht genau, was die beiden im Th&uuml;ringer Dialekt miteinander
+verhandelten, aber sie h&ouml;rte, wie der Wirt dem langsam
+Davonfahrenden nachrief: &raquo;Es kann gar kein anderer gemeint
+sein, als der Dr&uuml;cker Greiner; keiner sonst hei&szlig;t Elias.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Und nun ging&#8217;s noch ein St&uuml;ck langsam weiter, die
+Dorfstra&szlig;e wurde enge, ein H&auml;uschen kam zum Vorschein
+mit einem halb zerfallenen Bretterzaun, &uuml;ber und &uuml;ber mit
+blassen Puppenk&ouml;pfen ohne Augen besteckt &#8211; vor dem hielt
+der Kutscher, sprang vom Bock, &ouml;ffnete den Schlag und
+sagte: &raquo;So, jetzt haben wir die Fabrik!&laquo; und sich dem Fenster
+zuwendend, wo Maries Kopf erschien, rief er: &raquo;Wohnt da der
+Elias Greiner?&laquo; Der hatte schon den Wagen halten h&ouml;ren,
+und nun kamen sie alle heraus: Voran die Frau, dann die
+Kinder, barf&uuml;&szlig;ig alle, der Johann in blo&szlig;em Hemdchen,
+zuletzt der Mann. Ach, dem Fr&auml;ulein wurde so weh ums
+Herz &#8211; das sollte die Fabrik sein, der Fabrikant! &Auml;rmlichere
+Gestalten hatte sie kaum je gesehen! Noch hoffte sie, es
+m&ouml;chte ein Irrtum sein, aber nun kam Greiner dicht heran,
+sah das Kind auf dem Arm des Fr&auml;uleins, betrachtete bewegt
+das liebliche Gesichtchen und sagte: &raquo;Das ist also meiner
+Schwester Kind!&laquo; &raquo;Ja,&laquo; sagte Elisabeth, aber unwillk&uuml;rlich
+blieb sie dicht am Wagen stehen &#8211; keinen Schritt machte
+sie auf das Haus zu.</p>
+
+<p>Frau Greiner fand best&auml;tigt, was sie sich schon gedacht
+hatte &#8211; das junge M&auml;dchen war entt&auml;uscht &uuml;ber das, was
+sie vor sich sah, bitter entt&auml;uscht. Sprachlos und ratlos stand
+sie da, das Kind fest an sich dr&uuml;ckend. Frau Greiner war
+nicht gekr&auml;nkt dar&uuml;ber, das junge M&auml;dchen dauerte sie.
+&raquo;Kommen Sie nur herein, Fr&auml;ulein,&laquo; sagte sie, &raquo;das Kind
+ist ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar
+nicht. Gelt du, Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur
+etwas zu essen bekommst?&laquo; Freundlich blickte sie das Kind
+an und dieses l&auml;chelte wieder, und ehe sich&#8217;s Elisabeth versah,
+hatten diese &auml;rmliche Mutter und dieses sch&ouml;n geputzte
+Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug
+Frau Greiner den kleinen Alex ins H&auml;uschen.</p>
+
+<p>Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>neuen Ank&ouml;mmling sahen, w&auml;hrend Greiner half, den
+Koffer abzuladen, und Elisabeth den Kinderwagen richtete.
+Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz, hatte sie
+doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme &uuml;bergeben.
+Sie folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein
+Dunst und Geruch, da&szlig; sie nicht glaubte, bleiben zu k&ouml;nnen.
+&raquo;Sie haben Feuer an diesem hei&szlig;en Tag?&laquo; fragte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Das bringt eben das Gesch&auml;ft mit sich,&laquo; sagte Greiner
+und deutete auf seine Arbeit.</p>
+
+<p>Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die
+allen l&auml;ngst auf den Lippen lag: &raquo;Haben Sie den Soxhlet
+nicht mitgebracht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch,&laquo; sagte Elisabeth, &raquo;ich werde ihn gleich hereinholen,
+er ist drau&szlig;en im Koffer, ich will nur zuerst dem
+Kleinen das Reisekleidchen abnehmen.&laquo; Greiner und seine
+Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie wu&szlig;ten nun,
+da&szlig; Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
+Kinder. F&uuml;r sie war die ganze elegante Erscheinung des
+Fr&auml;uleins mit dem Kind, der sch&ouml;ne Korbwagen, der feine
+Lederkoffer so wunderbar, da&szlig; es ihnen auf ein Wunder
+mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht anders, als
+da&szlig; der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
+schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo
+der Koffer abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig
+in einiger Entfernung stehen, Philipp aber trat n&auml;her.</p>
+
+<p>&raquo;Bleib da!&laquo; rief die Schwester &auml;ngstlich und leise, da&szlig;
+es der Soxhlet nicht h&ouml;ren sollte. Als sich aber der unheimliche
+Koffer ganz still verhielt, wurden die Kinder kecker.
+Sie kamen nahe heran, Philipp wagte sogar mit dem Fu&szlig;
+einen Sto&szlig; gegen den Koffer, sprang aber dann doch vorsichtig
+zur&uuml;ck. &raquo;Hast nicht geh&ouml;rt, wie er gebrummt hat?&laquo;
+sagte Marie, &raquo;pa&szlig; auf, da&szlig; er nicht herausf&auml;hrt. Der
+mu&szlig; doch arg b&ouml;s sein, da&szlig; er so eingesperrt wird!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Jetzt kam Fr&auml;ulein Elisabeth mit dem Kofferschl&uuml;ssel
+heraus, kniete nieder und schlo&szlig; auf. Die Kinder blieben
+&auml;ngstlich und fluchtbereit in der Ferne stehen, wunderten
+sich, da&szlig; ihre Mutter so ruhig herantrat, und dann waren
+sie halb beruhigt, und doch halb entt&auml;uscht, als der Deckel
+aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsst&uuml;cke
+und W&auml;sche hervorkamen. &raquo;Und da ist der Soxhlet,&laquo;
+sagte das Fr&auml;ulein und vor den erstaunten Augen der Umstehenden
+zog sie ein Blechgestell mit einer Anzahl leerer
+Fl&auml;schchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig
+wie nur m&ouml;glich, so da&szlig; die Kinder sich verbl&uuml;fft ansahen.
+&raquo;Das ist der Soxhlet?&laquo; sagte Frau Greiner und machte
+dabei ein nicht eben geistreiches Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,&laquo;
+sagte das Fr&auml;ulein. &raquo;Ich will Ihnen gleich die
+Behandlung erkl&auml;ren. In der Berliner Anstalt, wo ich als
+Kinderg&auml;rtnerin ausgebildet wurde, hat man uns so gelehrt:
+&#8250;Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die Fl&auml;schchen
+gef&uuml;llt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
+Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst
+man sie f&uuml;nf Minuten kochen l&auml;&szlig;t. Danach werden die
+Fl&auml;schchen durch Glaspfropfen geschlossen und die Milch
+noch eine halbe Stunde gekocht.&#8249;&laquo; Frau Greiner hatte geduldig
+und aufmerksam zugeh&ouml;rt. Jetzt schlo&szlig; das Fr&auml;ulein
+mit der Bemerkung: &raquo;Alex ist doch ein zartes Kind, &uuml;ber die
+Sommermonate sollten Sie ihn noch weiter so ern&auml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Frau Greiner, &raquo;ich will schon alles recht
+machen. Milch haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, da&szlig;
+es grad zum Kaffee reicht. Aber den wird er schon auch m&ouml;gen
+und auch Kartoffeln, und an Speck und Hering soll&#8217;s ihm gewi&szlig;
+nicht fehlen. Das ist bei uns zulande die Hauptnahrung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber doch nicht f&uuml;r so kleine Kinder?&laquo; sagte Elisabeth
+entsetzt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>&raquo;Es ist ja kein Wochenkind mehr,&laquo; entgegnete Frau
+Greiner. &raquo;Seien Sie nur ruhig, ich will&#8217;s ihm schon in
+die Soxhletfl&auml;schchen tun, so oft eben Milch da ist.&laquo; Inzwischen
+hatte Elisabeth weiter ausgepackt. &raquo;Da sind seine
+Badehandt&uuml;cher,&laquo; sagte sie, &raquo;und da ist der Badethermometer,
+ich habe ihn mitgebracht, aber ich wei&szlig; nicht,&laquo; setzte
+sie zweifelnd hinzu, &raquo;ob Sie den Thermometer ver&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;
+ob Sie an ihn gew&ouml;hnt sind? Wir haben das Bad auf
+24 Grad erw&auml;rmt, ich glaube, auf dem Lande pr&uuml;ft man
+die W&auml;rme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden
+Ihre Kinder doch auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die
+Welt kommt, aber hernach kommt man nimmer leicht dazu,
+das braucht&#8217;s auch nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach,&laquo; sagte Elisabeth, &raquo;uns hat man gelehrt, da&szlig; die
+Hautpflege so wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so
+rein am ganzen K&ouml;rperchen, w&auml;re es nicht m&ouml;glich, da&szlig; Sie
+ihn wenigstens immer am Samstag baden? Haben Sie
+eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine
+kaufen von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind;
+oder ich schicke Ihnen eine aus Sonneberg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie das nur, Fr&auml;ulein, meine Waschwanne tut&#8217;s
+schon auch, und so oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach ja, bitte, und dann h&auml;tte ich noch etwas auf dem
+Herzen: In dem Zimmer riecht es so stark und es ist so &uuml;berhitzt;
+Sie werden das gar nicht so bemerken, weil Sie es gew&ouml;hnt
+sind; k&ouml;nnte Alex nicht in einem andern Zimmer sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein anderes Zimmer haben wir gerad&#8217; nicht, aber
+wegen der Luft d&uuml;rfen Sie gar nicht sorgen, liebes Fr&auml;ulein,
+die ist ber&uuml;hmt im Th&uuml;ringer Wald, deretwegen kommen
+die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur meine Kinder
+an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
+drei waren ganz gesund.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>&raquo;Woran sind sie denn gestorben?&laquo; fragte Elisabeth.</p>
+
+<p>&raquo;Das eine ist verungl&uuml;ckt, das arme Tr&ouml;pfle hat den
+hei&szlig;en Brei &uuml;ber sich gesch&uuml;ttet, den mein Mann braucht
+zu den K&ouml;pfen; und eines hat&#8217;s auf der Lunge gehabt, und
+das dritte ist uns nur so &uuml;ber Nacht weggestorben, niemand
+hat recht gewu&szlig;t, da&szlig; ihm was fehlt. Es hat uns weh
+getan, aber so ist&#8217;s halt; wir haben ja auch an dreien genug
+und jetzt sind&#8217;s eben auf einmal vier geworden!&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieses Gespr&auml;chs waren alle Habseligkeiten
+des kleinen Alex ausgepackt worden mit vielen Anweisungen
+&uuml;ber die Verwendung; was jetzt noch im Koffer verblieb,
+war des Fr&auml;uleins Eigentum. Sie schlo&szlig; wieder zu und
+kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an
+der Arbeit sa&szlig;.</p>
+
+<p>Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die
+Kinder standen bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn
+vorsichtig hin und her. Elisabeth trat hinzu und sagte leise
+zu Marie: &raquo;Willst du ihm eine treue Schwester sein? Sieh,
+der arme Kleine hat es daheim so sch&ouml;n gehabt. Gelt, du
+f&auml;hrst ihn manchmal spazieren und sorgst recht sch&ouml;n f&uuml;r
+ihn?&laquo; Die kleine Marie nickte und sah mit gro&szlig;en Augen
+das Fr&auml;ulein an, das gegen die Tr&auml;nen ank&auml;mpfte, als sie
+sich &uuml;ber den Kleinen beugte, ihn herzte und k&uuml;&szlig;te und leise
+sagte: &raquo;Beh&uuml;t&#8217; dich Gott, mein Liebling, ich habe es gut
+mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
+deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; gehen,&laquo; sagte sie, indem sie zu Greiner trat,
+und sie nahm sich zusammen, um ihren Tr&auml;nen zu wehren.
+&raquo;Ich habe Sie noch etwas fragen wollen,&laquo; sagte Greiner,
+und nun zitterten auch seine Lippen; &raquo;was war denn das
+f&uuml;r ein Ungl&uuml;cksfall mit meiner Schwester und ihrem
+Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>des Gesch&auml;fts bekannt wurde. N&auml;heres kann ich nicht
+sagen.&laquo; Greiner fragte auch nicht weiter.</p>
+
+<p>Ein paar Stunden sp&auml;ter fuhr das Fr&auml;ulein ihrer
+Heimat zu, und w&auml;hrend sie nach langer Zeit wieder am
+elterlichen Tisch sa&szlig;, nahm Alex auf dem Scho&szlig; der neuen
+Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und
+so oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein St&uuml;ckchen
+Kartoffel hineingeschoben, ein sorgsam gesch&auml;ltes!</p>
+
+<p>Danach, da es Feierabend, drau&szlig;en aber noch hell und
+warm war, gingen sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner
+trug stolz den sch&ouml;nen Kleinen auf dem Arm, und da er
+verwundert nach den Tannen sah, die am Wege standen
+und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis
+zu den &Auml;sten und rief ihm freundlich zu: &raquo;Da, schau nur,
+Alex, schau, jetzt bist du im Th&uuml;ringer Wald!&laquo;</p>
+
+<p>Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners vers&auml;umt
+worden durch all die Briefe, durch die Ankunft des kleinen
+Pflegekinds und alles, was damit zusammenhing! Als am
+Samstag der gro&szlig;e Huckelkorb vollgepackt wurde, fand sich,
+da&szlig; alles leicht hineinging und da&szlig; Maries neuer Korb ganz
+&uuml;berfl&uuml;ssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit
+war fertig geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim;
+den eleganten Kinderwagen mit dem sch&ouml;nen neuen Br&uuml;derchen
+vor dem Haus herumzufahren und allen staunenden
+Nachbarn zu zeigen war noch ein gr&ouml;&szlig;eres Vergn&uuml;gen, als
+mit der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner
+allein der Stadt zu, die Arbeit abzuliefern. Aber diesmal
+kam sie &uuml;bel an! Der Sonneberger Fabrikant hatte fest
+gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu liefern; die
+Zeit dr&auml;ngte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
+fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen
+sollte, um das Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.</p>
+
+<p>Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Mannes sei gestorben und sie h&auml;tten ein Waisenkind aufnehmen
+m&uuml;ssen. Die Entschuldigung wurde ganz ungn&auml;dig
+aufgenommen. Ob sie meine, da&szlig; das Schiff warte, bis alle
+Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht <em class="gesperrt">mehr</em> Arbeit
+versprechen, als sie leisten k&ouml;nne. Zum Ungl&uuml;ck hatten noch
+einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten,
+und so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich mein Wort nicht halte,&laquo; sagte er, &raquo;so verliere
+ich meine Kundschaft, was wollen Sie dann machen,
+wenn keine Puppen mehr bestellt werden?&laquo; Ganz schuldbewu&szlig;t
+und zerknirscht stand Frau Greiner da und wagte
+kein W&ouml;rtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein geh&ouml;riger
+Abzug am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der
+Herr schien auch gar keine Lust zu haben, ihr neue Auftr&auml;ge
+zu geben, und lie&szlig; sie lange stehen, wie wenn sie
+nicht mehr da w&auml;re. Da aber noch gro&szlig;e Bestellungen vorlagen,
+so bekam sie schlie&szlig;lich doch wieder Auftr&auml;ge genug,
+und diesmal verlie&szlig; sie ohne Verzug die Stadt und kehrte
+nicht einmal bei ihrer Mutter ein, um keine Zeit zu verlieren.
+Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so elendes
+S&uuml;mmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine
+Schande vor und sie f&uuml;rchtete schon ihres Mannes gr&auml;mliches
+Gesicht, wenn sie so wenig abliefern konnte. Im
+Sommer wollte er doch immer etwas zur&uuml;cklegen f&uuml;r den
+Winter, wo das Puppengesch&auml;ft stockt. Aber schlie&szlig;lich
+konnte sie auch nichts daf&uuml;r, es war ja <em class="gesperrt">sein</em> Schwesterkind
+an allem schuld.</p>
+
+<p>In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit
+ihrem flinken Schritt holte sie bald einen jungen Burschen
+ein, der auch von Sonneberg kam und gem&uuml;tlich, eine
+Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
+kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein
+Neffe ihres Mannes. Die Woche &uuml;ber arbeitete er in Sonneberg
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>in der Fabrik, Samstag abends kam er heim zu seinen
+Eltern. Frau Greiner hatte gern Reisegesellschaft, sie rief
+schon von ferne dem Burschen zu: &raquo;Georg, wart ein wenig!&laquo;</p>
+
+<p>Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Gesch&auml;ft
+plaudernd gingen sie nebeneinander her und kamen
+bis zu dem Punkte, wo der Fu&szlig;weg nach Oberhain von
+der gro&szlig;en Stra&szlig;e abzweigt und ein Wegweiser nach verschiedenen
+Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand
+ein Herr, der an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu
+erkennen war und der nun, als unsere beiden Leutchen an
+ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte, wie weit
+es noch bis Oberhain sei. Ein St&uuml;ndchen war&#8217;s immerhin
+noch auf dem Fu&szlig;weg, den aber ein Fremder leicht verfehlen
+konnte. So schlo&szlig; sich der Herr an und sie gingen zu dritt
+weiter. Zuerst schweigsam, dann siegte bei Frau Greiner die
+Neugier &uuml;ber die Sch&uuml;chternheit und sie fragte, ob der Herr
+kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein Kaufmann,
+der wegen des Puppengesch&auml;fts nach Sonneberg gekommen
+war. Die deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt,
+man konnte sich wohl mit ihm verst&auml;ndigen. Er fragte Frau
+Greiner, was sie zu Markte gebracht habe und was ihr
+Mann sei. &raquo;Mein Mann ist Dr&uuml;cker,&laquo; sagte Frau Greiner.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das, Dr&uuml;cker?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man das Papiermasch&eacute; in die Formen dr&uuml;ckt,
+da&szlig; es Puppenk&ouml;pfe gibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Helfen Sie auch dr&uuml;cken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich bin Balgn&auml;herin, was die K&ouml;rper f&uuml;r die
+Puppen gibt. Und die Kinder helfen auch, sie wenden
+um und stopfen aus mit S&auml;gesp&auml;nen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann haben sie noch keine Augen und&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer macht die Augen?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>&raquo;Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze
+Schachteln voll her in allen Gr&ouml;&szlig;en, die mu&szlig; der Augeneinsetzer
+hineinmachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist das das Letzte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, die Maler m&uuml;ssen doch erst die Backen malen
+und die Lippen, und die Friseurin mu&szlig; die Haare aufsetzen,
+dann wird erst der Kopf auf den Balg geleimt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann Ihr Mann nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, mein Mann kann das alles und als jung ist er
+in die Industrieschule geschickt worden, hat schon K&ouml;pfe
+und all die Formen machen lernen, aber dann ist sein
+Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
+m&uuml;ssen und hat seines Vaters Sach &uuml;bernommen und ist
+halt auch wieder Dr&uuml;cker geworden. Mein Mann war
+von den besten einer auf der Schul&#8217;, aber er hat halt heim
+m&uuml;ssen, die Not ist gar gro&szlig; bei uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieviel verdienen Sie in der Woche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist&#8217;s mehr, bald
+weniger. Es gibt Wochen im Winter, da bekommt man
+gar keine Bestellung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel
+bringen Sie es in der Woche, Sie mit Mann und
+Kindern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die vorige Woche hab&#8217; ich f&uuml;nfundzwanzig Mark heimgebracht,
+es ist auch schon auf drei&szlig;ig gestiegen, aber da mu&szlig;
+man schon die Nacht durcharbeiten. Und davon m&uuml;ssen wir
+alles selbst anschaffen, was wir zu den Puppen brauchen,
+gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht daf&uuml;r
+wieder hinaus und man bringt&#8217;s fast nicht dazu, da&szlig; man
+sich f&uuml;r den Winter etwas zur&uuml;cklegt. Mein Mann sorgt
+sich jetzt schon wieder darum; ich nicht, im Sommer mag
+ich gar nicht an den Winter denken, sonst wird man &#8217;s
+ganze Jahr nicht froh.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>&raquo;Ist Ihr Mann gesund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom
+Papiermasch&eacute; und von den S&auml;gsp&auml;nen, aber krank ist er
+nicht, gottlob.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt mischte sich Georg ins Gespr&auml;ch. &raquo;Die kr&auml;ftige
+Nahrung fehlt halt da au&szlig;en auf dem Land, in der Stadt
+essen sie besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Fleisch gibt&#8217;s nicht viel bei uns, der Kaffee und
+die Kartoffeln sind die Hauptsache, bei uns hei&szlig;t&#8217;s: Kartoffeln
+in der Fr&uuml;h, zu Mittag in der Br&uuml;h, des Abends mitsamt
+dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!&laquo;</p>
+
+<p>Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde
+steiler und eine Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander,
+bis sie die H&ouml;he erreicht hatten, wo sie wieder
+auf die Landstra&szlig;e einm&uuml;ndeten und von der Ferne einzelne
+schiefergraue D&auml;cher sichtbar wurden.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist unser Dorf,&laquo; sagte Frau Greiner; &raquo;geht der
+Herr noch weiter heut&#8217;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und
+dann will ich Ihren Mann aufsuchen.&laquo; Er blieb stehen
+bei diesen Worten und sagte, indem er Frau Greiner
+ernst und forschend ansah: &raquo;Sagen Sie ihm einstweilen,
+da&szlig; ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen
+will. Es ist vielleicht gut, wenn ich Ihnen vorher schon
+sage warum. Ich m&ouml;chte so eine Familie, die den ganzen
+Puppenbetrieb versteht, mit hin&uuml;bernehmen nach Amerika.
+Ich habe dort L&auml;ndereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei,
+es ist gar nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein,
+warum wir die Puppen alle so weit her holen sollen, das
+k&ouml;nnten wir dr&uuml;ben auch machen, wenn wir nur die Leute
+dazu h&auml;tten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der besten
+Woche haben, kann ich Ihnen f&uuml;r dr&uuml;ben das ganze Jahr
+hindurch versprechen. Alles schriftlich, nat&uuml;rlich. Ich bin
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>schon mit dieser Absicht her&uuml;bergekommen und nehme jedenfalls
+Leute von hier mit. Wenn Sie klug sind, reden Sie
+Ihrem Manne zu.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos
+an. Der junge Bursche lachte und sagte: &raquo;Ihr k&ouml;nnt ja gar
+nimmer reden, es versetzt Euch den Atem, gelt? Dreimal
+soviel und das ganze Jahr hindurch, das w&auml;re nicht schlecht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und selbstverst&auml;ndlich freie Reise,&laquo; f&uuml;gte der Amerikaner
+hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das
+vierte ist ein Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das bleibt hier. Dazu gibt&#8217;s Waisenh&auml;user. Aber
+Ihre eigenen drei gehen mit. Die Kinderarbeit will ich bei
+uns auch einf&uuml;hren, dazu brauchen wir deutsche Kinder, die
+es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon absehen.
+Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und
+lassen Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn <em class="gesperrt">Sie</em> nicht
+gehen, so finde ich genug andere, die gerne gehen. Wie
+hei&szlig;en Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte
+der Frau einen Taler, da&szlig; sie beim Mann ein gutes Wort
+f&uuml;r ihn einlege, und schlug die kleine Stra&szlig;e ein, die hier
+von der Oberhainer Stra&szlig;e abzweigte.</p>
+
+<p>Frau Greiner stand still und sah ihm nach. &raquo;Hab&#8217; ich
+nun das alles getr&auml;umt oder ist&#8217;s wahr?&laquo; sagte sie zu Georg.
+Es mu&szlig;te wohl wahr sein, denn Georg behauptete, sie habe
+ein unerh&ouml;rtes Gl&uuml;ck und sie h&auml;tte nur gleich &raquo;ja&laquo; sagen
+sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvork&auml;men. Warum
+sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr,&laquo; sagte Frau Greiner, &raquo;ich war halt ganz
+wie aus den Wolken gefallen, denk nur, alle miteinander
+&uuml;bers Meer, die weite Reise! Aber sch&ouml;n m&uuml;&szlig;t&#8217;s sein, was
+k&ouml;nnt&#8217; man da alles sehen, und ganz freie &Uuml;berfahrt und
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>dr&uuml;ben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
+nicht beleidigt sein, da&szlig; ich so dumm dreingeschaut hab&#8217;, er
+wird doch auch gewi&szlig; kommen? Was meinst, Georg?&laquo;</p>
+
+<p>Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte
+es nicht mehr erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort,
+gerade beim Wirtshaus, trennte sich ihr junger Begleiter
+von ihr. &raquo;Sag&#8217;s noch niemand, Georg, wei&szlig;t, es gibt so viel
+Neider, schweig still davon, gelt?&laquo; empfahl sie ihm noch an;
+aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
+im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkw&uuml;rdige
+Begegnung schon all seinen Hausgenossen erz&auml;hlt.</p>
+
+<p>Es war schon fast eine wehm&uuml;tige Abschiedsstimmung,
+mit der die junge Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach
+rechts und nach links und gr&uuml;&szlig;te mit besonderer Herzlichkeit
+die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in dem
+Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie
+w&uuml;rde sich bald von ihnen trennen. Der Verdru&szlig; &uuml;ber die
+schlechte Einnahme war ganz &uuml;berwunden durch die Hoffnung
+auf zuk&uuml;nftige Reicht&uuml;mer, und dann hatte sie ja auch noch
+den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis, wenn
+ihr Mann etwa die wunderbare M&auml;r nicht glauben wollte.</p>
+
+<p>Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und
+als sie die Stubent&uuml;re aufmachte, wurde sie von allen Seiten
+mit der Nachricht begr&uuml;&szlig;t, Alex habe fast den ganzen Tag
+geschrien. Da lag das arme B&uuml;blein in seinem sch&ouml;nen
+Wagen, zog die Beinchen in die H&ouml;he und kreischte wie ein
+Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine M&ouml;glichkeit, die
+gro&szlig;e Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erf&uuml;llt
+hatte, sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur
+schnell die guten Kleider abgelegt, die gro&szlig;e Sch&uuml;rze umgebunden
+und den Kleinen auf den Arm genommen. Lange
+wollte er sich nicht beruhigen. &raquo;Ein paar St&uuml;cklein Hering
+hat er heut&#8217; mittag gegessen und seitdem schreit er,&laquo; berichtete
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Marie. M&uuml;tterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er
+gleich nichts davon verstand: &raquo;Gelt, armer Kerl, gelt dir tut&#8217;s
+weh; gelt, ja, das sind b&ouml;se Leut, die geben dir deinen Soxhlet
+nicht, sei nur still, mein Schatz, ich kauf&#8217; dir Milch, still, still!
+Marie, spring in Gottes Namen und hol&#8217; noch einmal Milch;
+geh zu Bauers hin&uuml;ber, von der sch&ouml;nen wei&szlig;en Gei&szlig; sollen
+sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen daf&uuml;r. Nimm
+so ein Fl&auml;schchen mit von seinem Soxhlet, da&szlig; ihm&#8217;s gut bekommt;
+still, mein B&uuml;bchen, die Marie bringt dir Milch;
+sollst es gut haben, so lang du noch bei uns bist. Mu&szlig;t ja
+doch bald ins Waisenhaus. Still, mein Waislein, still!&laquo;</p>
+
+<p>Es war sp&auml;t abends, alle Kinder schliefen; Mann und
+Frau sa&szlig;en beisammen und sprachen von dem gro&szlig;en Plan,
+den Frau Greiner mitgeteilt und warm bef&uuml;rwortet hatte.
+Wenn Greiner schon im allt&auml;glichen Leben alles schwer nahm,
+wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an
+ihn herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle
+in einen andern Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit
+ihm; wenn seine Frau gegen alle seine Bedenken etwas vorgebracht
+hatte, so fing er beim ersten wieder an. Als sein
+Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
+mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. &raquo;Wo br&auml;chten
+wir das arme Kind unter?&laquo; fragte Greiner. Dann kam noch
+ein weiterer Bundesgenosse, das war der Husten: &raquo;Siehst
+doch, ich bin ein kranker Mann,&laquo; sagte er, &raquo;Kranke bleiben
+am besten daheim.&laquo;</p>
+
+<p>Wenn aber dann seine Frau sagte: &raquo;In Gottes Namen,
+ich will dich auch nicht in die Fremde treiben, so bleiben
+wir halt hier und den Taler geb&#8217; ich dem Herrn wieder
+zur&uuml;ck,&laquo; dann fing wieder Greiner an: &raquo;Freilich, die Hungerleiderei
+nimmt hierzulande kein End&#8217;, nur zw&ouml;lf Mark hast
+heut&#8217; heimgebracht und gescholten bist auch noch worden!
+Leicht k&ouml;nnt&#8217; man&#8217;s sch&ouml;ner haben in Amerika. Wieviel
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>sagst, den dreifachen Lohn, und alles will er schriftlich
+machen? Es ist wohl wert, da&szlig; man sich&#8217;s &uuml;berlegt.&laquo;</p>
+
+<p>So besprachen sie das F&uuml;r und Wider und kamen zu
+keinem Entschlu&szlig;. Es war eine schw&uuml;le Sommernacht,
+das Fensterchen der Schlafkammer stand offen. In seinen
+schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
+Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war
+ihm, als s&auml;he er dies alles zum erstenmal. Sch&ouml;n war&#8217;s
+doch im Th&uuml;ringer Wald und leicht w&auml;re es nicht, davonzugehen.
+Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum Bewu&szlig;tsein,
+und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein
+und sie lachte nicht wie sonst &uuml;ber sein nachdenkliches Wesen,
+auch sie sah still und ernst hinaus ins Dunkle. &raquo;Magdalene,&laquo;
+sagte er, &raquo;kannst nicht mehr das Lied: &#8250;In allen meinen
+Taten la&szlig; ich den H&ouml;chsten raten, der alles kann und wei&szlig;&#8249;;
+wie geht&#8217;s da weiter?&laquo; Sie brachten den Vers zusammen,
+und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gem&uuml;t
+gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen, als gerade die Familie am
+Tisch sa&szlig; und die Mutter den Kindern ihren Teil von
+der d&uuml;nnen Kaffeebr&uuml;he verabreichte, n&auml;herten sich feste
+Schritte der T&uuml;re. Frau Greiner sah ihren Mann an:
+&raquo;Der Amerikaner,&laquo; fl&uuml;sterte sie. &raquo;Herein!&laquo; Aber der
+eintrat, war ein anderer Gast, ein ganz unwillkommener.
+Es war der Steuerbote. Ein finsteres Gesicht hatte er,
+vielleicht kam&#8217;s daher, da&szlig; er selbst so oft mit finsterer
+Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gru&szlig; wurde gewechselt;
+der Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner
+stand auf, ging an die alte Kommode und schlo&szlig; sie auf.
+Sein T&ouml;chterchen folgte ihm, &auml;ngstlich sah sie in sein
+Gesicht und nun auf seine H&auml;nde, die ein wenig unsicher
+ein K&auml;&szlig;chen &ouml;ffneten. &raquo;Vater, reicht&#8217;s?&laquo; fragte sie ganz
+leise und blickte besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort,
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>es war auch nicht n&ouml;tig, man merkte ihm auch ohne
+Worte die Verlegenheit an.</p>
+
+<p>Er z&auml;hlte das Geld vor dem Steuerboten auf. &raquo;Alles
+haben wir nun freilich gerade noch nicht beisammen,&laquo; sagte
+er entschuldigend. &raquo;Der Herr wird schon zufrieden sein,&laquo;
+setzte freundlich Frau Greiner hinzu, &raquo;er bekommt sp&auml;ter
+den Rest, andere haben&#8217;s auch nicht beisammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Anderen wird dann eben gepf&auml;ndet, was sie an Mobiliar
+oder dergleichen besitzen,&laquo; sagte scharf der Beamte und
+sah sich im Zimmer um. Das war ein unheimlicher Blick.
+Er blieb haften auf Alex&#8217; Kinderwagen. &raquo;Da haben Sie noch
+ein sch&ouml;nes St&uuml;ck, das hat Geldwert,&laquo; sagte der Beamte.</p>
+
+<p>&raquo;Das bleibt im Haus,&laquo; erwiderte Greiner mit ungewohnter
+Festigkeit. Schon manchmal war der Steuerbote
+mit geringem Betrag abgezogen, aber heute war er
+so z&auml;h! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den
+Taler herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben
+hatte. Sie hatte ihn so sch&ouml;n in einem besonderem B&uuml;chschen
+aufgehoben; es half nichts, er mu&szlig;te eingewechselt
+und noch zur H&auml;lfte darauf gelegt werden. Erst dann
+verschwand der unliebsame Gast. Mi&szlig;mutig sah die Frau
+ihm nach. &raquo;Er wittert das Geld,&laquo; sagte sie, &raquo;er hat&#8217;s
+nicht wissen k&ouml;nnen, da&szlig; wir noch etwas haben, aber er
+hat&#8217;s gesp&uuml;rt, da&szlig; Geld im Haus ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein Elend,&laquo; seufzte Greiner, &raquo;da geht man
+wahrhaftig gern aus dem Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mein&#8217; ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist
+ein Fingerzeig, wir gehen auch fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und das gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist entschlossen? Im Ernst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kinder, Kinder, denkt&#8217;s euch nur, wir gehen nach
+Amerika!&laquo; rief die Mutter.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Jetzt gab&#8217;s Fragen und Verwundern und eine Aufregung
+war in der kleinen Familie wie noch nicht leicht.
+Da&szlig; der Alex nicht mit durfte, das kam allen hart vor,
+aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
+wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter w&auml;re er gut versorgt;
+ihre Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder
+gehabt, die sollte das arme Waislein nur nehmen.</p>
+
+<p>Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem
+Tag: &raquo;Wenn er nur auch Wort h&auml;lt, dein Amerikaner!&laquo;
+worauf dann seine Frau entgegnete: &raquo;Denk nur an den
+Taler!&laquo; Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
+nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.</p>
+
+<p>Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet,
+da&szlig; die ganze Familie Greiner auswandern w&uuml;rde
+nach Amerika. Daf&uuml;r hatte schon Georg gesorgt. &Ouml;fter
+als sonst ging in den zwei n&auml;chsten Tagen die T&uuml;re auf,
+die Verwandten und Freunde wollten alle genau h&ouml;ren,
+wie sich die Sache verhielt, und es wurde in Greiners
+St&uuml;bchen mehr gesprochen als gearbeitet in diesen Tagen;
+Greiner dr&uuml;ckte zwar unerm&uuml;dlich seine Puppenk&ouml;pfe aus
+und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
+Amerika bekommen sollten, w&uuml;rden sie jetzt noch nicht satt.
+Aber seine Frau hatte keine Seelenruhe mehr f&uuml;r ihre
+Puppenb&auml;lge; sie dachte nur immer an die Zukunft und
+wie der Auszug zu bewerkstelligen w&auml;re, und die Kinder
+liefen vor das Haus und lie&szlig;en sich anstaunen als die
+Reisenden, die &uuml;bers Meer wollten. Einmal kam Georg
+herein und erz&auml;hlte, da&szlig; ein Kamerad aus dem Nachbarort
+von dem Amerikaner erz&auml;hlt habe. Ein vornehmer Herr
+sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er ge&auml;u&szlig;ert,
+da&szlig; er am Mittwoch &uuml;ber Oberhain nach Sonneberg
+zur&uuml;ck wolle.</p>
+
+<p>Dienstag abend war&#8217;s. Die Kinder lagen schon im
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Bett, Greiner und seine Frau hatten auch Feierabend gemacht.
+Er stand vor der Haust&uuml;re und rauchte sein Pfeifchen; sie
+nahm die Puppenk&ouml;pfe ab, die da und dort noch zum Trocknen
+am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
+als sie durch den d&auml;mmernden Abend einen &auml;lteren Mann
+langsam und bed&auml;chtig die Dorfstra&szlig;e herauf auf ihr H&auml;uschen
+zukommen sahen. Die Frau bemerkte ihn zuerst, stie&szlig;
+ihren Mann an und sagte: &raquo;Der Schulze kommt zu dir.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein
+mochte und mit seinen wei&szlig;en Haaren einen ehrw&uuml;rdigen
+Eindruck machte, war der Ortsvorsteher von Oberhain,
+der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies
+Amt, da&szlig; Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht
+mehr erinnern konnten, wo Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand
+war. Greiner nahm die Pfeife aus dem
+Mund, was er andern gegen&uuml;ber nie f&uuml;r n&ouml;tig hielt,
+und gr&uuml;&szlig;te den Alten, der nun zu ihnen trat, um ein
+Wort mit ihnen zu sprechen. Ins Haus wollte er nicht,
+er war noch r&uuml;stig, stand fest und gerade und erschien in
+seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. &Uuml;ber den
+Gartenzaun besprachen sich die M&auml;nner. Ruppert wollte
+von Greiner selbst h&ouml;ren, was wahr sei von dem Gerede,
+da&szlig; sie nach Amerika &uuml;bersiedeln wollten. Frau Greiner
+mu&szlig;te ihm nun genau ihre Begegnung mit dem Amerikaner
+erz&auml;hlen und alles, was dieser zu ihr geredet
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Und ihr wollt gehen?&laquo; fragte Ruppert.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sich alles so verh&auml;lt, wie der Mann zu meiner
+Frau gesagt hat, und wenn er alles schriftlich vor dem
+Notar macht, dann w&auml;ren wir entschlossen zu gehen,&laquo; war
+Greiners Antwort.</p>
+
+<p>Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes
+Gef&uuml;hl, als ob der Mann, der nun schweigend
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand, nicht einverstanden
+w&auml;re. Das konnte sie nicht ertragen. &raquo;Es ist doch nat&uuml;rlich,
+da&szlig; man aus seinem Elend heraus m&ouml;chte, wenn
+man kann, nicht wahr? Und wenn einem jemand sagt,
+du kannst 60 Mark verdienen statt 20, so w&auml;re man doch
+nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte, ist&#8217;s
+nicht wahr? Und wie &auml;rmlich ist mein Vater gestorben,
+alles hat man ihm verpf&auml;ndet! Und meinen Kindern
+wird&#8217;s auch einmal nicht besser gehen, wenn wir sie nicht
+fortbringen aus dem Elend, oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend
+genickt, wer kannte besser als er die Armut im Dorf! &raquo;Ja,
+ja, ja,&laquo; sagte er nun langsam und bed&auml;chtig, &raquo;wenn nur
+<em class="gesperrt">eines</em> nicht w&auml;re! Wenn die da dr&uuml;ben in Amerika unser
+Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen,
+die wir jetzt tun, wer wird dann noch von Th&uuml;ringen
+Puppen kommen lassen? Wenn die Amerikaner nicht
+mehr in Sonneberg bestellen, dann f&auml;llt die beste Kundschaft
+weg; f&uuml;r 2 Millionen Mark haben die Amerikaner
+in <em class="gesperrt">einem</em> einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach
+Amerika kommen lassen und gerade am meisten von der
+Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der B&uuml;rgermeister
+von Sonneberg hat schon gar oft mit mir dar&uuml;ber
+gesprochen und die Herren Fabrikanten auch. Wi&szlig;t Ihr,
+Greiner, wie mir&#8217;s vorkommt, wenn Ihr geht? Da oben
+hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus f&uuml;r
+alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir&#8217;s vor, als
+wolltet Ihr hingehen und die Quelle versch&uuml;tten, da&szlig; der
+ganze Ort kein Wasser mehr hat.&laquo;</p>
+
+<p>Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: &raquo;Nein, nein,&laquo;
+sagte sie, &raquo;wegen der Quelle d&uuml;rfen Sie keine Sorge
+haben, das t&auml;t mein Mann nie, mit dem Graben ist&#8217;s
+ohnehin nicht viel bei ihm.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>&raquo;Magdalene, was red&#8217;st so ungeschickt,&laquo; sagte Greiner,
+&raquo;das ist nur so sinnbildlich gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Greiner,&laquo; nahm der Ortsvorsteher wieder das
+Wort, &raquo;es ist zum Vergleich. Wenn eine Familie hin&uuml;bergeht
+und zeigt&#8217;s den Amerikanern, wie sie&#8217;s machen sollen,
+so ist&#8217;s eine Gefahr f&uuml;r unsere Einnahmequelle. F&uuml;r <em class="gesperrt">Euch</em>
+k&ouml;nnt&#8217;s ein Gl&uuml;ck sein, aber f&uuml;r das ganze Dorf kann&#8217;s
+zum Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern
+Verdienst als ihre Puppen, das wollt&#8217; ich Euch zu bedenken
+geben, darum bin ich heraufgekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Greiner sah ihren Mann &auml;ngstlich an, ob er
+wohl etwas gegen diese Worte zu sagen w&uuml;&szlig;te. Ihr selbst
+wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt entgegnete er etwas.
+&raquo;Wer wei&szlig;, ob&#8217;s dem Herrn Amerikaner gelingt da dr&uuml;ben?&laquo;
+fragte er. &raquo;Es wird so leicht nicht sein, da&szlig; er das gerade
+so einf&uuml;hrt, wie&#8217;s bei uns seit hundert Jahren oder wer
+wei&szlig; wie lang schon ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt&#8217;s
+ihm nicht, so werdet auch Ihr Euer Gl&uuml;ck nicht machen,
+Ihr werdet ihm bald zur Last sein. Gelingt&#8217;s aber, die
+Industrie dort einzuf&uuml;hren, dann ist&#8217;s der helle Schaden
+f&uuml;r uns her&uuml;ben, das ist leicht einzusehen.&laquo; Ja, das war
+einleuchtend, die Frau war schon ganz &uuml;berzeugt. Aber
+ihr Mann? Sie mu&szlig;te sich nur wundern, er war halt
+doch ein ganzer Mann, sogar mit dem Schulz konnte er&#8217;s
+aufnehmen, denn er wu&szlig;te wieder etwas dagegen zu reden.</p>
+
+<p>&raquo;Auf jeden Fall,&laquo; sagte Greiner, &raquo;braucht so etwas
+Zeit. Bis die da dr&uuml;ben die Kunst so los haben, wie
+wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin, und bis das dann
+im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
+dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten,
+da kann&#8217;s noch lang dauern, bis dorthin leben
+wir wohl nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Die Frau nickte beif&auml;llig. &raquo;Ja, so weit hinaus sorgt
+niemand,&laquo; sagte sie zustimmend.</p>
+
+<p>&raquo;Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,&laquo; sagte Ruppert
+zur Frau. &raquo;Mir kommt&#8217;s nicht soviel vor, so zwanzig
+J&auml;hrlein, und an die Nachkommen mu&szlig; man auch denken.
+F&uuml;r wen hat denn der Gemeindef&ouml;rster den Abhang da
+oben frisch aufgeforstet? F&uuml;r uns nicht, kaum f&uuml;r die
+Kinder, f&uuml;r die Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen
+wir unser Holz her? Von <em class="gesperrt">den</em> B&auml;umen nicht, die wir
+gepflanzt haben, die Alten haben uns daf&uuml;r gesorgt, die
+lange schon tot sind. Darum meine ich, wir d&uuml;rfen, da
+wir so arm sind in unsern Waldd&ouml;rfern, unsern einzigen
+Verdienst nicht den Amerikanern bringen. Warum? &#8211;
+weil unsere Enkelkinder auch noch essen wollen!&laquo;</p>
+
+<p>Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Da&szlig;
+die Enkelkinder auch noch essen wollten, das war berechtigt.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schon wahr,&laquo; sagte Greiner mit schwerem Seufzer,
+&raquo;am Ungl&uuml;ck vom Dorf m&ouml;chte ich nicht schuld sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man d&auml;chte, es
+w&auml;re gar kein Verdienst mehr im Ort, es w&auml;re ja zum Verzweifeln.
+Wenn aber der Amerikaner eine andere Familie
+mit hin&uuml;bernimmt?&laquo; fragte Frau Greiner.</p>
+
+<p>&raquo;Von unserem Dorf geht keine mit,&laquo; entgegnete Ruppert,
+&raquo;unsere Leut kenn&#8217; ich und will schon mit ihnen reden, und
+wegen der Nachbarorte will ich schon sorgen; wenn man
+mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern und
+Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann
+wird der Amerikaner auch nichts erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend
+das Schreien des kleinen Alex herausgedrungen, jetzt lie&szlig;
+sich auch noch der Johann vernehmen und die Mutter ging
+hinein. &raquo;Ihr habt jetzt ein Kostkind?&laquo; fragte Ruppert.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Schwesterkind ist&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>&raquo;Was bekommt ihr Kostgeld daf&uuml;r?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ein Kostkind ist&#8217;s nicht, f&uuml;r das man Kostgeld
+bekommt, wir haben&#8217;s blo&szlig; aus Barmherzigkeit, weil die
+Eltern tot sind und das Verm&ouml;gen verloren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist denn gar nichts f&uuml;r die Kinder &uuml;brig geblieben?
+Der Mann Eurer Schwester war doch reich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; selbst nichts weiter, der Vormund hat uns
+halt das Kind geschickt. Gewollt haben wir&#8217;s nicht; das
+gro&szlig;e M&auml;dchen h&auml;tten wir gern genommen, aber der Kleine
+ist ihnen &uuml;brig geblieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Vormund hat sich&#8217;s leicht gemacht. Etwas Kostgeld
+h&auml;ttet Ihr Euch ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht,
+Greiner. Wenn morgen wirklich der Amerikaner kommen
+sollte, so sagt&#8217;s ihm nur, er k&ouml;nne sich die M&uuml;he sparen,
+in den H&auml;usern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner
+mit, die halten alle fest zusammen gegen Amerika.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, das tun wir auch.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel
+des Sommerabends, und Greiner kehrte in die H&uuml;tte des
+Elends zur&uuml;ck, aus der hinaus er sich getr&auml;umt hatte.</p>
+
+<p>Bald wurde es still und dunkel im H&auml;uschen. Doch nach
+Mitternacht erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum:
+Hungrige Enkelkinder wollten dem kleinen Alex ein Leid tun.
+Sie fuhr auf in ihrem Bett: da stand ihr Mann am Wagen
+des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen sanft
+hin und her. &raquo;Kannst liegen bleiben,&laquo; sagte der Mann zu
+ihr, &raquo;es ist ja <em class="gesperrt">meiner</em> Schwester Kind.&laquo; Da legte sie sich
+behaglich und sagte schon wieder halb schlafend: &raquo;Es ist
+recht, Elias, du wirst nicht so m&uuml;d sein wie ich.&laquo;</p>
+
+<p>Als am n&auml;chsten Morgen die Kinder kaum erwacht,
+schon miteinander anfingen zu plaudern von der Reise
+&uuml;bers Meer, da war&#8217;s doch traurig, ihnen sagen zu m&uuml;ssen,
+da&szlig; &uuml;ber Nacht das ganze Luftschlo&szlig; eingest&uuml;rzt sei, da&szlig;
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie
+bisher. Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu
+verstehen; als sie aber gar nicht ablie&szlig;en, danach zu fragen,
+half sich die Mutter auf ihre Art und sagte: &raquo;Kinder, seid
+zufrieden, da dr&uuml;ben gibt&#8217;s noch Menschenfresser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Amerikaner geht doch auch hin&uuml;ber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der freilich; Herren fressen sie nicht, blo&szlig; Kinder.&laquo;
+Da gaben sie sich zufrieden.</p>
+
+<p>Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts
+anderem die Rede gewesen als davon, da&szlig; Greiners &uuml;bers
+Meer gingen, und dann, da&szlig; sie nun doch nicht gingen,
+weil Ruppert gesagt habe: keiner, der&#8217;s mit Oberhain
+gut meine, d&uuml;rfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser
+Herr, nichts ahnend von der Stimmung, die gegen ihn
+gemacht worden war, am Mittag ins Dorf kam, sahen
+ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher
+zum B&ouml;sen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm
+die Wohnung des Dr&uuml;ckers Greiner zu zeigen, nach der
+er fragte.</p>
+
+<p>Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner
+schon unbehaglich bei dem Gedanken, da&szlig; der Herr nun
+abgewiesen werden mu&szlig;te, und wohl zehnmal wollte sie
+von ihrem Manne h&ouml;ren, wie er es denn vorbringen wolle.
+W&auml;hrend sie an der Arbeit sa&szlig;en, wurde der kleine Philipp
+immer wieder vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein
+Fremder die Dorfstra&szlig;e heraufkomme, und richtig, so
+gegen Mittag war es, da kam er hereingerannt und rief:
+&raquo;Er kommt, er ist schon da!&laquo; Und dem kleinen Kerl auf
+dem Fu&szlig; folgte der lange Amerikaner mit dem hellen
+Anzug und dem Reiseschal schr&auml;g &uuml;ber die Achsel gekn&uuml;pft.
+Er mu&szlig;te sich b&uuml;cken, als er durch die kleine
+T&uuml;re eintrat, denn er war wohl einen Kopf gr&ouml;&szlig;er als
+Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, w&auml;hrend seine
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Frau ihre Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur
+um so eifriger an ihren Puppenb&auml;lgen n&auml;hte, als ob sie
+der Besuch nichts anginge.</p>
+
+<p>Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte
+sich gleich an sie: &raquo;Wie geht es, Madame Greiner?&laquo; fragte
+er; &raquo;haben Sie meinen Vorschlag Ihrem Manne mitgeteilt?
+Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?&laquo;</p>
+
+<p>Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann
+auf, und der antwortete an ihrer Stelle: &raquo;Sie hat&#8217;s schon
+getan, daran hat sie&#8217;s nicht fehlen lassen; es w&auml;re auch
+nicht so ohne, elend genug ist&#8217;s bei uns, wie Sie sehen.
+Aber der Beschlu&szlig; ist doch so ausgefallen, da&szlig; wir nicht
+gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wollen wir uns doch erst &uuml;berlegen, Sie und
+ich. Ich denke mir wohl, da&szlig; Sie nicht gleich einem fremden
+Mann, wie ich bin, vertrauen wollen, und auch ich
+m&uuml;&szlig;te erst vom Arzt h&ouml;ren, ob Sie gesund genug sind,
+und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen
+jetzt erst an, Sie m&uuml;ssen nicht gleich von einem Beschlu&szlig;
+reden. Sie d&uuml;rfen mir selbst einen Notar vorschlagen, mit
+dem wir die Sache besprechen wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Notar kann da nichts &auml;ndern,&laquo; sagte Greiner,
+&raquo;wir Oberhainer gehen nicht hin&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, da&szlig;
+die Sache doch wohl schon reiflich &uuml;berlegt war.</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen
+Vertrauen entgegengebracht, ich darf wohl auch von Ihnen
+Vertrauen erwarten?&laquo;</p>
+
+<p>Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, da&szlig; er die
+Puppenindustrie nicht nach Amerika bringen und dadurch
+sein Heimatland sch&auml;digen wolle; auch dann nicht, wenn
+er selbst dabei reich werden k&ouml;nnte; und so wie er d&auml;chten
+auch die andern Familien im Ort.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder
+an sein Gesch&auml;ft &#8211; die Pause war schon lang gewesen f&uuml;r
+einen Wochentag, auch die Kinder r&uuml;hrten wieder die H&auml;nde.
+Philipp stopfte S&auml;gsp&auml;ne in die B&auml;lge. Marie wandte
+mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugen&auml;hten K&ouml;rper um,
+und der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche
+Familien h&auml;tte er gerne gehabt, dr&uuml;ben in seinem Wald:
+Leute mit solch ehrenwerter Gesinnung und mit solchem
+Flei&szlig; und Geschick, Leute, die zufrieden waren in solch
+&auml;rmlicher Umgebung.</p>
+
+<p>Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf
+und besch&auml;mt zog sie ein P&auml;ckchen Geld aus ihrer Tasche:
+&raquo;Etwas fehlt an dem Taler, den Sie mir gegeben haben,&laquo;
+sagte sie, &raquo;weil der Steuerbote so dumm dahergekommen
+ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum
+Schulzen,&laquo; sagte Greiner, &raquo;er soll dir darauf legen, was
+fehlt, bis n&auml;chsten Samstag. Der hat&#8217;s und tut&#8217;s gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht n&ouml;tig,&laquo; sagte der Amerikaner, &raquo;es war nicht
+ausgemacht, da&szlig; ich den Taler wieder bekomme. Es war
+ein Geschenk.&laquo;</p>
+
+<p>Und nun gr&uuml;&szlig;te er und sie gr&uuml;&szlig;ten ihn, und er zog
+von dannen, zum Ort hinaus, ohne einen Versuch bei
+andern Familien zu machen.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>In der N&auml;he von Greiners H&auml;uschen war schon den
+ganzen Morgen ein Bursche herumgestrichen: Georg, der
+junge Fabrikarbeiter, der bei der ersten Begegnung mit
+dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden
+hatte er aufgetragen, ihn wegen eines b&ouml;sen Fu&szlig;es in der
+Fabrik zu entschuldigen. Als aber der Amerikaner den
+Ort verlie&szlig;, folgte ihm Georg mit seinem b&ouml;sen Fu&szlig; erstaunlich
+schnell. Der Amerikaner ging mit langen Schritten
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>vorw&auml;rts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm,
+bis das Dorf au&szlig;er Sicht war und sich der Wald dazwischenschob.
+Dann eilte er vorw&auml;rts, versicherte sich noch einmal,
+da&szlig; niemand des Weges kam, lief dem Fremden nach und
+redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort. Einen Augenblick
+dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht bereute
+er die Abweisung; aber er merkte bald, da&szlig; es nicht so war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht
+nach Amerika mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengesch&auml;ft
+aufgewachsen und ich w&uuml;&szlig;te noch einen Burschen
+und ein M&auml;dchen aus dem Ort, die w&auml;ren auch bereit,
+mitzugehen; wir drei k&ouml;nnten so gut wie die Greiners die
+Leute in Amerika anweisen.&laquo;</p>
+
+<p>Eine Weile besann sich der Amerikaner. &raquo;Wi&szlig;t Ihr
+auch den Grund,&laquo; fragte er, &raquo;warum die Familie Greiner
+nicht mit mir zieht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl wei&szlig; ich&#8217;s, da&szlig; sie unser Dorf nicht um
+seinen Verdienst bringen wollen. Aber ich bin aufgekl&auml;rter,
+ich denke: Jeder ist sich selbst der N&auml;chste, und soviel ich
+von Amerika wei&szlig;, denken sie da dr&uuml;ben auch so und
+machen Geld, soviel sie k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, das ist ganz richtig,&laquo; sagte der Amerikaner.
+&raquo;Es ist auch das Vern&uuml;nftigste. Aber wenn ich doch einmal
+Deutsche mitnehme, dann will ich <em class="gesperrt">richtige</em> Deutsche,
+die das Gem&uuml;t haben, wie es nur die Deutschen haben,
+die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt.
+Sie sind kein solcher; Sie haben kein Herz f&uuml;r Ihr Dorf:
+Sie w&uuml;rden auch f&uuml;r mein Gesch&auml;ft kein Herz haben, sondern
+w&uuml;rden mich verlassen, sobald Ihnen ein anderer
+einen Dollar mehr b&ouml;te. Guten Abend.&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesem unverhofften Gru&szlig; ging der Fremde nach
+der andern Seite der Stra&szlig;e und hatte keinen Blick mehr
+f&uuml;r Georg. Der stand da, halb zornig, halb besch&auml;mt,
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich
+dann und schlich langsam zur&uuml;ck ins Dorf. Wer ihm jetzt
+begegnete, der konnte eher glauben, da&szlig; er einen b&ouml;sen
+Fu&szlig; habe.</p>
+
+<p>Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer
+schwer auf dem Menschen, aber am schwersten tr&auml;gt er
+daran, wenn er einen Augenblick gemeint hat, er habe die
+Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue aufgeb&uuml;rdet
+wird. Es war eine tr&uuml;be Stimmung im Hause des Dr&uuml;ckers
+in den n&auml;chsten Wochen, bis allm&auml;hlich die Erinnerung an
+den Plan der Auswanderung verbla&szlig;te und sie wieder
+eingew&ouml;hnt waren in das alte Elend!</p>
+
+<p>Klein Alex aber schien sich nicht einzugew&ouml;hnen; er
+nahm nicht zu und wurde nicht kr&auml;ftig wie andere Kinder
+seines Alters. Wenn gerade Geld und Zeit &uuml;brig war,
+so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut gepflegt,
+wie&#8217;s eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel
+im Haus und dr&auml;ngte die Arbeit, dann mu&szlig;te sich der
+Kleine wieder mit Kartoffeln begn&uuml;gen und Kaffeebr&uuml;he
+trinken wie die andern Kinder auch. &raquo;Er vertr&auml;gt&#8217;s nicht,&laquo;
+sagte dann Greiner und sah tr&uuml;bselig auf das Kleine, das
+bei Nacht <em class="gesperrt">sein</em> Pflegekind war.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er vertr&auml;gt&#8217;s nicht, er ist an seinen Soxhlet
+gew&ouml;hnt,&laquo; sagte die Mutter. &raquo;Aber gut ist&#8217;s, da&szlig; er&#8217;s nicht
+wei&szlig; und nicht b&ouml;s auf uns ist, gelt du Kleiner, gelt du
+magst uns doch? Hast&#8217;s ja so gut bei uns, kein Mensch darf
+dir was tun! Und am Sonntag, da wird&#8217;s lustig, da fahren
+wir dich in Wald hinaus, wo die V&ouml;glein singen und pfeifen,
+gelt du freust dich, kleiner Schelm?&laquo;</p>
+
+<p>So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der
+Hand zu legen, und lachte ihm freundlich zu, und Marie,
+Philipp und Johann machten es der Mutter nach. Dann
+l&auml;chelte der Kleine so hold, da&szlig; sie ihn alle lieb hatten und
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht
+so im Drange der Arbeit.</p>
+
+<p>Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff,
+das die Puppen zu Weihnachten nach Amerika bringen sollte,
+war abgefahren, und was unsere kleinen Leute gearbeitet
+hatten, war nun auf der Reise in aller Herren L&auml;nder.
+Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg
+gaben keine Auftr&auml;ge mehr. Das war alle Jahre so im
+Winter, aber es war immer wieder ein Schrecken f&uuml;r die
+Leute, wenn der Verdienst aufh&ouml;rte. Und doch konnten sie
+die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker mu&szlig;te
+bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der
+man den ganzen Sommer versprochen hatte, da&szlig; sie auch
+einmal geputzt werden sollte, wurde nun rein gemacht.
+Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes Hemd
+mehr hatte, f&uuml;r den wurde jetzt ein neues gen&auml;ht. Aber
+die Kost wurde immer schm&auml;ler.</p>
+
+<p>Um die Weihnachtszeit war&#8217;s am schlimmsten. &raquo;Marie,
+geh zum Kr&auml;mer,&laquo; sagte die Mutter, &raquo;hol einen Hering
+zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit, was er mehr
+kostet, soll der Kr&auml;mer aufschreiben.&laquo; Marie kam zur&uuml;ck
+mit leeren H&auml;nden. &raquo;Er gibt&#8217;s nicht mehr auf Borg; es
+wird ihm gar zuviel, sagt er; aber ich soll ein T&ouml;pfchen
+bringen, von der Heringsbr&uuml;h wolle er mir geben um drei
+Pfennig.&laquo; Und Marie nahm ein T&ouml;pfchen. &raquo;Sei doch
+gescheit und nimm den gro&szlig;en Topf mit, dann bekommst
+mehr,&laquo; sagte Frau Greiner. Aber der Kr&auml;mer war auch
+gescheit; er machte den Topf nur zur H&auml;lfte voll.</p>
+
+<p>&raquo;Die Br&uuml;h ist kr&auml;ftig,&laquo; sagte Frau Greiner, als sie
+sie zu den Kartoffeln auf den Tisch setzte, &raquo;man k&ouml;nnt&#8217;
+meinen, man h&auml;tte einen Hering, so stark schmeckt sie.&laquo;
+&raquo;Ja,&laquo; sagte Greiner, &raquo;aber hintennach merkt man&#8217;s doch,
+da&szlig; man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>nicht satt von der Br&uuml;h.&laquo; &raquo;Wart nur, im Sommer, wenn
+die gute Einnahm&#8217; kommt, dann holen wir wieder Speck.&laquo;
+So wurde schon im Dezember die harte Arbeitszeit wieder
+ersehnt.</p>
+
+<p>Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das
+Eis glitzerte an den B&auml;umen, aber doch wanderten gar
+viele Dorfbewohner durch den winterlichen Wald, Sonneberg
+zu, das Christfest in der Kirche zu feiern. Auch Greiner
+und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder lie&szlig;en
+sie ruhig allein, brav waren sie gewi&szlig; an diesem Morgen,
+denn sie wu&szlig;ten von vergangenen Jahren: Vater und Mutter
+kehrten nach der Kirche bei der Gro&szlig;mutter ein, und die
+schickte Lebkuchen, f&uuml;r jedes Kind einen, und diese Freude
+warf ihren Schimmer voraus auf das Tr&uuml;pplein der Kinder,
+das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete
+eine Stunde nach der andern, unf&auml;hig an etwas anderes
+denken zu k&ouml;nnen, als an den Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand
+in den Hausgang herein; der Postbote, dick beschneit,
+erschien unter der T&uuml;re, und als er nur die Kinder sah,
+rief er: &raquo;Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist
+ein Paket, ist wohl ein Christstollen darin. Da&szlig; ihr&#8217;s nicht
+aufmacht! Ich leg&#8217;s lieber da hinauf.&laquo; Und der Bote legte
+den Pack oben hin auf den Kleiderschrank und ging. Das
+war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,
+der Philipp und der Johann und sahen and&auml;chtig hinauf
+nach dem gro&szlig;en Paket in seinem braunen Packpapier und
+wiederholten, was der Postbote gesagt hatte: &raquo;Es ist wohl
+ein Christstollen.&laquo; Der Philipp, der sich das Paket n&auml;her
+besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und h&auml;tte den Pack
+auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben
+und darum fing sie an, an dem Stuhl zu r&uuml;tteln,
+so da&szlig; der Philipp schrie und froh war, als er gl&uuml;cklich
+wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie auf
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben
+und sahen hindurch, ob denn die Eltern immer und immer
+noch nicht k&auml;men.</p>
+
+<p>Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten;
+der Vater kam hustend und frierend gleich auf den Ofen
+zu, die Mutter konnte nicht vorw&auml;rts kommen, so wurde
+sie bedr&auml;ngt und umringt von den Kindern und ihr Korb
+best&uuml;rmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im
+Wagen tat einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder
+sah, und auch er bekam von dem Weihnachtsgeb&auml;ck. &raquo;Wenn&#8217;s
+ihm nur gut bekommt, gib&#8217;s ihm lieber nicht,&laquo; sagte Greiner
+sorglich. Aber ganz entr&uuml;stet rief seine Frau: &raquo;Ich werd
+doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle
+einen essen? er mu&szlig; doch auch merken, da&szlig; Christtag ist:
+da, mein B&uuml;bchen, da, heute ist Weihnacht!&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick hatte das hei&szlig;hungerige Verlangen
+die Kinder sogar das Paket vergessen lassen, aber noch mit
+dem ersten Bissen im Mund verk&uuml;ndeten sie das Ereignis.
+Philipp sprang wieder auf den Stuhl und Marie wehrte
+ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und
+unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schn&uuml;re gel&ouml;st.
+Alle dr&auml;ngten sich heran und mit unbeschreiblichem
+Jubel wurde der Christstollen begr&uuml;&szlig;t, den der Postbote
+prophezeit hatte, und was auch dieser nicht geahnt hatte:
+ein ganzer Kranz W&uuml;rste, gute feste Siedw&uuml;rste, und noch
+etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.</p>
+
+<p>Die Sendung kam von Fr&auml;ulein Elisabeth; sie hatte
+dem kleinen Alex das Kleid gemacht, der ganzen Familie
+zum Gru&szlig; f&uuml;r die Feiertage den Stollen gebacken und
+ihre Eltern hatten die W&uuml;rste beigelegt. In einem Brief
+voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling
+und ob ihn auch alle lieb h&auml;tten. Da umringten sie den
+Kleinen im Gef&uuml;hl, da&szlig; sie ihm das alles verdankten, und
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut, als sich all
+die freundlichen Gesichter &uuml;ber ihn beugten. Aber das
+sch&ouml;ne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen;
+so war er nicht gewachsen und gediehen, wie sich&#8217;s wohl
+Fr&auml;ulein Elisabeth vorgestellt hatte. &raquo;So sollte er halt
+jetzt sein,&laquo; sagte Greiner. &raquo;Wir heben das Kleidchen gut
+auf, bis &uuml;bers Jahr wird er hineingewachsen sein,&laquo; sagte
+die Mutter und verwahrte es sorgsam.</p>
+
+<p>Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene
+abgemagerte Mann auf, als die hei&szlig;en W&uuml;rste aufgetragen
+wurden, und wie schmeckte diese ganze Woche die
+Kaffeebr&uuml;he so wunderbar, wenn der k&ouml;stliche Stollen dazu
+eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen,
+den Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fr&auml;ulein
+Elisabeth im Namen der ganzen Familie aussprach!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Januar war&#8217;s, kalte kurze Tage und keine Arbeit im
+Haus. Nicht einmal bei Nacht konnte man die Sorgen
+verschlafen, denn Alex war krank. Eine Frau im Dorf
+hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit &Uuml;berschl&auml;ge zu machen
+auf das hei&szlig;e K&ouml;pfchen, und das besorgte Greiner. So sa&szlig;
+er in der stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem
+er auf das sch&ouml;ne Kind seiner verstorbenen Schwester sah
+und sich fragte, ob es wohl bald seiner Mutter nachfolgen
+w&uuml;rde, kam den Mann, der jahraus jahrein handwerksm&auml;&szlig;ig
+die gewohnten Puppenk&ouml;pfe formte, das Verlangen
+an, dies Kinderk&ouml;pfchen nach dem Leben zu bilden. H&auml;tte
+er nur Wachs gehabt, wie er es in seinen jungen Jahren
+auf der Schule verwendet hatte, so h&auml;tte er sich&#8217;s wohl
+zugetraut.</p>
+
+<p>Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden
+Tag nach Sonneberg in die Industrieschule wanderten.
+Dort lernten sie Menschen und Tiere aus Wachs bilden.
+Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>nichts davon zu seiner Frau; aber er ging fr&uuml;hmorgens
+vors Haus, pa&szlig;te einen der Burschen ab und am Abend
+hatte er schon, was er brauchte zu seinem Vorhaben.</p>
+
+<p>Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie
+hatte es ihm Freude gemacht, in den Formen K&ouml;pfe auszudr&uuml;cken,
+die ihm die Fabrik &uuml;bergab; denn die Puppenk&ouml;pfe,
+die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte
+sie nur, weil er Geld daf&uuml;r bekam. Aber nun hatte er
+eine Arbeit, die ihm Freude machte; er konnte etwas
+Sch&ouml;nes schaffen, wie vor zwanzig Jahren, wo er auf der
+Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran und
+nach ein paar Stunden hatte er ein K&ouml;pfchen geformt,
+das &Auml;hnlichkeit hatte mit dem des kleinen Alex. Aber
+als er es am n&auml;chsten Morgen heimlich bei Tageslicht
+ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl waren
+die einzelnen Z&uuml;ge &auml;hnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit,
+die dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz
+verlieh, die fehlte. Mit einem einzigen Druck der Hand
+zerst&ouml;rte er die Arbeit der vergangenen Nacht; er hielt
+wieder das formlose Wachs in H&auml;nden und legte es mutlos
+beiseite.</p>
+
+<p>In der n&auml;chsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde
+und dann im Weinen innehielt und verlangend die Arme
+nach ihm ausstreckte, war Greiner wieder ergriffen von
+dem r&uuml;hrenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war
+das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht
+widerstehen, setzte sich an die Arbeit, formte aufs neue
+und allm&auml;hlich kam&#8217;s ihm in die Finger, da&szlig; er das zum
+Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich sah. Ja,
+nun schien sein K&ouml;pfchen Leben zu haben; begl&uuml;ckt betrachtete
+er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht,
+er stellte es oben auf den Kleiderkasten; er wollte h&ouml;ren,
+was seine Frau dazu sagen w&uuml;rde.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten
+weder die Frau noch die Kinder beim Aufstehen das kleine
+K&ouml;pfchen, das auf dem Schrank stand, und Greiner hatte
+eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch l&auml;chelte er
+beim Fr&uuml;hst&uuml;ck so traumverloren vor sich hin, da&szlig; seine
+Frau ihn verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen,
+da&szlig; er so vergn&uuml;glich dreinschaute, es war ihr
+schon lieber als das sorgliche und gr&auml;mliche Gesicht, das
+sie an ihm gew&ouml;hnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie
+sich zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu
+holen. Der Vater horchte auf ihre Schritte &#8211; richtig,
+jetzt machte sie Halt, sie mu&szlig;te etwa vor dem Schrank
+stehen. &raquo;Mutter,&laquo; rief sie nun aus der Kammer, &raquo;was
+steht denn da oben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; doch nicht, was du meinst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp
+sprang neugierig in die Kammer. &raquo;Ein Puppenkopf ist&#8217;s,&laquo;
+rief er, &raquo;aber kein solcher,&laquo; und er deutete auf die, welche
+sein Vater auspre&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder
+hast du etwas hinaufgestellt, Elias?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig;t eben sehen,&laquo; sagte der mit seinem wunderlichen
+L&auml;cheln. Jetzt ging die Mutter selbst hinaus und
+Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob Frau Greiner
+das K&ouml;pfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster;
+die Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. &raquo;Das
+ist gar kein Puppenkopf,&laquo; h&ouml;rte er jetzt seinen Philipp
+sagen, &raquo;das ist ja der Alex.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade hab&#8217; ich&#8217;s auch gedacht,&laquo; rief die Frau,
+&raquo;unser Alex, ja ganz wie er leibt und lebt.&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rten sie Greiner laut und vergn&uuml;gt lachen, wie
+sie&#8217;s gar nicht gew&ouml;hnt waren. &raquo;Was lachst denn du so?&laquo;
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>fragte seine Frau und kam zu ihm mit dem kleinen Kunstwerk
+in der Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Mich freut&#8217;s halt, da&szlig; ihr&#8217;s erkannt habt. Bei
+Nacht hab&#8217; ich&#8217;s gemacht, da&szlig; wir doch ein Andenken
+haben, wenn der Kleine sterben sollte,&laquo; setzte er schon
+wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;So steht&#8217;s nicht um ihn, daran brauchst gar nicht
+zu denken.&laquo; Sie trat an den Wagen, das Kind schlief,
+sie hielt das K&ouml;pfchen daneben. &raquo;Gut erraten hast&#8217;s,
+wirklich gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das
+w&uuml;rde sch&ouml;nere Puppenk&ouml;pfe geben, als die alten da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie m&uuml;&szlig;t&#8217; man das
+anstellen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen andern Weg w&uuml;&szlig;t&#8217; ich nicht, als da&szlig; man den
+Kopf den Fabrikherren zeigt, ob er einem von ihnen so
+gut gefiele, da&szlig; er Formen danach machen lie&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der m&uuml;&szlig;t ihn dir abkaufen; f&uuml;r einen neuen
+Kopf hat mancher schon viel Geld bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt,
+du mu&szlig;t ihn halt in die Stadt tragen; meine Liebhaberei
+ist das nicht, zu den Herren zu laufen, die einen
+vielleicht kurz abweisen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht,
+ob es <em class="gesperrt">ihre</em> Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es
+gab ja eine ganze Anzahl von Fabrikanten in Sonneberg;
+ihre Schwester wollte sie fragen, an wen sie sich wenden
+sollte, einer w&uuml;rde es schon annehmen. Das Kunstwerk
+wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und
+am folgenden Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Gl&uuml;ck
+in der Stadt zu versuchen.</p>
+
+<p>Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied,
+da&szlig; es ihm nie mehr an Milch fehlen sollte, wenn
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>sein Abbild einen K&auml;ufer f&auml;nde. Leichtf&uuml;&szlig;ig ging sie aus
+dem Haus &#8211; Arbeit war nicht abzuliefern, der gro&szlig;e
+Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines
+K&ouml;rbchen, in dem der Schatz geborgen war, ein gro&szlig;es
+Tuch um Kopf und Brust geschlungen, das die Winterk&auml;lte
+abhalten sollte, so verlie&szlig; sie ihr Heim. Der Mann
+blieb in gr&ouml;&szlig;erer Aufregung zur&uuml;ck als je vorher. Wenn
+sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur
+darum, ob sie etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen
+heimbringen w&uuml;rde; heute aber war die gro&szlig;e
+Frage, ob sie gleichg&uuml;ltig abgewiesen mit leeren H&auml;nden
+besch&auml;mt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder
+gar eine gro&szlig;e Summe erhalten w&uuml;rde?</p>
+
+<p>Einmal war&#8217;s ja vorgekommen im Dorf &#8211; das mochte
+aber schon drei&szlig;ig Jahre her sein &#8211; da&szlig; einer ein reicher
+Mann geworden war durch einen besonders h&uuml;bschen
+Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner zumute
+wie einem, der ein Los genommen, auf das er
+gro&szlig;e Hoffnungen setzt, und nun sieht er der Ziehung
+entgegen &#8211; wird&#8217;s eine Niete sein, ein Gewinnst oder
+gar der Haupttreffer? Der sch&ouml;ne Traum mit dem gro&szlig;en
+Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war
+er verflogen! Nun ja, auch <em class="gesperrt">der</em> sch&ouml;ne Traum w&uuml;rde
+wohl heute abend vorbei sein. Seine Frau wird den
+kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen und
+sagen: es hat ihn keiner gewollt. Nat&uuml;rlich, sie hatten
+ja in Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere
+machen? Die alten Puppenk&ouml;pfe gefielen ihnen vielleicht
+viel besser, sie lachten seine Frau wohl aus. Mit all
+seinem Denken und F&uuml;hlen war Greiner bei seiner Frau,
+nur k&ouml;rperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah
+und h&ouml;rte kaum, was sie trieben.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>suchte Mutter und Schwester auf. &#8211; Auch bei diesen stockte
+in dieser Jahreszeit die Arbeit. Die alte Frau sa&szlig; am Ofen
+und ruhte, die Schwester flickte, friedlich und still war&#8217;s
+im St&uuml;bchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde Frau
+Greiner eine gro&szlig;e Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie
+angenehm erw&auml;rmte nach dem langen Marsch durch die
+K&auml;lte. Sie hatte schon erz&auml;hlt, was sie heute in die Stadt
+trieb, aber das Kunstwerk war noch im Korb.</p>
+
+<p>&raquo;So zeig doch einmal den Kopf,&laquo; sagte nun die alte
+Frau. Sorgsam nahm ihn Frau Greiner heraus, gespannt
+sah sie auf der Mutter pr&uuml;fendes Gesicht. &raquo;Da
+spar&#8217; dir nur die M&uuml;h&#8217;, Magdalene,&laquo; sagte sie jetzt, &raquo;das
+ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein
+Kinderkopf, den nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht
+der Greiner in die drei&szlig;ig Jahr K&ouml;pf&#8217; und wei&szlig; noch
+nicht, wie sie aussehen m&uuml;ssen! H&auml;ttest&#8217;s ihm wohl sagen
+k&ouml;nnen, hast&#8217;s denn du nicht gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte die Frau kleinm&uuml;tig, &raquo;anders ist er freilich,
+als sonst die Puppenk&ouml;pfe sind, aber er hat halt gemeint,
+so w&auml;ren sie sch&ouml;ner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie, la&szlig; mich&#8217;s doch auch recht sehen,&laquo; sagte die
+Schwester und stellte den Kopf an das Pl&auml;tzchen, an dem
+sie sonst jahraus jahrein den K&ouml;pfen ihren Haarschmuck
+zurechtmachte. &raquo;So einer ist freilich noch nie dagestanden,&laquo;
+sagte sie kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;aber so unrecht ist er gerade nicht.
+Bei dem jungen Fabrikanten Weber dr&uuml;ben, da w&auml;r&#8217;s doch
+nicht unm&ouml;glich, da&szlig; du ihn anbr&auml;chtest; da ging&#8217; ich hin,
+der ist f&uuml;rs Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann
+nimmt ihn keiner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?&laquo;
+fragte Frau Greiner.</p>
+
+<p>&raquo;Bis ans Haus begleit&#8217; ich dich und wart&#8217; unten;
+hinauf m&ouml;cht&#8217; ich grad nicht, sie sind oft so barsch.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit.
+Das Haus war geschlossen, am Glockenzug blieben sie
+z&ouml;gernd stehen. &raquo;Meinst du nicht, man lacht mich nur aus
+mit meinem elenden K&ouml;pfchen? Sollt&#8217; ich&#8217;s nicht bleiben
+lassen? Der Mutter hat&#8217;s ja gar nicht gepa&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der junge Herr so zuf&auml;llig herausk&auml;m&#8217;, w&auml;r&#8217;s
+freilich besser, als wenn man so extra und gro&szlig;artig die
+Glocke zieht.&laquo; Eine Weile standen sie zaghaft auf dem
+kalten Pflaster. Da mu&szlig;te die junge Frau an daheim
+denken, und es war, als ob sie es sp&uuml;rte, wie ihr Mann
+mit all seinem Denken bei ihr war. &raquo;Ich mu&szlig; in Gottes
+Namen hinein,&laquo; sagte sie, &raquo;ich k&ouml;nnt&#8217; mich ja vor meinem
+Elias heut&#8217; abend nicht blicken lassen.&laquo; Sie l&auml;utete; die
+T&uuml;re wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt
+zur&uuml;ck und Frau Greiner vorw&auml;rts bis an eine T&uuml;re mit
+der Aufschrift &raquo;Kontor&laquo;, und tapfer hinein in das Zimmer,
+wo an gro&szlig;en Stehpulten zwei Herren schrieben.</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;nschen?&laquo; fragte der eine, der nur einen Augenblick
+den Kopf erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb.
+Sch&uuml;chtern und unsicher brachte Frau Greiner ihr Anliegen
+vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr Mann gemacht, weil
+sie ein so sch&ouml;nes Waisenkind h&auml;tten, nach dem h&auml;tt&#8217; er&#8217;s
+gemacht, wie&#8217;s leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner
+Schwester Kind sei und Umschl&auml;ge brauchte bei Nacht.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was
+wollen Sie denn eigentlich?&laquo; fragte der Schreiber.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht
+kaufen w&uuml;rde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kaufen? Ja, zu was denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; man Formen danach mache zu Papiermasch&eacute;-K&ouml;pfen.
+Mein Mann ist Dr&uuml;cker in Oberhain.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er Dr&uuml;cker ist, dann soll er nur die Formen
+sch&ouml;n ausdr&uuml;cken; aber die neuen K&ouml;pfe, das k&ouml;nnt&#8217; er
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>wissen, die bezieht Herr Weber nicht von den Dr&uuml;ckern
+da drau&szlig;en im Wald, die werden von den K&uuml;nstlern geliefert,
+von rechten K&uuml;nstlern, die ausgebildet sind auf der
+Kunstschule. So etwas mu&szlig; gelernt sein, gute Frau.
+Jetzt gehen Sie nur heim und machen Sie Ihrem Waisenkind
+Umschl&auml;ge, das wird besser sein.&laquo; Er lachte und der
+j&uuml;ngere Herr am n&auml;chsten Schreibpult lachte auch. Aber
+Frau Greiner war nicht empfindlich; es waren eben junge
+Herrn, die machten sich gern lustig, das nahm sie nicht
+schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den Kopf. Sie
+nahm ihn aus dem Korb. &raquo;Das w&auml;re er,&laquo; sagte sie; &raquo;der
+Herr Weber ist wohl nicht zu Haus, da&szlig; ich ihm den Kopf
+zeigen k&ouml;nnt&#8217;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte der Herr und schaute nur fl&uuml;chtig nach
+dem K&ouml;pfchen. &raquo;Herr Weber hat genug neue Muster,
+fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es ja hier in
+jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Stra&szlig;e kann
+Ihnen eine zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein,
+und dabei sagte sie ganz treuherzig: &raquo;Es w&auml;r&#8217; mir doch
+recht gewesen, wenn ich den Herrn Weber h&auml;tt&#8217; einen
+Augenblick sprechen k&ouml;nnen. Weil er doch f&uuml;rs Neumodische
+ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz
+weich ist er noch.&laquo; Die Herren lachten, da lachte Frau
+Greiner mit. &raquo;Sie haben halt noch gut lachen,&laquo; sagte
+sie, &raquo;Sie sind jung. Aber f&uuml;r meinen Mann ist&#8217;s
+schon anders, wenn ich mit leeren H&auml;nden heimkomm&#8217;.
+Man k&ouml;nnt&#8217;s Geld so n&ouml;tig brauchen und er hat schon
+wunder gemeint, wieviel ich ihm heimbring&#8217;! Der macht
+b&ouml;se Falten hin!&laquo;</p>
+
+<p>Halblaut sagte der &auml;ltere Schreiber zum j&uuml;ngeren:
+&raquo;So gehen Sie eben hinauf und bitten Sie Herrn Weber,
+da&szlig; er einen Augenblick herunterkomme.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Frau Greiner bemerkte mit gro&szlig;er Genugtuung, da&szlig;
+Herr Weber nun auf einmal zu Hause war. Gleich packte
+sie ihr K&ouml;pfchen wieder aus.</p>
+
+<p>So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun
+eintrat und zu Frau Greiner sagte: &raquo;Einen Kopf hat Ihr
+Mann gemacht? So lassen Sie mal sehen.&laquo; Und w&auml;hrend
+er mit dem K&ouml;pfchen in der Hand ans Fenster trat, es
+fortw&auml;hrend betrachtend, fragte er: &raquo;Wie hei&szlig;t denn Ihr
+Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elias Greiner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat
+er&#8217;s gelernt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul&#8217;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, und was verlangen Sie f&uuml;r den Kopf?&laquo;</p>
+
+<p>Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen
+von Frau Greiner leuchteten ordentlich, aber was sollte sie
+antworten? &raquo;Ich wei&szlig; nicht, was ich verlangen soll,&laquo;
+sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit seinem Buchhalter
+leise verhandelt.</p>
+
+<p>&raquo;Wer etwas verkaufen will, der mu&szlig; auch den Preis
+machen,&laquo; sagte der Fabrikant.</p>
+
+<p>Da wuchs Frau Greiner der Mut. &raquo;Ich denk&#8217; halt
+so,&laquo; sagte sie; &raquo;Fabriken gibt&#8217;s hier in jedem dritten Haus,
+ich k&ouml;nnt&#8217; &uuml;berall fragen und es dem Herrn geben, der&#8217;s
+am besten bezahlt.&laquo;</p>
+
+<p>Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant
+wandte sich ernsthaft an sie: &raquo;Ich will Ihnen etwas sagen,
+Frau, und Sie k&ouml;nnen es Ihrem Mann ausrichten: der
+Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,
+aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen
+k&ouml;nnen. Es ist kein Puppenkopf, wie man es gewohnt
+ist. Ihr Mann soll sich einmal hundert Puppenk&ouml;pfe
+ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als die
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist
+es ja nicht so, und bei diesem Kopf auch nicht, darum
+sieht er aus wie ein Kinderk&ouml;pfchen, nicht wie ein Puppenkopf.
+<em class="gesperrt">Mir</em> gef&auml;llt es so, weil es nach dem Leben ist,
+ich kann die gro&szlig;en Puppenaugen nicht leiden; aber ob
+es sich gut verkaufen l&auml;&szlig;t, das fragt sich sehr. Die Kaufleute
+wollen eben die hergebrachten Puppenk&ouml;pfe, und
+darum d&uuml;rfen Sie mir glauben, wenn Sie auch zu allen
+Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer anbringen.
+Aber versuchen Sie es nur.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war
+froh, da&szlig; dieser Mann an dem Kopf Gefallen fand. Auch
+fl&ouml;&szlig;te ihr seine Art Vertrauen ein. &raquo;Ich wei&szlig; nicht, was
+ich fordern soll,&laquo; sagte sie, &raquo;aber wenn Sie ihn kaufen
+wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden
+mir schon geben, was recht ist.&laquo;</p>
+
+<p>Noch einmal betrachtete der Fabrikant pr&uuml;fend das
+kleine Kunstwerk, dann sagte er: &raquo;Ihr Mann soll mir
+schriftlich versprechen, da&szlig; er in den n&auml;chsten Jahren keinen
+Kopf f&uuml;r einen anderen Fabrikanten macht als f&uuml;r mich,
+dann zahle ich Ihnen f&uuml;r den Kopf 800 Mark; davon
+gebe ich Ihnen die H&auml;lfte gleich mit und die andere
+H&auml;lfte, sowie Ihr Mann mir das Schriftliche bringt.
+Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel gleich
+schriftlich gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, ja,&laquo; sagte Frau Greiner, &raquo;einverstanden bin ich,
+ganz einverstanden,&laquo; und die Freude &uuml;ber die hohe Summe
+&uuml;berstrahlte ihr Gesicht, alle ihre Erwartungen waren &uuml;bertroffen.
+Als sie die Summe wirklich in die Hand bekam
+und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant: &raquo;Ihr Mann
+soll die andere H&auml;lfte des Geldes selbst holen, ich m&ouml;chte
+mit ihm reden, vielleicht k&ouml;nnen wir miteinander verabreden,
+da&szlig; er mir den Kopf auch in andern Gr&ouml;&szlig;en liefert.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Da f&uuml;hlte die Frau, da&szlig; ihr f&uuml;r jetzt und f&uuml;r die
+Zukunft eine Last abgenommen war, die sie getragen hatte,
+solang sie zur&uuml;ckdenken konnte &#8211; die bittere Armut, unter
+deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte. Sie sagte
+noch mit Tr&auml;nen in den Augen: &raquo;Vergelt&#8217;s Gott, und
+mein Mann wird sich selbst bedanken,&laquo; und ging wie im
+Traum von dannen. Die Herren sahen ihr nach, der
+Buchhalter meinte: &raquo;Die h&auml;tt&#8217;s auch um weniger hergegeben.&laquo;
+&raquo;Ja,&laquo; sagte der Fabrikant, &raquo;aber es w&auml;re nicht
+recht, wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausn&uuml;tzen.
+Ein K&uuml;nstler h&auml;tt&#8217; das Doppelte daf&uuml;r verlangt.
+Der Kopf ist vorz&uuml;glich, wollen wir sehen, ob wir gute
+Gesch&auml;fte damit machen.&laquo; Das Abbild des kleinen Alex
+wurde in kostbarem Schrank verwahrt.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en vor dem Haus trippelte frierend Frau
+Greiners Schwester auf und ab. &raquo;Aber du hast lang gebraucht!
+Ich bin ganz erstarrt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat&#8217;s ja
+gekauft! Rat nur, um wieviel? Aber du h&auml;ttest&#8217;s ja doch
+nie erraten &#8211; um 800 Mark, Regine! Komm zur Mutter,
+komm nur schnell!&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte.
+Auf dem langen Wege hatte sie sich ihren Plan
+gemacht: Am Kr&auml;mer wollte sie vorbeigehen und am Metzger,
+Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann,
+wenn sie heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die
+brauchten nichts zu wissen von dem vielen Geld. Danach
+wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den Kopf nimmt niemand,
+der hat ja gar so einen gro&szlig;en Mund, und dann,
+wenn er sich recht gegr&auml;mt hatte, wollte sie den Korb aufmachen
+und statt dem Kopf die Geldrollen vor ihn legen.
+Ja, so hatte sie sich&#8217;s ausgedacht. Als sie aber endlich
+im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten; einkaufen
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>konnte sie doch sp&auml;ter noch, jetzt heim, heim! Und als
+sie die Zimmert&uuml;re aufmachte, wo all die Ihren beisammen
+sa&szlig;en und auf sie warteten, und als ihr Mann auf sie
+zukam und sie ansah, wie wenn sein Leben abhinge von
+dem Wort, das jetzt &uuml;ber ihre Lippen kommen w&uuml;rde, da
+hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu t&auml;uschen; da fuhr
+sie ihm mit beiden H&auml;nden &uuml;ber seine schmalen Backen,
+und strahlend vor Gl&uuml;ck rief sie: &raquo;Um 800 Mark haben
+sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir! Gelt,
+da kannst lachen, du alter Griesgram du!&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen
+war. Nach einer Stunde etwa lie&szlig; er sein
+Stimmchen h&ouml;ren und ein einstimmiges: &raquo;Jetzt wacht er!&laquo;
+kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen
+umringt von allem was Greiner hie&szlig;, denn die ganze
+Dankbarkeit wandte sich dem Kindlein zu. Des Alex&#8217;
+Gesichtchen war&#8217;s ja, das solches Gl&uuml;ck ins Haus gebracht
+hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von
+seinen Soxhletfl&auml;schchen standen voll auf dem Ofen. Wie
+lieblich der Kleine all die freundlichen Gesichter anl&auml;chelte,
+die seinen Wagen umringten, und wie gierig
+er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen!
+Sie sahen ihm alle zu. &raquo;Jetzt sollst du Milch haben, soviel
+du willst, alle Tage frische Milch, du lieber kleiner
+Schelm du!&laquo;</p>
+
+<p>Aber wie war es nur m&ouml;glich &#8211; sie bekam ihm nicht
+einmal gut! &raquo;Er wird die Milch doch vertragen, es wird
+doch nicht zu sp&auml;t sein?&laquo; dachte Greiner. Am n&auml;chsten
+Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das Soxhletfl&auml;schchen
+weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen
+Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht
+fa&szlig;te Greiner einen Entschlu&szlig;: &raquo;Wenn ich morgen in die
+Stadt gehe und das Geld hole, nehme ich den Arzt mit
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>heraus; wir sind&#8217;s ihm schuldig, dem Kind, wir wollen
+alles daf&uuml;r tun.&laquo;</p>
+
+<p>Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung.
+Er war nicht gesandt, M&uuml;he und Kosten zu machen, er
+sollte blo&szlig; aus dem Elend helfen. Jetzt hatte er geholfen
+und jetzt nahm er Abschied. In fr&uuml;her, dunkler Morgenstunde,
+als Greiner an seinem Bettchen sa&szlig;, l&auml;chelte der
+kleine Alex holdselig, dann schlo&szlig; er halb die kleinen &Auml;uglein
+und war still. Ganz sanft war er entschlafen. Da
+trat der Mann ans Bett seiner Frau. &raquo;Magdalene, wach
+auf, unser Kleiner ist gestorben.&laquo;</p>
+
+<p>Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen
+eigenen Eltern und Geschwistern nicht mehr h&auml;tte betrauert
+werden k&ouml;nnen, und dem kleinen Fremdling folgten
+auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und
+Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan
+h&auml;tte um das liebliche Kind. Und sie sagten untereinander,
+es sei zu sch&ouml;n gewesen f&uuml;r diese Welt.</p>
+
+<p>Der Ortsvorsteher schrieb nach K&ouml;ln, man sollte den
+Vormund ausfindig machen und ihm den Todesfall mitteilen.
+Die Familie lasse auch fragen, ob sie die W&auml;sche,
+den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten d&uuml;rfe?
+Er, Ruppert, halte das f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich. Er habe
+es nie gebilligt, da&szlig; man dieser armen Familie das Kind
+zugeschoben habe, und bitte den Vormund, die Beerdigungskosten
+zu zahlen.</p>
+
+<p>Eines Tages brachte Ruppert das Geld f&uuml;r die Beerdigung
+und eine Antwort mit Entschuldigung. Der
+Vormund habe nicht gewu&szlig;t, da&szlig; Fabrikant Greiner in so
+schlechten Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen sei. Die W&auml;sche und
+den Wagen sollten selbstverst&auml;ndlich die Kostgeber als Entsch&auml;digung
+erhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Vom Soxhlet steht nichts darin?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>&raquo;Nein, von dem nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst, wir sind nicht allein so dumm,&laquo; sagte Frau
+Greiner zu ihrem Mann. &raquo;Die Herren wissen halt auch
+nicht, was der Soxhlet ist.&laquo;</p>
+
+<p>Im Fr&uuml;hjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie
+das kleine Grab. Rings um den H&uuml;gel gruben sie in
+die Erde die Soxhletfl&auml;schchen, die dienten als Gl&auml;ser f&uuml;r
+die Schneegl&ouml;ckchen und Maiblumen. Sogar ein sch&ouml;nes
+Kreuz schm&uuml;ckte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte
+ist bei Kindergr&auml;bern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner
+Erdenb&uuml;rger, der, wie Alex, eine ganze Familie aus dem
+Elend errettet hat? Mancher wird alt und grau und hat
+in seinem langen Leben andern kein Gl&uuml;ck gebracht!</p>
+
+<p>Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben
+der andern ausgestellt in den L&auml;den der gro&szlig;en Stadt,
+dann schaut sie genau an. Ist nicht eine dabei, die lebensvoll
+wie ein Kindergesichtchen euch ansieht zwischen all den
+gro&szlig;&auml;ugigen Puppengesichtern? Dann gr&uuml;&szlig;t sie freundlich,
+ihr wi&szlig;t ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex
+ist sie nachgebildet.</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a></p>
+<h2><a name="Der_Akazienbaum" id="Der_Akazienbaum"></a>Der Akazienbaum.</h2>
+
+
+<p>Drau&szlig;en vor dem Stadttor steht ein gro&szlig;es Haus,
+das ist das Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.</p>
+
+<p>Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen
+krank. Man brachte es in das Kinderspital. Dort wurde
+es in ein Bett gelegt und von der Schwester gepflegt,
+lange Zeit.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Schwester Berta,&laquo; seufzte Lenchen, &raquo;ich bin schon
+so lange krank, wann werde ich wohl wieder gesund?&laquo;</p>
+
+<p>Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der
+vor dem Fenster so kahl dastand und seine d&uuml;rren &Auml;ste
+&uuml;ber die Gartenmauer streckte, und sie sagte: &raquo;Wenn die
+Akazie wieder gr&uuml;ne Bl&auml;tter bekommt, dann wirst du wieder
+gesund.&laquo; Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus
+alle Tage durchs Fenster, ob die Akazie noch keine gr&uuml;nen
+Bl&auml;tter zeigte, und sehnte sich danach.</p>
+
+<p>Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam
+fort, eine andere Schwester kam und pflegte die Kinder.
+Es wurde Fr&uuml;hling, alle Hecken und B&uuml;sche trieben Bl&auml;tter,
+viele B&auml;ume bl&uuml;hten schon, nur allein die Akazie stand
+noch kahl, wie im Winter.</p>
+
+<p>&raquo;Ach Schwester Marie,&laquo; seufzte Lenchen, &raquo;wann wird
+denn endlich die Akazie gr&uuml;n?&laquo; Da sah Schwester Marie
+hinaus auf den bl&auml;tterlosen Baum; sie wu&szlig;te nicht, da&szlig;
+die Akazien alle Jahre sp&auml;ter gr&uuml;n werden als die andern
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>B&auml;ume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie:
+&raquo;Der wird wohl nie mehr gr&uuml;n, der ist abgestorben.&laquo; Da
+erschrak Lenchen und dachte bei sich: &raquo;dann werde ich auch
+nimmer gesund, dann bin ich auch abgestorben,&laquo; und das
+arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte sich ab
+vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die
+Schwester wu&szlig;te aber nicht warum und sagte eines Tages
+zum Arzt: &raquo;Ich glaube, dem Kind tun die Augen weh,
+es wendet sich immer ab vom Fenster.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mu&szlig; man einen Wandschirm vor sein Bett
+stellen,&laquo; sagte der Arzt, &raquo;damit es nicht ins Helle sieht.&laquo;
+So kam eine Wand vor Lenchens Bett, und es konnte
+das Fenster nicht mehr sehen.</p>
+
+<p>Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im
+Winter ins Spital gebracht hatte, waren l&auml;ngst wieder
+fort, nur mit Lenchen wurde es nicht besser. &raquo;Willst du
+nicht versuchen aufzustehen?&laquo; fragte manchmal Schwester
+Marie das stille Kind.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,&laquo; sagte die
+Kleine und man lie&szlig; sie liegen.</p>
+
+<p>Eines Tages sprach der Arzt: &raquo;Ich begreife gar nicht,
+warum es mit diesem Kind nicht vorw&auml;rts geht. Schwester,
+tragen Sie einmal die Kleine vor an das Fenster, damit
+ich sie besser sehen kann.&laquo; Lenchen wollte nicht ans Fenster,
+denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, aber
+Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der
+Arzt verlangt hatte. Lenchen dr&uuml;ckte die Augen fest zu.
+Am Fenster stand der Arzt. &raquo;Augen auf!&laquo; befahl er.
+Da folgte sie und &ouml;ffnete die Augen. Ihr erster Blick fiel
+auf die Akazie und siehe, der Baum war &uuml;ber und &uuml;ber
+voll gr&uuml;ner Bl&auml;ttchen, die wiegten sich im Sonnenschein
+und der blaue Himmel gl&auml;nzte zwischen den Zweigen hindurch,
+die freundlich &uuml;ber die Mauer her&uuml;bergr&uuml;&szlig;ten. Da
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>jubelte Lenchen laut auf und rief: &raquo;Die Akazie ist gr&uuml;n,
+jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert
+an, denn sie verstanden gar nicht, was das Kind meinte,
+aber sie freuten sich, da&szlig; Lenchen so gl&uuml;cklich war. Lange,
+lange blieb sie am Fenster und konnte sich nicht satt sehen
+an dem gr&uuml;nen Baum, und als noch einige Tage vor&uuml;ber
+waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern
+unter dem sch&ouml;nen Akazienbaum und war bald wieder
+frisch und gesund.</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a></p>
+<h2><a name="Wie_Johannes_Ruhn_Kaufmann_wurde" id="Wie_Johannes_Ruhn_Kaufmann_wurde"></a>Wie Johannes Ruhn Kaufmann
+wurde.</h2>
+
+
+<p>Die gro&szlig;e Frage, was einst aus ihm werden solle, war
+f&uuml;r Johannes Ruhn schon gel&ouml;st, lange ehe er aus der
+Schule kam; denn er hatte eine solch ausgesprochene Neigung
+zum Kaufmannsstand, da&szlig; seine Gedanken ganz und gar
+davon erf&uuml;llt waren. Sein Vater, ein t&uuml;chtiger und verst&auml;ndiger
+Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war
+allerdings der Ansicht, da&szlig; f&uuml;r den kaufm&auml;nnischen Beruf
+etwas Verm&ouml;gen not t&auml;te, und er hatte das seinige nicht
+in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er
+besa&szlig;, war eine Frau und f&uuml;nf Kinder. Deshalb &auml;u&szlig;erte
+Vater Ruhn manchmal Bedenken &uuml;ber die Zukunftspl&auml;ne
+seines &Auml;ltesten; aber wenn er seinen Johannes beobachtete,
+wie der mit hellen Augen ins Leben sah, oder wenn er ihn
+von seinem zuk&uuml;nftigen Berufe reden h&ouml;rte, dann hatte er,
+ohne recht sagen zu k&ouml;nnen woran es lag, den Eindruck:
+der wird auch ohne Verm&ouml;gen vorw&auml;rts kommen. Auch
+seine Frau, die sonst eine sorgliche, sch&uuml;chterne Art hatte,
+meinte von ihrem Johannes: &raquo;Den lassen wir nur machen,
+er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell w&auml;ren,
+wie der!&laquo;</p>
+
+<p>Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die
+Eltern mit bester Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig
+zu machen. Der Vater hielt Umfrage, die Mutter
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit der Frage
+zu schlie&szlig;en, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst
+stellte sich da und dort vor &#8211; aber es wollte nicht gelingen
+und die gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche
+mehr. In manchem Gesch&auml;ft w&auml;re wohl Platz gewesen,
+aber es wurde Lehrgeld verlangt oder h&ouml;here Ausbildung
+und beides stand Johannes nicht zur Verf&uuml;gung. Andere
+besahen sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das
+Besondere, das die Eltern an ihm kannten; sie sahen nur
+die f&uuml;r sein Alter noch etwas kleine, zarte Gestalt, nicht
+die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht strahlten
+und von Unternehmungslust gl&auml;nzten. Es boten sich so
+viele kr&auml;ftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug
+gegeben, und niemand wollte Johannes.</p>
+
+<p>So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand
+sich kein Pl&auml;tzchen, immer kleinm&uuml;tiger wurde die Stimmung
+bei Vater, Mutter und Sohn.</p>
+
+<p>Dieser machte sich einstweilen daheim n&uuml;tzlich. Die Mutter
+konnte ruhig ausw&auml;rts Arbeit annehmen, ihr Gro&szlig;er ersetzte
+ihr Kindsmagd und K&ouml;chin, denn zur Unt&auml;tigkeit war seine
+Natur nicht angelegt, er mu&szlig;te immer zu tun haben, sonst
+war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens verga&szlig;
+er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so
+manches, und das kam daher, da&szlig; seine Gedanken nicht bei
+der Sache waren; die arbeiteten unabl&auml;ssig und suchten
+nach Mittel und Wegen, um das ersehnte Ziel zu erreichen:
+Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Gesch&auml;ft
+aufnehmen, so mu&szlig;te es anderswie gehen.</p>
+
+<p>Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in
+der seine hellen Augen pl&ouml;tzlich den Weg vor sich sahen,
+den er gehen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den
+abendlichen Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>das Licht nicht gekommen, aber woher sonst? Was ist es
+doch f&uuml;r ein geheimnisvoller Hergang, wenn wir nachdenken,
+so lange, bis unserem Geist pl&ouml;tzlich aufleuchtet, was uns
+ohne dieses Besinnen dunkel geblieben w&auml;re?</p>
+
+<p>Johannes Ruhn h&auml;tte auch nicht sagen k&ouml;nnen, wie
+es zugegangen, da&szlig; er pl&ouml;tzlich wu&szlig;te, was er tun mu&szlig;te;
+aber er war gl&uuml;ckselig &uuml;ber diese Klarheit. Sein gutes,
+noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und die Lust
+belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die H&auml;nde auf
+das Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine
+hinaus wie ein junges F&uuml;llen.</p>
+
+<p>Und dann begann f&uuml;r den kleinen Gesch&auml;ftsmann die
+Arbeit. Die erste mu&szlig;te sein: Vater und Mutter f&uuml;r seinen
+Plan zu gewinnen. Am Abend, als die kleinen Geschwister zu
+Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine Gedanken zu
+entwickeln: Weil er in keinem Gesch&auml;ft ankomme, m&uuml;sse er
+selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, m&uuml;sse er
+etwas verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt
+bek&auml;me. Er wu&szlig;te schon etwas, n&auml;mlich: alte Kistchen,
+B&uuml;chsen und Pappschachteln; die bekomme man umsonst in
+den L&auml;den und auch von seinen Kameraden w&uuml;rde ihm
+jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten
+und ausbessern w&uuml;rde, und h&auml;tte dann einen ganzen Haufen
+in allen Gr&ouml;&szlig;en und Formen, dann k&ouml;nnte er sie verkaufen,
+vor Weihnachten, wo jedermann Pakete abschicke, vielleicht
+auf der Messe oder an einer Stra&szlig;enecke, und alte Packpapiere
+und Schn&uuml;re m&uuml;&szlig;ten auch dabei sein. Und wenn
+er dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch
+Siegellack dazu und Adre&szlig;karten und Begleitscheine, da&szlig;
+die Leute alles bequem beieinander h&auml;tten, und den Ungeschickten
+w&uuml;rde er auch helfen zusammenpacken und&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;
+hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm pl&ouml;tzlich zum
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; er schon eine ganze Weile redete und die
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Eltern noch immer kein Zeichen von Beifall gaben. So
+hielt er inne, begierig, was sie sagen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Es kamen allerlei Einw&auml;nde. Der Mutter schien der
+Handel nicht fein genug; ein Tr&ouml;delgesch&auml;ft sei das, und
+wenn er Tr&ouml;dler sei, komme er nimmer hinauf in den
+richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergn&uuml;gen w&auml;re
+das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da
+k&ouml;nnte man mehr als einen Schnupfen davontragen; auch
+denke sie sich&#8217;s nicht sch&ouml;n, betteln zu gehen, um so eine
+Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit diesen und
+&auml;hnlichen Einw&auml;nden wurde aber Johannes leicht fertig;
+denn ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und
+die K&auml;lte f&uuml;rchtete er gar nicht und betteln w&uuml;rde er nirgends,
+nur bitten. Aber nun kam ein anderes, ein schwerwiegendes
+Wort: &raquo;Ohne Erlaubnis geht das nicht,&laquo; sagte
+der Vater, &raquo;f&uuml;r so etwas mu&szlig; man eine Eingabe bei dem
+Magistrat machen, mu&szlig; Abgaben zahlen, wohl auch noch
+Gewerbesteuer entrichten, daran scheitert die Sache.&laquo;</p>
+
+<p>An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte
+es zuerst gar nicht glauben. Wie sollte denn der Magistrat
+sich darum k&uuml;mmern, wenn er, Johannes Ruhn, alte
+Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erkl&auml;rte ihm
+die Sache, und die schweren gro&szlig;en Worte: Magistrat,
+Gewerbesteuer und Abgaben dr&uuml;ckten so sehr auf Johannes&#8217;
+Luftschlo&szlig;, da&szlig; es einzust&uuml;rzen drohte; bis die Mutter dem
+sch&ouml;nen Gebilde zu Hilfe kam, das sie doch selbst erst angegriffen
+hatte, nun aber in warmer Regung des Mitleids
+zu st&uuml;tzen geneigt war. Sie sagte zum Vater: &raquo;Du
+m&uuml;&szlig;test eben einen der Herren vom Magistrate darum
+ansprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Einige Tage sp&auml;ter kam Vater Ruhn vom Rathause
+heim, wo ihm er&ouml;ffnet worden war: wenn sein Junge so ein
+findiger Kerl sei, so m&ouml;ge er die Sache immerhin versuchen,
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>zun&auml;chst ohne Abgabe. Auch st&uuml;nde ihm zu seinem Versuch
+ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verf&uuml;gung.</p>
+
+<p>Johannes Ruhn wu&szlig;te sich an diesem Tage nicht zu
+fassen vor Gl&uuml;ck. Seine Freude war so gro&szlig;, da&szlig; sie wie
+ein Strom die Geschwister, ja auch die Eltern mit fortri&szlig;,
+die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten, ob
+es eigentlich ein so besonderes Gl&uuml;ck sei, wenn im g&uuml;nstigsten
+Falle durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark
+verdient w&uuml;rden? Der zu erwartende Gewinn war es auch
+nicht, der Johannes so beseligte; es war vielmehr die Freude
+des Erfinders, die ihn erf&uuml;llte und nun seine Unternehmungslust
+weckte.</p>
+
+<p>Es dauerte gar nicht lange, so f&uuml;llten sich die R&auml;ume
+mit Schachteln, Pappk&auml;sten und Kistchen aller Art; denn
+es sprach sich bald in der Nachbarschaft herum, wie hocherw&uuml;nscht
+solche in der Familie Ruhn seien; gar manche
+Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem, bestaubtem
+Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter
+Dankbarkeit in Empfang genommen und nun gereinigt und
+ausgebessert wurde. Unerm&uuml;dlich schaffte er mit Zwirn,
+mit Kleister und Leim, und allm&auml;hlich t&uuml;rmten sich die
+sauber hergerichteten Schachteln, so da&szlig; die Familie in
+ihren kleinen Zimmern bedr&auml;ngt wurde von diesem &Uuml;berflu&szlig;
+und sehnlich den Tag erwartete, bis sich der Segen herausergie&szlig;en
+w&uuml;rde aus ihren engen R&auml;umen.</p>
+
+<p>Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die
+Weihnachtsmesse, der zur Er&ouml;ffnung des &raquo;Gesch&auml;fts&laquo; bestimmte
+Zeitpunkt. Noch vor Tagesanbruch, ehe die kleinen
+Geschwister wach waren, zogen Vater, Mutter und Sohn
+hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der alten
+Me&szlig;bude angewiesen war. Einm&uuml;tig halfen sie zusammen,
+doch war den beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen
+peinlich; sie sprachen nur leise miteinander, um die Aufmerksamkeit
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>der anderen Me&szlig;leute nicht auf sich zu ziehen,
+w&auml;hrend sie sich m&uuml;hten, den Stand aufzurichten. Johannes
+dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen
+St&auml;nden, um abzusehen wie diese zusammengef&uuml;gt wurden,
+und man durfte ihn nur ansehen, um auf seinen belebten
+Z&uuml;gen zu lesen: Heute ist ein gro&szlig;er Tag!</p>
+
+<p>Seinem Stand gegen&uuml;ber war ein solcher mit Glaswaren
+und Porzellanfiguren. Er erfa&szlig;te das sofort als
+einen besonderen Gl&uuml;cksfall; und als die derbe Frauensperson,
+die eben ihre Kiste auspackte, einmal innehielt und
+neugierig hin&uuml;berblickte zu ihm, der mit so ungewohntem
+Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat
+zu ihr heran und zog artig die M&uuml;tze: &raquo;Ich handle mit
+Packwaren,&laquo; sagte er, &raquo;und wenn Sie Glaswaren verkaufen,
+dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den
+Leuten, da&szlig; sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut
+sich dann auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.&laquo;
+So hatte er schon in der ersten Morgenstunde
+eine Gesch&auml;ftsverbindung geschlossen. Seine Mutter hatte
+ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging er
+auf die Leute zu, w&auml;hrend sie im bedr&uuml;ckenden Bewu&szlig;tsein
+des &raquo;Tr&ouml;delkrames&laquo; immer Angst hatte, man w&uuml;rde sie
+auslachen. So trieb sie auch bald ihren Mann, mit ihr
+heimzugehen: &raquo;der Johannes richtet es schon ohne uns,&laquo;
+meinte sie, und so &uuml;berlie&szlig;en sie den kleinen Gesch&auml;ftsmann
+seinem Schicksale.</p>
+
+<p>Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb
+es auf der Messe, ein K&auml;ufer kam auf f&uuml;nf Verk&auml;ufer und
+nach leeren Schachteln fragte keiner. Aber doch &#8211; das
+bemerkte Johannes mit gro&szlig;er Befriedigung &#8211; hatten
+alle Vor&uuml;bergehenden einen Blick f&uuml;r die hoch aufgebauten
+Schachteln, f&uuml;r die verschiedenfarbigen Packpapiere, die
+feine Holzwolle, die Schn&uuml;re, die in allen L&auml;ngen und
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>St&auml;rken dahingen, und kaum einer &uuml;bersah die ungewohnte
+Aufschrift:</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Packwaren.</em></p>
+
+<p>Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanh&auml;ndlerin
+brachte ein zierliches Fig&uuml;rchen, eine Sch&auml;ferin,
+zum Verkauf. &raquo;Nehmen Sie sich nur gleich da dr&uuml;ben eine
+Schachtel mit, da&szlig; der Hirtenstab nicht abbricht,&laquo; sagte sie
+zu der K&auml;uferin, und richtig, das Fr&auml;ulein wandte sich den
+Packwaren zu. Sie war Johannes&#8217; erste Kundin, wie
+eifrig wurde sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die
+passendste Schachtel gew&auml;hlt und wie vorsichtig die Sch&auml;ferin
+in feinste Holzwolle gebettet! Bis nach Australien h&auml;tte sie
+ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen k&ouml;nnen. Und
+dann nickte Johannes voll Vergn&uuml;gen seinem Gegen&uuml;ber
+zu, und bewachte gerne den Kram, w&auml;hrend die Frau ging,
+sich einen Topf hei&szlig;en Kaffees zu holen.</p>
+
+<p>Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige
+Pfennige als Erl&ouml;s heim, und in den n&auml;chsten Tagen war
+es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen durcheinander
+auf die Verk&auml;ufer herab, die frierend von einem
+Fu&szlig; auf den andern trippelten, das war kein Spa&szlig;.</p>
+
+<p>Aber am vierten Tage verk&uuml;ndigte Johannes schon in
+der Fr&uuml;he der Porzellanh&auml;ndlerin: &raquo;Der Barometer steigt,&laquo;
+und bald darauf brach die Sonne durch und all die Glaswaren
+glitzerten in ihren Strahlen; der Himmel wurde blau
+und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten Tag
+ben&uuml;tzen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und
+dr&auml;ngten sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes
+Ecke war gar oft der Ausruf zu h&ouml;ren: Hier k&ouml;nnen wir
+gleich eine passende Schachtel ausw&auml;hlen. Das Gesch&auml;ft
+ging gut; der kleine Gesch&auml;ftsmann strahlte, und weil er
+es jedem K&auml;ufer als eine besondere G&uuml;te auslegte, wenn
+er bei ihm kaufte, so war er selbst voll Freundlichkeit und
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>scheute keine M&uuml;he, unter seinen Sch&auml;tzen den passendsten
+f&uuml;r einen jeden auszuw&auml;hlen. Dadurch wurden die Leute
+zutraulich; manche Unbeholfene lie&szlig;en sich ihre Ware gleich
+von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst
+noch wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl
+da- und dorthin Porto koste. Als das Johannes merkte,
+brachte er der Mutter Wage mit und fing an, daheim jeden
+Abend die Postvorschriften zu studieren, die er sich verschafft
+hatte; lernte sie auswendig, wu&szlig;te bald die Posts&auml;tze bis
+in die fernsten L&auml;nder und w&uuml;nschte sich nur jeden Tag,
+es m&ouml;chte recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden.
+Bald sprach es sich herum: auf der Messe ist einer, handelt
+mit Schachteln, sieht aus wie ein Bub, wei&szlig; doch alles wie
+ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz angebunden wie diese,
+sondern gibt freundlich Bescheid. L&auml;ngst w&auml;re Johannes&#8217;
+Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle
+f&uuml;r neue war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen
+wurden, ging er durch die Reihen; man kannte
+ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch Verkauf
+leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst,
+jetzt konnte er ja etwas daf&uuml;r zahlen, ein kleiner Gewinn
+sprang doch noch dabei heraus; und was ihm die Hauptsache
+war, es ging doch immer lebhaft zu vor seiner Bude und
+niemand mu&szlig;te mit einer unpassenden Schachtel davongehen.</p>
+
+<p>So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er
+das Ende der ganzen Herrlichkeit nahen, noch drei Tage
+und die Messe war vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der
+Porzellanh&auml;ndlerin stand ein &auml;lterer Herr mit seinem Enkelt&ouml;chterchen.
+Die Kleine suchte unter den Blumengl&auml;schen,
+und w&auml;hrend sie w&auml;hlte, horchte und schaute der Herr hin&uuml;ber
+nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die
+Einwilligung zur Er&ouml;ffnung dieses Handels gegeben und
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>sah nun zuf&auml;llig das wunderliche Gesch&auml;ft im Betrieb.
+Was ihn aufmerksam gemacht hatte, war der Ruf einer
+noch kindlichen Stimme: &raquo;Aber legen Sie keinen Brief in
+die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!&laquo; Es
+war Johannes, der das einer K&auml;uferin nachrief. Der alte
+Herr trat n&auml;her und beobachtete mit wachsender Teilnahme
+den kleinen Gesch&auml;ftsmann. Wie betrieb der Junge seine
+Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie unverdrossen
+half er den K&auml;ufern ausw&auml;hlen, und beachtete ihre Bedenken;
+er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen,
+man merkte es wohl, da&szlig; seine Freude war, die
+Leute <em class="gesperrt">gut</em> zu bedienen; und nun fragten sie den kleinen
+Burschen nach Porto und Gewicht, und der wu&szlig;te wirklich
+Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche
+Mann mit der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter
+dagestanden; und, obgleich ihn das Kind an seiner
+Hand zog und bat: &raquo;Gehen wir doch weiter, da ist ja gar
+nichts Sch&ouml;nes,&laquo; blieb er doch auf seinem Posten. Johannes
+hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr
+kaufte nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte
+er denn? Fast unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen
+Blick des gro&szlig;en, ernst dreinsehenden Mannes; hatte er
+vielleicht etwas einzuwenden gegen sein Gesch&auml;ft? &raquo;Ich
+habe die Erlaubnis vom Magistrat,&laquo; sagte Johannes und
+blickte dem Herrn offen ins Auge. &raquo;Das wei&szlig; ich,&laquo; entgegnete
+dieser; l&auml;chelte vor sich hin, blieb noch eine Weile
+stehen und folgte dann dem fortstrebenden Enkelkinde.</p>
+
+<p>Der letzte Me&szlig;tag war gekommen und bot ein trauriges
+Bild. Die St&auml;nde wurden abgeschlagen, Kisten standen
+&uuml;berall in den Wegen, die mit Stroh, Papier und Scherben
+bestreut waren. Die Porzellanh&auml;ndlerin schenkte Johannes
+einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: &raquo;Auf
+Wiedersehen.&laquo; Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Sohne zu helfen. Nun war die Mutter nicht mehr sch&uuml;chtern,
+das Gesch&auml;ft war &uuml;ber all ihr Erwarten gut gegangen;
+stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber dieser war
+heute in ganz anderer Stimmung als bei Er&ouml;ffnung der
+Messe. Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wu&szlig;te
+keinen Weg. Tr&uuml;bselig packte er seinen Kram zusammen.</p>
+
+<p>Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon
+kennen. Ein wenig eilig ging er, wie einer, der nicht zu
+sp&auml;t kommen m&ouml;chte. &raquo;Das ist wieder der Herr,&laquo; sagte
+Johannes leise zu seinem Vater. &raquo;Der?&laquo; fragte dieser dagegen,
+&raquo;und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der
+Kaufmann Ulrich Wagner, dem das gro&szlig;e Kolonialgesch&auml;ft
+am Markt geh&ouml;rt. Was der jetzt wohl noch auf der Messe
+sucht!&laquo; Johannes antwortete darauf nicht, aber er ahnte
+gleich, ja, er f&uuml;hlte bestimmt: mich sucht er.</p>
+
+<p>Und so war es. Der gro&szlig;e Gesch&auml;ftsmann kam, um
+den Kleinen f&uuml;r sich zu gewinnen. Er hatte dazu schon vor
+drei Tagen die Lust versp&uuml;rt, sich aber die Sache wieder
+ausgeredet. So einen kleinen schm&auml;chtigen Lehrling hatte
+er doch noch nie in sein Gesch&auml;ft aufgenommen, immer
+gr&ouml;&szlig;ere Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der
+da war ja noch das reinste Kind.</p>
+
+<p>Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn.
+Er sah es vor sich in seinem freundlichen Eifer und konnte
+vor allem den Blick nicht vergessen, die hellen Augen, mit
+denen Johannes ihn angesehen hatte, als er sagte: Ich
+habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn
+er diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bek&auml;me
+er mit ihm statt einer Maschine eine Seele ins Gesch&auml;ft.
+Die wollte er sich nicht entgehen lassen; er eilte,
+sie f&uuml;r sich zu gewinnen.</p>
+
+<p>Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der
+Familie Ruhn, bot dem Jungen die Hand und fragte:
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>&raquo;Wie geht&#8217;s, kleiner Gesch&auml;ftsmann?&laquo; &raquo;Wie geht&#8217;s&laquo; ist
+eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;
+aber Johannes f&uuml;hlte eine wahre Teilnahme heraus, und
+da ihm die Not der Zukunft heute auf der Seele lag, so
+sah er ernsthaft auf zu dem Mann und sagte: &raquo;Es geht
+nimmer weiter,&laquo; und dabei lag in seiner Stimme und seinem
+Blick das Zutrauen: &raquo;Zeig&#8217; du mir, wo der Weg weitergeht.&laquo;
+Und Ulrich Wagner machte den Wegweiser.</p>
+
+<p>Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden
+Me&szlig;leute wurde das Schicksal eines jungen Menschenkindes
+entschieden, und es fand sich weder der gro&szlig;e noch der kleine
+Gesch&auml;ftsmann in seinem Vertrauen get&auml;uscht.</p>
+
+<p>Johannes trat ein in das Gesch&auml;ft von Ulrich Wagner
+als der kleinste Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen
+Leitung des gro&szlig;en Mannes und verdankte ihm viel. Doch
+als die Jahre vergingen, da war es das Gesch&auml;ft, das
+wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der
+Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a></p>
+<h2><a name="Ein_geplagter_Mann" id="Ein_geplagter_Mann"></a><b>Ein geplagter Mann.</b></h2>
+
+
+<p>Wir sind in einem schw&auml;bischen St&auml;dtchen, zwischen
+Wald und Bergen gelegen, und versetzen uns um etwa
+drei&szlig;ig Jahre zur&uuml;ck. Das Haus, in dem wir nur einen
+Tag miterleben wollen, aber einen gro&szlig;en Tag, liegt
+malerisch an dem Fl&uuml;&szlig;chen, das in raschem Lauf das
+St&auml;dtchen durchflie&szlig;t, und bildet die Ecke der Fahrstra&szlig;e
+nach dem Bahnhof. Unser Haus hat zwei Besitzer; das
+Erdgescho&szlig; geh&ouml;rt dem Schreiner Wahl zu eigen, der obere
+Stock dem Stadtschulthei&szlig;en R&ouml;mer. Au&szlig;erdem gibt es noch
+im Dachstock sechs Kammern; urspr&uuml;nglich geh&ouml;rten drei
+dem Schreiner und drei dem Stadtschulthei&szlig;en, aber der
+Schreiner, der manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in
+solchen F&auml;llen dem Stadtschulthei&szlig;en eine Kammer zum
+Kauf an und so geh&ouml;rten jetzt bereits f&uuml;nf Kammern dem
+Stadtschulthei&szlig;en und nur noch eine dem Schreiner.</p>
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen des gro&szlig;en Tages, von dem wir
+berichten wollen, hantierte in einer dieser Kammern der
+Schreiner; und die junge Frau des Stadtschulthei&szlig;en h&ouml;rte
+kaum &uuml;ber sich seinen schweren Schritt, als sie auch schon
+im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den
+Mann aufsuchte.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Herr Wahl,&laquo; sagte sie freundlich,
+&raquo;machen Sie schon die Fahnen hinaus, das ist recht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der Mann, &raquo;es ist ja gut Wetter.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>&raquo;Und nicht wahr, meine L&auml;mpchen stellen Sie mir
+auch rechtzeitig hinaus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl, Frau Stadtschulthei&szlig;, aber doch erst
+am Abend, wenn man sie gleich anz&uuml;nden kann; das ist
+ja schnell getan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Sie?&laquo; sagte sie ungl&auml;ubig. &raquo;Am Fenster
+sind sie freilich leicht aufzustellen, aber ich meine die au&szlig;en,
+die auf dem vorspringenden Sims, der rings ums Haus
+heruml&auml;uft, die mu&szlig; man doch vorher aufstellen, da&szlig;
+man sieht, wie sich&#8217;s macht und ob auch die Leiter hoch
+genug ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frau Stadtschulthei&szlig;, auf den Sims w&uuml;rde ich keine
+aufstellen, da brauchen Sie furchtbar viele L&auml;mpchen, an
+keinem Haus wird es hier so gemacht. Die Leute stellen
+halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse, weiter braucht&#8217;s
+nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander
+verabredet, und ich habe deshalb dreihundert L&auml;mpchen gekauft!
+Unser Haus liegt doch auch gerade so an der Ecke;
+wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die Felsenbeleuchtung
+drau&szlig;en vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus vorbei,
+und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Flu&szlig;. Ich
+habe das einmal in Hamburg gesehen, das macht sich
+wundervoll; ich wollte meinen Mann damit &uuml;berraschen,
+wenn er mit den Herren hereinf&auml;hrt. Sie haben doch
+vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja, dann mu&szlig; ich&#8217;s eben machen,&laquo; sagte der
+Mann z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&raquo;Aber gewi&szlig; nicht zu sp&auml;t, Herr Wahl. Vielleicht
+richten wir es um zwei Uhr, w&auml;hrend die Herren im Gasthof
+zur Tafel sind;&laquo; und als der Schreiner nicht antwortete,
+f&uuml;gte sie hinzu: &raquo;Ich f&uuml;rchte immer, Ihre Leiter
+ist nicht lang genug.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>&raquo;Die ist lang und Leitern gibt es genug im St&auml;dtchen,
+da mu&szlig; man nur eine entlehnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frau Stadtschulthei&szlig;,&laquo; rief das Dienstm&auml;dchen, das
+eilig die Treppe heraufkam, &raquo;der Herr Stadtschulthei&szlig;
+m&ouml;chte heute fr&uuml;her fr&uuml;hst&uuml;cken, das B&auml;ckerm&auml;dchen ist aber
+noch nicht da, ich renne schnell hin&uuml;ber und hole Brot.&laquo;</p>
+
+<p>Davon war sie, die Anne, das flinke, fr&ouml;hliche, junge
+Dienstm&auml;dchen, und die Frau Stadtschulthei&szlig; kam schnell
+herab in die Wohnung und richtete den Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch.</p>
+
+<p>Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierj&auml;hrige
+Hans, turnte noch im Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt
+herum; und sein Schwesterchen, das viertelj&auml;hrige,
+schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses, Stadtschulthei&szlig;
+R&ouml;mer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte
+vielleicht zw&ouml;lf Jahre &auml;lter sein als seine Frau, trug einen
+gro&szlig;en schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend
+aus. Jetzt trat er ans Fenster und horchte auf.
+An der Stra&szlig;enecke schellte ein Polizeidiener und nachdem
+er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, las er mit
+lauter Stimme: &raquo;Es ergeht an die hiesige Einwohnerschaft
+die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer k&ouml;niglichen Hoheiten
+des Prinzen und der Prinzessin die H&auml;user zu beflaggen,
+und bei einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner
+wird erwartet, da&szlig; die Stra&szlig;en w&auml;hrend des Aufenthalts
+der hohen G&auml;ste sonnt&auml;glich gehalten werden und da&szlig;
+insbesondere das Federvieh von den Stra&szlig;en ferngehalten
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne
+h&ouml;rte man wieder seine Schelle und danach seine laute
+Stimme, die die Aufforderung wiederholte. Die Folge
+seines Ausschellens war, da&szlig; bald da bald dort eine Magd
+mit dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und
+da&szlig; manches G&auml;nslein und H&uuml;hnervolk, dem soeben erst
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>die Stallt&uuml;r ge&ouml;ffnet worden war, wieder in den Stall
+zur&uuml;ckgetrieben wurde. Fahnen und F&auml;hnchen, Kr&auml;nze und
+Laubgewinde wurden an allen H&auml;usern angemacht, und
+gl&auml;nzten lustig im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.</p>
+
+<p>Der Stadtschulthei&szlig; war es, der diese und noch manche
+andere Vorbereitung veranla&szlig;t hatte. Seit Wochen schon
+stand die landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der
+Besuch des Prinzen und seiner jungen Gemahlin in Aussicht;
+und heute war nun der gro&szlig;e Tag angebrochen.</p>
+
+<p>&raquo;Um elf Uhr werden also die F&uuml;rstlichkeiten erwartet?&laquo;
+fragte die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es
+fehlt noch der Blumenstrau&szlig;, den wir f&uuml;r die Prinzessin
+bestellt haben. Mit der neun Uhr Post mu&szlig; er ankommen,
+dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe nun aufs
+Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du
+mir den Frack und all das bereitlegen, da&szlig; ich mich rasch
+umkleiden kann, wenn ich wiederkomme?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte die junge Frau, &raquo;jetzt gleich richte ich
+deine Sachen und dann H&auml;nschens Bauernanzug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er sich nur brav h&auml;lt, der Schlingel!&laquo;</p>
+
+<p>Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an
+diesem gro&szlig;en Tag. Eine schw&auml;bische Bauernstube war
+drau&szlig;en, nahe am Ausstellungsplatz, eingerichtet worden,
+genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen G&auml;ste
+gef&uuml;hrt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten
+des Oberamtmanns kleines T&ouml;chterlein und des Stadtschulthei&szlig;en
+Bub, als Bauer und B&auml;uerin verkleidet, darin
+aufgestellt werden. &raquo;Es ist immer gewagt, wenn man
+Kinder mit hineinzieht,&laquo; sagte der Stadtschulthei&szlig;, &raquo;wenigstens
+so kleine. Ich war nicht daf&uuml;r, aber die andern
+um so mehr.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>&raquo;Es wird auch nett aussehen und Freude machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenigstens euch M&uuml;ttern,&laquo; sagte R&ouml;mer. &raquo;Aber
+nun mu&szlig; ich gehen. Solange es noch ein wenig ruhig
+ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede zurechtlegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zur Begr&uuml;&szlig;ung am Bahnhof?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da gen&uuml;gen einige Worte, aber bei Tisch habe ich
+die Hauptrede, und auf dem Ausstellungsplatz die Er&ouml;ffnungsrede.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!&laquo; sagte
+die Frau freundlich, sie sah aber stolz zu ihm auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ein geplagter Mann,&laquo; wiederholte der kleine Hans
+mit ebensoviel Gef&uuml;hl, wie es die Mutter gesagt hatte.
+Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.</p>
+
+<p>Ehe der Stadtschulthei&szlig; sich auf das Rathaus begab,
+machte er den Umweg &uuml;ber den Rasenplatz, auf dem die
+landwirtschaftliche Ausstellung schon allerhand Leute herbeigezogen
+hatte, die sich die Maschinen besahen, w&auml;hrend
+vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders sch&ouml;ne
+St&uuml;cke zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage
+zu beantworten, manche Einrichtung zu beanstanden und
+Befehle zu erlassen, bis unser Stadtschulthei&szlig; auf das Rathaus
+kam, wo auch schon allerlei Leute mit verschiedenen
+Anliegen auf ihn warteten.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht,
+was zu ihres Mannes festlichem Gewand geh&ouml;rte: Da lag
+der Frack bereit, die wei&szlig;e Binde, die Handschuhe und
+der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig
+der bestellte Strau&szlig; ein; sorgf&auml;ltig wurde er aus der
+Schachtel genommen; der kleine Hans und die gro&szlig;e Anne
+waren so entz&uuml;ckt bei dem Anblick der Blumen, da&szlig; auch
+die junge Frau zufrieden war, obwohl sie noch etwas
+Sch&ouml;neres und Gr&ouml;&szlig;eres erwartet hatte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Um zehn Uhr kam der Stadtschulthei&szlig; wieder. &raquo;Julie!&laquo;
+rief er noch auf der Treppe, und der Ton, in dem er sie
+rief, fiel seiner Frau nicht angenehm auf. Er nahm sich
+kaum die Zeit zum Gru&szlig;, als sie ihm entgegen kam.</p>
+
+<p>&raquo;Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz
+ordentlich aufgeschichtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber du wei&szlig;t das doch; die Stra&szlig;en sollen frei
+sein. Allen Leuten, die Holz vorn an das Haus aufgeschichtet
+hatten, ist anbefohlen worden, es wegzur&auml;umen.
+Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!&laquo; Die Anne
+in der K&uuml;che hatte das Gespr&auml;ch schon geh&ouml;rt, sie kam nur
+ungern zum Vorschein. &raquo;Hat der Polizeidiener nichts gesagt
+wegen des Holzsto&szlig;es am Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil
+unser Holz doch noch so na&szlig; ist und weil es so ordentlich
+aussieht&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel
+und decken Sie den Holzsto&szlig; damit vollst&auml;ndig zu!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo bekomme ich wohl die Wedel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das k&ouml;nnen Sie selbst erfragen.&laquo; Das M&auml;dchen
+lief fort.</p>
+
+<p>&raquo;Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange,
+da&szlig; sie wegr&auml;umen, und vor meinem eigenen Haus
+bleibt die Sache liegen. Eine rechte Stadtschulthei&szlig;in mu&szlig;
+ein gutes Beispiel geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber du hast mir nichts davon gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es nicht gesehen, weil ich gew&ouml;hnlich von
+der andern Seite herkomme.&laquo; Der Stadtschulthei&szlig; kam
+ins Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Papa, sieh dort oben die sch&ouml;nen Blumen,&laquo; rief
+Hans.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>R&ouml;mer besah die Blumen. &raquo;Das soll der Empfangsstrau&szlig;
+sein?&laquo; sagte er, &raquo;das ist ja gar nicht m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieso?&laquo; fragte die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;So sieht doch nicht ein Strau&szlig; aus f&uuml;r zwanzig Mark;
+der ist ja unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht
+gleich sagen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Preis wu&szlig;te ich ja nicht. Klein ist er mir auch
+vorgekommen, aber doch ganz h&uuml;bsch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Julie, das ist doch kein Strau&szlig;, wie man ihn
+einer Prinzessin &uuml;berreicht! Wo ist denn die Rechnung?
+Nun ja, da siehst du es ja &#8211; zwei Mark statt zwanzig
+Mark. Also eine Verwechslung. Da&szlig; du aber so etwas
+nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! &Uuml;berreichen kann ich
+das nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn nicht?&laquo; fragte beg&uuml;tigend Frau
+R&ouml;mer, &raquo;die Prinzessin ist noch j&uuml;nger als ich, sie wird
+nicht so genau wissen, wie der Strau&szlig; aussehen sollte.
+Sie wird denken: So macht man sie in kleinen St&auml;dten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos
+n&auml;hmen und die Prinzessin so wenig verst&uuml;nde wie du!&laquo;</p>
+
+<p>Noch einmal sah der Stadtschulthei&szlig; pr&uuml;fend die
+Blumen an: &raquo;Fort mit, geht unm&ouml;glich zum feierlichen
+Empfang. Lieber gar nichts, als etwas Geringes. Schicke
+den Strau&szlig; in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und
+nun sieh, da&szlig; ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede
+zu &uuml;berlegen; auf dem Rathaus war keine M&ouml;glichkeit
+dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Der Stadtschulthei&szlig; begab sich in das abgelegenste
+Zimmerchen der Wohnung, in das stille Gastzimmer;
+der kleine Hans wurde zu Anne hinuntergeschickt, die inzwischen
+einen ganzen Arm voll Tannenzweige herbeigeschleppt
+hatte und sich bem&uuml;hte, das an der Hausmauer
+aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. &raquo;Behalte den
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Kleinen, Anne, mein Mann will Ruhe haben,&laquo; sagte die
+junge Mutter.</p>
+
+<p>Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener
+auf das Haus zu. &raquo;Ist der Herr Stadtschulthei&szlig;
+droben?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Anne z&ouml;gernd und ebenso z&ouml;gernd bejahte
+es droben die junge Frau. &raquo;Ich habe zu melden, da&szlig; die
+W&auml;scherin Matzbeck W&auml;sche aufh&auml;ngt an der Bahnhofstra&szlig;e,
+und m&ouml;chte den Herrn Stadtschulthei&szlig; fragen, ob
+das zu beanstanden ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Mann ist an der Arbeit,&laquo; sagte die Frau,
+&raquo;k&ouml;nnen Sie der W&auml;scherin nicht gute Worte geben, da&szlig;
+sie das lassen soll bis morgen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frau Stadtschulthei&szlig;, die Matzbeck ist eine brutale
+Person und ehe man sich mit ihr einl&auml;&szlig;t, ist&#8217;s besser, da&szlig;
+man wei&szlig;, wie der Herr Stadtschulthei&szlig; dar&uuml;ber denken.&laquo;</p>
+
+<p>Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. &raquo;Nur
+einen Augenblick,&laquo; sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners
+Meldung. &raquo;Sage dem Polizeidiener, die Stra&szlig;en
+seien sonnt&auml;glich zu halten, hat er es doch selbst ausgeschellt.
+Am Sonntag wird keine W&auml;sche aufgeh&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf
+der Treppe begegnete ihm der Ratsdiener, ein w&uuml;rdiger
+&auml;lterer Mann. Auch er wollte den Stadtschulthei&szlig;en
+sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Es <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> wohl jetzt sein?&laquo; fragte die Frau Stadtschulthei&szlig;.
+&raquo;Ja, dringend. Der Schulthei&szlig; von N. hat
+sagen lassen, da&szlig; ein Wagen voll Pulver durch unsere
+Stadt kommen werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schadet denn das etwas?&laquo;</p>
+
+<p>Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: &raquo;Ja,
+Frau Stadtschulthei&szlig;, ein Wagen Pulver und Prinzen und
+Feuerwerk im St&auml;dtchen pa&szlig;t nicht zusammen. Bitte melden
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Sie es dem Herrn Stadtschulthei&szlig;.&laquo; Wieder &ouml;ffnete die
+junge Frau sachte die T&uuml;r des Gastzimmerchens. Etwas
+gereizt wurde sie da empfangen. &raquo;Wenn du die T&uuml;re auch
+leise aufmachst, das hilft mir nichts, ich werde doch aus
+meinem Gedankengang gerissen. Was gibt es schon wieder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.&laquo;</p>
+
+<p>Der Stadtschulthei&szlig; warf sein Merkb&uuml;chlein beiseite
+und eilte hinaus. Diese Meldung schien ihm wichtiger
+als die von der W&auml;sche, er h&ouml;rte sie selbst an.</p>
+
+<p>&raquo;Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,&laquo;
+war sein Bescheid.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht
+mehr geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem
+Verbot. Er darf heute auf drei Stunden im Umkreis
+der Stadt nicht nahe kommen. Ich schreibe sofort
+den Befehl.&laquo; Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben
+abgezogen war, sagte die Frau Stadtschulthei&szlig;: &raquo;Weil du
+nun doch schon aus deinem Gedankengang gekommen bist,
+la&szlig; dich nur schnell fragen: k&ouml;nnte man nicht den Strau&szlig;
+in die Bauernstube schicken, da&szlig; ihn Hans als Bauernjunge
+der Prinzessin &uuml;berreicht? Das w&auml;re doch sicher
+reizend?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst,
+bist du schon gl&uuml;cklich. Mir dagegen kommt es immer
+sicherer vor, Kinder aus dem Spiel zu lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie
+du. Einer jungen Frau macht das sicher Spa&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann sein, mach es so, aber nun la&szlig; mich nur noch
+eine halbe Stunde in Ruhe.&laquo;</p>
+
+<p>Ach wie gerne h&auml;tte sie das getan, aber einen Augenblick
+sp&auml;ter sah sie schon wieder den Polizeidiener aufs
+Haus zukommen. Es war derselbe, der schon einmal wegen
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>der W&auml;sche, die aufgeh&auml;ngt wurde, da war. Richtig, da
+kam er schon die Treppe herauf. &raquo;Die W&auml;scherin Matzbeck,&laquo;
+meldete er nun, &raquo;hat erkl&auml;rt, es k&ouml;nne ihr niemand
+verwehren, bei dem sch&ouml;nen Wetter ihre W&auml;sche aufzuh&auml;ngen.
+Die Frau Stadtschulthei&szlig; habe ja auch das Holz vor dem
+Haus nicht wegger&auml;umt, so streng werde es also nicht genommen.
+Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie
+hinten hin h&auml;ngen, aber ihre sch&ouml;ne W&auml;sche nehme sie
+keinem Prinzen zuliebe ab!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Hagemann,&laquo; sagte die Frau Stadtschulthei&szlig;,
+&raquo;k&ouml;nnen Sie denn nicht der Frau sagen, sie d&uuml;rfe ihre
+W&auml;sche in meinem Garten hinter dem Haus aufh&auml;ngen?
+Wir k&ouml;nnen doch meinen Mann nicht noch einmal wegen
+der W&auml;sche fragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die tut&#8217;s eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn
+Sie meinen, da&szlig; die jetzt nachgibt und die W&auml;sche wieder
+abzieht und in der Frau Stadtschulthei&szlig; Garten aufh&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, so soll sie h&auml;ngen bleiben, geht denn das nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Herr Stadtschulthei&szlig; die hohen Herrschaften
+am Bahnhof abholt und vorbeif&auml;hrt und sieht das, dann
+f&auml;llt die Schuld auf mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn
+nicht schon wieder st&ouml;ren,&laquo; sagte die junge Frau und f&uuml;hrte
+den Polizeidiener durch Wohn- und Schlafzimmer bis an
+das Gastst&uuml;bchen, wo auf das Klopfen ein sehr deutliches
+&raquo;Herein!&laquo; erfolgte. Sie h&ouml;rte, wie der Mann seinen
+Rapport machte; ach, auch die Bemerkung, da&szlig; sie Holz
+vor dem Haus hatten, wiederholte er; w&auml;re sie lieber selbst
+zu ihrem Mann gegangen, das h&auml;tte sie gewi&szlig; weggelassen!
+Und nun h&ouml;rte sie ihren Mann mit starker Stimme sagen:
+&raquo;Die Matzbeck hat die W&auml;sche binnen einer Viertelstunde
+vollst&auml;ndig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen
+besorgt. Verstanden? Sie haben f&uuml;r die Ausf&uuml;hrung
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>zu sorgen. Was das Holz vor meinem Haus
+betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird
+&uuml;berdies so mit Gr&uuml;n &uuml;berdeckt, da&szlig; es zum Schmuck
+dient.&laquo;</p>
+
+<p>Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschulthei&szlig;
+folgte ihm die Treppe hinunter und &uuml;berzeugte
+sich, ob der Holzsto&szlig; wirklich zum Schmuck diene. Ja,
+Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und H&auml;nschen hatte
+noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fr&ouml;hlich
+die Treppe hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein
+St&ouml;renfried. Der junge Schreiber war es, der auf dem Rathaus
+verwendet wurde. In ein paar S&auml;tzen kam er die
+Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: &raquo;Ist der
+Herr Stadtschulthei&szlig; da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie
+denn, Meyer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat
+mich geschickt von der Wiese drau&szlig;en. Der Knecht vom
+Weidenhof hat zur Viehausstellung einen Stier gebracht
+nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen, wie&#8217;s doch
+vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei&#8217;s nicht gew&ouml;hnt
+und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell
+hergeschickt, er f&uuml;rchtet, es k&ouml;nnte ein Ungl&uuml;ck geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was meint denn der Vorstand, da&szlig; man tun soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschulthei&szlig;
+fragen.&laquo;</p>
+
+<p>Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann
+ein. &raquo;Wenn du nur die Rede fr&uuml;her studiert h&auml;ttest,&laquo;
+sagte sie, &raquo;am letzten Morgen ist doch keine Ruhe! Nun
+ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn hereinlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune
+zu sein,&laquo; sagte der Mann, &raquo;hast aber keine Ursache dazu,
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>wo du doch gar keine Unannehmlichkeiten von der Sache
+hast! &Uuml;brigens war bis gestern bestimmt, da&szlig; der Oberamtmann
+die Festrede halten solle, und erst heute lie&szlig; er
+mir sagen, da&szlig; er sich zu unwohl f&uuml;hle, sonst w&auml;re ich
+nicht so sp&auml;t daran. Da&szlig; <em class="gesperrt">du</em> auch noch schlechter Laune
+bist, das fehlte gerade noch an diesem Tage, das ist doch
+sonst nicht deine Art.&laquo; Er ging hinaus und h&ouml;rte den
+Bericht wegen des Stiers.</p>
+
+<p>&raquo;Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsm&auml;&szlig;ige
+Kette anzulegen, wobei ihm in der Stallung die n&ouml;tige Hilfe
+vom Schlachtmeister geleistet werden soll. Widersetzt er sich,
+so ist der Knecht in Arrest abzuf&uuml;hren, der Stier von der
+Ausstellung auszuschlie&szlig;en und im Stall anzuketten.&laquo;</p>
+
+<p>Der Stadtschulthei&szlig; ging nicht mehr in das Gastst&uuml;bchen
+zur&uuml;ck. &raquo;Es ist besser, ich kleide mich jetzt an,&laquo;
+sagte er, &raquo;und gehe wieder aufs Rathaus, dort ist es noch
+ruhiger als daheim.&laquo; Er verschwand im Schlafzimmer, wo
+sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte doch.
+Nach einer Weile ert&ouml;nte seine Stimme: &raquo;Julie, wo ist
+meine wei&szlig;e Halsbinde?&laquo;</p>
+
+<p>Frau R&ouml;mer, die eben ihrem kleinen M&auml;delein die
+Flasche reichte, rief: &raquo;Auf dem Tisch bei deinem Hut und
+den Handschuhen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, da ist sie nicht. K&ouml;nntest du nicht einmal
+kommen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.&laquo;</p>
+
+<p>Schn&ouml;de wurde der Kleinen die Flasche vom Munde
+genommen, die Mutter sprang auf, lieber sollte das Kind
+warten als der Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Die Binde <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> da liegen, ich habe sie doch hingelegt,
+ist sie denn vielleicht hinter das Schr&auml;nkchen gerutscht?&laquo;</p>
+
+<p>Nun ging ein Suchen an, das immer ungem&uuml;tlicher
+wurde, dazu schrie die Kleine zum Erbarmen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>&raquo;So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt
+hast,&laquo; sagte R&ouml;mer.</p>
+
+<p>&raquo;Die war dir ja zu alt und abgewetzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber
+Anne in den Laden, in f&uuml;nf Minuten ist sie wieder da.&laquo;
+Und hinaus rannte die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst,
+zu Geschwister Keller; eine wei&szlig;e Halsbinde f&uuml;r meinen
+Mann, ich zahle sie morgen.&laquo;</p>
+
+<p>Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich
+inzwischen der schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tr&auml;nen
+standen dem kleinen Wesen im Auge.</p>
+
+<p>&raquo;Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?&laquo;
+fragte der Stadtschulthei&szlig;; &raquo;findest du denn auch diese nicht?
+Das ist aber eine Unordnung!&laquo; Nun kam das Gest&auml;ndnis:
+&raquo;Die alte habe ich dem Bubi geschenkt, der hat sich damit
+geschm&uuml;ckt und soviel Spa&szlig; daran gehabt.&laquo; Der Mann
+sagte gar nichts mehr.</p>
+
+<p>Nun kam atemlos Anne zur&uuml;ck. Frau R&ouml;mer h&ouml;rte
+sie kommen und eilte ihr entgegen, mochte immerhin die
+Kleine wieder eine Pause im Trinken machen. &raquo;Fr&auml;ulein
+Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein halbes
+Dutzend f&uuml;r den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien
+alle weggegangen,&laquo; berichtete Anne.</p>
+
+<p>&raquo;Und im andern Gesch&auml;ft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Keller meint, da g&auml;be es keine. Aber sie
+hat gesagt, wenn der Herr Oberamtmann, der gestern schon
+unwohl war, heute nicht besser sei, so schicke die Frau
+Oberamtmann die Halsbinde wieder zur&uuml;ck, die sie gekauft
+habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und
+nun meint Fr&auml;ulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann
+anfragen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>&raquo;Nat&uuml;rlich sollst du, Anne, w&auml;rst du doch gleich hingesprungen!&laquo;</p>
+
+<p>Als Frau R&ouml;mer wieder zu ihrer Kleinen zur&uuml;ckkehren
+wollte, sah sie ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in
+der Hand, die wei&szlig;e Binde um den Hals, milit&auml;risch
+auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor
+sich hinsang: &raquo;Ich bin ein geplagter Mann.&laquo; Er nahm
+sich so drollig aus, der kleine Mann mit seinen dicken
+roten B&auml;ckchen; heute hatte sie noch kaum einen Blick gehabt
+f&uuml;r ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn an.
+War wohl im &auml;u&szlig;ersten Notfall die alte Binde auch jetzt
+noch zu brauchen? &raquo;La&szlig; sehen, Bubi!&laquo; Aber was war
+denn das? Die Binde sah ja sch&ouml;ner aus als gestern.
+Das war gar nicht die alte &#8211; keine Frage, Hans hatte
+die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben.
+Rasch machte sie sie los unter dringenden Fragen,
+wie Hans dazu gekommen sei? Genommen hatte er sie,
+weil er die andere nicht mehr fand. &raquo;Bitte, Mama, gib
+mir daf&uuml;r eine andere.&laquo;</p>
+
+<p>Sie war aber ungn&auml;dig, die Mama, einen Klaps
+gab sie ihm, weiter nichts, und eilte an dem weinenden
+T&ouml;chterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. &raquo;Da ist die
+Halsbinde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo war sie denn?&laquo; Die Mama wollte des Vaters
+Zorn nicht auf des Kleinen Haupt laden. &raquo;Entschuldige,&laquo;
+sagte sie, &raquo;ich h&ouml;re jemand kommen.&laquo; Ein M&auml;dchen war
+drau&szlig;en. &raquo;H&ouml;fliche Empfehlungen von Fr&auml;ulein Keller und
+sie habe doch noch ins andere Gesch&auml;ft geschickt, und da
+seien zwei Binden zur Auswahl.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.&laquo;
+Und nun kam Anne schnaufend daher: &raquo;Der Herr Oberamtmann
+befinden sich schlechter und k&ouml;nnen nicht ausgehen.
+Frau Oberamtmann schickt die beiden Halsbinden,
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>die sie zur Auswahl genommen habe.&laquo; Nun waren genug
+wei&szlig;e Binden im Haus. Die Frau Stadtschulthei&szlig; lie&szlig;
+sich&#8217;s aber nicht merken. &raquo;Das ist recht, Anne,&laquo; sagte sie,
+&raquo;du gl&uuml;hst ja ganz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist blo&szlig; von der Hitze,&laquo; antwortete das gute
+M&auml;dchen.</p>
+
+<p>&raquo;Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein
+wenig aus; gib ihr die Flasche vollends, wenn die Milch
+nicht zu kalt geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>Anne ging zu dem Kind. &raquo;Sie schl&auml;ft ja,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie
+recht; es ist eine verst&auml;ndige Tochter.&laquo;</p>
+
+<p>Der Stadtschulthei&szlig; kam nun im festlichen Anzug zum
+Vorschein und schickte sich an zu gehen.</p>
+
+<p>&raquo;Wann kommst du wieder?&laquo; fragte seine Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die
+Wiese zur Ausstellung; um zw&ouml;lf Uhr etwa in die Bauernstube
+&#8211; da sehen wir uns wohl einen Augenblick; um
+ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese. Mit
+einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung &#8211; dazu wird dir
+ja unser Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann
+Abfahrt <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'der'">des</ins> Prinzen und der Prinzessin. Zum Abendessen
+haben wir Herren uns in den Schwan verabredet. Es
+kann sp&auml;t werden, ich will den Hausschl&uuml;ssel mitnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>K&uuml;rzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag
+handelte, verabschiedete sich R&ouml;mer. Seine Frau wu&szlig;te
+nicht recht, war er nur ganz mit seinen Gedanken besch&auml;ftigt
+oder war er nicht recht zufrieden mit ihr. Sie jedenfalls
+war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich heute morgen
+vom Rathaus heimgefl&uuml;chtet und hatte zu Hause nur Verdru&szlig;
+gehabt, das ging ihr nach und bedr&uuml;ckte sie. Kurz
+vor elf Uhr fuhren die Wagen am Haus vorbei, die die
+G&auml;ste abholen sollten; in einem sa&szlig; ihr Mann, er war
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>im Gespr&auml;ch mit einem anderen Herrn und sah nicht
+herauf nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit
+der Kleinen auf dem Arm, und ihm gern einen Gru&szlig; zugewinkt
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Gegen zw&ouml;lf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg
+nach der Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener
+Hagemann.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist es denn heute morgen mit der W&auml;scherin gegangen?&laquo;
+fragte sie ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ich komme und richte aus, da&szlig; die W&auml;sche
+polizeilich abgezogen werden soll, sagt die Matzbeck zu mir:
+&#8250;Was wollen Sie denn? Die W&auml;sche ist ja schon trocken,
+die mu&szlig; ich so wie so abziehen&#8249;, und sie hat sie heruntergenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist die wirklich so schnell getrocknet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bewahre, Frau Stadtschulthei&szlig;, die Matzbeck hat nur
+so gesagt, wie sie den Ernst gemerkt hat, weil halt die
+Weiber immer recht behalten m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p>In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet
+war, hatten sich einige Damen versammelt, denen der Vorzug
+zuteil werden sollte, das junge prinzliche Ehepaar zu
+sehen. Unter ihnen war als j&uuml;ngste unsere Frau Stadtschulthei&szlig;
+mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz pr&auml;chtig
+in b&auml;uerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster
+hinter seiner kleinen B&auml;uerin, dem T&ouml;chterlein des Oberamtmanns,
+das man an einen Spinnrocken gesetzt hatte;
+es war ein nettes P&auml;rchen. Eine der anwesenden Damen,
+die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren als
+Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den
+Kindern Verhaltungsma&szlig;regeln, wie sie beim Eintritt der
+G&auml;ste knicksen sollten und wie Hans dann, wenn sie ihm
+einen Wink g&auml;be, der Prinzessin den Strau&szlig; &uuml;berreichen
+sollte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten
+und neben diesem, unter der ge&ouml;ffneten T&uuml;re eines
+Nebengemachs, hielten sich die Damen auf, um den Eindruck
+der Bauernstube nicht zu st&ouml;ren. Den M&uuml;ttern des
+P&auml;rchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr
+als die Kinder anfingen, ungeduldig und mi&szlig;mutig zu
+werden, und Frau R&ouml;mer dachte daran, was ihr Mann
+von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt hatte. Heute
+w&auml;re es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans
+irgend welche St&ouml;rung verursacht h&auml;tte. Nun h&ouml;rte man
+die Erwarteten kommen; rasch zogen sich die Damen zur&uuml;ck,
+nur die Frau des Fabrikbesitzers als pers&ouml;nliche Bekannte
+der Prinzessin hielt sich in der N&auml;he der Kinder, gr&uuml;&szlig;te
+nun mit einer tadellosen Verbeugung die Eintretenden und
+wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und
+begr&uuml;&szlig;t. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des
+Prinzen und seiner Gemahlin erschienen als Begleiter
+mehrere Herren, worunter der Stadtschulthei&szlig; und der
+Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der nun auf
+alle Eigent&uuml;mlichkeiten der schw&auml;bischen Bauernstube aufmerksam
+machte. &raquo;Einige Damen,&laquo; sagte er, indem er in
+den Hintergrund deutete, &raquo;haben sich besonders bem&uuml;ht um
+die getreue Ausstattung und haben auch echte kleine Bewohner
+gestellt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Prinzessin n&auml;herte sich freundlich den Kindern,
+der Prinz folgte, an seiner Seite der Stadtschulthei&szlig;.
+&raquo;Was stellst du denn vor?&laquo; fragte die Prinzessin das
+kleine M&auml;dchen, sich freundlich zu ihr beugend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin eine B&auml;uerin von der schw&auml;bischen Alb,&laquo;
+antwortete die Kleine mit h&ouml;flichem Knicks. &raquo;Und du?&laquo;
+fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah sehr ernsthaft
+zu der sch&ouml;nen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer
+Empfindung: &raquo;Ich bin ein geplagter Mann.&laquo; &Uuml;ber diese
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>unverhoffte Antwort entstand gro&szlig;e Heiterkeit. Der Prinz
+lachte laut und herzlich und sagte dann, zu R&ouml;mer gewandt:
+&raquo;Da mu&szlig; man unwillk&uuml;rlich fragen, was ist denn
+der Papa dieses Kleinen?&laquo;</p>
+
+<p>R&ouml;mer sagte l&auml;chelnd: &raquo;Er ist hier Stadtschulthei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das l&auml;&szlig;t allerlei Schl&uuml;sse zu,&laquo; entgegnete heiter der
+Prinz; &raquo;ja, ja, an dieser &Auml;u&szlig;erung bin ich vielleicht gar
+nicht ganz unschuldig!&laquo;</p>
+
+<p>Hans hielt noch immer seinen Strau&szlig;, obwohl er schon
+leichte Winke von verschiedenen Seiten bekommen hatte.
+Die Dame, die hinter ihm stand, merkte, da&szlig; sie deutlicher
+werden mu&szlig;te. &raquo;Hans,&laquo; sagte sie, &raquo;du willst ja deinen
+Strau&szlig; der Frau Prinzessin geben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder vielleicht der Mama?&laquo; rief der Kleine und
+sprang lustig durchs Zimmer auf seine Mutter zu, die sich
+ganz bescheiden hinter die &auml;lteren Damen zur&uuml;ckgezogen
+hatte. So war denn richtig die St&ouml;rung eingetreten. Was
+tun? Eine Unterhandlung konnte Frau R&ouml;mer nicht mit
+dem Kind anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung,
+nahm den Strau&szlig; aus der Kinderhand, trat mit H&auml;nschen
+vor und sagte bittend zur Prinzessin: &raquo;Wollen Sie die
+Blumen wohl von mir annehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja gewi&szlig;, gern,&laquo; sagte die Prinzessin liebensw&uuml;rdig,
+&raquo;was haben Sie f&uuml;r einen pr&auml;chtigen Jungen, er hat uns
+den gr&ouml;&szlig;ten Spa&szlig; gemacht, der kleine geplagte Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Noch ein paar Minuten verweilten die G&auml;ste, dann
+verlie&szlig;en sie die Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht
+zehn Minuten gedauert und wieviel Arbeit und
+&Uuml;berlegung hatte die Herstellung der Bauernstube gekostet!</p>
+
+<p>Die Frauen blieben allein mit den Kindern zur&uuml;ck.
+Lebhaft wurde das Vorgefallene besprochen. &raquo;Es hat sich
+alles ganz gut gemacht,&laquo; entschied schlie&szlig;lich die ehemalige
+Erzieherin als Sachverst&auml;ndige, &raquo;nur das eine war ein
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a><em class="antiqua">faux pas,</em> liebe Frau Stadtschulthei&szlig;, Sie h&auml;tten sagen
+m&uuml;ssen: &#8250;Wollen K&ouml;nigliche Hoheit die Blumen annehmen&#8249;;
+wollen &#8250;<em class="gesperrt">Sie</em>&#8249; ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin
+wird es Ihnen nicht nachtragen,&laquo; setzte sie beg&uuml;tigend
+hinzu.</p>
+
+<p>Der jungen Frau R&ouml;mer war es beklommen zumute.
+Wie die prinzlichen Hoheiten &uuml;ber sie d&auml;chten, das war es
+nicht, was sie bek&uuml;mmerte, aber ob ihr Mann &uuml;ber sie
+und das Kind &auml;rgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen
+Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich,
+da&szlig; am Abend die sch&ouml;ne Beleuchtung ihres Hauses alles
+wieder gut machen m&uuml;sse. Ihr Mann sollte es sehen, wenn
+er mit dem Prinzen vorbeifuhr, da&szlig; sie doch ein Gef&uuml;hl
+daf&uuml;r hatte, was der richtigen Stadtschulthei&szlig;in geziemte,
+trotz des Holzsto&szlig;es vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls
+in der Bauernstube.</p>
+
+<p>Dreihundert kleine irdene Sch&auml;lchen hatte sie sich beim
+Seifensieder mit Unschlitt f&uuml;llen lassen und nun machte sie
+sich daran, jedem einzelnen D&ouml;chtchen einen Tropfen Petroleum
+zu geben, denn vom Seifensieder hatte sie geh&ouml;rt, da&szlig;
+sie auf diese Weise am leichtesten anzuz&uuml;nden w&auml;ren. Ja,
+von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der
+Schreiner gezeigt h&auml;tte!</p>
+
+<p>Der Nachmittag r&uuml;ckte vor, dreimal hatte sie Anne
+hinuntergeschickt und jedesmal hatte diese die Antwort gebracht,
+Herr Wahl werde jetzt gleich kommen.</p>
+
+<p>Endlich ging sie selbst hinunter. &raquo;Aber Frau Wahl,
+was ist denn mit Ihrem Mann? Warum kommt er
+denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau versicherte, da&szlig; sie ihn seit zwei Stunden
+erwarte. Sie wollte sich jetzt aber selbst auf den Weg
+machen, ihren Mann zu suchen. Es dauerte gewi&szlig; eine
+Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in schlimmer
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, da&szlig; er die
+Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile,
+da kam seine Frau herauf und sagte besch&auml;mt: &raquo;Es ist
+meinem Mann nicht gut, er hat sich aufs Bett gelegt; es
+wird auch besser sein, er schl&auml;ft ein wenig.&laquo;</p>
+
+<p>Unsere junge Frau war so entr&uuml;stet, da&szlig; sie kein Wort
+mehr f&uuml;r die Hausfrau hatte; auf den Schreiner mu&szlig;te sie
+ja doch verzichten. &raquo;Anne,&laquo; sagte sie, &raquo;was tun wir jetzt,
+wer kann uns helfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, was wir tun,&laquo; sagte Anne. &raquo;Ich steige
+selbst auf die Leiter, wenn&#8217;s dunkel wird und die Leute es
+nicht so bemerken. Ich will nur erst einmal nach der Leiter
+sehen, ob die wenigstens imstand ist.&laquo; Hinter dem Haus,
+an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte
+sie herbei, Frau R&ouml;mer sah vom Fenster aus zu. Nun
+lehnte die Leiter am Haus. &raquo;Sie ist ja zu kurz!&laquo; rief
+Anne herauf.</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, das habe ich immer gef&uuml;rchtet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was machen Sie denn da?&laquo; fragte der B&auml;cker, der
+gegen&uuml;ber wohnte und neugierig herbeikam. Frau R&ouml;mer
+sch&ouml;pfte Hoffnung. Der Mann konnte vielleicht helfen.
+Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan
+dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der
+die Front des Hauses schm&uuml;ckte, angebracht werden. &raquo;Hat
+das der Herr Stadtschulthei&szlig; angeordnet?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich m&ouml;chte es ja zu seiner &Uuml;berraschung tun.&laquo;
+Der Mann sch&uuml;ttelte den Kopf und schwieg. Unsere junge
+Frau oben sah das, und wahrhaftig stampfte sie ein wenig
+mit dem Fu&szlig;, &#8211; ihre Ungeduld war <em class="gesperrt">zu</em> gro&szlig;. &raquo;Die Leute
+hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerf&auml;llig,&laquo;
+dachte sie, &raquo;h&auml;tte ich nur meine Hamburger hier!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frau Stadtschulthei&szlig;,&laquo; rief von unten der B&auml;cker,
+&raquo;wenn ich etwas sagen darf, dann rate ich Ihnen, lassen
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>Sie das bleiben. Erstens h&auml;ngen die Fahnen &uuml;ber dem
+Sims und k&ouml;nnten Feuer fangen, und zweitens ist&#8217;s auch
+zugig an der Ecke, der Wind bl&auml;st doch alles aus.&laquo;</p>
+
+<p>Was war dagegen vorzubringen? Frau R&ouml;mer schwieg.
+Aber Anne ergab sich nicht so schnell. &raquo;O Herr Breitling,&laquo;
+sagte sie, &raquo;Sie wollen nur nicht. Die Fahnen k&ouml;nnte man
+einziehen, wenn&#8217;s Nacht wird, und wie sollten denn die
+Lichter ausl&ouml;schen, da k&ouml;nnte ja kein Mensch beleuchten.
+Gehen Sie zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle
+Tage die Wecken bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug
+aus der Tasche und z&uuml;ndete ein Streichh&ouml;lzchen an &#8211;
+im Nu war es vom Wind ausgeblasen. &raquo;Glauben Sie&#8217;s
+jetzt?&laquo; sagte er, &raquo;in der Fensternische, da geht&#8217;s, da sind
+die Lichter gesch&uuml;tzt, aber, frei l&auml;ngs der Hausmauer, da
+l&ouml;schen alle aus. Helfen t&auml;t ich gern, daran fehlt&#8217;s nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick war es stille. &raquo;Anne, trage die Leiter
+an ihren Platz,&laquo; lie&szlig; sich nun von oben eine bek&uuml;mmerte
+Stimme vernehmen, und das Fenster wurde geschlossen.
+Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum Weinen
+war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert L&auml;mpchen
+sah. Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie sch&ouml;n hatte
+sie es sich ausgemalt!</p>
+
+<p>Anne kam herein. &raquo;Das sind Leute,&laquo; sagte sie, &raquo;der
+Schreiner und der B&auml;cker!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen den B&auml;cker will ich nichts sagen, aber der
+Schreiner!&laquo;</p>
+
+<p>Ja, der Schreiner, &uuml;ber den entlud sich nun der ganze
+Zorn, denn einen S&uuml;ndenbock will der Mensch haben.</p>
+
+<p>Es wurde dunkel. Da und dort z&uuml;ndeten Leute schon
+L&auml;mpchen an. Ein k&uuml;hler Abendwind erhob sich. &raquo;Wir haben
+wenigstens viele Fenster,&laquo; sagte Frau R&ouml;mer, &raquo;und Lichter
+f&uuml;r beide Stockwerke.&laquo; Und nun fing sie oben im Dachstock
+<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>an den Kammern an und stellte einstweilen die L&auml;mpchen
+vor die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine
+Gefahr, da&szlig; sie nicht reichten. Dann ebenso an allen
+Fenstern des ersten Stockwerks. In der Ferne h&ouml;rte man
+ein Knattern und Knallen von Raketen, und die gro&szlig;en
+Felsen, die das St&auml;dtchen auf einer Seite ums&auml;umten, ergl&auml;nzten
+in bengalischer Beleuchtung.</p>
+
+<p>Jetzt war es Zeit zum Anz&uuml;nden. Anne wurde hinaufgeschickt,
+es in der Kammer zu besorgen; unten wollte es
+Frau R&ouml;mer tun. Aber der Wind, der Wind! Kaum
+brannten zwei, drei Fl&auml;mmchen, so kam der starke Luftzug
+und blies sie aus. Und gerade auf <em class="gesperrt">der</em> Seite des Eckhauses,
+die freistand und die von weiter Ferne beim Hereinfahren
+von den Felsen den G&auml;sten ins Auge fallen mu&szlig;te,
+gerade auf dieser Seite l&ouml;schten beharrlich die schwachen
+Fl&auml;mmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern
+H&auml;usern? Die junge Frau lehnte sich hinaus und sah an
+der H&auml;userreihe hinunter &#8211; sch&ouml;n beleuchtet gl&auml;nzte sie
+ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es wenigstens,
+denn da&szlig; auch an den anderen H&auml;usern viele Lichter wieder
+verl&ouml;scht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was
+brannte, und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten
+Punkt. Jetzt kam auch Anne verzweifelt herunter.
+&raquo;Droben verl&ouml;schen sie alle! wie ist&#8217;s denn unten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ebenso!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meines brennt,&laquo; rief vergn&uuml;gt der kleine Hans, der
+vor einem angez&uuml;ndeten L&auml;mpchen stand, das auf dem Tisch
+hell brannte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,&laquo; sagte Anne.</p>
+
+<p>&raquo;Anne, ich wei&szlig;, wie wir es machen, wir stellen sie
+herein auf den inneren Fenstersims!&laquo; rief jetzt Frau R&ouml;mer;
+&raquo;schnell, geh hinunter vors Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,&laquo;
+und w&auml;hrend das M&auml;dchen hinuntersprang, legte
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>sie ein paar B&uuml;cher auf den inneren Sims des geschlossenen
+Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder:
+&raquo;Pr&auml;chtig sieht&#8217;s aus, kein Mensch bemerkt, da&szlig; die Lichter
+nicht au&szlig;en stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt ging es ans Werk. &raquo;Hans, bring alle deine Bausteine
+herbei, schnell, schnell!&laquo; und mit Bausteinen und
+B&uuml;chern wurden nun s&auml;mtliche Fenstersimse so hoch belegt,
+da&szlig; die Lichter durch die Scheiben sichtbar wurden. Und
+dann wurden sie angez&uuml;ndet. Ob es nun wohl ging? Unsere
+junge Frau h&auml;tte sich ja nicht gewundert, wenn heute
+L&auml;mpchen und Z&uuml;ndh&ouml;lzer ihren Dienst versagt h&auml;tten.
+Aber sie brannten so gutm&uuml;tig an, stellten sich ganz unschuldig.
+Einen Qualm gab das freilich in die Zimmer!
+Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig
+Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster
+&ouml;ffnen. Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer
+atmen konnte, wenn es nur hell hinunterleuchtete! Und das
+tat es! Eine strahlende Helle war in allen Zimmern, und
+Anne nahm H&auml;nschen mit hinunter, da&szlig; er es von der
+Stra&szlig;e aus sehen konnte. &raquo;Darf ich ein wenig mit ihm
+fortrennen zum Feuerwerk?&laquo; rief sie herauf.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, geht nur miteinander.&laquo;</p>
+
+<p>Das kleine M&auml;delein war aus dem qualmenden Zimmer
+hinausgefl&uuml;chtet worden in die K&uuml;che; da schlief sie ganz
+sanft, w&auml;hrend ihre Mutter unruhig im Haus herumging.
+Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze hatte etwas
+Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben
+wurde es so hei&szlig;, der wei&szlig;e Lack an den Fenstern fing an
+zu riechen, alles f&uuml;hlte sich warm an. Wenn nur kein
+Brand entstand! Sie lief wieder ins untere Stockwerk,
+waren doch alle Vorh&auml;nge fest zur&uuml;ckgesteckt? Es war fast
+nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die
+Angst! Eine Kanne Wasser in der Hand ging sie unabl&auml;ssig
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>von einem Zimmer ins andere, wohl eine halbe
+Stunde lang. Endlich h&ouml;rte man drunten auf der Stra&szlig;e
+Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die
+Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschulthei&szlig;,
+fuhren am Haus vor&uuml;ber in den Gasthof zur&uuml;ck;
+das Feuerwerk war aus, die schaulustige Menge str&ouml;mte ins
+St&auml;dtchen zur&uuml;ck. Gott Lob und Dank, die Lichter durften
+ausgel&ouml;scht werden!</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus,
+Frau R&ouml;mer sa&szlig; allein auf ihrem kleinen Sofa am Tisch
+und ruhte aus. Die Kinder und Anne schliefen schon.
+Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft str&ouml;mte
+durch die Fenster. Da n&auml;herte sich durch die stille Stra&szlig;e
+ein lauter, fester Tritt, ein Schl&uuml;ssel wurde in die Haust&uuml;re
+gesteckt. &raquo;Mein Mann kann es nicht sein, aber doch
+ist er&#8217;s!&laquo; sagte sich die junge Frau und eilte hinaus. Ja,
+er war es.</p>
+
+<p>&raquo;Du kommst schon?&laquo; sagte sie erstaunt. &raquo;Ich h&auml;tte
+gedacht, heute wird es sp&auml;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte er, &raquo;die andern sitzen auch noch fest beisammen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich
+wollte auch einmal wieder bei meiner Frau sein.&laquo; Dies
+Wort zerstreute alle Sorgen der jungen Frau, sie f&uuml;hlte
+es: alles war sch&ouml;n und gut zwischen ihnen und nun wurde
+es gem&uuml;tlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und
+setzten sich behaglich zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das sch&ouml;n, wenn so ein Tag vorbei ist!&laquo; sagte
+R&ouml;mer.</p>
+
+<p>&raquo;Ist alles gut gelungen?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>&raquo;So ziemlich,&laquo; sagte er. &raquo;Die Beleuchtung der H&auml;user
+war ja durch den Wind recht l&uuml;ckenhaft, nur unser Haus
+war gl&auml;nzend. Schon von ferne fragte mich die Prinzessin,
+wem dies strahlende H&auml;uschen geh&ouml;re. Ich war nicht wenig
+stolz, h&auml;tte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen wenigstens
+kam von dir, wie hast du es denn gemacht? &Uuml;berall
+sonst waren doch die meisten Lichter verl&ouml;scht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie erz&auml;hlte all ihre Erlebnisse. &raquo;So, deshalb riecht
+es so merkw&uuml;rdig im ganzen Haus? Also hast auch du
+Angst ausgestanden w&auml;hrend des Feuerwerks, ich aber auch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieso du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast doch heute morgen geh&ouml;rt, da&szlig; ein Pulverwagen
+hier durchkommen wollte. Nun, der Eilbote, der
+das hintertreiben sollte, der geistreiche Mann, hat den Fu&szlig;weg
+eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen nat&uuml;rlich
+nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach
+den Felsen, die beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt
+der Ratsdiener auf mich zu. Ich seh ihm gleich an, da&szlig;
+etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn beiseite. &#8250;Sehen
+Sie dort hin&uuml;ber, Herr Stadtschulthei&szlig;,&#8249; sagt er. &#8250;Auf der
+alten Stra&szlig;e, an der andern Seite vom Flu&szlig;, f&auml;hrt der
+Pulverwagen!&#8249; Ich sehe hin&uuml;ber: langsam bewegt sich dort
+der gro&szlig;e, schwarze Wagen, mit der vorgeschriebenen roten
+Laterne und dem roten F&auml;hnchen, unheimlich anzusehen.
+Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf und der
+Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft.
+&#8250;Was ist zu tun?&#8249; fragte mich der Ratsdiener. &#8250;Es ist nicht
+mehr zu &auml;ndern,&#8249; sagte ich, &#8250;lassen Sie sich nichts merken,
+da&szlig; kein Schrecken unter den Leuten entsteht. Gehen Sie
+hin&uuml;ber, sorgen Sie, da&szlig; der Wagen ohne Aufenthalt
+weiterf&auml;hrt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft,
+kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel
+dringt kein Funke.&#8249; Er ist ein wackerer Mann, der alte
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>Ratsdiener, und hat sich heute wieder bew&auml;hrt, du k&ouml;nntest
+ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von mir
+weggeht, h&ouml;re ich, wie ihn ein Mann anredet: &#8250;Sagen Sie,
+ist denn das da dr&uuml;ben nicht ein Pulverwagen?&#8249; &#8250;Das
+macht doch nichts,&#8249; sagt der Ratsdiener mit gr&ouml;&szlig;ter Seelenruhe;
+&#8250;auf dem Wagen k&ouml;nnen Sie ein Feuerwerk abbrennen
+und es dringt kein Funke hinein.&#8249; &#8250;So, so,&#8249; sagt
+der andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken,
+wie es mir zumute war, w&auml;hrend das Feuerwerk so in
+der Luft herumschw&auml;rmte. So oft es unbemerkt ging, mu&szlig;te
+ich mich umwenden und hin&uuml;bersehen nach dem kleinen roten
+Licht, das allm&auml;hlich weiterr&uuml;ckte auf der Stra&szlig;e. Langsam
+kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg
+verschwand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Prinz hat nichts davon erfahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er war in fr&ouml;hlicher Laune bis zuletzt und
+ebenso die Prinzessin, die mir noch an der Bahn einen
+Gru&szlig; an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl von seiner
+Plage?&laquo;</p>
+
+<p>Ja, der Kleine ruhte und ebenso geno&szlig; der Vater den
+friedlichen Abend; in der Wohnung des Stadtschulthei&szlig;en
+gab es jetzt keinen geplagten Mann!</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a></p>
+<h2><a name="Helf_wer_helfen_kann" id="Helf_wer_helfen_kann"></a>Helf, wer helfen kann!</h2>
+
+
+<p>Am hei&szlig;en Herd in der K&uuml;che schaltete mit eifrigen
+H&auml;nden und gl&uuml;henden Wangen Frida, der liebliche Backfisch.
+Die Mutter war ausgegangen, um vor Tisch noch
+einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte versprochen,
+ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden.
+Da ert&ouml;nte die Klingel. &raquo;Es wird der Vater
+sein,&laquo; dachte Frida und &ouml;ffnete. Es war aber nicht der
+Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf der
+Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete
+ihn in das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast,
+der sich freundlich mit ihr unterhielt. Bald aber wurde
+sie unruhig und h&ouml;rte nur noch mit halbem Ohr auf den
+Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das
+Feuer, das bald ausgehen mu&szlig;te, und &uuml;berlegte, ob es nicht
+unh&ouml;flich w&auml;re, wenn sie den Gast allein lie&szlig;e. Inzwischen
+hatte der Herr weiter mit ihr gesprochen, Frida hatte aber
+in ihrer Zerstreutheit nicht viel davon geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie auch T&ouml;chter?&laquo; fragte sie jetzt, um nur
+irgend etwas zu sagen. Er sah sie erstaunt an. &raquo;Das sind
+eben meine T&ouml;chter, von denen ich Ihnen erz&auml;hlte.&laquo; Frida
+err&ouml;tete.</p>
+
+<p>Es fiel ihr ein, da&szlig; er von einer Marie und einer
+Elise gesprochen hatte. &raquo;Ja, ich meine nur, ob Sie <em class="gesperrt">viele</em>
+T&ouml;chter haben?&laquo; sagte sie in ihrer Verwirrung.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Er l&auml;chelte. &raquo;Nicht sehr viele, blo&szlig; zwei.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick h&ouml;rte Frida mit wahrem Entz&uuml;cken
+den wohlbekannten Tritt ihres Vaters. Mit gro&szlig;er
+Freude begr&uuml;&szlig;ten sich die beiden Freunde und eine der
+ersten Fragen des Vaters an den Gast war: &raquo;Du bleibst
+doch bei uns zu Tisch?&laquo; Die Einladung wurde angenommen
+und Frida von ihrem Vater mit den Worten entlassen:
+&raquo;Nun geh du in die K&uuml;che und mach dein Meisterst&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>Ja, ein sch&ouml;nes Meisterst&uuml;ck war es, das Frida vorfand,
+als sie hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der
+Braten in der Pfanne und der Geruch des angebrannten
+Fleisches erf&uuml;llte die ganze K&uuml;che. Da war nichts mehr
+zu retten! Verzweifelt stand die junge K&ouml;chin und hatte
+nur den <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken: wenn doch die Mutter k&auml;me,
+die w&uuml;&szlig;te Rat!</p>
+
+<p>Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu &ouml;ffnen.
+Aber es kam blo&szlig; ein Dienstm&auml;dchen mit einem Korb am
+Arm und einem Netz, in dem ein gro&szlig;er Fisch war. Sie
+kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag, Fridas
+Eltern auf den n&auml;chsten Abend einzuladen. Aber Frida
+h&ouml;rte nur halb die Worte des M&auml;dchens. Sie konnte ihre
+Blicke nicht von dem Fisch abwenden.</p>
+
+<p>&raquo;Brauchen Sie diesen Fisch f&uuml;r heute mittag?&laquo; fragte
+Frida.</p>
+
+<p>&raquo;O nein, erst f&uuml;r morgen abend,&laquo; antwortete das
+M&auml;dchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten m&ouml;chten! Wir
+haben unerwartet einen Gast bekommen und ich wei&szlig; nicht,
+was ich ihm zu Mittag vorsetzen soll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht gerne,&laquo; antwortete das M&auml;dchen, &raquo;ich kann
+bis morgen schon noch einen Fisch bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er tot?&laquo; fragte Frida.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>&raquo;Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf
+eine Platte in der K&uuml;che, Frida bezahlte, was das M&auml;dchen
+verlangte, und gab noch ein sch&ouml;nes Trinkgeld. Als das
+M&auml;dchen fort war, wandte sich Frida eifrig ihrem Fisch
+zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken,
+der &raquo;tote&laquo; Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt
+und schlug mit dem Schwanz auf den K&uuml;chentisch. Nun
+war Frida ratlos. Einen halbtoten Fisch aufschneiden, das
+konnte sie nicht und noch viel weniger ihn t&ouml;ten.</p>
+
+<p>&raquo;Und das hei&szlig;t die dumme Person <em class="gesperrt">tot</em>!&laquo; sagte sie in
+Verzweiflung, &raquo;wenn ich sie nur zur&uuml;ckrufen k&ouml;nnte.&laquo; Aber
+die war nicht mehr zu sehen. Da klingelte es wieder.
+Jetzt endlich mu&szlig;te es doch die Mutter sein, die hei&szlig; ersehnte.
+Frida flog zur T&uuml;re. Aber diesmal war es nur ein
+Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes
+zu essen verlangte. &raquo;Ach, wir haben ja selbst gar nichts,&laquo;
+sagte Frida in so verzweifeltem Ton, da&szlig; ihr der junge
+Bursche aufs Wort glaubte und wieder davonging. Als
+er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida ein
+Einfall. Sie rief ihm nach: &raquo;H&ouml;ren Sie, k&ouml;nnen Sie einen
+Fisch t&ouml;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob ich was kann?&laquo; rief der Bursche erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ob Sie einen Fisch ganz tot machen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn nicht?&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;O so kommen Sie doch gleich herauf,&laquo; bat Frida und
+der Bursche lie&szlig; sich&#8217;s nicht zweimal sagen. Als er den
+Fisch in der K&uuml;che liegen sah, sagte er: &raquo;Der ist ja schon
+tot.&laquo; &raquo;O bewahre, der tut nur so und sowie er allein
+mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie m&uuml;ssen ihn <em class="gesperrt">ganz</em>
+tot machen.&laquo;</p>
+
+<p>Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm
+den Kopf mit solcher Macht auf, da&szlig; dieser fast davonflog.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>&raquo;Nun ist er gewi&szlig; ganz tot,&laquo; sagte der Bursche, &raquo;ich
+kann ihm aber auch noch den Bauch aufschlitzen, wenn
+Sie wollen.&laquo; Bereitwilligst reichte Frida ein Messer her.
+Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem K&uuml;chenjungen.</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnen Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird&#8217;s
+nicht sein, da&szlig; ich&#8217;s nicht herausrei&szlig;en kann. Wollen Sie
+nicht zusehen, ob ich&#8217;s recht mache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe es gut aus der Ferne,&laquo; sagte vom Herd
+aus Frida, die ihr Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr
+los werden konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Darf man alles herausrei&szlig;en, was darinnen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich
+ja wieder hineintun.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft,
+um den Fisch auszunehmen, und er machte seine Sache
+ganz geschickt.</p>
+
+<p>Nun war Frida wieder in gl&uuml;cklicher Stimmung. Ihr
+Mi&szlig;trauen gegen den Tod des Tieres war verschwunden
+und eifrig machte sie sich daran, den Fisch kunstgerecht zuzubereiten.</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich dem Fr&auml;ulein sonst noch etwas helfen?&laquo;
+fragte der Bursche. &raquo;O ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen
+wollten, kleine Kartoffeln zu richten, w&auml;re ich recht froh.&laquo;</p>
+
+<p>Eintr&auml;chtig machten sich die Beiden an dies Gesch&auml;ft
+und Frida erz&auml;hlte dabei ihr Mi&szlig;geschick mit dem Braten.</p>
+
+<p>&raquo;Man wird ihn <em class="gesperrt">doch</em> noch essen k&ouml;nnen,&laquo; tr&ouml;stete der
+Handwerksbursche.</p>
+
+<p>&raquo;Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!&laquo;
+Er fand es nicht so schrecklich, sondern behauptete,
+da w&auml;ren noch manche Leute froh daran. &raquo;Wenn Sie ihn
+vielleicht mitnehmen wollten,&laquo; sagte Frida ganz sch&uuml;chtern,
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>&raquo;dann m&uuml;&szlig;te ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund
+ist es, glaube ich, nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durchaus nicht,&laquo; versicherte der Bursche. Der Braten
+wurde eingewickelt und verschwand in der Tasche des jungen
+Mannes, der sich nun dankbar entfernen wollte. Frida
+aber schenkte ihm f&uuml;r seine Hilfe noch ein St&uuml;ck Geld und
+dankte ihm sehr. Vergn&uuml;gt eilte der Handwerksbursche die
+Treppe hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete.
+Diese hatte sich bei ihrem Besuch versp&auml;tet und kam eiligst
+herauf. Als sie von Frida h&ouml;rte, da&szlig; ein Gast angekommen
+sei, war ihre erste Frage:</p>
+
+<p>&raquo;Ist auch der Braten gut geworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den
+Herrn unterhalten mu&szlig;te. Aber wir haben einen pr&auml;chtigen
+Fisch f&uuml;r heute mittag!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen Fisch? Woher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von der K&ouml;chin des Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> N.; sie war da, um
+Euch &#8211; oder nein, ich glaube blo&szlig; den Vater, auf morgen
+&#8211; oder nein &#8211; ich glaube auf &uuml;bermorgen einzuladen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, bei dem Fisch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun la&szlig; nur den Braten sehen, wir schneiden noch
+die sch&ouml;nsten St&uuml;cke auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geht nicht, Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn
+dem Handwerksburschen mitgegeben, der mir den schrecklichen
+Fisch totschlug!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kind, du wirst doch den dreipf&uuml;ndigen Rindsbraten
+nicht hergegeben haben?&laquo;</p>
+
+<p>Alle weiteren Er&ouml;rterungen wurden durch den Gast
+abgeschnitten, der, als er die Stimme der Hausfrau h&ouml;rte,
+herauskam, sie lebhaft begr&uuml;&szlig;te und in Beschlag nahm.
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug,
+erntete sie gro&szlig;es Lob, aber sie schlug besch&auml;mt die Augen
+nieder und dachte an den verbrannten Braten. Die Herren
+aber waren in heiterer Stimmung.</p>
+
+<p>&raquo;Aha,&laquo; sprach der Gast, &raquo;da merkt man doch gleich,
+da&szlig; man in einer katholischen Stadt ist, ihr habt heute,
+am Freitag, Fisch. Ich finde es sehr h&uuml;bsch, wenn man
+sich nach der Sitte des Ortes richtet.&laquo;</p>
+
+<p>Als am Abend der Gast fort war und die Mutter
+alles erfahren hatte, berechnete sie im stillen: Ein feiner
+Fisch und ein Trinkgeld dem M&auml;dchen, ein dreipf&uuml;ndiger
+Rindsbraten und ein Trinkgeld dem Handwerksburschen &#8211;
+und sie kam zu dem Schlu&szlig;, auch den dringendsten Besuch
+nie mehr vor Tisch zu machen.</p>
+
+<p>Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an
+dem Braten, von dem er nur die verbrannte Rinde abgel&ouml;st
+hatte, und er fragte sich, ob er es wohl noch einmal
+in seinem Leben zu so einem kr&auml;ftigen St&uuml;ck Fleisch bringen
+werde.</p>
+
+<p>Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei,
+denn ihr tr&auml;umte, der Fisch sei vom Tisch herunter und
+in ihren Scho&szlig; gesprungen!</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a></p>
+<h2><a name="Ein_Wunderkind" id="Ein_Wunderkind"></a>Ein Wunderkind.</h2>
+
+
+<p>Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart
+mit drei Jahren Klavier spielen, andere, die im gleichen
+Alter mehrere Sprachen lesen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Von einem Wunderkind ganz eigener Art m&ouml;chte ich
+erz&auml;hlen. Mein Wunderkind hei&szlig;t Fridolin und ist das
+&auml;lteste Kind von armen Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre
+alt geworden, ohne da&szlig; jemand ahnte, was f&uuml;r ein besonderes
+Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages
+der Vater zu ihm sagte: &raquo;Nimm meinen Sonntagsrock und
+trag ihn zum Schneider, da&szlig; er den Ri&szlig; am &Auml;rmel flicke.&laquo;
+Fridolin trug den Rock zum Schneider und dieser versprach,
+den Schaden wieder gut zu machen. &raquo;Ich will darauf
+warten,&laquo; sagte Fridolin. &raquo;So schnell geht&#8217;s nicht,&laquo; entgegnete
+der Schneider; &raquo;ich habe vorher noch anderes zu
+n&auml;hen.&laquo; &raquo;Ich kann ja warten,&laquo; wiederholte das kleine
+B&uuml;rschlein. &raquo;Da d&uuml;rftest du lange warten,&laquo; meinte der
+Schneider, &raquo;geh du nur wieder heim.&laquo; &raquo;Ich kann auch
+<em class="gesperrt">lang</em> warten,&laquo; versetzte der Kleine und r&uuml;hrte sich nicht
+von der Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und
+ein Lehrling, die auch an der Arbeit sa&szlig;en, lachten &uuml;ber
+den Kleinen, der sich nicht vertreiben lie&szlig;; da lachte der
+Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich an die
+Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: &raquo;La&szlig; den Knirps
+nur stehen, er wird schon bald genug kriegen.&laquo; Aber
+<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Fridolin bekam nicht genug. Er stand hinter dem Gesellen
+und sah ihm zu, wie er Knopfl&ouml;cher n&auml;hte. Acht Uhr
+war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er
+noch da. &#8211; Nun trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier
+und Brot, und der Meister setzte sich mit dem Gesellen an
+den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu sagen, nahm
+den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und ergriff
+die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider
+beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als
+er aber merkte, da&szlig; er sich an des Gesellen Arbeit vergriff,
+trat er leise hinter ihn und sah ihm zu. Dann winkte er
+den Gesellen und alle drei sahen mit Staunen, wie die
+Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken Stoff
+schoben, wie Stich an Stich kam, da&szlig; auch nicht fadenbreit
+dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in
+seine Arbeit vertieft war, da&szlig; es nicht einmal nach ihnen
+aufschaute. &raquo;Wer hat dich gelehrt, Knopfl&ouml;cher machen?&laquo;
+fragte jetzt der Schneider. &raquo;Der da!&laquo; antwortete Fridolin
+und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen
+hatte. Da staunte der Meister und fragte den Kleinen
+nach allerlei: ob er zu Hause auch schon gen&auml;ht habe, woher
+er&#8217;s k&ouml;nne usw., aber es war aus dem B&uuml;blein nicht
+viel herauszubringen. Nun tat&#8217;s ihm der Schneider zulieb
+und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den
+Fridolin gebracht hatte, und der Kleine stand dabei und
+verwandte kein Auge davon. Als die Arbeit fertig war
+und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der Schneider
+zu ihm: &raquo;Dich freut unser Handwerk, das seh&#8217; ich, komm
+du nur ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.&laquo;</p>
+
+<p>Als am n&auml;chsten Morgen in aller Fr&uuml;he die Meisterin
+aus der T&uuml;re trat, um droben in der Kammer den Lehrbuben
+zu wecken, sa&szlig; der kleine Fridolin auf der Treppe
+und sagte: &raquo;Ich will n&auml;hen helfen.&laquo; Da lie&szlig; ihn die
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von
+der er dachte: Verdirbt er&#8217;s, so ist nicht viel daran verloren.
+Aber Fridolin verdarb nichts und kam nun alle Tage.</p>
+
+<p>Der Herbst zog ins Land und Fridolin mu&szlig;te in die
+Schule. Er war der kleinste unter all seinen Kameraden
+und im Lernen nicht stark; aber er war brav, machte seine
+Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer konnte das
+stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber sa&szlig; Fridolin
+mit geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule.
+&raquo;Schl&auml;fst du?&laquo; rief ihn der Lehrer an und ber&uuml;hrte ihn
+mit dem Stock. Erschrocken fuhr Fridolin auf, aber nach
+ein paar Minuten dr&uuml;ckte er schon wieder die Augen zu.
+&raquo;Was ist&#8217;s heute mit dir?&laquo; rief ihm der Lehrer zu und
+sch&uuml;ttelte ihn: &raquo;Bist du faul oder krank?&laquo; &raquo;Nein,&laquo; antwortete
+der Kleine weinerlich, &raquo;aber die Naht ist ganz
+krumm, die kann ich nicht sehen!&laquo; und er deutete auf die
+Jacke des Knaben, der vor ihm sa&szlig;. Alle Kinder lachten,
+aber der Lehrer sagte: &raquo;Redest du im Traum oder hast du
+den Verstand verloren?&laquo; &raquo;Nein, nein,&laquo; rief Fridolin, &raquo;die
+Naht mu&szlig; <em class="gesperrt">so</em> laufen,&laquo; und im Nu hatte er ein St&uuml;ckchen
+Schneiderskreide aus seiner Tasche genommen und zeichnete
+damit eine schnurgerade Linie &uuml;ber den R&uuml;cken seines
+Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, da&szlig; der
+Kleine recht hatte und da&szlig; die Naht etwas krumm lief.
+Er wu&szlig;te nicht, sollte er lachen &uuml;ber den kleinen Sonderling
+oder staunen &uuml;ber seinen scharfen Blick. &raquo;Setze dich
+vor zu mir,&laquo; sagte er und f&uuml;hrte Fridolin an einen andern
+Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch
+Jackenn&auml;hte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte
+Fridolin zu seinem Kameraden: &raquo;Wenn du mir Zwirn
+mitbringst, mache ich dir die Naht an deiner Jacke zurecht.&laquo;</p>
+
+<p>Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin
+der Flickschneider f&uuml;r seine ganze Klasse. Als die Ferien
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>begannen, kam der Schneider zu Fridolins Eltern und bat,
+da&szlig; ihm der Kleine n&auml;hen helfen m&ouml;chte. Der Vater
+war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte,
+was ihm der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder
+Arbeiter sei seines Lohnes wert. Die beiden M&auml;nner
+handelten hin und her, Fridolin stand dabei und sagte kein
+Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider
+verabschiedete sich und war schon unter der T&uuml;re, da sprach
+Fridolin: &raquo;<em class="gesperrt">Geld</em> will ich nicht, ich will <em class="gesperrt">Tuch</em>!&laquo; Der
+Schneider kam wieder zur&uuml;ck und der Vater sagte: &raquo;H&auml;ttest
+auch fr&uuml;her reden k&ouml;nnen, sei nur zufrieden, jetzt ist&#8217;s
+schon ausgemacht.&laquo; Aber Fridolin war nicht zufrieden, er
+wiederholte ganz bestimmt: &raquo;Um Geld n&auml;h&#8217; ich nicht, ich
+will Tuch!&laquo; &raquo;Ja, wozu denn?&laquo; fragte der Schneider. &raquo;Zu
+einem Anzug f&uuml;r unseren Kleinen,&laquo; antwortete Fridolin
+und meinte damit seinen j&uuml;ngsten Bruder, den er sehr lieb
+hatte. &raquo;Er ist schon so ein Sonderling, dem man seinen
+Kopf lassen mu&szlig;,&laquo; sagte der Schneider, versprach ihm sch&ouml;nes
+Tuch zu liefern und ging.</p>
+
+<p>Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister;
+er lernte Ma&szlig; nehmen und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren
+auf den ersten Blick, wo es fehlte, und seine
+Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so flink
+auf und ab wie eine kleine N&auml;hmaschine, so da&szlig; es ganz
+wunderbar anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er
+f&uuml;r seine Geschwister daheim, und was er ihnen machte,
+das sa&szlig; so nett und stand so fein, wie wenn es aus dem
+feinsten Herrenkleidergesch&auml;ft hervorgegangen w&auml;re.</p>
+
+<p>Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule
+und man durfte sich nicht lange besinnen, was er werden
+sollte, er war ja schon etwas: Der geschickteste Schneider
+im St&auml;dtchen. Gewachsen war er nicht viel, und wenn er
+jemand das Ma&szlig; nehmen sollte, so mu&szlig;te er auf einen
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Schemel, ja manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen
+zu k&ouml;nnen. Er lebte ganz still nur f&uuml;r seine Arbeit,
+wu&szlig;te nicht, wie es in der Welt drau&szlig;en zugeht, und hatte
+keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.</p>
+
+<p>Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um
+diese Zeit h&ouml;rte der Vater, da&szlig; in der Hauptstadt ein t&uuml;chtiger
+Schneidermeister gestorben sei, der gute Kundschaft gehabt
+habe, und er dachte sich: &raquo;Das Gesch&auml;ft k&ouml;nnte mein Fridolin
+&uuml;bernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist dort,
+Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben
+wird, da d&uuml;rfte er sich nur hineinsetzen und k&ouml;nnte sein
+Gl&uuml;ck machen!&laquo; Die Mutter hatte zwar ihre Bedenken
+und meinte, der Fridolin k&ouml;nne nicht ohne sie sein, er sei
+zu unpraktisch f&uuml;r so ein Gesch&auml;ft. Aber der Vater sagte:
+&raquo;Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie
+ein Mann, er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er
+schon klug werden.&laquo; Fridolin selbst redete nicht darein
+und lie&szlig; seine Eltern die Sache ausmachen.</p>
+
+<p>Nach kurzer Zeit sa&szlig; er als Schneidermeister in der
+Gro&szlig;stadt. Ein ganzes Stockwerk war f&uuml;r ihn und seine
+Gesellen eingerichtet. Unten im Hause wohnten ordentliche
+Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn anempfohlen,
+und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die
+Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst &uuml;ber das Meisterlein,
+aber bald bekamen sie Achtung vor seiner Kunst.
+Der erste Kunde, der sich einfand, war ein alter Herr. Er
+hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen und
+nun betrat er in diesem das Gesch&auml;ft, erkl&auml;rte sich nicht
+ganz zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran
+ver&auml;ndert haben. Den kleinen Meister Fridolin sah er
+wohl f&uuml;r den j&uuml;ngsten Lehrjungen an und beachtete ihn
+nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den
+&auml;ltesten Gesellen. Der pr&uuml;fte den Anzug und behauptete,
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>er stehe tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da
+sprang unser Meisterlein auf, stellte flugs einen Schemel
+neben den Herrn, stieg hinauf und indem er mit seiner
+Kreide ein paar Striche &uuml;ber das Tuch zog, sagte er: &raquo;Hier
+sitzt der Fehler.&laquo; Der Geselle mu&szlig;te zugeben, da&szlig; der
+Meister recht habe, und am n&auml;chsten Tag war unter des
+Schneiderleins geschickten H&auml;nden der Fehler schon verbessert.
+Der alte Herr freute sich &uuml;ber die gute Arbeit
+und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem
+jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte
+sofort unsern Fridolin, da&szlig; dieser ihm das Ma&szlig;
+nehme. Aber Fridolin sch&uuml;ttelte blo&szlig; den Kopf, sah von
+seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu dem Bedienten:
+&raquo;Der Herr soll zu <em class="gesperrt">mir</em> kommen.&laquo; Die Gesellen
+waren nicht wenig erstaunt &uuml;ber diese Antwort und der
+&auml;lteste fl&uuml;sterte dem Meister zu, der vorige Meister sei auch
+immer zu den Herren ins Haus gegangen. Aber Fridolin
+sagte ganz ruhig: &raquo;Ich kann nicht, ich mu&szlig; meinen Schemel
+haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,&laquo; und der Diener
+des Herrn Baron mu&szlig;te mit dieser Antwort abziehen. Der
+Herr Baron war nun neugierig, das kleine Schneiderlein
+zu sehen, und bem&uuml;hte sich selbst in die Werkstatt. R&uuml;hrig
+sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl und
+vom Stuhl auf den Schemel, um dem gro&szlig;en Herrn das
+Ma&szlig; zu nehmen, und als er damit fertig war, setzte er sich
+sofort wieder an die Arbeit, lie&szlig; den hohen Herrn stehen
+und der Geselle mu&szlig;te ihn zur T&uuml;re geleiten. Der Anzug
+wurde aber ein Meisterwerk, und bald bem&uuml;hten sich die
+vornehmsten jungen Herren in das Gesch&auml;ft des Schneiderleins,
+und sie taten es um so lieber, als unser guter Fridolin
+sie nicht mit der Rechnung bedr&auml;ngte. &raquo;Meisterlein,&laquo;
+sagte eines Tages der &auml;lteste Geselle, der eine wahre Liebe
+zu ihm gefa&szlig;t hatte, &raquo;wie steht&#8217;s mit den Rechnungen?
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Fr&uuml;her hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es w&auml;re
+Zeit, die Herren sollten bezahlen.&laquo; Da machte Fridolin
+ein &auml;ngstliches Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das
+hatte er nie recht lernen k&ouml;nnen. &raquo;Die Rechnungen?&laquo; sagte
+er, &raquo;die sind schwer zu machen.&laquo; Da l&auml;chelte der Geselle
+und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und besorgte
+die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam,
+um die Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am
+Zuschneiden war, nahm das Geld, z&auml;hlte es aber nicht
+nach, schob es beiseite, da&szlig; es bald zwischen den verschiedenen
+Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen Gesellen
+dar&uuml;ber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldst&uuml;ck
+zu sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen
+fiele; und schlie&szlig;lich w&auml;re wohl alles verschwunden, wenn
+nicht der &auml;lteste Geselle das Geld zusammengerafft und es
+seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben h&auml;tte.</p>
+
+<p>Ein Vierteljahr war verflossen, da schn&uuml;rte der wackre
+Geselle, dessen Zeit nun abgelaufen war, sein B&uuml;ndel. Er
+war schon viele Jahre in der Fremde gewesen und wollte
+zur&uuml;ckkehren in seine Heimat. Der treue Bursche brachte
+noch, ehe er abreiste, alles Gesch&auml;ftliche m&ouml;glichst in Ordnung;
+aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht
+mehr in der Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein
+machte zwar seine Arbeit pr&auml;chtig und war von fr&uuml;h bis
+sp&auml;t so emsig, da&szlig; ein Meisterst&uuml;ck nach dem andern aus
+seinen H&auml;nden hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was
+sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins
+Eltern wu&szlig;ten davon nichts. Sie hatten sich in der
+ersten Zeit einmal nach ihm umgesehen und seitdem h&ouml;rten
+sie nichts mehr, denn das Schreiben war Fridolins Sache
+nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus
+der Stadt &uuml;berrascht. Er war nicht von Fridolin, aber
+von seiner Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>nach dem Sohn sehen; es sei gar nicht zu beschreiben, was
+f&uuml;r eine Unordnung in der Werkstatt herrsche und wie er
+von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie habe
+es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er k&ouml;nne wohl
+nicht anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich
+der Verstand ganz auf <em class="gesperrt">eine</em> Seite geschlagen. Die Mutter
+seufzte: &raquo;Ich hab&#8217;s ja gleich gewu&szlig;t, da&szlig; es nicht geht,&laquo;
+und der Vater wurde ganz nachdenklich und sprach vor sich
+hin: &raquo;Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei ihm
+ganz auf die eine Seite geschlagen.&laquo; Am n&auml;chsten Tag
+reiste die Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein
+sprang von der Arbeit auf, als es die Mutter so unverhofft
+vor sich sah, und aus seinen blauen Kinderaugen
+strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst
+sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die
+feinste Kundschaft hatte und von fr&uuml;h bis sp&auml;t arbeitete,
+war doch kein Geld da. Denn meistens verga&szlig; er, f&uuml;r
+seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und wenn ehrliche
+Leute von selbst zahlten, so lie&szlig; er das Geld offen herumliegen,
+da&szlig; es nehmen konnte, wer da wollte.</p>
+
+<p>&raquo;So kann&#8217;s nicht fortgehen,&laquo; sagte die Mutter zum
+Sohn, als sie mit ihm allein war. &raquo;Nein, so kann&#8217;s nicht
+fortgehen,&laquo; gab Fridolin zu. &raquo;Das mu&szlig; man &auml;ndern,&laquo; erkl&auml;rte
+die Mutter. &raquo;Ja, das mu&szlig; man &auml;ndern,&laquo; wiederholte
+der Sohn. &raquo;Fridolin,&laquo; erkl&auml;rte nun die Mutter bestimmt,
+&raquo;du mu&szlig;t heiraten, da&szlig; du eine t&uuml;chtige Hausfrau bekommst.&laquo;
+Da sah das Schneiderlein sie ganz best&uuml;rzt an und sch&uuml;ttelte
+den Kopf. &raquo;Davon versteh ich nichts, Mutter,&laquo; sagte er,
+und so sehr ihn auch die Mutter &uuml;berreden wollte, er gab
+nicht nach. So mu&szlig;te sich denn die Mutter auf einen
+andern Ausweg besinnen. &raquo;Ist&#8217;s dir recht, wenn wir zu
+dir ziehen, der Vater und ich und die Kinder alle?&laquo; Diesmal
+wurde ihr Vorschlag anders aufgenommen. Fridolin
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>strahlte mit dem ganzen Gesicht. &raquo;Ja,&laquo; sagte er, &raquo;und
+bleib du nur gleich da, Mutter.&laquo; &raquo;So leicht geht das
+nicht, erst mu&szlig; ich mit dem Vater reden und der Umzug
+kostet Geld! Wo soll das so schnell herkommen?&laquo; Jetzt
+tat es dem Fridolin zum erstenmal leid, da&szlig; er kein Geld
+hatte, und er fing an, seine Schubladen zu durchsuchen.
+&raquo;Mutter,&laquo; sagte er, &raquo;ich habe anfangs einen ehrlichen Gesellen
+gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und
+manchmal hat er gesagt: &#8250;Meisterlein, Ihr Geld verstecke
+ich vor den Buben, vielleicht brauchen Sie&#8217;s einmal,&#8249; aber
+ich wei&szlig; nicht mehr, wohin er&#8217;s versteckt hat.&laquo; Nun machte
+sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und richtig
+entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel
+mehrere Goldst&uuml;cke. Das war nun eine Freude,
+und die Mutter dankte im Geiste dem wackeren Gesellen,
+der so f&uuml;r ihren Sohn gesorgt hatte.</p>
+
+<p>Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in
+die Stadt gezogen, und obwohl unser Schneiderlein nicht
+viel Worte machte, sah man ihm an, wie gl&uuml;cklich er sich
+f&uuml;hlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am
+ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der
+Arbeit, w&auml;hrend sie sonst schon um 11 Uhr davongelaufen
+waren. Sie merkten, da&szlig; nun eine Meisterin da war, die
+ein strenges Regiment f&uuml;hrte. Um 12 Uhr deckte die
+Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum
+Essen, die Kinder versammelten sich, die Mutter trug die
+Suppe auf, nur Fridolin fehlte noch. &raquo;Der merkt nicht,
+da&szlig; Essenszeit ist,&laquo; sagte der Vater und schickte den Kleinen
+in die Werkstatt, da&szlig; er Fridolin hole. Der war aber
+nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben
+Stunde kam er wieder, und nun stellte sich&#8217;s heraus, da&szlig;
+er nach alter Gewohnheit in sein Kosthaus gegangen war
+und ganz vergessen hatte, da&szlig; nun daheim f&uuml;r ihn der Tisch
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht,
+als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den
+Tisch sa&szlig;, und er legte den kleinen Br&uuml;dern einen Klo&szlig;
+nach dem andern auf den Teller, schaute ihnen vergn&uuml;gt
+zu und fragte immer wieder: &raquo;Schmeckt&#8217;s euch?&laquo; so da&szlig; die
+Mutter ihm wehrte und sagte: &raquo;I&szlig; du lieber selbst.&laquo; Doch
+der Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er a&szlig;
+nie so viel wie andere Leute.</p>
+
+<p>Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn
+vor dem Haus anfuhren und sich von dem kleinen Schneiderlein
+das Ma&szlig; nehmen lie&szlig;en; wie sie ihm dann wohl ein
+Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn seine
+kleinen H&auml;nde mit der Schere so flink durch den Stoff
+fuhren, als w&uuml;&szlig;te die Schere von selbst ihren Weg. Mit
+der Zeit kamen statt der fremden Arbeiter die Br&uuml;der zur
+Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren, und so gedieh das
+Gesch&auml;ft immer besser. Die ganze Familie lebte in Gl&uuml;ck
+und Frieden, die Kinder alle konnten etwas T&uuml;chtiges
+lernen und f&uuml;rs Alter wurde jedes Jahr etwas zur&uuml;ckgelegt.</p>
+
+<p>Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre
+alt, als es eines Tages von der Arbeit weg zur Mutter
+kam, die nebenan im Zimmer sa&szlig;. Sie sah erstaunt auf,
+was wollte er wohl mitten am Nachmittag? &raquo;Mutter,
+mir ist so weh,&laquo; sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel
+neben sie und legte seinen Kopf in ihren Scho&szlig; wie ein
+Kind. Die Mutter erschrak. &raquo;Du bist krank, Fridolin,&laquo;
+sagte sie, &raquo;komm, wir schicken den Bruder zum Arzt.&laquo;
+Aber er hielt die Mutter zur&uuml;ck. &raquo;La&szlig; nur, Mutter,&laquo; bat
+er, &raquo;einen <em class="gesperrt">Ri&szlig;</em> kann man schon flicken, aber wenn das
+ganze Tuch m&uuml;rb ist, dann kann man nimmer helfen.&laquo;
+&raquo;O Herzenskind, was ist dir denn?&laquo; rief die Mutter,
+&raquo;komm, lege du dich ins Bett!&laquo; &raquo;Ich lieg schon drin, ich
+lieg so gut,&laquo; antwortete Fridolin mit matter Stimme und
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>dann legte er seine feinen, wei&szlig;en H&auml;nde zusammen und
+sagte ganz leise:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Lieber Gott, mach mich fromm,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich zu dir in den Himmel komm!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Dann fielen ihm die Augen zu &#8211; f&uuml;r immer. Die
+alten Eltern haben ihn nie verschmerzen k&ouml;nnen und die
+Geschwister alle haben ihm ein treues Andenken bewahrt
+und werden noch ihren Kindern und Enkeln erz&auml;hlen von
+dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a></p>
+<h2><a name="Mutter_und_Tochter" id="Mutter_und_Tochter"></a>Mutter und Tochter.</h2>
+
+
+<p>Zwischen den stattlichen B&auml;umen des Schlo&szlig;gartens
+wanderte Arm in Arm im Gespr&auml;ch ein Paar, das die
+Vor&uuml;bergehenden wohl f&uuml;r ein Ehepaar hielten, denn der
+Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Drei&szlig;igern
+stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der
+Direktor H&auml;nlein, ein Witwer, der nach zehnj&auml;hriger Ehe
+seine Frau verloren hatte; und sie die Witwe eines Missionars,
+der wenige Wochen nach der Verheiratung im
+fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er
+Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus
+der Jugendzeit und hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme
+ausgesprochen, aber nie hatten sie sich wieder gesehen in
+den f&uuml;nf Jahren des Witwenstandes. Der Fabrikdirektor
+lebte mit seinem einzigen T&ouml;chterchen in M&uuml;nchen, und sie
+wirkte als Vorsteherin einer T&ouml;chterschule in Hannover.</p>
+
+<p>In diesen Tagen nun f&uuml;hrte eine Versammlung den
+Direktor f&uuml;r ein paar Tage nach Hannover. Dort trafen
+die beiden sich nach langen Jahren wieder, und heute hatten
+sie den Entschlu&szlig; gefa&szlig;t, den ferneren Lebensweg gemeinsam
+zu gehen.</p>
+
+<p>Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen
+und nun sagte die Frau: &raquo;Erz&auml;hle mir jetzt von deiner
+Tochter; ich m&ouml;chte mir ein Bild von ihr machen. Vierzehn
+Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>&raquo;Nun, wie eben so M&auml;dchen in diesem Alter auszusehen
+pflegen,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ist sie gro&szlig; f&uuml;r ihr Alter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den
+Gro&szlig;en geh&ouml;rt, wei&szlig; ich nicht, ich denke, sie ist mittlerer
+Gr&ouml;&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir &auml;hnlich
+oder ihrer Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besondere &Auml;hnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie
+aufgefallen.&laquo; Die Braut l&auml;chelte. &raquo;Du erkennst sie aber
+doch, wenn sie dir auf der Stra&szlig;e begegnet?&laquo; fragte sie.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; sich die Neckerei gefallen. &raquo;Ich habe keinen
+Blick f&uuml;r diese Dinge. H&auml;tte ich geahnt, da&szlig; du ein so
+scharfes Verh&ouml;r mit mir anstellst, h&auml;tte ich mir Berta
+noch genauer angesehen. Du wirst sie aber bald selbst
+sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber &uuml;ber ihr Wesen m&ouml;chte ich etwas von dir
+h&ouml;ren.&laquo; Da wu&szlig;te der Vater besser Bescheid. &raquo;Sie ist
+gut,&laquo; sagte er, &raquo;du wirst keine schwere Aufgabe mit ihr
+haben; die Haush&auml;lterinnen, die wir in den letzten Jahren
+hatten, haben sich nie &uuml;ber sie beklagt. Ein wenig zur&uuml;ckhaltend
+ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde.
+Von ihrem Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen,
+und obwohl wir nie davon sprechen, f&uuml;hle ich doch, da&szlig;
+das, was sie in diesem Unterricht gelernt hat, lebendig in
+ihr geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, das ist gut,&laquo; sagte die k&uuml;nftige Mutter, &raquo;dann
+finde ich schon den Ankn&uuml;pfungspunkt mit ihr. Wie meinst
+du, da&szlig; sie die Nachricht von unserer baldigen Verheiratung
+aufnehmen wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht. &Uuml;ber solche Dinge habe ich nie
+mit ihr gesprochen. Aber du wei&szlig;t ja am besten, wie die
+M&auml;dchen ihres Alters ungef&auml;hr sind.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>&raquo;Ich meine, sie sind sehr verschieden,&laquo; sagte die Frau,
+&raquo;und ich bitte dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung
+aufgenommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der Direktor.</p>
+
+<p>Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht
+zufrieden. &raquo;Ich f&uuml;rchte, du schreibst mir doch nur: &#8250;Sie
+hat es aufgenommen, wie es eben so M&auml;dchen mit vierzehn
+Jahren aufzunehmen pflegen.&#8249; Ich m&ouml;chte es aber genau
+h&ouml;ren, bitte, auch wenn sie sich ungl&uuml;cklich dar&uuml;ber aussprechen
+sollte; es kann mich nicht kr&auml;nken, sie kennt mich
+ja noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Direktor versprach es. In gl&uuml;cklicher Stimmung
+verbrachte er diesen Abend mit seiner Braut, und
+ehe er sich von ihr trennte, wurde der Hochzeitstag festgesetzt.</p>
+
+<p>Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein sch&ouml;nes
+Familienleben genossen. Verschiedene Haush&auml;lterinnen
+hatten sich in seinem Hause abgel&ouml;st; die eine konnte nicht
+lange bleiben, die andere wollte er nicht behalten. Zuletzt
+hatte er gar keine mehr genommen, ein bew&auml;hrtes Dienstm&auml;dchen
+hatte den Haushalt so notd&uuml;rftig in Ordnung
+gehalten. Fr&ouml;hlichen Herzens reiste er nun heim, endlich
+stand ihm wieder ein gl&uuml;ckliches, behagliches Familienleben
+in Aussicht und seinem Kinde die richtige Leitung. Das
+Dienstm&auml;dchen wollte er vor der Hochzeit wechseln, es war
+zu sehr Herrin im Haus geworden, die zuk&uuml;nftige Hausfrau
+sollte nicht unter ihm zu leiden haben.</p>
+
+<p>Allerlei Gesch&auml;fte erwarteten bei seiner Heimkehr den
+Direktor; erst nachmittags fand er eine g&uuml;nstige Viertelstunde,
+um mit seiner Tochter zu sprechen. Er pflegte
+sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse Kaffee seine
+Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. &raquo;Du kannst
+auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,&laquo;
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>sagte er, &raquo;dabei erz&auml;hle ich dir von meiner Reise und wir
+feiern ganz heimlich ein kleines Fest.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah ihn gro&szlig; an. &raquo;Der Kaffee reicht
+nur f&uuml;r dich, Vater, und was sollen wir denn feiern?&laquo;
+Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn und sah sehr begierig
+zu ihm auf.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar
+Gruner,&laquo; sagte er und f&uuml;gte hinzu: &raquo;Sie l&auml;&szlig;t dich gr&uuml;&szlig;en
+als ihre zuk&uuml;nftige Tochter; im n&auml;chsten Monat soll unsere
+Hochzeit sein.&laquo;</p>
+
+<p>Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. &raquo;Das ist
+recht,&laquo; sagte sie, &raquo;das ist viel gescheiter als die Haush&auml;lterinnen,
+die immer wieder wechseln, die bleibt dann doch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist zu hoffen,&laquo; sagte der Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Welcher ist sie &auml;hnlich von allen, die wir schon gehabt
+haben?&laquo; fragte Berta.</p>
+
+<p>&raquo;Keiner; du mu&szlig;t sie dir nicht wie eine Haush&auml;lterin
+denken, sondern wie eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt,
+aber auch Liebe von dir verlangt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O weh, Vater,&laquo; sagte Berta mit komischem Entsetzen,
+&raquo;Liebe habe ich gar keine. Wei&szlig;t du noch die erste Haush&auml;lterin,
+die z&auml;rtliche Fr&auml;ulein Schmidt, die immer wollte,
+ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und die mich immer
+k&uuml;&szlig;te, wei&szlig;t du die noch? Die war mir von allen die
+Schrecklichste!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; doch einmal die Haush&auml;lterinnen beiseite,&laquo; sagte
+der Vater &auml;rgerlich, &raquo;vollends Fr&auml;ulein Schmidt; deine
+k&uuml;nftige Mutter hat auch nicht die Spur von &Auml;hnlichkeit
+mit ihr. Wenn du nicht ein ganz liebeleeres Herz hast,
+so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen, die uns
+ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.&laquo;
+Berta schwieg. Sie besann sich &uuml;ber sich selbst und kam
+zu dem traurigen Schlu&szlig;, da&szlig; sie wohl in der Tat ein
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>ganz liebeleeres Herz habe, aber sie sprach es nicht aus.
+Und nun erz&auml;hlte der Direktor seinem Kinde von den
+fr&uuml;heren Schicksalen der k&uuml;nftigen Mutter. Aber als er im
+besten Erz&auml;hlen und sie im gespannten Zuh&ouml;ren war, wurden
+sie unterbrochen; denn Lisette, das Dienstm&auml;dchen, kam
+herein und meldete, da&szlig; Luise und Lore, zwei Freundinnen
+von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen. &Auml;rgerlich &uuml;ber
+die St&ouml;rung sprach der Direktor: &raquo;Warum kommen die
+beiden schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen
+Tagen da.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist&#8217;s selbst nicht recht, da&szlig; sie fast t&auml;glich kommen
+und immer so lange bleiben; aber ich kann es doch nicht
+&auml;ndern,&laquo; erwiderte Berta und ging hinaus zu den beiden
+Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick sehr ungelegen
+kamen. &raquo;Das mu&szlig; alles anders werden,&laquo; sprach
+der Vater vor sich hin, &raquo;es tut not, da&szlig; eine Hausfrau
+f&uuml;r Ordnung in all diesen Dingen sorgt und Bertas Verkehr
+&uuml;berwacht.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;dchen waren inzwischen ins Wohnzimmer
+gef&uuml;hrt worden, wo sie unaufgefordert ihre H&uuml;te
+ablegten, so da&szlig; Berta wohl merken konnte, sie w&uuml;rden
+so bald nicht wieder gehen. Sie h&auml;tte jetzt doch so gerne
+&uuml;ber das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte,
+und h&auml;tte ihn noch vieles fragen m&ouml;gen. Unm&ouml;glich konnte
+sie wie sonst lustig mit den Freundinnen plaudern.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du denn?&laquo; fragte Luise endlich. &raquo;Du bist
+ja gar nicht wie sonst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?&laquo;
+fragte Lorchen; und nun dr&auml;ngten sich die beiden M&auml;dchen
+an Berta und fragten und plagten sie so lange, bis sie
+ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr anvertraut hatte.
+&raquo;Nun begreife ich&#8217;s, da&szlig; du so ernsthaft aussiehst,&laquo; sagte
+Luise, &raquo;es wird alles ganz anders werden bei euch.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>&raquo;Du hast&#8217;s auch gar so sch&ouml;n gehabt, wie eine kleine
+Hausfrau;&laquo; und Lorchen griff an den silbernen Schl&uuml;sselhaken,
+den Berta an ihrer Sch&uuml;rze trug. Er war von
+ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta sich
+ausgebeten und einige Schl&uuml;ssel darangeh&auml;ngt. &raquo;Die Schl&uuml;ssel
+wird sie hergeben m&uuml;ssen, glaubst du nicht?&laquo; sagte Lore zu
+Luise. &raquo;Nat&uuml;rlich, die wird ihr die Mutter abverlangen,&laquo;
+sagte Luise.</p>
+
+<p>Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich
+verabschiedeten und sie allein war. Sie suchte nach
+dem Vater, er war inzwischen ausgegangen; sie ging zu
+Lisette in die K&uuml;che, fand diese mit verweinten Augen am
+Herd stehen und h&ouml;rte, da&szlig; ihr gek&uuml;ndigt worden war.
+Berta war sehr best&uuml;rzt; Lisette hatte immer treulich zu
+ihr gehalten, sie hatten sich lieb gehabt, die beiden. Ja,
+die Freundinnen hatten recht, alles wurde nun anders.
+Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schlo&szlig; den Schreibtisch
+auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und w&auml;hrend
+sie sonst oft &uuml;ber kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgesch&uuml;ttet
+hatte, schrieb sie heute nur die wenigen Worte
+hinein: &raquo;Lisette geht. Ich bekomme eine zweite Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen
+Bericht dar&uuml;ber, wie Berta die Mitteilung aufgenommen
+habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte sich dann: &raquo;Wenn
+sich das Kind nur vor meiner <em class="gesperrt">Liebe</em> f&uuml;rchtet, werde ich
+leicht fertig werden mit ihm.&laquo;</p>
+
+<p>In den n&auml;chsten Wochen war ein gesch&auml;ftiges Leben
+und Treiben im Haus des Direktors. Maurer und Tapezierer,
+Handwerksleute aller Art trieben ihr Wesen, um
+die ganze Wohnung sch&ouml;n herzustellen; und als sie alle endlich
+ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige
+und reinigte und putzte, bis alles nur so gl&auml;nzte vor
+Sauberkeit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>&raquo;Es soll mir niemand nachsagen, da&szlig; ich das Haus
+nicht ordentlich &uuml;bergeben habe,&laquo; sagte sie und tat ihre
+Pflicht, obwohl sie wu&szlig;te, da&szlig; sie nicht mehr da sein
+w&uuml;rde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten. In
+einem besonderen St&uuml;bchen sa&szlig; eine Kleidermacherin und
+fertigte f&uuml;r Berta ein wei&szlig;es Kleid an, duftig und fein wie
+sie noch nie eines gehabt hatte. Eben hatte sie es zur Probe
+angezogen, da rief der Vater nach ihr. &raquo;Berta,&laquo; sagte er,
+als sie zu ihm kam, &raquo;ich finde den Schl&uuml;ssel zum Schreibtisch
+nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu <em class="gesperrt">meinem</em> Schreibtisch?&laquo; fragte Berta und griff
+nach ihrem Schl&uuml;sselbund.</p>
+
+<p>&raquo;Zu <em class="gesperrt">deinem?</em> Nun, zu dem sch&ouml;nen Schreibtisch
+im Besuchszimmer, der geh&ouml;rt doch nicht dir! Gib einmal
+den Schl&uuml;ssel!&laquo;</p>
+
+<p>Berta reichte ihn dem Vater hin. Er &ouml;ffnete eine
+Schublade. &raquo;Die Sachen sind wohl von dir, die m&uuml;ssen
+nat&uuml;rlich alle heraus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch geh&ouml;rt
+doch mir, seit Mama tot ist, und ich habe auch alle die
+kleinen F&auml;cher und Schubladen voll Andenken und wichtigen
+Sachen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mu&szlig;t
+sie jetzt anderswo unterbringen. Es versteht sich doch von
+selbst; wo hat ein Kind wie du solch einen Schreibtisch!
+Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese Dinge
+heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo
+sollte sie alles hinr&auml;umen und warum mu&szlig;te sie gerade
+den Schreibtisch hergeben, in dessen Besitz sie so gl&uuml;cklich
+und stolz gewesen war? Sie wollte es ja tun, nur sollte
+man nicht von ihr verlangen, da&szlig; sie mit Liebe der Frau
+<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte.
+Mit bitterem Unmut nahm sie die Sch&auml;tze heraus aus
+den kleinen F&auml;chern und Schubladen, um den Platz frei
+zu machen f&uuml;r die Mutter; und Lisette, die sie an dieser
+Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: &raquo;Mu&szlig;t du weichen? Ja,
+ja, ich mu&szlig; ja auch den Platz r&auml;umen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem
+Herzen dem Augenblick entgegen, wo sie zum erstenmal die
+neue Mutter begr&uuml;&szlig;en sollte. &raquo;Wenn nur der Vater nicht
+dabei w&auml;re,&laquo; dachte sie im stillen, &raquo;ich kann nicht so liebevoll
+sein wie er m&ouml;chte, wenn ich mir auch alle M&uuml;he
+gebe.&laquo; Vor der Abreise mu&szlig;te sie von Lisette Abschied
+nehmen f&uuml;r immer. &raquo;Wenn du beim fr&ouml;hlichen Hochzeitsmahle
+sitzst,&laquo; sagte Lisette, &raquo;so denke an mich; um zwei Uhr
+geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,&laquo; und Berta
+versprach unter Tr&auml;nen, an sie zu denken.</p>
+
+<p>Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von
+M&uuml;nchen gefeiert werden.</p>
+
+<p>Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel
+miteinander auf der Reise. Jedes war von seinen eigenen
+Gedanken hingenommen; aber in dem Augenblick, als sie
+in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu seiner
+Tochter: &raquo;Denke daran, da&szlig; dir Mutterliebe entgegengebracht
+wird, und erwidere sie um meinetwillen.&laquo; Sie nickte.
+Ja, gewi&szlig; wollte sie dem Vater heute zuliebe tun, was
+sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei alles leer und
+kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie empfinden.</p>
+
+<p>Verschiedene Hochzeitsg&auml;ste waren an der Bahn; sie
+gingen alle zusammen nach dem Haus, in dem die Braut
+wohnte, die k&uuml;nftige Mutter. Wie im Traum wandelte
+Berta durch die fremden Stra&szlig;en, und nun ging es in ein
+Haus hinein, und der Vater fa&szlig;te sie an der Hand und
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>sie h&ouml;rte seine Stimme: &raquo;Hier, Berta, ist deine Mutter.&laquo;
+Berta sah auf. Eine gro&szlig;e, stattliche Erscheinung stand
+vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und begr&uuml;&szlig;te sie
+ruhig und mit wenigen, k&uuml;hlen Worten. Kein Ku&szlig;, keine
+Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte.
+Berta war erstaunt. Sie hatte sich das so ganz anders
+gedacht. Eigentlich war es ihr aber eine Erleichterung. Sie
+selbst hatte ja auch keine z&auml;rtliche Empfindung, so konnte
+ihre eigene Zur&uuml;ckhaltung nicht so auffallen. Die neue
+Mutter stellte sie nun einigen M&auml;dchen vor, die auch als
+G&auml;ste geladen waren, und &uuml;berlie&szlig; sie diesen.</p>
+
+<p>Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und
+sie mu&szlig;te immer und immer wieder zu ihr hin&uuml;berblicken.
+Sie sah so ernst aus, nicht fr&ouml;hlich und heiter, wie sich
+Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal begegneten sich
+ihre Blicke. Sch&uuml;chtern schlug Berta die Augen nieder vor
+dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich
+gerichtet f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft
+beim Mahle, und unter der jungen Welt, die
+Berta umgab, ging es bald sehr heiter und lustig zu, so
+da&szlig; auch sie sich verga&szlig; und mit den andern fr&ouml;hlich war.
+Sch&ouml;ne Trinkspr&uuml;che wurden gehalten, von Braut und
+Br&auml;utigam wurde viel Gutes ger&uuml;hmt; und alle schienen
+es ganz gewi&szlig; zu wissen, da&szlig; auch Mutter und Tochter
+sich schon von Herzen lieb gewonnen h&auml;tten. Berta h&ouml;rte
+auch etwas von ihren sch&ouml;nen, kastanienbraunen Haaren
+erw&auml;hnen und sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren,
+aber genau verstand sie die Worte nicht, denn eben in
+diesem Augenblick wurden ihre Gedanken abgelenkt. Dort,
+an der Saalt&uuml;re war eine gro&szlig;e Uhr angebracht und die
+Zeiger dieser Uhr sagten ihr, da&szlig; es jetzt zwei Uhr sei
+und da&szlig; in dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas
+<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Fr&ouml;hlichkeit war mit einem Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz
+erf&uuml;llte wieder ihre Seele und sie kam sich
+wie treulos vor, da&szlig; sie ihn ein paar Stunden hatte vergessen
+k&ouml;nnen. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn
+angesprochen: &raquo;Fr&auml;ulein, der Trinkspruch gilt ja
+Ihnen, auf Sie wird angesto&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stie&szlig;
+mit allen an, die freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein
+fr&ouml;hliches Gesicht zu machen. Es gelang ihr wohl, die
+Fremden zu t&auml;uschen, auch der Vater schien nichts zu bemerken,
+als er mit ihr anstie&szlig;. Aber die Mutter, hatte
+sie wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung?
+Ihr Blick ruhte beobachtend auf dem M&auml;dchen,
+das sich ihr sch&uuml;chtern n&auml;herte, und als sie nun zusammentrafen,
+beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise, so
+da&szlig; es keines der Umstehenden h&ouml;ren konnte: &raquo;Nur getrost,
+der Tag wird bald &uuml;berstanden sein!&laquo; Verwirrt schlug
+Berta die Augen nieder, sie f&uuml;hlte, da&szlig; die Mutter sie
+durchschaut hatte.</p>
+
+<p>Der Abend war gekommen; ein Dienstm&auml;dchen hatte
+Berta in das Gastst&uuml;bchen geleitet, das f&uuml;r sie gerichtet
+war, und nun hatte sie sich zu Bett gelegt. Da ging die
+T&uuml;re auf und die Mutter trat ein. Bertas erster Gedanke
+war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich,
+mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich
+besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter
+sie fragte: &raquo;Hast du dich gefreut auf mich? Hast du mich
+lieb?&laquo; Und nun, wenn sie so allein beisammen waren,
+kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht gew&ouml;hnt,
+sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: &raquo;Du
+wachst doch noch?&laquo; antwortete Berta &raquo;ja&laquo; und setzte sich
+in ihrem Bett auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme nur wegen deines Haares,&laquo; sagte nun
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>die Mutter, &raquo;es ist ja ganz offen und w&auml;re morgen so
+verwirrt, da&szlig; dich das M&auml;dchen wohl erb&auml;rmlich rupfen
+w&uuml;rde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir&#8217;s noch
+flechten; r&uuml;cke nur ein wenig n&auml;her her zu mir, so, jetzt
+wird es ganz gut gehen.&laquo; Sie nahm die Haarb&uuml;rste und
+strich langsam und geduldig durch das lange, verwirrte Haar.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch
+&uuml;ber dein Haar gesagt? War es nicht, man m&uuml;&szlig;te dich
+schon lieb haben wegen deines sch&ouml;nen, kastanienbraunen
+Haares?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so ungef&auml;hr war es,&laquo; best&auml;tigte Berta.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da
+m&uuml;&szlig;te ich viele M&auml;dchen gern haben, wenn ich alle die
+lieb h&auml;tte, die kastanienbraunes Haar haben!&laquo; Berta lachte.
+&raquo;Auch sonst,&laquo; fuhr die Mutter fort, &raquo;ist gar zu viel vom
+Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn
+lieb haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht.
+Aber es kann ja vielleicht einmal so kommen. Wenn wir
+beide Gottes Willen tun, wenn wir beide Gottes Wege
+gehen, dann k&ouml;nnen wir uns wohl begegnen. Zun&auml;chst
+aber ist es ja noch gar nicht m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten
+der Mutter; es kam ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht
+vor, da&szlig; sie die Mutter nicht lieb hatte, diese erwartete
+es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb. Eine Weile
+war es ganz still im Zimmer. &raquo;Wie ruhig ist es hier in
+dem St&uuml;bchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen
+Tag unter den vielen Leuten,&laquo; fing die Mutter wieder an.
+&raquo;Mir ist&#8217;s heute schwerer ums Herz gewesen, als die lustigen
+Hochzeitsg&auml;ste geahnt haben. Und dir war es auch nicht
+leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den Trinkspruch
+auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du
+traurige Gedanken?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>&raquo;Ja,&laquo; sagte Berta, &raquo;da mu&szlig;te ich an unsere Lisette
+denken, an unser M&auml;dchen. Sie hat zu mir gesagt: denke
+an mich um zwei Uhr, da reise ich ab. Es war aber gerade
+zwei Uhr auf der Uhr im Saal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in
+der Festfreude? Sieh, das gef&auml;llt mir jetzt von dir. Hast
+du sie lieb gehabt, war sie ein gutes M&auml;dchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja,&laquo; rief Berta und fing an, ihre Lisette zu
+r&uuml;hmen.</p>
+
+<p>&raquo;Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?&laquo;
+fragte jetzt die Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat gar keine gehabt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, und ein solch tadelloses M&auml;dchen hat dein Vater
+gehen lassen? Warum ist sie denn nicht geblieben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil &#8211; weil eben&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,&laquo; sagte die
+Mutter, die den Grund wohl erraten mochte. &raquo;Aber h&ouml;re,
+wie machen wir denn das, k&ouml;nnen wir sie nicht wieder bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist blo&szlig; zu ihren Eltern gegangen, aber Papa
+will eine andere.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. F&uuml;r das
+n&auml;chste Vierteljahr k&ouml;nnen wir also nichts machen; aber
+dann &#8211; wie meinst du, wenn....&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick klopfte jemand an die T&uuml;re.
+Die junge Frau wurde gerufen, sie m&ouml;chte doch kommen,
+man warte schon lange auf sie.</p>
+
+<p>&raquo;Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher
+noch h&auml;usliche Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Haar war l&auml;ngst geflochten, die Mutter sa&szlig; auf
+dem Rand des Bettes. &raquo;Wie meinst du, wenn wir beide
+an Weihnachten auf unseren Wunschzettel setzen, da&szlig; wir
+<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Lisette wieder m&ouml;chten? Da wird sie uns dein Vater bescheren,
+meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja,&laquo; sagte Berta, ganz begl&uuml;ckt &uuml;ber diese Aussicht,
+&raquo;das ist ein sch&ouml;ner Plan!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun will ich aber hin&uuml;bergehen,&laquo; sagte die Mutter
+und stand auf; &raquo;morgen werden wir uns nicht mehr lang
+sehen, dein Vater und ich reisen ja fr&uuml;hzeitig ab. Vierzehn
+Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am Tag nach uns
+sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst
+<em class="gesperrt">heim,</em> ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll
+mich dort daheim f&uuml;hlen. Ich habe Angst davor und so
+oft heute die Rede von der gl&uuml;cklichen Braut war, dachte
+ich, wenn Ihr nur w&uuml;&szlig;tet, wie es ihr zumute ist! Wenn
+ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir auch
+oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir&#8217;s nicht
+gef&auml;llt, gehst du wieder. Jetzt aber mu&szlig; ich bleiben.
+Wenn ich mit deinem Vater heim komme, ist kein Mensch
+in der Wohnung, der uns empf&auml;ngt, als das neue Dienstm&auml;dchen;
+in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen
+Fensterladen; alles kalt und fremd. H&auml;tte ich
+nicht deinen Vater so lieb, h&auml;tte ich mich nie dazu entschlossen.
+Jetzt gute Nacht, Kind; ich gebe dir keinen
+Gutenachtku&szlig;, ich kann das K&uuml;ssen nicht leiden bei Menschen,
+die sich nicht lieb haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht, Mutter, ich danke dir f&uuml;r das Flechten,&laquo;
+sagte Berta und reichte der Mutter die Hand.</p>
+
+<p>Nun war Berta allein.</p>
+
+<p>Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet,
+als sie es erwartet hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken
+noch einmal vor. Da&szlig; es auch der Mutter bange vor der
+Zukunft sein k&ouml;nnte, daran hatte Berta vorher nie gedacht,
+deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>ernst ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr
+dar&uuml;ber, ob <em class="gesperrt">ihr</em> wohl die Mutter gefiele, sondern ob es
+der Mutter in der neuen Heimat gefallen w&uuml;rde, und nun
+war es ihr recht, da&szlig; zu Hause alles so sch&ouml;n gerichtet und
+geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe
+Luft in den Zimmern und all das, was die Mutter f&uuml;rchtete;
+wenn sie nur das &auml;ndern k&ouml;nnte! Wenn sie ihr nur einen
+recht freundlichen Empfang bereiten k&ouml;nnte! Warum lag
+ihr denn so viel daran, da&szlig; es der Mutter gefiele? Berta
+mu&szlig;te sich selber dar&uuml;ber wundern; noch vor einer Stunde
+hatte sie gar nichts f&uuml;r sie empfunden, jetzt aber f&uuml;hlte sie
+es deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als
+sie so bei ihr am Bett gesessen war, wie es niemand mehr
+seit ihrer Mama Tod getan hatte, keine von all den Haush&auml;lterinnen,
+war eine hei&szlig;e Sehnsucht in ihr erwacht, wieder
+an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren
+fr&uuml;heren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt,
+die Hand zu erfassen und die Mutter zu umschlingen,
+zweimal hatte sie ja deutlich gesagt, da&szlig; sie sich nicht lieb
+h&auml;tten. Aber eines hatte die Mutter gesagt: sie wollten
+beide auf Gottes Wegen gehen, dann w&uuml;rden sie sich vielleicht
+begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer
+Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die
+Mutter schon lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres,
+Vertrauen erweckendes, mit ihr wollte sie gehen!</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Nicht ohne gro&szlig;e M&uuml;he hatte Berta von den Verwandten,
+bei denen sie die n&auml;chsten vierzehn Tage zubrachte,
+die Erlaubnis erbeten, da&szlig; sie einen Tag fr&uuml;her heimreisen
+und auch dem neuen Dienstm&auml;dchen schreiben d&uuml;rfe,
+da&szlig; es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel &Uuml;berredungskunst
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>hatte sie anwenden m&uuml;ssen, bis man ihr die Schl&uuml;ssel
+der Wohnung anvertraut hatte. Endlich hatte sie ihr Ziel
+erreicht und stand nun mit dem neuen Dienstm&auml;dchen in
+der Wohnung. Die L&auml;den waren alle geschlossen, und sofort
+wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen
+Luft gemeint hatte. &raquo;Christine,&laquo; sagte sie zu dem M&auml;dchen,
+&raquo;wir wollen alle Fenster weit aufmachen und die T&uuml;ren
+offen stehen lassen, da&szlig; die dumpfe Luft hinausgeht.&laquo;</p>
+
+<p>Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und
+eifrig, alles zu tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft
+vorschlug. Am Abend erst wurde diese erwartet.
+Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um
+Blumen zu holen, und sie brachten so gro&szlig;e B&uuml;sche mit
+heim, da&szlig; sie alle Gl&auml;ser f&uuml;llen konnten, die im Hause
+waren. Bekannte des Vaters schickten eine Torte und nun
+wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen umgeben,
+aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von
+der dumpfen Luft war nichts mehr zu bemerken.</p>
+
+<p>Am Abend z&uuml;ndeten sie alles an, was sie an Lampen
+und Lichtern in dem Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten
+Stunde Bertas Eltern ankamen, bemerkten sie
+schon auf der Stra&szlig;e, da&szlig; alle Fenster ihres Stockwerks
+hell erleuchtet waren. &raquo;Ich wei&szlig; nicht, wie ich mir das
+erkl&auml;ren soll,&laquo; sprach der Direktor zu seiner jungen Frau.
+&raquo;Sicherlich haben uns die Bekannten eine &Uuml;berraschung
+bereitet und sich in unserer Wohnung versammelt; offen
+gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht angenehm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin auch von der Reise etwas m&uuml;de, und w&auml;re
+lieber ohne Fremde daheim gewesen an diesem ersten Abend,&laquo;
+sagte seine Frau, &raquo;aber wir m&uuml;ssen gute Miene zum b&ouml;sen
+Spiel machen!&laquo;</p>
+
+<p>Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter
+<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>der Glast&uuml;re stehen. &raquo;Du bist auch hier?&laquo; riefen sie wie
+aus einem Munde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wollte euch gerne empfangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer ist au&szlig;er dir noch da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand als das neue M&auml;dchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, das ist ja herrlich, ah! und wie gem&uuml;tlich sieht
+es hier aus!&laquo; rief die Mutter, als sie ins Zimmer trat.
+&raquo;Wer hat denn alles so sch&ouml;n mit Blumen geschm&uuml;ckt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es mit Christine getan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sch&ouml;n von dir,&laquo; sprach der Vater sichtlich
+erfreut.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte die Mutter, &raquo;sie ist schon eine brauchbare
+Haustochter und sie hat ihren Vater lieb.&laquo; Berta hatte
+freilich bei all dem mehr an die Mutter gedacht, als an
+den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon etwas zu
+sagen; sie begn&uuml;gte sich damit, zu sehen, da&szlig; es der Mutter
+gut gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf
+um den Teetisch sa&szlig;en.</p>
+
+<p>Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen
+zur&uuml;ckzog, war sie sehr gespannt, ob wohl die Mutter heute
+abend wieder zu ihr ans Bett kommen w&uuml;rde. Aber sie
+kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte,
+so lange sie sich auch abm&uuml;hte, sich den Schlaf ferne zu
+halten.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen war es Berta ganz merkw&uuml;rdig
+zumute, als sie die Mutter als Hausfrau schalten und
+walten und mit ihrer Hilfe den Kaffeetisch ordnen sah.
+Wie gem&uuml;tlich war dann auch das Fr&uuml;hst&uuml;ck! Sonst war
+es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt
+aber war der Herr des Hauses heiter und fr&ouml;hlich dabei,
+und die Mutter voll Freundlichkeit. Sie wu&szlig;te auch so
+vielerlei zu erz&auml;hlen, es war ein ganz anderes Leben
+als sonst!</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr
+die Mutter gefiel, aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen.
+Als Vater und Mutter mit dem Auspacken
+ihres Reisegep&auml;cks besch&auml;ftigt waren, nahm sie das Buch
+zur Hand und schrieb: &raquo;Die Mutter ist jetzt hier, man
+kann sie mit gar keiner Haush&auml;lterin vergleichen; ich habe
+sie <em class="gesperrt">sehr</em> lieb, wenn sie mich nur auch lieb h&auml;tte, aber ich
+glaube es gar nicht bis jetzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was schreibst du denn?&laquo; fragte in diesem Augenblick
+die Mutter und trat dicht heran. Hastig klappte Berta
+das Buch zu und err&ouml;tete &uuml;ber und &uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Berta, wie unpassend!&laquo; rief der Vater, der
+dies bemerkt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich&#8217;s denn nicht sehen?&laquo; fragte die Mutter.
+&raquo;Es ist mein Tagebuch,&laquo; antwortete Berta.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!&laquo;
+sagte der Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich will nicht verlangen, da&szlig; sie mich ihr Tagebuch
+lesen l&auml;&szlig;t, wenn sie es nicht gerne tut,&laquo; sprach die
+Mutter und f&uuml;gte freundlich hinzu: &raquo;Aber es ist gewi&szlig;
+nichts Schlimmes darin, was du mich nicht lesen lassen
+m&ouml;chtest?&laquo;</p>
+
+<p>Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das
+M&auml;dchen, das in gr&ouml;&szlig;ter Verlegenheit die Augen zu Boden
+schlug und sich nicht entschlie&szlig;en konnte, das Buch zu &ouml;ffnen.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind Dummheiten,&laquo; sagte der Vater &auml;rgerlich,
+&raquo;ich kann solche Tageb&uuml;cher nicht leiden, was wird da f&uuml;r
+&uuml;bertriebenes Zeug hineingeschrieben! Nimm es weg,
+Berta!&laquo;</p>
+
+<p>Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergn&uuml;gt
+werden. Sie sagte sich, da&szlig; die Mutter notwendig
+meinen m&uuml;sse, in dem Tagebuch stehe eine unfreundliche
+Bemerkung &uuml;ber sie; aber so leid ihr das tat, konnte sie
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>doch die Sch&uuml;chternheit nicht &uuml;berwinden, die sie abhielt,
+der Mutter das Tagebuch zu zeigen.</p>
+
+<p>Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in
+ihre Schule gehen. Sie packte ihre B&uuml;cher zusammen, zog
+ihre Jacke an, nahm den Hut und verabschiedete sich.
+&raquo;Was hast du denn da f&uuml;r ein J&auml;ckchen an?&laquo; fragte die
+Mutter. &raquo;Die &Auml;rmel gehen dir ja kaum mehr &uuml;ber die
+Ellenbogen herunter und so eng ist es, da&szlig; es jeden Augenblick
+zu platzen droht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich,&laquo; sagte Berta, &raquo;meine Freundinnen haben
+mir es auch alle schon gesagt; aber an Weihnachten und
+an meinem Geburtstag haben wir immer nicht an die
+Fr&uuml;hjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich
+keine Kleider.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber will ich doch selbst den Vater fragen,&laquo; sagte
+die Frau Direktor und suchte ihren Mann auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?&laquo; fragte sie,
+&raquo;sie sagt, du werdest ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich
+h&auml;tte gar nicht gedacht, da&szlig; du dich so eingehend um ihre
+Kleider k&uuml;mmerst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werde ich dir auch ganz &uuml;berlassen; aber bisher
+mu&szlig;te ich schon Einhalt tun, Lisette h&auml;tte nie genug bekommen
+f&uuml;r Berta. Weil ich nun von M&auml;dchenkleidern
+nichts verstehe, habe ich es ein f&uuml;r alle Male so gehalten,
+da&szlig; ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre
+W&uuml;nsche erf&uuml;llt habe und damit Punktum f&uuml;rs ganze Jahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mag es freilich im Fr&uuml;hjahr und Sommer
+manchmal knapp ausgesehen haben. Ich meine, wir m&uuml;ssen
+ihr dringend eine Jacke kaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich
+darum k&uuml;mmern mu&szlig;te,&laquo; sagte der Direktor. &raquo;Du wei&szlig;t,
+was n&ouml;tig ist. Sieh zu, da&szlig; Berta so einfach wird wie
+du und wie auch ihre Mutter war.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach
+ein paar Minuten wieder ins Zimmer kam und sagte:
+&raquo;Ich will dich nach der Schule abholen, und dann kaufen
+wir zusammen eine Jacke.&laquo; Nie war so etwas bei ihrem
+Vater vorgekommen.</p>
+
+<p>Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer
+kam, stand die Mutter in eifrigem Gespr&auml;ch bei der Vorsteherin,
+die nun, als Berta herzutrat, freundlich zu ihr
+sagte: &raquo;Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen bessern
+Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch
+gute Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich
+immer f&uuml;hlbar!&laquo;</p>
+
+<p>Sehr h&ouml;flich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor
+bis unter die Haust&uuml;re, und allm&auml;hlich zerstreuten sich auch
+die Mitsch&uuml;lerinnen, die neugierig auf die neue Mutter gesehen
+hatten. &raquo;Berta,&laquo; sprach jetzt die Mutter, &raquo;die Vorsteherin
+hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei Jahren
+ziemlich zur&uuml;ckgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig
+geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du
+seist nicht leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe
+und Aufsicht der Mutter gefehlt, die andern Kindern zuteil
+wird. Sie freute sich, als sie h&ouml;rte, da&szlig; ich viel im
+Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im
+Franz&ouml;sischen fehle es dir am meisten. Franz&ouml;sisch und
+Englisch ist mir so gel&auml;ufig wie Deutsch, und wenn du
+willst, kann ich dir versprechen, da&szlig; du in <em class="gesperrt">einem</em> Jahr
+auch Franz&ouml;sisch sprechen kannst. Ich habe sehr nette franz&ouml;sische
+Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig
+ben&uuml;tzen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen
+wir nur Franz&ouml;sisch reden, so ist dir&#8217;s in einem Jahr gel&auml;ufig.
+Aber nur wenn du selbst willst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, freilich will ich,&laquo; rief Berta voll Eifer.</p>
+
+<p>&raquo;Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>ist viel netter bei den Spielen; wei&szlig;t du nicht ein liebes,
+flei&szlig;iges M&auml;dchen? Es darf aber weder Luise noch Lore
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du denn diese schon?&laquo; fragte Berta ganz erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der
+Vater und die Vorsteherin ein paar Worte &uuml;ber sie gesagt
+haben. Das sind zudringliche M&auml;dchen, die viel &ouml;fter
+kommen als man sie will und mit denen du gemeinsam
+gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben
+lie&szlig;en. Die hast du gewi&szlig; nicht wirklich lieb.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer
+Mama, als meine Mama noch lebte, und Papa hat sie
+auch gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann
+machen wir ein franz&ouml;sisches Kr&auml;nzchen aus, willst du?&laquo;
+Wie gerne wollte Berta! Solche Geselligkeit war ihr etwas
+ganz neues.</p>
+
+<p>Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in
+dem die Jacke gekauft werden sollte. Da gab es eine
+gro&szlig;e Auswahl, von den einfachsten bis zu den feinsten.</p>
+
+<p>&raquo;Diese w&uuml;rde dir passen, gef&auml;llt sie dir?&laquo; fragte die
+Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sehr gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das w&uuml;rde
+dem Fr&auml;ulein noch viel besser stehen,&laquo; sagte der Ladendiener
+und zeigte ein reich verziertes J&auml;ckchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist die sch&ouml;nste von allen,&laquo; sagte ruhig die
+Mutter und leise f&uuml;gte sie hinzu: &raquo;Hat deine Mama immer
+das Sch&ouml;nste gew&auml;hlt oder war sie f&uuml;r das Einfache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r das Einfache,&laquo; sagte Berta und legte die sch&ouml;ne
+Jacke beiseite. &raquo;Aber das w&auml;re doch etwas viel Vornehmeres,&laquo;
+dr&auml;ngte der Verk&auml;ufer. &raquo;Ich will sie nicht, ich
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>will die andere,&laquo; entschied Berta bestimmt, und mehr als
+die sch&ouml;nste Jacke freute es sie, da&szlig; die Mutter ihr offenbar
+befriedigt zunickte.</p>
+
+<p>An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu
+ordnen und Berta half dabei. &raquo;Hier sind die Schl&uuml;ssel
+zum Schreibtisch,&laquo; sprach nun der Vater, &raquo;dieser kleine
+schlie&szlig;t die kleinen F&auml;cher auf.&laquo; Berta erinnerte sich, in
+welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte;
+gut, da&szlig; die Mutter dies nicht wu&szlig;te. Inzwischen hatte
+der Vater das oberste F&auml;chlein aufgeschlossen und siehe, es
+war voll von Kleinigkeiten, die Berta geh&ouml;rten. &raquo;Was ist
+das, Berta,&laquo; rief der Vater, und eine b&ouml;se Falte zog sich
+auf seiner Stirne zusammen, &raquo;sind diese Sachen von dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete Berta, &raquo;ich habe ganz vergessen, sie
+herauszunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vergessen? das ist nicht wahr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, Vater, ich habe es gewi&szlig; nur vergessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann doch wohl sein,&laquo; warf die Mutter beg&uuml;tigend
+dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals
+bestimmt den Auftrag gegeben, sofort auszur&auml;umen, und was
+dabei gesprochen wurde, haben wir beide auch nicht vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Berta err&ouml;tete tief. Hastig griff sie nach den Dingen,
+die in der kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen.
+Der Vater zog die gro&szlig;e Schublade auf &#8211; sie war leer;
+ebenso waren die andern alle ausger&auml;umt, nur die einzige
+war vergessen, an die der Vater ungl&uuml;cklicherweise gerade
+zuerst gekommen war.</p>
+
+<p>&raquo;Ach so,&laquo; sagte der Direktor, &raquo;das ist etwas anderes,
+da habe ich dir Unrecht getan, ich war der Meinung, du
+h&auml;ttest <em class="gesperrt">gar</em> nichts ausger&auml;umt;&laquo; und als er sah, wie
+Berta mit den Tr&auml;nen k&auml;mpfte, f&uuml;gte er freundlich hinzu:
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>&raquo;Es war ja nur ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis.&laquo; Aber f&uuml;r Berta
+war es mehr; die Mutter hatte sicher erraten, da&szlig; sie
+widerwillig den Platz f&uuml;r sie ger&auml;umt hatte, und es war
+Berta, als w&auml;ren nun all die lieblosen Gedanken aufgedeckt,
+die sie fr&uuml;her gehegt hatte. Sie fing so bitterlich zu
+weinen an, da&szlig; die Eltern wohl merkten, es m&uuml;sse seinen
+besonderen Grund haben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz
+ist,&laquo; sagte die Mutter, &raquo;es tut dir weh, alle deine Sachen
+ausr&auml;umen zu m&uuml;ssen. Es war wohl dein Lieblingspl&auml;tzchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der Vater, &raquo;seit ihrer Mutter Tod hat
+sie sich den Schreibtisch angeeignet und diese Schl&uuml;ssel zu
+sich genommen; aber es versteht sich von selbst, da&szlig; sie dies
+alles nun abgibt; nicht wahr, Berta, du m&ouml;chtest es nicht
+anders haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; rief sie, aber sie war so erregt, da&szlig; sie
+ihr Schluchzen nicht unterdr&uuml;cken konnte. &raquo;Ich sehe, wie
+schwer es ihr wird,&laquo; sprach die Mutter, &raquo;und ich will ihr
+gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine Sachen nur
+wieder herein und nimm den Schl&uuml;ssel zu dir.&laquo; Der Vater
+wollte Einsprache erheben, aber die Mutter lie&szlig; sich nicht
+&uuml;berreden. &raquo;Ich will nur, was man mir freiwillig und
+gerne gibt, es ist mir viel lieber so. Hier Berta, nimm
+deine Schl&uuml;ssel.&laquo; Ungerne folgte Berta, <em class="gesperrt">so</em> machte ihr der
+Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.</p>
+
+<p>Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie
+am Morgen beim Fr&uuml;hst&uuml;ck. Der Vater war &auml;rgerlich &uuml;ber
+den Verdru&szlig;, den es wegen des Tagebuchs und wegen des
+Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah, da&szlig; Berta
+nicht wieder fr&ouml;hlich war wie vorher, und konnte es sich nicht
+erkl&auml;ren. Sie wu&szlig;te ja nicht, da&szlig; Berta mit sich selbst
+k&auml;mpfte, ihre Sch&uuml;chternheit zu &uuml;berwinden und der Mutter
+alles zu gestehen, was ihr auf dem Herzen lag.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>&raquo;K&auml;me die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann
+k&ouml;nnte ich alles sagen,&laquo; dachte Berta, &raquo;aber sie kommt
+nicht; sie ist auch am Hochzeitsabend nur gekommen, weil
+mein Haar offen war.&laquo; Unwillk&uuml;rlich griff Berta nach
+ihrem Zopf: er war fest geflochten. &raquo;Ich mache ihn auf,
+dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,&laquo; und
+sie l&ouml;ste das Zopfband; sie hoffte, da&szlig; es im Lauf des
+Abends von selbst aufgehen w&uuml;rde, wie oft war das schon
+geschehen, wenn sie es <em class="gesperrt">nicht</em> gewollt hatte! Der Zopf
+wollte sich aber heute gar nicht l&ouml;sen und als es bald
+Zeit f&uuml;r sie war, zu Bett zu gehen, mu&szlig;te sie noch einmal
+heimlich nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. &raquo;Dein Haar
+ist ja ganz offen,&laquo; sagte nun die Mutter, &raquo;wie kommt
+das nur, der Zopf war doch heute abend noch ganz
+sch&ouml;n?&laquo;</p>
+
+<p>Berta wu&szlig;te nichts weiter zu sagen: &raquo;Ja, es ist wahr,
+die Haare sind ganz offen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will sie dir dr&uuml;ben noch einmal flechten,&laquo; sagte
+die Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Das kann Berta l&auml;ngst selbst,&laquo; meinte der Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht so sch&ouml;n, wie die Mutter,&laquo; fiel Berta
+eifrig ein.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r die Nacht doch wohl sch&ouml;n genug,&laquo; entgegnete
+der Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht so fest,&laquo; behauptete nun Berta. Der
+Mutter fiel diese Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete
+fragend auf Berta. &raquo;Ich will ihr gerne das Haar flechten,&laquo;
+versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch einmal etwas
+einwenden konnte, sprach Berta: &raquo;Dann sage ich dir gleich
+gute Nacht, Vater&laquo; und sie verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<p>Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch
+offen hin, daneben die Schl&uuml;ssel zum Schreibtisch und
+dann schl&uuml;pfte sie so schnell wie m&ouml;glich ins Bett; sie wollte
+<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>schon darin sein, ehe die Mutter kam, gerade wie am Hochzeitstag.
+Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die Mutter.
+&raquo;Schon im Bett?&laquo; fragte diese ganz erstaunt, als sie nach
+wenigen Minuten ins Zimmer kam. &raquo;Eigentlich h&auml;tte ich
+dein Haar besser machen k&ouml;nnen, wenn du dich nicht vorher
+gelegt h&auml;ttest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter,&laquo; sagte jetzt Berta in gro&szlig;er Bewegung, &raquo;das
+Haar kann ich wohl selbst machen; ich m&ouml;chte dich nur
+bitten, da&szlig; du liest, was ich heute in mein Tagebuch geschrieben
+habe, sieh, da liegt das Buch.&laquo; Und die Mutter
+las den Satz: &raquo;Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie
+mit gar keiner Haush&auml;lterin vergleichen; ich habe sie <em class="gesperrt">sehr</em>
+lieb, wenn sie mich nur auch lieb h&auml;tte, aber ich glaube
+es gar nicht bis jetzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Gest&auml;ndnis,
+das mich so gl&uuml;cklich macht?&laquo; rief die Mutter,
+beugte sich &uuml;ber Berta, zog sie an ihr Herz und k&uuml;&szlig;te sie
+so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt hatte
+seit ihrer Mama Tod.</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; ich dir jetzt noch sagen, da&szlig; ich dich auch lieb
+habe, mein Kind, oder f&uuml;hlst du es?&laquo; fragte die Mutter
+und sah mit einem Blick voll Liebe auf Berta.</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;hle es, Mutter,&laquo; sagte Berta, &raquo;aber ich habe
+noch eine Bitte: nimm jetzt die Schl&uuml;ssel zu dem Schreibtisch
+und lege deine Sachen hinein, damit ich ganz gewi&szlig;
+wei&szlig;, da&szlig; du mir glaubst, wie gerne ich dir alles geben
+m&ouml;chte, was ich nur habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, wei&szlig; ich
+doch, da&szlig; es einem guten Herzen eine Lust ist, denen, die
+es liebt, ein Opfer zu bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte dich auch noch etwas fragen, Mutter,&laquo;
+sagte Berta, und err&ouml;tend fl&uuml;sterte sie: &raquo;Gingest du jetzt
+nicht mehr von uns fort, wenn es eine Stelle w&auml;re, die
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>man verlassen kann, wenn man will, wie du am Hochzeitsabend
+zu mir gesagt hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, du t&ouml;richtes Kind, wie kannst du nur so etwas
+denken! Habe ich nicht <em class="gesperrt">Liebe</em> gefunden und kann es etwas
+Besseres geben auf Erden?&laquo;</p>
+
+<p>Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter
+und Kind gewechselt, da lie&szlig; sich pl&ouml;tzlich drau&szlig;en des
+Vaters Stimme vernehmen: &raquo;Ist das Haar noch nicht geflochten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Haar, ach ja, das Haar!&laquo; riefen die beiden und
+lachten, denn das Haar war ganz und gar vergessen worden.
+&raquo;Nein, wir kommen gar nicht zurecht mit dem Haar,&laquo;
+rief die Mutter, &raquo;komm nur herein und hilf uns!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich soll helfen?&laquo; fragte der Vater, aber beim Eintreten
+sagte ihm der erste Blick, da&szlig; es sich nicht in Wahrheit
+um den Zopf handle. Er sah, da&szlig; auf einmal alles
+anders geworden war zwischen Mutter und Tochter, die sich
+bis jetzt, zu seinem Kummer, so k&uuml;hl und zur&uuml;ckhaltend
+gegen&uuml;ber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch
+so fr&ouml;hlich gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte
+in sichtlicher Bewegung:</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen
+w&uuml;rden, habe ich sicher geglaubt; aber da&szlig; wir uns so
+schnell finden k&ouml;nnten, h&auml;tte ich noch heute abend nicht zu
+hoffen gewagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank,&laquo; sagte der Vater; und die drei, die
+da beisammen im stillen Schlafk&auml;mmerchen waren, sahen
+viel gl&uuml;cklicher aus, als damals im strahlenden Hochzeitssaal.</p>
+
+<p>Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach:
+&raquo;Mein Kind mu&szlig; jetzt schlafen,&laquo; und schnell ergriff sie
+die Haarb&uuml;rste und begann ihr Werk. &raquo;Morgen wollen
+wir es besser flechten, da&szlig; es sicher nicht mehr aufgeht.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>&raquo;Ist nicht n&ouml;tig, Mutter,&laquo; sagte Berta und lachte die
+Mutter dabei so schelmisch an, da&szlig; dieser auf einmal klar
+wurde, welche Bewandtnis es mit dem Haar gehabt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr
+n&ouml;tig haben, ich komme von selbst an dein Bett.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du, Mutter, sollst nicht n&ouml;tig haben, die Lisette
+auf den Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, da&szlig; du
+meinetwegen die Christine fortschickst, die dich so gern hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, solche Pl&auml;ne sind da geschmiedet worden?&laquo; sagte
+der Vater. &raquo;Du wolltest wohl Lisette wieder ins Haus
+bringen? Das w&auml;re euch aber nicht gelungen, sie heiratet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es dir leid?&laquo; fragte die Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;O nein,&laquo; antwortete Berta, &raquo;jetzt kann ich sie entbehren,
+jetzt, Mutter, wo du da bist!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a></p>
+<h2><a name="Die_Feuerschau" id="Die_Feuerschau"></a>Die Feuerschau.</h2>
+
+
+<p>Die sch&ouml;nste Stra&szlig;e im St&auml;dtchen ist die Ringstra&szlig;e,
+das sch&ouml;nste Haus in der Ringstra&szlig;e ist das Eckhaus mit
+der Altane; und das sch&ouml;nste Stockwerk im Eckhaus ist der
+erste Stock. In diesem ist alles neu hergerichtet, frisch
+tapeziert und gestrichen, alle M&ouml;bel in den Zimmern sind
+nagelneu, alles Geschirr in der K&uuml;che blinkt und gl&auml;nzt.
+Auch die junge Frau, die an dem feinen N&auml;htischchen sitzt
+und strickt, ist noch ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist
+sie Hausfrau, eine recht jugendliche Hausfrau; und noch ein
+paar Jahre j&uuml;nger als sie ist das Evchen, das kleine Dienstm&auml;dchen,
+das in frischer, wei&szlig;er Sch&uuml;rze am Herd steht,
+ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das
+sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.</p>
+
+<p>Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem
+Gesang unterbrochen. Sie h&ouml;rte ihren Namen rufen durch
+das offene K&uuml;chenfenster. Vom Hof herauf kam der Ruf.
+Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstm&auml;dchen
+der Hausfrau.</p>
+
+<p>&raquo;Was gibt&#8217;s?&laquo; fragte das Evchen hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch
+hinauf, du sollst es deiner Frau ansagen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den
+wichtigen Auftrag auszurichten. &raquo;Frau Assessor, die Feuerschau
+wird gleich zu uns kommen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>&raquo;Die Feuerschau? Was will die wohl?&laquo;</p>
+
+<p>Das Evchen wu&szlig;te es nicht, denn in Weilerdinkelbach,
+wo sie her war, gab es keine Feuerschau. Die Frau Assessor
+hatte auch noch nie damit zu tun gehabt; aber es zeigte sich
+doch, da&szlig; sie drei Jahre &auml;lter war als ihr Dienstm&auml;dchen,
+denn sie sagte: &raquo;Ich kann mir schon denken, warum die
+Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer
+ansehen wollen, oder vielleicht mu&szlig; sie alle &Ouml;fen nachsehen.&laquo;</p>
+
+<p>Es w&auml;hrte auch gar nicht lange, da klingelte es drau&szlig;en
+und als das Evchen &ouml;ffnete, standen zwei Herren vor ihr.
+Die Feuerschau war es nun freilich nicht, sondern zwei
+Freunde des Herrn Assessor, die ihn besuchen und seine
+junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das
+Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor
+sich. &raquo;Der Herr Assessor ist nicht zu Hause,&laquo; sagte sie auf
+die Frage des Herrn, &raquo;aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.&laquo;
+Nachdem sie die beiden Herren hineingef&uuml;hrt hatte,
+eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: &raquo;Die Feuerschau
+ist schon im Besuchzimmer.&laquo;</p>
+
+<p>Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde
+Herren vor ihr, und stellten sich vor: der eine nannte sich
+Ingenieur Maier, von dem andern, dem Archivar Rau,
+verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch
+nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen
+Feuerschau hie&szlig;en. Diese aber freuten sich, das h&uuml;bsche
+junge Frauchen ihres Freundes kennen zu lernen, sprachen
+es auch aus und fragten, ob sie sich schon ein wenig heimisch
+f&uuml;hle im St&auml;dtchen? Die Frau Assessor antwortete darauf
+sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz nat&uuml;rlich,
+da&szlig; sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Ehegl&uuml;ck,
+und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt.
+Freilich, zum Sitzen wurden die Herren nicht aufgefordert,
+dagegen sagte die Frau Assessor: &raquo;Wollen Sie vielleicht
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>unsern neuen Ofen betrachten?&laquo; und mit einer Handbewegung
+machte sie auf den hohen wei&szlig;en Kachelofen aufmerksam.
+Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. &raquo;Es ist ein
+sehr h&uuml;bscher Ofen,&laquo; sagte der Ingenieur. &raquo;In der Tat
+sehr sch&ouml;n,&laquo; wiederholte der Archivar.</p>
+
+<p>&raquo;Aber er ist so unbequem einzuheizen,&laquo; sagte die Hausfrau.
+Das bedauerten die zwei Fremden von Herzen. &raquo;Vielleicht
+k&ouml;nnte man es &auml;ndern?&laquo; fragte die junge Frau. &raquo;Das
+lie&szlig;e sich schwer machen,&laquo; antwortete der Ingenieur. Da
+die Hausfrau keine Miene machte, sich von dem Ofen zu
+entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen.
+Sie wollten doch artig sein, so mu&szlig;ten sie den Ofen eben
+noch weiter bewundern. &raquo;Die Kacheln sind sehr sch&ouml;n,&laquo;
+sagte der Ingenieur. Der Archivar setzte seinen Zwicker
+auf und besichtigte die Kacheln, aber er fand trotz des
+Zwickers nichts Besonderes an ihnen.</p>
+
+<p>Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau
+von dem Ofen, machte die T&uuml;re zum E&szlig;zimmer auf und
+sagte: &raquo;Wollen Sie nicht den eisernen Ofen ansehen, den
+habe ich viel lieber,&laquo; und ohne die Antwort abzuwarten,
+ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich
+verwunderte Blicke zu, sie mu&szlig;ten aber wohl oder &uuml;bel zu
+dem eisernen Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle
+drei wie gebannt um den Ofen herum. Der Ingenieur
+war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas davon
+und sprach nun ganz eingehend &uuml;ber die Bauart des Ofens.
+Der Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser
+Frauchen fing an im stillen &uuml;ber die Feuerschau zu z&uuml;rnen;
+sie fand es wunderlich, da&szlig; die Herren gar nicht voran
+machten, der Archivar besonders blieb immer in ehrerbietiger
+Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich
+davor f&uuml;rchtete.</p>
+
+<p>Ebenso fingen die Besucher an, im stillen &uuml;ber die
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>junge Frau zu z&uuml;rnen. Sie war doch noch recht ungeschickt,
+da&szlig; sie ihnen nicht einmal einen Platz anbot! Die Frau
+Assessor dachte bei sich: &raquo;Ich mu&szlig; ihnen weiter helfen,&laquo;
+und indem sie die T&uuml;re zum Nebenzimmer aufmachte, sagte
+sie: &raquo;Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer
+ansehen? Es ist ein t&ouml;nerner.&laquo; Jetzt wurden ihre
+Besucher widerspenstig. &raquo;Ich danke,&laquo; sagte der Ingenieur,
+&raquo;wir wollen doch nicht &uuml;berall eindringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, das st&ouml;rt gar nicht,&laquo; sagte die Hausfrau und
+ging voran.</p>
+
+<p>&raquo;Mir geht wirklich das Verst&auml;ndnis f&uuml;r &Ouml;fen g&auml;nzlich
+ab,&laquo; sagte der Archivar.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist aber sehr traurig f&uuml;r Sie,&laquo; entgegnete die
+junge Hausfrau, denn sie dachte: &raquo;Der Mann hat offenbar
+seinen Beruf verfehlt.&laquo;</p>
+
+<p>Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt,
+als der Hausfrau in das Schlafzimmer folgen, und nun
+standen sie vor einem kleinen, alten, unscheinbaren Tonofen,
+der ihnen so gar nichts sagte.</p>
+
+<p>&raquo;Raucht der Ofen?&laquo; fragte nun der Archivar und
+war nicht wenig stolz, da&szlig; ihm noch eine so passende Frage
+einfiel.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar
+nie angez&uuml;ndet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rauch soll n&auml;mlich sehr ungesund sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, f&uuml;r die Lunge, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es
+klingelte und Evchen machte die T&uuml;re auf. Diesmal kam
+die wirkliche Feuerschau, ein &auml;lterer Mann in Begleitung
+eines j&uuml;ngeren.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind die Feuerschau,&laquo; sagte der &auml;ltere und ohne
+sich um das verbl&uuml;fft darein sehende M&auml;dchen zu k&uuml;mmern,
+klopfte er an der n&auml;chsten T&uuml;re an. Das war eben die,
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>die in das Schlafzimmer f&uuml;hrte, in dem nun schon drei
+Leute um den Ofen standen.</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigen Sie,&laquo; sagte der &auml;ltere der beiden M&auml;nner,
+&raquo;wir wollen nicht lange st&ouml;ren, wir sind die Feuerschau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch eine Feuerschau!&laquo; dachte die kleine Hausfrau
+mit Entsetzen. Ohne Umst&auml;nde gingen die M&auml;nner auf
+den Ofen zu. &raquo;Da ist auch noch so eine verbotene Ofenklappe,&laquo;
+sagte der &auml;ltere zu dem j&uuml;ngeren, &raquo;schreiben Sie es
+auf.&laquo; Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.</p>
+
+<p>Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch
+lange genug, da&szlig; die junge Frau erkannte: das war die
+richtige Feuerschau. Die andere war offenbar keine. Sie
+kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und sah
+ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn?
+&raquo;Sie sind gar nicht die Feuerschau,&laquo; sagte sie nun vorwurfsvoll,
+&raquo;Sie haben sich blo&szlig; so gestellt.&laquo;</p>
+
+<p>Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen,
+da&szlig; hier eine Verwechslung vorlag. &raquo;Nein, die Feuerschau
+sind wir nicht,&laquo; sagte der Ingenieur, &raquo;aber bitte, gn&auml;dige
+Frau, wir haben uns doch nicht so gestellt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben doch die ganze Zeit nur die &Ouml;fen angesehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Leider ja,&laquo; sagte der Archivar, &raquo;wir wollten das
+eigentlich gar nicht, aber wir konnten nicht anders, wir
+mu&szlig;ten Ihnen doch folgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun d&uuml;rfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen
+als Freunde des Herrn Assessors: Ingenieur Maier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Archivar Rau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte die Frau Assessor halb l&auml;chelnd, halb
+besch&auml;mt, &raquo;was m&uuml;ssen Sie von mir gedacht haben, und
+was wird mein Mann sagen, wenn er h&ouml;rt, wie ich seine
+Freunde empfangen habe! Jetzt h&ouml;re ich ihn kommen,
+o bitte, wollen wir doch wieder hin&uuml;ber in das Besuchzimmer.&laquo;
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>Sie waren kaum darin, so erschien der Herr des
+Hauses und freute sich, seine Freunde zu treffen.</p>
+
+<p>Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu
+verraten, und nahmen gerne Platz, wie wenn nichts gewesen
+w&auml;re, sie waren ja lange genug herumgestanden. Nur
+sahen sie so ungew&ouml;hnlich heiter aus, sie hatten M&uuml;he,
+ihr Lachen zu verbergen. &raquo;Eine h&uuml;bsche Wohnung, nicht
+wahr?&laquo; sagte der Hausherr.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und wie es scheint, gute &Ouml;fen,&laquo; bemerkte der
+Ingenieur. Da war die Verstellungskunst der jungen Frau
+schon zu Ende. Sie mu&szlig;te lachen und die Herren lachten
+mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht, bis
+ihm seine Frau alles selbst erz&auml;hlte. Ein wenig &auml;ngstlich
+sah sie trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr
+Ungeschick wohl aufnehmen, ob er sie tadeln w&uuml;rde vor
+den Herren. Bewahre, das tat er nicht. Auch er lachte
+und sagte zu den Freunden: &raquo;So habt ihr der kleinen Frau
+&uuml;berall hin folgen m&uuml;ssen? Was wollt ihr, mir geht es
+ja auch nicht besser!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a></p>
+<h2><a name="In_der_Adlerapotheke" id="In_der_Adlerapotheke"></a>In der Adlerapotheke.</h2>
+
+
+<p>Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt
+Hollwanger geh&ouml;rte, gab es nun schon zum dritten
+Male in Jahresfrist einen Abschied. Der &auml;lteste Sohn war
+zum Milit&auml;r einberufen worden; den zweiten hatte der
+Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt, und der
+dritte, Hermann, der j&uuml;ngste, aber doch schon hoch aufgeschossen,
+war nun auch im Begriff, das Elternhaus
+zu verlassen. Er wollte Apotheker werden, und so hatte
+er heute, am Donnerstag nach Ostern, in der Adlerapotheke
+in Neustadt als Lehrling einzutreten.</p>
+
+<p>Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater
+den Sohn nach der Stadt fahren wollte. Der Koffer war
+hinten aufgepackt, Mutter, Schwester, Knecht und Magd
+standen vor dem Haus in dieser Abschiedsstunde. Die
+Trennung war keine von den schwersten; denn das St&auml;dtchen
+lag so nahe, da&szlig; man die Glocken von dort l&auml;uten h&ouml;rte,
+wenn der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die
+Lateinschule besucht und t&auml;glich den Weg vom Elternhaus
+nach Neustadt zu Fu&szlig; gemacht. Dieser Weg hatte ihn
+immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch hineingef&uuml;hrt,
+und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen,
+Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts
+dagegen, er war ein reicher Mann und konnte seinem
+Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>So kam es, da&szlig; Hermann mit fr&ouml;hlichen Augen der
+Mutter Lebewohl sagte und erst ein ernstes Gesicht machte,
+als er entdeckte, da&szlig; seine Schwester, seine treue Jugendgespielin,
+Helene, mit Tr&auml;nen in den Augen dastand. Sie
+war zwei Jahre j&uuml;nger als er und hing mit ganzem Herzen
+an diesem Bruder. &raquo;Weine doch nicht, Helene,&laquo; sagte er,
+&raquo;ich komme ja alle vierzehn Tage heim und so oft du nach
+Neustadt kommst, besuchst du mich in der Apotheke.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Abschiedsku&szlig; noch der Mutter, die ihr T&ouml;chterchen
+freundlich tr&ouml;stend an der Hand nahm, ein H&auml;ndesch&uuml;tteln
+mit dem Knecht, der Magd, und fort ging es
+mit dem Vater, der flott dem St&auml;dtchen zukutschierte. Und
+Hermann konnte es nicht &auml;ndern, so herzlos es ihm vorkam,
+er freute sich &uuml;ber die Ma&szlig;en.</p>
+
+<p>Als das kleine Gef&auml;hrt &uuml;ber den Marktplatz von Neustadt
+fuhr und vor der Adlerapotheke anhielt, wurde die
+Ladent&uuml;re der Apotheke ge&ouml;ffnet, und der Apotheker ging
+Vater und Sohn entgegen. Die beiden M&auml;nner mochten
+ungef&auml;hr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte
+die kr&auml;ftigere Gestalt, und sein sonngebr&auml;untes Gesicht war
+ein Bild der Gesundheit, was man von den etwas blassen
+aber feinen Z&uuml;gen des Apothekers nicht sagen konnte. Er
+begr&uuml;&szlig;te die Ank&ouml;mmlinge und reichte Hermann die Hand;
+der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu
+dem Manne auf, der ihm kein Fremder war, und den er,
+ohne da&szlig; dieser es wu&szlig;te, schon seit Jahren als seinen
+k&uuml;nftigen Lehrherrn betrachtet hatte.</p>
+
+<p>Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken
+eigent&uuml;mliche Geruch herrschte, der f&uuml;r Hermann immer
+etwas geheimnisvoll Anziehendes hatte, f&uuml;hrte Apotheker
+Mohr seine G&auml;ste an die Treppe nach dem oberen Stock
+und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich
+empfangen von der kleinen rundlichen Apothekerin, die
+<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>gleich gesch&auml;ftig den Kaffeetisch deckte und sich entschuldigte,
+da&szlig; der Kaffee noch nicht bereit sei. &raquo;Ich wu&szlig;te nicht
+<ins class="correction" title="Transcriber's note: original misses quote">genau,&laquo;</ins> sagte sie, &raquo;um wieviel Uhr Sie kommen, und lieber
+m&ouml;chte ich meine G&auml;ste einen Augenblick warten lassen, als
+ihnen einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend sich die G&auml;ste setzten, bat sie um die Erlaubnis,
+da&szlig; sie und ihr Mann zu Hermann &raquo;du&laquo; sagen
+d&uuml;rften, es sei doch traulicher f&uuml;r Leute, die an <em class="gesperrt">einem</em>
+Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu freuen.</p>
+
+<p>Kaum eine Viertelstunde sa&szlig; die kleine Gesellschaft
+gem&uuml;tlich beim Kaffee beisammen, da ert&ouml;nte die Ladenglocke
+der Apotheke, und Mohr mu&szlig;te hinunter; nach einem
+weiteren Viertelst&uuml;ndchen gab es eine zweite St&ouml;rung dadurch,
+da&szlig; Hermann seine Kaffeetasse umstie&szlig;. Es war
+seinem Vater und ihm selbst peinlich, da&szlig; er sich bei der
+ersten Mahlzeit so einf&uuml;hrte, doch versicherte Frau Mohr,
+der Flecken in der Kaffeedecke sei nicht schlimm, aber
+sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu d&uuml;rfen. Diese
+Gelegenheit ben&uuml;tzte Hollwanger, um sich zu verabschieden.
+Bis an die Kutsche begleitet vom Apotheker und von
+Hermann stieg er ein. Die beiden M&auml;nner tauschten noch
+freundliche Worte, Hermann aber wu&szlig;te nichts mehr zu
+sagen; seine Gr&uuml;&szlig;e an Mutter und Schwester hatte er
+schon aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, da&szlig; sein
+Vater abfahre, er wollte doch Apotheker werden, endlich
+sollte es losgehen. Jetzt kam der letzte Gru&szlig;, das Pferd
+folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen rasselte
+&uuml;ber den Marktplatz.</p>
+
+<p>Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem
+Wagen nachsah, sondern aufmerksam nach dem gro&szlig;en
+schwarzen Adler aufblickte, der dr&auml;uend &uuml;ber dem Eingang
+der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf die
+Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: &raquo;So, nun geh&ouml;rst
+<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>du in die Adlerapotheke.&laquo; &raquo;Ja,&laquo; erwiderte Hermann
+ebenso, und indem er fr&ouml;hlich die wenigen Stufen vorauseilte
+und die Ladent&uuml;re aufmachte, fragte er: &raquo;und wie
+geht&#8217;s jetzt an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie&#8217;s angeht?&laquo; wiederholte der Apotheker und sah
+l&auml;chelnd auf seinen eifrigen Gehilfen. &raquo;Wie&#8217;s angeht, wenn
+man Apotheker werden will, meinst du? Ich denke, man
+schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!&laquo;
+Er schlo&szlig; die Ladent&uuml;re. &raquo;Es sollte freilich nicht sein,
+da&szlig; mitten am Tag kein Kunde in Sicht ist,&laquo; sagte er,
+&raquo;es war auch fr&uuml;her nicht so, erst seit Herbst, wo sich die
+neue Apotheke hier aufgetan hat, erst seitdem ist&#8217;s stiller
+bei mir. Es ist unrecht, da&szlig; man hier eine zweite gegr&uuml;ndet
+hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem
+jungen Apotheker, aber er hat es nicht einsehen wollen, und
+nun ist bei ihm kein rechter Gesch&auml;ftsgang und bei mir
+ist es auch nicht mehr wie fr&uuml;her.&laquo;</p>
+
+<p>Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das
+Laboratorium gef&uuml;hrt, da standen wunderliche Kolben und
+Kochgeschirre aus Glas und gl&auml;serne Trichter und R&ouml;hren.
+Wi&szlig;begierig sah Hermann dies alles an. &raquo;Da wird so
+mancherlei bereitet,&laquo; sagte Mohr, &raquo;heutzutage gibt es zwar
+viele Apotheker, die beziehen alles von ausw&auml;rts, aber ich
+mache noch vieles selbst.&laquo; &raquo;Machen wir heute auch etwas?&laquo;
+fragte Hermann. &raquo;Diese Woche nicht mehr, aber n&auml;chste
+Woche will ich H&ouml;llenstein machen, der wird aus Silber
+bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeel&ouml;ffel dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird fein,&laquo; sagte Hermann vergn&uuml;gt. &raquo;In
+meiner Familie,&laquo; sagte Mohr, &raquo;ist diese Liebhaberei von
+alters her, die Mohrs sind eine altber&uuml;hmte Chemiker-
+und Apotheker-Familie aus Koblenz.&laquo;</p>
+
+<p>Nun erklang die Apothekenglocke. &raquo;Jetzt kommt doch
+jemand,&laquo; rief Hermann so erfreut, wie wenn der Kunde
+<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>schon <em class="gesperrt">sein</em> Kunde w&auml;re und lief eiligst, die T&uuml;re zu &ouml;ffnen.
+Ein Dienstm&auml;dchen brachte ein Rezept, in einer halben
+Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und
+dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller
+kennen lernen,&laquo; sagte der Apotheker, &raquo;in dem sind gar
+mancherlei Vorr&auml;te, nicht nur Blutegel.&laquo; Sie stiegen miteinander
+hinunter in die gro&szlig;en Kellerr&auml;ume. In verschiedenen
+Abteilungen waren wohlgeordnet F&auml;sser, Flaschen,
+Kolben aller Art. Der sch&ouml;ne Steinboden war tadellos
+rein gehalten; in jedem Raum hing ein L&auml;mpchen, von
+denen der Apotheker eines anz&uuml;ndete. &raquo;Hier sind die Blutegel;
+es mu&szlig; von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob
+alle lebend sind, und sie m&uuml;ssen mit frischem Wasser versorgt
+werden. Futter brauchen sie nicht; sie bleiben ein
+und zwei Jahre lang ohne Nahrung, inzwischen kommen
+wieder frische.&laquo; Der Apotheker hatte einen gro&szlig;en, mit
+Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem
+schwammen die schwarzen W&uuml;rmer. Er nahm einige heraus
+in ein kleines Glas.</p>
+
+<p>&raquo;Das n&auml;chste Mal mu&szlig;t du sie selbst holen, jetzt aber
+binde fest den Kolben zu und l&ouml;sche das L&auml;mpchen sorgf&auml;ltig;
+ich mu&szlig; hinauf, ich h&ouml;re die Ladenglocke.&laquo;</p>
+
+<p>In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien
+waren einzuf&uuml;llen, Pulver waren zu richten und in
+die wei&szlig;en zugeschnittenen Papierchen einzuwickeln. &raquo;Sieh
+zu und mach&#8217;s nach,&laquo; sagte der Apotheker zu Hermann und
+deutete auf die P&uuml;lverchen, die auf die einzelnen Papierchen
+verteilt waren. W&auml;hrend Hermann mit ungeschickten
+Fingern eines der P&uuml;lverchen einwickeln wollte, schob er
+mit dem &Auml;rmel die vier anderen kleinen Portionen zum Tisch
+hinunter. Ein &auml;rgerlicher Ausruf entfuhr dem Apotheker;
+der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete,
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>sagte lachend: &raquo;Der ist scheint&#8217;s nicht der geschickteste.&laquo;
+&raquo;Er ist neu eingetreten,&laquo; sagte Mohr entschuldigend und
+wog neue P&uuml;lverchen ab, aber Hermann wurde nicht mehr
+aufgefordert, sie einzuwickeln.</p>
+
+<p>Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar
+Gl&auml;schen hin, die er eben mit Arznei gef&uuml;llt hatte. &raquo;Binde
+die Fl&auml;schchen zu, so wie dieses,&laquo; sagte er, indem er ein
+farbiges Papierchen &uuml;ber den St&ouml;psel faltete und mit einem
+Bindfaden fest kn&uuml;pfte. Es sah so einfach aus und ging
+wie von selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte
+das Papier nicht stramm aufliegen, das Schn&uuml;rchen nicht
+halten. Eines der Gl&auml;ser rutschte aus und zerbrach
+auf der Marmorplatte des Ladentisches. &raquo;So geht das
+nicht,&laquo; sagte Mohr und sah seinen Lehrling gro&szlig; an, &raquo;so
+ungeschickt hat sich noch keiner angestellt. Passe auf, da&szlig;
+das nicht noch einmal vorkommt!&laquo;</p>
+
+<p>Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt
+war und Hermann mit dem Apotheker und seiner Frau
+beim Abendessen sa&szlig;, kam es ihm vor, als sei er nicht in
+der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser war sehr
+einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr
+Mohr seinen Lehrling, ob er Sinn f&uuml;r Botanik habe,
+die jeder Lehrling studieren m&uuml;sse, und er f&uuml;hrte ihn an
+einen B&uuml;cherschrank, der viele naturwissenschaftliche Werke
+enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte der Prinzipal,
+da&szlig; Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen
+der Naturwissenschaft schon pr&auml;chtig Bescheid wu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommst du dazu?&laquo; fragte er. &raquo;In der Lateinschule
+hast du das nicht gelernt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, blo&szlig; f&uuml;r mich; ich habe mir nie etwas anderes
+gew&uuml;nscht und gekauft als naturwissenschaftliche B&uuml;cher,
+schon seit Jahren wei&szlig; ich mir nichts Sch&ouml;neres.&laquo; Vor seinen
+B&uuml;chern stehend, sprach der Apotheker &uuml;ber die verschiedenen
+<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Werke und stellte, ohne da&szlig; es Hermann nur recht bemerkte,
+eine Pr&uuml;fung mit ihm an, &uuml;ber deren Ergebnis er
+staunen mu&szlig;te. Hermann sa&szlig; an diesem Abend in ein
+Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker ihn entschieden zum
+Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das
+St&uuml;bchen f&uuml;hrte, das zwischen der Kr&auml;uterkammer und der
+Vorratskammer oben im Dachraum ausgebaut war.</p>
+
+<p>Hermann schlief schon l&auml;ngst, als noch zwei Paare
+beisammen sa&szlig;en und &uuml;ber ihn sprachen: daheim die Eltern
+und hier der Apotheker und seine Frau. &raquo;Hast du dem
+Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon
+studiert hat auf seinen Beruf?&laquo; fragte Frau Hollwanger
+ihren Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Anpreisen freilich nicht, aber du h&auml;ttest doch so zuf&auml;llig
+die Rede darauf bringen sollen, da&szlig; er schon so gelehrt
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Apotheker wird&#8217;s bald selbst herausfinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast aber doch wenigstens das gesagt, da&szlig; unser
+Hermann gar keinen gr&ouml;&szlig;eren Wunsch hat, als einmal ein
+Apotheker zu werden, und da&szlig; ihm die Apothekerb&uuml;cher
+lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas
+mu&szlig; man doch seinem Kinde zuliebe sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles N&ouml;tige ist beredet worden, Frau, dar&uuml;ber kannst
+du ganz ruhig sein, und der Hermann ist ja auch keiner
+von den &auml;ngstlichen, er hat ganz zutraulich getan mit dem
+Apotheker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der
+Liebling sein in der Apotheke, wie er es in der Schule auch
+war. Alle haben ihn gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr. Wegen Hermann d&uuml;rfen wir ruhig sein,
+der geht seinen Weg leichter als seine Br&uuml;der, gottlob!
+Man hat sonst genug Sorgen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>W&auml;hrend die Eltern so &uuml;ber Hermann sprachen, sagte
+die Frau Apotheker zu ihrem Mann: &raquo;Nun, wie kommt
+er dir vor? es ist ein lieber Mensch, scheint mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und gescheit, aber&nbsp;&#8211;&laquo; und bedenklich sch&uuml;ttelte
+Mohr den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse
+umgesto&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und kann kein Gl&auml;schen zubinden und kein Pulver
+einwickeln, ich will nur sehen, wie das geht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Anfangs ist&#8217;s allen schwer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas
+mit der Hand tut, wie er den Daumen so steif hinausstreckt;
+er wei&szlig; gar nicht, wie man die Finger biegt, wie
+einer, der in seinem Leben nie etwas mit den H&auml;nden geschafft
+hat, nur hinter den B&uuml;chern gesessen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und so einer kommt vom Land!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so
+ein B&uuml;rschlein alles nur auf Knecht und Magd abladen
+darf und angestaunt wird, weil er lateinisch kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er wird sich doch machen, es w&auml;re mir leid um ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir auch, aber besser w&auml;re es, sie w&uuml;rden einen Lehrer
+oder gar einen Professor aus ihm machen; Verstand ist da,
+Geld ist da &#8211; an was sollte es fehlen!&laquo;</p>
+
+<p>Frisch und fr&ouml;hlich sa&szlig; am n&auml;chsten Morgen Hermann
+am Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch. &raquo;Wird der Mann wohl heute wieder
+in die Apotheke kommen, der gestern die Schlafpulver geholt
+hat?&laquo; fragte er den Apotheker.</p>
+
+<p>&raquo;Kann wohl sein. Was willst du von ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum sollten sie nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat doch erz&auml;hlt, da&szlig; die Kranke f&uuml;nf N&auml;chte vor
+Schmerzen nicht geschlafen habe.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>&raquo;Ja, und?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da w&auml;re es doch gro&szlig;artig, wenn sie wirklich
+heute Nacht gut geschlafen h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel
+aus seiner Apotheke geben kann!&laquo; sagte Hermann.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; erwiderte Mohr; aber er war seit etwa
+f&uuml;nfundzwanzig Jahren daran gew&ouml;hnt und deshalb schon
+etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit seiner Mittel.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie m&uuml;ssen erst die gl&uuml;cklich sein, die so ein
+Mittel entdecken!&laquo; fuhr Hermann fort.</p>
+
+<p>Sie wurden unterbrochen durch ein &auml;ngstliches, lautes
+Rufen, das von dem M&auml;dchen drau&szlig;en zu kommen schien.
+&raquo;Was hat doch die Mine,&laquo; rief Frau Mohr lebhaft aufspringend,
+&raquo;es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe riefe,&laquo;
+und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum
+M&auml;dchen. Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter
+die T&uuml;re und rief ihrem Mann zu: &raquo;Ach, komm nur schnell,
+die Mine hat eben den Keller gekehrt, nun hat sie einen
+Blutegel am Fu&szlig; und sie sagt, &uuml;berall im Keller kriechen
+die Blutegel umher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er l&auml;&szlig;t nicht los,&laquo; rief das M&auml;dchen, &raquo;was soll ich
+denn tun? Ich bring ihn nicht weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wegrei&szlig;en!&laquo; rief der Apotheker. &raquo;Salz oder
+Asche her.&laquo; Im Nu brachte Frau Mohr die Salzb&uuml;chse.
+Eine Hand voll wurde auf den Blutegel gestreut, da fiel
+er weg und lag harmlos auf dem Boden.</p>
+
+<p>Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich
+b&ouml;sem Gesicht zu Hermann: &raquo;Hast du den Kolben mit den
+Blutegeln gestern abend offen gelassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, ich wei&szlig; gewi&szlig;, ich habe ihn zugebunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie! Komm mit in den Keller.&laquo; Drunten
+kl&auml;rte es sich bald auf. Zugebunden war der Kolben, aber
+<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>so lose, da&szlig; die ganze Bewohnerschaft zwischen dem Tuch
+und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im
+Keller war das Gew&uuml;rm zu sehen. Zu Vorw&uuml;rfen war
+keine Zeit mehr, denn die Glocke an der Apotheke erklang,
+aber die Strafe ergab sich von selbst: etwa ein halb hundert
+Blutegel aufsuchen und einfangen.</p>
+
+<p>H&auml;tte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten
+Lehrlings erbarmt, er h&auml;tte wohl den ganzen Vormittag
+in diesem Keller zubringen m&uuml;ssen. Aber sie wu&szlig;te, wie
+die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im Glas, bis
+Hermann einen herein brachte.</p>
+
+<p>Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah
+ihn sein Herr sehr ungn&auml;dig an. Aber Hermann kam
+ihm reum&uuml;tig entgegen, so da&szlig; er nicht viel mehr sagte als:
+&raquo;&Uuml;ber der Sache ist das Abstauben vers&auml;umt worden, das
+sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden
+Morgen mu&szlig; auf allen F&auml;chern und St&auml;ndern abgestaubt
+werden. Dort ist die Leiter, aber das bitte ich mir aus:
+nichts herunterwerfen!&laquo; Glas an Glas, B&uuml;chse an B&uuml;chse
+standen an den langen W&auml;nden. Jedes mu&szlig;te abgestaubt
+werden. Mit einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging
+Hermann daran, da&szlig; in der Tat nichts fallen konnte; aber
+freilich, auf diese Art w&auml;re er an <em class="gesperrt">einem</em> Tag schwerlich
+fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht
+mit ansehen.</p>
+
+<p>&raquo;Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf,
+ich will dir zeigen, wie man das macht. So mit einem
+flotten Griff &uuml;ber das Fach, siehst du? Hast du denn nie
+in deinem Leben etwas abgeputzt?&laquo; In diesem Augenblick
+steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. &raquo;Lieber Mann,
+kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?&laquo; &raquo;Ja.&laquo;
+&raquo;Dann, Hermann, komme doch einmal mit mir hinauf in
+dein Zimmerchen.&laquo; Oben angekommen sagte Frau Mohr:
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>&raquo;Nun sieh einmal, mein Junge,&laquo; und sie deutete ins
+Zimmer. Hermann schaute &#8211; aber er sah nichts Besonderes.
+Nachdem er rund herum geblickt, sah er die
+Gestrenge fragend an.</p>
+
+<p>&raquo;Was meinen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufger&auml;umt, so
+darf es doch nie aussehen, am wenigsten in einer Apotheke.
+Bedenke nur, wenn unverhofft die Inspektion k&auml;me, die
+sieht in alle R&auml;ume des Hauses und &uuml;berall mu&szlig; tadellose
+Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man,
+da&szlig; ein Inspektor mit der Hand &uuml;ber das Treppengel&auml;nder
+gefahren ist und dann seine Hand besehen hat; und weil
+Staub daran war, hat man dem <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Apother'">Apotheker</ins> die Apothekerberechtigung
+entzogen. Ja, so streng wird das genommen.
+Nun sieh nur, wie &uuml;berall deine Kleider zerstreut sind, wie
+der Staub auf den M&ouml;beln liegt! Den Fu&szlig;boden reinigt
+das M&auml;dchen, aber alles andere geht dich an. Neben der
+Kommode in der Ecke h&auml;ngt das K&ouml;rbchen mit dem Staubtuch.
+Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das
+K&ouml;rbchen mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er
+h&auml;lt schwer, ich wei&szlig; es. Das mu&szlig; gleich wieder gut gemacht
+werden. Siehst du, so mu&szlig;t du jeden Tag abstauben.
+Du wirst nicht wollen, da&szlig; dein Lehrherr deinetwegen bei
+der Inspektion getadelt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; versicherte Hermann eifrig, &raquo;ich habe
+nur davon gar keine Ahnung gehabt.&laquo; &raquo;Nun komm mit
+herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist und die Nagelkiste,
+dann klopfst du den Nagel wieder ein f&uuml;r das
+Staubtuchk&ouml;rbchen.&laquo;</p>
+
+<p>Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem
+Werkzeug. Der erste Nagel verbog sich in der Wand, auch
+der zweite wollte nicht halten. Frau Mohr hatte recht
+gehabt, da&szlig; er schwer in der Wand halte. Dann war es
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen,
+im Holz hielt er wohl leichter. Hermann w&auml;hlte einen
+kr&auml;ftigen Kloben, der sich nicht so leicht umbiegen konnte,
+h&auml;mmerte ihn fest in das Holz der Kommode hinein und
+hing dann ganz befriedigt das Staubtuchk&ouml;rbchen daran.
+Das war nun in Ordnung. Hammer und N&auml;gel verga&szlig;
+er freilich mit herunter zu nehmen, ehe er wieder in die
+Apotheke zur&uuml;ckging; daheim hatten sechzehn Jahre lang
+andere f&uuml;r ihn aufger&auml;umt &#8211; in <em class="gesperrt">einem</em> Tage lernt sich
+die Ordnung nicht!</p>
+
+<p>Der n&auml;chste Tag war ein Samstag. Fr&uuml;her als sonst
+war Hermann geweckt worden, denn nie ging es so lebhaft
+zu in der Adlerapotheke wie am Samstag, dem Markttag.
+Hermann wu&szlig;te es, und freute sich darauf. Noch war es
+d&auml;mmerig, als er durch die gro&szlig;en Fensterscheiben der
+Apotheke auf den Markt sah. Der gro&szlig;e Platz war leer
+und still, nur das Wasser im Marktbrunnen pl&auml;tscherte
+und auf dem Kirchturm gegen&uuml;ber schlug es f&uuml;nf Uhr. In
+der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium
+wurde im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und
+in der Sto&szlig;kammer nebenan mu&szlig;te im gro&szlig;en M&ouml;rser fein
+zu Pulver zermalmt werden, was in harten Brocken hineinkam.
+Und nun mu&szlig;ten gebrauchte Arzneifl&auml;schchen in dem
+Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.</p>
+
+<p>&raquo;So wird es gemacht,&laquo; sagte der Prinzipal und zeigte
+den Kunstgriff. Hermann machte sich daran, als er aber
+die ges&auml;uberten Fl&auml;schchen in die Apotheke brachte, in der
+schon die ersten Kunden standen, und der Apotheker einen
+Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und
+unfreundlich: &raquo;Geh&#8217; hinaus!&laquo; Warum? Drau&szlig;en stand
+Hermann und besann sich und konnte das unfreundliche
+&raquo;hinaus&laquo; nicht verstehen. Eine Weile verging, da kam
+Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. &raquo;Wie siehst
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke.
+Kleide dich um, schnell!&laquo;</p>
+
+<p>Er war allerdings &uuml;ber und &uuml;ber na&szlig; und verschmiert,
+an den Hemdkragen sogar waren braune Spritzer gekommen,
+nat&uuml;rlich vom Putzen. Er hatte nie gedacht, da&szlig; sein
+eigenes Aussehen nicht ganz gleichg&uuml;ltig sei. H&ouml;chst verwunderlich
+kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit
+und Ordnung vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf,
+richtete sich frisch her, warf all das nasse Zeug auf das
+Bett, um nur m&ouml;glichst schnell wieder herunter in die Apotheke
+zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu. Bauern und
+B&auml;uerinnen, K&ouml;chinnen mit dem Marktkorb am Arm
+dr&auml;ngten sich. Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie,
+die Hermann nicht einmal dem Namen nach kannte, aber
+jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends versagte
+die Adlerapotheke. Und der Apotheker h&auml;tte in dieser
+Stunde freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als
+Hermann war. Nichts, gar nichts konnte er ihm anvertrauen!</p>
+
+<p>Drau&szlig;en, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben,
+Bauernwagen fuhren an mit K&ouml;rben voll junger Schweinchen,
+die ein Geschrei verf&uuml;hrten, als ginge es ihnen ans Leben.
+Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte Hermann von
+ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In
+langen Reihen sa&szlig;en und standen die Verk&auml;uferinnen mit
+Tauben und H&uuml;hnern, Butter, Eiern, Gem&uuml;se und Obst.
+Goldgelb schimmerten die Apfelsinen &uuml;ber den ganzen Platz,
+auf dem die Frauen mit ihren Markttaschen, die Dienstm&auml;dchen
+mit gro&szlig;en K&ouml;rben und Netzen sich dr&auml;ngten
+und schoben.</p>
+
+<p>&raquo;Hermann, hier!&laquo; rief der Apotheker, &raquo;einf&uuml;llen die
+Fl&auml;schchen, bis sie voll sind.&laquo; Flink war Hermann bei der
+Hand. Eine Kanne mit kr&auml;ftig nach Wein duftender Arznei
+<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben, einen Trichter,
+dazu zwei leere Fl&auml;schchen. Hermann steckte den Trichter
+in das erste Fl&auml;schchen und go&szlig; rasch hinein. &raquo;Es l&auml;uft
+&uuml;ber, junger Herr, es l&auml;uft &uuml;ber,&laquo; rief eine Frau, die
+wartend dastand und ihm zugesehen hatte. Rasch stellte
+Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter weg, ringsum
+flo&szlig; der sch&ouml;ne Wein. Die gef&auml;llige Frau machte Miene,
+zu Hilfe zu kommen.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, bem&uuml;hen Sie sich nicht,&laquo; sagte der Apotheker,
+besorgte selbst das Gesch&auml;ft und Hermann fl&uuml;sterte er zu:
+&raquo;Nimm deine nasse Manschette ab.&laquo; Die wei&szlig;e Manschette
+hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang Hermann
+in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den
+&uuml;brigen verungl&uuml;ckten Kleidungsst&uuml;cken und erschien in der
+Apotheke wieder mit frischen.</p>
+
+<p>Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; drau&szlig;en auf
+dem Markt waren nicht mehr die K&ouml;chinnen in den wei&szlig;en
+Sch&uuml;rzen zu sehen, sie standen wohl alle in ihren K&uuml;chen
+und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die Marktweiber
+sa&szlig;en ruhig in ihren St&auml;nden und verzehrten das
+Essen, das ihnen in irdenen T&ouml;pfen gebracht worden war;
+manche Wagen waren schon abgefahren, andere standen vor
+den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer am Mittagstisch sa&szlig;en.</p>
+
+<p>Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch
+droben im E&szlig;zimmer die Frau Apotheker ihr Essen auftragen,
+um diese Zeit war es am ruhigsten in der Apotheke.</p>
+
+<p>&raquo;Schlie&szlig;e die T&uuml;re und wische den Tisch ab, Hermann,
+und dann komme nach zum Essen,&laquo; sagte Mohr und ging
+voraus. Droben nahm er seine Frau beiseite. &raquo;La&szlig; die
+Suppe noch drau&szlig;en,&laquo; sagte er, &raquo;ich mu&szlig; erst noch etwas
+mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den
+Jungen gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich
+ihn doch nicht.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>&raquo;War er wieder so ungeschickt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen,
+er kann kein Fl&auml;schchen f&uuml;llen, er kann kein Pulver einwickeln,
+er verschmiert seine Kleider&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erz&auml;hlen,&laquo; sagte
+Frau Mohr, &raquo;sein nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf
+den frischen, wei&szlig;en Bett&uuml;berwurf hat er es hingeworfen,
+obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt hatte.
+Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen
+nicht aufzuregen, jetzt mu&szlig; ich dir&#8217;s doch sagen: einen
+eisernen Kloben hat er in die polierte Kommode geschlagen,
+du wei&szlig;t doch, die alte Kommode mit den Messingkn&ouml;pfen?
+Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das Staubtuchk&ouml;rbchen
+geh&auml;ngt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist stark!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist einfach barbarisch! Die Kommode&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das
+Notwendige besprechen. Es ist n&auml;mlich dr&uuml;ben auf dem
+Markt des Hollwangers Knecht mit dem Wagen, der k&ouml;nnte
+gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst k&ouml;nnte
+mit heimfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du es dem Jungen schon gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Mohr, &raquo;er tut mir leid und es wird
+mir schwer, es ihm zu sagen; aber zum Apotheker ist er
+entschieden unbrauchbar, k&ouml;nnte mir die gr&ouml;&szlig;ten Unannehmlichkeiten
+machen. Darum ist&#8217;s am besten, man schickt ihn
+gleich fort, da&szlig; er keine Zeit verliert, andere Schritte
+zu tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber den Eltern m&uuml;&szlig;test du schreiben, da&szlig; er keinen
+schlechten Streich gemacht hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich
+werde schreiben, da&szlig; er gescheit ist; sie sollen ihn einen
+Professor werden lassen; auch sein eifriges und freundliches
+<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur gerade zu
+<em class="gesperrt">dem</em> Beruf ist er zu ungeschickt.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf.
+&raquo;Es ist ein M&auml;dchen da, wollte ein St&uuml;ck Glycerinseife
+um zehn Pfennige. Ich h&auml;tte es ihr gern gegeben, aber
+weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben,
+so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten k&ouml;nne. Da sagte
+sie, sie k&ouml;nne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke
+mitnehmen; aber das wollte ich doch nicht, sie soll nur der
+Adlerapotheke treu bleiben. Darf ich ihr von der Glycerinseife
+geben, die vorn liegt im Glaskasten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das kannst du hergeben.&laquo; Wie der Wind war
+Hermann verschwunden.</p>
+
+<p>Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist so liebensw&uuml;rdig in seinem Eifer,&laquo; sagte die
+Frau, &raquo;er tut mir zu leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ein pr&auml;chtiger Mensch, und wie klug, da&szlig; er
+gleich an die Kundschaft denkt; aber fort mu&szlig; er doch, er
+ist keine Hilfe f&uuml;r mich, im Gegenteil!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar
+nicht dabei sein,&laquo; sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam
+Hermann wieder, die Suppe wurde aufgetragen, aber kein
+harmloses Tischgespr&auml;ch w&uuml;rzte die Mahlzeit.</p>
+
+<p>Hermann allein war unbefangen. &raquo;Das werde ich mir
+merken,&laquo; sagte er, &raquo;da&szlig; ein St&uuml;ck Glycerinseife das erste
+war, das ich verkauft habe.&laquo;</p>
+
+<p>Bei sich selbst f&uuml;gte der Apotheker hinzu &raquo;und das letzte&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Neulich habe ich gelesen,&laquo; plauderte Hermann weiter,
+&raquo;da&szlig; man das Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen
+verwendet. Da wundert man sich ganz, wenn man&#8217;s
+auch zu einem so unschuldigen St&uuml;ckchen Seife gebraucht.
+Das Glycerin mu&szlig; ein feiner Stoff sein, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt
+<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>nur weh, die Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen,
+der nach dem Essen aufh&ouml;ren sollte, Lehrling zu sein.</p>
+
+<p>Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen,
+so sprang er auf, wieder in das Gesch&auml;ft zu gehen.</p>
+
+<p>&raquo;Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,&laquo; sagte
+Mohr, ging voraus in den kleinen, neben dem E&szlig;zimmer
+liegenden Empfangsraum und machte die T&uuml;re zu. &raquo;Ich
+wollte dir sagen, Hermann, da&szlig; ich es doch besser f&uuml;r dich
+finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften
+studierst, auf die Universit&auml;t gehst und Chemiker
+und vielleicht Professor wirst, was ja eine viel angesehenere
+Stellung ist, als die des Apothekers.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; sagte Hermann ganz ahnungslos, was
+damit gemeint war; &raquo;ich will viel lieber Apotheker werden.
+Ich wei&szlig; wohl, da&szlig; es h&ouml;here Stellungen gibt, aber mir
+ist eine Apotheke das liebste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mag sein,&laquo; entgegnete Herr Mohr, &raquo;aber jeder
+Mensch mu&szlig; sich den Beruf w&auml;hlen, zu dem er geschickt
+ist, und an der Geschicklichkeit zum Apotheker fehlt es dir.
+Hast du das nicht selbst schon gemerkt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling
+und mu&szlig; es drei Jahre bleiben, in so langer Zeit
+werde ich das schon lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hermann, es tut mir leid, da&szlig; ich es dir sagen mu&szlig; &#8211;
+ich kann dich nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche
+einen geschickten Jungen, der mir von der ersten Woche
+an helfen kann. Um&#8217;s kurz zu machen, kehre du heute
+abend nach Hause zur&uuml;ck und besprich es mit deinem Vater,
+da&szlig; ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer
+Knecht ist wohl noch nicht heimgefahren, er kann den Koffer
+mitnehmen. Es ist mir leid, Hermann, ich h&auml;tte dich sehr
+gern behalten, ich habe dich lieb gewonnen.&laquo;</p>
+
+<p>Hermann war bla&szlig; geworden vor Schrecken bei diesen
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>Worten. Ganz starr sah er auf den Mann, der so zu
+ihm redete. Als er aber deutlich wahrnahm, da&szlig; dem
+Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da fa&szlig;te er Mut
+und sagte: &raquo;Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen?
+Ich will mir alle M&uuml;he geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen h&auml;tte, ginge
+es vielleicht; aber ich bin auf meinen Lehrling angewiesen,
+und wenn in einer Apotheke so viel ungeschickte Sachen gemacht
+werden, so spricht sich das herum im St&auml;dtchen und
+die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der Apotheke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja dann,&laquo; sagte Hermann, &raquo;dann mu&szlig; ich freilich
+gehen, schaden m&ouml;chte ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Als Hermann ganz verst&ouml;rt aus dem Zimmer trat,
+redete ihn die Frau Apotheker an: &raquo;Sei nur getrost, mein
+Junge, du kannst es noch viel weiter bringen als zum
+Apotheker. Das ist kein so sch&ouml;ner Beruf wie du meinst.
+Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fu&szlig;
+im Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem
+Gehilfen, es kommt Gift in die Arznei, es kostet ein Menschenleben
+und der Apotheker mu&szlig; es im Kerker b&uuml;&szlig;en. Ich
+habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar nicht
+nachtragen, da&szlig; du mir einen Kloben in die polierte Kommode
+meiner Urgro&szlig;mutter geschlagen hast, obwohl es mir leid
+ist um das sch&ouml;ne M&ouml;bel; auch der wei&szlig;e Bett&uuml;berwurf
+hat einen Flecken, aber er geht wieder heraus, der Kaffeeflecken
+ist auch wieder herausgegangen aus der Tischdecke
+und du wirst auch wieder fr&ouml;hlich werden, nimm es nur
+nicht so schwer, lieber Junge!&laquo;</p>
+
+<p>Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein
+Zimmer und packte den Koffer. Er war wie im Traum.
+Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er nicht heimfahren,
+er wollte allein und zu Fu&szlig; gehen, den Koffer konnte der
+Knecht sp&auml;ter holen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Kaum eine Stunde nach dem Gespr&auml;ch verlie&szlig; er unter
+den freundlichsten W&uuml;nschen von Herrn und Frau Mohr
+die Apotheke. Er hob den Kopf nicht nach dem schwarzen
+Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so
+hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging
+er &uuml;ber den Markt durch die Stra&szlig;en der Altstadt hinaus
+auf die einsame Landstra&szlig;e, seinem Dorfe zu. Und als er
+niemand mehr sah und ganz allein in Gottes freier Natur
+war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tr&auml;nen
+der schmerzlichsten Entt&auml;uschung. Zum erstenmal in seinem
+Leben hatte er eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher
+war er als ein guter Sohn liebevoller Eltern, als ein
+eifriger Sch&uuml;ler freundlicher Lehrer ohne jegliche Anfechtung
+seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den
+ersten Schmerz gebracht.</p>
+
+<p>Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er
+von ferne seine Eltern auf den Stall zugehen. Jetzt kam
+ihm die Erinnerung, da&szlig; ein K&auml;lblein an dem Tag zur
+Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt
+gefahren war. Er konnte es kaum glauben, da&szlig; das erst
+drei Tage her war, und doch mu&szlig;te es so sein. Er ging
+nach dem Stall, sie standen beide bei dem K&auml;lbchen, Vater
+und Mutter; und nun, als helles Licht durch die Stallt&uuml;re
+hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus <em class="gesperrt">einem</em> Mund
+riefen sie: &raquo;Hermann, du kommst?&laquo; und nach einem weiteren
+Blick auf ihren Sohn f&uuml;gte die Mutter hinzu: &raquo;Gelt, du
+bist krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Hermann und versuchte zu l&auml;cheln, aber
+es war ein schmerzliches L&auml;cheln, &raquo;nein, krank bin ich nicht,
+aber es ist aus mit der Apotheke, Herr Mohr meint, ich
+solle lieber etwas anderes werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hat&#8217;s gegeben, Hermann?&laquo; fragte der Vater
+und sah ihn scharf an.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>&raquo;Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes
+ist mir begegnet, und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe
+nicht zum Apotheker, und das ist auch wahr, nichts kann
+ich, gar nichts; alles, was ich nur anr&uuml;hre, f&auml;llt um, und
+was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen
+H&auml;nde, abhauen h&auml;tte ich sie mir m&ouml;gen!&laquo; rief er und mit
+aller Gewalt schlug er sie an die h&ouml;lzerne Krippe, da&szlig; ihm
+der Schmerz das Gesicht verzog und das K&auml;lblein erschreckt
+zusammenfuhr.</p>
+
+<p>&raquo;Geh, sei doch vern&uuml;nftig, Hermann, komm ins Haus
+und erz&auml;hle genau wie alles gewesen ist,&laquo; sagte der Vater.
+&raquo;Haben sie dich einfach fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber
+was hilft mich das, ich kann eben kein Apotheker werden.&laquo;</p>
+
+<p>Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit,
+und kurz darauf brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer
+einen Brief vom Apotheker, der sich in aufrichtigen und
+freundlichen Worten &uuml;ber Hermann aussprach und den
+dringenden Rat gab, ihn auf die Universit&auml;t zu schicken, er
+habe die n&ouml;tigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft
+zu werden.</p>
+
+<p>Diese &raquo;Zierde der Wissenschaft&laquo; er&ouml;ffnete eine sch&ouml;ne
+Aussicht und vers&ouml;hnte einigerma&szlig;en die gekr&auml;nkten Eltern.
+&raquo;Es ist ja wahr,&laquo; sagte Hollwanger, &raquo;diese Laufbahn ist
+noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist nicht das H&ouml;chste,
+aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles
+im sch&ouml;nsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich
+darf anfangen zu schreiben und zu laufen, da&szlig; ich ihn
+unterbringe, und das gerade im Fr&uuml;hjahr, wo ich jede
+Stunde drau&szlig;en sein sollte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter,&laquo; sagte abends Hermann, &raquo;ist denn das so
+etwas Arges, wenn man in eine Kommode einen Kloben
+schl&auml;gt? W&auml;re dir das nicht ganz einerlei?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>&raquo;Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf
+gekommen bist, kann ich nicht begreifen. Aber wer wei&szlig;,
+wenn du einen sch&ouml;nen Schinken mitgebracht h&auml;ttest, so
+w&auml;r&#8217;s vielleicht doch anders gekommen, die Frau Apotheker
+h&auml;tte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort
+f&uuml;r dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir,
+Hermann, wenn du auf die Universit&auml;t kommst, ohne Schinken
+f&uuml;r den Professor lasse ich dich nicht fort!&laquo;</p>
+
+<p>In den n&auml;chsten Tagen wurde manchmal &uuml;ber Hermanns
+Zukunft gesprochen, was er studieren k&ouml;nnte und ob man
+ihn zun&auml;chst auf das Obergymnasium schicken sollte. Hermann
+sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so war ein
+freudloses: &raquo;Wie ihr wollt&laquo; seine Antwort. &raquo;Der Bub&#8217;
+ist ganz verwettert,&laquo; sagte der Vater, &raquo;es ist nicht recht
+gewesen vom Apotheker, er h&auml;tte erst ein paar Wochen
+Geduld haben sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das meine ich wahrhaftig auch,&laquo; sagte die Mutter,
+und sie grollten dem Manne. Am meisten war die Schwester
+&uuml;ber die Behandlung des Bruders gekr&auml;nkt, denn f&uuml;r sie
+war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und sie
+allein lie&szlig; sich auch nicht tr&ouml;sten durch die Aussicht, da&szlig;
+es ihr Bruder auf der Universit&auml;t noch viel weiter bringen
+k&ouml;nnte. &raquo;Er hat sich doch aber eine Apotheke gew&uuml;nscht
+und nichts anderes,&laquo; war ihre Entgegnung.</p>
+
+<p>So war fast eine Woche vergangen, den n&auml;chsten Sonntag
+wollte Hollwanger ben&uuml;tzen, um wegen seines Sohnes
+einen Brief zu schreiben. Da erschien am Samstag morgen
+Hermann wieder mit seinem fr&uuml;heren fr&ouml;hlichen Gesicht; und
+als der Vater in fr&uuml;her Stunde sich auf den Weg machte,
+nach den Arbeiten drau&szlig;en zu sehen, ging er mit ihm.
+&raquo;Hast&#8217;s jetzt verwunden?&laquo; fragte ihn freundlich der Vater,
+&raquo;gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen die Frucht niederschlagen,
+sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben wir.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>&raquo;Vater, ich m&ouml;chte dich nur um eins bitten, schicke
+mich den Sommer noch nicht fort, la&szlig; mich noch bis Herbst
+daheim!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur
+Feldarbeit? Dann w&uuml;&szlig;t&#8217; ich nicht, wozu du dein Latein
+gelernt hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aufs Feld wollt&#8217; ich nicht, blo&szlig; daheim bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Faulenzen? Oder was? Red&#8217; deutsch, Hermann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; halt schon vorher, da&szlig; dir&#8217;s gar nicht
+recht sein wird, Vater, aber einmal mu&szlig; ich&#8217;s ja doch sagen:
+F&uuml;r mich allein arbeiten m&ouml;cht ich, mich den Sommer &uuml;ber
+ein&uuml;ben, damit ich im Herbst Apotheker werden kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apotheker? Ein hartn&auml;ckiger, starrk&ouml;pfiger Mensch
+bist du, Hermann. Ein z&auml;her, einrissiger Kerl mit deiner
+verw&uuml;nschten Apotheke! Hast doch geh&ouml;rt, da&szlig; du nicht
+taugst dazu, hast&#8217;s ja selbst gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, aber jetzt wei&szlig; ich so genau, woran es mir
+fehlt, Vater, und sieh,&laquo; sagte Hermann, und wurde immer
+w&auml;rmer, w&auml;hrend er sein Zukunftsbild entwickelte, &raquo;sieh,
+ich k&ouml;nnte mir in meinem Zimmer alles einrichten wie in
+einer Apotheke; da&szlig; ich mit Fl&auml;schchen und P&uuml;lverchen,
+mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen
+umgehen lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke,
+kein St&auml;ubchen d&uuml;rft&#8217; mir im ganzen Zimmer sein. Von
+fr&uuml;h bis Nacht wollt&#8217; ich mich ein&uuml;ben, ob nicht doch vielleicht
+meine H&auml;nde geschickt w&uuml;rden. Nur bis Herbst,
+Vater, und wenn mir&#8217;s dann nicht gelingt, will ich selbst
+nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also versuch&#8217;s,&laquo; sagte der Vater, &raquo;wenn du dich schon
+ganz vernarrt und verbohrt hast in den Gedanken, da&szlig; du
+Apotheker wirst, so will ich dir das halbe Jahr wohl g&ouml;nnen;
+in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt werden sie dich
+dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich
+zahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Mutter legt einen Schinken dazu,&laquo; setzte
+Hermann fr&ouml;hlich lachend hinzu und der Vater lachte auch
+und sagte: &raquo;Da&szlig; du dir&#8217;s nicht einfallen l&auml;&szlig;t, deine Mutter
+zu verh&ouml;hnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bewahre,&laquo; sagte Hermann, &raquo;das war ja nur Spa&szlig;,&laquo;
+und er schlug den Heimweg ein.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er nur wieder spa&szlig;en kann, der lange Schlingel,&laquo;
+sagte Hollwanger vor sich hin und sah nach dem Sohn
+zur&uuml;ck, der mit langen Schritten, von neuer Hoffnung belebt,
+dem Haus zueilte.</p>
+
+<p>Am liebsten h&auml;tte Hermann in aller Stille sein Wesen
+getrieben und niemand ins Vertrauen gezogen, aber das
+lie&szlig; sich nicht durchf&uuml;hren; denn es erregte allgemeines
+Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge studierte Herr,
+in der K&uuml;che erschien und sich einen Putzeimer und Wischt&uuml;cher
+ausbat, die er f&uuml;r immer in seinem Zimmer behalten
+d&uuml;rfe; als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte
+und diese die Treppe hinauftrug in sein Zimmer. Bald
+drang zur Hausfrau das Ger&uuml;cht, der junge Herr sei heute
+ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache mit der
+Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwerm&uuml;tig sei er
+ja schon all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon
+mancher um den Verstand gekommen. Frau Hollwanger
+war mit ihren dienstbaren Geistern in der Waschk&uuml;che besch&auml;ftigt,
+als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie gewaltig
+erschreckte. Augenblicklich verlie&szlig; sie die Waschk&uuml;che und
+eilte hinauf in das &raquo;Bubenzimmer&laquo;, wie es im Hause genannt
+wurde.</p>
+
+<p>Als sie die T&uuml;re aufmachte, da sah sie ihren Hermann
+auf der Leiter stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer
+und Putztuch neben sich. So hatte sie ihn freilich
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>nie fr&uuml;her gesehen, aber als er ihr jetzt bei ihrem Eintritt
+das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht verst&ouml;rt und verwirrt
+aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich an und
+lachte &uuml;ber ihr verbl&uuml;fftes Gesicht, da&szlig; ihr alle Sorge verging
+und nur die Neugierde blieb. Die mu&szlig;te er nun freilich
+befriedigen und ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen,
+wie er es dem Vater gegen&uuml;ber getan hatte. &raquo;Zuerst mu&szlig;
+mein Zimmer so sauber werden wie die Apotheke,&laquo; sagte
+er dann, &raquo;du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles blitzblank
+ist, kein St&auml;ubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis
+zur Bodenkammer, alles rein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken,
+da&szlig; sie dir das macht, la&szlig; du das nur bleiben, Hermann,
+du kannst es doch nicht und machst blo&szlig; deine Kleider
+schmutzig.&laquo; Aber da geriet Hermann in Eifer. &raquo;Nein,
+nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht,
+alles will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt.
+Das mu&szlig; ein Apotheker alles k&ouml;nnen und wegen
+meiner Kleider sorge dich nur nicht; die m&uuml;ssen auch immer
+rein gehalten sein, ich nehme mich schon in acht und Flecken
+mache ich selbst heraus. Aber einiges mu&szlig; ich mir anschaffen,
+Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in
+den Apotheken hat; und ein paar Kolben und Glastrichter
+und einen M&ouml;rser, gelt, das darf ich mir kaufen? Und
+meinen B&uuml;cherst&auml;nder darf ich ableeren, damit ich Platz
+bekomme f&uuml;r Gl&auml;ser und dergl., B&uuml;cher brauche ich nicht,
+die packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter lie&szlig; ihren Sohn gew&auml;hren. Sie hatte
+jetzt, im Fr&uuml;hjahr, Arbeit in F&uuml;lle, da war es nur bequem,
+da&szlig; f&uuml;r Hermann nichts getan werden mu&szlig;te. So
+durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen treiben.
+Helene war die einzige n&auml;here Vertraute bei Hermanns
+<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>Arbeit; sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem
+Bruder und nicht nur als m&uuml;&szlig;ige Zuschauerin. Sie hatte
+bald das Ideal der Reinlichkeit erfa&szlig;t, das Hermann anstrebte.
+&raquo;Du mu&szlig;t denken, du seiest der Inspektor, der
+die Apotheke besichtigt,&laquo; sagte der Bruder zur Schwester,
+du mu&szlig;t &uuml;berall mit den Fingern pr&uuml;fen, ob du irgendwo
+Staub findest.&laquo;</p>
+
+<p>Anfangs fand sie keinen, aber allm&auml;hlich wurde ihr
+Auge sch&auml;rfer. &raquo;Hermann, an der T&uuml;rleiste ist Staub,
+sieh her,&laquo; sagte sie und zeigte die grauen Spuren am Finger.
+Das war ein ernster Fall. Die T&uuml;re wurde von da an
+aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenst&auml;nde.</p>
+
+<p>Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich
+Hermann an die Arbeit. Da sa&szlig; er an seinem Tisch und
+wickelte P&uuml;lverchen ein &#8211; Sandk&ouml;rnchen waren es &#8211; die
+in die vorschriftsm&auml;&szlig;igen Pulverpapierchen gepackt wurden.
+&raquo;Das mu&szlig; ich auch versuchen,&laquo; sagte die Schwester, und
+gleich das erstemal brachte sie es gl&uuml;cklicher zustande als
+der Bruder. Er war bek&uuml;mmert dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Das kommt blo&szlig; davon, da&szlig; du den Daumen so
+dumm hinausstreckst, sieh, so kann ich&#8217;s auch nicht machen,&laquo;
+und sie ahmte seine Handbewegung nach. Hermann war
+im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine
+zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus.
+&raquo;Ich wei&szlig; nicht, warum er so steif ist,&laquo; sagte Hermann.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen den Merz fragen,&laquo; schlug Helene vor,
+&raquo;er wei&szlig;, was man da machen mu&szlig;.&laquo; Der Merz war
+der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die Geschwister
+kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen
+recht viel zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine
+dumme Gewohnheit, so ein Glied immer noch so zu halten
+als w&auml;re es krank, die Hunde machten es auch oft so. Mit
+den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen lassen,
+<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei
+Tisch sa&szlig;, konnte man bemerken, wie er den Finger ein&uuml;bte;
+bald hatte das Glied seine fr&uuml;here Beweglichkeit wieder
+erlangt.</p>
+
+<p>Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und
+oft legte sich Hermann ungl&uuml;cklich und mutlos zu Bett am
+Schlusse eines Tages, den er ganz der &Uuml;bung jener Handgriffe
+gewidmet hatte, die seine Schwester mit Leichtigkeit
+ausf&uuml;hrte. Helene war es auch, die ihm Gl&auml;ser und
+Arzneifl&auml;schchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug
+bekommen konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn
+Hermann wollte sie selbst reinigen. Und dann wurden sie
+durch den Glastrichter mit Salzwasser gef&uuml;llt, kein Tropfen
+sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War
+das sch&ouml;n gelungen, so wurden sie auf den B&uuml;cherst&auml;nder
+gestellt; waren sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und
+wieder aufgebunden. Allm&auml;hlich ging das doch besser, eine
+sch&ouml;ne Reihe von Fl&auml;schchen stand schon auf dem Fachwerk.
+Oben auf den hohen Schrank hatte er gro&szlig;e, schwere
+Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger
+m&uuml;de waren vom Einwickeln der P&uuml;lverchen, dann kam
+zur Erholung die &Uuml;bung, die Leiter hinauf und hinunter
+zu steigen, mit den schweren Kolben in der Hand.</p>
+
+<p>So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen
+und Einf&uuml;llen, mit Pulvereinwickeln und Zubinden
+einen Tag um den andern; und endlich, im dritten Monat,
+kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in der
+Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, da&szlig;
+sein Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer
+eifriger.</p>
+
+<p>In einer Nacht h&ouml;rte der Vater, der unter ihm schlief,
+um ein Uhr Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit
+l&auml;ngerer Zeit hatte er sich nicht mehr um seines Sohnes
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Treiben gek&uuml;mmert, nun, in der schwarzen Stimmung, die
+uns nachts leicht &uuml;berkommt, wurde er unruhig. Was
+mochte Hermann im Schlaf st&ouml;ren? Was trieb ihn, hin
+und her zu gehen? Leise erhob er sich, der Sache mu&szlig;te
+er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig die Treppe
+hinaufstieg, war dem gro&szlig;en Mann ganz &auml;ngstlich zu Mute,
+was w&uuml;rde er wohl finden, wenn er nun die T&uuml;re aufmachte?
+In der Ordnung war nur, Schlafen zwischen ein
+und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem &raquo;Bubenzimmer&laquo;.
+Er klinkte die T&uuml;re auf, verschlossen war sie
+nicht. Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch
+und f&uuml;llte ein Arzneigl&auml;schen ein. &raquo;Vater, du bist&#8217;s?&laquo;
+sagte er. &raquo;Ich bin ganz erschrocken, wie so unverhofft meine
+T&uuml;r aufgegangen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler,
+oder bist du nicht recht bei Trost? Wei&szlig;t du, wieviel Uhr
+es ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist&#8217;s vorbei. <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra opening quote '&raquo;Ich'">Ich</ins>
+bin ganz wach, Vater, und lege mich gleich wieder, sowie
+die Arznei fertig ist. Ich mu&szlig; aber hie und da auch
+nachts etwas machen, weil das &ouml;fter vorkommt in der
+Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr
+gesagt, aber sieh, ich bin gleich fertig.&laquo; Und Hermann
+f&uuml;llte sein Fl&auml;schchen, band es mit gro&szlig;er Ruhe zu und
+sagte: &raquo;Heute war ich schon nicht mehr so schlaftrunken
+wie die ersten Male.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht mu&szlig;
+Ruhe sein, so etwas kann ich nicht haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, da&szlig;
+niemand aufwacht,&laquo; sagte Hermann bittend, &raquo;sieh jetzt bin
+ich schon fertig, mu&szlig; nur wieder aufr&auml;umen.&laquo; Das K&ouml;lbchen
+kam zu der stattlichen Reihe, die schon das zweite Fach
+des Gestells f&uuml;llte. Alles in dem kleinen Reich sah wunderlich,
+<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten sp&auml;ter
+lag Hermann schon wieder im Bett.</p>
+
+<p>Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger
+die Treppe hinunter. &raquo;Dem ist&#8217;s ernst,&laquo; sagte er
+vor sich hin, &raquo;dem ist&#8217;s bitter ernst, der wird Apotheker.&laquo;</p>
+
+<p>Der Fr&uuml;hling war vergangen, der Sommer kam mit
+all der Arbeit, die er auf dem gro&szlig;en Bauernhof bringt.
+Kaum etwas davon drang in Hermanns Zimmer. Rastlos
+gewissenhaft und unerm&uuml;dlich verbrachte er einen Tag wie
+den andern und m&uuml;hte sich ab, um die Geschicklichkeit
+zu erwerben, die manchem andern schon in die Wiege
+gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach der Uhr, die vor ihm
+hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde zwei
+Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fl&auml;schchen gef&uuml;llt
+und zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier
+und im dritten und vierten noch mehr und jetzt im f&uuml;nften
+und letzten Monat ging es ihm von der Hand, da&szlig; es ein
+Spa&szlig; war zuzusehen. Und sie lagen alle s&auml;uberlich in
+Dutzenden zusammengebunden, die wei&szlig;en P&auml;ckchen, ein
+gro&szlig;er Kasten voll und sie standen in ungez&auml;hlten Mengen
+nebeneinander, die kleinen Fl&auml;schchen. Warum er sie aufhob,
+das verstand niemand; der Sand im Pulverpapier, das
+Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?</p>
+
+<p>&raquo;Ein klein wenig Verr&uuml;cktheit ist doch dabei,&laquo; dachte
+im stillen sorglich die Mutter.</p>
+
+<p>Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste
+Arbeit auf den Feldern war getan. Der Landwirt konnte
+befriedigt zur&uuml;ckblicken auf die Arbeit des Sommers. Ein
+stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen gleichm&auml;&szlig;ig
+herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger
+sa&szlig; mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender
+vor sich liegen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Hermann, wie steht&#8217;s jetzt eigentlich mit dir?
+<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Der Sommer w&auml;re vorbei. L&auml;nger kann&#8217;s bei dir so nicht
+weiter gehen, h&ouml;chste Zeit, da&szlig; etwas geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, w&auml;re
+ich so weit, da&szlig; ich mich als Lehrling antragen k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel
+schreiben in der Hauptstadt.&laquo;</p>
+
+<p>Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken,
+da&szlig; ihm der Vorschlag nicht recht war. &raquo;Nun, was gibt&#8217;s?
+Pa&szlig;t dir&#8217;s wieder nicht? Du wirst nach und nach ein
+wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?&laquo;</p>
+
+<p>Da kam es z&ouml;gernd heraus: &raquo;Ich m&ouml;chte wieder in
+die Adlerapotheke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber h&ouml;r!&laquo; rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, &raquo;zu
+<em class="gesperrt">dem</em> Mann, der dich so schn&ouml;d aus dem Haus gejagt hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; sagte der Vater, &raquo;zu <em class="gesperrt">dem</em> gehe ich nicht.&laquo;
+Helene sah &auml;ngstlich zum Bruder auf, wie w&uuml;rde das weiter
+gehen? Sie hatte ja schon lange gesagt: &raquo;Die Eltern sind
+b&ouml;s auf den Apotheker Mohr und werden&#8217;s nicht erlauben.&laquo;
+Aber auch Hermann hatte wohl gewu&szlig;t, da&szlig; die Eltern
+immer noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan
+hatte, und er hatte diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt
+galt es, einzutreten f&uuml;r seinen Mann!</p>
+
+<p>&raquo;Vater,&laquo; sagte er, &raquo;fortgejagt hat er mich nicht,
+freundlich war er bis zuletzt; in aller Liebe hat er mir&#8217;s
+gesagt, da&szlig; er mich nicht brauchen k&ouml;nne, und er hat mich
+auch wirklich nicht brauchen k&ouml;nnen, ich war <em class="gesperrt">zu</em> ungeschickt.
+Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede
+Stunde zutage kommt. Ihm danke ich&#8217;s, da&szlig; mir die
+Augen dar&uuml;ber aufgegangen sind, was mir fehlt, und jetzt
+k&ouml;nnt&#8217; er mich brauchen. Und die Adlerapotheke, Vater,
+das ist eine Apotheke, wie es gewi&szlig; nicht viele gibt und
+musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom
+Mohr ab, von einem ber&uuml;hmten Chemiker, und er macht
+<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>vieles selbst, was andere Apotheker heutzutage nicht mehr
+machen. Er ist ein feiner, gelehrter Mann, bei dem
+k&ouml;nnt&#8217; ich etwas lernen!&laquo;</p>
+
+<p>Immer w&auml;rmer und eifriger hatte Hermann gesprochen,
+jetzt hielt er inne und sah gespannt auf die Eltern, die
+beide schwiegen. Die Schwester fand, da&szlig; der Bruder den
+besten Grund, der f&uuml;r die Adlerapotheke sprach, gar nicht
+vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: &raquo;Neustadt
+ist n&auml;her als die Hauptstadt.&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;ber diese Weisheit mu&szlig;ten die Eltern lachen. &raquo;Ja,
+Neustadt ist n&auml;her,&laquo; sagte der Vater, &raquo;dagegen l&auml;&szlig;t sich
+nicht viel einwenden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hermann, glaub&#8217; mir&#8217;s,&laquo; sprach Frau Hollwanger,
+&raquo;sie nehmen dich dort nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem
+Mann sagen: da kommt wieder der, der in die polierten
+M&ouml;bel N&auml;gel klopft, da&szlig; du mir den nicht herein l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berhaupt,&laquo; sagte Hollwanger, &raquo;werden sie schon einen
+Lehrling haben, zwei k&ouml;nnen sie nicht brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben
+sie zur Aushilfe, der geht aber bald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t&#8217;s ja sehr genau, woher denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat
+ihr immer erz&auml;hlen m&uuml;ssen, wie es in der Apotheke steht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit ist noch lange nicht gesagt, da&szlig; sie dich nehmen.
+Hermann, dort frage ich nicht an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden;
+will er mich nicht, so gehe ich gleich wieder heim und
+wende mich, wohin du willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann
+in Gottes Namen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann,
+da&szlig; die Frau Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder
+Eier oder Rauchfleisch, was meinst du?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>&raquo;Ich glaube, das macht&#8217;s nicht aus, Mutter, und ich
+kann auch gar nichts tragen. Ich will all meine Pulver
+mitnehmen und all meine Fl&auml;schchen, die m&uuml;ssen meine
+Empfehlung sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigl&auml;ser
+voll Wasser? Die willst du mitnehmen? O Bub, da
+wirst du ausgelacht!&laquo; sagte die Mutter.</p>
+
+<p>Hermann stand betroffen. &raquo;Deshalb habe ich sie doch
+gesammelt all die Monate. Wenn ich die nicht zeige, wei&szlig;
+ich nicht, warum er mich annehmen sollte, darauf habe ich
+meine ganze Hoffnung gesetzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; ihn&#8217;s mitnehmen,&laquo; sagte Hollwanger zu seiner
+Frau. &raquo;Jeder hat seine eigene Art. Du w&uuml;rdest&#8217;s mit
+Butter und Rauchfleisch probieren, er meint&#8217;s mit Pulvern
+und Gl&auml;sern durchzusetzen, er soll&#8217;s versuchen, gleich morgen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit viel Kopfsch&uuml;tteln und Achselzucken sah Frau
+Hollwanger am n&auml;chsten Tag ihren Sohn &raquo;den ganzen
+Plunder&laquo;, wie sie es nannte, in den gr&ouml;&szlig;ten Handkoffer
+packen, der aufzutreiben war, und ihr Mi&szlig;trauen machte
+Hermann kleinm&uuml;tig. Gestern war er voll guten Muts
+gewesen, da hatte er die Eltern &uuml;berredet, heute h&auml;tte er
+das nicht vermocht. Aber jetzt gab es kein &raquo;zur&uuml;ck&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Hermann,&laquo; sagte Hollwanger, &raquo;wenn&#8217;s nun fehl
+schl&auml;gt, so nimm&#8217;s nicht schwer; bitten und betteln darfst du
+den Apotheker nicht, du bist eines reichen Landwirts Sohn,
+hast etwas gelernt, kommst &uuml;berall an.&laquo; Er ging und die
+er daheim lie&szlig;, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?</p>
+
+<p>Der Himmel war grau, die Stra&szlig;e aufgeweicht vom
+gestrigen Regen, ein kalter Wind blies. &raquo;Ungut Wetter
+heut zum Wandern!&laquo; sagte ein Wegmacher, der den Schmutz
+von der Stra&szlig;e zusammenscharrte; und er sah Hermann
+nach, der mit seinem Koffer einsam dem St&auml;dtchen zuwanderte,
+zwischen Furcht und Hoffnung schwankend.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen,
+seit er sie im Fr&uuml;hjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden,
+jetzt sah er sie zum erstenmal wieder und blickte nach dem
+schwarzen Adler. &raquo;Bist mir diesmal hold, du finsterer
+Geselle?&laquo; fragte er und trat mit Herzklopfen n&auml;her.</p>
+
+<p>Unter der halb offenen Ladent&uuml;re stand ein junger
+Herr, das mochte der Provisor sein; mit dem wollte Hermann
+nichts zu schaffen haben, so ging er nicht die Steinstufen
+zum Laden hinauf, sondern durch den Seiteneingang
+ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstm&auml;dchen
+und erkannte ihn gleich. &raquo;Die Frau Apotheker ist
+oben,&laquo; sagte sie, f&uuml;hrte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer,
+suchte die Frau Apotheker auf und k&uuml;ndigte ihn
+an: &raquo;Der junge Herr ist da, der einmal ein paar Tage
+in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf
+mich losgelassen hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was, der l&auml;&szlig;t sich auch einmal sehen? Das ist recht,&laquo;
+sagte Frau Mohr, w&auml;hrend sie ihre K&uuml;chensch&uuml;rze ablegte,
+und dann kam sie mit freundlichem Gru&szlig; zu Hermann.
+&raquo;Endlich sieht man Sie einmal,&laquo; sagte sie, &raquo;immer wollten
+wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind
+wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg,
+wie ich am Koffer sehe?&laquo;</p>
+
+<p>Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab.
+&raquo;Das m&uuml;ssen Sie alles auch meinem Mann erz&auml;hlen, ich
+will gleich hinunter und sehen, ob er sich losmachen kann,
+setzen Sie sich, bitte,&laquo; und fort war sie, Hermann allein
+lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum
+Sitzen. Jetzt mu&szlig;te sein &raquo;Plunder&laquo; wirken. Mit raschen,
+geschickten Bewegungen, wie er sie vor einem halben Jahr
+noch nicht zur Verf&uuml;gung gehabt h&auml;tte, nahm er vom Tisch
+den feinen Pl&uuml;schteppich, faltete ihn, legte ihn sorgsam
+auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedr&uuml;ckt
+<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>voll P&uuml;lverchen in wei&szlig;em Papier war, und st&uuml;rzte
+sie &#8211; es waren wohl viele Hunderte &#8211; &uuml;ber den Tisch
+aus, da&szlig; ein hoher Haufe in der Mitte lag; dann behend
+alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen umbundener
+Arzneifl&auml;schchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus.
+Den Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch
+auf dem Grund? Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein,
+er konnte sich nicht entschlie&szlig;en, ihn heraus zu nehmen, er
+h&ouml;rte auch schon den Apotheker mit seiner Frau heraufkommen.
+Hermann ging ihm an die T&uuml;r entgegen, und
+als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der
+ihn vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich
+hinzog, &uuml;berkam ihn eine gro&szlig;e Bewegung, so da&szlig; er
+nicht gleich Worte fand, um des Apothekers herzlichen
+Gru&szlig; zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt, denn
+mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: &raquo;Ei du meine
+G&uuml;te, was haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt
+denn da?&laquo; und sie ging auf den Tisch zu. Der Apotheker
+folgte, und nun f&uuml;hlte Hermann, da&szlig; die Erkl&auml;rung kommen
+mu&szlig;te. &raquo;Es ist nur Plunder,&laquo; sagte er bescheiden, &raquo;es
+ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch
+mehr gemacht im letzten Halbjahr zur &Uuml;bung, damit Sie
+mich als Lehrling brauchen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die
+Bescherung; aber er, der Apotheker lachte nicht; er sah
+genau, pr&uuml;fend und ernsthaft auf das, was vor ihm lag,
+strich mit der Hand durch den gro&szlig;en Haufen der P&uuml;lverchen,
+nahm ein Fl&auml;schchen, band es auf, reichte es Hermann
+hin und sagte: &raquo;Wie haben Sie es gemacht? Ich
+m&ouml;chte es sehen.&laquo; Nun galt es, das Zittern der Aufregung
+zu &uuml;berwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen freien
+Raum des glatt polierten Tisches ein Gl&auml;slein umwarf
+oder nicht gleich mit dem Schn&uuml;rchen zurecht kam? Aber
+<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>nein, er hatte ja nicht vergeblich gearbeitet; es gelang ihm
+im Nu; der Apotheker hatte gerade nur Zeit zu beobachten,
+da&szlig; auch der Daumen seine Schuldigkeit tat. Ebenso schnell
+machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte
+der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter,
+und mit einem Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz
+wurde, sagte er: &raquo;Hermann, jetzt geh&ouml;rst du wirklich in die
+Adlerapotheke!&laquo; Da hatte der junge Mann gerade nur
+zu tun, da&szlig; ihm nicht ganz unm&auml;nnliche Freudentr&auml;nen in
+die Augen traten. Aber die R&uuml;hrung wich bald einem
+solchen Gl&uuml;cksgef&uuml;hl und einer so &uuml;berm&uuml;tigen Fr&ouml;hlichkeit,
+da&szlig; dem w&uuml;rdigen Herrn und seiner Frau das Herz
+aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit beisammen
+sa&szlig;en. Und wenn Hermann erz&auml;hlte, wie er hundertmal
+des Tages die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen
+sei und von dem Schrank seine Wasserkolben
+heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der Uhr
+Fl&auml;schchen gef&uuml;llt habe und auch nachts allw&ouml;chentlich seine
+&Uuml;bungen vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau
+lustig &uuml;ber ihn und nannte ihn einen n&auml;rrischen Kauz und
+sie lachten miteinander dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagen denn deine Eltern dazu?&laquo; fragte der
+Apotheker.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sind sie nicht b&ouml;s auf uns gewesen?&laquo; setzte Frau
+Mohr hinzu. Da fiel Hermann der Butterballen ein;
+jetzt, ja jetzt konnte der seine Dienste leisten; rasch holte er
+ihn, &uuml;berreichte ihn der Frau Apotheker und sagte: &raquo;Das
+ist ein Gru&szlig; von meiner Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah,&laquo; sagte diese, &raquo;sieh, das freut mich ganz besonders,
+ich hatte immer das Gef&uuml;hl, sie sei gekr&auml;nkt.&laquo;</p>
+
+<p>Drau&szlig;en hatte es wieder angefangen zu regnen, der
+Wind schlug die Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann
+sah nach dem Fenster. &raquo;Jetzt gehe ich heim.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>&raquo;Jetzt gerade?&laquo; fragten sie ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,&laquo; antwortete
+Hermann, &raquo;da drau&szlig;en ist&#8217;s lustig jetzt.&laquo;</p>
+
+<p>War&#8217;s drau&szlig;en oder war&#8217;s drinnen im Herzen so
+lustig? &raquo;Auf Wiedersehen am ersten Oktober,&laquo; sagten sie
+zueinander.</p>
+
+<p>Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an
+den Tisch zur&uuml;ck, an dem ihr Mann sinnend stand und mit
+Wohlgefallen in den P&uuml;lverchen w&uuml;hlte. &raquo;Recht geschickt
+ist er geworden in der kurzen Zeit,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Geschickt? ja,&laquo; antwortete der Apotheker. &raquo;Geschickt
+sind manche. Aber solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit,
+hast du die schon getroffen, Frau? Damit
+richtet man Gro&szlig;es aus in der Welt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So h&auml;tte er doch studieren sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen
+in der Apotheke; wenn Gott einen gro&szlig;en Geist in
+ihn gelegt hat, so bricht der sich Bahn, und ich will ihm
+helfen und ihn f&ouml;rdern, so gut ich kann.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&ouml;hlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem
+Menschen begegnete er in dem Unwetter, auch der Wegmacher
+hatte sich gefl&uuml;chtet. Jetzt hatte er sein Dorf, sein
+Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ert&ouml;nte sein
+Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen
+Schritt nicht. &raquo;Das ist nicht Hermann, wer kann&#8217;s sein?
+Wer kommt?&laquo; fragte die Mutter, als er schon die Zimmert&uuml;re
+&ouml;ffnete und triumphierend ausrief: &raquo;Der Lehrling von
+der Adlerapotheke!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a></p>
+<h2><a name="Bei_der_Patin" id="Bei_der_Patin"></a>Bei der Patin.</h2>
+
+
+<h3>I.</h3>
+
+<p>&raquo;Heinrich, schl&auml;fst du schon?&laquo; fragte leise eine Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich kann nicht einschlafen,&laquo; antwortete ebenso
+leise eine zweite. In dem Schlafzimmer, in das nur durch
+die Stra&szlig;enlaterne ein schwacher Lichtschimmer fiel, standen
+zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein Knabenkopf
+auf. &raquo;Komm zu mir, aber leise,&laquo; sprach die erste Stimme
+wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer
+und Heinrich schlupfte zu seinem Bruder Konrad
+ins Bett. Sonst schliefen die beiden, sie waren zw&ouml;lf und
+dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber heute,
+wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen
+alles gewesen war seit des Vaters Tod, heute lie&szlig; der
+Jammer sie nicht einschlafen. Und zum Jammer kamen
+auch noch die ersten Sorgen.</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist&#8217;s gar nicht recht, da&szlig; der Vormund uns zu
+Bett geschickt hat,&laquo; sagte Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Mir auch nicht, ich h&auml;tte so gern geh&ouml;rt, ob er mit
+der Tante und mit Fr&auml;ulein Stahlhammer &uuml;ber unsere
+Zukunft spricht. Mir ist alles recht, wenn sie uns nur
+beisammen lassen,&laquo; sagte Konrad.</p>
+
+<p>&raquo;Das <em class="gesperrt">m&uuml;ssen</em> sie doch! Sie k&ouml;nnen uns doch nicht
+aus dem Haus vertreiben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht, da&szlig; wir dableiben d&uuml;rfen, wer soll
+denn die Haushaltung f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>&raquo;Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast
+immer in der Schule und das Kl&auml;rchen macht nicht viele
+M&uuml;he.&laquo; Kl&auml;rchen war das einzige Schwesterchen, f&uuml;nf
+Jahre alt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht, da&szlig; sie uns hier lassen. Sie werden
+sagen: es geht nicht,&laquo; meinte Konrad. &raquo;Ja,&laquo; sagte Heinrich
+&auml;rgerlich, &raquo;immer hei&szlig;t es gleich: es geht nicht, wenn einmal
+etwas anders ist als gew&ouml;hnlich. Wo meinst du denn,
+da&szlig; sie uns hintun wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu irgend welchen Verwandten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und
+Tante Kuhn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte, der Onkel w&auml;re unser Vormund, ihn habe
+ich tausendmal lieber als den Herrn Rat Stahlhammer
+als Vormund, warum haben wir doch den und nicht Onkel
+Kuhn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater
+starb, und Herr Rat Stahlhammer war hier und war ein
+Freund des Vaters, darum hat ihn nach des Vaters Tod
+die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine Schwester
+ist ja auch die Patin von Kl&auml;rchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Patin ist gerade so steif und unheimlich gro&szlig;
+wie der Herr Rat selbst; wie sie heute zur Beerdigung
+hereingekommen ist, hat sich Kl&auml;rchen ordentlich vor ihr
+gef&uuml;rchtet. Da ist doch die Tante ganz anders, die erinnert
+mich so an die Mutter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, bei ihr w&auml;re gewi&szlig; auch Kl&auml;rchen am liebsten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also, wenn &uuml;ber uns beschlossen wird, sagen wir:
+Am liebsten bleiben wir, wo wir sind, und wenn das nicht
+geht, m&ouml;chten wir zu Onkel und Tante Kuhn hinaus in
+die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei beisammen
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>&raquo;Ja,&laquo; sagte Heinrich, &raquo;und das <em class="gesperrt">m&uuml;ssen</em> sie uns
+erlauben.&laquo;</p>
+
+<p>Es schlug zw&ouml;lf Uhr.</p>
+
+<p>&raquo;So sp&auml;t schon,&laquo; sagte Konrad.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe,&laquo; sagte Heinrich; mit einem Satz war er
+wieder in seinem Bereich und nach kurzer Zeit wurde es
+still im Schlafzimmer, beide Br&uuml;der schliefen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die Br&uuml;der im Schlafzimmer Beratung hielten,
+wurde ohne da&szlig; sie es wu&szlig;ten, in ihres verstorbenen Vaters
+Zimmer schon &uuml;ber ihr Schicksal entschieden. Drei Personen
+sa&szlig;en da zur Beratung beisammen: der Vormund, Rat
+Stahlhammer; seine Schwester, Fr&auml;ulein Stahlhammer, und
+Frau Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen
+Mutter. Diese hatte sich, auch im Namen ihres Mannes,
+bereit erkl&auml;rt, die beiden Knaben zu sich zu nehmen und
+mit ihren eigenen Kindern und Kostg&auml;ngern zu erziehen.
+Gerne h&auml;tte sie auch die kleine Schwester dazu genommen,
+doch war es neben der gro&szlig;en Knabenschar nicht m&ouml;glich.</p>
+
+<p>Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten
+f&uuml;r die zwei Knaben angenommen und die &Uuml;berzeugung
+ausgesprochen, da&szlig; seine Schwester, Fr&auml;ulein Stahlhammer,
+die in dem nahen St&auml;dtchen Waldeck ein H&auml;uschen
+besa&szlig; und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergn&uuml;gen
+aufnehmen w&uuml;rde. Aber Fr&auml;ulein Stahlhammer, eine gro&szlig;e,
+stattliche Gestalt von ernstem Aussehen, erkl&auml;rte zu des
+Bruders Erstaunen, da&szlig; sie seinen Wunsch nicht erf&uuml;llen
+k&ouml;nne. Das kam dem Vormund sehr unbequem. &raquo;Ich
+kann nicht begreifen,&laquo; sprach er zu seiner Schwester, &raquo;warum
+du dich weigerst, dein Patenkind <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'zur'">zu</ins> dir zu nehmen. Du
+lebst ganz allein mit deinem Dienstm&auml;dchen, du kannst
+frei &uuml;ber deine Zeit verf&uuml;gen, du hast Platz im Hause;
+Ausgaben w&uuml;rde das Kind dir nicht machen, denn seine
+Eltern haben ja genug hinterlassen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>&raquo;Ach wegen des Geldes w&auml;re es mir ja nicht,&laquo; antwortete
+Fr&auml;ulein Stahlhammer.</p>
+
+<p>&raquo;Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir
+nehmen?&laquo; sagte Herr Stahlhammer etwas ungeduldig.
+&raquo;Jedermann kann es von dir erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein herzig liebes Ding,&laquo; warf die Tante dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Bei allen m&ouml;glichen Vereinen und wohlt&auml;tigen Anstalten
+bist du, da tust du Gutes, und hier, wo du die
+N&auml;chste dazu w&auml;rst, willst du nicht. Was ist der Grund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bruder, du wei&szlig;t es doch. Ich habe schon einmal
+eine traurige Erfahrung gemacht mit zwei Waisenkindern,
+die ich bei mir hatte; ich habe genug darunter gelitten und
+will nicht noch einmal solch bittere Entt&auml;uschung erleben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener
+geworden und wirst die Sache geschickter anstellen
+als damals,&laquo; sagte der Rat. Aber seine Schwester wollte
+nicht nachgeben. &raquo;Nicht jedermann versteht es mit Kindern,&laquo;
+sagte sie, &raquo;ich habe sie lieb, aber sie schlie&szlig;en sich nicht an
+mich an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, darauf kommt&#8217;s nicht an; du hattest damals
+solch t&ouml;richte Gedanken, da&szlig; du vor allem ihre Liebe gewinnen
+wolltest und dergleichen. H&auml;ttest du sie mit geh&ouml;riger
+Strenge von Anfang an behandelt, so w&auml;ren sie nicht so
+nichtsnutzig geworden. &Uuml;brigens werde ich als Vormund
+meine Pflicht nicht vers&auml;umen. Ich werde so oft als m&ouml;glich
+zu dir hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person
+den Kopf zurechtsetzen, und es w&auml;re doch l&auml;cherlich, wenn
+wir zwei Leute, die gr&ouml;&szlig;ten weit und breit, mit dem kleinen
+Ding nicht zurecht k&auml;men. Und sage selbst, wer soll denn
+das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen
+Junggesellen, nicht zumuten?&laquo;</p>
+
+<p>Eine lange Pause entstand. Fr&auml;ulein Stahlhammer
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>schien wankend zu werden. &raquo;Wenn du sie mir auf Probe
+geben willst,&laquo; sagte sie endlich, &raquo;dann will ich mich dazu
+verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu nehmen, f&uuml;r
+mehr verpflichte ich mich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, freilich, wenn du sie nur zun&auml;chst einmal
+nimmst, dann kann man ja sp&auml;ter weiter sehen,&laquo; rief Herr
+Stahlhammer sichtlich erleichtert. Noch hatte er einen
+kleinen Kampf zu bestehen, denn die Schwester erkl&auml;rte,
+da&szlig; sie am n&auml;chsten Morgen mit dem ersten Zug heimreisen
+m&uuml;sse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen,
+um das Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch
+die Tante der Kinder bei, aber der Vormund war der
+Meinung, da&szlig; das Kind gleich am n&auml;chsten Tag zu seiner
+Patin reisen sollte.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich f&uuml;gte sich die Schwester auch in diesem
+Punkt und so wurde beschlossen, da&szlig; der Vormund am
+n&auml;chsten Morgen das Kind abholen und es ihr an die
+Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstm&auml;dchen
+die n&ouml;tigen Auftr&auml;ge und dann verlie&szlig;en alle drei das
+Trauerhaus.</p>
+
+<p>Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein
+Gast war, verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn.
+Diese sah den gro&szlig;en Gestalten, die sich ernst und schweigend
+miteinander entfernten, nach, und leise sprach sie vor sich
+hin: &raquo;Armes Kl&auml;rchen, k&ouml;nnte ich dich doch bei uns aufnehmen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen
+des Abends, die Sorge f&uuml;r seine drei M&uuml;ndel war
+ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie schweigend in n&auml;chtlicher Stunde neben
+dem Bruder durch die Stra&szlig;en schritt, dachte sie zur&uuml;ck an
+eine bittere Stunde ihres Lebens, wo der Waisenhausvater
+gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder abzuholen,
+<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie h&ouml;rte
+wieder die Worte, die er ihr gesagt: &raquo;Nicht jedermann versteht
+es mit Kindern!&laquo;</p>
+
+
+<h3>II.</h3>
+
+<p>&raquo;Wach&#8217; auf, Kl&auml;rchen, Herzchen, h&ouml;rst du mich nicht?
+Wach&#8217; auf, wach&#8217; auf, ich sage dir etwas.&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten bem&uuml;hte sich am n&auml;chsten Morgen
+in aller Fr&uuml;he Rike, das Dienstm&auml;dchen, Kl&auml;rchen zu wecken.
+Das Kind schlug endlich die Augen auf und sah erstaunt
+auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon die
+Str&uuml;mpfe herreichte. Kl&auml;rchen ging noch nicht in die Schule
+und so hatte sie bisher ausschlafen d&uuml;rfen, und es war f&uuml;r
+sie etwas ganz Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war
+noch recht kindlich f&uuml;r ihr Alter, ein herziges M&auml;dchen,
+der Liebling von allen im Haus und selbst voll Liebe f&uuml;r
+alle, die sie umgaben. &raquo;Warum weckst du mich, Rike?&laquo;
+fragte die Kleine ganz neugierig.</p>
+
+<p>&raquo;Steh&#8217; nur geschwind auf, ich sag&#8217; dir&#8217;s schon, Herzenskind.
+Aber wir m&uuml;ssen schnell machen,&laquo; und nun half
+Rike dem Kind, das bald ganz munter war, beim Waschen
+und Ankleiden.</p>
+
+<p>&raquo;Aber jetzt sag&#8217; mir doch, Rike, was es gibt?&laquo; fragte
+Kl&auml;rchen.</p>
+
+<p>&raquo;Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll
+dich wecken, du sollst mit seiner Schwester abreisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit meiner Patin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil die Mama gestorben ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>Hatte Rike die Frage &uuml;berh&ouml;rt? Sie gab keine Antwort
+darauf, sie kn&uuml;pfte eifrig Kl&auml;rchens Stiefelchen zu
+<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>und beugte sich so dar&uuml;ber, da&szlig; Kl&auml;rchen ihr Gesicht nicht
+sehen konnte. Pl&ouml;tzlich aber fiel ein Tropfen herunter auf
+die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Kl&auml;rchen
+sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden
+Kinderh&auml;ndchen &uuml;ber die Backen und sagte: &raquo;Gelt, Rike,
+du bist traurig wegen der Mama.&laquo;</p>
+
+<p>Rike konnte nur nicken, griff nach Kl&auml;rchens schwarzem
+Kleid, lie&szlig; sie hineinschlupfen und sagte dann: &raquo;Komm
+nur schnell, ich habe dir schon dein Fr&uuml;hst&uuml;ck gerichtet, du
+hast gar nicht mehr lange Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist der Konrad und der Heinrich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die schlafen noch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehen sie denn nicht mit mir?&laquo;</p>
+
+<p>Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe sch&uuml;tteln.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haust&uuml;re.
+Rike sah hinunter. &raquo;Wahrhaftig, das ist schon der
+Herr Vormund. Du sollst herunter kommen, es sei h&ouml;chste
+Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und deinen Hut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich soll doch mit der Patin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die wird am Bahnhof auf dich warten.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt war Kl&auml;rchen fertig und Rike wollte mit ihr
+hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nur einen Augenblick,&laquo; rief die Kleine und sprang
+hin&uuml;ber in das Schlafzimmer, wo die beiden Br&uuml;der, die
+nachts so sp&auml;t eingeschlafen waren, noch schliefen. &raquo;Lebwohl,
+Konrad, lebwohl, Heinrich, ich mu&szlig; zur Patin,&laquo; rief sie, aber
+noch ehe die Br&uuml;der recht wach waren, t&ouml;nte die Hausglocke
+noch einmal so heftig und laut, da&szlig; die Kleine erschreckt
+hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.</p>
+
+<p>Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein b&ouml;ses
+Gesicht, und als Rike vollends das Kind noch an sich
+<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>dr&uuml;ckte und ihm unter lautem Schluchzen lebewohl sagte,
+rief er: &raquo;Sie alberne Gans, mu&szlig; sie dem Kind das Herz
+noch schwer machen?&laquo; Ungeduldig zog er das Kind von
+ihr weg und f&uuml;hrte es in gro&szlig;en, eiligen Schritten nach
+der Bahn.</p>
+
+<p>Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad
+und Heinrich mit Fragen best&uuml;rmt. &raquo;Wo ist Kl&auml;rchen hingekommen?
+Mit wem ist sie gegangen? Warum hat man
+uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht
+fr&uuml;her geweckt?&laquo;</p>
+
+<p>Da sie nun h&ouml;rten, da&szlig; der Vormund ausdr&uuml;cklich befohlen
+habe, sie nicht zu wecken, geriet Heinrich in eine
+wahre Wut, wollte der kleinen Schwester nacheilen und sie
+mit Gewalt zur&uuml;ckholen. Nur mit M&uuml;he konnten Rike und
+Konrad ihn &uuml;berzeugen, da&szlig; das vergeblich w&auml;re. Wie ein
+Balsam war es f&uuml;r die aufgeregten Gem&uuml;ter, als ganz
+unerwartet in aller Fr&uuml;he die Tante, Frau Professor Kuhn,
+eintrat. Sie war die Schwester der verstorbenen Mutter
+und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie es stand:
+da&szlig; Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte,
+und Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. &raquo;Ich habe mir&#8217;s
+gedacht, wie es euch ums Herz sein wird, liebe Kinder,
+darum bin ich so fr&uuml;he schon zu euch gekommen. Ich h&auml;tte
+so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, da&szlig; er die
+Sache anders einrichte, aber er hielt es so f&uuml;rs Beste und
+da konnte ich nichts machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,&laquo;
+fuhr Heinrich auf, &raquo;uns heimlich so die Schwester
+wegzunehmen ohne Abschied!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Kleinen ist&#8217;s vielleicht wirklich so am leichtesten
+geworden,&laquo; beg&uuml;tigte die Tante, &raquo;sie war gewi&szlig; nicht so
+traurig, als wenn sie euren Schmerz gesehen h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist wahr,&laquo; sagte Rike, &raquo;gar nicht geweint
+<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>hat sie und so gutwillig hat sie sich fortf&uuml;hren lassen wie
+ein L&auml;mmlein zur Schlachtbank.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Vergleich pa&szlig;t nun doch gottlob nicht,&laquo; sagte
+l&auml;chelnd die Tante, &raquo;mit der Schlachtbank wollen wir das
+Haus der Patin nicht vergleichen.&laquo; Dabei legte sie den
+Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein T&auml;&szlig;chen
+Kaffee mit ihnen und war so liebreich, da&szlig; die Br&uuml;der sich
+allm&auml;hlich beruhigten.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?&laquo;
+fragte Konrad; &raquo;k&ouml;nnen wir im Haus bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das nicht, ihr w&uuml;rdet gar bald selbst einsehen,
+da&szlig; ihr in einer Haushaltung ohne Vater und Mutter
+nicht versorgt w&auml;ret. Wenn ihr aber gern zu uns kommt,
+so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und
+ich. Am liebsten h&auml;tten wir freilich euch alle drei mitgenommen,
+aber wir k&ouml;nnen es mit dem besten Willen nicht
+machen. Es wird schon jetzt das Haus fast zu eng sein,
+aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine drei Buben
+und auch die vier Kostg&auml;nger freuen sich auf euch.&laquo;</p>
+
+<p>Konrad stand auf, k&uuml;&szlig;te die Tante tief bewegt und
+dankte ihr f&uuml;r ihre G&uuml;te und auch Heinrich war wieder
+getrost, ohne die Mutter und Kl&auml;rchen w&auml;re es doch nicht
+mehr sch&ouml;n gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch
+einen Trost. &raquo;Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wi&szlig;t
+ihr; es ist nur ein halbes St&uuml;ndchen mit der Bahn oder
+ein paar Stunden zu Fu&szlig;; da k&ouml;nnt ihr Sonntags Kl&auml;rchen
+besuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist fein, Tante,&laquo; sagte Heinrich. &raquo;Wenn nur
+die Patin so w&auml;re wie du oder die Mutter, dann w&auml;re
+ich ganz getrost wegen Kl&auml;rchen. Aber sie ist so ganz
+anders, ich glaube, Kl&auml;rchen wird sich f&uuml;rchten vor ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es soll aber ein vortreffliches Fr&auml;ulein sein, die
+Patin; sie tut sehr viel f&uuml;r Arme und Vereine, da mu&szlig;
+<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>sie doch ein gutes Herz haben, und Kl&auml;rchen wird das
+schon herausf&uuml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann d&uuml;rfen wir zu euch &uuml;bersiedeln, Tante?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sowie ich daheim alles f&uuml;r euch ger&uuml;stet habe und
+hier die Haushaltung aufgel&ouml;st ist, holt euch der Onkel.
+Bis dahin haltet euch still und lieb bei eurer Rike.&laquo;</p>
+
+<p>Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus
+zur&uuml;ck, das ihnen ganz ver&auml;ndert schien. Seit dem Tod
+der Mutter und der Abreise des Schwesterchens war jeder
+Sonnenschein daraus gewichen und sie mu&szlig;ten sich selbst
+sagen: Es w&auml;re nicht sch&ouml;n, so fortzuleben.</p>
+
+
+<h3>III.</h3>
+
+<p>Am Nachmittag stand Mine, das Dienstm&auml;dchen von
+Fr&auml;ulein Stahlhammer, unter der Haust&uuml;re und plauderte
+mit dem M&auml;dchen des Nachbarhauses. &raquo;Ist&#8217;s wahr, da&szlig;
+dein Fr&auml;ulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht hat,
+das ganz bei euch bleiben soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schon so, wenigstens f&uuml;r ein halbes Jahr auf
+Probe; ein kleines nettes Dingchen ist es, das einen ganz
+treuherzig anblickt. In seinem schwarzen Trauerkleidchen
+sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem leid, so fr&uuml;h
+verwaist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, es wird&#8217;s gut bekommen bei euch, und bald
+wieder lustig sein.&laquo; Aber Mine sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Ich
+kann&#8217;s nicht brauchen, es mu&szlig; mir wieder fort aus dem
+Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich ist&#8217;s mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen?
+Kann ich wie bisher abends ausgehen, wenn das Fr&auml;ulein
+im Verein oder in der Ausschu&szlig;sitzung ist und das Kind
+daheim l&auml;&szlig;t? Kann ich Sonntags hin, wo ich will, wenn
+<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>das Fr&auml;ulein im M&auml;gdehaus zum Vorlesen ist und mir
+das Kind &uuml;bergibt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr, so gut hast du&#8217;s dann nimmer wie bisher,
+aber du wirst&#8217;s nicht &auml;ndern k&ouml;nnen.&laquo; &#8211; &raquo;Das wollen
+wir erst sehen! Es waren schon einmal zwei Waisenkinder
+da, aber nicht lange, daf&uuml;r habe ich gesorgt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beh&uuml;t&#8217; mich Gott, da w&uuml;rde ich mich der S&uuml;nde
+f&uuml;rchten! Im Gegenteil, ich tue ja dem armen W&uuml;rmchen
+nur Gutes, wenn ich sorge, da&szlig; es anderswohin kommt,
+wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht, du
+wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich mu&szlig; hinauf,
+mein Fr&auml;ulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht
+sie nie etwas um diese Zeit, so ist&#8217;s eben, wenn ein Kind
+da ist, fort mu&szlig; es!&laquo;</p>
+
+<p>Oben in dem gro&szlig;en Wohnzimmer sa&szlig; Fr&auml;ulein Stahlhammer
+und ihr gegen&uuml;ber das Kind. Ihm kam es so unheimlich
+vor in dem fremden Raum bei der Patin, die sie
+kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort
+gewesen, und nun &uuml;berkam sie ein schmerzliches Heimweh,
+und anstatt die Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing
+sie ganz bitterlich an zu schluchzen. &raquo;So war es damals
+auch,&laquo; dachte Fr&auml;ulein Stahlhammer, &raquo;als die zwei Waisenkinder
+den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern
+unheimlich bei mir, und wenn die gr&ouml;&szlig;eren sich nicht bei
+mir eingew&ouml;hnten, wie sollte es das kleine Gesch&ouml;pfchen
+fertig bringen?&laquo; Ihr Herz trieb sie, Kl&auml;rchen zu tr&ouml;sten,
+aber sie wollte dieses Kind nicht auch mit Liebe verw&ouml;hnen,
+sie hielt sich zur&uuml;ck und sagte: &raquo;Du wirst wohl m&uuml;de sein,
+weil du fr&uuml;h aufgestanden bist; ich will Mine rufen, da&szlig;
+sie dein Bett richtet, dann schl&auml;fst du ein St&uuml;ndchen.&laquo;
+Als das Bett gerichtet war und Fr&auml;ulein Stahlhammer
+das weinende Kind ins Schlafzimmer f&uuml;hren wollte, ergriff
+<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>Mine rasch die kleine Gestalt, hob sie auf den Arm und
+sagte: &raquo;Es wird besser sein, wenn ich sie das erstemal
+lege, sie f&uuml;rchtet sich wohl noch vor der gro&szlig;en Patin,&laquo;
+und Fr&auml;ulein Stahlhammer lie&szlig; es zu. Beim Auskleiden
+sagte Mine zu der Kleinen: &raquo;Weinen darfst du nicht, sonst
+wird die Patin b&ouml;se, darfst auch nicht merken lassen, da&szlig;
+du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du Heimweh
+hast, dann sag&#8217; du&#8217;s nur immer mir, vor der Patin sei
+ganz still.&laquo;</p>
+
+<p>Bald hatte Kl&auml;rchen sich in den Schlaf geweint und
+Mine verlie&szlig; das Zimmer. &raquo;Ich will schon f&uuml;r das Kind
+sorgen, wenn es aufwacht, solange Sie in Ihrem Verein
+sind,&laquo; sagte Mine zu Fr&auml;ulein Stahlhammer und diese
+dachte: &raquo;Wie froh bin ich, da&szlig; Mine die Kinder gern hat
+und besser versteht als ich.&laquo; Ehe sie aber in den Verein
+ging, schlich sie leise in das Schlafzimmer, sa&szlig; lange an
+dem Kinderbett, sah auf das liebliche, unschuldige Gesichtchen
+und fl&uuml;sterte endlich: &raquo;O, wie m&uuml;&szlig;te es so k&ouml;stlich
+sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>Kl&auml;rchen geh&ouml;rte nicht zu den Kindern, die sich schnell
+an neue Verh&auml;ltnisse gew&ouml;hnen. In den n&auml;chsten Tagen
+schlich sie gar tr&uuml;bselig umher, die Sehnsucht nach der
+Mutter und den Br&uuml;dern erf&uuml;llte ihr ganzes Herz. Es
+dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten
+Besuch, denn es lag ihm sehr daran, da&szlig; seine Schwester
+gut zurecht k&auml;me mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er
+traf die Kleine bei dem M&auml;dchen, Fr&auml;ulein Stahlhammer
+war nicht zu Hause. &raquo;Nun, wie geht es mit dem Kind?&laquo;
+fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. &raquo;O, nicht gut,
+Herr Rat,&laquo; antwortete diese, &raquo;das Kind gew&ouml;hnt sich nicht
+an seine Patin, es mag sie nicht.&laquo; Kl&auml;rchen stand dabei
+und sah &auml;ngstlich und erschrocken auf, als sie diese Worte
+h&ouml;rte und bemerkte, wie sich die Z&uuml;ge des Vormunds verfinsterten.
+<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>&raquo;So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde
+sagen,&laquo; sprach er verweisend zu dem M&auml;dchen, nahm Kl&auml;rchen
+an der Hand und f&uuml;hrte sie in das Zimmer. Er
+wollte das Kind geh&ouml;rig ausschelten und ihm den Kopf
+zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen hatte.
+Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah,
+so recht wie ein hilfsbed&uuml;rftiges Gesch&ouml;pfchen, da kam doch
+etwas wie Mitleid &uuml;ber den gro&szlig;en, starken Mann. &raquo;Ich
+tue dir nichts,&laquo; sagte er, &raquo;du brauchst nicht so vor mir zu
+zittern. Aber h&ouml;re, was ich dir sage: Dein Vater ist gestorben
+und deine Mutter ist gestorben, und die Br&uuml;der
+sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand
+da, der f&uuml;r dich sorgen mag au&szlig;er deiner Patin; du
+mu&szlig;t ihr gehorchen, ihr dankbar sein und sie lieb haben
+wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares Kind,
+verstehst du das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete leise die Kleine.</p>
+
+<p>&raquo;Versprich mir, da&szlig; du nicht undankbar sein willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nicht undankbar sein,&laquo; wiederholte Kl&auml;rchen
+und sah dabei ganz ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede
+des Vormunds wohl verstanden und fing an zu begreifen,
+da&szlig; die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem sie sie
+zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort
+etwas wie Liebe und Dankbarkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Mine,&laquo; sagte sie sp&auml;ter zu dem M&auml;dchen, &raquo;ich mu&szlig; die
+Patin lieb haben wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann man nicht von dir verlangen,&laquo; sagte Mine,
+&raquo;kein Kind hat die Patin so lieb wie seine Mutter, und
+sie ist ja auch gar keine Mutter und hat dich nicht so lieb
+wie ihr Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber gelt, ein bi&szlig;chen lieb hat sie mich doch, sie hat
+mich ja auch zu sich genommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht aus Liebe, blo&szlig; weil es der Vormund
+<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>verlangt hat,&laquo; sagte Mine. Da fiel ein tr&uuml;ber Schatten
+&uuml;ber das Gesichtchen der Kleinen und die erwachende Liebe
+erlosch bei den kalten Worten: &raquo;Blo&szlig; weil es der Vormund
+verlangt hat.&laquo;</p>
+
+
+<h3>IV.</h3>
+
+<p>Leicht hatten sich inzwischen die Br&uuml;der bei Onkel und
+Tante eingew&ouml;hnt. Aber je mehr sie sich einlebten in der
+neuen Umgebung, um so sehnlicher w&uuml;nschten sie auch ihre
+Schwester herbei und t&auml;glich wurde der Kleinen, von
+der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der
+Vormund hatte bestimmt, da&szlig; in den ersten vier Wochen
+die Geschwister sich nicht besuchen sollten, damit beide Teile
+vor dem ersten Wiedersehen den Trennungsschmerz schon
+&uuml;berwunden und sich in die neuen Verh&auml;ltnisse eingew&ouml;hnt
+h&auml;tten. Kl&auml;rchen wu&szlig;te davon nichts; die Br&uuml;der hingegen
+erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, f&uuml;r den
+ihnen der Besuch in dem St&auml;dtchen Waldeck versprochen
+war, und fast ebensosehr sehnte sich die treue Tante danach,
+durch die Br&uuml;der Nachricht von der kleinen Nichte zu
+erhalten.</p>
+
+<p>Es war ein tr&uuml;ber Novembertag. Die Knaben machten
+sich gleich nach Tisch auf den Weg und kamen nach einem
+t&uuml;chtigen Marsch in dem St&auml;dtchen an. Die Patin vermutete
+den Besuch wohl, doch wollte sie Kl&auml;rchen nichts
+vorher davon sagen; sie freute sich auf die &Uuml;berraschung
+des Kindes und gab nur heimlich dem M&auml;dchen den Auftrag,
+etwas f&uuml;r den Empfang der jungen Wanderer bereit
+zu stellen. Als Mine erfuhr, was f&uuml;r G&auml;ste erwartet
+wurden, sp&auml;hte sie flei&szlig;ig zum Fenster hinaus; denn sie
+wollte die Br&uuml;der sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es
+dauerte nicht lange, so sah sie zwei fremde Knaben des
+Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an den H&uuml;ten und
+<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Mine konnte nicht zweifeln, da&szlig; es die Erwarteten seien.
+Rasch ergriff sie Kl&auml;rchen, die im Vorplatz mit ihrem
+Puppenwagen spielte und fl&uuml;sterte ihr zu: &raquo;Komm mit, ich
+wei&szlig; etwas, das dich freut,&laquo; und dann eilte sie mit dem
+Kind die Treppe hinunter. Die Br&uuml;der waren inzwischen
+schon in die N&auml;he des Hauses gekommen, Kl&auml;rchen erkannte
+sie auf den ersten Blick und st&uuml;rzte ihnen laut aufjubelnd
+entgegen. Aber im &Uuml;berma&szlig; der unerwarteten Freude und
+in Erinnerung ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel
+gleich in Tr&auml;nen &uuml;ber, zur gro&szlig;en Best&uuml;rzung der Knaben,
+die sich die helle Freude des Kindes auf dem ganzen Wege
+ausgemalt hatten. &raquo;Sie d&uuml;rfen sich nicht wundern, da&szlig;
+das Kind weint,&laquo; sprach nun Mine, &raquo;es hat so Heimweh
+nach Ihnen, und es ist ja auch kein Wunder, wenn man
+so klein schon unter fremde Leute kommt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat sie sich noch gar nicht eingew&ouml;hnt?&laquo; fragte Konrad
+bek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingew&ouml;hnen.
+Ein Kind geh&ouml;rt zu Kindern, da kann es sich vergessen,
+aber nicht bei einem einsamen Fr&auml;ulein, die &uuml;berdies halbe
+Tage lang gar nicht zu Hause ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?&laquo; rief
+Heinrich und bemerkte in seiner Erregtheit nicht, wie der
+&auml;ltere Bruder ihm zu bedeuten suchte, da&szlig; es nicht passend
+sei, weiter das Dienstm&auml;dchen auszufragen. &raquo;Ich will
+nichts sagen, es schickt sich auch nicht f&uuml;r mich,&laquo; antwortete
+Mine, &raquo;aber das Kind ist kreuzungl&uuml;cklich, und wenn das
+noch lange dauert, so wird es noch krank werden.&laquo;</p>
+
+<p>Besorgt sahen die Br&uuml;der in das Gesichtchen der
+Kleinen. Freilich, so frisch und bl&uuml;hend wie fr&uuml;her sah
+es in diesem Augenblick nicht aus, und jetzt hatte sie
+einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn
+zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar
+<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>wichtig vor: es hatte erfahren, da&szlig; es ungl&uuml;cklich und zu
+bedauern sei.</p>
+
+<p>Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die
+Treppe hinaufkamen, waren sie in ganz anderer Stimmung
+als noch vor wenigen Minuten; sie bedauerten die Schwester
+und grollten der Patin. So traten die drei Geschwister in
+das Zimmer zu Fr&auml;ulein Stahlhammer. Diese hatte sich
+gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie
+ganz um ihre Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie
+ihnen entgegen; denn ein Blick auf Kl&auml;rchen zeigte ihr, da&szlig;
+diese geweint hatte. Auch klammerte sie sich fest an den
+Arm ihres gro&szlig;en Bruders, und die ganze Gruppe sah eher
+feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun
+los von der Kleinen, begr&uuml;&szlig;te Fr&auml;ulein Stahlhammer artig,
+richtete ihr Empfehlungen der Tante aus und erinnerte dadurch
+auch Heinrich an das, was sich schickte; doch behielt
+dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den ganzen
+Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht.
+Kl&auml;rchen h&auml;tte im Gl&uuml;ck &uuml;ber das Wiedersehen mit den
+Br&uuml;dern wohl alles andere bald vergessen, aber Mine hatte
+die Gelegenheit wahrgenommen, ihr zuzufl&uuml;stern: &raquo;Mu&szlig;t
+recht traurig und still sein, dann nehmen dich die Br&uuml;der
+vielleicht ganz mit heim,&laquo; und so war die ganze liebliche
+Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Br&uuml;dern kam sie
+gar sonderbar ver&auml;ndert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten
+sie sich abends von der kleinen Schwester.</p>
+
+<p>Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten
+mit teilnehmenden Fragen empfangen. Konrad gab nur
+kurzen Bescheid, es war ihm so traurig zumute, da&szlig; er
+f&uuml;rchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich hatte
+um so mehr das Bed&uuml;rfnis, sich auszusprechen. Onkel und
+Tante sollten es nur wissen, wie ungl&uuml;cklich sein Schwesterchen
+sei. Er schilderte das Wiedersehen auf der Stra&szlig;e,
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>die Tr&auml;nen der Kleinen, ihr ver&auml;ndertes Aussehen, den
+Bericht des Dienstm&auml;dchens und die gro&szlig;e, ernste Gestalt
+der Patin, vor der er sich selbst gef&uuml;rchtet h&auml;tte, und nannte
+es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,&laquo; warf
+Konrad dazwischen, &raquo;sie hat eigentlich kein unfreundliches
+Wort gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Besch&uuml;tzer
+unserer Schwester; aber wenn sie allein mit Kl&auml;rchen
+ist, wer wei&szlig;, was sie ihr da tut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht zu viel sagen,&laquo; wehrte der Onkel und auch die
+Tante versicherte: &raquo;Sie ist gewi&szlig; nicht schlimm, eure
+Mutter hat ja so viel auf sie gehalten.&laquo; Und nun mischten
+sich die Kinder des Hauses ins Gespr&auml;ch: alle waren voll
+Mitleid und urteilten hart &uuml;ber die Patin, bis die Tante
+sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: &raquo;Nun
+kommt ja bald Weihnachten, da wollen wir die Kleine
+auf l&auml;ngere Zeit zu uns einladen und ihr recht viel Freude
+machen.&laquo; Damit waren nun alle einverstanden und es
+begann sofort eine lebhafte Beratung, was Kl&auml;rchen zu
+Weihnachten bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich
+bisher noch nicht ins Gespr&auml;ch gemischt hatte: &raquo;Ich wei&szlig;,
+was ihr die Mutter zu Weihnachten machen wollte; wenn
+du ihr das geben w&uuml;rdest, Tante, dann w&auml;re ihr Herzenswunsch
+erf&uuml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was ist&#8217;s?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb &#8211; ich glaube
+wirklich so lieb wie uns; und f&uuml;r die m&ouml;chte sie so ein
+Wickelkissen, wie&#8217;s die ganz kleinen Kinder haben. Mit
+solch einem Wickelkind w&auml;re sie gl&uuml;ckselig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mache ich ihr,&laquo; sagte die Tante eifrig, &raquo;ihr
+bringt mir einmal das L&auml;ngenma&szlig; der Puppe, dann soll&#8217;s
+ein echtes Wickelkind werden.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude f&uuml;r
+Kl&auml;rchen beruhigten sich die erregten Gem&uuml;ter, das hatte
+die Tante gewollt und erreicht; sie kannte sich aus bei ihrer
+jungen Schar.</p>
+
+
+<h3>V.</h3>
+
+<p>Nicht nur in der Familie des Professors plante man
+allerlei Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen H&auml;uschen
+in Waldeck waren die Gedanken bei dem herannahenden
+Fest. Fr&auml;ulein Stahlhammer hatte in dieser Zeit alle
+H&auml;nde voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem
+Verein, der den armen Schulkindern bescherte; au&szlig;erdem
+hatte sie jedes Jahr die Bescherung der armen Leute im
+Spital zu besorgen, am heiligen Abend, wo Hausfrauen
+sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun
+h&auml;tte Fr&auml;ulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese
+Aufgabe anderen &uuml;bertragen &#8211; hatte sie nun doch auch ein
+Kind zu Hause&nbsp;&#8211;, aber es fand sich niemand bereit, und so
+sagte sie sich, da&szlig; Kl&auml;rchen wohl ebenso gl&uuml;cklich w&auml;re,
+wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert w&uuml;rde; sie
+kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch
+zu klein, um den Kalender selbst zu studieren. So wollte
+ihr Fr&auml;ulein Stahlhammer am Christfest bescheren und sie
+ging nie an den L&auml;den des St&auml;dtchens vorbei, ohne sich
+zu &uuml;berlegen, womit sie das Kind erfreuen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Auch Mine hatte ihre Pl&auml;ne. Sie wollte sich in den
+Feiertagen mit ihren Bekannten vergn&uuml;gen und h&auml;tte es
+gar zu gern gesehen, wenn die Kleine aus dem Wege gewesen
+w&auml;re, damit sie wie in fr&uuml;heren Jahren ihre Freiheit
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Kl&auml;rchen stand mit der geliebten Puppe im Arm
+tr&auml;umend am Fenster; sah hinaus, wie die Schneeflocken
+herunterwirbelten, und dachte daran, da&szlig; voriges Jahr ihre
+<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>Mama gesagt hatte: &raquo;Wenn&#8217;s schneit, ist Weihnachten nahe!&laquo;
+Sie h&auml;tte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind
+auch zu ihr k&auml;me. Aber sie wagte es nicht recht und
+nahm sich vor, zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun
+war die Patin ausgegangen, und Mine putzte die Fenster
+in der K&uuml;che. Kl&auml;rchen machte sich an sie heran.</p>
+
+<p>&raquo;Mine,&laquo; fragte sie, &raquo;wie ist&#8217;s denn hier an Weihnachten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An Weihnachten? Da beschert die Patin in der
+Schule.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann im Spital.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann? Ist das noch nicht genug?&laquo; Ein Weilchen
+war Kl&auml;rchen still. Sie hatte ihre Puppe im Arm
+und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu dem Puppenkind
+zu reden: &raquo;Gelt Rosa,&laquo; sagte sie zur Puppe, &raquo;das
+sch&ouml;ne Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die
+neuen Locken auch, da bist du unter dem Christbaum gesessen
+und die Mama hat zu mir gesagt: &#8250;Herzkind, kennst
+du denn deine Puppe noch?&#8249; Aber jetzt haben wir keine
+Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen &#8250;Herzkind&#8249;
+und sie kann dir keine Kleider mehr machen; aber du darfst
+nicht weinen, sonst bist du undankbar.&laquo; Und dabei schluckte
+die Kleine tapfer die Tr&auml;nen hinunter und wischte die weg,
+die &uuml;ber das Puppengesicht gerollt waren.</p>
+
+<p>Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums
+Herz war. &raquo;Kl&auml;rchen,&laquo; sagte sie, &raquo;bitte doch die Patin,
+da&szlig; sie dich an Weihnachten zu den Br&uuml;dern l&auml;&szlig;t. Bei
+denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen
+Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben;
+dort geht es lustig zu, aber hier ist&#8217;s langweilig. M&ouml;chtest
+du nicht zu den Br&uuml;dern an Weihnachten?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>&raquo;Ich m&ouml;chte schon, aber ich kann doch die Patin nicht
+bitten; du hast doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten,
+sonst wird sie b&ouml;se!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst
+du schon sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagst du&#8217;s nicht f&uuml;r mich, Mine?&laquo; fragte Kl&auml;rchen
+&auml;ngstlich. &raquo;Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber
+du mu&szlig;t dann auch recht sch&ouml;n bitten; denke nur, wie
+traurig es hier f&uuml;r dich w&auml;re ohne Christbaum!&laquo; Mine
+sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, da&szlig; Fr&auml;ulein
+Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie
+sich nicht denken, da&szlig; es in diesem Jahr dem Kinde zu
+lieb anders gemacht w&uuml;rde, oder wollte sie nichts davon
+wissen? Als Fr&auml;ulein Stahlhammer den Christbaum f&uuml;r
+die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem Waldsch&uuml;tzen
+zugleich gesagt: &raquo;Und besorgen Sie auch f&uuml;r mich
+ein recht nettes, gr&uuml;nes B&auml;umchen.&laquo;</p>
+
+<p>An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in
+dem sie ihre kleine Nichte freundlich einlud, &uuml;ber Weihnachten
+zu kommen, damit die drei verwaisten Geschwister
+dies erste Christfest beisammen feiern k&ouml;nnten. Fr&auml;ulein
+Stahlhammer k&auml;mpfte mit sich selbst. Allerdings w&uuml;rden
+die Kinder vergn&uuml;gt beisammen sein, und Kl&auml;rchen h&auml;tte ein
+fr&ouml;hliches Fest in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte
+sie gerade von einem sch&ouml;nen Weihnachtsabend gehofft, da&szlig;
+er ihr das Kinderherz n&auml;her bringen w&uuml;rde; sie wollte eine
+Puppenk&uuml;che anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der
+gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten,
+wo allen Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch
+sie ihr Pflegekind ein wenig verw&ouml;hnen. Nun kam ihr
+recht unerw&uuml;nscht diese Aufforderung. Nach gewissenhaftem
+&Uuml;berlegen dankte sie freundlich f&uuml;r die Einladung; sagte,
+da&szlig; sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren w&uuml;rde,
+<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>und versprach, die Kleine &uuml;ber Neujahr zu schicken. Den
+Brief lie&szlig; sie Kl&auml;rchen in den nahen Briefkasten einwerfen.
+Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und gerade als sie
+vom Schalter zur&uuml;ckkam ins Zimmer, wo Mine ihrem
+Fr&auml;ulein half, St&ouml;&szlig;e von Hemden zusammen zu packen, die
+f&uuml;r die Schulbescherung bereit lagen, gerade da sagte Mine:
+&raquo;Kl&auml;rchen, hast du denn der Patin schon gesagt, um was
+du sch&ouml;n bitten m&ouml;chtest? Nicht? Mu&szlig; ich es wieder f&uuml;r
+dich sagen? Fr&auml;ulein Stahlhammer, das Kind hat blo&szlig;
+den <em class="gesperrt">einen</em> Wunsch, da&szlig; es an Weihnachten zu den Br&uuml;dern
+darf, gelt Kl&auml;rchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Kl&auml;rchen, und obgleich das ihre ganze
+Antwort war, sah sie doch so gespannt auf die Patin,
+da&szlig; diese wohl die Bitte von den stummen Lippen ablesen
+konnte. &raquo;Wie kommt sie darauf?&laquo; fragte Fr&auml;ulein Stahlhammer
+und sah Mine mi&szlig;billigend an. &raquo;Ach, das ist doch
+nat&uuml;rlich, da&szlig; sie darauf kommt. Papa und Mama hat
+sie verloren, so m&ouml;chte sie doch wenigstens bei ihren Geschwistern
+sein. Gelt, Kl&auml;rchen? Mir kann&#8217;s ja ganz einerlei
+sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter andere
+Kinder.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer zog die Schn&uuml;re fester an dem
+Paket und dann sagte sie zu Kl&auml;rchen: &raquo;Wenn du auch
+an Weihnachten nicht zu den Br&uuml;dern darfst, so doch an
+Neujahr. Das ist nur eine Woche sp&auml;ter, so ist&#8217;s ausgemacht
+mit deiner Tante.&laquo;</p>
+
+<p>Mine stie&szlig; heimlich die Kleine an, sie h&auml;tte gerne gehabt,
+da&szlig; das Kind noch f&uuml;r sich selbst b&auml;te; aber Kl&auml;rchen
+hatte ein unbestimmtes Gef&uuml;hl, da&szlig; dieses der Patin nicht
+recht w&auml;re, sie wagte es nicht und schwieg, und somit war
+die Sache zu Mines gro&szlig;em Verdru&szlig; abgetan. F&uuml;r die
+Br&uuml;der war die abschl&auml;gige Antwort zwar eine Entt&auml;uschung,
+aber die Tante konnte den freundlichen Brief der Patin
+<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>verstehen; sie vertr&ouml;stete die Beiden auf das Wiedersehen
+an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem sie die
+Puppenkleider und andere kleine Geschenke f&uuml;r Kl&auml;rchen
+durch die Br&uuml;der zusammenpacken lie&szlig;. Der Professor
+wollte am Nachmittag vor der Bescherung selbst der Kleinen
+das P&auml;ckchen &uuml;berbringen, um auch einmal nach seiner
+Nichte zu sehen.</p>
+
+<p>Der heilige Abend kam und brachte f&uuml;r Fr&auml;ulein Stahlhammer
+gro&szlig;e Gesch&auml;ftigkeit. Als sie sich nachmittags
+auf den Weg in das Spital machte, tat es ihr leid, die
+Kleine zu verlassen. &raquo;Morgen, Kl&auml;rchen,&laquo; sagte sie, &raquo;ist
+Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir auch
+schon ein P&auml;ckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder
+bekommen, sieh her,&laquo; und sie gab Kl&auml;rchen eines von
+den neuen Hemden, sch&ouml;n mit roten B&auml;ndchen gebunden,
+mit einem Tannenzweiglein verziert. Dann eilte sie fort.
+Mine putzte drau&szlig;en den Vorplatz und die Treppe. Als
+es dunkel wurde, so gegen f&uuml;nf Uhr, sa&szlig; das Kind allein
+am Tisch. Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein
+drehte sie in den Fingern. Da kam in Eile Professor
+Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen. &raquo;Ist
+Fr&auml;ulein Stahlhammer zu Hause?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sie ist fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit meiner kleinen Nichte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das Kind ist droben. Ich mu&szlig; eben putzen
+vor dem Fest, sonst lie&szlig;e ich sie nicht allein, das arme
+Tr&ouml;pflein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann kommt Fr&auml;ulein Stahlhammer wieder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, da kann&#8217;s leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen
+vorbei sind.&laquo; Der Professor sagte kein Wort,
+ging mit raschen Schritten die Treppe hinauf und ins
+Zimmer. Da sa&szlig; die verlassene Kleine allein im Halbdunkel
+am Tisch, ein tr&uuml;bseliger Anblick.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein:
+der Onkel geh&ouml;rte zu den Br&uuml;dern, er geh&ouml;rte
+zu der Tante, die wie die Mama aussah, er geh&ouml;rte zu
+dem, was sie lieb hatte!</p>
+
+<p>&raquo;Onkel,&laquo; sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr
+kam, um sie genau zu sehen, &raquo;Onkele, liebes, gutes Onkele,
+bist du zu mir gekommen?&laquo; und sie schlang ihre Arme
+um seinen Hals. Diese Z&auml;rtlichkeit ging ihm zu Herzen,
+das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im
+Zimmer. Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei;
+aber da war kein Baum zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig
+lag vor ihr. &raquo;Hat dir das Christkind schon beschert?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sieh nur, ein Hemd.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen
+Christbaum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Blo&szlig; so viel davon,&laquo; sagte Kl&auml;rchen und zeigte ihr
+Zweiglein; sie wu&szlig;te ja nicht, da&szlig; im verschlossenen Gastzimmer
+neben der neuen Puppenk&uuml;che schon das geputzte
+Christb&auml;umlein bereit stand, um morgen seinen Lichterglanz
+zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese M&ouml;glichkeit
+nicht und war im innersten Herzen emp&ouml;rt. Die
+Patin war unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr
+anvertraute Gesch&ouml;pfchen lie&szlig; sie am Weihnachtsfest ohne
+Bescherung, ohne Baum allein mit einem Hemd als Christgeschenk.
+Wenn sie keine Zeit und kein Herz f&uuml;r das Kind
+hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben,
+da&szlig; es bei den Br&uuml;dern Weihnachten feiere? Es sollte
+aber sein Weihnachtsfest haben, das Kind, mochte die Patin
+z&uuml;rnen, das war ihm ganz gleichg&uuml;ltig!</p>
+
+<p>&raquo;Kl&auml;rchen,&laquo; sagte der Onkel, &raquo;zieh dich an, recht schnell,
+ich nehme dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.&laquo;
+Und hinaus eilte er zu Mine: &raquo;Helfen Sie dem Kind,
+<a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>ziehen Sie es recht warm an, ich will es mitnehmen, ich
+bin sein Onkel.&laquo;</p>
+
+<p>Mine war hocherfreut, das pa&szlig;te zu ihren Pl&auml;nen.
+Kl&auml;rchen selbst war ganz verwirrt, konnte kaum fassen,
+was so schnell mit ihr geschah. Aber Mine fl&uuml;sterte ihr
+zu: &raquo;Zu deinen Br&uuml;dern darfst du, denke nur, die Freude,
+zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie
+die Kleine nur ganz behalten k&ouml;nnten, da w&auml;re sie besser
+versorgt, das arme Ding!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie Fr&auml;ulein Stahlhammer, ich sei gekommen,
+dem Kind seine Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich
+sie allein fand, h&auml;tte ich sie mitgenommen. Bis Neujahr
+bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen wir weiter sehen.
+Komm Kind, komm, wir m&uuml;ssen gleich fort, damit wir den
+Zug noch erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.</p>
+
+<p>&raquo;Mine,&laquo; rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die
+durchs ganze Haus dr&ouml;hnte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist&#8217;s?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Puppe mu&szlig; mit, schnell bringen Sie sie herunter.
+Wo ist sie, Kl&auml;rchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie schl&auml;ft in meinem Bett.&laquo;</p>
+
+<p>Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Kl&auml;rchen
+dr&uuml;ckte sie sorglich an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket;
+zur rechten Zeit war ihm noch eingefallen,
+da&szlig; es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe
+unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.</p>
+
+<p>Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: &raquo;Undankbar
+ist das nicht, wenn man fortgeht von der Patin, gelt,
+undankbar ist das nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; beruhigte der Onkel, &raquo;ich habe dich geholt
+und du mu&szlig;t mir folgen.&laquo;</p>
+
+<p>Ein halbes St&uuml;ndchen Fahrt, ein Gang durch die
+<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Stra&szlig;en der gro&szlig;en Stadt, und sie standen umringt von
+jubelnden Kindern, da&szlig; dem Kl&auml;rchen aus ihrer Stille
+heraus ganz traumhaft zumute war.</p>
+
+<p>Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer
+traf sie eben die letzten Vorbereitungen zur Bescherung.
+Ein Loblied auf Fr&auml;ulein Stahlhammer war es
+nicht, was jetzt gesungen wurde! &raquo;Du hast recht gehabt,
+ganz gewi&szlig; hast du recht gehabt, da&szlig; du das Kind entf&uuml;hrt
+hast. Fr&auml;ulein Stahlhammer soll es nur erfahren,
+wie anderen Menschen so etwas vorkommt. Ich kann es
+nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch erst so sch&ouml;n
+geschrieben, da&szlig; sie dem Kind die neue Heimat lieb machen
+m&ouml;chte durch eine sch&ouml;ne Weihnachtsfeier! Ist sie denn
+eine Heuchlerin?&laquo;</p>
+
+<p>&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; h&auml;tte
+nur die gute Frau Professor gesehen, mit welch tiefem
+Schmerz Fr&auml;ulein Stahlhammer bei ihrer Heimkehr &#8211; um
+acht Uhr war es &#8211; vernahm, da&szlig; ihr das Kind weggenommen
+worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen
+Hergang berichtet und ein kleines Abendbrot aufgetragen
+hatte, fragte sie, ob sie noch zu ihren Verwandten gehen
+d&uuml;rfe. Fr&auml;ulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur recht zu
+wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein
+lag und das rotgebundene Hemd, sa&szlig; sie, und bem&uuml;hte sich
+vergeblich, Herr zu werden &uuml;ber die Empfindungen, die sie
+&uuml;berw&auml;ltigen wollten: Schmerz, da&szlig; sie dem Kind nicht den
+Weihnachtsbaum anz&uuml;nden konnte; Besch&auml;mung, da&szlig; es so
+vernachl&auml;ssigt erschienen war; Entr&uuml;stung, da&szlig; man ungefragt
+eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und
+Bef&uuml;rchtung, da&szlig; es lieblose Worte &uuml;ber sie h&ouml;ren und von
+anderen um so mehr Liebesbeweise empfangen w&uuml;rde. Und
+je l&auml;nger der Abend sich hinzog, totenstill in ihrem einsamen
+Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den
+<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>Schulkindern das Lied hatte singen h&ouml;ren: &raquo;Selbst die H&uuml;tte
+trieft von Segen,&laquo; um so bitterer empfand sie ihre Entt&auml;uschung.</p>
+
+<p>Die alte, gro&szlig;e Uhr, die in der Ecke des E&szlig;zimmers
+wohl schon ein halbes Jahrhundert hing und in ihrem
+sch&ouml;nen, geschnitzten Kasten vom Boden bis hinauf reichte
+&uuml;ber die T&uuml;re, fing nun feierlich an zu schlagen mit einem
+Klang wie Orgelton, zehn Schl&auml;ge. Da raffte sich Fr&auml;ulein
+Stahlhammer auf und sah nach den gro&szlig;en goldenen
+Zeigern. Wirklich zehn Uhr? Wo waren die Stunden
+hingegangen? Vertrauert, vertr&auml;umt, verloren! Das war
+kein &raquo;heiliger Abend&laquo;. Mit aller Gewalt ri&szlig; sie sich
+heraus aus dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das
+Fest verdorben, aber dem Kind nicht; das war wohl am
+gl&uuml;cklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie ihm das
+Gl&uuml;ck g&ouml;nnen und nicht bitter gegen Kl&auml;rchen sein. Das
+Christb&auml;umchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen,
+dann war es doch nicht umsonst aus dem Wald genommen.
+Aber dem Vormund wollte sie doch gleich schreiben, was
+sich begeben hatte; er konnte gelegentlich dem Onkel vorhalten,
+da&szlig; er nicht so eigenm&auml;chtig h&auml;tte handeln sollen.</p>
+
+<p>Dieser Brief, der am fr&uuml;hen Morgen des zweiten
+Weihnachtsfeiertages bei dem Vormund ankam, versetzte
+den Mann in gro&szlig;en Zorn. Er war ein empfindlicher
+Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gew&ouml;hnt, da&szlig;
+ihm etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund,
+nicht der Professor, und wenn er als Vormund das kleine
+M&auml;del seiner Schwester &uuml;bergab, so hatte nach seiner
+Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich das
+Kind eigenm&auml;chtig und gegen den Willen seiner Schwester
+zu holen. Das wollte er ihm sagen. Heute war noch
+Feiertag; es war wohl am besten, wenn er gleich heute
+nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht
+<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich,
+das war lang, das war viel zu lang f&uuml;r den &Auml;rger, den
+er empfand und durchaus aussprechen mu&szlig;te. Schon nach
+einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor Kuhn
+aufzusuchen.</p>
+
+<p>Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit
+hinausziehen! Die ganze Stadt mu&szlig;te er durchqueren mit
+der Stra&szlig;enbahn und dann erst noch ein St&uuml;ck zu Fu&szlig;
+gehen und all das wegen des kleinen M&auml;dels; das machte
+sich als M&uuml;ndel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so
+eines kleinen Rackers mu&szlig;te er, der Rat, sich so bem&uuml;hen,
+ganz ungeh&ouml;rig war das. Seine Schwester verstand es
+aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum
+war sie nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen
+Haufen gutes Zeug und Spielkram hingelegt, wie es so
+kleine B&auml;lge nun einmal wollen an Weihnachten. Er
+hatte sich in einen geh&ouml;rigen Zorn hineingearbeitet, der
+Herr Vormund, bis er gl&uuml;cklich am Haus des Professors
+angekommen war. Auch das Dienstm&auml;dchen &auml;rgerte ihn,
+das die T&uuml;re aufmachte, denn auf seine Frage, ob Herr
+Professor zu Hause sei, antwortete sie: &raquo;Es tut mir leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob&#8217;s Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollst&auml;ndig
+einerlei,&laquo; sagte er gereizt, &raquo;ist die Frau Professor zu
+Hause?&laquo; Das M&auml;dchen hielt es nun f&uuml;r sicherer, blo&szlig;
+verneinend mit dem Kopf zu sch&uuml;tteln. Der Rat blieb
+einen Augenblick unschl&uuml;ssig mit gerunzelter Stirne stehen.
+&raquo;Wenn die Leute nur immer alle fortlaufen k&ouml;nnen,&laquo; sagte
+er vor sich hin, &raquo;ich m&ouml;chte nur wissen, wozu sie H&auml;user
+haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?&laquo; In diesem
+Augenblick ging eine Zimmert&uuml;re auf, fr&ouml;hliches Kindergel&auml;chter
+drang heraus; unter der T&uuml;re stand Kl&auml;rchen, hinter
+ihr kamen noch mehr Kinderk&ouml;pfe zum Vorschein. Da wurde
+dem Rat klar, was die beste Strafe f&uuml;r den Professor war.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Er ging auf Kl&auml;rchen zu und fragte kurz: &raquo;Hat die
+Patin erlaubt, da&szlig; du hierher kommst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte erschrocken die Kleine.</p>
+
+<p>&raquo;Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.&laquo;
+Zugleich nahm er eine Besuchskarte aus der Tasche und
+sagte dem M&auml;dchen: &raquo;Geben Sie diese Karte ab, wenn
+Herr Professor heimkommt.&laquo;</p>
+
+<p>Kl&auml;rchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war
+es nicht anders gew&ouml;hnt. So pl&ouml;tzlich hatte man sie das
+erste Mal zur Patin gebracht, so hatte der Onkel sie vorgestern
+entf&uuml;hrt und so wurde sie zur&uuml;ckgeholt. Nach ihrer
+kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist mein Mantel?&laquo; fragte die Kleine. Das Dienstm&auml;dchen
+ging rasch ins Zimmer, als wollte es die Kleider
+holen. Im Zimmer waren die kleineren Kinder und einer
+der Kostg&auml;nger, aber die Br&uuml;der, Konrad und Heinrich,
+waren nicht darunter, sie waren mit den Gr&ouml;&szlig;eren auf der
+Eisbahn.</p>
+
+<p>Ganz aufgeregt sagte das M&auml;dchen: &raquo;Da drau&szlig;en ist
+ein Herr, ein ganz unfreundlicher, der will das Kl&auml;rchen
+mitnehmen, was soll ich denn tun?&laquo; Und auf die Besuchskarte
+sehend, las sie: &raquo;Stahlhammer, Geheimer Rat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,&laquo;
+sagte der Kostg&auml;nger, &raquo;von dem war schon oft die Rede.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mu&szlig; man Kl&auml;rchen mit ihm gehen lassen?&laquo;
+Allgemeiner Widerspruch, lautes Bedauern ert&ouml;nte nun in der
+Kinderstube und die Kinder dr&auml;ngten hinaus in den Vorplatz.
+Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem Herrn Rat
+schon zu lang. &raquo;Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel?
+Und das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht
+hat?&laquo; Das M&auml;dchen sprang eilends an den Kleiderschrank,
+und die Kinder, als sie sahen, da&szlig; Kl&auml;rchen wirklich gehen
+mu&szlig;te, holten gesch&auml;ftig herbei, was auf dem gro&szlig;en Bescherungstisch
+<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>auf ihrem Platze lag: die Puppe im Wickelkissen,
+das Weihnachtsgeb&auml;ck, ein Bilderbuch und eine
+Sch&uuml;rze. Die Sachen wurden notd&uuml;rftig eingewickelt; der
+Rat war schon ein paar Treppenstufen hinunter gegangen,
+als die einzelnen Sch&auml;tze Kl&auml;rchen noch gereicht wurden.</p>
+
+<p>Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er
+wu&szlig;te, da&szlig; um Mittag ein Zug abging, den er ben&uuml;tzen
+wollte, um das Kind wieder bei seiner Schwester abzuliefern.
+Auch w&uuml;nschte er nun nicht mehr den Professor zu sprechen,
+<em class="gesperrt">diese</em> Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der
+Kleinen um die Stra&szlig;enecke bog, kamen von der entgegengesetzten
+Seite Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh nur,&laquo; sagte die Frau Professor zu ihrem Mann,
+&raquo;man k&ouml;nnte meinen, das Kind dort, das mit dem Herrn
+geht, sei Kl&auml;rchen; jetzt kannst du sie nicht mehr sehen, sie sind
+schon um die Ecke, aber es kann ja unm&ouml;glich Kl&auml;rchen sein.&laquo;</p>
+
+<p>In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem
+M&uuml;ndel der Bahn zu; aber rasch kamen sie doch nicht von
+der Stelle, denn zuerst rutschte ihr das Buch aus der Hand
+und als sie es aufheben wollte, das P&auml;ckchen Backwerk.
+Es fiel in den Schnee, der mu&szlig;te erst wieder abgesch&uuml;ttelt
+werden. &raquo;Gib das Buch, ich will es tragen,&laquo; sagte der
+Rat und nahm es ab. Aber nach einiger Zeit rutschte
+die Sch&uuml;rze auf den Boden, da gab es wieder einen
+Aufenthalt. &raquo;Das will ich dir auch noch abnehmen, aber
+was du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden!
+Man mu&szlig; auf seine Sachen achten lernen; nun
+spring so rasch du kannst, da&szlig; wir den Zug noch erreichen.&laquo;
+Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so schnell
+sie konnte nebenher; aber ihr &Auml;rmchen tat ihr weh, so hoch
+hinauf zog es der gro&szlig;e Mann, indem er sie f&uuml;hrte, und
+den andern Arm mu&szlig;te sie fest an sich pressen; denn unter
+dem steckte die Puppe, und in der Hand war das Backwerk.
+<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Allm&auml;hlich wurde der Arm m&uuml;de und konnte die Puppe
+nicht mehr fest pressen, so da&szlig; sie nach und nach immer
+weiter hinunter rutschte. Kl&auml;rchen f&uuml;hlte es, aber sie hatte ja
+die zweite Hand nicht frei, um die Puppe zu halten, und
+ganz sachte glitt diese endlich unter dem Arm hindurch
+und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee. Kl&auml;rchen
+wandte den Kopf zur&uuml;ck und wollte still halten, aber der
+Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte,
+trieb sie an: &raquo;Nur vorw&auml;rts, Kind.&laquo; Die Kleine wagte
+nichts zu sagen, sie sah nur zur&uuml;ck, ach da lag ihr Wickelkind
+im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;
+jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr
+Liebling war dahin! Es war f&uuml;r das treue Puppenm&uuml;tterlein
+ein Seelenschmerz. Dicke Tr&auml;nen rollten ihr
+&uuml;ber die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er
+ein unterdr&uuml;cktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht,
+warum sie weine, er glaubte den Grund zu wissen. &raquo;Nicht
+weinen, Kl&auml;rchen,&laquo; sagte er, &raquo;sch&auml;me dich, am hellen Tag
+auf der Stra&szlig;e zu weinen. Nun sind wir gleich zur
+Stelle, du wirst doch so weit marschieren k&ouml;nnen?&laquo; Es
+war eine Erleichterung, als am Bahnhof der gro&szlig;e Mann
+ihre Hand frei gab, der Arm hatte so weh getan. Und
+nun sa&szlig; sie im Wagenabteil zweiter Klasse auf weichem
+Kissen, und der Vormund sagte: &raquo;In deinem Alter durfte
+ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es
+verdienst, sei nur recht dankbar.&laquo; Da k&auml;mpfte das kleine
+Wesen seinen Kummer nieder und sagte, die Tr&auml;nen verschluckend:
+&raquo;Ich danke sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+
+<h3>VI.</h3>
+
+<p>Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem
+M&uuml;ndel in der Wohnung seiner Schwester ankam. Als
+Mine die T&uuml;r aufmachte und unerwartet an der Hand
+<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon
+gehofft hatte, da&szlig; es vielleicht f&uuml;r immer wegbleiben w&uuml;rde,
+machte sie ein sehr erstauntes Gesicht. F&uuml;r erstaunte Gesichter
+hatte aber Herr Stahlhammer keinen Sinn. Was er tat,
+war doch immer vern&uuml;nftig, und &uuml;ber das Vern&uuml;nftige hat
+niemand zu staunen. Er lie&szlig; sie deshalb nicht zu Wort
+kommen, sondern fragte kurz: &raquo;Fr&auml;ulein Stahlhammer zu
+Hause?&laquo; und ging, als dies bejaht wurde, mit dem Kind
+ins Zimmer. &raquo;Ich bringe das Kind zur&uuml;ck,&laquo; sagte er zu
+seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch, von
+dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen,
+setzte er mi&szlig;f&auml;llig hinzu: &raquo;Schon fertig? Mir unbegreiflich,
+wie man so fr&uuml;hzeitig essen mag! Ich bin nat&uuml;rlich
+um mein Essen gekommen durch diese unangenehme Sache.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer sah die unvermuteten G&auml;ste
+an, den &uuml;belgelaunten Bruder und dann das Kind. Da
+kam es zur&uuml;ck nach zwei Tagen, stand da fremd und versch&uuml;chtert,
+mit deutlichen Spuren vergossener Tr&auml;nen; einen
+erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem
+Kind den Mantel ausziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, du sorgst zuerst f&uuml;r mich,&laquo; sagte der Rat,
+&raquo;das Kind kann sich wohl selbst bedienen.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer ging in die K&uuml;che, die Kleine
+in das Schlafzimmer, ihr M&auml;ntelchen abzulegen. Ach, da
+stand das leere Puppenbett, nun war es vorbei mit ihrer
+Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tr&auml;nen
+in die Suppe und es war kein Wunder, da&szlig; der Vormund
+zu seiner Schwester sagte: &raquo;Das Kind macht mich nerv&ouml;s
+mit seinem ewigen Geheul, kannst du nicht Ma&szlig;regeln
+treffen, es abzustellen?&laquo; Da wurde Mine gerufen, sie sollte
+die Kleine zu Bett bringen. Fr&auml;ulein Stahlhammer dachte
+nicht anders, als da&szlig; die R&uuml;ckkehr zu ihr dem Kinde so
+schwer falle, denn den wahren Grund des Kummers kannte
+<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>sie nicht. Kaum war Kl&auml;rchen mit Mine allein, so brach
+sie in den Schmerzensruf aus: &raquo;Mein Wickelkind habe ich
+fallen lassen, im kalten Schnee liegt&#8217;s auf seinem Gesicht
+und friert!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Leise, leise, da&szlig; man dich nicht h&ouml;rt,&laquo; mahnte das
+M&auml;dchen, &raquo;warum hast du es nicht aufgehoben, wenn es
+hinuntergefallen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, ich wei&szlig; nicht!&laquo; schluchzte das Kind.</p>
+
+<p>&raquo;Sag&#8217;s nur niemand, da&szlig; du deine Puppe verloren
+hast, sonst geht dir&#8217;s schlecht! Schlupfe unter die Decke,
+da&szlig; man dich nicht weinen h&ouml;rt; so ist&#8217;s recht, jetzt schlafe!&laquo;</p>
+
+<p>Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu
+Fr&auml;ulein Stahlhammer: &raquo;Wie gedenkst du das Kind zu
+strafen daf&uuml;r, da&szlig; es ohne Erlaubnis das Haus verlassen
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du
+siehst ja, wie ungl&uuml;cklich es ist. Und &uuml;berdies ist es nur
+nat&uuml;rlich, da&szlig; es seinem Onkel gefolgt ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es mu&szlig; aber lernen, da&szlig; es nichts unternehmen darf
+ohne deine oder meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt,
+so wei&szlig; es das f&uuml;r k&uuml;nftige F&auml;lle. Das wirst du mir zugeben?&laquo;
+Und als seine Schwester nicht gleich Antwort
+gab, f&uuml;gte der Rat etwas gereizt hinzu: &raquo;Oder meinst du
+vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht
+besser ein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rudolf, du qu&auml;lst mich. Ich kann das arme Wesen
+daf&uuml;r nicht strafen; du kannst das Kind wegnehmen, &#8211; ich
+habe es ja nie gewollt &#8211; aber wenn du es bei mir lassen
+willst, dann mu&szlig; ich es so behandeln, wie mich mein Herz
+treibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Qu&auml;len wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du
+l&auml;&szlig;t dich nicht belehren. Statt Gr&uuml;nde vorzubringen,
+kommst du mit deinem Herzen. So sieh eben zu, wie du
+<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter einmischen, nur
+an das eine m&ouml;chte ich dich noch mahnen: ohne Strenge
+wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide
+erzogen wurden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; sagte die Patin, &raquo;das gebe ich ja zu, Strenge
+mu&szlig; sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du
+es in diesem besonderen Fall durchaus nicht f&uuml;r angemessen
+h&auml;ltst, so will ich da nicht eingreifen.&laquo; So klang die Unterredung
+noch vers&ouml;hnlich aus. Ein paar Stunden sp&auml;ter
+war der Vormund auf der Heimreise begriffen.</p>
+
+<p>Wenn wir es mit Kl&auml;rchen gut meinen, so m&uuml;ssen wir
+uns jetzt nach ihrem verlorenen Wickelkind umsehen.</p>
+
+<p>Ein altes M&uuml;tterchen, das an seinem Fenster sa&szlig;,
+w&auml;hrend Herr Stahlhammer mit Kl&auml;rchen vor&uuml;berging,
+hatte die Puppe fallen sehen. Sie &ouml;ffnete das Fenster; es
+ging nur nicht so schnell, denn zuerst mu&szlig;te vorsichtig der
+Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte,
+waren die Beiden schon ein gutes St&uuml;ck vom Haus weg
+und der schwache Ruf der Frau wurde vom Wagengerassel
+&uuml;bert&ouml;nt. Ein kleiner Junge sprang vor&uuml;ber. &raquo;Reich&#8217; mir
+die Puppe herauf!&laquo; rief die alte Frau, und so kam das
+verlorene Gut in ihre H&auml;nde. Sie hatte das &auml;ngstliche
+Zur&uuml;ckschauen Kl&auml;rchens bemerkt und der schmerzliche Blick
+ging ihr nach. Wenn sie sich auch immer wieder sagte:
+&raquo;Ein dummes Dinglein ist&#8217;s gewesen, da&szlig; es seine Puppe
+nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,&laquo; so konnte sie
+sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt
+eine Anzeige eingesandt hatte: &raquo;Eine Wickelpuppe gefunden.
+Bahnhofstra&szlig;e 5&nbsp;p.&laquo;</p>
+
+<p>Als am n&auml;chsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer
+Gewohnheit den Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort
+&raquo;Wickelpuppe&laquo;. Sie hatte ja erst mit so viel Liebe eine
+<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>solche Puppe gekleidet. Gut, da&szlig; Kl&auml;rchen in der Eile
+wenigstens ihre Sch&auml;tze noch mitgenommen hatte. Wie
+traurig, wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren m&uuml;&szlig;te!
+Wo hatte man die Puppe gefunden? In der Bahnhofstra&szlig;e.
+Durch die mu&szlig;te Kl&auml;rchen mit dem Vormund
+gekommen sein. Wie merkw&uuml;rdig, da&szlig; zwei Wickelpuppen
+an diesem Wintertag durch die Bahnhofstra&szlig;e getragen
+wurden! Oder sollte es gar die von Kl&auml;rchen sein? Ja,
+das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewi&szlig; hatte
+es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die
+Tante hatte kaum vor den Kindern diese Bef&uuml;rchtung ausgesprochen,
+als auch Heinrich schon davonrannte nach der
+Bahnhofstra&szlig;e. Frohlockend kam er nach kurzer Zeit mit
+dem kostbaren Gut zur&uuml;ck. Das L&auml;cheln der Vor&uuml;bergehenden,
+die den Lateinsch&uuml;ler so fr&ouml;hlich mit der Wickelpuppe
+springen sahen, beachtete er nicht. Die Leute meinten
+wohl, es sei eine gew&ouml;hnliche Puppe, ein Spielzeug; aber
+das war es ja nicht, es war etwas anderes, war Kl&auml;rchens
+Ein und Alles!</p>
+
+<p>In der Familie des Professors hatte Kl&auml;rchens Entf&uuml;hrung
+allgemeine Entr&uuml;stung hervorgerufen, und nun, da
+noch das Mitleid hinzukam, reifte bei Konrad ein Entschlu&szlig;.
+Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und
+dort bleiben &uuml;ber die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen,
+ob Fr&auml;ulein Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen
+sei, wie es ihnen allen am heiligen Abend erschienen war.
+Als er am Familientisch diesen Vorschlag machte, kamen
+von allen Seiten Entgegnungen.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem
+Haus willkommen hei&szlig;en,&laquo; meinte der Onkel; die
+Tante f&uuml;rchtete, der Vormund werde es nicht billigen;
+Heinrich fand, da&szlig; er &uuml;berall sonst seine Ferien lieber zubringen
+w&uuml;rde als bei Fr&auml;ulein Stahlhammer. Aber allen
+<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>w&auml;re es von Wert gewesen, N&auml;heres zu erfahren &uuml;ber
+Kl&auml;rchens neue Heimat, und so war das Ende der Beratung
+doch, da&szlig; Konrad nach Waldeck gehen und dort
+sein Gl&uuml;ck probieren solle. Er schn&uuml;rte sein B&uuml;ndelchen
+und machte sich auf den Weg.</p>
+
+<p>An diesem Tag ging Kl&auml;rchen so m&uuml;&szlig;ig umher, da&szlig;
+es der Patin auffallen mu&szlig;te, denn sie war gew&ouml;hnt, die
+Kleine immer mit ihrer Puppe besch&auml;ftigt zu sehen. &raquo;Wo
+ist denn heute deine Puppe?&laquo; fragte sie. Kl&auml;rchen erschrak,
+nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu
+sagen. &raquo;Hole doch deine Puppe herein,&laquo; wiederholte Fr&auml;ulein
+Stahlhammer, &raquo;wo hast du sie denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; sagte Kl&auml;rchen.</p>
+
+<p>&raquo;So suche oder frage Mine danach.&laquo;</p>
+
+<p>Kl&auml;rchen ging in die K&uuml;che. &raquo;Mine, was soll ich
+sagen, die Patin fragt nach der Puppe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe aber schon gesagt, da&szlig; ich nicht wisse,
+wo sie ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sagst du wieder so.&laquo;</p>
+
+<p>Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu
+gehen; als sie es endlich tat, stand Fr&auml;ulein Stahlhammer
+in Hut und Mantel da, im Begriff, einen Ausgang zu
+machen. Kl&auml;rchen hoffte schon, sie w&uuml;rde nicht mehr gefragt,
+aber das erste Wort der Patin war: &raquo;Nun, hast
+du die Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine
+auch nicht?&laquo; Die Kleine war in sichtlicher Verlegenheit,
+die Patin merkte, da&szlig; etwas nicht in Richtigkeit war.
+&raquo;Nun sag&#8217; mir einmal, wo sie ist, Kl&auml;rchen?&laquo; Da schlug
+die Kleine die Augen nieder und sagte: &raquo;Ich wei&szlig; nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer suchte Mine auf. &raquo;Das Kind
+will mir nicht sagen, wo die Puppe ist. Wissen Sie etwas
+davon?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>&raquo;Ach, das arme Wurm getraut sich&#8217;s nur nicht zu gestehen,
+sie hat ja die Puppe mit auf die Reise genommen
+und unterwegs verloren.&laquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer war peinlich ber&uuml;hrt. Das
+Kind hatte Mine ihr Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber
+die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal mu&szlig;te Strafe sein;
+das war ein anderer Fall, l&uuml;gen durfte das Kind nicht,
+um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf
+die Kleine einen &auml;ngstlichen Blick auf sie, ein b&ouml;ses Gewissen
+war deutlich auf dem Gesicht geschrieben. &raquo;Kl&auml;rchen,&laquo;
+sagte die Patin, &raquo;warum hast du mir nicht gesagt, da&szlig; du
+deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt: ich
+wei&szlig; nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz
+abscheulich, so mag ich dich nicht, und so mag der liebe
+Gott dich nicht. Sieh, wenn ein Kind so b&ouml;se ist, dann
+wird es genommen und zur Strafe da hinauf gesetzt.&laquo; Mit
+diesen Worten fa&szlig;te Fr&auml;ulein Stahlhammer die kleine Gestalt,
+hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den
+Schrank, der an der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte
+beide Arme &auml;ngstlich an die Wand und wagte gar nicht,
+von der H&ouml;he herunter zu schauen. &raquo;Da bleibst du nun
+sitzen,&laquo; sagte Fr&auml;ulein Stahlhammer, &raquo;und nimmst dir vor,
+da&szlig; du ein andermal nicht mehr l&uuml;gen willst. Alle unartigen
+Kinder werden da oben ganz brav. Sei nur still,
+denn solange du noch weinst, bist du noch ganz unartig
+und f&auml;llst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein
+willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und
+wenn ich heimkomme, hebe ich dich herunter.&laquo;</p>
+
+<p>Als Kl&auml;rchen das h&ouml;rte, war sie ganz still; die Patin
+ging. Drau&szlig;en sagte sie noch zu Mine: &raquo;Ich habe das
+Kind zur Strafe auf den Schrank gesetzt. Wenn ich in
+einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen Sie
+sie herunter, aber fr&uuml;her nicht.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer.
+Wirklich, da sa&szlig; die Kleine hoch droben, regungslos an
+die Wand gedr&uuml;ckt. Mine f&uuml;hlte sich selbst schuldig, ihr
+Gewissen schlug, gerne h&auml;tte sie die Kleine aus ihrer Lage
+erl&ouml;st. &raquo;Ich m&ouml;chte dich gerne herunterholen, Kl&auml;rchen,&laquo;
+sagte sie, &raquo;aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt,
+zankt sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,&laquo;
+sagte Kl&auml;rchen. &raquo;Blo&szlig;, wenn man brav ist, h&auml;lt man fest,
+die Patin hat&#8217;s gesagt. Gelt, ich bin jetzt brav? Ich
+l&uuml;ge jetzt nicht und ich l&uuml;ge auch das n&auml;chstemal nicht,
+wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich gar
+nicht fallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, du f&auml;llst nicht,&laquo; beruhigte Mine. Sie
+hatte wirklich Mitleid. &raquo;Ich gehe schnell hinaus, weil jemand
+geklingelt hat, aber dann komme ich gleich wieder
+herein zu dir.&laquo; Geklingelt hatte Konrad. Da&szlig; er gerade
+in <em class="gesperrt">diesem</em> Augenblick erschien, pa&szlig;te Mine vortrefflich;
+er sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage
+sehen, das konnte schon zu dem Entschlu&szlig; beitragen, sie
+nicht hier zu lassen. Sie f&uuml;hrte ihn unvorbereitet ins Zimmer
+und der gute Junge erschrak, als er sein Kl&auml;rchen in solcher
+H&ouml;he erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn hereinkommen
+sah. &raquo;Konrad, Konrad!&laquo; rief sie, wagte sich aber nicht zu
+r&uuml;hren. &raquo;Fr&auml;ulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,&laquo;
+sagte Mine, &raquo;zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen,
+das arme Kind. Gut, da&szlig; Sie da sind, dann ist
+sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,&laquo; und sie eilte
+in die K&uuml;che.</p>
+
+<p>Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine
+Schwester befreien k&ouml;nne, denn er war emp&ouml;rt, sie in dieser
+hilflosen Lage zu finden. Aber als er nur ein Wort von
+seiner Absicht sagte, wehrte Kl&auml;rchen ab. &raquo;Ich mu&szlig; bleiben,&laquo;
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>sagte sie, &raquo;bis die Patin heimkommt, ich mu&szlig; still sein, da&szlig;
+ich nicht falle.&laquo; &raquo;Aber was hast du denn B&ouml;ses getan?&laquo;
+fragte Konrad, und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete
+die Kleine: &raquo;Gelogen!&laquo; Das war auch nach Konrads
+Ermessen ein ernster Fall. &raquo;Wegen meinem Wickelkind,&laquo;
+sagte Kl&auml;rchen. &raquo;Konrad, es ist in den Schnee gefallen,&laquo;
+und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber
+da hatte Konrad den besten Trost. Schnell packte er sein
+kleines R&auml;nzchen aus und hob hoch in die H&ouml;he, da&szlig; es
+Kl&auml;rchen wohl h&auml;tte erreichen k&ouml;nnen, das wiedergefundene
+Kleinod. Aber so gro&szlig; auch ihr Verlangen war, sie wagte
+nicht, sich vorzubeugen. &raquo;Mein Wickelkind!&laquo; rief sie und
+winkte z&auml;rtlich mit den H&auml;ndchen. &raquo;Warte, ich bringe
+dir&#8217;s.&laquo; Mit diesen Worten zog Konrad einen Tisch herbei,
+stieg hinauf und legte die Puppe in Kl&auml;rchens Arme und
+nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends
+auf den Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester,
+legte den Arm hinter sie, und so besch&uuml;tzt f&uuml;hlte sich die
+Kleine ganz gl&uuml;cklich; streichelte bald den Bruder, bald die
+Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm die br&uuml;derlichen
+Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.</p>
+
+<p>W&auml;hrend so das Geschwisterpaar nebeneinander sa&szlig;,
+kam Fr&auml;ulein Stahlhammer mit eilenden Schritten schon
+wieder auf ihr Haus zu. Sie hatte mehrere Besorgungen
+machen wollen, aber sie war kaum eine Viertelstunde aus
+dem Haus gewesen, als der Gedanke an Kl&auml;rchen sie beunruhigte.
+Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst
+war auf diesem Strafplatz als kleines M&auml;dchen auch gesessen
+und &ouml;fter als einmal ihr Bruder, und man konnte
+doch von dem breiten festen Schrank gar nicht herunterfallen.
+Aber Kl&auml;rchen war zarter, &auml;ngstlicher, wenn sie sich zu sehr
+aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber
+ihre Ausg&auml;nge ein andermal machen und heimgehen. &raquo;Ich
+<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>h&auml;tte nicht fortgehen sollen,&laquo; sagte sie sich, &raquo;aber meine
+Mutter ist auch einmal fortgegangen.&laquo; Ja, Fr&auml;ulein
+Stahlhammer wu&szlig;te es noch genau, ihr Bruder war wohl
+schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und
+so oft ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle,
+hatte er trutzig die Antwort verweigert. So war die
+Mutter fortgegangen und er hatte bis Abend ausharren
+m&uuml;ssen. Ob wohl auch Kl&auml;rchen so trutzig sein w&uuml;rde?
+Wie w&uuml;rde sie sie wohl finden? Ungew&ouml;hnlich rasch stieg
+sie die Treppe hinauf, schlo&szlig; die Wohnung auf und &ouml;ffnete
+mit wahrem Herzklopfen die T&uuml;re des Zimmers. An viele
+M&ouml;glichkeiten hatte sie gedacht, aber an <em class="gesperrt">die</em> nicht, da&szlig;
+statt <em class="gesperrt">eines</em> Kindes zwei auf dem Schrank sitzen w&uuml;rden.
+Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der
+die &auml;ngstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen
+Beine, die da in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter
+hingen, so gar nicht engelhaft anzusehen. Und nun machte
+der Schutzengel einen Satz herunter auf den Tisch, von da
+auf den Boden, gr&uuml;&szlig;te in einiger Verlegenheit und sagte:
+&raquo;Ich bin gerade zuf&auml;llig mit der Puppe gekommen und
+habe sie Kl&auml;rchen hinaufgereicht.&laquo;</p>
+
+<p>Im ersten Augenblick war Fr&auml;ulein Stahlhammer nur
+gl&uuml;cklich gewesen, da&szlig; sie das Kind wohlbehalten vor sich
+sah, im zweiten dachte sie: H&auml;tte lieber <em class="gesperrt">mein</em> Bruder
+statt <em class="gesperrt">ihr</em> Bruder Kl&auml;rchen so getroffen. Was wird er
+denken und daheim berichten von mir! &raquo;Kl&auml;rchen ist in
+Strafe,&laquo; sagte sie jetzt, &raquo;weil sie mir die Wahrheit nicht
+gesagt hat. Aber sie will jetzt gewi&szlig; wieder brav sein,&laquo;
+fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend und voll Sorge,
+ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. &raquo;Ich
+bin schon die ganze Zeit brav gewesen,&laquo; sagte Kl&auml;rchen,
+&raquo;der Schrank hat auch gar nicht gewackelt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist&#8217;s recht,&laquo; sagte die Patin, der es ganz leicht
+<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>ums Herz wurde, &raquo;dann komm, mein Kind!&laquo; Und sie fa&szlig;te
+Kl&auml;rchen und hob sie herunter.</p>
+
+<p>Es war inzwischen Mittag geworden und Fr&auml;ulein
+Stahlhammer lud Konrad zu Tisch. Er nahm es dankbar
+an; noch hatte er die Frage nicht &uuml;ber die Lippen gebracht,
+ob er einige Tage bleiben d&uuml;rfe. Daheim war er
+wie ein M&auml;rtyrer angesehen worden, da&szlig; er seine Ferienzeit
+bei Fr&auml;ulein Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam
+er sich nur wie ein zudringlicher Gast vor. Die Schwester
+kam ihm unwillk&uuml;rlich zu Hilfe.</p>
+
+<p>&raquo;Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?&laquo; fragte sie
+und r&uuml;ckte ihren Stuhl ganz dicht an den seinigen.</p>
+
+<p>&raquo;Das will er selbst nicht,&laquo; sagte Fr&auml;ulein Stahlhammer,
+&raquo;sonst d&uuml;rfte er&#8217;s wohl.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O doch, ich m&ouml;chte schon, wenn Sie es erlauben,&laquo;
+sagte er, sich an die Patin wendend, &raquo;d&uuml;rfte ich einige
+Tage dableiben?&laquo; Fr&auml;ulein Stahlhammer schien betroffen.
+Sie hatte so ein unbestimmtes Gef&uuml;hl, als habe man ihr
+einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war
+noch nie ein Kind zu ihr gekommen.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">Warum</em> m&ouml;chtest du da bleiben?&laquo; fragte sie und
+sah ihn fest dabei an. Unwillk&uuml;rlich erinnerte sich Konrad,
+wie er daheim gesagt hatte, er m&ouml;chte dahinter kommen,
+wie Fr&auml;ulein Stahlhammer eigentlich sei, und das harte
+Urteil, das man &uuml;ber sie gef&auml;llt hatte, kam ihm ins Ged&auml;chtnis.
+Er geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren
+Grund konnte er nicht angeben, Ausfl&uuml;chte zu machen war
+er nicht gew&ouml;hnt. Aber Fr&auml;ulein Stahlhammer brauchte
+auch keine Antwort mehr. Sie wu&szlig;te genug. Ruhig und
+fest, ihre gro&szlig;e Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: &raquo;O ja,
+du kannst hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und
+deine Tante k&ouml;nnen auch selbst kommen, und es ist mir
+sogar lieber, sie bleiben l&auml;nger da als wenn sie, wie dein
+<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Onkel an Weihnachten, auf f&uuml;nf Minuten kommen und
+dann ganz falsche Eindr&uuml;cke mit wegnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Es war gut, da&szlig; Kl&auml;rchen in der Herzensfreude &uuml;ber
+des Bruders l&auml;ngeren Besuch voll Fr&ouml;hlichkeit war und
+harmlos plauderte, sonst w&auml;re das Mittagessen wohl etwas
+peinlich gewesen.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer war unwillk&uuml;rlich zur&uuml;ckhaltend;
+es lag ihrem Wesen fern, sich einen guten Schein
+geben zu wollen; sie war in diesen Tagen eher weniger
+herzlich gegen Kl&auml;rchen als sonst, und das Kind, da es
+seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie
+an die Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander
+und da ging der Kleinen das Herz auf, und allm&auml;hlich
+kam alles zu Tag, was sie erlebt hatte. Immer
+kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: &raquo;Das darf man
+nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.&laquo; Auch
+da&szlig; Mine oft fortging und Kl&auml;rchen ganz allein zu Hause
+lie&szlig;, kam unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit
+heraus, und Konrad war noch keine acht Tage im Haus,
+als er schon den Eindruck hatte, da&szlig; die anscheinend so
+wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen
+schlimmen Einflu&szlig; aus&uuml;be, obwohl er nicht recht durchschauen
+konnte, warum. Mit schwerem Herzen trennte er
+sich, als die Feiertage vor&uuml;ber waren, von der Kleinen,
+die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als lie&szlig;e
+er sie unter Fremden, w&auml;hrend er selbst in einen trauten,
+fr&ouml;hlichen Familienkreis heimkehren durfte.</p>
+
+<p>Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen
+einen Beschlu&szlig; gefa&szlig;t. Wenn Konrad mit ung&uuml;nstigen Berichten
+zur&uuml;ckk&auml;me, so wollten sie an Ostern, wo einer ihrer
+Kostg&auml;nger abgehen w&uuml;rde, dem Vormund anbieten, Kl&auml;rchen
+zu sich zu nehmen.</p>
+
+<p>Und nun kam Konrad, noch betr&uuml;bt von dem Abschiedsschmerz,
+<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>und gleich der Beginn seiner Erz&auml;hlung, wie
+er die Kleine auf dem Schrank in Strafe getroffen habe,
+weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe
+einzugestehen, erregte einen Sturm der Entr&uuml;stung; und
+als er noch den zweifelhaften Einflu&szlig; Mines hervorhob,
+wurde beschlossen, noch heute an den Vormund zu schreiben.
+Der Professor fa&szlig;te einen Brief ab, in dem er sich erbot,
+Kl&auml;rchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei
+Fr&auml;ulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister
+w&auml;ren wohl am gl&uuml;cklichsten, wenn sie beisammen w&auml;ren.</p>
+
+<p>Herr Stahlhammer sa&szlig; eben am Fr&uuml;hst&uuml;ck, als der
+Brief ankam. Er erbrach ihn schon mit gerunzelter Stirne
+und sie wurde nicht heller beim Durchlesen. Am n&auml;chsten
+Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und legte den
+Brief vor sie. &raquo;Da lies,&laquo; sagte er, &raquo;dieses Getue mit
+dem Kind ist mir allm&auml;hlich zuwider.&laquo; Fr&auml;ulein Stahlhammer
+las den Brief. Der Kundschafter hatte also keine
+befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr weh. Sie tat
+doch an dem Kind was sie konnte. Sie h&auml;tte es vielleicht
+selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber da&szlig;
+diese Familie es ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war
+nett gewesen, sie hatte ihm zugetraut, da&szlig; er Gutes berichten
+w&uuml;rde. Er kam ihr falsch vor. &raquo;Was soll ich den
+Leuten antworten?&laquo; fragte ihr Bruder.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich das Kind behalten will,&laquo; sagte Fr&auml;ulein
+Stahlhammer bestimmt.</p>
+
+<p>&raquo;Dauernd?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dauernd!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde
+dem Professor Bescheid geben und dann wird hoffentlich
+von dem M&auml;dchen nicht mehr gesprochen, bis es konfirmiert
+ist; wenn alle M&uuml;ndel so viel Plage machten, f&auml;nde
+man keinen Vormund mehr!&laquo; Diesmal zog der Rat sehr
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>befriedigt heimw&auml;rts und schrieb ganz artig, er danke f&uuml;r
+den Vorschlag; seine Schwester wolle das Kind dauernd
+behalten, es sei dort in vorz&uuml;glicher Pflege.</p>
+
+<p>Als nach ihres Bruders Weggehen Fr&auml;ulein Stahlhammer
+ihr Pflegekind aufsuchte, und es allein in einer
+Ecke des Schlafzimmers still sitzend fand, kam es ihr vor,
+als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan. Ein
+fr&ouml;hlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es
+daraus verbannt durch ihr Wort: &raquo;Ich will es behalten.&laquo;
+Und dieses Wort hatte sie nicht aus edlen Gr&uuml;nden gesprochen.</p>
+
+<p>Bitter entt&auml;uscht waren die Br&uuml;der, als die abschl&auml;gige
+Antwort des Vormunds eintraf. Zu &auml;ndern war daran
+nichts mehr, das sahen sie ein, aber etwas konnte doch getan
+werden, so dachte wenigstens Heinrich und er schmiedete
+ganz im stillen Pl&auml;ne. Mu&szlig;te Kl&auml;rchen bei der Patin
+bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er
+bewerkstelligen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Sonntag wanderte er ganz allein nach
+Waldeck. Von vier bis sechs Uhr war die Patin im Verein
+der Dienstm&auml;dchen, das wu&szlig;te er. Er strich ums Haus
+herum, bis er die hohe Gestalt der Fr&auml;ulein Stahlhammer
+&uuml;ber die Stra&szlig;e schreiten sah, und bis sie endlich seinen
+Blicken in der Ferne entschwand; dann ging er hinauf und
+als ihm Mine &ouml;ffnete, folgte er ihr in die K&uuml;che, ohne
+nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war ein gut
+St&uuml;ck kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus f&uuml;r
+seine zw&ouml;lf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht
+sah unter dem welligen Haar hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du denn von mir, Heinrich?&laquo; fragte das
+M&auml;dchen verwundert. &raquo;Ich habe Ihnen etwas mitgebracht,
+Mine,&laquo; sagte er und zog aus seiner Tasche ein Zeitungsblatt
+hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das Blatt
+<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>aufschlug. &raquo;Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser
+Lokalanzeiger, da sind lauter sch&ouml;ne Stellen f&uuml;r Dienstm&auml;dchen
+ausgeschrieben. Zum Beispiel da: &raquo;Ein Dienstm&auml;dchen
+gesucht bei hohem Lohn,&laquo; und da &raquo;Bei guter Behandlung&laquo;
+und vollends die Anzeige m&uuml;ssen Sie lesen
+&raquo;Allj&auml;hrlich steigender Lohn und beste Behandlung.&laquo; Mit
+gro&szlig;er Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig.
+&raquo;Fein,&laquo; sagte sie, &raquo;aber ich will ja gar nicht fort von hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn nicht? In der gro&szlig;en Stadt ist&#8217;s doch
+sch&ouml;ner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar
+einen Jungfrauenverein gibt&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch wieder was anderes,&laquo; sagte Mine, &raquo;und
+warum soll ich denn fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe eben so gedacht,&laquo; sagte der Schelm ganz
+ernsthaft, &raquo;das Kl&auml;rchen macht doch schon Arbeit und wenn
+nun mein Bruder und ich auch noch kommen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu uns? Ins Haus? F&uuml;r ganz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir Geschwister m&ouml;chten eben gern beisammen sein
+und Platz ist ja da. Wir haben freilich viele Sachen. Zum
+Beispiel meine Raupensammlung; die m&uuml;&szlig;te ich schon in
+der K&uuml;che aufstellen, denn im Zimmer pa&szlig;t das nicht,
+weil die Raupen doch manchmal durchgehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pfui tausend, sei mir still davon,&laquo; sagte Mine.</p>
+
+<p>&raquo;Oho, meine Raupen sind sch&ouml;n, da sehen Sie doch
+einmal,&laquo; und auf einmal zog er aus seiner Tasche ein
+Gl&auml;schen, in dem ein paar Raupen von der dicksten Sorte
+herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte
+zur&uuml;ck, er folgte ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Geh mir weg mit dem h&auml;&szlig;lichen Getier, ich kann&#8217;s
+nicht leiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? das ist aber &auml;rgerlich. Denn wo ich bin, da
+<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>sind auch Raupen und beim besten Willen kann man das
+nicht vermeiden, da&szlig; sie manchmal herumkriechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;ne Aussicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern
+sch&ouml;nen Dienst suchen wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer
+dazu, dann gern. Es gibt ja auch hier Pl&auml;tze
+genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es
+krabbelt schon eine an Ihrem R&uuml;cken, ja, jetzt kommt sie
+an den Hals.&laquo; Mine tat einen lauten Schrei. &raquo;Tu sie
+weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Heinrich, &raquo;aber sachte, da&szlig; ihr nichts
+geschieht, es ist eine von meinen gr&ouml;&szlig;ten,&laquo; und der Schlingel
+ber&uuml;hrte Mine sachte am Hals, so da&szlig; sie die Raupe zu versp&uuml;ren
+meinte. &raquo;Ich bitte dich, Heinrich, sei so gut, nimm
+sie weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn Sie mir versprechen, da&szlig; Sie gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist
+das Tier weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich kommt&#8217;s weg. Gehen Sie im n&auml;chsten Monat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann ist&#8217;s recht; da ist ja schon die Raupe wieder
+im Glas, sehen Sie nur.&laquo; Lachend lief er dem z&uuml;rnenden
+M&auml;dchen davon. &raquo;Jetzt will ich zu Kl&auml;rchen,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie
+das Zeitungsblatt wieder; die feine Stelle mit dem allj&auml;hrlich
+wachsenden Lohn fesselte sie doch und gab ihr zu
+denken; schlie&szlig;lich konnte man seine guten Bekannten auch
+von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig auf
+den Heimweg. Er war in vergn&uuml;gter Stimmung. Der
+erste Plan war gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause
+sagte er gar nichts davon, denn Onkel und Tante wollten
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>sich nicht in die Angelegenheiten von Fr&auml;ulein Stahlhammer
+mischen; es war ja auch nicht n&ouml;tig, das konnte er schon
+selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen,
+denn der hatte immer so vielerlei Bedenken und w&uuml;rde
+auch jetzt immer nur sagen: &raquo;Das geht nicht.&laquo; Es mu&szlig;te
+aber fein gehen!</p>
+
+
+<h3>VII.</h3>
+
+<p>Unter der gro&szlig;en Anzahl von Dienstm&auml;dchengesuchen
+konnte man am n&auml;chsten Tag im Lokalanzeiger lesen: &raquo;Es
+wird ein recht gutes, freundliches Dienstm&auml;dchen gesucht
+bei stets steigendem Lohn. N&auml;heres um zehn Uhr im Gymnasiumshof.&laquo;</p>
+
+<p>Als der Zeitungstr&auml;ger den Lokalanzeiger wie jeden
+Tag mittags ins Haus brachte, sah Heinrich ganz begierig
+nach: richtig, da kam <em class="gesperrt">seine</em> Anzeige unter vielen
+andern. Er war &uuml;berzeugt, da&szlig; niemand au&szlig;er Stellensuchenden
+diese Anzeige lesen w&uuml;rde und da&szlig; er gewi&szlig;
+ganz unvermerkt w&auml;hrend der Unterrichtspause, die von
+zehn bis ein Viertel auf elf Uhr stattfand, in den Hof
+des Gymnasiums gehen und sich unter den Dienstm&auml;dchen,
+die da kommen w&uuml;rden, die freundlichste heraussuchen k&ouml;nne.
+Name und Wohnung der Patin hatte er sch&ouml;n deutlich auf
+einen Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserw&auml;hlten
+geben, damit sie sich Fr&auml;ulein Stahlhammer anbiete. Nur
+durfte sie nicht sagen, wer sie geschickt habe; wenn sie ihm
+nur das gewi&szlig; versprach!</p>
+
+<p>Es hatte aber doch noch jemand anders als nur
+Dienstm&auml;dchen die Anzeige gelesen. Der Schuldiener
+des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der ganzen
+Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gr&uuml;ndlich.
+Sie brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. &raquo;Da sieh
+doch nur, wer kann das sein, der die Dienstm&auml;dchen in
+<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>unseren Hof bestellt!&laquo; Der Schuldiener machte ein ernstes
+Gesicht. &raquo;Das ist ein Unfug,&laquo; sagte er &raquo;und mu&szlig; dem Herrn
+Rektor gemeldet werden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; mich nur erst besinnen,&laquo; sagte die Frau, &raquo;es
+kommt doch darauf an, wer&#8217;s ist; das bring ich schon
+heraus, es mu&szlig; ja von unseren Professoren jemand sein.
+Einer, der nicht will, da&szlig; das M&auml;dchen sich in der Wohnung
+zeigt, weil der alten noch nicht gek&uuml;ndigt ist. Der Herr
+Rektor selbst ist&#8217;s nat&uuml;rlich nicht, der Herr k&uuml;mmert sich
+nicht um das Dienstpersonal, und von den alten Herren
+t&auml;te so etwas auch keiner. Wei&szlig;t du, wer das ist? Niemand
+anders als der neue Mathematikprofessor. Bei dem
+ist immer Magdnot, <em class="gesperrt">sie</em> ist keine rechte Hausfrau und <em class="gesperrt">er</em>
+ist ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht
+sich gar nichts daraus, wenn&#8217;s seine Frau haben will, und
+l&auml;&szlig;t die M&auml;dchen kommen und schaut sie durch seine Brille
+an und nimmt dann nat&uuml;rlich die ungeschickteste. Da mu&szlig;
+ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, da&szlig;
+er nicht gar so dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor
+nichts zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er lie&szlig; seine
+Frau reden und brachte das Zeitungsblatt dem Rektor
+der Anstalt, einem &auml;lteren ruhigen Herrn, dem schon
+Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte
+er auch die Vermutung seiner Frau mit. &raquo;Es kann ja
+sein, da&szlig; Professor Graun, der hier noch fremd ist, auf
+diesen etwas wunderlichen Gedanken kam,&laquo; sagte der Rektor,
+&raquo;ich werde ihn vorher fragen, dann kann die Sache noch
+anders eingerichtet werden. Es w&auml;re mir lieb, wenn sich
+Ihre Frau nicht einmischte, k&ouml;nnen Sie das verhindern?&laquo;
+fragte er mit feinem L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig
+neugierig, sozusagen gewaltt&auml;tig; man bringt sie nicht recht
+<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>aus dem Weg, wenn so etwas los ist.&laquo; &raquo;Nun es wird
+sich schon machen lassen,&laquo; sagte der Rektor, &raquo;die Sache ist
+ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor Graun
+morgen fr&uuml;h kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick
+zu mir zu kommen.&laquo; Damit war der Diener entlassen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor
+ins Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des
+Rektors ausgerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige einger&uuml;ckt
+hat?&laquo; fragte der Rektor.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, davon habe ich keine Ahnung.&laquo; Der Rektor
+ging in den gro&szlig;en Gang, der in dem alten Gymnasiums-Geb&auml;ude
+auf drei Seiten den Hof umschlo&szlig;. Durch diesen
+Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem
+Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der
+Fenster. Um diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle
+die Sch&uuml;ler polterten die Treppe herauf und trabten &uuml;ber
+den Gang nach ihren verschiedenen Zimmern, dazwischen
+war der langsamere, festere Tritt der Lehrer h&ouml;rbar. Heute
+wurde von letzteren ein jeder abgefa&szlig;t; der Rektor fragte
+nach der Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen.
+Unter diesen Professoren war auch Heinrichs Onkel. Professor
+Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die andern den Urheber
+der Anzeige und konnte dar&uuml;ber keinen Aufschlu&szlig; geben.
+Allm&auml;hlich kamen nur noch vereinzelte Sch&uuml;ler, jetzt schlug
+es 8 Uhr, und die gr&ouml;&szlig;te Stille herrschte in dem noch eben
+so belebten Geb&auml;ude, der Unterricht begann.</p>
+
+<p>Schlag 10 Uhr ert&ouml;nte unten in des Dieners Wohnung
+ein zweimaliges Glockenzeichen; dies war der verabredete
+Ruf, dem die Frau des Dieners in das Rektoratszimmer
+zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am Eingang
+des Hoftors, ihre Neugierde war aufs h&ouml;chste gespannt.
+Nein, wie fatal, gerade in <em class="gesperrt">dem</em> Augenblick klingelte
+<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>ihr der Rektor. Diesmal sollte nur ihr Mann an ihrer
+Stelle gehen. &raquo;Peter!&laquo; rief sie, Peter!&laquo; Von Peter kam
+keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas st&auml;rker
+das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging
+die Treppe hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten
+Frau, m&ouml;glich war. Einen Blick warf sie noch zur&uuml;ck, ehe
+sie den Hof aus dem Auge verlor, und da glaubte sie gerade
+noch ein M&auml;dchen, ein ganz fein gekleidetes, durch das
+Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter
+der T&uuml;re seines Zimmers auf sie.</p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und
+holen Sie mir aus dem Kasten Nr.&nbsp;5 alle diejenigen Hefte,
+die mit Klasse <em class="antiqua">IX</em> Jahrgang 88 bezeichnet sind.&laquo;</p>
+
+<p>Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren,
+ging jedenfalls eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame
+Viertelstunde! An eine Widerrede war nicht zu denken,
+sie mu&szlig;te hinauf in die Bodenkammer. Aber etwas Gl&uuml;ck
+ist doch meist beim Ungl&uuml;ck, der Kasten Nr.&nbsp;5 stand nahe
+bei der Dachl&uuml;cke, und aus dieser herunter konnte man den
+Hof &uuml;berblicken. Und da sah denn die gute Frau von ihrer
+H&ouml;he aus was vorging. Die Sch&uuml;ler rannten wie alle
+Tage w&auml;hrend der Pause in den Hof hinunter, der Herr
+Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie
+sonst in der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer
+nach dem andern erschien auf dem Gang, offenbar war
+jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich ging; auch
+Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster
+im Erdgescho&szlig; blickte der Schuldiener hervor.</p>
+
+<p>Nun kam von der Stra&szlig;e herein durch den Torweg
+ganz unbefangen ein Dienstm&auml;dchen und sah sich um, nicht
+ahnend, da&szlig; sie von so vielen gestrengen Herren beobachtet
+wurde, denn sie traten alle etwas zur&uuml;ck, um nicht bemerkt
+zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer
+<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>auf das M&auml;dchen zu. Es war Heinrich. &raquo;Das ist der
+kleine Schubert,&laquo; sagte einer der Lehrer zu dem andern.
+&raquo;Ihr Kostg&auml;nger, nicht wahr, Herr Professor Kuhn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die
+beiden Schuberts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt
+keiner au&szlig;er ihm, da&szlig; dies M&auml;dchen jemanden sucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er
+Bescheid gibt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der betreffende Herr oder Dame, die die M&auml;dchen
+hierher bestellt hat, scheint sich versp&auml;tet zu haben; aber
+da kommt schon wieder eine, das ist eine stattliche Person;
+und richtig, der kleine Schubert nimmt sich ihrer wieder an.&laquo;</p>
+
+<p>Die Herren Professoren lachten. H&auml;tten sie das Zwiegespr&auml;ch
+zwischen dem Dienstm&auml;dchen und Heinrich geh&ouml;rt,
+so w&auml;ren sie wohl erstaunt gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mir ja gleich gedacht, da&szlig; das nichts Rechtes
+ist,&laquo; sagte die gro&szlig;e stattliche K&ouml;chin, &raquo;nur weil ich gerade
+vom Markt komme, hat mich die Neugier hereingetrieben,
+wer sich denn die M&auml;dchen in den Gymnasiumshof bestellt.
+Da&szlig; es nur so ein kleiner Lausbub ist, h&auml;tte ich mir aber
+doch nicht gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist aber eine ganz gute Stelle,&laquo; sagte Heinrich,
+&raquo;und ich hab&#8217;s getan wegen meiner kleinen Schwester.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was w&auml;r&#8217; denn hernach der Lohn?&laquo; fragte die K&ouml;chin
+von oben herab.</p>
+
+<p>&raquo;So genau wei&szlig; ich das nicht,&laquo; sagte Heinrich und
+dann, da hierauf das M&auml;dchen h&ouml;hnisch lachte und so gar
+nicht gutm&uuml;tig aussah, f&uuml;gte er offenherzig hinzu: &raquo;Ein
+besonders gutes M&auml;dchen m&uuml;&szlig;te es aber sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt
+so was, das sieht dumm genug aus, um auf deinen Leim
+zu gehen.&laquo; Die Gro&szlig;e verschwand, ein kleineres, vielleicht
+<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>siebzehnj&auml;hriges M&auml;dchen erschien im Hof, und diesmal
+ging Heinrich gleich auf sie zu.</p>
+
+<p>Oben bemerkte der Rektor: &raquo;Man k&ouml;nnte meinen, der
+kleine Schubert habe sie bestellt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wahrhaftig,&laquo; sagte sein Klassenlehrer, &raquo;er ist oft
+ein rechter Schelm und hat n&auml;rrische Einf&auml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es kommt mir auch wunderlich vor,&laquo; meinte Professor
+Kuhn, dem es schon geraume Zeit unbehaglich zu Mute
+war, w&auml;hrend er seinen Neffen beobachtete. Inzwischen
+hatte Heinrich in eiligen Worten &#8211; denn er f&uuml;rchtete, das
+Ende der Pause m&ouml;chte seine Unterhandlungen unterbrechen
+&#8211; dem M&auml;dchen gesagt, er wisse eine feine Stelle
+bei einem alten Fr&auml;ulein und einem herzigen kleinen
+M&auml;dchen. Und dann schilderte er so r&uuml;hrend sein verwaistes
+Schwesterchen, da&szlig; er des M&auml;dchens Teilnahme
+erregte. &raquo;Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,&laquo;
+sagte sie, &raquo;und deshalb bin ich schon seit meinem f&uuml;nfzehnten
+Jahr im Dienst und hab&#8217;s so hart als Sp&uuml;lerin in einer
+Schenke. Wenn ich in ein so feines Haus kommen k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich k&ouml;nnen Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben.
+Fahren Sie nur gleich am Sonntag hinaus,
+aber ja nicht sagen, da&szlig; ich Sie geschickt habe, blo&szlig;: Sie
+h&auml;tten&#8217;s geh&ouml;rt, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein
+Kl&auml;rchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und
+wei&szlig;e B&ouml;den?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine nur so, wenn&#8217;s so viele Zimmer sind, wegen
+dem Putzen, wenn alle B&ouml;den wei&szlig; sind&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht wei&szlig;, mehr so
+br&auml;unlich&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht Parkett?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja wahrscheinlich.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>&raquo;Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube auch gar nicht, da&szlig; sie Parkett sind, wie
+hei&szlig;t man die B&ouml;den, die so bequem sind zum Putzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die angestrichenen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie ist denn der Lohn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ist hoch und allj&auml;hrlich wachsend, so viel ich wei&szlig;.
+Fr&auml;ulein Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist&#8217;s ein gutes Fr&auml;ulein? Ich frage ja nur, weil&#8217;s
+das Kind nicht gut hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja so, ja das Fr&auml;ulein ist in allen wohlt&auml;tigen
+Vereinen und schreibt sehr sch&ouml;ne Briefe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir&#8217;s
+ansehen, aber ums Fahrgeld ist mir&#8217;s halt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber
+warten Sie nur, ich kann Ihnen schon etwas geben; drei&szlig;ig
+Pfennig kostet die Fahrkarte, so viel habe ich vielleicht noch
+Taschengeld, aber die Anzeige war so teuer.&laquo; Heinrich
+zog sein Beutelchen. &raquo;Nein, siebenundzwanzig sind&#8217;s nur
+noch, aber drei k&ouml;nnen Sie wohl darauflegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte das M&auml;dchen gutm&uuml;tig, &raquo;den letzten Pfennig
+will ich Ihnen auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig
+bekomme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut,&laquo; sagte Heinrich, &raquo;dann habe ich doch noch sieben
+im Beutel, die Woche ist noch lang!&laquo;</p>
+
+<p>Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts
+verstehen k&ouml;nnen, aber als sie sahen, da&szlig; sich allm&auml;hlich
+eine ganze Anzahl Sch&uuml;ler neugierig um die Beiden sammelte
+und da&szlig; Heinrich seinen Geldbeutel hervorzog, machten sie
+der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen Neffen
+herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstm&auml;dchen
+durch den Torweg verschwand.</p>
+
+<p>Als Heinrich in fr&ouml;hlicher Stimmung, dem Ruf seines
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>Onkels folgend, die Treppe hinaufsprang, war er nicht
+wenig best&uuml;rzt, den ganzen Gang voll Professoren zu sehen,
+ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem Klassenlehrer.
+Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte
+angesichts so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich
+ein peinliches Verh&ouml;r. Der Rektor fragte zuerst:
+&raquo;Was hast du mit dem M&auml;dchen im Hof gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft
+wie sein &auml;lterer Bruder war er von Natur nicht und nicht
+immer hatte er bei seinen Streichen der Versuchung widerstanden,
+sich ein wenig herauszuschwindeln. Diesmal aber,
+in dem Gef&uuml;hl, da&szlig; er in bester Absicht gehandelt hatte
+und auch unter dem Eindruck der W&uuml;rdentr&auml;ger, die vor
+ihm standen, hielt er mit der Wahrheit nicht zur&uuml;ck, sondern
+sagte gerade heraus: &raquo;Ich habe das M&auml;dchen gedungen
+f&uuml;r Fr&auml;ulein Stahlhammer, bei der meine kleine
+Schwester ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So war von dir diese Anzeige verfa&szlig;t?&laquo; fragte der
+Rektor.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Heinrich, &raquo;die ist von mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat davon gewu&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem hast du es vorher mitgeteilt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar niemand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heinrich!&laquo; sagte der Onkel vorwurfsvoll, &raquo;weder der
+Tante noch Konrad?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand,&laquo; sagte Heinrich, &raquo;sie w&auml;ren doch alle dagegen
+gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit gibst du zu,&laquo; sagte langsam und nachdr&uuml;cklich
+Heinrichs Klassenlehrer, &raquo;da&szlig; du dir wohl einer unrechten
+oder t&ouml;richten Handlung bewu&szlig;t warst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r unrecht habe ich&#8217;s nicht gehalten,&laquo; sagte Heinrich,
+&raquo;aber f&uuml;r anders als man&#8217;s gew&ouml;hnlich macht, und das
+wollen sie immer nicht.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>&raquo;Sie wollen es nicht? Wer &#8250;sie&#8249;?&laquo; fragte der Klassenlehrer
+scharf. &raquo;Wen meinst du mit diesem geringsch&auml;tzigen
+&#8250;sie&#8249;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Blo&szlig; die Menschen,&laquo; sagte Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe den Zusammenhang nicht,&laquo; sagte der
+Rektor, sich an Professor Kuhn wendend, &raquo;was kann ihn
+veranla&szlig;t haben, f&uuml;r andere Leute ein M&auml;dchen zu dingen?
+War er beauftragt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine
+Schwester wird in ihrem Kosthaus von dem Dienstm&auml;dchen
+allem Anschein nach nicht gut behandelt und beeinflu&szlig;t;
+dar&uuml;ber waren die Br&uuml;der &#8211; und ich allerdings mit ihnen &#8211;
+sehr betr&uuml;bt. Meine Frau und ich konnten uns aber der
+Verh&auml;ltnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf
+diesen Ausweg verfallen zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun,&laquo; fragte der Rektor, &raquo;und was hast du denn
+ausgerichtet? es sind wie mir scheint mehrere gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie
+hat mir versprochen, da&szlig; sie nach Waldeck f&auml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man darf vielleicht,&laquo; sagte der Onkel, sich an den
+Rektor und den Klassenlehrer wendend, &raquo;die Anh&auml;nglichkeit
+der drei erst k&uuml;rzlich verwaisten Geschwister als Entschuldigung
+f&uuml;r Heinrich ansehen. Er hat es gut gemeint mit
+seiner Schwester.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie es so auffassen,&laquo; sagte der Rektor, &raquo;so
+schlie&szlig;e ich mich Ihnen an, Sie kennen die Verh&auml;ltnisse.
+Ich sehe keine strafbare Handlung in dem Vorgefallenen;
+du kannst gehen, Heinrich.&laquo; Dieser lie&szlig; sich&#8217;s nicht zweimal
+sagen; wie ein Wiesel schl&uuml;pfte er zwischen den Herren hindurch,
+m&ouml;glichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die
+Sache nicht eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer
+traute er nichts Gutes zu, er sah ihn so ungn&auml;dig
+an. In der Tat sagte dieser auch etwas mi&szlig;billigend zum
+<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>Rektor: &raquo;Er ist gut durchgekommen f&uuml;r diese unziemliche
+Handlung, fast zu gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der Rektor, &raquo;schicken Sie ihn nach Schlu&szlig;
+der Schule noch einmal allein in mein Zimmer.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen
+Lehrers; Heinrich aber war best&uuml;rzt, als er durch den Lehrer
+erfuhr, da&szlig; noch etwas nachkommen sollte. Er fand sich
+nach dem Schlu&szlig; der Schule im Zimmer des Rektors ein.
+(Auf dem Tisch lagen die Hefte der <em class="antiqua">IX.</em> Klasse aus dem
+Jahrgang 88.) &raquo;Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,&laquo;
+sagte der Rektor, &raquo;das verdankst du der F&uuml;rsprache deines
+Onkels. Mit v&auml;terlicher Treue ist er f&uuml;r dich eingetreten.
+Einen andern Mann an seiner Stelle h&auml;tte es gekr&auml;nkt,
+da&szlig; du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er
+hat bewiesen, da&szlig; er dich lieb hat. Hast du auch
+ihn lieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Heinrich, und das kam von Herzen.</p>
+
+<p>&raquo;Dann beweise auch du es. <em class="gesperrt">Wie,</em> das mu&szlig; dir dein
+Herz sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will&#8217;s tun,&laquo; sagte Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Und noch etwas: du hast dich dar&uuml;ber beschwert,
+da&szlig; die Menschen nie etwas anders machen wollen, als
+man es gew&ouml;hnlich macht, und das war der Grund, warum
+du deine Absicht, ein M&auml;dchen zu dingen, nicht vorher verraten
+<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'hat'">hast</ins>, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Heinrich, &raquo;es hei&szlig;t immer: das kann man
+nicht, oder: so macht&#8217;s niemand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr
+ganzes Leben hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu
+handeln. Bei ihnen hei&szlig;t es: so machen&#8217;s alle Leute.&laquo;
+&raquo;Ja, ja,&laquo; sagte Heinrich von Herzen zustimmend.</p>
+
+<p>&raquo;Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen
+geh&ouml;rst, sondern wenn du sp&auml;ter als Mann sagst: Ich tue,
+<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>was gut und verst&auml;ndig ist, ob&#8217;s nun andere auch so
+machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als Mann.
+So lange du noch jung und unselbst&auml;ndig bist, darfst du
+dir nicht herausnehmen, nach eigenem Gutd&uuml;nken zu handeln;
+kannst auch &uuml;berzeugt sein, da&szlig; es meistens nicht gut ausfallen
+w&uuml;rde. Also f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre: Vertraue
+alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen
+magst, das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue
+was recht ist.&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich kam sp&auml;ter als sein Onkel von der Schule
+heim. Inzwischen hatte dieser noch &uuml;ber die Sache nachgedacht
+und war &auml;rgerlich &uuml;ber den Jungen. Wer konnte
+wissen, was der alles anstellen w&uuml;rde, nachdem er einmal
+angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern R&uuml;cken
+solche Dinge zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache
+ausgehen! Fr&auml;ulein Stahlhammer lie&szlig; sich kein M&auml;dchen
+aufdr&auml;ngen, am wenigsten, wenn es von dieser Seite kam;
+Mine w&uuml;rde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache
+nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor
+sa&szlig; eben vor seinem Schreibtisch, in dem er seine Hefte
+verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die Jugend versammelte
+sich schon im E&szlig;zimmer, da ging die T&uuml;re auf und Heinrich
+sah herein. Er geh&ouml;rte nicht zu denen, die ihre Empfindungen
+schwer &uuml;ber die Lippen bringen. Lebhaft ging
+er zu seinem Onkel und dessen Hand fassend sagte er:
+&raquo;Das war so fein von dir, Onkel, da&szlig; du mir geholfen
+hast. Mein Professor h&auml;tte mich ja am liebsten in den
+Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen
+w&auml;rst, ich danke dir recht sch&ouml;n daf&uuml;r! Sogar der Herr
+Rektor hat etwas von deiner v&auml;terlichen F&uuml;rsorge gesagt,
+es war etwas sehr Sch&ouml;nes.&laquo;</p>
+
+<p>Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon
+wieder ganz freundlich auf seinen Neffen. &raquo;Die Hauptsache
+<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>ist,&laquo; sagte er, &raquo;da&szlig; du nicht noch einmal so etwas
+tust.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, in den n&auml;chsten Jahren nicht mehr, das habe
+ich schon mit dem Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann!
+Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel? Ich habe in der
+Pause nichts essen k&ouml;nnen, bin furchtbar hungrig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm,&laquo; sagte der Onkel und sie gingen unwillk&uuml;rlich
+Hand in Hand &#8211; es war wohl der Rektor, der
+diese H&auml;nde ineinandergelegt hatte.</p>
+
+
+<h3>VIII.</h3>
+
+<p>Am n&auml;chsten Sonntag, als Mine eben in ihrer K&uuml;che
+absp&uuml;lte, klingelte es und ein M&auml;dchen meldete sich. Sie
+sei aus der Stadt hierhergeschickt worden, weil man hier
+ein Dienstm&auml;dchen suche. Mine traute kaum ihren Ohren.
+&raquo;Das ist aber unerh&ouml;rt,&laquo; rief sie, &raquo;ich habe ja noch gar
+nicht gek&uuml;ndigt und mein Fr&auml;ulein wei&szlig; von nichts. Wer
+hat Sie denn geschickt? Gewi&szlig; Frau Professor Kuhn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist&#8217;s besprochen
+worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich
+denn jetzt? Versuchen Sie&#8217;s eben und gehen Sie hinein.
+Wenn das Fr&auml;ulein Sie will, dann soll&#8217;s mir auch recht
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da ist ein M&auml;dchen,&laquo; sagte Mine, indem sie die
+T&uuml;re aufmachte zu dem E&szlig;zimmer und sich rasch wieder
+zur&uuml;ckzog. Fr&auml;ulein Stahlhammer sa&szlig; da, die Zeitung
+lesend, und Kl&auml;rchen war mit ihrer Puppe besch&auml;ftigt.
+&raquo;Was m&ouml;chten Sie von mir?&laquo; fragte Fr&auml;ulein Stahlhammer,
+&raquo;wer sind Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Katharine Schwarz hei&szlig;e ich und weil ich geh&ouml;rt
+habe, da&szlig; Sie ein M&auml;dchen suchen, wollte ich mich vorstellen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>&raquo;Das ist jedenfalls eine Verwechselung,&laquo; sagte Fr&auml;ulein
+Stahlhammer, &raquo;ich suche keines. Wer hat Ihnen denn
+das gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Hof ist&#8217;s gesprochen worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein M&auml;dchen
+schon seit f&uuml;nf Jahren und behalte sie auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt her&uuml;ber
+gefahren,&laquo; sagte das M&auml;dchen. &raquo;Ich w&auml;re erst so gerne
+gekommen; so ein stilles Pl&auml;tzchen bei guten Leuten, das
+gefiele mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das tut mir leid f&uuml;r Sie. Vielleicht ist&#8217;s in einem
+der Nachbarh&auml;user. Meine Mine wei&szlig; das. Kommen
+sie einmal mit mir in die K&uuml;che.&laquo; Das M&auml;dchen folgte
+ihr. &raquo;Mine, nehmen Sie sich um das M&auml;dchen an, sie ist
+irrt&uuml;mlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr
+eine Tasse Kaffee ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein
+Pl&auml;tzchen f&uuml;r sie.&laquo;</p>
+
+<p>Nun waren die beiden zusammen in der K&uuml;che; Mine
+r&auml;umte noch ihr letztes Geschirr auf und Katharina lie&szlig;
+sich den Kaffee schmecken, nachdem sie zuerst gro&szlig;e Umst&auml;nde
+gemacht hatte, ihn anzunehmen. &raquo;Da gefiele mir&#8217;s,&laquo;
+sagte sie, &raquo;so ein freundliches Fr&auml;ulein, das gleich Kaffee
+einschenken l&auml;&szlig;t und so stattlich und hochgewachsen und
+alles so nobel und fein im Haus, und dem Kind sieht
+man&#8217;s von fern an, wie gut es ist.&laquo; Im Lauf des Gespr&auml;chs
+hatte Mine bald herausgebracht, da&szlig; kein anderer
+als Heinrich das M&auml;dchen hergeschickt hatte. Ja, der
+Schlingel, wenn der wirklich ins Haus kam mit seinen
+Raupen und der gro&szlig;e Bruder auch noch dazu, dann
+waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich
+auch versprochen zu gehen.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte Kl&auml;rchen zur Patin gesagt: &raquo;Kann
+das gute M&auml;dchen nicht bei uns bleiben?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>&raquo;Wir haben ja unsere Mine,&laquo; sagte die Patin, &raquo;die
+ist auch gut.&laquo; Fr&auml;ulein Stahlhammer nahm wieder die
+Zeitung, aber es war nicht viel mit dem Lesen. Nie hatte
+sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und jetzt auf
+einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es w&auml;re, mit
+dem jungen M&auml;dchen, das so freundlich aussah, ganz neu
+anzufangen. Mine war im Lauf der Jahre so selbst&auml;ndig
+geworden, sie nahm ihr auch die Kleine ganz aus der Hand.
+Sie sagte so oft: &raquo;Die Kleine sp&uuml;rt&#8217;s, da&szlig; Sie seine Mutter
+nicht sind,&laquo; das tat ihr jedesmal weh. Ein neues M&auml;dchen
+w&uuml;rde so etwas nicht denken und jedenfalls nicht
+sagen. Was wohl Mine zu dem Vorschlag sagen w&uuml;rde,
+da&szlig; sie diesem M&auml;dchen weichen sollte? Unentschlossen
+ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. &raquo;Was w&uuml;rde
+mein Bruder von mir denken?&laquo; sagte sie sich selbst, &raquo;er
+w&uuml;rde zu mir sagen: &raquo;Du, die gro&szlig;e Stahlhammer, traust
+dich nicht mit deinem M&auml;dchen zu reden?&laquo; Wirklich, sie
+war allm&auml;hlich dieser Mine gegen&uuml;ber ganz sch&uuml;chtern geworden.
+Sie sch&auml;mte sich ihrer Schw&auml;che.</p>
+
+<p>&raquo;Kl&auml;rchen, sage doch Mine, sie m&ouml;ge herein kommen.&laquo;
+Mine kam, Kl&auml;rchen blieb in der K&uuml;che und schlo&szlig; Freundschaft
+mit Katharine.</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint ein ordentliches M&auml;dchen zu sein?&laquo; sagte
+Fr&auml;ulein Stahlhammer zu Mine. &raquo;Ja, ein gutes Zeugnis
+hat sie bei sich und ein armes Ding ist&#8217;s, dem&#8217;s immer
+hart gegangen ist bisher.&laquo;</p>
+
+<p>Nun nahm Fr&auml;ulein Stahlhammer einen Anlauf:
+&raquo;Wie w&auml;r es, Mine, wenn ich es mit diesem M&auml;dchen versuchte
+und Sie mit einem andern Dienst?&laquo;</p>
+
+<p>Zu Fr&auml;ulein Stahlhammers gro&szlig;em Erstaunen war
+Mine&#8217;s sofortige Antwort: &raquo;Gerade wollte ich&#8217;s auch vorschlagen!&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p><a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>Einen Monat sp&auml;ter war Mine abgezogen, in der
+K&uuml;che hauste das neue M&auml;dchen. Es war der erste Abend.
+Bisher war es immer Mine gewesen, die Kl&auml;rchen begleitet
+hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die Patin
+selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein
+wenig sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz
+zutraulich. &raquo;Kommst du jetzt alle Tage selbst mit mir?&laquo;
+fragte das Kind. &raquo;Ja, wenn ich nicht im Verein bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat unsere Katharina auch einen Verein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du
+fort warst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie
+dich dann allein gelassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber das hat man gar nicht sagen d&uuml;rfen, nur
+dem Konrad habe ich&#8217;s gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig;t du dir nicht verbieten lassen, Kl&auml;rchen.
+Wenn die Katharina einmal will, da&szlig; du mir etwas nicht
+sagst, dann mu&szlig;t du gleich antworten: Der Patin sage
+ich alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? So soll ich&#8217;s machen?&laquo; sagte die Kleine ganz
+verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so sollst du&#8217;s machen, so machen es alle lieben
+kleinen Kinder.&laquo;</p>
+
+<p>Die Patin gab dem Kind einen Ku&szlig; und beide hatten
+das Gef&uuml;hl, es sei etwas weg, das sie bisher getrennt hatte.</p>
+
+<p>Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne da&szlig; zur
+Familie des Professors irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer
+gedrungen w&auml;re. Die Br&uuml;der scheuten sich, hinzugehen,
+wu&szlig;ten sie doch nicht, wie Heinrichs Einmischung
+in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da
+begegnete diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine,
+und mit stolzer Befriedigung erfuhr er, da&szlig; die von ihm
+<a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden und Mine ihr
+Platz gemacht hatte. Aber Mine wu&szlig;te auch noch das
+allerneuste. Fr&auml;ulein Stahlhammer l&auml;ge krank zu Bett
+und werde wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu
+Hause erz&auml;hlt, als seine Tante erkl&auml;rte: &raquo;Das ist f&uuml;r mich
+die Gelegenheit, endlich einmal Fr&auml;ulein Stahlhammer aufzusuchen;
+schon lange liegt es mir schwer auf der Seele, da&szlig;
+kein freundliches Einverst&auml;ndnis zwischen uns herrscht, ich
+mache ihr einen Krankenbesuch!&laquo;</p>
+
+<p>Es war einer der ersten sch&ouml;nen Fr&uuml;hlingstage, als
+sie hinausfuhr aus der gro&szlig;en Stadt und das h&uuml;bsche
+H&auml;uschen aufsuchte, das am Ende des St&auml;dtchens lag,
+ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald &uuml;bergingen.
+Das neue Dienstm&auml;dchen fragte Fr&auml;ulein Stahlhammer
+gar nicht erst, ob sie zu sprechen sei, sondern lie&szlig;
+den Besuch ohne weiteres ein. Im Schlafzimmer lag,
+unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fr&auml;ulein Stahlhammer
+im Bett und das Kind sa&szlig; nahe dabei, spielend
+an seinem Tischchen.</p>
+
+<p>Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit f&uuml;r das
+Kind, sie trat ans Bett und sagte: &raquo;Ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; Sie
+krank sind, und wollte mich deshalb nach Ihnen umsehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke,&laquo; sagte Fr&auml;ulein Stahlhammer, &raquo;es geht mir
+schon besser; aber Ihr Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte
+Ihnen schon in diesen Tagen schreiben und kann es doch
+nicht recht.&laquo;</p>
+
+<p>Hocherfreut &uuml;ber diesen unerwartet freundlichen Empfang
+setzte sich die Tante ans Bett und nach einigen Reden &uuml;ber
+die Art der Krankheit sagte Fr&auml;ulein Stahlhammer: &raquo;Was
+ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich nicht gern vor
+der Kleinen sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen
+mit allem was darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine
+<a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>Nichte folgte und die zwei Frauen waren allein. &raquo;Ich
+habe Kl&auml;rchen so viel beobachtet, seit ich krank bin,&laquo; sagte
+die Patin, &raquo;sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe und
+da h&ouml;re ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht,
+wie sie ihrem Puppenkind verspricht, wenn es gro&szlig; sei,
+d&uuml;rfe es zu Onkel und Tante und zu den Br&uuml;dern. Ja,
+einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz meine Gegenwart
+vergessen hatte, h&ouml;rte ich sie sagen: Wenn du nicht
+brav bist, mu&szlig;t du zur Patin nach Waldeck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das dumme G&auml;nschen,&laquo; rief die Tante, &raquo;Sie sollten
+gar nicht darauf h&ouml;ren, was sie mit ihrer Puppe schw&auml;tzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es aber geh&ouml;rt,&laquo; sagte die Patin, &raquo;und ich
+wei&szlig; jetzt, da&szlig; sie mein Haus nur als einen Strafplatz
+ansieht; ich glaube, es war nicht recht von mir, da&szlig;
+ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne ich
+Kl&auml;rchen gehabt h&auml;tte, wenn sie sich wohl bei mir gef&uuml;hlt
+h&auml;tte, so m&ouml;chte ich sie doch Ihnen &uuml;bergeben, weil sie bei
+Ihnen eine gl&uuml;cklichere Kinderzeit haben wird.&laquo;</p>
+
+<p>Die Tante merkte wohl, da&szlig; es Fr&auml;ulein Stahlhammer
+schwer wurde, diese Worte auszusprechen. Sie
+tat ihr so leid, die einsame Kranke. &raquo;Ich begreife nicht,&laquo;
+sagte sie, &raquo;warum das Kind Ihre Liebe nicht durchf&uuml;hlt.
+Es ist vielleicht ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis dabei. Aber freilich,
+das Nat&uuml;rlichste ist, da&szlig; ein Kind unter andern Kindern
+aufw&auml;chst. Leider sind es bei uns lauter Knaben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihnen wird Kl&auml;rchen ein liebes T&ouml;chterchen werden,&laquo;
+sagte Fr&auml;ulein Stahlhammer.</p>
+
+<p>&raquo;Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern
+l&auml;&szlig;t es sich zwar nicht mehr einrichten, aber von den
+Sommerferien an k&ouml;nnen wir sie aufnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,&laquo;
+sagte die Patin bereitwillig. &raquo;Ihre Br&uuml;der k&ouml;nnen sie
+besuchen so oft sie wollen, und ich werde ihr auch eine
+<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>kleine Kamer&auml;din verschaffen. Eine meiner Bekannten hat
+auch so ein einzelnes T&ouml;chterchen im gleichen Alter. Bis
+jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Kl&auml;rchen
+sich mehr an mich anschlie&szlig;e, aber nun, da sie doch fort
+kommt, ist&#8217;s gleichg&uuml;ltig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund
+dar&uuml;ber,&laquo; sagte Frau Professor Kuhn, &raquo;mein Mann w&uuml;rde
+wohl nicht gern noch einmal bei ihm seinen Vorschlag
+wiederholen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das werde ich tun. Ich wei&szlig;, da&szlig; seit Weihnachten
+die beiden M&auml;nner nicht gut miteinander stehen.
+Glauben Sie mir, ich war damals nicht so herzlos, als
+Sie denken mu&szlig;ten; ich wollte dem Kind am Christfest
+bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im
+K&auml;mmerlein. Das Kind wu&szlig;te es nur nicht und Mine
+sagte leider nichts davon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">So</em> war es?&laquo; sagte die Tante. &raquo;Das zu h&ouml;ren freut
+mich noch nachtr&auml;glich; ich werde es daheim erz&auml;hlen, ich
+selbst war trotz allem Anschein immer von Ihrer edlen
+Gesinnung &uuml;berzeugt.&laquo; Sie dr&uuml;ckte warm die Hand der
+Patin und f&uuml;gte herzlich hinzu: &raquo;Wenn Sie wieder wohl
+sind, kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir
+wollen uns n&auml;her kennen lernen und sp&auml;terhin, wenn
+Kl&auml;rchen ganz bei uns ist und Sie besuchen uns, dann werden
+Sie auf einmal merken, da&szlig; das Kind Sie doch lieb hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie Kl&auml;rchen rufen? Ich m&ouml;chte es ihr gleich
+mitteilen.&laquo; Die Tante f&uuml;hrte das Kind herein. &raquo;Kl&auml;rchen,&laquo;
+sagte die Patin, sich im Bett aufrichtend, &raquo;wei&szlig;t du, was
+deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im Sommer, wenn
+deine Br&uuml;der Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst
+ganz und f&uuml;r immer bei Onkel und Tante bleiben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Vormund holt mich gleich wieder,&laquo; sagte
+Kl&auml;rchen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>&raquo;Diesmal nicht,&laquo; sagte die Patin, &raquo;jetzt erlaubt er es,
+er f&uuml;hrt dich vielleicht selbst in die Stadt.&laquo;</p>
+
+<p>Nun sah man der Kleinen an, da&szlig; sie die Wichtigkeit
+der Nachricht erfa&szlig;te. Sie schmiegte sich z&auml;rtlich an die
+Tante und sagte: &raquo;Dann bist du meine Mama und der
+Onkel ist mein Papa und die Br&uuml;der sind wieder alle Tage
+meine Br&uuml;der!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so wird es,&laquo; sagte die Tante; aber sie schob sanft
+die Kleine weg zur Patin hin und sagte: &raquo;Sieh, deine Patin
+hat das so eingerichtet, weil sie wei&szlig;, da&szlig; es dich freut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte Kl&auml;rchen freundlich, &raquo;hast du&#8217;s eingerichtet?
+Gelt dann bist du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind
+alle, alle froh!&laquo; rief sie in einem Ton, der gl&uuml;ckselig klang,
+wie ihn die Patin noch nicht an ihr geh&ouml;rt hatte.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Stahlhammer erholte sich langsam und f&uuml;r
+diesen Sommer gab sie ihre T&auml;tigkeit in den Vereinen auf,
+sie sollte so viel wie m&ouml;glich im Freien sein. Sie nahm
+Kl&auml;rchen mit sich zu den t&auml;glichen G&auml;ngen in den nahen
+Wald; und nicht nur Kl&auml;rchen, sondern auch die kleine
+Altersgenossin, die sie ihr zur Kamer&auml;din bestimmt hatte.
+Es war ein Ereignis f&uuml;r Kl&auml;rchen, als zum erstenmal die
+kleine Mathilde sich zu ihr gesellte, denn eine Freundin
+hatte sie noch nie gehabt.</p>
+
+<p>Von nun an, wenn Fr&auml;ulein Stahlhammer an einer
+Bank am Saume des Waldes Rast machte, spielten die
+Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos und Geb&uuml;sch
+und waren voll Fr&ouml;hlichkeit miteinander. Mathilde
+kam in aller Unbefangenheit zu Fr&auml;ulein Stahlhammer
+mit all ihren Anliegen, und Kl&auml;rchen, die zuerst staunte
+&uuml;ber diese Zutraulichkeit, gew&ouml;hnte sich bald selbst daran;
+vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen auch die
+Zukunft, die Gegenwart war sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Eines Tages, als Fr&auml;ulein Stahlhammer wieder auf
+<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>der Bank im Wald sa&szlig; und die Kinder spielten, kam des
+Wegs eine ganze Schar kleiner M&auml;dchen, zwei Lehrerinnen
+an der Spitze. Sie machten mit ihren Sch&uuml;lerinnen einen
+Waldspaziergang, und da sie Fr&auml;ulein Stahlhammer kannten,
+blieben sie ein wenig stehen und begr&uuml;&szlig;ten sie. Mathilde, die
+manche der Kinder kannte, kam herbeigesprungen, Kl&auml;rchen
+hielt sich zur Patin.</p>
+
+<p>&raquo;Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule,
+nicht wahr?&laquo; sagte eine der Lehrerinnen freundlich zu den
+Kindern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich schon,&laquo; sagte Mathilde, &raquo;ich freue mich darauf,
+aber Kl&auml;rchen kommt fort.&laquo;</p>
+
+<p>Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder
+kehrten zu ihren Puppen zur&uuml;ck. Aber Kl&auml;rchen war nicht
+recht bei der Sache und nach einer Weile kam sie z&ouml;gernd
+zur Bank her, auf der die Patin lesend sa&szlig;, legte ihr die
+H&auml;nde auf den Scho&szlig; und sagte leise: <ins class="correction" title="Transcriber's note: opening quote missing in original">&raquo;Patin?&laquo;</ins></p>
+
+<p>Diese sah auf die Kleine hinunter: &raquo;Was willst du,
+Kind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Patin, <em class="gesperrt">darf</em> ich zu den Br&uuml;dern, oder <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> ich hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst, du <em class="gesperrt">mu&szlig;t</em> nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob du darfst?&laquo; sagte die Patin; ihr Buch fiel auf
+den Boden, denn das Kind war auf einmal auf ihrem
+Scho&szlig;, das Kind, das doch schon bald Schulkind werden
+sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und
+Fr&auml;ulein Stahlhammer dr&uuml;ckte es an sich und besa&szlig; nun,
+was sie so lange gew&uuml;nscht hatte: ein Kinderherz, das sie
+lieb hatte! Wie sie es gewonnen hatte, wu&szlig;te sie selbst nicht
+zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach gestrebt hatte, war
+es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester, unbestrittener
+Besitz. Kl&auml;rchen bestand die Probe: Mit Bangen lie&szlig; die
+Patin das Kind f&uuml;r einige Tage zu den Br&uuml;dern zu Besuch,
+<a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>um zu sehen, ob es sich nicht get&auml;uscht habe; aber
+aus dem lauten Get&uuml;mmel des knabenreichen Hauses in
+der Gro&szlig;stadt verlangte es bald zur&uuml;ck in das stille, l&auml;ndliche
+H&auml;uschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin.
+Onkel und Tante freuten sich dar&uuml;ber, auch die Br&uuml;der
+fanden sich nun leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen
+gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Und der Vormund? Er kam, als er von dem ver&auml;nderten
+Entschlu&szlig; h&ouml;rte, nach langer Zeit wieder einmal
+eines Morgens heraus nach Waldeck. Er sagte zu Katharine,
+die ihm die T&uuml;re &ouml;ffnete: &raquo;Wenn Sie mich k&uuml;nftig
+nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;&laquo;
+die Schwester fragte er: &raquo;H&auml;ltst du es mit all deinen Beschl&uuml;ssen
+so, da&szlig; du sie dreimal umst&ouml;&szlig;t?&laquo; Er empfahl
+Kl&auml;rchen: &raquo;Sei nur recht dankbar!&laquo; und dann kehrte er
+mit der &Uuml;berzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein,
+m&ouml;glichst bald aus dem &raquo;elenden Nest&laquo; zur&uuml;ck, zur feinen
+Mittagstafel in der Stadt.</p>
+
+
+
+<hr />
+<p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a></p>
+<h2><a name="Regine_Lenz" id="Regine_Lenz"></a>Regine Lenz.</h2>
+
+
+<p>Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim.
+Wer es nicht wu&szlig;te, h&auml;tte nicht gedacht, da&szlig; sie schon zu
+den Konfirmanden geh&ouml;rte; sie war wohl die kleinste von
+allen, dabei schmal und schm&auml;chtig; ein Pers&ouml;nchen, das
+wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu &uuml;bersehen
+war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun
+in die kleine Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte.
+Der Vater war um diese Nachmittagsstunde meist nicht zu
+Hause, sondern irgendwo als Wegmacher an der Arbeit;
+auch die zwei gr&ouml;&szlig;eren Geschwister pflegten um diese Zeit
+nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren
+Vater, die &auml;lteste Schwester Marie und ihren Bruder
+Thomas zu treffen, hingegen von der Mutter und dem
+j&uuml;ngsten Br&uuml;derchen nichts zu sehen. Alle schienen mit
+ihren Gedanken besch&auml;ftigt, und zwar mit unerfreulichen,
+nach ihren d&uuml;steren Mienen zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn
+sie galt im Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten
+der Gro&szlig;en nicht einzumischen habe. Ihr
+Bruder Thomas griff jetzt nach seiner M&uuml;tze und ging ohne
+Gru&szlig; davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten
+Hut langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel
+zurechtsetzte und sich an Regine wandte: &raquo;Ich mu&szlig; jetzt
+<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>fort; sorg du f&uuml;r den Kleinen. Ich wei&szlig; nicht, wo der
+hingelaufen ist, du mu&szlig;t ihn suchen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging und lie&szlig; Regine allein zur&uuml;ck mit dem Vater,
+der in Gedanken versunken am Tisch sa&szlig;. Es war alles
+so ganz anders als sonst. &raquo;Wo ist denn die Mutter?&laquo;
+fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gef&uuml;hl, da&szlig;
+irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf.
+&raquo;Wei&szlig;t du&#8217;s nicht? Du brauchst es auch nicht zu wissen.
+Sie kommt aber nicht so schnell wieder, die Mutter. Da&szlig;
+du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim bleibst!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich schwerf&auml;llig, nahm seine M&uuml;tze und ging
+langsam mit gesenktem Kopf davon.</p>
+
+<p>Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es
+nicht begreifen; es wurde ihr bang und immer b&auml;nger zumute
+in der verlassenen Stube. Es wunderte sie, da&szlig; sie
+nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht bei der
+Mutter, w&auml;hrend er sonst immer an ihrem Rocke hing und
+der Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?</p>
+
+<p>Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Stra&szlig;e,
+wo ein kalter Wind blies und die D&auml;mmerung sich schon
+herniedersenkte. Sie suchte nach dem Kleinen und fand ihn
+endlich ganz erfroren an der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke stehen.
+Ein schm&auml;chtiges B&uuml;bchen war der kleine Hansel, aber ein
+feines Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren
+der Mutter Stolz. Er stand an der Ecke und sah die
+Stra&szlig;e hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;Hansel,&laquo; rief ihn die Schwester an, &raquo;komm heim.
+Hast ja ganz kalte H&auml;nde; was tust du denn da?&laquo; &#8211; &raquo;Ich
+wart auf die Mutter, schon so lang,&laquo; sagte er kl&auml;glich.
+Ob der Kleine etwa wu&szlig;te, wo die Mutter war? Regine
+fragte das Kind.</p>
+
+<p>&raquo;Dorthin ist sie,&laquo; sagte er, die Stra&szlig;e hinauf deutend.
+&raquo;Der Mann hat sie geholt, der, mit den gro&szlig;en goldenen
+<a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>Kn&ouml;pfen. Sie hat doch gar nicht mit ihm gewollt und hat
+geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was hei&szlig;t das
+&#8250;gestohlen&#8249;? Wohin f&uuml;hrt sie jetzt der Mann?&laquo;</p>
+
+<p>Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war
+zu sehr best&uuml;rzt &uuml;ber die Schuld der Mutter, die das unschuldige
+Kind ihr verriet. Jetzt begriff sie alles; die
+Mutter war in das Gef&auml;ngnis gef&uuml;hrt worden! Mit M&uuml;he
+konnte sie das Kind &uuml;berreden, mit ihr heimzugehen.</p>
+
+<p>Unter der Haust&uuml;re stand die Hausfrau mit einer
+Nachbarin und Regine h&ouml;rte sie sagen: &raquo;Pelzwerk hat sie
+gestohlen und beim Tr&ouml;dler verkauft.&laquo; Nun schwiegen die
+Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und h&ouml;rten
+den Kleinen rufen: &raquo;Ich will aber auf die Mutter warten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hansel, da kannst du lang warten,&laquo; sagte die Hausfrau
+und sah das kleine B&uuml;bchen mitleidig an. Regine, die
+besch&auml;mt und mit gesenkten Augen an den beiden Frauen
+vorbei das Br&uuml;derchen in das Haus zog, h&ouml;rte sie noch
+sagen: &raquo;Die ganze Familie ist nichts nutz; die gro&szlig;e Tochter
+treibt es auch schon wie die Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Nun ging Regine in das Zimmer und zog die T&uuml;re
+hinter sich zu; sie mochte nichts weiter h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Was war das f&uuml;r ein langer und trauriger Abend!
+Der Kleine lie&szlig; sich endlich zu Bett bringen und weinte
+sich in Schlaf. Regine sa&szlig; allein an dem gro&szlig;en Tisch,
+dachte an die Mutter; wo sie wohl w&auml;re, und ob sie Heimweh
+h&auml;tte nach ihrem Liebling. Sie h&auml;tte gerne gewu&szlig;t,
+wie man den Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal
+hatte die Mutter, wenn sie da und dort in die H&auml;user ging,
+etwas mitgenommen, und Regine hatte den Vater warnen
+h&ouml;ren: &raquo;Man wird dich schon einmal erwischen.&laquo; Aber er
+nahm doch auch gerne an, was die Mutter &raquo;gefunden&laquo;
+hatte, wie sie das nannte. Marie, die gro&szlig;e Tochter, hatte
+auf diese Weise manches Schmuckst&uuml;ck bekommen, die Mutter
+<a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>putzte so gerne ihre sch&ouml;ne Tochter. Sie versorgte auch
+Thomas mit seiner W&auml;sche, und dem kleinen Hans steckte
+sie oft gute Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde
+selten bedacht. Die Mutter hatte an ihr nicht das Wohlgefallen,
+wie an den Gro&szlig;en, und nicht den Spa&szlig;, wie an
+dem Kleinen. Regine wu&szlig;te das und es kam ihr nat&uuml;rlich
+vor. War sie doch nicht sch&ouml;n wie Marie, nicht gescheit
+wie Thomas, nicht lustig wie der Kleine; nein, sie war
+auch in ihren eigenen Augen unter allen die geringste. Aber
+das hatte sie nie bedr&uuml;ckt; sie war in der Schule immer so
+leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne Freundschaft
+und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.</p>
+
+<p>Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe
+dahin. Als sie sich am n&auml;chsten Morgen auf den
+Schulweg machte, war es ihr, als m&uuml;&szlig;ten alle Kinder ihr
+die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin:
+&raquo;Die ganze Familie ist nichts nutz,&laquo; klangen ihr
+noch im Ohr; sie geh&ouml;rte doch auch zur Familie, sie war
+also &raquo;nichts nutz&laquo;. Die Mitsch&uuml;lerinnen sahen sie aber
+doch nicht mit anderen Augen an als sonst, und die Schulstunden
+gingen vor&uuml;ber wie jeden Tag. Nach der Schule
+kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun
+die Schande des Hauses bekannt w&uuml;rde, wenn gar der
+Pfarrer selbst davon geh&ouml;rt h&auml;tte? Wie schrecklich mu&szlig;te
+ihm dies vorkommen!</p>
+
+<p>Es sa&szlig;en wohl siebzig M&auml;dchen im Konfirmanden-Unterricht
+beisammen. Dem Pfarrer waren nicht all diese
+Kinder und ihre Familien pers&ouml;nlich bekannt; auch von der
+Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht n&auml;her.
+Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine
+Gestalt verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute
+war ihr das lieb; sie h&auml;tte sich gerne noch d&uuml;nner gemacht,
+so d&uuml;nn, da&szlig; alle Menschen sie &uuml;bersehen h&auml;tten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>Aber sie hatte sich unn&ouml;tig ge&auml;ngstigt; die Stunde verlief
+wie alle vorhergehenden, und als ihr auch die n&auml;chsten
+Tage kein Zeichen brachten, da&szlig; jemand von dem Vorgefallenen
+wisse, beruhigte sie sich allm&auml;hlich.</p>
+
+<p>Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines
+Tages der Vater mitteilte: &raquo;Heute war die Verhandlung
+vor Gericht. Am n&auml;chsten Montag kommt die Mutter fort
+in die Strafanstalt nach S. Vier Monate mu&szlig; sie sitzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So lang!&laquo; rief Marie, die &Auml;lteste, betroffen, und
+darauf fing der Kleine laut an zu schluchzen. Reginens
+erster Gedanke war, da&szlig; die Mutter dann nicht bis zu
+ihrer Konfirmation zur&uuml;ck sein w&uuml;rde. Man brauchte so
+manches f&uuml;r diesen Tag, wer w&uuml;rde ihr das N&ouml;tige verschaffen?
+&raquo;Vater,&laquo; sagte sie bek&uuml;mmert, &raquo;das geht doch
+gar nicht; die Mutter w&auml;re ja dann nicht hier, wenn ich
+eingesegnet werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sonst nichts w&auml;re,&laquo; entgegnete der Vater; &raquo;so
+wichtig wird das nicht sein.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll
+ging sie heute in den Unterricht; sa&szlig; stiller als sonst an
+ihrem Platz und hob nur selten die Hand auf als Zeichen,
+da&szlig; sie gerne eine Frage des Geistlichen beantwortet h&auml;tte;
+und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit handelten,
+von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da
+r&uuml;hrte sie sich nicht mehr und r&uuml;ckte hinter den breiten
+R&uuml;cken der vor ihr Sitzenden, um dem Pfarrer ganz aus
+dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob dieser es
+bemerkte; denn pl&ouml;tzlich rief er sie bei Namen und richtete
+eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wu&szlig;te die Antwort
+und &ouml;ffnete schon den Mund, um zu sprechen. &#8211;
+Da stockte sie pl&ouml;tzlich und kehrte sich um nach dem M&auml;dchen,
+das hinter ihr sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Regine,&laquo; mahnte der Pfarrer. Da wandte sie
+<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>ihm wieder ihr Gesicht zu, aber das war wie verwandelt,
+von R&ouml;te ganz &uuml;bergossen. Sie machte doch noch einen
+Versuch zu antworten, aber Tr&auml;nen erstickten ihre Stimme.
+In gro&szlig;er Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm
+und schwieg.</p>
+
+<p>Hinter ihr fl&uuml;sterten und kicherten die M&auml;dchen, bis
+der Pfarrer dicht an die Bank herantrat und fragte, was
+es g&auml;be. Regine antwortete nicht; aber die neben ihr
+Sitzende sprach: &raquo;Ich h&ouml;rte Emilie Forbes sagen: Regine
+Lenz mu&szlig; ja wissen, was unehrlich hei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft:
+&raquo;Nun ja, es ist gestern in der Zeitung gestanden, da&szlig; ihre
+Mutter wegen Diebstahls zu vier Monaten Gef&auml;ngnis
+verurteilt wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Still!&laquo; rief der Pfarrer so laut und streng, da&szlig; all
+seine Sch&uuml;lerinnen an dem ungewohnten Ton erschraken
+und lautlos nach Regine sahen, die sich gesetzt hatte und
+das Gesicht mit den H&auml;nden bedeckte, da sie aller Augen auf
+sich gerichtet f&uuml;hlte, als ob sie selbst die Diebin w&auml;re. Aber
+nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie
+Forbes richtete er verweisende Worte: &raquo;Ob deine Anschuldigung
+wahr ist, wei&szlig; ich nicht,&laquo; sagte er; &raquo;aber das
+wei&szlig; ich, da&szlig; es lieblos und ganz unverzeihlich von dir
+ist, solche Worte zu sagen. F&uuml;hlst du nicht, da&szlig; du Regine
+damit wehe tust? Und kann sie etwas daf&uuml;r, wenn ihre
+Mutter ein Unrecht begangen hat? Nein, sie selbst kann
+so ehrlich sein wie jede von euch und dabei nicht so herzlos
+wie du!&laquo;</p>
+
+<p>Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer
+wieder den unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm
+wohl anzumerken, da&szlig; ihn das Vorgefallene noch bewegte.
+Er f&uuml;hlte, da&szlig; in dieser Stunde seine kleine Konfirmandin
+etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder vergessen
+<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>w&uuml;rde, ja, was ihr auch schaden mu&szlig;te. Man hatte ihre
+Ehre angetastet; das h&auml;tte er gerne wieder gut gemacht,
+gleich in derselben Stunde.</p>
+
+<p>Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr
+um sich w&auml;hrend des Unterrichts.</p>
+
+<p>Dieser ging zu Ende; die B&uuml;cher waren geschlossen,
+ein Liedervers sollte noch gesungen werden. Die Kinder
+sahen gespannt auf den Geistlichen. Warum stimmte er
+nicht an? Sie ahnten, da&szlig; er noch etwas sprechen w&uuml;rde
+&uuml;ber das Vorgefallene.</p>
+
+<p>&raquo;Regine Lenz,&laquo; rief er nun, &raquo;komm zu mir.&laquo;</p>
+
+<p>Gesenkten Hauptes folgte das M&auml;dchen dem Ruf, und
+wiewohl sie nicht um sich sah, sp&uuml;rte sie doch, da&szlig; alle
+Blicke auf sie gerichtet waren. Der Pfarrer n&auml;herte sich
+ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, da&szlig; alle
+Kinder ihn h&ouml;ren mu&szlig;ten, sprach er: &raquo;Sieh, weil ich wei&szlig;,
+da&szlig; du ehrlich bist, und damit alle deine Mitsch&uuml;lerinnen
+sehen, da&szlig; ich dir ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich
+dir hier meine Geldb&ouml;rse; die sollst du in das Pfarrhaus
+tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel Geld darin,
+aber wieviel, wei&szlig; ich nicht; ich z&auml;hle es auch nicht, weil
+du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun
+geh du voraus, wir andern wollen noch singen.&laquo;</p>
+
+<p>Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgeb&auml;ude
+und trat durch das weite Tor hinaus in die belebte
+Stra&szlig;e. Krampfhaft fest hielt sie die B&ouml;rse in der
+Tasche ihres Kleides, und w&auml;hrend sie ihres Weges ging,
+wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers:
+&raquo;Weil ich wei&szlig;, da&szlig; du ehrlich bist und ich dir ganz und
+gar vertraue.&laquo; Zweimal hatte er es ausgesprochen, alle
+hatten das geh&ouml;rt und wu&szlig;ten nun, da&szlig; sie ehrlich war.
+Und sie wu&szlig;te es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher hatte
+ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle
+<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>einander nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was
+es erwischen konnte, und jedes versteckte, was es behalten
+wollte. Und sie, die sich bisher nicht besser ged&uuml;nkt hatte
+als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle B&ouml;rse in
+der Tasche; ungez&auml;hltes Geld, von dem sie nehmen konnte
+ohne Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in
+Versuchung, nat&uuml;rlich nicht; der Pfarrer hatte ja erkl&auml;rt,
+sie sei ehrlich, und wenn sie es vorher vielleicht nicht war,
+&#8211; in dieser Stunde hatte das Vertrauen des Pfarrers sie
+dazu gemacht.</p>
+
+<p>Immer die Hand fest in der Tasche und die B&ouml;rse
+darin haltend, ging Regine den Weg nach dem Pfarrhaus,
+bis sie pl&ouml;tzlich aus ihren Gedanken geschreckt wurde durch
+den Ruf: &raquo;Na, wohin l&auml;ufst denn du und siehst einen nicht,
+wenn man dicht neben dir ist?&laquo; Sie blickte auf. Ihr
+Bruder Thomas schlenderte die Stra&szlig;e herab. Er kam
+aus der Druckerei, in der er f&uuml;r eine der schlechtesten
+Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete. Thomas war
+siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf gr&ouml;&szlig;er als Regine,
+ein aufgeweckter Bursche.</p>
+
+<p>&raquo;Wo gehst du hin,&laquo; fragte er noch einmal, &raquo;und was
+h&auml;ltst du in der Tasche?&laquo; Regine erschrak, denn im Augenblick
+wu&szlig;te sie: gegen den Bruder konnte sie nicht aufkommen;
+nie, er war immer der St&auml;rkere, immer der Kl&uuml;gere. Wohl
+zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch
+schon bemerkt, da&szlig; sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie
+h&auml;tte diesen so gerne vor ihm verborgen!</p>
+
+<p>Er sah ihre Verlegenheit und lachte: &raquo;Mach lieber
+keine Umst&auml;nde,&laquo; rief er, &raquo;es hilft dir doch nichts. Treibst
+du&#8217;s auch schon wie die Mutter? Was versteckst du in der
+Tasche?&laquo; &#8211; Da blickte sie auf zu ihm und sagte leise: &raquo;Ich
+will dir&#8217;s erz&auml;hlen, Thomas, aber es darf es niemand
+h&ouml;ren; komm, wir gehen weiter.&laquo; Und nun erz&auml;hlte sie
+<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>mit ged&auml;mpfter Stimme: &raquo;Vorhin hat in der Konfirmandenstunde
+eine, Emilie Forbes hei&szlig;t sie, dem Pfarrer erz&auml;hlt,
+da&szlig; die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier vergangen
+vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts
+gegen die Mutter gesagt, blo&szlig; gegen die Forbes. Und zuletzt
+hat er mich vorgerufen, und vor allen hat er laut
+gesagt, da&szlig; ich ehrlich sei und da&szlig; er mir ganz und gar
+vertraue. Und damit das alle s&auml;hen, g&auml;be er mir seine volle
+Geldb&ouml;rse, ungez&auml;hlt, die solle ich seiner Frau bringen.
+Und dann habe ich vor dem Singen gehen d&uuml;rfen, und jetzt
+mu&szlig; ich die B&ouml;rse ins Pfarrhaus bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen
+fast unglaublich vor. &raquo;Es wird nichts als Kupfergeld in
+der B&ouml;rse sein,&laquo; sagte er, &raquo;oder sie hat einen Verschlu&szlig;,
+den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach keine Umst&auml;nde!&laquo;</p>
+
+<p>Regine gehorchte; sie wu&szlig;te gar nicht anders, als da&szlig;
+sie tun mu&szlig;te, was die Gro&szlig;en wollten. So zog sie die
+B&ouml;rse aus der Tasche und sah mit Angst und Zittern, wie
+der Bruder sie begierig ergriff, &ouml;ffnete und mit den Fingern
+hineinfuhr. Zun&auml;chst war nur Kleingeld zu sehen, aber
+die B&ouml;rse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den
+Geschwistern mehrere Goldst&uuml;cke entgegen. &raquo;Respekt!&laquo; rief
+der Bruder bei diesem Anblick. Dann sah er der Schwester,
+die jeder seiner Bewegungen gespannt folgte, scharf in das
+aufgeregte Gesicht. &raquo;Und du nimmst nichts heraus?&laquo; fragte
+er sie. Sie sch&uuml;ttelte nur den Kopf. Da betrachtete er
+nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.</p>
+
+<p>&raquo;Respekt!&laquo; wiederholte er noch einmal; aber diesmal
+galt der Ausruf nicht dem Geld, sondern Regine. Die
+kleine Schwester fl&ouml;&szlig;te dem gro&szlig;en Bruder Achtung ein.
+Noch einen Moment zauderte er; dann schlo&szlig; er sorgf&auml;ltig
+wieder die B&ouml;rse und gab sie der Schwester zur&uuml;ck. Diese,
+<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>erl&ouml;st von einer gro&szlig;en Angst, sah voll Gl&uuml;ck und Dank
+zu dem Bruder auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers,
+wie ihr die Worte im Ohr klangen: &raquo;Du bist ehrlich; dir
+vertraue ich ganz und gar.&laquo;</p>
+
+<p>Ein paar Vor&uuml;bergehende h&ouml;rten diese feierlich gesprochenen
+Worte und sahen dem Paar erstaunt l&auml;chelnd
+nach. Aber Regine sah und h&ouml;rte nichts von den Menschen
+um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von
+mancherlei neuen Empfindungen bewegt. &raquo;Begleite mich
+noch bis zum Pfarrhaus,&laquo; sagte sie zu dem Bruder, und
+dieser folgte zum erstenmal der Schwester. Sie sah wieder
+vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: &raquo;Jetzt kann die Hausfrau
+nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz;
+wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten
+jetzt immer zusammen, gelt, Thomas?&laquo;</p>
+
+<p>Der Bruder sah verwundert auf sein schm&auml;chtiges
+Schwesterlein. &raquo;Wir zwei,&laquo; sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen
+w&auml;re. Eigentlich war es zum Lachen, da&szlig; die Kleine
+ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den kr&auml;ftigen
+jungen Mann. Aber er f&uuml;hlte, hier war doch auch eine
+Kraft, wenn auch keine k&ouml;rperliche. Der Wille zum Guten
+war es, der heute in dieser jungen Seele lebendig geworden
+war und nun auch in ihm das Beste wachrief.</p>
+
+<p>Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. &raquo;So,&laquo;
+sagte Thomas, &raquo;mach deine Sache geschickt; gib das Geld
+niemand anderem als der Frau Pfarrer selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstm&auml;dchen,
+das es im Zimmer meldete, f&uuml;gte hinzu: &raquo;Es wird
+ein Bettelm&auml;dchen sein.&laquo; Daher war auch die Pfarrfrau,
+als sie herauskam, doppelt erstaunt, da&szlig; dieses Kind ihr
+die volle B&ouml;rse ihres Mannes &uuml;berreichte. Sie fragte wohl,
+woher und wieso, allein die Sache blieb ihr doch r&auml;tselhaft;
+denn Regine war verlegen, gab nicht viel Antwort,
+<a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>sondern schl&uuml;pfte baldm&ouml;glichst wieder zur T&uuml;re hinaus.
+Erst mittags konnte der Pfarrer erkl&auml;ren, was es f&uuml;r eine
+Bewandtnis mit dem Gelde hatte. &raquo;Vielleicht hat aber das
+M&auml;dchen doch etwas genommen,&laquo; meinte seine Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es nicht,&laquo; entgegnete der Pfarrer bestimmt,
+&raquo;und wenn auch, &#8211; durfte ich nicht ein Goldst&uuml;ck daran
+wagen, um einem jungen Menschenkind einen ehrlichen
+Namen zu geben?&laquo;</p>
+
+<p>In der n&auml;chsten Stunde suchte des Pfarrers Blick
+sofort diejenige, um die er sich inzwischen gesorgt hatte,
+denn hatte er sie nicht selbst in Versuchung gef&uuml;hrt? Da
+begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe und Vertrauen
+auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten
+Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverst&auml;ndnis
+zu. Nicht ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde
+Reginens Gestalt hinter den Mitsch&uuml;lerinnen; immer
+war sie zwischendurch zu sehen, als ob sie gewachsen w&auml;re,
+die Kleine.</p>
+
+<p>Daheim hatte sie nichts erz&auml;hlt von dem Erlebten; aber
+am n&auml;chsten Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen.
+Denn als sie zusammen zu Mittag gegessen hatten, redete
+Thomas pl&ouml;tzlich seine Schwester Marie an: &raquo;Wenn die
+Mutter nicht da ist, dann mu&szlig;t <em class="gesperrt">du</em> eben sorgen, da&szlig; die
+Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.&laquo;</p>
+
+<p>Marie sah ihn erstaunt an und lachte. &raquo;Seit wann
+sorgst du f&uuml;r Regine?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie mu&szlig; doch haben, was sich geh&ouml;rt,&laquo; entgegnete
+der Bruder &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Vater Geld hergibt,&laquo; sagte Marie, &raquo;dann
+schon; aber ich kann nicht alles hergeben f&uuml;r die Kleine.
+Sie k&ouml;nnte auch selbst manchmal etwas heimbringen, in
+ihrem Alter war ich l&auml;ngst nicht mehr so dumm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r ist sie ehrlich,&laquo; sagte Thomas.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>&raquo;Wer ist ehrlich?&laquo; fragte der Vater. Er hatte bisher
+nur mit halbem Ohr zugeh&ouml;rt; aber das h&auml;tte er doch gerne
+gewu&szlig;t, wer in seiner Familie ehrlich sei.</p>
+
+<p>&raquo;Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja
+vor allen gesagt; und sie hat seine B&ouml;rse voll Gold und
+Silber, ungez&auml;hlt, ins Pfarrhaus tragen m&uuml;ssen und hat
+keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch nicht;
+Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie
+h&auml;tte mir einen abgebissen; ist&#8217;s nicht wahr, du?&laquo; Die
+beiden Verb&uuml;ndeten sahen sich vergn&uuml;gt an, wor&uuml;ber Marie
+gro&szlig;e Augen machte, denn sie konnte die Geschwister nicht
+begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine. &raquo;Ehrlich
+ist sie?&laquo; wiederholte er wie verwundert, und nach einer
+Weile: &raquo;Ein anst&auml;ndiges Gewand soll sie bekommen zu
+ihrer Einsegnung; daran darf&#8217;s nicht fehlen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen,
+seitdem die Mutter das Haus verlassen hatte. Ein einziges
+Mal waren Nachrichten aus dem Gef&auml;ngnis gekommen;
+einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll Sehnsucht
+nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte
+auch am meisten die Mutter. Wenn die Gro&szlig;en morgens
+alle das Haus verlie&szlig;en, legten sie wohl mancherlei zu essen
+hin, oder sie brachten ihn zu einer mitleidigen Nachbarin:
+aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf der Stra&szlig;e
+herum; sehns&uuml;chtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich
+wieder die Stra&szlig;e herunterk&auml;me, in der sie vor seinen Augen
+verschwunden war. Sie tr&ouml;steten das Kind manchmal, Regine
+komme jetzt bald ganz aus der Schule und bleibe dann
+immer bei ihm wie fr&uuml;her die Mutter. Nur noch vier Wochen
+mu&szlig;te sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang.</p>
+
+<p>Nein, nicht lang, und doch zu lang f&uuml;r das mutterlose
+Kind. Einmal fand Regine es ganz durchk&auml;ltet, die Schuhe
+und Str&uuml;mpfe vollst&auml;ndig durchn&auml;&szlig;t, die F&uuml;&szlig;e eiskalt von
+<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>dem geschmolzenen Schneewasser, in dem es herumgestiegen
+war. Weinend sa&szlig; der Kleine auf der steinernen Hausstaffel
+und zitterte am ganzen K&ouml;rper. Nun wurde er freilich
+zu Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie
+den Arzt zu ihm. Marie blieb nun von der Fabrik daheim
+und pflegte mit Liebe den kleinen Bruder; aber die F&uuml;rsorge
+kam doch zu sp&auml;t, und ehe sie nur recht gewu&szlig;t hatten,
+da&szlig; das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer
+Lungenentz&uuml;ndung erlegen.</p>
+
+<p>In gro&szlig;er Best&uuml;rzung standen sie alle an dem Bett
+des Kleinen, und <em class="gesperrt">ein</em> Gedanke beherrschte die ganze Familie:
+der Gedanke an die Mutter. Wie w&uuml;rde sie die Nachricht
+ertragen! Was mu&szlig;te das einst f&uuml;r ein Heimkommen sein,
+wenn sie ihren Liebling nicht mehr f&auml;nde! Und welche
+Vorw&uuml;rfe w&uuml;rde sie ihnen machen! H&auml;tte man das Kind
+nicht unter Tags in Kost geben k&ouml;nnen, oder in eine Kinderschule
+schicken? Aber all diese Gedanken kamen zu sp&auml;t.</p>
+
+<p>Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und
+noch hatte niemand sich entschlie&szlig;en k&ouml;nnen, der Mutter
+die Trauerbotschaft zu schreiben. Der Vater tat es endlich
+mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben war ihm
+ungewohnt.</p>
+
+<p>Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte
+sie nicht schreiben, oder war sie krank geworden vor Kummer?
+Z&uuml;rnte sie ihnen, da&szlig; sie das Kind nicht besser beh&uuml;tet
+hatten? Sie h&ouml;rten nichts von ihr.</p>
+
+<p>Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt
+und bei diesem Anla&szlig; Einblick in die Familie getan;
+auch war ihm so manches &uuml;ber sie bekannt geworden,
+was ihn f&uuml;r seine Konfirmandin besorgt machte. Er hatte
+das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt
+in ihr, aber es mu&szlig;te gepflegt werden. So h&auml;tte er dies
+M&auml;dchen gern in andere Verh&auml;ltnisse versetzt, wo es unter
+<a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a>ehrlichen Menschen sich in der Ehrlichkeit befestigen konnte.
+So manches Mal beriet er mit seiner Frau dar&uuml;ber; aber wo
+sollte man ein so kleines M&auml;dchen unterbringen, von dem
+man nicht einmal r&uuml;hmen konnte: es ist aus gutem Haus!</p>
+
+<p>Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde
+Regine wieder von dem Pfarrer aufgefordert, nach der
+Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort wurde sie freundlich
+empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte, eifrige
+Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute,
+da&szlig; sie f&uuml;r Regine ein gutes Pl&auml;tzchen gefunden hatte. &raquo;Es
+ist bei meiner Schwester,&laquo; erz&auml;hlte sie ihr, &raquo;bei einer Pfarrfrau
+auf dem Lande. Sie hat kleine Kinder, herzig nette
+Kinderchen; und ein ehrliches treues Dienstm&auml;dchen, das
+aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird. Dort
+kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein
+und selbst ein solcher werden, und das m&ouml;chtest du doch
+gewi&szlig;?&laquo; Regine bejahte aus aufrichtigem Herzen.</p>
+
+<p>&raquo;Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,&laquo; fuhr
+die Pfarrfrau fort, &raquo;f&uuml;nf Mark im Monat, und nach einem
+Jahr, wenn du dich bew&auml;hrst, erh&auml;ltst du das Doppelte. Bis
+dahin wirst du in der frischen Landluft und bei der guten Kost
+gro&szlig; und stark geworden sein. Nun geh nur heim und erz&auml;hle
+es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester
+bittest du, da&szlig; sie dir die n&ouml;tige W&auml;sche und Kleider richtet.
+Gleich nach der Konfirmation m&uuml;&szlig;test du abreisen, denn
+meine Schwester m&ouml;chte am liebsten schon heute eine Hilfe.&laquo;</p>
+
+<p>Regine eilte, ganz erf&uuml;llt von diesem Lebensplan, nach
+Hause. Sie f&uuml;hlte sich so stolz und gl&uuml;cklich, wie wenn sie
+sich schon als treue Pfarrmagd bew&auml;hrt h&auml;tte. Wie w&uuml;rden
+sie sich daheim alle wundern &uuml;ber das Vertrauen, &raquo;Respekt!&laquo;
+w&uuml;rde Thomas wieder sagen. Und sie tr&auml;umte sich hinein
+unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern.</p>
+
+<p>Zu Hause sa&szlig;en der Vater und Marie schon am
+<a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>Mittagstisch, Thomas fehlte noch. Sie wollte mit ihrer
+Erz&auml;hlung warten, bis er k&auml;me; aber als es eine Weile
+gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zur&uuml;ckhalten, was ihr
+ganzes Herz erf&uuml;llte. &raquo;Die Frau Pfarrer wei&szlig; mir ein
+gutes Pl&auml;tzchen,&laquo; begann sie und wiederholte alles, was
+sie dar&uuml;ber geh&ouml;rt hatte. Und nun erlebte sie eine schmerzliche
+Entt&auml;uschung. Mit Hohn und Geringsch&auml;tzung wurde
+von diesem &raquo;Pl&auml;tzchen&laquo; gesprochen und dieses so heruntergemacht,
+da&szlig; nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr
+daran blieb. Als Kummer und Scham ihr eben Tr&auml;nen
+in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim Anblick
+dieses ihres Verb&uuml;ndeten fa&szlig;te Regine wieder Mut.
+Ehe sie aber ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon
+Marie entgegen: &raquo;Du, als Magd will die Regine fortgehen,
+aufs Land, und f&uuml;nf Mark Monatslohn bekommt
+sie; was sagst du dazu?&laquo; Und sie lachte laut.</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn,&laquo; entgegnete Thomas und schien gar nichts
+weiter wissen zu wollen, sondern machte sich daran, seine
+Suppe zu essen. Und die andern sprachen auch nichts mehr
+dar&uuml;ber. Regine verstand sie alle nicht. Warum wollten
+sie ihr denn das sch&ouml;ne Pl&auml;tzchen nicht g&ouml;nnen? Sie brachte
+kein Wort mehr heraus w&auml;hrend des Essens, so bitter und
+schmerzlich war ihr zumute. Als aber der Vater sich anschickte
+wegzugehen, rief sie, w&auml;hrend ihr die Tr&auml;nen aus den Augen
+st&uuml;rzten: &raquo;Was soll ich denn dann der Frau Pfarrer sagen?&laquo;</p>
+
+<p>Da sah Thomas die kleine Schwester &uuml;berrascht an;
+er merkte erst jetzt, da&szlig; es sich f&uuml;r sie um eine Lebensfrage
+handelte. &raquo;Was ist&#8217;s eigentlich, was will sie denn?&laquo; fragte
+er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und Herreden.
+&raquo;Verdingen will sie sich,&laquo; rief Marie, &raquo;statt da&szlig; sie in die
+Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So viel mehr ist&#8217;s zwar auch nicht,&laquo; entgegnete jetzt
+der Vater, &raquo;du rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht.
+<a class="page" name="Page_309" id="Page_309" title="309"></a>Im Dienst hat sie alles frei, Kost und W&auml;sche, das
+macht ein paar hundert Mark im Jahr; und dabei wird sie
+vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die ich kenne.&laquo;</p>
+
+<p>Marie lachte. &raquo;So soll sie gehen; aber die Mutter
+t&auml;t&#8217;s nicht leiden, wenn sie da w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist&#8217;s,&laquo; sagte der Vater, &raquo;sie will immer hoch
+hinaus mit ihren T&ouml;chtern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Mutter, das ist wahr,&laquo; meinte auch Thomas,
+&raquo;wenn sie heimkommt &#8211; das eine Kind ist tot, das andere
+fort; &#8211; Regine, sei gescheit, h&ouml;re auf zu weinen. Sag
+dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die Mutter
+fort sei; er wei&szlig; ja schon davon und wird&#8217;s verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht
+zufrieden mit ihrem Bundesgenossen. Er hatte nicht zu
+ihr gehalten, und nun war es aus und vorbei mit ihrem
+sch&ouml;nen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur
+Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger.
+Regine holte ihren Katechismus und setzte sich an das andere
+Ende des Tisches, um zu lernen. Sie schlug das Buch
+auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen, gro&szlig; und deutlich
+standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift
+geschrieben einige Worte. Unwillk&uuml;rlich sagte sie laut:
+&raquo;Wie kommt denn das in mein Buch?&laquo; Thomas blickte
+von seiner Zeitung auf. &raquo;Was steht denn darauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur ein Sprichwort; ich wei&szlig; nicht, wie das Papier
+in mein Buch kommt.&laquo; Gleichg&uuml;ltig schob sie es beiseite.</p>
+
+<p>&raquo;Zeig doch her, was ist&#8217;s f&uuml;r ein Sprichwort?&laquo; rief
+Thomas, griff nach dem Blatt und las laut: &raquo;Der Apfel
+f&auml;llt nicht weit vom Stamm!&laquo; Er behielt das Papier in
+der Hand und starrte darauf; w&auml;hrend Regine wieder in
+ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als
+nach einiger Zeit ihr Bruder rief: &raquo;Wer hat dir denn die
+Bosheit angetan? Gewi&szlig; wieder die Emilie Forbes! Wei&szlig;t
+<a class="page" name="Page_310" id="Page_310" title="310"></a>du nicht, was das hei&szlig;en soll: Der Apfel f&auml;llt nicht weit
+vom Stamm?&laquo; Und als Regine ihn immer noch verst&auml;ndnislos
+ansah, sagte er: &raquo;Das hei&szlig;t, da&szlig; du auch nicht ehrlich bist,
+weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?&laquo;</p>
+
+<p>Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; &uuml;ber
+und &uuml;ber err&ouml;tete sie und sah das Blatt Papier an wie
+etwas H&auml;&szlig;liches, Feindseliges. &raquo;Aber das ist nicht die
+Schrift von Emilie Forbes,&laquo; sagte sie nach einiger Zeit. &#8211;
+&raquo;Dann hat es jemand anders f&uuml;r sie geschrieben; sie will
+nat&uuml;rlich nicht, da&szlig; euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt,
+wenn du ihm das Blatt zeigst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen
+davon gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das
+nicht getan h&auml;tte!&laquo; Sie st&uuml;tzte den Kopf in die H&auml;nde und
+weinte. Es war auch heute alles so traurig; das gute Pl&auml;tzchen
+durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch das dazu!</p>
+
+<p>Der Bruder war erz&uuml;rnt &uuml;ber Reginens Mitsch&uuml;lerin.
+&raquo;Ich schreibe dir auch einen Zettel,&laquo; sagte er, &raquo;den legst
+du in ihr Buch, und an dem soll sie auch keine Freude
+haben!&laquo; Nicht umsonst half er t&auml;glich als Setzer eine
+Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe
+Antwort kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht
+fein. Aber Regine wollte nichts davon wissen, Thomas
+wurde &auml;rgerlich. &raquo;So etwas l&auml;&szlig;t man sich doch nicht gefallen!&laquo;
+sagte er, &raquo;was hilft dein Weinen? Wehren mu&szlig;
+man sich!&laquo; &#8211; Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine:
+&raquo;Es wird eben wahr sein, Thomas, was auf dem Zettel
+steht; wir sind alle nicht ehrlich, weil&#8217;s die Mutter nicht
+ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so mu&szlig; doch auch
+das mit uns wahr sein!&laquo;</p>
+
+<p>Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah
+das Sprichwort auf dem Papier nachdenklich an. Aber
+bald sprach er tr&ouml;stend zur Schwester: &raquo;Nein, nein, es ist
+<a class="page" name="Page_311" id="Page_311" title="311"></a>nicht wahr. Die &Auml;pfel bleiben freilich liegen, wo sie hinfallen;
+aber wir Menschen k&ouml;nnen aufstehen, und gehen,
+wohin wir wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon
+einmal nicht, wir zwei, gelt, du?&laquo; Da hob die Schwester
+vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder, der jetzt wieder
+mit ihr im Bunde stand. Sie r&uuml;ckte n&auml;her zu ihm heran
+und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Bl&auml;ttchen Papier
+beschrieb. &raquo;So,&laquo; sagte er, &raquo;das kannst du ruhig Emilie
+Forbes ins Buch schieben; das ist jetzt ganz zahm, und
+wenn es zuf&auml;llig dein Pfarrer zu lesen bek&auml;me, so h&auml;tte
+er selbst nichts dagegen.&laquo; &#8211; Regine las: &raquo;Ein Apfel bin
+ich nicht, der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch
+und kann mich frei vom Platz bewegen.&laquo;</p>
+
+<p>Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. &raquo;Das
+Blatt kannst du ihr frei in die Hand geben, dann sieht sie
+gleich, da&szlig; du dich nicht vor ihr f&uuml;rchtest. Pa&szlig; auf, dann
+l&auml;&szlig;t sie ihre b&ouml;sen Reden k&uuml;nftig bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Als nach der n&auml;chsten Konfirmandenstunde Emilie
+Forbes eben ihre B&uuml;cher zusammenpackte, wandte sich Regine
+nach ihr um, schob ihr das Blatt Papier entgegen und sagte:
+&raquo;Das geh&ouml;rt in dein Buch.&laquo; Betroffen sah das M&auml;dchen
+auf die Worte, die da standen, und err&ouml;tete besch&auml;mt.
+Aber sie geriet in noch gr&ouml;&szlig;ere Aufregung, als sie bemerkte,
+da&szlig; Regine vor allen andern M&auml;dchen mit dem Pfarrer
+zugleich den Saal verlie&szlig;; gewi&szlig; in der Absicht, mit ihm
+reden zu k&ouml;nnen. Darin hatte sie auch recht, nur da&szlig; Regine
+nicht &uuml;ber das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan
+hatte; nein, sie mu&szlig;te dem Pfarrer Bescheid geben
+wegen des sch&ouml;nen Pl&auml;tzchens, das sie nicht annehmen durfte.
+Z&ouml;gernd brachte sie die ablehnende Antwort heraus. Dem
+Pfarrer war es sichtlich leid, da&szlig; der Vorschlag seiner Frau
+nicht angenommen wurde. &raquo;Schade, schade!&laquo; sagte er, &raquo;es
+w&auml;re so gut f&uuml;r dich gewesen.&laquo; Gerne h&auml;tte er in dem Herzen
+<a class="page" name="Page_312" id="Page_312" title="312"></a>des M&auml;dchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der
+wahre und einzige Grund der Ablehnung war. &raquo;Sp&auml;ter, wenn
+deine Mutter zur&uuml;ck ist, d&uuml;rftest du dann die Stelle annehmen?&laquo;
+fragte er. Regine wu&szlig;te nichts darauf zu antworten. Die
+Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen wissen
+wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig.
+Sie gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander.</p>
+
+<p>&raquo;Zun&auml;chst ist da nichts zu machen,&laquo; sprach jetzt der
+Pfarrer, &raquo;vielleicht sp&auml;ter, wenn deine Mutter heimkommt.
+Das wird ein trauriges Wiedersehen geben, Regine, wenn
+die Mutter deinen kleinen Bruder nicht mehr findet. Du
+mu&szlig;t sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan hat.
+Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte
+du es, Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an
+den Altar trittst, so denke daran, was ich dir gesagt habe;
+und wenn ich dir die Hand zum Segen aufs Haupt lege, so
+werde ich auch daran denken: das ist eine, die hat einen schweren
+Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben, aber die
+Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!&laquo;</p>
+
+<p>Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen.
+Regine sa&szlig; am Nachmittag ganz allein zu Hause; der
+Vater, der Bruder, die Schwester waren da- und dorthin
+gegangen. &raquo;Wenn du konfirmiert bist, nehme ich dich auch
+einmal mit dahin, wo&#8217;s lustig zugeht,&laquo; hatte Marie versprochen;
+obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie
+fr&uuml;her, sondern bla&szlig; und verstimmt war. Aber sie war
+doch gegangen, und Regine war allein.</p>
+
+<p>Alle ihre Gedanken besch&auml;ftigten sich mit dem n&auml;chsten
+Sonntag. Gestern Abend hatte die N&auml;herin ihr das schwarze
+Kleid gebracht; es sah wie neu aus, obwohl es aus dem
+der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem Schrank
+und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter.
+Man h&ouml;rte gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen.
+<a class="page" name="Page_313" id="Page_313" title="313"></a>Ob sie wohl wu&szlig;te, da&szlig; am n&auml;chsten Sonntag ihre Konfirmation
+war? Wie traurig zu denken, da&szlig; die Mutter
+eingesperrt in ihrer Keuche sitzen w&uuml;rde, wie der Vater das
+immer nannte; w&auml;hrend andere M&uuml;tter in die Kirche kamen,
+um zu sehen, wie ihre Kinder eingesegnet w&uuml;rden. Das
+zu denken, tat ihr weh. Sie wollte ihr auch einmal schreiben,
+heute noch, gleich jetzt. Sie sollte ja die Mutter lieb haben.</p>
+
+<p>So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag
+Nachmittag hin und schrieb der Mutter einen langen Brief;
+erz&auml;hlte ihr von der Konfirmation und kam auch auf das
+verstorbene Br&uuml;derchen zu sprechen, wie es immer nach der
+Mutter verlangt habe, und unter Tr&auml;nen beschrieb sie die
+Krankheit und den Tod des Kindes. Am n&auml;chsten Morgen
+bat sie den Bruder, da&szlig; er den Brief &uuml;berschreibe und besorge.
+Er las ihn und meinte, wenn die Mutter nicht krank sei,
+w&uuml;rde sie ihn ganz gewi&szlig; beantworten. Darauf hoffte nun
+Regine, und dachte es sich sch&ouml;n aus, da&szlig; sie zur Konfirmation
+wenigstens einen Brief bekommen werde.</p>
+
+<p>Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation
+brach an, und es kam kein Lebenszeichen von der Mutter.
+Regine dachte freilich an diesem Morgen kaum mehr daran.
+Ihre Gedanken waren erf&uuml;llt von der Feier. Sie mu&szlig;te
+auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am
+Sonntag Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht
+mit ihr gehen; und Marie entschuldigte sich damit, da&szlig; sie
+heute etwas Gutes kochen wolle. Aber Thomas begleitete
+sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen Bruder
+und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was
+der Pfarrer zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: &raquo;ich&laquo;
+soll die Mutter lieben und die Unehrlichkeit hassen, sondern
+sie sagte &raquo;wir&laquo; und zog ihren Bundesgenossen mit herein
+in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war.</p>
+
+<p>Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder
+<a class="page" name="Page_314" id="Page_314" title="314"></a>stieg auf die Empore und sah von oben, wie unter dem Gel&auml;ute
+der Glocken die Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff
+der Kirche bis zu den B&auml;nken vor dem geschm&uuml;ckten Altar kamen.
+Die Feier, die er seit der eigenen Konfirmation nicht mehr
+mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen das Herz.</p>
+
+<p>Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied
+der versammelten Gemeinde denken: Welch ein kleines,
+schm&auml;chtiges M&auml;gdlein, noch ein ganzes Kind! Und doch
+war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen mit solchem
+Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte
+ihr doch auch der Pfarrer versprochen, da&szlig; er an sie denken
+wollte. Sie erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem
+er sie eingesegnet hatte, mit fr&ouml;hlicher Zuversicht aus
+der Kirche heraus, um den Kampf des Lebens aufzunehmen.</p>
+
+<p>Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben
+erst aufgestanden, war m&uuml;rrischer Laune; und die Schwester
+von eigenen Gedanken hingenommen, die nicht erfreulich
+schienen. Doch hatte sie der Konfirmandin zu Ehren ein
+gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille verzehrt wurde.
+Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen.
+Pl&ouml;tzlich ging die T&uuml;re leise auf, und in ihrem Rahmen
+erschien eine blasse Frau mit abgeh&auml;rmten Z&uuml;gen und sah
+mit gro&szlig;en, traurigen Augen auf die Anwesenden. Ein
+Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: &raquo;Die Mutter!&laquo; Und
+da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen,
+so blieb die Gestalt wie gebannt an der T&uuml;re stehen und
+r&uuml;hrte sich nicht. Einen Augenblick w&auml;hrte die Best&uuml;rzung,
+dann erhob sich der Mann und ging auf seine Frau zu.
+&raquo;Wie kommst du heute hierher?&laquo; fragte er. &raquo;Ich glaube
+gar, du bist heimlich entwichen.&laquo; &#8211; &raquo;Nein, nein,&laquo; sagte
+die Frau und trat nun n&auml;her an den Tisch heran; &raquo;ich
+habe meinen Entla&szlig;schein, ich bin frei. Die H&auml;lfte der Zeit
+ist mir erlassen worden wegen guter F&uuml;hrung, auch wegen
+<a class="page" name="Page_315" id="Page_315" title="315"></a>meiner Kr&auml;nklichkeit und aus R&uuml;cksicht auf die Kinder. Zum
+Konfirmationstag haben sie mich entlassen.&laquo;</p>
+
+<p>Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der
+Stelle, wo noch immer das leere Kinderbett stand; wandte
+sich dorthin, warf sich schluchzend &uuml;ber das Bettchen und rief
+in lautem Jammer: &raquo;Mein Hansel, mein gutes, gutes Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Sie standen alle ersch&uuml;ttert und mit schlechtem Gewissen
+diesem Kummer gegen&uuml;ber, und jeden Augenblick erwarteten
+sie, da&szlig; die Mutter sich mit Vorw&uuml;rfen an sie wenden
+w&uuml;rde. Aber sie schien nicht an sie zu denken. &raquo;O Kind!&laquo;
+rief sie, &raquo;ich bin schuld, da&szlig; du gestorben bist. Deine Mutter
+hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt!
+H&auml;tte ich nur bei dir sein und dich noch ein einziges Mal
+sehen k&ouml;nnen!&laquo; Allen, die da standen, kamen die Tr&auml;nen.
+Wie sah auch die Frau so elend und abgeh&auml;rmt aus! Nicht
+mehr wieder zu erkennen war sie.</p>
+
+<p>Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine R&uuml;hrung
+zu verbergen. &raquo;La&szlig; jetzt das Jammern,&laquo; sagte er
+barsch. &raquo;Setz dich her und i&szlig; etwas, du siehst ja aus, da&szlig;
+es Gott erbarmt!&laquo; Da erhob sich die Frau, setzte sich an den
+Tisch und a&szlig; ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie
+r&uuml;ckte ihr die Sch&uuml;ssel n&auml;her. &raquo;Du siehst so abgemagert aus,
+Mutter; warst du krank oder hast du Hunger leiden m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche
+sagen auch, es sei gut, aber mir hat keinen Tag das Essen
+geschmeckt,&laquo; sagte sie. &raquo;Schlaf habe ich auch nicht viel gefunden.
+Ich war doch an unsere Federbetten gew&ouml;hnt; die
+gibt&#8217;s dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank
+war ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube
+gelegt. Da hat man&#8217;s besser, und die W&auml;rterin hat
+es wirklich gut mit einem gemeint und mit jeder gesprochen.
+Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen.
+Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo
+<a class="page" name="Page_316" id="Page_316" title="316"></a>man ohne Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann
+kam die Nachricht, da&szlig; das Kind gestorben sei. Von da
+an habe ich keinen Schlaf mehr finden k&ouml;nnen; immer
+mu&szlig;te ich dar&uuml;ber nachgr&uuml;beln, da&szlig; ich&#8217;s h&auml;tte verh&uuml;ten
+k&ouml;nnen. An diese N&auml;chte werde ich denken mein Leben lang.&laquo;</p>
+
+<p>Sie waren alle ergriffen und h&ouml;rten noch manches von
+der Mutter; denn sie war noch mit all ihren Gedanken bei
+dem, was hinter ihr lag, und hatte noch keine einzige Frage
+an die andern gerichtet. Jetzt stand Regine auf. &raquo;Ich
+mu&szlig; in die Kirche,&laquo; sagte sie. Da schien die Mutter erst
+wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen
+Blick wandte sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen
+Kleid, mit dem langen Kleiderrock vor ihr stand und ihr
+ver&auml;ndert vorkam. Da&szlig; das alles so geworden war trotz
+ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkw&uuml;rdig; und als nach
+Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin,
+wie sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren,
+fand sich die Mutter ganz allein zu Hause; wu&szlig;te nicht
+recht, wozu sie da war und warum sie sich heimgesehnt
+hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald sa&szlig; sie wieder
+trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen,
+das ihr zugejubelt h&auml;tte.</p>
+
+<p>So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst
+zur&uuml;ckkehrte. Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid
+ging sie zu ihr hin. Die Mutter f&uuml;hlte das. &raquo;Komm,
+setze dich her und erz&auml;hle mir was von dir,&laquo; sagte sie, und
+dann fuhr sie selbst fort: &raquo;Deinen Brief habe ich noch in
+der Krankenstube bekommen und habe ihn die W&auml;rterin
+lesen lassen, denn sie ist eine gute gescheite Person. Sie
+hat auch gleich mit mir gesprochen, wie sie deinen Brief
+gelesen hat. &#8250;Das Kind ist noch unverdorben,&#8249; hat sie gemeint,
+&#8250;die d&uuml;rfen Sie nicht mit der gro&szlig;en in die Fabrik
+schicken. Ich w&uuml;rde sie gleich aus dem Haus in eine gute
+<a class="page" name="Page_317" id="Page_317" title="317"></a>Familie tun.&#8249;&laquo; Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung
+erwachte in ihr. &raquo;Warum schaust du so?&laquo; fragte die Mutter.
+&#8211; &raquo;Weil unser Herr Pfarrer auch so meint,&laquo; entgegnete
+Regine und schilderte mit aller W&auml;rme die Stelle, die ihr
+angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; rief die Mutter, &raquo;da h&auml;ttet ihr zugreifen sollen,
+wenn es gleich nur ein geringer Platz ist. Soviel habe
+ich jetzt gelernt: wenn man zu hoch hinaus will, dann
+kommt man erst recht tief hinunter, bald genug wird das
+auch die Marie erleben.&laquo; &raquo;Ich will nicht hoch hinaus,
+Mutter, aber du willst ja nicht, da&szlig; wir in Dienst gehen.&laquo;
+&#8211; &raquo;Ich habe es freilich nicht gewollt, aber wenn man
+solche N&auml;chte durchgemacht hat wie ich, dann denkt man
+&uuml;ber manches anders als vorher. Ich rate dir: danke
+deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!&laquo;</p>
+
+<p>Regine sah die Mutter freudig &uuml;berrascht an. &raquo;Mutter,
+wenn du so sagst, dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus
+und frage, ob das gute Pl&auml;tzchen noch zu haben ist.&laquo; Die
+Mutter wunderte sich &uuml;ber ihre Kleine; die hatte sich ver&auml;ndert.
+&raquo;Geh nur gleich,&laquo; sagte sie, und eiligen Schritts
+ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder sa&szlig; die
+Mutter allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht
+mehr bei dem verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das
+M&auml;dchen, das voll Eifer ihr neues Leben beginnen wollte;
+und sie sagte vor sich hin, denn sie hatte sich in der einsamen
+Zelle angew&ouml;hnt, ihre Gedanken laut werden zu lassen: &raquo;Sie
+ist ganz anders als wir; es mu&szlig; etwas Gutes in sie hinein
+gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht.
+An der wenigstens kann man einmal Freude erleben.&laquo;</p>
+
+<p>Inzwischen kam auch Thomas heim und h&ouml;rte staunend
+von dem raschen Entschlu&szlig;. Gespannt warteten Mutter
+und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie sahen ihr die
+Freude gleich am Gesicht an. &raquo;Ich bekomme mein gutes
+<a class="page" name="Page_318" id="Page_318" title="318"></a>Pl&auml;tzchen,&laquo; rief das M&auml;dchen in hellem Gl&uuml;ck. &raquo;Aber
+n&auml;chste Woche soll ich fort; da ist noch viel zu richten!
+Ob das alles fertig wird? Marie hilft nicht gerne dazu.&laquo;
+&raquo;Wir machen&#8217;s schon ohne sie,&laquo; meinte die Mutter und
+stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen
+wollte. &raquo;Gut, da&szlig; du wieder da bist, Mutter!&laquo; sagte
+Regine. Da verlor das traurige Gesicht der Frau den
+trostlosen Ausdruck, den es bisher gehabt hatte. &raquo;Gut, da&szlig;
+du wieder da bist,&laquo; die Worte taten ihr wohl; zeigten sie
+ihr doch, da&szlig; sich jemand &uuml;ber ihre R&uuml;ckkehr freute.</p>
+
+<p>&raquo;So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?&laquo; sagte
+Thomas nachdenklich zu der Schwester. &raquo;Dann kann ich
+auch nicht mehr in der Druckerei bleiben und f&uuml;r eine
+Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird &uuml;ber alles, was
+geistlich ist; du m&uuml;&szlig;test dich ja sch&auml;men, wenn es bekannt
+w&uuml;rde.&laquo; &#8211; &raquo;Was f&auml;ngst du dann aber an, Thomas?&laquo;
+fragte die Schwester betroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, da&szlig;
+ich bei einer anst&auml;ndigen Zeitung unterkomme. Ich habe
+das ewige Spotten und Schimpfen selber satt, es kommt
+nichts Gescheites dabei heraus. Wei&szlig;t du, ich bin nur so
+zuf&auml;llig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie
+so ein Apfel vom Baum in den Graben f&auml;llt; aber ich will
+nicht liegen bleiben, verstehst du?&laquo;</p>
+
+<p>Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal
+sagte sie zu ihm die Worte: &raquo;Ich vertraue dir ganz und gar.&laquo;</p>
+
+<p>Und wir vertrauen allen beiden und k&ouml;nnen sie nun
+getrost verlassen; sie meinen es ehrlich, und es wird ihnen
+gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird Segen von ihnen
+&uuml;ber ihre ganze Familie kommen.</p>
+
+<hr />
+</div>
+
+
+
+<div class="advertisements">
+<p><a class="page" name="Page_319" id="Page_319" title="319"></a></p>
+<h2>Von <b>Agnes Sapper</b> sind im gleichen Verlag erschienen:</h2>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Die Familie Pf&auml;ffling.</b> Eine deutsche Wintergeschichte.
+288 Seiten. 31.&#8211;40. Tausend. In Leinwand
+gebunden Mk. 3.&#8211;.</em></p>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Werden und Wachsen.</b> Erlebnisse der gro&szlig;en
+Pf&auml;fflingskinder. 350 Seiten. 16.&#8211;23. Tausend. In
+Leinwand gebunden Mk. 4.&#8211;.</em></p>
+
+<div class="blockquot"><p class="zitat">Der Glanzpunkt Sapperscher Erz&auml;hlungskunst ist die Geschichte
+der <em class="gesperrt">Familie Pf&auml;ffling</em> in zwei B&auml;nden. Der erste
+Band mit der Jugendgeschichte der Pf&auml;fflingskinder ist eine
+Perle erz&auml;hlender Literatur, und f&uuml;r Kinder <em class="gesperrt">und</em> Eltern gleich
+interessant. Keine gro&szlig;en &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse werden da vorgef&uuml;hrt,
+alles geschieht nur im Rahmen einer bescheidenen,
+arbeitsamen Familie, und doch &#8211; wie packt es, wie l&auml;&szlig;t einen
+von Satz zu Satz, von Seite zu Seite die Spannung nicht los,
+und wie greift Freude und Leid im Miterleben ins eigene Herz!
+&#8211; Dem Verlangen nach einem Mehr, das auch den erwachsenen
+Leser dieser Geschichte befallen mu&szlig;, hat Agnes Sapper im
+zweiten Band: &raquo;<em class="gesperrt">Werden und Wachsen</em>&laquo; entsprochen. Es
+ist ein nachdenkliches Buch, f&uuml;r die reifere Jugend geschrieben
+und, wie der erste Band, auch f&uuml;r Eltern und Erzieher wichtig.</p>
+<p class="zeitung">Jenaer Volksblatt.</p></div>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Das erste Schuljahr.</b> Eine Erz&auml;hlung f&uuml;r Kinder
+von 7&#8211;12 Jahren. Vierte Aufl. Gebunden Mk. 1.20.</em></p>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.</b>
+F&uuml;r M&auml;dchen von 12&#8211;16 Jahren. 3. Aufl. Geb. M. 3.&#8211;.</em></p>
+
+<div class="blockquot"><p>Jede Mutter, die dies Buch pr&uuml;ft, wird sagen, da&szlig; dies
+eine der ges&uuml;ndesten, frischesten Jung-M&auml;dchengeschichten ist,
+die wir haben.</p></div>
+
+<p class="center"><em class="largertitle">Beide Teile in <em class="gesperrt">einem</em> Band gebunden:</em></p>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.</b>
+Dritte Auflage. In Leinwand Mk. 4.&#8211;.</em></p>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Lieschens Streiche</b> und andere Erz&auml;hlungen.
+Mit Bildern von Gertrud Caspari. Zweite Auflage.
+Gebunden Mk. 3.60.</em></p>
+
+<div class="blockquot"><p>Das sind fr&ouml;hliche und ernste Geschichten, die aus des
+Kindes ureigenem Quell sch&ouml;pfen und darum allen Kindern
+gefallen werden.</p></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_320" id="Page_320" title="320"></a></p>
+<p><em class="largertitle"><b>Kriegsb&uuml;chlein.</b> 120 Seiten. 11.&#8211;20. Tausend.
+Steif geheftet Mk. 1.&#8211;.</em></p>
+
+<div class="blockquot"><p class="zitat">Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der
+bekannten Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die
+feine Auswahl von h&ouml;chst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten
+aus Ost und West l&auml;&szlig;t unsere Kinder hineinblicken
+in das gro&szlig;e Geschehen der Gegenwart, es l&auml;&szlig;t sie mitk&auml;mpfen,
+mitleiden, mithoffen. Manch feines p&auml;dagogisches Wort weist
+unaufdringlich, aber dennoch eindringlich darauf hin, da&szlig; das
+deutsche Volk nur dann siegen und an die Spitze der V&ouml;lker
+treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz und wahrhaftig ein
+Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl pr&auml;chtiger kleiner
+Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von unserem Hindenburg,
+bildet den Beschlu&szlig;. Allen Eltern wird dies &raquo;Kriegsb&uuml;chlein&laquo;
+h&ouml;chst willkommen sein....</p>
+<p class="zeitung">Erlanger Tageblatt.</p></div>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Im Th&uuml;ringer Wald.</b> Mit Vollbildern von P.&nbsp;F.
+Messerschmitt und Buchschmuck von Helene Reinhardt.
+Ein fein illustriertes B&uuml;chlein in steifer Decke M. 2.&#8211;.</em></p>
+
+<div class="blockquot"><p>Diese r&uuml;hrende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher
+wird in der sch&ouml;nen Ausstattung mit zehn Vollbildern
+und zahlreichen h&uuml;bschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere
+Freude bereiten.</p></div>
+
+<p><em class="largertitle"><b>Erziehen oder Werdenlassen?</b> 336 Seiten.
+In Leinwand gebunden Mk. 4.&#8211;.</em></p>
+
+<div class="blockquot"><p class="zitat">Ein verst&auml;ndiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes
+Buch, das dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite
+stehen kann vom Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt
+in das Leben der Erwachsenen. Frei von der modernen
+Anbetung des Kindes, zeigt das Buch doch auf jeder Seite die
+Achtung vor der werdenden Pers&ouml;nlichkeit, die <em class="gesperrt">eben deshalb</em>
+kein blo&szlig;es Werdenlassen kennt, sondern dem Kinde durch Erziehung
+zu m&ouml;glichster Vollendung seiner individuellen Pers&ouml;nlichkeit
+helfen will.</p>
+<p class="zeitung">Die Frau.</p></div>
+
+<div class="blockquot"><p class="zitat">... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes
+Sapper so oft durch den bunten Schleier ihrer reinen und
+launigen Erz&auml;hlungen schimmern lie&szlig;, tr&auml;gt sie in ihrem neuesten
+Buche als praktische P&auml;dagogik vor. Das Beste an diesem
+Buche ist, da&szlig; es keine Theorie, da&szlig; es goldene <em class="gesperrt">Erfahrungen
+einer Mutter</em> sind von der ersten bis zur letzten Zeile.</p>
+<p class="zeitung">Deutscher Courier.</p></div>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>
+p 013: Der zog sein M&uuml;tzchen ab und sagte. -> sagte:<br />
+p 040: [Anf&uuml;hrungszeichen] &raquo;Euch ... flei&szlig;iger.&laquo; -> &#8250;Euch ... flei&szlig;iger.&#8249;<br />
+p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg<br />
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen<br />
+p 195: [Anf&uuml;hrungszeichen] wu&szlig;te nicht genau, sagte sie -> genau,&laquo; sagte<br />
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker<br />
+p 219: [Anf&uuml;hrungszeichen] Uhr ist&#8217;s vorbei. &raquo;Ich -> vorbei. Ich<br />
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir<br />
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast<br />
+p 292: [Anf&uuml;hrungszeichen] und sagte leise: Patin?&laquo; -> &raquo;Patin?&laquo;<br />
+</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurde prinzipiell beibehalten.</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the fourth edition
+published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all corrections
+applied to the original text.</p>
+
+<p>
+p 013: Der zog sein M&uuml;tzchen ab und sagte. -> sagte:<br />
+p 040: [inner quotes] &raquo;Euch ... flei&szlig;iger.&laquo; -> &#8250;Euch ... flei&szlig;iger.&#8249;<br />
+p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg<br />
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen<br />
+p 195: [added quote] wu&szlig;te nicht genau, sagte sie -> genau,&laquo; sagte<br />
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker<br />
+p 219: [removed quote] Uhr ist&#8217;s vorbei. &raquo;Ich -> vorbei. Ich<br />
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir<br />
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast<br />
+p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?&laquo; -> &raquo;Patin?&laquo;<br />
+</p>
+
+<p>The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+***** This file should be named 19733-h.htm or 19733-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..8213e29
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #19733 (https://www.gutenberg.org/ebooks/19733)