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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:53:34 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Zweite Folge + Oberlins drei Stufen, Sturreganz + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Jakob Wassermann + + Der Wendekreis + + Zweite Folge + + Oberlins + drei Stufen + + und + + Sturreganz + + + 1922 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis fünfzehnte Auflage + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + +Inhalt + +Oberlins drei Stufen ...... 7 + Die erste Stufe ......... 9 + Die zweite Stufe ........ 51 + Die dritte Stufe ........ 121 +Sturreganz ................ 225 + + + + +Oberlins drei Stufen + + +Marta der Gefährtin gewidmet + + + + +Die erste Stufe + + +Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen +Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie +gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und +ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister +gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der +Nation. + +Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter +gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit +dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine +festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und +endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde +Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei +Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so +unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr +mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das +und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von +Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug, +die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung, +die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die +Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich +entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln, +Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung. + +In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um +das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen, +japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem +königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die +eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen +Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit +eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und +bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles +wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu +denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd +krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er +zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals. + +War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd +und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge +Frau. + +Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man +behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war. +Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von +wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse +des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das +Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen +Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu +vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten. + +Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit +der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren +wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte; +geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den +ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte +dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da. +Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend +gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen. +Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits +Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die +Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie +unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich +waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein +beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten +Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst +verschloß. + +Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der +älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten. +Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er +hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete +Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das +erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne +Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war +bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte. + +Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war, +erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft +verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und +Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben +an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute +einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall +beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere +Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen +begann. + +Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der +Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn +er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte +sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die +sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen +Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem +modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem +Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen +als gefährlicher Fortschrittler galt. + +Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war +seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte +Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie +ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen, +lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg +selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und +anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß +er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die +Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte +aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß, +hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern. + + * * * * * + +Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes +Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit +der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte +jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt +war. + +Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die +schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige +haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn +aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein, +der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und +Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er +war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur +Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt. + +Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in +bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der +Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer, +sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden +sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke +niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein +unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war +zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr, +wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die +Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen +der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden +sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der +Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er +glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von +diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte. + +Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der +anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß +seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem +Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten. + +Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag +zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und +erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region +versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser. +Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war +nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im +Ungewissen. + +Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz. + + * * * * * + +An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden +gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der +Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung +entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen +weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend, +seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules +Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem +Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn +gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten +Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost +der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt +werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller +andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem, +der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für +alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende +Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern +Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem +Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist, +Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.« + +Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und +ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter +im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat +umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt +belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug, +einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich +vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu +verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder +Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche +Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr +warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel +Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die +Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren, +als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen? + +Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn +bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es +behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot +selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich +wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart. + +Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die +zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis +mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und +mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn +in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte, +sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen, +der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange. +Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen +hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden +Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu +spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen +Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher +Gier empfängt wie edlen. + + * * * * * + +Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von +ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und +wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig. +Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer. +Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher +trug er den Kopf. + +Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen +Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht +noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten +von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn +er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine +berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes +herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich. + +Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich +der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von +Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne +beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten +drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die +Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den +ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter +Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung +erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust +des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem +vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er +löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener +Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element +entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und +Funken Ur-Finsternis. + +Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten +Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung +verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der +Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder +vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die +Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt. +Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte +ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich +wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut +Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige +Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch +kühnen Versuch. + +Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen +aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten, +Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich +verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und +Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten. + + * * * * * + +An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im +Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm. +Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich +Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der +allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste +sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit +über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen +Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er +auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab, +erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete, +Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte, +wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im +prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und +Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein; +dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren +ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille. + +Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner +Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch +den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht +daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die +Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen. +Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden +Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig, +händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel, +das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin +stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink +erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein +kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei +Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.« + +Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der +Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten +sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß +er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen +aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin +verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die +Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die +Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen +wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn +fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und +glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und +sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu +lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich +Grinsen. + +»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die +schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt +Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann +einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen +begleitete. + +»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?« +fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich. + +»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht. + +Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von +der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um +seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und +das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener, +voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort +ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen +Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je +gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen +läutete, erhoben sie sich. + + * * * * * + +Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und +Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im +Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf +Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war +Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus +Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen +und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen +Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung. + +Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden +gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner +leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das +ergraute Haar, das faltige Gesicht. + +Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt +war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das +schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln, +das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie +verdeckten ihn nicht. + +Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er +selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern +geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf +sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch. + +Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender +Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die +Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von +fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer +weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm +um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl. + +Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder +einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so +war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn +gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in +denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert +und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern +zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu +dem man bewundernd emporsehen konnte. + +Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit +nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu +gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich +selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er +gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt +prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein +begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte +bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner +Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst, +nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete. +Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er +Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto +bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu +einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor +dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte, +seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit. + +Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm +gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht +enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus +unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder +ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht +wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein +Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte +beten mögen darum. + +Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein +Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer +verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht +leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand +ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen, +Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem +Einverständnis, Seiner Billigung. + +War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er +wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu +Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und +alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe +seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins +Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer +zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab +harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie +sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten +Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf. +Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit +ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller +miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien; +stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur +Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen +vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein +Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die +Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund +entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das; +Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen +heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht +sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem +Blut. + +Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein, +bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der +wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der +Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter +den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die +Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.« + +Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten. +Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut; +einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm +dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die +Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten +Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im +Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine +Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz +tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod, +Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines +gefundenen Herzens: ein Freund. + +Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um +sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als +einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in +dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er +erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er +spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm +ein Ziel, er sah eine Aufgabe. + +Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das +war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und +Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen +Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten +der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges +Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter +dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der +Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar +die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung +staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen +alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens +Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte +verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben +Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben. + +So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes +als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen +unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer +fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt +war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in +den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer +umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung +zwangen. + +Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne +sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten +ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden +vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende +verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden, +Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man +erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet +und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer +nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war +er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in +seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste +Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich +preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt. + +Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein +Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit +unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des +Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte +ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner +Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft +das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der +Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den +Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks +und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,« +sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube +nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen +geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder +Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen +vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.« + +Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst. + + * * * * * + +Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen +hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer +zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme +hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn +sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit +schenkte. + +Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte +froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem! +So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem +gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus +der Tiefe, glockenklar. + +Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung, +Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter, +elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die +hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der +Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser +Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich. + +Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft, +ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen +Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets +Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die +Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder +Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink +hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem +Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden +Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine +ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit +hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf +einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht. + +Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen +Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose +vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte, +es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins. +Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei +der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine +Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte +auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber +dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht +entschließen konnte, ihn brotlos zu machen. + +»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends +Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde +ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert +wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir +gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?« + +Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so +geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns. +Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht +klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.« + +Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er. +»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die +Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm +erwidert?« + +»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was +er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?« + +Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich +geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften, +aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich +allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er +sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden +Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz +verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder; +draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen +schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit, +durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im +Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine +zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme. + +Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs +Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete. + +Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle +angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-, +neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten, +hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und +waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem +Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben +zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn +packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der +Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die +Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine +Ausgelassenheit war ansteckend. + +Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten +Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein +langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der +dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und +machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das +Gelächter darüber die Luft erschütterte. + +Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte +sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren +Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten +war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße +raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen. +Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys, +der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der +Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann, +behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt, +innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen. +Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er +hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten +Sekunden. + +Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken, +lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun! +Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus, +stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in +seinen Armen aufgefangen hätte. + +Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin +keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der +Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er +Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche +Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht +leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas +Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er +den Jüngling auf den Mund. + +Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses +Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen +Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte +sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit +neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht. + + * * * * * + +Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der +Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen +Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es +sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen +Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim +Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu: +»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem +ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn +ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden +Blicken himmelan. + +Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die +Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als +sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den +Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden +sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich +den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von +den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von +Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an +den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen +dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte +auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte +sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte +liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr +sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens +hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus +der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht +unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief +Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er +dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein, +Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut +geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten +habe. + +Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen, +sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er +morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin +gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und +lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor +von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick +Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und +bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin +rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat +unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang +sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das +halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der +Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn; +solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei +viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise +hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß +wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an. +Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf +zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen, +das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit +Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es +schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm +das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm +nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit +welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es +habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er +nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor +einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und +entfernte sich. + +»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die +Achseln und sah verlegen aus. + +Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich +nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm. +Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen. +Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert +worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur +auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in +Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja +mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich +mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer +geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich +beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern +nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem +habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder +weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für +ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten. + +Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu +entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er +mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe +man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der +verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er +öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde +verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen. +Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein +Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der +Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie, +zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen, +Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den +andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren +Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief +ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen +blaß. + +Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es +wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen, +als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere +Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein +auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste +Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm +Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke +auf. + +Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er +maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu +sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte +Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben, +was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium +entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein +geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen. + +Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer +ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein +galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm +nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung +wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers +wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag, +nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war +wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde +mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn +Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen +Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine +Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das +über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen, +alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte +hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über +Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war +ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt; +er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich +und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur +Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas +Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte, +ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis +und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen +und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die +Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit +verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher +Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben +Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das +ewig Lebendige vom Verwesten scheide. + +Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in +sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz +und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn +überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer +darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er +fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte +Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich, +mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben +lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden +Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß: +Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht. + +»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung. +Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die +Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den +Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir +deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk +sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis +abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.« + +»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus +Überzeugung.« + +»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme. + +Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte +Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien +mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges +auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse +er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die +heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der +wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem +sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und +Ich darf, ich der Jäger, du das Wild. + +Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen +vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines +Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte +ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht. +Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er +anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die +Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen. +Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine +Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so +müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles +außer Rand und Band. + +Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf +dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich +eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper +stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen +wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht +vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom +Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm. + +Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit +Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie +allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich +Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle +verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch +in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur +darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte. + +Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn +schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch +hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges +Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach +unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor, +hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg. +Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich +bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald +in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser, +Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von +Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm +zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der +Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle. + +Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu +einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im +Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die +Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß +Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa +eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber +korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad +gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn +ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin +sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein +sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert, +wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß +er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie +seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er +feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine +umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken, +der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann +stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink +lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen, +er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah +Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie +einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der +Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider +Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen, +da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte +sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort. +Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied +singen. + +Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine +schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren +schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über +den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen. +Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums +Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es +hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren, +in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die +Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde +wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so +viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße +auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt. + +Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie +erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und +dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten +sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe +zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus +Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte, +begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und +Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte, +für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch +Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde +bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu +Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie +begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden. + +Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung. +Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in +der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort +eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so +erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den +Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die +sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der +Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen +Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung +heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug +damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde, +mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne +selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf +skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite +zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres +Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb +schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten +Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der +Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne +Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem +Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an +den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war. + +Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen; +jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter +und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal +solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl. +Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte +sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse +Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine +bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als +Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr +abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf, +Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden +fesselten. + +Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht +zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden +Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute +zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und +Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären. +Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen +das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und +Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität, +hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu +handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei +Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und +der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky +stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des +Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der +Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle +sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu +fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag +brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge +bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig +aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen +Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern +gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die +sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei +es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein +unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und +Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen +zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den +schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung +alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer +Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze; +nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein +unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die +Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt; +erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann +wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten. + +Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste +zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in +Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in +ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun +hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die +wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen +Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den +Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da +wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf +der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten +Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem +umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es +war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn +fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel. + +Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend +umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm +man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas +Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner +gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz +erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des +ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf +dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen +Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet, +geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt; +der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er +in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der +Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf; +die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch +seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse +für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian +zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich: +»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.« + +Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise +eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die +bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian +nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu +sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten. + +»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben +habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat +verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben. +Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit +genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch +keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten +Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen +Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem +die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich +ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger +alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die +aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt +über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem +glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten, +gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also +der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie +hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus +zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel, +Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.« + +Und er fuhr fort: + +»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt. +Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand. +Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema +getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja, +wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen, +eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes +Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig +dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen +läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so +unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre +Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in +uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so +viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu +einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise +versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde +der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das +nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich +erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine +Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich +erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer +Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir +steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine +persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für +vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten +muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum +deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und +Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns +alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir +ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen +angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator +halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor +zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert +mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr +könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das +andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben +wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon +was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern? +Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock +schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und +Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen, +das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich, +sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen +habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf +die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt +habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber +gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am +Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes +werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie +wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt, +es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da +ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das +beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem +Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch +zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den +Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich +jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen. +Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr +diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,« +rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende, +»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich. +Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär +es ein Einziger.« + +Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam, +indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du +sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder +nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich. +Dann mußt du mich zu finden wissen.« + +Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm +das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt, +die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute. + + + + +Die zweite Stufe + + +Rottmanns Brief + +Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde +Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen +verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen +Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der +Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor +die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender +Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch +bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt +Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen +Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle +auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider +allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern +nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat, +von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart +und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze +achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute +Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege +abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in +meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich +erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der +Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den +unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von +Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes +Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es +einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte +Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine +Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter +dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um +eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen, +der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem +versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In +besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg, +Domgasse 8. + + +Dorine + +Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von +Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter +nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines +natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum +Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im +Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von +außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der +der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das +Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen. + +Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann +geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche +Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat +war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine +Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren +Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die +gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen +Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede +sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und +Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab +wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel +ein Wort zu verlieren brauchen. + +Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes. +Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem +Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine +ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner +Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man +mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war +Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten +und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften. + +Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft +ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach +vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah +und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner +Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in +der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das +schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war. + +In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische +Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach +Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den +Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen +sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine, +in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen +Dietrichs Erziehung zu vollenden sei. + +Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen, +nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß +sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das +einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener +Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles +das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß +einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem +tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als +Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ +sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente +Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln +eines dauerhaften Gewebes geglichen. + +Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und +Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn +zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm +nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden +sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und +Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben. + +Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine +gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht +hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war +anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war +ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten +leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas +bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete +auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau; +sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast +fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei +Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die +vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können. + +Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre +Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte +sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande +weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten +Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war +Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa +waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre +Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein +kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte +botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und +gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine +Flora. + +Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie +Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr +ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern, +ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den +schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon +machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es +beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln, +hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen. + + +Banger Traum + +Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl +Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es +ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß +zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem +Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer +persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden +Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei +Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein. + +Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von +Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber +seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen. + +Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von +Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem +Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar +vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit +einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien +durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur +zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die +Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien +tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der +verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen +seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem +Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar +gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen +und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das +von den eigenen Leidenschaften diktierte. + +Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes, +Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren +Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte +die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende, +verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen +Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch +über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die +jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen, +Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht +werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum +sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen +bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages +entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt, +in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur +Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so +geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei. + +Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn +die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings +auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und +unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe, +daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen +Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten +solle? + +Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich +selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und +Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff +ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie +sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn. + +»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine +Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes +Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen +war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt +keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit +ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist. + +Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu +retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen +vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils +geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im +ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake. + +Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer +von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte +bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu +begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der +Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame +widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur +Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war, +der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? – Und wie ihm +Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie +genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem +er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher, +Beschöniger? + +Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der +ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch, +eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging; +schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch +von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden +sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas +herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber +geschwebt hatte, schlummernd. + +Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr +zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau! +Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und +nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte, +von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie +schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh. + + +In einem Tropfen Blut + +Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen. + +Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde +ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das +Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln, +was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von +seiner Ankunft benachrichtigt. + +Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider +ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die +eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren +als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm +Sicherheit. + +Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren +gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim +königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde +meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar, +unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus, +teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir, +hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich. + +Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die +Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch +kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm +er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch +eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von +Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von +besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er +hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl +jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der +nämlichen Würde und Ferne. + +Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu +überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In +allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu +beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt, +jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn +verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener. +Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das +Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da +berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf +der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein +Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht +gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende +Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn? + +Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie +hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen +bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine +neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch +zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich +war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren, +sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend, +und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der +Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines +Gesprächs. + +Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die +Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei +Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig +unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie +ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen +und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen +ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte +sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der +Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen, +bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in +unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge +kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte, +durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe. + +Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das +Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter +verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war +kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit +gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab +ein anderes Bild als die Vermutung. + +Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn +aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen +Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden +Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!« + +Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme +über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es? +Erzähle.« + +Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom +hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die +Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man +über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott +sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der +unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen +und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der +Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige +Würde und vertraulichsten Umgang. + +Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder +Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr +galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges +Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte +achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom +Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen +das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so +daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald +gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich +geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen. + +Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer +Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln, +Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer, +williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere +Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen +wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man +ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht +wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm +verfahren. + +Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die +Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht +zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht +vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden +verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem +Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans +Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse +sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in +dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich +da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich +selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts +mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit +großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder +haben, ehrlich vor allem.« + +Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich, +um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe +nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort +sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe +trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel +Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es +nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem +musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es +zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham. + +Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich. +Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines +Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und +schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es +ist spät, ich bin müde.« + +Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie +schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die +Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem +Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und +größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und +durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den +Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide. +Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das +Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt; +es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud, +und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen. + +Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu +Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück, +drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte. + +Sie hörte ihn tief und ruhig atmen. + +Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu +sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten +nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie +schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie +ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder +zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung +nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der +Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne +vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl. + + +Nymphe und Faun + +Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum +Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das +aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache +fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül +waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem +Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder. +Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er +kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen +schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über +die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut +er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach +Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen +und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke, +heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden +Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo +Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den +Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen, +das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut +eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit +demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen +könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin +bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an. + +Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er +wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und +standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah +weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus +Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am +Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden +mußte. + +Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das +Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom +Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot +nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu. +Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume; +schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab, +ins Grenzenlose. + +Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys +und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus +Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden, +noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu +bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und +erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe +er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben +Sinn. + +So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal +der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor +der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die +gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie +erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf +gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen +nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen +die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß +sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie +zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein +richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich +zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie +verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es +hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte +völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und +Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu +viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß +gut sein, antwortete sie sich unbeugsam. + +Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges +Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und +die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen +Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen +Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich +über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden +und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und +was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu +sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde +nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich, +in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur +widerstrebend ab. + +Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem +Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und +mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne +Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken +und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und +erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem +hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war +sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr +offenbar nicht zugetraut. + +Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt +sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur +nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht. +Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale +um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag +unzugänglicher wurde. + +Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich +wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck +jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie +zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die +Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er +zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen +Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab, +alles war Zurückweichen und Flucht. + +Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf +sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines +der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte +Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf, +Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem +Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das +Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke. +Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und +Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins +Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für +sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne, +besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender, +nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom +Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen; +er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit +sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den +die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier. +Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich +mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem +Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie +und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr +Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe +schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen. +Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah +ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem +Boden. + +Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben, +ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem +Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze, +bittere Genugtuung hätte sehen können. + +»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche +Ding.« + + +Sommertag und -abend + +Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch +Dickicht schlug. + +Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf +ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben, +Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie +saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die +Zeichen des Alterns. + +Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie +wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es +sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen, +seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie +machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten, +Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen +nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen, +Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter +irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle +arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und +kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen +aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt +sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines +Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von +feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens, +vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick +und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe +ihn sich errungen. + +In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn +gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen, +Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert, +schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß, +der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge +leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend. +Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen, +der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel +empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und +Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit +binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke +Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines +lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe +ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe +das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und +nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung, +sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was +sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis +sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur +so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele +zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter +Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die +Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die +Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen, +oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem +Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße +und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es +vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den +anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu +often Malen irre. + +Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein +unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage, +Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging +auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal +wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und +erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen, +daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen +Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der +Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten +Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben, +ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die +Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die +Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee +bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen +Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht +schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht +besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich, +so doch dafür sehr egoistisch. + +Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein +Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und +erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln, +Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war +ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie +gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit +scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über +den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel +glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da +sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß. + +Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten, +durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem +Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am +Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer +Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder +folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger +Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich +und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein +leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim +Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge +Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein +hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den +Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz. +Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit +schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen +Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden +war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung +genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war +ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer +erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren +Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den +Kopf getötet. + +Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete, +dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte +Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende +Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes +hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages. +Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das +ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet +hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er +auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch +überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der +breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote +Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist +es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus +Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich +durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen. + +Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die +Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende +Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich +so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar +wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug, +zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in +einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten +Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich +der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der +Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu +machen. + +Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß +ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte +sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen +kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und +als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch +verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich +zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie +sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und +wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht. + +Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer, +Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem +Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie +war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte, +über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß +sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und +ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische +Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder +spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete +sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen. + +Sie las: Lieber einziger Freund. + +Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann +langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der +äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl, +stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten, +wurde bleich und bleicher, las und las: + + +An Lucian + +Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich +und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer +recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und +erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich +diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde. +Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder +nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit +dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern +Menschen als Empfänger und Leser denken. + +Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei +verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine +soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine +Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und +bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je +höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er +es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen. + +Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig. +Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich +erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich +gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte +gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen, +was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu +halten. + +Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber +macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein +Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist +das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber +nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung +etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst +oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres +wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber +schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein +noch aus weiß. + +Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis +zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß +du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat +mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem +Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge +der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von +Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die +Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte +für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates +doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem +Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des +Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine +Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird. + +Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir +gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den +beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem +bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen, +denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine +Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das +dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich +Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So +weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht. + +Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen, +flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort +nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie +mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das +Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie +glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt +das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten +Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und +Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die +Träume. + +Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die +natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie +gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht +geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig +wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft +werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine +besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die +Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der +Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten +liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu +nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen? +frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch +den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar +Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche +Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann +dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt. +Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst, +Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und +Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie +erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je +unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die +Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen. + +Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in +der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf +dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese +Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich +haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift, +das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und +in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist, +da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine +heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein +fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir +eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt +und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich +packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei +Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem +glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare +einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin +selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu +brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das +dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt. + +Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd, +Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich +mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom +Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände +hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian, +die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung, +leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so +in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich +dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das +Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es +einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der +Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick +dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches +in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das +ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele +und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als +ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen, +der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich +sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer +Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte? + +Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau +kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene +Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das +macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut +vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte, +keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der +Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des +Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch +das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in +meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht +verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt +erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder +geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig, +als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von +mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt +schwer, wie du begreifen wirst ... + +An dieser Stelle brach das Schreiben ab. + +Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand +wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu +beschwichtigen waren. + + +Der Haß + +Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem +Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm +zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag +besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.« + +Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von +seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit +einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie +leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er +mit seinen Eltern da?« + +»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine +Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.« + +»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.« + +»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er +erwartet nämlich seine Braut.« + +»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit +dir?« + +»Nein; zwanzig denk ich.« + +»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge +Dame, und wer ist sie?« + +»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal +gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.« + +»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß +Dorine das Gespräch. + +Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie +abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen +Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem +Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd +erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse +Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet. + +Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er +verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken +zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas +lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter +Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst +mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das +blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu +glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die +sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet +Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt +schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit. + +»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren, +»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie +sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.« + +»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich +trocken. + +Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da +kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im +Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette +im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz. +Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du +gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen +wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.« + +»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten. + +»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das +werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein +reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.« + +Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein +bei dir?« + +»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz +unsere private Angelegenheit.« + +»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es +dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen +Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.« + +»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will +ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen +werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht +vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen +Tatbestand auseinandersetzen?« + +»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr +zugetragen. Wir sind Provinzleute.« + +»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson. +#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite. +Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement +gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen +Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die +Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du, +Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern +Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern, +und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir +müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir +aus der Faulheit helfen.« + +Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen +Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem +Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die +Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem +Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu +seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und +abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel +Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den +andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte. + +Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie +Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten +miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider +Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte +Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte, +sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig +aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine +verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag +verdächtiges Zwielicht. + +Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich +selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit +dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte +Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen +mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine +entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn +er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen +vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft +Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von +unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein +Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte +sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich +über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit +nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht, +um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun +wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete +Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich +warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink +kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.« + +Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser +wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf +und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde +mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten +vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre +bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst, +beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei. +»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand, +»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er +sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief +er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«, +murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um. + +Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte +ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte +mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf +setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als +sonst auf seinen Anzug verwendet hatte. + +Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen +kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit +fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an +ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches +Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber +wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring +mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch +sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar +wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug. +Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott +beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in +keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben +Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon +nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch +das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten. +Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so +sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht +nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein +schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die +Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und +dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und +zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des +Unbehagens erweckte. + +Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt +hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal +zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie +ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham +war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so +entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne +Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne +Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde +schweigsamer und schweigsamer. + +Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu +weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe, +ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen +Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten +Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener +wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen +trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich +Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich, +daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser +antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief +wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die +Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte +errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht +verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das +junge Mädchen. + +Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen +Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr +Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den +Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte +ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem +Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine +Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von +Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der +Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die +ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge +Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb +um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt, +die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und +unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren +ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt +schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein +heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert +hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der +Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten. + +Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu +beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden, +überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink +oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für +ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich +nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem +Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er +war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig +uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären? +Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der +Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der +Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie +seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem +menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und +Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war +nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte +verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer +Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so +war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man +sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich +des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein +Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund. + +Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm +täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit +beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war +unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein +und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die +Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die +Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel +verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät +in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder; +sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den +Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller +Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der +beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz. +Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm +selbst. + +Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle +erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als +es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa, +verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink, +wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten. +Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt +dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte +ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit +einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein +unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder +albern nennen, aber er könne sich nicht helfen. + +Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und +mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die +Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian +damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als +ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte +und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas +ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen. + +Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich +und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er +mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem +Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts +dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu +umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen, +wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs +Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu +bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses +Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines +unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein +Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen +mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten. + +So war es mit Fink bestellt. + +Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals +und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. +Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam +gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen +waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte +er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie +taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie +war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten +Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die +Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das +Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum +Gartentor. + +»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem +Achselzucken und folgte ihr. + +In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch +die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene +mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert: +wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich +gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese +seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste +getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden +schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und +Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag. + +Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende +Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm +graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das +Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand +rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die +Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor +der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das +fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften. + +Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum +schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist. + + +Die Lüge + +Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen +Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich +Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes +Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder +hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der +Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der +Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und +Verlust nie schwieg. + +»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder +geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und +folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.« + +Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine +Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt. +Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der +Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den +Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und +gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre +Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine +Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel +aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der +Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man +achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze +des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu +wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch +unbekannt, so doch vorbereitet, wartete. + +Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer +Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme +entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu +untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung +zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück: +die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern +und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins +Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man +gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach +Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für +allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit +einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor +und verlangte Führung und Trost. + +Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis +hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf +mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns, +und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen, +in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem +Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und +meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein. + +Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz. +Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und +Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch +dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische +Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied +es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den +kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er +Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er +schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig +Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas +Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag. + +Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit +Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb +es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum +Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem +unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich +rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken +Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er +sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den +aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem, +den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann. + +Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn +nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute, +sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf. +Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.« + +Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche +nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn, +Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie +ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem +Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine +beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher +Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das +Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium +und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen. + +Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den +großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen +Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem +Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die +Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn +eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und +die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend +mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja +bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es +denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es +aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der +verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er +könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet, +Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm, +vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie +solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so +ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig +hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten. +»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein +Gewitter hängt am Himmel.« + +Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an +der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit. +Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie. + +Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem +Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete +sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind +zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die +Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die +Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten +sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte +die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre +Schulter. + +Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben +hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende +Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es +war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul. +Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte, +ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner +der Dinge, einen liebenden Rater. + +Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil +ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest +gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes +Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher +Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so +dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige +Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber +Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte. + +In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster +schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden +befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu +bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und +im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor, +wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben +ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie +ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in +denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen. +Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche, +schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte, +eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen. +Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer +Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem +zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt +Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den +Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur +für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in +munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während +sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte, +erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte. + +Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den +Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze +Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und +Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste +Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die +allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette +hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot, +der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der +Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche +Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die +fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen, +das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine. + +Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war +seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um, +sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich. + +Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte, +fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen +Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz. + +In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein +Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich +langsam krochen die Stunden. + +Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte +Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust +verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit. + +Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von +anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt, +der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund +vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig +hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir +Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre +das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der +Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem +Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit +einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist +Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich +mit einem Sohn, der lügt! + +Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach +einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah +den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein +Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit +schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte, +schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort. + +Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten +auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er +trat ein. Er verharrte neben der Tür. + +»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen. + +Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und +blickte vor sich hin. + +»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß +keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.« + +Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig, +als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.« + +»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?« + +Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann +hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn +der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der +jetzt vor mir steht, das bist du nicht.« + +Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.« + +Sie zuckte geringschätzig die Achseln. + +Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus +der Person etwas mache?« + +»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit. + +Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie +zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus +der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch +nicht glauben?« + +Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher +Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von +der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines +Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja +noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie +maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber +bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft +finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.« + +Damit verließ sie das Zimmer. + +Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich +in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang. + + +Pygmalion + +Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser +geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon +auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks +willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber +alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die +peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich +friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt. + +Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da +und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht +die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt +beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten, +das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es +dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle +nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie +wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der +Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen. +»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin +und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer +warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin. +Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja +nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu +anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie +sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer +annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide +Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum +verhehlter Pfiffigkeit an. + +»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich +ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in +seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm +etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit +abgesehen. + +Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf +einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über +deine Idee mit dem Pfauenhof.« + +Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und +wie geistlos du bist?« + +Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine +häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich +eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du +dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer +Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir: +was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei +Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß +wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein +Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur +damit man sich danach richten kann.« + +»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei +beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß +jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein +Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil +ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue +und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und +zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und +darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir +selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären, +aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß +ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der +Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich +tun soll.« + +Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in +Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt +und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig. +Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte +dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen +freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab. +Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind +allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem +wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer +Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem +lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie +die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.« + +»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da +bist du auf dem Holzweg.« + +»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich +verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut +geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die +Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den +Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus, +Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng +dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.« + +Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig +Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch +den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas +sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern +bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das +Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte +unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?« + +»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink +verdrossen. + +Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und +Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin, +keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten +schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst +du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?« + +Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht +ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen +Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes +bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider +legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich +zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in +Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in +dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie +den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper +nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor. + +Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer +zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse. + +»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür. + +»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach. + +Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die +Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der +greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten +vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder +umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich +stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel +eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen +umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die +Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt. + +Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil. +»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie +viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter +anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins +Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse +Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene +Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und +gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder +besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich +dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der +Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden +soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die +Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig +ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber +die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen +kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in +deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da +hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht +ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und +es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an +Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...« + +Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es +später zu verstehen suchen. + +Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er +feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn +man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man +dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in +Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche +Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies +ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit? +Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht, +sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir? + +So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete +nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim +Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund +kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier +Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine +Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war +ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie +in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war +banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein +rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins +Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag. + +Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am +Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu +sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat, +lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf +hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig +gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,« +flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in +drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner +Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.« + +Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut +hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die +»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und +bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären +unbequeme Fesseln von ihr genommen. + +Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte +sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder +gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend. + +»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt. + +Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln. + +»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu +einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein +niedriges Bänkchen am Fenster. + +»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor +Schwüle.« + +Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.« + +Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze +Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein +Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen +schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich, +und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden +Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie +umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des +Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen +Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?« +Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und +lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie. + +Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf +sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender +Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge +ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein +war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen, +fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt +erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden, +gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit. + +Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen +zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das +leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle. + +Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf +an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen? + +Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten +Stimme: »Ich werde kommen.« + +»Sicher?« jubelte sie leise. + +»Sicher.« + +Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor, +Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug +stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die +beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene +etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von +den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig +ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der +Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn +ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten +die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend +unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht +recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit +einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich +ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand. + +Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie +legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her. +Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen +Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof +gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien +ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte +Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat +sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das +sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein +Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des +Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte +Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die +Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und +es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten +wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan +handelte. + +Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans +Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und +begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen; +nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem +Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.« + +Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom +Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die +Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr; +es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend +hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun +war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt. + +Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem +sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach +auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.« + +Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das +nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall +nicht gehorchen kann.« + +Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob +sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas +Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«, +wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer, +bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.« + +»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein +Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave +nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür. + +Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur +Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen +Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave +oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht. +Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!« + +Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,« +röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es +geschieht etwas ...« + +»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das +Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah. + +Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne +Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten +sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme, +umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit +entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach +zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur +draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege +hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang +hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben. + +Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger +Kirche. + +Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen +verebben. + +Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang +widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den +schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner +Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie +jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen +Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz +in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das +nicht, daß sie jetzt nicht kommt! + +Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die +Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein +Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge +durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam +nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich +in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben +Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl +von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war +schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld. + +Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr. +Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter +vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen +und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik, +der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln. +Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es. + +Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug +und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine +Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen +schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die +Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung +vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen. + +Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch +Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück +Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man +mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war, +sich mit ihm abzufinden. + +Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer +lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine +Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner +Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich +er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig, +ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte, +ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer, +das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß +leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und +begann unaufhaltsam still zu weinen. + +Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und +dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen +Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle +die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als +er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine +Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt. +Sonst war nichts zu unterscheiden. + +Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die +Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit +seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte; +er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren. +Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen. +Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den +Kopf in ihren Schoß. + +Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem +Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine +beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der +dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich, +über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich +wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein, +so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht +über ihn strömte. + +Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es +herausmeißeln aus dem Traum? + + + + +Die dritte Stufe + + +Begegnung am Ufer + +Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September, +Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit +seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag. + +Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu +lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden; +plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel +stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger +Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen +hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr, +die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern +im nüchtern-alltäglichen Ablauf. + +Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans +Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter +bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich +alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen, +daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie, +rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er, +uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene +Verantwortung führen. + +Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte +ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem +Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig +gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren, +wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für +förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit +gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie +erzogen und errungen war. + +Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu +vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle +und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am +Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum +unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde +nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel +war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug +ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins +Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild +von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt, +erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein +Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern +oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit +Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung: +Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und +nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend, +sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung. + +Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche +Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit. +War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von +ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein +scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr +galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß +sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung +und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer +etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die +empfindsamste und wachsamste, die es gibt. + +So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten +Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen +konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs +Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten +herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt +richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und +Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien, +Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian +verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein +Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt +Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im +einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge +witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und +Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende +Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte. + +Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung, +wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das +Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin +nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der +Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem +Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte +dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im +Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster, +denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll +unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus +Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden +Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in +einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in +ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat +den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig, +»beim ersten Hahnenschrei schon.« + +Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit +Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte, +erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die +mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des +Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war +eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes +Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes +hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden +auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die +Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last. + +An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog, +gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen +schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der +Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum +erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges +Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys +erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der +Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender +Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen +schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede +ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor, +der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung +predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte, +daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das +Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander +abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen +Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich +zerfalle und erstarre. + +Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und +Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht +regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von +hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide +zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es +ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin, +der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In +all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es +einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es +andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle. + +Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt +vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.« + +»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt, +was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er +mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur +und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für +mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.« + +»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer +ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich +frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr +nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank +schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was +wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an +den Tag kommen. Denkt an mich.« + +»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor +nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?« + +»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich +damit sage.« + +Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun +schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen +entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren +es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung, +ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn +oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus +einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem +Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von +dem ein violettes Band auf die Schulter hing. + +Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von +so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und +Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt +stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins +Gesicht starrten. + +Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft +ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn +das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein +einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte +stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn +dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im +nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die +Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern. + +In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten +sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber +Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In +den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor +und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke, +Wunsch und Finsternis des Herzens. + +Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer +Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen +wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige +Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend +der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine +hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune +Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend +und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für +das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm +alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich +trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die +Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein +für allemal Geprägte des Menschenwesens. + +Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter +gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie +ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter +sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er +ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich +entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die +Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und +Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander. + +Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz, +grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum +Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand +und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom +Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig +überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer +Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort; +»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon +erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern, +Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die +alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so +schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,# +genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe +sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu +können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und +Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber +keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch +geworden ist.« + +Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die +Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten. + + +Tragischer Abend + +Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß, +von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel +hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte +Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten +Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der +Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs +Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf +mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte +sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine +wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend. + +Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub, +eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer +Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab, +schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu +verstehen, daß sie ihm schmeckten. + +»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig +zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß. +Aber es ist überflüssig, davon zu reden.« + +Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene +des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche +für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich +heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir +ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so +erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem +Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich +nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen +könne.« + +Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte +betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie +ausdrückten, was er empfand. + +»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter. + +»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu. + +»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man +sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt +oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird, +dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist +euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es +die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen, +etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein +anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?« + +Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder +sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen +Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns +selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die +Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen +untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff +betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer +als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und +durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß +Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus +einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten +umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie +nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend, +undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen. +Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch +nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich +Medium, nämlich Geist unter Geistern.« + +»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir +müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge +und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen +Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu +früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder +das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich +der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum +Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft +und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens +jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er +den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten, +das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus. +Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen +gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran +erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln +und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.« + +»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden. +Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden +Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn +auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit +aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit +glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da +erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war +ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum. + +Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war +nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den +Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben. +Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es +ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht +war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand, +unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust +stand schon vor ihr und verbellte sie. + +Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen +bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige +Frage Georg Mathys’ riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete +Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die +ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man +im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern +waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen +Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden +hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand; +mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver, +der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in +der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins +Moos. + +Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm +lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender +Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den +Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die +rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen, +hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich +hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den +Abhang hinunterstürmenden Schritte. + +Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die +regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen, +eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte +aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der +Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft +alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten +unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest +außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen +befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte +die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der +Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn, +wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er. +Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese +ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib +war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war +Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit +abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden, +konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß. + +Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der +Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher +Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht, +dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies: +sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte +gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen, +sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich +gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den +ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt; +Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen. + +Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden +solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht +gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff +von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht +und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der +Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu +besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich +darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort, +die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel +verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die +überlebe es nicht. + +Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung, +sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis +zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich +erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie +sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die +Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter +oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen +solle? + +Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die +verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie, +es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb +sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren. + +Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den +Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der +Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf, +gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter +telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der +Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider +überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei +Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die +Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um. + +Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen, +sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr +düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in +ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie +groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester +gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es +seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich +wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit +wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt +zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er +ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont, +müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans +Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener +Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut. + +Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher +Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den +des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.« +Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim. + +Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause +gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so +gewöhnlich.« + +»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das: +gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost. +Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind +festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist +gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?« + +»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück. + +Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des +Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt +mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie +dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert +fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige +Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie +bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die +Verzweiflung ...« + +»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man +auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die +oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich +ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann +warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine +Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.« +Nichts weiter, aber es war viel. + +Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere +ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys +sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte +sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu +dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die +ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich +aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das +Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die +Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden +Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der +Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch +verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht. + + +Das Unbedingte + +Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich den Eindruck +zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gespräche, Gesichter, Gebärden, +es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse +rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel. +Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht schlaff; es +war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er +bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mächtigen, +unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schöpfte Atem. + +Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in +das Musikzimmer neben dem Vestibül. Leute gingen fortwährend ein und +aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen +sie ehrerbietig zur Seite und einige grüßten stumm. + +Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel +zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete den fremden Gästen sein Haus, +und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen. +Der nahm es dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand seiner +Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Gärtner +hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war +aus der Bewußtlosigkeit noch nicht erwacht. Später weinte sie +ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemüht. + +Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm +angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es +befreite von dem Gefühl, sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß +die Leiche nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden +sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten zu erledigen, +durfte man nicht säumen. Die sommerliche Temperatur ließ das Verbleiben +der Leiche im Haus länger als über die Nacht untunlich erscheinen. Es +mußte der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem +Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt wegen des +Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys und Justus Richter erklärten sich +mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins, +Regierungsrat Westerland, tätig unterstützt; er war an der +Unglücksstätte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil. +Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab +so verkehrte Antworten, daß man schließlich auf seine Mitwirkung +verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr +mit den jungen Leuten weg. + +Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen von Schatten. +Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn +um den Weg nach der Küche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie +eine fehlende Ledertasche; das Gepäck war vom Adlergasthof geholt +worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit +flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt. + +Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes erleuchtet waren, +dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knöchern-harte Stimme +des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand +Rechenschaft verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen +Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein +Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte +sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er +verstand nur diese Worte: »Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen +zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer +Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und +nichts verhüten zu können.« + +Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen, +die er gestern noch nicht gewußt, die heute unter seinem Dache wohnten, +ihm verbunden durch eine Tote. + +Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. Eine Weile +unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn +gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren müde, +warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es +verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Händen umgriff er +das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen +Welt; Leiden durchdrang ihn. + +Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war +versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, aber an der Seitenfront war ein +Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er +befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit +pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den +Raum, in dem die Leiche lag. + +In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau +des Gärtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in +einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte +seltsamerweise der Neufundländer. + +Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt +herab, über die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war. +Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sproßte. Die +Schußwunde war vom Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins +Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das +Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mündete. +Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hieß an der Grenze sein und +Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog, +war jenseits von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die Hände zu +falten und zu beten. + +Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drückte neben +Altgeläufigem und Verständlichem ein Mysterium aus, an das noch kein +Gedanke von ihm gerührt hatte. + +Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er, +und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne +Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn +schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu einem +Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die +gekreuzten Hände an die Brust. + +Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den +Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir. +Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus +dem abermaligen Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter +ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die Tür wieder +zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundländer wehrend, der +mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: »Was hat das Tier? +Ich begreife nicht, was es von mir will.« + +»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; »still, Rust, +Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht. + +Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und +schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weiße Kleid vom Tag, +darüber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke, +mehr als mittelgroße Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas +zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten +machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen +namentlich. + +Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum sehen Sie mich so +an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie, +das spürt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus +begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?« + +In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, mit dem Rücken +gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. »Nichts,« erwiderte er +scheu und fast erschrocken, »es bedeutet nichts Besonderes.« + +»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!« + +»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr +geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig +gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; für mich ist +es viel. Um halb sechs Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist. +Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber +seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was Leben ist. Und seit +fünf Stunden weiß ich, was Tod ist.« + +Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen +Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlächeln. + +Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte +lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster +Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie mit einem Ausdruck düsterer +Betroffenheit: »So also. Das also.« + +Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände über den Knien +und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses +Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lösen. + +Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er +glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere, +und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er hätte nicht zu sagen +vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es +schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden +mußte, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen, +unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es +wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war +beseelt und wieder leer; voll Maß und Stille, dann wieder quälend +bewegt. + +Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz +gehalten, sondern über dem Nacken in einen reichen Knoten gefaßt, über +Schläfen und Ohren in natürlichen Wellen fließend. Das Seltenste, +graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick +war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang +geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer +harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen +Charakter, so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe +schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und +Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich +sammelte; auch enthüllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen +Empfindungen und Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war +oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich spürte es; +es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr. + +Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und +durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen +nicht zu herrschen pflegt: »Warum hat sie es getan?« + +Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte, +wiederholte er im nämlichen fallenden Rhythmus: »Warum hat sie es +getan?« + +»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie mich nicht.« + +»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich leise. +»Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen es wissen. Sie müssen es +sagen.« + +Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden läßt,« stieß sie +verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls flüsternd, als dürften die +Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, »niemand hat das Recht, +mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es +dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis +wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, bloß +weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?« + +»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. »Wozu Hohn und +Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht würdig, +so muß ichs zu begreifen suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie +mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens die +Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloßer Zufall, +daß ich vor Ihnen stehe und daß Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen +Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir, +einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen Sie mir also +das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben +kann.« + +Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung in ihrem +Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte sie, »wie furchtbar ...« Und wie +zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an. + +»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte er kaum +vernehmlich. + +Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... dieses +Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür ... auch sie hatte +es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn +ich natürlich; wir haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ... +Sie müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen miteinander +sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen +jetzt ...« + +Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile +loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, dort hielt sie inne und horchte. +Auch Dietrich hörte ein Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über +Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still. + +Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine +Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie stärker verband als +die gewechselten Worte. + + +Warnende Stimme + +Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt. +Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten +sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte. +Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem +Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war +bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit +verschwunden. + +Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald +hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er +sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe +hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen +zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf, +blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt, +und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt +getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann +aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht +empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut +über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens +gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche +Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer +hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß +ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und +knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen +gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen +verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken +oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer +Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen. + +Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er +dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals +die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das +Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem +Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem +Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in +der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es +habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen +Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen +Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben. + +Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so +wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf +den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte +ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn +ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes +Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah +hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und +bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen. + +Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen. +Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die +nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in +der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als +Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt. +Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das +Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre +zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen +wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen +kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte +ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung +erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine +Sekunde lang auf seine Schulter. + +Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von +seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie +habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da +zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu +zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn +man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert, +daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß +er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen. + +»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf +beschwörend. + +Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus +behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen, +wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.« + +»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf. + +Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns +nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen, +fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So +sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie +verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren +es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein +Freund ist. + +Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich +möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich +möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt +und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig +sein und sich demütigen. + +So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den +Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und +Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte, +angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn +die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu +verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte +sie den Überlieferungen ihrer Kaste. + +Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich +vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung. + +Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu +Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene +Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung. +Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde +Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig +geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt, +und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen. + +Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte +ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg +erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord +Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort +berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie +dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so +daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche +Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall. + +Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt +nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag +habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt, +deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den +Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem +Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur. +Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre +Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff; +Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter +Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu +ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu +Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor +Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich +Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte, +andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer +häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen, +und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren +lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in +seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als +Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu +ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie +die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben +müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen +schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte. + +Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht +wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes +Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen; +jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an; +wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben. + +Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er +wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester +verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien, +während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen +worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten +die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie +einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede +stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege. + +Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube +es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei +glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das +Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und +Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht, +keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine +Schlechtigkeit. + +»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den +Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder +weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns +darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der +bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du +eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz +abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem +Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen +unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei +zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst +es schon erfahren.« + +»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht +mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du +in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich +glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders. +Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem +Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch, +denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr +dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift? +Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich +nicht.« + +Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys +bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche +Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus +Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt +fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte, +daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das +er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten +lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und +sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf +beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche +er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm +sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das +Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück, +und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit +verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die +ihm häßlich vorkamen wie Fratzen. + +Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen +der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die +Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne +zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit +abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste, +der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er +nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof +seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort +die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel +sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé +stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht +ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte +er lachend. + +Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten +nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber +ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden +haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu +binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt +verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich +spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich; +ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß +ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt +deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine +tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen. +Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu +bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich +da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es +ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und +außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf +deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich +da.« + +Dietrich nickte, bewegt und verwundert. + + +Was vermag denn ein Mensch? + +Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von +einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er +vernahm es hochaufhorchend. + +Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder +andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe +sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es +beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie +sich, ihm etwas daraus zu zeigen. + +Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was +Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen. + +Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es +handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu +sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in +den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr +ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit, +selbst die grausamste, beruhige. + +Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem +unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner +spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so +überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er +fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne +Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu +verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie +auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein +Recht zu haben. + +»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie +hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr +sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein +aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen, +dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei. + +Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick +auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß +das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten +Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und +Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie +Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine +ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern, +wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade +aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die +Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe. + +So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich +Dietrich naiv. + +»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem +alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und +Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine +von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut, +die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder +wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr +Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig, +hilflos ...« + +Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des +Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun +wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand +zu bieten. + +Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am +Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte +sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause +gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und +gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch +nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs +überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm +Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu +Cäcilie gedrungen sei. + +Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein. +»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der +Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in +Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an +Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten, +vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher +Befugnis? + +»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er. + +»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.« + +»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?« + +»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es +besagen?« + +»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ... +haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!« + +Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht +anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es +auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie +sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert +es für Sie?« + +Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen. +Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen. +Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.« + +Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes +Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge +Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen. +Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend +bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben +gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee. + +Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von +Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu +erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt +sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von +seinem Betragen denken solle? + +Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den +Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen +Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte +auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden +entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe +abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem +hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis +entstanden. + +Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die +eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune +der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn +ergriff. + +Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von +dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt, +die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die +Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es +zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit. + +Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See +zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer +mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch +wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete. + +»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander, +als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es +läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und +Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die +schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern +bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan +und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und +jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist +falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der +Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie +gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und +meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die +gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben +gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche +nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die +Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein +anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer +die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war +umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das +Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe +und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o +nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes +Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es +ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel +hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig. +Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht. +Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine +Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die +Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas +Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten +oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im +Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von +ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den +zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.« + +Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte +hauchend: »Und Ihr Vater?« + +»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er +fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend +war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei +Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit. +Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer +Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie. +Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie +und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir +mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem +Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter +wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem +Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch +gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge, +Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater +auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem +Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur +fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule, +ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen; +vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich +fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu +diese Verstellung erst und dann die Freude?« + +»Seltsam«, flüsterte Dietrich. + +»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat +keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau +ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über +schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt +hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist +er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden. +Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt. +Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm +Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es +geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in +dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die +Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter. +Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem +traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen +und nichts anderes sonst?« – + +»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem +Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ... +verzeihen Sie ...« + +»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen. +Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen, +ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für +Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir +dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit +schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür, +daß ich nicht mehr bin – ?« + +»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich +Ihnen sein, was ein Mensch vermag.« + +»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das: +alles – ?« + +Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das +bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die +Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.« + +»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie +wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von +mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.« + +Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie +duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar. +Sie lächelte rätselhaft dabei. + + +Bildnisse Cäcilies + +Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des +öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem +er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors +eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu +reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte +Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte +sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der +Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre +alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten +Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie +wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war +eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was +Grandioses.« + +Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus +beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen. +Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und +böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich +nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht +Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder +Hinab, und wisse um kein Ziel. + +Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene +Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und +gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde +Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie +eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster +Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick. +Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller +Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei +sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein +gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen, +seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in +ihm; eine leichte süße musikalische Spannung. + +Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe +gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das +Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter +sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in +Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in +beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige +Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr +und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau +Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja +vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt +habe, oben im Kestnerschen Haus. + +Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur +begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn +man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß +die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage +dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie +bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben. +Daß du dort hausen sollst!« + +Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an. +Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu +Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen +wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er +ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die +Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da +und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein +behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit +Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im +Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun +verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar, +drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der +Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne. + +Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß +seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen +sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei +Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all +das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war +beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie +plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak +sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch +hatte man nur wenige Minuten zu gehen. + +Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so +unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß +man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze +Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es +noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem +im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,« +sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute +Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, Ȋußert sich +wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden, +daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle +mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er +lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun +glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen. + +Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer +der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm +vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch. +Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an +ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er +wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich +an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen +Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der +redete. + +Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf +Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht +betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine +Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte +Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie +flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists +Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so, +in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit +ihr.« + +»Mit ihr? mit ...?« + +»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen +auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch +gemerkt; sie war ganz verstört.« + +»Und was will er damit?« + +»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die +Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der +einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist +unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein, +plötzlich packt er einen, und man ist verloren.« + +»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?« + +»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors +Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine +Opfer.« + +Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er +empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu +bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an +sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in +Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie +habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe +verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich. + +In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen +Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu +ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das +Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten, +Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in +Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf +ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der +Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt +zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder! +erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn +versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer +Wust von Sinnlosigkeit. + +Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese +eine Nacht, sondern in vielen Nächten. + +Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna +vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung. +»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was +drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe +Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu +verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser +Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?« +fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst +du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht +mich mürb, es macht mich krank.« + +Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft +und bittend. + +Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat, +legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie +zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er +inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende +Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die +ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war, +weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden +Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht +Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der +subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom +Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und +Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache +bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein +erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und +von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis +glüht ihnen ein Gnadenlicht auf. + +Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies +Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von +Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es +war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt. +Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe, +für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie +gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob +sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie +oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme +gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich +gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere +Worte und Wendungen gebraucht habe und welche. + +Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch, +ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie +einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche, +kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das +gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über +ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie +immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen; +stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor +Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens +würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die +Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie +selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen +Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am +einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre +innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht. +Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten +Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen +auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle +Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren +Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen, +weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie +täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und +Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr +Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit +erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte. + +Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen, +erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man +sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch, +sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie +wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr +auch gelungen. + +Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden +genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und +man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch +dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier +scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber +sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei +ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund. + +Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten +Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger +Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf +in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt +um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und +fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies +verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie +wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an +Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein +großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der +Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur +weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk +und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ +der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer +illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein +rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja +bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt +hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle +sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten +Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie +müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde +ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter +seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die +Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt. +Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe +keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und +zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu +haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung +verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor +Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von +Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die +Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde +verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört. + +Dietrich lauschte, lauschte. + +Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar. +Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft, +Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in +allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es +ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich +halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um +dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen +stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst +du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige +Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du +nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und +einem Schemen, dann sollst dus büßen. + +Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer +ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine +Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort +siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir. + +Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede +Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer +Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen +Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er +geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte +den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür +hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick +ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die +herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie +gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier +abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch +setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte +ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das +Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht, +kostbar und wichtig. + +Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies +mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte +Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem +fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus +den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die +Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen +hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im +Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein +kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und +Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt +derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit +musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling; +der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er +sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme +nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu +finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige +er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich +bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen. + +Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte +empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild +angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er; +»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn +zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas +Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie +hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie +hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm +grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem +Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern +ist.« + +Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete +sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube, +was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?« + +»Du? du bist ...« + +»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf +seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig +nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des +Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert +haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs +zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an +Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein +Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein. + +»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für +Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide +geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten. +Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem +Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat +standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie +gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein +Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem +Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit +dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im +Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du +schweigst? Du siehst mich an?« + +Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt. +Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften +Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß +sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er +erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den +sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres. + + +Verdacht + +Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die ihm das +Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel +auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert +Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten +Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. Es ist dies +innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglück, das die +angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine +Schwester des Selbstmörders in der Anstalt des Professors Landgraf +unheilbarem Wahnsinn verfallen ist. + +Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die Worte an. Er +ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden +Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschöpfte sich in der +Einbildung von Gesprächen und Situationen. Mit Hanna war er erst für den +Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend +angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen, +als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die +den Tod Hubert Gottliebens meldete. + +»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich habs auch heut +morgen erst gelesen.« + +»Und hast vorher nicht darum gewußt?« + +»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb fragst du?« + +»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?« + +»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß man mich verhört,« +erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich sagen will, sag ich, was ich +verschweigen will, verschweig ich.« + +»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen +hast seit jenem letzten Nachmittag am See?« + +Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. Ich hab ihn +seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, daß +er seinem Leben ein Ende machen will.« + +»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem +schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts +erfahren?« + +Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, schloß die Augen +und fing nach einer Weile zu sprechen an: »Er kam am zweiten Tag nach +dem Begräbnis bei Nacht aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich +aus dem Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr +nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so +verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu +beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich. +Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum? +Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und stöhnte: +warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt ichs nur nicht mehr hören. +Auf einmal sprang er auf und stürzte fort, war spurlos in der Finsternis +verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem +Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei Wochen später. +Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden +gekommen; Cäcilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich +werde dir gleich erzählen, was für ein Wort das war; er könne den Tag +nicht mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel mehr, +er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mußt du +wissen, was vorher gewesen war.« + +Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete groß die Augen +und fuhr fort: »Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil +die Gerüchte über seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm +gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben. +Bettines Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand +Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit über den +Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein öffentlicher Skandal die Folge +wäre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem +Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester +schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte ihn mein +Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein +Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat +er ja eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige +und edeldenkende Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung bat. +Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater, +er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch +bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren +Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden +linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war, +kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen +Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater +hatte plötzlich erklärt, ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie +aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei +Neckargemünd. Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, war Bettine +weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt +nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die +Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt +Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel bleiben, ich empfange +ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die +Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein +Glück. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst, +muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir sprechen. +Ein trübes Kapitel.« + +Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über das Gesicht. +Dietrich war näher zu ihr herangerückt und klammerte sich mit den Augen +förmlich an ihr fest. Sie begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte +sie der Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die +Verbindungswege; er hat es später bereut; die Freundschaft, die sich +zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht +voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in besonderer Weise an. +Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt +viele solche junge Wesen. Die eine Hälfte von ihr war durch und durch +verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden +Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die +andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war +ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer +prüden, bigotten Erzieherin, gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das +Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir +eröffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich +preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, und es waren +oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht +länger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater +vorging. Sie war völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne +moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu allem. +Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie betete Cäcilie an; ihr +Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie +sich hinwarf, um Cäcilies Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht, +der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten, +bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten +Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte beständig Angst um +sie, beständig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie körperlich +auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da +drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie an +ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu +nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete +sie sich mit versträhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu +fürchten; am dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging, +ich überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin +auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand +auf, holte Wäsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nähen an. +Es scheint, daß Cäcilies Gegenwart in ihr das Gelüst nach +Selbstpeinigung erweckt und bestärkt hat.« + +Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Müdigkeit war +in ihren Zügen. + +»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte Dietrich flüsternd. + +»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das +Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat +mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein +Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache +natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche +Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge +sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die +Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur +Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in +seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich +erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines +Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich +fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach +Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu +der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre +Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten +will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt, +darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend. +Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle +stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen, +aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins. +Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt +mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich +fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht +morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun +abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ, +daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert +Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich +mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll +Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und +Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die +Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem +so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit +hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich +aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging. +Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem +Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei, +und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil +sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will, +tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit +welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und +Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er +mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt, +abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben. +Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine +Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der +Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger +und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich +gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das +hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir +sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es +zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken. +Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr +Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte, +und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts +Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft +beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam, +und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er +immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal, +denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht +sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie +die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von +Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte +September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern +Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß +und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft +suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die +ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte +hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte +mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert; +bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den +Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die +Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für +den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung +bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese +Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang +brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings +mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle, +daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie +richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit +allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich +nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe +gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte, +ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe, +daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete +unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...« + +Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte +Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang +hinunterrollt.« + +»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte +mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es +hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich +wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben. +Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür +noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?« + +»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms +dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.« + +Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf +die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie. + +In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn +unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit +seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er +dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines +geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein +alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er +die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute, +sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein +Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt +war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an +die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine; +nur eine nimm und vergiß die andere nicht ... + +Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine +Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und +unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die +Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und +sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf. +»Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder: +»Hanna.« + +Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im +aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu +gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo +sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und +empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte, +Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich, +diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus, +schlagen einen Ton an, – man schämt sich krank.« + +Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke +oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte +er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter, +so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit +anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.« + +Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm, +als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte +noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen. +Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an +dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen. + +Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte +sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit +einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch +seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den +Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie +langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen +bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver +hergegeben hat?« + +»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf. + +»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.« + +»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...« + +»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.« + +Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den +Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er +fast. + +»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau +Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es +seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die +Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im +Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn +Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie +fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen +neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der +Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich +genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber +gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich +natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich +daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen +davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme +Kind unter dem Gedanken leidet.« + +»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist +möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie +hat viele Tiefen.« + +Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom +Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum +Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite +nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft +zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das +Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit +Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher, +und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es +ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem +Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer +auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem +Beil ...« + +Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder +wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich, +die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht +gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so +beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging +und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden +Gesichte. + +Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse, +wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas +studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war, +wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich, +»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.« + +Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos +vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände +auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich +auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet +leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich +dich nur offen aus. Was denkst du?« + +Aber Dietrich schwieg. + +Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte +er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich +einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor. + +Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig +hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen +für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an. + + +Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen + +Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer +Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß +gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo +alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich +nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf +die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von +seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu +antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch, +aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen +Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so +Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr +Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in +die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl +für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich +des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem +Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu +viele Ungewißheit bedränge ihn. + +Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie +sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht +Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge +zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres +Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen +habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe, +müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung +für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und +nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle +sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer +plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen; +zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den +Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten +gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der +betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft. +Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter +gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen. +Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede +gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole +Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es +herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein +Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte +Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und +fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu +greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu +suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens +und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit +meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich, +Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten +Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst +die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist +mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell, +möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage +vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin +ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich, +Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.« + +Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus +seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er +dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß +sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner. +Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem +Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das +lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre +Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart +wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im +Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem +Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie +Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob +etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders +haben wolle, als er sei? + +Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du +nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns +wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem +Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die +Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles. +Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen? +Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses +sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit +deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre, +sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die +zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich +habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich +werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft +wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer +sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an +dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz, +denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der +Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon +gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das +sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf +dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so +sollst du mich in deinem Sinn bewahren.« + +War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck +erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur +Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind +nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem +Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse +aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den +Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und +als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht. +Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den +Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe +kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar +Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt +gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er +zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian +befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem +Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner +Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und +einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er +gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen, +aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das +ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht +müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet, +gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet +und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich +begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists +Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt +mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie, +so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du +bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und +sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles +Geredete wird Lüge.« + +So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das +aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna +beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und +freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich +geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er +schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm, +was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das +Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder +Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war +neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis, +Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze +Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt +verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer +Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend +gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in +rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung. + +Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht +angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich +auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich +hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen, +das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes +Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in +die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er +sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen +Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse +sie wieder zu ihm. + +Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume +gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt. + +Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand, +die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme +redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch +welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne +sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er +den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über +ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die +Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war +nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses, +nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie +gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas +wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase, +aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine +Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen +geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu +rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen. +Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm +nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich +ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem +Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er +sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt, +wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja +da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch +auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut; +sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich +seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer +Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus +dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß, +dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf +ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr +aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben +selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen, +Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden +Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat, +so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der +Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf +welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm, +unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war, +der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in +verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn. +Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem +furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor. + +Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es +ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog. +Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich, +ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten +Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der +Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der +Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte +Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben +gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm +die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn +traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er +wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen +mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn +auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch +als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick +durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er +von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun +Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von +diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in +das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er +absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf. + +Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer +aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im +letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie. + + +Die Schläferin + +Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein +Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden, +die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel. +Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken +war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm +die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten +sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er +ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ +die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was +die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das +Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen +Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen +lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in +ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt +mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an +der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und +wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn, +nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis +zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm +sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu +machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende +des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken? +Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes +Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit. + +Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen, +wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines +Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor +Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der +Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade +von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden +die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner +Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit +der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es +bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die +unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis +und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das +Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge +im psychischen Leben. + +Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre +Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr +oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen, +die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig +in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen +sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der +schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in +verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie +im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der +Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im +sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser +und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und +Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade +nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen. +Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in +der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier +scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle +vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht +mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist +ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die +schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge +Wissenschaft heute zu lösen habe. + +Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte +sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an +mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von +achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich +sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich +weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir +lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu, +daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube? +Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen +braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen +straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse, +was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt +voller falscher Boten? + +Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum +Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich +hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen +in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt +aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille +versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer +Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen +Herr werden konnte. + +Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich +gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor +Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das +Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen +gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als +Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht +abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre +Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von +Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten, +andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge +stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde +Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach +Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem +disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe. + +Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken, +daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen, +aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier +enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um +es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie +sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald +aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle +er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er +sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische +darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch +auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast +sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte +er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat, +ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich: +»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich +zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf +geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe. +Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich +lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?« + +Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl; +ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren +Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen +Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel +an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es +ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern +auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein +Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den +Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele +unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine +Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und +einer verhilft dem andern zum Frieden.« + +Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht +mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln, +wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er +mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da +spür ich mich doch unzerstückt und ganz.« + +In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um +Widerspruch verlegen. + +Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über +Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die +alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl; +in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte, +ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht +Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen; +Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer +auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen +wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander +bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es +ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen +wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach +dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern +Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die +Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und +schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette +jemand liegen. Es war Hanna. + +Sie schlief. + +Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des +Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören +können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre +Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur +Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals, +in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte +Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze +Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die +eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was +Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang +und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit +war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle +häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die +schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur +einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich, +sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das +Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin. + +Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie +erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte +gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den +Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen. +Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche +Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus +Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm +verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt +er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch +zweifelnd, sah er die Schlafende an. + +Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne +Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile +gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich +nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.« +Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast, +von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich +weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie +Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es +wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn +zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt, +halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie +bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus +nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör +mich an.« + + +Beichte + +Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der +Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte +zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf +der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war +ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht +gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen. + +Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom +Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem +Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann +nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist. +Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie +nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens +war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn +heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit, +da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß +also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte +sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal +bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf +dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie +sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit +tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm +sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser, +er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie +es mit mir steht. + +Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie +es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja +geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in +mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit +einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines +Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn. +Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend +als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue +Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen +vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand +dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes +schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede +starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall +aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich +für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding, +das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche +genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres +Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es +Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das +Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe +reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar +nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit; +Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie +kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste +Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort +aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und +abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf +ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu +prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon +das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein +kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte +Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst +das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch +aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein +Krüppel.« + +Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß +sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein +Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls. +»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon +ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die +Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich +gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten, +wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes +Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg +einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist +Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der +schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir +noch einmal deine Hand.« + +Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein +ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei +Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen, +wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht, +empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über +allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm +war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er +verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen +hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer +und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte +sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man +sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm +bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und +anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel +auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er +gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien +sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an +wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor +zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr +bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher +und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus, +in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften +Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es +nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen; +unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und +was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg, +schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs +zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die +Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf +erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer +wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis +zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch +unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich +sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere +Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf +ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes +Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn +bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen, +gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner +Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre +alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur +weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde. +Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm; +er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen +Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich +bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch +nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden +ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war +ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete +Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben, +und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten +gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben +von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich +die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte, +sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der +Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten +Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und +Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung +und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie +sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen; +Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein +unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die +Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem +fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht +versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen +Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das +nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists +zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein, +nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem +zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot +geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich +emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war +er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich +keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu +viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische +Geheimnis verraten.« + +Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie +weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu +machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und +Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein +ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel +Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden. +Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war, +mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines +Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein +Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch +und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich +konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr. +Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis +verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei +ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war? +So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein +Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo +ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie. +Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle. +Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu +denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte +sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen +wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie +durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist +ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren +in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von +Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein +Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung, +Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der +Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten, +die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er +wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits +vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten +auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin, +mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß +ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf +der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein +Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn +geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und +halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein +Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht +aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er +kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte +und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein +Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann. +Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie. +Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt +ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann +mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich +fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen, +das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte +Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur +nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich +auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel +sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne +wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig. +Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe +gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.« + +Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen. +Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er +setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten +Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager +zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte +die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann. + +Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her +gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem +weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes, +seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als +ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie +gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des +donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es +hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des +Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos. +Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum +zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag +dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die +andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm. +Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der +aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben +zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der +du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund! +Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch +einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren. + +Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt +ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte +sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und +kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der +Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen; +mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung. + +Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam +an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und +schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit +geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab, +berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann +schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen +war es schon Tag. + + +»Ich komme« + +Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer +und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde +geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem +Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich +telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein. + +Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt +berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von +Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne +wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief +günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden. +In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im +Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen. + +Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit +erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende +Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre +Hand auf seine. + +Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer +Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt. +Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher +stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war +entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen +herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene +keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu +verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch +Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der +Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener +das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte +da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer. + +So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne +Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem +Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später +Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch +Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und +Geistesrecht in sich selber. + +Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte +es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester +erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die +Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon +weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von +Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war, +mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für +ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten. + +Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich +nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem +sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte +Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit +ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai +kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein +heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er +ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys +allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle +zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als +Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys +riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die +Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu +fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an +Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene +delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu +besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich. + +Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte +die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche +später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei +Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr +das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein, +versprach Georg Mathys Dorine. + +Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde +ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die +Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof, +weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein +Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach +einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von +Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die +Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie +zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr +an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin +bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen +mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten. + +Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß, +streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf +Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme +aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest. +Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte +er nicht. + +Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung +war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich +schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender +verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei +köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter +drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers +aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen +gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs +Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal +bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die +Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute. + +Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem +festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der, +ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es +war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über +ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte +für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau; +während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und +lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf +den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das +blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen, +jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer +zurück. Da stand Lucian vor ihm. + +»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns +zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft +gedacht? Bist du noch, der du warst?« + +Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die +Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn. +Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein, +der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er. + +Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja +nicht ...« + +Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen +nötig ist, weiß ich.« + +Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu +erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe +schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.« + +»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte +Lucian stirnrunzelnd. + +»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit +einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo +alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich +dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch +nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?« + +»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du +hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider +gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben +noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine +Seele verkauft.« + +Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg. + +»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian +fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der +trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz, +was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische +Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft, +daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem +Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle +fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt, +Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem +Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten. +Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der +geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den +ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit +abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.« + +»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und +schaute Lucian groß an. + +»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort, +»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und +enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem +vollen Umfang zu begreifen.« + +»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn +du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du +meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht +unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht +ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein +heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt +ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber +laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du +siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir +stehe.« + +Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das +Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah +Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete +er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat +seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst +du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt, +entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu +verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt +unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an, +fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und +erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich +sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein +Mensch ist nicht mehr da.« + +Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist +sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum +nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er +gibt mir Steine. + +Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus. +Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er +trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit +brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die +vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei +spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein +wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg +Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine +Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere +in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf +erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!« + +Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er +antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und +rief zurück: »Ich komme.« + + + + +Sturreganz + + +Meiner Tochter Eva Agathe + + +Die Bedrängnis + +Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen +Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der +nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber +immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr +übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles +jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine +freundliche Stunde mehr beschieden war. + +Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und +Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des +Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer +Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der +ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle +Hyppolite Clairon. + +Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen +siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe +vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das +Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte +Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und +alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue +Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu +beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant +raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und +Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit +ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und +Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein +Bethaus um Mitternacht. + +Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen, +einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten +Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats +und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum +gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der +irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in +Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu +sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine +Steuern entrichte. + +Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher +vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte +abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger. +Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem +Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende +Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei +Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist, +ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier +Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und +siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder +hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht +bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich +verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit. + +Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig +Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und +fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant +vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein +Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten, +Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu +schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge, +hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern +Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich +erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der +Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und +politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am +Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte, +die im Dunkeln schliefen. + +Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und +Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister, +Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren, +Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an +exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches +Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an +Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine +Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner +die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen +ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum +eine menschliche Behausung im Lande. + +Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein +Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell +forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu +jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung, +Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen. +Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und +Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin. +Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren +hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still. +Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von +Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte +Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister +wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen. +Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im +Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die +markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über +geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige +besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen +Fenstergittern huschen. + +Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer, +dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre +Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von +Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und +hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in +seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan +unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen +und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls. +Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der +obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die +aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half. + +Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben. +Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen +der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der +Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und +Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen, +das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den +Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den +Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend +und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich +schon ekelnd sein Mund. + +Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten +Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen. +Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten. +Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht +zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter! + + +Was zur Abhilfe geschah + +Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto +eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens +war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das +Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages +mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen +verschwand. + +Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen +zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des +dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen +wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine +Maus im Magen eines Mastodonts. + +Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß +Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend +Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im +Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen. + +Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur +Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man +doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch +in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden +Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im +Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta, +entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser +Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle +Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter +Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den +berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen. + +Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen +davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen +Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige +Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung, +Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum +nächsten Galadiner übergangen. + +Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf, +Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich +großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem +markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates +zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel +erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra, +Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady, +konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister +wurde für sechs Monate vom Hof verbannt. + +Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben. +Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das +Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die +Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden +Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr +Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle +einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über +das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die +blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung, +daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die +Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher +Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte. + +In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter. + +Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich. +Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt +gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch +hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das +Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung +als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen +Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann +man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er +war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von +unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren +ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm +der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen +Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten +Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine +Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene +Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich +die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen +wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere +Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner +Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die +bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen, +und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer +anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende +vorzuziehen sei. + +Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden, +und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer +Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten +allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen +Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land, +Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu +genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine +Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien +unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche, +Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an +dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich +ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je +geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in +aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das +gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei +dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche +Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis +sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero +unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem +Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des +Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach +Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es +Geldverlegenheiten geben sollte.« + +Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen +an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie +hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu +besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches +Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche +keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh. +Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf +das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und +philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die +Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war +es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack +die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte? + +Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit +ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den +verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener +Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen +Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes +triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager +gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das +nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und +zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des +Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft +nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen. + +Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel +widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es, +wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen +Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am +zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem +Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu +grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen +Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die +Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört +wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und +unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die +Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr +von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr +von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern +belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber +hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine +Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es +den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu +schalten. + +Die Jasager verbeugten sich tief. + +Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die +Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung +man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige +Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge +vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und +mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf: +beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder +solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk, +Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und +Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge +Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz +aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die +Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die +Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten, +wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und +stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten +Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren +Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen, +halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter +Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch +gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte. +Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen, +sie waren wie vom Erdboden verschluckt. + +Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die +Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den +Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn +Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere +Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des +Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer. +Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum +Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber +mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten +erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim +erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen. +Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf +den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter. + +Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die +meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf. +Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal +hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und +dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder +Piquet. + +Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen +stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche +Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den +Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur +Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches +Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse +sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das +langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war, +Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so +selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das +einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als +ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil +künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten +immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der +Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten +Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie +bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung +auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen. + +Die Jasager lächelten entzückt. + + +Episode + +Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube, +ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar +geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden +oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im +kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung +gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit +Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil +er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die +bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen +lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte +er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung +nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in +der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen +Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur +Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die +Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie +ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider +unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet +war. + +Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter +als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof +zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie +häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des +Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum +Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der +Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde +dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht +gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte +das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die +Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten. +Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein +Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und +die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge +hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie +die Gedanken darüber nicht heiterer machte. + +Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge +eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter +verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus, +und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn +er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig, +und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle +#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit +Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte +den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine +Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der +Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel +auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter +sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die +zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir +schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem +gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists +unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm +die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und +glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch +war die schwere Stunde ihres Leibes nah. + +In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in +die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen +waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes +Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund, +und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe +nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das +setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war +leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die +Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust +haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch +gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der +Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an +zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die +Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in +den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft, +deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr +Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die +führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte +abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf +ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist +wenigstens mal ein Lustiger.« + +Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden, +hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der +jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei +Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres +Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte +nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein +kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen, +blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei +seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen +Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit +Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm +geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete +er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe, +und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen +Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine +Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle +Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß +man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux# +beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert +würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem +Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu. + +Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer +höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit +verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend +verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei. + +Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der +Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem +Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon +der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten. +Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor. +Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf +Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und +Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten +und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten +Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit +strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche +Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut +waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt +wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit +geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den +Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den +entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem +Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde, +daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und +sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom. +Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so +war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein +Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen. + +Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten. +Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen +Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde +geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn +das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen. +Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen +werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang +des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block +verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben +würde. + +Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen, +kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die +Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die +Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne +heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche +Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der +andern im Auge hat. + +Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf +sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die +Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht +lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie +entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des +Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm +umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle +er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt +nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er +grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.« + +Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter +ergab, war auch nicht erfreulich. + + +Chronica + +Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der +Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines +übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe +Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er +ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen +Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen +gemäße Glückszustand inkarniert habe. + +Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte +nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er +hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem +Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms +und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe +Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf +Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst +und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune. + +Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei, +heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er +dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er +im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann +er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte +er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf +eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein +Stallbursch die Krätze bekam. + +Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den +angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich +hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld +schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die +kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit +ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die +Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und +verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und +schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase, +so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen +für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln. +Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden +Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden +Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile +halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz. +Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle +den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen. + +Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte +von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord +Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das +ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre +plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht. +Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie +in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig +das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet +werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in +diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen +worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn, +worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres +Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche +wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte +die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von +Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit +Stöcken an eine morsche Tür trommelt. + +Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen +büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email +der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin +von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte +einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen +in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark +geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die +man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld, +Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang, +zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind. +Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde +immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all +dem immer übellauniger. + +Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie +lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen +Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in +denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf +einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden; +sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von +Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig +um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens; +Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln +Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter, +Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind +geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr +versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei. + +Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu +entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre +Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu +lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller +Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da +hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den +Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der +beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins +Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die +das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und +ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und +Totentanz. + +Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater +Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches +Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm; +der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel, +und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten, +stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum, +brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich +schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen. + +Lady Craven kicherte. + +Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden +in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England +überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der +Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die +Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier, +falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und +sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und +als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte +unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum, +der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter +hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg +den Kopf abhackte. + +Die Lady schauderte. + +Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch +schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre +Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten +versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge +Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die +Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit +Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war +bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte +er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des +schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im +Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die +Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der +Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die +unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr +ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft. + +Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der +hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung +und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das +Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob +es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes +Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann +knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die +Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken +sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde; +doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete +griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe +entgegennahm. + +Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte +leise vor sich hin: »Kri-Kri«. + + +Maßregeln eines Philanthropen + +Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich +demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld +ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten, +Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die +Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu +befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat +leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche +Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit +geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine +Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten, +keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit +ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße +Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen +verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer +Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk +sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen +versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen +Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher +hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen +Wandel neue Unzufriedenheit zu säen. + +Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich +mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt. + +Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste, +die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die +Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue +Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen. +Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal +eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen +strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen. + +In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und +Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte +mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit +gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf +Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters, +bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe +hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz. + +Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur +eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu +seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier +brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch +die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit. + +Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen, +eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls. +Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren +Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer +zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte +sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage +hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der +einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen +stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte +sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still +wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften, +ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche +nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis +durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch +Brummen. + +Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren +bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren +Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die +Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren +winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut, +hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit +ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der +krank und hungrig ist. + + +Die Bürger und ihre Stadt + +Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und +siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie +dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig +gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten +Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen +und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und +Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen +dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende, +gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder +haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen +straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied +arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine +grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen, +Säuglinge schreien. + +Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es +weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht; +es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser +vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu +erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht; +es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die +Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren +liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander +verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder +ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe +von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und +gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle, +dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar +über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche +und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt +in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche +Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar +erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm +bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt, +wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem +Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der +Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank +sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der +Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der +Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige +Trost. + +Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in +Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf +ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht +Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr +von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und +den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des +Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und +Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern +in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in +Edelsteinketten. + +Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen- +und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu +strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten +sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen +Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von +niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher +Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine +schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge +gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas, +feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war +etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl +gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen +dafür, daß sie schwitzten und sich plagten. + +Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand +verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von +Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl, +nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes +verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen +lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und +nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner +Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen, +auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen +Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die +Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten, +konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es +brennt. + +Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen +wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen +gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut +verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten +Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum +bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in +ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und +schoben die Finger zwischen die Knie. + +Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis. +Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht, +so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des +gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang +in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen +Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch +gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles +Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die +Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der +Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der +Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon +gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die +Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen +das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten +nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts +freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und +legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte, +mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch, +mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre +Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre +heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und +mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes +über dieser Stadt von Mürrischen. + +So lagen die Dinge, als Sturreganz kam. + + +Jahrmarkt + +Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von +Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe, +schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit +schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in +Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er +sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine +Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu +haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche +Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von +Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden +werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu +entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien +sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden, +da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei +Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren. + +Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in +einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte, +Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen +seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer, +den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher +Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz +Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren +konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht +sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte +Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte, +seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber +Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern, +Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen +Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder +verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung. + +Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem +Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner, +Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude, +die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter +Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte. + +Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen, +murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander: +was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre +verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den +Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige +mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen +hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, +daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises +hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und +Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von +Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich +heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner +unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero +Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches +Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei +Groschen, dritter Platz ein Groschen.« + +Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei +und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter +in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen +Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen +vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in +den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern +reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend, +und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder +fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen +hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war +alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet. + +Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz +vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit +sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet +eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn +scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über +ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der +Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von +wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das +Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und +quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein +Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes, +sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu +Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach, +abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen. +Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis +zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft. + +Gelächter! + +Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die +Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden +wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas +völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden. +Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein +betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den +Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel +des Oktoberabends. + +Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit +den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen +in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in +seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen +kollerte, der Gaumen war wund. + +Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die +Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein +Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben +im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und +Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen. + +Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen? + +Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch +Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete, +berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem +Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner +gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so +gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung, +die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn +volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und +erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche +Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen. + +Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die +Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und +Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war, +daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine +beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der +betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute +eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben +noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht +dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die +Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann +die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings, +ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den +benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre +lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen +oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern, +verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude +schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine +Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und +picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie +vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie +Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann +Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch; +Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares +Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als +fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen, +feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein +paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie +schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen +einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten +Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den +Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter +den Vorhang zu kommen. + +Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei +Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit +ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten +sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde +verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon +aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze +reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie +mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es +gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen +Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters +gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in +ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren +Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um +Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt +fanden. + +Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die +keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem +Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich +nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer +Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu +Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger, +Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen, +Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern, +Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten +sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der +Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom +Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten +immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person +kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach +einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar +ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen. + +Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es +bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus +wurde. + + +Unterm Mond + +In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte +Wandlung geschehen. + +Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln +vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus +unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und +gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze +gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen +mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein +Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen +auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen +Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit +einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt. +Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen, +und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung +bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln, +Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge +im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit +vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu +zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur. + +Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der +unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten +von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht +verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo +er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest +und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen +im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter, +wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. +Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten +und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich +die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die +Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne, +daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer, +Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als +der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst +entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und +glückselig zumute war. + +Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten +kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr +Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern +heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß, +schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war. + +Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich +mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren +stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen, +niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in +die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die +Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert +wie an Marktvormittagen. + +Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin +beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen +keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über +dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht; +als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an. +Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte +Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal +eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen +erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen +Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn +Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock +eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über +Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das +ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den +Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer +Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme +salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd +wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor +beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und +machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im +lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; +geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der +Mond kam über die Dächer und wunderte sich. + +Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister +Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse +trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale; +die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende +wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler +Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde +später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an +Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die +Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab +gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein +großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und +Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren, +Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile. + +Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum +andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten, +Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein +Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein +schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz; +einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine +Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von +Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende +ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben! +Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge +leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das +Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte +oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen +ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit +vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und +polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang +antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in +der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel. + +Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch +unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es +die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher +Art gekommen. + +Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben- +oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig +schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der +ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu +haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest +der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre +Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und +streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als +wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei, +der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft, +so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte +auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam +und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer +Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem +Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte +still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie +Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und +Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische, +deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging +der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes, +und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt, +lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm +und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz +einbog. + +Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er +zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und +ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht +auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte +sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn +um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu +tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der +einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte, +er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine +Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste +Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet: +so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber. + +Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der +Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas +Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier +und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während +die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen, +die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in +die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger +Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht +fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen. +Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der +Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als +er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer +läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte, +daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren, +liefen schon von allen Seiten Leute herzu. + + +Fingerling + +Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam, +ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages +kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte. +Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel. + +Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch +keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb +einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine +niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein +paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf +den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein +Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber +sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie +tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem +ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität +leicht aufgelöst werden. + +Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name +Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die +eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der +Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das +Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm +erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze +umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum +Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen +Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger +Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in +großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht +gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten +und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege +dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und +gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so +war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut +bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger +war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine +Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu +vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht. + +Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge +gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur, +die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die +sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont. +Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne +aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu +rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten, +Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden +wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche +Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier +waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis +jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die +Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt. + +Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte, +ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte, +oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt +ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin +musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene +Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die +Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das +Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten +bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen +hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer +und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die +gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige +Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich +bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von +einem Winkel in den andern schiebt und vergißt. + +Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war +immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich +am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las +einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war +nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der +Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu +erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer +noch als selbst die letzte. + +Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene +Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen +Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen. +Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun. +Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der +gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem +winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so +dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen +Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten +Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in +einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren, +vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle +kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so +war sie entschlüpft, eh er es recht wußte. + +Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue +kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die +Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und +Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie +der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war +es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte, +zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die +Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd +war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung +heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur, +was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die +Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt. + +Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte +sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer +überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre +Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach +gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der +Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe, +das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine +gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in +den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur +Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas +unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen +mehr gab. + +Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal +krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und +am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der +Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze +hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und +her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen +beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im +ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine +zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich +der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige +Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten +sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen +Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine +fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der +noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte. + +Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend, +als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch +ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften +die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend +und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie +hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln, +Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden +Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her +huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der +Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte +sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern. + +Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich +niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit, +sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie +auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den +vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die +geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin, +die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das +sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder +und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine +unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen +folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und +schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du +sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich +nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich +von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen, +mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann. +Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte, +erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause +wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes +verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand +von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende +Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof, +im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln, +benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen +lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte +es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von +einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen +Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem +feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend +feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht +und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren +hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der +ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen. + +Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand +darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach +erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute +Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte +die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war +mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke +durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung, +und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos +wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen. +Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und +gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und +später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit +Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts +einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette +namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf +über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich +Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod +des Mädchens herbei. + +Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der +Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm +Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige +Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut +ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu +bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und +aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das +Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem +Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr +viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der +letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit +und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der +lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das +unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter +erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung +jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte +Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst +allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war; +Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und +durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig +zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich +abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult +hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte, +war sein Plan so gut wie fertig. + +Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem +Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung. +Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben +übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind +namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr +im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur +selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im +Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig +Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters. + +Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich +nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er +dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm +bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind +vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn, +wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im +Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere +Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der +Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete +Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten, +das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut +schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz +und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und +furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit +des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als +daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das +Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst +unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu +schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche +Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel +zudrehte. + +Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube, +und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst +nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der +Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der +Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute +im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie +Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden, +vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte, +daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder +Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es: +Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes. + +So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus. + + +Die Beiden + +Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als +bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es +vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre +Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf +gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles +Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu +erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm +vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft. + +Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot +und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an +Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem +Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen +Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine +Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und +Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren, +leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er +nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das +Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im +Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende, +Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen +Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen +die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von +Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort, +der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich +aus. + +Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen +hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer +porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige +Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen +Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in +ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene +von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen +werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte +Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit +lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz, +die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war +das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte, +entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und +des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg; +Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der +heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte, +arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht +in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er +in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung +und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und +Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein +schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit +war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern +erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die +Doppelheit der Existenz nicht selten lästig. + +Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei +dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es +beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung +vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns; +Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in +jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit. + +Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter +gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings- +und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen +durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz, +unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen +Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und +der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten. + +Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz +und Taube. + + +Höflichkeit wird Grausen + +Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz +den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem +Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung +fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war, +trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit +geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und +erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar; +sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch +Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm +das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem +Institut ein, der ihm wohlbekannt war. + +Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und +Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber +keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich +niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite +des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich +durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine +Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen +und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener +solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies +gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe +Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten, +gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen +Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen +begann. + +»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos +verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust +den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß +einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die +Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend +zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah +sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt, +das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus +anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter +ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling, +Beckchen Taube. + +Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute +der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten +geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die +Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher, +gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«. + +Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes +traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine +unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und +antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich +noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen, +weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten +Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht; +Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm, +flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor +sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung; +verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal +fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal +aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte +zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen +an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen, +rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon +aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die +jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit +lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank; +die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es +entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf +dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer +Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her. + +Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der +Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches +Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage +schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war +strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das +Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach +der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er +durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des +Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den +Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz’ Diener, der halb von +Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens +seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen, +doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit +drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen. +Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem +sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte, +begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und +Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof. + +Dort hatte das Erscheinen Sturreganz’ mit dem Mäusezug hinter sich +ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der +Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen +herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die +Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten +auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen +der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit +entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm +das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in +einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß +dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen +und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum +hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen +Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern +behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine +Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte +Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem +Mund. + +Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie +Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf +dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare +Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war +Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche +Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm +die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant, +den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen +wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher +ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des +Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu +verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß +sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende +zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn +wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein +besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es +notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und +hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und +die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein +schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt +waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder +schnöd durchkreuzte. + +Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der +Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr +melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er +sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche +Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den +Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem +Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den +Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in +Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so +weiter; das Projekt wurde eröffnet. + +Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz +sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte +ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein +häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte +bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines +italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im +Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen, +da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und +versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren, +meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits +accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs +sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man +möge ihr diesen Storregammato bringen. + +Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz’ Entlassung aus dem +Polizeigewahrsam. + +Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern. +Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um +Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein +über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern, +schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete +in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas +verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an +die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an +seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig. + +Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf +statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut +das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das +schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was +den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war +es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte +Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen +nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte +er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein +Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu +bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese +Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer +Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie +durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner +Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese +empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven +für den andern Mittag vereinbart war. + +Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz +eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm +in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer +Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd, +wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war, +der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die +mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die +zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt +waren, – Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art +die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt +und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, – erschöpfte sich +Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu, +einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene +Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er +erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob +es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall +auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe. +Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene +Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber +Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte +noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen +Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der +ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die +dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er +den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor +Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die +exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über +Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit +einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber +er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit +verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder +und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen; +geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch +Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und +nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu +preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte +Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten +Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es +durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie +in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie +ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren +Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben +zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und +Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße +verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle +Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, +aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe +sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem +außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal +in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen +Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine, +boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch +gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen +schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten +und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden, +den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der +Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und +oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie +fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der +tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der +blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis. +Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei +hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm +gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen +Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine +Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war, +als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu +unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und +leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies +erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und +Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft +schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage +üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein +fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige +Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros +verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen +Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr +Marchese damit getan habe. + +Eine devote Reverenz beendigte die Rede. + +Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen +Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah +ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz +aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich, +dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch +das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz +vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem +Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum. + +»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man +müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte +gezwungen. + +»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady +Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann +stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen +Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll +ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch +unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.« + + +Zwist + +Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter +dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren +gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten. +Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis +zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er +könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage +gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit +verbreitete. + +Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige +Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben +gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der +Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen +Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige +Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr +die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie +ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu +vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie +war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete. +Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden +ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag. + +Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß +der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen +Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über +die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu +machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die +alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der +Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre +Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem +traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei. + +Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin. + +»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in +einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!« +rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum +Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der +Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit +seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der +Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir +Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt +und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen +verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern +Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem +philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade +spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie. +Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu +leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so +berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den +Abschied.« + +Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer. + +Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah +lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus +bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben +Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen, +wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt +weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das +ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt, +hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen +Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es +dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb, +glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein +glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein +jubelndstes Lied in die Luft schmettern.« + +Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige +dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und +begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le +Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en, +lundi!«# + +Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein +Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott +verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie +verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden +der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung, +ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten, +feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk +geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie +verführerisch im Grunde! + +Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde +keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang: +#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«# + +Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach +der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den +Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen. + + +Die Ohren des Herrn Marchese + +Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der +Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die +Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend +waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz. + +Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war +für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und +das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung: +Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton; +man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz. + +Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast. +Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne +Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der +Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier +Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus +und Amor auf dem Schoß. + +Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt, +majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady +Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von +Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die +hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und +der Vorhang schlug auseinander. + +Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt, +war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig, +argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens +um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr +sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt +Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner +Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster, +Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als +Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz +spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle +Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen +Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in +heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und +ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu +überlassen. + +Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel +von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz; +#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen +Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das +wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war +voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune, +Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit +Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten +Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der +Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin- +und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte +Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all +dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur. + +Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln +genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten +Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn +keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem +Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium +seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an +war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne +aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt, +triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge +preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich +die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum +in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an +ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim +geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen, +schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen. +Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie, +aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare +Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was +man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine +Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht, +zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger +Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken +brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und +platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen +um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte. + +Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster +hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von +ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender +Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich +schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in +die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich; +der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch +vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint, +auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach +einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen +Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack +steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den +Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten, +kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder +nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das +Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den +Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn +Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir +die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn +Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer +goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine +irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater! +Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli! +Milles mercis!# Geruhsame Nacht!« + +Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging +durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die +Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer. + +Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter, +und er verschwand. + +In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der +ansbachischen Bastille, verbracht. + + +Ein Gespräch als Ausklang + +Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage +später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der +Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die +württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz, +des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der +Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der +gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in +Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist +finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in +einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit +befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte, +belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund +verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe +und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus +Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem +Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt +hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen +Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem +beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte. + +Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil +bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten +sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün +und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern, +die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in +ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die +Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den +Horizont mit einem schwarzen Band. + +Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein +lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes +Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei +mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja, +des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der +Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen +und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der +Geist herbei. + +Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das +treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend, +nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts +damit auf sich.« + +»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz +erstaunt. + +»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der +Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich +einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier, +und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es +verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie +klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen +Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.« + +»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen +muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel +gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände +reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich +das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das +uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die +göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine +unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der +Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird +lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den +unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles +wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne, +unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt, +jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des +Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das +mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige. +Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß +wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die +Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst +Gefühl und Ahnung Lüge.« + +Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz’ Lippen. »Sie äußern sich mit +sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft, +kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es +kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit +und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das +Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir +nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue +davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an +den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen +einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien +abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder +den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften? +die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen +fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue +einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht +Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben +rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es +denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der +Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer +Weglosigkeit.« + +»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir +zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb +begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf. + +Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch +die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine +Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon +geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an +eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider +so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es +sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine +Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos +werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen, +ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, +alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und +der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte. + +Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme: +»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr +weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum +läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser +in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und +spricht, und keiner weiß was.« + +Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren, +und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen +Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«# + +Da war es schon Nacht. + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman. 23. Auflage + +Der Moloch +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage + +Der niegeküßte Mund +Drei Novellen. 71. Auflage + +Alexander in Babylon +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage + +Die Schwestern +Drei Novellen. 6. Auflage + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens +Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage + +Die Masken Erwin Reiners +Roman. 15. Auflage + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen + +Der Mann von 40 Jahren +Roman. 14. Auflage + +Das Gänsemännchen +Roman. 72. Auflage + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden. 39. Auflage + +Der Wendekreis, Bd. 1 +Novellen. 19. Auflage + +Mein Weg als Deutscher und Jude +15. Auflage + + * * * * * + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten +zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich +p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein +p 236: nach war es -> noch war es +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden) +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin) +p 248: medisieren (schmähen, lästern) +p 298: vif (lebendig, lebhaft) + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book’s two title +pages have been merged into one, and a table of contents has been added. +The table below lists all corrections applied to the original text. + +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +p 090: [unified] Telefon -> Telephon +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich +p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein +p 236: nach war es -> noch war es +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden) +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin) +p 248: medisieren (schmähen, lästern) +p 298: vif (lebendig, lebhaft) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + +***** This file should be named 18552-0.txt or 18552-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18552/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/18552-0.zip b/18552-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cf41cfa --- /dev/null +++ b/18552-0.zip diff --git a/18552-8.txt b/18552-8.txt new file mode 100644 index 0000000..3c3e537 --- /dev/null +++ b/18552-8.txt @@ -0,0 +1,8813 @@ +Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Zweite Folge + Oberlins drei Stufen, Sturreganz + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Jakob Wassermann + + Der Wendekreis + + Zweite Folge + + Oberlins + drei Stufen + + und + + Sturreganz + + + 1922 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis fünfzehnte Auflage + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + +Inhalt + +Oberlins drei Stufen ...... 7 + Die erste Stufe ......... 9 + Die zweite Stufe ........ 51 + Die dritte Stufe ........ 121 +Sturreganz ................ 225 + + + + +Oberlins drei Stufen + + +Marta der Gefährtin gewidmet + + + + +Die erste Stufe + + +Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen +Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie +gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und +ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister +gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der +Nation. + +Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter +gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit +dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine +festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und +endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde +Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei +Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so +unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr +mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das +und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von +Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug, +die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung, +die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die +Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich +entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln, +Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung. + +In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um +das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen, +japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem +königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die +eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen +Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit +eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und +bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles +wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu +denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd +krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er +zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals. + +War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd +und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge +Frau. + +Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man +behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war. +Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von +wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse +des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das +Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen +Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu +vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten. + +Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit +der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren +wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte; +geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den +ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte +dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da. +Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend +gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen. +Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits +Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die +Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie +unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich +waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein +beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten +Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst +verschloß. + +Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der +älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten. +Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er +hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete +Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das +erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne +Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war +bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte. + +Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war, +erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft +verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und +Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben +an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute +einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall +beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere +Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen +begann. + +Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der +Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn +er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte +sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die +sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen +Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem +modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem +Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen +als gefährlicher Fortschrittler galt. + +Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war +seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte +Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie +ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen, +lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg +selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und +anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß +er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die +Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte +aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß, +hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern. + + * * * * * + +Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes +Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit +der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte +jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt +war. + +Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die +schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige +haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn +aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein, +der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und +Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er +war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur +Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt. + +Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in +bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der +Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer, +sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden +sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke +niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein +unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war +zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr, +wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die +Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen +der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden +sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der +Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er +glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von +diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte. + +Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der +anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß +seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem +Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten. + +Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag +zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und +erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region +versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser. +Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war +nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im +Ungewissen. + +Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz. + + * * * * * + +An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden +gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der +Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung +entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen +weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend, +seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules +Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem +Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn +gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten +Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost +der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt +werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller +andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem, +der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für +alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende +Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern +Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem +Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist, +Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.« + +Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und +ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter +im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat +umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt +belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug, +einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich +vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu +verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder +Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche +Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr +warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel +Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die +Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren, +als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen? + +Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn +bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es +behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot +selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich +wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart. + +Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die +zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis +mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und +mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn +in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte, +sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen, +der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange. +Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen +hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden +Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu +spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen +Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher +Gier empfängt wie edlen. + + * * * * * + +Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von +ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und +wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig. +Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer. +Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher +trug er den Kopf. + +Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen +Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht +noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten +von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn +er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine +berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes +herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich. + +Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich +der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von +Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne +beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten +drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die +Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den +ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter +Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung +erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust +des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem +vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er +löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener +Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element +entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und +Funken Ur-Finsternis. + +Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten +Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung +verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der +Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder +vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die +Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt. +Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte +ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich +wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut +Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige +Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch +kühnen Versuch. + +Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen +aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten, +Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich +verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und +Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten. + + * * * * * + +An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im +Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm. +Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich +Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der +allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste +sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit +über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen +Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er +auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab, +erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete, +Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte, +wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im +prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und +Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein; +dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren +ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille. + +Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner +Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch +den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht +daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die +Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen. +Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden +Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig, +händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel, +das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin +stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink +erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein +kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei +Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.« + +Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der +Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten +sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß +er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen +aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin +verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die +Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die +Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen +wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn +fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und +glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und +sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu +lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich +Grinsen. + +»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die +schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt +Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann +einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen +begleitete. + +»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?« +fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich. + +»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht. + +Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von +der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um +seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und +das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener, +voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort +ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen +Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je +gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen +läutete, erhoben sie sich. + + * * * * * + +Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und +Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im +Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf +Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war +Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus +Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen +und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen +Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung. + +Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden +gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner +leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das +ergraute Haar, das faltige Gesicht. + +Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt +war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das +schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln, +das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie +verdeckten ihn nicht. + +Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er +selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern +geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf +sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch. + +Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender +Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die +Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von +fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer +weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm +um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl. + +Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder +einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so +war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn +gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in +denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert +und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern +zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu +dem man bewundernd emporsehen konnte. + +Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit +nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu +gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich +selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er +gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt +prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein +begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte +bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner +Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst, +nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete. +Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er +Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto +bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu +einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor +dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte, +seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit. + +Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm +gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht +enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus +unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder +ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht +wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein +Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte +beten mögen darum. + +Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein +Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer +verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht +leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand +ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen, +Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem +Einverständnis, Seiner Billigung. + +War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er +wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu +Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und +alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe +seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins +Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer +zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab +harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie +sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten +Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf. +Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit +ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller +miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien; +stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur +Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen +vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein +Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die +Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund +entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das; +Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen +heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht +sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem +Blut. + +Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein, +bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der +wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der +Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter +den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die +Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.« + +Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten. +Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut; +einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm +dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die +Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten +Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im +Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine +Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz +tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod, +Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines +gefundenen Herzens: ein Freund. + +Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um +sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als +einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in +dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er +erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er +spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm +ein Ziel, er sah eine Aufgabe. + +Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das +war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und +Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen +Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten +der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges +Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter +dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der +Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar +die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung +staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen +alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens +Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte +verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben +Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben. + +So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes +als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen +unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer +fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt +war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in +den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer +umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung +zwangen. + +Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne +sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten +ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden +vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende +verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden, +Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man +erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet +und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer +nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war +er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in +seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste +Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich +preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt. + +Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein +Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit +unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des +Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte +ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner +Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft +das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der +Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den +Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks +und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,« +sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube +nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen +geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder +Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen +vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.« + +Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst. + + * * * * * + +Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen +hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer +zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme +hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn +sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit +schenkte. + +Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte +froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem! +So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem +gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus +der Tiefe, glockenklar. + +Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung, +Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter, +elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die +hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der +Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser +Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich. + +Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft, +ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen +Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets +Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die +Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder +Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink +hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem +Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden +Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine +ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit +hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf +einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht. + +Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen +Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose +vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte, +es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins. +Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei +der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine +Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte +auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber +dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht +entschließen konnte, ihn brotlos zu machen. + +»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends +Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde +ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert +wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir +gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?« + +Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so +geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns. +Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht +klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.« + +Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er. +»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die +Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm +erwidert?« + +»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was +er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?« + +Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich +geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften, +aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich +allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er +sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden +Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz +verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder; +draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen +schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit, +durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im +Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine +zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme. + +Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs +Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete. + +Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle +angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-, +neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten, +hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und +waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem +Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben +zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn +packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der +Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die +Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine +Ausgelassenheit war ansteckend. + +Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten +Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein +langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der +dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und +machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das +Gelächter darüber die Luft erschütterte. + +Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte +sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren +Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten +war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße +raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen. +Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys, +der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der +Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann, +behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt, +innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen. +Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er +hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten +Sekunden. + +Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken, +lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun! +Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus, +stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in +seinen Armen aufgefangen hätte. + +Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin +keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der +Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er +Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche +Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht +leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas +Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er +den Jüngling auf den Mund. + +Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses +Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen +Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte +sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit +neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht. + + * * * * * + +Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der +Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen +Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es +sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen +Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim +Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu: +»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem +ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn +ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden +Blicken himmelan. + +Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die +Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als +sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den +Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden +sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich +den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von +den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von +Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an +den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen +dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte +auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte +sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte +liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr +sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens +hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus +der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht +unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief +Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er +dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein, +Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut +geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten +habe. + +Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen, +sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er +morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin +gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und +lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor +von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick +Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und +bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin +rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat +unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang +sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das +halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der +Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn; +solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei +viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise +hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß +wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an. +Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf +zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen, +das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit +Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es +schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm +das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm +nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit +welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es +habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er +nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor +einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und +entfernte sich. + +»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die +Achseln und sah verlegen aus. + +Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich +nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm. +Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen. +Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert +worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur +auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in +Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja +mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich +mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer +geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich +beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern +nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem +habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder +weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für +ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten. + +Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu +entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er +mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe +man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der +verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er +öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde +verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen. +Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein +Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der +Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie, +zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen, +Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den +andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren +Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief +ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen +blaß. + +Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es +wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen, +als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere +Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein +auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste +Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm +Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke +auf. + +Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er +maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu +sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte +Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben, +was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium +entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein +geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen. + +Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer +ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein +galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm +nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung +wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers +wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag, +nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war +wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde +mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn +Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen +Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine +Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das +über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen, +alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte +hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über +Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war +ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt; +er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich +und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur +Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas +Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte, +ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis +und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen +und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die +Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit +verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher +Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben +Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das +ewig Lebendige vom Verwesten scheide. + +Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in +sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz +und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn +überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer +darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er +fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte +Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich, +mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben +lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden +Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß: +Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht. + +»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung. +Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die +Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den +Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir +deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk +sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis +abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.« + +»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus +Überzeugung.« + +»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme. + +Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte +Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien +mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges +auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse +er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die +heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der +wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem +sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und +Ich darf, ich der Jäger, du das Wild. + +Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen +vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines +Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte +ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht. +Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er +anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die +Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen. +Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine +Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so +müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles +außer Rand und Band. + +Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf +dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich +eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper +stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen +wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht +vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom +Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm. + +Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit +Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie +allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich +Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle +verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch +in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur +darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte. + +Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn +schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch +hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges +Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach +unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor, +hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg. +Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich +bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald +in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser, +Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von +Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm +zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der +Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle. + +Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu +einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im +Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die +Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß +Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa +eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber +korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad +gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn +ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin +sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein +sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert, +wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß +er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie +seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er +feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine +umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken, +der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann +stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink +lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen, +er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah +Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie +einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der +Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider +Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen, +da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte +sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort. +Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied +singen. + +Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine +schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren +schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über +den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen. +Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums +Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es +hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren, +in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die +Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde +wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so +viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße +auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt. + +Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie +erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und +dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten +sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe +zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus +Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte, +begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und +Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte, +für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch +Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde +bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu +Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie +begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden. + +Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung. +Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in +der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort +eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so +erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den +Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die +sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der +Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen +Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung +heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug +damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde, +mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne +selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf +skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite +zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres +Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb +schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten +Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der +Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne +Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem +Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an +den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war. + +Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen; +jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter +und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal +solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl. +Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte +sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse +Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine +bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als +Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr +abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf, +Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden +fesselten. + +Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht +zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden +Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute +zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und +Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären. +Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen +das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und +Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität, +hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu +handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei +Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und +der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky +stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des +Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der +Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle +sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu +fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag +brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge +bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig +aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen +Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern +gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die +sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei +es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein +unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und +Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen +zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den +schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung +alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer +Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze; +nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein +unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die +Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt; +erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann +wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten. + +Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste +zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in +Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in +ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun +hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die +wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen +Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den +Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da +wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf +der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten +Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem +umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es +war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn +fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel. + +Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend +umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm +man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas +Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner +gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz +erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des +ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf +dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen +Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet, +geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt; +der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er +in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der +Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf; +die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch +seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse +für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian +zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich: +»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.« + +Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise +eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die +bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian +nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu +sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten. + +»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben +habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat +verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben. +Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit +genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch +keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten +Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen +Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem +die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich +ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger +alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die +aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt +über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem +glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten, +gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also +der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie +hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus +zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel, +Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.« + +Und er fuhr fort: + +»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt. +Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand. +Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema +getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja, +wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen, +eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes +Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig +dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen +läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so +unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre +Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in +uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so +viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu +einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise +versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde +der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das +nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich +erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine +Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich +erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer +Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir +steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine +persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für +vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten +muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum +deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und +Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns +alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir +ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen +angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator +halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor +zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert +mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr +könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das +andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben +wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon +was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern? +Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock +schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und +Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen, +das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich, +sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen +habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf +die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt +habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber +gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am +Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes +werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie +wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt, +es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da +ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das +beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem +Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch +zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den +Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich +jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen. +Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr +diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,« +rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende, +»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich. +Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär +es ein Einziger.« + +Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam, +indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du +sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder +nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich. +Dann mußt du mich zu finden wissen.« + +Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm +das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt, +die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute. + + + + +Die zweite Stufe + + +Rottmanns Brief + +Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde +Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen +verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen +Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der +Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor +die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender +Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch +bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt +Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen +Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle +auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider +allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern +nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat, +von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart +und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze +achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute +Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege +abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in +meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich +erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der +Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den +unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von +Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes +Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es +einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte +Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine +Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter +dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um +eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen, +der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem +versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In +besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg, +Domgasse 8. + + +Dorine + +Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von +Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter +nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines +natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum +Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im +Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von +außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der +der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das +Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen. + +Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann +geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche +Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat +war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine +Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren +Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die +gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen +Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede +sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und +Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab +wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel +ein Wort zu verlieren brauchen. + +Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes. +Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem +Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine +ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner +Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man +mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war +Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten +und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften. + +Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft +ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach +vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah +und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner +Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in +der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das +schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war. + +In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische +Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach +Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den +Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen +sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine, +in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen +Dietrichs Erziehung zu vollenden sei. + +Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen, +nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß +sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das +einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener +Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles +das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß +einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem +tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als +Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ +sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente +Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln +eines dauerhaften Gewebes geglichen. + +Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und +Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn +zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm +nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden +sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und +Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben. + +Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine +gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht +hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war +anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war +ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten +leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas +bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete +auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau; +sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast +fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei +Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die +vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können. + +Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre +Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte +sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande +weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten +Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war +Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa +waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre +Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein +kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte +botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und +gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine +Flora. + +Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie +Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr +ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern, +ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den +schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon +machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es +beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln, +hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen. + + +Banger Traum + +Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl +Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es +ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß +zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem +Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer +persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden +Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei +Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein. + +Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von +Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber +seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen. + +Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von +Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem +Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar +vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit +einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien +durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur +zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die +Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien +tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der +verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen +seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem +Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar +gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen +und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das +von den eigenen Leidenschaften diktierte. + +Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes, +Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren +Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte +die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende, +verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen +Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch +über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die +jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen, +Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht +werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum +sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen +bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages +entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt, +in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur +Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so +geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei. + +Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn +die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings +auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und +unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe, +daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen +Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten +solle? + +Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich +selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und +Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff +ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie +sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn. + +»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine +Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes +Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen +war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt +keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit +ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist. + +Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu +retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen +vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils +geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im +ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake. + +Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer +von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte +bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu +begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der +Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame +widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur +Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war, +der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? - Und wie ihm +Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie +genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem +er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher, +Beschöniger? + +Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der +ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch, +eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging; +schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch +von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden +sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas +herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber +geschwebt hatte, schlummernd. + +Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr +zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau! +Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und +nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte, +von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie +schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh. + + +In einem Tropfen Blut + +Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen. + +Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde +ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das +Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln, +was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von +seiner Ankunft benachrichtigt. + +Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider +ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die +eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren +als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm +Sicherheit. + +Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren +gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim +königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde +meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar, +unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus, +teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir, +hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich. + +Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die +Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch +kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm +er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch +eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von +Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von +besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er +hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl +jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der +nämlichen Würde und Ferne. + +Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu +überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In +allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu +beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt, +jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn +verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener. +Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das +Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da +berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf +der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein +Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht +gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende +Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn? + +Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie +hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen +bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine +neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch +zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich +war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren, +sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend, +und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der +Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines +Gesprächs. + +Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die +Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei +Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig +unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie +ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen +und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen +ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte +sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der +Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen, +bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in +unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge +kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte, +durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe. + +Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das +Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter +verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war +kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit +gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab +ein anderes Bild als die Vermutung. + +Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn +aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen +Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden +Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!« + +Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme +über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es? +Erzähle.« + +Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom +hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die +Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man +über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott +sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der +unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen +und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der +Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige +Würde und vertraulichsten Umgang. + +Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder +Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr +galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges +Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte +achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom +Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen +das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so +daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald +gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich +geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen. + +Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer +Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln, +Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer, +williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere +Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen +wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man +ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht +wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm +verfahren. + +Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die +Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht +zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht +vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden +verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem +Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans +Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse +sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in +dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich +da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich +selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts +mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit +großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder +haben, ehrlich vor allem.« + +Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich, +um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe +nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort +sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe +trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel +Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es +nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem +musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es +zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham. + +Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich. +Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines +Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und +schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es +ist spät, ich bin müde.« + +Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie +schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die +Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem +Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und +größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und +durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den +Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide. +Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das +Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt; +es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud, +und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen. + +Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu +Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück, +drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte. + +Sie hörte ihn tief und ruhig atmen. + +Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu +sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten +nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie +schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie +ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder +zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung +nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der +Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne +vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl. + + +Nymphe und Faun + +Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum +Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das +aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache +fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül +waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem +Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder. +Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er +kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen +schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über +die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut +er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach +Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen +und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke, +heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden +Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo +Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den +Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen, +das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut +eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit +demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen +könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin +bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an. + +Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er +wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und +standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah +weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus +Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am +Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden +mußte. + +Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das +Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom +Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot +nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu. +Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume; +schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab, +ins Grenzenlose. + +Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys +und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus +Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden, +noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu +bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und +erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe +er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben +Sinn. + +So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal +der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor +der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die +gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie +erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf +gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen +nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen +die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß +sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie +zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein +richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich +zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie +verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es +hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte +völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und +Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu +viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß +gut sein, antwortete sie sich unbeugsam. + +Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges +Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und +die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen +Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen +Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich +über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden +und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und +was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu +sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde +nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich, +in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur +widerstrebend ab. + +Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem +Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und +mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne +Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken +und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und +erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem +hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war +sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr +offenbar nicht zugetraut. + +Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt +sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur +nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht. +Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale +um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag +unzugänglicher wurde. + +Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich +wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck +jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie +zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die +Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er +zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen +Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab, +alles war Zurückweichen und Flucht. + +Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf +sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines +der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte +Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf, +Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem +Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das +Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke. +Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und +Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins +Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für +sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne, +besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender, +nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom +Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen; +er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit +sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den +die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier. +Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich +mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem +Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie +und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr +Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe +schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen. +Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah +ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem +Boden. + +Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben, +ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem +Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze, +bittere Genugtuung hätte sehen können. + +»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche +Ding.« + + +Sommertag und -abend + +Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch +Dickicht schlug. + +Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf +ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben, +Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie +saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die +Zeichen des Alterns. + +Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie +wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es +sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen, +seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie +machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten, +Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen +nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen, +Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter +irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle +arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und +kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen +aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt +sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines +Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von +feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens, +vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick +und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe +ihn sich errungen. + +In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn +gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen, +Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert, +schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß, +der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge +leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend. +Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen, +der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel +empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und +Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit +binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke +Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines +lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe +ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe +das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und +nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung, +sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was +sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis +sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur +so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele +zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter +Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die +Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die +Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen, +oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem +Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße +und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es +vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den +anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu +often Malen irre. + +Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein +unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage, +Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging +auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal +wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und +erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen, +daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen +Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der +Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten +Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben, +ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die +Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die +Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee +bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen +Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht +schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht +besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich, +so doch dafür sehr egoistisch. + +Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein +Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und +erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln, +Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war +ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie +gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit +scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über +den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel +glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da +sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß. + +Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten, +durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem +Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am +Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer +Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder +folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger +Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich +und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein +leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim +Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge +Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein +hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den +Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz. +Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit +schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen +Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden +war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung +genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war +ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer +erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren +Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den +Kopf getötet. + +Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete, +dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte +Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende +Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes +hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages. +Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das +ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet +hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er +auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch +überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der +breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote +Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist +es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus +Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich +durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen. + +Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die +Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende +Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich +so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar +wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug, +zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in +einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten +Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich +der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der +Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu +machen. + +Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß +ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte +sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen +kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und +als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch +verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich +zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie +sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und +wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht. + +Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer, +Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem +Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie +war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte, +über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß +sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und +ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische +Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder +spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete +sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen. + +Sie las: Lieber einziger Freund. + +Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann +langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der +äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl, +stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten, +wurde bleich und bleicher, las und las: + + +An Lucian + +Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich +und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer +recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und +erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich +diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde. +Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder +nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit +dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern +Menschen als Empfänger und Leser denken. + +Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei +verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine +soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine +Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und +bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je +höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er +es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen. + +Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig. +Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich +erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich +gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte +gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen, +was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu +halten. + +Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber +macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein +Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist +das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber +nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung +etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst +oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres +wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber +schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein +noch aus weiß. + +Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis +zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß +du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat +mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem +Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge +der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von +Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die +Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte +für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates +doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem +Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des +Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine +Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird. + +Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir +gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den +beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem +bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen, +denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine +Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das +dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich +Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So +weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht. + +Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen, +flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort +nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie +mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das +Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie +glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt +das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten +Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und +Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die +Träume. + +Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die +natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie +gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht +geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig +wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft +werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine +besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die +Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der +Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten +liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu +nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen? +frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch +den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar +Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche +Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann +dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt. +Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst, +Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und +Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie +erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je +unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die +Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen. + +Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in +der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf +dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese +Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich +haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift, +das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und +in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist, +da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine +heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein +fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir +eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt +und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich +packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei +Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem +glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare +einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin +selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu +brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das +dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt. + +Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd, +Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich +mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom +Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände +hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian, +die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung, +leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so +in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich +dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das +Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es +einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der +Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick +dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches +in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das +ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele +und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als +ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen, +der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich +sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer +Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte? + +Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau +kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene +Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das +macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut +vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte, +keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der +Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des +Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch +das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in +meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht +verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt +erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder +geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig, +als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von +mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt +schwer, wie du begreifen wirst ... + +An dieser Stelle brach das Schreiben ab. + +Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand +wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu +beschwichtigen waren. + + +Der Haß + +Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem +Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm +zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag +besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.« + +Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von +seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit +einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie +leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er +mit seinen Eltern da?« + +»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine +Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.« + +»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.« + +»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er +erwartet nämlich seine Braut.« + +»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit +dir?« + +»Nein; zwanzig denk ich.« + +»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge +Dame, und wer ist sie?« + +»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal +gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.« + +»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß +Dorine das Gespräch. + +Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie +abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen +Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem +Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd +erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse +Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet. + +Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er +verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken +zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas +lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter +Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst +mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das +blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu +glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die +sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet +Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt +schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit. + +»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren, +»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie +sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.« + +»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich +trocken. + +Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da +kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im +Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette +im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz. +Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du +gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen +wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.« + +»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten. + +»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das +werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein +reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.« + +Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein +bei dir?« + +»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz +unsere private Angelegenheit.« + +»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es +dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen +Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.« + +»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will +ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen +werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht +vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen +Tatbestand auseinandersetzen?« + +»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr +zugetragen. Wir sind Provinzleute.« + +»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson. +#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite. +Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement +gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen +Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die +Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du, +Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern +Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern, +und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir +müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir +aus der Faulheit helfen.« + +Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen +Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem +Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die +Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem +Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu +seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und +abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel +Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den +andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte. + +Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie +Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten +miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider +Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte +Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte, +sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig +aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine +verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag +verdächtiges Zwielicht. + +Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich +selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit +dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte +Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen +mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine +entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn +er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen +vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft +Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von +unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein +Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte +sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich +über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit +nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht, +um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun +wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete +Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich +warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink +kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.« + +Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser +wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf +und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde +mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten +vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre +bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst, +beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei. +»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand, +»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er +sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief +er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«, +murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um. + +Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte +ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte +mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf +setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als +sonst auf seinen Anzug verwendet hatte. + +Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen +kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit +fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an +ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches +Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber +wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring +mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch +sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar +wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug. +Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott +beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in +keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben +Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon +nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch +das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten. +Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so +sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht +nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein +schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die +Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und +dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und +zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des +Unbehagens erweckte. + +Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt +hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal +zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie +ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham +war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so +entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne +Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne +Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde +schweigsamer und schweigsamer. + +Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu +weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe, +ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen +Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten +Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener +wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen +trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich +Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich, +daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser +antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief +wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die +Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte +errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht +verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das +junge Mädchen. + +Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen +Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr +Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den +Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte +ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem +Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine +Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von +Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der +Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die +ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge +Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb +um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt, +die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und +unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren +ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt +schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein +heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert +hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der +Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten. + +Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu +beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden, +überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink +oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für +ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich +nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem +Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er +war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig +uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären? +Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der +Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der +Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie +seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem +menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und +Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war +nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte +verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer +Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so +war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man +sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich +des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein +Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund. + +Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm +täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit +beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war +unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein +und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die +Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die +Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel +verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät +in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder; +sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den +Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller +Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der +beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz. +Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm +selbst. + +Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle +erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als +es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa, +verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink, +wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten. +Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt +dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte +ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit +einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein +unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder +albern nennen, aber er könne sich nicht helfen. + +Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und +mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die +Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian +damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als +ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte +und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas +ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen. + +Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich +und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er +mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem +Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts +dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu +umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen, +wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs +Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu +bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses +Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines +unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein +Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen +mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten. + +So war es mit Fink bestellt. + +Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals +und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. +Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam +gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen +waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte +er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie +taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie +war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten +Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die +Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das +Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum +Gartentor. + +»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem +Achselzucken und folgte ihr. + +In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch +die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene +mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert: +wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich +gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese +seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste +getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden +schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und +Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag. + +Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende +Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm +graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das +Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand +rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die +Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor +der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das +fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften. + +Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum +schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist. + + +Die Lüge + +Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen +Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich +Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes +Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder +hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der +Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der +Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und +Verlust nie schwieg. + +»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder +geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und +folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.« + +Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine +Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt. +Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der +Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den +Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und +gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre +Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine +Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel +aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der +Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man +achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze +des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu +wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch +unbekannt, so doch vorbereitet, wartete. + +Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer +Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme +entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu +untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung +zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück: +die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern +und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins +Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man +gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach +Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für +allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit +einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor +und verlangte Führung und Trost. + +Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis +hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf +mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns, +und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen, +in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem +Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und +meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein. + +Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz. +Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und +Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch +dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische +Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied +es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den +kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er +Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er +schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig +Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas +Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag. + +Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit +Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb +es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum +Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem +unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich +rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken +Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er +sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den +aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem, +den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann. + +Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn +nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute, +sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf. +Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.« + +Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche +nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn, +Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie +ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem +Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine +beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher +Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das +Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium +und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen. + +Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den +großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen +Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem +Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die +Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn +eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und +die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend +mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja +bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es +denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es +aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der +verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er +könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet, +Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm, +vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie +solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so +ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig +hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten. +»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein +Gewitter hängt am Himmel.« + +Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an +der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit. +Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie. + +Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem +Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete +sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind +zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die +Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die +Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten +sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte +die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre +Schulter. + +Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben +hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende +Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es +war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul. +Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte, +ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner +der Dinge, einen liebenden Rater. + +Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil +ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest +gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes +Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher +Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so +dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige +Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber +Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte. + +In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster +schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden +befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu +bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und +im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor, +wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben +ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie +ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in +denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen. +Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche, +schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte, +eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen. +Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer +Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem +zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt +Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den +Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur +für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in +munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während +sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte, +erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte. + +Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den +Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze +Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und +Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste +Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die +allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette +hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot, +der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der +Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche +Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die +fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen, +das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine. + +Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war +seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um, +sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich. + +Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte, +fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen +Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz. + +In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein +Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich +langsam krochen die Stunden. + +Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte +Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust +verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit. + +Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von +anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt, +der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund +vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig +hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir +Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre +das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der +Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem +Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit +einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist +Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich +mit einem Sohn, der lügt! + +Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach +einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah +den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein +Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit +schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte, +schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort. + +Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten +auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er +trat ein. Er verharrte neben der Tür. + +»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen. + +Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und +blickte vor sich hin. + +»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß +keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.« + +Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig, +als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.« + +»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?« + +Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann +hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn +der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der +jetzt vor mir steht, das bist du nicht.« + +Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.« + +Sie zuckte geringschätzig die Achseln. + +Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus +der Person etwas mache?« + +»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit. + +Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie +zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus +der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch +nicht glauben?« + +Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher +Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von +der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines +Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja +noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie +maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber +bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft +finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.« + +Damit verließ sie das Zimmer. + +Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich +in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang. + + +Pygmalion + +Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser +geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon +auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks +willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber +alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die +peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich +friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt. + +Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da +und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht +die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt +beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten, +das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es +dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle +nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie +wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der +Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen. +»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin +und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer +warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin. +Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja +nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu +anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie +sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer +annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide +Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum +verhehlter Pfiffigkeit an. + +»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich +ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in +seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm +etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit +abgesehen. + +Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf +einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über +deine Idee mit dem Pfauenhof.« + +Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und +wie geistlos du bist?« + +Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine +häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich +eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du +dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer +Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir: +was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei +Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß +wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein +Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur +damit man sich danach richten kann.« + +»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei +beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß +jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein +Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil +ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue +und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und +zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und +darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir +selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären, +aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß +ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der +Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich +tun soll.« + +Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in +Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt +und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig. +Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte +dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen +freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab. +Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind +allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem +wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer +Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem +lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie +die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.« + +»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da +bist du auf dem Holzweg.« + +»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich +verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut +geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die +Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den +Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus, +Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng +dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.« + +Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig +Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch +den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas +sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern +bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das +Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte +unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?« + +»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink +verdrossen. + +Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und +Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin, +keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten +schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst +du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?« + +Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht +ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen +Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes +bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider +legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich +zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in +Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in +dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie +den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper +nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor. + +Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer +zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse. + +»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür. + +»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach. + +Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die +Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der +greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten +vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder +umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich +stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel +eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen +umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die +Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt. + +Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil. +»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie +viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter +anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins +Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse +Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene +Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und +gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder +besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich +dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der +Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden +soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die +Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig +ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber +die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen +kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in +deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da +hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht +ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und +es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an +Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...« + +Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es +später zu verstehen suchen. + +Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er +feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn +man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man +dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in +Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche +Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies +ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit? +Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht, +sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir? + +So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete +nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim +Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund +kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier +Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine +Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war +ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie +in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war +banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein +rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins +Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag. + +Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am +Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu +sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat, +lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf +hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig +gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,« +flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in +drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner +Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.« + +Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut +hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die +»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und +bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären +unbequeme Fesseln von ihr genommen. + +Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte +sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder +gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend. + +»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt. + +Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln. + +»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu +einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein +niedriges Bänkchen am Fenster. + +»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor +Schwüle.« + +Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.« + +Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze +Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein +Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen +schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich, +und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden +Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie +umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des +Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen +Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?« +Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und +lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie. + +Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf +sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender +Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge +ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein +war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen, +fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt +erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden, +gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit. + +Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen +zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das +leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle. + +Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf +an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen? + +Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten +Stimme: »Ich werde kommen.« + +»Sicher?« jubelte sie leise. + +»Sicher.« + +Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor, +Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug +stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die +beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene +etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von +den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig +ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der +Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn +ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten +die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend +unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht +recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit +einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich +ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand. + +Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie +legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her. +Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen +Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof +gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien +ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte +Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat +sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das +sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein +Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des +Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte +Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die +Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und +es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten +wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan +handelte. + +Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans +Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und +begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen; +nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem +Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.« + +Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom +Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die +Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr; +es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend +hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun +war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt. + +Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem +sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach +auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.« + +Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das +nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall +nicht gehorchen kann.« + +Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob +sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas +Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«, +wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer, +bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.« + +»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein +Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave +nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür. + +Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur +Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen +Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave +oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht. +Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!« + +Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,« +röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es +geschieht etwas ...« + +»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das +Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah. + +Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne +Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten +sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme, +umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit +entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach +zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur +draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege +hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang +hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben. + +Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger +Kirche. + +Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen +verebben. + +Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang +widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den +schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner +Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie +jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen +Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz +in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das +nicht, daß sie jetzt nicht kommt! + +Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die +Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein +Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge +durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam +nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich +in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben +Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl +von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war +schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld. + +Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr. +Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter +vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen +und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik, +der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln. +Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es. + +Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug +und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine +Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen +schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die +Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung +vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen. + +Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch +Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück +Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man +mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war, +sich mit ihm abzufinden. + +Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer +lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine +Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner +Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich +er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig, +ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte, +ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer, +das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß +leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und +begann unaufhaltsam still zu weinen. + +Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und +dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen +Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle +die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als +er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine +Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt. +Sonst war nichts zu unterscheiden. + +Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die +Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit +seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte; +er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren. +Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen. +Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den +Kopf in ihren Schoß. + +Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem +Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine +beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der +dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich, +über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich +wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein, +so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht +über ihn strömte. + +Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es +herausmeißeln aus dem Traum? + + + + +Die dritte Stufe + + +Begegnung am Ufer + +Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September, +Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit +seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag. + +Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu +lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden; +plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel +stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger +Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen +hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr, +die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern +im nüchtern-alltäglichen Ablauf. + +Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans +Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter +bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich +alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen, +daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie, +rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er, +uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene +Verantwortung führen. + +Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte +ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem +Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig +gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren, +wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für +förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit +gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie +erzogen und errungen war. + +Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu +vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle +und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am +Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum +unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde +nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel +war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug +ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins +Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild +von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt, +erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein +Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern +oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit +Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung: +Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und +nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend, +sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung. + +Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche +Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit. +War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von +ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein +scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr +galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß +sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung +und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer +etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die +empfindsamste und wachsamste, die es gibt. + +So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten +Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen +konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs +Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten +herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt +richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und +Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien, +Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian +verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein +Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt +Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im +einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge +witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und +Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende +Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte. + +Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung, +wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das +Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin +nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der +Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem +Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte +dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im +Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster, +denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll +unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus +Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden +Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in +einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in +ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat +den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig, +»beim ersten Hahnenschrei schon.« + +Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit +Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte, +erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die +mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des +Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war +eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes +Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes +hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden +auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die +Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last. + +An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog, +gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen +schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der +Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum +erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges +Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys +erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der +Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender +Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen +schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede +ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor, +der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung +predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte, +daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das +Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander +abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen +Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich +zerfalle und erstarre. + +Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und +Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht +regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von +hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide +zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es +ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin, +der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In +all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es +einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es +andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle. + +Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt +vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.« + +»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt, +was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er +mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur +und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für +mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.« + +»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer +ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich +frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr +nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank +schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was +wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an +den Tag kommen. Denkt an mich.« + +»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor +nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?« + +»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich +damit sage.« + +Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun +schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen +entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren +es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung, +ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn +oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus +einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem +Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von +dem ein violettes Band auf die Schulter hing. + +Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von +so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und +Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt +stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins +Gesicht starrten. + +Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft +ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn +das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein +einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte +stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn +dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im +nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die +Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern. + +In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten +sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber +Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In +den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor +und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke, +Wunsch und Finsternis des Herzens. + +Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer +Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen +wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige +Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend +der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine +hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune +Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend +und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für +das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm +alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich +trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die +Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein +für allemal Geprägte des Menschenwesens. + +Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter +gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie +ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter +sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er +ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich +entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die +Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und +Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander. + +Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz, +grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum +Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand +und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom +Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig +überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer +Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort; +»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon +erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern, +Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die +alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so +schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,# +genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe +sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu +können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und +Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber +keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch +geworden ist.« + +Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die +Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten. + + +Tragischer Abend + +Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß, +von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel +hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte +Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten +Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der +Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs +Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf +mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte +sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine +wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend. + +Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub, +eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer +Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab, +schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu +verstehen, daß sie ihm schmeckten. + +»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig +zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß. +Aber es ist überflüssig, davon zu reden.« + +Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene +des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche +für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich +heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir +ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so +erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem +Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich +nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen +könne.« + +Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte +betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie +ausdrückten, was er empfand. + +»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter. + +»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu. + +»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man +sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt +oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird, +dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist +euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es +die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen, +etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein +anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?« + +Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder +sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen +Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns +selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die +Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen +untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff +betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer +als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und +durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß +Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus +einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten +umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie +nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend, +undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen. +Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch +nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich +Medium, nämlich Geist unter Geistern.« + +»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir +müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge +und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen +Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu +früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder +das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich +der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum +Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft +und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens +jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er +den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten, +das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus. +Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen +gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran +erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln +und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.« + +»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden. +Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden +Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn +auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit +aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit +glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da +erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war +ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum. + +Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war +nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den +Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben. +Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es +ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht +war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand, +unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust +stand schon vor ihr und verbellte sie. + +Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen +bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige +Frage Georg Mathys' riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete +Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die +ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man +im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern +waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen +Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden +hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand; +mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver, +der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in +der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins +Moos. + +Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm +lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender +Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den +Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die +rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen, +hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich +hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den +Abhang hinunterstürmenden Schritte. + +Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die +regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen, +eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte +aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der +Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft +alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten +unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest +außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen +befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte +die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der +Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn, +wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er. +Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese +ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib +war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war +Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit +abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden, +konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß. + +Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der +Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher +Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht, +dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies: +sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte +gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen, +sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich +gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den +ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt; +Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen. + +Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden +solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht +gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff +von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht +und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der +Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu +besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich +darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort, +die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel +verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die +überlebe es nicht. + +Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung, +sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis +zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich +erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie +sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die +Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter +oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen +solle? + +Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die +verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie, +es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb +sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren. + +Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den +Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der +Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf, +gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter +telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der +Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider +überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei +Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die +Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um. + +Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen, +sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr +düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in +ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie +groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester +gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es +seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich +wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit +wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt +zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er +ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont, +müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans +Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener +Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut. + +Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher +Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den +des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.« +Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim. + +Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause +gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so +gewöhnlich.« + +»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das: +gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost. +Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind +festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist +gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?« + +»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück. + +Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des +Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt +mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie +dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert +fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige +Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie +bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die +Verzweiflung ...« + +»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man +auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die +oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich +ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann +warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine +Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.« +Nichts weiter, aber es war viel. + +Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere +ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys +sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte +sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu +dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die +ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich +aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das +Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die +Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden +Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der +Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch +verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht. + + +Das Unbedingte + +Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich den Eindruck +zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gespräche, Gesichter, Gebärden, +es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse +rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel. +Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht schlaff; es +war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er +bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mächtigen, +unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schöpfte Atem. + +Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in +das Musikzimmer neben dem Vestibül. Leute gingen fortwährend ein und +aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen +sie ehrerbietig zur Seite und einige grüßten stumm. + +Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel +zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete den fremden Gästen sein Haus, +und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen. +Der nahm es dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand seiner +Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Gärtner +hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war +aus der Bewußtlosigkeit noch nicht erwacht. Später weinte sie +ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemüht. + +Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm +angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es +befreite von dem Gefühl, sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß +die Leiche nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden +sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten zu erledigen, +durfte man nicht säumen. Die sommerliche Temperatur ließ das Verbleiben +der Leiche im Haus länger als über die Nacht untunlich erscheinen. Es +mußte der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem +Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt wegen des +Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys und Justus Richter erklärten sich +mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins, +Regierungsrat Westerland, tätig unterstützt; er war an der +Unglücksstätte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil. +Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab +so verkehrte Antworten, daß man schließlich auf seine Mitwirkung +verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr +mit den jungen Leuten weg. + +Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen von Schatten. +Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn +um den Weg nach der Küche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie +eine fehlende Ledertasche; das Gepäck war vom Adlergasthof geholt +worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit +flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt. + +Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes erleuchtet waren, +dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knöchern-harte Stimme +des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand +Rechenschaft verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen +Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein +Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte +sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er +verstand nur diese Worte: »Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen +zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer +Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und +nichts verhüten zu können.« + +Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen, +die er gestern noch nicht gewußt, die heute unter seinem Dache wohnten, +ihm verbunden durch eine Tote. + +Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. Eine Weile +unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn +gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren müde, +warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es +verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Händen umgriff er +das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen +Welt; Leiden durchdrang ihn. + +Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war +versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, aber an der Seitenfront war ein +Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er +befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit +pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den +Raum, in dem die Leiche lag. + +In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau +des Gärtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in +einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte +seltsamerweise der Neufundländer. + +Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt +herab, über die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war. +Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sproßte. Die +Schußwunde war vom Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins +Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das +Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mündete. +Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hieß an der Grenze sein und +Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog, +war jenseits von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die Hände zu +falten und zu beten. + +Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drückte neben +Altgeläufigem und Verständlichem ein Mysterium aus, an das noch kein +Gedanke von ihm gerührt hatte. + +Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er, +und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne +Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn +schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu einem +Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die +gekreuzten Hände an die Brust. + +Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den +Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir. +Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus +dem abermaligen Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter +ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die Tür wieder +zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundländer wehrend, der +mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: »Was hat das Tier? +Ich begreife nicht, was es von mir will.« + +»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; »still, Rust, +Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht. + +Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und +schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weiße Kleid vom Tag, +darüber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke, +mehr als mittelgroße Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas +zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten +machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen +namentlich. + +Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum sehen Sie mich so +an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie, +das spürt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus +begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?« + +In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, mit dem Rücken +gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. »Nichts,« erwiderte er +scheu und fast erschrocken, »es bedeutet nichts Besonderes.« + +»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!« + +»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr +geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig +gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; für mich ist +es viel. Um halb sechs Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist. +Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber +seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was Leben ist. Und seit +fünf Stunden weiß ich, was Tod ist.« + +Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen +Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlächeln. + +Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte +lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster +Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie mit einem Ausdruck düsterer +Betroffenheit: »So also. Das also.« + +Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände über den Knien +und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses +Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lösen. + +Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er +glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere, +und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er hätte nicht zu sagen +vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es +schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden +mußte, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen, +unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es +wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war +beseelt und wieder leer; voll Maß und Stille, dann wieder quälend +bewegt. + +Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz +gehalten, sondern über dem Nacken in einen reichen Knoten gefaßt, über +Schläfen und Ohren in natürlichen Wellen fließend. Das Seltenste, +graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick +war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang +geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer +harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen +Charakter, so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe +schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und +Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich +sammelte; auch enthüllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen +Empfindungen und Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war +oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich spürte es; +es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr. + +Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und +durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen +nicht zu herrschen pflegt: »Warum hat sie es getan?« + +Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte, +wiederholte er im nämlichen fallenden Rhythmus: »Warum hat sie es +getan?« + +»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie mich nicht.« + +»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich leise. +»Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen es wissen. Sie müssen es +sagen.« + +Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden läßt,« stieß sie +verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls flüsternd, als dürften die +Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, »niemand hat das Recht, +mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es +dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis +wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, bloß +weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?« + +»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. »Wozu Hohn und +Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht würdig, +so muß ichs zu begreifen suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie +mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens die +Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloßer Zufall, +daß ich vor Ihnen stehe und daß Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen +Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir, +einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen Sie mir also +das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben +kann.« + +Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung in ihrem +Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte sie, »wie furchtbar ...« Und wie +zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an. + +»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte er kaum +vernehmlich. + +Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... dieses +Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür ... auch sie hatte +es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn +ich natürlich; wir haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ... +Sie müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen miteinander +sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen +jetzt ...« + +Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile +loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, dort hielt sie inne und horchte. +Auch Dietrich hörte ein Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über +Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still. + +Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine +Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie stärker verband als +die gewechselten Worte. + + +Warnende Stimme + +Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt. +Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten +sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte. +Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem +Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war +bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit +verschwunden. + +Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald +hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er +sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe +hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen +zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf, +blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt, +und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt +getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann +aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht +empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut +über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens +gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche +Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer +hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß +ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und +knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen +gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen +verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken +oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer +Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen. + +Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er +dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals +die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das +Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem +Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem +Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in +der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es +habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen +Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen +Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben. + +Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so +wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf +den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte +ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn +ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes +Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah +hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und +bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen. + +Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen. +Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die +nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in +der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als +Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt. +Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das +Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre +zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen +wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen +kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte +ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung +erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine +Sekunde lang auf seine Schulter. + +Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von +seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie +habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da +zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu +zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn +man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert, +daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß +er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen. + +»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf +beschwörend. + +Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus +behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen, +wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.« + +»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf. + +Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns +nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen, +fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So +sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie +verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren +es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein +Freund ist. + +Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich +möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich +möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt +und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig +sein und sich demütigen. + +So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den +Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und +Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte, +angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn +die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu +verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte +sie den Überlieferungen ihrer Kaste. + +Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich +vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung. + +Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu +Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene +Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung. +Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde +Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig +geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt, +und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen. + +Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte +ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg +erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord +Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort +berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie +dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so +daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche +Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall. + +Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt +nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag +habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt, +deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den +Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem +Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur. +Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre +Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff; +Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter +Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu +ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu +Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor +Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich +Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte, +andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer +häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen, +und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren +lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in +seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als +Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu +ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie +die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben +müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen +schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte. + +Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht +wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes +Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen; +jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an; +wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben. + +Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er +wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester +verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien, +während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen +worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten +die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie +einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede +stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege. + +Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube +es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei +glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das +Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und +Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht, +keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine +Schlechtigkeit. + +»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den +Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder +weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns +darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der +bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du +eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz +abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem +Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen +unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei +zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst +es schon erfahren.« + +»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht +mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du +in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich +glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders. +Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem +Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch, +denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr +dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift? +Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich +nicht.« + +Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys +bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche +Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus +Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt +fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte, +daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das +er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten +lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und +sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf +beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche +er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm +sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das +Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück, +und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit +verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die +ihm häßlich vorkamen wie Fratzen. + +Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen +der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die +Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne +zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit +abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste, +der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er +nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof +seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort +die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel +sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé +stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht +ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte +er lachend. + +Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten +nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber +ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden +haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu +binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt +verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich +spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich; +ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß +ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt +deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine +tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen. +Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu +bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich +da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es +ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und +außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf +deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich +da.« + +Dietrich nickte, bewegt und verwundert. + + +Was vermag denn ein Mensch? + +Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von +einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er +vernahm es hochaufhorchend. + +Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder +andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe +sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es +beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie +sich, ihm etwas daraus zu zeigen. + +Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was +Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen. + +Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es +handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu +sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in +den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr +ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit, +selbst die grausamste, beruhige. + +Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem +unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner +spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so +überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er +fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne +Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu +verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie +auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein +Recht zu haben. + +»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie +hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr +sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein +aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen, +dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei. + +Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick +auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß +das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten +Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und +Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie +Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine +ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern, +wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade +aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die +Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe. + +So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich +Dietrich naiv. + +»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem +alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und +Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine +von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut, +die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder +wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr +Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig, +hilflos ...« + +Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des +Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun +wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand +zu bieten. + +Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am +Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte +sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause +gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und +gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch +nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs +überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm +Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu +Cäcilie gedrungen sei. + +Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein. +»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der +Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in +Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an +Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten, +vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher +Befugnis? + +»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er. + +»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.« + +»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?« + +»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es +besagen?« + +»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ... +haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!« + +Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht +anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es +auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie +sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert +es für Sie?« + +Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen. +Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen. +Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.« + +Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes +Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge +Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen. +Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend +bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben +gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee. + +Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von +Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu +erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt +sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von +seinem Betragen denken solle? + +Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den +Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen +Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte +auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden +entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe +abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem +hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis +entstanden. + +Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die +eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune +der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn +ergriff. + +Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von +dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt, +die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die +Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es +zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit. + +Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See +zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer +mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch +wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete. + +»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander, +als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es +läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und +Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die +schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern +bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan +und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und +jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist +falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der +Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie +gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und +meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die +gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben +gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche +nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die +Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein +anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer +die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war +umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das +Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe +und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o +nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes +Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es +ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel +hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig. +Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht. +Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine +Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die +Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas +Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten +oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im +Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von +ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den +zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.« + +Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte +hauchend: »Und Ihr Vater?« + +»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er +fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend +war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei +Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit. +Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer +Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie. +Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie +und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir +mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem +Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter +wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem +Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch +gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge, +Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater +auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem +Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur +fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule, +ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen; +vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich +fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu +diese Verstellung erst und dann die Freude?« + +»Seltsam«, flüsterte Dietrich. + +»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat +keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau +ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über +schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt +hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist +er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden. +Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt. +Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm +Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es +geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in +dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die +Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter. +Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem +traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen +und nichts anderes sonst?« - + +»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem +Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ... +verzeihen Sie ...« + +»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen. +Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen, +ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für +Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir +dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit +schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür, +daß ich nicht mehr bin - ?« + +»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich +Ihnen sein, was ein Mensch vermag.« + +»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das: +alles - ?« + +Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das +bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die +Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.« + +»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie +wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von +mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.« + +Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie +duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar. +Sie lächelte rätselhaft dabei. + + +Bildnisse Cäcilies + +Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des +öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem +er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors +eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu +reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte +Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte +sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der +Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre +alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten +Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie +wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war +eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was +Grandioses.« + +Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus +beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen. +Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und +böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich +nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht +Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder +Hinab, und wisse um kein Ziel. + +Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene +Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und +gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde +Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie +eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster +Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick. +Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller +Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei +sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein +gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen, +seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in +ihm; eine leichte süße musikalische Spannung. + +Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe +gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das +Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter +sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in +Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in +beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige +Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr +und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau +Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja +vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt +habe, oben im Kestnerschen Haus. + +Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur +begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn +man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß +die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage +dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie +bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben. +Daß du dort hausen sollst!« + +Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an. +Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu +Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen +wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er +ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die +Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da +und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein +behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit +Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im +Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun +verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar, +drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der +Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne. + +Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß +seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen +sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei +Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all +das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war +beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie +plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak +sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch +hatte man nur wenige Minuten zu gehen. + +Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so +unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß +man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze +Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es +noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem +im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,« +sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute +Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich +wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden, +daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle +mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er +lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun +glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen. + +Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer +der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm +vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch. +Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an +ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er +wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich +an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen +Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der +redete. + +Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf +Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht +betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine +Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte +Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie +flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists +Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so, +in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit +ihr.« + +»Mit ihr? mit ...?« + +»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen +auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch +gemerkt; sie war ganz verstört.« + +»Und was will er damit?« + +»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die +Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der +einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist +unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein, +plötzlich packt er einen, und man ist verloren.« + +»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?« + +»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors +Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine +Opfer.« + +Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er +empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu +bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an +sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in +Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie +habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe +verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich. + +In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen +Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu +ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das +Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten, +Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in +Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf +ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der +Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt +zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder! +erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn +versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer +Wust von Sinnlosigkeit. + +Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese +eine Nacht, sondern in vielen Nächten. + +Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna +vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung. +»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was +drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe +Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu +verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser +Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?« +fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst +du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht +mich mürb, es macht mich krank.« + +Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft +und bittend. + +Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat, +legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie +zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er +inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende +Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die +ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war, +weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden +Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht +Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der +subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom +Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und +Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache +bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein +erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und +von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis +glüht ihnen ein Gnadenlicht auf. + +Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies +Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von +Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es +war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt. +Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe, +für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie +gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob +sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie +oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme +gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich +gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere +Worte und Wendungen gebraucht habe und welche. + +Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch, +ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie +einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche, +kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das +gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über +ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie +immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen; +stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor +Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens +würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die +Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie +selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen +Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am +einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre +innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht. +Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten +Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen +auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle +Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren +Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen, +weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie +täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und +Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr +Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit +erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte. + +Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen, +erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man +sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch, +sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie +wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr +auch gelungen. + +Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden +genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und +man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch +dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier +scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber +sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei +ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund. + +Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten +Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger +Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf +in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt +um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und +fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies +verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie +wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an +Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein +großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der +Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur +weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk +und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ +der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer +illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein +rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja +bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt +hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle +sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten +Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie +müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde +ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter +seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die +Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt. +Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe +keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und +zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu +haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung +verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor +Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von +Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die +Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde +verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört. + +Dietrich lauschte, lauschte. + +Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar. +Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft, +Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in +allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es +ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich +halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um +dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen +stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst +du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige +Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du +nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und +einem Schemen, dann sollst dus büßen. + +Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer +ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine +Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort +siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir. + +Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede +Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer +Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen +Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er +geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte +den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür +hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick +ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die +herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie +gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier +abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch +setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte +ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das +Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht, +kostbar und wichtig. + +Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies +mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte +Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem +fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus +den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die +Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen +hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im +Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein +kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und +Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt +derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit +musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling; +der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er +sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme +nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu +finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige +er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich +bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen. + +Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte +empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild +angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er; +»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn +zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas +Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie +hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie +hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm +grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem +Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern +ist.« + +Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete +sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube, +was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?« + +»Du? du bist ...« + +»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf +seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig +nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des +Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert +haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs +zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an +Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein +Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein. + +»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für +Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide +geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten. +Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem +Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat +standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie +gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein +Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem +Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit +dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im +Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du +schweigst? Du siehst mich an?« + +Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt. +Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften +Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß +sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er +erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den +sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres. + + +Verdacht + +Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die ihm das +Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel +auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert +Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten +Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. Es ist dies +innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglück, das die +angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine +Schwester des Selbstmörders in der Anstalt des Professors Landgraf +unheilbarem Wahnsinn verfallen ist. + +Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die Worte an. Er +ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden +Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschöpfte sich in der +Einbildung von Gesprächen und Situationen. Mit Hanna war er erst für den +Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend +angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen, +als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die +den Tod Hubert Gottliebens meldete. + +»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich habs auch heut +morgen erst gelesen.« + +»Und hast vorher nicht darum gewußt?« + +»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb fragst du?« + +»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?« + +»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß man mich verhört,« +erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich sagen will, sag ich, was ich +verschweigen will, verschweig ich.« + +»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen +hast seit jenem letzten Nachmittag am See?« + +Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. Ich hab ihn +seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, daß +er seinem Leben ein Ende machen will.« + +»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem +schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts +erfahren?« + +Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, schloß die Augen +und fing nach einer Weile zu sprechen an: »Er kam am zweiten Tag nach +dem Begräbnis bei Nacht aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich +aus dem Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr +nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so +verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu +beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich. +Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum? +Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und stöhnte: +warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt ichs nur nicht mehr hören. +Auf einmal sprang er auf und stürzte fort, war spurlos in der Finsternis +verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem +Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei Wochen später. +Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden +gekommen; Cäcilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich +werde dir gleich erzählen, was für ein Wort das war; er könne den Tag +nicht mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel mehr, +er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mußt du +wissen, was vorher gewesen war.« + +Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete groß die Augen +und fuhr fort: »Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil +die Gerüchte über seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm +gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben. +Bettines Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand +Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit über den +Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein öffentlicher Skandal die Folge +wäre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem +Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester +schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte ihn mein +Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein +Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat +er ja eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige +und edeldenkende Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung bat. +Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater, +er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch +bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren +Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden +linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war, +kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen +Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater +hatte plötzlich erklärt, ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie +aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei +Neckargemünd. Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, war Bettine +weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt +nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die +Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt +Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel bleiben, ich empfange +ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die +Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein +Glück. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst, +muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir sprechen. +Ein trübes Kapitel.« + +Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über das Gesicht. +Dietrich war näher zu ihr herangerückt und klammerte sich mit den Augen +förmlich an ihr fest. Sie begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte +sie der Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die +Verbindungswege; er hat es später bereut; die Freundschaft, die sich +zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht +voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in besonderer Weise an. +Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt +viele solche junge Wesen. Die eine Hälfte von ihr war durch und durch +verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden +Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die +andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war +ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer +prüden, bigotten Erzieherin, gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das +Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir +eröffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich +preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, und es waren +oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht +länger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater +vorging. Sie war völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne +moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu allem. +Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie betete Cäcilie an; ihr +Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie +sich hinwarf, um Cäcilies Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht, +der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten, +bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten +Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte beständig Angst um +sie, beständig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie körperlich +auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da +drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie an +ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu +nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete +sie sich mit versträhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu +fürchten; am dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging, +ich überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin +auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand +auf, holte Wäsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nähen an. +Es scheint, daß Cäcilies Gegenwart in ihr das Gelüst nach +Selbstpeinigung erweckt und bestärkt hat.« + +Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Müdigkeit war +in ihren Zügen. + +»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte Dietrich flüsternd. + +»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das +Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat +mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein +Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache +natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche +Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge +sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die +Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur +Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in +seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich +erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines +Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich +fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach +Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu +der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre +Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten +will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt, +darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend. +Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle +stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen, +aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins. +Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt +mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich +fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht +morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun +abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ, +daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert +Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich +mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll +Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und +Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die +Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem +so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit +hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich +aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging. +Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem +Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei, +und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil +sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will, +tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit +welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und +Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er +mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt, +abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben. +Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine +Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der +Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger +und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich +gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das +hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir +sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es +zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken. +Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr +Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte, +und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts +Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft +beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam, +und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er +immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal, +denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht +sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie +die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von +Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte +September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern +Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß +und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft +suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die +ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte +hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte +mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert; +bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den +Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die +Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für +den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung +bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese +Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang +brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings +mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle, +daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie +richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit +allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich +nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe +gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte, +ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe, +daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete +unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...« + +Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte +Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang +hinunterrollt.« + +»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte +mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es +hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich +wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben. +Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür +noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?« + +»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms +dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.« + +Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf +die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie. + +In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn +unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit +seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er +dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines +geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein +alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er +die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute, +sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein +Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt +war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an +die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine; +nur eine nimm und vergiß die andere nicht ... + +Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine +Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und +unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die +Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und +sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf. +»Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder: +»Hanna.« + +Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im +aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu +gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo +sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und +empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte, +Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich, +diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus, +schlagen einen Ton an, - man schämt sich krank.« + +Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke +oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte +er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter, +so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit +anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.« + +Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm, +als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte +noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen. +Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an +dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen. + +Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte +sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit +einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch +seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den +Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie +langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen +bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver +hergegeben hat?« + +»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf. + +»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.« + +»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...« + +»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.« + +Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den +Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er +fast. + +»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau +Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es +seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die +Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im +Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn +Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie +fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen +neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der +Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich +genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber +gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich +natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich +daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen +davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme +Kind unter dem Gedanken leidet.« + +»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist +möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie +hat viele Tiefen.« + +Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom +Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum +Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite +nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft +zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das +Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit +Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher, +und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es +ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem +Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer +auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem +Beil ...« + +Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder +wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich, +die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht +gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so +beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging +und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden +Gesichte. + +Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse, +wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas +studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war, +wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich, +»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.« + +Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos +vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände +auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich +auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet +leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich +dich nur offen aus. Was denkst du?« + +Aber Dietrich schwieg. + +Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte +er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich +einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor. + +Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig +hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen +für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an. + + +Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen + +Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer +Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß +gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo +alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich +nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf +die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von +seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu +antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch, +aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen +Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so +Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr +Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in +die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl +für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich +des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem +Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu +viele Ungewißheit bedränge ihn. + +Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie +sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht +Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge +zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres +Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen +habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe, +müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung +für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und +nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle +sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer +plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen; +zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den +Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten +gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der +betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft. +Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter +gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen. +Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede +gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole +Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es +herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein +Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte +Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und +fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu +greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu +suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens +und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit +meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich, +Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten +Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst +die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist +mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell, +möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage +vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin +ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich, +Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.« + +Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus +seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er +dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß +sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner. +Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem +Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das +lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre +Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart +wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im +Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem +Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie +Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob +etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders +haben wolle, als er sei? + +Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du +nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns +wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem +Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die +Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles. +Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen? +Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses +sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit +deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre, +sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die +zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich +habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich +werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft +wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer +sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an +dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz, +denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der +Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon +gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das +sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf +dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so +sollst du mich in deinem Sinn bewahren.« + +War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck +erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur +Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind +nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem +Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse +aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den +Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und +als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht. +Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den +Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe +kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar +Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt +gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er +zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian +befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem +Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner +Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und +einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er +gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen, +aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das +ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht +müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet, +gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet +und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich +begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists +Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt +mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie, +so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du +bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und +sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles +Geredete wird Lüge.« + +So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das +aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna +beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und +freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich +geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er +schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm, +was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das +Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder +Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war +neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis, +Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze +Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt +verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer +Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend +gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in +rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung. + +Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht +angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich +auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich +hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen, +das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes +Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in +die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er +sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen +Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse +sie wieder zu ihm. + +Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume +gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt. + +Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand, +die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme +redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch +welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne +sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er +den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über +ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die +Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war +nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses, +nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie +gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas +wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase, +aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine +Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen +geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu +rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen. +Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm +nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich +ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem +Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er +sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt, +wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja +da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch +auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut; +sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich +seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer +Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus +dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß, +dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf +ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr +aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben +selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen, +Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden +Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat, +so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der +Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf +welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm, +unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war, +der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in +verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn. +Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem +furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor. + +Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es +ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog. +Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich, +ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten +Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der +Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der +Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte +Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben +gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm +die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn +traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er +wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen +mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn +auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch +als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick +durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er +von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun +Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von +diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in +das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er +absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf. + +Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer +aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im +letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie. + + +Die Schläferin + +Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein +Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden, +die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel. +Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken +war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm +die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten +sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er +ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ +die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was +die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das +Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen +Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen +lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in +ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt +mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an +der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und +wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn, +nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis +zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm +sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu +machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende +des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken? +Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes +Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit. + +Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen, +wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines +Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor +Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der +Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade +von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden +die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner +Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit +der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es +bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die +unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis +und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das +Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge +im psychischen Leben. + +Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre +Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr +oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen, +die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig +in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen +sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der +schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in +verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie +im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der +Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im +sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser +und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und +Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade +nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen. +Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in +der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier +scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle +vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht +mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist +ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die +schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge +Wissenschaft heute zu lösen habe. + +Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte +sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an +mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von +achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich +sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich +weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir +lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu, +daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube? +Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen +braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen +straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse, +was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt +voller falscher Boten? + +Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum +Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich +hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen +in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt +aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille +versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer +Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen +Herr werden konnte. + +Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich +gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor +Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das +Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen +gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als +Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht +abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre +Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von +Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten, +andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge +stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde +Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach +Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem +disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe. + +Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken, +daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen, +aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier +enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um +es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie +sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald +aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle +er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er +sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische +darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch +auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast +sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte +er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat, +ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich: +»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich +zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf +geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe. +Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich +lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?« + +Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl; +ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren +Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen +Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel +an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es +ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern +auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein +Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den +Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele +unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine +Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und +einer verhilft dem andern zum Frieden.« + +Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht +mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln, +wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er +mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da +spür ich mich doch unzerstückt und ganz.« + +In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um +Widerspruch verlegen. + +Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über +Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die +alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl; +in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte, +ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht +Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen; +Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer +auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen +wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander +bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es +ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen +wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach +dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern +Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die +Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und +schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette +jemand liegen. Es war Hanna. + +Sie schlief. + +Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des +Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören +können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre +Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur +Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals, +in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte +Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze +Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die +eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was +Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang +und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit +war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle +häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die +schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur +einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich, +sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das +Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin. + +Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie +erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte +gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den +Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen. +Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche +Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus +Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm +verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt +er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch +zweifelnd, sah er die Schlafende an. + +Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne +Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile +gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich +nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.« +Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast, +von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich +weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie +Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es +wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn +zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt, +halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie +bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus +nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör +mich an.« + + +Beichte + +Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der +Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte +zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf +der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war +ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht +gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen. + +Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom +Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem +Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann +nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist. +Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie +nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens +war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn +heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit, +da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß +also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte +sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal +bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf +dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie +sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit +tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm +sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser, +er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie +es mit mir steht. + +Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie +es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja +geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in +mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit +einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines +Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn. +Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend +als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue +Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen +vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand +dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes +schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede +starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall +aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich +für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding, +das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche +genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres +Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es +Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das +Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe +reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar +nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit; +Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie +kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste +Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort +aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und +abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf +ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu +prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon +das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein +kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte +Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst +das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch +aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein +Krüppel.« + +Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß +sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein +Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls. +»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon +ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die +Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich +gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten, +wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes +Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg +einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist +Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der +schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir +noch einmal deine Hand.« + +Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein +ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei +Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen, +wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht, +empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über +allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm +war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er +verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen +hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer +und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte +sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man +sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm +bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und +anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel +auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er +gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien +sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an +wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor +zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr +bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher +und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus, +in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften +Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es +nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen; +unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und +was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg, +schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs +zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die +Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf +erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer +wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis +zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch +unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich +sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere +Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf +ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes +Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn +bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen, +gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner +Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre +alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur +weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde. +Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm; +er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen +Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich +bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch +nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden +ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war +ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete +Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben, +und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten +gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben +von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich +die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte, +sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der +Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten +Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und +Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung +und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie +sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen; +Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein +unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die +Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem +fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht +versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen +Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das +nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists +zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein, +nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem +zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot +geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich +emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war +er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich +keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu +viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische +Geheimnis verraten.« + +Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie +weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu +machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und +Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein +ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel +Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden. +Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war, +mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines +Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein +Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch +und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich +konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr. +Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis +verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei +ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war? +So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein +Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo +ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie. +Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle. +Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu +denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte +sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen +wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie +durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist +ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren +in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von +Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein +Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung, +Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der +Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten, +die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er +wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits +vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten +auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin, +mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß +ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf +der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein +Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn +geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und +halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein +Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht +aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er +kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte +und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein +Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann. +Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie. +Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt +ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann +mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich +fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen, +das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte +Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur +nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich +auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel +sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne +wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig. +Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe +gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.« + +Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen. +Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er +setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten +Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager +zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte +die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann. + +Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her +gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem +weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes, +seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als +ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie +gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des +donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es +hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des +Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos. +Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum +zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag +dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die +andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm. +Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der +aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben +zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der +du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund! +Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch +einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren. + +Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt +ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte +sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und +kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der +Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen; +mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung. + +Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam +an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und +schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit +geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab, +berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann +schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen +war es schon Tag. + + +»Ich komme« + +Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer +und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde +geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem +Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich +telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein. + +Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt +berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von +Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne +wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief +günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden. +In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im +Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen. + +Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit +erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende +Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre +Hand auf seine. + +Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer +Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt. +Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher +stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war +entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen +herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene +keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu +verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch +Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der +Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener +das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte +da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer. + +So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne +Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem +Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später +Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch +Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und +Geistesrecht in sich selber. + +Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte +es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester +erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die +Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon +weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von +Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war, +mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für +ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten. + +Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich +nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem +sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte +Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit +ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai +kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein +heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er +ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys +allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle +zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als +Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys +riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die +Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu +fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an +Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene +delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu +besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich. + +Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte +die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche +später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei +Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr +das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein, +versprach Georg Mathys Dorine. + +Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde +ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die +Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof, +weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein +Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach +einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von +Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die +Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie +zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr +an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin +bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen +mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten. + +Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß, +streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf +Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme +aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest. +Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte +er nicht. + +Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung +war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich +schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender +verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei +köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter +drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers +aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen +gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs +Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal +bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die +Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute. + +Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem +festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der, +ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es +war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über +ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte +für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau; +während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und +lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf +den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das +blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen, +jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer +zurück. Da stand Lucian vor ihm. + +»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns +zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft +gedacht? Bist du noch, der du warst?« + +Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die +Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn. +Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein, +der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er. + +Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja +nicht ...« + +Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen +nötig ist, weiß ich.« + +Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu +erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe +schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.« + +»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte +Lucian stirnrunzelnd. + +»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit +einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo +alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich +dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch +nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?« + +»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du +hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider +gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben +noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine +Seele verkauft.« + +Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg. + +»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian +fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der +trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz, +was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische +Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft, +daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem +Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle +fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt, +Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem +Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten. +Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der +geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den +ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit +abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.« + +»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und +schaute Lucian groß an. + +»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort, +»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und +enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem +vollen Umfang zu begreifen.« + +»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn +du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du +meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht +unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht +ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein +heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt +ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber +laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du +siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir +stehe.« + +Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das +Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah +Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete +er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat +seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst +du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt, +entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu +verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt +unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an, +fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und +erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich +sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein +Mensch ist nicht mehr da.« + +Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist +sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum +nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er +gibt mir Steine. + +Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus. +Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er +trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit +brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die +vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei +spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein +wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg +Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine +Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere +in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf +erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!« + +Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er +antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und +rief zurück: »Ich komme.« + + + + +Sturreganz + + +Meiner Tochter Eva Agathe + + +Die Bedrängnis + +Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen +Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der +nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber +immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr +übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles +jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine +freundliche Stunde mehr beschieden war. + +Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und +Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des +Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer +Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der +ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle +Hyppolite Clairon. + +Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen +siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe +vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das +Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte +Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und +alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue +Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu +beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant +raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und +Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit +ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und +Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein +Bethaus um Mitternacht. + +Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen, +einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten +Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats +und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum +gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der +irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in +Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu +sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine +Steuern entrichte. + +Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher +vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte +abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger. +Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem +Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende +Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei +Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist, +ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier +Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und +siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder +hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht +bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich +verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit. + +Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig +Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und +fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant +vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein +Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten, +Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu +schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge, +hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern +Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich +erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der +Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und +politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am +Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte, +die im Dunkeln schliefen. + +Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und +Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister, +Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren, +Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an +exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches +Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an +Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine +Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner +die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen +ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum +eine menschliche Behausung im Lande. + +Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein +Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell +forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu +jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung, +Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen. +Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und +Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin. +Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren +hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still. +Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von +Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte +Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister +wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen. +Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im +Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die +markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über +geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige +besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen +Fenstergittern huschen. + +Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer, +dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre +Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von +Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und +hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in +seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan +unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen +und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls. +Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der +obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die +aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half. + +Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben. +Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen +der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der +Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und +Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen, +das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den +Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den +Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend +und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich +schon ekelnd sein Mund. + +Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten +Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen. +Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten. +Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht +zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter! + + +Was zur Abhilfe geschah + +Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto +eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens +war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das +Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages +mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen +verschwand. + +Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen +zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des +dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen +wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine +Maus im Magen eines Mastodonts. + +Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß +Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend +Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im +Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen. + +Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur +Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man +doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch +in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden +Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im +Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta, +entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser +Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle +Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter +Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den +berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen. + +Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen +davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen +Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige +Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung, +Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum +nächsten Galadiner übergangen. + +Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf, +Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich +großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem +markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates +zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel +erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra, +Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady, +konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister +wurde für sechs Monate vom Hof verbannt. + +Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben. +Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das +Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die +Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden +Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr +Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle +einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über +das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die +blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung, +daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die +Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher +Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte. + +In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter. + +Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich. +Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt +gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch +hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das +Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung +als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen +Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann +man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er +war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von +unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren +ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm +der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen +Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten +Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine +Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene +Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich +die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen +wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere +Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner +Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die +bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen, +und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer +anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende +vorzuziehen sei. + +Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden, +und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer +Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten +allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen +Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land, +Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu +genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine +Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien +unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche, +Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an +dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich +ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je +geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in +aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das +gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei +dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche +Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis +sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero +unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem +Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des +Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach +Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es +Geldverlegenheiten geben sollte.« + +Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen +an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie +hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu +besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches +Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche +keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh. +Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf +das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und +philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die +Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war +es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack +die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte? + +Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit +ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den +verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener +Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen +Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes +triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager +gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das +nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und +zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des +Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft +nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen. + +Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel +widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es, +wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen +Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am +zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem +Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu +grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen +Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die +Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört +wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und +unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die +Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr +von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr +von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern +belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber +hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine +Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es +den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu +schalten. + +Die Jasager verbeugten sich tief. + +Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die +Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung +man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige +Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge +vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und +mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf: +beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder +solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk, +Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und +Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge +Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz +aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die +Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die +Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten, +wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und +stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten +Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren +Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen, +halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter +Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch +gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte. +Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen, +sie waren wie vom Erdboden verschluckt. + +Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die +Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den +Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn +Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere +Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des +Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer. +Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum +Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber +mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten +erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim +erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen. +Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf +den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter. + +Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die +meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf. +Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal +hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und +dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder +Piquet. + +Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen +stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche +Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den +Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur +Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches +Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse +sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das +langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war, +Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so +selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das +einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als +ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil +künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten +immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der +Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten +Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie +bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung +auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen. + +Die Jasager lächelten entzückt. + + +Episode + +Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube, +ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar +geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden +oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im +kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung +gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit +Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil +er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die +bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen +lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte +er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung +nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in +der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen +Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur +Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die +Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie +ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider +unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet +war. + +Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter +als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof +zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie +häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des +Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum +Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der +Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde +dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht +gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte +das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die +Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten. +Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein +Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und +die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge +hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie +die Gedanken darüber nicht heiterer machte. + +Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge +eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter +verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus, +und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn +er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig, +und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle +#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit +Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte +den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine +Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der +Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel +auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter +sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die +zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir +schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem +gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists +unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm +die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und +glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch +war die schwere Stunde ihres Leibes nah. + +In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in +die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen +waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes +Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund, +und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe +nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das +setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war +leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die +Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust +haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch +gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der +Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an +zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die +Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in +den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft, +deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr +Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die +führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte +abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf +ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist +wenigstens mal ein Lustiger.« + +Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden, +hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der +jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei +Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres +Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte +nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein +kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen, +blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei +seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen +Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit +Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm +geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete +er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe, +und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen +Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine +Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle +Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß +man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux# +beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert +würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem +Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu. + +Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer +höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit +verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend +verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei. + +Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der +Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem +Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon +der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten. +Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor. +Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf +Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und +Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten +und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten +Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit +strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche +Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut +waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt +wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit +geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den +Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den +entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem +Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde, +daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und +sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom. +Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so +war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein +Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen. + +Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten. +Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen +Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde +geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn +das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen. +Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen +werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang +des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block +verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben +würde. + +Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen, +kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die +Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die +Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne +heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche +Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der +andern im Auge hat. + +Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf +sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die +Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht +lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie +entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des +Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm +umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle +er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt +nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er +grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.« + +Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter +ergab, war auch nicht erfreulich. + + +Chronica + +Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der +Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines +übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe +Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er +ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen +Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen +gemäße Glückszustand inkarniert habe. + +Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte +nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er +hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem +Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms +und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe +Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf +Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst +und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune. + +Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei, +heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er +dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er +im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann +er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte +er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf +eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein +Stallbursch die Krätze bekam. + +Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den +angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich +hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld +schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die +kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit +ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die +Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und +verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und +schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase, +so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen +für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln. +Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden +Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden +Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile +halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz. +Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle +den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen. + +Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte +von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord +Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das +ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre +plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht. +Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie +in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig +das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet +werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in +diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen +worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn, +worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres +Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche +wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte +die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von +Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit +Stöcken an eine morsche Tür trommelt. + +Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen +büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email +der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin +von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte +einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen +in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark +geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die +man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld, +Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang, +zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind. +Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde +immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all +dem immer übellauniger. + +Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie +lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen +Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in +denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf +einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden; +sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von +Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig +um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens; +Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln +Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter, +Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind +geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr +versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei. + +Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu +entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre +Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu +lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller +Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da +hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den +Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der +beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins +Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die +das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und +ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und +Totentanz. + +Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater +Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches +Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm; +der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel, +und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten, +stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum, +brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich +schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen. + +Lady Craven kicherte. + +Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden +in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England +überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der +Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die +Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier, +falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und +sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und +als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte +unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum, +der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter +hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg +den Kopf abhackte. + +Die Lady schauderte. + +Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch +schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre +Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten +versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge +Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die +Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit +Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war +bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte +er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des +schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im +Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die +Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der +Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die +unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr +ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft. + +Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der +hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung +und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das +Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob +es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes +Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann +knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die +Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken +sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde; +doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete +griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe +entgegennahm. + +Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte +leise vor sich hin: »Kri-Kri«. + + +Maßregeln eines Philanthropen + +Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich +demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld +ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten, +Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die +Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu +befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat +leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche +Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit +geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine +Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten, +keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit +ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße +Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen +verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer +Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk +sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen +versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen +Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher +hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen +Wandel neue Unzufriedenheit zu säen. + +Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich +mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt. + +Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste, +die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die +Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue +Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen. +Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal +eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen +strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen. + +In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und +Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte +mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit +gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf +Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters, +bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe +hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz. + +Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur +eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu +seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier +brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch +die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit. + +Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen, +eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls. +Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren +Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer +zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte +sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage +hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der +einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen +stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte +sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still +wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften, +ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche +nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis +durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch +Brummen. + +Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren +bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren +Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die +Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren +winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut, +hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit +ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der +krank und hungrig ist. + + +Die Bürger und ihre Stadt + +Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und +siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie +dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig +gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten +Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen +und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und +Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen +dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende, +gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder +haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen +straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied +arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine +grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen, +Säuglinge schreien. + +Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es +weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht; +es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser +vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu +erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht; +es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die +Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren +liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander +verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder +ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe +von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und +gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle, +dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar +über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche +und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt +in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche +Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar +erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm +bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt, +wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem +Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der +Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank +sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der +Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der +Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige +Trost. + +Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in +Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf +ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht +Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr +von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und +den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des +Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und +Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern +in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in +Edelsteinketten. + +Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen- +und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu +strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten +sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen +Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von +niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher +Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine +schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge +gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas, +feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war +etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl +gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen +dafür, daß sie schwitzten und sich plagten. + +Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand +verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von +Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl, +nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes +verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen +lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und +nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner +Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen, +auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen +Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die +Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten, +konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es +brennt. + +Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen +wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen +gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut +verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten +Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum +bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in +ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und +schoben die Finger zwischen die Knie. + +Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis. +Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht, +so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des +gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang +in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen +Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch +gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles +Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die +Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der +Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der +Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon +gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die +Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen +das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten +nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts +freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und +legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte, +mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch, +mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre +Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre +heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und +mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes +über dieser Stadt von Mürrischen. + +So lagen die Dinge, als Sturreganz kam. + + +Jahrmarkt + +Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von +Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe, +schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit +schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in +Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er +sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine +Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu +haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche +Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von +Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden +werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu +entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien +sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden, +da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei +Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren. + +Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in +einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte, +Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen +seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer, +den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher +Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz +Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren +konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht +sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte +Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte, +seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber +Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern, +Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen +Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder +verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung. + +Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem +Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner, +Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude, +die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter +Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte. + +Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen, +murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander: +was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre +verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den +Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige +mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen +hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, +daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises +hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und +Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von +Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich +heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner +unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero +Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches +Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei +Groschen, dritter Platz ein Groschen.« + +Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei +und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter +in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen +Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen +vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in +den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern +reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend, +und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder +fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen +hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war +alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet. + +Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz +vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit +sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet +eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn +scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über +ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der +Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von +wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das +Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und +quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein +Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes, +sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu +Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach, +abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen. +Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis +zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft. + +Gelächter! + +Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die +Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden +wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas +völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden. +Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein +betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den +Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel +des Oktoberabends. + +Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit +den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen +in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in +seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen +kollerte, der Gaumen war wund. + +Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die +Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein +Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben +im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und +Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen. + +Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen? + +Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch +Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete, +berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem +Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner +gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so +gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung, +die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn +volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und +erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche +Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen. + +Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die +Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und +Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war, +daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine +beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der +betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute +eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben +noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht +dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die +Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann +die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings, +ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den +benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre +lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen +oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern, +verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude +schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine +Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und +picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie +vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie +Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann +Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch; +Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares +Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als +fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen, +feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein +paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie +schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen +einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten +Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den +Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter +den Vorhang zu kommen. + +Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei +Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit +ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten +sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde +verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon +aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze +reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie +mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es +gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen +Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters +gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in +ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren +Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um +Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt +fanden. + +Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die +keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem +Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich +nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer +Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu +Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger, +Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen, +Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern, +Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten +sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der +Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom +Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten +immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person +kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach +einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar +ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen. + +Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es +bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus +wurde. + + +Unterm Mond + +In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte +Wandlung geschehen. + +Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln +vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus +unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und +gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze +gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen +mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein +Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen +auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen +Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit +einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt. +Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen, +und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung +bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln, +Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge +im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit +vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu +zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur. + +Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der +unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten +von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht +verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo +er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest +und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen +im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter, +wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. +Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten +und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich +die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die +Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne, +daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer, +Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als +der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst +entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und +glückselig zumute war. + +Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten +kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr +Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern +heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß, +schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war. + +Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich +mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren +stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen, +niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in +die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die +Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert +wie an Marktvormittagen. + +Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin +beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen +keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über +dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht; +als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an. +Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte +Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal +eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen +erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen +Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn +Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock +eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über +Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das +ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den +Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer +Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme +salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd +wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor +beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und +machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im +lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; +geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der +Mond kam über die Dächer und wunderte sich. + +Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister +Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse +trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale; +die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende +wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler +Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde +später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an +Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die +Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab +gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein +großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und +Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren, +Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile. + +Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum +andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten, +Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein +Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein +schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz; +einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine +Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von +Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende +ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben! +Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge +leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das +Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte +oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen +ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit +vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und +polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang +antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in +der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel. + +Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch +unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es +die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher +Art gekommen. + +Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben- +oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig +schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der +ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu +haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest +der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre +Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und +streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als +wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei, +der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft, +so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte +auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam +und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer +Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem +Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte +still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie +Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und +Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische, +deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging +der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes, +und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt, +lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm +und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz +einbog. + +Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er +zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und +ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht +auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte +sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn +um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu +tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der +einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte, +er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine +Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste +Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet: +so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber. + +Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der +Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas +Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier +und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während +die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen, +die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in +die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger +Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht +fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen. +Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der +Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als +er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer +läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte, +daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren, +liefen schon von allen Seiten Leute herzu. + + +Fingerling + +Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam, +ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages +kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte. +Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel. + +Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch +keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb +einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine +niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein +paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf +den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein +Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber +sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie +tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem +ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität +leicht aufgelöst werden. + +Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name +Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die +eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der +Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das +Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm +erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze +umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum +Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen +Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger +Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in +großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht +gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten +und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege +dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und +gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so +war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut +bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger +war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine +Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu +vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht. + +Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge +gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur, +die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die +sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont. +Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne +aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu +rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten, +Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden +wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche +Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier +waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis +jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die +Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt. + +Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte, +ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte, +oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt +ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin +musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene +Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die +Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das +Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten +bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen +hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer +und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die +gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige +Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich +bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von +einem Winkel in den andern schiebt und vergißt. + +Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war +immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich +am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las +einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war +nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der +Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu +erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer +noch als selbst die letzte. + +Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene +Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen +Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen. +Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun. +Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der +gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem +winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so +dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen +Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten +Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in +einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren, +vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle +kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so +war sie entschlüpft, eh er es recht wußte. + +Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue +kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die +Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und +Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie +der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war +es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte, +zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die +Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd +war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung +heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur, +was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die +Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt. + +Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte +sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer +überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre +Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach +gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der +Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe, +das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine +gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in +den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur +Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas +unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen +mehr gab. + +Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal +krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und +am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der +Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze +hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und +her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen +beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im +ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine +zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich +der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige +Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten +sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen +Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine +fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der +noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte. + +Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend, +als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch +ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften +die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend +und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie +hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln, +Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden +Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her +huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der +Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte +sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern. + +Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich +niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit, +sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie +auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den +vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die +geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin, +die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das +sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder +und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine +unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen +folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und +schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du +sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich +nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich +von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen, +mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann. +Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte, +erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause +wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes +verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand +von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende +Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof, +im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln, +benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen +lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte +es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von +einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen +Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem +feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend +feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht +und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren +hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der +ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen. + +Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand +darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach +erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute +Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte +die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war +mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke +durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung, +und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos +wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen. +Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und +gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und +später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit +Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts +einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette +namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf +über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich +Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod +des Mädchens herbei. + +Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der +Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm +Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige +Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut +ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu +bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und +aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das +Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem +Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr +viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der +letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit +und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der +lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das +unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter +erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung +jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte +Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst +allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war; +Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und +durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig +zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich +abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult +hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte, +war sein Plan so gut wie fertig. + +Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem +Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung. +Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben +übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind +namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr +im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur +selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im +Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig +Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters. + +Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich +nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er +dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm +bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind +vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn, +wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im +Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere +Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der +Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete +Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten, +das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut +schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz +und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und +furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit +des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als +daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das +Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst +unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu +schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche +Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel +zudrehte. + +Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube, +und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst +nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der +Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der +Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute +im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie +Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden, +vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte, +daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder +Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es: +Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes. + +So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus. + + +Die Beiden + +Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als +bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es +vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre +Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf +gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles +Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu +erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm +vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft. + +Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot +und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an +Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem +Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen +Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine +Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und +Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren, +leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er +nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das +Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im +Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende, +Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen +Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen +die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von +Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort, +der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich +aus. + +Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen +hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer +porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige +Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen +Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in +ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene +von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen +werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte +Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit +lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz, +die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war +das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte, +entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und +des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg; +Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der +heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte, +arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht +in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er +in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung +und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und +Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein +schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit +war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern +erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die +Doppelheit der Existenz nicht selten lästig. + +Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei +dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es +beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung +vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns; +Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in +jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit. + +Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter +gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings- +und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen +durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz, +unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen +Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und +der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten. + +Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz +und Taube. + + +Höflichkeit wird Grausen + +Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz +den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem +Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung +fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war, +trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit +geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und +erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar; +sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch +Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm +das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem +Institut ein, der ihm wohlbekannt war. + +Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und +Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber +keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich +niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite +des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich +durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine +Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen +und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener +solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies +gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe +Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten, +gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen +Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen +begann. + +»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos +verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust +den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß +einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die +Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend +zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah +sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt, +das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus +anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter +ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling, +Beckchen Taube. + +Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute +der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten +geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die +Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher, +gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«. + +Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes +traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine +unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und +antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich +noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen, +weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten +Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht; +Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm, +flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor +sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung; +verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal +fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal +aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte +zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen +an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen, +rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon +aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die +jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit +lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank; +die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es +entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf +dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer +Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her. + +Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der +Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches +Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage +schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war +strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das +Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach +der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er +durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des +Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den +Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz' Diener, der halb von +Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens +seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen, +doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit +drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen. +Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem +sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte, +begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und +Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof. + +Dort hatte das Erscheinen Sturreganz' mit dem Mäusezug hinter sich +ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der +Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen +herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die +Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten +auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen +der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit +entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm +das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in +einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß +dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen +und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum +hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen +Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern +behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine +Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte +Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem +Mund. + +Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie +Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf +dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare +Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war +Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche +Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm +die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant, +den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen +wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher +ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des +Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu +verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß +sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende +zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn +wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein +besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es +notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und +hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und +die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein +schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt +waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder +schnöd durchkreuzte. + +Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der +Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr +melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er +sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche +Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den +Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem +Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den +Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in +Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so +weiter; das Projekt wurde eröffnet. + +Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz +sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte +ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein +häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte +bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines +italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im +Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen, +da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und +versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren, +meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits +accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs +sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man +möge ihr diesen Storregammato bringen. + +Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz' Entlassung aus dem +Polizeigewahrsam. + +Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern. +Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um +Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein +über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern, +schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete +in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas +verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an +die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an +seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig. + +Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf +statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut +das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das +schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was +den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war +es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte +Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen +nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte +er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein +Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu +bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese +Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer +Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie +durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner +Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese +empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven +für den andern Mittag vereinbart war. + +Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz +eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm +in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer +Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd, +wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war, +der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die +mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die +zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt +waren, - Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art +die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt +und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, - erschöpfte sich +Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu, +einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene +Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er +erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob +es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall +auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe. +Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene +Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber +Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte +noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen +Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der +ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die +dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er +den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor +Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die +exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über +Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit +einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber +er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit +verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder +und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen; +geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch +Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und +nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu +preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte +Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten +Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es +durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie +in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie +ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren +Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben +zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und +Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße +verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle +Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, +aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe +sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem +außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal +in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen +Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine, +boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch +gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen +schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten +und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden, +den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der +Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und +oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie +fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der +tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der +blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis. +Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei +hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm +gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen +Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine +Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war, +als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu +unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und +leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies +erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und +Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft +schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage +üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein +fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige +Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros +verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen +Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr +Marchese damit getan habe. + +Eine devote Reverenz beendigte die Rede. + +Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen +Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah +ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz +aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich, +dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch +das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz +vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem +Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum. + +»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man +müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte +gezwungen. + +»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady +Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann +stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen +Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll +ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch +unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.« + + +Zwist + +Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter +dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren +gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten. +Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis +zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er +könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage +gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit +verbreitete. + +Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige +Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben +gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der +Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen +Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige +Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr +die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie +ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu +vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie +war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete. +Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden +ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag. + +Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß +der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen +Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über +die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu +machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die +alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der +Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre +Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem +traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei. + +Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin. + +»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in +einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!« +rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum +Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der +Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit +seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der +Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir +Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt +und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen +verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern +Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem +philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade +spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie. +Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu +leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so +berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den +Abschied.« + +Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer. + +Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah +lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus +bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben +Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen, +wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt +weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das +ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt, +hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen +Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es +dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb, +glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein +glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein +jubelndstes Lied in die Luft schmettern.« + +Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige +dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und +begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le +Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en, +lundi!«# + +Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein +Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott +verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie +verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden +der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung, +ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten, +feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk +geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie +verführerisch im Grunde! + +Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde +keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang: +#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«# + +Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach +der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den +Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen. + + +Die Ohren des Herrn Marchese + +Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der +Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die +Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend +waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz. + +Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war +für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und +das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung: +Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton; +man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz. + +Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast. +Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne +Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der +Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier +Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus +und Amor auf dem Schoß. + +Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt, +majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady +Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von +Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die +hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und +der Vorhang schlug auseinander. + +Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt, +war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig, +argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens +um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr +sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt +Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner +Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster, +Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als +Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz +spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle +Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen +Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in +heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und +ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu +überlassen. + +Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel +von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz; +#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen +Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das +wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war +voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune, +Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit +Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten +Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der +Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin- +und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte +Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all +dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur. + +Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln +genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten +Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn +keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem +Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium +seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an +war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne +aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt, +triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge +preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich +die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum +in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an +ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim +geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen, +schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen. +Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie, +aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare +Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was +man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine +Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht, +zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger +Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken +brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und +platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen +um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte. + +Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster +hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von +ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender +Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich +schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in +die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich; +der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch +vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint, +auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach +einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen +Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack +steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den +Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten, +kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder +nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das +Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den +Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn +Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir +die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn +Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer +goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine +irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater! +Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli! +Milles mercis!# Geruhsame Nacht!« + +Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging +durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die +Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer. + +Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter, +und er verschwand. + +In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der +ansbachischen Bastille, verbracht. + + +Ein Gespräch als Ausklang + +Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage +später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der +Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die +württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz, +des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der +Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der +gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in +Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist +finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in +einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit +befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte, +belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund +verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe +und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus +Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem +Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt +hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen +Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem +beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte. + +Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil +bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten +sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün +und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern, +die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in +ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die +Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den +Horizont mit einem schwarzen Band. + +Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein +lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes +Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei +mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja, +des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der +Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen +und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der +Geist herbei. + +Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das +treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend, +nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts +damit auf sich.« + +»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz +erstaunt. + +»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der +Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich +einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier, +und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es +verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie +klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen +Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.« + +»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen +muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel +gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände +reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich +das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das +uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die +göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine +unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der +Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird +lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den +unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles +wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne, +unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt, +jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des +Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das +mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige. +Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß +wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die +Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst +Gefühl und Ahnung Lüge.« + +Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz' Lippen. »Sie äußern sich mit +sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft, +kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es +kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit +und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das +Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir +nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue +davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an +den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen +einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien +abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder +den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften? +die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen +fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue +einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht +Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben +rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es +denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der +Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer +Weglosigkeit.« + +»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir +zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb +begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf. + +Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch +die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine +Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon +geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an +eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider +so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es +sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine +Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos +werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen, +ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, +alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und +der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte. + +Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme: +»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr +weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum +läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser +in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und +spricht, und keiner weiß was.« + +Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren, +und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen +Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«# + +Da war es schon Nacht. + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman. 23. Auflage + +Der Moloch +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage + +Der niegeküßte Mund +Drei Novellen. 71. Auflage + +Alexander in Babylon +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage + +Die Schwestern +Drei Novellen. 6. Auflage + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens +Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage + +Die Masken Erwin Reiners +Roman. 15. Auflage + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen + +Der Mann von 40 Jahren +Roman. 14. Auflage + +Das Gänsemännchen +Roman. 72. Auflage + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden. 39. Auflage + +Der Wendekreis, Bd. 1 +Novellen. 19. Auflage + +Mein Weg als Deutscher und Jude +15. Auflage + + * * * * * + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten +zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich +p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein +p 236: nach war es -> noch war es +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden) +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin) +p 248: medisieren (schmähen, lästern) +p 298: vif (lebendig, lebhaft) + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book's two title +pages have been merged into one, and a table of contents has been added. +The table below lists all corrections applied to the original text. + +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +p 090: [unified] Telefon -> Telephon +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich +p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein +p 236: nach war es -> noch war es +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden) +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin) +p 248: medisieren (schmähen, lästern) +p 298: vif (lebendig, lebhaft) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + +***** This file should be named 18552-8.txt or 18552-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18552/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Zweite Folge + Oberlins drei Stufen, Sturreganz + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a>[Blank Page]</p> --> +<!-- <p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>[Blank Page]</p> --> +<!-- <p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a>[Illustration: S. Fischer logo]</p> --> + +<div class="titlepage"> +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + +<h1>Der Wendekreis</h1> + +<h3>Zweite Folge</h3> + +<!-- +<h5>1922<br /> +S. Fischer / Verlag / Berlin</h5> + + +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> +--> + +<h2>Oberlins<br /> +drei Stufen</h2> + +<h4>und</h4> + +<h2>Sturreganz</h2> + + +<h5>1922<br /> +S. Fischer / Verlag / Berlin</h5> + + +<p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p> +<p class="copyright"><em class="gesperrt">Erste bis fünfzehnte Auflage<br /> +<br /> +<br /> +Alle Rechte vorbehalten<br /> +Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin</em></p> +</div> + + +<table class="toc"> +<caption>Inhalt</caption> +<colgroup> + <col id="col1" /> + <col id="col2" /> +</colgroup> +<tr class="tmain"><td colspan="2"><a href="#Oberlins_drei_Stufen">Oberlins drei Stufen</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr> +<tr class="tchap"><td /><td><a href="#Die_erste_Stufe">Die erste Stufe</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr> +<tr class="tchap"><td /><td><a href="#Die_zweite_Stufe">Die zweite Stufe</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr> +<tr class="tchap"><td /><td><a href="#Die_dritte_Stufe">Die dritte Stufe</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_121">121</a></td></tr> +<tr class="tmain"><td colspan="2"><a href="#Sturreganz">Sturreganz</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_225">225</a></td></tr> +</table> + + +<div class="textbody"> +<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a> +<h1><a name="Oberlins_drei_Stufen" id="Oberlins_drei_Stufen"></a>Oberlins<br /> +drei Stufen</h1> + +<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a> +<p class="dedication">Marta der Gefährtin<br /> +gewidmet</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p> + + + + +<h2><a name="Die_erste_Stufe" id="Die_erste_Stufe"></a>Die erste Stufe</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a></p> +<p class="newsection">Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner +Eltern in der strengen Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger +Überlieferung war. Die Familie gehörte zu den altpatrizischen +der Stadt Basel; ererbter Reichtum und ererbte +Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war +Bürgermeister gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung +und saß im Rat der Nation.</p> + +<p>Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in +frühem Alter gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und +Repräsentation schon mit dem Erwachen des Bewußtseins +eingeprägt. Der Tag hatte seine festbestimmte Teilung; er +begann Sommer und Winter um sechs Uhr und endete um +neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde +Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte +Frist. Bei Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, +waren Gäste da, so unterlag die zu übende Zurückhaltung +der wachsamsten Aufsicht. Verkehr mit Menschen war an +Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das und +das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes +Maß von Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige +herab; der Name, den er trug, die Familie, aus der er stammte, +der Grad der öffentlichen Schätzung, die er infolgedessen +genoß, zeigten die Richtung und ordneten die Beziehung. +Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich +entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln, +Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.</p> + +<p><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es +war etwas Heiliges um das Einzelne, ob es kostbar war oder +nicht. Die chinesischen Vasen, japanischen Schnitzereien; +die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem königlich sonoren +Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, +die eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, +die marmornen Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder +im Speisesaal: Männer mit eckigen Schädeln, die Frauen +mit hochmütig geschürzten Lippen und bäuerinnenhaft +stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles wie +gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war +nur zu denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert +gefaßter Smaragd krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem +Gesicht erhob, streifte er zuerst das Sammetband mit dem +goldenen Medaillon an ihrem Hals.</p> + +<p>War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring +mit dem Smaragd und das goldene Medaillon am schwarzen +Band. Und sie war eine junge Frau.</p> + +<p>Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand +von Stimme. Man behielt die Türklinke in der Hand, bis +die Türe geschlossen war. Mitteilung geschah in gemäßigter +Form. Artigkeit war ein Begriff von wesentlicher Bedeutung. +Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse des Hauses. +Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das +Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, +zwischen Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, +sich niemals etwas zu vergeben, niemals die weise +gezogenen Grenzen zu überschreiten.</p> + +<p>Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der +Unantastbarkeit der äußeren Ordnungen und des täglichen +Ablaufes litt. Die Gebote waren wirksam gewesen, als +sein Blut zu pulsen begonnen hatte; geschlechterlang hatten +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den ernsthaften +Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte +dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der +Last war da. Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte +Dietrich die seiner Jugend gebührenden, dem Rang der +Familie entsprechenden Freiheiten genießen. Daß er sie mißbrauche, +wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits +Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen +können. Die Familie war eine unzerstörbare Einheit; +man hätte sagen können, sie unterhielten sich in ihrer besonderen +Sprache, wenn sie unter sich waren. Die Fesseln +lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein beziehender Blick, +Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten Unverbrüchlichkeit +oder offenbarten Empfindungen, die man sonst verschloß.</p> + +<p>Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, +wie der älteste Sohn seit jeher. Später sollte er +in den Staatsdienst treten. Dem Vorhaben der Eltern sich +zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er hatte nie eine abirrende +Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete +Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick +auf das erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem +hin, er war sich ohne Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, +keine Zweifel. Gehorsam war bequem, da er +Hindernisse aus dem Weg räumte.</p> + +<p>Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden +war, erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher +hatte ihn die Spannkraft verlassen. Er zog sich von den Geschäften +zurück, legte Ämter und Ehrenstellen nieder, wollte +seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben an sich, an die +Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute einer +unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Verfall beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, +fiel auch Dietrich in schwere Krankheit, von der er sich +erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen begann.</p> + +<p>Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für +lange. Damit der Studiengang nicht geschädigt würde, +erachtete er es für zweckmäßig, wenn er in einer Waldschule +Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte sich +die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, +die sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal +des südlichen Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende +Bekannte warnten vor den extrem modernen Ideen, die +dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem Leiter +der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen +Fragen als gefährlicher Fortschrittler galt.</p> + +<p>Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen +Eltern. Er war seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. +Die Mathys, weltberühmte Seidenweber, im Besitz des +Privilegs seit 1560, waren als Familie ebenbürtig. Nach +ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen, lag +nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. +Georg selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde +ruhig und anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, +das sagte ihr zu. Daß er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, +war ein Grund mehr für die Wahl von Hochlinden. +Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte aber den +Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß, +hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit +langen Wimpern.</p> + + +<p class="newsection">Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes +Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel +ab. Die Freiheit der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>die des Wortes. Er mußte jedesmal eine Hemmung überwinden, +bevor er gelockert und gleichgestimmt war.</p> + +<p>Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht +ohne die schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele +Siebzehnjährige haben. Es war zu allen Tageszeiten von +derselben Frische. Man konnte ihn aus dem Schlaf rütteln, +und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein, der Körper +von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit +und Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für +verweichlicht, aber er war ein vorzüglicher Turner und +Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur Kurt +Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in +Respekt.</p> + +<p>Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, +wie er sich in bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war +mit Dietrich in der Kameradschaft Doktor von der Leyens. +Es fiel Dietrich äußerst schwer, sich an das Du zu gewöhnen, +mit dem er wie alle diesen Mann anreden sollte. Von der +Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke niederzureißen, +die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem +Schüler ein unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel +der vertraulichen Anrede war zweischneidig, er verhehlte +es sich nicht, aber er wog keine Gefahr, wenn es ihm darum +zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die +Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er +in den Händen der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat +hatte werden sehen, sondern auf den +freien Entschluß des Einzelnen, sich der Erkenntnis eines +Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er glaubte +an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, +und von diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn +befestigte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder +sollte zu der anspornenden Meinung gebracht werden, als +bestimme er selbst das Ausmaß seiner Pflichten. Ein überlegener +Geist handelte nach wohldurchdachtem Plan, dem +sich die untergeordneten Organe willig fügten.</p> + +<p>Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der +Leyens wuchs von Tag zu Tag. Der Gegensatz zu dem, +was er bisher für erlaubt und erstrebenswert gehalten, war +so grell, daß er sich in eine Region versetzt wähnte, von der +gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser. Er schaute +um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war +nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm +im Ungewissen.</p> + +<p>Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert +das Herz.</p> + + +<p class="newsection">An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen +in Hochlinden gehörten, hielt Doktor von der Leyen +eine Rede, worin er mit der Unwiderstehlichkeit und polemischen +Kraft seiner Beweisführung entwickelte, daß der Kultus, +den die Gesellschaft den geistigen Heroen weihe, auf fortwuchernder +Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend, +seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit +und faules Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß +und absolviere von dem Trieb zur höchsten Leistung. Wem +von Kindesbeinen an ins Gehirn gehämmert werde, daß das +Große bereits getan sei, dem bleibe im besten Fall nur demütige +Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose +Trost der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von +der Erde vertilgt werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, +unabhängig von aller andern Zeit, jeder in ihr Geborene +habe seine eigene Sendung; keinem, der da lebe, sei die +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für alle Mal +vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende +Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr +sein, sondern Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von +euch die Andacht vor dem Fetisch fordern. Kniet nicht nieder +um zu beten, wo es besser ist, Gerümpel in die Rumpelkammer +zu werfen.«</p> + +<p>Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel +aufgenommen, und ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, +ging noch einen Schritt weiter im ungestümen Verlangen +und wollte den Bildersturm gleich in Tat umsetzen, +Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt +belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er +war kühn genug, einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, +der gesagt hatte: »Hüte dich vor denen, die Häuser bauen +wollen und damit anfangen, die Wälder zu verbrennen und +die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder Vorläufer +befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine +greuliche Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten +und keiner mehr warten wolle, wohin man käme? +Und ob mit dem Gerümpel nicht viel Nützliches und Tüchtiges +in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die Mehrzahl +der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren, +als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu +schaffen?</p> + +<p>Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von +der Leyen nannte ihn bisweilen den Basler Hemmschuh. +Aber er war ihm deshalb nicht gram; es behagte ihm, wenn +die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot selbst +das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er +um sich wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.</p> + +<p><a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht +inne wurde, die zusammenfassende Kraft eines konservativen +Gemeinwesens, die alte Polis mit bewahrender +Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und +mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich +hielt ihn in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von +außen her veranlaßt hatte, sich gegen die wühlerische Flut +zu stemmen, war nur ein Blick gewesen, der sich zu Dietrich +Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange. Oberlin, +mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine +Augen hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des +Lehrers, um jeden Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft +leuchtende Hingabe zu spüren, beängstigte Mathys; +es war etwas darin von der leidenschaftlichen Fruchtbarkeit +des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher +Gier empfängt wie edlen.</p> + + +<p class="newsection">Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße +im Alter von ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte +zu den streitbaren Erziehern und wirkte in Wort und Schrift +für seine reformatorischen Ideen unablässig. Er hatte viel +Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer. +Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, +je höher trug er den Kopf.</p> + +<p>Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, +knochigen Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, +die das Gesicht noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen +und Fertigen, Leuten von Beruf und Amt war er +wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn er mit seinen +Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine berückende +Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes +herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.</p> + +<p><a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder +Schritt Wagnis. Sich der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, +verlangte einen Charakter von Stahl. Kein Vertrauen +ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne beständigen +Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit +den Mächten drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, +wider die Verstocktheit. Die Gesellschaft in wartendem Argwohn, +bereit, den Stein zu schleudern, den ihr Verrat und +Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter +Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung +erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; +und immer wieder Verlust des Menschen, dem man Gestalt +verliehen und Richtung gewiesen, der einem vielleicht als +Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; +er löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer +Leydener Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden +Funken, dem Element entlockt, eine bewegliche Kette +von Licht; aber zwischen Funken und Funken Ur-Finsternis.</p> + +<p>Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu +seinem vierzigsten Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben +geführt, feste Anstellung verschmähend, oder wenn er sich +dazu verstanden, durch Ränke der Fachgenossen und das +herausfordernd Neue seiner Methode wieder vertrieben. +Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die +Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt. +Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem +Elend befunden; gerettet hatte ihn nur der eiserne Wille +und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich wurde man +auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte +das Gut Hochlinden angekauft und das zur Durchführung +seines Projekts notwendige Kapital zur Verfügung gestellt. +Der Erfolg rechtfertigte den damals noch kühnen Versuch.</p> + +<p><a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in +Hügelterrassen aufsteigend, stundenweit von Städten, mit +Wiesen, Wald, Fruchtgärten, Wässern, Brunnen, Ställen, +Meiereien, Tennisplätzen und zierlich verstreuten Häusern. +Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und Schulgebäude +nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.</p> + + +<p class="newsection">An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich +eine Anzahl Knaben im Spielsaal versammelt, der das +Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm. Zuerst wurden +die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich +Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. +Der allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes +Einzelnes löste sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; +eine chemische Formel; Streit über den Tonnengehalt eines +neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen Witz; Nachfrage +um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß +er auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum +Besten gab, erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen +andern; er behauptete, Bauchredner zu sein, aber da er es +nur zu quiekenden Mißtönen brachte, wurde er verhöhnt. +Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im prahlerischen +Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und Bärengebrumm. +Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen +herein; dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und +erzwang durch ihren ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger +Stille.</p> + +<p>Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren +seiner Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten +Wetters einen Gang durch den Wald gemacht, Mathys, +Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht daran teilgenommen; +er hatte einen Brief an seine Mutter, die Ratsherrin, +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal +gekommen. Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert +um den Tumult, mit suchenden Fingern eine Melodie aus +Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig, händelsüchtig, +und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui +Deibel, das is ja, als ob deine Großmutter aus dem +Grabe winselt«. Oberlin stutzte, spielte aber weiter, als +hätte er nichts gehört. Kurt Fink erboste sich, fuhr mit +der Linken über die ganze Tastatur, was ein kreischendes, +dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei +Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«</p> + +<p>Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da +war etwas von der Feindschaft der Stämme drin; Norden +gegen Süden. Die Knaben stellten sich im Kreis um Beide. +Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß er Mißbilligung +erweckte und zu weit gegangen war; er brach in +Lachen aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend +klang. Oberlin verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger +Blick musterte die Gesichter; er hätte sich am liebsten auf +Fink gestürzt, aber die Anwesenheit Lucians lähmte ihn. +Er senkte den Kopf, und als er die Augen wieder emporrichtete, +begegneten sie denen von der Leyens, die ihn fragend +oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck +und glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung +wuchs, und sich an Lucian wendend, stieß er trotzig +hervor: »Er soll aufhören zu lachen«. Das war kindlich, +und auf einigen Gesichtern zeigte sich Grinsen.</p> + +<p>»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen +ein und legte die schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die +Knaben traten auseinander. Kurt Fink hatte seine Absicht +erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann einen Gassenhauer +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen begleitete.</p> + +<p>»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander +plaudern?« fragte von der Leyen den noch immer befangenen +Dietrich.</p> + +<p>»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.</p> + +<p>Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam +leerte. Von der Leyen, den Knaben um die Höhe der +Stirn überragend, hatte den Arm um seine Schulter geschlungen. +Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und das Gespräch +wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein +offener, voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; +wenn dieser das Wort ergriff, bog er mit über den Knien +verfalteten Händen den schmalen Körper nach vorn, und +je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je gedämpfter +klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen +läutete, erhoben sie sich.</p> + + +<p class="newsection">Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein +von Lehrer und Schüler. Da der Unterricht, sofern es +das Wetter irgend zuließ, im Freien abgehalten wurde, +beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf Wanderungen, +boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war +Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys +und Justus Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an +den er sich angeschlossen und dessen aufrichtige Art ihm +Sympathie eingeflößt. Nur in seinen Mienen verriet sich +eine nicht aussetzende Erregung.</p> + +<p>Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden +Haaren zu überwinden gewesen, vor seiner Würde, seinem +Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner leisen, horchenden, +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das ergraute +Haar, das faltige Gesicht.</p> + +<p>Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis +in die Knie gebannt war, gebannt emporsah, war der unergründlich +tiefe, geistige Ernst. Das schnitt durch und durch, +wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln, das heitere +Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, +sie verdeckten ihn nicht.</p> + +<p>Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und +doch war er selbst herangetreten und hatte einem den Arm +um die Schultern geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder +einzelne Blutstropfen unterwarf sich. Die freiwillige, enthusiastische +Unterwerfung war seliger Rausch.</p> + +<p>Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender +Mensch, bestimmender Geist. Sein Wort glich einer Mauer, +an die man sich lehnt und die Sicherheit gewährt. Die heimlichen +und feurigen Gedanken von fünfundachtzig Knaben +folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer weiß wie +vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den +Arm um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.</p> + +<p>Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem +vergangenen oder einem möglichen gemessen. Es hatte ihm +immer geschienen, daß alles so war, wie es sein mußte; +es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. +Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, +in denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; +er erwacht verwundert und beschämt. Von der Leyens +bloße Nähe bewirkte, daß er ungern zurückdachte; Heimat +und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu dem +man bewundernd emporsehen konnte.</p> + +<p>Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht +und Dankbarkeit nur. Es war wie ein überkostbares +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>Geschenk, das man selten zu gebrauchen wagt. Er war plötzlich +voller Zweifel in bezug auf sich selbst. Früher wäre es +ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er gesagt, getan, +wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt +prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte +ihn; ein begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung +erbleichen; er spürte bedrückend das Langsame seiner Auffassung, +das träge Beharren in seiner Natur; er war voll +Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst, nicht +erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was +Er erwartete. Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er +so freundlich war? Sammelte er Forderungen in der Stille, +um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto bündiger zu beweisen? +Warum war er freundlich? Warum redete er wie +zu einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin +zitterte vor dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren +Gestalt zeigen mußte, seiner groben, trüben, mißgebildeten +Beschaffenheit.</p> + +<p>Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte +er Ihm gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; +nur Ihn nicht enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, +da man doch, aus unerklärlichen Gründen freilich, einmal +vorgezogen war; nur nicht wieder ein Unbeachteter sein, +verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht wieder hinab +in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein Gerufenwerden, +kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. +Er hätte beten mögen darum.</p> + +<p>Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel +und haßte sein Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender +war, nahm ein schwer verständliches Buch zur Hand und +haßte sein Gehirn, weil es nicht leichter begriff. Er +schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand ihn +<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen, +Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier +nach Seinem Wort, Seinem Einverständnis, Seiner Billigung.</p> + +<p>War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er +hatte Pläne, er wollte etwas werden und etwas können. +Nach und nach faßte er Mut zu Fragen, die ohne Wortkleid +in ihm geschlummert hatten, über Menschen und alltägliche +Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm +Briefe seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen +Gängen ins Gebirge, von der Ermatinger Villa am +Bodensee, wo die Familie den Sommer zu verbringen +pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es +gab harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit +vortrug. Sie sollten bezeugen und bezeugten auch einen +Schatz von bereits gesammelten Erfahrungen. Lucian von +der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf. Unter +anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die +er seit ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung +aller miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich +gewesen seien; stets um ihn und mit ihm, sogar +die Katze folgte treulich bis zur Bootshütte; eines Nachts +weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen vernommen; er lauscht, +wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein Schrei, als +ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die +Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt +ihm der Hund entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn +zur Rede; man könne das; Hunde antworteten; und der +Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen heraus; er +führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht +sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt +in ihrem Blut.</p> + +<p><a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes +passiert sein, bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende +genommen. Wer das wüßte, der wüßte viel von verborgenen +Dingen. War dir nicht nachher in der Phantasie der Moment +der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter den Zähnen +des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten +die Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen +so übel.«</p> + +<p>Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. +Brüder redeten. Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen +und atemholend zurückschaut; einer am Beginn. Fülle des +Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm dort; das machte +die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die Tiefe +unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; +selten Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; +im Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, +riß er eine Stunde aus der Erinnerung, in der +Entscheidung gefallen war; ein Antlitz tauchte auf; ein +Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod, +Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder +das Juwel eines gefundenen Herzens: ein Freund.</p> + +<p>Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für +zu gering, um sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid +war nicht bindender als einbezogen sein in das Vertrauen. +Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in dem Bild des Mannes +zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er +erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende +bereiten; er spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen +machen. Es dünkte ihm ein Ziel, er sah eine Aufgabe.</p> + +<p>Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes +zwischen Menschen, das war Freundschaft. Der Freund war +ihm die reife Frucht des Schaffens und Seins. Er hatte kein +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen Eltern +und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und +Pflichten der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott +und abschätziges Bedauern. Es waren ihm animalische +Instinkte oder klug benutzte, unter dem Mantel der Heuchelei +gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft. +Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar die +Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung +staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen +Stils, in denen alle Neugeborenen männlichen Geschlechts +als Namenlose und des Namens Entkleidete bis zum zwanzigsten +Jahr erzogen werden sollten. Er hatte verheißen, +eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem +halben Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden +haben.</p> + +<p>So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib +nichts anderes als eine Form der Leibeigenschaft. Seine +Äußerungen darüber geschahen unter merklichem Widerwillen. +Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer fremden, +untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik +gestellt war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu +Traum und Symbol, die in den hohen Beispielen der Deutung +bedürftig waren, in den niederen ihrer umnebelnden +und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung +zwangen.</p> + +<p>Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben +nach Besitz, ohne sinnliche Verkettung. Genüsse reizten +ihn nicht. Begierden beunruhigten ihn nicht, Ansprüche an +Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden vermochte er +nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende verfeinerte +oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches +Wollenden, Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>auch keiner da, man erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar +allein, daß man ihn verbündet und mit Gefährten kaum +denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer nur ihm +an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, +war er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; +dann war in seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und +ich war keuscheste Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust +von einem, der Seelen an sich preßt und ihr epheuhaftes +Ranken mit der eigenen nährt.</p> + +<p>Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört +habe, ein Element des sozialen Lebens zu sein, sei die +abendländische Welt mit unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit +gesunken, und der brüderliche Geist des Humanismus wandle +sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte ihnen von +berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner +Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie +nur Freundschaft das Einzelschicksal aus dem tragischen +Grauen zu heben vermöge, das der Kreatur als solcher angeboren. +Die Griechen hätten es gewußt und den Altar der +Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des +Volks und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. +»Heute aber,« sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr +da von Mann zu Mann, der Glaube nicht, die Macht von +Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen geworden, +zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist +er Herr oder Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde +absterben und die Nationen vergehen, als daß ihr so weiter +lebt, so arm, so halb.«</p> + +<p>Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch +mehr als sonst.</p> + + +<p><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a></p> +<p class="newsection">Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin +einen gewonnen hatte, der ihm wesentlicher anhing und +beharrlicher folgte als je einer zuvor. Den hatte er aus dem +Innersten entfaltet und in die Flamme hineingetrieben, wo +er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn sehr. +Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit +schenkte.</p> + +<p>Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht +und dachte froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin +an Gewähr, an Unvergänglichem! So konnte es also sein! +Manchmal auch erschrak er: bin ich dem gewachsen? Da +war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus +der Tiefe, glockenklar.</p> + +<p>Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung, +Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er +wurde gespannter, elastischer, beredter. Im Maße wie es +ihn ergriff, erfuhr er die hundertmal erfahrene Angst von +neuem: Angst vor Verlust, vor der Brüchigkeit, vor der Zeit +und dem räuberischen Geschick. Auch dieser Ikarus wird mir +in den Abgrund stürzen, sagte er sich.</p> + +<p>Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die +in der Kameradschaft, ungeduldig. Die Bevorzugung des +hübschen, aber nach dem allgemeinen Urteil etwas simplen +Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets Begünstigte gegeben, +doch so weit war es nie gediehen. Während aber die Unzufriedenheit +in den meisten nur still gärte, auch durch ein +Wort oder Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen +war, übte Kurt Fink hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; +er verbündete sich mit dem Präfekten Rottmann, und das +Einverständnis gewann herausfordernden Charakter; denn +zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine ernstliche +Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet +und im Verlauf einer scharfen Auseinandersetzung sogar +mit der Öffentlichkeit gedroht.</p> + +<p>Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen +Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die +übliche Lendenhose vorgenommen werden. Er nannte dies +Kleidungsstück unzüchtig und sagte, es versetze in den Zustand +des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins. Die +Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten +sich bei der Schulversammlung einhellig für ihn; +danach aber hatte Rottmann eine Gegenpartei zu bilden +vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte auf seine +Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war +aber dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch +von der Leyen nicht entschließen konnte, ihn brotlos zu +machen.</p> + +<p>»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte +eines Abends Justus Richter. »Rottmann schleicht im +Schlafsaal herum, wenn man müde ist, spioniert und stänkert. +Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert wird. Hier hat +gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir gewollt, +Oberlin, als er dich beiseite nahm?«</p> + +<p>Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. +Er tat so geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht +an sich und an uns. Seine ideale Absicht wäre nicht zu +bezweifeln, aber er wäre sich nicht klar darüber, daß er +widernatürliche Triebe in uns wecke.«</p> + +<p>Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das +Schwein!« rief er. »Hier gelob ichs, wenn er wieder das +Lokal betritt, werf ich ihn die Treppe hinunter. Was +für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm erwidert?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte +garnicht, was er meinte. Was sind denn das: widernatürliche +Triebe?«</p> + +<p>Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch +wurde Dietrich geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das +Licht ab. Mehrere schimpften, aber zehn Minuten darauf war +rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich allein konnte lange +keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er sich. +Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden +Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige +wie im Schmerz verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein +geflüsterter Laut wieder; draußen rauschten Bäume, es war +so schwül, so eigen; auf den Zehen schlich er zum Fenster, +öffnete es und beugte sich hinaus, weit, durstig, beklommen, +träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im Kriechen +müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben +wie eine zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte +eine leise Stimme.</p> + +<p>Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, +der mit aufs Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.</p> + +<p>Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen +Längshalle angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, +siebzehn-, neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig +durcheinander bewegten, hatten sie mit den Kleidern +das eitel Unterschiedene abgestreift und waren sorglos +spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem Mutwillensrausch +erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben +zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, +wenn sie ihn packen wollten, kletterte schließlich +waghalsig auf einen der Tragbalken, riß einen Glycinienzweig +ab und flocht sich ihn um die Stirn. Seht, Oberlin +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine Ausgelassenheit +war ansteckend.</p> + +<p>Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft +des Präfekten Kreß. Es gab harten Kampf, von +Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein langbeiniger +Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der dickliche +Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um +und machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, +daß das Gelächter darüber die Luft erschütterte.</p> + +<p>Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. +Lucian beteiligte sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. +Er hatte einen mageren Pantherkörper, gestreckt, muskulös, +äußerst gehorsam. Nachdem angetreten war, gab einer der +Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße raschelten +flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen. +Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm +hielt sich Georg Mathys, der prachtvoll lief, federnd, schleifend, +wie mühelos. In der Mitte der Bahn gewann Oberlin +die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann, behauptete +sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt, +innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu +siegen. Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es +mußte Lucian sein; er hatte eine raffinierte Technik und versparte +alle Kraft auf die letzten Sekunden.</p> + +<p>Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; +straffer den Nacken, lockrer die Gelenke, noch wars möglich, +ihn zu schlagen; zu spät nun! Lucian war am Ziel. Dietrich +stieß einen heiseren Zornschrei aus, stolperte im selben Moment +und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in seinen +Armen aufgefangen hätte.</p> + +<p>Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; +Oberlin keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>blaß von der Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und +Stärke sich bewußt. Als er Dietrich umfangen hatte, lächelte +er; es war jenes finster-zärtliche Lächeln, das wie eine +Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht leidend und +leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas Mütterliches, +Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung +küßte er den Jüngling auf den Mund.</p> + +<p>Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin +kühl. Maßloses Glück und schreckenvolles Erstaunen war +in einem; das Herz stand einen Augenblick still. Als ihn +Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte sich an die +Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, +mit neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen +Zug im Gesicht.</p> + + +<p class="newsection">Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte +Stimmung in der Schulgemeinde. Er war versponnen und +ging allen aus dem Weg. In seinen Augen war Verklärung, +aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, +es sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach +einem häßlichen Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt +verlasse die Anstalt. Beim Aufstehen vom Essen trat +Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu: »Nimm dich +in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem +ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet +hatte, trieb es ihn ins Freie; er legte sich unter einen Baum +und schaute mit glänzenden Blicken himmelan.</p> + +<p>Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte +sich unter die Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine +gehemmtere Bewegung als sonst; der schwül-farblose Abend +drückte vielleicht, eine von den Sommernächten, in denen +Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden sind. +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich +den Arm unter seinen und zog ihn von den andern +fort. Er plauderte von den bevorstehenden Ferien, von +Berlin, für das er schwärmte, von Theatern, Zirkus, Kabaretts, +schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an den er +in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen +Mädchen dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war +überrascht und horchte auf, aber es ging so eilig, schon wieder +sprach er von Lucian, beugte sich vor und starrte Dietrich +lachend ins Gesicht; er konnte liebenswürdig sein, in einer +durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr sei, daß ihn Lucian +geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens hätten +es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich +aus der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade +Finks Gesicht unangenehm nah gesehen. Er machte sich +los. Warum er so rot werde? rief Fink schadenfroh, warum +er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er dicht herzu, +faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein, Oberlin +gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus +Wut geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft +immer geschnitten habe.</p> + +<p>Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte +sich zu ihnen, sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied +nehmen zu können, da er morgen früh nach Freiburg fahre. +Er habe große Stücke auf Oberlin gehalten, und dies und +anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und lauernd. +Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor +von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten +Blick Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte +sich wieder an ihn an, und bemerkte kichernd zu Rottmann, +er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin rot geworden sei, +als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung +rufen; es klang sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter +Dialog. Das halte er für unmöglich, sagte Rottmann +abweisend, so etwas tue von der Leyen nicht, noch +dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn; solches +Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der +Leyen sei viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten +Weise hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, +Oberlin habe sich bloß wichtig machen wollen, aber dergleichen +Prahlerei stehe ihm übel an. Dietrich schaute ihm +entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf zielte +er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen, +das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm +heraus und wies mit Fingern hin. Im Innern war eine +vorher nicht gespürte Last, ohne die es schöner und bunter +zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm +das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, +es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, +und er begreife nicht, mit welchem Recht man ihn verdächtige. +Nun, nun, besänftigte Rottmann, es habe ja nichts weiter +auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er nicht gewollt, +als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis +vor einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er +nickte den beiden zu und entfernte sich.</p> + +<p>»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. +Kurt Fink zuckte die Achseln und sah verlegen aus.</p> + +<p>Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. +»Du solltest dich nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er +noch am selben Abend zu ihm. Dem sei nicht zu trauen, dem +Unsichern, sich selbst Gefährlichen. Draußen habe er schlechte +Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert worden; ihn +aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>nur auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als +er ihn einmal in Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus +erwachsen, er mache sichs ja mit keinem leicht. Eine Zeitlang +habe er sich besonders angelegentlich mit ihm beschäftigt, +es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer geworden. +Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben +sich beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden +und Bauerntöchtern nachstelle, und daraufhin habe sich +Lucian von ihm abgewendet. Seitdem habe er sich aufsässig +gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder weniger +käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester +für ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.</p> + +<p>Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander +klar zu entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl +mit Kurt Fink, aber er mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes +wie ein Wasser, dessen Tiefe man kennen mußte; +das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der verratende +Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er öffnete +sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde verführerisch, +und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen. +Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft +Verhülltes. Es war ein Wühlen in der Erde und ein Brausen +in den Wolken. Schlaf quälte. Der Duft der Akazien war +wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie, zitterte +man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen, +Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. +Auch mit den andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren +Blicke, ihre unruhigeren Hände ließen es wissen; in der +Nacht richtete sich einer auf und rief ein Wort in die Dunkelheit; +am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen +blaß.</p> + +<p><a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen +hatte, spürte er es wie Durst nach Lucian. Doch Lucian +schien bedrängt. Es war bisweilen, als horche er, warte er; +nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere Falte. Er +schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein auszuweichen, +aber im Druck seiner Hand war die herzlichste +Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, +doch wenn ihm Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, +richtete sein Auge eine Schranke auf.</p> + +<p>Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit +nicht. Er maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die +Menschenbrust zu sprengen; was konnte er tun, um Schutz +zu bieten, die unbegrenzte Verheißung zu erfüllen? Er +hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben, was zu bewahren +war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium +entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin +wurde ihm wie ein geliebtes Bild, das man besitzt, um es +zu verschließen.</p> + +<p>Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, +gab es doch immer ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt +war, Worte, die nur ihm allein galten. Dietrich +mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm nicht +entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; +Spannung wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das +leichte Opfer des Verführers wurde, der das Netz um ihn +wob. So geschah es auch am dritten Tag, nachdem der +Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war wolkenloser +Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde +mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. +Die vierzehn Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; +Georg Mathys mit dem gelassenen Schritt ging an seiner +Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine Heiterkeit hatte +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das über ihm +schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen, +alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes +Thema hatte hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name +erhöhte sich zur Figur. Über Friedrich von Preußen zu +sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war ihm Leidenschaft; +er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt; +er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung +zwischen Friedrich und Katte schilderte, den Zwist mit dem +Vater, Kattes Gang zur Hinrichtung vor dem Fenster von +Friedrichs Gefängnis, war etwas Schwärmerisches über +ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte, ja +häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem +Mißverständnis und der Verzerrung, als was an geschichtlichen +Persönlichkeiten, Königen und Feldherrn die Größe +genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die Größe der +Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit +verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, +sei eher Abzug als Vermehrung, und man stecke +in dieser Hinsicht noch im trüben Aberglauben historischer +Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das ewig Lebendige +vom Verwesten scheide.</p> + +<p>Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den +Lucian in sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt +zwischen Kronprinz und König wurde Anlaß, von dem +Verhältnis zwischen Vater und Sohn überhaupt zu sprechen. +Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer darauf zurück; +da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den +er fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das +nicht verdorrte Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater +grausam gezüchtigt, als er sich, mit fünfzehn Jahren, geweigert +hatte, Theolog zu werden. Die Knaben lauschten +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden +Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß: +Einsperrung, Fasten und die Peitsche. +Zur Theologie gepeitscht.</p> + +<p>»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene +Rechnung. Väter und Urväter haben das Herz der +Menschheit vergiftet und die Vernunft vergewaltigt; kommt +dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den Sohn mit der +Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf +mir deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah +zu seinem Volk sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich +und dient dem Übel weiter, bis abermals die Zeit kommt und +nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«</p> + +<p>»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen +aus Überzeugung.«</p> + +<p>»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.</p> + +<p>Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der +Erde, sagte Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, +Krippe und Stall seien mächtiger als Prophetenwort. Und +doch gebe die Tiermutter ihr Junges auf, sobald es sich +selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse er, +die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der +Sprache, die heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. +Wer Glück wolle, der wolle Tod. Dabei sei es nur das +Krippenglück, das Stallglück, nach dem sie gierten, das +verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und +Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.</p> + +<p>Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er +auch zu fliehen vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war +nicht die Mahnung eines Lehrers, sondern der Schlachtruf +eines Soldaten. Georg Mathys wandte ein, es gebe eine +schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht. Sie +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte +Lucian; er anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt +werde durch die Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, +auf Schutt und Moder zu bauen. Aber der Basler Hemmschuh +ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine Macht, behauptete +er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, +so müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, +sonst gehe alles außer Rand und Band.</p> + +<p>Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit +auf dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. +»Aber siehst du; dich nenn ich eben furchtlos, und so behagst +du mir. <em class="antiqua">Quo res cunque cadunt semper stat linea +recta.</em> Das war die Devise der Ligne und Egmont, die +wollen wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem +Krampf des Lauschens dicht vor ihm schritt, zwischen sich +und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom Kopf und trug +sie im lässig schlenkernden Arm.</p> + +<p>Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß +Kurt Fink mit Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen +langsameren Schritt, daß sie allmählich weit hinter den +andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich Dietrich still +gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle +verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, +träumte auch in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden +Angsttraum, der nur darin bestand, daß süßes +Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.</p> + +<p>Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und +es dünkte ihn schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte +umschwatzten ihn; noch hielt ihn Lucians Geisterkreis und +Geisterblick, dann war es banges Sichfallenlassen. Es ist +ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach unten lauscht, +die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor, +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige +Gewölbe stieg. Während Fink Blätter von den Büschen +riß, an einem Grashalm sog, sich bückte, um einen Käfer +oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald in das Revier, +wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser, +Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war +zu sauber von Fantasie, um immer gleich deuten zu können, +was der Verdorbene ihm zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, +die Vogelstimmen schwiegen, der Saft in den Bäumen +hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.</p> + +<p>Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig +Schönwieser, zu einer Reise ins Allgäu verabredet habe; +dann wollten sie einige Zeit im Inselhotel in Konstanz +wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die Oberlin mit +Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß +Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger +Villa eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter +darüber korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur +im Leuckerbad gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun +fragte Fink, ob er ihn ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen +dürfe. Das war Oberlin sonderbar zu hören; die +Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein sollte; demselben +Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert, +wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet +und ihm erlaubt habe, daß er aus dem Nebenzimmer in +den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie seinen +Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er +feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es +war eine umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; +die Lippe wurde trocken, der Fuß müde. Dietrich vermochte +lange nicht Antwort zu geben, dann stotterte er: »Ja, komm +nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink lachte, Oberlin +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen, er +habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder +um, sah Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich +hatten sie einander untergefaßt und rangen, keuchend, +schweigend, mitten in der Stille des Waldes, ohne Anlaß, +ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider Brust; keiner +wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen, +da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze +auf, reinigte sie von Erde und dürren Nadeln und setzte +heiß atmend seinen Weg fort. Nach kurzer Weile hörte er +Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied singen.</p> + +<p>Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald +trat, eine schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen +einer ungeheuren schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, +Schafe trippelten lautlos über den Hügelhang, ein paar +Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen. Oberlin schlug +im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums +Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde +es hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die +Welt war verloren, in die pochenden Adern verkroch sie +sich, das Bittersüße schnürte die Kehle zusammen; man +hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde wühlen, die +Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten +so viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug +Verlangen; Straße auf und Straße ab war leer; er war sich +feind, er war sich alt.</p> + +<p>Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und +Richter auf ihn. Sie erkundigten sich, wo Fink geblieben +sei. Sie zogen ihn in den Garten und dort wanderten sie +zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten sie +die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender +Ruhe zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>Zweck; Justus Richter, dem sein sprudelndes Temperament +Vorsicht nicht leicht machte, begann mit einer mißfälligen +Bemerkung über die zwischen Oberlin und Fink +herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; +er sagte, für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen +solchen Verkehr, auch Gründe der Selbstliebe; neben dem +wurmigen Holz kränkle das gesunde bald. Seine Herzlichkeit +und Zartheit, Richters warme Art drangen zu Oberlin; +mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie +begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.</p> + +<p>Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder +Aufregung. Kurz nach der Heimkehr schon hatte man +Lucian mit einem Zeitungsblatt in der Hand auffallend +bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort eine Konferenz +der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, +so erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten +für den Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden +Artikel über die sittenlosen, oder wie es wörtlich +hieß, sardanapalischen Zustände in der Hochlindener Schulgemeinde, +dieses Geschwür am Leibe eines christlichen Staates. +Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung +heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. +Nicht genug damit, brachte dann die Achtuhrpost, +gerade als zu Tisch geläutet wurde, mehr denn anderthalb +Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne selbst, teils +an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf +skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger +Seite zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, +längeres Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man +forderte deshalb schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. +Vier Schüler aber erhielten Telegramme mit der Ankündigung +von der Ankunft des Vaters oder der Mutter, und einer, +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne Verzug +nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. +Aus dem Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß +er der Ratsherrin als ein an den Vorgängen unmittelbar +Beteiligter denunziert worden war.</p> + +<p>Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten +Gruppen zusammen; jeder brachte jeden Augenblick neue +Kunde. Draußen tobte das Gewitter und plätscherte der +Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal solle +Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches +Gewühl. Georg Mathys wurde umringt und man wollte +seine Meinung hören; er hatte sich nicht nur im Verhältnis +zu seinen Angehörigen eine gewisse Selbständigkeit errungen, +sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine bevorzugte +Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn +als Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits +im Frühjahr abgelegt und bestanden hatte, war es nur +die Neigung zum Lehrberuf, Interesse an organischer Entwicklung +des Geistes, die ihn an Hochlinden fesselten.</p> + +<p>Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, +brauchte er ihnen nicht zu sagen; es lag ihm im Gegenteil +daran, einen zutage tretenden Übereifer zu bekämpfen, +und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute zu Minute +mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung +und Verunglimpfung des Führers Rache üben +und sich für unabhängig erklären. Die Erörterung wurde +ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen das Wort. +Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und +Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz +der Autorität, hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu +leben, folglich ein Recht zu handeln; sich in einem so beispielhaften +Fall bevormunden zu lassen sei Schmach; jetzt +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und +der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky +stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender +Stimme zur Gründung des Bundes neuer Jugend auf; der +Einfall begeisterte; sofort entstand der Plan, Statuten +zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle sollten +schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr +zu fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder +Donnerschlag brachte kurze Dämpfung des Tumults +hervor, um so wilder stieg die Woge bis zum nächsten. Einige +umarmten sich; einige brüllten zornig aufeinander los; +einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen Verfassung +sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern +gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch +die Luft, die sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den +Staub zu schleudern, sei es ein seit Menschengedenken beweihräucherter +Götze, sei es ein unschuldiges ausgestopftes +Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und Mozart +waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen +gestoßen zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen +Kassen den schmählich erhandelten Mammon abzählten. +Fluchwürdige Unterdrückung alles, eine Welt, deren morsche +Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer Zeit nicht +standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze; +nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat +sein unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, +schrankenlos, neu die Formen, jeder erfülle seine eigene: +höher die Woge, höher der Gischt; erst das Bestehende zu +Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann wollen +wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.</p> + +<p>Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, +als Anlaß, das unterste zu oberst zu kehren und sich mit; +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>doch waren die Schabernackleute in Minderzahl, und wenige +waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in ihrem +Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und +nun hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war +Werkzeug für die wilderen Forderungen des andern, und +jeder suchte wieder einen Schwächeren, den seine Unentschlossenheit +verdächtigte, um an ihm den Rausch zu steigern. +Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da wurde +die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte +sich auf der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und +dem bejahrten Mathematiklehrer. Er blickte über die +Köpfe hin, verwundert, mit dem umbuschten, flüchtigen +Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es war still. +Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute +ihn fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene +sagte viel.</p> + +<p>Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals +schweigend umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes +Schweigen. Da vernahm man Schritte; sie waren unerwartet, +diese Schritte, sie hatten etwas Ordnung und +Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner +gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von +seinem Platz erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen +war. Während des ganzen furchterweckenden Lärms +und Getümmels war er steif und stumm auf dem Fenstersims +am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in +seinen Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden +geredet, geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das +Einzelne nicht erfaßt; der rasende Wirrwarr hatte ihn in +sich selbst zurückgetrieben, so daß er in seiner Beklommenheit, +Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der +Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>er sich auf; die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art +von Mut; das Geräusch seiner Schritte war ihm aber ebenfalls +erstaunlich, doch da eine Gasse für ihn gebildet wurde, +besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian zu, reichte ihm +das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich: +»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«</p> + +<p>Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten +sonderbarerweise eine beschämende und ergreifende Wirkung +hervor. Augen senkten sich, die bis dahin noch voll +Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian nahm +das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing +er an zu sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.</p> + +<p>»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr +da getrieben habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge +davon erhoffen? Es hat verdammte Ähnlichkeit mit manchen +Geschichten von den sieben Schwaben. Die sieben Schwaben +nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie +weit genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. +Ich will euch auch keine Vorwürfe machen, sonst ginge es +mir vielleicht wie dem alten Storch in meiner Heimat. Es +war da eine der feierlichen Storchenversammlungen, wie +sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem die Burschen +anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich ein +ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein +einziger alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab +sich Mühe, die aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu +bringen; da fielen sie insgesamt über ihn her und hackten +ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem glücklich +nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt +hatten, gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; +demnach wäre also der alte lästige Friedenstifter +wirklich entbehrlich gewesen, und sie hätten von ihrem +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus +zu machen. <em class="antiqua">Exempla docent.</em> Hier stehe ich. Rührt die +Schnäbel, Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also +gebt acht.«</p> + +<p>Und er fuhr fort:</p> + +<p>»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an +der Wand gespielt. Und es war mir auch fast zumut, als +hört ich meine eigene Schand. Zunächst hätte ich natürlich +keinen Anlaß, mich von euerm Anathema getroffen und +inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr +ja, wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, +werdet ihr sagen, eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber +man hat immerhin ein halbes Hundert Jahre auf dem Buckel, +und man mag sich selber noch so zugehörig dünken zu allem, +was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen läßt +sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, +und so unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die +erkaltende Lava ihre Kruste, so hat auch das vorgerückte +Lebensalter seine Zeichen. Etwas in uns wird starrer, etwas +in uns versteint, wir mögen tun und reden, so viel wir wollen, +und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu einem +fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in +meiner Weise versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis +gekommen bin, daß die Stunde der Abdankung vielleicht +auch für mich geschlagen hat, so darf euch das nach eurer +turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. +Ich erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht +bereit; keine Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der +Geist eingegeben hat, ich erkläre mich bereit zum Verzicht, +sage ich, allerdings unter einer Bedingung. Wenn von euch +achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir steht, einer vortreten +und den Beweis liefern kann, daß er eine persönliche +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für vorbildlich +oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich +gelten muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges +Menschentum deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, +edler Verleugnung und Entbehrung, irgend +ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns +alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, +die ich mir ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht +und das bessere Wissen angemaßt, niederlegen und mich +für einen eurer unwürdigen Usurpator halten. Nun? niemand +meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor +zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner +überdonnert mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so +kleinlaut? Meint ihr denn, ihr könnt mir imponieren, so +lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das andere für +euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben wegzukehren +und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen +sei schon was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? +Könnt ihr einen Tisch zimmern? Könnt ihr ein Hufeisen +schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock schneiden? +Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren +und Richter sein zu können, aber auf das Elementare +muß man sich verstehen, das muß man hinter sich haben. +Und hier ist der Punkt, wo ich mich, sicherlich zur Genugtuung +des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen +habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs +schuldschwer auf die Seele, daß ich euch und mich um dieses +Elementare herumgeschwindelt habe, das einem echten Kerl +freilich in den Gelenken sitzt, das aber gewußt und bedacht +werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am Urgestein +und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. +Nichts anderes werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>habe werden lassen, wie wenn einer ein Fell gerben und +sich die Lohe ersparen möchte und glaubt, es sei dasselbe, +wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da ist +nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das +beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich +zu dem Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen +Abschied von euch zu nehmen habe. Ich werde die +Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den Verlauf dieser +Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und +mich jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, +zu entziehen. Ein stellvertretendes Lehrerkollegium +übernimmt die Leitung, und daß ihr diesen Entschluß billigt, +darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,« rief er und +streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende, +»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt +sich. Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern +von allen, als wär es ein Einziger.«</p> + +<p>Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« +sagte er langsam, indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern +legte, »du gehorche nur. Du sollst gehorchen. Aber merk +dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder nicht bald, an dem +kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich. Dann +mußt du mich zu finden wissen.«</p> + +<p>Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ +und die meisten ihm das Geleite gaben, stand er zu Boden +schauend und von Blitzen umzuckt, die das Nachgewitter +durch die hohen Fenster streute.</p> + +<p><a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a></p> + + + + +<h2><a name="Die_zweite_Stufe" id="Die_zweite_Stufe"></a>Die zweite Stufe</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a></p> + + +<h3>Rottmanns Brief</h3> + +<p class="newchapter">Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde +Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern +ihre Söhne zu schützen verpflichtet sind. Wenn in einer +Zeit der hemmungslosen gedanklichen Ausschweifungen in +willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der Verführung +aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor +die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender +Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff +davon geben, bis zu welch bedenklichem Grad das Unwesen +gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt Anstoß, der Stein +kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen +Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle +auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den +er in leider allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. +Wobei ich mir und andern nicht verhehle, daß man es mit +einem Mann von hohen Gaben zu tun hat, von einer ungemeinen +Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart und +Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine +Grenze achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm +anvertraute Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal +beschrittenen Wege abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung +nicht zu verletzen, darf ich in meinen Andeutungen +nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich erwähnen, +daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der Verantwortung +in keinem Punkt entziehen werde und mich, was +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>den unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner +Trennung von Doktor von der Leyen war, auf das freie +Eingeständnis Ihres Sohnes Dietrich mir gegenüber und +vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es einem fernstehenden, +aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte +Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten +zu belästigen. Seine Erwägung ist, eher das Odium des +Angebers auf sich zu nehmen, als unter dem Gewissensvorwurf +zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um eine +würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen +jungen Menschen, der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel +wert ist, einer mit jedem versäumten Tag drohender +sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In besonderer Hochschätzung +Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg, +Domgasse 8.</p> + + +<h3>Dorine</h3> + +<p class="newchapter">Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine +Jugend im Sinn von Freiheit und Überschwang nicht gelebt, +daher fühlte sie dieses Alter nicht als Abstieg und nicht als +Verarmung, sondern als Ergebnis eines natürlichen Prozesses, +der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum Bedauern. +Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie +sich im Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte +Regel. Nichts was von außen zu ihr drang, von der Welt +der Gleichgeordneten nicht und von der der Untergebenen +nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das Dasein +war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.</p> + +<p>Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig +Jahre älteren Mann geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>glänzende gesellschaftliche Stellung und ein Miteinanderleben +ohne Konflikte versprach. In der Tat war die Ehe +niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine Verstimmung +getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet +in ihren Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten +und äußeren Beziehungen. Die gänzliche Leidenschaftslosigkeit +der Führung bewirkte in den gemeinsamen Fragen +einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen +die Rede sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern +Seite, da Wunsch und Wille stets aus der nämlichen Wurzel +kamen und Übereinkunft sich ergab wie bei zwei Reisegefährten, +die weder über den Weg noch über das Ziel ein +Wort zu verlieren brauchen.</p> + +<p>Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen +des Sohnes. Wie das Verhalten zueinander so stand +auch das zu dem Knaben unter einem Gesetz, das freilich +bei den konservativsten Familien der Stadt seine ursprüngliche +Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, +moderner Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts +angekränkelt war. Man mochte es patriarchalisch nennen +oder bürgerlich-patrizisch, es war Frucht von altüberbrachten +Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten und der profanierenden +und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.</p> + +<p>Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen +der Gemeinschaft ergeben, zu deren vornehmsten Hütern +er gehörte und sich zählte, brach vielleicht daran, daß er +die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah und im +ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und +seiner Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen +Anlaß hielt er in der Ratsversammlung eine Rede, die +einigen Teilnehmern durch das schmerzlich-aufrüttelnde +Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.</p> + +<p><a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische +Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er +suchte grüblerisch nach Mitteln, wie er vor dem Unheil zu +retten wäre, als ob der Brand, der den Besitz der Menschheit +bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen sollen. +Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung +mit Dorine, in der es sich ausschließlich um die Richtlinien +handelte, nach denen Dietrichs Erziehung zu vollenden +sei.</p> + +<p>Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem +spröden Sichtragen, nüchternen Erscheinen, erzogenen und +kühl-heiteren Selbstsein, daß sichtbare Zärtlichkeit gegen +Dietrich nie hervorgetreten war. Das einzige Kind; der +erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener +Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im +Umgang; alles das war selbstverständlich. Schicksal war +selbstverständlich. Daran, daß einer war wie er war, hatte +er kein Verdienst; fuhr er doch in einem tüchtigen Fahrzeug +auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als +Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. +Man ließ sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf +den Tag und diente Gott zu seiner Stunde. Da hätte +Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln eines dauerhaften +Gewebes geglichen.</p> + +<p>Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von +Denken und Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch +tiefer darin versenkt denn zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; +nicht zu schmälerndes, von ihm nicht, von andern +nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden sonst, +Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes +und Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel +und Argwohn erhaben.</p> + +<p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend +auf Dorine gewirkt. Manche versicherten es ihr +taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht hatte Festigkeit und frische +glatte Haut. Die Form des Kopfes war anmutig schmal, +die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war +ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die +Lippen traten leicht hervor, und die obere, entschlossene, +zwang die untere, etwas bedächtige, ihr im Schwung zu +folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete auf Herrschsucht. +Die langwimprigen Augen waren von intensivem +Blaugrau; sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, +einen unbestimmteren, fast fragenden dahinter. Die Lider, +umschattet und gelblich verfaltet wie bei Menschen, die +wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die +vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.</p> + +<p>Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, +und ihre Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie +gleichmäßig. Doch führte sie auch nach dem Ableben des +Ratsherrn das Haus im selben Stande weiter, niemand +vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten +Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. +Sie war Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. +In der Ermatinger Villa waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; +sie hatte ihre Korrespondenten, und bisweilen +besuchten sie Händler, um ihr ein kostbares Stück anzubieten. +Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte botanische Arbeiten, +legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und gelehrten +Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine +Flora.</p> + +<p>Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu +Zeiten wie Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte +sie den Rucksack, fuhr ins Oberland und stieg auf die Berge. +<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Sie konnte zehn Stunden wandern, ohne zu ermüden, +hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den +schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. +Davon machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr +sogar unangenehm, wenn es beredet wurde, und hauptsächlich +um diese Liebhaberei zu bemänteln, hatte sie sich +von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.</p> + + +<h3>Banger Traum</h3> + +<p class="newchapter">Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel +flößten ihr wohl Schrecken ein, doch faßte sie nicht +die Anklage. Unerläßlich erschien es ihr, Dietrich zurückzurufen, +und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß zu +erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich +mit dem Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und +ersuchte ihn, zu einer persönlichen Unterredung nach Basel +zu kommen. Einen entsprechenden Geldbetrag wies sie +telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei Stunden, +und er traf noch am selben Nachmittag ein.</p> + +<p>Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche +Mischung von Untertänigkeit und Insolenz. Aber das +wollte nichts bedeuten gegenüber seinen Eröffnungen, die +den Stempel der Wahrheit trugen.</p> + +<p>Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße +Möglichkeit von Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, +als seien sie in seinem Beruf alltäglich. Er wählte die +Worte mit Vorsicht und errötete sogar vor der strengblickenden +Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit einem Kuß +besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>schien durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit +machte. Nur zögernd nannte er die Gründe, die +ihn bewogen hatten, sich wider die Verfügung aufzulehnen, +daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien tummeln +sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der verhängnisvolle +Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von +der Leyen seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche +Lehre, mit dem Herkommen zu brechen, nichts gelten zu +lassen, was bisher unantastbar gewesen, die Schranken +des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen und sich +zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen +als das von den eigenen Leidenschaften diktierte.</p> + +<p>Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares +Einzelnes, Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche +und Reden, deren Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen +vorzuweisen, schilderte die Art des Umgangs +von Lucian mit den Zöglingen, die fangende, verfängliche, +Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen Enthusiasmus +mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie +ein Ausspruch über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat +als ätzender Tropfen in die jungen Seelen träufelte, unlöslich +vermengt mit Freundschaft, Zutrauen, Interesse, +und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht +werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen +aufgebaut. Darum sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, +daß diese wenigstens zu wissen bekämen, wo der Verwüster +zu suchen sei, wenn sie eines Tages entdeckten, daß ihre +Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt, in der +der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er +sichs zur Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, +auch gegen so geschickt vermummte wie von der Leyen +einer sei.</p> + +<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. +Weshalb man ihr denn die Anstalt empfohlen habe? Gebe +es also solche, die das leichterdings auf ihr Gewissen nähmen? +Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und unheilbar +seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe, +daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des +abscheulichen Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie +sich ihm gegenüber verhalten solle?</p> + +<p>Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über +sich selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie +und Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln +des Mannes schroff ab, dankte ihm für seine Willigkeit +und guten Dienste, fragte, ob sie sich bei Gelegenheit +seiner erinnern dürfe und entließ ihn.</p> + +<p>»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, +wird keine Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem +Stoff,« war sein letztes Wort, auf das sie nur ein höfliches +Kopfnicken hatte. Als er draußen war, zeigte ihre Miene +Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt keinen mehr +von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug +mit ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu +retten ist.</p> + +<p>Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben +sei und was zu retten sei. Sie versuchte, sich den +Knaben in den Situationen vorzustellen, die der von ihr +im Innersten beargwöhnte Mensch teils geschildert, teils +hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im ziellosen +Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.</p> + +<p>Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne +Scham. Oder nur Opfer von Schamlosen. Oder, wenn +dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte bestehen +können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu begreifen +<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, +der Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, +der Gehorsame widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie +ihn gewinnen, wie ihn zur Mitteilung stimmen, damit sein +Wort am Wort jenes andern zu messen war, der nicht +gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? – Und +wie ihm Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, +wenn sie genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, +den Trotz niederhalten, in dem er, auch er vielleicht, zum +Lügner wurde, zum Verheimlicher, Beschöniger?</p> + +<p>Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal +bedacht sein, in der ein Wesen abspenstig werden kann für +immer. Da entscheidet ein Hauch, eine unüberlegte Gebärde. +Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging; schlimmer noch, +wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch +von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie +zum Geständnis überreden sollte. In jedem Fall war ein +Geisterband zerrissen und etwas herabgezogen ins Für und +Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber geschwebt +hatte, schlummernd.</p> + +<p>Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine +Stimme, die ihr zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere +Stimme, die ihr zurief: Frau! Jene war eine erstickte +und verhallende Stimme, diese eine lebendige und nahe. +Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin +kehrte, von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher +an, bis sie schließlich voll Angst, die Hände an die +Ohren pressend, entfloh.</p> + +<p><a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a></p> + + +<h3>In einem Tropfen Blut</h3> + +<p class="newchapter">Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig +wie ein Brunnen.</p> + +<p>Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht +nach Hause, wurde ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm +nicht unlieb; es verzögerte das Mißliche und Ungewisse der +Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln, was von +Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie +von seiner Ankunft benachrichtigt.</p> + +<p>Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, +Kleider ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld +und trieb ihn durch die eigentümlich starren Prunkräume +des Geschosses. Daß sie kleiner waren als noch gestern die +Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm Sicherheit.</p> + +<p>Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, +weil sie ihm zu spüren gab, daß über ihm ein fremder und +stärkerer Wille war. Beim königlich-sonoren Schlag der +Florentiner Uhr, die die sechste Stunde meldete, war sein +Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar, unwiderleglich. +Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus, +teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben +mir, hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte +er sich.</p> + +<p>Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste +Bild, das ihm in die Augen fiel, war das der Mutter. +Er betrachtete es verwundert. So hübsch kann sie doch nicht +sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm er +ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch +eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer +Art von Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine +noch jugendliche Frau von besonders geprägter Schönheit +<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>war, schlank, elegant, geschmeidig. Er hatte es nicht gewußt. +Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl jahrlos, war +das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der nämlichen +Würde und Ferne.</p> + +<p>Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, +ohne ihn zu überfallen und sich überfallen zu lassen, +hatte Dorine Mittel genug. In allem, was sie tat und sagte, +war sie klug bemüht, Spannung zu beseitigen. Kein Blick +von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt, jede Bewegung +verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn +verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, +verborgener. Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. +Beides war nicht das Gewünschte. Ihr Forschen +bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da berührte sie +schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum +auf der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; +da war ein Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde +Bemerkung, die ihr nicht gefallen wollten. Er hatte früher +mehr Distanz gehabt, mehr wartende Unterordnung. Oder +täuschte der brodelnde Argwohn?</p> + +<p>Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. +Er war harmlos. Sie hatte geglaubt, ein wenig gehofft +sogar, daß er von schlechtem Gewissen bedrückt vor sie +treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine +neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als +sie jeden Versuch zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau +spürte, vereitelte. Schließlich war sie selbst die Bedrückte, +und um nicht noch mehr Boden zu verlieren, sah sie sich genötigt, +ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am +Abend, und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben +in der Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie +der Beginn eines Gesprächs.</p> + +<p><a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte +er hastig die Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, +so jäh und drohend, zwei Wochen vor Semesterschluß. +Sie war erstaunt. Daß er sich völlig unwissend geben würde, +darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie ihn nicht +der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen +und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in +seinen Augen ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. +Sie wurde irre und fühlte sich erleichtert. In Kürze und +mit kühlen Worten berichtete sie von der Denunziation, +verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen, +bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl +sie, in unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, +die Vorgänge kaum andeutend streifte, deren Kenntnis +sie Rottmann verdankte, durchtränkte doch das Unbehagen +und der Widerwille dagegen jede Silbe.</p> + +<p>Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die +Empörung über das Spiel hinter der Wand, den Verrat +Rottmanns, in den er die Mutter verstrickt sah. Er hatte +den Zusammenhang freilich erraten, dazu war kein Scharfsinn +vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit +gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber +die Bestätigung gab ein anderes Bild als die Vermutung.</p> + +<p>Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine +beobachtete ihn aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte +sie ein Lächeln auf seinen Lippen, helles, herzliches +Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden Hände und sagte: +»Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es +war!«</p> + +<p>Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie +kreuzte die Arme über der Brust und erwiderte freundlich: +»Nun also, wie war es? Erzähle.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene +Strom hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren +nicht. Was für Worte; woher die Worte? woher die Kühnheit, +sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man über +Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein +Halbgott sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen +zu verdienen, was der unerschöpflich begeisterte Knabenmund +an ihm zu preisen hatte: Wissen und Geistesmacht, +Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie +der Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere +Welt, ruhige Würde und vertraulichsten Umgang.</p> + +<p>Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; +wie an jeder Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe +und Regel nichts mehr galten; wie das Wirre sich von selber +ordnete, jedes Ding sein richtiges Maß und Gewicht erhielt +und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte +achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich +das Gute vom Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; +Lucian brauchte nur eins gegen das andere zu halten, und +es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so daß man von +Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es +bald gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos +mit sich geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein +Kehrichthaufen erschienen.</p> + +<p>Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht +von einer Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, +keine Fußangeln, Predigten, Strafmandate, alles +Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer, williger Beschluß. +Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere Dasein +werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos +vorkommen wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht +erwehren, als habe man ihn aus der einzig förderlichen +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Bahn gerissen, und er wisse nun nicht wohin, zumal ihm +ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm +verfahren.</p> + +<p>Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. +Sie sagte, die Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten +verfügt, stehe ihm nicht zu, auch was seine Zukunft anlange, +könne er getrost ihrer Einsicht vertrauen. Er habe ja mit +viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden verbrachte +Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem +Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans +Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; +wundern müsse sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, +den dunklen Fleck in dem rosigen Bild, in +geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich da +nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge +mit sich selber darüber ins Gericht gehen, denn hören +wolle sie jetzt nichts mehr, heute nichts mehr. »Nur so +viel,« und sie beugte sich mit großaufgeschlagenen Augen +näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder haben, ehrlich +vor allem.«</p> + +<p>Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. +Er erhob sich, um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein +Blick war ratlos. Er verstehe nicht genau, was sie meine, +stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort sei ja schließlich +von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe trotzdem +nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb +man so viel Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf +zerbrochen und verstehe es nicht. Er wurde flammend rot +und schwieg, dann auf einmal, unter dem musternden, +bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, +es zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in +Scham.</p> + +<p><a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte +ihr unerträglich. Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe +hatte das Gesicht eines Verworfenen; sie selbst erschien +sich als das Opfer boshafter und schmutziger Umtriebe. +»Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es ist spät, +ich bin müde.«</p> + +<p>Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß +sie allein. Sie schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem +Goldfinger hundertmal über die Gelenke, endlich schmerzte +die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem Knöchel +hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß +und größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, +und im hohlen und durchsichtigen Innern sah sie eine widrige +Vision: den Unbekannten, den Verführer, nackt; neben ihm +Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide. Versteinerndes +Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das Blut +mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste +eingebrannt; es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit +Haß und Häßlichkeit belud, und wie es aus dem Blut +entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.</p> + +<p>Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe +bis zu Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder +weg, kehrte zurück, drückte die Klinke leise nieder, öffnete +und lauschte.</p> + +<p>Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich +in der Höhe oben zu sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. +Auch hatte sie seit drei Nächten nicht mehr geschlafen. +Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie schon fort, +und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem +sie ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum +Sonntag wieder zuhause sein würde und ihn anwies, sich +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>für die baldige Übersiedlung nach Ermatingen vorzubereiten. +Einerseits freute sich Dietrich der Aussicht, andererseits +wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne vorherige +Übereinkunft befahl und immer nur befahl.</p> + + +<h3>Nymphe und Faun</h3> + +<p class="newchapter">Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das +Buch, das er las, zum Feind. Die gedruckten Worte verschworen +sich mit gedachten. Das aufgenommene Bild zerfloß +gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache fehlte, Deutung +fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül waren, +ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter +dem Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er +ein Fremder. Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende +Blicke junger Mädchen, die er kannte, erzürnten ihn. +Spaziergänge langweilten; durch die Straßen schlendern +verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit +über die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne +entgegen, deren Glut er trinken zu können glaubte. Oft irrte +er durch das Haus, griff nach Folianten in der Bibliothek, +blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen und Truhen, +stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke, +heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die +wimmelnden Menschen in der Gassenschlucht, warf sich +bäuchlings in einen Winkel, wo Staub aufwirbelte und +Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den Gesang +mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen, +das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der +Kehle würgte wie der Laut eines in ihm versteckten andern. +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>Und wieder einmal hörte er mit demselben Schrecken, daß +seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen könnte, +wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: +»Oberlin bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme +und seine Stirn an.</p> + +<p>Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich +vor ihr zusammen. Er wachte über sein äußeres Gehaben, +das schmiegsame, gefällige, art- und standesbewußte, das +ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah weniger +in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als +aus Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe +einen Aussatz am Leibe, der dem spähenden Blick über ihm +um jeden Preis verhehlt werden mußte.</p> + +<p>Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben +und sich dann das Pensum der Prima mit Hilfe privaten +Unterrichts aneignen solle. Vom Besuch der Schule wollte +Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot nichts +wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte +zu. Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer +entfernte Zeiträume; schien es doch jeden Abend, als stieße +man auf einem Nachen vom Ufer ab, ins Grenzenlose.</p> + +<p>Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte +Georg Mathys und Justus Richter an ihr Versprechen, zu +kommen; Mathys antwortete aus Hochlinden, er sei von +Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden, noch sechs +Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu +bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, +und erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. +Für diesen Termin habe er sich auch mit Richter verabredet. +Justus Richter schrieb in demselben Sinn.</p> + +<p>So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, +näher als je, zumal der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>begann. Dorine sah sich vor der Aufgabe, Freunde +zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die gleichmäßigen Tage +mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie erreichen +wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf gedankenvollen +Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die +Menschen nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, +der Abschluß gegen die Welt war ihr willkommen und gewohnt, +aber so viel war ihr klar, daß sie dem Jüngling Tür +und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie zurückzuschenken +vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und +Sein richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu +lassen, ihn an sich zu binden, sich ihm notwendig zu machen, +zurückzuerobern, was sie verloren, neu zu erobern, was ihr +bisher nicht zu eigen gewesen war. Es hielt sie in Atem, es +gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte völlig in +Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und Überhörigkeit. +So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in +ihr, zu viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; +es ist gut und muß gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.</p> + +<p>Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, +ihm ihr lebendiges Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, +durch ihre Kenntnisse und die Liebe für das kleine +Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen Gepäck +befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen +Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in +denen er sich über politische und soziale wie über Lebensprobleme +in seiner profunden und großen Manier ausgesprochen. +Da galt es zu sichten, zu prüfen und was bewahrt +zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu +sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander +vor, es wurde nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe +<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>begaben, und Dietrich, in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter +Wissenslust, brach nur widerstrebend ab.</p> + +<p>Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung +anfertigen. Zu dem Zweck wurden die Stücke aus den +Schränken genommen, katalogisiert und mit kurzen Schlagworten +beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne Besonderheiten +aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen +Fabriken und Stile, die Zartheit der Malerei, +den Reiz der Formen, erwärmte und erhellte sich dabei so, +daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem hübschen +Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war +sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und +hatte sie ihr offenbar nicht zugetraut.</p> + +<p>Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit +nie ledig. Er fügt sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; +es ist die wahre Natur nicht; wenn er die Tür hinter sich +schließt, hat er ein anderes Gesicht. Ihr dünkte, als führe +jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale um +Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit +jedem Tag unzugänglicher wurde.</p> + +<p>Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut +war förmlich wund vor angespannter Wachsamkeit und +Wachheit. Der verlorene Ausdruck jetzt, mit dem er die +Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie zum +Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, +die Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, +nun zuckte er zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der +kindlichen, unbegreiflichen Röte, ihr Blick umschlang ihn +stumm, er warf den Blick unwillig ab, alles war Zurückweichen +und Flucht.</p> + +<p>Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor +den Glasschränken auf sie wartete. Er hielt eine Meißener +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Gruppe zwischen den Händen, eines der kostbarsten und +edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte Nymphe; +der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf, +Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter +einem Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener +Überfall; das Grinsen: Vorschmack des Besitzes; +die Haltung: Lüsternheit und Stärke. Eine Sekunde, +und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und +Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen +Kugel, nur ins Verständlichere umgewandelt, aber +deshalb nicht minder abschreckend für sie, Auflösung, früher +Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne, besudeltes +Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender, +nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, +vom Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. +Sie sah es in seinen Mienen; er hatte sie nicht eintreten gehört +und betrachtete die Figuren mit sorgenvollem, fast +schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den +die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen +Neugier. Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; +sein Gesicht veränderte sich mit einer Raschheit ins Gleichgültige, +die ein Meisterzug an einem Schauspieler gewesen +wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie und +stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr +Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, +ob die Gruppe schon einregistriert sei und nahm sie ihm +behutsam aus den Händen. Dietrich ging zum Tisch, um in +der Liste nachzusehen, währenddem geschah ein Fall und +gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem +Boden.</p> + +<p>Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den +Scherben, ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Gesicht, auf dem Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften +Hinknien, eine stolze, bittere Genugtuung hätte +sehen können.</p> + +<p>»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade +um das herrliche Ding.«</p> + + +<h3>Sommertag und -abend</h3> + +<p class="newchapter">Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, +den sie durch Dickicht schlug.</p> + +<p>Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste +Sorgfalt auf ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, +den Einklang der Farben, Art und Haltbarkeit der Frisur. +Was sie früher nur selten vermocht, sie saß vor dem Spiegel, +prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die Zeichen des +Alterns.</p> + +<p>Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, +Gefährtin. Sie wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die +Gabe in sich, zu gefallen. Es sollte ihm Vergnügen bereiten, +mit ihr unter die Menschen zu gehen, seinen Ehrgeiz wecken, +mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie machte +sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten, +Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte +ihr Verlangen nach Alleinsein und botanischen Gängen, +war voll von Plänen, Vorschlägen, Unternehmungslust. +Häufig entzog sich Dietrich unter irgendeiner Ausrede; das +Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle arbeiten. +Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar +und kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, +unfroh. Bisweilen aber stimmte er in gehobener +Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt sich mitreißen zu +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>lassen, und einmal geschah es, daß er während eines Ausflugs +innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von +feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des +Mitteilens, vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender +Hingabe in Blick und Rede, so daß Dorine +glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe ihn sich +errungen.</p> + +<p>In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang +nach Steckborn gefahren und hatten den Weg über Muren, +Engerswylen, Gonterswylen, Helsighausen angetreten. +Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert, schmeichelnd-kühl +und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß, +der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem +Auge leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und +ruhig staunend. Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem +künftigen Beruf zu sprechen, der Bestimmung, die er +für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel empfand, und zwar +wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und Erwähltheit. +Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit +binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; +er erblicke Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe +er im Mittelpunkt eines lodernden Kreises; bald dränge es +ihn dahin, bald dorthin, doch störe ihn die Anziehung des +Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe das Gefühl +von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, +und nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der +Verantwortung, sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden +zu dürfen, abwerfen, was sich hinderlich und falsch +erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis sich ein +Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden +sei. Nur so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man +die in der Seele zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>bilden, ein gesammelter Mensch werden, einer der echt +ist und echt handelt. Ob es nun die Geschichte sei, oder die +wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die Rechtszustände, +oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen, +oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich +erst in dem Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich +selber zu gestalten Muße und Spielraum habe. Mit ihm, +leider müsse er es bekennen, sei es vorläufig noch so, daß es +ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den anderen aber +sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu often +Malen irre.</p> + +<p>Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, +als lerne sie ein unbekanntes Land kennen. Hie und da warf +sie ein Wort ein, Frage, Zweifel, Bedenken, aber sie wollte +ihn nicht einschüchtern, und er ging auch, je stiller der Pfad +wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal wurde er +kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und +erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht +vorstellen, daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen +vermöge, im schönen, tiefen Sinn zu teilen (dabei schob er +seinen Arm abbittend unter den der Mutter, und sie wanderten +weiter wie Freunde im Glück der ersten Geständnisse); +er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben, ja, +wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht +an die Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer +Wahn, dem die Geschlechter durch grausamen Machtwillen +der Natur verfielen, eine Idee bloß, an die keine Erfahrung +hinreiche und deren verhängnisvollen Einfluß sich zu entziehen +sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht schwer +werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, +nicht besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich +leidenschaftlich, so doch dafür sehr egoistisch.</p> + +<p><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem +Gemüt, und ein Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, +und nicht erbangt und erfeilscht, das den Tag in goldenes +Licht tauchte, Blätter, Wurzeln, Steine und den verdämmernden +Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war ohne Gewicht +und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. +Sie gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte +bläulich-silbern mit scharlachnen Flecken, der Westen war +eine flammende Schmiede-Esse, über den schon nahen Häusern +lags wie fließender Brokat, farbige Segel glitten +schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; +da sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie +im Knabenbaß.</p> + +<p>Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch +die sie mußten, durch dichtes Menschengedränge versperrt. +Erregte Gesichter waren einem Haus zugewandt, vor welchem +Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am Arm +standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und +nach kurzer Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, +denen weinende Kinder folgten und ein Weib, +das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger Schlossermeister, +den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich und +erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein +leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline +Kranich, die beim Theater gewesen und dann immer tiefer +gesunken war. Sie hatte zwei junge Leute in ihre Netze +verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein hinterlistiges Spiel +getrieben; der eine war Arbeiter bei den Friedrichshafener +Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz. Sie +bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren +Profit schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich +den jungen Arbeiter, der aus einem ordentlichen +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Menschen zum Lüderjahn geworden war. Heute nun hatte +sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung genommen; der +andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, +war ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den +Eintritt in ihr Zimmer erzwungen, den Revolver hervorgezogen, +erst die Kranich und ihren Liebhaber niedergeknallt +und dann sich selber durch einen Schuß in den Kopf +getötet.</p> + +<p>Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem +Wesen berichtete, dachte Dorine bedauernd an die vergangenen +Stunden und ihre nun getrübte Schönheit, und ohne ihn +anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende Wirkung das +Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes +hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der +Tafel dieses Tages. Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, +mit einem Gesicht voll Blässe, das ihre Ahnung bestätigte, +den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet hatte; +seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd +deutete er auf einen Mann, der inmitten der Menge die +ihn Umgebenden stirnhoch überragte; einen schlanken, bärtigen, +düster-schauenden Mann; der breitrandige Hut, den +er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote Himmel am +Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist +es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb +zagend aus Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung +hingeeilt, schob sich durch die Menschen, verschwand +zwischen ihnen.</p> + +<p>Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer +Gedanken riß die Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder +neben sie trat, in tönende Stücke. Er war beklommen, +schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich so täuschen +kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und +Augentrug, zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit +über den Irrtum verschafft, in einen Widerstreit häßlicher +Empfindungen durch die Erzählung des alten Mannes und +die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich +der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der +Seite der Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch +das Gewühl Bahn zu machen.</p> + +<p>Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall +in Dorine. Wie muß ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig +muß es ihm beständig sein, dachte sie mutlos, daß eine ungefähre +Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen kann. +Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, +und als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie +den tückisch verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des +jungen Arbeiters, und was sich zwischen den drei Menschen +abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie sich müde in +einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und +wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.</p> + +<p>Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach +in sein Zimmer, Dorine prüfte mit der Köchin die +Rechnungen und hatte dann mit dem Gärtner zu verhandeln. +Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie war längst +wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte, +über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. +Es verdroß sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte +sich überzeugen und ging in seine Stube. Es war finster +dort. Sie drehte die elektrische Flamme auf, trat an den +Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder spähsüchtig, +eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete +sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.</p> + +<p>Sie las: Lieber einziger Freund.</p> + +<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu +werden, dann langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, +der Nüchternheit der äußeren Fassung bei solchem +Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl, stützte die Stirn auf +die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten, wurde +bleich und bleicher, las und las:</p> + + +<h3>An Lucian</h3> + +<p class="newchapter">Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du +es begreiflich und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem +jetzigen Zustande einer recht ernsthaften Bedrängnis an dich +wende wie an einen älteren und erfahreneren Bruder, +wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich diesen Brief, +so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde. Jedenfalls +ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder +nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit +meine Fähigkeit dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann +ich mir keinen andern Menschen als Empfänger und Leser +denken.</p> + +<p>Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum +drei verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich +eine geistige, eine soziale und eine animalische. Du sagtest, +keine für sich könne eine Lebensgestaltung herbeiführen, +sondern müsse korrigierend und bereichernd auf die andere +wirken, und je edler einer veranlagt sei, je höher er auf der +Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er es zu +einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.</p> + +<p>Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir +auch heute noch richtig. Nur frage ich dich: was kann +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>man zu dieser Verschmelzung tun? Ich erinnere mich, ich +habe schon damals eine ähnliche Frage an dich gerichtet, +darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte +gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich +dem zu überlassen, was man den guten Instinkt nenne und +sonst Augen und Herz offen zu halten.</p> + +<p>Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen +auf sich selber macht einen schwach und feig. Aber +siehst du, Lucian, es gibt ein Übermächtiges, und eben das +letzte von den dreien, das Animalische, ist das Übermächtige. +Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber nicht +viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung +etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten +soll, daß du mir hilfst oder wenigstens einen Ausweg aus +der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres wird es ja nicht +sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber schmerzlich +und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein +noch aus weiß.</p> + +<p>Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über +das Verhältnis zwischen den Geschlechtern gesprochen, und +was du von dir sagtest, daß du ein Anhänger und Verfechter +der unbedingten Keuschheit seist, hat mich sehr ergriffen, +ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem Punkt, so +sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge +der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung +von Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, +die Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das +Wünschenswerte für die Gesellschaft, wie man allgemein zu +Nutz und Frommen des Staates doziere; das Wünschenswerte +sei die Erziehung des Einzelnen zu einem Edeldasein +und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des +Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>ja deine Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt +wird.</p> + +<p>Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. +Ich habe mit mir gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, +obwohl deine Nähe den beginnenden Aufruhr immer +wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem bestimmten Augenblick +hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen, denn +das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, +das eine Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen +Bilder zu und etwas, das dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. +Es war nichts deutlich Beschreibbares, nichts, +was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So weit +durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.</p> + +<p>Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines +Weibes zu wissen, flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu +ein. Vielleicht trifft das Wort nicht ganz, ich kann +die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie mehr +gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft +nicht. Das Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt +früher als ichs sehe wie glühende Kohle im Wasser, aber +dann wühlt es unterirdisch, dann kommt das Brausen im +Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten +Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und +Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, +die Träume.</p> + +<p>Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, +um die natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. +Auch fühle ich mich wie gesagt nicht als Ausnahmewesen +und möchte nicht bei dir in den Verdacht geraten, daß ich, +was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig wichtig +nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft +werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>so sind meine besonderen Umstände daran schuld, die Art, +wie man mich behütet hat, die Kargheit aller Mitteilung, +die Entfernung vom Leben, die Strenge in der Auffassung +alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten +liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu +bestimmt sein, Rache zu nehmen für die Zurückhaltung und +den Puritanismus ganzer Generationen? frag ich mich +bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch +den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar +Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt +hat? Solche Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott +hervor, aber ich kann dir versichern, daß mich der Gedanke +manchmal ernstlich beschäftigt. Möglicherweise erblickst du +darin das, was du geistige Unzucht nennst, Verwahrlosung +der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und Eindämmung +der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die +Phantasie erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, +je unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. +Sie erlauert die Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu +peinigen.</p> + +<p>Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem +dünnen Tuch, in der letzten Zeit meide ich sogar das Bett +und richte mir mein Lager auf dem Fußboden. Es schützt +mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese Träume, obwohl +sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes +an sich haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag +verfolgen wie Gift, das man mir eingegeben; das Schmähliche +liegt oft mehr in der Farbe und in der Wirkung als +im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist, da +klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir +sind eine heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins +garnicht, ein fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Leib; es wird mir eigentümlich wohlig matt, die feurige +Luft wird dunkelblau, alles rinnt und rieselt um mich herum, +schmeichelt und rührt mich an, will mich packen und höhnt, +und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei Stücke +Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, +mit schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie +ringeln sich an einem glatten Turm hinauf, von oben hängen +Haare herab wie aufgelöste Haare einer Frau, ich muß hingreifen, +der Schauder verwandelt mich, ich bin selber +Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu +brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein +feuriges Rad, das dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.</p> + +<p>Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin +ich gleich müd, Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus +schon schlafen, stehl ich mich oft an den See, lös das Boot +von der Kette, rudere hinaus. Weit vom Ufer, laß ich die +Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände hinterm +Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, +Lucian, die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit +der schwachen Dünung, leis surrt der Wind, die Nacht ist +dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so in den Anblick der +Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich dirs +nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das Sternengrauen, +hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: +gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen +in mir und der Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, +den verbrecherischen Blick dorthin zu richten, den +blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches in die +Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß +ich das ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, +verfinstert mir die Seele und verwirrt den Verstand; ich +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>möchte nicht mehr sein, es ist, als ließen mich Arme fallen, +und unten sind Arme, die wollen mich auffangen, der Raum +dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich +sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein +viel wirklicherer Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren +könnte?</p> + +<p>Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese +Frau kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. +Sie hat seltene Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, +daß sie schön ist. Das macht mich kindischerweise oft +ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut vertragen, ist +von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte, +keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr +fehl in der Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine +Schranke des Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? +So nah sie einander durch das Blut sind, so fern sind sie +einander durch das Wort. Es kommt in meinem Fall noch +hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht verstehen, +als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt erfahrungslos, +auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war +und Kinder geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, +als sei sie noch unschuldig, als sei sies zu meinem Refugium +und zu meinem Stolz, und folglich von mir zu behüten, +nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt schwer, +wie du begreifen wirst ...</p> + +<p>An dieser Stelle brach das Schreiben ab.</p> + +<p>Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem +Bett, die Hand wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich +tobende Schläge nicht zu beschwichtigen waren.</p> + +<p><a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a></p> + + +<h3>Der Haß</h3> + +<p class="newchapter">Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, +wohin er mit dem Motorboot gefahren war und sagte +lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm zufällig begegnet. +Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag besuchen, +aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«</p> + +<p>Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß +Fink einer von seinen Hochlindener Kameraden war; sie +erinnerte sich auch, daß er mit einiger Abschätzigkeit von +ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie leichthin +und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; +»ist er mit seinen Eltern da?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer +schon seine Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend +zu verbringen.«</p> + +<p>»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns +zu wohnen.«</p> + +<p>»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird +wohl nicht gehen. Er erwartet nämlich seine Braut.«</p> + +<p>»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen +Alters mit dir?«</p> + +<p>»Nein; zwanzig denk ich.«</p> + +<p>»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist +denn die junge Dame, und wer ist sie?«</p> + +<p>»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen +hat er mir mal gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig +Schönwieser.«</p> + +<p>»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis +hat,« schloß Dorine das Gespräch.</p> + +<p>Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu +einer Segelpartie abzuholen. Dorine hatte sich bereits +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>zurückgezogen und ließ den jungen Leuten sagen, sie erwarte +sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem Wasser; +der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd +erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz +in Weiß, das blasse Gesicht von einem Panamahut mit +Kornblumenkranz beschattet.</p> + +<p>Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine +saloppe Haltung. Er verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, +schlug die Hacken zusammen, küßte ihr die Hand, +alles vollkommen artig, aber mit dem etwas lächerlichen +Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter +Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und +auch sonst mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, +das unruhige Auge, das blecherne Lachen, der lasterhafte +Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu glänzen, das Besserwissen +und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die sich +über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet +Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge +waren angenehm, die Gestalt schlank, das Wesen von +sorgloser Lebhaftigkeit.</p> + +<p>»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie +allein waren, »famose Frau. Könnte ohne weiteres eine +Fürstin abgeben. Famos, wie sie sich trägt und wie schlicht +sie dabei wirkt.«</p> + +<p>»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, +erwiderte Dietrich trocken.</p> + +<p>Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen +Hochmut. Da kommt unsereins nicht gegen auf, +und wenn wir die fünfzackige im Schnupftuch hätten.« +Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette im Mundwinkel, +was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller +Besitz. Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>wenn du gestattest. So was kennt sie nicht, denn +in Berlin, weißt du, da bauen wir auf Sand, trotz vorhandenen +Gottvertrauens.«</p> + +<p>»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich +etwas betreten.</p> + +<p>»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. +Lustig wird das werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? +Sie ist nämlich ein reizender Käfer, kann ich dir sagen, +von Spielverderben nicht die Spur.«</p> + +<p>Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und +ist allein bei dir?«</p> + +<p>»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das +denn? Ist doch ganz unsere private Angelegenheit.«</p> + +<p>»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens +nennt man es dann anders. Meine Mutter zum Beispiel +könnte sie unter solchen Umständen nicht empfangen, +das wirst du begreifen.«</p> + +<p>»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die +Hedwig, die will ihren Urlaub genießen, alles andere läßt +sie kalt. Muß denn empfangen werden? Das klingt so +großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht vermeiden +läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen Tatbestand +auseinandersetzen?«</p> + +<p>»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht +selber merkt, wird ihr zugetragen. Wir sind Provinzleute.«</p> + +<p>»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer +Fasson. <em class="antiqua">Vogue la galère</em> steht in meinem Stammbuch, +auf der allerersten Seite. Leben, leben, leben, Mensch. +Was nachher kommt, ist mir totalement gleichgültig. Meinetwegen +Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen Zuchthaus, +heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar +die Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>hat! Du, Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen +Kerkern Zentnerkugeln an den Füßen. Du +tust mir leid, aber ich hab dich gern, und irgend was in dir, +weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir müssen +wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln +und mir aus der Faulheit helfen.«</p> + +<p>Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen +Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. +Mit natürlichem Instinkt spürte er, daß nichts dahinter +war, und daß sogar die Verzweiflung und Herzensleere, +die solche glitzernde Blasen aus dem Sumpf der Zeit +emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. +Zu seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink +voller Kritik und abwartender Ruhe gegenüber, als ob +nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel Jahre seit ihrem +Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den +andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.</p> + +<p>Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, +jede freie Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, +segelten, badeten miteinander. Fink lud ihn zum Essen +ins Hotel, wo er als splendider Kavalier in hoher Schätzung +stand, mietete ein Auto, erhandelte Antiquitäten, besichtigte +Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte, sich in der +Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig aufschneiderisch, +ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine verletzende +Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels +lag verdächtiges Zwielicht.</p> + +<p>Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich +ein Mittel, sich selber auszuweichen, und er wußte es sogar. +Er betrog sich selbst mit dem neu gefundenen Gefährten, +er überlistete seine anders erfüllte Seele. Deshalb ging er +innen nicht ganz so weit mit, als er außen mitging und war +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>stärker durch Vorbehalte als jener durch seine entschlossene +Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, +wenn er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die +Grenze zu ziehen vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend +vor der gemeldeten Ankunft Hedwig Schönwiesers wollte +er, berauscht von Wein, berauscht von unbeschränkter Freiheit, +Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein Mädchenhaus +besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte +sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. +Fink machte sich über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, +die Tugend habe damit nichts zu schaffen, es sei +ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht, um die Feigheit +zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun +wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« +antwortete Dietrich, »aber ich werde dich bis an +das Haus begleiten und auf dich warten. Ich bin neugierig, +ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink kicherte. »Deine +Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«</p> + +<p>Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, +und dieser wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer +im dunklen Schatten auf und ab. Seine Betrachtungen +waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde mochte vergangen +sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten +vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz +und ihre bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick +war aber so ernst, beinahe finster, daß er innehielt und fragte, +was mit ihm geschehen sei. »Gute Nacht,« sagte Dietrich +und reichte ihm widerstrebend die Hand, »ich hab noch einen +weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er sich entfernte. +»Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, +rief er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. +»Esel«, murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.</p> + +<p><a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon +rufen und sagte ihm, er und Hedwig erwarteten +ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte mit der Antwort +und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um +halb fünf setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem +er mehr Sorgfalt als sonst auf seinen Anzug verwendet +hatte.</p> + +<p>Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes +Mädchen kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig +und fünfundzwanzig, mit fuchsfeuerrotem Haar +und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an ihr, +die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches +Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten +Schneider, aber wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, +der Hut, sogar der Ring mit der Perle an der Hand +von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch sich selber +war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar +wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit +umschlug. Wie die meisten Großstadtkinder war sie +spottsüchtig, aber dieser Spott beruhte auf einem Mangel +an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in keiner Weise +zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben +Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob +sie sich schon nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, +wie er vermutete, lag doch das Nüchterne und Armselige +der Existenz spürbar hinter dem Erzählten. Ihr Vater sei +Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang +so sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug +und garnicht nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die +Fink durch ein schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren +beging. Sie hatte die Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen +mit der Zungenspitze zu lecken und dabei die Lider zuzukneifen, +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>was ihrem Gesicht einen listigen und zugleich sinnlichen Ausdruck +verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des Unbehagens +erweckte.</p> + +<p>Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr +beschäftigt hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt +oft viel, scheint Schicksal zu enthalten; dieser war einst, +als er ihn zum erstenmal vernommen, wie ein Gestirn +an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll +Scham war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart +ein so entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, +eine Stirn ohne Traum, Gebärden ohne mitgeborne +Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne Musik. Daß er +Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde +schweigsamer und schweigsamer.</p> + +<p>Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den +Mut, sich zu weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm +in Arm, gaben sich keine Mühe, ihre Verliebtheit zu verbergen, +lachten beständig, trieben harmlosen Scherz, auch +minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten +Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je +ausgelassener wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein +können, der neben ihnen trottete; sie beachteten ihn kaum. +Nach einer Weile erinnerte sich Hedwig Schönwieser seiner +und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich, daß du einen +so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser antwortete: +»Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles +Wasser, tief wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, +einem Blau, wie es nur die Rothaarigen haben, schaute +sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte errötend, aber +von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht +verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden +Haß gegen das junge Mädchen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die +eckigen Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er +haßte die Spur, die ihr Schritt im Wegsand hinterließ; +den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den Atem, mit dem +sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte ihn +bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich +nach dem Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht +enthielt es für eine Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat +aus einer Millionenzahl von Frauen und Mädchen. Es +gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der Atmosphären; +kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, +die ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn +die junge Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte +ihm, sie warb um seine günstigen Blicke, sie anerkannte +ihn als Sendling einer Welt, die über der ihren stand und +war bereit, sich zu verkleinern und unterzuordnen, alles, +weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren ganzen +Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, +jetzt schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit +auf wie ein heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, +eine Kraft, die geschlummert hatte; dann verdoppelten sich +die Ausbrüche ihrer Lust und der Zärtlichkeit gegen ihren +Geliebten.</p> + +<p>Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs +Brust zu beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr +einfache Weise Herr werden, überlegte er; ich brauche ja nur +ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink oder ein paar Briefzeilen, +eine Bitte an die Mutter; man verreist für ein paar +Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er +sich nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. +Warum nur? Auf dem Heimweg, den ganzen Abend, die +halbe Nacht dachte er darüber nach. Er war an dieses ihm +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig uninteressante +Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären? +Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, +der Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal +aus der Millionenzahl gerade die und keine andere +ausgewählt hatte, um sie seinen nach einer Erscheinung +durstigen Augen zu zeigen. In jedem menschlichen Herzen +ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und Verherrlichung; +von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem +war nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel +hergeben, er konnte verschwenderisch sein; er war dagestanden +und hatte gewartet; einer Erscheinung hätte es bedurft, und +seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so war es, so empfand +ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man sich +beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in +den Bereich des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein +Verwandelter gewesen, ein Gereinigter, unbeneidet begnadeter +Freund.</p> + +<p>Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; +er mußte ihm täglich, stündlich frische Nahrung reichen und +sich aus Redlichkeit beständig vergewissern, ob er nicht Opfer +einer Täuschung sei. Er war unzertrennlich von ihnen. +Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein und blieb +meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot +auf die Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, +wanderte mit ihnen auf die Berge und in die Wälder, und +in den Tagen, die seine Mutter in Basel verbrachte, lud er +sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät in den +Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser +sang Lieder; sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie +haschte nach den Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät +waren; der Tisch stand voller Rosen, die Grillen zirpten, +<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>die Frösche quakten, es war der beglückendste Sommer, und +Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz. Zwietracht +herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm +selbst.</p> + +<p>Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. +Durch alle erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie +hinauszuschieben. Als es sich nicht mehr vermeiden +ließ, an einem der Abende in der Villa, verweigerte er doch +den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink, wenn +Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten. +Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, +er sei statt dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man +verlange; er schützte ein Gelübde vor, das er geleistet; er +behauptete, seit Knabenzeit, seit einem gewissen Vorfall mit +einer jungen Magd, habe sich in ihm ein unüberwindlicher +Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder +albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.</p> + +<p>Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich +und mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; +Fink lachte, daß ihm die Tränen in die Augen traten. »Na, +Oberlin, und wie war das mit Lucian damals beim Wettlauf?« +fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als +ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich +erblaßte und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte +Fink dem Mädchen etwas ins Ohr, und sie hielten sich dabei +herausfordernd umschlungen.</p> + +<p>Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der +sich zwischen Dietrich und dem Mädchen entsponnen hatte. +Das Schauspiel ergötzte ihn, und er mißverstand es; was +er an ihm begriff, schmeichelte seinem Besitzerstolz. Innerlich +des Mädchens bereits müde, hätte er nichts dawider +gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich +<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Spröden zu umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis +zu dem Punkt zu bringen, wo er fallen mußte, so wie alle +fielen. Er kannte Hedwigs Verschlagenheit und hatte sie +gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu bedienen. Jedenfalls +ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses Unberührten, +nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines +unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, +vor der ein Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er +höhnen und herabziehen mußte, um sich vor schlimmeren +Gelüsten zu retten.</p> + +<p>So war es mit Fink bestellt.</p> + +<p>Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die +Arme um Dietrichs Hals und schickte sich an zu rauben, was +ihr nicht freiwillig gewährt wurde. Dietrich aber, durch das +verschwörerische Wispern der beiden wachsam gemacht, kam +ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen +waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die +andere stemmte er gegen ihre Brust; und so erbittert roh +stieß er sie zurück, daß sie taumelte und gefallen wäre, wenn +sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie war bleich geworden, +grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten Augen. +Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die +Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, +Kurt«, sagte das Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und +Täschchen zusammen und schritt zum Gartentor.</p> + +<p>»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink +mit bedauerndem Achselzucken und folgte ihr.</p> + +<p>In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides +hindurch die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, +war ihm traumartig die Szene mit dem Spiegel aufgestiegen, +die ihm Fink vor langer Zeit geschildert: wie sie sich entkleidet +hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich gezeigt +<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese +seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs +äußerste getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse +er sie zu Boden schmettern und zerfleischen, als könne die +Bahn erst frei werden und Ruhe in ihn einkehren, wenn sie +unschädlich zu seinen Füßen lag.</p> + +<p>Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend +vibrierende Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie +sich angerührt, und ihm graute vor seiner Hand, die er wieder +und wieder betrachtete. Das Geschehene peinigte ihn mit +jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand rückte. Heiß +irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die +Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop +aufstand, und vor der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf +er sich hin und drückte das fieberflammende Gesicht in die +Halme, die vom Tau trieften.</p> + +<p>Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht +um ihn herum schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem +Innern ist.</p> + + +<h3>Die Lüge</h3> + +<p class="newchapter">Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd +beklommenen Zustand versetzt, schmerzlich aus der +Ungewißheit gerissen, hatte sich Dorine vorgenommen, im +Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes Einspruchs +zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die +drückend oder hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen +Mißbilligung auch. Der Entschluß hatte schwere Stunden +gekostet, in denen die Frage der Verantwortung sie ernstlich +bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und Verlust nie schwieg.</p> + +<p><a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin +war und Kinder geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium +und meinem Stolz, und folglich von mir zu behüten, +nicht ich von ihr.«</p> + +<p>Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. +Sie ahnte eine Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von +der anderen Seite der Welt. Ihr Staunen war tief und +unverratbar, für ewig eingeschlossen in der Seele und von +verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den +Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für +recht und gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen +sind, die ihre Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie +bescheiden in das allgemeine Lebensgetriebe verwoben haben. +Nun war flammenhafter Zweifel aufgewachsen; als wäre +Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der Dumpfheit des +Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre +man achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter +der die Schätze des Daseins lagen; als hätte man vergessen, +das Antlitz dorthin zu wenden, den Schritt dorthin +zu lenken, wo ein Glück, wenn auch unbekannt, so doch vorbereitet, +wartete.</p> + +<p>Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer +in ihrer Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht +und die Wärme entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft +sei, die Fundamente zu untersuchen, auf denen sich ihr +Schicksal in ehrenvoller Ordnung zugetragen hatte. Sie +wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück: die Ausrede +der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, +ohne Kern und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und +falsch bereuend sich ins Ungemessene verlieren, das hieß +die Altäre besudeln, vor denen man gläubig gekniet. Und +doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach Verwesung; +<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein +für allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses +Beginnen. Sogar mit einem Hingegangenen geriet sie in +Hader dabei, rief den Schatten empor und verlangte +Führung und Trost.</p> + +<p>Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er +ihr als Vermächtnis hinterlassen. Und an ihm krampfte +sich ihr Wille von neuem fest. Er darf mir nicht entweichen, +war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns, und +wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an +ihnen, in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich +bleibe an meinem Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis +dafür, daß ich mir und meinem Geschick treu war, so +ist es sein Leben und sein Gewordensein.</p> + +<p>Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen +Netz. Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der +Anfang der Prüfung und Erprobung. Sie zeigte Dietrich +eine gleichmäßige Freundlichkeit auch dann, als er tage-, +abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische Ermahnungen +bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. +Sie vermied es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit +und Lässigkeit in den kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. +Sie hörte ihm heiter zu, wenn er Heiteres berichtete; sie +war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er schlechter Laune +war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig Schönwieser; +es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, +daß etwas Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es +auffallender von Tag zu Tag.</p> + +<p>Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus +der Lässigkeit Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, +die er daheim zubrachte, trieb es ihn von Zimmer zu Zimmer, +vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum Fenster, +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem +unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter +wollte er sich rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über +die Hitze, über den starken Blumengeruch im Hause. Ohne +beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er sah angestrengt aus, +bisweilen verstört. Sein Auge hatte den aufrichtigen Kinderblick +eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem, den man +auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es +dann.</p> + +<p>Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge +Mensch? Man sieht ihn nur noch in Gesellschaft dieses +zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute, sehr zweifelhafte +Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf. +Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«</p> + +<p>Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr +verließ, Besuche nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen +alten Freund des Ratsherrn, Notar in Konstanz, Erkundigungen +ein, und die Nachrichten stimmten sie ernst. Es war +sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem +Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen +eine beträchtliche Geldsumme entlockt und nur +mit vieler Mühe und nach rascher Wiedergutmachung des +Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das Mädchen +aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium +und in einem Kaufhaus als Probiermamsell +angestellt gewesen.</p> + +<p>Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten +Flur, den großen Neufundländer hinter sich, +in dessen Begleitung sie ihre einsamen Spaziergänge zu +machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem +Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte +sie. Er gehe in die Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>drinnen; man habe ihn eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt +Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und die Braut. Pause. +Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend mit +ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, +ja bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine +Wichtigkeit habe es denn? Keine besondere Wichtigkeit, +aber es sei unmöglich. Wenn sie es aber ausdrücklich verlange, +wenn sie darauf bestehe? Der verlegen-weichende +Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er könne +sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet, +Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys +unter anderm, vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, +er habe telegraphiert, wie solle er sich da ausschließen ohne +triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so ist«, sagte Dorine +langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig hinzu, +aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten. +»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird +bald regnen, ein Gewitter hängt am Himmel.«</p> + +<p>Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten +nervös an der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die +Blässe der Übernächtigkeit. Der Mund war unschön verzogen. +Ein fremder junger Mensch, dachte sie.</p> + +<p>Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie +nach dem Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem +Schenkel rieb. Oben öffnete sie das hohe Dielenfenster und +beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind zerzauste ihr +Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die +Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend +bogen sich die Bäume und zeigten die bleiche Unterseite +ihrer Blätter, als entblößten sie sich. Dorine schloß die +Augen. Der Hund stellte sich empor, legte die Tatzen auf +das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre Schulter.</p> + +<p><a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. +Niemals im Leben hatte sie ähnliches empfunden. Dieses +ätzende, giftige, entehrende Gefühl, was war es? Es dörrte +den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es war wie eine +Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul. +Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch +schlafen könnte, ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch +einen Freund, einen weisen Kenner der Dinge, einen liebenden +Rater.</p> + +<p>Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein +Glaube wankt; weil ein reines Bild beschmutzt wird; weil +ein zugehöriges Herz, aus dem Nest gestoßen, sich ans Nichtige +und Böse verliert? Weil über ein geliebtes Antlitz der +Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher Leichtsinn? +Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, +so dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre +widerwärtige Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. +Lüge stinkt, aber Augenschein war nötig, damit man +sie packen konnte.</p> + +<p>In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, +als sie das Fenster schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen +läutete. Der Eintretenden befahl sie, bei dem benachbarten +Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu bestellen; sie müsse +sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und im Seidenumhang +über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor, +wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit +Regen vermischt, trieben ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde +später stieg sie am Hotel aus. Sie ging durch die Halle +und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in denen +überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen +saßen. Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich +auf die stattliche, schönschreitende Frau. Sie suchte. Der +<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>Hoteldirektor, der sie kannte, eilte ihr nach, um sich ehrerbietig +nach ihrem Begehren zu erkundigen. Sie stellte eine +Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer Kopfbewegung +an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem +zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort +saßen sie, Kurt Fink, das junge Mädchen und Dietrich, +dieser mit dem Rücken gegen den Eingang, das Mädchen +mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur +für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; +man war in munterm Gespräch; die Stimme des +Mädchens war die herrschende; während sie das Kelchglas +in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte, erzählte +sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.</p> + +<p>Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig +fast bis an den Mauerbogen nähern konnte, der den Raum +abschloß, und die kurze Zeitspanne genügte ihr, um das +Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und Gesicht. Sie +tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste +Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, +die allerdings nicht in der absichtsvoll modischen +und reichen Toilette hervortrat. Die eigentümlich +wächserne Haut, das hektische Lippenrot, der umflorte, ja +kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der Seele +hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche +Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie +verriet und die fast nur Frauen, auch die keuschesten, an +Frauen zu wittern vermögen, das alles wirkte in hohem +Grad abstoßend auf Dorine.</p> + +<p>Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte +grüßen, war seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, +der drehte sich um, sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.</p> + +<p><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen +wollte, fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte +sich. In tiefen Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder +im Wagen Platz.</p> + +<p>In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen +Sarg. Kein Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, +war ihr versagt. Unerträglich langsam krochen die Stunden.</p> + +<p>Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, +machte Licht und fing an, auf und ab zu wandern, +die Arme über der Brust verschränkt, die Stirn verfaltet, +aufrecht und kampfbereit.</p> + +<p>Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber +dann wäre man von anderer Zucht und aus anderm Holz. +Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt, der kann auch die +Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund vorhanden, +daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, +billig hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, +so hüte er sich, mir Herzenstaubheit für läßliche Sünde +aufzureden. Was für eine Welt wäre das denn. Eher mit +aller Liebe zuschanden werden, als sie in der Bequemlichkeit +nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem +Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? +Was tu ich mit einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs +nicht von innen aus, ist Hopfen und Malz sowieso verloren. +O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich mit einem Sohn, +der lügt!</p> + +<p>Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt +empor. Nach einer Weile blieb sie am Schreibtisch +stehen, öffnete die Mappe und sah den Brief an Lucian +noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein Wort war +mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, +mit schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange +<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>betrachtet hatte, schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre +Wanderung fort.</p> + +<p>Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch +von Schritten auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, +von Schritten auf der Treppe. Er trat ein. Er verharrte +neben der Tür.</p> + +<p>»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, +halb beklommen.</p> + +<p>Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa +gesetzt und blickte vor sich hin.</p> + +<p>»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben +Ton; »ich weiß keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte +dich, es zu vergessen.«</p> + +<p>Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel +anderes übrig, als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf +dein Geständnis.«</p> + +<p>»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«</p> + +<p>Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. +Weshalb ich dann hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. +Ich habe dich gesucht. Denn der, der dort beim Sekt gesessen +ist, das warst du nicht. Und der, der jetzt vor mir steht, +das bist du nicht.«</p> + +<p>Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.«</p> + +<p>Sie zuckte geringschätzig die Achseln.</p> + +<p>Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, +daß ich mir aus der Person etwas mache?«</p> + +<p>»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit.</p> + +<p>Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem +Mund, der wie zerrissen aussah, trat er auf sie zu und +wiederholte: »Daß ich mir aus der Person nur im allermindesten +etwas mache, wirst du, Mutter, doch nicht +glauben?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit +ebensolcher Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person +du sprichst. Redest du von der jungen Dame, von der du +mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines Freundes ist? +Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich +ja noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein +scheint.« Sie maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, +das bist du nicht. Aber bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« +fügte sie mit rätselhaft finsterem Lächeln hinzu; +»ich will und muß dich wieder haben.«</p> + +<p>Damit verließ sie das Zimmer.</p> + +<p>Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub +sie sich förmlich in ihrem einsamen Hause, fünf Tage +lang.</p> + + +<h3>Pygmalion</h3> + +<p class="newchapter">Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig +Schönwieser geblieben war, machte sich Dietrich am andern +Tag ziemlich früh schon auf, sie zu besuchen und wenn auch +nicht abzubitten, so doch um Finks willen, den er beleidigt +glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber alles, was +er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. +Die peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich +friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte +nachgerade sein Gemüt.</p> + +<p>Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er +ließ sagen, er sei da und warte. Fink schickte Botschaft, er +möge hinaufkommen. Es war nicht die Rede von dem +gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt beschäftigt, +seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten, +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, +wie lang es dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er +noch nicht. Sie wolle nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu +ungemütlich; das verstehe er; sie wolle nach Mannenbach +hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der Villa Oberlin; +das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen. +»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig +hin und her rannte und was ihm gerade zwischen +die Finger kam, in den Koffer warf; »du wirst dich hoffentlich +ein bißchen um sie kümmern, Oberlin. Ich verlasse +mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du +ja nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich +auch zu anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement +hat, läßt sie sich um den Finger wickeln. Versprichst +du mir, daß du dich ihrer annehmen wirst, Oberlin?« Er +blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide Hände auf die +Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum +verhehlter Pfiffigkeit an.</p> + +<p>»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte +Dietrich ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher +Gedanke, daß das Mädchen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft +wohnen sollte, und es schien ihm etwas wie Bosheit +in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit abgesehen.</p> + +<p>Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« +schrie er auf einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar +nicht fassen vor Wonne über deine Idee mit dem Pfauenhof.«</p> + +<p>Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, +wie taktlos und wie geistlos du bist?«</p> + +<p>Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht +ging eine häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: +<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>»Sag mir, warum du dich eigentlich so aufplusterst? Wofür +hältst du dich eigentlich? Hältst du dich etwa für einen Edelmann? +Wie viel Stockwerke über uns ist Euer Erlaucht geboren? +Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, +sag mir: was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt +wochenlang wie zwei Kameraden verkehrt, du warst mein +Gast, ich der deine, aber ich weiß wahrhaftig nicht, was du +für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein Narr? Ein +Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. +Nur damit man sich danach richten kann.«</p> + +<p>»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, +daß wir zwei beide nichts miteinander zu schaffen haben +sollten. Ich glaube, daß jeder von uns beiden durch den +anderen schlechter wird. Ob ich ein Schwächling oder ein +Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil ich +dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken +verabscheue und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, +weil ich zu feige und zu ehrlos war, daraus die Konsequenz +zu ziehen. Somit weißt du es und darfst mich +ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir +selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir +nicht erklären, aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt +finde und daß ich mich nicht einmal wehren würde, +wenn mir irgend ein Mensch auf der Straße ins Gesicht +spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich tun soll.«</p> + +<p>Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. +Aber es lag in Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß +er sein Aufbrausen zurückhielt und in wegwerfendem Ton +sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig. Sonst +hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich +halte dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn +du einen freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Keuschheitsgürtel ab. Such dir eine barmherzige Fee, die +den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind allesamt eines Fleisches, +Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem wird +das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer +Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben +sie sich dem lüsternsten von allen Teufeln verschrieben +und verkohlen innerlich wie die Späne in einem Meiler. +Folge mir und geh zu einem Weib.«</p> + +<p>»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel +ist es nicht. Da bist du auf dem Holzweg.«</p> + +<p>»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das +Ideal für sich verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren +Grund wieder in Wut geriet; »schlechtweg und ohne +Rabatt das Ideal? die Madonna? die Jungfrau mit dem +Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den +Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? +So siehste aus, Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, +sag ich dir; da häng dich nur lieber gleich am +nächsten Baume auf.«</p> + +<p>Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die +Schwelle trat Hedwig Schönwieser, mit nichts bekleidet +als einem lilaseidenen Überwurf, durch den die Formen ihres +stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas sichtbar +waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die +Schultern bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten +Händen hielt sie das Gewand vor der Brust zusammen, +schüttelte den Kopf und fragte unzufrieden: »Was zankt +ihr euch denn, ihr zwei?«</p> + +<p>»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, +brummte Fink verdrossen.</p> + +<p>Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, +beugte Kopf und Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>mit der kleinen neuen Freundin, keuscher Oberlin? Wirst +du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten schenken +und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? +Oder wirst du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen +wollen?«</p> + +<p>Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und +hauptsächlich nicht ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe +entwaffnete und ihn seinen Widerwillen vergessen ließ. +Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes bewirkte, daß +er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider +legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte +ihn; er wich zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig +folgte ihm und brach in Gelächter aus, und während sie +lachte, ob es unabsichtlich oder in dirnenhafter Berechnung +geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie den Überwurf +auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper +nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es +ihm vor.</p> + +<p>Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging +in ihr Zimmer zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse.</p> + +<p>»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür.</p> + +<p>»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach.</p> + +<p>Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den +Weg und die Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto +stehend fand, das der greulich schimpfende Chauffeur in der +letzten Sekunde noch anzuhalten vermocht hatte, das andere +Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder umstieß. Als +er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich +stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; +der hölzerne Giebel eines langgestreckten Pavillons war +von einer Girlande aus Tannenzweigen umwunden, und +darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung +statt.</p> + +<p>Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las +ihn ohne Anteil. »Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung +davon gewonnen, wie viel Arbeit auf uns junge +Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter anderm. »Vor +allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins +Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt +eine gewisse Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings +um die geht es. Vergangene Epochen haben mit Vorliebe +das Abseitige und Irreale bewundert und gehegt, wenigstens +platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder +besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. +Mich dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit +nicht, daß der Traum aus der Welt geschafft sei oder der +Träumer ausgerottet werden soll; ich bin sogar der Ansicht, +daß es etwas gibt, was ich die Erziehung durch den Traum +nennen möchte, das so tief und hintergründig ist wie die +geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, +aber die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur +entstehen kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, +Oberlin. Sieh zu, daß du in deiner Weise vom Fleck kommst. +Neulich ging ich durch den Wald, und da hatten sie einen +mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht +ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden +da hinein, und es ist noch immer nicht dieses wunderbar und +ungeheuer Verdichtete an Kraft, an Wuchtigkeit und an +Bedeutung für das Ganze ...«</p> + +<p>Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: +ich werde es später zu verstehen suchen.</p> + +<p>Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? +dachte er feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade +<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>so und so sein soll? wenn man nun anders ist und mit dem +Anderssein zu existieren hat? Ist man dann ausgestoßen +aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr +in Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist +das: das wirkliche Leben? was ist das: der Traum? Wer +entscheidet: dies ist wirklich, dies ist unwirklich? Wer +verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit? +Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich +nicht, sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?</p> + +<p>So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. +Der Abend tröstete nicht, gab nichts. In der Nacht lag er +auf dem Marmorrondell beim Springbrunnen und lauschte +auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund kauerte zu +seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier +Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, +als seien seine Adern in Gold verwandelt und die Glieder +verwunschen. Die Welt war ausgetilgt und ihr Süßes +und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie in einen Fruchtkern. +Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war +banges Glosen in einem brausenden Element. Als der +erste Tagschein rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging +ins Haus, warf sich ins Bett wie in einen Abgrund und +schlief steinern bis zum Mittag.</p> + +<p>Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen +Bibliotheksraum am Schreibtisch und versuchte seine Gedanken +zu einem Brief an Mathys zu sammeln, als sich +leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat, +lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den +Kopf hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte +sie es sehr eilig gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es +hat mich niemand gesehen,« flüsterte sie; »ich bin die Stiege +herauf und habe mindestens schon in drei Zimmern nachgeschaut. +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>Na, und da bist du ja endlich, kleiner Oberlin. +Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«</p> + +<p>Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen +Litzen; der Strohhut hing am Band an ihrem Arm. Sie +schien sehr aufgeräumt, hatte die »diebische Lustigkeit« an +sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und bewegte sich mit +einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären unbequeme +Fesseln von ihr genommen.</p> + +<p>Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war +aufgestanden, hatte sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe +hilflos, hatte sich wieder gesetzt, und sein Herz hämmerte +tobend.</p> + +<p>»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie +gekränkt.</p> + +<p>Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.</p> + +<p>»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich +wollte nur zu einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und +setzte sich auf ein niedriges Bänkchen am Fenster.</p> + +<p>»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt +einem vor Schwüle.«</p> + +<p>Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. +Da möcht ich tanzen.«</p> + +<p>Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute +ihn eine ganze Weile ruhig und forschend an. Er hatte die +Augen gesenkt und sein Gesicht wurde allmählich bleicher +und immer bleicher. Sein Schweigen schien sie nicht zu +stören, es war, als finde sie es selbstverständlich, und wie +sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden +Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. +Sie umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte +die Muskeln des Körpers, und auf ihren Lippen war der +Ausdruck von Durst. »Hast du einen Brief geschrieben?« +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?« Sie erhob +sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und lachte. +»Aber da steht ja nichts!« rief sie.</p> + +<p>Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte +die Wange auf sein Haar. In einer Mischung von Grauen, +Schrecken, angstvoll lähmender Erregung und Bewußtlosigkeit +verschwammen Dietrich alle Dinge ringsherum. +Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und +Sein war von dieser Minute an der herrschende in ihm. +Ich muß sie erwürgen, fuhr es ihm wie kalter Stahl durch +den Kopf, ich muß sie unbedingt erwürgen; zugleich erzitterte +er in einer schwindelnden, erstickenden, gehaßten, häßlichen +Begehrlichkeit.</p> + +<p>Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, +zurückgestoßen zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift +und schrieb auf das leere Blatt: Ich erwarte dich punkt +neun Uhr bei der Kapelle.</p> + +<p>Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte +seinen Kopf an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt +kommen?</p> + +<p>Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig +unbekannten Stimme: »Ich werde kommen.«</p> + +<p>»Sicher?« jubelte sie leise.</p> + +<p>»Sicher.«</p> + +<p>Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie +richtete sich empor, Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin +stand im Zimmer. Im Reiseanzug stand sie da, den Blick +wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die beiden waren, +mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene +etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe +von den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem +Blatt, auf das Hedwig ihre großen Buchstaben geschrieben, +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>zerknüllte es krampfhaft in der Faust und wünschte, +daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn ihm war, +als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und +könnten die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, +sich scheu duckend unter den Augen dieser Frau, die sie als +Luft behandelten, wußte nicht recht, was sie tun sollte, endlich +faßte sie einen Entschluß, ging mit einem hastigen Knix +an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich ungeachtet +seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.</p> + +<p>Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine +nicht zu bemerken. Sie legte den Hut mit dem langen +Schleier ab und ging lässig hin und her. Sie erzählte von +der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen +Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise +am Bahnhof gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen +keine Notiz genommen, schien ihr auch Dietrichs Stummheit +nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte Haltung +nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, +bat sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments +anzufertigen, das sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm +reichte. Es war ein Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft +und über den Nachlaß des Ratsherrn, gespickt mit +Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte Beflissenheit; +er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die +Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine +begriff er, und es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die +Mutter hier festhalten wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte +und nach einem bestimmten Plan handelte.</p> + +<p>Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den +Ledersessel ans Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen +Werke und begann zu lesen. Bis zum +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen; nur einmal +sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem +Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten +im Saal.«</p> + +<p>Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und +Zeitschriften vom Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen +hatte Dietrich die Kopie beendigt; man setzte sich +zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr; es war zehn +Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend +hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr +fünf Minuten nach halb neun war, erhob er sich und +sagte, er gehe jetzt.</p> + +<p>Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein +Gesicht. Mit einem sonderbar heitern Ausdruck, indem sie +sich vorbeugte und die Hände flach auf das Tischtuch legte, +sagte sie: »Du bleibst.«</p> + +<p>Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, +du würdest das nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, +daß ich in diesem Fall nicht gehorchen kann.«</p> + +<p>Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht +verschwand, schob sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch +die Züge etwas Unerbittliches, ja Wildes bekamen, +das Dietrich neu war. »Du bleibst«, wiederholte sie. Auch +sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer, bis ich es +für gut finde, dich zu entlassen.«</p> + +<p>»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, +die ein Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms +war, »ich bin dein Sklave nicht, ich habe mich verpflichtet.« +Damit ging er zur Tür.</p> + +<p>Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich +mit dem Rücken zur Tür, streckte gebieterisch den Arm aus +und rief, totenfahl. »Keinen Schritt mehr und kein Wort +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave oder nicht, verpflichtet +oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht. Aus +dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein +Wort!«</p> + +<p>Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den +Weg frei,« röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder +beim allmächtigen Gott, es geschieht etwas ...«</p> + +<p>»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen +Lippen, denn das Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es +geschah.</p> + +<p>Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff +das silberne Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. +Seine Lippen sprudelten sinnlose Laute. Er schleuderte das +Messer zu Boden, hob die Arme, umklammerte mit den +Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit entleerten +Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach +zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er +hörte noch, vom Flur draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. +Dann rannte er die Stiege hinunter, aus dem Haus, +aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang hinauf, +wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.</p> + +<p>Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von +der Ermatinger Kirche.</p> + +<p>Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein +Keuchen verebben.</p> + +<p>Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof +herauf klang widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. +Er spähte nach den schimmernden Schatten. Keine +Begierde war je so übergewaltig in seiner Seele gewesen, +so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie +jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute +des reifen Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich +<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>reißen und das Herz in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, +bettelte es in ihm, nur das nicht, daß sie jetzt nicht kommt!</p> + +<p>Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; +und die Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: +kein Geräusch, kein Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. +Er irrte am Waldesrand; sein Auge durchbohrte die Finsternis +links und rechts, oben und unten; sie kam nicht. Da +dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich +in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; +da starben Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn +ein unsägliches Gefühl von Wesenlosigkeit. Noch irrte er +herum, noch wartete er; aber das war schon Schwäche, +traurige, geschlagene Geduld.</p> + +<p>Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er +nahm es nicht wahr. Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. +Unweit irisierten die Lichter vom Pavillon des +Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen +und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war +die Musik, der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden +Paare einzeln. Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. +Dann sah er es.</p> + +<p>Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der +eine Brille trug und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen +hatte, wobei seine Miene befehlend und hochmütig +war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen schwärmerischen +Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen +die Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen +Brüstung vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl +dahinter unterzutauchen.</p> + +<p>Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder +Zorn noch Scham noch Verwunderung noch sonst eine Erregung. +Es war ein fertiggelebtes Stück Leben, das seinen +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man mit +dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt +möglich war, sich mit ihm abzufinden.</p> + +<p>Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich +auf das Geländer lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs +Wasser plätscherte, wie kleine Wellen lallend ans Ufer +stießen, und schauerte in der Nässe seiner Kleider, von +denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert +schlich er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der +Villa, stand unschlüssig, ging hinein, ging ins Haus, +schüttelte sich im Flur, daß es spritzte, ging im Finstern die +Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer, das +er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen +hatte, schloß leise die Tür, als er drinnen war, drückte die +Stirn an die Wand und begann unaufhaltsam still zu +weinen.</p> + +<p>Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine +schmerzliche, und dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft +mit dem nächtlichen Sommerregen draußen, +der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle die +Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt +hatte. Als er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit +gewöhnten Augen eine Gestalt, die regungslos am +Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt. Sonst war +nichts zu unterscheiden.</p> + +<p>Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung +und Erinnerung. Die Gestalt erhob sich. Er stürzte auf +die Knie und umschlang ihre Knie mit seinen Armen. Er +preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte; er +preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren. +Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen +war ihm vergangen. Er preßte nur, angstvoll über die +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den Kopf in ihren +Schoß.</p> + +<p>Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe +von stundenlangem Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben +liegen. Sie hatten eine beglückende Schwere für Dietrich. +Er löste das Gesicht aus der dunkelwarmen Kleidhülle +und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich, über dem +Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich wahrnehmbar, +so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, +so rein, so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her +freudige Zuversicht über ihn strömte.</p> + +<p>Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses +Wesen? wie es herausmeißeln aus dem Traum?</p> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a></p> + + + + +<h2><a name="Die_dritte_Stufe" id="Die_dritte_Stufe"></a>Die dritte Stufe</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a></p> + + +<h3>Begegnung am Ufer</h3> + +<p class="newchapter">Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den +zwanzigsten September, Georg Mathys von Basel herüber, +Justus Richter aus Tirol, wo er mit seinen Eltern +gewesen war, beide an demselben Tag.</p> + +<p>Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. +Dietrich allein zu lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten +wichtig geworden; plötzlich erkannte sie, daß Sammlung +und Reifung für ihn auf dem Spiel stand und leidenschaftlich +Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger +Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen +Geschehnissen hatte diese Wirkung nicht gehabt; +fast zu spät begriff sie die Gefahr, die darin liegt, von der +Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern im +nüchtern-alltäglichen Ablauf.</p> + +<p>Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig +ans Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, +Herbst und Winter bei den Geschwistern in +Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich alles so +zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen, +daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. +Brauchte er sie, rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, +sonst mochte er, uneingestandener Neigung gehorchend, +das Leben zunächst auf eigene Verantwortung führen.</p> + +<p>Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu +handeln, verlangte ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, +<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>Bereitschaft zu einem Verzicht überdies, den zu +leisten einen Monat vorher sie nicht fähig gewesen wäre. +Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren, wenn +er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für +förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere +Gelassenheit gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er +ahnte, wie sehr sie erzogen und errungen war.</p> + +<p>Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang +zu vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, +hatten eine Fülle und Überfülle, die er freudig verausgabte +bis zum Abend und die am Morgen wunderbar erneuert +war, als seien Schlaf und Traum unerschöpfliche Behältnisse +dafür. Man durfte verschwenden und wurde nicht +vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der +Besitz. Regel war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er +liebte sich mit jedem Atemzug ins Innerste der Dinge hinein +und ins Kleinste, in den Grashalm und ins Sandkorn, in +die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild +von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt +oder gewebt, erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick +ein Inwendig-Inniges, ein Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; +im nächsten ein Zeichen von gestern oder für morgen. Bisweilen, +wenn er in anscheinender Zerstreutheit Gleichgültiges +tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung: +Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen +am Zaun und nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! +Doch Oberlin war ja hier, tuend, sagend, fragend, in einer +bebenden unzerstückten Erwartung.</p> + +<p>Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche +Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig +Momente der Verlegenheit. War er durch Erschütterungen +mehr als durch mitteilbares Erlebnis von ihnen abgerückt, +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>so waren sie es nicht minder von ihm durch sein scheues +Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht +mehr galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt +dadurch, daß sie Gäste waren, die sich trotz gewährter +Freiheit in die neue Ordnung und Umgebung erst einzuleben +hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer etwas vom +Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die +empfindsamste und wachsamste, die es gibt.</p> + +<p>So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, +das die ersten Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der +sich nicht verstellen konnte, fand es langweilig; Georg +Mathys bedauerte Dietrichs Zugeknöpftheit und Kühle; es +lag ihm daran, diese von allen Beteiligten herbeigewünschte +Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt richtig +geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und Meinungstausch +gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im +Freien, Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie +sein Meister Lucian verstand er sich auf Ablenkung und die +geistigen Umwege, und wenn er ein Ziel vor Augen hatte, +erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt Fink in +der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im +einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende +Vorgänge witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in +zögerndes Erzählen und Bekennen zu verlocken; er mußte +nur achthaben, daß Richters zufahrende Derbheit nicht +verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.</p> + +<p>Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und +Lösung, wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. +Das Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg +Mathys glaubte es. Er war hierin nicht gefährdet; mit +klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der Trübnisse +handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und +<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>süßem Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz +bei ihm. Er wollte dienen, erforschter Not wirkend begegnen, +nicht unterliegen, auch im Menschlichsten, Natürlichsten +nicht; er hatte seine leuchtenden Muster, denen er nachzufolgen +gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll +unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. +Justus Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht +immer mit schlagenden Argumenten. Während der in +Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in einem Kreis +von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch +in ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten +ihn dauernd. »Er hat den guten Geist verraten,« sagte +Georg Mathys manchmal nachsichtig, »beim ersten Hahnenschrei +schon.«</p> + +<p>Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen +im Umgang mit Oberlin einem Zauber; was ihnen das +schwächere Element zu sein dünkte, erwies sich als das +stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die mitspannte; +er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen +des Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze +Wesen war eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; +ein fast mädchenhaftes Schmachten zuweilen, das nicht +zum Spott reizte, nichts Verschwommenes hatte, weil es +so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden +auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die +Verheißung; die Flamme; die Sehnsucht; die glückliche +Last.</p> + +<p>An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann +und sich dann umzog, gingen sie zu dritt auf den Höhen, +lagerten am Waldrand, stiegen schließlich zum See herab. +Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der Leyen hatte sich +entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum erstenmal +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges +Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. +Georg Mathys erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden +zurückgekehrt, daß der Prozeß gegen ihn anhängig +gemacht sei, daß er in menschenmeidender Einsamkeit von +Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen schreibe. +Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe +jede ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen +wie ein Präzeptor, der seinem außer Rand und Band geratenen +Zögling Vernunft und Mäßigung predigen müsse; +der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte, +daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen +habe, das Praktische und das Ideenhafte beständig und +täglich gegeneinander abzuwägen und mit seiner trotzigsten +Forderung sich vor dem souveränen Leben zu beugen, dem +kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich zerfalle und +erstarre.</p> + +<p>Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine +Zweifel und Bedenken längst. Man könne eben mit dem +Gedanken allein die Welt nicht regieren; es gehe nicht an, +hundert oder tausend Menschenkinder von hundert- oder +tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide +zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, +weil man es ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller +Kommandogeist drin, der Blüten und Wunder +zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In all dem +höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es +einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es +andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.</p> + +<p>Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und +sagte: »Wer die Welt vorwärtsbringen will, muß sich gegen +sie stemmen. Und das hat er getan.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, +vergißt, was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er +vor einem stand, wie er mit einem ging, wie er einen bei der +Hand packte, wie er einem die Natur und die Menschheit +aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? +für mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.«</p> + +<p>»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, +»ich hab immer ein wenig an der Bergkrankheit gelitten +in seiner Nähe, das gesteh ich frei, und daß ers jetzt selber +mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr nicht leugnen. Wir +lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank schuldig, ist +wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was +wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal +wirds noch an den Tag kommen. Denkt an mich.«</p> + +<p>»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, +»er, der vor nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst +du das auf dich?«</p> + +<p>»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und +ich weiß, was ich damit sage.«</p> + +<p>Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. +Nun schwiegen sie plötzlich und richteten die +Blicke auf eine ihnen entgegenkommende Gruppe. Zwei +junge Mädchen und ein junger Mann waren es. Dieser, +von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung, +ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im +Abstand von zehn oder zwölf Schritten. Beide Mädchen +waren in Haltung, Gebärde und Typus einander ähnlich, +auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem Ledergürtel, +weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem +Strohhut, von dem ein violettes Band auf die Schulter +hing.</p> + +<p><a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes +ging, war von so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, +daß Mathys, Richter und Oberlin, während sie auf +dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt stehen +blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen +ins Gesicht starrten.</p> + +<p>Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; +in den fruchthaft ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, +dann ein wenig spöttisch, denn das Bild des regungslos +gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein +einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der +in der Mitte stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen +Blick, so wollte es ihn dünken, eine Frage sei darin enthalten +gewesen, blitzschnelle Frage im nicht zu hemmenden +Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die Atmosphäre +durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden +Stern.</p> + +<p>In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, +Himmel drehten sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; +der sandige Pfad gelber Streifen am Firmament, die Wolken +zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In den fünf Sekunden +lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, +Empor und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit +und letzte Schranke, Wunsch und Finsternis des Herzens.</p> + +<p>Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete +Weiß einer Haut, der eine organische Fluoreszenz +eigen schien; die Stirn, gebogen wie eine antike Schale, +gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige Gesicht; +in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend +der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der +Seele, in die die seine hinüberströmte, als wären ihre Wände +geborsten; das kastanienbraune Haar, kurz geschnitten, doch +<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend und wie auf +Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund +für das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, +Lippen, Augen. Wie sich ihm alles eingrub, einpflügte, einglühte; +wie er es umfing und in sich trank, als hätte es +ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die Gestalt, +den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum +herum, das ein für allemal Geprägte des Menschenwesens.</p> + +<p>Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn +an der Schulter gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, +Oberlin! führst dich auf wie ein Narr. Vorwärts.« Mit +irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter sich wieder +zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er +ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er +sich entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen +an die Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern +schwer. Schwarz und Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander.</p> + +<p>Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, +stolz, grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann +ihn verwundert, ja bis zum Erblassen verwundert auf Dietrich +heftend, als errate sie seinen Zustand und die Ursache +davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom +Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten +ein wenig überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys +neugierig, als sie außer Hörweite waren. »Freilich kenn +ich sie,« war die aufgeregte Antwort; »allerdings nur vom +Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon erlaubt +sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern, +Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, +dem Psychiater. Die alleine ging, heißt Hanna; die andere, +Cäcilie, war schon als Kind so schön, daß die Leute auf der +<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>Gasse stehen blieben, <em class="antiqua">bouche béante,</em> genau so einfältig +wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe +sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern +zu können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, +daß sie Männer und Frauen um den Verstand bringt, wenn +sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber keine Freude machen, im +Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch geworden +ist.«</p> + +<p>Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete +hell durch die Büsche, und sie gingen schweigend durch den +Garten.</p> + + +<h3>Tragischer Abend</h3> + +<p class="newchapter">Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse +im Obergeschoß, von welcher See und Landschaft weit +zu überschauen waren. Der Himmel hatte sich mit eintönig +grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte Wasserfläche +farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten +Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille +war in der Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden +Tags. Zu Dietrichs Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, +hob bisweilen den riesigen Kopf mit der gelblich gefleckten +Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte sich mit den +Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine wuchtige +und wachsame Schläfrigkeit, seufzend.</p> + +<p>Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern +und Purpur-Laub, eine längliche Schale, in der große reife +Birnen in einem Kranz schwerer Trauben lagen. Justus +Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab, schob sie in +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu +verstehen, daß sie ihm schmeckten.</p> + +<p>»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« +begann er listig zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt +darüber, daß ichs weiß. Aber es ist überflüssig, davon +zu reden.«</p> + +<p>Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in +Frankfurt die Athene des Myron sah, war mir, wie wenn +ich gegen alles Schlechte und Häßliche für lange gefeit sei, +und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich heran +könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue +war mir ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale +dringen, so erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen +mögen wie von einem Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. +Und bis heute wieder hab ich nicht gewußt, daß es +einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen könne.«</p> + +<p>Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. +Die Worte betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und +schmerzten ihn, nur weil sie ausdrückten, was er empfand.</p> + +<p>»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte +Justus Richter.</p> + +<p>»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu.</p> + +<p>»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art +fort, »wenn man sich mit allen Sinnen eine abwesende Person +vorstellt, von der man ahnt oder wünscht oder fürchtet, +daß sie in unser Schicksal greifen wird, dann ist sie auch da, +dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist euch nicht +zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil +es die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas +zu erzählen, etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel +von ihr, das heißt, ein anderes Ich in mir weiß es; ich habe +Unruhe um sie. Warum?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs +nicht sah oder sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es +gibt Menschen, die gewinnen einen Einfluß auf Seelen wie +magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns selber +haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die Mitteilungsformen. +Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen +untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir +als toten Stoff betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir +annehmen und gehen tiefer als alle Wissenschaft und +Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und durch rohe +Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß +Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein +Strahl aus einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die +uns auf allen Seiten umragen. Das ist dann ein Gefühl, +wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie nach dem Tod oder +vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend, +undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt +erlangen. Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean +in den Adern, und ich bin doch nur ein Tropfen davon, +hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich Medium, +nämlich Geist unter Geistern.«</p> + +<p>»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; +»wir müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche +zu billig wird für die Zunge und zu straflos für die Gedanken. +Alles das steht unter einem strengen Gesetz; es +hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest +du zu früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst +eines Wahns oder das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. +Es ist da ein Punkt, wo sich der wirkende Mensch vom +vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum Parasiten, +wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft +und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Pfaffe, wir sehens jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig +antworten,« beschwichtigte er den zu ungeduldiger Erwiderung +Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten, das läuft +ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus. +Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es +ist uns allen gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb +wünscht ich nicht daran erinnert zu werden, daß es für dergleichen +bereits gestempelte Formeln und flüssige Meinungen +gibt. Wir wollens für uns haben.«</p> + +<p>»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter +gutmütig-unzufrieden. Aber er machte keine Einwendung +mehr und überließ sich der lastenden Stille wie die andern. +Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn auf den +Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit +aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, +mit glänzenden Augen freilich in dem jugendlich +belebten Gesicht. Da erschraken alle drei; ganz nahe, von +der Richtung des Waldes her, war ein Schuß gefallen. +Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.</p> + +<p>Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. +Zu zaudern war nicht mehr. Von der Terrasse führte die +Steintreppe unmittelbar in den Park, die eilten sie hinunter, +dann zu der kleinen Gartenpforte oben. Der Wiesenstreifen +war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es +ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen +aufgeweicht war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten +überquert. Am Waldrand, unter den vordersten Stämmen, +erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust stand schon +vor ihr und verbellte sie.</p> + +<p>Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht +mit den Händen bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der +Anruf Richters, die hastige Frage Georg Mathys’ riß sie +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>nicht aus der Starrheit. Da deutete Dietrich mit gurgelndem +Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die ausgestreckt im +Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man +im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die +Schwestern waren, die sie vor anderthalb Stunden am +Seeufer gesehen, war den jungen Leuten sofort klar. Georg +Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden hin; als er +sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand; +mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein +Revolver, der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das +Gesicht; ein Blutfaden, in der Halbdunkelheit schwärzlich, +rann von der Schläfe zum Ohr und ins Moos.</p> + +<p>Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die +entseelt vor ihm lag. Es als unabänderlich erfahren zu +müssen war ein herabstürzender Block; Schultern und Schenkel +zitterten ihm; er stützte sich mit den Armen auf den Boden, +seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die rechte; +die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen, +hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, +schaute sich hilfesuchend um, dann war er verschwunden, +und man hörte seine den Abhang hinunterstürmenden +Schritte.</p> + +<p>Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch +die regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des +bösen, eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn +endlich aufschreckte aus der Vergeisterung. Von der Straße +schallten Stimmen empor; der Schuß, der Schrei hatten +Passanten und Leute in der Nachbarschaft alarmiert. Einige +näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten unschlüssig +wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts +fest außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem +vergangenen befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>geirrt war. Er suchte die Beziehung zwischen hier und dort, +den Sinn der Doppelheit und der Folge. Was dort geendet +hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn, wie immer +es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein +Gefühl hatte er. Sich hinbetten neben die Weiße war seine +inbrünstige Begierde diese ewige brennende Spanne hindurch, +die nur nach Minuten zählte. Der Leib war gegenwärtig, +also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit +war Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich +niemals damit abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der +ihm heute aufgetan worden, konnte nicht von einem Grab +versperrt werden, dessen war er gewiß.</p> + +<p>Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt +zu der Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten +mit dunkler rauher Stimme, besinnend und abwesend +erst wie von einer, die schwer aufwacht, dann erregt, +anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies: +sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn +harte Worte gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; +sei von ihr weggegangen, sei vorausgeeilt; auf einmal der +Schuß. Daß sie den Revolver bei sich gehabt, wer hätte +daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den ersten +Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt; +Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät +gewesen.</p> + +<p>Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. +Was nun werden solle; die Eltern, man möge ihr helfen; +sie könne so den Eltern nicht gegenübertreten; um acht Uhr +kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff von Meersburg, +sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht +und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Gnad von der Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg +gefahren, um Freunde zu besuchen; Cäcilie sollte bei +Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich darauf gefreut, +alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort, die +heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel +verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der +Mutter; die überlebe es nicht.</p> + +<p>Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden +ihr zur Verfügung, sie möge bestimmen, was zu geschehen +habe. Es sei halb acht jetzt, bis zur Ankunft des Schiffes +bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich erbötig, die +Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie sich +zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: +sie und die Schwester seien in Begleitung eines Herrn +gewesen; ob es ein Verwandter oder sonst nahestehender +Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen solle?</p> + +<p>Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies +sie es ab. Die verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die +Blicke am Boden, sagte sie, es sei kein Nahestehender gewesen; +sie und Cäcilie hätten sich um halb sieben Uhr von +ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren.</p> + +<p>Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein +kroch den Hang aufwärts. Justus kam mit dem +Gärtner und dessen Gehilfen aus der Oberlinschen Villa. +Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf, gleich +nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus +Richter telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte +gebeugt, indes der Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, +er sei hier leider überflüssig. Hanna Landgraf warf sich +schluchzend über die Leiche. Zwei Polizeibeamte, ebenfalls +mit Laternen versehen, drängten sich durch die Zuschauer. +Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um.</p> + +<p><a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie +möge sich fassen, sagte er, die Herren wünschten einige Fragen +an sie zu richten. Ihr düsterer Blick ging im Kreis, sie +erhob sich; mit wenigen Sätzen und in ruhigem Ton erzählte +sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie groß +schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester +gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und +erwiderte, es seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte +gewesen. Plötzlich wandte sie sich zu Georg Mathys und +sagte, wenn sie seine Freundlichkeit wirklich in Anspruch +nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt zum Landungsplatz +gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß +er ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter +müsse geschont, müsse vorbereitet werden; er möge dies +ihrem Vater noch besonders ans Herz legen. Professor +Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener Brille, +glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut.</p> + +<p>Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und +in irgendwelcher Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte +ihm, er schob seinen Arm in den des erschrocken auffahrenden +Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.« Dietrich +ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er +heim.</p> + +<p>Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch +lieber nach Hause gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen +wird, ist so gräßlich und ... so gewöhnlich.«</p> + +<p>»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; +»wie meinst du das: gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das +Gewöhnliche ist ja ein Trost. Schon ist Zeit verflossen, +Menschen haben geredet, Tatsachen sind festgestellt, und +das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist +gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab +Dietrich zurück.</p> + +<p>Während sie an der Landungsbrücke warteten und die +roten Lichter des Dampfers sich lautlos näherten, sagte +Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt mir zu denken. +Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte +sie dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar +Mal ganz verwundert fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen +Ereignis nur die zufällige Zeugin gewesen. Schon +vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie bloßer Schall +in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, +die Verzweiflung ...«</p> + +<p>»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; +»was soll man auch da noch nachdenken oder schauen; es +hat ja keinen Zweck mehr. Die oder andere; mein Gott, +Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich ihm ein +Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann +warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys +ergriff seine Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, +Brüderchen, Mut.« Nichts weiter, aber es war viel.</p> + +<p>Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur +wenige Passagiere ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, +die sie suchten. Georg Mathys sprach den Professor höflich-bescheiden +an, fragte um den Namen, stellte sich selbst vor +und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu +dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, +und als er die ersten Worte vernommen, noch ein paar +Schritte; die hagere, kränklich aussehende Frau schaute ihnen +betroffen nach. Es dauerte lange, das Schiff rauschte schon +wieder in den See hinaus, Dietrich, an die Holzbrüstung +gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden +Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Stimme zu der Frau; sie schien aus seinen Mienen zu +erraten, was er ihr noch verhehlte, schrill kreischend tönte der +Name Cäcilie in die Nacht.</p> + + +<h3>Das Unbedingte</h3> + +<p class="newchapter">Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich +den Eindruck zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, +Gespräche, Gesichter, Gebärden, es war wie Spiegelung im +Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse rollten vorbei; +er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel. +Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht +schlaff; es war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter +neue Gesetze stellte. Er bereitete sich auf einen Kampf vor; +Duell mit einem mächtigen, unsichtbaren Gegner. Er sammelte +sich. Er schöpfte Atem.</p> + +<p>Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht +worden, in das Musikzimmer neben dem Vestibül. +Leute gingen fortwährend ein und aus. Als der Professor +mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen sie ehrerbietig +zur Seite und einige grüßten stumm.</p> + +<p>Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen +gesetzt. Sie ins Hotel zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete +den fremden Gästen sein Haus, und Justus Richter erhielt +den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen. Der nahm es +dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand +seiner Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys +und der Gärtner hatten sie in eines der Fremdenzimmer im +zweiten Stock getragen; sie war aus der Bewußtlosigkeit +noch nicht erwacht. Später weinte sie ununterbrochen vor +sich hin. Hanna war um sie bemüht.</p> + +<p><a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. +Es schien ihm angenehm, in Justus Richter den Sohn +eines Amtskollegen zu finden; es befreite von dem Gefühl, +sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß die Leiche +nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden +sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten +zu erledigen, durfte man nicht säumen. Die sommerliche +Temperatur ließ das Verbleiben der Leiche im Haus länger +als über die Nacht untunlich erscheinen. Es mußte der +Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit +dem Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt +wegen des Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys +und Justus Richter erklärten sich mit Eifer zu Hilfe bereit; +sie wurden von einem Nachbar der Oberlins, Regierungsrat +Westerland, tätig unterstützt; er war an der Unglücksstätte +gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil. +Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend +und gab so verkehrte Antworten, daß man schließlich +auf seine Mitwirkung verzichtete. Der Regierungsrat +bestellte telephonisch ein Auto und fuhr mit den jungen +Leuten weg.</p> + +<p>Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen +von Schatten. Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. +Das eine Mal fragte sie ihn um den Weg nach der Küche; er +geleitete sie; das andere Mal suchte sie eine fehlende Ledertasche; +das Gepäck war vom Adlergasthof geholt worden. +Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit +flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt.</p> + +<p>Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes +erleuchtet waren, dehnten sich die Gartenwege hell. Er +vernahm die knöchern-harte Stimme des Professors durch +ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand Rechenschaft +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen +Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war +kein Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte +sich, erbitterte sich, und niemand antwortete. Dietrich +mochte nicht lauschen. Er verstand nur diese Worte: +»Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen zu leben +und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. +Wer Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles +zu wissen und nichts verhüten zu können.«</p> + +<p>Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein +von Menschen, die er gestern noch nicht gewußt, die heute +unter seinem Dache wohnten, ihm verbunden durch eine +Tote.</p> + +<p>Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. +Eine Weile unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; +offenbar hatten sie ihn gesucht, denn er vernahm mehrmals +seinen Namen. Vom Herumirren müde, warf er sich auf +den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es +verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen +Händen umgriff er das schaurig hinrinnende Schicksal, die +Augen hingen an der verborgenen Welt; Leiden durchdrang +ihn.</p> + +<p>Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. +Das Haustor war versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, +aber an der Seitenfront war ein Fenster offen, er kletterte +am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er befand sich in +dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit pochendem +Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat +er den Raum, in dem die Leiche lag.</p> + +<p>In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische +Flamme. Die Frau des Gärtners war zur Wache bestellt +worden, aber sie schlief fest in einem Sessel neben der Toten; +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>auf dem Teppich vor ihr kauerte seltsamerweise der Neufundländer.</p> + +<p>Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende +Gestalt herab, über die bis an den Hals ein graues +Tuch gebreitet war. Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht +aus dem Dunkel sproßte. Die Schußwunde war vom +Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins Unirdische +gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das +Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den +Tod mündete. Hier endete der Schmerz; dies zu schauen +hieß an der Grenze sein und Auferstehung ahnen oder das +Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog, war jenseits +von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die +Hände zu falten und zu beten.</p> + +<p>Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, +es drückte neben Altgeläufigem und Verständlichem ein +Mysterium aus, an das noch kein Gedanke von ihm gerührt +hatte.</p> + +<p>Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. +Jetzt knurrte er, und als Dietrich sich erhob, fiel +ein Schatten vor ihn. Sich ohne Neugier umwendend, +gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn schweigend, +in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu +einem Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf +und legte die gekreuzten Hände an die Brust.</p> + +<p>Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. +Er lenkte den Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen +war, gegen das Boudoir. Rust folgte ihm. Noch hatte er +die Schwelle nicht erreicht, als er aus dem abermaligen +Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter +ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die +Tür wieder zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Neufundländer wehrend, der mit Groll sich wider sie stellte, +sagte sie bebend: »Was hat das Tier? Ich begreife nicht, +was es von mir will.«</p> + +<p>»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; +»still, Rust, Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. +Dietrich machte Licht.</p> + +<p>Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am +Fenster stehen und schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug +das weiße Kleid vom Tag, darüber jedoch einen venezianischen +schwarzen Schal, der die schlanke, mehr als mittelgroße +Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas +zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem +ganzen Auftreten machte sich diese Mischung geltend, in der +Sparsamkeit der Bewegungen namentlich.</p> + +<p>Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum +sehen Sie mich so an? Warum verfolgen Sie mich immerfort +mit demselben Blick? Glauben Sie, das spürt man +nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im +Haus begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?«</p> + +<p>In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, +mit dem Rücken gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. +»Nichts,« erwiderte er scheu und fast erschrocken, +»es bedeutet nichts Besonderes.«</p> + +<p>»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!«</p> + +<p>»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, +der mit ihr geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht +stehend und lebendig gesehen hat. Wenn man es so sagt, +ist es nichts Besonderes; für mich ist es viel. Um halb sechs +Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist. Sie hat +mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. +Aber seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was +<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Leben ist. Und seit fünf Stunden weiß ich, was Tod +ist.«</p> + +<p>Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine +Mienen hatten einen Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln +war ein zuckendes Kinderlächeln.</p> + +<p>Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb +stehen, dachte lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute +ihn mit tiefster Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie +mit einem Ausdruck düsterer Betroffenheit: »So also. +Das also.«</p> + +<p>Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände +über den Knien und sah mit dem gleichen Ausdruck zu +Boden. Wieder betrachtete er dieses Gesicht; wieder konnte +er den Blick nicht von ihm lösen.</p> + +<p>Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der +Toten. Er glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer +durch Rauch, das andere, und er war dem lebendigen Gesicht +dankbar. Er hätte nicht zu sagen vermocht, ob es ein anziehendes +oder sympathisches Gesicht war. Es schien ihm ein +Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden mußte, +die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen, +unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes +war ihm eigen; es wechselte in der innern Form; verging +und tauchte wieder auf, war beseelt und wieder leer; +voll Maß und Stille, dann wieder quälend bewegt.</p> + +<p>Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, +war nicht kurz gehalten, sondern über dem Nacken in einen +reichen Knoten gefaßt, über Schläfen und Ohren in natürlichen +Wellen fließend. Das Seltenste, graublaue Augen im +Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick war +bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die +Brauen lang geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der +<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Mund war zur Mitte hin in einer harten Linie emporgehoben; +die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen Charakter, +so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe +schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, +Energisches und Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte +keinen Punkt, wo es sich sammelte; auch enthüllte es sich +nur nach und nach, den verschiedenen Empfindungen und +Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war +oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich +spürte es; es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der +Leidenschaft und der Gefahr.</p> + +<p>Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen +Lippen und durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen +einander fernen Menschen nicht zu herrschen pflegt: »Warum +hat sie es getan?«</p> + +<p>Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger +Abwehr machte, wiederholte er im nämlichen fallenden +Rhythmus: »Warum hat sie es getan?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie +mich nicht.«</p> + +<p>»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich +leise. »Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen +es wissen. Sie müssen es sagen.«</p> + +<p>Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden +läßt,« stieß sie verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls +flüsternd, als dürften die Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer +dringen, »niemand hat das Recht, mich zu foltern, +niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es +dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis +wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine +Beichte schuldig, bloß weil mich der Zufall in Ihr Haus +verschlagen hat?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. +»Wozu Hohn und Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren +Augen des Vertrauens nicht würdig, so muß ichs zu begreifen +suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie +mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens +die Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. +Es ist kein bloßer Zufall, daß ich vor Ihnen stehe und daß +Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen Sie mir verbieten, +zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir, einen +Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen +Sie mir also das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, +damit ich weiterleben kann.«</p> + +<p>Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung +in ihrem Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte +sie, »wie furchtbar ...« Und wie zuvor schaute sie ihn +mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an.</p> + +<p>»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte +er kaum vernehmlich.</p> + +<p>Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... +dieses Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür +... auch sie hatte es ... auch sie konnte so reden. Wer +sind Sie eigentlich? Den Namen kenn ich natürlich; wir +haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ... Sie +müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen +miteinander sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... +lassen Sie mich gehen jetzt ...«</p> + +<p>Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, +in Eile loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, +dort hielt sie inne und horchte. Auch Dietrich hörte ein +Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über Steinfliesen +gingen; dann war ein Seufzen, dann war es +wieder still.</p> + +<p><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens +war eine Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies +und sie stärker verband als die gewechselten Worte.</p> + + +<h3>Warnende Stimme</h3> + +<p class="newchapter">Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit +und Stille statt. Georg Mathys und Justus Richter gingen +mit zum Kirchhof. Sie wunderten sich über die unerschütterte +Haltung, die der Professor am Grab zeigte. Er sprach +vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem +Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. +Hanna war bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war +während der ganzen Zeit verschwunden.</p> + +<p>Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den +Wald hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen +war. Dort hatte er sich auf einen Baumstumpf gesetzt und +sich der Einsamkeit und Ruhe hingegeben. Indem er unverwandt +in das zerdrückte und von vielen Füßen zertretene +Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf, +blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich +anschickt, und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die +Schöne zuletzt getragen. Anfangs war es wirklich wie ein +Frevel, den er verübte, dann aber löste sich in ihm die Unrast, +die er in dem kurzen Schlaf der Nacht empfunden. +Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr +Blut über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte +des Bodens gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. +Noch stand die nämliche Luft; noch ragten die nämlichen +Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer hatte vielleicht den +<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß ihn die +Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und +knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos +zu ihrem Herzen gestern als heute zu seinem; ihm war, als +könne er noch einen verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen +und mit fortnehmen, Gedanken oder Wunsch oder Bild; +verhauchtes namenloses Etwas, von einer Geistermacht für +ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen.</p> + +<p>Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch +bereit. Er dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, +drückte ihm mehrmals die Hand und sagte, wenn ihn +der Weg nach Heidelberg führe, möge er das Landgrafsche +Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem +Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem +Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur +ein geringer Soldat in der großen Armee der Geisteskämpfer +und gehöre auf seinen Posten. Es habe ihm wohlgetan, fügte +er, nicht mit der Miene eines geringen Soldaten, sondern +eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen Leuten +so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.</p> + +<p>Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede +wirkte auf sie so wenig wie auf Dietrich angenehm. Es +war alles Form, gedrechselt bis auf den Buchstaben, imponierend +und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte ihm +die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete +ihn ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, +scharfes Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und +Tochter; jener sah hochmütig und beherrscht aus, das junge +Mädchen redete leise und bestimmt. Sie trennten sich, ohne +einander die Hand zu reichen.</p> + +<p>Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause +zu reisen. Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler +<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>ziehen und für die nächsten Wochen dann in einer Pension +Unterkunft suchen. Sie wünschte in der Nähe von Cäcilies +Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als Hanna +schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich +erstaunt. Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als +sie an Hannas Seite das Haus verließ, um in den Wagen zu +steigen. Sie mochte fünfzig Jahre zählen, sah aber jetzt +wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen wankte sie +durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen +kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab +und küßte ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, +schien von einer Ahnung erfaßt zu werden und halb entsetzt, +halb ergriffen stützte sie sich eine Sekunde lang auf +seine Schulter.</p> + +<p>Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu +sprechen, von seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen +Freundlichkeit. Sie habe ihm Nachricht verheißen; +sie habe sich entschlossen, ihn hie und da zu sehen, da sie +nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu zeigen. +Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber +wenn man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare +sei passiert, daß er Cäcilie noch von Angesicht zu +Angesicht gesehen, vorher, und daß er nun um sie trauere, +als sei sie seine Braut gewesen.</p> + +<p>»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau +Landgraf beschwörend.</p> + +<p>Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei +sich im Haus behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich +ihm sagte, daß wir gingen, wollte er nichts davon wissen +und dich zum Bleiben bewegen.«</p> + +<p>»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte +Frau Landgraf.</p> + +<p><a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er +uns nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat +zärtliche Augen, fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der +sich zu opfern fähig ist. So sprechen sie, so blicken sie, die +Unbedingten. Sie weinen nicht, sie verzweifeln nicht, sie +handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren es, auch +der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der +sein Freund ist.</p> + +<p>Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; +ich möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger +schwatzt; ich möchte ihn umkehren, daß er an sich +irre wird; ich möchte, daß er lügt und stiehlt und es keinem +bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig sein und sich +demütigen.</p> + +<p>So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so +vielfach in den Stunden wie die Stunden selbst waren. +Keine Regung, mit der Blut und Gedanke nicht stürmisch +schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte, angerührt +von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog +kühn die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, +wo sie sich weltscheu verschanzte. Niemand konnte sie erraten; +äußerlich nüchtern, gehorchte sie den Überlieferungen +ihrer Kaste.</p> + +<p>Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie +trafen sich vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.</p> + +<p>Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter +sich waren, zu Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst +nichtig; eine vergessene Verabredung genügte, ein übereiltes +Wort, eingebildete Vernachlässigung. Aus Meinungsverschiedenheit +wurde Streit, aus Streit fortwuchernde +Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander +<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>überdrüssig geworden sind; jeder wurde durch Blick und +Miene des anderen gereizt, und sogar Georg Mathys ließ +es dann an Wohlwollen fehlen.</p> + +<p>Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe +offenen Bruch führte ein Brief herbei, den Justus Richter +von seiner Schwester aus Heidelberg erhielt und den er +den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord Cäcilie +Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort +berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche +Familie dort erzählte und was längst stadtläufig war, +Skandal über Skandal, so daß die Katastrophe eigentlich +wenig Überraschung erregte. Bürgerliche Form als dünner +Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall.</p> + +<p>Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das +für den Haushalt nötige Geld müsse sie sich von Bekannten +ausleihen. Seit Jahr und Tag habe der Professor eine Beziehung +zu einer Schauspielerin in Darmstadt, deren verschwenderische +Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, +den Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. +Von berechnendem Geiz gegen die Seinen, lebe er +außerhalb des Hauses als Grandseigneur. Die Töchter +wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die +ihre Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast +übersteige jeden Begriff; Lieferanten in der Stadt wie auswärts +drohten mit Prozeß. In letzter Zeit habe die Dame +in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu ein +junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine +Gottlieben zu Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens +von ihrem Vater zu Professor Landgraf gebracht worden +war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich Freundschaft entwickelt, +die einerseits Hannas Eifersucht erweckte, andererseits +dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu +<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>einer häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und +ihrem Vater gekommen, und der Professor habe geäußert, +er werde sie in eine Anstalt sperren lassen. Allgemein heiße +es, er könne sich an der Universität wie auch in seiner Praxis +nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als +Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten +die Kranken zu ihm, und die Erfolge seiner analytischen +Methode seien derart, daß sie die Gegner zum Schweigen +zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben müßten, +daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen schritten +und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte.</p> + +<p>Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei +alles nicht wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch +und unbesonnenes Gerede, zusammengebraut von alten +Weibern und aufsässigen Fachgenossen; jedem Wort hafte +die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an; +wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten +zu geben.</p> + +<p>Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; +er wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin +seine Schwester verdächtige und weise den schnöden Inzicht +zurück. Auch ihm seien, während er zu Hause gewesen, üble +Gerüchte über den Professor zugetragen worden, er habe sich +nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten die Spatzen +von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie +einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis +in Abrede stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, +sonnenklar am Tage liege.</p> + +<p>Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher +Wut, er glaube es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend +Zeugen dafür bringe. Nichts sei glaubwürdig, was unter +den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das Reinste +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und Niederträchtige +unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube +es nicht, keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden +zu wollen, sei eine Schlechtigkeit.</p> + +<p>»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg +Mathys in den Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt +sich doch hier mehr oder weniger um Tatsachen, und die +Wahrheit kann ergründet werden, falls uns darum zu tun +ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der +bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? +Da weißt du eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf +dem sich unsere Existenz abspielt und wie nah wir beständig +am Abgrund schreiten. Wie in einem Raum, aus dem nach +und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen unserer +Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei +zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, +du wirst es schon erfahren.«</p> + +<p>»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, +»es macht mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie +leben, und keinen hast du in dir drin. Du mußt nicht allen +Verstand alleine haben wollen. Ich glaub dir nicht, ich glaub +euch nicht, ihr redet so und handelt anders. Sei ehrlich, +antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem +Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, +Richter, denk doch, denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen +und seid ihr nicht vor ihr dagestanden, als hätt euch +der Erzengel mit silberner Fittich gestreift? Nun laßt ihrs +zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich nicht.«</p> + +<p>Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. +Der von Mathys bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein +Dietrichs, die flehentliche Berufung plötzlich besser und +tiefer als der eigensinnige Justus Richter, der sich verbissen +<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>hatte und sich für die Schwester beleidigt fand. Es kam +auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte, +daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, +auf das er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er +wollte es nicht gelten lassen, sprudelte etwas hervor von +Borniertheit und Überheblichkeit und sagte spöttisch, wenn +Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf beziehe, +mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, +brauche er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; +die werde ihm sicherlich keinen reinen Wein einschenken. +Georg Mathys, der das Erblassen Dietrichs bemerkte, wies +die Rüpelei Richters scharf zurück, und nun gerieten die +zwei einander in die Haare, während Dietrich mit verschränkten +Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, +die ihm häßlich vorkamen wie Fratzen.</p> + +<p>Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung +eintrat, blieb in allen der bittere Bodensatz. Es war keine +freie Verständigung mehr, die Harmlosigkeit war gewichen, +der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne zersplittert, und +jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit abgelaufen +und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste, +der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag +schon reiste er nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm +Oberlin auf dem Bahnhof seinen Entschluß mit, den Winter +in Heidelberg zu verbringen und dort die Prüfungen abzulegen. +»Dann werden wir uns ja hoffentlich viel sehen«, +antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé +stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als +wage er es nicht ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. +»Trotz allem, Oberlin«, sagte er lachend.</p> + +<p>Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. +Er fuhr zu Verwandten nach Luzern und wollte Ende Oktober +<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>in Basel sein. Sie hatten darüber ein kurzes Gespräch, +und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden haben +wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich +zu binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn +ich dich jetzt verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, +was in dir vorgeht, ich spür nur deine Ungeduld und dein +erregtes Herz. Ich hab Angst um dich; ich sag es geradeheraus, +dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß +ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme +Tante. Halt deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut +nacht träumte mir, eine tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen +und in Stücke zerrissen. Menschen wie du sind auf +der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu bezahlen. Gib +wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was +ich da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben +Ahnung; es ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken +bin, und außerdem haben deine Augen jetzt was +merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf deiner Hut, Oberlin, +und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich da.«</p> + +<p>Dietrich nickte, bewegt und verwundert.</p> + + +<h3>Was vermag denn ein Mensch?</h3> + +<p class="newchapter">Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf +Oberlin von einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das +sie bis zuletzt geführt. Er vernahm es hochaufhorchend.</p> + +<p>Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr +die eine oder andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der +Schwester anzurühren, habe sie sich gescheut. Er sagte, das +begreife er. Vielleicht werde sie es beim nächsten Mal mitbringen, +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie sich, ihm etwas +daraus zu zeigen.</p> + +<p>Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben +dürfe, was Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen +wollen.</p> + +<p>Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu +wahren wissen; es handle sich doch vor allem darum, zu +erfahren, was den Vorsatz zu sterben in ihr bewirkt und befestigt +habe, möglicherweise finde sich in den Aufzeichnungen +ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr ins +Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; +Wahrheit, selbst die grausamste, beruhige.</p> + +<p>Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit +einem unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. +Wollte sie seiner spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, +mit denen sie ihn so überraschend einbezog in das Gewebe +von Leben und Tod der Schwester? Er fürchtete es. War +sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne Fährte? +Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr +zu verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit +wolle, müsse sie auch die Geheimnisse aufdecken, und an +denen teilzunehmen, meine er kein Recht zu haben.</p> + +<p>»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend +setzte sie hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er +nicht zu sein. Ihr sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment +den Mut zum Ja oder Nein aufbringe. Nach einer +mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen, dem Mut gewissermaßen +Passion und Eingebung sei.</p> + +<p>Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen +schnellen Seitenblick auf sie warf, lächelte sie geringschätzig +und sagte, sie bezweifle, daß das Tagebuch die gewünschten +Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten Partien +<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen +und Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei +sowohl Geduld wie Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem +Tun und Denken eine ungebührliche Wichtigkeit bei und +meinten sich das Leben zu erleichtern, wenn sie solch kleinen +Extrakalender in der Kommodeschublade aufbewahrten. Sie +habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die Folge sei +gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe.</p> + +<p>So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? +erkundigte sich Dietrich naiv.</p> + +<p>»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus +dem alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei +Menschen wie sie und Cäcilie hätten aufwachsen sollen +wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine von der andern +wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut, +die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie +ich; oder wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein +zurück, in ihr Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, +blamiert, armselig, hilflos ...«</p> + +<p>Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter +Nerv des Lauschens. Aber an der Ecke zu der +Pension, wo Mutter und Tochter nun wohnten, warf sie +ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand +zu bieten.</p> + +<p>Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde +und wieder am Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das +Tagebuch brachte, erwiderte sie, sie habe es nicht gefunden; +vielleicht habe es Cäcilie zu Hause gelassen. Auf seine ungläubige +Miene dann: sie wolle offen sein und gestehen, daß sie +vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch nichts +sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe +sichs überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>wenn sie ihm Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von +dem nicht einmal der Name zu Cäcilie gedrungen sei.</p> + +<p>Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte +ihr Mitleid ein. »Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie +gestern, als er es gewesen, der Bedenken geäußert; es sei +übrigens möglich, daß es die Mutter in Verwahrung genommen +hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an +Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten, +vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte +er dies tun, mit welcher Befugnis?</p> + +<p>»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er.</p> + +<p>»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.«</p> + +<p>»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen +Sie das?«</p> + +<p>»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und +was würde es besagen?«</p> + +<p>»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, +ein Geständnis ... haben Sie nicht daran gedacht? Antworten +Sie doch!«</p> + +<p>Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es +sei nicht anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter +durchaus. »Und wenn es auch geschehen wäre,« rief sie, +»was soll es, was nützt es? können Sie sie ins Leben zurückrufen +damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert es +für Sie?«</p> + +<p>Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den +Sinn, zu sehen. Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann +werd ich sie wirklich sehen. Ich muß sie wirklich sehen. +Vorher hab ich keine Ruhe.«</p> + +<p>Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch +gesammeltes Gesicht. Da fragte er unvermittelt, +ihrem Auge begegnend, wer der junge Mann gewesen sei, +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen. +Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete +auffallend bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, +es sei Hubert Gottlieben gewesen, von den Grafen Gottlieben +am Untersee.</p> + +<p>Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. +»Der Bruder von Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. +Und nun war es an Hanna, zu erschrecken. Woher +er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt sei? +Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich +von seinem Betragen denken solle?</p> + +<p>Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von +dem Brief, den Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, +wohl mit schonenderen Worten, doch Punkt für Punkt, +ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte auch von dem +Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden +entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich +nicht davon habe abbringen lassen, daß das alles abscheuliche +Verleumdungen seien. Dem hätte namentlich +Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis +entstanden.</p> + +<p>Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen +sah er die eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter +der bronzenen Bräune der Wangen schimmerte wieder die +Blässe, die er kannte und die ihn ergriff.</p> + +<p>Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein +neues. Viel von dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle +ihres Innern angerührt, die bisher verhärtet gewesen war +gegen die Stimme der Welt. Die Lauterkeit des schlanken +Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es zu fassen, +des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie +Zeit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und +gefärbt, vom See zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen +auf der Rundbank unter einer mächtigen Linde, die unfern +von der Mauer des Friedhofes ihren noch wenig entlaubten +Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.</p> + +<p>»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt +sichs einander, als wären es öffentliche Angelegenheiten. +Ich wundere mich nicht, es läuft den Weg schon lang. Sie +haben unrecht gehabt, es für Lüge und Verleumdung zu +erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die +schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß +die Mauern bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir +in unseren vier Wänden getan und geredet haben, war Gift +und Schmach, und jeder hats eingeatmet und jeder hats +erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist +falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die +Kombination der Leute was übrigbleiben; aber das meiste +ist wahr, leider. Daß Cäcilie gewußt haben soll von dem, +was sich zwischen Bettine Gottlieben und meinem Vater +abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die +gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen +haben gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam +das Schreckliche nicht heran, sie war die einzige, an die nichts +herangekommen ist. Die Menschen redeten vor ihr mit +andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein anderes Gesicht. +An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, +außer die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, +die Welt war umgelogen; im Nu war das Schwarze +weiß, das Häßliche schön, das Schlechte gut. Und sie, sie +nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe und Vergötterung; +nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o nein. Es +war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert +hätte, wie es ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert +hätte, in den Himmel hinaufgeflogen wäre, um die Sterne +für sie herunterzureißen: zu wenig. Sie spürte vielleicht gar +nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht. Niemand hätte +sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine Andeutung +von dem zu machen, was um sie herum vorging, +ich nicht, die Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst +davor wie vor etwas Unausdenklichem. Unausdenklich war +es für jeden, ihr Kummer zu bereiten oder nur Unruhe. Dabei +war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im Traum was +Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von +ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und +wer den zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.«</p> + +<p>Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen +hatte, fragte hauchend: »Und Ihr Vater?«</p> + +<p>»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna +rauh zurück. »Er fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause +war. Seit ihrer frühen Jugend war er immer darauf bedacht, +sie zu entfernen. Sie war monatelang bei Verwandten +oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte +einfach mit. Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder +er verreiste; in ihrer Gegenwart redete er mit veränderter +Stimme und spielte geradezu Komödie. Es mag jetzt vier +Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie +und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, +da saßen wir mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach +zum erstenmal von ihrem Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule +einzutreten. Die Mutter wollte nichts davon +hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem Vorhaben +und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch +gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch +<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>auf andere Dinge, Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war +sie draußen, sprang der Vater auf, streckte den Arm über +den Tisch und rief meiner Mutter mit einem Ausdruck von +Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur fort; +sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule, +ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes +zu machen; vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, +mir graute beinahe, ich fragte mich: was ist das zwischen +ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu diese Verstellung +erst und dann die Freude?«</p> + +<p>»Seltsam«, flüsterte Dietrich.</p> + +<p>»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er +ist stark und hat keine Grenzen wie andere, bei denen man +dann weiß: so, jetzt überschau ich ihn, jetzt kann mich nichts +mehr überraschen. Ich habe Bücher über schwarze Magie +gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt +hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch +ein Mensch ist er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir +alles von der Seele reden. Sie haben etwas an sich, Dietrich +Oberlin, das einen dazu verführt. Dieser Mann, unser +Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm Leben +bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir +Zeit. Es geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich +anschauen, mit dem Blick, in dem nichts steht als: Cäcilie, +mit dem Sie mich beschwören und in die Enge treiben, da +wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter. Begreifen +Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu +einem traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich +hindurch zu ihr wollen und nichts anderes sonst?« –</p> + +<p>»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich +mit bestürztem Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, +doch verzeihen Sie ... verzeihen Sie ...«</p> + +<p><a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen. +Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu +dem Schatten; angenommen, ich lasse mich auslöschen, +austilgen und werde ganz zum Transparent für Cäcilie, +wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt +mir dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte +sie mit schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie +mir dafür geben, dafür, daß ich nicht mehr bin – ?«</p> + +<p>»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, +alles will ich Ihnen sein, was ein Mensch vermag.«</p> + +<p>»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; +»was ist das: alles – ?«</p> + +<p>Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. +»Alles, das bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. +Sie sind ja die Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.«</p> + +<p>»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester +sogar; Sie wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, +was das war. Laß ab von mir, armer Dietrich, es nimmt +kein gutes Ende.«</p> + +<p>Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle +Hand. Sie duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm +langsam über das Haar. Sie lächelte rätselhaft dabei.</p> + + +<h3>Bildnisse Cäcilies</h3> + +<p class="newchapter">Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie +habe sich des öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An +dem Nachmittag, an dem er sich dazu entschloß, war eben +eine Depesche des Professors eingetroffen, kategorischer Befehl +an Frau und Tochter, nach Hause zu reisen. Sie hatten +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte Dietrich +wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, +fragte sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. +Im Laufe der Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn +hätte haben dürfen, wäre alles anders geworden. Frauen, die +keine Söhne haben, stehen im zweiten Rang; so scheints mir +manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie wachsen +nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, +sie war eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, +das hatte was Grandioses.«</p> + +<p>Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von +dem Standpunkt aus beurteilen wolle, dürfe man sie nicht +auf ihr Gut und Böse hin ansehen. Darum ginge es auch +nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und böse, +sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. +Sich nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, +sei ohnehin nicht Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes +Stück, sein Hinauf oder Hinab, und wisse um kein +Ziel.</p> + +<p>Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig +verhaltene Worte, desungeachtet formte sich eine +Gestalt aus reinstem Stoff, und gerade die jünglinghafte +Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde Schmuck. +Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; +wie eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, +mit ernster Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte +furchtsam den Blick. Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, +in ihren Mienen war neidvoller Unglaube, forschende Verwunderung. +Es kam Dietrich übrigens vor, als sei sie in +den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil +ein gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte +sie so seinem Wesen, seinem in der Stummheit wirkenden +<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>Gefühl? Es war leicht um ihn und in ihm; eine leichte süße +musikalische Spannung.</p> + +<p>Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er +ruhig, er gehe gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz +längst, das Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; +der Einwilligung der Mutter sei er sicher. Hanna zeigte sich +keineswegs überrascht; sie verlor in Gegenwart der Mutter +nicht die stolze Gemessenheit, und in beschützerischem Ton +fragte sie, ob er denn ohne langwierige Vorbereitungen übersiedeln +könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr und +der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, +und Frau Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, +da könne man ihm ja vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, +die Bettine Gottlieben bewohnt habe, oben im +Kestnerschen Haus.</p> + +<p>Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich +in den Flur begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben +Knoten laufen, auch wenn man es nicht will und denkt. +Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß die Zimmer noch +frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage dort in +einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war +Cäcilie bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine +Mieter mehr haben. Daß du dort hausen sollst!«</p> + +<p>Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie +in Heidelberg an. Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, +am Morgen führte ihn Hanna zu Kestners, einem alten +Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen wurden +ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später +zog er ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, +die Decke niedrig, die Wände mit blaugemustertem +Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da und dort; die +hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein +<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube +stand ein mit Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das +breite französische Bett im Schlafzimmer war in einen Alkoven +gerückt und mit blauem Kattun verhängt. Durch die +niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar, drüben +auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich +der Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit +Sonne.</p> + +<p>Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in +solcher Menge, daß seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen +und Gläser dafür herschaffen sollte. Als Hanna kam, um +ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei Landgrafs zu +Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all +das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die +Dämmerung. Er war beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; +Hanna war ihm behilflich. Sie plauderten dabei, jeder vor +sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak sie; es war acht +vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch hatte +man nur wenige Minuten zu gehen.</p> + +<p>Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei +erfreut, ihn so unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte +etwas Beunruhigendes, daß man hinter den starken Brillengläsern +seine Augen nur als schwarze Scheiben gewahrte. +Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es noch +mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man +redete, einem im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich +mit Hanna angefreundet,« sagte er mit hoher Kehlstimme; +»das ist schön; haltet nur gute Kameradschaft; auch Margarete,« +er deutete auf seine Frau, »äußert sich wohlgefällig +über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden, +daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. +Sie haltens alle mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole +<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>ihre Zweckdienlichkeit.« Er lachte, nahm die Brille ab und +putzte sie mit dem Taschentuch. Nun glichen die lichtlosen +Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen.</p> + +<p>Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, +Doktor Kelling, einer der Assistenzärzte des Professors. +Er verbeugte sich, als Dietrich ihm vorgestellt wurde und +verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch. Der Professor +wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, +»an ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch +keinen Rang.« Er wandte sich seltsamerweise zumeist an +Dietrich, lächelte ihn freundlich an, reichte ihm die Platten, +schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen Bewegungen und +Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der +redete.</p> + +<p>Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er +einmal den Blick auf Hanna richtete, machte ihn der gequälte +Ausdruck in ihrem Gesicht betroffen. Er war froh, +als man aufstehen durfte; der Professor, seine Frau und +Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna +winkte Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt +seine Hand fest, sie flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es +ist unerträglich; vielleicht ists Einbildung, vielleicht Hirngespinst, +aber er spricht mit dir genau so, in genau demselben +Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit ihr.«</p> + +<p>»Mit ihr? mit ...?«</p> + +<p>»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem +andern Menschen auf der Welt hat er so gesprochen. +Das täuscht nicht. Mutter hat es auch gemerkt; sie war ganz +verstört.«</p> + +<p>»Und was will er damit?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. +Er errät die Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er +<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>ist wie ein Jagdhund, der einer Spur so lange folgt, bis er +das Wild aufgescheucht hat. Es ist unmöglich, ihn zu durchschauen. +Man kann noch so sehr auf der Hut sein, plötzlich +packt er einen, und man ist verloren.«</p> + +<p>»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn +verloren?«</p> + +<p>»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die +Hände vors Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. +Wir sind alle nur seine Opfer.«</p> + +<p>Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich +Furcht. Er empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, +ihm am andern Tag Briefe zu bringen, die Cäcilie an +sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an sie seien +jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, +sie in Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren +gewollt. Sie habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den +Menschen keine Ruhe habe verschaffen können. Davon +handelten die Briefe hauptsächlich.</p> + +<p>In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht +keinen Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken +des Raums Stimmen zu ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, +sein Auge sah das Längstvergangene. Zwei junge +Mädchen, die ihre Seele aufblätterten, Geheimes vertrauend +äußerten: die eine war tot, die andere in Geistesdunkelheit, +verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf +ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne +Umriß noch der Leib, wieviel Glut und Wille auch immer +aufzubieten war, um ihr Gestalt zu geben, er mußte sichs +abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder! erscheine wieder! +Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn versäumt, +endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer +Wust von Sinnlosigkeit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. +Nicht bloß diese eine Nacht, sondern in vielen Nächten.</p> + +<p>Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen +war. Hanna vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere +Ausrede, andere Verhinderung. »Was willst du,« sagte +sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was drin steht. +Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der +jähe Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit +zu verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische +zu freudloser Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer +Geist in dir, Hanna?« fragte er einmal. Und sie antwortete, +mit einem Aufschrei fast: »Wirst du mich noch lange +zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht +mich mürb, es macht mich krank.«</p> + +<p>Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der +andern, sanft und bittend.</p> + +<p>Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und +sobald sie eintrat, legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. +Ließ sie ihn wissen, daß sie zu der und der Zeit kommen würde, +so sagte er bei den Lehrern ab, die er inzwischen aufgenommen +und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende Gewissen +zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer +Bahn, die ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene +Lebensform gewiesen war, weit weg von dem zerrüttenden +und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden +Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; +es war nicht Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe +Pflichtgefühl der subalternen Naturen. Es gibt Menschen, +die erst, wenn sie sich vom Schicksal umklammert fühlen, +ihrem Schicksal und dessen Drohung und Gefahr, erst in der +steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache bescheidene +Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von +Gnade und von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; +in der Nebelwirrnis glüht ihnen ein Gnadenlicht auf.</p> + +<p>Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, +in Cäcilies Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart +überreden, damit sie von Cäcilie sprach. Wenn er so warb, +kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es war, als suche sie +mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt. Wie +Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie +Vorliebe, für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, +was für Bücher sie gelesen, welche Farben sie geliebt; +ob sie gern Musik gehört habe; ob sie sich zumeist heiter +gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie oft gelächelt +habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme gewesen +sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie +sie sich gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; +ob sie im Reden besondere Worte und Wendungen gebraucht +habe und welche.</p> + +<p>Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie +bemühte sich auch, ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche +Bedeutung, indem sie einen Ton von Munterkeit +annahm oder aus der Erinnerung Gespräche, kleine +Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das +gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von +dem Wortwechsel über ein Kleidungsstück etwa, und wie +Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie immer in den nämlichen +Kostümen und in gleichen Farben ausgingen; stundenlange +nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor +Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des +Vertrauens würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, +war geeignet, die Schwester als die Gewissenhaftere und +Urteilsfähigere hinzustellen. Sie selber trat zurück, gab +<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen Gemütes, +machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich +am einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst +gegeben. Ihre innerste Angst war die vor der Lüge. Physische +Furcht kannte sie nicht. Schrecknis war ihr, das arbeitslose +Dasein einer verwöhnten Honoratiorentochter führen +zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen auf gesellschaftlichen +Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle +Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie +hatte unbeirrbaren Blick für das Echte, und mit dem Surrogat +sich dafür zu begnügen, weigerte sie sich standhaft. Es +war schwer, sie zu erkennen; sie täuschte durch freudige Lernbegier, +durch Unvoreingenommenheit und Teilnahme, vor +allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr Nähernden +jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit +erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte.</p> + +<p>Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger +Münsters bestiegen, erzählte Hanna; oben habe Cäcilie +Schwindel gefühlt und gebeten, daß man sie beim Hinabgehen +an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch, +sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, +denn sie wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer +Herr werden, und das sei ihr auch gelungen.</p> + +<p>Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr +Reitstunden genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere +überdrüssig geworden, und man habe ihr endlich ein junges, +ziemlich wildes Pferd gegeben, noch dazu im ersten Stallfeuer. +Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier scheu geworden +und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. +Aber sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt +und es sei ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.</p> + +<p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus +einer alten Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher +junger Amerikaner, der an der Universität studierte, +hatte sich Hals über Kopf in Cäcilie verliebt. Eines Tages +ging er zu Professor Landgraf und hielt um ihre Hand an. +Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und fragte, +ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er +dies verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er +möge sich zuvor an sie wenden. Der junge Mensch schrieb +einen überschwenglichen Brief an Cäcilie; die warf ihn +aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein großes +Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft +der Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen +waren. Nur weil Hanna sichs herzlich wünschte, +ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk und Luxus wurde bei +dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ der +Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer +illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte +ein rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in +ärmlichen, ja bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, +bis er Cäcilie entdeckt hatte, ging auf sie zu und führte sie, +die der Meinung war, es handle sich um einen Scherz und +daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten Sitz. Dann +kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie +müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich +von der Stunde ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte +auf das Leben unter seinesgleichen und gehe als Matrose +auf ein Schiff, um nie mehr in die Region zurückzukehren, +in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt. Cäcilie erhob +sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe keinen +Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, +und zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft +<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>angenommen zu haben, der sich damit nur den Vorwand +zu einer häßlichen Erpressung verschaffen gewollt. Mit einem +Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor Unwillen zitternd, +ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von Verwunderten +weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch +die Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an +Freunde verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm +gehört.</p> + +<p>Dietrich lauschte, lauschte.</p> + +<p>Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; +undeutbar. Sie bewies Anmut und Geist dabei, +eine französische Art von Esprit oft, Schelmerei und anschauliche +Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in allem +das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich +hin; es ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es +sind Worte, und ich halte dir das Bild nur vor, um dich +zu fangen, um dich zu blenden, um dich desto grausamer +empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen stehst, daß +deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst +du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht +lebendige Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen +und fühlen? Willst du nicht sehen und fühlen? Bin ich zur +Kupplerin verdammt zwischen dir und einem Schemen, dann +sollst dus büßen.</p> + +<p>Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt +noch nicht, wer ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich +gegangen bin; schau in meine Augen hinein, tiefer, bis +auf den Grund schau und sag mir, was du dort siehst, du +Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.</p> + +<p>Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, +für jede Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß +wie ein aufmerksamer Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>wie er einst nur an den Lippen Lucians gehangen, und ihre +geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er geriet in Erregung, +wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er +liebte den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf +zur Tür hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen +prüfenden Blick ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte +Gebärde, die herrinnenhafte Haltung, das unerwartete +Nachgeben dann, und wie sie gelassener wurde, fragiler. +Er liebte es, wie sie Hut und Schleier abnahm, wie sie +aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch setzte, +den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. +Er hätte ohne das alles nicht mehr sein können, es war +etwas ihm Verbundenes, das Eigentliche und Wahrhaftige +des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht, kostbar und +wichtig.</p> + +<p>Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie +Bilder Cäcilies mit, mehrere Photographien und eine von +Doktor Kelling angefertigte Bleistiftzeichnung. Unter den +Photographien war eine aus ihrem fünfzehnten Jahr, eine +vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus den letzten +Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander +um die Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild +hatte einen hinreißenden Ausdruck von Unschuld und +Adel. Die Augen, im Dreiviertelprofil, blickten nach oben; +um den Mund schwebte ein kindlich-süßes Lächeln; die +Züge hatten etwas Schwärmerisches und Kräftiges. Dietrich +betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt derweil +die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit +musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor +Kelling; der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht +verwinden könnten; er sehe aus wie ein Gebrochener und +von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme nach seinem +<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf +zu finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des +Professors, zeige er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem +Beruf; der Vater äußere sich bisweilen zornig darüber und +habe ihn schon halb und halb fallen lassen.</p> + +<p>Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. +Er blickte empor, schaute sie ebenso selbstvergessen +an, wie er das Bild angeschaut, und begriff. »Soll das mich +treffen?« fragte er; »vergleichst du mich, willst mich beschämen +vielleicht? Hat es denn zwischen ihr und einem +von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas Gemeinsames, +oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie +hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es +nicht getan. Sie hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, +durfte sie mich nur stumm grüßen, von Weg zu Weg. Glaube +mir, Hanna, auch sie hat in dem Augenblick gewußt, daß +jeder von uns beiden das Schicksal des andern ist.«</p> + +<p>Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, +du,« antwortete sie und berührte mit der Hand seine +Schulter; »und wenn ich es glaube, was soll dann ich, +was bin dann ich vor dir?«</p> + +<p>»Du? du bist ...«</p> + +<p>»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die +rechte Hand auf seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild +an, auf dem wir so innig nebeneinander stehen, sie und ich. +Genau entsinne ich mich noch des Tages, wo wir lachend +und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert haben. +Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will +dirs zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie +auf dem Bild an Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit +die kühle Schläfe an sein Gesicht, und er atmete den +honigartigen Duft des Haares ein.</p> + +<p><a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, +»für Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, +wir sollten beide geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, +den wir beide liebten. Ich weiß noch, wie ich verwundert +war, denn ich hatte das Wort in dem Sinne nie +von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat +standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär +es so, wie sie gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. +Ja, das war mein Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen +sind, hab ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen +und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit dem Tag +hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im +Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. +Nun, du schweigst? Du siehst mich an?«</p> + +<p>Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den +seinen entfernt. Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren +schauspielerinnenhaften Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren +Koketterie; aber er spürte, daß sie zitterte. Er schwieg, es +überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er erschauernd an das +anklägerische Knurren seines Hundes, an den sprachlosen +und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.</p> + + +<h3>Verdacht</h3> + +<p class="newchapter">Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die +ihm das Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen +pflegte, und sein Blick fiel auf folgende kurze Anzeige: +In Mailand hat sich der junge Graf Hubert Gottlieben, +Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten +Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. +<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>Es ist dies innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche +Unglück, das die angesehene Familie betroffen hat, da im +vergangenen Sommer eine Schwester des Selbstmörders +in der Anstalt des Professors Landgraf unheilbarem Wahnsinn +verfallen ist.</p> + +<p>Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die +Worte an. Er ging den ganzen Tag herum wie unter dem +Druck einer entstehenden Krankheit. Verborgenes peinigte, +und er erschöpfte sich in der Einbildung von Gesprächen und +Situationen. Mit Hanna war er erst für den Abend verabredet; +er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend +angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, +Schnee und Regen, als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung +und deutete auf die Stelle, die den Tod Hubert Gottliebens +meldete.</p> + +<p>»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich +habs auch heut morgen erst gelesen.«</p> + +<p>»Und hast vorher nicht darum gewußt?«</p> + +<p>»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb +fragst du?«</p> + +<p>»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?«</p> + +<p>»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß +man mich verhört,« erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich +sagen will, sag ich, was ich verschweigen will, verschweig +ich.«</p> + +<p>»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn +noch einmal gesehen hast seit jenem letzten Nachmittag +am See?«</p> + +<p>Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. +Ich hab ihn seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. +Er hat mir mitgeteilt, daß er seinem Leben ein Ende machen +will.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast +du ihn nicht an dem schrecklichen Vorhaben verhindert? +Warum durfte ich von alledem nichts erfahren?«</p> + +<p>Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, +schloß die Augen und fing nach einer Weile zu sprechen an: +»Er kam am zweiten Tag nach dem Begräbnis bei Nacht +aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich aus dem +Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um +ein Uhr nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen +Menschen so verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt +habe, um ihn zu beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; +es war jedenfalls vergeblich. Er schlug die Stirn am Holzkreuz +blutig und schrie: warum? warum? warum? Er +lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und +stöhnte: warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt +ichs nur nicht mehr hören. Auf einmal sprang er auf und +stürzte fort, war spurlos in der Finsternis verschwunden. +Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem +Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei +Wochen später. Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube +seien ihm abhanden gekommen; Cäcilie habe ihm +das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich werde dir gleich erzählen, +was für ein Wort das war; er könne den Tag nicht +mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel +mehr, er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber +nun mußt du wissen, was vorher gewesen war.«</p> + +<p>Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete +groß die Augen und fuhr fort: »Er war zu Anfang August +nach Heidelberg gereist, weil die Gerüchte über seine Schwester +Bettine und meinen Vater zu ihm gedrungen waren. +Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben. Bettines +Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>bestand Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit +über den Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein +öffentlicher Skandal die Folge wäre. Gleich nach seiner Ankunft +hatte er eine Unterredung mit meinem Vater. Der +war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester +schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte +ihn mein Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, +seine Leistungen, sein Werk hin und verstand es, Hubert +derart in Respekt zu setzen, darin hat er ja eine Virtuosität, +die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige und edeldenkende +Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung +bat. Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen +werden, sagte mein Vater, er solle auch Bettine selbst zur +Rede stellen, sie wohne da und da, doch bitte er ihn, sie nicht +vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren Depressionen, +denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden linderten. +Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater +gewesen war, kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten +Bettine auf, in einen Wagen zu steigen, der unten +hielt, und brachten sie fort. Mein Vater hatte plötzlich erklärt, +ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie aber nicht +in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei Neckargemünd. +Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, +war Bettine weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte +ihm Auskunft geben. Er fragt nach dem Professor: der +Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die Wohnung, +verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir +ahnt Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel +bleiben, ich empfange ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach +Ermatingen gefahren, um sich die Gartenschule anzusehen, +in die sie eintreten wollte; das war noch ein Glück. Damit +du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst, +<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir +sprechen. Ein trübes Kapitel.«</p> + +<p>Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über +das Gesicht. Dietrich war näher zu ihr herangerückt und +klammerte sich mit den Augen förmlich an ihr fest. Sie +begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte sie der +Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die Verbindungswege; +er hat es später bereut; die Freundschaft, die +sich zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte +er nicht voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in +besonderer Weise an. Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein +halbiertes; ich glaube, es gibt viele solche junge Wesen. Die +eine Hälfte von ihr war durch und durch verderbt, durch und +durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden Phantasie, +und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; +die andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges +Kind. Sie war ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem +Land, unter der Zuchtrute einer prüden, bigotten Erzieherin, +gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das Leben der Mutter +gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir eröffnete +sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich +preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, +und es waren oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, +zumal als sie mir nicht länger verhehlen wollte oder konnte, +was zwischen ihr und meinem Vater vorging. Sie war +völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne moralischen +Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu +allem. Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie +betete Cäcilie an; ihr Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, +ich war einmal dabei, wie sie sich hinwarf, um Cäcilies +Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht, der gab sie nur +ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten, +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten +Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte +beständig Angst um sie, beständig Mitleid mit ihr. Die +Melancholie zehrte sie körperlich auf; die letzten Tage, als +sie in dem krankhaften Wachschlummer da drinnen im Alkoven +lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie +an ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung +zu sich zu nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, +auch wenn ich es war, richtete sie sich mit versträhnten Haaren +empor und fing an zu weinen und sich zu fürchten; am +dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging, ich +überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine +Pflegerin auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal +wohler; sie stand auf, holte Wäsche aus der Kommode +und fing ganz friedlich zu nähen an. Es scheint, daß Cäcilies +Gegenwart in ihr das Gelüst nach Selbstpeinigung erweckt +und bestärkt hat.«</p> + +<p>Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer +und Müdigkeit war in ihren Zügen.</p> + +<p>»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte +Dietrich flüsternd.</p> + +<p>»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« +fuhr Hanna fort; »das Gespräch mit meinem Vater; die +vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat mich, ihm zu +helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein +Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die +Sache natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, +das widerliche Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte +zu Hubert Gottlieben, er möge sich vierundzwanzig Stunden +gedulden, ich versprach ihm, die Angelegenheit bis dahin in +Ordnung zu bringen, nur machte ich zur Bedingung, daß +er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in seinem +<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich erwarten. +Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin +eines Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater +zu suchen sei. Ich fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. +Ich miete ein Auto nach Darmstadt. Um elf Uhr abends +komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu der Dame. Ich +verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre Stimmen, +Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten +will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs +Leuten sitzt, darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle +trinkend, redend, lachend. Es muß ein merkwürdiges Bild +gewesen sein, als ich da auf der Schwelle stand, im bestaubten +Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen, +aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt +schon, war eins. Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm +und blaß geht er voran, führt mich in einen Raum überm +Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich fordere Bettine +Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht morgen +zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich +nun abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich +unterkriegen ließ, daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, +genau wie Hubert Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, +geriet in Wut; davor fürchtete ich mich aber nicht, das merkte +er bald. Im Nu war er ein anderer, voll Ironie und Ruhe. +Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und Zergliederungen, +ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis +die Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt +war. Es geht einem so bei ihm, es war immer so, es geht +allen so. Und als er mich so weit hatte, nahm er mich unterm +Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich aufs Zimmer, +wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging. +Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren +<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>mit seinem Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie +schon wieder zu Hause sei, und ich sagte, sie werde wohl zu +Mittag kommen. Ich erwähne das, weil sich darauf, wie +sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will, tückischeste +Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit +welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die +Umstände und Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen +versteht. Am selben Abend kam er mit Hubert Gottlieben +zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt, +abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches +Ehrenwort gegeben. Cäcilie war da. Von der Stunde an +dachte Hubert nicht mehr an seine Schwester Bettine. Hast +du je von einem Vater gehört, einem Mann der Wissenschaft +dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem +Ankläger und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter +als Köder hinwirft? Ich gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, +gebe ihn preis, gewiß, aber das hat seine tieferen Gründe +noch, über die werd ich schon noch mit dir sprechen. Ich +muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es zerspringt +mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken. +Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; +ihr Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, +wo und wie er konnte, und in bezug auf Bettine hatte +er freie Hand. Ich, ich war Huberts Vertraute, wiederum +die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft beherrschte +ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen +ankam, und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit +bald einsehen lernte, geriet er immer tiefer in den verschlingenden +Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal, denn der Mensch +war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht +sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht +lästig wie die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>zu; wenn sie von Trennung redete, sprach er gleich von Tod. +Dennoch gingen wir Mitte September nach Badenweiler, +dann nach Neusatzeck. Er machte unsern Aufenthalt ausfindig +und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß +und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr +Unterkunft suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich +mochte nicht mehr die ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir +versagten die Nerven, ich flatterte hin und her wie ein Span +zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte mich der +Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch +Hubert; bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen +sah ihm aus den Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, +in Freiburg trafen wir die Eltern, es war ein +schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für den +Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung +bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, +daß diese Unterredung verhindert werden müsse, und auf +dem letzten Spaziergang brachte sie Hubert auch dahin, daß +er abzureisen versprach, allerdings mußte sie ihm geloben, +daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle, daß sie +ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage +an sie richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte +sie es mir mit allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und +fügte hinzu, sie könne sich nicht vorstellen, wie das enden solle, +sie fühle sich dieser Liebe gegenüber wie eine Bettlerin, die +man zur Zahlung einer Schuld verhalte, ohne daß sie jemals +eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe, daß +sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete +unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...«</p> + +<p>Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu +sehen«, sagte Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze +Kugel, die den Abhang hinunterrollt.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die +Geschichte mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, +sprach Hanna leise. »Es hat nie existiert, das Saffianheft +mit den silbernen Initialen. Ich wollte dich locken. Da ich +doch arm bin, wollt ich was für dich haben. Es war so +hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte +dafür noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst +du mirs übel?«</p> + +<p>»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber +ich nehms dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du +warst.«</p> + +<p>Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände +und küßte ihn auf die Augen, rasch auf die zwei Augen. +Dann ging sie.</p> + +<p>In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen +und trieb ihn unruhig umher. Er sah immerfort das über +sich gebeugte Antlitz mit seinem Ausdruck von Kummer und +Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er dieses Antlitz liebte, +oder als müsse er es lieben kraft eines geheimnisvollen Befehls, +doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein alle Schritte +umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben +saß er die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und +im Finstern schaute, sah er einen blauen Schatten an der +Wand, der sich bewegte wie ein Schleier, den der Wind trägt. +Als der Schatten in der Ecke angelangt war, kam ein Raunen +von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an +die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, +nimm eine; nur eine nimm und vergiß die andere nicht ...</p> + +<p>Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? +fragte eine Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter +und unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und +Verwirrung. Er spürte die Lippen auf seinen Augen, da +<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>ermattete die Farbe jedes Bilds und sehnsüchtig streckte er +die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf. »Cäcilie,« +flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder: +»Hanna.«</p> + +<p>Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die +Straßen, im aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, +zu Frau Landgraf zu gehen. Hanna war, wie er wußte, um +diese Stunde in der Universität, wo sie historische Vorlesungen +hörte, Frau Landgraf war zu Hause und empfing ihn. +Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte, +Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr +möglich, diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen +Leute ins Haus, schlagen einen Ton an, – man schämt +sich krank.«</p> + +<p>Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten +komme, sie denke oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum +bin ich eigentlich hier? grübelte er, indes ihn Frau Landgraf +forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter, so würde ich +Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit anziehendem +Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.«</p> + +<p>Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. +Es schien ihm, als sei eben dies der heimliche Grund seines +Kommens gewesen. Er hatte noch das Gesicht des Mannes +in Erinnerung, das vergrabene Schweigen. Hannas Worte +über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen +an dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen.</p> + +<p>Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« +erwiderte sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht +gut geht; ich höre, daß er seit einiger Zeit sein Zimmer nicht +mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch seiner nächsten +Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den Vorhangschnüren, +trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie +<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: +»Ist Ihnen bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es +war, der den Revolver hergegeben hat?«</p> + +<p>»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand +gleichfalls auf.</p> + +<p>»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.«</p> + +<p>»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...«</p> + +<p>»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.«</p> + +<p>Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie +der Schnee, der den Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso +denn Hanna?« murmelte er, lallte er fast.</p> + +<p>»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« +sagte Frau Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; +»so nebenhin, ganz trocken, wie es seine Art ist, ohne weitere +Erläuterung. Im September gab er ihr die Waffe, bevor +sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im +Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; +danach bat ihn Hanna, er möge ihr den Revolver für die +Dauer der Reise leihen; sie fühle sich sicherer damit und +habe momentan nicht Geld genug, sich einen neuen zu kaufen. +Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der Revolver +Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu +sich genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit +Hanna darüber gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. +Kelling macht sich natürlich die schwersten Vorwürfe. +Ich bitte Sie nur um eines, nämlich daß Sie über +diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen +davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß +das arme Kind unter dem Gedanken leidet.«</p> + +<p>»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: +»Ja, es ist möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der +Oberfläche, und sie hat viele Tiefen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie +zwei Äste, die vom Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten +Richtungen wuchsen. Zum Schluß konnte ich sie +gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite nicht. +Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß +mir oft zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter +aufwühlen, um das Verbindende zu finden. Es war schwer, +in der Mitte zu stehen, mit Mutterkraft die beiden zu halten; +als Mutter ist man ja der Erde näher, und aus der Erde +quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es ist +noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er +mit dem Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« +Sie ging im Zimmer auf und ab und wiederholte erschütternd: +»Mit dem Beil, mit dem Beil ...«</p> + +<p>Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um +ihn fiel es nieder wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. +Die Luft verfinsterte sich, die Wege verloren sich, der bläuliche +Schatten aus der vergangenen Nacht gewann zerbrechliche +Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so beklommen +und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als +die Tür aufging und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung +der schwankenden Gesichte.</p> + +<p>Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen +Rock und Bluse, wodurch die Gestalt noch straffer erschien. +Ihre Bewegungen hatten etwas studentisch Freies, das +aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war, wenig Eintrag +tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich, +»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur +Mutter.«</p> + +<p>Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte +dabei wie achtlos vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich +um und lehnte sich, die Hände auf dem Rücken, an die Säule +<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>des hohen Regales. »Ich weiß natürlich auch, daß ihr von +dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet leichtem +Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? +Sprich dich nur offen aus. Was denkst du?«</p> + +<p>Aber Dietrich schwieg.</p> + +<p>Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen +war, hatte er zunächst nicht die Kraft, auch das +Haus zu verlassen; er setzte sich einige Minuten auf einen +Stuhl im Korridor.</p> + +<p>Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten +ein paar eilig hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, +sie könne noch nicht sagen für wie lange, nach Weimar zu +Freunden reise. Die Adresse gab sie an.</p> + + +<h3>Der Traum vom doppelten Ich und der +Traum vom Weinen</h3> + +<p class="newchapter">Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der +Nachricht ihrer Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. +Er sei zu dem Schluß gekommen, daß es Flucht sei. +Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo alles zwischen +ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich +nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. +Er horche auf die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von +ihren Tritten erklinge. Von seiner Mutter habe er einen Brief, +doch sei er nicht imstande, ihr zu antworten. Da er sich vorgenommen +habe zu arbeiten, arbeite er auch, aber es sei +mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen +Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas +so Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst +<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>gekehrt; ihr Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle +ihm; er sitze da und rede in die Luft manchmal und warte +auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl für ihn in +der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich +des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle +sich nach ihrem Befehl und Gefallen richten; alles sei auf +einmal schauderhaft leer, zu viele Ungewißheit bedränge ihn.</p> + +<p>Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit +so gehandelt. Sie sei nicht fortgegangen aus Furcht vor +seinen Fragen. Es sei nicht Flucht, wenn es auch so scheine, +wenn sie auch der Entwicklung der Dinge zwischen ihr und +ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres +Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das +Vertrauen habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb +seiner Natur geschehe, müsse er gleiches Vertrauen fassen. +Wie sie ihn keiner niederen Regung für fähig halte, dürfe auch +er nichts Schlechtes von ihr glauben, und nur, was sie selbst +ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle sie +besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu +ihrer plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, +sie aufzuzählen; zunächst hätten äußere Geschehnisse von +einer Stunde zur andern den Ausschlag gegeben. Im Hause +habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten gefehlt, die +Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und +der betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten +gröblich beschimpft. Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine +heftige Szene mit der Mutter gehabt, weil sie sich geweigert +habe, dem Vater Mitteilung zu machen. Der Vater sei unerwartet +dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede gestellt, +ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole +Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. +»Ich mußt es herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es +<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>ihm sagen, ich mußte sein Gesicht sehen, während ich es sagte. +Er aber, er hat mir seine eiskalte Verachtung entgegengesetzt; +er zündete sich eine Zigarette an und fragte, woher +ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu greifen, +ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu +suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die +nicht willens und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die +seine zu begreifen. Mit meinem Geliebten? Ich erschrak bis +in die Seele. Damit meinte er dich, Dietrich Oberlin. Er +nannte dich auch. Er hatte von der geringsten Einzelheit +unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß +selbst die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, +immer eiskalt. Was ist mir da anderes übrig geblieben als +fortzugehen? möglichst schnell, möglichst weit fort ...? +Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage vorher +schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. +Jetzt bin ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich +denk an dich, Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.«</p> + +<p>Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung +atmete aus seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen +Wendungen wiederholte er dasselbe: daß es die äußerste +Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß sie zurückkehren möge. +Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner. Ihrer +Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei +in seinem Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine +finstere Bosheit; ohne das lebendig getauschte Wort könne +er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre Augen wieder +vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart +wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie +sogleich im Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, +dann ekle ihm vor dem Licht des Morgens, dann werde das +Buch, das er aufschlage, klebrig wie Schlamm. Ob er nicht +<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob etwas +an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders +haben wolle, als er sei?</p> + +<p>Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, +kommen darfst du nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, +zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen dürfen. Wovor +mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem Abbild in dir. +Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die Schwester, +denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles. Soll +sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen? +Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? +Mir bangt, auch dieses sollst du wissen, mir bangt vor deiner +Jugend, und daß du dastehst mit deinem reichen wilden Herzen. +Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre, sind sie +auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; +die zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; +ich habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin +für dich schon alt. Ich werde zaghaft, wenn mich dein redlich +klarer Blick trifft, und oft wieder möcht ich dich einschließen, +wie man seltene Vögel in ein Bauer sperrt, damit +dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an +dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein +Schmerz, denn da geht man strenger mit sich ins Gericht +und erschrickt vor der Tiefe, in die man hätte sinken können +und vor der, in die man schon gesunken ist. Freunde stehen +unsichtbar um dich und schützen dich, das sind meine Feinde; +denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf dir auch +nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so sollst +du mich in deinem Sinn bewahren.«</p> + +<p>War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde +der Zweck erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas +mit der Mahnung zur Arbeit, einem klugen Programm +<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>künftiger Lebensgestaltung. So weise sind nur die, die +heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem +Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden +Ereignisse aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von +Lucian und wies ihn auf den Bewunderten hin, als ob er +dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und als ob sie Dietrich +erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht. Dietrich +aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den +Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. +Es gäbe kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm +entziehe. Vor ein paar Tagen sei er am Kornmarkt Justus +Richter begegnet, der sei entsetzt gewesen über sein Aussehen; +ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er zu ihm kommen +könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian +befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, +dem Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, +und arbeite an seiner Verteidigungsschrift für die Verhandlung; +Richter habe ihn besucht und einen verbitterten +Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er gefragt, +nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark +betroffen, aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei +jetzt so weit, daß er das ganze übrige Leben brauche, um zu +ihm zu gelangen. Einmal vielleicht müsse er hin, das spüre +er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet, gnadenlos verstoßen +werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet +und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach +dem ich begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. +Bist dus oder ists Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib +ich deinen Namen, so schallt mir der andere entgegen; es +ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie, so schaut mich +Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du +bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich +<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>hin und sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle +Sterne löschen aus, alles Geredete wird Lüge.«</p> + +<p>So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, +und das aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es +genährt hatten. Hanna beschwichtigte und mahnte, aber +hinter den Worten war Jubel und freudiger Schrecken. Dies +erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich geopfert; er mißverstand +das Zögern, begriff nicht die Angst. Er schmiedete +abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm, +was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das +wußte er nicht, das Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so +wenig, wie er es bedachte oder Maß und Gleichnis dafür +in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war neu, niemals +empfunden und von keinem empfunden. Es war +Wirrnis, Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit +und Qual. Wo seine ganze Seele beglückt und erschlossen +weilte, war dem Leib der Eintritt verwehrt; und wo der +Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer Scheu die +Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit +rufend gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die +lebendige Kreatur, doch in rätselhafter Zweideutigkeit und +Drohung.</p> + +<p>Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber +den Tag noch nicht angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag +aus. Sie schrieb, daß sie sich auf einem einsamen +Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich hingedacht an +den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen, +das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes +Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. +Da habe sie sich ihn in die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, +und ihn gesehen, wie er sich zum Rohr eines fließenden +Brunnens gebückt und in gierigen Schlucken getrunken +<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse sie +wieder zu ihm.</p> + +<p>Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht +zwei Träume gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.</p> + +<p>Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie +eine Riesenhand, die mit den Fingerspitzen gegen die Erde +gesetzt ist. Keine Stimme redete, aber er wußte, daß es entscheidend +für ihn sein würde, durch welchen der vier Bogen +er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne sich +lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, +wo er den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende +Furcht über ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal +außerhalb der Welt. Die Landschaft, die sich vor ihm +dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war nicht das Grün, +wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses, nicht +das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das +er noch nie gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. +Darüber wölbte sich etwas wie ein Himmel; aber es war kein +Himmel, es war eine weißliche Blase, aus deren unteren +Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine Seele, +die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die +Knochen geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, +woran ich bin. Zu rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte +gehen, beständig vorwärts gehen. Er wollte sich beschweren, +daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm nicht ein, er +dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich ein +eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand +in dem Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm +davon abzuhängen, daß er sich verstecken könne; aber, sagte +er sich, es ist außerhalb der Welt, wo ich bin, und außerhalb +der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja da, fuhr er zu +überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch auch +<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er +laut; sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, +hörte sich seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. +Da sah er in großer Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst +wars wie Ahnung, dann wuchs es aus dem Grünen heraus, +stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß, dieses +Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht +auf ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht +er? Ihn nicht mehr aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich +so wichtig wie das Leben selbst, und mit starr hingehefteten +Blicken folgte er dem Unkenntlichen, Unbekannten, +Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden +Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit +zurück tat, so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um +sein Gehen bringe. Der Andere hingegen näherte sich ihm +gerade dadurch, nicht zu ergründen auf welche Weise, und +je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm, unerträgliche, +fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz +nah war, der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich +und hob in verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte +den Stein wider ihn. Aber Grauen und Wunder; ihn +selbst traf der Stein, und mit einem furchtbaren Schmerz +an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.</p> + +<p>Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich +übermannte es ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein +Traum, in welchem er flog. Sanft und beständig flog er in +azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich, ein Gewimmel +von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten Gestalten +ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, +und auf der Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender +Majestät ruhte er auf der Wolke, und Dietrich schaute hin, +aber Gott sah ihn nicht. Er hatte Angst; schon während des +<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Fluges war es sein angstvolles Bestreben gewesen, wieder +zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm die Erfüllung +dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes +Blick ihn traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine +andere Richtung. Er wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, +wo Gottes Blick ihn treffen mußte. Doch wenn er dann emporsah, +erwies es sich, daß Gottes Blick ihn auch dort nicht +traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch als +er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der +Blick durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu +gewahren. Da wurde er von einem zermalmenden Kummer +erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun Gott merkte, daß +er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von diesem +Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte +sich in das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, +weinte er absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.</p> + +<p>Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, +dennoch einer aus dem anderen geboren, einer in den +anderen mündend, die er Hanna im letzten Brief mitteilte. +Und nun erwartete er sie.</p> + + +<h3>Die Schläferin</h3> + +<p class="newchapter">Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so +dicht, daß kein Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten +waren ununterschieden, die Nacht gab keinen Einschnitt; +Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel. Er zählte +die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken +war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. +Bald waren ihm die Räume, in denen er hauste, wie ein +<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Gefängnis verhaßt, bald hielten sie ihn fest als Stätten der +Entscheidung. In einer Schublade fand er ein blauseidenes +Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er +ließ die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen +des Herzens ab, was die ihm verrieten. Sehnsucht nach +Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das Häßliche und das +Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen Feuertrichter +und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. +Mädchen lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, +Kinder schlangen ihn in ihren Reigen, die Wohnungen der +Menschen schienen bis zum Rand gefüllt mit Glück, von +den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band +an der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen +hatten. Und wo war die Andere, die Lebendig-Tote, +die sie geliebt? Es trieb ihn, nach Bettine zu forschen; ihr +Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis zur Treppe +von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; +er nahm sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen +Weg ausfindig zu machen, aber einen Schritt vor der Ausführung +wurde ihm das Anmaßende des Vorhabens bewußt. +Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken? +Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames +mit ihr? Unvertrautes Bild, sagenhaft und schon umdunkelt +von gewesener Zeit.</p> + +<p>Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit +fremden Menschen, wurde müd und wieder elastisch in der +nämlichen Stunde. Eines Nachmittags saß er in einer +öffentlichen Vorlesung, die Professor Landgraf in der Universität +hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der Professor +erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle +Grade von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. +An ihm selbst wurden die Verwandlungen deutlich, die +<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>seine Stellung zur Welt und zu seiner Sache bezeichneten. +Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit der +Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, +so war es bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem +Bemühen Licht über die unbekannten Reiche der Seele verbreitete +und alle Frucht der Erkenntnis und Entdeckung +einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. +Das Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: +Kontur und Übergänge im psychischen Leben.</p> + +<p>Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, +ihre Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder +weniger scharf, mehr oder weniger weit, aber ein für alle +Mal gezogen; ferner andere Seelen, die gegen Umwelt und +Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig in +Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar +nach innen sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen +Seite wie nach der schöpferischen, wennschon nach dieser +selten und dann stets in verhängnisvoller Nähe des Untergangs +und der Selbstvernichtung. Und wie im individuellen +Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der Existenz +ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja +im sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen +seien die Auflöser und Vermischer, die Anpasser und +Entformer, die Dämmerwesen und Blutverdünner, am +Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade +nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur +ausgestoßen. Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar +um die Grenze wissen, und in der Natur wirken, heiße +nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier scheide +sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die +Hölle vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei +über seinen Weg nicht mehr im Zweifel. Das Gebot der +<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Grenzgebung beherrsche seinen Geist ausschließlich, und von +der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die schwierigen und +tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge +Wissenschaft heute zu lösen habe.</p> + +<p>Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit +des Mannes konnte sich Dietrich nicht entziehen. Manches +Wort mahnte; manches erinnerte an mahnende Stimmen +von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von achtungeinflößendem +Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber +unaufhörlich sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von +dessen Tun und Sein ich weiß, ganz anderes weiß, als was +er da droben kündet, dessen Gesicht mir lemurisch entgegengegrinst +hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu, daß +man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem +glaube? Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er +sich nicht zu bekennen braucht? Was ist das für ein Mensch, +der sein edleres Wollen Lügen straft, wenn er sich der Verantwortung +enthoben wähnt? Was ist Gehäuse, was ist +Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die +Welt voller falscher Boten?</p> + +<p>Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie +gingen zum Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der +Peterskirche. Dietrich hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, +die ihm Betäubung gewesen in der krankhaften +Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt +aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die +Gassen in Stille versanken, das Haus mit seinen verlorenen +Geräuschen wie ein einsamer Turm war, und die Vernunft +nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen Herr werden +konnte.</p> + +<p>Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität +hätten sich gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung +<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>gegen Professor Landgraf zu veranlassen; davon +spreche seit gestern die Stadt. Das Gerücht wollte wissen, +daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen gegen den +Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste +Zeit als Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis +man durch ein nicht abzuleugnendes körperliches Symptom +genötigt worden sei, ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. +Dabei habe sich eine Reihe von Verdachtsmomenten ergeben, +die den Professor bedenklich belasteten, andere Umstände +aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die +Dinge stünden nicht günstig für den großen Mann, und +es heiße, er werde Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, +um eine Berufung nach Südamerika anzunehmen, +wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem disziplinaren +Verfahren sein Bewenden habe.</p> + +<p>Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ +durchblicken, daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte +ihn sich mitzuteilen, aber zu wißbegierig hing Richters Auge +an ihm, und diese Wißbegier enthielt zu wenig Unbefangenheit +und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um es mit sich +selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. +Sie sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn +Dietrich nicht bald aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich +kopfschüttelnd, zu ihm wolle er erst gehen, wenn er +keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er sich auf zuletzt. +Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische +darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin +möge nicht zu hoch auf den einen Menschen setzen, warnte +er vorsichtig, damit gebe er fast sich selber aus der Hand. +»Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte er hinzu, +»und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt +hat, ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete +<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>Dietrich: »Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal +auf ihn gebaut. Als ich zu ihm kam, war ich ein Splitterding. +Er hat mich in seinen Feuertopf geworfen, daß ich +geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe. +Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies +auch ist, ich lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?«</p> + +<p>Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein +mordsfeiner Kerl; ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen +Freunden gehst; in unseren Zirkel, weißt du; laß dir +nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen Sand in +die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem +Zipfel an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht +erwischt haben; es ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf +Sektiererei abgesehen, sondern auf Trost und bescheidenen +Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein Staubkorn, +das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den +Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind +viele unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen +halten und eine Kette bilden, und durch die Kette läuft +ein ehrfürchtiger Strom, und einer verhilft dem andern +zum Frieden.«</p> + +<p>Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber +ich kann nicht mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, +mag der Sturm mich wirbeln, wohin er will. Ich biete mich +ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er mich packt, ruf +ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da +spür ich mich doch unzerstückt und ganz.«</p> + +<p>In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, +und er war um Widerspruch verlegen.</p> + +<p>Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit +über Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein +Haus. Als er die alten knarrenden Treppen emporstieg, +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>überkam ihn beklommenes Vorgefühl; in der Wohnstube +blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte, ehe +er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, +ob nicht Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster +war offen; Märznachtkühle wehte herein, er schloß es +fröstelnd. Er ging im Zimmer auf und ab und wiederholte +sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen wie eine Melodie: +wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander +bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, +da wehte es ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so +eigen; er fühlte sie rinnen wie Flüssiges, er schmeckte sie wie +Bitteres. Seine Hand tastete nach dem elektrischen Schalter, +doch ließ er sie wieder sinken; vom andern Zimmer fiel +genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die Zwielichtgeister +nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich +und schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, +sah er im Bette jemand liegen. Es war Hanna.</p> + +<p>Sie schlief.</p> + +<p>Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten +die Festigkeit des Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- +und Hergehen nicht hatte stören können. Sie war zugedeckt +bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre Gewänder auf +einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war +zur Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den +schlanken Hals, in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, +verstärkt durch die matte Beleuchtung, erschienen die Lippen +wie blutgefärbt, und der schwarze Strich der Wimpern, +die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die eine +Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es +war was Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, +die andere lag weiß, lang und flach wie beteuernd auf der +ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit war in dem Bild +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle +häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten +Blick vertilgte. Die schlafgebundene Bewegung verriet +vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur einzigen Zuflucht +geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich, sei +es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, +das Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.</p> + +<p>Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, +als er sie erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn +hinein. Er holte gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; +er krampfte den Kopf zwischen die Schultern, +weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen. Das erste +Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche +Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er +zu atmen, aus Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, +als ob Gedanken Lärm verursachten. Unhörbar schob er den +Vorhang weiter weg; unhörbar glitt er auf die Knie nieder; +mit gefalteten Händen, am Augenschein noch zweifelnd, sah +er die Schlafende an.</p> + +<p>Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne +Überraschung, ohne Erröten, mit seltsamem, erschreckendem +Ernst. Und als dies eine Weile gedauert hatte, schlang sie +den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich nieder. »Einmal,« +flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.« +Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, +entseelt fast, von kalt und heißer Welle überschwemmt, +innerlich bebend, innerlich weinend. »Einmal,« flüsterte +sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie Schlummer fast, +eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es +wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn +zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und +halb entsetzt, halb beschwörend, mit der tiefgurrenden +<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Stimme, die gepreßt klang wie bei einer Läuferin, sagte: +»Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus nicht? laß +Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör +mich an.«</p> + + +<h3>Beichte</h3> + +<p class="newchapter">Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm +selbst, als läge der Schatten zwischen ihnen. Er lag still +und rührte sich nicht. Er hörte zu. Die Worte kamen ihm +vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf der er in +einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. +Es war ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte +auch beides nicht gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt +und verschloß ihm die Lippen.</p> + +<p>Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen +sei, direkt vom Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. +Sie hatte lange an seinem Schreibtisch gesessen, um ihm zu +schreiben. Es ging nicht. Man kann nicht schreiben, wenn +alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist. Sie +wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, +konnte sie nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, +davor graute ihr; übrigens war es ja seinetwegen, daß sie +gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn heute nicht mehr +sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit, da +ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. +Sie beschloß also zu bleiben und zu warten. Sie schaute +zum Fenster hinaus und sagte sich: wenn ich bis hundert +zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal bis hundert, +dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie +auf dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges +<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>ein, daß sie sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, +wußte sie, was sie damit tat. Es war ein Sichüberliefern, +unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm sie sich vor, nicht +einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser, er findet +mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, +wie es mit mir steht.</p> + +<p>Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen +auf der Brust. Wie es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. +Sie habe ihm ja geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. +Es hatte sich in mannigfaltiger Weise geäußert, +anfangs beunruhigend, untermengt mit einem Wirrsal von +Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines Tages +hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke +an ihn. Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, +daß sie seine Jugend als Vorwurf empfand und ihr gegenüber +die eigene Person als schlaue Umstrickerin; sein redlicher +Blick war nicht von ihr gewichen, seinen vertrauenden +Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand +dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall +seines Wortes schon zufrieden gemacht. Indem sie dies +berichtete, vermied sie jede starke Bezeichnung; manchmal +war es, als lese sie in eintönigem Tonfall aus einem Buch +vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich +für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte +sie das Ding, das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für +Einbildung und Schwäche genommen; aber es sei zu fern +gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres Lebens war sie davon +abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es Ereignis +geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; +nur das Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie +konnte nicht von Liebe reden hören; sie hatte es bei keinem +für das Eigentliche, schon gar nicht für das Wesentliche +<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>erkannt. Raserei; Gelegenheit; Versponnenheit; kopflose +Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie kalt; vor +Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste +Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man +denn das Wort aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig +und frech und gering und abgegriffen, wenn man es +sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf ein schlechtes +Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu prüfen, +und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie +immer schon das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und +wenn auch Natur zum Vorschein kommt, wer hat denn Natur, +mehr davon als in eine zufällig gesteigerte Stunde geht, und +aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst +das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten +nistet noch aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter +vegetiert das Herz wie ein Krüppel.«</p> + +<p>Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter +dem Kopf. Daß sie jetzt so denke und sich klar darüber +geworden sei, das sei sein Werk. Und daß sie hieraus die +Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls. »Schau, ich liege +doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon ein +Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man +die Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich +zuerst unüberwindlich gewesen. Er könne es auch als einen +Akt der Verzweiflung betrachten, wenn er wolle, aber ein +solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes Leben und auf +die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg einen +Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust +ist Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält +werden aus der schleimigen Lebens- und Lügenhülle. +Ich will es tun. Aber vorher gib mir noch einmal deine +Hand.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann +fuhr sie fort: »Mein ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich +bestimmt worden durch zwei Menschen: durch meinen +Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen, wie +zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich +gedacht, empfunden und gehandelt. Von früh an stand der +Vater gebieterisch über allem. Er war der Meister, von ihm +hatte der Tag seine Regel. Nach ihm war der Dienst gerichtet, +das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er verbreitete +Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind +kommen hörte, schien mir immer, als würde der Raum, +in dem ich war, finsterer und enger. Man schrumpfte unter +seinem Blick zusammen; das Auge wagte sich nicht hinauf; +er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man sprechen +sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war +ihm bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich +herzuziehen und anzuschauen, so hatte ich keinen Willen +mehr und nicht nur das, mir fiel auch alles Schlechte ein, +das ich gedacht und getan, und hätte er gefragt, ich hätte +es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien sich selbst +zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an +wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die +Mutter, davor zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. +Doch begriff ich sehr bald das Gewicht, mit dem +er unter den Menschen stand, und wie er höher und höher +stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus, +in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften +Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; +ich kann es nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; +über und über beladen; unheimlich klebte es an +ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und was er +infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>Berg, schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre +alt, als ich mirs zum erstenmal deutlich machen konnte, +was das war: Arzt für die Geisteskranken, für die Seelenkranken; +so hatte man mir seinen Beruf erklärt, und je +näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer wurde +mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses +Wegs bis zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie +ein Sichdurchwühlen durch unterirdische Gänge. Ich wuchs +heran; ich sah, was im Hause vorging; ich sah, wie ers trieb; +er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere Rede für +uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns +warf ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich +an mein betäubtes Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten +konnte, wie die Leute ihn bewunderten, wie seine +Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen, gewärtig +eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner +Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als +ich zwölf Jahre alt war, entwendete ich ein Goldstück aus +seiner Schreibtischlade, nur weil ich zu erfahren begierig +war, ob ers erraten, ob ers wissen würde. Es wurde nicht +entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm; er +lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer +kleinen Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch +wissen, wann sie mich bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition +für mich tut. Damals war er noch nicht so zerfetzt und +von sich selber geblendet, wie ers später geworden ist. Er +hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. +Mutter war ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen +Ort, sie leistete Widerpart am falschen Ort, sie konnte +ihm die Stichworte nicht geben, und darauf kommt es in +Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten gegenüber +diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes +<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Aufgraben von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die +Fugen; schon als ich die erste Kunde davon gewann und +ihm heimlich auf seiner Bahn folgte, sagte ich mir: das ist +ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der Erde. +Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten +Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe +von Schuld und Irrtum und Jammer und Betrug +und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung und ersticktem +Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; +wie sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da +entsteht. Und es erfragen; Stück für Stück aus der stummen +Brust reißen, das Bewußtsein unterminieren; Ader um +Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die Höhlen +der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; +wem fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte +da das Herz nicht versteinen; was für ein Mensch müßte +einer sein, der dabei noch einen Gott im Innern behielte, +einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das nicht ahnen +sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? +Ists zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott +dastand, nein, nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen +können, aber mit einem zerfleischten Gott, mit +einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot geschleiften +Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem +Traum: wenn ich emporflog bis zu der Scharlachwolke, +erblickte ich ja am Ende Gott; war er noch da für mich, so +sah er mich doch nicht an, er würdigte mich keines Blicks. +Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu +viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das +himmlische Geheimnis verraten.«</p> + +<p>Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. +Dann sprach sie weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es +<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>ja; ich habe dir begreiflich zu machen versucht, wie sie war. +Der Vater und sie, das war wie Ahriman und Ormuzd. +Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob +ihm ein ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel +Unschuld, so viel Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende +Würde dürfe er nicht dulden. Er, den nur Besessene umgeisterten, +denen er souveräner Richter war, mußte toll +werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick +eines Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie +war sein Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil +aus seinem Fleisch und Blut; an ihr wurde seine Macht +und Selbstgewißheit zuschanden. Ich konnte ihm noch +spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr. +Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus +seinem Kreis verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins +Verbrecherische wachsen, bei ihm, dessen Existenz auf Bändigung +verbrecherischer Triebe gestellt war? So ist vielleicht +auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein Lebensgut +und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. +Wo ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, +da empfing sie. Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr +gegeben, und in Hülle und Fülle. Unbegreiflich war mir +diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu denken anfing. +Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte +sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft +öffnen wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es +sich schon wieder zu; wie durfte es sich nur rühren neben +Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist ein besonderes Ding. +Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren in der +nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel +von Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am +Schoß der Mutter stand ein Engel mit herrlichen Geschenken: +<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>Schönheit, harmonische Bildung, Sanftmut, Gabe die Herzen +zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der Engel +wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und +der ersten, die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere +blieb nichts. Er wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er +hatte alle Geschenke bereits vergeben und war auf und davon, +als sie hinter der Begnadeten auftauchte. Das ist keine +Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin, mein Gestern, +mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. +Wie faß ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. +Einer ist doppelt auf der Welt bis zu einem gewissen Tag, +und von dem Tag ab ist er halb. Ein Rechenexempel, um +den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn geheißen? +Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes +sind. Und halbiert dann, das bedeutet: der Schatten +bleibt allein. Was soll ein Schatten allein anfangen? Er +kriecht am Boden und kann sich nicht aufrichten. Er erbettelt +Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er kann +sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte +und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich +ihn lieben. Aber mein Herz hatte nicht Mut genug. Qual, +von der man keinen Begriff geben kann. Er gehörte Cäcilie; +alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie. Außerdem +wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt +ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt +war? Wie dann? Dann mußte eine von uns sterben; +sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich fühlte es voraus, +daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen, +das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten +sein. Ich wollte Körper werden. Es war mir klar, daß der, +der dann kam, sich trotzdem nur nach ihr sehnen würde, nur +nach ihr bangen und schmachten, und daß ich auch als Körper, +<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel +sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine +Spanne wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war +da, ich war lebendig. Und so hab ich sie getötet. So hab ich +den Revolver an ihre Schläfe gedrückt. So hab ich die +Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.«</p> + +<p>Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war +Schweigen. Abermals wollte Dietrich schreien, doch die +Kehle war versperrt. Er setzte sich im Bett empor. Er +öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten Lippen, sah das +Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager +zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem +Linnen. Er preßte die Fäuste in die Augen, in gräßlicher +Angst, daß das Gehirn herausrann.</p> + +<p>Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner +Tiefe her gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden +gefürchtet seit ihrem weißen Dastehen im Wald +schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes, seit Worte +zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes +als ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger +Nacht, was war sie gegen die nun aufgeschossene +welt- und sinnverschlingende Flamme des donnernden +Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; +es hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, +der Wärme des Lebens, dem Gedanken und dem Bild. +Ordnung zerstäubte in Chaos. Vergossenes Blut überströmte +die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum zweitenmal +war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein Riesengespenst +die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden +Tag dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! +riefs; Cäcilie! Sie war da. Die andere war zerstört. Sie +war zerstört; die andere lag neben ihm. Irrsinn, Wut des +<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der aufrührerisch +kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben +zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten +Kehle. O Mund, der du geküßt hast, die Andere geküßt hast, +auf ewig verfluchter Mund! Geliebter Leib, den du umarmt +hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch einmal schrie +er auf und hatte die Besinnung verloren.</p> + +<p>Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem +Teppich. Es gibt ein Bild von Odilon Redon, <em class="antiqua">les yeux clos</em> +genannt; diesem Bild ähnelte sie. Es war eine schöne Gestalt +von annähernd vollkommener Prägung und kräftiger +Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der +Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte +weibliche Formen; mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch +unendlich jung.</p> + +<p>Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete +sie sich langsam an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere +Seite des Bettes und schaute seltsam besorgnislos in das +Gesicht des unbeweglichen, mit geschlossenen Lidern daliegenden +Jünglings. Sie beugte sich herab, berührte mit den +Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann schritt +sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. +Draußen war es schon Tag.</p> + + +<h3>»Ich komme«</h3> + +<p class="newchapter">Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen +Dietrichs Schlafzimmer und fand ihn in schwerem Fieber +und phantasierend. Der Arzt wurde geholt. Zufällig kam +um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem Freund +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich +telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine +ein.</p> + +<p>Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der +behandelnde Arzt berief einen Spezialisten. Es war eine +bedenkliche Form von Hirnhautentzündung. Das verheerende +Fieber dauerte sechs Tage ohne wesentliche Abschwächungen. +Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief +günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet +betrachtet werden. In dieser Nacht schlief Dorine einige +Stunden durch. Man hatte ihr im Wohnzimmer ein Feldbett +aufgeschlagen.</p> + +<p>Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit +erwachte, war die an seinem Lager sitzende +Mutter beruhigende Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend +an. Sie legte stumm ihre Hand auf seine.</p> + +<p>Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was +an greifbarer Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters +Andeutungen vervollständigt. Dennoch war es zerbrochener +Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher stockte. Von +da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es +war entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd +blickten die Ahnen herüber; in ihrem fürstlich geregelten +Dasein hatte das Zerfallene keinen Platz; und sie, die +Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu verhüten? +wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem +noch Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von +innen aus kläre, daß der Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer +wieder aufrichte und bescheidener das Gesetz erkenne, +nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand +hatte da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren +dahin für immer.</p> + +<p><a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in +einem neuen Sinne Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend +als Pflüger auf eigenem Grund und Boden; +ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später Zeit +antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch +Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein +Ur- und Geistesrecht in sich selber.</p> + +<p>Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr +Richter und teilte es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna +auf dem Grab ihrer Schwester erschossen habe. Den Morgen +darauf stand es in allen Zeitungen. Die Nachricht wurde +Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon weit +fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach +nicht von Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte +wissen, wohin sie gegangen war, mußte wissen, was sie +getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für ihn +nicht aufgehört haben sollten zu gelten.</p> + +<p>Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger +Ernst wich nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu +zerstreuen und aufzuheitern, indem sie ihm vorlas oder erzählte; +er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte Teilnahme. +Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit +ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. +Anfang Mai kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, +zeigte sich zum erstenmal ein heller Schimmer in Dietrichs +Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er ausgehen. Dorine +und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys +allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und +sagte, er wolle zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben +würde. Dorine erschrak, als Georg Mathys es ihr sagte, +und wollte Einspruch erheben, aber Mathys riet ihr, ihn +gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die +<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit +Dietrich zu fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen +ausführlichen Brief an Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung +schilderte, das Geschehene delikat berührte und +von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu besuchen. +Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.</p> + +<p>Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war +kurz und forderte die beiden Freunde an einem ihnen genehmen +Tag zu kommen auf. Eine Woche später gab der +Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei +Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten +Drittel des Mai fuhr das gemietete Auto vor; den andern +Abend wieder zurück zu sein, versprach Georg Mathys +Dorine.</p> + +<p>Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen +Pfarrhaus an. Es wurde ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich +war heute siebzig Jahre alt. Die Häuser des Dorfs +waren beflaggt, Deputationen standen im Hof, weißgekleidete +Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, +sangen ein Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte +die fremden Gäste; nach einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich +auf sie zu, eine würdige, von Freundlichkeit strahlende +Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die Hände. +Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, +die sie zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte +lachend, zwei mehr an seiner Tafel, das könne höchstens +eine Verlegenheit für die Pfarrerin bilden, und bei der +sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen mit dem +entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten.</p> + +<p>Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: +hager, groß, streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten +Zügen ging er auf Dietrich zu. »Da bist du ja +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>endlich«, redete er ihn an mit der Stimme aus Metall, +packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest. +Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. +Sprechen konnte er nicht.</p> + +<p>Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. +Die Unterhaltung war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. +Lucian blieb ziemlich schweigsam. Auch Mathys +und Dietrich verstummten. Um so lärmender verlief das +Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei +köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien +aufgestellt, unter drei uralten Eichen. Die Angesehenen des +Orts und Freunde des Pfarrers aus nah und fern waren +geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen gereimten Glückwunsch; +ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs +Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den +silbernen Pokal bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß +beglückt lächelnd die Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei +links, hübsche gesunde Leute.</p> + +<p>Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt +von dem festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge +Lucian, der, ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys +und dem Amtsrichter saß. Es war Dietrich zur Bedingung +gemacht worden, daß er den Nachmittag über ruhe. Die +Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und +sorgte für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann +prüfende Nachschau; während er noch im Zimmer war, +schlief Dietrich ein. Er schlief fest und lang; erst als die +Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf den +schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das +blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter +geschlagen, jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend +kehrte er ins Zimmer zurück. Da stand Lucian vor ihm.</p> + +<p><a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen +wir uns zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? +Hast du meiner oft gedacht? Bist du noch, der du +warst?«</p> + +<p>Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt +und die Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf +seine gewaltige Stirn. Dietrich nahm am Tische Platz und +stützte den Kopf in die Hand. »Nein, der ich war, bin ich +nicht mehr«, antwortete er.</p> + +<p>Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? +Du weißt ja nicht ...«</p> + +<p>Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So +viel zu wissen nötig ist, weiß ich.«</p> + +<p>Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja +nichts zu erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; +aber ich sehe schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß +du es weißt.«</p> + +<p>»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, +erwiderte Lucian stirnrunzelnd.</p> + +<p>»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, +sagte Dietrich mit einem kränklichen Lächeln. »Es konnte +mir keiner helfen; und nun, wo alles vorüber ist, trostlos +vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich dachte, du könntests +vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch nicht. +Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?«</p> + +<p>»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian +hart. »Du hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du +hast unserm Vertrag zuwider gehandelt. Du hast dich ins +giftige Netz begeben und die Fäden kleben noch an deinem +Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine +Seele verkauft.«</p> + +<p>Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg.</p> + +<p><a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« +fuhr Lucian fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden +fallen, wenn der trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. +Was ist dann meine Existenz, was bin ich wert, mir und +euch, wenn die klug gebraute verführerische Mixtur alles, +was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft, +daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und +nicht an seinem Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und +Kraft und Geist vertust. Alle fallen. Alle. Keiner widersteht +der Versuchung. Wie ich dich hielt, Oberlin, wie ich +dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem Werkplatz, +nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei +dir vonnöten. Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über +meine Ernte mit der geschliffenen Sense, dacht ich. Und +das Ende? Hineingeschleudert den ganzen Einsatz in ein +Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit abgehauenen +Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.«</p> + +<p>»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte +Dietrich und schaute Lucian groß an.</p> + +<p>»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war +die Antwort, »dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe +bloß, daß der Ring eng und enger wird, ich fange an, den +Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem vollen Umfang zu +begreifen.«</p> + +<p>»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, +»du irrst, wenn du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt +habe. Du irrst, wenn du meinst, ich hätte vergessen, was +ich mir und dir schuldig war. Das steht unverlöschbar geschrieben, +es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht ausgelöscht +werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein +heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, +als hätt ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg +<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>oder Brücke sein, aber laß es mir gelten und rechne es mir +zu als ehrlich gelebtes Stück. Du siehst mich nicht. Schau +mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir stehe.«</p> + +<p>Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von +dessen Stirn das Rot der Sonne längst vergangen war, +gehorchte der Aufforderung und sah Dietrich an. Zu schauen +vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete er: »Alles +müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang +hat seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich +zurecht. Auf mich kannst du nicht zählen. Ich bin ein +geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt, entwurzelt; und +verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu +verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem +andern Kreuzpunkt unserer Wege. Vielleicht kannst du mir +dann sagen, nicht: schau mich an, fühl es, wie ich vor dir +stehe, sondern: schau mein Getanes an und erkenne, was +es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich +sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge +blicken. Ein Mensch ist nicht mehr da.«</p> + +<p>Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die +Nieren, wer ist sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame +und finstere Gott? Warum nennt er ihn? Ich bin zu +ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er gibt mir +Steine.</p> + +<p>Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik +ertönte vor dem Haus. Dietrich stand auf, plötzlich quälte +ihn die starre Nähe Lucians. Er trat auf den Altan hinaus. +Eine Schar junger Menschen, alle mit brennenden Fackeln +in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die vier +Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; +drei spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, +wodurch ein wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter +<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>ihnen schritt Georg Mathys. Er richtete den Blick empor, +gewahrte Dietrich, schwenkte seine Fackel in der Luft und +sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere in +die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter +Ruf erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!«</p> + +<p>Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. +Er antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden +Lächeln und rief zurück: »Ich komme.«</p> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a></p> + + + + +<h1><a name="Sturreganz" id="Sturreganz"></a>Sturreganz</h1> + + +<p><a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a></p> +<p class="dedication">Meiner Tochter Eva Agathe</p> + +<p><a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a></p> + + +<h3>Die Bedrängnis</h3> + +<p class="newchapter">Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem +bayrischen Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen +deutschen Herrn, der nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung +die nicht eben geringe, aber immerhin noch erträgliche +Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr übernommen, +derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles +jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger +Tag und keine freundliche Stunde mehr beschieden war.</p> + +<p>Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander +von Ansbach und Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie +man weiß, in der Blüte des Mannesalters, stattlich, gesund, +in kinderloser Ehe vermählt mit einer Koburgerin, +einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der +ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven +und Mademoiselle Hyppolite Clairon.</p> + +<p>Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen +siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige +Summe vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden +Ziffer war das Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. +Das lawinenhafte Anschwellen zu stauen, sahen +auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und alle Arten +von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer +neue Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- +und Hofhalt zu beschränken und in der Verwaltung zu sparen, +hätte nur ein Ignorant raten können, der nicht in Betracht +<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>zog, daß die Verschwender und Bankrottierer sich dadurch +über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit ihren Schulden +zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen +und Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank +so leer ist wie ein Bethaus um Mitternacht.</p> + +<p>Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den +Sinn gekommen, einem von seiner göttlichen Erwähltheit +und seinen geheiligten Machtbefugnissen durchdrungenen +Dynasten zu einer Verminderung des Etats und bescheidenerer +Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum +gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem +wracken Schiff der irdischen Regierung zu helfen sei, das +ausfindig zu machen, mußte man in Demut der himmlischen +Regierung überlassen und hatte nur dafür zu sorgen, +daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und +seine Steuern entrichte.</p> + +<p>Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten +daher vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf +war zu verzichten? Was hätte abgeschafft werden sollen? +Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger. Namentlich +stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem +Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst +zu respektierende Passion des Fürsten wurden besoldet: +ein Obristfalkenmeister, zwei Falkenjunker, ein Falkenpage, +ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist, ein Reihermeister, +ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier Meisterknechte, +vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und siebzehn +Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; +jeder hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, +seine zu Recht bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder +Wandlung zu dringen hieß sich verdienter Ungnade aussetzen. +Keine Möglichkeit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, +zwanzig Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, +zwölf unbetitelten Kammerdienern und fünf betitelten; +mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant vorstand, +zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein +Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten, +Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen +und niedrigen Chargen zu schweigen, und außerdem noch +fünfhundert Mann Infanterie, junge, hübsche, gut exerzierte, +wohl angezogene Leute, für die sogar am obern +Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie +für entbehrlich erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha +und Omega der Repräsentation, der Legitimität, der +Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und politischen +Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, +Frevel am Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, +Entfesselung dämonischer Kräfte, die im Dunkeln +schliefen.</p> + +<p>Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, +Sängern und Sängerinnen, Tänzern und +Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister, Konzertmeister, +Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren, Zettelanklebern. +Dann war da der Tiergarten, der allerdings an +exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches +Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, +sonst aber an Seltsamkeiten einen Hirsch mit +zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine Sau mit fünf +Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; +ferner die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit +gehauenen Steinen ausgelegt, Krippen und Geräte aus +Metall, blitzblank alles, wie kaum eine menschliche Behausung +im Lande.</p> + +<p><a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein +Koch, kein Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. +Das Zeremoniell forderte einen jeden zu seiner Zeit, die +allerhöchste Notdurft mußte zu jeder Frist des Geringsten +versichert sein. Für jeden war Wohnung, Kleidung, Nahrung +und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen. +Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei +Nürnberger und Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen +reichten nicht hin. Anleihegesuche bei benachbarten, +befreundeten, verschwägerten Herren hatten keinen Erfolg +mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still. Sie +wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben +von Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der +Gemeinden um zugesagte Unterstützung, Invalidengelder, +Beamtengehälter. Die Bürgermeister wurden vorstellig. +Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen. +Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben +werden. Das im Umlauf befindliche Münzgeld wurde in +beängstigender Weise spärlich. Die markgräfliche Auszahlungskanzlei +blieb den größten Teil der Woche über +geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag +sah man einige besorgt aussehende Funktionäre verstohlen +hinter den eisernen Fenstergittern huschen.</p> + +<p>Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich +nur selten einer, dem Markgrafen ungeschminkten Bericht +zu geben. Sie schickten ihre Akten, sie schickten ihre Listen: +verzweifelte Gegenüberstellungen von Soll und Haben. +Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und +hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern +schwollen, und in seiner Kehle entstand ein grimmiges +Gurgeln, wie wenn ein Vulkan unterirdisch grollt. Bisweilen +ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen und beehrte +<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls. +Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, +bis ihm der obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige +Vertraulichkeit, die aber weder ihm noch dem Lande aus der +Klemme half.</p> + +<p>Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben +umgeben. Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; +er huldigte in seinen Ideen der damals üblichen Philanthropie, +die ihm nicht erlaubt hätte, von der Menschheit im +allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und +Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die +Alltäglichen, das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, +den Justizamtmann und den Hofjuwelier, den Kommerzdirektor +und den Leibmedikus, den Superintendenten +und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend +und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, +verzog sich schon ekelnd sein Mund.</p> + +<p>Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten +Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten +und vom Stein der Weisen. Unnütz, mit verfinstertem Gemüt +durch die hohen Säle zu schreiten. Unnütz das Denken +und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht +zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!</p> + + +<h3>Was zur Abhilfe geschah</h3> + +<p class="newchapter">Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen +das genuesische Lotto eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel +anderswo, hier versagte es. Erstens war die allgemeine +Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das +<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer +eines Tages mit dem Monatserlös, einer erheblichen +Summe, auf Nimmerwiedersehen verschwand.</p> + +<p>Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft +Sayn-Altenkirchen zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet +werden, ein Stück des dazugehörigen Westerwaldes +zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen wurde das +Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: +eine Maus im Magen eines Mastodonts.</p> + +<p>Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; +Schloß Villingen bei Weißenburg samt Gärten, +Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend Höfe im Mainkreis; +das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im Altmühlgrund: +Brocken, um einen gähnenden Schlund zu +stopfen.</p> + +<p>Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst +zur Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde +im Schloß. Besaß man doch die Medea des Vanloo; bewundertes +Meisterwerk. Den blutigen Dolch in der Hand, +den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden +Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen +Wagen, hing sie im Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames +Ergötzen für die hohe Siesta, entschuldbar vielleicht +durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser Medea und +der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle +Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand +scharmanter Huldigungen gemacht. Man besaß schöne +Stücke von Salvatore Rosa und den berühmten Zentauren +aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen.</p> + +<p>Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den +Kopf. Abgesehen davon, daß man Kunstwerke nicht ohne +Schmälerung des fürstlichen Ansehens unter den Hammer +<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>bringen konnte, waren es Embleme, farbige Tapeten des +auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung, +Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen +zum nächsten Galadiner übergangen.</p> + +<p>Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des +Herrn von Seckendorf, Landoberjägermeisters; er deutete +an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich großmütig bereit +fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem markgräflichen +Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates +zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den +leeren Säckel erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf +brauste auf. Herr von Bibra, Obristhofmeister, und Marchese +Pescanelli, die Günstlinge der Lady, konnten ihre +Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister +wurde für sechs Monate vom Hof verbannt.</p> + +<p>Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben +auszuschreiben. Den Mut zu Einwänden hatte niemand, +obwohl es klar am Tage lag, daß das Volk schon +die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die Arbeit; +wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er +jeden Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der +ermatteten Erde ihr Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, +alles fremde Produkt, alle einheimische Hervorbringung, +mobiles und immobiles Eigentum waren über das Erdenkliche +und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die +blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die +Wirkung, daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von +Tinte und Papier und die Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge +mehr aufrechneten, als mancher Gewerbetreibende +von rechtswegen zu zahlen hatte.</p> + +<p>In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum +Retter.</p> + +<p><a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie +waren unerforschlich. Lästermäuler und Neidlinge nannten +ihn einen dunklen Quidam, in die Welt gesetzt von einem +noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch hatte +er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, +und das Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war +niemals anderer Meinung als irgendein im Rang über ihm +Stehender, und den ununterbrochenen Feuereifer der Zustimmung +und Bekräftigung gegen die Allvermögenden +kann man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager +des Markgrafen, er war der Jasager der Lady; er hatte einen +ganzen Schwanz von unbedeutenderen Jasagern um sich +gebildet und war sozusagen deren ermächtigte Zunge. Als +Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm der Markgraf +die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen +Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten +Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. +So hatte er unter anderm eine Drill- und Zuchtanstalt für +Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene Sache. Es +wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren +sich die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung +entledigen wollten, bis zum kindlichen Alter herab +aufgenommen und für das spätere Vergnügen des Fürsten +erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner Augen. Der +weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die bezauberndsten +ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen, +und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen +einer anspruchsvollen und runzlig werdenden aus +Großbritannien am Ende vorzuziehen sei.</p> + +<p>Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen +zur Audienz melden, und nachdem er vor den Herrn beschieden +war, sprach er in heiterer Bescheidenheit ungefähr +<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten allzu sichtlich; +die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen +Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, +Flüsse, Land, Jahrhunderterbe, um den väterlichen +Pflichten gegen ihre Völker zu genügen; sie werde keinerlei +Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine Gnaden nicht +Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land +seien unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, +Fischteiche, Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im +Überfluß; wäre es nicht an dem, so hätte Seine Gnaden +mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich ohne Zutun, +was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und +je geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er +Seine Gnaden in aller Submission bringen wolle, und zwar +unter Hinweis auf das gleichgerichtete Unternehmen Seiner +herzoglichen Gnaden von Hessen sei dies: England in +seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche +Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen +Mann vier- bis sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden +nur ein Wort, und dero unwürdige Kreatur mache sich erbötig, +als leichten Gewinn aus dem Geschäft Monat um +Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des Finanzeinnehmers +zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange +es demnach Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich +nicht ein, wie es Geldverlegenheiten geben sollte.«</p> + +<p>Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem +Schweigen an. Seine Überlegungen waren schon +einmal denselben Weg gegangen; sie hatten jedoch eine halb +abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu besiegen +vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches +Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten +Epoche keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen +<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>schmutzigen Handschuh. Ernstere Skrupel bereitete hingegen +das Dogma von der Menschenwürde, auf das man +eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und +philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden +Lafayette, für die Befreiung der Kolonien vom tyrannischen +Joch des englischen Krämers; war es würdig, war +es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack die +Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?</p> + +<p>Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte +die Schwächlichkeit ihrer Stützen. Darin erwies er sich +als Südländer von Geblüt, daß er den verhehlten wie den +geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener Rabulistik +zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen +Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, +diesen über jenes triumphieren zu lassen, so wäre er eben +nicht der geübte Jasager gewesen, der er war. Jasager, auch +Neinsager; es ist im Wesen das nämliche; wie der Herr befiehlt; +man stellt sich an den Kreuzweg und zeigt nach links, +wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des Herrn +nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so +oft nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.</p> + +<p>Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene +Hilfsmittel widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es +eine Gefahr, noch war es, wie der einsichtige Ratgeber +dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen Landen. Der +Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch +am zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen +mit dem Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen +Verführer und schien zu grollen. Pescanelli war über alle +Maßen betrübt, verschwor seinen Vorwitz und seine überkühne +Dienstbeflissenheit und wollte, um die Verantwortung +nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört wissen, +<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und unverdächtige. +Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die +Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von +Schlemmerbach, Herr von Menzingen, Herr Trechsel von +Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr von Pirkensee. +Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern +belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, +fügte aber hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire +nichts zu tun haben, keine Klagen, keine Beschwerden, +keine Berichte entgegennehmen wolle und es den ausübenden +Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen +zu schalten.</p> + +<p>Die Jasager verbeugten sich tief.</p> + +<p>Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten +von Männern, die Waffen zu tragen fähig waren, und durch +deren Abfangung und Verschickung man nichts aufs Spiel +setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige Handwerker +wagten sich die mit Menschenraub beauftragten +Sendlinge vorerst nicht. Sie machten Beute unter den +Obdachlosen, den Vaganten und mit dem Felleisen über +die Landstraße Wandernden; sie griffen auf: beschäftigungsuchende +Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge +oder solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes +Volk, Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, +der bei Holz- und Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen +Trunkenbolde, junge Studenten ohne Anhang, Musikanten, +die in den Dörfern zum Tanz aufspielten; sie durchstöberten +die Gefängnisse, die Fronfesten, die Irrenhäuser, +die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die Hochblüte +kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten, +wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die +Wohnungen und stahlen Personen, die als Freigut geeignet +<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>schienen und von bezahlten Angebern denunziert worden +waren. So wurden junge Leute aus ihren Berufen gerissen, +junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen, halbwüchsige +Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter +Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem +man sie durch gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche +Orte gelockt hatte. Keiner von ihnen sah Haus und +Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen, sie waren wie +vom Erdboden verschluckt.</p> + +<p>Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut +und lauter. Die Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften +überschwemmt. Aus den Gemeinden pilgerten +Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn Gerechtigkeit +zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere +Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde +durchs Tor des Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps +standen wie eine eiserne Mauer. Da sammelten sie sich auf +dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum Abend, oder +hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und +Weiber mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken +flennten erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der +Stadt wurde im Keim erstickt. Patrouillen zogen Stunde +für Stunde durch die Gassen. Müßiggänger, die sich nicht +ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf den sichern +Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter.</p> + +<p>Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, +verbrachte die meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem +Jagdschloß Triesdorf. Zuweilen befahl er die Akteurs und +Aktricen sowie das Opernpersonal hinaus, widmete sich +dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und dem +inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack +oder Piquet.</p> + +<p><a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. +In den Kassen stieg die Talerflut bis an den Rand. +Das Gold läutete, köstliche Ohrenspeise, wie die Domglocken +von Bamberg. Es läutete den Müden in den Schlaf, es +läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur +Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches +Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu +dürfen, was zum Genusse sich bot. Woher der Segen kam, +das brauchte nicht gewußt zu werden. Das langerstrebte +Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war, Pflicht +des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so +selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß +er das einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen +Zorn geriet, als ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, +dem nur wohl war, wenn er Unheil künden konnte, +mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten immer +häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, +wodurch der Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der +Markgraf erklärte, den nächsten Transport wolle er in +eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie bis +Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der +Überführung auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich +in Respekt setzen.</p> + +<p>Die Jasager lächelten entzückt.</p> + + +<h3>Episode</h3> + +<p class="newchapter">Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser +Ludwig Taube, ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den +Jahren für das Fach unbrauchbar geworden und nach Aussage +<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden oder +versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So +wurde er im kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, +außer Tätigkeit und Wirkung gesetzt, und daß man ihn nicht +entließ, hatte er nur einem mit Vergeßlichkeit gemischten +Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil er sich so +wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm +die bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten +Umständen lebend, mit den Seinen nicht völlig im +Elend verkomme. Ein paarmal hatte er um Verwendung +in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung nach +»ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie +es in der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen +Forderung war er schroff abgewiesen worden, da +das komische Fach »zur Zufriedenheit des hohen Adels und +günstigen Publici« vertreten sei. Die Kollegen lachten ihn +aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie ohne verachtungsvollen +Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider +unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls +Tisch gemästet war.</p> + +<p>Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen +Haushalt, das älter als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin +am herzoglichen Hof zu Stuttgart gewesen sein +sollte. Das war lange her; nun war sie häßlich, verrunzelt, +vom Leben gebrochen und getraute sich nur des Abends aus +ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen +zum Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, +um die Kosten der Eheschließung zu ersparen; da sie zum +Komödiantenpack gehörten, wurde dessen nicht groß geachtet, +aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht gesegnet hatte und +trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte das +beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn +<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>noch die Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und +Streit gehabt hätten. Drei Kinder waren ihnen gestorben; +das vierte, drei Jahre alt, war ein Mädchen und hieß Rebekka, +gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und die Freude +von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge +hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung +der Familie die Gedanken darüber nicht heiterer +machte.</p> + +<p>Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor +der Probe infolge eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, +sich die Schulter verrenkte und das Nasenbein zerbrach. +Man brachte ihn ins Krankenhaus, und dort zeigte +es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn er +redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig, +und verlangte einmal um Mitternacht, man solle +ihm auf der Stelle <em class="antiqua">potage à la Richelieu</em> bringen und gehackten +Rinderbraten mit Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt +war, holte ihn sein Weib ab, führte den düster vor sich +hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine Kartoffelsuppe. +Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, +der Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man +ihn nun als halben Krüppel auf die Straße setzen werde, war +mit Sicherheit zu erwarten. Bitter sagte er zu seiner kleinen +Tochter, die darüber verwundert die zartgebogenen Brauen +rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir schnüren dir +dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem +gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später +ists unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, +verwies ihm die Worte, aber auch sie horchte immerfort +ängstlich nach der Tür und glaubte den Amtsboten mit +dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch war die +schwere Stunde ihres Leibes nah.</p> + +<p><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten +drei Männer in die Stube und forderten Ludwig Taube auf, +ihnen zu folgen. Erklärungen waren überflüssig. Was solcher +Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes Kind. Florine +brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund, +und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: +»Ich gehe nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit +Gewalt nehmen.« Das setzte die Leute nicht in Verlegenheit; +des schwächlichen Männchens war leicht Herr zu werden. +Sie holten Stricke heraus und banden ihm die Hände. +Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust +haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten +Büffelkeule; auch gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist +Fleisch.« Florine lehnte an der Mauer und breitete die Arme +aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an zu weinen. +»Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die +Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der +zweite. Geh in den Oberstock und sag der Madam Heberlein, +daß sie die Hebamme ruft, deine Mutter will dir heut nacht +noch Gesellschaft geben. Also, ihr Leute, auf in die Ferne«, +wandte er sich gegen die Häscher, und die führten ihn am +Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte abermals, +warf Florine eine Kußhand zu und rief: <em class="antiqua">»Addio, cara mia,</em> +auf ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: +»Das ist wenigstens mal ein Lustiger.«</p> + +<p>Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch +viele befanden, hundert oder mehr, und warten mußten, +bis die festgesetzte Zahl der jeweilig zu Verschickenden erreicht +war. Das dauerte immerhin noch drei Wochen, und +in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres +Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. +»Man sollte nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel +<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>für ein guter Prophet sein kann, wenns ihm an den Kragen +geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen, blieb bis zum Abend +in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei seinen +Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen +Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen +begehrte, was mit Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal +des über alle Maßen von ihm geliebten Kindes beunruhigte +ihn im Innersten seines Gemüts, überredete er einen Sergeanten +mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe, und +der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen +Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde +er weiß wie eine Kalkwand, und nach langem Schweigen, +während dessen ihm der kühle Schweiß auf die Stirn getreten +war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß man hierzulande +schon den Säuglingen das Menuett und den <em class="antiqua">Pas +de deux</em> beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die +Knochen gehämmert würde, könne es nicht schief gehen. +»Ich habe ihr gut geraten mit dem Paradies«, fügte er +salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.</p> + +<p>Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen +Zöglinge einer höchst grausamen Behandlung ausgesetzt +waren. Von Zeit zu Zeit verbreitete sich immer wieder +das Gerücht, daß so ein Wesen elend verdorben und +gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.</p> + +<p>Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, +war eben der, dem der Markgraf sein Geleit verheißen hatte. +Vierhundertsechzig Leute; in barem Geld ausgedrückt an +zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon der +Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen +weit zu reiten. Bereits beim Abmarsch von der Schranne +fielen Widersetzlichkeiten vor. Da wurde eine große Anzahl +wie die Schlachttiere geknebelt und auf Leiterwagen gepackt. +<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Der Markgraf war mit seiner Pracht- und Leibkompagnie +nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten +und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich +mit der gespannten Büchse und in seine Wildschur gehüllt an +der Schiffstreppe und sah mit strengen Blicken zu, wie die +kostbare aber schmutzige und häßliche Menschenfracht verladen +wurde. Als die meisten schon sicher verstaut waren, +entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt +wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, +rannte mit geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen +geradeswegs auf den Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr +gegen den Himmel empor als gegen den entsetzt zurückweichenden +Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem Kopfschütteln +plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde, +daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer +und sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit +einem Aufschrei in den Strom. Das Wasser war jedoch +an jener Stelle weder tief noch reißend, und so war es ein +paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, +ein Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.</p> + +<p>Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper +an Bord brachten. Er sah das fahle, hohle, todähnliche +Gesicht mit dem zerbrochenen Nasenbein und erkundigte +sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde geantwortet, +und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, +ehe ihn das Los getroffen, für die Glorie Englands ins +Feld zu ziehen. Eigentlich hätte der Mensch für das <em class="antiqua">crimen +majestatis</em> erschossen werden müssen, doch im Hinblick auf +den damit unvermeidlichen Entgang des Heuergeldes wurde +er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block verdammt, +nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt +haben würde.</p> + +<p><a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, +bösen, kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, +stumpfen. Er hing die Flinte mit dem Riemen über die +Schulter, stieg schweigend über die Treppe ans Ufer zurück, +bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne heimwärts. +Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche +Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er +nur das Glück der andern im Auge hat.</p> + +<p>Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt +einritt, warf sich ein Haufe flehender Weiber vor die +Beine seines Pferdes hin. Die Gardehusaren mußten sie +erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht lagen sie auf +dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie entschlossen, +sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des Markgrafen +in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so +mit ihm umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart +für nichts achte, so wolle er sich um dieses liederliche und +mißratene Volk in Zukunft überhaupt nicht mehr kümmern. +»Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er grollend hinzu, +»daß ich meine Hand von ihnen abziehe.«</p> + +<p>Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich +daraus weiter ergab, war auch nicht erfreulich.</p> + + +<h3>Chronica</h3> + +<p class="newchapter">Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. +Er war der Sohn eines übellaunigen Vaters, einer +übellaunigen Mutter und eines übellaunigen Landes. Mit +dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe Überzeugung von +seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er +<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel +irdischen Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person +allein schon der ihnen gemäße Glückszustand inkarniert +habe.</p> + +<p>Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. +Er erfüllte nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, +aber in Übellaune. Er hatte seine Jugend genossen, aber +in Übellaune. Er las mit heißem Bemühen die Enzyklopädisten +und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms +und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an +eine hohe Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in +Übellaune. Er hielt auf Leckerbissen, verzehrte sie aber in +Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst und schöne Dinge, aber +wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune.</p> + +<p>Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager +erhob, dachte er: Ei, heute ist mir wohl, die Sonne scheint, +es wird ein guter Tag. Stand er dann vertikal auf seinen +zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er im Spiel, +so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann +er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten +Zeit. Erlegte er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, +weil es kein Hirsch war; warf eine Zuchtstute prächtige +Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein Stallbursch +die Krätze bekam.</p> + +<p>Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, +den angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der +Lady Craven. Freilich hatte sie erst die tragische Heroine, +Fräulein Clairon, aus dem Feld schlagen müssen, was keine +leichte Arbeit war, denn die kothurnbekleidete Französin, +von der sie behauptete, daß sie auch mit ihrer Kammerzofe +in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die +Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig +<a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>und verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schönestark- und schlankgliedrig, mit feurigen Augen und +einer fränkischen Habichtsnase, so steif und feierlich geworden +wie ein Rabe, und er hielt das Lachen für eine verpönte und +unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln. Lady +Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und +ansteckenden Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man +einen ins Wasser fallenden Stein davon bekehren, auf den +Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile halten, dann +krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz. +Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, +und sie wolle den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen +werde, zu weinen.</p> + +<p>Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. +Sie träumte von der Markgrafenkrone und der Legitimität, +deren sie sich als Lord Berkeleys Tochter wohl würdig fand. +Die Markgräfin war kinderlos; das ihr anhaftende Körpergebrechen, +das sie seit ihrem dreizehnten Jahre plötzlichen +Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht. +Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des +Schlosses wie in einer Höhle verkrochen und spielte mit +ihren zwei Hofdamen unablässig das einfältige Kartenspiel +Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet werden; +dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann +wollte sie in diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, +wie sie nie zuvor gesehen worden; fort dann mit dem Barackengerümpel +um das Schloß, Augenhohn, worin feiste +dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres +Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und +ihre Wäsche wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand +in ihrer Nähe sollte die verhaßte Sprache reden, die +sich höchstens für die Zungen von Fuhrknechten und Spittelweibern +<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>eignete und klang, wie wenn man mit Stöcken an +eine morsche Tür trommelt.</p> + +<p>Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf +den Wangen büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte +Rillen zerstörten das Email der Stirn; Lippenlächeln starb +oft hinter den Zähnen schon, die Königin von Frankreich +kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte +einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am +Firmament; Perlen in den Gehängen wurden krank; +Menschen, mit denen man im Hydepark geritten, starben; +Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die man einst +feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld, +Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das +Pendel schwang, zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden +wurden fade, Spiegel blind. Goldleisten bräunten, in +Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde immer leichnamähnlicher, +das Land immer grauer, und der Herr über +all dem immer übellauniger.</p> + +<p>Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt +Grabüge; sie lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? +Man empfängt den preußischen Ambassadeur; der arme +Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in denen +eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge +auf einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt +sich zur Visite melden; sie hat einen Schmerbauch, das +Gehirn eines Kolibri und schnattert von Heidenmissionen +und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig um +Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des +Glaubens; Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über +adlige Affären. Es wimmeln Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, +Hofoffizianten, Schloßverwalter, Sekretäre, Minister; +Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind +<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der +Herr versunken in das Studium, wie dem Jammer der +Menschheit zu steuern sei.</p> + +<p>Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher +Assembleen zu entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor +und zog sich in ihre Gemächer zurück, um sich von ihrer +Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu lassen. Doch die +erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller Nationen +halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. +Da hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten +Jahrgang, den Einfall, aus Chroniken und überlieferten +Niederschriften Skandalosa der beiden markgräflichen Häuser +für sie zusammenzustellen und ins Französische zu übersetzen, +und es tauchten kuriose Geschichten auf, die das farblose +Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen +und ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen +Fastnachtsschwank und Totentanz.</p> + +<p>Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl +Wilhelm, der Vater Alexanders, aus dem Schmutzwinkel +der Küche auf sein hochfürstliches Lager gehoben hatte. +Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm; +der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung +mahnende Epistel, und das Scheuersubjekt mauste die im +Tresor verwahrten Kostbarkeiten, stieß wohledle Damen +vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum, +brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite +und wußte sich schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu +erschleichen.</p> + +<p>Lady Craven kicherte.</p> + +<p>Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem +roten Adlerorden in Brillanten, den der kleine Markgraf +dem großen König von England überschickte, um ihn auszuzeichnen. +<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Als nun lange Zeit verfloß und der Markgraf +vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, +die Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, +der Juwelier, falsche Diamanten verwendet hatte. Der +Markgraf ließ den Juden holen und sodann den Scharfrichter. +Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und als er +den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, +rannte unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um +den langen Tisch herum, der im Saale stand, immer mit dem +angebundenen Stuhl, der Scharfrichter hinter ihm drein, +bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg den +Kopf abhackte.</p> + +<p>Die Lady schauderte.</p> + +<p>Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie +war, eine noch schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit +erregte ihren Neid und ihre Eifersucht dermaßen, daß +sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten versprach, +wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge +Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, +daß schon die Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da +versteckte er sich mit Hilfe der Mutter im Schlafzimmer +der Tochter; die Dienerschaft war bestochen, die Markgräfin +sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte er sich trotz +Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des +schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, +halb im Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, +schwarz im Gesicht wie Tinte; die Markgräfin machte die +Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der Prinz +von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; +die unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin +verweinte ihr ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft.</p> + +<p><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, +der hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der +aus Verwunderung und Ekel gemischt war. Träumerisch +schaute sie in den Kamin, wo das Buchenholz verbrannte, +dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob es noch +regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie +schwarzes Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit +Hofknix gute Nacht; dann knackten die Dielen, und es +raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die Stunde noch +weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken +sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch +im Grunde; doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, +sondern wartete griesgrämig und verdrossen, daß man den +Tribut seiner Liebe entgegennahm.</p> + +<p>Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter +und sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«.</p> + + +<h3>Maßregeln eines Philanthropen</h3> + +<p class="newchapter">Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so +mögen sie sich demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so +soll niemand überflüssig Geld ausgeben. Es ist verboten, +Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten, Schmuck +zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die +Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit +zu befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem +Mannsbild im Konkubinat leben. Außereheliche Verhältnisse +werden scharf geahndet. Sämtliche Bierhäuser und +öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit geschlossen. +Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine +<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und +Hochzeiten, keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, +und private nur mit ausdrücklicher Bewilligung der +Polizei. Es soll niemand auf der Straße Schabernack treiben; +es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen +verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt +werden. Sichtbarer Müßiggang ist verboten. Es soll jeder +Mensch zu jeder Frist eingedenk sein, daß Armut im Lande +herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen versichert wird, +daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen Verdienst +haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit +nistet. Daher hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden +oder unterschiedenen Wandel neue Unzufriedenheit +zu säen.</p> + +<p>Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß +der Markgraf sich mit seiner Person und seinem Hofhalt zur +Beispielgebung verbunden hielt.</p> + +<p>Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, +die Gartenfeste, die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen +Diners und Abendessen. Die Empfangsäle wurden gesperrt, +die venetianischen Kristallüster in graue Tücher gehüllt, +Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen. +Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein +Trauerspiel, einmal eine <em class="antiqua">Opera seria</em> aufzuführen. Die +Toiletten der Damen unterlagen strenger Vorschrift. Den +Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.</p> + +<p>In den Korridoren und Antichambres hörte man nur +noch Wispern und Raunen. Die Beamten und Lakaien +gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte mehr, und zu lachen +hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit gegolten. Je +sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf Gnaden +hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines +<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>Klosters, bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die +Pferde ließen die Köpfe hängen, und die Hunde schlichen +mit eingezogenem Schwanz.</p> + +<p>Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden +würde, daß es nur eine vorübergehende Grille des Markgrafen +sei und er eines Tages zu seinen früheren Gewohnheiten +zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier brachen +alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, +auch die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit.</p> + +<p>Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, +die nun kamen, eine Verminderung des Budgets bewirkten, +der täuschte sich gleichfalls. Das Geld floß in ebensoviele +Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren Wegen; es +waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer +zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den +Brei. Dies erregte sowohl Erstaunen als auch Unwillen +beim Markgrafen, wenn er Nachfrage hielt. Aber Nachfrage +hielt er selten, denn er spürte, daß das der einzige Punkt war, +wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen stärker +waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er +begnügte sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen +stille wurde, so still wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; +er las Akten, gab Unterschriften, ging auf die Jagd, hatte +die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche nur durch +Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis +durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, +seine Sattheit durch Brummen.</p> + +<p>Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; +die Leibhusaren bezogen die Schloßwache, Sommer und +Winter; die Jasager hatten schweren Stand, denn es war +nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die Lady +<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren +winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, +hatte Wut, hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und +machte von Zeit zu Zeit mit ersticktem Lachen oder Weinen +ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der krank und hungrig ist.</p> + + +<h3>Die Bürger und ihre Stadt</h3> + +<p class="newchapter">Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere +Tor ein und siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; +jedenfalls will sie dich nicht unfreundlich begrüßen. Die +Straßen sind unregelmäßig gewunden, von ungleicher +Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten Balkenköpfen und +gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen und +Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde +und Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus +allen Fenstern sehen dich Menschen an; vor den Haustüren +stehen schwatzende, rauchende, gaffende Leute, du blickst +tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder haben ihre +Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen +straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und +der Grobschmied arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- +und ausgetrieben; Schweine grunzen, Hühner gackern, +Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen, Säuglinge +schreien.</p> + +<p>Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln +sohlen läßt; es weiß die Frau Apothekerin, was die Frau +Stadtphysikus zu Mittag kocht; es weiß die Jungfer Rettich, +um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser vorüberpromenieren +wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu +<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats +knapp zugeht; es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker +am Rathaus, daß sich die Schreinerseheleute, die hinterm +Zollamt wohnen, beständig in den Haaren liegen. Jeder +weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander +verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt +geheim. Jeder ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, +dichtes, verwickeltes Gewebe von Leben, eins gegen das +andere gerissen, eins vom andern bestimmt und gefärbt; +Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine +kahle, dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste +noch den Nachbar über sich, neben sich, unter sich hat. +Der Nachbar belauert das eheliche und das jungfräuliche +Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt in die +Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die +öffentliche Meinung, die Sicherheit der Person und des +Besitzes. Der Nachbar erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und +zum Begräbnis; er schreit Alarm bei Diebsgefahr und hetzt, +wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt, wieviel +Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem +Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel +in der Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, +keiner hassen, keiner krank sein, keiner genesen. Der Nachbar +ist der Freund, der Feind, der Wohltäter, der Verleumder, +der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der Rater, die +Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der +einzige Trost.</p> + +<p>Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder +zu singen in Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. +Eisern lag die Faust der Fürsten auf ihnen, seit Menschen +denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht Alpdruck +gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der +<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>Herr von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten +Heller aus der Tasche und den letzten Tropfen Schweiß aus +dem Leibe. Und all der Schweiß des Landes verwandelte +sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und Kammerkanzleien +in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den +Schlössern in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der +Gunstdamen in Edelsteinketten.</p> + +<p>Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten +doch Augen- und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor +dem Schloßtor stehen und zu strahlend erleuchteten Fenstern +hinaufblicken dürfen. Sie hatten sechsspännige Karossen +mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen Maules +bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft +von niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an +dem sich mancher Hungerleider wonnevoll erlabte, und er +dachte sich: es ist trotzdem eine schöne Welt, in der so was +zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge gegeben, Auffahrten, +Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas, feierliche +Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war +etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie +hatten das Gefühl gehabt, daß die Herrschaften wenigstens +in Glück und Reichtum schwammen dafür, daß sie schwitzten +und sich plagten.</p> + +<p>Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die +Wege zum Wohlstand verrammelte, nicht nur, schlimmer +als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von Steuern und Zöllen +um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl, nicht nur +ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer +Landes verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige +Licht hatte auslöschen lassen, das über ihrem Elend leuchtete, +versank das Gemeinwesen nach und nach in eine graue +Flut von bitterer, stummer, nüchterner Hoffnungslosigkeit. +<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen, auf dem +ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen +Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm +gemacht, und wenn die Kinder neugierig wurden und etwas +von der Welt zu schauen begehrten, konnte man sie hinführen, +auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es +brennt.</p> + +<p>Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten +entzogen wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen +hätten sie ja zahlen gemußt, diese aber waren +umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut verbieten: +wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten +Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe +hätte es kaum bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung +fehlt, sagten sie in ihrer fränkischen Geduld und +Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und schoben die Finger +zwischen die Knie.</p> + +<p>Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen +Haufen Betrübnis. Wie das Sumpfwasser inmitten einer +Landschaft sumpfige Dünste aushaucht, so entströmte der +fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des gemeinen +und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit +drang in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis +zwischen Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, +Fremden; der Herr war mürrisch gegen den Knecht, der +Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles Gesinde, das +Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die +Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, +der Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen +die Gäste, der Kaufmann gegen die Käufer, der Meister +gegen den Lehrling, der Postillon gegen die Passagiere, die +Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die Bauern, +<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und +gegen das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie +fluchten nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten +sich auf nichts freuen, sie konnten über nichts lachen, sie +standen mürrisch auf und legten sich mürrisch zu Bett. +Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte, mürrisch zündeten +sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch, mürrisch betrachteten +sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre Nachkommenschaft. +Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher +ihre heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der +Kanzel, und mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte +Schalksgesicht des Mondes über dieser Stadt von Mürrischen.</p> + +<p>So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.</p> + + +<h3>Jahrmarkt</h3> + +<p class="newchapter">Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, +fremdländisch von Wesen und seltsam gekleidet. Er trug +lange Schnabelschuhe, schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene +Pluderhosen, schwarzes Jabot mit schwarzen +Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung +in Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. +Dieser Mann, obwohl er sich nur als wandernder Schauspieler +legitimierte, flößte durch eine Sicherheit und Würde +der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu haben pflegen, +einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche Empfehlungen +der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs +von Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut +abschlägig beschieden werden, zumal er sich bereit erklärte, +<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>jede geforderte Gebühr zu entrichten und eine Kaution von +fünfzig Talern zu erlegen. Er schien sich auch sonst in nichts +weniger als ärmlichen Umständen zu befinden, da er im +ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und +mit zwei Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal +waren.</p> + +<p>Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während +des Jahrmarkts in einem fliegenden Theater, das er +zu dem Behuf erbauen wollte, Vorstellungen zu geben. +Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen seien, +entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie +einer, den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston +und mit solcher Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, +der noch nicht zu den ganz Abgestorbenen gehörte, sich eines +säuerlichen Grinsens nicht erwehren konnte und zu der +Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht sein; +leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte +Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht +zu gewärtigen. Auch hatte, seit die strengen Vorschriften +ergangen waren und jedem Bewerber Schwierigkeiten gemacht +wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern, +Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum +herbstlichen Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb +glaubte man diesmal milder verfahren zu dürfen und +gewährte die erbetene Bewilligung.</p> + +<p>Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse +hinter dem Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände +der Käser, Lebküchner, Heringsbrater und übrigen +Händler eine gefällig aussehende Bretterbude, die etwa +zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf +roter Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort +Sturreganz prangte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben +stehen, murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die +Köpfe und fragten einander: was ist das, Sturreganz? +ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre verdrossene und +apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den +Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde +und auf dem einige mißtrauisch Herzudrängende folgendes +lasen: »Einem hochlöblichen hiesigen Publico sowie einem +hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, daß der weitberühmte +bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises +hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, +Leib- und Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs +von Nassau und des Grafen von Bentheim, Freund der +Götter und Schrecken der finstern Geister, sich heute abend +um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner +unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten +und sich dero Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. +Zahlreiches und pünktliches Erscheinen ist erwünscht. +Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei Groschen, +dritter Platz ein Groschen.«</p> + +<p>Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt +es für Prahlerei und Unfug und ging weiter. Gegen sechs +Uhr abends, als noch die Lichter in den Verkaufsbuden +brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen Papierhüllen +oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar +Menschen vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, +argwöhnisch, die Münzen in den Lederbörsen zählend und +abermals zählend und zwischen den Fingern reibend, vorsichtig +um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend, +und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder +fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre +Groschen hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang +<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>verschwanden. Das war alles; dann blieb der Platz vor +dem Theater verödet.</p> + +<p>Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der +Dichter Uz vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt +war und um diese Zeit sich auf dem Nachhauseweg +befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet eine Zierde +der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn scherte. +In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade +über ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben +die Gasse vor der Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit +durch eine Reihe von wunderlichen Geräuschen +abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das Gemecker vieler +Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und +quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine +auf ein Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es +war Gelächter! Es war hohes, sonores, dumpfes, breites, +keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu Sekunde anwachsendes +herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt +Ansbach, abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter +vieler Menschen. Unerhört. Der Gedanke blieb im +Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis zerfiel. Das Madrigal +zerstob seifenblasenhaft.</p> + +<p>Gelächter!</p> + +<p>Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da +drinnen; wie die Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; +wie die Mäuler zu Schlünden wurden mit bleckenden Zähnen. +Es war etwas Außerordentliches, etwas völlig Neues, seit +Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden. Der +Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in +dem ein betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten +Herzens, den Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog +seine hagere Figur dem Nebel des Oktoberabends.</p> + +<p><a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine +Stunde danach mit den andern drei Dutzend Menschen das +Theater verließ, war er vor Lachen in Schweiß gebadet +gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in seiner +Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der +Magen kollerte, der Gaumen war wund.</p> + +<p>Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich +gehalten. Die Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne +Zweifel ein Phänomen; ein Unikum; ein Weltwunder. +Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben im +Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit +und Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.</p> + +<p>Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je +von ihm vernommen?</p> + +<p>Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am +selben Abend noch Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat +Merklein. Er redete, berichtete, war aufgeregt, +befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem Enthusiasmus +der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu +seiner gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte +Worte; er ahmte, so gut er es vermochte, Bewegungen +nach, schilderte die Mimik, die Haltung, die Gangart, die +Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn +volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, +und erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, +eine unbezwingliche Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls +zu sehen.</p> + +<p>Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends +verbreitete die Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis +zum Handlungsreisenden und Diurnisten herab, gebärdete +sich auf seine Weise toll. Die Folge war, daß sich am nächsten +<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine beträchtliche +Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und +der betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem +die Leute eingelassen waren und der rote Vorhang sich +herabgesenkt hatte, blieben noch etwelche außen stehen, die +zwei oder drei Groschen doch nicht dransetzen wollten oder +hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die Ohren recht +spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann +die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen +des Fremdlings, ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, +Mägde aus den benachbarten Häusern; die buntmaskierten +Kerzen beleuchteten ihre lauschenden Mienen, +und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen oder +vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem +andern, verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, +der aus der Bude schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn +man Weizen unter eine Hühnerschar wirft, wobei sie +sämtlich die Köpfe zusammenstecken und picken. So pickten +auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie vernahmen +nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; +erst wie Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; +dann eine Kanonade; dann Stille; abermals eine Kanonade; +jauchzendes Weibergequietsch; Händeklatschen; wütenderes +Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares Gebrüll plötzlich; +es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als fürchteten +sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen, feixten, +stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; +ein paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue +herzu, sie schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den +Fingern und schlugen einander auf die Schulter, wenn +wieder das Donnergepolter der beglückten Kehlen drinnen +losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den Reihen, +<a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, +hinter den Vorhang zu kommen.</p> + +<p>Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. +Drei Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen +ihre Machtlosigkeit ein. Man schickte um die Schloßwache. +Die Leute stießen und drängten sich dermaßen, daß der +Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde verschoben +werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon aufgemacht, +um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere +Plätze reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie +erschienen und sie mußten zugeben, daß die Fama weder +gelogen noch übertrieben hatte. Es gab keinen Einwand vor +diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen Bedenken, +sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters +gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von +ihm, sie kicherten in ihren vier Wänden noch, sie verkündeten +das Ungewöhnliche unter ihren Freunden, aus den Gütern +der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um Sturreganz +zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt +fanden.</p> + +<p>Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. +Es gab Leute, die keine einzige versäumen wollten und sich +schon früh morgens vor dem Theaterchen postierten. Sie +ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich nicht um ihre +Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer Ersparnisse +geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu +Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, +Goldschläger, Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, +Viehhüter, Hökerinnen, Krämerinnen, Ladenmamsells waren +darin eines Sinnes mit Lehrern, Richtern, Doktoren, +Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten +sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um +<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>den Einlaß der Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer +ehrbaren Jungfer der Rock vom Leibe. Die Obrigkeit streckte +die Waffen, da durch ihr Einschreiten immer die eine oder +andere hochgestellte oder beamtete Person kompromittiert +wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach +einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen +war, und zwar ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter +und beamteter Personen.</p> + +<p>Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker +des Gemeinwesens. Es bestand Gefahr, daß die ganze +Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus wurde.</p> + + +<h3>Unterm Mond</h3> + +<p class="newchapter">In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine +bemerkenswerte Wandlung geschehen.</p> + +<p>Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem +Schmunzeln vor ihrer Haustür. Sehr würdige +Männer, von denen Gravität durchaus unzertrennlich war, +bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und +gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze +gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter +begannen mitten in der Mahlzeit loszuprusten, +wenn ihnen die Erinnerung ein Sturreganzsches Wort, eine +seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen auffrischte. Zanksüchtige +Weiber zeigten sich zahm beim bloßen Zurückdenken +etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit +einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette +geführt. Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften +Überzeugungen, und unverbesserliche Schwarzseher +<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>sahen sich ohne Groll um die Geltung bewährter Maximen +betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln, Neidhämmel +hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die +Zunge im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine +Weile vergessen, Streit vergessen, Widrigkeit vergessen, und +wen der alte Jammer wieder zu zwicken drohte, der holte +sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.</p> + +<p>Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel +»Der unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu +mehrere Komödianten von auswärts verschrieben, da den +markgräflichen die Mitwirkung nicht verstattet wurde, trieb +die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo er als +gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten +liest und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister +vorhält, fielen Menschen im Zuschauerraum vor Lachen +buchstäblich von den Bänken herunter, wälzten sich auf dem +Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. Wohlerzogene +Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen +glucksten und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten +und wischten sich die Tränen von den Backen, Füße +trampelten, Hände erhoben sich gegen die Bühne, um den +Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne, +daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, +Gewimmer, Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie +in einer Folterkammer, und als der Vorhang fiel und die +Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst entkräftet +und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und +glückselig zumute war.</p> + +<p>Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude +nicht hatten kommen können, und hatten, wie es nun schon +üblich geworden war, ihr Labsal beim Anhören des Lachorkans +gefunden. Sie zogen mit den andern heimwärts und +<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß, schmiedeten +Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.</p> + +<p>Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der +Abend war südlich mild. An Schlaf war nicht zu denken. +Sie blieben vor den Haustüren stehen, Schlüssel wurden ins +Schloß gesteckt und wieder herausgezogen, niemand wollte +das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in +die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten +die Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war +alsbald so bevölkert wie an Marktvormittagen.</p> + +<p>Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die +Frau Hofsekretärin beugte sich so weit über das Sims, daß +ihr prächtig entwickelter Busen keine Heimlichkeit mehr blieb. +Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über dem Kopf, die +verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht; +als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie +sich wieder an. Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, +Begrüßungen, zerstückelte Berichte; ja, da hättet ihr dabei +sein sollen; freilich, das war mal eine sonderliche Sache, so +was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen erhoben sich +auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen +Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem +Erker dem Herrn Regimentszahlmeister; der Oberjäger +Fritsch warf aus dem dritten Stock eine Nürnberger Zeitung +auf die Gasse, worin lang und breit über Sturreganz geschrieben +war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das +ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das +Blatt aus den Händen; schließlich erwischte es ein Student, +stieg unter einer Öllaterne auf einen Prellstein und las es +mit schallender Stimme salbungsvoll vor. Sturreganz; das +bloße Wort behexte. Eine junge Magd wollte durch ein +erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor beim +<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs +Pflaster und machte aus ihren gehüteten Schätzen ein +öffentliches Schauspiel. Im lüsternen Schatten standen +Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; geschwind +und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. +Der Mond kam über die Dächer und wunderte sich.</p> + +<p>Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der +Sattlermeister Simson Arlacher aus ihrem Haus einen +langen Tisch mitten auf die Gasse trugen. Kinder und Gesinde +brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale; die +Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende +wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu +bedurfte es vieler Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche +Nachahmung. Eine Viertelstunde später stand die ganze +Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an Leuchter, +und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die +Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. +Aber das gab gute Wirkung; die Straße mit den barocken +Häuserfassaden war wie ein großer Saal. Und es stand +Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und Frauen, +Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren, +Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer +Doppelzeile.</p> + +<p>Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit +einem Willen zum andern, einem Hinstreben zum andern, +mit Lippen, die lächelten, lachten, Ungesagtes zu sagen begehrten. +Vom Tisch bei der Schranne sprang ein Lied auf; +ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein +schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit +Kennerstolz; einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, +als hätte er keine Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; +einer erzählte von Wanderfahrten; einer umarmte +<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>sein Weib und schmatzte die Kreischende ab; einer rief: von +heut ab soll es anders werden mit unserm Leben! Große +Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger +Junge leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die +Gasse, daß das Geknatter eine Weile alles übertönte; eine +Laute spielte da, eine Flöte oder Mundharmonika dort; +Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen ausgetauscht, +gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit +vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die +mürrisch und polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter +den ersten Rundgang antrat; das war dieselbe Stadt nicht +mehr, die zu schlafen pflegte in der Nacht, bei Sternen- und +bei Regenhimmel.</p> + +<p>Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie +doch noch unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine +Gleise verläßt, dem lohnen es die Augen. Unter der Zipfelmütze +waren ihnen nicht einmal Träume solcher Art gekommen.</p> + +<p>Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, +der ein sieben- oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. +Dieser Mann war völlig schwarz gekleidet; Strümpfe, +Pantalons, Rock, Halsbinde, der ungewöhnliche kegelförmige +Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu haben +für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen +Fest der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, +nicht ihre Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen +an seiner Schulter und streichelte bisweilen mit furchtsamem +Lächeln seine Wange, fast nur, als wolle es sich überzeugen, +daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei, der es +auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so +sanft, so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur +Seite und blickte auf das Pflaster hinunter; und siehe, was +<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>war das? Ein Bild, seltsam und unglaubhaft, gruselig +und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer Zug von Mäusen; +unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter +dem Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und +das Mädchen lachte still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies +gewahrten, stießen sie Schreckensschreie aus; die Männer +erhoben sich von den Stühlen und Bänken und starrten +dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische, deuteten +aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen +ging der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den +Anblick des Kindes, und die Hunderte und aber Hunderte von +Mäusen, dichtaneinandergedrängt, lautlos, zauberisch, wie +mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm und verschwanden +mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz +einbog.</p> + +<p>Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein +könne, geriet keiner. Er zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich +in seinem Gasthofzimmer auf und ließ niemand vor sich. +Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht auf persönliche +Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man +erzählte sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein +aufgesucht und ihn um ärztlichen Rat gefragt habe, was +gegen das quälende Gemütsleiden zu tun sei, an dem er +seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der einen +fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, +sagte, er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er +möge doch eine Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor +halte die hartnäckigste Verdüsterung nicht stand. Da habe +der Patient schwermütig geantwortet: so ist mir nicht zu +helfen, denn Sturreganz bin ich selber.</p> + +<p>Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit +außerhalb der Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten +<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>gab, hatte bereits etwas Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren +es noch viele, die ihre Wißbegier und die Erregung +über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während +die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem +Gesehenen, die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit +hinwegräumten und sich in die Häuser zurückzogen, über +die auf der einen Seite ein samtiger Schattenmantel, auf +der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht fiel, +machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen. +Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern +läutete, daß aber der Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte +und das Tor wieder zuschlug, als er die Mäuseflut gewahrte, +daß er zum zweiten Mal und ungestümer läutete, +daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte, +daß die Stadtwache sich einmengte, und als +sie an Ort und Stelle waren, liefen schon von allen Seiten +Leute herzu.</p> + + +<h3>Fingerling</h3> + +<p class="newchapter">Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische +Institut kam, ist schon bekannt. Madam Heberlein +hatte sie eines Tages kurzentschlossen hingeführt, weil sich +niemand ihrer annehmen wollte. Bankert und Komödiantenkind: +beides war zu viel.</p> + +<p>Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter +hatte man noch keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich +überdies, die verdarb einem ja, wenn man sie +anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine niedliche +Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein +<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse +krepieren oder auf den Schindanger geschafft werden, erklärte +Madam Heberlein, da es ja ein Waisenasyl oder sonstige +Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber sei mit +sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. +Möge sie tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das +Institut sei seit neuestem ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt +und könne bei fortdauernder Kalamität leicht aufgelöst +werden.</p> + +<p>Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, +daß der Name Tanzschule längst nur noch das unverfängliche +Aushängeschild war; die eigentlichen Ziele wurden mit +Umsicht und Vorsicht vor den Augen der Welt verschleiert. +Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das Beispiel +seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den +von ihm erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise +in klingende Münze umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht +mehr, die heranwachsenden und zum Liebesdienst tauglichen +Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen Zweck +aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger +Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel +nicht so in großem Maßstab betrieben werden wie der des +Markgrafen, war auch nicht gleicherweise geschützt durch +die Machtvollkommenheit des unumschränkten und unverletzlichen +Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege +dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht +reif geworden und gelang es, sie am richtigen Ort in die +richtigen Hände zu spielen, so war der Profit beträchtlich +und die verschwiegenen Helfer wurden gut bezahlt. Was +wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger war, +wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel +eine Festung zu stürmen oder den Großmogul und den +<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>Khan in der Walachei zu vergnügen, konnte erörtert werden, +Gewissensbisse verursachte es nicht.</p> + +<p>Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die +gärtnerische Obsorge gering. In der Hauptsache verließ +man sich auf die gütige Mutter Natur, die damals bei den +Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die +sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften +geschont. Doch man lebte nicht in Toskana, sondern +unter einem rauhen Himmel ohne aphrodisische Gaben. +Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu rechnen war, +mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten, +Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei +Stunden wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, +und wendete redliche Mühe auf, damit das Firmenschild +nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier waren die Talente +spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis jetzt keine +nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, +die Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf +die Welt.</p> + +<p>Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus +verlassen wollte, ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte +und dieser ihr Leid klagte, oder des Kindes Leid, das sie +an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt ein Strahl des +Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin +musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen +und der offene Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn +ihr der Verwalter die Kostzulage bewillige und ihr Mann +nichts dawider habe, wolle sie das Wurm bei sich behalten. +Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten bereit, der +Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen +hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes +Frauenzimmer und lebte mit dem Trunkenbold von Mann +<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>in kinderloser Ehe. Die gutmütige, vielleicht auch nach einem +so jungen Wesen sehnsüchtige Regung, die sie bestimmt +hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich bald, und +das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das +man von einem Winkel in den andern schiebt und vergißt.</p> + +<p>Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe +und Keller. Es war immer schmutzig, immer hungrig und +immer allein. Manchmal putzte es sich am Brunnentrog +das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las einen +Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft +war nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; +der Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen +war zu erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung +der Geschöpfe tiefer noch als selbst die letzte.</p> + +<p>Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in +verlassene Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen +und plumpen Schritten der Erwachsenen eidechsenflink +in Sicherheit zu bringen. Eidechse, das war das Gleichnis +für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun. Wie die Eidechse +hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der gelenkigste +Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem +winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und +Brettern, so dicht sie standen, war immer noch Raum für +sie; in einem zerfallenen Regenfaß, in einer Mauerbresche, +hinter einem Schrank, in der schmalsten Dachluke und unterm +Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in einer +Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu +gewahren, vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz +oder neben der Torschwelle kauerte, und richtete einer das +Wort an sie oder wollte sie anrühren, so war sie entschlüpft, +eh er es recht wußte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins +Schwäbische, eine neue kam, und nun kümmerte sich überhaupt +keine Seele mehr um Beckchen. Die Küchenmagd +stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und +Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte +daran, wenn sie der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen +in Fetzen vom Leibe, so war es wieder die taubstumme Magd, +die einen andern Fetzen beschaffte, zusammengestückelten +Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die Blöße +verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme +Magd war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, +und aus der Bemühung heraus fand sie die Worte und +gewann neue Worte, sonst hörte sie nur, was aus Türen +und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die +Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und +schalt.</p> + +<p>Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, +plauderte sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, +wo Spinnweben das Geländer überzogen, war sie schon +weit von Menschen fort und hielt ihre Selbstgespräche, in +denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach gutem Essen +und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei +der Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn +das und das geschähe, das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, +Spinnen fliegen und Steine gehen könnten, dumpfe +Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in den +Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser +war nur Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; +von jenem etwas unendlich Fernes und Gestaltloses +in einer Region, wo es keine Namen mehr gab.</p> + +<p>Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt +war. Da lag sie einmal krank in ihrem Verschlag, der ein +<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>wenig Licht von der Seite erhielt und am Abend sogar durch +ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der Dunkelheit +konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze +hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr +Lager kam, hin und her trippelte, stehenblieb, sie mit den +schwarzen Perlchen von Augen beguckte, den Schwanz +ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im ganzen sich +merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien +eine zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen +freute sich der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie +sich, die Freude durch heftige Bewegung zu zeigen; beim +vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten sie schon. +Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen Brotkrumen +hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, +eine fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den +Teller erklomm, der noch von Mittag dastand, und den +Suppenrest aufleckte.</p> + +<p>Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd +und fortwirkend, als sei eine magische Kraft in dem Kind, +als bekräftige sich dadurch ihre Entfernung von den Menschen. +Wenn sie sich niederlegte, schlüpften die Mäuse aus den +Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend und mehr. +Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf +den sie hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald +sie das Kribbeln, Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte +sie, und wenn die glitzernden Augen ringsum auftauchten +und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her huschten, legte +sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der Schlaf, +so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte +sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern.</p> + +<p>Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, +wo sie sich niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur +<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>die Möglichkeit, sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse +verbürgt, so selten sie auch in Erscheinung treten. Die +Sage weist darauf hin, und unter den vielfachen Kräften, +die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die geheimnisvollste +bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin, +die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles +Getier, das sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, +Rehe, Füchse, Marder und Wiesel, und es wird von einem +Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine unerklärliche Anziehung +auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen +folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf +im Blut und schlummernde Erinnerung an das Eins-sein +aller Urnatur, die gebietet: du sollst nicht wissen, du sollst +nicht vergleichen und du sollst dich nicht sondern. Beckchen +gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich von Monat +zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der +Erde, Wesen, mit denen sie Zwiesprache halten konnte und +über die sie Macht gewann. Die Menschen, unter denen sie +fast unbemerkt und ungesehen lebte, erlangten keine Kenntnis +von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause wohl +nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, +jedes verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und +wenn sich dann jemand von den Riesen zeigte, sah er das +Kind, die kleine schmutzstarrende Kreatur mit den beständig +rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof, im Flur, in +einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln, +benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff +ertönen lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das +wußte sie, sie hatte es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags +in der Dämmerung von einigen Pensionärinnen +im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen Mädchen +umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf +<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>mit dem feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen +Augen und entzückend feingebogenen Brauen. Da hatte +Beckchen nicht zu widerstehen vermocht und hatte den kaum +hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren hervorgekrochen, +zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren +jene der ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.</p> + +<p>Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es +kam niemand darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, +als die Mäuse nach und nach erschreckend überhand nahmen +und zur richtigen Plage wurden. Man streute Gift, stellte +Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte +die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine +Kammer war mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, +das Holz der Schränke durchgebissen, Betten, Kleider, +Schuhe zeigten Spuren der Verheerung, und der Zöglinge +bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos wurden, +ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen. +Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem +Maître Herbois und gelegentlichen Besuchern war es bänglich, +wenn sie in der Dunkelheit und später sogar bei hellichtem +Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit Füßen +traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines +Nachts einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige +Brünette namens Margarete Kern in Krämpfe +verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf über Gesicht und +Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich Nacht +für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich +den Tod des Mädchens herbei.</p> + +<p>Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der +Stadt war. Der Marchese kehrte eben von einer Reise +zurück; er war außer sich, als ihm Bericht erstattet wurde und +<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>befahl strengste Untersuchung und tätige Abhilfe. Es wurde +vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut ausfindig +zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu +bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft +und aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete +lag noch im Haus; das Gerücht von dem Vorfall hatte +sich verbreitet und gab zu schlimmem Gerede Anlaß. Pescanelli +mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr viel +aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während +der letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren +kam als Munterkeit und Witz, bedenklich abgenommen; die +unbedeutendste Ursache konnte der lukrativen Herrlichkeit +ein Ende bereiten, darum galt es, das unangenehme Geschehnis +um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter +erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung +jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem +drangen unbestimmte Nachrichten ins Schloß; es schien, daß +dem Markgrafen auch sonst allerlei Abträgliches über das +Institut zu Ohren gekommen war; Pescanelli, wie die meisten +Abenteurer dieser Art, Feigling durch und durch, und +um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig +zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter +von sich abwenden konnte, und als er von Sturreganz +und dem beispiellosen Tumult hörte, den der zugereiste +Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte, war sein +Plan so gut wie fertig.</p> + +<p>Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag +vor dem Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame +Botschaft oder Aufforderung. Von einem Diener, +der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben +übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, +ein Kind namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem +<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>dritten Lebensjahr im Institut ohne eingeholte Zustimmung +des Vaters untergebracht, zur selben Stunde auszuliefern. +Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im Auftrag und +in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig +Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.</p> + +<p>Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen +Taube befinde sich nicht in der Anstalt; man möge dies +melden. Der Bote erklärte darauf, er dürfe unverrichteter +Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm bedeutet, wenn +er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind +vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter +in Zorn, wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst +wenn die Genannte im Hause wäre, sei er keineswegs befugt, +sie freizulassen, und ohne höhere Bewilligung enthalte +er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der Wortwechsel fand +im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete Kern +über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen +folgten, das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine +beugte sich laut schluchzend über das Geländer. Da erschrak +der Abgesandte von Sturreganz und dachte in seinem Sinn, +es müsse einen schwerwiegenden und furchtbaren Grund +haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit des +Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders +sein, als daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit +und das Erbleichen des Verwalters, dem dieser +Zeuge des Sargtransports höchst unerwünscht war, schienen +den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu schauen und +zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche Majordom +ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm +den Schlüssel zudrehte.</p> + +<p>Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von +Beckchen Taube, und niemand im Haus kannte den Namen. +<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>Beckchen führte den Namen längst nicht mehr, unter dem +sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der Name war +vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der +Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, +und die Leute im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie +riefen, nannten sie Fingerling. Irgend jemand hatte eines +Tages den Namen für sie erfunden, vielleicht ihrer winzigen +Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte, daß sie +Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder +Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig +vorkam, hieß es: Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.</p> + +<p>So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden +andern Namen aus.</p> + + +<h3>Die Beiden</h3> + +<p class="newchapter">Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher +anzufordern, als bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung +und Ansehen. Er hatte es vermieden, sich an die Behörde +zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre Faulheit und +ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf +gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und +Verhöhnung alles Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest +stand für ihn, daß er das Ziel zu erreichen habe, das allein +ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm vorgeschwebt in +all den Jahren der Wanderschaft.</p> + +<p>Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und +Verfolgung; Leibesnot und Geistesnot; Verfinsterung aller +Dinge; Verlust alles Glaubens an Menschen und Menschheit, +an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem Tage, wo es +<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen +Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken +schon seine Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, +Abscheu, Trotz und Verzweiflung machte, denn niemand +hatte einen höheren, stolzeren, leidenschaftlicheren Begriff +von Freiheit als er, an dem Tag hatte er nicht nur seinen Namen +verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das Weiche, +Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch +im Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, +Schwankende, Seelenhafte war abgetan, und der Mensch +innen hatte einen eisernen Panzer gegen den Menschen außen, +so wie der Mensch außen wieder gegen die Welt. Taube +wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von +Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere +lebte dort, der eine zimmerte das neue Leben, der andere +tilgte das alte in sich aus.</p> + +<p>Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte +Augen hatte, fein- und langgeschwungene Brauen +und die Figur einer porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf +dieses allen beiden zugehörige Wesen schlossen Taube und +Sturreganz einen Bund und bauten einen Mittlerweg, wo +sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in ihren +Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder +die Gefangene von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. +Es durfte nie vergessen werden, nicht einen Augenblick; +mahnte Taube nicht, so mahnte Sturreganz; es war +wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit lag, und +für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der +Anreiz, die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb +zur Entfaltung. Es war das, worin sich alle sonst verschwendete, +verworfene, verirrte, entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt +hatte. Insiegel des Wirkens und des Geschehens. +<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg; +Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; +Taube war der heimliche, feurige, ungeduldige Regent, +Sturreganz der stumme, harte, arbeitsame Verrichter. Vierzehn +Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht in der Hütte +eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang +er in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um +Dienst, um Stellung und Ruf; da bewährte sich Taubes +glühender Geist dem Verdunkelten und Erbitterten gegenüber, +seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein schlauer, +tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit +war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In +allem andern erwies er sich unzugänglich und von dürrem +Eigensinn, fand sogar die Doppelheit der Existenz nicht +selten lästig.</p> + +<p>Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins +Ewige deutet und bei dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg +der Geschlechter geht. Es beschließt die Verantwortung +in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung vor +dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns; +Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen +nach dem in jedem armen Ich vergrabenen Stück +Unsterblichkeit.</p> + +<p>Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich +der Tochter gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die +Gestalt seiner Frühlings- und Spätlingsträume wieder, +die nie gefundene; da will er herrschen durch die Liebe und +lieben durch die Macht. Da ist Besitz, unumschränkter und +durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen Menschen und +in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und der +in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu +dürsten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, +Sturreganz und Taube.</p> + + +<h3>Höflichkeit wird Grausen</h3> + +<p class="newchapter">Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, +um Sturreganz den Bescheid des Institutsverwalters +zu überbringen, da er mit gutem Grund die Wirkung +seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung +fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück +beendigt war, trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein +langes Ausbleiben mit geschickt ersonnenen Vorwänden +und erzählte dann, was er gehört und erfahren. Sturreganz +sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar; +sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder +Glanz noch Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu +dem Mann, verließ mit ihm das Theater durch das Bühnenpförtchen +und schlug den Weg nach dem Institut ein, der ihm +wohlbekannt war.</p> + +<p>Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen +empor, und Sturreganz rüttelte an einem verrosteten +Glockenzug. Es schallte aber keine Glocke. Er pochte ans +Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich niemand. Da vernahmen +sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern +Seite des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer +entlang, zwängten sich durch die morsch auseinanderfallenden +Bretter eines Zauns, kamen um eine Ecke und sahen +vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen +und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, +der dem Diener solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen +Tür schoben. Dies gewahren und hinzuspringen, war +<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>für Sturreganz eins. Die jähe Verwandlung, die mit ihm +vorging und aus dem altmodisch gekleideten, gravitätisch +schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen +Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um +Hilfe zu rufen begann.</p> + +<p>»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die +Männer regungslos verharrten, beugte er sich selbst nieder, +zerrte mit kraftvoller Faust den Deckel herunter, der nicht +vernietet und nicht angenagelt war, riß einem der Lampenträger +das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die Leiche +im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend +zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von +Grashalmen im Haar, sah sehr schön aus. Einige Menschen +hatten sich unterdes zur Tür gedrängt, das Verwalterehepaar, +die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus +anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, +und unter ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen +aussehende Fingerling, Beckchen Taube.</p> + +<p>Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, +sah die Leute der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das +sich an den Pfosten geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der +Lampe ins Gesicht, streckte die Linke mit gespreizten Fingern +gegen sie und sagte leise, unsicher, gequält, zärtlich nur das +Wort: »Beckchen«.</p> + +<p>Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und +Herz des Kindes traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, +die Gebärde ihr eine unüberhörbare Mitteilung zutrug; +sie regte sich, ihr Auge regte sich und antwortete; ihre Lippen +regten sich und lächelten; sie schmiegte sich noch dichter an +den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen, +weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen +kotumkrusteten Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst +<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>im flackrigen Licht; Sturreganz reichte irgendeinem +die Lampe, hob das Kind auf den Arm, flüsterte ihm Verworrenes +zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor +sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung; +verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; +zum erstenmal fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, +zum erstenmal aufgehoben und genommen. Vater +klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte zu der taubstummen +Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen +an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den +dünnen, rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, +da kamen sie schon aus ihren Ritzen und Löchern, aus +den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die jahrelangen winzigen +Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit lockerem +Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder +zum Dank; die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung +und Abschied galt, es entstand Aufruhr unter ihnen, und +als sich Sturreganz mit dem Kind auf dem Arm zum Gehen +wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer Zauberbeschwörung +in grauen Scharen hinter ihm her.</p> + +<p>Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, +der Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches +Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, +wer an der Mäuseplage schuld war. Nach und nach wich die +Erstarrung von ihnen; es war strafwürdiger Frevel geschehen; +der Raub des Kindes war Frevel, das Öffnen des +Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie +nach der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die +Wache, und da er durch den Brief, den er am Nachmittag +erhalten, den Namen des Eindringlings erriet, setzte er dem +Sekretär des Marchese den Sachverhalt aufgeregt auseinander. +Sturreganz’ Diener, der halb von Furcht bezwungen, +<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens seines +Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen, +doch versicherte man sich seiner Person, und als der +Wachkommandant mit drei Gendarmen erschien, wurde er +sogleich in scharfes Verhör gezogen. Daß der Übeltäter zu +verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem sie sich +über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert +hatte, begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des +Räubers und Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum +Stern-Gasthof.</p> + +<p>Dort hatte das Erscheinen Sturreganz’ mit dem Mäusezug +hinter sich ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor +dem Institut und in der Gasse der pokulierenden Bürger, +aber als dann von allen Seiten Menschen herbeiströmten und +lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die Tiere +ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten +auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, +Rufen und Fragen der Leute brachten sie Sturreganz +in das Stadtgefängnis, das nicht weit entfernt war. Er ließ +alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm das Kind +wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und +zwar in einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen +Manier, daß dem Kommandanten Bedenken gegen +anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen und er sich darein +fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum hatte +Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in +seinen Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche +legen, sondern behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich +kaum getrauend eine Bewegung zu machen, und als das +erste Frühlicht durch das vergitterte Fenster schien, erquickte +er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem +Mund.</p> + +<p><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, +durchlief wie Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, +der davon erfuhr, auf dienstlichem Wege und genügend verläßlich +durch die unmittelbare Zeugenschaft seines Sekretärs +bei den nächtlichen Ereignissen, war Marchese Pescanelli. +Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche +Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte +ihm die peinlichsten Empfindungen; sodann war es +gerade dieser Komödiant, den er zur Befestigung seiner gefährdeten +Stellung hatte benutzen wollen. Wenn es gelang, +einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher ihm Sturreganz +von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des +Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten +zu verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es +stand zu vermuten, daß sich die morose Strenge der Lebensauffassung, +die sich der Allvermögende zu eigen gemacht, und +die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn wirksam +beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte +ein besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel +näher zu kommen, war es notwendig, daß sich Sturreganz +in einer Paraderolle bei Hof zeige, und hierzu wieder mußte +man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und die +Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; +kein schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren +Bürger daran gewöhnt waren, daß berechtigtes Interesse +der Justiz ihren Spruch ablistete oder schnöd durchkreuzte.</p> + +<p>Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, +bedurfte der Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte +nicht und ließ sich bei ihr melden. Sie empfing ihn gnädig. +Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er sein Anliegen vor. +Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche Wohl des +geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von +<a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>den Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, +die einem Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche +Pflichttreue für den Untertan respektabel, ja +zur Adoration zwingend. Demnach und in Anbetracht der +schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so weiter; +das Projekt wurde eröffnet.</p> + +<p>Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. +Was er von Sturreganz sagte, erregte ihre Teilnahme. +Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte ihn zu sehen. Freilich, +was für ein abscheulicher Name; was für ein häßliches +deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte +bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die +Verballhornung eines italienischen; in Wahrheit hieße der +Mann Storregammato; auch sei er im Umgang des Französischen +vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen, da +er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte +und versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig +verfahren, meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, +überrumpelt und vor <em class="antiqua">faits accomplis</em> gestellt zu werden; +und nur wenn man des guten Ausgangs sicher sein dürfe, +biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man möge +ihr diesen Storregammato bringen.</p> + +<p>Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz’ Entlassung +aus dem Polizeigewahrsam.</p> + +<p>Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im +Gasthof zum Stern. Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel +bis zur Sohle, war gekommen, um Gunst zu spenden. +Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein über +Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen +Fingern, schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in +der andern, redete in einem hohen, singenden, larmoyanten, +etwas ermüdeten, etwas verächtlichen Ton, hüstelte, zog +<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>die Lorgnette, setzte sie flüchtig an die Augen und wurde +allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an seinem +Zuhörer und Gegenüber unruhig.</p> + +<p>Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen +Steinen im Kopf statt der Augen, einer schiefen Nase und +einem Gesicht, das ebensogut das eines Siebzigjährigen +wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das schwarze +Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, +was den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit +des Menschen war es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, +penetrante und abgefeimte Höflichkeit, wie ihm +nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen nicht, +bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte +er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich +entwickelte er sein Programm, höflich nannte er sein Honorar; +nichts zu tadeln, nichts zu bemäkeln. Dennoch war sie +wie beständiger heimlicher Hohn, diese Höflichkeit; es war +etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer Kobold +hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie +durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei +an keiner Stelle und in keinem Wort nur im geringsten +angreifbar. Der Marchese empfahl sich ziemlich hastig, +nachdem die Präsentation bei Lady Craven für den andern +Mittag vereinbart war.</p> + +<p>Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli +zur Audienz eingeführt. Es dauerte diese Audienz +über Erwarten lange, denn sie nahm in ihrem Verlauf eine +eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer Umzingelung +durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen +Hetzjagd, wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller +Sturreganz war, der Marchese das mit kaltem +Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die mehr und mehr +<a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die +zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen +erledigt waren, – Lady Craven hatte vom Markgrafen +gestern noch auf delikate Art die Erlaubnis zu einer abendlichen +Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt und ihn auf +eine sublime Überraschung vorbereitet, – erschöpfte sich +Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und +fügte hinzu, einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit +für die erwiesene Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. +Er wandte sich an ihn. Er erkundigte sich, wie der Herr +Marchese die Nacht verbracht habe und ob es verstattet sei, +ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall auszudrücken, +der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe. +Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig +vorgetragene Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven +sah ihn neugierig an, aber Sturreganz hatte schon wieder +das Wort ergriffen und beglückwünschte noch im selben +Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen Wirksamkeit +im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und +mit der ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften +Höflichkeit, die dem Marchese von Sekunde zu Sekunde +mehr zur Grimasse wurde, aus der er den Kern, den +Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor Pescanelli +hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich +die exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, +deren Ruhm über Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen +Lady Craven und bat sie mit einer tiefen Verbeugung um +Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber er handle im +Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange +mit verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann +die Haltung wieder und glaubte an die Einfalt und die +höflichen Argumente des Menschen; geschmeichelt leckte er +<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>seine Lippen, zur Antwort bereit, doch Sturreganz, in verehrungsvollem +Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und nun +kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug +zu preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, +sagte Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem +entzückten Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, +und er billige es durchaus, daß die jungen Pfleglinge der +Anstalt hungern müßten, daß sie in schmierigen und geflickten +Fetzen gekleidet gingen, daß sie ununterbrochene +Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren Stuben +zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben +zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in +Gestank und Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie +zur härtesten Buße verdammte Strafgefangene gehalten +seien; ja, es leuchte ihm über alle Maßen ein, er habe auch +gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, aufs Nachdrücklichste +eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe +sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder +nicht? O gewiß; dem außerordentlichen Einblick gewiß in +das Wesen der Kunst, die das Ideal in unerreichbare Fernen +rücke, der bewundernswerten und von allen Koryphäen +und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine, +boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise +noch gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar +sie bis auf einen schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, +um in den verzweifelten und gequälten Herzen die +Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden, den begnadeten +Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt +der Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen +unterer und oberer Region gleichsam auf dem Weg einer +geistreichen Allopathie fruchtbar zu machen. Das nenne +er eine menschliche Aufgabe an der tiefsten Wurzel fassen, +<a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>und ein solches Beginnen in den Augen der blöden Welt als +vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis. +Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit +sei hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte +wagen dürfe, sei es die, ihm gnädigst nähere Daten zu geben: +erstlich, wie man mit dem pädagogischen Ergebnis im allgemeinen +zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine +Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese +zumut war, als würde er langsam geröstet, dann habe +ihm sein hoher Gönner sich zu unterrichten befohlen, wie +der Verkauf der mannbar gewordenen und leiblich wohlgediehenen +Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? +Dies erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte +Erziehungs- und Lebenseingriff; seine Durchführung lasse +auf antike Charakterkraft schließen und befinde sich in +angenehmem Gegensatz zu der heutzutage üblichen Empfindsamkeit. +Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und +ein fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude +die richtige Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, +daß Tanz und Eros verschwisterte Genien seien; +man könne den nüchternen und plumpen Deutschen gar +kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr Marchese +damit getan habe.</p> + +<p>Eine devote Reverenz beendigte die Rede.</p> + +<p>Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine +großen fleischigen Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine +Lippen kreideweiß. Lady Craven sah ihn an, sah ihn unablässig +an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz aber +sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich, +dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken +wiederholen, durch das er sich als entlassen zu betrachten +hatte. Abermalige tiefe Reverenz vor der Dame, Verbeugung +<a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>vor dem Marchese, und mit steinern höflichem Gesicht verließ +er rückwärts schreitend den Raum.</p> + +<p>»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte +Jasager; »man müßte ihn in den Kerker werfen +oder Landes verweisen.« Er lachte gezwungen.</p> + +<p>»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, +Marchese«, sagte Lady Craven mit kalter Hoheit, wandte +sich und ging. In ihrem Boudoir dann stürzte sie vor einem +Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen Tränenstrom +aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll +ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und +Harlekine noch unheimlicher sind als die Schurken, die sie +entlarven.«</p> + + +<h3>Zwist</h3> + +<p class="newchapter">Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, +als er unter dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. +Die Vapeurs des Fürsten waren gefürchtet, da sie seine Mißlaune +zu Wutausbrüchen steigerten. Sturreganz hatte also +von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis zu besiegen. +Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, +er könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch +alles in Frage gestellt war und sich unter den Hofleuten +Bestürzung und Ratlosigkeit verbreitete.</p> + +<p>Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine +heftige Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, +daß Pescanelli im Trüben gefischt und die Vorstellung zu +hintertreiben versucht hatte, denn der Markgraf sagte, es +gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen Spaßmacher +anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige +<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte +sich, daß ihr die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli +verdorben war, und sie ärgerte sich über die Sprache +ihres Geliebten. Den Marchese zu vernichten, sparte sie sich +auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie war die Frau +nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete. Wichtiger +war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand +winden ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen +Despoten unterlag.</p> + +<p>Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was +er fürchte? Etwa daß der Frost in seinen Adern taue? daß +sich in seine weltfeindlichen Gedanken ein Strahl des Lichts +mische? daß die vergebliche Grübelei über die menschlichen +Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu machen? +Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die +alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein +Balken von der Decke fallen und sie erschlagen könnte? +Dann ziehe sie es vor, ihre Koffer zu packen und gastlichere +Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem traurigen Überrest +von Jugend noch etwas anzufangen sei.</p> + +<p>Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.</p> + +<p>»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, +als noch länger in einem Palast die Leibeigene eines Henkers +aller harmlosen Freuden sein!« rief sie aus. »Lieber einem +generösen Verschwender und Avanturier zum Opfer fallen, +als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der +Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde +spart, mit seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit +dem Genius der Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, +daß er mich langweilt und mir Kopfschmerz verursacht, wenn +ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt und ihm glaubt +vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen +<a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie +die Lorbeern Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, +der mit dem philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm +im Schinznacher Bade spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. +Genug der Seelenpharmazie. Liegt Ihnen das +Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu +leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer +Mätresse, so berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und +geben Sie Lady Craven den Abschied.«</p> + +<p>Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer +finsterer.</p> + +<p>Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an +seinen Arm und sah lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« +flüsterte sie, »Nadelstiche aus bösen Träumen. +Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben Untertanen +verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen, +wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen +Sie nicht einen Schritt weiter: verkaufen Sie doch das ganze +Land, wie es steht und läuft. Das ist der Rat einer Freundin. +Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt, hat nur +noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen Mühlstein +vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen +Sie es dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein +hitziger Wettbewerb, glauben Sie mir. Der Vorteil liegt +auf der Hand. Sie tauschen ein glückseliges Alter für ein +betrübtes ein, und ich, ich würde mein jubelndstes Lied +in die Luft schmettern.«</p> + +<p>Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, +schob einige dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, +öffnete den Deckel und begann mit wenig geschulter, aber +wohllautender Stimme zu singen: <em class="antiqua">»Le Roi, dimanche, dit à +Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en, lundi!«</em></p> + +<p><a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. +Welch ein Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; +die von Gott verliehene Krone zum Gegenstand eines +Schachers machen! Wie kühn, wie verderbt, wie unsinnig. +Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden der Gewissensbürde, +ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung, +ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der +unbekannten, feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen +Menge da unten, Volk geheißen. Wie verwegen, wie +frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie verführerisch +im Grunde!</p> + +<p>Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady +wußte es. Es würde keimen, es würde Frucht tragen, der +Tag der Erlösung kam; und sie sang: <em class="antiqua">»Le Roi, dimanche, +dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«</em></p> + +<p>Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen +werde, versprach der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr +vom Dienst teilte ihm den Titel des Stückes mit. Es +hieß: Baron Gemperlein auf Reisen.</p> + + +<h3>Die Ohren des Herrn Marchese</h3> + +<p class="newchapter">Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien +der Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten +mit ihren Damen; die Gesandten und die Fremden von +Distinktion, die in der Stadt anwesend waren, und einige +auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz.</p> + +<p>Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang +der Vorstellung war für acht Uhr bestimmt. Der große +Saal war strahlend hell erleuchtet, und das auf dem Platz +<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung: Kerzenglanz, +galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton; +man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.</p> + +<p>Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem +Damast. Von solchen, die zum ersten Male da +waren, wurde das schöne Deckengemälde von Carlino bewundert, +allegorische Gestaltungen der Musik, der Architektur, +der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier Eckfeldern, +in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, +Venus und Amor auf dem Schoß.</p> + +<p>Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, +ernst, umwölkt, majestätisch, die Begrüßung der Gäste +gemessen erwidernd. Er führte Lady Craven; hinter dem +Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von Schlemmerbach, +Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als +die hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand +feierliche Stille und der Vorhang schlug auseinander.</p> + +<p>Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren +Menschen gespielt, war ein saurer Herr, gichtbrüchig, +asthmatisch, kurzsichtig, argwöhnisch, schwarzgallig, der auf +Reisen zu gehen beschließt, erstens um die ihm verhaßten +Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr sehen +zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen +Welt Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den +Hauptteil seiner Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, +Tränkchen, Latwerge, Pflaster, Klistierspritzen, medizinische +Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als Diener nimmt +er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz +spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, +alle Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, +frechen Burschen, der es allmählich so weit bringt, +daß Baron Gemperlein in heulende Verzweiflung gerät, +<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>sich seiner nicht mehr erwehren kann und ihn kniefällig und +um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu überlassen.</p> + +<p>Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses +Stück durch das Spiel von Sturreganz zu etwas höchst +Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz; <em class="antiqua">presto furioso</em> der +Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen Mißverständnissen, +unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; +das wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, +von Szene zu Szene und war voller Extempores, impertinenter +Anspielungen, voller Bewegung, Laune, Schwung, +Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit +Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; +die beredten Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, +das Verrenken der Glieder, die diabolische Geschwindigkeit +der Zunge, das geschäftige Hin- und Herrennen, das +diebische Augenblinzeln, die unverschämte Verschmitztheit, +die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all dies war +vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur.</p> + +<p>Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem +Lächeln genügen. Sodann begannen Damen zu +kichern. Als er im ersten Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten +beladen an das Bett des Herrn keucht, ihm alles +auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem +Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das +Auditorium seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten +und platzte los. Von da an war kein Halten mehr. Bei der +Szene, wo er, um Gemperleins Sinne aufzuheitern, ihm +die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt, triste +Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre +Vorzüge preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu +macht, gebärdeten sich die Wohledlen und Unnahbaren um +<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>nichts anders als das geringe Publikum in der Bretterbude. +Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an +ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau +wie beim geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte +es in den Kehlen, schütterten die Wänste, schlotterten die +Kinnladen, tränten die Augen. Genau so bäumten sie sich, +wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie, aber was sie +ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare +Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm +verschont blieb. Was man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. +Sein Mund war offen, seine Zähne blitzten, die erlauchte +Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht, zu widerstreben, die +Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger Akklamation +zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken +brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit +preis und platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, +und griff mit den Händen um sich, da ihn das Lachen +zu ersticken drohte.</p> + +<p>Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar +Schnacks zum Fenster hinaus endigte, wand sich die ganze +Gesellschaft wie ausgeblutet von ihren Krämpfen, und das +Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender Lach- und +Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob +sich schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, +klatschte matt in die Hände und stammelte: »Er soll sich +eine Gnade ausbitten; sogleich; der Mann soll sich eine Gnade +ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch vor den Mund +gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint, +auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von +Schlemmerbach einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, +man wartete einen Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang +wieder, Balthasar Schnack steckte den Kopf durch, +<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>verbeugte sich grinsend, ohne daß man den Körper sah, vor +dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten, +kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn +und ließ wieder nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen +wie ein Affe, verzog das Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften +Ausdruck und rief mitten in den Saal hinein, schlickernd, +lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn Ihrer +Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so +schenken Sie mir die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen +Ohren des Herrn Marchese, damit sich mein +Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer goldenen Schale wie +das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine irdene +genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen +Kater! Untertänigsten Dank im voraus! <em class="antiqua">Les oreilles du +marchese Pescanelli! Milles mercis!</em> Geruhsame Nacht!«</p> + +<p>Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein +Tuscheln ging durch die Reihen. Viele standen erstarrt. +Viele blickten in die Richtung, wo sich der Marchese befand. +Er lehnte bleich an einer Mauer.</p> + +<p>Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein +Hanswurstgelächter, und er verschwand.</p> + +<p>In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, +der ansbachischen Bastille, verbracht.</p> + + +<h3>Ein Gespräch als Ausklang</h3> + +<p class="newchapter">Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher +drei Tage später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim +zu fuhren, auch der Dichter und Justizrat Uz saß, den +eine Dienstreise an die württembergische Grenze führte. +<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz, des Zusammentreffens +froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der Poststation +Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der +gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam +nur langsam in Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet +wie immer, brütete zumeist finster vor sich hin, und nur +wenn er sich an das Kind wandte, das er in einem Winkel +des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit +befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte, +belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter +geschlossenen Mund verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. +Beckchen trug schöne neue Schuhe und Strümpfe und einen +Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus Perlmutter, +in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. +Unter dem Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige +Gesicht blumenhaft verträumt hervor, und die herrlich +schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen +Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt +und dem beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen +schenkte.</p> + +<p>Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, +nur zum Teil bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, +gegen den Zenit mäßigten sich die Farben vom schweren +Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün und Blau +und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten +Weihern, die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das +fränkische Land lag in ausruhendem Frieden; kaum ein +Luftzug wehte über die sanften Hügel; die Wiesen gilbten +herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den +Horizont mit einem schwarzen Band.</p> + +<p>Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach +der Justizrat ein lastend langes Schweigen, wenn man durch +<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>die begnadete Kunst des Wortes Menschen so aus allen +Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei mit nichts +sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, +ja, des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, +daß es der Geist sei, der solches bewirkte und nicht +das Schwert. Denn die tiefen und wichtigen Verwandlungen, +die moralischen Revolutionen führe nur der Geist +herbei.</p> + +<p>Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen +Blick in das treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. +Dann sagte er widerstrebend, nicht dem Mann widerstrebend, +sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts damit +auf sich.«</p> + +<p>»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie +das?« fragte Uz erstaunt.</p> + +<p>»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es +gibt auf der Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme +Schwärmer, die sich einbilden, Kunst sei etwas +wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier, und man +könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es +verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie +nehmens hin, sie klatschen Beifall und winden in günstiger +Laune dem Liebling einen Kranz; der Beelzebub bleibt +drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.«</p> + +<p>»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; +»gerade von Ihnen muß ich solche Worte hören, der sich +auf einen weithin sichtbaren Gipfel gestellt hat, wo die +tragische Muse und die heitere sich die Hände reichen. Ich +bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft +ich das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung +über das uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig +überfiel, wie ich die göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene +<a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>Freiheit, die eine unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen +Genies ist. Hier ist der Punkt, wo sich ganz Unsagbares +in der Seele ereignet. Die Tiefe wird lichter, die Höhe +mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den unbegreiflichen +Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, +alles wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond +und Sonne, unerreichbar fern eins vom andern, und doch +jedes zum andern bestimmt, jedes ans andere genietet. +Ich habe manches von den Gesetzen des Schicksals begriffen +oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das mir +verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der +einzige. Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht +verliehen ist, muß wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis +hat und was ihm die Menschheit schuldet. Wüßte er +es nicht, so wäre auch in mir selbst Gefühl und Ahnung +Lüge.«</p> + +<p>Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz’ Lippen. +»Sie äußern sich mit sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, +»und was meine Person betrifft, kann ich Ihnen nur erwidern: +es kostet zu viel. Es kostet Blut, es kostet Leben, es +kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit und die himmlische +dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das +Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist +sie mir nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt +mich aufs neue davon, daß es eher möglich wäre, +den Kaukasus auf meinen Schultern an den Rhein zu tragen +als durch das, was ich bin und tue, nur einen einzigen Schurken +von der allergeringsten seiner Schurkereien abzuhalten. +Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem +Mörder den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der +Verleumder entgiften? die Augen der Habgierigen sanft +machen? den Sinn der Blutdürstigen fromm? die Dummköpfe +<a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue einimpfen? +den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht +Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins +Elend und Verderben rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? +Was ists also? groß? Was hat es denn auf sich mit eurer +berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der Wüste +unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer +Weglosigkeit.«</p> + +<p>»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben +und verehren, wir zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte +Uz halb erschreckt, halb begütigend. Sturreganz schüttelte +unwillig den Kopf.</p> + +<p>Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz +das Gespräch durch die schüchterne Frage wieder in Gang zu +bringen, ob Sturreganz an eine Entwicklung der deutschen +Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon geschaffenen +Typen und Figuren hinaus zu einem höheren +Stil glaube, an eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder +Molière. Es scheine ihm leider so zu liegen, daß man als +Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es sei kein +gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine +Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. +Ruhelos werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde +auf- und niedergerissen, ruhelos auch zwischen Osten und +Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, alles Geschaffene +verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und der Bruder +werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.</p> + +<p>Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit +schwerer Stimme: »Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. +Sehr weit ist es, sehr, sehr weit. Deutsch sein, das ist, wie +wenn man in einem wilden wirren Traum läge. Es hat +keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser +<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, +spricht und spricht, und keiner weiß was.«</p> + +<p>Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde +zugefallen waren, und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher +Liebe, der den greisen Dichter ergriff: <em class="antiqua">»Dormi, mia +bella, dormi!«</em></p> + +<p>Da war es schon Nacht.</p> +</div> + +<div class="advertisements"> +<!-- <p><a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a></p> --> +<!-- <h1>Werke<br /> +von<br /> +Jakob Wassermann</h1> --> + +<p><a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a></p> +<h2>Werke von Jakob Wassermann</h2> + + +<h3>Die Juden von Zirndorf</h3> +<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage</p> + +<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3> +<p class="center">Roman. 23. Auflage</p> + +<h3>Der Moloch</h3> +<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage</p> + +<h3>Der niegeküßte Mund</h3> +<p class="center">Drei Novellen. 71. Auflage</p> + +<h3>Alexander in Babylon</h3> +<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage</p> + +<h3>Die Schwestern</h3> +<p class="center">Drei Novellen. 6. Auflage</p> + +<h3>Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens</h3> +<p class="center">Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage</p> + +<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3> +<p class="center">Roman. 15. Auflage</p> + +<h3>Der goldene Spiegel</h3> +<p class="center">Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage</p> + +<h3>Die ungleichen Schalen</h3> +<p class="center">Fünf einaktige Dramen</p> + +<h3>Der Mann von 40 Jahren</h3> +<p class="center">Roman. 14. Auflage</p> + +<h3>Das Gänsemännchen</h3> +<p class="center">Roman. 72. Auflage</p> + +<h3>Christian Wahnschaffe</h3> +<p class="center">Roman in zwei Bänden. 39. Auflage</p> + +<h3>Der Wendekreis, Bd. 1</h3> +<p class="center">Novellen. 19. Auflage</p> + +<h3>Mein Weg als Deutscher und Jude</h3> +<p class="center">15. Auflage</p> + + +<p class="printer">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p> +</div> + + + + +<div class="note"> +<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten +zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<p> +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit<br /> +p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon<br /> +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf<br /> +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich<br /> +p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein<br /> +p 236: nach war es -> noch war es<br /> +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten +</p> + +<p>Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern:</p> + +<p>p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)<br /> +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)<br /> +p 248: medisieren (schmähen, lästern)<br /> +p 298: vif (lebendig, lebhaft) +</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book’s two title +pages have been merged into one, and a table of contents has been added. +The table below lists all corrections applied to the original text.</p> + +<p> +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit<br /> +p 090: [unified] Telefon -> Telephon<br /> +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf<br /> +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich<br /> +p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein<br /> +p 236: nach war es -> noch war es<br /> +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten +</p> + +<p>The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words:</p> + +<p>p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)<br /> +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)<br /> +p 248: medisieren (schmähen, lästern)<br /> +p 298: vif (lebendig, lebhaft) +</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + +***** This file should be named 18552-h.htm or 18552-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18552/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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