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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wendekreis - Zweite Folge
+ Oberlins drei Stufen, Sturreganz
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+ Jakob Wassermann
+
+ Der Wendekreis
+
+ Zweite Folge
+
+ Oberlins
+ drei Stufen
+
+ und
+
+ Sturreganz
+
+
+ 1922
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Oberlins drei Stufen ...... 7
+ Die erste Stufe ......... 9
+ Die zweite Stufe ........ 51
+ Die dritte Stufe ........ 121
+Sturreganz ................ 225
+
+
+
+
+Oberlins drei Stufen
+
+
+Marta der Gefährtin gewidmet
+
+
+
+
+Die erste Stufe
+
+
+Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen
+Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie
+gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und
+ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister
+gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der
+Nation.
+
+Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter
+gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit
+dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine
+festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und
+endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde
+Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei
+Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so
+unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr
+mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das
+und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von
+Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug,
+die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung,
+die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die
+Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich
+entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln,
+Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.
+
+In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um
+das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen,
+japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem
+königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die
+eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen
+Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit
+eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und
+bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles
+wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu
+denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd
+krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er
+zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.
+
+War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd
+und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge
+Frau.
+
+Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man
+behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war.
+Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von
+wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse
+des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
+Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen
+Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu
+vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten.
+
+Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit
+der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren
+wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte;
+geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den
+ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte
+dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da.
+Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend
+gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen.
+Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits
+Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die
+Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie
+unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich
+waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein
+beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten
+Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst
+verschloß.
+
+Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der
+älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten.
+Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er
+hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete
+Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das
+erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne
+Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war
+bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte.
+
+Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war,
+erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft
+verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und
+Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben
+an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute
+einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall
+beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere
+Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen
+begann.
+
+Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der
+Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn
+er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte
+sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die
+sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen
+Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem
+modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem
+Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen
+als gefährlicher Fortschrittler galt.
+
+Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war
+seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte
+Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie
+ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen,
+lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg
+selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und
+anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß
+er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die
+Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte
+aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß,
+hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern.
+
+ * * * * *
+
+Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
+Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit
+der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte
+jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt
+war.
+
+Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die
+schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige
+haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn
+aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein,
+der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und
+Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er
+war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur
+Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.
+
+Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in
+bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der
+Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer,
+sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden
+sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke
+niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein
+unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war
+zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr,
+wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die
+Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen
+der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden
+sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der
+Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er
+glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von
+diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.
+
+Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der
+anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß
+seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem
+Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten.
+
+Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag
+zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und
+erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region
+versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser.
+Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
+nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im
+Ungewissen.
+
+Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz.
+
+ * * * * *
+
+An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden
+gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der
+Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung
+entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen
+weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend,
+seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules
+Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem
+Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn
+gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten
+Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost
+der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt
+werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller
+andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem,
+der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für
+alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende
+Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern
+Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem
+Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist,
+Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.«
+
+Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und
+ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter
+im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat
+umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
+belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug,
+einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich
+vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu
+verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder
+Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche
+Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr
+warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel
+Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die
+Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
+als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen?
+
+Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn
+bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es
+behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot
+selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich
+wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.
+
+Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die
+zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis
+mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
+mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn
+in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte,
+sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen,
+der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange.
+Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen
+hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden
+Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu
+spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen
+Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
+Gier empfängt wie edlen.
+
+ * * * * *
+
+Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von
+ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und
+wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig.
+Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
+Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher
+trug er den Kopf.
+
+Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen
+Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht
+noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten
+von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn
+er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine
+berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
+herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.
+
+Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich
+der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von
+Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne
+beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten
+drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die
+Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den
+ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
+Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung
+erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust
+des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem
+vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er
+löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener
+Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element
+entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und
+Funken Ur-Finsternis.
+
+Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten
+Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung
+verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der
+Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder
+vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
+Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
+Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte
+ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich
+wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut
+Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige
+Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch
+kühnen Versuch.
+
+Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen
+aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten,
+Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich
+verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und
+Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.
+
+ * * * * *
+
+An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im
+Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm.
+Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
+Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der
+allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste
+sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit
+über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen
+Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er
+auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab,
+erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete,
+Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte,
+wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im
+prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und
+Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein;
+dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren
+ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.
+
+Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner
+Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch
+den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht
+daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die
+Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen.
+Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden
+Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig,
+händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel,
+das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin
+stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink
+erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein
+kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
+Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«
+
+Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der
+Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten
+sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß
+er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen
+aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin
+verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die
+Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die
+Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen
+wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn
+fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und
+glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und
+sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu
+lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich
+Grinsen.
+
+»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die
+schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt
+Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann
+einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen
+begleitete.
+
+»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?«
+fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.
+
+»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.
+
+Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von
+der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um
+seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und
+das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener,
+voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort
+ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen
+Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je
+gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
+läutete, erhoben sie sich.
+
+ * * * * *
+
+Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und
+Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im
+Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf
+Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
+Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus
+Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen
+und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen
+Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.
+
+Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden
+gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner
+leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das
+ergraute Haar, das faltige Gesicht.
+
+Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt
+war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das
+schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln,
+das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie
+verdeckten ihn nicht.
+
+Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er
+selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern
+geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf
+sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.
+
+Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender
+Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die
+Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von
+fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer
+weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm
+um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.
+
+Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder
+einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so
+war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn
+gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in
+denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert
+und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern
+zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu
+dem man bewundernd emporsehen konnte.
+
+Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit
+nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu
+gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich
+selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er
+gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
+prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein
+begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte
+bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner
+Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst,
+nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete.
+Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er
+Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto
+bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu
+einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor
+dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte,
+seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit.
+
+Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm
+gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht
+enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus
+unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder
+ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht
+wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein
+Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte
+beten mögen darum.
+
+Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein
+Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer
+verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht
+leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand
+ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen,
+Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem
+Einverständnis, Seiner Billigung.
+
+War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er
+wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu
+Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und
+alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe
+seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins
+Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer
+zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab
+harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie
+sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten
+Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf.
+Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit
+ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller
+miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien;
+stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur
+Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen
+vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein
+Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die
+Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund
+entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das;
+Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen
+heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
+sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem
+Blut.
+
+Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein,
+bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der
+wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der
+Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter
+den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die
+Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.«
+
+Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten.
+Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut;
+einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm
+dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die
+Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten
+Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im
+Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine
+Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz
+tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
+Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines
+gefundenen Herzens: ein Freund.
+
+Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um
+sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als
+einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in
+dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er
+erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er
+spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm
+ein Ziel, er sah eine Aufgabe.
+
+Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das
+war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und
+Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen
+Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten
+der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges
+Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter
+dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der
+Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar
+die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung
+staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen
+alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens
+Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte
+verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben
+Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben.
+
+So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes
+als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen
+unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer
+fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt
+war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in
+den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer
+umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
+zwangen.
+
+Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne
+sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten
+ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden
+vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende
+verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden,
+Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man
+erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet
+und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer
+nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war
+er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in
+seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste
+Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich
+preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt.
+
+Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein
+Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit
+unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des
+Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte
+ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
+Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft
+das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der
+Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den
+Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks
+und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,«
+sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube
+nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen
+geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder
+Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen
+vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.«
+
+Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.
+
+ * * * * *
+
+Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen
+hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer
+zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme
+hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn
+sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit
+schenkte.
+
+Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte
+froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem!
+So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem
+gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus
+der Tiefe, glockenklar.
+
+Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung,
+Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter,
+elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die
+hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der
+Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser
+Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich.
+
+Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft,
+ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen
+Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets
+Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die
+Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder
+Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink
+hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem
+Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden
+Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine
+ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
+hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf
+einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht.
+
+Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen
+Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose
+vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte,
+es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins.
+Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei
+der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine
+Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte
+auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber
+dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht
+entschließen konnte, ihn brotlos zu machen.
+
+»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends
+Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde
+ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert
+wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir
+gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?«
+
+Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so
+geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns.
+Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht
+klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.«
+
+Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er.
+»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die
+Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm
+erwidert?«
+
+»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was
+er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?«
+
+Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich
+geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften,
+aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich
+allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er
+sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
+Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz
+verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder;
+draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen
+schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit,
+durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im
+Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine
+zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme.
+
+Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs
+Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.
+
+Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle
+angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-,
+neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten,
+hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und
+waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem
+Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
+zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn
+packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der
+Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die
+Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine
+Ausgelassenheit war ansteckend.
+
+Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten
+Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein
+langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der
+dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und
+machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das
+Gelächter darüber die Luft erschütterte.
+
+Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte
+sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren
+Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten
+war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße
+raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
+Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys,
+der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der
+Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann,
+behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
+innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen.
+Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er
+hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten
+Sekunden.
+
+Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken,
+lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun!
+Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus,
+stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in
+seinen Armen aufgefangen hätte.
+
+Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin
+keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der
+Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er
+Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche
+Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht
+leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas
+Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er
+den Jüngling auf den Mund.
+
+Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses
+Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen
+Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte
+sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit
+neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der
+Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen
+Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es
+sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen
+Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim
+Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu:
+»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem
+ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn
+ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden
+Blicken himmelan.
+
+Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die
+Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als
+sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den
+Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden
+sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
+den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von
+den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von
+Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an
+den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen
+dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte
+auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte
+sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte
+liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr
+sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens
+hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus
+der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht
+unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief
+Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er
+dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein,
+Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut
+geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten
+habe.
+
+Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen,
+sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er
+morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin
+gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und
+lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
+von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick
+Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und
+bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin
+rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat
+unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang
+sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das
+halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der
+Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn;
+solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei
+viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise
+hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß
+wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an.
+Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf
+zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen,
+das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit
+Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es
+schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm
+das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm
+nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit
+welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es
+habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er
+nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor
+einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und
+entfernte sich.
+
+»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die
+Achseln und sah verlegen aus.
+
+Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich
+nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm.
+Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen.
+Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert
+worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur
+auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in
+Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja
+mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich
+mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer
+geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich
+beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern
+nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem
+habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder
+weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für
+ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.
+
+Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu
+entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er
+mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe
+man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der
+verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er
+öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde
+verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
+Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein
+Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der
+Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie,
+zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen,
+Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den
+andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren
+Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief
+ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
+blaß.
+
+Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es
+wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen,
+als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere
+Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein
+auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
+Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm
+Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke
+auf.
+
+Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er
+maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu
+sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte
+Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben,
+was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium
+entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein
+geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen.
+
+Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer
+ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein
+galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm
+nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung
+wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers
+wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag,
+nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war
+wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
+mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn
+Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen
+Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine
+Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das
+über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
+alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte
+hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über
+Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war
+ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt;
+er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich
+und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur
+Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas
+Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte,
+ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis
+und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen
+und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die
+Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit
+verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher
+Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben
+Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das
+ewig Lebendige vom Verwesten scheide.
+
+Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in
+sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz
+und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn
+überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer
+darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er
+fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte
+Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich,
+mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben
+lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
+Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß:
+Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.
+
+»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung.
+Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die
+Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den
+Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir
+deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk
+sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis
+abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«
+
+»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus
+Überzeugung.«
+
+»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.
+
+Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte
+Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien
+mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges
+auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse
+er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die
+heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der
+wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem
+sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und
+Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.
+
+Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen
+vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines
+Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte
+ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht.
+Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er
+anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die
+Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen.
+Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine
+Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so
+müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles
+außer Rand und Band.
+
+Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf
+dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich
+eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper
+stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen
+wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht
+vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom
+Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm.
+
+Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit
+Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie
+allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich
+Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle
+verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch
+in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur
+darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.
+
+Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn
+schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch
+hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges
+Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach
+unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
+hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg.
+Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich
+bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald
+in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser,
+Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von
+Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm
+zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der
+Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.
+
+Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu
+einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im
+Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die
+Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß
+Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa
+eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber
+korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad
+gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn
+ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin
+sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein
+sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert,
+wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß
+er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie
+seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
+feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine
+umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken,
+der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann
+stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink
+lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen,
+er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah
+Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie
+einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der
+Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider
+Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen,
+da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte
+sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort.
+Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied
+singen.
+
+Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine
+schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren
+schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über
+den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen.
+Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums
+Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es
+hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren,
+in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die
+Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde
+wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so
+viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße
+auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.
+
+Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie
+erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und
+dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten
+sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe
+zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus
+Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte,
+begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und
+Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte,
+für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch
+Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde
+bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu
+Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
+begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.
+
+Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung.
+Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in
+der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort
+eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so
+erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den
+Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die
+sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der
+Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen
+Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
+heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug
+damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde,
+mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne
+selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf
+skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite
+zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres
+Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb
+schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten
+Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der
+Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne
+Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem
+Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an
+den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.
+
+Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen;
+jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter
+und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal
+solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl.
+Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte
+sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse
+Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine
+bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als
+Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr
+abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf,
+Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden
+fesselten.
+
+Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht
+zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden
+Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute
+zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und
+Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären.
+Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen
+das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und
+Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität,
+hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu
+handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei
+Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
+der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
+stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des
+Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der
+Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle
+sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu
+fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag
+brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge
+bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig
+aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen
+Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern
+gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die
+sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei
+es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein
+unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und
+Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen
+zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den
+schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung
+alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer
+Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
+nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein
+unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die
+Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt;
+erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann
+wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.
+
+Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste
+zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in
+Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in
+ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun
+hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die
+wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen
+Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den
+Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da
+wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf
+der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten
+Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem
+umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es
+war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn
+fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.
+
+Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend
+umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm
+man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas
+Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner
+gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz
+erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des
+ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf
+dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen
+Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet,
+geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt;
+der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er
+in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der
+Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf;
+die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch
+seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse
+für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian
+zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
+»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
+
+Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise
+eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die
+bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian
+nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu
+sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
+
+»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben
+habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat
+verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben.
+Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit
+genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch
+keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten
+Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen
+Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem
+die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich
+ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger
+alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die
+aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt
+über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem
+glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten,
+gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also
+der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie
+hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
+zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel,
+Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
+
+Und er fuhr fort:
+
+»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt.
+Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand.
+Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema
+getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja,
+wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen,
+eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes
+Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig
+dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen
+läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so
+unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre
+Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in
+uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so
+viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu
+einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise
+versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde
+der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das
+nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich
+erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine
+Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich
+erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer
+Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir
+steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine
+persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für
+vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten
+muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum
+deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und
+Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
+alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir
+ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen
+angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator
+halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor
+zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert
+mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr
+könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das
+andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben
+wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon
+was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern?
+Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock
+schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und
+Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen,
+das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich,
+sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
+habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf
+die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt
+habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber
+gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am
+Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes
+werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie
+wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt,
+es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da
+ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
+beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem
+Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch
+zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den
+Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich
+jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen.
+Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr
+diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,«
+rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende,
+»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich.
+Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär
+es ein Einziger.«
+
+Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam,
+indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du
+sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder
+nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich.
+Dann mußt du mich zu finden wissen.«
+
+Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm
+das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt,
+die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.
+
+
+
+
+Die zweite Stufe
+
+
+Rottmanns Brief
+
+Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
+Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen
+verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen
+Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der
+Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor
+die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
+Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch
+bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt
+Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
+Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle
+auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider
+allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern
+nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat,
+von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart
+und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze
+achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute
+Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege
+abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in
+meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich
+erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der
+Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den
+unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von
+Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes
+Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es
+einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
+Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine
+Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter
+dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um
+eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen,
+der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem
+versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In
+besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
+Domgasse 8.
+
+
+Dorine
+
+Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von
+Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter
+nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines
+natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum
+Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im
+Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von
+außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der
+der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das
+Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.
+
+Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann
+geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche
+Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat
+war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine
+Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren
+Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die
+gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen
+Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede
+sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und
+Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab
+wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel
+ein Wort zu verlieren brauchen.
+
+Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes.
+Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem
+Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine
+ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner
+Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man
+mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war
+Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten
+und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.
+
+Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft
+ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach
+vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah
+und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner
+Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in
+der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das
+schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.
+
+In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische
+Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach
+Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den
+Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen
+sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine,
+in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen
+Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.
+
+Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen,
+nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß
+sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das
+einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener
+Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles
+das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß
+einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem
+tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als
+Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ
+sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente
+Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln
+eines dauerhaften Gewebes geglichen.
+
+Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und
+Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn
+zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm
+nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden
+sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und
+Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben.
+
+Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine
+gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht
+hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war
+anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war
+ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten
+leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas
+bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete
+auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau;
+sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast
+fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei
+Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die
+vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.
+
+Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre
+Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte
+sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande
+weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten
+Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war
+Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa
+waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre
+Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein
+kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte
+botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und
+gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine
+Flora.
+
+Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie
+Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr
+ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern,
+ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den
+schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon
+machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es
+beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln,
+hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.
+
+
+Banger Traum
+
+Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl
+Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es
+ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß
+zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem
+Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer
+persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden
+Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei
+Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.
+
+Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von
+Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber
+seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.
+
+Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von
+Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem
+Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar
+vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit
+einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien
+durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur
+zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die
+Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien
+tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der
+verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen
+seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem
+Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar
+gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen
+und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das
+von den eigenen Leidenschaften diktierte.
+
+Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes,
+Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren
+Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte
+die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende,
+verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen
+Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch
+über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die
+jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen,
+Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht
+werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum
+sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen
+bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages
+entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt,
+in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur
+Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so
+geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.
+
+Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn
+die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings
+auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und
+unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
+daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen
+Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten
+solle?
+
+Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich
+selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und
+Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff
+ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie
+sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn.
+
+»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine
+Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes
+Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen
+war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt
+keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit
+ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.
+
+Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu
+retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen
+vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils
+geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im
+ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.
+
+Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer
+von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte
+bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu
+begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der
+Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame
+widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur
+Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war,
+der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? – Und wie ihm
+Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie
+genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem
+er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher,
+Beschöniger?
+
+Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der
+ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch,
+eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging;
+schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
+von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden
+sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas
+herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber
+geschwebt hatte, schlummernd.
+
+Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr
+zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau!
+Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und
+nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte,
+von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie
+schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh.
+
+
+In einem Tropfen Blut
+
+Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen.
+
+Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde
+ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das
+Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln,
+was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von
+seiner Ankunft benachrichtigt.
+
+Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider
+ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die
+eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren
+als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm
+Sicherheit.
+
+Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren
+gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim
+königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde
+meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar,
+unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,
+teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir,
+hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.
+
+Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die
+Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch
+kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm
+er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch
+eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von
+Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von
+besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er
+hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl
+jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der
+nämlichen Würde und Ferne.
+
+Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu
+überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In
+allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu
+beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt,
+jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn
+verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener.
+Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das
+Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da
+berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf
+der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein
+Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht
+gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende
+Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn?
+
+Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie
+hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen
+bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine
+neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch
+zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich
+war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren,
+sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend,
+und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der
+Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines
+Gesprächs.
+
+Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die
+Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei
+Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig
+unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie
+ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen
+und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen
+ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte
+sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der
+Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen,
+bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in
+unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge
+kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte,
+durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.
+
+Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das
+Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter
+verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war
+kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit
+gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab
+ein anderes Bild als die Vermutung.
+
+Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn
+aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen
+Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden
+Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!«
+
+Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme
+über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es?
+Erzähle.«
+
+Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom
+hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die
+Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man
+über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott
+sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der
+unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen
+und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der
+Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige
+Würde und vertraulichsten Umgang.
+
+Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder
+Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr
+galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges
+Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte
+achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom
+Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen
+das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so
+daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald
+gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich
+geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.
+
+Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer
+Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln,
+Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer,
+williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere
+Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen
+wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man
+ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht
+wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm
+verfahren.
+
+Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die
+Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht
+zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht
+vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden
+verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem
+Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans
+Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse
+sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in
+dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich
+da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich
+selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts
+mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit
+großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder
+haben, ehrlich vor allem.«
+
+Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich,
+um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe
+nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort
+sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe
+trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel
+Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es
+nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem
+musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es
+zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.
+
+Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich.
+Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines
+Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und
+schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es
+ist spät, ich bin müde.«
+
+Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie
+schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die
+Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem
+Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und
+größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und
+durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den
+Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide.
+Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das
+Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt;
+es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud,
+und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.
+
+Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu
+Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück,
+drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte.
+
+Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.
+
+Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu
+sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten
+nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie
+schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie
+ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder
+zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung
+nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der
+Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne
+vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl.
+
+
+Nymphe und Faun
+
+Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum
+Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das
+aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache
+fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül
+waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem
+Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder.
+Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er
+kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen
+schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über
+die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut
+er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach
+Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen
+und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke,
+heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden
+Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo
+Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den
+Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen,
+das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut
+eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit
+demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen
+könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin
+bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an.
+
+Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er
+wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und
+standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah
+weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus
+Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am
+Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden
+mußte.
+
+Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das
+Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom
+Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot
+nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu.
+Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume;
+schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab,
+ins Grenzenlose.
+
+Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys
+und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus
+Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden,
+noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu
+bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und
+erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe
+er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben
+Sinn.
+
+So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal
+der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor
+der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die
+gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie
+erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf
+gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen
+nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen
+die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß
+sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie
+zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein
+richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich
+zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie
+verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es
+hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte
+völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und
+Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu
+viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß
+gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.
+
+Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges
+Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und
+die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen
+Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen
+Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich
+über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden
+und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und
+was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu
+sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde
+nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich,
+in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur
+widerstrebend ab.
+
+Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem
+Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und
+mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne
+Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken
+und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und
+erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem
+hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war
+sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr
+offenbar nicht zugetraut.
+
+Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt
+sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur
+nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht.
+Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale
+um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag
+unzugänglicher wurde.
+
+Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich
+wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck
+jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie
+zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die
+Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er
+zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen
+Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab,
+alles war Zurückweichen und Flucht.
+
+Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf
+sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines
+der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte
+Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf,
+Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem
+Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das
+Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke.
+Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und
+Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins
+Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für
+sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne,
+besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender,
+nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom
+Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen;
+er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit
+sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den
+die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier.
+Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich
+mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem
+Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie
+und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr
+Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe
+schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen.
+Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah
+ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem
+Boden.
+
+Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben,
+ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem
+Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze,
+bittere Genugtuung hätte sehen können.
+
+»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche
+Ding.«
+
+
+Sommertag und -abend
+
+Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch
+Dickicht schlug.
+
+Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf
+ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben,
+Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie
+saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die
+Zeichen des Alterns.
+
+Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie
+wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es
+sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen,
+seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie
+machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten,
+Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen
+nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen,
+Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter
+irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle
+arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und
+kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen
+aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt
+sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines
+Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von
+feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens,
+vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick
+und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe
+ihn sich errungen.
+
+In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn
+gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen,
+Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert,
+schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß,
+der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge
+leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend.
+Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen,
+der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel
+empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und
+Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit
+binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke
+Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines
+lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe
+ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe
+das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und
+nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung,
+sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was
+sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis
+sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur
+so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele
+zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter
+Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die
+Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die
+Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen,
+oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem
+Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße
+und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es
+vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den
+anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu
+often Malen irre.
+
+Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein
+unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage,
+Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging
+auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal
+wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und
+erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen,
+daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen
+Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der
+Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten
+Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben,
+ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die
+Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die
+Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee
+bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen
+Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht
+schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht
+besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich,
+so doch dafür sehr egoistisch.
+
+Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein
+Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und
+erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln,
+Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war
+ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie
+gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit
+scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über
+den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel
+glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da
+sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß.
+
+Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten,
+durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem
+Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am
+Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer
+Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder
+folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger
+Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich
+und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein
+leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim
+Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge
+Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein
+hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den
+Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz.
+Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit
+schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen
+Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden
+war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung
+genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war
+ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer
+erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren
+Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den
+Kopf getötet.
+
+Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete,
+dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte
+Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende
+Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes
+hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages.
+Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das
+ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet
+hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er
+auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch
+überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der
+breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote
+Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist
+es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus
+Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich
+durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.
+
+Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die
+Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende
+Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich
+so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar
+wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug,
+zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in
+einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten
+Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich
+der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der
+Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu
+machen.
+
+Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß
+ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte
+sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen
+kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und
+als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch
+verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich
+zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie
+sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und
+wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.
+
+Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer,
+Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem
+Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie
+war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte,
+über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß
+sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und
+ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische
+Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder
+spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete
+sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.
+
+Sie las: Lieber einziger Freund.
+
+Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann
+langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der
+äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl,
+stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten,
+wurde bleich und bleicher, las und las:
+
+
+An Lucian
+
+Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich
+und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer
+recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und
+erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich
+diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde.
+Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
+nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit
+dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern
+Menschen als Empfänger und Leser denken.
+
+Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei
+verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine
+soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine
+Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und
+bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je
+höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er
+es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.
+
+Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig.
+Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich
+erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich
+gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
+gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen,
+was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu
+halten.
+
+Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber
+macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein
+Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist
+das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber
+nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung
+etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst
+oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres
+wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber
+schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein
+noch aus weiß.
+
+Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis
+zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß
+du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat
+mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem
+Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
+der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von
+Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die
+Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte
+für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates
+doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem
+Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
+Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine
+Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird.
+
+Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir
+gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den
+beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem
+bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen,
+denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine
+Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das
+dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich
+Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So
+weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.
+
+Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen,
+flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort
+nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie
+mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das
+Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie
+glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt
+das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten
+Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
+Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die
+Träume.
+
+Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die
+natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie
+gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht
+geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig
+wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft
+werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine
+besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die
+Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der
+Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten
+liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu
+nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen?
+frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch
+den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar
+Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche
+Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann
+dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt.
+Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst,
+Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und
+Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie
+erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je
+unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die
+Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.
+
+Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in
+der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf
+dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese
+Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich
+haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift,
+das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und
+in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist,
+da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine
+heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein
+fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir
+eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt
+und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich
+packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei
+Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem
+glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare
+einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin
+selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu
+brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das
+dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.
+
+Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd,
+Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich
+mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom
+Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände
+hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian,
+die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung,
+leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so
+in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich
+dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das
+Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es
+einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der
+Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick
+dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches
+in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das
+ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele
+und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als
+ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen,
+der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
+sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer
+Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte?
+
+Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau
+kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene
+Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das
+macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut
+vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte,
+keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der
+Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des
+Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch
+das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in
+meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht
+verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt
+erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
+geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig,
+als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von
+mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt
+schwer, wie du begreifen wirst ...
+
+An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
+
+Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand
+wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu
+beschwichtigen waren.
+
+
+Der Haß
+
+Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem
+Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm
+zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag
+besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«
+
+Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von
+seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit
+einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie
+leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er
+mit seinen Eltern da?«
+
+»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine
+Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.«
+
+»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.«
+
+»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er
+erwartet nämlich seine Braut.«
+
+»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit
+dir?«
+
+»Nein; zwanzig denk ich.«
+
+»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge
+Dame, und wer ist sie?«
+
+»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal
+gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.«
+
+»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß
+Dorine das Gespräch.
+
+Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie
+abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen
+Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem
+Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
+erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse
+Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.
+
+Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er
+verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken
+zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas
+lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
+Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst
+mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das
+blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu
+glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die
+sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet
+Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt
+schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.
+
+»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren,
+»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie
+sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.«
+
+»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich
+trocken.
+
+Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da
+kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im
+Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette
+im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz.
+Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du
+gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen
+wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.«
+
+»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten.
+
+»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das
+werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein
+reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.«
+
+Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein
+bei dir?«
+
+»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz
+unsere private Angelegenheit.«
+
+»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es
+dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen
+Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.«
+
+»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will
+ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen
+werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht
+vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen
+Tatbestand auseinandersetzen?«
+
+»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr
+zugetragen. Wir sind Provinzleute.«
+
+»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson.
+#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite.
+Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement
+gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen
+Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die
+Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du,
+Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern
+Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern,
+und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir
+müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir
+aus der Faulheit helfen.«
+
+Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
+Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem
+Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die
+Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem
+Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu
+seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und
+abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel
+Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den
+andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.
+
+Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie
+Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten
+miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider
+Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte
+Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte,
+sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig
+aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine
+verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag
+verdächtiges Zwielicht.
+
+Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich
+selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit
+dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte
+Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen
+mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine
+entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn
+er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen
+vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft
+Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von
+unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein
+Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
+sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich
+über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit
+nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht,
+um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
+wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete
+Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich
+warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink
+kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«
+
+Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser
+wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf
+und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde
+mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten
+vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre
+bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst,
+beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei.
+»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand,
+»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er
+sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief
+er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«,
+murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.
+
+Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte
+ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte
+mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf
+setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als
+sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.
+
+Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen
+kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit
+fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an
+ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
+Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber
+wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring
+mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch
+sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
+wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug.
+Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott
+beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in
+keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
+Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon
+nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch
+das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten.
+Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so
+sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht
+nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein
+schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die
+Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und
+dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und
+zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des
+Unbehagens erweckte.
+
+Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt
+hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal
+zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie
+ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham
+war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so
+entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne
+Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne
+Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde
+schweigsamer und schweigsamer.
+
+Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu
+weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe,
+ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen
+Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten
+Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener
+wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen
+trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich
+Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich,
+daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser
+antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief
+wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die
+Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte
+errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
+verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das
+junge Mädchen.
+
+Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen
+Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr
+Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den
+Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte
+ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem
+Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine
+Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von
+Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der
+Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die
+ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge
+Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb
+um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt,
+die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und
+unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren
+ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt
+schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein
+heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert
+hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der
+Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten.
+
+Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu
+beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden,
+überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink
+oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für
+ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich
+nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem
+Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er
+war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig
+uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären?
+Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der
+Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der
+Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie
+seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem
+menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und
+Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war
+nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte
+verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer
+Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so
+war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man
+sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich
+des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein
+Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.
+
+Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm
+täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit
+beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war
+unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein
+und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die
+Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die
+Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel
+verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät
+in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder;
+sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den
+Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller
+Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der
+beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz.
+Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
+selbst.
+
+Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle
+erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als
+es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa,
+verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink,
+wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
+Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt
+dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte
+ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit
+einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein
+unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder
+albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.
+
+Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und
+mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die
+Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian
+damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
+ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte
+und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas
+ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.
+
+Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich
+und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er
+mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem
+Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts
+dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu
+umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen,
+wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs
+Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu
+bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses
+Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
+unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein
+Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen
+mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten.
+
+So war es mit Fink bestellt.
+
+Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals
+und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde.
+Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam
+gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
+waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte
+er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie
+taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie
+war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten
+Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die
+Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das
+Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum
+Gartentor.
+
+»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem
+Achselzucken und folgte ihr.
+
+In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch
+die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene
+mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert:
+wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich
+gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
+seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste
+getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden
+schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und
+Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag.
+
+Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende
+Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm
+graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das
+Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand
+rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
+Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor
+der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das
+fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.
+
+Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum
+schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.
+
+
+Die Lüge
+
+Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen
+Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich
+Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes
+Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder
+hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der
+Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der
+Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und
+Verlust nie schwieg.
+
+»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
+geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und
+folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.«
+
+Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine
+Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt.
+Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der
+Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den
+Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und
+gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre
+Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine
+Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel
+aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der
+Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man
+achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze
+des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu
+wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch
+unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.
+
+Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer
+Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme
+entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu
+untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung
+zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück:
+die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern
+und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins
+Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man
+gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach
+Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für
+allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit
+einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor
+und verlangte Führung und Trost.
+
+Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis
+hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf
+mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns,
+und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen,
+in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem
+Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und
+meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.
+
+Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz.
+Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und
+Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch
+dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische
+Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied
+es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den
+kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er
+Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er
+schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig
+Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas
+Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.
+
+Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit
+Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb
+es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum
+Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem
+unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich
+rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken
+Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er
+sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den
+aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem,
+den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann.
+
+Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn
+nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute,
+sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf.
+Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«
+
+Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche
+nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn,
+Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie
+ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem
+Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine
+beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher
+Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das
+Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium
+und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.
+
+Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den
+großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen
+Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem
+Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die
+Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn
+eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und
+die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend
+mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja
+bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es
+denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es
+aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der
+verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er
+könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,
+Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm,
+vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie
+solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so
+ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig
+hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten.
+»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein
+Gewitter hängt am Himmel.«
+
+Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an
+der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit.
+Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.
+
+Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem
+Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete
+sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind
+zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die
+Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die
+Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten
+sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte
+die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre
+Schulter.
+
+Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben
+hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende
+Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es
+war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.
+Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte,
+ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner
+der Dinge, einen liebenden Rater.
+
+Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil
+ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest
+gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes
+Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher
+Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so
+dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige
+Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber
+Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte.
+
+In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster
+schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden
+befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu
+bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und
+im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor,
+wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben
+ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie
+ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in
+denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen.
+Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche,
+schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte,
+eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen.
+Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer
+Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem
+zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt
+Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den
+Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur
+für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in
+munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während
+sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte,
+erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.
+
+Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den
+Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze
+Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und
+Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste
+Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die
+allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette
+hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot,
+der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der
+Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche
+Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die
+fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen,
+das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine.
+
+Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war
+seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um,
+sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.
+
+Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte,
+fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen
+Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.
+
+In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein
+Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich
+langsam krochen die Stunden.
+
+Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte
+Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust
+verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.
+
+Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von
+anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt,
+der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund
+vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig
+hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir
+Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre
+das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der
+Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem
+Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit
+einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist
+Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich
+mit einem Sohn, der lügt!
+
+Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach
+einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah
+den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein
+Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit
+schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte,
+schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.
+
+Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten
+auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er
+trat ein. Er verharrte neben der Tür.
+
+»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen.
+
+Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und
+blickte vor sich hin.
+
+»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß
+keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.«
+
+Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig,
+als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.«
+
+»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«
+
+Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann
+hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn
+der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der
+jetzt vor mir steht, das bist du nicht.«
+
+Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.«
+
+Sie zuckte geringschätzig die Achseln.
+
+Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus
+der Person etwas mache?«
+
+»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit.
+
+Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie
+zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus
+der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch
+nicht glauben?«
+
+Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher
+Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von
+der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines
+Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja
+noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie
+maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber
+bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft
+finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.«
+
+Damit verließ sie das Zimmer.
+
+Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich
+in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang.
+
+
+Pygmalion
+
+Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser
+geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon
+auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks
+willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber
+alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die
+peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
+friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt.
+
+Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da
+und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht
+die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt
+beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
+das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es
+dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle
+nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie
+wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der
+Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen.
+»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin
+und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer
+warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin.
+Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja
+nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu
+anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie
+sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer
+annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide
+Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
+verhehlter Pfiffigkeit an.
+
+»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich
+ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in
+seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm
+etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit
+abgesehen.
+
+Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf
+einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über
+deine Idee mit dem Pfauenhof.«
+
+Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und
+wie geistlos du bist?«
+
+Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine
+häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich
+eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du
+dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer
+Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir:
+was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei
+Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß
+wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein
+Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur
+damit man sich danach richten kann.«
+
+»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei
+beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß
+jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein
+Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil
+ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue
+und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und
+zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und
+darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
+selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären,
+aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß
+ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der
+Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich
+tun soll.«
+
+Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in
+Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt
+und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig.
+Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte
+dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen
+freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab.
+Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind
+allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem
+wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
+Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem
+lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie
+die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.«
+
+»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da
+bist du auf dem Holzweg.«
+
+»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich
+verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut
+geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die
+Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den
+Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus,
+Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng
+dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.«
+
+Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig
+Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch
+den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas
+sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern
+bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das
+Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte
+unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?«
+
+»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink
+verdrossen.
+
+Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und
+Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin,
+keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten
+schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst
+du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?«
+
+Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht
+ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen
+Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes
+bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider
+legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich
+zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in
+Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in
+dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie
+den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper
+nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor.
+
+Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer
+zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse.
+
+»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür.
+
+»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach.
+
+Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die
+Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der
+greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten
+vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder
+umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich
+stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel
+eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen
+umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die
+Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt.
+
+Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil.
+»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie
+viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter
+anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins
+Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse
+Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene
+Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und
+gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder
+besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich
+dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der
+Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden
+soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die
+Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig
+ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber
+die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen
+kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in
+deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da
+hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht
+ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und
+es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an
+Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...«
+
+Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es
+später zu verstehen suchen.
+
+Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er
+feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn
+man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man
+dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in
+Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche
+Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies
+ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit?
+Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht,
+sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?
+
+So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete
+nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim
+Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund
+kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
+Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine
+Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war
+ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie
+in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
+banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein
+rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins
+Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.
+
+Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am
+Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu
+sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat,
+lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf
+hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig
+gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,«
+flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in
+drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner
+Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«
+
+Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut
+hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die
+»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und
+bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären
+unbequeme Fesseln von ihr genommen.
+
+Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte
+sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder
+gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend.
+
+»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt.
+
+Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.
+
+»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu
+einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein
+niedriges Bänkchen am Fenster.
+
+»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor
+Schwüle.«
+
+Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.«
+
+Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze
+Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein
+Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen
+schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich,
+und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
+Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie
+umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des
+Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen
+Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?«
+Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und
+lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie.
+
+Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf
+sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender
+Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge
+ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein
+war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen,
+fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt
+erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden,
+gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit.
+
+Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen
+zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das
+leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.
+
+Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf
+an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?
+
+Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten
+Stimme: »Ich werde kommen.«
+
+»Sicher?« jubelte sie leise.
+
+»Sicher.«
+
+Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor,
+Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug
+stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die
+beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
+etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von
+den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig
+ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der
+Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn
+ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten
+die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend
+unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht
+recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit
+einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich
+ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.
+
+Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie
+legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her.
+Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
+Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof
+gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien
+ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte
+Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat
+sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das
+sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein
+Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des
+Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte
+Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
+Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und
+es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten
+wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan
+handelte.
+
+Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans
+Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und
+begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen;
+nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem
+Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.«
+
+Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom
+Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die
+Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr;
+es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend
+hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun
+war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt.
+
+Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem
+sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach
+auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.«
+
+Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das
+nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall
+nicht gehorchen kann.«
+
+Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob
+sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas
+Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«,
+wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer,
+bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.«
+
+»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein
+Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave
+nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür.
+
+Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur
+Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen
+Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave
+oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht.
+Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!«
+
+Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,«
+röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es
+geschieht etwas ...«
+
+»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das
+Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah.
+
+Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne
+Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten
+sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme,
+umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit
+entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach
+zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur
+draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege
+hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang
+hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.
+
+Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger
+Kirche.
+
+Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen
+verebben.
+
+Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang
+widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den
+schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner
+Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie
+jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen
+Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz
+in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das
+nicht, daß sie jetzt nicht kommt!
+
+Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die
+Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein
+Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge
+durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam
+nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich
+in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben
+Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl
+von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war
+schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld.
+
+Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr.
+Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter
+vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen
+und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik,
+der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln.
+Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es.
+
+Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug
+und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine
+Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen
+schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die
+Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung
+vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen.
+
+Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch
+Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück
+Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man
+mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war,
+sich mit ihm abzufinden.
+
+Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer
+lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine
+Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner
+Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich
+er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig,
+ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte,
+ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer,
+das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß
+leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und
+begann unaufhaltsam still zu weinen.
+
+Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und
+dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen
+Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle
+die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als
+er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine
+Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt.
+Sonst war nichts zu unterscheiden.
+
+Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die
+Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit
+seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte;
+er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren.
+Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen.
+Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den
+Kopf in ihren Schoß.
+
+Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem
+Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine
+beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der
+dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich,
+über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich
+wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein,
+so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht
+über ihn strömte.
+
+Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es
+herausmeißeln aus dem Traum?
+
+
+
+
+Die dritte Stufe
+
+
+Begegnung am Ufer
+
+Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September,
+Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit
+seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.
+
+Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu
+lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden;
+plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel
+stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
+Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen
+hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr,
+die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern
+im nüchtern-alltäglichen Ablauf.
+
+Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans
+Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter
+bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich
+alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
+daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie,
+rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er,
+uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene
+Verantwortung führen.
+
+Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte
+ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem
+Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig
+gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren,
+wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für
+förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit
+gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie
+erzogen und errungen war.
+
+Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu
+vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle
+und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am
+Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum
+unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde
+nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel
+war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug
+ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins
+Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
+von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt,
+erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein
+Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern
+oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit
+Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
+Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und
+nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend,
+sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung.
+
+Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche
+Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit.
+War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von
+ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein
+scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr
+galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß
+sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung
+und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer
+etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die
+empfindsamste und wachsamste, die es gibt.
+
+So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten
+Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen
+konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs
+Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten
+herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt
+richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und
+Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien,
+Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian
+verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein
+Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt
+Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im
+einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge
+witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und
+Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende
+Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.
+
+Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung,
+wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das
+Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin
+nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der
+Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem
+Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte
+dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im
+Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster,
+denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll
+unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus
+Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden
+Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in
+einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in
+ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat
+den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig,
+»beim ersten Hahnenschrei schon.«
+
+Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit
+Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte,
+erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die
+mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des
+Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war
+eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes
+Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes
+hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden
+auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die
+Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last.
+
+An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog,
+gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen
+schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der
+Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum
+erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges
+Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys
+erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der
+Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender
+Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen
+schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede
+ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor,
+der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung
+predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte,
+daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das
+Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander
+abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen
+Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich
+zerfalle und erstarre.
+
+Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und
+Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht
+regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von
+hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
+zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es
+ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin,
+der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In
+all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
+einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
+andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.
+
+Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt
+vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.«
+
+»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt,
+was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er
+mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur
+und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für
+mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.«
+
+»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer
+ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich
+frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr
+nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank
+schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was
+wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an
+den Tag kommen. Denkt an mich.«
+
+»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor
+nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?«
+
+»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich
+damit sage.«
+
+Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun
+schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen
+entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren
+es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
+ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn
+oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus
+einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem
+Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von
+dem ein violettes Band auf die Schulter hing.
+
+Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von
+so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und
+Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt
+stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins
+Gesicht starrten.
+
+Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft
+ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn
+das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein
+einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte
+stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn
+dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im
+nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die
+Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern.
+
+In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten
+sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber
+Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In
+den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor
+und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke,
+Wunsch und Finsternis des Herzens.
+
+Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer
+Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen
+wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige
+Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend
+der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine
+hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune
+Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend
+und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für
+das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm
+alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich
+trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die
+Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein
+für allemal Geprägte des Menschenwesens.
+
+Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter
+gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie
+ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter
+sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er
+ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich
+entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die
+Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und
+Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander.
+
+Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz,
+grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum
+Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand
+und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom
+Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig
+überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer
+Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort;
+»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon
+erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
+Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die
+alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so
+schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,#
+genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe
+sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu
+können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und
+Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber
+keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch
+geworden ist.«
+
+Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die
+Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten.
+
+
+Tragischer Abend
+
+Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß,
+von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel
+hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte
+Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
+Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der
+Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs
+Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf
+mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte
+sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine
+wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend.
+
+Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub,
+eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer
+Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab,
+schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
+verstehen, daß sie ihm schmeckten.
+
+»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig
+zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß.
+Aber es ist überflüssig, davon zu reden.«
+
+Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene
+des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche
+für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich
+heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir
+ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so
+erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem
+Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich
+nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen
+könne.«
+
+Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte
+betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie
+ausdrückten, was er empfand.
+
+»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter.
+
+»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu.
+
+»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man
+sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt
+oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird,
+dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist
+euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es
+die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen,
+etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein
+anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?«
+
+Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder
+sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen
+Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns
+selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die
+Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen
+untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff
+betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer
+als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und
+durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß
+Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus
+einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten
+umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie
+nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
+undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen.
+Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch
+nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich
+Medium, nämlich Geist unter Geistern.«
+
+»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir
+müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge
+und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen
+Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu
+früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder
+das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich
+der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum
+Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft
+und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens
+jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er
+den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten,
+das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus.
+Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen
+gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran
+erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln
+und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.«
+
+»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden.
+Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden
+Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn
+auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit
+aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit
+glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da
+erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war
+ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.
+
+Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war
+nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den
+Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben.
+Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es
+ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht
+war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand,
+unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust
+stand schon vor ihr und verbellte sie.
+
+Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen
+bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige
+Frage Georg Mathys’ riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete
+Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die
+ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man
+im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern
+waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen
+Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden
+hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand;
+mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver,
+der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in
+der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins
+Moos.
+
+Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm
+lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender
+Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den
+Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die
+rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen,
+hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich
+hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den
+Abhang hinunterstürmenden Schritte.
+
+Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die
+regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen,
+eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte
+aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der
+Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft
+alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten
+unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest
+außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen
+befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte
+die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der
+Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn,
+wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er.
+Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese
+ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib
+war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war
+Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit
+abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden,
+konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß.
+
+Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der
+Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher
+Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht,
+dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies:
+sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte
+gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen,
+sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich
+gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den
+ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt;
+Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen.
+
+Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden
+solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht
+gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff
+von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht
+und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der
+Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu
+besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich
+darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort,
+die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel
+verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die
+überlebe es nicht.
+
+Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung,
+sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis
+zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich
+erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie
+sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die
+Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter
+oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen
+solle?
+
+Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die
+verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie,
+es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb
+sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren.
+
+Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den
+Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der
+Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf,
+gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter
+telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der
+Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider
+überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei
+Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die
+Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um.
+
+Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen,
+sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr
+düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in
+ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie
+groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester
+gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es
+seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich
+wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit
+wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt
+zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er
+ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont,
+müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans
+Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener
+Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut.
+
+Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher
+Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den
+des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.«
+Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim.
+
+Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause
+gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so
+gewöhnlich.«
+
+»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das:
+gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost.
+Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind
+festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist
+gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?«
+
+»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück.
+
+Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des
+Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt
+mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie
+dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert
+fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige
+Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie
+bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die
+Verzweiflung ...«
+
+»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man
+auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die
+oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich
+ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann
+warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine
+Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.«
+Nichts weiter, aber es war viel.
+
+Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere
+ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys
+sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte
+sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu
+dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die
+ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich
+aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das
+Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die
+Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden
+Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der
+Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch
+verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht.
+
+
+Das Unbedingte
+
+Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich den Eindruck
+zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gespräche, Gesichter, Gebärden,
+es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse
+rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel.
+Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht schlaff; es
+war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er
+bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mächtigen,
+unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schöpfte Atem.
+
+Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in
+das Musikzimmer neben dem Vestibül. Leute gingen fortwährend ein und
+aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen
+sie ehrerbietig zur Seite und einige grüßten stumm.
+
+Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel
+zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete den fremden Gästen sein Haus,
+und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen.
+Der nahm es dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand seiner
+Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Gärtner
+hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war
+aus der Bewußtlosigkeit noch nicht erwacht. Später weinte sie
+ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemüht.
+
+Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm
+angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es
+befreite von dem Gefühl, sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß
+die Leiche nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden
+sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten zu erledigen,
+durfte man nicht säumen. Die sommerliche Temperatur ließ das Verbleiben
+der Leiche im Haus länger als über die Nacht untunlich erscheinen. Es
+mußte der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem
+Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt wegen des
+Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys und Justus Richter erklärten sich
+mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins,
+Regierungsrat Westerland, tätig unterstützt; er war an der
+Unglücksstätte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil.
+Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab
+so verkehrte Antworten, daß man schließlich auf seine Mitwirkung
+verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr
+mit den jungen Leuten weg.
+
+Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen von Schatten.
+Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn
+um den Weg nach der Küche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie
+eine fehlende Ledertasche; das Gepäck war vom Adlergasthof geholt
+worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit
+flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt.
+
+Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes erleuchtet waren,
+dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knöchern-harte Stimme
+des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand
+Rechenschaft verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen
+Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein
+Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte
+sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er
+verstand nur diese Worte: »Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen
+zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer
+Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und
+nichts verhüten zu können.«
+
+Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen,
+die er gestern noch nicht gewußt, die heute unter seinem Dache wohnten,
+ihm verbunden durch eine Tote.
+
+Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. Eine Weile
+unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn
+gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren müde,
+warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es
+verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Händen umgriff er
+das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen
+Welt; Leiden durchdrang ihn.
+
+Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war
+versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, aber an der Seitenfront war ein
+Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er
+befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit
+pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den
+Raum, in dem die Leiche lag.
+
+In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau
+des Gärtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in
+einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte
+seltsamerweise der Neufundländer.
+
+Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt
+herab, über die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war.
+Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sproßte. Die
+Schußwunde war vom Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins
+Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das
+Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mündete.
+Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hieß an der Grenze sein und
+Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog,
+war jenseits von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die Hände zu
+falten und zu beten.
+
+Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drückte neben
+Altgeläufigem und Verständlichem ein Mysterium aus, an das noch kein
+Gedanke von ihm gerührt hatte.
+
+Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er,
+und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne
+Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn
+schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu einem
+Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die
+gekreuzten Hände an die Brust.
+
+Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den
+Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir.
+Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus
+dem abermaligen Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter
+ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die Tür wieder
+zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundländer wehrend, der
+mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: »Was hat das Tier?
+Ich begreife nicht, was es von mir will.«
+
+»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; »still, Rust,
+Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht.
+
+Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und
+schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weiße Kleid vom Tag,
+darüber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke,
+mehr als mittelgroße Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas
+zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten
+machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen
+namentlich.
+
+Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum sehen Sie mich so
+an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie,
+das spürt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus
+begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?«
+
+In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, mit dem Rücken
+gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. »Nichts,« erwiderte er
+scheu und fast erschrocken, »es bedeutet nichts Besonderes.«
+
+»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!«
+
+»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr
+geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig
+gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; für mich ist
+es viel. Um halb sechs Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist.
+Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber
+seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was Leben ist. Und seit
+fünf Stunden weiß ich, was Tod ist.«
+
+Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen
+Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlächeln.
+
+Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte
+lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster
+Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie mit einem Ausdruck düsterer
+Betroffenheit: »So also. Das also.«
+
+Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände über den Knien
+und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses
+Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lösen.
+
+Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er
+glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere,
+und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er hätte nicht zu sagen
+vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es
+schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden
+mußte, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen,
+unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es
+wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war
+beseelt und wieder leer; voll Maß und Stille, dann wieder quälend
+bewegt.
+
+Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz
+gehalten, sondern über dem Nacken in einen reichen Knoten gefaßt, über
+Schläfen und Ohren in natürlichen Wellen fließend. Das Seltenste,
+graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick
+war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang
+geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer
+harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen
+Charakter, so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe
+schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und
+Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich
+sammelte; auch enthüllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen
+Empfindungen und Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war
+oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich spürte es;
+es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr.
+
+Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und
+durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen
+nicht zu herrschen pflegt: »Warum hat sie es getan?«
+
+Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte,
+wiederholte er im nämlichen fallenden Rhythmus: »Warum hat sie es
+getan?«
+
+»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie mich nicht.«
+
+»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich leise.
+»Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen es wissen. Sie müssen es
+sagen.«
+
+Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden läßt,« stieß sie
+verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls flüsternd, als dürften die
+Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, »niemand hat das Recht,
+mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es
+dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis
+wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, bloß
+weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?«
+
+»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. »Wozu Hohn und
+Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht würdig,
+so muß ichs zu begreifen suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie
+mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens die
+Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloßer Zufall,
+daß ich vor Ihnen stehe und daß Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen
+Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir,
+einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen Sie mir also
+das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben
+kann.«
+
+Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung in ihrem
+Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte sie, »wie furchtbar ...« Und wie
+zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an.
+
+»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte er kaum
+vernehmlich.
+
+Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... dieses
+Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür ... auch sie hatte
+es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn
+ich natürlich; wir haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ...
+Sie müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen miteinander
+sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen
+jetzt ...«
+
+Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile
+loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, dort hielt sie inne und horchte.
+Auch Dietrich hörte ein Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über
+Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still.
+
+Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine
+Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie stärker verband als
+die gewechselten Worte.
+
+
+Warnende Stimme
+
+Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt.
+Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten
+sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte.
+Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem
+Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war
+bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit
+verschwunden.
+
+Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald
+hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er
+sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe
+hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen
+zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf,
+blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt,
+und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt
+getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann
+aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht
+empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut
+über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens
+gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche
+Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer
+hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß
+ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und
+knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen
+gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen
+verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken
+oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer
+Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen.
+
+Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er
+dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals
+die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das
+Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem
+Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem
+Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in
+der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es
+habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen
+Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen
+Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.
+
+Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so
+wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf
+den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte
+ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn
+ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes
+Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah
+hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und
+bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen.
+
+Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen.
+Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die
+nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in
+der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als
+Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt.
+Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das
+Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre
+zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen
+wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen
+kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte
+ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung
+erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine
+Sekunde lang auf seine Schulter.
+
+Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von
+seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie
+habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da
+zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu
+zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn
+man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert,
+daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß
+er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen.
+
+»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf
+beschwörend.
+
+Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus
+behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen,
+wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.«
+
+»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf.
+
+Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns
+nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen,
+fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So
+sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie
+verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren
+es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein
+Freund ist.
+
+Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich
+möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich
+möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt
+und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig
+sein und sich demütigen.
+
+So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den
+Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und
+Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte,
+angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn
+die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu
+verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte
+sie den Überlieferungen ihrer Kaste.
+
+Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich
+vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.
+
+Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu
+Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene
+Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung.
+Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde
+Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig
+geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt,
+und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen.
+
+Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte
+ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg
+erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord
+Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort
+berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie
+dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so
+daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche
+Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall.
+
+Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt
+nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag
+habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt,
+deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den
+Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem
+Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur.
+Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre
+Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff;
+Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter
+Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu
+ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu
+Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor
+Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich
+Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte,
+andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer
+häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen,
+und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren
+lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in
+seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als
+Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu
+ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie
+die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben
+müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen
+schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte.
+
+Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht
+wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes
+Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen;
+jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an;
+wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben.
+
+Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er
+wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester
+verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien,
+während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen
+worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten
+die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie
+einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede
+stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege.
+
+Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube
+es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei
+glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das
+Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und
+Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht,
+keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine
+Schlechtigkeit.
+
+»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den
+Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder
+weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns
+darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der
+bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du
+eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz
+abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem
+Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen
+unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei
+zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst
+es schon erfahren.«
+
+»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht
+mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du
+in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich
+glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders.
+Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem
+Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch,
+denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr
+dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift?
+Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich
+nicht.«
+
+Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys
+bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche
+Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus
+Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt
+fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte,
+daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das
+er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten
+lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und
+sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf
+beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche
+er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm
+sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das
+Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück,
+und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit
+verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die
+ihm häßlich vorkamen wie Fratzen.
+
+Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen
+der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die
+Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne
+zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit
+abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste,
+der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er
+nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof
+seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort
+die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel
+sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé
+stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht
+ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte
+er lachend.
+
+Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten
+nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber
+ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden
+haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu
+binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt
+verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich
+spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich;
+ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß
+ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt
+deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine
+tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen.
+Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu
+bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich
+da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es
+ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und
+außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf
+deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich
+da.«
+
+Dietrich nickte, bewegt und verwundert.
+
+
+Was vermag denn ein Mensch?
+
+Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von
+einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er
+vernahm es hochaufhorchend.
+
+Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder
+andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe
+sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es
+beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie
+sich, ihm etwas daraus zu zeigen.
+
+Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was
+Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen.
+
+Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es
+handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu
+sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in
+den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr
+ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit,
+selbst die grausamste, beruhige.
+
+Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem
+unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner
+spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so
+überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er
+fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne
+Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu
+verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie
+auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein
+Recht zu haben.
+
+»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie
+hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr
+sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein
+aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen,
+dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei.
+
+Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick
+auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß
+das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten
+Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und
+Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie
+Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine
+ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern,
+wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade
+aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die
+Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe.
+
+So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich
+Dietrich naiv.
+
+»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem
+alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und
+Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine
+von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut,
+die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder
+wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr
+Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig,
+hilflos ...«
+
+Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des
+Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun
+wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand
+zu bieten.
+
+Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am
+Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte
+sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause
+gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und
+gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch
+nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs
+überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm
+Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu
+Cäcilie gedrungen sei.
+
+Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein.
+»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der
+Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in
+Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an
+Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten,
+vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher
+Befugnis?
+
+»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er.
+
+»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.«
+
+»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?«
+
+»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es
+besagen?«
+
+»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ...
+haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!«
+
+Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht
+anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es
+auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie
+sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert
+es für Sie?«
+
+Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen.
+Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen.
+Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.«
+
+Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes
+Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge
+Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen.
+Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend
+bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben
+gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.
+
+Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von
+Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu
+erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt
+sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von
+seinem Betragen denken solle?
+
+Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den
+Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen
+Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte
+auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden
+entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe
+abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem
+hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis
+entstanden.
+
+Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die
+eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune
+der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn
+ergriff.
+
+Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von
+dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt,
+die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die
+Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es
+zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.
+
+Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See
+zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer
+mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch
+wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.
+
+»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander,
+als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es
+läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und
+Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die
+schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern
+bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan
+und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und
+jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist
+falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der
+Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie
+gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und
+meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die
+gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben
+gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche
+nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die
+Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein
+anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer
+die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war
+umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das
+Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe
+und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o
+nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes
+Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es
+ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel
+hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig.
+Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht.
+Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine
+Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die
+Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas
+Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten
+oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im
+Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von
+ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den
+zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.«
+
+Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte
+hauchend: »Und Ihr Vater?«
+
+»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er
+fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend
+war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei
+Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit.
+Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer
+Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie.
+Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie
+und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir
+mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem
+Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter
+wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem
+Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch
+gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge,
+Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater
+auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem
+Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur
+fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule,
+ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen;
+vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich
+fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu
+diese Verstellung erst und dann die Freude?«
+
+»Seltsam«, flüsterte Dietrich.
+
+»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat
+keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau
+ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über
+schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt
+hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist
+er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden.
+Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt.
+Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm
+Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es
+geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in
+dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die
+Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter.
+Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem
+traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen
+und nichts anderes sonst?« –
+
+»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem
+Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ...
+verzeihen Sie ...«
+
+»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen.
+Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen,
+ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für
+Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir
+dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit
+schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür,
+daß ich nicht mehr bin – ?«
+
+»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich
+Ihnen sein, was ein Mensch vermag.«
+
+»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das:
+alles – ?«
+
+Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das
+bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die
+Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.«
+
+»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie
+wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von
+mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.«
+
+Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie
+duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar.
+Sie lächelte rätselhaft dabei.
+
+
+Bildnisse Cäcilies
+
+Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des
+öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem
+er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors
+eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu
+reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte
+Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte
+sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der
+Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre
+alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten
+Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie
+wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war
+eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was
+Grandioses.«
+
+Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus
+beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen.
+Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und
+böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich
+nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht
+Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder
+Hinab, und wisse um kein Ziel.
+
+Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene
+Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und
+gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde
+Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie
+eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster
+Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick.
+Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller
+Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei
+sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein
+gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen,
+seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in
+ihm; eine leichte süße musikalische Spannung.
+
+Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe
+gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das
+Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter
+sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in
+Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in
+beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige
+Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr
+und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau
+Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja
+vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt
+habe, oben im Kestnerschen Haus.
+
+Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur
+begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn
+man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß
+die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage
+dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie
+bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben.
+Daß du dort hausen sollst!«
+
+Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an.
+Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu
+Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen
+wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er
+ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die
+Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da
+und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein
+behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit
+Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im
+Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun
+verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar,
+drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der
+Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne.
+
+Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß
+seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen
+sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei
+Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all
+das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war
+beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie
+plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak
+sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch
+hatte man nur wenige Minuten zu gehen.
+
+Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so
+unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß
+man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze
+Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es
+noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem
+im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,«
+sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute
+Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich
+wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden,
+daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle
+mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er
+lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun
+glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen.
+
+Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer
+der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm
+vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch.
+Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an
+ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er
+wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich
+an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen
+Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der
+redete.
+
+Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf
+Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht
+betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine
+Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte
+Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie
+flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists
+Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so,
+in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit
+ihr.«
+
+»Mit ihr? mit ...?«
+
+»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen
+auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch
+gemerkt; sie war ganz verstört.«
+
+»Und was will er damit?«
+
+»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die
+Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der
+einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist
+unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein,
+plötzlich packt er einen, und man ist verloren.«
+
+»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?«
+
+»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors
+Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine
+Opfer.«
+
+Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er
+empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu
+bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an
+sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in
+Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie
+habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe
+verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich.
+
+In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen
+Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu
+ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das
+Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten,
+Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in
+Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf
+ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der
+Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt
+zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder!
+erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn
+versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer
+Wust von Sinnlosigkeit.
+
+Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese
+eine Nacht, sondern in vielen Nächten.
+
+Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna
+vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung.
+»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was
+drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe
+Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu
+verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser
+Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?«
+fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst
+du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht
+mich mürb, es macht mich krank.«
+
+Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft
+und bittend.
+
+Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat,
+legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie
+zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er
+inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende
+Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die
+ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war,
+weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden
+Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht
+Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der
+subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom
+Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und
+Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache
+bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein
+erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und
+von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis
+glüht ihnen ein Gnadenlicht auf.
+
+Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies
+Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von
+Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es
+war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt.
+Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe,
+für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie
+gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob
+sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie
+oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme
+gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich
+gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere
+Worte und Wendungen gebraucht habe und welche.
+
+Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch,
+ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie
+einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche,
+kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das
+gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über
+ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie
+immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen;
+stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor
+Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens
+würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die
+Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie
+selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen
+Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am
+einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre
+innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht.
+Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten
+Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen
+auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle
+Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren
+Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen,
+weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie
+täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und
+Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr
+Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit
+erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte.
+
+Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen,
+erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man
+sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch,
+sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie
+wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr
+auch gelungen.
+
+Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden
+genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und
+man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch
+dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier
+scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber
+sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei
+ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.
+
+Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten
+Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger
+Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf
+in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt
+um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und
+fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies
+verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie
+wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an
+Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein
+großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der
+Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur
+weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk
+und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ
+der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer
+illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein
+rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja
+bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt
+hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle
+sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten
+Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie
+müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde
+ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter
+seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die
+Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt.
+Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe
+keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und
+zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu
+haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung
+verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor
+Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von
+Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die
+Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde
+verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört.
+
+Dietrich lauschte, lauschte.
+
+Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar.
+Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft,
+Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in
+allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es
+ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich
+halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um
+dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen
+stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst
+du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige
+Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du
+nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und
+einem Schemen, dann sollst dus büßen.
+
+Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer
+ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine
+Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort
+siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.
+
+Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede
+Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer
+Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen
+Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er
+geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte
+den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür
+hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick
+ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die
+herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie
+gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier
+abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch
+setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte
+ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das
+Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht,
+kostbar und wichtig.
+
+Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies
+mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte
+Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem
+fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus
+den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die
+Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen
+hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im
+Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein
+kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und
+Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt
+derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit
+musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling;
+der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er
+sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme
+nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu
+finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige
+er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich
+bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen.
+
+Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte
+empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild
+angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er;
+»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn
+zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas
+Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie
+hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie
+hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm
+grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem
+Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern
+ist.«
+
+Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete
+sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube,
+was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?«
+
+»Du? du bist ...«
+
+»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf
+seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig
+nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des
+Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert
+haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs
+zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an
+Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein
+Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein.
+
+»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für
+Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide
+geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten.
+Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem
+Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat
+standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie
+gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein
+Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem
+Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit
+dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im
+Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du
+schweigst? Du siehst mich an?«
+
+Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt.
+Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften
+Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß
+sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er
+erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den
+sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.
+
+
+Verdacht
+
+Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die ihm das
+Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel
+auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert
+Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten
+Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. Es ist dies
+innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglück, das die
+angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine
+Schwester des Selbstmörders in der Anstalt des Professors Landgraf
+unheilbarem Wahnsinn verfallen ist.
+
+Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die Worte an. Er
+ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden
+Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschöpfte sich in der
+Einbildung von Gesprächen und Situationen. Mit Hanna war er erst für den
+Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend
+angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen,
+als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die
+den Tod Hubert Gottliebens meldete.
+
+»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich habs auch heut
+morgen erst gelesen.«
+
+»Und hast vorher nicht darum gewußt?«
+
+»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb fragst du?«
+
+»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?«
+
+»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß man mich verhört,«
+erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich sagen will, sag ich, was ich
+verschweigen will, verschweig ich.«
+
+»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen
+hast seit jenem letzten Nachmittag am See?«
+
+Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. Ich hab ihn
+seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, daß
+er seinem Leben ein Ende machen will.«
+
+»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem
+schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts
+erfahren?«
+
+Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, schloß die Augen
+und fing nach einer Weile zu sprechen an: »Er kam am zweiten Tag nach
+dem Begräbnis bei Nacht aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich
+aus dem Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr
+nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so
+verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu
+beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich.
+Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum?
+Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und stöhnte:
+warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt ichs nur nicht mehr hören.
+Auf einmal sprang er auf und stürzte fort, war spurlos in der Finsternis
+verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem
+Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei Wochen später.
+Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden
+gekommen; Cäcilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich
+werde dir gleich erzählen, was für ein Wort das war; er könne den Tag
+nicht mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel mehr,
+er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mußt du
+wissen, was vorher gewesen war.«
+
+Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete groß die Augen
+und fuhr fort: »Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil
+die Gerüchte über seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm
+gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben.
+Bettines Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand
+Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit über den
+Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein öffentlicher Skandal die Folge
+wäre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem
+Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester
+schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte ihn mein
+Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein
+Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat
+er ja eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige
+und edeldenkende Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung bat.
+Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater,
+er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch
+bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren
+Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden
+linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war,
+kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen
+Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater
+hatte plötzlich erklärt, ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie
+aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei
+Neckargemünd. Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, war Bettine
+weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt
+nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die
+Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt
+Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel bleiben, ich empfange
+ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die
+Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein
+Glück. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst,
+muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir sprechen.
+Ein trübes Kapitel.«
+
+Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über das Gesicht.
+Dietrich war näher zu ihr herangerückt und klammerte sich mit den Augen
+förmlich an ihr fest. Sie begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte
+sie der Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die
+Verbindungswege; er hat es später bereut; die Freundschaft, die sich
+zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht
+voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in besonderer Weise an.
+Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt
+viele solche junge Wesen. Die eine Hälfte von ihr war durch und durch
+verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden
+Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die
+andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war
+ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer
+prüden, bigotten Erzieherin, gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das
+Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir
+eröffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich
+preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, und es waren
+oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht
+länger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater
+vorging. Sie war völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne
+moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu allem.
+Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie betete Cäcilie an; ihr
+Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie
+sich hinwarf, um Cäcilies Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht,
+der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten,
+bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten
+Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte beständig Angst um
+sie, beständig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie körperlich
+auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da
+drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie an
+ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu
+nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete
+sie sich mit versträhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu
+fürchten; am dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging,
+ich überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin
+auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand
+auf, holte Wäsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nähen an.
+Es scheint, daß Cäcilies Gegenwart in ihr das Gelüst nach
+Selbstpeinigung erweckt und bestärkt hat.«
+
+Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Müdigkeit war
+in ihren Zügen.
+
+»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte Dietrich flüsternd.
+
+»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das
+Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat
+mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein
+Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache
+natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche
+Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge
+sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die
+Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur
+Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in
+seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich
+erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines
+Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich
+fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach
+Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu
+der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre
+Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten
+will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt,
+darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend.
+Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle
+stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen,
+aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins.
+Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt
+mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich
+fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht
+morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun
+abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ,
+daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert
+Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich
+mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll
+Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und
+Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die
+Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem
+so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit
+hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich
+aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging.
+Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem
+Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei,
+und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil
+sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will,
+tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit
+welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und
+Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er
+mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt,
+abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben.
+Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine
+Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der
+Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger
+und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich
+gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das
+hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir
+sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es
+zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken.
+Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr
+Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte,
+und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts
+Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft
+beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam,
+und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er
+immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal,
+denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht
+sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie
+die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von
+Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte
+September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern
+Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß
+und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft
+suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die
+ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte
+hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte
+mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert;
+bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den
+Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die
+Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für
+den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung
+bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese
+Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang
+brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings
+mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle,
+daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie
+richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit
+allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich
+nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe
+gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte,
+ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe,
+daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete
+unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...«
+
+Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte
+Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang
+hinunterrollt.«
+
+»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte
+mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es
+hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich
+wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben.
+Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür
+noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?«
+
+»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms
+dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.«
+
+Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf
+die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie.
+
+In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn
+unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit
+seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er
+dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines
+geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein
+alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er
+die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute,
+sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein
+Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt
+war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an
+die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine;
+nur eine nimm und vergiß die andere nicht ...
+
+Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine
+Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und
+unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die
+Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und
+sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf.
+»Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder:
+»Hanna.«
+
+Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im
+aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu
+gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo
+sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und
+empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte,
+Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich,
+diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus,
+schlagen einen Ton an, – man schämt sich krank.«
+
+Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke
+oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte
+er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter,
+so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit
+anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.«
+
+Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm,
+als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte
+noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen.
+Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an
+dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen.
+
+Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte
+sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit
+einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch
+seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den
+Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie
+langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen
+bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver
+hergegeben hat?«
+
+»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf.
+
+»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.«
+
+»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...«
+
+»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.«
+
+Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den
+Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er
+fast.
+
+»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau
+Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es
+seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die
+Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im
+Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn
+Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie
+fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen
+neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der
+Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich
+genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber
+gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich
+natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich
+daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen
+davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme
+Kind unter dem Gedanken leidet.«
+
+»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist
+möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie
+hat viele Tiefen.«
+
+Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom
+Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum
+Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite
+nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft
+zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das
+Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit
+Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher,
+und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es
+ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem
+Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer
+auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem
+Beil ...«
+
+Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder
+wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich,
+die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht
+gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so
+beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging
+und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden
+Gesichte.
+
+Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse,
+wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas
+studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war,
+wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich,
+»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.«
+
+Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos
+vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände
+auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich
+auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet
+leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich
+dich nur offen aus. Was denkst du?«
+
+Aber Dietrich schwieg.
+
+Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte
+er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich
+einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor.
+
+Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig
+hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen
+für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an.
+
+
+Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen
+
+Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer
+Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß
+gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo
+alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich
+nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf
+die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von
+seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu
+antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch,
+aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen
+Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so
+Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr
+Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in
+die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl
+für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich
+des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem
+Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu
+viele Ungewißheit bedränge ihn.
+
+Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie
+sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht
+Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge
+zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres
+Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen
+habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe,
+müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung
+für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und
+nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle
+sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer
+plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen;
+zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den
+Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten
+gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der
+betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft.
+Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter
+gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen.
+Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede
+gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole
+Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es
+herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein
+Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte
+Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und
+fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu
+greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu
+suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens
+und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit
+meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich,
+Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten
+Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst
+die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist
+mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell,
+möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage
+vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin
+ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich,
+Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.«
+
+Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus
+seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er
+dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß
+sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner.
+Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem
+Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das
+lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre
+Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart
+wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im
+Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem
+Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie
+Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob
+etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders
+haben wolle, als er sei?
+
+Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du
+nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns
+wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem
+Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die
+Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles.
+Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen?
+Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses
+sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit
+deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre,
+sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die
+zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich
+habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich
+werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft
+wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer
+sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an
+dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz,
+denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der
+Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon
+gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das
+sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf
+dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so
+sollst du mich in deinem Sinn bewahren.«
+
+War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck
+erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur
+Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind
+nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem
+Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse
+aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den
+Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und
+als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht.
+Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den
+Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe
+kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar
+Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt
+gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er
+zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian
+befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem
+Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner
+Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und
+einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er
+gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen,
+aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das
+ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht
+müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet,
+gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet
+und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich
+begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists
+Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt
+mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie,
+so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du
+bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und
+sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles
+Geredete wird Lüge.«
+
+So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das
+aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna
+beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und
+freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich
+geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er
+schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm,
+was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das
+Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder
+Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war
+neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis,
+Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze
+Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt
+verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer
+Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend
+gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in
+rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung.
+
+Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht
+angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich
+auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich
+hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen,
+das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes
+Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in
+die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er
+sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen
+Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse
+sie wieder zu ihm.
+
+Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume
+gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.
+
+Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand,
+die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme
+redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch
+welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne
+sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er
+den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über
+ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die
+Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war
+nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses,
+nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie
+gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas
+wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase,
+aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine
+Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen
+geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu
+rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen.
+Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm
+nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich
+ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem
+Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er
+sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt,
+wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja
+da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch
+auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut;
+sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich
+seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer
+Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus
+dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß,
+dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf
+ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr
+aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben
+selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen,
+Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden
+Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat,
+so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der
+Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf
+welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm,
+unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war,
+der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in
+verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn.
+Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem
+furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.
+
+Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es
+ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog.
+Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich,
+ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten
+Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der
+Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der
+Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte
+Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben
+gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm
+die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn
+traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er
+wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen
+mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn
+auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch
+als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick
+durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er
+von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun
+Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von
+diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in
+das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er
+absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.
+
+Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer
+aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im
+letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie.
+
+
+Die Schläferin
+
+Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein
+Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden,
+die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel.
+Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken
+war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm
+die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten
+sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er
+ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ
+die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was
+die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das
+Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen
+Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen
+lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in
+ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt
+mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an
+der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und
+wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn,
+nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis
+zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm
+sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu
+machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende
+des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken?
+Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes
+Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit.
+
+Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen,
+wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines
+Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor
+Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der
+Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade
+von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden
+die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner
+Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit
+der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es
+bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die
+unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis
+und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das
+Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge
+im psychischen Leben.
+
+Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre
+Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr
+oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen,
+die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig
+in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen
+sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der
+schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in
+verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie
+im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der
+Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im
+sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser
+und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und
+Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade
+nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen.
+Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in
+der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier
+scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle
+vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht
+mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist
+ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die
+schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge
+Wissenschaft heute zu lösen habe.
+
+Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte
+sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an
+mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von
+achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich
+sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich
+weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir
+lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu,
+daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube?
+Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen
+braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen
+straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse,
+was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt
+voller falscher Boten?
+
+Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum
+Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich
+hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen
+in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt
+aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille
+versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer
+Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen
+Herr werden konnte.
+
+Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich
+gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor
+Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das
+Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen
+gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als
+Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht
+abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre
+Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von
+Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten,
+andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge
+stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde
+Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach
+Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem
+disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe.
+
+Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken,
+daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen,
+aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier
+enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um
+es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie
+sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald
+aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle
+er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er
+sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische
+darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch
+auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast
+sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte
+er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat,
+ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich:
+»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich
+zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf
+geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe.
+Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich
+lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?«
+
+Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl;
+ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren
+Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen
+Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel
+an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es
+ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern
+auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein
+Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den
+Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele
+unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine
+Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und
+einer verhilft dem andern zum Frieden.«
+
+Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht
+mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln,
+wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er
+mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da
+spür ich mich doch unzerstückt und ganz.«
+
+In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um
+Widerspruch verlegen.
+
+Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über
+Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die
+alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl;
+in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte,
+ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht
+Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen;
+Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer
+auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen
+wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander
+bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es
+ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen
+wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach
+dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern
+Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die
+Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und
+schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette
+jemand liegen. Es war Hanna.
+
+Sie schlief.
+
+Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des
+Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören
+können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre
+Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur
+Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals,
+in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte
+Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze
+Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die
+eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was
+Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang
+und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit
+war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle
+häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die
+schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur
+einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich,
+sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das
+Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.
+
+Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie
+erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte
+gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den
+Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen.
+Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche
+Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus
+Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm
+verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt
+er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch
+zweifelnd, sah er die Schlafende an.
+
+Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne
+Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile
+gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich
+nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.«
+Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast,
+von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich
+weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie
+Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es
+wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn
+zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt,
+halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie
+bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus
+nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör
+mich an.«
+
+
+Beichte
+
+Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der
+Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte
+zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf
+der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war
+ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht
+gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen.
+
+Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom
+Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem
+Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann
+nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist.
+Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie
+nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens
+war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn
+heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit,
+da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß
+also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte
+sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal
+bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf
+dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie
+sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit
+tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm
+sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser,
+er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie
+es mit mir steht.
+
+Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie
+es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja
+geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in
+mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit
+einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines
+Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn.
+Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend
+als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue
+Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen
+vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand
+dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes
+schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede
+starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall
+aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich
+für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding,
+das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche
+genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres
+Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es
+Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das
+Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe
+reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar
+nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit;
+Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie
+kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste
+Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort
+aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und
+abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf
+ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu
+prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon
+das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein
+kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte
+Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst
+das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch
+aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein
+Krüppel.«
+
+Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß
+sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein
+Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls.
+»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon
+ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die
+Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich
+gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten,
+wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes
+Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg
+einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist
+Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der
+schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir
+noch einmal deine Hand.«
+
+Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein
+ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei
+Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen,
+wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht,
+empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über
+allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm
+war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er
+verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen
+hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer
+und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte
+sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man
+sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm
+bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und
+anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel
+auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er
+gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien
+sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an
+wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor
+zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr
+bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher
+und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus,
+in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften
+Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es
+nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen;
+unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und
+was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg,
+schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs
+zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die
+Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf
+erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer
+wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis
+zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch
+unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich
+sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere
+Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf
+ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes
+Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn
+bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen,
+gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner
+Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre
+alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur
+weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde.
+Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm;
+er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen
+Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich
+bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch
+nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden
+ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war
+ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete
+Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben,
+und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten
+gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben
+von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich
+die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte,
+sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der
+Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten
+Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und
+Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung
+und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie
+sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen;
+Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein
+unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die
+Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem
+fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht
+versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen
+Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das
+nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists
+zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein,
+nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem
+zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot
+geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich
+emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war
+er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich
+keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu
+viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische
+Geheimnis verraten.«
+
+Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie
+weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu
+machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und
+Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein
+ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel
+Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden.
+Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war,
+mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines
+Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein
+Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch
+und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich
+konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr.
+Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis
+verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei
+ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war?
+So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein
+Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo
+ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie.
+Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle.
+Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu
+denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte
+sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen
+wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie
+durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist
+ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren
+in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von
+Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein
+Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung,
+Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der
+Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten,
+die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er
+wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits
+vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten
+auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin,
+mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß
+ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf
+der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein
+Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn
+geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und
+halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein
+Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht
+aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er
+kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte
+und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein
+Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann.
+Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie.
+Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt
+ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann
+mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich
+fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen,
+das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte
+Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur
+nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich
+auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel
+sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne
+wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig.
+Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe
+gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.«
+
+Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen.
+Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er
+setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten
+Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager
+zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte
+die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann.
+
+Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her
+gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem
+weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes,
+seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als
+ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie
+gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des
+donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es
+hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des
+Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos.
+Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum
+zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag
+dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die
+andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm.
+Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der
+aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben
+zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der
+du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund!
+Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch
+einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren.
+
+Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt
+ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte
+sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und
+kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der
+Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen;
+mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung.
+
+Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam
+an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und
+schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit
+geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab,
+berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann
+schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen
+war es schon Tag.
+
+
+»Ich komme«
+
+Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer
+und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde
+geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem
+Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich
+telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein.
+
+Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt
+berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von
+Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne
+wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief
+günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden.
+In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im
+Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen.
+
+Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit
+erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende
+Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre
+Hand auf seine.
+
+Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer
+Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt.
+Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher
+stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war
+entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen
+herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene
+keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu
+verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch
+Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der
+Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener
+das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte
+da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer.
+
+So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne
+Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem
+Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später
+Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch
+Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und
+Geistesrecht in sich selber.
+
+Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte
+es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester
+erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die
+Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon
+weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von
+Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war,
+mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für
+ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten.
+
+Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich
+nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem
+sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte
+Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit
+ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai
+kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein
+heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er
+ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys
+allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle
+zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als
+Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys
+riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die
+Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu
+fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an
+Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene
+delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu
+besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.
+
+Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte
+die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche
+später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei
+Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr
+das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein,
+versprach Georg Mathys Dorine.
+
+Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde
+ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die
+Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof,
+weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein
+Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach
+einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von
+Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die
+Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie
+zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr
+an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin
+bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen
+mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten.
+
+Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß,
+streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf
+Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme
+aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest.
+Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte
+er nicht.
+
+Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung
+war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich
+schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender
+verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei
+köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter
+drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers
+aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen
+gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs
+Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal
+bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die
+Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute.
+
+Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem
+festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der,
+ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es
+war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über
+ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte
+für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau;
+während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und
+lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf
+den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das
+blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen,
+jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer
+zurück. Da stand Lucian vor ihm.
+
+»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns
+zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft
+gedacht? Bist du noch, der du warst?«
+
+Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die
+Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn.
+Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein,
+der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er.
+
+Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja
+nicht ...«
+
+Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen
+nötig ist, weiß ich.«
+
+Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu
+erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe
+schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.«
+
+»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte
+Lucian stirnrunzelnd.
+
+»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit
+einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo
+alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich
+dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch
+nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?«
+
+»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du
+hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider
+gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben
+noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine
+Seele verkauft.«
+
+Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg.
+
+»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian
+fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der
+trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz,
+was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische
+Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft,
+daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem
+Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle
+fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt,
+Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem
+Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten.
+Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der
+geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den
+ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit
+abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.«
+
+»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und
+schaute Lucian groß an.
+
+»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort,
+»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und
+enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem
+vollen Umfang zu begreifen.«
+
+»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn
+du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du
+meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht
+unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht
+ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein
+heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt
+ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber
+laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du
+siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir
+stehe.«
+
+Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das
+Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah
+Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete
+er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat
+seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst
+du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt,
+entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu
+verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt
+unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an,
+fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und
+erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich
+sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein
+Mensch ist nicht mehr da.«
+
+Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist
+sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum
+nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er
+gibt mir Steine.
+
+Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus.
+Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er
+trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit
+brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die
+vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei
+spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein
+wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg
+Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine
+Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere
+in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf
+erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!«
+
+Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er
+antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und
+rief zurück: »Ich komme.«
+
+
+
+
+Sturreganz
+
+
+Meiner Tochter Eva Agathe
+
+
+Die Bedrängnis
+
+Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen
+Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der
+nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber
+immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr
+übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles
+jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine
+freundliche Stunde mehr beschieden war.
+
+Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und
+Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des
+Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer
+Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der
+ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle
+Hyppolite Clairon.
+
+Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen
+siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe
+vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das
+Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte
+Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und
+alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue
+Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu
+beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant
+raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und
+Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit
+ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und
+Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein
+Bethaus um Mitternacht.
+
+Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen,
+einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten
+Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats
+und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum
+gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der
+irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in
+Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu
+sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine
+Steuern entrichte.
+
+Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher
+vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte
+abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger.
+Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem
+Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende
+Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei
+Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist,
+ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier
+Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und
+siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder
+hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht
+bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich
+verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit.
+
+Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig
+Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und
+fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant
+vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein
+Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten,
+Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu
+schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge,
+hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern
+Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich
+erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der
+Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und
+politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am
+Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte,
+die im Dunkeln schliefen.
+
+Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und
+Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister,
+Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren,
+Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an
+exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches
+Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an
+Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine
+Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner
+die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen
+ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum
+eine menschliche Behausung im Lande.
+
+Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein
+Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell
+forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu
+jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung,
+Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen.
+Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und
+Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin.
+Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren
+hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still.
+Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von
+Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte
+Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister
+wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen.
+Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im
+Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die
+markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über
+geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige
+besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen
+Fenstergittern huschen.
+
+Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer,
+dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre
+Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von
+Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und
+hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in
+seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan
+unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen
+und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls.
+Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der
+obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die
+aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half.
+
+Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben.
+Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen
+der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der
+Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und
+Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen,
+das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den
+Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den
+Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend
+und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich
+schon ekelnd sein Mund.
+
+Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten
+Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen.
+Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten.
+Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht
+zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!
+
+
+Was zur Abhilfe geschah
+
+Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto
+eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens
+war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das
+Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages
+mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen
+verschwand.
+
+Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen
+zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des
+dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen
+wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine
+Maus im Magen eines Mastodonts.
+
+Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß
+Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend
+Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im
+Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen.
+
+Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur
+Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man
+doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch
+in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden
+Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im
+Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta,
+entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser
+Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle
+Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter
+Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den
+berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen.
+
+Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen
+davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen
+Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige
+Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung,
+Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum
+nächsten Galadiner übergangen.
+
+Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf,
+Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich
+großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem
+markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates
+zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel
+erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra,
+Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady,
+konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister
+wurde für sechs Monate vom Hof verbannt.
+
+Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben.
+Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das
+Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die
+Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden
+Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr
+Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle
+einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über
+das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die
+blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung,
+daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die
+Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher
+Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte.
+
+In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter.
+
+Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich.
+Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt
+gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch
+hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das
+Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung
+als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen
+Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann
+man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er
+war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von
+unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren
+ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm
+der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen
+Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten
+Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine
+Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene
+Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich
+die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen
+wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere
+Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner
+Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die
+bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen,
+und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer
+anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende
+vorzuziehen sei.
+
+Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden,
+und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer
+Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten
+allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen
+Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land,
+Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu
+genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine
+Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien
+unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche,
+Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an
+dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich
+ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je
+geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in
+aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das
+gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei
+dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche
+Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis
+sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero
+unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem
+Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des
+Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach
+Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es
+Geldverlegenheiten geben sollte.«
+
+Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen
+an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie
+hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu
+besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches
+Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche
+keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh.
+Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf
+das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und
+philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die
+Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war
+es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack
+die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?
+
+Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit
+ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den
+verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener
+Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen
+Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes
+triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager
+gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das
+nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und
+zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des
+Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft
+nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.
+
+Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel
+widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es,
+wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen
+Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am
+zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem
+Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu
+grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen
+Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die
+Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört
+wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und
+unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die
+Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr
+von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr
+von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern
+belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber
+hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine
+Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es
+den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu
+schalten.
+
+Die Jasager verbeugten sich tief.
+
+Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die
+Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung
+man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige
+Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge
+vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und
+mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf:
+beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder
+solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk,
+Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und
+Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge
+Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz
+aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die
+Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die
+Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten,
+wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und
+stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten
+Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren
+Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen,
+halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter
+Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch
+gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte.
+Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen,
+sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
+
+Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die
+Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den
+Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn
+Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere
+Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des
+Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer.
+Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum
+Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber
+mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten
+erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim
+erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen.
+Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf
+den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter.
+
+Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die
+meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf.
+Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal
+hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und
+dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder
+Piquet.
+
+Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen
+stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche
+Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den
+Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur
+Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches
+Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse
+sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das
+langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war,
+Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so
+selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das
+einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als
+ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil
+künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten
+immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der
+Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten
+Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie
+bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung
+auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen.
+
+Die Jasager lächelten entzückt.
+
+
+Episode
+
+Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube,
+ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar
+geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden
+oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im
+kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung
+gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit
+Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil
+er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die
+bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen
+lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte
+er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung
+nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in
+der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen
+Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur
+Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die
+Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie
+ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider
+unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet
+war.
+
+Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter
+als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof
+zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie
+häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des
+Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum
+Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der
+Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde
+dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht
+gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte
+das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die
+Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten.
+Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein
+Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und
+die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge
+hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie
+die Gedanken darüber nicht heiterer machte.
+
+Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge
+eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter
+verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus,
+und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn
+er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig,
+und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle
+#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit
+Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte
+den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine
+Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der
+Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel
+auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter
+sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die
+zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir
+schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem
+gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists
+unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm
+die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und
+glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch
+war die schwere Stunde ihres Leibes nah.
+
+In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in
+die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen
+waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes
+Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund,
+und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe
+nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das
+setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war
+leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die
+Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust
+haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch
+gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der
+Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an
+zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die
+Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in
+den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft,
+deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr
+Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die
+führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte
+abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf
+ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist
+wenigstens mal ein Lustiger.«
+
+Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden,
+hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der
+jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei
+Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres
+Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte
+nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein
+kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen,
+blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei
+seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen
+Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit
+Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm
+geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete
+er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe,
+und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen
+Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine
+Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle
+Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß
+man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux#
+beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert
+würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem
+Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.
+
+Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer
+höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit
+verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend
+verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.
+
+Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der
+Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem
+Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon
+der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten.
+Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor.
+Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf
+Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und
+Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten
+und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten
+Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit
+strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche
+Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut
+waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt
+wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit
+geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den
+Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den
+entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem
+Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde,
+daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und
+sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom.
+Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so
+war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein
+Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.
+
+Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten.
+Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen
+Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde
+geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn
+das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen.
+Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen
+werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang
+des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block
+verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben
+würde.
+
+Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen,
+kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die
+Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die
+Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne
+heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche
+Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der
+andern im Auge hat.
+
+Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf
+sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die
+Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht
+lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie
+entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des
+Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm
+umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle
+er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt
+nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er
+grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.«
+
+Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter
+ergab, war auch nicht erfreulich.
+
+
+Chronica
+
+Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der
+Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines
+übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe
+Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er
+ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen
+Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen
+gemäße Glückszustand inkarniert habe.
+
+Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte
+nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er
+hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem
+Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms
+und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe
+Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf
+Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst
+und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune.
+
+Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei,
+heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er
+dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er
+im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann
+er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte
+er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf
+eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein
+Stallbursch die Krätze bekam.
+
+Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den
+angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich
+hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld
+schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die
+kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit
+ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die
+Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und
+verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und
+schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase,
+so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen
+für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln.
+Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden
+Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden
+Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile
+halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz.
+Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle
+den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen.
+
+Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte
+von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord
+Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das
+ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre
+plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht.
+Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie
+in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig
+das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet
+werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in
+diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen
+worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn,
+worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres
+Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche
+wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte
+die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von
+Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit
+Stöcken an eine morsche Tür trommelt.
+
+Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen
+büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email
+der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin
+von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte
+einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen
+in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark
+geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die
+man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld,
+Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang,
+zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind.
+Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde
+immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all
+dem immer übellauniger.
+
+Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie
+lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen
+Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in
+denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf
+einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden;
+sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von
+Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig
+um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens;
+Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln
+Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter,
+Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind
+geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr
+versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei.
+
+Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu
+entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre
+Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu
+lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller
+Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da
+hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den
+Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der
+beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins
+Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die
+das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und
+ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und
+Totentanz.
+
+Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater
+Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches
+Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm;
+der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel,
+und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten,
+stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum,
+brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich
+schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen.
+
+Lady Craven kicherte.
+
+Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden
+in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England
+überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der
+Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die
+Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier,
+falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und
+sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und
+als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte
+unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum,
+der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter
+hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg
+den Kopf abhackte.
+
+Die Lady schauderte.
+
+Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch
+schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre
+Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten
+versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge
+Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die
+Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit
+Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war
+bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte
+er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des
+schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im
+Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die
+Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der
+Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die
+unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr
+ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft.
+
+Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der
+hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung
+und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das
+Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob
+es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes
+Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann
+knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die
+Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken
+sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde;
+doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete
+griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe
+entgegennahm.
+
+Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte
+leise vor sich hin: »Kri-Kri«.
+
+
+Maßregeln eines Philanthropen
+
+Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich
+demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld
+ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten,
+Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die
+Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu
+befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat
+leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche
+Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit
+geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine
+Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten,
+keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit
+ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße
+Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen
+verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer
+Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk
+sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen
+versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen
+Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher
+hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen
+Wandel neue Unzufriedenheit zu säen.
+
+Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich
+mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt.
+
+Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste,
+die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die
+Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue
+Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen.
+Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal
+eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen
+strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.
+
+In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und
+Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte
+mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit
+gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf
+Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters,
+bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe
+hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz.
+
+Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur
+eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu
+seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier
+brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch
+die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit.
+
+Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen,
+eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls.
+Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren
+Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer
+zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte
+sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage
+hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der
+einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen
+stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte
+sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still
+wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften,
+ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche
+nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis
+durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch
+Brummen.
+
+Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren
+bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren
+Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die
+Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren
+winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut,
+hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit
+ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der
+krank und hungrig ist.
+
+
+Die Bürger und ihre Stadt
+
+Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und
+siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie
+dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig
+gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten
+Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen
+und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und
+Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen
+dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende,
+gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder
+haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen
+straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied
+arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine
+grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen,
+Säuglinge schreien.
+
+Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es
+weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht;
+es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser
+vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu
+erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht;
+es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die
+Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren
+liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander
+verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder
+ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe
+von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und
+gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle,
+dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar
+über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche
+und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt
+in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche
+Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar
+erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm
+bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt,
+wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem
+Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der
+Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank
+sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der
+Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der
+Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige
+Trost.
+
+Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in
+Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf
+ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht
+Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr
+von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und
+den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des
+Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und
+Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern
+in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in
+Edelsteinketten.
+
+Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen-
+und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu
+strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten
+sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen
+Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von
+niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher
+Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine
+schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge
+gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas,
+feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war
+etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl
+gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen
+dafür, daß sie schwitzten und sich plagten.
+
+Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand
+verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von
+Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl,
+nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes
+verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen
+lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und
+nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner
+Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen,
+auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen
+Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die
+Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten,
+konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es
+brennt.
+
+Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen
+wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen
+gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut
+verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten
+Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum
+bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in
+ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und
+schoben die Finger zwischen die Knie.
+
+Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis.
+Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht,
+so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des
+gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang
+in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen
+Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch
+gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles
+Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die
+Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der
+Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der
+Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon
+gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die
+Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen
+das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten
+nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts
+freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und
+legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte,
+mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch,
+mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre
+Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre
+heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und
+mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes
+über dieser Stadt von Mürrischen.
+
+So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.
+
+
+Jahrmarkt
+
+Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von
+Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe,
+schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit
+schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in
+Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er
+sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine
+Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu
+haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche
+Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von
+Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden
+werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu
+entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien
+sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden,
+da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei
+Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.
+
+Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in
+einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte,
+Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen
+seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer,
+den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher
+Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz
+Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren
+konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht
+sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte
+Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte,
+seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber
+Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern,
+Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen
+Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder
+verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung.
+
+Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem
+Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner,
+Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude,
+die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter
+Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.
+
+Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen,
+murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander:
+was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre
+verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den
+Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige
+mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen
+hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis,
+daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises
+hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und
+Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von
+Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich
+heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner
+unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero
+Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches
+Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei
+Groschen, dritter Platz ein Groschen.«
+
+Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei
+und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter
+in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen
+Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen
+vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in
+den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern
+reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend,
+und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder
+fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen
+hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war
+alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet.
+
+Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz
+vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit
+sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet
+eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn
+scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über
+ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der
+Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von
+wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das
+Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und
+quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein
+Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes,
+sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu
+Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach,
+abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen.
+Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis
+zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.
+
+Gelächter!
+
+Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die
+Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden
+wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas
+völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden.
+Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein
+betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den
+Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel
+des Oktoberabends.
+
+Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit
+den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen
+in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in
+seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen
+kollerte, der Gaumen war wund.
+
+Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die
+Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein
+Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben
+im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und
+Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.
+
+Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen?
+
+Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch
+Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete,
+berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem
+Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner
+gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so
+gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung,
+die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn
+volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und
+erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche
+Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen.
+
+Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die
+Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und
+Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war,
+daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine
+beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der
+betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute
+eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben
+noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht
+dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die
+Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann
+die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings,
+ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den
+benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre
+lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen
+oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern,
+verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude
+schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine
+Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und
+picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie
+vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie
+Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann
+Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch;
+Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares
+Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als
+fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen,
+feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein
+paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie
+schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen
+einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten
+Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den
+Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter
+den Vorhang zu kommen.
+
+Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei
+Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit
+ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten
+sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde
+verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon
+aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze
+reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie
+mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es
+gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen
+Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters
+gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in
+ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren
+Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um
+Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt
+fanden.
+
+Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die
+keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem
+Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich
+nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer
+Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu
+Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger,
+Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen,
+Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern,
+Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten
+sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der
+Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom
+Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten
+immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person
+kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach
+einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar
+ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen.
+
+Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es
+bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus
+wurde.
+
+
+Unterm Mond
+
+In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte
+Wandlung geschehen.
+
+Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln
+vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus
+unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und
+gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze
+gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen
+mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein
+Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen
+auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen
+Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit
+einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt.
+Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen,
+und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung
+bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln,
+Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge
+im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit
+vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu
+zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.
+
+Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der
+unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten
+von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht
+verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo
+er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest
+und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen
+im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter,
+wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich.
+Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten
+und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich
+die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die
+Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne,
+daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer,
+Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als
+der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst
+entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und
+glückselig zumute war.
+
+Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten
+kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr
+Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern
+heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß,
+schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.
+
+Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich
+mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren
+stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen,
+niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in
+die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die
+Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert
+wie an Marktvormittagen.
+
+Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin
+beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen
+keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über
+dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht;
+als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an.
+Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte
+Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal
+eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen
+erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen
+Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn
+Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock
+eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über
+Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das
+ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den
+Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer
+Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme
+salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd
+wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor
+beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und
+machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im
+lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel;
+geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der
+Mond kam über die Dächer und wunderte sich.
+
+Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister
+Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse
+trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale;
+die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende
+wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler
+Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde
+später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an
+Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die
+Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab
+gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein
+großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und
+Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren,
+Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile.
+
+Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum
+andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten,
+Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein
+Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein
+schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz;
+einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine
+Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von
+Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende
+ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben!
+Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge
+leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das
+Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte
+oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen
+ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit
+vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und
+polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang
+antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in
+der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel.
+
+Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch
+unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es
+die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher
+Art gekommen.
+
+Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben-
+oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig
+schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der
+ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu
+haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest
+der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre
+Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und
+streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als
+wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei,
+der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft,
+so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte
+auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam
+und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer
+Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem
+Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte
+still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie
+Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und
+Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische,
+deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging
+der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes,
+und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt,
+lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm
+und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz
+einbog.
+
+Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er
+zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und
+ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht
+auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte
+sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn
+um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu
+tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der
+einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte,
+er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine
+Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste
+Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet:
+so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber.
+
+Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der
+Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas
+Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier
+und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während
+die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen,
+die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in
+die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger
+Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht
+fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen.
+Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der
+Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als
+er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer
+läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte,
+daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren,
+liefen schon von allen Seiten Leute herzu.
+
+
+Fingerling
+
+Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam,
+ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages
+kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte.
+Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel.
+
+Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch
+keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb
+einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine
+niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein
+paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf
+den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein
+Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber
+sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie
+tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem
+ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität
+leicht aufgelöst werden.
+
+Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name
+Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die
+eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der
+Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das
+Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm
+erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze
+umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum
+Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen
+Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger
+Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in
+großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht
+gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten
+und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege
+dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und
+gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so
+war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut
+bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger
+war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine
+Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu
+vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht.
+
+Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge
+gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur,
+die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die
+sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont.
+Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne
+aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu
+rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten,
+Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden
+wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche
+Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier
+waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis
+jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die
+Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt.
+
+Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte,
+ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte,
+oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt
+ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin
+musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene
+Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die
+Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das
+Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten
+bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen
+hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer
+und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die
+gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige
+Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich
+bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von
+einem Winkel in den andern schiebt und vergißt.
+
+Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war
+immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich
+am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las
+einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war
+nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der
+Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu
+erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer
+noch als selbst die letzte.
+
+Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene
+Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen
+Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen.
+Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun.
+Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der
+gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem
+winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so
+dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen
+Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten
+Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in
+einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren,
+vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle
+kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so
+war sie entschlüpft, eh er es recht wußte.
+
+Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue
+kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die
+Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und
+Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie
+der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war
+es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte,
+zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die
+Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd
+war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung
+heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur,
+was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die
+Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt.
+
+Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte
+sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer
+überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre
+Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach
+gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der
+Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe,
+das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine
+gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in
+den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur
+Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas
+unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen
+mehr gab.
+
+Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal
+krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und
+am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der
+Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze
+hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und
+her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen
+beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im
+ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine
+zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich
+der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige
+Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten
+sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen
+Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine
+fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der
+noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte.
+
+Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend,
+als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch
+ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften
+die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend
+und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie
+hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln,
+Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden
+Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her
+huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der
+Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte
+sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern.
+
+Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich
+niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit,
+sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie
+auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den
+vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die
+geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin,
+die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das
+sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder
+und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine
+unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen
+folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und
+schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du
+sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich
+nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich
+von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen,
+mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann.
+Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte,
+erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause
+wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes
+verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand
+von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende
+Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof,
+im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln,
+benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen
+lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte
+es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von
+einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen
+Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem
+feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend
+feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht
+und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren
+hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der
+ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.
+
+Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand
+darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach
+erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute
+Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte
+die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war
+mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke
+durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung,
+und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos
+wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen.
+Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und
+gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und
+später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit
+Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts
+einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette
+namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf
+über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich
+Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod
+des Mädchens herbei.
+
+Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der
+Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm
+Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige
+Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut
+ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu
+bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und
+aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das
+Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem
+Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr
+viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der
+letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit
+und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der
+lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das
+unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter
+erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung
+jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte
+Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst
+allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war;
+Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und
+durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig
+zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich
+abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult
+hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte,
+war sein Plan so gut wie fertig.
+
+Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem
+Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung.
+Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben
+übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind
+namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr
+im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur
+selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im
+Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig
+Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.
+
+Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich
+nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er
+dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm
+bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind
+vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn,
+wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im
+Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere
+Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der
+Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete
+Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten,
+das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut
+schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz
+und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und
+furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit
+des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als
+daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das
+Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst
+unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu
+schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche
+Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel
+zudrehte.
+
+Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube,
+und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst
+nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der
+Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der
+Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute
+im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie
+Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden,
+vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte,
+daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder
+Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es:
+Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.
+
+So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus.
+
+
+Die Beiden
+
+Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als
+bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es
+vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre
+Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf
+gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles
+Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu
+erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm
+vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft.
+
+Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot
+und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an
+Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem
+Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen
+Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine
+Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und
+Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren,
+leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er
+nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das
+Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im
+Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende,
+Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen
+Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen
+die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von
+Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort,
+der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich
+aus.
+
+Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen
+hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer
+porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige
+Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen
+Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in
+ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene
+von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen
+werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte
+Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit
+lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz,
+die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war
+das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte,
+entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und
+des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg;
+Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der
+heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte,
+arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht
+in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er
+in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung
+und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und
+Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein
+schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit
+war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern
+erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die
+Doppelheit der Existenz nicht selten lästig.
+
+Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei
+dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es
+beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung
+vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns;
+Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in
+jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit.
+
+Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter
+gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings-
+und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen
+durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz,
+unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen
+Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und
+der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten.
+
+Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz
+und Taube.
+
+
+Höflichkeit wird Grausen
+
+Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz
+den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem
+Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung
+fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war,
+trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit
+geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und
+erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar;
+sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch
+Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm
+das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem
+Institut ein, der ihm wohlbekannt war.
+
+Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und
+Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber
+keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich
+niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite
+des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich
+durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine
+Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen
+und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener
+solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies
+gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe
+Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten,
+gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen
+Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen
+begann.
+
+»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos
+verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust
+den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß
+einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die
+Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend
+zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah
+sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt,
+das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus
+anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter
+ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling,
+Beckchen Taube.
+
+Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute
+der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten
+geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die
+Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher,
+gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«.
+
+Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes
+traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine
+unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und
+antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich
+noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen,
+weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten
+Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht;
+Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm,
+flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor
+sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung;
+verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal
+fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal
+aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte
+zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen
+an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen,
+rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon
+aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die
+jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit
+lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank;
+die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es
+entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf
+dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer
+Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her.
+
+Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der
+Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches
+Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage
+schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war
+strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das
+Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach
+der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er
+durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des
+Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den
+Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz’ Diener, der halb von
+Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens
+seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen,
+doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit
+drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen.
+Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem
+sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte,
+begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und
+Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof.
+
+Dort hatte das Erscheinen Sturreganz’ mit dem Mäusezug hinter sich
+ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der
+Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen
+herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die
+Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten
+auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen
+der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit
+entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm
+das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in
+einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß
+dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen
+und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum
+hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen
+Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern
+behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine
+Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte
+Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem
+Mund.
+
+Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie
+Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf
+dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare
+Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war
+Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche
+Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm
+die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant,
+den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen
+wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher
+ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des
+Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu
+verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß
+sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende
+zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn
+wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein
+besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es
+notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und
+hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und
+die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein
+schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt
+waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder
+schnöd durchkreuzte.
+
+Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der
+Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr
+melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er
+sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche
+Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den
+Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem
+Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den
+Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in
+Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so
+weiter; das Projekt wurde eröffnet.
+
+Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz
+sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte
+ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein
+häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte
+bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines
+italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im
+Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen,
+da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und
+versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren,
+meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits
+accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs
+sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man
+möge ihr diesen Storregammato bringen.
+
+Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz’ Entlassung aus dem
+Polizeigewahrsam.
+
+Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern.
+Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um
+Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein
+über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern,
+schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete
+in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas
+verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an
+die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an
+seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig.
+
+Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf
+statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut
+das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das
+schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was
+den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war
+es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte
+Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen
+nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte
+er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein
+Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu
+bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese
+Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer
+Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie
+durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner
+Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese
+empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven
+für den andern Mittag vereinbart war.
+
+Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz
+eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm
+in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer
+Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd,
+wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war,
+der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die
+mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die
+zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt
+waren, – Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art
+die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt
+und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, – erschöpfte sich
+Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu,
+einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene
+Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er
+erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob
+es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall
+auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe.
+Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene
+Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber
+Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte
+noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen
+Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der
+ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die
+dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er
+den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor
+Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die
+exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über
+Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit
+einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber
+er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit
+verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder
+und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen;
+geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch
+Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und
+nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu
+preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte
+Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten
+Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es
+durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie
+in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie
+ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren
+Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben
+zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und
+Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße
+verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle
+Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen,
+aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe
+sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem
+außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal
+in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen
+Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine,
+boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch
+gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen
+schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten
+und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden,
+den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der
+Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und
+oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie
+fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der
+tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der
+blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis.
+Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei
+hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm
+gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen
+Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine
+Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war,
+als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu
+unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und
+leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies
+erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und
+Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft
+schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage
+üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein
+fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige
+Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros
+verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen
+Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr
+Marchese damit getan habe.
+
+Eine devote Reverenz beendigte die Rede.
+
+Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen
+Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah
+ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz
+aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich,
+dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch
+das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz
+vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem
+Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum.
+
+»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man
+müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte
+gezwungen.
+
+»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady
+Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann
+stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen
+Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll
+ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch
+unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.«
+
+
+Zwist
+
+Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter
+dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren
+gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten.
+Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis
+zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er
+könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage
+gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit
+verbreitete.
+
+Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige
+Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben
+gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der
+Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen
+Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige
+Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr
+die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie
+ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu
+vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie
+war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete.
+Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden
+ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag.
+
+Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß
+der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen
+Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über
+die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu
+machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die
+alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der
+Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre
+Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem
+traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei.
+
+Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.
+
+»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in
+einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!«
+rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum
+Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der
+Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit
+seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der
+Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir
+Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt
+und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen
+verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern
+Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem
+philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade
+spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie.
+Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu
+leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so
+berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den
+Abschied.«
+
+Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer.
+
+Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah
+lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus
+bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben
+Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen,
+wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt
+weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das
+ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt,
+hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen
+Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es
+dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb,
+glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein
+glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein
+jubelndstes Lied in die Luft schmettern.«
+
+Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige
+dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und
+begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le
+Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en,
+lundi!«#
+
+Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein
+Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott
+verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie
+verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden
+der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung,
+ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten,
+feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk
+geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie
+verführerisch im Grunde!
+
+Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde
+keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang:
+#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«#
+
+Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach
+der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den
+Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen.
+
+
+Die Ohren des Herrn Marchese
+
+Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der
+Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die
+Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend
+waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz.
+
+Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war
+für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und
+das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung:
+Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton;
+man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.
+
+Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast.
+Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne
+Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der
+Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier
+Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus
+und Amor auf dem Schoß.
+
+Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt,
+majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady
+Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von
+Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die
+hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und
+der Vorhang schlug auseinander.
+
+Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt,
+war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig,
+argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens
+um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr
+sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt
+Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner
+Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster,
+Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als
+Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz
+spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle
+Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen
+Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in
+heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und
+ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu
+überlassen.
+
+Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel
+von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz;
+#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen
+Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das
+wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war
+voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune,
+Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit
+Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten
+Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der
+Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin-
+und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte
+Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all
+dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur.
+
+Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln
+genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten
+Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn
+keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem
+Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium
+seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an
+war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne
+aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt,
+triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge
+preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich
+die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum
+in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an
+ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim
+geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen,
+schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen.
+Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie,
+aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare
+Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was
+man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine
+Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht,
+zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger
+Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken
+brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und
+platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen
+um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte.
+
+Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster
+hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von
+ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender
+Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich
+schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in
+die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich;
+der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch
+vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint,
+auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach
+einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen
+Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack
+steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den
+Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten,
+kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder
+nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das
+Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den
+Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn
+Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir
+die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn
+Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer
+goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine
+irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater!
+Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli!
+Milles mercis!# Geruhsame Nacht!«
+
+Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging
+durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die
+Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer.
+
+Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter,
+und er verschwand.
+
+In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der
+ansbachischen Bastille, verbracht.
+
+
+Ein Gespräch als Ausklang
+
+Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage
+später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der
+Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die
+württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz,
+des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der
+Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der
+gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in
+Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist
+finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in
+einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit
+befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte,
+belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund
+verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe
+und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus
+Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem
+Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt
+hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen
+Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem
+beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte.
+
+Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil
+bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten
+sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün
+und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern,
+die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in
+ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die
+Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den
+Horizont mit einem schwarzen Band.
+
+Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein
+lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes
+Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei
+mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja,
+des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der
+Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen
+und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der
+Geist herbei.
+
+Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das
+treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend,
+nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts
+damit auf sich.«
+
+»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz
+erstaunt.
+
+»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der
+Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich
+einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier,
+und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es
+verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie
+klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen
+Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.«
+
+»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen
+muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel
+gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände
+reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich
+das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das
+uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die
+göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine
+unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der
+Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird
+lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den
+unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles
+wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne,
+unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt,
+jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des
+Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das
+mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige.
+Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß
+wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die
+Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst
+Gefühl und Ahnung Lüge.«
+
+Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz’ Lippen. »Sie äußern sich mit
+sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft,
+kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es
+kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit
+und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das
+Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir
+nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue
+davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an
+den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen
+einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien
+abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder
+den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften?
+die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen
+fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue
+einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht
+Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben
+rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es
+denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der
+Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer
+Weglosigkeit.«
+
+»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir
+zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb
+begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf.
+
+Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch
+die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine
+Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon
+geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an
+eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider
+so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es
+sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine
+Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos
+werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen,
+ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden,
+alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und
+der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.
+
+Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme:
+»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr
+weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum
+läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser
+in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und
+spricht, und keiner weiß was.«
+
+Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren,
+und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen
+Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«#
+
+Da war es schon Nacht.
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman. 23. Auflage
+
+Der Moloch
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage
+
+Der niegeküßte Mund
+Drei Novellen. 71. Auflage
+
+Alexander in Babylon
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen. 6. Auflage
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
+Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman. 15. Auflage
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen
+
+Der Mann von 40 Jahren
+Roman. 14. Auflage
+
+Das Gänsemännchen
+Roman. 72. Auflage
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden. 39. Auflage
+
+Der Wendekreis, Bd. 1
+Novellen. 19. Auflage
+
+Mein Weg als Deutscher und Jude
+15. Auflage
+
+ * * * * *
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten
+zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
+p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
+p 236: nach war es -> noch war es
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
+p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)
+p 248: medisieren (schmähen, lästern)
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book’s two title
+pages have been merged into one, and a table of contents has been added.
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+p 090: [unified] Telefon -> Telephon
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
+p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
+p 236: nach war es -> noch war es
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
+p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)
+p 248: medisieren (schmähen, lästern)
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
+
+***** This file should be named 18552-0.txt or 18552-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18552/
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
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+
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+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,8813 @@
+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wendekreis - Zweite Folge
+ Oberlins drei Stufen, Sturreganz
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Jakob Wassermann
+
+ Der Wendekreis
+
+ Zweite Folge
+
+ Oberlins
+ drei Stufen
+
+ und
+
+ Sturreganz
+
+
+ 1922
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Oberlins drei Stufen ...... 7
+ Die erste Stufe ......... 9
+ Die zweite Stufe ........ 51
+ Die dritte Stufe ........ 121
+Sturreganz ................ 225
+
+
+
+
+Oberlins drei Stufen
+
+
+Marta der Gefährtin gewidmet
+
+
+
+
+Die erste Stufe
+
+
+Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen
+Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie
+gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und
+ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister
+gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der
+Nation.
+
+Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter
+gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit
+dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine
+festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und
+endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde
+Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei
+Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so
+unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr
+mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das
+und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von
+Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug,
+die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung,
+die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die
+Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich
+entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln,
+Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.
+
+In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um
+das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen,
+japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem
+königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die
+eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen
+Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit
+eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und
+bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles
+wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu
+denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd
+krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er
+zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.
+
+War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd
+und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge
+Frau.
+
+Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man
+behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war.
+Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von
+wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse
+des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
+Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen
+Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu
+vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten.
+
+Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit
+der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren
+wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte;
+geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den
+ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte
+dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da.
+Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend
+gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen.
+Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits
+Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die
+Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie
+unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich
+waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein
+beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten
+Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst
+verschloß.
+
+Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der
+älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten.
+Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er
+hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete
+Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das
+erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne
+Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war
+bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte.
+
+Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war,
+erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft
+verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und
+Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben
+an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute
+einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall
+beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere
+Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen
+begann.
+
+Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der
+Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn
+er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte
+sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die
+sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen
+Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem
+modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem
+Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen
+als gefährlicher Fortschrittler galt.
+
+Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war
+seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte
+Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie
+ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen,
+lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg
+selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und
+anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß
+er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die
+Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte
+aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß,
+hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern.
+
+ * * * * *
+
+Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
+Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit
+der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte
+jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt
+war.
+
+Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die
+schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige
+haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn
+aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein,
+der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und
+Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er
+war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur
+Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.
+
+Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in
+bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der
+Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer,
+sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden
+sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke
+niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein
+unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war
+zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr,
+wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die
+Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen
+der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden
+sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der
+Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er
+glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von
+diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.
+
+Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der
+anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß
+seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem
+Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten.
+
+Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag
+zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und
+erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region
+versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser.
+Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
+nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im
+Ungewissen.
+
+Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz.
+
+ * * * * *
+
+An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden
+gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der
+Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung
+entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen
+weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend,
+seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules
+Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem
+Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn
+gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten
+Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost
+der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt
+werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller
+andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem,
+der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für
+alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende
+Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern
+Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem
+Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist,
+Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.«
+
+Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und
+ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter
+im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat
+umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
+belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug,
+einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich
+vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu
+verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder
+Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche
+Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr
+warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel
+Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die
+Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
+als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen?
+
+Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn
+bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es
+behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot
+selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich
+wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.
+
+Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die
+zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis
+mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
+mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn
+in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte,
+sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen,
+der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange.
+Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen
+hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden
+Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu
+spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen
+Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
+Gier empfängt wie edlen.
+
+ * * * * *
+
+Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von
+ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und
+wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig.
+Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
+Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher
+trug er den Kopf.
+
+Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen
+Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht
+noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten
+von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn
+er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine
+berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
+herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.
+
+Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich
+der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von
+Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne
+beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten
+drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die
+Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den
+ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
+Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung
+erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust
+des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem
+vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er
+löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener
+Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element
+entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und
+Funken Ur-Finsternis.
+
+Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten
+Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung
+verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der
+Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder
+vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
+Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
+Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte
+ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich
+wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut
+Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige
+Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch
+kühnen Versuch.
+
+Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen
+aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten,
+Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich
+verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und
+Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.
+
+ * * * * *
+
+An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im
+Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm.
+Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
+Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der
+allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste
+sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit
+über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen
+Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er
+auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab,
+erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete,
+Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte,
+wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im
+prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und
+Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein;
+dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren
+ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.
+
+Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner
+Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch
+den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht
+daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die
+Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen.
+Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden
+Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig,
+händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel,
+das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin
+stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink
+erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein
+kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
+Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«
+
+Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der
+Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten
+sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß
+er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen
+aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin
+verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die
+Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die
+Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen
+wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn
+fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und
+glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und
+sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu
+lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich
+Grinsen.
+
+»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die
+schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt
+Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann
+einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen
+begleitete.
+
+»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?«
+fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.
+
+»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.
+
+Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von
+der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um
+seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und
+das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener,
+voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort
+ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen
+Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je
+gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
+läutete, erhoben sie sich.
+
+ * * * * *
+
+Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und
+Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im
+Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf
+Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
+Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus
+Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen
+und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen
+Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.
+
+Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden
+gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner
+leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das
+ergraute Haar, das faltige Gesicht.
+
+Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt
+war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das
+schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln,
+das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie
+verdeckten ihn nicht.
+
+Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er
+selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern
+geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf
+sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.
+
+Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender
+Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die
+Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von
+fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer
+weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm
+um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.
+
+Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder
+einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so
+war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn
+gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in
+denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert
+und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern
+zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu
+dem man bewundernd emporsehen konnte.
+
+Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit
+nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu
+gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich
+selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er
+gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
+prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein
+begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte
+bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner
+Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst,
+nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete.
+Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er
+Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto
+bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu
+einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor
+dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte,
+seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit.
+
+Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm
+gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht
+enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus
+unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder
+ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht
+wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein
+Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte
+beten mögen darum.
+
+Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein
+Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer
+verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht
+leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand
+ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen,
+Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem
+Einverständnis, Seiner Billigung.
+
+War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er
+wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu
+Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und
+alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe
+seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins
+Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer
+zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab
+harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie
+sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten
+Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf.
+Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit
+ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller
+miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien;
+stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur
+Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen
+vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein
+Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die
+Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund
+entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das;
+Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen
+heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
+sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem
+Blut.
+
+Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein,
+bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der
+wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der
+Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter
+den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die
+Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.«
+
+Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten.
+Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut;
+einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm
+dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die
+Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten
+Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im
+Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine
+Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz
+tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
+Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines
+gefundenen Herzens: ein Freund.
+
+Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um
+sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als
+einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in
+dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er
+erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er
+spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm
+ein Ziel, er sah eine Aufgabe.
+
+Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das
+war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und
+Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen
+Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten
+der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges
+Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter
+dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der
+Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar
+die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung
+staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen
+alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens
+Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte
+verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben
+Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben.
+
+So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes
+als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen
+unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer
+fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt
+war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in
+den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer
+umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
+zwangen.
+
+Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne
+sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten
+ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden
+vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende
+verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden,
+Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man
+erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet
+und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer
+nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war
+er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in
+seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste
+Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich
+preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt.
+
+Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein
+Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit
+unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des
+Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte
+ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
+Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft
+das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der
+Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den
+Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks
+und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,«
+sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube
+nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen
+geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder
+Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen
+vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.«
+
+Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.
+
+ * * * * *
+
+Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen
+hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer
+zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme
+hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn
+sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit
+schenkte.
+
+Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte
+froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem!
+So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem
+gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus
+der Tiefe, glockenklar.
+
+Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung,
+Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter,
+elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die
+hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der
+Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser
+Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich.
+
+Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft,
+ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen
+Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets
+Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die
+Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder
+Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink
+hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem
+Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden
+Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine
+ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
+hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf
+einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht.
+
+Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen
+Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose
+vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte,
+es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins.
+Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei
+der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine
+Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte
+auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber
+dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht
+entschließen konnte, ihn brotlos zu machen.
+
+»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends
+Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde
+ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert
+wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir
+gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?«
+
+Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so
+geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns.
+Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht
+klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.«
+
+Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er.
+»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die
+Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm
+erwidert?«
+
+»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was
+er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?«
+
+Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich
+geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften,
+aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich
+allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er
+sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
+Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz
+verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder;
+draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen
+schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit,
+durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im
+Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine
+zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme.
+
+Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs
+Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.
+
+Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle
+angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-,
+neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten,
+hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und
+waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem
+Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
+zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn
+packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der
+Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die
+Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine
+Ausgelassenheit war ansteckend.
+
+Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten
+Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein
+langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der
+dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und
+machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das
+Gelächter darüber die Luft erschütterte.
+
+Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte
+sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren
+Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten
+war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße
+raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
+Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys,
+der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der
+Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann,
+behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
+innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen.
+Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er
+hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten
+Sekunden.
+
+Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken,
+lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun!
+Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus,
+stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in
+seinen Armen aufgefangen hätte.
+
+Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin
+keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der
+Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er
+Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche
+Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht
+leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas
+Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er
+den Jüngling auf den Mund.
+
+Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses
+Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen
+Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte
+sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit
+neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der
+Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen
+Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es
+sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen
+Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim
+Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu:
+»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem
+ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn
+ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden
+Blicken himmelan.
+
+Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die
+Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als
+sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den
+Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden
+sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
+den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von
+den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von
+Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an
+den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen
+dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte
+auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte
+sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte
+liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr
+sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens
+hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus
+der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht
+unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief
+Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er
+dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein,
+Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut
+geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten
+habe.
+
+Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen,
+sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er
+morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin
+gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und
+lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
+von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick
+Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und
+bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin
+rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat
+unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang
+sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das
+halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der
+Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn;
+solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei
+viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise
+hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß
+wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an.
+Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf
+zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen,
+das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit
+Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es
+schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm
+das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm
+nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit
+welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es
+habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er
+nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor
+einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und
+entfernte sich.
+
+»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die
+Achseln und sah verlegen aus.
+
+Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich
+nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm.
+Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen.
+Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert
+worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur
+auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in
+Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja
+mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich
+mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer
+geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich
+beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern
+nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem
+habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder
+weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für
+ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.
+
+Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu
+entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er
+mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe
+man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der
+verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er
+öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde
+verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
+Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein
+Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der
+Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie,
+zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen,
+Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den
+andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren
+Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief
+ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
+blaß.
+
+Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es
+wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen,
+als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere
+Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein
+auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
+Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm
+Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke
+auf.
+
+Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er
+maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu
+sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte
+Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben,
+was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium
+entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein
+geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen.
+
+Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer
+ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein
+galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm
+nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung
+wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers
+wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag,
+nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war
+wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
+mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn
+Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen
+Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine
+Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das
+über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
+alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte
+hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über
+Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war
+ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt;
+er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich
+und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur
+Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas
+Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte,
+ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis
+und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen
+und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die
+Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit
+verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher
+Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben
+Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das
+ewig Lebendige vom Verwesten scheide.
+
+Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in
+sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz
+und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn
+überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer
+darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er
+fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte
+Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich,
+mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben
+lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
+Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß:
+Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.
+
+»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung.
+Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die
+Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den
+Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir
+deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk
+sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis
+abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«
+
+»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus
+Überzeugung.«
+
+»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.
+
+Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte
+Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien
+mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges
+auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse
+er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die
+heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der
+wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem
+sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und
+Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.
+
+Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen
+vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines
+Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte
+ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht.
+Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er
+anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die
+Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen.
+Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine
+Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so
+müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles
+außer Rand und Band.
+
+Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf
+dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich
+eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper
+stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen
+wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht
+vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom
+Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm.
+
+Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit
+Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie
+allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich
+Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle
+verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch
+in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur
+darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.
+
+Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn
+schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch
+hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges
+Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach
+unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
+hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg.
+Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich
+bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald
+in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser,
+Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von
+Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm
+zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der
+Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.
+
+Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu
+einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im
+Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die
+Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß
+Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa
+eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber
+korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad
+gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn
+ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin
+sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein
+sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert,
+wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß
+er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie
+seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
+feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine
+umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken,
+der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann
+stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink
+lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen,
+er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah
+Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie
+einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der
+Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider
+Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen,
+da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte
+sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort.
+Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied
+singen.
+
+Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine
+schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren
+schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über
+den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen.
+Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums
+Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es
+hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren,
+in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die
+Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde
+wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so
+viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße
+auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.
+
+Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie
+erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und
+dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten
+sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe
+zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus
+Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte,
+begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und
+Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte,
+für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch
+Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde
+bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu
+Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
+begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.
+
+Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung.
+Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in
+der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort
+eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so
+erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den
+Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die
+sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der
+Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen
+Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
+heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug
+damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde,
+mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne
+selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf
+skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite
+zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres
+Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb
+schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten
+Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der
+Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne
+Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem
+Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an
+den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.
+
+Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen;
+jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter
+und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal
+solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl.
+Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte
+sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse
+Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine
+bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als
+Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr
+abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf,
+Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden
+fesselten.
+
+Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht
+zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden
+Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute
+zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und
+Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären.
+Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen
+das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und
+Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität,
+hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu
+handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei
+Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
+der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
+stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des
+Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der
+Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle
+sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu
+fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag
+brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge
+bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig
+aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen
+Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern
+gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die
+sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei
+es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein
+unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und
+Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen
+zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den
+schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung
+alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer
+Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
+nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein
+unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die
+Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt;
+erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann
+wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.
+
+Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste
+zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in
+Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in
+ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun
+hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die
+wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen
+Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den
+Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da
+wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf
+der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten
+Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem
+umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es
+war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn
+fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.
+
+Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend
+umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm
+man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas
+Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner
+gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz
+erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des
+ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf
+dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen
+Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet,
+geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt;
+der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er
+in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der
+Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf;
+die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch
+seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse
+für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian
+zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
+»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
+
+Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise
+eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die
+bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian
+nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu
+sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
+
+»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben
+habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat
+verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben.
+Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit
+genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch
+keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten
+Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen
+Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem
+die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich
+ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger
+alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die
+aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt
+über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem
+glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten,
+gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also
+der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie
+hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
+zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel,
+Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
+
+Und er fuhr fort:
+
+»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt.
+Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand.
+Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema
+getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja,
+wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen,
+eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes
+Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig
+dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen
+läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so
+unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre
+Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in
+uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so
+viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu
+einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise
+versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde
+der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das
+nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich
+erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine
+Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich
+erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer
+Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir
+steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine
+persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für
+vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten
+muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum
+deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und
+Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
+alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir
+ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen
+angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator
+halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor
+zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert
+mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr
+könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das
+andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben
+wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon
+was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern?
+Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock
+schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und
+Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen,
+das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich,
+sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
+habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf
+die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt
+habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber
+gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am
+Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes
+werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie
+wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt,
+es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da
+ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
+beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem
+Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch
+zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den
+Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich
+jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen.
+Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr
+diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,«
+rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende,
+»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich.
+Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär
+es ein Einziger.«
+
+Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam,
+indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du
+sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder
+nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich.
+Dann mußt du mich zu finden wissen.«
+
+Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm
+das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt,
+die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.
+
+
+
+
+Die zweite Stufe
+
+
+Rottmanns Brief
+
+Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
+Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen
+verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen
+Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der
+Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor
+die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
+Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch
+bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt
+Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
+Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle
+auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider
+allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern
+nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat,
+von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart
+und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze
+achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute
+Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege
+abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in
+meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich
+erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der
+Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den
+unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von
+Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes
+Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es
+einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
+Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine
+Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter
+dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um
+eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen,
+der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem
+versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In
+besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
+Domgasse 8.
+
+
+Dorine
+
+Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von
+Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter
+nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines
+natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum
+Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im
+Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von
+außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der
+der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das
+Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.
+
+Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann
+geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche
+Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat
+war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine
+Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren
+Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die
+gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen
+Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede
+sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und
+Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab
+wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel
+ein Wort zu verlieren brauchen.
+
+Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes.
+Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem
+Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine
+ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner
+Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man
+mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war
+Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten
+und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.
+
+Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft
+ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach
+vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah
+und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner
+Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in
+der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das
+schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.
+
+In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische
+Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach
+Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den
+Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen
+sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine,
+in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen
+Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.
+
+Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen,
+nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß
+sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das
+einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener
+Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles
+das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß
+einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem
+tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als
+Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ
+sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente
+Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln
+eines dauerhaften Gewebes geglichen.
+
+Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und
+Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn
+zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm
+nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden
+sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und
+Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben.
+
+Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine
+gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht
+hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war
+anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war
+ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten
+leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas
+bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete
+auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau;
+sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast
+fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei
+Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die
+vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.
+
+Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre
+Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte
+sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande
+weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten
+Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war
+Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa
+waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre
+Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein
+kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte
+botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und
+gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine
+Flora.
+
+Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie
+Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr
+ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern,
+ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den
+schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon
+machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es
+beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln,
+hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.
+
+
+Banger Traum
+
+Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl
+Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es
+ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß
+zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem
+Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer
+persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden
+Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei
+Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.
+
+Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von
+Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber
+seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.
+
+Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von
+Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem
+Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar
+vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit
+einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien
+durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur
+zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die
+Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien
+tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der
+verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen
+seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem
+Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar
+gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen
+und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das
+von den eigenen Leidenschaften diktierte.
+
+Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes,
+Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren
+Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte
+die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende,
+verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen
+Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch
+über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die
+jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen,
+Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht
+werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum
+sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen
+bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages
+entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt,
+in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur
+Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so
+geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.
+
+Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn
+die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings
+auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und
+unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
+daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen
+Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten
+solle?
+
+Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich
+selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und
+Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff
+ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie
+sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn.
+
+»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine
+Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes
+Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen
+war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt
+keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit
+ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.
+
+Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu
+retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen
+vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils
+geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im
+ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.
+
+Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer
+von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte
+bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu
+begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der
+Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame
+widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur
+Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war,
+der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? - Und wie ihm
+Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie
+genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem
+er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher,
+Beschöniger?
+
+Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der
+ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch,
+eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging;
+schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
+von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden
+sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas
+herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber
+geschwebt hatte, schlummernd.
+
+Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr
+zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau!
+Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und
+nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte,
+von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie
+schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh.
+
+
+In einem Tropfen Blut
+
+Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen.
+
+Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde
+ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das
+Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln,
+was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von
+seiner Ankunft benachrichtigt.
+
+Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider
+ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die
+eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren
+als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm
+Sicherheit.
+
+Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren
+gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim
+königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde
+meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar,
+unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,
+teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir,
+hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.
+
+Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die
+Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch
+kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm
+er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch
+eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von
+Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von
+besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er
+hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl
+jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der
+nämlichen Würde und Ferne.
+
+Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu
+überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In
+allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu
+beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt,
+jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn
+verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener.
+Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das
+Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da
+berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf
+der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein
+Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht
+gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende
+Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn?
+
+Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie
+hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen
+bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine
+neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch
+zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich
+war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren,
+sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend,
+und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der
+Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines
+Gesprächs.
+
+Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die
+Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei
+Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig
+unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie
+ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen
+und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen
+ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte
+sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der
+Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen,
+bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in
+unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge
+kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte,
+durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.
+
+Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das
+Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter
+verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war
+kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit
+gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab
+ein anderes Bild als die Vermutung.
+
+Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn
+aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen
+Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden
+Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!«
+
+Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme
+über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es?
+Erzähle.«
+
+Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom
+hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die
+Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man
+über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott
+sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der
+unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen
+und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der
+Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige
+Würde und vertraulichsten Umgang.
+
+Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder
+Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr
+galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges
+Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte
+achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom
+Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen
+das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so
+daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald
+gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich
+geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.
+
+Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer
+Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln,
+Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer,
+williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere
+Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen
+wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man
+ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht
+wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm
+verfahren.
+
+Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die
+Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht
+zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht
+vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden
+verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem
+Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans
+Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse
+sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in
+dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich
+da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich
+selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts
+mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit
+großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder
+haben, ehrlich vor allem.«
+
+Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich,
+um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe
+nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort
+sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe
+trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel
+Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es
+nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem
+musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es
+zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.
+
+Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich.
+Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines
+Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und
+schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es
+ist spät, ich bin müde.«
+
+Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie
+schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die
+Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem
+Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und
+größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und
+durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den
+Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide.
+Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das
+Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt;
+es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud,
+und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.
+
+Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu
+Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück,
+drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte.
+
+Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.
+
+Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu
+sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten
+nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie
+schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie
+ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder
+zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung
+nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der
+Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne
+vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl.
+
+
+Nymphe und Faun
+
+Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum
+Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das
+aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache
+fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül
+waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem
+Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder.
+Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er
+kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen
+schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über
+die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut
+er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach
+Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen
+und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke,
+heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden
+Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo
+Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den
+Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen,
+das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut
+eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit
+demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen
+könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin
+bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an.
+
+Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er
+wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und
+standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah
+weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus
+Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am
+Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden
+mußte.
+
+Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das
+Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom
+Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot
+nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu.
+Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume;
+schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab,
+ins Grenzenlose.
+
+Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys
+und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus
+Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden,
+noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu
+bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und
+erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe
+er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben
+Sinn.
+
+So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal
+der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor
+der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die
+gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie
+erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf
+gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen
+nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen
+die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß
+sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie
+zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein
+richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich
+zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie
+verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es
+hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte
+völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und
+Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu
+viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß
+gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.
+
+Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges
+Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und
+die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen
+Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen
+Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich
+über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden
+und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und
+was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu
+sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde
+nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich,
+in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur
+widerstrebend ab.
+
+Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem
+Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und
+mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne
+Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken
+und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und
+erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem
+hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war
+sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr
+offenbar nicht zugetraut.
+
+Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt
+sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur
+nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht.
+Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale
+um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag
+unzugänglicher wurde.
+
+Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich
+wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck
+jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie
+zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die
+Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er
+zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen
+Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab,
+alles war Zurückweichen und Flucht.
+
+Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf
+sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines
+der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte
+Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf,
+Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem
+Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das
+Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke.
+Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und
+Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins
+Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für
+sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne,
+besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender,
+nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom
+Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen;
+er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit
+sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den
+die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier.
+Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich
+mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem
+Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie
+und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr
+Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe
+schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen.
+Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah
+ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem
+Boden.
+
+Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben,
+ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem
+Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze,
+bittere Genugtuung hätte sehen können.
+
+»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche
+Ding.«
+
+
+Sommertag und -abend
+
+Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch
+Dickicht schlug.
+
+Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf
+ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben,
+Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie
+saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die
+Zeichen des Alterns.
+
+Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie
+wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es
+sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen,
+seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie
+machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten,
+Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen
+nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen,
+Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter
+irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle
+arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und
+kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen
+aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt
+sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines
+Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von
+feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens,
+vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick
+und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe
+ihn sich errungen.
+
+In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn
+gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen,
+Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert,
+schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß,
+der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge
+leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend.
+Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen,
+der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel
+empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und
+Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit
+binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke
+Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines
+lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe
+ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe
+das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und
+nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung,
+sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was
+sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis
+sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur
+so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele
+zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter
+Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die
+Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die
+Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen,
+oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem
+Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße
+und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es
+vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den
+anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu
+often Malen irre.
+
+Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein
+unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage,
+Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging
+auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal
+wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und
+erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen,
+daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen
+Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der
+Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten
+Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben,
+ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die
+Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die
+Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee
+bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen
+Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht
+schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht
+besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich,
+so doch dafür sehr egoistisch.
+
+Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein
+Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und
+erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln,
+Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war
+ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie
+gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit
+scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über
+den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel
+glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da
+sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß.
+
+Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten,
+durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem
+Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am
+Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer
+Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder
+folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger
+Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich
+und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein
+leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim
+Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge
+Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein
+hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den
+Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz.
+Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit
+schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen
+Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden
+war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung
+genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war
+ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer
+erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren
+Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den
+Kopf getötet.
+
+Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete,
+dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte
+Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende
+Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes
+hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages.
+Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das
+ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet
+hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er
+auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch
+überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der
+breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote
+Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist
+es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus
+Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich
+durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.
+
+Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die
+Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende
+Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich
+so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar
+wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug,
+zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in
+einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten
+Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich
+der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der
+Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu
+machen.
+
+Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß
+ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte
+sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen
+kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und
+als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch
+verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich
+zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie
+sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und
+wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.
+
+Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer,
+Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem
+Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie
+war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte,
+über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß
+sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und
+ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische
+Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder
+spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete
+sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.
+
+Sie las: Lieber einziger Freund.
+
+Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann
+langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der
+äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl,
+stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten,
+wurde bleich und bleicher, las und las:
+
+
+An Lucian
+
+Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich
+und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer
+recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und
+erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich
+diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde.
+Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
+nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit
+dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern
+Menschen als Empfänger und Leser denken.
+
+Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei
+verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine
+soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine
+Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und
+bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je
+höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er
+es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.
+
+Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig.
+Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich
+erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich
+gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
+gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen,
+was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu
+halten.
+
+Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber
+macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein
+Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist
+das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber
+nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung
+etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst
+oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres
+wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber
+schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein
+noch aus weiß.
+
+Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis
+zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß
+du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat
+mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem
+Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
+der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von
+Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die
+Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte
+für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates
+doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem
+Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
+Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine
+Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird.
+
+Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir
+gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den
+beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem
+bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen,
+denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine
+Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das
+dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich
+Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So
+weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.
+
+Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen,
+flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort
+nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie
+mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das
+Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie
+glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt
+das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten
+Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
+Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die
+Träume.
+
+Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die
+natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie
+gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht
+geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig
+wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft
+werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine
+besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die
+Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der
+Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten
+liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu
+nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen?
+frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch
+den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar
+Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche
+Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann
+dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt.
+Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst,
+Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und
+Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie
+erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je
+unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die
+Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.
+
+Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in
+der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf
+dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese
+Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich
+haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift,
+das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und
+in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist,
+da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine
+heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein
+fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir
+eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt
+und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich
+packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei
+Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem
+glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare
+einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin
+selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu
+brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das
+dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.
+
+Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd,
+Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich
+mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom
+Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände
+hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian,
+die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung,
+leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so
+in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich
+dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das
+Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es
+einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der
+Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick
+dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches
+in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das
+ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele
+und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als
+ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen,
+der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
+sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer
+Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte?
+
+Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau
+kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene
+Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das
+macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut
+vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte,
+keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der
+Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des
+Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch
+das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in
+meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht
+verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt
+erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
+geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig,
+als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von
+mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt
+schwer, wie du begreifen wirst ...
+
+An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
+
+Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand
+wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu
+beschwichtigen waren.
+
+
+Der Haß
+
+Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem
+Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm
+zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag
+besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«
+
+Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von
+seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit
+einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie
+leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er
+mit seinen Eltern da?«
+
+»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine
+Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.«
+
+»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.«
+
+»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er
+erwartet nämlich seine Braut.«
+
+»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit
+dir?«
+
+»Nein; zwanzig denk ich.«
+
+»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge
+Dame, und wer ist sie?«
+
+»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal
+gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.«
+
+»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß
+Dorine das Gespräch.
+
+Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie
+abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen
+Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem
+Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
+erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse
+Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.
+
+Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er
+verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken
+zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas
+lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
+Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst
+mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das
+blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu
+glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die
+sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet
+Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt
+schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.
+
+»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren,
+»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie
+sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.«
+
+»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich
+trocken.
+
+Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da
+kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im
+Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette
+im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz.
+Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du
+gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen
+wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.«
+
+»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten.
+
+»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das
+werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein
+reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.«
+
+Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein
+bei dir?«
+
+»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz
+unsere private Angelegenheit.«
+
+»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es
+dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen
+Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.«
+
+»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will
+ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen
+werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht
+vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen
+Tatbestand auseinandersetzen?«
+
+»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr
+zugetragen. Wir sind Provinzleute.«
+
+»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson.
+#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite.
+Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement
+gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen
+Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die
+Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du,
+Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern
+Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern,
+und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir
+müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir
+aus der Faulheit helfen.«
+
+Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
+Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem
+Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die
+Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem
+Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu
+seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und
+abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel
+Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den
+andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.
+
+Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie
+Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten
+miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider
+Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte
+Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte,
+sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig
+aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine
+verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag
+verdächtiges Zwielicht.
+
+Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich
+selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit
+dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte
+Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen
+mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine
+entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn
+er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen
+vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft
+Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von
+unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein
+Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
+sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich
+über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit
+nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht,
+um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
+wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete
+Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich
+warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink
+kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«
+
+Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser
+wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf
+und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde
+mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten
+vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre
+bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst,
+beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei.
+»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand,
+»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er
+sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief
+er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«,
+murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.
+
+Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte
+ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte
+mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf
+setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als
+sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.
+
+Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen
+kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit
+fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an
+ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
+Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber
+wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring
+mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch
+sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
+wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug.
+Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott
+beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in
+keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
+Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon
+nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch
+das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten.
+Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so
+sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht
+nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein
+schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die
+Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und
+dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und
+zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des
+Unbehagens erweckte.
+
+Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt
+hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal
+zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie
+ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham
+war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so
+entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne
+Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne
+Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde
+schweigsamer und schweigsamer.
+
+Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu
+weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe,
+ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen
+Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten
+Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener
+wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen
+trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich
+Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich,
+daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser
+antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief
+wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die
+Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte
+errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
+verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das
+junge Mädchen.
+
+Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen
+Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr
+Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den
+Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte
+ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem
+Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine
+Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von
+Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der
+Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die
+ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge
+Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb
+um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt,
+die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und
+unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren
+ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt
+schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein
+heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert
+hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der
+Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten.
+
+Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu
+beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden,
+überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink
+oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für
+ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich
+nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem
+Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er
+war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig
+uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären?
+Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der
+Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der
+Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie
+seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem
+menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und
+Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war
+nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte
+verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer
+Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so
+war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man
+sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich
+des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein
+Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.
+
+Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm
+täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit
+beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war
+unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein
+und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die
+Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die
+Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel
+verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät
+in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder;
+sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den
+Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller
+Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der
+beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz.
+Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
+selbst.
+
+Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle
+erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als
+es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa,
+verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink,
+wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
+Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt
+dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte
+ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit
+einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein
+unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder
+albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.
+
+Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und
+mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die
+Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian
+damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
+ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte
+und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas
+ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.
+
+Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich
+und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er
+mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem
+Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts
+dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu
+umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen,
+wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs
+Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu
+bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses
+Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
+unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein
+Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen
+mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten.
+
+So war es mit Fink bestellt.
+
+Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals
+und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde.
+Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam
+gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
+waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte
+er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie
+taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie
+war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten
+Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die
+Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das
+Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum
+Gartentor.
+
+»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem
+Achselzucken und folgte ihr.
+
+In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch
+die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene
+mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert:
+wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich
+gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
+seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste
+getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden
+schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und
+Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag.
+
+Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende
+Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm
+graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das
+Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand
+rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
+Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor
+der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das
+fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.
+
+Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum
+schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.
+
+
+Die Lüge
+
+Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen
+Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich
+Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes
+Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder
+hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der
+Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der
+Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und
+Verlust nie schwieg.
+
+»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
+geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und
+folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.«
+
+Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine
+Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt.
+Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der
+Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den
+Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und
+gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre
+Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine
+Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel
+aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der
+Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man
+achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze
+des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu
+wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch
+unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.
+
+Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer
+Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme
+entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu
+untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung
+zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück:
+die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern
+und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins
+Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man
+gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach
+Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für
+allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit
+einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor
+und verlangte Führung und Trost.
+
+Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis
+hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf
+mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns,
+und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen,
+in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem
+Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und
+meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.
+
+Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz.
+Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und
+Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch
+dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische
+Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied
+es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den
+kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er
+Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er
+schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig
+Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas
+Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.
+
+Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit
+Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb
+es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum
+Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem
+unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich
+rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken
+Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er
+sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den
+aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem,
+den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann.
+
+Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn
+nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute,
+sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf.
+Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«
+
+Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche
+nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn,
+Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie
+ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem
+Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine
+beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher
+Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das
+Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium
+und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.
+
+Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den
+großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen
+Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem
+Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die
+Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn
+eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und
+die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend
+mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja
+bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es
+denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es
+aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der
+verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er
+könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,
+Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm,
+vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie
+solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so
+ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig
+hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten.
+»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein
+Gewitter hängt am Himmel.«
+
+Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an
+der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit.
+Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.
+
+Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem
+Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete
+sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind
+zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die
+Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die
+Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten
+sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte
+die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre
+Schulter.
+
+Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben
+hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende
+Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es
+war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.
+Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte,
+ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner
+der Dinge, einen liebenden Rater.
+
+Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil
+ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest
+gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes
+Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher
+Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so
+dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige
+Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber
+Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte.
+
+In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster
+schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden
+befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu
+bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und
+im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor,
+wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben
+ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie
+ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in
+denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen.
+Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche,
+schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte,
+eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen.
+Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer
+Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem
+zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt
+Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den
+Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur
+für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in
+munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während
+sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte,
+erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.
+
+Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den
+Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze
+Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und
+Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste
+Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die
+allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette
+hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot,
+der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der
+Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche
+Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die
+fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen,
+das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine.
+
+Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war
+seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um,
+sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.
+
+Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte,
+fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen
+Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.
+
+In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein
+Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich
+langsam krochen die Stunden.
+
+Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte
+Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust
+verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.
+
+Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von
+anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt,
+der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund
+vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig
+hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir
+Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre
+das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der
+Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem
+Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit
+einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist
+Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich
+mit einem Sohn, der lügt!
+
+Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach
+einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah
+den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein
+Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit
+schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte,
+schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.
+
+Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten
+auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er
+trat ein. Er verharrte neben der Tür.
+
+»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen.
+
+Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und
+blickte vor sich hin.
+
+»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß
+keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.«
+
+Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig,
+als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.«
+
+»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«
+
+Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann
+hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn
+der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der
+jetzt vor mir steht, das bist du nicht.«
+
+Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.«
+
+Sie zuckte geringschätzig die Achseln.
+
+Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus
+der Person etwas mache?«
+
+»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit.
+
+Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie
+zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus
+der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch
+nicht glauben?«
+
+Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher
+Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von
+der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines
+Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja
+noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie
+maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber
+bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft
+finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.«
+
+Damit verließ sie das Zimmer.
+
+Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich
+in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang.
+
+
+Pygmalion
+
+Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser
+geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon
+auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks
+willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber
+alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die
+peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
+friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt.
+
+Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da
+und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht
+die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt
+beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
+das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es
+dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle
+nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie
+wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der
+Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen.
+»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin
+und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer
+warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin.
+Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja
+nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu
+anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie
+sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer
+annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide
+Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
+verhehlter Pfiffigkeit an.
+
+»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich
+ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in
+seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm
+etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit
+abgesehen.
+
+Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf
+einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über
+deine Idee mit dem Pfauenhof.«
+
+Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und
+wie geistlos du bist?«
+
+Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine
+häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich
+eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du
+dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer
+Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir:
+was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei
+Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß
+wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein
+Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur
+damit man sich danach richten kann.«
+
+»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei
+beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß
+jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein
+Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil
+ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue
+und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und
+zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und
+darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
+selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären,
+aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß
+ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der
+Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich
+tun soll.«
+
+Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in
+Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt
+und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig.
+Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte
+dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen
+freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab.
+Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind
+allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem
+wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
+Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem
+lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie
+die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.«
+
+»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da
+bist du auf dem Holzweg.«
+
+»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich
+verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut
+geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die
+Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den
+Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus,
+Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng
+dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.«
+
+Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig
+Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch
+den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas
+sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern
+bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das
+Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte
+unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?«
+
+»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink
+verdrossen.
+
+Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und
+Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin,
+keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten
+schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst
+du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?«
+
+Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht
+ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen
+Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes
+bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider
+legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich
+zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in
+Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in
+dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie
+den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper
+nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor.
+
+Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer
+zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse.
+
+»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür.
+
+»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach.
+
+Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die
+Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der
+greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten
+vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder
+umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich
+stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel
+eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen
+umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die
+Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt.
+
+Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil.
+»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie
+viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter
+anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins
+Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse
+Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene
+Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und
+gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder
+besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich
+dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der
+Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden
+soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die
+Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig
+ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber
+die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen
+kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in
+deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da
+hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht
+ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und
+es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an
+Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...«
+
+Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es
+später zu verstehen suchen.
+
+Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er
+feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn
+man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man
+dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in
+Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche
+Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies
+ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit?
+Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht,
+sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?
+
+So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete
+nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim
+Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund
+kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
+Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine
+Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war
+ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie
+in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
+banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein
+rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins
+Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.
+
+Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am
+Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu
+sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat,
+lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf
+hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig
+gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,«
+flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in
+drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner
+Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«
+
+Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut
+hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die
+»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und
+bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären
+unbequeme Fesseln von ihr genommen.
+
+Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte
+sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder
+gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend.
+
+»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt.
+
+Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.
+
+»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu
+einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein
+niedriges Bänkchen am Fenster.
+
+»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor
+Schwüle.«
+
+Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.«
+
+Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze
+Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein
+Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen
+schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich,
+und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
+Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie
+umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des
+Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen
+Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?«
+Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und
+lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie.
+
+Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf
+sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender
+Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge
+ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein
+war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen,
+fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt
+erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden,
+gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit.
+
+Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen
+zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das
+leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.
+
+Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf
+an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?
+
+Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten
+Stimme: »Ich werde kommen.«
+
+»Sicher?« jubelte sie leise.
+
+»Sicher.«
+
+Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor,
+Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug
+stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die
+beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
+etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von
+den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig
+ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der
+Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn
+ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten
+die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend
+unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht
+recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit
+einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich
+ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.
+
+Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie
+legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her.
+Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
+Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof
+gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien
+ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte
+Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat
+sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das
+sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein
+Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des
+Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte
+Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
+Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und
+es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten
+wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan
+handelte.
+
+Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans
+Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und
+begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen;
+nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem
+Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.«
+
+Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom
+Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die
+Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr;
+es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend
+hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun
+war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt.
+
+Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem
+sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach
+auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.«
+
+Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das
+nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall
+nicht gehorchen kann.«
+
+Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob
+sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas
+Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«,
+wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer,
+bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.«
+
+»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein
+Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave
+nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür.
+
+Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur
+Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen
+Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave
+oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht.
+Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!«
+
+Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,«
+röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es
+geschieht etwas ...«
+
+»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das
+Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah.
+
+Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne
+Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten
+sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme,
+umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit
+entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach
+zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur
+draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege
+hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang
+hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.
+
+Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger
+Kirche.
+
+Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen
+verebben.
+
+Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang
+widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den
+schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner
+Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie
+jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen
+Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz
+in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das
+nicht, daß sie jetzt nicht kommt!
+
+Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die
+Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein
+Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge
+durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam
+nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich
+in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben
+Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl
+von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war
+schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld.
+
+Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr.
+Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter
+vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen
+und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik,
+der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln.
+Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es.
+
+Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug
+und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine
+Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen
+schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die
+Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung
+vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen.
+
+Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch
+Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück
+Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man
+mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war,
+sich mit ihm abzufinden.
+
+Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer
+lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine
+Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner
+Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich
+er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig,
+ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte,
+ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer,
+das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß
+leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und
+begann unaufhaltsam still zu weinen.
+
+Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und
+dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen
+Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle
+die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als
+er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine
+Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt.
+Sonst war nichts zu unterscheiden.
+
+Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die
+Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit
+seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte;
+er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren.
+Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen.
+Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den
+Kopf in ihren Schoß.
+
+Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem
+Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine
+beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der
+dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich,
+über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich
+wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein,
+so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht
+über ihn strömte.
+
+Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es
+herausmeißeln aus dem Traum?
+
+
+
+
+Die dritte Stufe
+
+
+Begegnung am Ufer
+
+Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September,
+Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit
+seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.
+
+Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu
+lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden;
+plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel
+stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
+Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen
+hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr,
+die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern
+im nüchtern-alltäglichen Ablauf.
+
+Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans
+Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter
+bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich
+alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
+daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie,
+rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er,
+uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene
+Verantwortung führen.
+
+Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte
+ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem
+Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig
+gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren,
+wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für
+förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit
+gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie
+erzogen und errungen war.
+
+Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu
+vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle
+und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am
+Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum
+unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde
+nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel
+war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug
+ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins
+Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
+von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt,
+erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein
+Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern
+oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit
+Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
+Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und
+nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend,
+sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung.
+
+Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche
+Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit.
+War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von
+ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein
+scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr
+galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß
+sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung
+und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer
+etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die
+empfindsamste und wachsamste, die es gibt.
+
+So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten
+Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen
+konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs
+Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten
+herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt
+richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und
+Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien,
+Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian
+verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein
+Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt
+Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im
+einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge
+witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und
+Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende
+Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.
+
+Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung,
+wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das
+Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin
+nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der
+Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem
+Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte
+dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im
+Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster,
+denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll
+unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus
+Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden
+Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in
+einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in
+ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat
+den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig,
+»beim ersten Hahnenschrei schon.«
+
+Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit
+Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte,
+erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die
+mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des
+Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war
+eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes
+Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes
+hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden
+auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die
+Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last.
+
+An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog,
+gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen
+schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der
+Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum
+erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges
+Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys
+erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der
+Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender
+Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen
+schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede
+ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor,
+der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung
+predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte,
+daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das
+Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander
+abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen
+Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich
+zerfalle und erstarre.
+
+Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und
+Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht
+regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von
+hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
+zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es
+ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin,
+der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In
+all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
+einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
+andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.
+
+Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt
+vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.«
+
+»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt,
+was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er
+mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur
+und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für
+mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.«
+
+»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer
+ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich
+frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr
+nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank
+schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was
+wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an
+den Tag kommen. Denkt an mich.«
+
+»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor
+nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?«
+
+»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich
+damit sage.«
+
+Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun
+schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen
+entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren
+es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
+ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn
+oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus
+einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem
+Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von
+dem ein violettes Band auf die Schulter hing.
+
+Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von
+so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und
+Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt
+stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins
+Gesicht starrten.
+
+Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft
+ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn
+das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein
+einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte
+stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn
+dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im
+nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die
+Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern.
+
+In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten
+sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber
+Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In
+den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor
+und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke,
+Wunsch und Finsternis des Herzens.
+
+Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer
+Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen
+wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige
+Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend
+der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine
+hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune
+Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend
+und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für
+das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm
+alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich
+trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die
+Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein
+für allemal Geprägte des Menschenwesens.
+
+Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter
+gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie
+ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter
+sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er
+ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich
+entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die
+Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und
+Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander.
+
+Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz,
+grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum
+Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand
+und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom
+Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig
+überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer
+Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort;
+»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon
+erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
+Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die
+alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so
+schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,#
+genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe
+sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu
+können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und
+Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber
+keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch
+geworden ist.«
+
+Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die
+Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten.
+
+
+Tragischer Abend
+
+Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß,
+von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel
+hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte
+Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
+Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der
+Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs
+Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf
+mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte
+sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine
+wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend.
+
+Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub,
+eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer
+Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab,
+schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
+verstehen, daß sie ihm schmeckten.
+
+»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig
+zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß.
+Aber es ist überflüssig, davon zu reden.«
+
+Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene
+des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche
+für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich
+heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir
+ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so
+erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem
+Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich
+nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen
+könne.«
+
+Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte
+betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie
+ausdrückten, was er empfand.
+
+»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter.
+
+»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu.
+
+»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man
+sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt
+oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird,
+dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist
+euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es
+die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen,
+etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein
+anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?«
+
+Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder
+sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen
+Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns
+selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die
+Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen
+untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff
+betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer
+als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und
+durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß
+Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus
+einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten
+umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie
+nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
+undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen.
+Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch
+nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich
+Medium, nämlich Geist unter Geistern.«
+
+»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir
+müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge
+und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen
+Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu
+früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder
+das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich
+der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum
+Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft
+und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens
+jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er
+den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten,
+das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus.
+Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen
+gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran
+erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln
+und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.«
+
+»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden.
+Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden
+Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn
+auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit
+aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit
+glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da
+erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war
+ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.
+
+Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war
+nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den
+Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben.
+Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es
+ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht
+war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand,
+unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust
+stand schon vor ihr und verbellte sie.
+
+Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen
+bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige
+Frage Georg Mathys' riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete
+Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die
+ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man
+im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern
+waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen
+Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden
+hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand;
+mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver,
+der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in
+der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins
+Moos.
+
+Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm
+lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender
+Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den
+Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die
+rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen,
+hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich
+hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den
+Abhang hinunterstürmenden Schritte.
+
+Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die
+regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen,
+eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte
+aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der
+Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft
+alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten
+unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest
+außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen
+befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte
+die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der
+Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn,
+wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er.
+Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese
+ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib
+war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war
+Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit
+abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden,
+konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß.
+
+Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der
+Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher
+Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht,
+dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies:
+sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte
+gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen,
+sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich
+gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den
+ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt;
+Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen.
+
+Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden
+solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht
+gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff
+von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht
+und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der
+Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu
+besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich
+darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort,
+die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel
+verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die
+überlebe es nicht.
+
+Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung,
+sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis
+zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich
+erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie
+sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die
+Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter
+oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen
+solle?
+
+Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die
+verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie,
+es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb
+sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren.
+
+Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den
+Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der
+Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf,
+gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter
+telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der
+Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider
+überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei
+Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die
+Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um.
+
+Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen,
+sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr
+düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in
+ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie
+groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester
+gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es
+seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich
+wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit
+wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt
+zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er
+ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont,
+müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans
+Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener
+Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut.
+
+Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher
+Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den
+des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.«
+Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim.
+
+Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause
+gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so
+gewöhnlich.«
+
+»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das:
+gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost.
+Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind
+festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist
+gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?«
+
+»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück.
+
+Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des
+Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt
+mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie
+dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert
+fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige
+Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie
+bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die
+Verzweiflung ...«
+
+»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man
+auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die
+oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich
+ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann
+warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine
+Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.«
+Nichts weiter, aber es war viel.
+
+Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere
+ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys
+sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte
+sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu
+dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die
+ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich
+aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das
+Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die
+Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden
+Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der
+Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch
+verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht.
+
+
+Das Unbedingte
+
+Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich den Eindruck
+zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gespräche, Gesichter, Gebärden,
+es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse
+rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel.
+Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht schlaff; es
+war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er
+bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mächtigen,
+unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schöpfte Atem.
+
+Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in
+das Musikzimmer neben dem Vestibül. Leute gingen fortwährend ein und
+aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen
+sie ehrerbietig zur Seite und einige grüßten stumm.
+
+Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel
+zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete den fremden Gästen sein Haus,
+und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen.
+Der nahm es dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand seiner
+Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Gärtner
+hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war
+aus der Bewußtlosigkeit noch nicht erwacht. Später weinte sie
+ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemüht.
+
+Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm
+angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es
+befreite von dem Gefühl, sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß
+die Leiche nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden
+sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten zu erledigen,
+durfte man nicht säumen. Die sommerliche Temperatur ließ das Verbleiben
+der Leiche im Haus länger als über die Nacht untunlich erscheinen. Es
+mußte der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem
+Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt wegen des
+Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys und Justus Richter erklärten sich
+mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins,
+Regierungsrat Westerland, tätig unterstützt; er war an der
+Unglücksstätte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil.
+Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab
+so verkehrte Antworten, daß man schließlich auf seine Mitwirkung
+verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr
+mit den jungen Leuten weg.
+
+Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen von Schatten.
+Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn
+um den Weg nach der Küche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie
+eine fehlende Ledertasche; das Gepäck war vom Adlergasthof geholt
+worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit
+flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt.
+
+Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes erleuchtet waren,
+dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knöchern-harte Stimme
+des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand
+Rechenschaft verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen
+Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein
+Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte
+sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er
+verstand nur diese Worte: »Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen
+zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer
+Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und
+nichts verhüten zu können.«
+
+Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen,
+die er gestern noch nicht gewußt, die heute unter seinem Dache wohnten,
+ihm verbunden durch eine Tote.
+
+Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. Eine Weile
+unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn
+gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren müde,
+warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es
+verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Händen umgriff er
+das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen
+Welt; Leiden durchdrang ihn.
+
+Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war
+versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, aber an der Seitenfront war ein
+Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er
+befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit
+pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den
+Raum, in dem die Leiche lag.
+
+In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau
+des Gärtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in
+einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte
+seltsamerweise der Neufundländer.
+
+Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt
+herab, über die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war.
+Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sproßte. Die
+Schußwunde war vom Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins
+Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das
+Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mündete.
+Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hieß an der Grenze sein und
+Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog,
+war jenseits von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die Hände zu
+falten und zu beten.
+
+Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drückte neben
+Altgeläufigem und Verständlichem ein Mysterium aus, an das noch kein
+Gedanke von ihm gerührt hatte.
+
+Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er,
+und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne
+Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn
+schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu einem
+Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die
+gekreuzten Hände an die Brust.
+
+Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den
+Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir.
+Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus
+dem abermaligen Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter
+ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die Tür wieder
+zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundländer wehrend, der
+mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: »Was hat das Tier?
+Ich begreife nicht, was es von mir will.«
+
+»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; »still, Rust,
+Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht.
+
+Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und
+schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weiße Kleid vom Tag,
+darüber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke,
+mehr als mittelgroße Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas
+zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten
+machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen
+namentlich.
+
+Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum sehen Sie mich so
+an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie,
+das spürt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus
+begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?«
+
+In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, mit dem Rücken
+gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. »Nichts,« erwiderte er
+scheu und fast erschrocken, »es bedeutet nichts Besonderes.«
+
+»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!«
+
+»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr
+geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig
+gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; für mich ist
+es viel. Um halb sechs Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist.
+Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber
+seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was Leben ist. Und seit
+fünf Stunden weiß ich, was Tod ist.«
+
+Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen
+Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlächeln.
+
+Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte
+lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster
+Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie mit einem Ausdruck düsterer
+Betroffenheit: »So also. Das also.«
+
+Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände über den Knien
+und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses
+Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lösen.
+
+Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er
+glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere,
+und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er hätte nicht zu sagen
+vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es
+schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden
+mußte, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen,
+unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es
+wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war
+beseelt und wieder leer; voll Maß und Stille, dann wieder quälend
+bewegt.
+
+Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz
+gehalten, sondern über dem Nacken in einen reichen Knoten gefaßt, über
+Schläfen und Ohren in natürlichen Wellen fließend. Das Seltenste,
+graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick
+war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang
+geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer
+harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen
+Charakter, so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe
+schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und
+Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich
+sammelte; auch enthüllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen
+Empfindungen und Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war
+oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich spürte es;
+es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr.
+
+Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und
+durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen
+nicht zu herrschen pflegt: »Warum hat sie es getan?«
+
+Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte,
+wiederholte er im nämlichen fallenden Rhythmus: »Warum hat sie es
+getan?«
+
+»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie mich nicht.«
+
+»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich leise.
+»Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen es wissen. Sie müssen es
+sagen.«
+
+Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden läßt,« stieß sie
+verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls flüsternd, als dürften die
+Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, »niemand hat das Recht,
+mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es
+dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis
+wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, bloß
+weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?«
+
+»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. »Wozu Hohn und
+Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht würdig,
+so muß ichs zu begreifen suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie
+mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens die
+Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloßer Zufall,
+daß ich vor Ihnen stehe und daß Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen
+Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir,
+einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen Sie mir also
+das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben
+kann.«
+
+Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung in ihrem
+Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte sie, »wie furchtbar ...« Und wie
+zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an.
+
+»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte er kaum
+vernehmlich.
+
+Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... dieses
+Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür ... auch sie hatte
+es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn
+ich natürlich; wir haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ...
+Sie müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen miteinander
+sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen
+jetzt ...«
+
+Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile
+loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, dort hielt sie inne und horchte.
+Auch Dietrich hörte ein Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über
+Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still.
+
+Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine
+Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie stärker verband als
+die gewechselten Worte.
+
+
+Warnende Stimme
+
+Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt.
+Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten
+sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte.
+Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem
+Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war
+bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit
+verschwunden.
+
+Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald
+hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er
+sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe
+hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen
+zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf,
+blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt,
+und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt
+getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann
+aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht
+empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut
+über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens
+gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche
+Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer
+hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß
+ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und
+knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen
+gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen
+verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken
+oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer
+Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen.
+
+Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er
+dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals
+die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das
+Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem
+Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem
+Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in
+der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es
+habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen
+Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen
+Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.
+
+Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so
+wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf
+den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte
+ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn
+ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes
+Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah
+hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und
+bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen.
+
+Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen.
+Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die
+nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in
+der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als
+Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt.
+Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das
+Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre
+zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen
+wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen
+kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte
+ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung
+erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine
+Sekunde lang auf seine Schulter.
+
+Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von
+seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie
+habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da
+zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu
+zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn
+man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert,
+daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß
+er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen.
+
+»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf
+beschwörend.
+
+Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus
+behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen,
+wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.«
+
+»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf.
+
+Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns
+nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen,
+fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So
+sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie
+verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren
+es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein
+Freund ist.
+
+Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich
+möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich
+möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt
+und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig
+sein und sich demütigen.
+
+So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den
+Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und
+Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte,
+angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn
+die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu
+verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte
+sie den Überlieferungen ihrer Kaste.
+
+Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich
+vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.
+
+Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu
+Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene
+Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung.
+Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde
+Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig
+geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt,
+und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen.
+
+Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte
+ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg
+erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord
+Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort
+berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie
+dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so
+daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche
+Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall.
+
+Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt
+nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag
+habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt,
+deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den
+Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem
+Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur.
+Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre
+Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff;
+Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter
+Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu
+ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu
+Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor
+Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich
+Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte,
+andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer
+häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen,
+und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren
+lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in
+seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als
+Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu
+ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie
+die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben
+müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen
+schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte.
+
+Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht
+wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes
+Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen;
+jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an;
+wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben.
+
+Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er
+wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester
+verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien,
+während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen
+worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten
+die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie
+einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede
+stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege.
+
+Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube
+es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei
+glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das
+Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und
+Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht,
+keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine
+Schlechtigkeit.
+
+»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den
+Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder
+weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns
+darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der
+bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du
+eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz
+abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem
+Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen
+unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei
+zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst
+es schon erfahren.«
+
+»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht
+mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du
+in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich
+glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders.
+Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem
+Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch,
+denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr
+dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift?
+Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich
+nicht.«
+
+Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys
+bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche
+Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus
+Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt
+fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte,
+daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das
+er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten
+lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und
+sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf
+beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche
+er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm
+sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das
+Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück,
+und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit
+verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die
+ihm häßlich vorkamen wie Fratzen.
+
+Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen
+der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die
+Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne
+zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit
+abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste,
+der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er
+nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof
+seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort
+die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel
+sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé
+stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht
+ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte
+er lachend.
+
+Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten
+nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber
+ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden
+haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu
+binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt
+verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich
+spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich;
+ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß
+ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt
+deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine
+tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen.
+Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu
+bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich
+da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es
+ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und
+außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf
+deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich
+da.«
+
+Dietrich nickte, bewegt und verwundert.
+
+
+Was vermag denn ein Mensch?
+
+Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von
+einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er
+vernahm es hochaufhorchend.
+
+Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder
+andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe
+sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es
+beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie
+sich, ihm etwas daraus zu zeigen.
+
+Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was
+Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen.
+
+Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es
+handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu
+sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in
+den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr
+ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit,
+selbst die grausamste, beruhige.
+
+Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem
+unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner
+spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so
+überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er
+fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne
+Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu
+verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie
+auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein
+Recht zu haben.
+
+»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie
+hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr
+sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein
+aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen,
+dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei.
+
+Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick
+auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß
+das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten
+Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und
+Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie
+Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine
+ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern,
+wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade
+aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die
+Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe.
+
+So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich
+Dietrich naiv.
+
+»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem
+alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und
+Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine
+von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut,
+die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder
+wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr
+Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig,
+hilflos ...«
+
+Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des
+Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun
+wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand
+zu bieten.
+
+Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am
+Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte
+sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause
+gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und
+gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch
+nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs
+überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm
+Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu
+Cäcilie gedrungen sei.
+
+Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein.
+»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der
+Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in
+Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an
+Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten,
+vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher
+Befugnis?
+
+»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er.
+
+»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.«
+
+»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?«
+
+»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es
+besagen?«
+
+»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ...
+haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!«
+
+Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht
+anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es
+auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie
+sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert
+es für Sie?«
+
+Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen.
+Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen.
+Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.«
+
+Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes
+Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge
+Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen.
+Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend
+bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben
+gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.
+
+Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von
+Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu
+erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt
+sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von
+seinem Betragen denken solle?
+
+Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den
+Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen
+Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte
+auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden
+entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe
+abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem
+hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis
+entstanden.
+
+Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die
+eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune
+der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn
+ergriff.
+
+Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von
+dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt,
+die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die
+Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es
+zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.
+
+Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See
+zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer
+mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch
+wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.
+
+»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander,
+als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es
+läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und
+Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die
+schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern
+bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan
+und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und
+jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist
+falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der
+Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie
+gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und
+meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die
+gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben
+gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche
+nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die
+Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein
+anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer
+die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war
+umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das
+Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe
+und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o
+nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes
+Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es
+ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel
+hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig.
+Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht.
+Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine
+Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die
+Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas
+Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten
+oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im
+Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von
+ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den
+zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.«
+
+Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte
+hauchend: »Und Ihr Vater?«
+
+»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er
+fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend
+war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei
+Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit.
+Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer
+Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie.
+Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie
+und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir
+mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem
+Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter
+wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem
+Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch
+gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge,
+Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater
+auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem
+Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur
+fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule,
+ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen;
+vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich
+fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu
+diese Verstellung erst und dann die Freude?«
+
+»Seltsam«, flüsterte Dietrich.
+
+»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat
+keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau
+ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über
+schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt
+hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist
+er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden.
+Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt.
+Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm
+Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es
+geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in
+dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die
+Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter.
+Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem
+traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen
+und nichts anderes sonst?« -
+
+»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem
+Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ...
+verzeihen Sie ...«
+
+»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen.
+Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen,
+ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für
+Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir
+dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit
+schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür,
+daß ich nicht mehr bin - ?«
+
+»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich
+Ihnen sein, was ein Mensch vermag.«
+
+»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das:
+alles - ?«
+
+Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das
+bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die
+Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.«
+
+»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie
+wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von
+mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.«
+
+Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie
+duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar.
+Sie lächelte rätselhaft dabei.
+
+
+Bildnisse Cäcilies
+
+Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des
+öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem
+er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors
+eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu
+reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte
+Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte
+sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der
+Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre
+alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten
+Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie
+wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war
+eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was
+Grandioses.«
+
+Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus
+beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen.
+Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und
+böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich
+nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht
+Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder
+Hinab, und wisse um kein Ziel.
+
+Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene
+Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und
+gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde
+Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie
+eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster
+Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick.
+Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller
+Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei
+sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein
+gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen,
+seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in
+ihm; eine leichte süße musikalische Spannung.
+
+Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe
+gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das
+Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter
+sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in
+Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in
+beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige
+Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr
+und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau
+Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja
+vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt
+habe, oben im Kestnerschen Haus.
+
+Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur
+begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn
+man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß
+die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage
+dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie
+bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben.
+Daß du dort hausen sollst!«
+
+Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an.
+Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu
+Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen
+wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er
+ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die
+Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da
+und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein
+behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit
+Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im
+Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun
+verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar,
+drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der
+Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne.
+
+Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß
+seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen
+sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei
+Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all
+das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war
+beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie
+plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak
+sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch
+hatte man nur wenige Minuten zu gehen.
+
+Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so
+unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß
+man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze
+Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es
+noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem
+im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,«
+sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute
+Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich
+wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden,
+daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle
+mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er
+lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun
+glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen.
+
+Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer
+der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm
+vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch.
+Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an
+ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er
+wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich
+an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen
+Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der
+redete.
+
+Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf
+Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht
+betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine
+Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte
+Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie
+flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists
+Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so,
+in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit
+ihr.«
+
+»Mit ihr? mit ...?«
+
+»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen
+auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch
+gemerkt; sie war ganz verstört.«
+
+»Und was will er damit?«
+
+»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die
+Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der
+einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist
+unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein,
+plötzlich packt er einen, und man ist verloren.«
+
+»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?«
+
+»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors
+Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine
+Opfer.«
+
+Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er
+empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu
+bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an
+sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in
+Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie
+habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe
+verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich.
+
+In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen
+Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu
+ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das
+Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten,
+Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in
+Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf
+ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der
+Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt
+zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder!
+erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn
+versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer
+Wust von Sinnlosigkeit.
+
+Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese
+eine Nacht, sondern in vielen Nächten.
+
+Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna
+vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung.
+»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was
+drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe
+Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu
+verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser
+Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?«
+fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst
+du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht
+mich mürb, es macht mich krank.«
+
+Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft
+und bittend.
+
+Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat,
+legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie
+zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er
+inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende
+Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die
+ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war,
+weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden
+Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht
+Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der
+subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom
+Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und
+Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache
+bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein
+erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und
+von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis
+glüht ihnen ein Gnadenlicht auf.
+
+Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies
+Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von
+Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es
+war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt.
+Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe,
+für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie
+gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob
+sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie
+oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme
+gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich
+gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere
+Worte und Wendungen gebraucht habe und welche.
+
+Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch,
+ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie
+einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche,
+kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das
+gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über
+ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie
+immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen;
+stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor
+Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens
+würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die
+Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie
+selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen
+Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am
+einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre
+innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht.
+Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten
+Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen
+auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle
+Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren
+Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen,
+weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie
+täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und
+Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr
+Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit
+erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte.
+
+Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen,
+erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man
+sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch,
+sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie
+wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr
+auch gelungen.
+
+Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden
+genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und
+man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch
+dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier
+scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber
+sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei
+ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.
+
+Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten
+Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger
+Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf
+in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt
+um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und
+fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies
+verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie
+wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an
+Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein
+großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der
+Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur
+weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk
+und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ
+der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer
+illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein
+rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja
+bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt
+hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle
+sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten
+Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie
+müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde
+ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter
+seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die
+Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt.
+Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe
+keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und
+zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu
+haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung
+verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor
+Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von
+Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die
+Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde
+verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört.
+
+Dietrich lauschte, lauschte.
+
+Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar.
+Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft,
+Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in
+allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es
+ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich
+halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um
+dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen
+stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst
+du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige
+Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du
+nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und
+einem Schemen, dann sollst dus büßen.
+
+Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer
+ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine
+Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort
+siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.
+
+Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede
+Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer
+Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen
+Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er
+geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte
+den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür
+hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick
+ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die
+herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie
+gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier
+abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch
+setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte
+ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das
+Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht,
+kostbar und wichtig.
+
+Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies
+mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte
+Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem
+fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus
+den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die
+Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen
+hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im
+Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein
+kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und
+Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt
+derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit
+musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling;
+der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er
+sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme
+nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu
+finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige
+er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich
+bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen.
+
+Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte
+empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild
+angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er;
+»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn
+zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas
+Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie
+hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie
+hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm
+grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem
+Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern
+ist.«
+
+Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete
+sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube,
+was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?«
+
+»Du? du bist ...«
+
+»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf
+seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig
+nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des
+Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert
+haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs
+zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an
+Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein
+Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein.
+
+»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für
+Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide
+geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten.
+Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem
+Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat
+standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie
+gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein
+Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem
+Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit
+dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im
+Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du
+schweigst? Du siehst mich an?«
+
+Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt.
+Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften
+Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß
+sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er
+erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den
+sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.
+
+
+Verdacht
+
+Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die ihm das
+Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel
+auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert
+Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten
+Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. Es ist dies
+innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglück, das die
+angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine
+Schwester des Selbstmörders in der Anstalt des Professors Landgraf
+unheilbarem Wahnsinn verfallen ist.
+
+Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die Worte an. Er
+ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden
+Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschöpfte sich in der
+Einbildung von Gesprächen und Situationen. Mit Hanna war er erst für den
+Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend
+angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen,
+als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die
+den Tod Hubert Gottliebens meldete.
+
+»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich habs auch heut
+morgen erst gelesen.«
+
+»Und hast vorher nicht darum gewußt?«
+
+»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb fragst du?«
+
+»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?«
+
+»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß man mich verhört,«
+erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich sagen will, sag ich, was ich
+verschweigen will, verschweig ich.«
+
+»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen
+hast seit jenem letzten Nachmittag am See?«
+
+Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. Ich hab ihn
+seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, daß
+er seinem Leben ein Ende machen will.«
+
+»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem
+schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts
+erfahren?«
+
+Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, schloß die Augen
+und fing nach einer Weile zu sprechen an: »Er kam am zweiten Tag nach
+dem Begräbnis bei Nacht aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich
+aus dem Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr
+nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so
+verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu
+beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich.
+Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum?
+Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und stöhnte:
+warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt ichs nur nicht mehr hören.
+Auf einmal sprang er auf und stürzte fort, war spurlos in der Finsternis
+verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem
+Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei Wochen später.
+Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden
+gekommen; Cäcilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich
+werde dir gleich erzählen, was für ein Wort das war; er könne den Tag
+nicht mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel mehr,
+er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mußt du
+wissen, was vorher gewesen war.«
+
+Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete groß die Augen
+und fuhr fort: »Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil
+die Gerüchte über seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm
+gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben.
+Bettines Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand
+Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit über den
+Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein öffentlicher Skandal die Folge
+wäre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem
+Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester
+schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte ihn mein
+Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein
+Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat
+er ja eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige
+und edeldenkende Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung bat.
+Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater,
+er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch
+bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren
+Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden
+linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war,
+kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen
+Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater
+hatte plötzlich erklärt, ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie
+aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei
+Neckargemünd. Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, war Bettine
+weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt
+nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die
+Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt
+Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel bleiben, ich empfange
+ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die
+Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein
+Glück. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst,
+muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir sprechen.
+Ein trübes Kapitel.«
+
+Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über das Gesicht.
+Dietrich war näher zu ihr herangerückt und klammerte sich mit den Augen
+förmlich an ihr fest. Sie begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte
+sie der Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die
+Verbindungswege; er hat es später bereut; die Freundschaft, die sich
+zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht
+voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in besonderer Weise an.
+Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt
+viele solche junge Wesen. Die eine Hälfte von ihr war durch und durch
+verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden
+Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die
+andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war
+ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer
+prüden, bigotten Erzieherin, gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das
+Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir
+eröffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich
+preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, und es waren
+oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht
+länger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater
+vorging. Sie war völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne
+moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu allem.
+Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie betete Cäcilie an; ihr
+Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie
+sich hinwarf, um Cäcilies Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht,
+der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten,
+bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten
+Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte beständig Angst um
+sie, beständig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie körperlich
+auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da
+drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie an
+ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu
+nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete
+sie sich mit versträhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu
+fürchten; am dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging,
+ich überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin
+auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand
+auf, holte Wäsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nähen an.
+Es scheint, daß Cäcilies Gegenwart in ihr das Gelüst nach
+Selbstpeinigung erweckt und bestärkt hat.«
+
+Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Müdigkeit war
+in ihren Zügen.
+
+»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte Dietrich flüsternd.
+
+»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das
+Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat
+mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein
+Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache
+natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche
+Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge
+sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die
+Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur
+Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in
+seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich
+erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines
+Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich
+fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach
+Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu
+der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre
+Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten
+will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt,
+darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend.
+Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle
+stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen,
+aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins.
+Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt
+mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich
+fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht
+morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun
+abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ,
+daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert
+Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich
+mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll
+Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und
+Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die
+Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem
+so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit
+hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich
+aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging.
+Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem
+Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei,
+und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil
+sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will,
+tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit
+welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und
+Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er
+mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt,
+abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben.
+Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine
+Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der
+Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger
+und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich
+gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das
+hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir
+sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es
+zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken.
+Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr
+Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte,
+und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts
+Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft
+beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam,
+und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er
+immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal,
+denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht
+sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie
+die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von
+Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte
+September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern
+Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß
+und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft
+suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die
+ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte
+hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte
+mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert;
+bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den
+Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die
+Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für
+den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung
+bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese
+Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang
+brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings
+mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle,
+daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie
+richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit
+allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich
+nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe
+gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte,
+ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe,
+daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete
+unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...«
+
+Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte
+Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang
+hinunterrollt.«
+
+»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte
+mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es
+hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich
+wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben.
+Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür
+noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?«
+
+»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms
+dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.«
+
+Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf
+die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie.
+
+In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn
+unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit
+seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er
+dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines
+geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein
+alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er
+die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute,
+sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein
+Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt
+war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an
+die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine;
+nur eine nimm und vergiß die andere nicht ...
+
+Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine
+Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und
+unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die
+Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und
+sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf.
+»Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder:
+»Hanna.«
+
+Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im
+aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu
+gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo
+sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und
+empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte,
+Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich,
+diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus,
+schlagen einen Ton an, - man schämt sich krank.«
+
+Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke
+oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte
+er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter,
+so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit
+anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.«
+
+Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm,
+als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte
+noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen.
+Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an
+dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen.
+
+Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte
+sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit
+einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch
+seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den
+Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie
+langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen
+bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver
+hergegeben hat?«
+
+»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf.
+
+»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.«
+
+»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...«
+
+»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.«
+
+Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den
+Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er
+fast.
+
+»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau
+Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es
+seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die
+Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im
+Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn
+Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie
+fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen
+neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der
+Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich
+genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber
+gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich
+natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich
+daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen
+davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme
+Kind unter dem Gedanken leidet.«
+
+»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist
+möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie
+hat viele Tiefen.«
+
+Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom
+Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum
+Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite
+nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft
+zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das
+Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit
+Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher,
+und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es
+ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem
+Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer
+auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem
+Beil ...«
+
+Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder
+wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich,
+die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht
+gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so
+beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging
+und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden
+Gesichte.
+
+Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse,
+wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas
+studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war,
+wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich,
+»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.«
+
+Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos
+vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände
+auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich
+auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet
+leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich
+dich nur offen aus. Was denkst du?«
+
+Aber Dietrich schwieg.
+
+Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte
+er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich
+einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor.
+
+Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig
+hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen
+für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an.
+
+
+Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen
+
+Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer
+Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß
+gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo
+alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich
+nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf
+die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von
+seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu
+antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch,
+aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen
+Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so
+Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr
+Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in
+die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl
+für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich
+des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem
+Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu
+viele Ungewißheit bedränge ihn.
+
+Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie
+sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht
+Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge
+zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres
+Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen
+habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe,
+müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung
+für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und
+nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle
+sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer
+plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen;
+zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den
+Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten
+gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der
+betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft.
+Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter
+gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen.
+Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede
+gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole
+Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es
+herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein
+Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte
+Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und
+fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu
+greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu
+suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens
+und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit
+meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich,
+Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten
+Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst
+die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist
+mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell,
+möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage
+vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin
+ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich,
+Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.«
+
+Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus
+seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er
+dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß
+sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner.
+Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem
+Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das
+lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre
+Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart
+wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im
+Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem
+Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie
+Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob
+etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders
+haben wolle, als er sei?
+
+Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du
+nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns
+wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem
+Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die
+Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles.
+Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen?
+Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses
+sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit
+deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre,
+sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die
+zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich
+habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich
+werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft
+wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer
+sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an
+dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz,
+denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der
+Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon
+gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das
+sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf
+dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so
+sollst du mich in deinem Sinn bewahren.«
+
+War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck
+erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur
+Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind
+nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem
+Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse
+aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den
+Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und
+als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht.
+Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den
+Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe
+kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar
+Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt
+gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er
+zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian
+befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem
+Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner
+Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und
+einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er
+gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen,
+aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das
+ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht
+müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet,
+gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet
+und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich
+begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists
+Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt
+mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie,
+so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du
+bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und
+sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles
+Geredete wird Lüge.«
+
+So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das
+aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna
+beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und
+freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich
+geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er
+schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm,
+was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das
+Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder
+Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war
+neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis,
+Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze
+Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt
+verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer
+Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend
+gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in
+rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung.
+
+Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht
+angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich
+auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich
+hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen,
+das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes
+Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in
+die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er
+sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen
+Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse
+sie wieder zu ihm.
+
+Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume
+gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.
+
+Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand,
+die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme
+redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch
+welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne
+sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er
+den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über
+ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die
+Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war
+nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses,
+nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie
+gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas
+wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase,
+aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine
+Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen
+geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu
+rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen.
+Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm
+nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich
+ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem
+Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er
+sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt,
+wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja
+da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch
+auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut;
+sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich
+seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer
+Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus
+dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß,
+dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf
+ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr
+aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben
+selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen,
+Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden
+Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat,
+so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der
+Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf
+welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm,
+unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war,
+der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in
+verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn.
+Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem
+furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.
+
+Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es
+ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog.
+Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich,
+ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten
+Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der
+Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der
+Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte
+Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben
+gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm
+die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn
+traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er
+wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen
+mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn
+auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch
+als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick
+durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er
+von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun
+Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von
+diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in
+das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er
+absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.
+
+Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer
+aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im
+letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie.
+
+
+Die Schläferin
+
+Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein
+Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden,
+die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel.
+Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken
+war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm
+die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten
+sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er
+ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ
+die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was
+die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das
+Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen
+Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen
+lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in
+ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt
+mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an
+der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und
+wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn,
+nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis
+zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm
+sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu
+machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende
+des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken?
+Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes
+Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit.
+
+Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen,
+wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines
+Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor
+Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der
+Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade
+von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden
+die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner
+Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit
+der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es
+bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die
+unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis
+und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das
+Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge
+im psychischen Leben.
+
+Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre
+Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr
+oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen,
+die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig
+in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen
+sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der
+schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in
+verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie
+im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der
+Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im
+sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser
+und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und
+Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade
+nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen.
+Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in
+der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier
+scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle
+vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht
+mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist
+ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die
+schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge
+Wissenschaft heute zu lösen habe.
+
+Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte
+sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an
+mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von
+achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich
+sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich
+weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir
+lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu,
+daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube?
+Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen
+braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen
+straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse,
+was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt
+voller falscher Boten?
+
+Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum
+Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich
+hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen
+in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt
+aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille
+versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer
+Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen
+Herr werden konnte.
+
+Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich
+gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor
+Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das
+Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen
+gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als
+Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht
+abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre
+Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von
+Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten,
+andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge
+stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde
+Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach
+Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem
+disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe.
+
+Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken,
+daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen,
+aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier
+enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um
+es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie
+sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald
+aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle
+er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er
+sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische
+darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch
+auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast
+sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte
+er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat,
+ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich:
+»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich
+zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf
+geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe.
+Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich
+lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?«
+
+Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl;
+ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren
+Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen
+Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel
+an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es
+ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern
+auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein
+Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den
+Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele
+unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine
+Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und
+einer verhilft dem andern zum Frieden.«
+
+Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht
+mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln,
+wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er
+mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da
+spür ich mich doch unzerstückt und ganz.«
+
+In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um
+Widerspruch verlegen.
+
+Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über
+Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die
+alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl;
+in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte,
+ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht
+Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen;
+Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer
+auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen
+wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander
+bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es
+ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen
+wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach
+dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern
+Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die
+Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und
+schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette
+jemand liegen. Es war Hanna.
+
+Sie schlief.
+
+Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des
+Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören
+können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre
+Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur
+Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals,
+in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte
+Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze
+Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die
+eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was
+Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang
+und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit
+war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle
+häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die
+schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur
+einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich,
+sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das
+Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.
+
+Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie
+erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte
+gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den
+Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen.
+Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche
+Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus
+Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm
+verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt
+er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch
+zweifelnd, sah er die Schlafende an.
+
+Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne
+Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile
+gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich
+nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.«
+Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast,
+von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich
+weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie
+Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es
+wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn
+zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt,
+halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie
+bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus
+nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör
+mich an.«
+
+
+Beichte
+
+Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der
+Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte
+zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf
+der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war
+ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht
+gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen.
+
+Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom
+Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem
+Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann
+nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist.
+Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie
+nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens
+war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn
+heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit,
+da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß
+also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte
+sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal
+bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf
+dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie
+sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit
+tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm
+sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser,
+er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie
+es mit mir steht.
+
+Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie
+es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja
+geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in
+mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit
+einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines
+Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn.
+Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend
+als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue
+Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen
+vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand
+dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes
+schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede
+starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall
+aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich
+für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding,
+das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche
+genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres
+Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es
+Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das
+Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe
+reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar
+nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit;
+Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie
+kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste
+Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort
+aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und
+abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf
+ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu
+prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon
+das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein
+kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte
+Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst
+das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch
+aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein
+Krüppel.«
+
+Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß
+sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein
+Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls.
+»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon
+ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die
+Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich
+gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten,
+wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes
+Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg
+einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist
+Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der
+schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir
+noch einmal deine Hand.«
+
+Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein
+ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei
+Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen,
+wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht,
+empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über
+allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm
+war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er
+verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen
+hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer
+und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte
+sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man
+sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm
+bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und
+anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel
+auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er
+gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien
+sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an
+wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor
+zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr
+bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher
+und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus,
+in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften
+Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es
+nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen;
+unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und
+was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg,
+schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs
+zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die
+Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf
+erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer
+wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis
+zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch
+unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich
+sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere
+Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf
+ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes
+Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn
+bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen,
+gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner
+Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre
+alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur
+weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde.
+Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm;
+er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen
+Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich
+bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch
+nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden
+ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war
+ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete
+Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben,
+und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten
+gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben
+von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich
+die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte,
+sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der
+Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten
+Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und
+Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung
+und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie
+sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen;
+Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein
+unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die
+Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem
+fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht
+versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen
+Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das
+nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists
+zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein,
+nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem
+zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot
+geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich
+emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war
+er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich
+keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu
+viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische
+Geheimnis verraten.«
+
+Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie
+weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu
+machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und
+Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein
+ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel
+Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden.
+Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war,
+mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines
+Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein
+Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch
+und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich
+konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr.
+Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis
+verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei
+ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war?
+So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein
+Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo
+ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie.
+Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle.
+Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu
+denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte
+sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen
+wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie
+durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist
+ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren
+in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von
+Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein
+Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung,
+Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der
+Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten,
+die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er
+wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits
+vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten
+auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin,
+mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß
+ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf
+der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein
+Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn
+geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und
+halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein
+Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht
+aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er
+kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte
+und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein
+Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann.
+Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie.
+Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt
+ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann
+mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich
+fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen,
+das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte
+Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur
+nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich
+auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel
+sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne
+wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig.
+Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe
+gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.«
+
+Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen.
+Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er
+setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten
+Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager
+zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte
+die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann.
+
+Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her
+gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem
+weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes,
+seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als
+ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie
+gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des
+donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es
+hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des
+Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos.
+Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum
+zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag
+dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die
+andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm.
+Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der
+aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben
+zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der
+du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund!
+Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch
+einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren.
+
+Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt
+ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte
+sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und
+kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der
+Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen;
+mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung.
+
+Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam
+an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und
+schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit
+geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab,
+berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann
+schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen
+war es schon Tag.
+
+
+»Ich komme«
+
+Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer
+und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde
+geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem
+Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich
+telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein.
+
+Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt
+berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von
+Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne
+wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief
+günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden.
+In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im
+Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen.
+
+Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit
+erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende
+Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre
+Hand auf seine.
+
+Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer
+Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt.
+Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher
+stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war
+entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen
+herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene
+keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu
+verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch
+Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der
+Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener
+das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte
+da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer.
+
+So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne
+Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem
+Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später
+Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch
+Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und
+Geistesrecht in sich selber.
+
+Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte
+es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester
+erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die
+Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon
+weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von
+Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war,
+mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für
+ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten.
+
+Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich
+nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem
+sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte
+Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit
+ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai
+kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein
+heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er
+ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys
+allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle
+zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als
+Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys
+riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die
+Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu
+fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an
+Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene
+delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu
+besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.
+
+Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte
+die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche
+später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei
+Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr
+das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein,
+versprach Georg Mathys Dorine.
+
+Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde
+ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die
+Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof,
+weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein
+Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach
+einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von
+Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die
+Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie
+zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr
+an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin
+bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen
+mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten.
+
+Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß,
+streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf
+Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme
+aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest.
+Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte
+er nicht.
+
+Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung
+war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich
+schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender
+verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei
+köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter
+drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers
+aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen
+gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs
+Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal
+bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die
+Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute.
+
+Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem
+festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der,
+ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es
+war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über
+ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte
+für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau;
+während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und
+lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf
+den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das
+blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen,
+jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer
+zurück. Da stand Lucian vor ihm.
+
+»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns
+zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft
+gedacht? Bist du noch, der du warst?«
+
+Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die
+Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn.
+Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein,
+der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er.
+
+Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja
+nicht ...«
+
+Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen
+nötig ist, weiß ich.«
+
+Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu
+erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe
+schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.«
+
+»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte
+Lucian stirnrunzelnd.
+
+»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit
+einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo
+alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich
+dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch
+nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?«
+
+»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du
+hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider
+gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben
+noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine
+Seele verkauft.«
+
+Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg.
+
+»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian
+fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der
+trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz,
+was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische
+Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft,
+daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem
+Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle
+fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt,
+Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem
+Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten.
+Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der
+geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den
+ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit
+abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.«
+
+»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und
+schaute Lucian groß an.
+
+»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort,
+»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und
+enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem
+vollen Umfang zu begreifen.«
+
+»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn
+du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du
+meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht
+unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht
+ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein
+heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt
+ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber
+laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du
+siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir
+stehe.«
+
+Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das
+Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah
+Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete
+er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat
+seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst
+du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt,
+entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu
+verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt
+unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an,
+fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und
+erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich
+sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein
+Mensch ist nicht mehr da.«
+
+Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist
+sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum
+nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er
+gibt mir Steine.
+
+Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus.
+Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er
+trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit
+brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die
+vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei
+spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein
+wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg
+Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine
+Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere
+in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf
+erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!«
+
+Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er
+antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und
+rief zurück: »Ich komme.«
+
+
+
+
+Sturreganz
+
+
+Meiner Tochter Eva Agathe
+
+
+Die Bedrängnis
+
+Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen
+Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der
+nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber
+immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr
+übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles
+jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine
+freundliche Stunde mehr beschieden war.
+
+Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und
+Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des
+Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer
+Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der
+ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle
+Hyppolite Clairon.
+
+Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen
+siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe
+vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das
+Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte
+Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und
+alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue
+Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu
+beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant
+raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und
+Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit
+ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und
+Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein
+Bethaus um Mitternacht.
+
+Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen,
+einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten
+Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats
+und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum
+gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der
+irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in
+Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu
+sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine
+Steuern entrichte.
+
+Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher
+vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte
+abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger.
+Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem
+Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende
+Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei
+Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist,
+ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier
+Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und
+siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder
+hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht
+bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich
+verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit.
+
+Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig
+Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und
+fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant
+vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein
+Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten,
+Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu
+schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge,
+hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern
+Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich
+erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der
+Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und
+politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am
+Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte,
+die im Dunkeln schliefen.
+
+Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und
+Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister,
+Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren,
+Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an
+exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches
+Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an
+Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine
+Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner
+die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen
+ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum
+eine menschliche Behausung im Lande.
+
+Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein
+Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell
+forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu
+jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung,
+Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen.
+Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und
+Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin.
+Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren
+hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still.
+Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von
+Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte
+Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister
+wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen.
+Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im
+Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die
+markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über
+geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige
+besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen
+Fenstergittern huschen.
+
+Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer,
+dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre
+Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von
+Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und
+hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in
+seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan
+unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen
+und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls.
+Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der
+obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die
+aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half.
+
+Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben.
+Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen
+der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der
+Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und
+Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen,
+das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den
+Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den
+Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend
+und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich
+schon ekelnd sein Mund.
+
+Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten
+Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen.
+Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten.
+Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht
+zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!
+
+
+Was zur Abhilfe geschah
+
+Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto
+eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens
+war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das
+Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages
+mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen
+verschwand.
+
+Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen
+zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des
+dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen
+wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine
+Maus im Magen eines Mastodonts.
+
+Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß
+Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend
+Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im
+Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen.
+
+Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur
+Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man
+doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch
+in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden
+Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im
+Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta,
+entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser
+Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle
+Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter
+Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den
+berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen.
+
+Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen
+davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen
+Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige
+Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung,
+Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum
+nächsten Galadiner übergangen.
+
+Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf,
+Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich
+großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem
+markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates
+zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel
+erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra,
+Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady,
+konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister
+wurde für sechs Monate vom Hof verbannt.
+
+Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben.
+Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das
+Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die
+Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden
+Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr
+Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle
+einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über
+das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die
+blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung,
+daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die
+Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher
+Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte.
+
+In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter.
+
+Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich.
+Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt
+gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch
+hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das
+Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung
+als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen
+Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann
+man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er
+war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von
+unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren
+ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm
+der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen
+Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten
+Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine
+Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene
+Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich
+die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen
+wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere
+Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner
+Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die
+bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen,
+und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer
+anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende
+vorzuziehen sei.
+
+Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden,
+und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer
+Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten
+allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen
+Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land,
+Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu
+genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine
+Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien
+unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche,
+Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an
+dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich
+ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je
+geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in
+aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das
+gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei
+dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche
+Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis
+sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero
+unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem
+Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des
+Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach
+Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es
+Geldverlegenheiten geben sollte.«
+
+Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen
+an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie
+hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu
+besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches
+Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche
+keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh.
+Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf
+das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und
+philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die
+Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war
+es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack
+die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?
+
+Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit
+ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den
+verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener
+Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen
+Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes
+triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager
+gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das
+nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und
+zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des
+Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft
+nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.
+
+Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel
+widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es,
+wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen
+Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am
+zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem
+Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu
+grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen
+Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die
+Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört
+wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und
+unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die
+Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr
+von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr
+von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern
+belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber
+hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine
+Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es
+den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu
+schalten.
+
+Die Jasager verbeugten sich tief.
+
+Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die
+Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung
+man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige
+Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge
+vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und
+mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf:
+beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder
+solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk,
+Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und
+Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge
+Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz
+aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die
+Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die
+Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten,
+wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und
+stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten
+Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren
+Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen,
+halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter
+Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch
+gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte.
+Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen,
+sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
+
+Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die
+Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den
+Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn
+Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere
+Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des
+Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer.
+Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum
+Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber
+mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten
+erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim
+erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen.
+Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf
+den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter.
+
+Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die
+meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf.
+Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal
+hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und
+dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder
+Piquet.
+
+Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen
+stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche
+Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den
+Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur
+Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches
+Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse
+sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das
+langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war,
+Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so
+selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das
+einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als
+ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil
+künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten
+immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der
+Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten
+Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie
+bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung
+auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen.
+
+Die Jasager lächelten entzückt.
+
+
+Episode
+
+Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube,
+ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar
+geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden
+oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im
+kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung
+gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit
+Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil
+er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die
+bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen
+lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte
+er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung
+nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in
+der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen
+Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur
+Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die
+Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie
+ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider
+unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet
+war.
+
+Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter
+als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof
+zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie
+häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des
+Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum
+Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der
+Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde
+dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht
+gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte
+das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die
+Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten.
+Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein
+Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und
+die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge
+hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie
+die Gedanken darüber nicht heiterer machte.
+
+Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge
+eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter
+verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus,
+und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn
+er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig,
+und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle
+#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit
+Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte
+den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine
+Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der
+Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel
+auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter
+sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die
+zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir
+schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem
+gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists
+unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm
+die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und
+glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch
+war die schwere Stunde ihres Leibes nah.
+
+In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in
+die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen
+waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes
+Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund,
+und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe
+nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das
+setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war
+leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die
+Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust
+haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch
+gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der
+Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an
+zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die
+Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in
+den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft,
+deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr
+Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die
+führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte
+abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf
+ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist
+wenigstens mal ein Lustiger.«
+
+Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden,
+hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der
+jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei
+Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres
+Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte
+nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein
+kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen,
+blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei
+seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen
+Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit
+Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm
+geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete
+er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe,
+und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen
+Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine
+Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle
+Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß
+man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux#
+beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert
+würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem
+Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.
+
+Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer
+höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit
+verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend
+verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.
+
+Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der
+Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem
+Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon
+der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten.
+Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor.
+Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf
+Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und
+Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten
+und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten
+Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit
+strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche
+Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut
+waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt
+wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit
+geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den
+Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den
+entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem
+Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde,
+daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und
+sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom.
+Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so
+war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein
+Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.
+
+Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten.
+Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen
+Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde
+geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn
+das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen.
+Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen
+werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang
+des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block
+verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben
+würde.
+
+Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen,
+kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die
+Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die
+Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne
+heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche
+Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der
+andern im Auge hat.
+
+Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf
+sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die
+Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht
+lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie
+entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des
+Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm
+umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle
+er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt
+nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er
+grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.«
+
+Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter
+ergab, war auch nicht erfreulich.
+
+
+Chronica
+
+Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der
+Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines
+übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe
+Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er
+ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen
+Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen
+gemäße Glückszustand inkarniert habe.
+
+Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte
+nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er
+hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem
+Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms
+und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe
+Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf
+Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst
+und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune.
+
+Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei,
+heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er
+dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er
+im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann
+er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte
+er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf
+eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein
+Stallbursch die Krätze bekam.
+
+Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den
+angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich
+hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld
+schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die
+kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit
+ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die
+Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und
+verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und
+schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase,
+so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen
+für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln.
+Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden
+Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden
+Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile
+halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz.
+Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle
+den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen.
+
+Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte
+von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord
+Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das
+ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre
+plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht.
+Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie
+in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig
+das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet
+werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in
+diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen
+worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn,
+worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres
+Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche
+wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte
+die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von
+Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit
+Stöcken an eine morsche Tür trommelt.
+
+Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen
+büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email
+der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin
+von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte
+einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen
+in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark
+geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die
+man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld,
+Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang,
+zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind.
+Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde
+immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all
+dem immer übellauniger.
+
+Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie
+lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen
+Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in
+denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf
+einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden;
+sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von
+Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig
+um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens;
+Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln
+Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter,
+Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind
+geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr
+versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei.
+
+Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu
+entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre
+Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu
+lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller
+Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da
+hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den
+Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der
+beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins
+Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die
+das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und
+ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und
+Totentanz.
+
+Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater
+Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches
+Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm;
+der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel,
+und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten,
+stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum,
+brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich
+schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen.
+
+Lady Craven kicherte.
+
+Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden
+in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England
+überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der
+Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die
+Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier,
+falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und
+sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und
+als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte
+unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum,
+der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter
+hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg
+den Kopf abhackte.
+
+Die Lady schauderte.
+
+Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch
+schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre
+Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten
+versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge
+Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die
+Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit
+Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war
+bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte
+er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des
+schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im
+Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die
+Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der
+Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die
+unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr
+ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft.
+
+Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der
+hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung
+und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das
+Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob
+es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes
+Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann
+knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die
+Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken
+sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde;
+doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete
+griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe
+entgegennahm.
+
+Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte
+leise vor sich hin: »Kri-Kri«.
+
+
+Maßregeln eines Philanthropen
+
+Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich
+demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld
+ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten,
+Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die
+Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu
+befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat
+leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche
+Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit
+geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine
+Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten,
+keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit
+ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße
+Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen
+verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer
+Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk
+sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen
+versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen
+Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher
+hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen
+Wandel neue Unzufriedenheit zu säen.
+
+Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich
+mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt.
+
+Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste,
+die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die
+Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue
+Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen.
+Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal
+eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen
+strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.
+
+In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und
+Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte
+mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit
+gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf
+Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters,
+bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe
+hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz.
+
+Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur
+eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu
+seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier
+brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch
+die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit.
+
+Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen,
+eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls.
+Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren
+Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer
+zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte
+sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage
+hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der
+einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen
+stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte
+sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still
+wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften,
+ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche
+nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis
+durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch
+Brummen.
+
+Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren
+bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren
+Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die
+Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren
+winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut,
+hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit
+ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der
+krank und hungrig ist.
+
+
+Die Bürger und ihre Stadt
+
+Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und
+siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie
+dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig
+gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten
+Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen
+und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und
+Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen
+dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende,
+gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder
+haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen
+straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied
+arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine
+grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen,
+Säuglinge schreien.
+
+Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es
+weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht;
+es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser
+vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu
+erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht;
+es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die
+Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren
+liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander
+verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder
+ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe
+von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und
+gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle,
+dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar
+über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche
+und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt
+in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche
+Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar
+erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm
+bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt,
+wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem
+Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der
+Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank
+sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der
+Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der
+Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige
+Trost.
+
+Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in
+Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf
+ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht
+Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr
+von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und
+den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des
+Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und
+Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern
+in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in
+Edelsteinketten.
+
+Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen-
+und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu
+strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten
+sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen
+Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von
+niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher
+Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine
+schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge
+gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas,
+feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war
+etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl
+gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen
+dafür, daß sie schwitzten und sich plagten.
+
+Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand
+verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von
+Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl,
+nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes
+verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen
+lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und
+nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner
+Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen,
+auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen
+Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die
+Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten,
+konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es
+brennt.
+
+Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen
+wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen
+gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut
+verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten
+Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum
+bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in
+ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und
+schoben die Finger zwischen die Knie.
+
+Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis.
+Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht,
+so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des
+gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang
+in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen
+Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch
+gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles
+Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die
+Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der
+Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der
+Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon
+gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die
+Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen
+das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten
+nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts
+freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und
+legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte,
+mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch,
+mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre
+Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre
+heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und
+mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes
+über dieser Stadt von Mürrischen.
+
+So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.
+
+
+Jahrmarkt
+
+Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von
+Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe,
+schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit
+schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in
+Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er
+sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine
+Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu
+haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche
+Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von
+Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden
+werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu
+entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien
+sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden,
+da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei
+Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.
+
+Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in
+einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte,
+Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen
+seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer,
+den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher
+Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz
+Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren
+konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht
+sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte
+Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte,
+seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber
+Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern,
+Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen
+Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder
+verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung.
+
+Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem
+Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner,
+Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude,
+die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter
+Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.
+
+Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen,
+murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander:
+was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre
+verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den
+Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige
+mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen
+hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis,
+daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises
+hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und
+Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von
+Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich
+heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner
+unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero
+Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches
+Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei
+Groschen, dritter Platz ein Groschen.«
+
+Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei
+und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter
+in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen
+Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen
+vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in
+den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern
+reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend,
+und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder
+fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen
+hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war
+alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet.
+
+Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz
+vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit
+sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet
+eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn
+scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über
+ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der
+Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von
+wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das
+Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und
+quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein
+Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes,
+sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu
+Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach,
+abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen.
+Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis
+zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.
+
+Gelächter!
+
+Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die
+Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden
+wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas
+völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden.
+Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein
+betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den
+Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel
+des Oktoberabends.
+
+Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit
+den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen
+in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in
+seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen
+kollerte, der Gaumen war wund.
+
+Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die
+Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein
+Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben
+im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und
+Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.
+
+Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen?
+
+Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch
+Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete,
+berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem
+Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner
+gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so
+gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung,
+die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn
+volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und
+erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche
+Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen.
+
+Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die
+Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und
+Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war,
+daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine
+beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der
+betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute
+eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben
+noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht
+dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die
+Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann
+die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings,
+ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den
+benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre
+lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen
+oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern,
+verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude
+schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine
+Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und
+picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie
+vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie
+Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann
+Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch;
+Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares
+Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als
+fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen,
+feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein
+paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie
+schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen
+einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten
+Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den
+Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter
+den Vorhang zu kommen.
+
+Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei
+Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit
+ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten
+sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde
+verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon
+aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze
+reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie
+mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es
+gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen
+Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters
+gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in
+ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren
+Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um
+Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt
+fanden.
+
+Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die
+keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem
+Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich
+nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer
+Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu
+Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger,
+Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen,
+Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern,
+Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten
+sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der
+Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom
+Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten
+immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person
+kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach
+einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar
+ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen.
+
+Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es
+bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus
+wurde.
+
+
+Unterm Mond
+
+In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte
+Wandlung geschehen.
+
+Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln
+vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus
+unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und
+gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze
+gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen
+mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein
+Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen
+auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen
+Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit
+einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt.
+Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen,
+und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung
+bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln,
+Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge
+im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit
+vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu
+zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.
+
+Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der
+unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten
+von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht
+verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo
+er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest
+und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen
+im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter,
+wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich.
+Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten
+und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich
+die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die
+Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne,
+daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer,
+Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als
+der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst
+entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und
+glückselig zumute war.
+
+Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten
+kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr
+Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern
+heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß,
+schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.
+
+Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich
+mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren
+stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen,
+niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in
+die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die
+Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert
+wie an Marktvormittagen.
+
+Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin
+beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen
+keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über
+dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht;
+als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an.
+Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte
+Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal
+eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen
+erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen
+Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn
+Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock
+eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über
+Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das
+ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den
+Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer
+Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme
+salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd
+wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor
+beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und
+machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im
+lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel;
+geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der
+Mond kam über die Dächer und wunderte sich.
+
+Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister
+Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse
+trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale;
+die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende
+wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler
+Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde
+später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an
+Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die
+Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab
+gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein
+großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und
+Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren,
+Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile.
+
+Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum
+andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten,
+Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein
+Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein
+schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz;
+einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine
+Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von
+Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende
+ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben!
+Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge
+leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das
+Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte
+oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen
+ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit
+vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und
+polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang
+antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in
+der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel.
+
+Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch
+unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es
+die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher
+Art gekommen.
+
+Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben-
+oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig
+schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der
+ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu
+haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest
+der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre
+Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und
+streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als
+wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei,
+der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft,
+so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte
+auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam
+und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer
+Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem
+Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte
+still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie
+Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und
+Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische,
+deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging
+der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes,
+und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt,
+lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm
+und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz
+einbog.
+
+Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er
+zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und
+ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht
+auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte
+sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn
+um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu
+tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der
+einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte,
+er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine
+Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste
+Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet:
+so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber.
+
+Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der
+Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas
+Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier
+und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während
+die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen,
+die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in
+die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger
+Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht
+fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen.
+Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der
+Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als
+er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer
+läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte,
+daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren,
+liefen schon von allen Seiten Leute herzu.
+
+
+Fingerling
+
+Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam,
+ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages
+kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte.
+Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel.
+
+Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch
+keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb
+einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine
+niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein
+paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf
+den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein
+Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber
+sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie
+tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem
+ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität
+leicht aufgelöst werden.
+
+Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name
+Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die
+eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der
+Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das
+Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm
+erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze
+umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum
+Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen
+Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger
+Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in
+großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht
+gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten
+und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege
+dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und
+gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so
+war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut
+bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger
+war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine
+Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu
+vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht.
+
+Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge
+gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur,
+die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die
+sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont.
+Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne
+aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu
+rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten,
+Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden
+wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche
+Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier
+waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis
+jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die
+Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt.
+
+Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte,
+ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte,
+oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt
+ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin
+musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene
+Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die
+Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das
+Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten
+bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen
+hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer
+und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die
+gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige
+Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich
+bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von
+einem Winkel in den andern schiebt und vergißt.
+
+Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war
+immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich
+am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las
+einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war
+nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der
+Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu
+erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer
+noch als selbst die letzte.
+
+Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene
+Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen
+Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen.
+Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun.
+Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der
+gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem
+winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so
+dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen
+Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten
+Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in
+einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren,
+vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle
+kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so
+war sie entschlüpft, eh er es recht wußte.
+
+Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue
+kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die
+Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und
+Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie
+der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war
+es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte,
+zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die
+Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd
+war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung
+heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur,
+was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die
+Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt.
+
+Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte
+sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer
+überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre
+Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach
+gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der
+Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe,
+das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine
+gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in
+den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur
+Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas
+unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen
+mehr gab.
+
+Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal
+krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und
+am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der
+Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze
+hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und
+her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen
+beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im
+ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine
+zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich
+der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige
+Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten
+sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen
+Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine
+fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der
+noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte.
+
+Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend,
+als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch
+ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften
+die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend
+und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie
+hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln,
+Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden
+Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her
+huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der
+Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte
+sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern.
+
+Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich
+niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit,
+sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie
+auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den
+vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die
+geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin,
+die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das
+sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder
+und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine
+unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen
+folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und
+schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du
+sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich
+nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich
+von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen,
+mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann.
+Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte,
+erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause
+wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes
+verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand
+von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende
+Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof,
+im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln,
+benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen
+lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte
+es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von
+einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen
+Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem
+feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend
+feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht
+und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren
+hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der
+ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.
+
+Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand
+darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach
+erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute
+Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte
+die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war
+mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke
+durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung,
+und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos
+wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen.
+Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und
+gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und
+später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit
+Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts
+einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette
+namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf
+über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich
+Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod
+des Mädchens herbei.
+
+Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der
+Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm
+Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige
+Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut
+ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu
+bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und
+aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das
+Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem
+Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr
+viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der
+letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit
+und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der
+lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das
+unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter
+erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung
+jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte
+Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst
+allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war;
+Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und
+durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig
+zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich
+abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult
+hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte,
+war sein Plan so gut wie fertig.
+
+Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem
+Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung.
+Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben
+übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind
+namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr
+im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur
+selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im
+Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig
+Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.
+
+Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich
+nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er
+dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm
+bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind
+vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn,
+wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im
+Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere
+Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der
+Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete
+Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten,
+das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut
+schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz
+und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und
+furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit
+des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als
+daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das
+Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst
+unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu
+schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche
+Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel
+zudrehte.
+
+Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube,
+und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst
+nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der
+Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der
+Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute
+im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie
+Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden,
+vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte,
+daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder
+Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es:
+Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.
+
+So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus.
+
+
+Die Beiden
+
+Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als
+bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es
+vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre
+Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf
+gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles
+Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu
+erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm
+vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft.
+
+Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot
+und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an
+Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem
+Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen
+Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine
+Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und
+Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren,
+leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er
+nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das
+Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im
+Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende,
+Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen
+Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen
+die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von
+Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort,
+der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich
+aus.
+
+Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen
+hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer
+porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige
+Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen
+Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in
+ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene
+von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen
+werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte
+Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit
+lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz,
+die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war
+das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte,
+entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und
+des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg;
+Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der
+heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte,
+arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht
+in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er
+in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung
+und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und
+Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein
+schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit
+war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern
+erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die
+Doppelheit der Existenz nicht selten lästig.
+
+Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei
+dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es
+beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung
+vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns;
+Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in
+jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit.
+
+Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter
+gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings-
+und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen
+durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz,
+unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen
+Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und
+der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten.
+
+Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz
+und Taube.
+
+
+Höflichkeit wird Grausen
+
+Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz
+den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem
+Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung
+fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war,
+trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit
+geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und
+erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar;
+sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch
+Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm
+das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem
+Institut ein, der ihm wohlbekannt war.
+
+Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und
+Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber
+keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich
+niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite
+des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich
+durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine
+Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen
+und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener
+solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies
+gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe
+Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten,
+gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen
+Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen
+begann.
+
+»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos
+verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust
+den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß
+einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die
+Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend
+zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah
+sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt,
+das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus
+anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter
+ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling,
+Beckchen Taube.
+
+Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute
+der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten
+geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die
+Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher,
+gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«.
+
+Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes
+traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine
+unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und
+antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich
+noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen,
+weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten
+Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht;
+Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm,
+flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor
+sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung;
+verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal
+fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal
+aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte
+zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen
+an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen,
+rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon
+aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die
+jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit
+lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank;
+die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es
+entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf
+dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer
+Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her.
+
+Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der
+Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches
+Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage
+schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war
+strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das
+Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach
+der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er
+durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des
+Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den
+Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz' Diener, der halb von
+Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens
+seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen,
+doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit
+drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen.
+Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem
+sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte,
+begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und
+Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof.
+
+Dort hatte das Erscheinen Sturreganz' mit dem Mäusezug hinter sich
+ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der
+Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen
+herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die
+Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten
+auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen
+der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit
+entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm
+das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in
+einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß
+dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen
+und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum
+hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen
+Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern
+behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine
+Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte
+Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem
+Mund.
+
+Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie
+Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf
+dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare
+Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war
+Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche
+Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm
+die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant,
+den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen
+wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher
+ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des
+Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu
+verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß
+sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende
+zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn
+wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein
+besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es
+notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und
+hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und
+die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein
+schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt
+waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder
+schnöd durchkreuzte.
+
+Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der
+Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr
+melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er
+sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche
+Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den
+Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem
+Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den
+Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in
+Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so
+weiter; das Projekt wurde eröffnet.
+
+Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz
+sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte
+ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein
+häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte
+bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines
+italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im
+Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen,
+da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und
+versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren,
+meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits
+accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs
+sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man
+möge ihr diesen Storregammato bringen.
+
+Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz' Entlassung aus dem
+Polizeigewahrsam.
+
+Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern.
+Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um
+Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein
+über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern,
+schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete
+in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas
+verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an
+die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an
+seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig.
+
+Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf
+statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut
+das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das
+schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was
+den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war
+es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte
+Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen
+nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte
+er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein
+Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu
+bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese
+Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer
+Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie
+durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner
+Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese
+empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven
+für den andern Mittag vereinbart war.
+
+Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz
+eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm
+in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer
+Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd,
+wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war,
+der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die
+mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die
+zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt
+waren, - Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art
+die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt
+und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, - erschöpfte sich
+Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu,
+einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene
+Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er
+erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob
+es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall
+auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe.
+Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene
+Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber
+Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte
+noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen
+Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der
+ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die
+dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er
+den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor
+Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die
+exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über
+Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit
+einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber
+er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit
+verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder
+und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen;
+geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch
+Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und
+nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu
+preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte
+Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten
+Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es
+durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie
+in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie
+ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren
+Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben
+zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und
+Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße
+verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle
+Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen,
+aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe
+sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem
+außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal
+in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen
+Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine,
+boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch
+gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen
+schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten
+und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden,
+den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der
+Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und
+oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie
+fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der
+tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der
+blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis.
+Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei
+hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm
+gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen
+Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine
+Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war,
+als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu
+unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und
+leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies
+erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und
+Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft
+schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage
+üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein
+fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige
+Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros
+verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen
+Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr
+Marchese damit getan habe.
+
+Eine devote Reverenz beendigte die Rede.
+
+Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen
+Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah
+ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz
+aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich,
+dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch
+das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz
+vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem
+Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum.
+
+»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man
+müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte
+gezwungen.
+
+»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady
+Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann
+stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen
+Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll
+ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch
+unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.«
+
+
+Zwist
+
+Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter
+dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren
+gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten.
+Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis
+zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er
+könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage
+gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit
+verbreitete.
+
+Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige
+Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben
+gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der
+Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen
+Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige
+Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr
+die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie
+ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu
+vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie
+war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete.
+Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden
+ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag.
+
+Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß
+der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen
+Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über
+die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu
+machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die
+alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der
+Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre
+Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem
+traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei.
+
+Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.
+
+»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in
+einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!«
+rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum
+Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der
+Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit
+seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der
+Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir
+Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt
+und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen
+verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern
+Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem
+philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade
+spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie.
+Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu
+leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so
+berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den
+Abschied.«
+
+Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer.
+
+Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah
+lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus
+bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben
+Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen,
+wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt
+weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das
+ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt,
+hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen
+Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es
+dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb,
+glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein
+glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein
+jubelndstes Lied in die Luft schmettern.«
+
+Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige
+dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und
+begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le
+Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en,
+lundi!«#
+
+Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein
+Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott
+verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie
+verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden
+der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung,
+ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten,
+feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk
+geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie
+verführerisch im Grunde!
+
+Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde
+keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang:
+#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«#
+
+Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach
+der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den
+Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen.
+
+
+Die Ohren des Herrn Marchese
+
+Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der
+Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die
+Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend
+waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz.
+
+Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war
+für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und
+das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung:
+Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton;
+man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.
+
+Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast.
+Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne
+Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der
+Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier
+Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus
+und Amor auf dem Schoß.
+
+Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt,
+majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady
+Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von
+Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die
+hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und
+der Vorhang schlug auseinander.
+
+Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt,
+war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig,
+argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens
+um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr
+sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt
+Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner
+Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster,
+Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als
+Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz
+spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle
+Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen
+Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in
+heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und
+ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu
+überlassen.
+
+Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel
+von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz;
+#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen
+Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das
+wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war
+voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune,
+Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit
+Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten
+Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der
+Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin-
+und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte
+Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all
+dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur.
+
+Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln
+genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten
+Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn
+keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem
+Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium
+seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an
+war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne
+aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt,
+triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge
+preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich
+die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum
+in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an
+ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim
+geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen,
+schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen.
+Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie,
+aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare
+Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was
+man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine
+Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht,
+zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger
+Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken
+brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und
+platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen
+um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte.
+
+Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster
+hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von
+ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender
+Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich
+schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in
+die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich;
+der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch
+vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint,
+auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach
+einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen
+Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack
+steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den
+Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten,
+kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder
+nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das
+Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den
+Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn
+Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir
+die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn
+Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer
+goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine
+irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater!
+Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli!
+Milles mercis!# Geruhsame Nacht!«
+
+Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging
+durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die
+Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer.
+
+Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter,
+und er verschwand.
+
+In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der
+ansbachischen Bastille, verbracht.
+
+
+Ein Gespräch als Ausklang
+
+Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage
+später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der
+Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die
+württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz,
+des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der
+Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der
+gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in
+Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist
+finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in
+einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit
+befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte,
+belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund
+verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe
+und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus
+Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem
+Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt
+hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen
+Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem
+beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte.
+
+Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil
+bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten
+sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün
+und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern,
+die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in
+ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die
+Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den
+Horizont mit einem schwarzen Band.
+
+Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein
+lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes
+Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei
+mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja,
+des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der
+Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen
+und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der
+Geist herbei.
+
+Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das
+treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend,
+nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts
+damit auf sich.«
+
+»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz
+erstaunt.
+
+»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der
+Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich
+einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier,
+und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es
+verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie
+klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen
+Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.«
+
+»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen
+muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel
+gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände
+reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich
+das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das
+uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die
+göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine
+unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der
+Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird
+lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den
+unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles
+wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne,
+unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt,
+jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des
+Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das
+mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige.
+Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß
+wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die
+Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst
+Gefühl und Ahnung Lüge.«
+
+Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz' Lippen. »Sie äußern sich mit
+sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft,
+kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es
+kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit
+und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das
+Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir
+nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue
+davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an
+den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen
+einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien
+abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder
+den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften?
+die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen
+fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue
+einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht
+Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben
+rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es
+denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der
+Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer
+Weglosigkeit.«
+
+»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir
+zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb
+begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf.
+
+Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch
+die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine
+Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon
+geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an
+eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider
+so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es
+sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine
+Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos
+werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen,
+ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden,
+alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und
+der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.
+
+Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme:
+»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr
+weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum
+läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser
+in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und
+spricht, und keiner weiß was.«
+
+Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren,
+und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen
+Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«#
+
+Da war es schon Nacht.
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman. 23. Auflage
+
+Der Moloch
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage
+
+Der niegeküßte Mund
+Drei Novellen. 71. Auflage
+
+Alexander in Babylon
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen. 6. Auflage
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
+Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman. 15. Auflage
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen
+
+Der Mann von 40 Jahren
+Roman. 14. Auflage
+
+Das Gänsemännchen
+Roman. 72. Auflage
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden. 39. Auflage
+
+Der Wendekreis, Bd. 1
+Novellen. 19. Auflage
+
+Mein Weg als Deutscher und Jude
+15. Auflage
+
+ * * * * *
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten
+zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
+p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
+p 236: nach war es -> noch war es
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
+p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)
+p 248: medisieren (schmähen, lästern)
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book's two title
+pages have been merged into one, and a table of contents has been added.
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+p 090: [unified] Telefon -> Telephon
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
+p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
+p 236: nach war es -> noch war es
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
+p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)
+p 248: medisieren (schmähen, lästern)
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wendekreis - Zweite Folge
+ Oberlins drei Stufen, Sturreganz
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
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+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
+<h1>Der Wendekreis</h1>
+
+<h3>Zweite Folge</h3>
+
+<!--
+<h5>1922<br />
+S. Fischer / Verlag / Berlin</h5>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+-->
+
+<h2>Oberlins<br />
+drei Stufen</h2>
+
+<h4>und</h4>
+
+<h2>Sturreganz</h2>
+
+
+<h5>1922<br />
+S. Fischer / Verlag / Berlin</h5>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p>
+<p class="copyright"><em class="gesperrt">Erste bis f&uuml;nfzehnte Auflage<br />
+<br />
+<br />
+Alle Rechte vorbehalten<br />
+Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin</em></p>
+</div>
+
+
+<table class="toc">
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+ <col id="col2" />
+</colgroup>
+<tr class="tmain"><td colspan="2"><a href="#Oberlins_drei_Stufen">Oberlins drei Stufen</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr>
+<tr class="tchap"><td /><td><a href="#Die_erste_Stufe">Die erste Stufe</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr>
+<tr class="tchap"><td /><td><a href="#Die_zweite_Stufe">Die zweite Stufe</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr>
+<tr class="tchap"><td /><td><a href="#Die_dritte_Stufe">Die dritte Stufe</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_121">121</a></td></tr>
+<tr class="tmain"><td colspan="2"><a href="#Sturreganz">Sturreganz</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_225">225</a></td></tr>
+</table>
+
+
+<div class="textbody">
+<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>
+<h1><a name="Oberlins_drei_Stufen" id="Oberlins_drei_Stufen"></a>Oberlins<br />
+drei Stufen</h1>
+
+<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>
+<p class="dedication">Marta der Gef&auml;hrtin<br />
+gewidmet</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Die_erste_Stufe" id="Die_erste_Stufe"></a>Die erste Stufe</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a></p>
+<p class="newsection">Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner
+Eltern in der strengen Zucht auf, die ein Ergebnis ehrw&uuml;rdiger
+&Uuml;berlieferung war. Die Familie geh&ouml;rte zu den altpatrizischen
+der Stadt Basel; ererbter Reichtum und ererbte
+&Auml;mter zeichneten sie aus; Dietrichs Gro&szlig;vater war
+B&uuml;rgermeister gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung
+und sa&szlig; im Rat der Nation.</p>
+
+<p>Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in
+fr&uuml;hem Alter gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und
+Repr&auml;sentation schon mit dem Erwachen des Bewu&szlig;tseins
+eingepr&auml;gt. Der Tag hatte seine festbestimmte Teilung; er
+begann Sommer und Winter um sechs Uhr und endete um
+neun. Da war kein &Uuml;bergreifen m&ouml;glich, keine Viertelstunde
+Licht zu abendlicher Lekt&uuml;re, kein Ausflug &uuml;ber die gesetzte
+Frist. Bei Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen,
+waren G&auml;ste da, so unterlag die zu &uuml;bende Zur&uuml;ckhaltung
+der wachsamsten Aufsicht. Verkehr mit Menschen war an
+Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das und
+das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes
+Ma&szlig; von Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige
+herab; der Name, den er trug, die Familie, aus der er stammte,
+der Grad der &ouml;ffentlichen Sch&auml;tzung, die er infolgedessen
+geno&szlig;, zeigten die Richtung und ordneten die Beziehung.
+Man lernte, wie man jemand durch einen Gru&szlig; von sich
+entfernen oder Entgegenkommen ausdr&uuml;cken konnte; L&auml;cheln,
+Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>In den Zimmern standen die Dinge unverr&uuml;ckbar; es
+war etwas Heiliges um das Einzelne, ob es kostbar war oder
+nicht. Die chinesischen Vasen, japanischen Schnitzereien;
+die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem k&ouml;niglich sonoren
+Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus,
+die eichenen Schr&auml;nke im Flur, die Brokatdecken im Salon,
+die marmornen Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder
+im Speisesaal: M&auml;nner mit eckigen Sch&auml;deln, die Frauen
+mit hochm&uuml;tig gesch&uuml;rzten Lippen und b&auml;uerinnenhaft
+stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles wie
+gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war
+nur zu denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert
+gefa&szlig;ter Smaragd kr&ouml;nte, und wenn der Blick sich zu ihrem
+Gesicht erhob, streifte er zuerst das Sammetband mit dem
+goldenen Medaillon an ihrem Hals.</p>
+
+<p>War es doch, als tr&uuml;ge sie seit tausend Jahren den Ring
+mit dem Smaragd und das goldene Medaillon am schwarzen
+Band. Und sie war eine junge Frau.</p>
+
+<p>Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand
+von Stimme. Man behielt die T&uuml;rklinke in der Hand, bis
+die T&uuml;re geschlossen war. Mitteilung geschah in gem&auml;&szlig;igter
+Form. Artigkeit war ein Begriff von wesentlicher Bedeutung.
+Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse des Hauses.
+Pl&ouml;tzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
+Gef&auml;llige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig,
+zwischen Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden,
+sich niemals etwas zu vergeben, niemals die weise
+gezogenen Grenzen zu &uuml;berschreiten.</p>
+
+<p>Es kann nicht behauptet werden, da&szlig; der Knabe unter der
+Unantastbarkeit der &auml;u&szlig;eren Ordnungen und des t&auml;glichen
+Ablaufes litt. Die Gebote waren wirksam gewesen, als
+sein Blut zu pulsen begonnen hatte; geschlechterlang hatten
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>sie regiert, die eckigen Sch&auml;del geformt, den ernsthaften
+Bauernblick, die hochm&uuml;tig gesch&uuml;rzten Lippen; es konnte
+dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gef&uuml;hl der
+Last war da. Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte
+Dietrich die seiner Jugend geb&uuml;hrenden, dem Rang der
+Familie entsprechenden Freiheiten genie&szlig;en. Da&szlig; er sie mi&szlig;brauche,
+wurde nicht bef&uuml;rchtet. Mi&szlig;brauch w&auml;re bereits
+Entartung gewesen, und auf die Art mu&szlig;te man sich verlassen
+k&ouml;nnen. Die Familie war eine unzerst&ouml;rbare Einheit;
+man h&auml;tte sagen k&ouml;nnen, sie unterhielten sich in ihrer besonderen
+Sprache, wenn sie unter sich waren. Die Fesseln
+lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein beziehender Blick,
+Scherzwort, l&auml;chelndes Zunicken besiegelten Unverbr&uuml;chlichkeit
+oder offenbarten Empfindungen, die man sonst verschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt,
+wie der &auml;lteste Sohn seit jeher. Sp&auml;ter sollte er
+in den Staatsdienst treten. Dem Vorhaben der Eltern sich
+zu f&uuml;gen, war ihm selbstverst&auml;ndlich. Er hatte nie eine abirrende
+Neigung in sich versp&uuml;rt. Vor ihm lag geebnete
+Bahn. Sein eigenes Treiben besch&auml;ftigte ihn nur im Hinblick
+auf das erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem
+hin, er war sich ohne Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung,
+keine Zweifel. Gehorsam war bequem, da er
+Hindernisse aus dem Weg r&auml;umte.</p>
+
+<p>Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden
+war, erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher
+hatte ihn die Spannkraft verlassen. Er zog sich von den Gesch&auml;ften
+zur&uuml;ck, legte &Auml;mter und Ehrenstellen nieder, wollte
+seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben an sich, an die
+Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute einer
+unabwendbar einsickernden Schwermut, die den k&ouml;rperlichen
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Verfall beschleunigte. Kaum, da&szlig; er begraben war,
+fiel auch Dietrich in schwere Krankheit, von der er sich
+erst mit Anbruch des Fr&uuml;hlings zu erholen begann.</p>
+
+<p>Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar f&uuml;r
+lange. Damit der Studiengang nicht gesch&auml;digt w&uuml;rde,
+erachtete er es f&uuml;r zweckm&auml;&szlig;ig, wenn er in einer Waldschule
+Unterkunft f&auml;nde. Nach mancherlei Umfragen wollte sich
+die Ratsherrin f&uuml;r die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden,
+die sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal
+des s&uuml;dlichen Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende
+Bekannte warnten vor den extrem modernen Ideen, die
+dort im Schwange seien, und haupts&auml;chlich vor dem Leiter
+der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in p&auml;dagogischen
+Fragen als gef&auml;hrlicher Fortschrittler galt.</p>
+
+<p>Zuf&auml;llig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen
+Eltern. Er war seit einem Jahr Z&ouml;gling in Hochlinden.
+Die Mathys, weltber&uuml;hmte Seidenweber, im Besitz des
+Privilegs seit 1560, waren als Familie ebenb&uuml;rtig. Nach
+ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen, lag
+nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken.
+Georg selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde
+ruhig und anschaulich. Er urteilte nicht, schw&auml;rmte nicht,
+das sagte ihr zu. Da&szlig; er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen,
+war ein Grund mehr f&uuml;r die Wahl von Hochlinden.
+Er war um zwei Jahre &auml;lter als Dietrich, machte aber den
+Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, gro&szlig;,
+hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr sch&ouml;ne Augen mit
+langen Wimpern.</p>
+
+
+<p class="newsection">Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
+Entgegenkommen streifte dem Sch&uuml;chternsten die Fessel
+ab. Die Freiheit der Geb&auml;rde verwunderte Dietrich mehr als
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>die des Wortes. Er mu&szlig;te jedesmal eine Hemmung &uuml;berwinden,
+bevor er gelockert und gleichgestimmt war.</p>
+
+<p>Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht
+ohne die schlauen und &auml;ngstlichen Verstecktheiten, wie es viele
+Siebzehnj&auml;hrige haben. Es war zu allen Tageszeiten von
+derselben Frische. Man konnte ihn aus dem Schlaf r&uuml;tteln,
+und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein, der K&ouml;rper
+von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit
+und Feinheit seiner H&auml;nde. Man hielt ihn anfangs f&uuml;r
+verweichlicht, aber er war ein vorz&uuml;glicher Turner und
+Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur Kurt
+Fink &uuml;berlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in
+Respekt.</p>
+
+<p>Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung,
+wie er sich in bestimmten F&auml;llen zu verhalten habe. Er war
+mit Dietrich in der Kameradschaft Doktor von der Leyens.
+Es fiel Dietrich &auml;u&szlig;erst schwer, sich an das Du zu gew&ouml;hnen,
+mit dem er wie alle diesen Mann anreden sollte. Von der
+Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke niederzurei&szlig;en,
+die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem
+Sch&uuml;ler ein unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel
+der vertraulichen Anrede war zweischneidig, er verhehlte
+es sich nicht, aber er wog keine Gefahr, wenn es ihm darum
+zu tun war, sich zu bew&auml;hren. Er wog nicht einmal die
+Entt&auml;uschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er
+in den H&auml;nden der Pedanten und Moralisten zu einem Erw&uuml;rgungsapparat
+hatte werden sehen, sondern auf den
+freien Entschlu&szlig; des Einzelnen, sich der Erkenntnis eines
+F&uuml;hrers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er glaubte
+an die M&ouml;glichkeit der Verwandlung in jungen Menschen,
+und von diesem Glauben erf&uuml;llt, nahm er nur an, was ihn
+befestigte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder
+sollte zu der anspornenden Meinung gebracht werden, als
+bestimme er selbst das Ausma&szlig; seiner Pflichten. Ein &uuml;berlegener
+Geist handelte nach wohldurchdachtem Plan, dem
+sich die untergeordneten Organe willig f&uuml;gten.</p>
+
+<p>Das Erstaunen Dietrichs bei den &Auml;u&szlig;erungen von der
+Leyens wuchs von Tag zu Tag. Der Gegensatz zu dem,
+was er bisher f&uuml;r erlaubt und erstrebenswert gehalten, war
+so grell, da&szlig; er sich in eine Region versetzt w&auml;hnte, von der
+gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser. Er schaute
+um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
+nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm
+im Ungewissen.</p>
+
+<p>Wenige k&ouml;nnen sich verwandeln. Verwandlung ersch&uuml;ttert
+das Herz.</p>
+
+
+<p class="newsection">An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen
+in Hochlinden geh&ouml;rten, hielt Doktor von der Leyen
+eine Rede, worin er mit der Unwiderstehlichkeit und polemischen
+Kraft seiner Beweisf&uuml;hrung entwickelte, da&szlig; der Kultus,
+den die Gesellschaft den geistigen Heroen weihe, auf fortwuchernder
+L&uuml;ge beruhe. Er w&uuml;nsche, da&szlig; sich die Jugend,
+seine Jugend, von dieser L&uuml;ge lossage; sie s&auml;he wie Tr&auml;gheit
+und faules Mittun aus; sie sei wie der katholische Abla&szlig;
+und absolviere von dem Trieb zur h&ouml;chsten Leistung. Wem
+von Kindesbeinen an ins Gehirn geh&auml;mmert werde, da&szlig; das
+Gro&szlig;e bereits getan sei, dem bleibe im besten Fall nur dem&uuml;tige
+Nachfolge &uuml;brig, im schlimmsten der gedankenlose
+Trost der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn m&uuml;sse von
+der Erde vertilgt werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben,
+unabh&auml;ngig von aller andern Zeit, jeder in ihr Geborene
+habe seine eigene Sendung; keinem, der da lebe, sei die
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein f&uuml;r alle Mal
+vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die bl&uuml;hende
+Gegenwart zur Katakombe. &raquo;Nicht Nachfolger sollt ihr
+sein, sondern Vorl&auml;ufer,&laquo; rief er aus; &raquo;verlacht die, die von
+euch die Andacht vor dem Fetisch fordern. Kniet nicht nieder
+um zu beten, wo es besser ist, Ger&uuml;mpel in die Rumpelkammer
+zu werfen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie sich denken lie&szlig;, wurde die Philippika mit Jubel
+aufgenommen, und ein junger Westpreu&szlig;e, Peter Ulschitzky,
+ging noch einen Schritt weiter im ungest&uuml;men Verlangen
+und wollte den Bildersturm gleich in Tat umsetzen,
+Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
+belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er
+war k&uuml;hn genug, einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren,
+der gesagt hatte: &raquo;H&uuml;te dich vor denen, die H&auml;user bauen
+wollen und damit anfangen, die W&auml;lder zu verbrennen und
+die Steinbr&uuml;che zu versch&uuml;tten.&laquo; Er fragte, ob auch jeder Vorl&auml;ufer
+bef&auml;higt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine
+greuliche Verwirrung zu bef&uuml;rchten sei, wenn alle vorausrennten
+und keiner mehr warten wolle, wohin man k&auml;me?
+Und ob mit dem Ger&uuml;mpel nicht viel N&uuml;tzliches und T&uuml;chtiges
+in die Rumpelkammer geriete? Und ob es f&uuml;r die Mehrzahl
+der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
+als frech und pfuscherhaft sich anzuma&szlig;en, Neues zu
+schaffen?</p>
+
+<p>Er stand im Ruf eines Reaktion&auml;rs, und Doktor von
+der Leyen nannte ihn bisweilen den Basler Hemmschuh.
+Aber er war ihm deshalb nicht gram; es behagte ihm, wenn
+die Meinungen scharf gegeneinander stie&szlig;en und bot selbst
+das sch&ouml;ne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er
+um sich wissen, und Leben hie&szlig; Aufruhr, Frage, Widerpart.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>Aus Georg Mathys redete, ohne da&szlig; er dessen vielleicht
+inne wurde, die zusammenfassende Kraft eines konservativen
+Gemeinwesens, die alte Polis mit bewahrender
+Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
+mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich
+hielt ihn in unab&auml;nderlicher Festigkeit. Was ihn von
+au&szlig;en her veranla&szlig;t hatte, sich gegen die w&uuml;hlerische Flut
+zu stemmen, war nur ein Blick gewesen, der sich zu Dietrich
+Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange. Oberlin,
+mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine
+Augen hingen in schw&auml;rmerischer Hingabe an den Lippen des
+Lehrers, um jeden Hauch, jede Silbe einzufangen. Die j&uuml;ngerhaft
+leuchtende Hingabe zu sp&uuml;ren, be&auml;ngstigte Mathys;
+es war etwas darin von der leidenschaftlichen Fruchtbarkeit
+des nie bepfl&uuml;gten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
+Gier empf&auml;ngt wie edlen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann &uuml;ber Mittelgr&ouml;&szlig;e
+im Alter von ungef&auml;hr f&uuml;nfzig Jahren. Er geh&ouml;rte
+zu den streitbaren Erziehern und wirkte in Wort und Schrift
+f&uuml;r seine reformatorischen Ideen unabl&auml;ssig. Er hatte viel
+Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
+Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren,
+je h&ouml;her trug er den Kopf.</p>
+
+<p>Seine Z&uuml;ge hatten eine strenge Pr&auml;gung; in dem blassen,
+knochigen Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen,
+die das Gesicht noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen
+und Fertigen, Leuten von Beruf und Amt war er
+wortkarg, unliebensw&uuml;rdig, ja absto&szlig;end; wenn er mit seinen
+Z&ouml;glingen sprach, strahlten diese selben Augen eine ber&uuml;ckende
+G&uuml;te aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
+herr&uuml;hrenden scharfen und b&ouml;sen Linien wurden weich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder
+Schritt Wagnis. Sich der schlimmen Erfahrungen zu erwehren,
+verlangte einen Charakter von Stahl. Kein Vertrauen
+ohne &auml;u&szlig;erste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne best&auml;ndigen
+Kampf. Kampf mit den M&auml;chten drau&szlig;en, mit
+den M&auml;chten drinnen; Kampf wider die Gew&ouml;hnung,
+wider die Verstocktheit. Die Gesellschaft in wartendem Argwohn,
+bereit, den Stein zu schleudern, den ihr Verrat und
+Mi&szlig;gunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
+Duldung; Zweifel von allen Seiten; die B&uuml;rde der Verantwortung
+erdr&uuml;ckend; Furcht vor Untreue dauernde Qual;
+und immer wieder Verlust des Menschen, dem man Gestalt
+verliehen und Richtung gewiesen, der einem vielleicht als
+Geschaffenes teuer war, als Best&auml;tigung unentbehrlich;
+er l&ouml;ste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer
+Leydener Flasche: ein &Uuml;berspringen von wunderbar glei&szlig;enden
+Funken, dem Element entlockt, eine bewegliche Kette
+von Licht; aber zwischen Funken und Funken Ur-Finsternis.</p>
+
+<p>Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu
+seinem vierzigsten Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben
+gef&uuml;hrt, feste Anstellung verschm&auml;hend, oder wenn er sich
+dazu verstanden, durch R&auml;nke der Fachgenossen und das
+herausfordernd Neue seiner Methode wieder vertrieben.
+Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
+Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
+Eine Zeitlang hatte er sich in w&uuml;rgendem
+Elend befunden; gerettet hatte ihn nur der eiserne Wille
+und trappistische Bed&uuml;rfnislosigkeit. Endlich wurde man
+auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte
+das Gut Hochlinden angekauft und das zur Durchf&uuml;hrung
+seines Projekts notwendige Kapital zur Verf&uuml;gung gestellt.
+Der Erfolg rechtfertigte den damals noch k&uuml;hnen Versuch.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Es war ein anmutiges St&uuml;ck Erde, vom Talgrund in
+H&uuml;gelterrassen aufsteigend, stundenweit von St&auml;dten, mit
+Wiesen, Wald, Fruchtg&auml;rten, W&auml;ssern, Brunnen, St&auml;llen,
+Meiereien, Tennispl&auml;tzen und zierlich verstreuten H&auml;usern.
+Kaum ein Jahr verging, ohne da&szlig; die Wohn- und Schulgeb&auml;ude
+nicht vermehrt und vergr&ouml;&szlig;ert werden mu&szlig;ten.</p>
+
+
+<p class="newsection">An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich
+eine Anzahl Knaben im Spielsaal versammelt, der das
+Erdgescho&szlig; eines gro&szlig;en Pavillons einnahm. Zuerst wurden
+die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
+Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Z&uuml;gen &uuml;bten.
+Der allgemeine L&auml;rm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes
+Einzelnes l&ouml;ste sich aus dem Get&ouml;se, ein horazischer Vers;
+eine chemische Formel; Streit &uuml;ber den Tonnengehalt eines
+neuen Ozeandampfers; Gel&auml;chter &uuml;ber einen Witz; Nachfrage
+um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, da&szlig;
+er auf den H&auml;nden gehen k&ouml;nne; als er das Kunstst&uuml;ck zum
+Besten gab, erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen
+andern; er behauptete, Bauchredner zu sein, aber da er es
+nur zu quiekenden Mi&szlig;t&ouml;nen brachte, wurde er verh&ouml;hnt.
+Zu h&ouml;ren waren Stimmen in der Fistel und im prahlerischen
+Ba&szlig; wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und B&auml;rengebrumm.
+Ein Pr&auml;fekt rief vom offenen Fenster einen Namen
+herein; dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und
+erzwang durch ihren &auml;ngstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger
+Stille.</p>
+
+<p>Als es d&auml;mmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren
+seiner Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten
+Wetters einen Gang durch den Wald gemacht, Mathys,
+Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht daran teilgenommen;
+er hatte einen Brief an seine Mutter, die Ratsherrin,
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal
+gekommen. Er sa&szlig; am Klavier und spielte, unbek&uuml;mmert
+um den Tumult, mit suchenden Fingern eine Melodie aus
+Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, &uuml;berm&uuml;tig, h&auml;ndels&uuml;chtig,
+und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: &raquo;Pfui
+Deibel, das is ja, als ob deine Gro&szlig;mutter aus dem
+Grabe winselt&laquo;. Oberlin stutzte, spielte aber weiter, als
+h&auml;tte er nichts geh&ouml;rt. Kurt Fink erboste sich, fuhr mit
+der Linken &uuml;ber die ganze Tastatur, was ein kreischendes,
+dann dr&ouml;hnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
+Dietrichs H&auml;nde weg und rief: &raquo;Schlu&szlig; mit dem Schmachtfetzen.&laquo;</p>
+
+<p>Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da
+war etwas von der Feindschaft der St&auml;mme drin; Norden
+gegen S&uuml;den. Die Knaben stellten sich im Kreis um Beide.
+Solche Auftritte waren selten. Fink sp&uuml;rte, da&szlig; er Mi&szlig;billigung
+erweckte und zu weit gegangen war; er brach in
+Lachen aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend
+klang. Oberlin verf&auml;rbte sich. Ein verwirrter und zorniger
+Blick musterte die Gesichter; er h&auml;tte sich am liebsten auf
+Fink gest&uuml;rzt, aber die Anwesenheit Lucians l&auml;hmte ihn.
+Er senkte den Kopf, und als er die Augen wieder emporrichtete,
+begegneten sie denen von der Leyens, die ihn fragend
+oder forschend anschauten. Er mi&szlig;verstand den Ausdruck
+und glaubte, da&szlig; er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung
+wuchs, und sich an Lucian wendend, stie&szlig; er trotzig
+hervor: &raquo;Er soll aufh&ouml;ren zu lachen&laquo;. Das war kindlich,
+und auf einigen Gesichtern zeigte sich Grinsen.</p>
+
+<p>&raquo;Genug des Unsinns, Kurt&laquo;, mischte sich von der Leyen
+ein und legte die schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die
+Knaben traten auseinander. Kurt Fink hatte seine Absicht
+erreicht, er nahm am Fl&uuml;gel Platz und begann einen Gassenhauer
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>zu trommeln, den er mit parodistischem Kr&auml;hen begleitete.</p>
+
+<p>&raquo;Und wir beide? wollen wir nicht ein bi&szlig;chen miteinander
+plaudern?&laquo; fragte von der Leyen den noch immer befangenen
+Dietrich.</p>
+
+<p>&raquo;Gern, wenn du Lust hast&laquo;, antwortete er &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam
+leerte. Von der Leyen, den Knaben um die H&ouml;he der
+Stirn &uuml;berragend, hatte den Arm um seine Schulter geschlungen.
+Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und das Gespr&auml;ch
+wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein
+offener, voller, begl&uuml;ckter Blick an dem Gesicht des Mannes;
+wenn dieser das Wort ergriff, bog er mit &uuml;ber den Knien
+verfalteten H&auml;nden den schmalen K&ouml;rper nach vorn, und
+je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je ged&auml;mpfter
+klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
+l&auml;utete, erhoben sie sich.</p>
+
+
+<p class="newsection">Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein
+von Lehrer und Sch&uuml;ler. Da der Unterricht, sofern es
+das Wetter irgend zulie&szlig;, im Freien abgehalten wurde,
+beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf Wanderungen,
+boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
+Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys
+und Justus Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an
+den er sich angeschlossen und dessen aufrichtige Art ihm
+Sympathie eingefl&ouml;&szlig;t. Nur in seinen Mienen verriet sich
+eine nicht aussetzende Erregung.</p>
+
+<p>Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden
+Haaren zu &uuml;berwinden gewesen, vor seiner W&uuml;rde, seinem
+Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner leisen, horchenden,
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>sinnenden Art, verschwand W&uuml;rde und Wissen, das ergraute
+Haar, das faltige Gesicht.</p>
+
+<p>Was den Knaben am m&auml;chtigsten anr&uuml;hrte, da&szlig; er bis
+in die Knie gebannt war, gebannt emporsah, war der unergr&uuml;ndlich
+tiefe, geistige Ernst. Das schnitt durch und durch,
+wie Eisluft von einem Gletscher. Das L&auml;cheln, das heitere
+Wort, die herzliche Geb&auml;rde beleuchteten den Ernst nur,
+sie verdeckten ihn nicht.</p>
+
+<p>Sich ihm zu n&auml;hern, war, als ob man sich erfrechte. Und
+doch war er selbst herangetreten und hatte einem den Arm
+um die Schultern geschlungen. Es ehrte unerme&szlig;lich. Jeder
+einzelne Blutstropfen unterwarf sich. Die freiwillige, enthusiastische
+Unterwerfung war seliger Rausch.</p>
+
+<p>Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender
+Mensch, bestimmender Geist. Sein Wort glich einer Mauer,
+an die man sich lehnt und die Sicherheit gew&auml;hrt. Die heimlichen
+und feurigen Gedanken von f&uuml;nfundachtzig Knaben
+folgten ihm in seine wolkenhafte H&ouml;he, und wer wei&szlig; wie
+vieler noch von drau&szlig;en. Und er war herangetreten, um den
+Arm um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gef&uuml;hl.</p>
+
+<p>Dietrich hatte nie einen gegenw&auml;rtigen Zustand an einem
+vergangenen oder einem m&ouml;glichen gemessen. Es hatte ihm
+immer geschienen, da&szlig; alles so war, wie es sein mu&szlig;te;
+es anders zu w&uuml;nschen, war ihm nicht in den Sinn gekommen.
+Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Tr&auml;umen erwacht,
+in denen er gedem&uuml;tigt worden ist, ohne es zu merken;
+er erwacht verwundert und besch&auml;mt. Von der Leyens
+blo&szlig;e N&auml;he bewirkte, da&szlig; er ungern zur&uuml;ckdachte; Heimat
+und Vaterhaus waren &ouml;de, weil dort keiner war, zu dem
+man bewundernd emporsehen konnte.</p>
+
+<p>Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht
+und Dankbarkeit nur. Es war wie ein &uuml;berkostbares
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>Geschenk, das man selten zu gebrauchen wagt. Er war pl&ouml;tzlich
+voller Zweifel in bezug auf sich selbst. Fr&uuml;her w&auml;re es
+ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er gesagt, getan,
+wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
+pr&uuml;fte er sich innen und au&szlig;en; ein &uuml;bereiltes Wort qu&auml;lte
+ihn; ein begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung
+erbleichen; er sp&uuml;rte bedr&uuml;ckend das Langsame seiner Auffassung,
+das tr&auml;ge Beharren in seiner Natur; er war voll
+Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst, nicht
+erf&uuml;llen zu k&ouml;nnen, was von ihm erwartet wurde; was
+Er erwartete. Gab er ihm denn so viel Vorsprung, da&szlig; er
+so freundlich war? Sammelte er Forderungen in der Stille,
+um ihm dann seine Unzul&auml;nglichkeit desto b&uuml;ndiger zu beweisen?
+Warum war er freundlich? Warum redete er wie
+zu einem Gef&auml;hrten? Vielleicht &uuml;bersch&auml;tzte er ihn; Oberlin
+zitterte vor dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren
+Gestalt zeigen mu&szlig;te, seiner groben, tr&uuml;ben, mi&szlig;gebildeten
+Beschaffenheit.</p>
+
+<p>Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte
+er Ihm gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart;
+nur Ihn nicht entt&auml;uschen, nur nicht zur&uuml;ckgesto&szlig;en werden,
+da man doch, aus unerkl&auml;rlichen Gr&uuml;nden freilich, einmal
+vorgezogen war; nur nicht wieder ein Unbeachteter sein,
+verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht wieder hinab
+in die gef&uuml;hllose Leere, wo kein Glanz war, kein Gerufenwerden,
+kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Geh&ouml;rtwerden.
+Er h&auml;tte beten m&ouml;gen darum.</p>
+
+<p>Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel
+und ha&szlig;te sein Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender
+war, nahm ein schwer verst&auml;ndliches Buch zur Hand und
+ha&szlig;te sein Gehirn, weil es nicht leichter begriff. Er
+schrieb seinen Namen auf die L&ouml;schbl&auml;tter und fand ihn
+<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>h&auml;&szlig;lich, nichtssagend, plump. Alles war Ungen&uuml;gen, Verzagen,
+Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier
+nach Seinem Wort, Seinem Einverst&auml;ndnis, Seiner Billigung.</p>
+
+<p>War er in Lucians Gesellschaft, so bl&uuml;hte das Leben. Er
+hatte Pl&auml;ne, er wollte etwas werden und etwas k&ouml;nnen.
+Nach und nach fa&szlig;te er Mut zu Fragen, die ohne Wortkleid
+in ihm geschlummert hatten, &uuml;ber Menschen und allt&auml;gliche
+Vorf&auml;lle. In der Freude am Sich&uuml;berliefern las er ihm
+Briefe seiner Mutter vor. Erz&auml;hlte vom Vater, von abendlichen
+G&auml;ngen ins Gebirge, von der Ermatinger Villa am
+Bodensee, wo die Familie den Sommer zu verbringen
+pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es
+gab harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit
+vortrug. Sie sollten bezeugen und bezeugten auch einen
+Schatz von bereits gesammelten Erfahrungen. Lucian von
+der Leyen nahm es in diesem seri&ouml;sen Sinn auf. Unter
+anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die
+er seit ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung
+aller miteinander angefreundet und schlie&szlig;lich unzertrennlich
+gewesen seien; stets um ihn und mit ihm, sogar
+die Katze folgte treulich bis zur Bootsh&uuml;tte; eines Nachts
+weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen vernommen; er lauscht,
+wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein Schrei, als
+ob ein Mensch erstochen w&uuml;rde; sogleich denkt er an die
+Katze, er l&auml;uft durch den Garten ans Seeufer, da kommt
+ihm der Hund entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn
+zur Rede; man k&ouml;nne das; Hunde antworteten; und der
+Hund habe gestanden, aus b&ouml;sem Gewissen heraus; er
+f&uuml;hrt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
+sichtbar, die sch&ouml;ne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt
+in ihrem Blut.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>Von der Leyen sagte: &raquo;Zwischen denen mag etwas Schlimmes
+passiert sein, bevor ihre Freundschaft ein so j&auml;hes Ende
+genommen. Wer das w&uuml;&szlig;te, der w&uuml;&szlig;te viel von verborgenen
+Dingen. War dir nicht nachher in der Phantasie der Moment
+der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter den Z&auml;hnen
+des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten
+die Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen
+so &uuml;bel.&laquo;</p>
+
+<p>Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre.
+Br&uuml;der redeten. Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen
+und atemholend zur&uuml;ckschaut; einer am Beginn. F&uuml;lle des
+Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm dort; das machte
+die Br&uuml;cke fester, das Hin&uuml;bergehen lockender, die Tiefe
+unten, den flie&szlig;enden Strom. Auch von der Leyen erz&auml;hlte;
+selten Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes;
+im Vor&uuml;berstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen,
+ri&szlig; er eine Stunde aus der Erinnerung, in der
+Entscheidung gefallen war; ein Antlitz tauchte auf; ein
+Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
+Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder
+das Juwel eines gefundenen Herzens: ein Freund.</p>
+
+<p>Oberlin lauschte entz&uuml;ckt. Lucian hielt ihn also nicht f&uuml;r
+zu gering, um sich mitzuteilen; darauf war Verla&szlig;. Eid
+war nicht bindender als einbezogen sein in das Vertrauen.
+Allm&auml;hlich schmolz ihm Zug um Zug in dem Bild des Mannes
+zusammen, das er verkl&auml;rte &uuml;ber jeden Begriff. Er
+erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende
+bereiten; er sp&uuml;rte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen
+machen. Es d&uuml;nkte ihm ein Ziel, er sah eine Aufgabe.</p>
+
+<p>Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verkn&uuml;pfendes
+zwischen Menschen, das war Freundschaft. Der Freund war
+ihm die reife Frucht des Schaffens und Seins. Er hatte kein
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Gef&uuml;hl f&uuml;r Familienbeziehungen, Neigung zwischen Eltern
+und Kindern, z&auml;rtliche R&uuml;cksicht auf Blutsverwandte und
+Pflichten der Piet&auml;t; nicht einmal Verst&auml;ndnis, nur Spott
+und absch&auml;tziges Bedauern. Es waren ihm animalische
+Instinkte oder klug benutzte, unter dem Mantel der Heuchelei
+gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft.
+Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar die
+Entr&uuml;stung der Umsturzl&uuml;sternen erregt hatte, die Gr&uuml;ndung
+staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelh&auml;user gro&szlig;en
+Stils, in denen alle Neugeborenen m&auml;nnlichen Geschlechts
+als Namenlose und des Namens Entkleidete bis zum zwanzigsten
+Jahr erzogen werden sollten. Er hatte verhei&szlig;en,
+eine derart umgeformte Menschheit w&uuml;rde nach einem
+halben Jahrhundert Siechtum und Verfall &uuml;berwunden
+haben.</p>
+
+<p>So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib
+nichts anderes als eine Form der Leibeigenschaft. Seine
+&Auml;u&szlig;erungen dar&uuml;ber geschahen unter merklichem Widerwillen.
+Eine Frau war ihm ein Gesch&ouml;pf aus einer fremden,
+untergeordneten Region. Da&szlig; alle Dichtung auf Erotik
+gestellt war, begr&uuml;ndete er mit dem Hang des Menschen zu
+Traum und Symbol, die in den hohen Beispielen der Deutung
+bed&uuml;rftig waren, in den niederen ihrer umnebelnden
+und l&uuml;genhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
+zwangen.</p>
+
+<p>Er war ohne Anh&auml;nglichkeit an Dinge, ohne Streben
+nach Besitz, ohne sinnliche Verkettung. Gen&uuml;sse reizten
+ihn nicht. Begierden beunruhigten ihn nicht, Anspr&uuml;che an
+Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden vermochte er
+nur f&uuml;r den Freund. War es eine ihm innewohnende verfeinerte
+oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches
+Wollenden, Gleichgearteten schlo&szlig; er sich nicht an. Es war
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>auch keiner da, man erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar
+allein, da&szlig; man ihn verb&uuml;ndet und mit Gef&auml;hrten kaum
+denken konnte. Doch wenn von den Z&ouml;glingen einer nur ihm
+an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erw&auml;hlter zu sein,
+war er pl&ouml;tzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene;
+dann war in seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und
+ich war keuscheste Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust
+von einem, der Seelen an sich pre&szlig;t und ihr epheuhaftes
+Ranken mit der eigenen n&auml;hrt.</p>
+
+<p>Er sagte zu seinen Sch&uuml;lern, seit die Freundschaft aufgeh&ouml;rt
+habe, ein Element des sozialen Lebens zu sein, sei die
+abendl&auml;ndische Welt mit unaufhaltsamer Gesetzm&auml;&szlig;igkeit
+gesunken, und der br&uuml;derliche Geist des Humanismus wandle
+sich in verfolgungss&uuml;chtige Barbarei. Er erz&auml;hlte ihnen von
+ber&uuml;hmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
+Darstellung gab den N&uuml;chternsten Bild und Begriff; wie
+nur Freundschaft das Einzelschicksal aus dem tragischen
+Grauen zu heben verm&ouml;ge, das der Kreatur als solcher angeboren.
+Die Griechen h&auml;tten es gewu&szlig;t und den Altar der
+Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Gr&ouml;&szlig;e des
+Volks und die fast unbegreifliche Zahl sch&ouml;pferischer Menschen.
+&raquo;Heute aber,&laquo; sagte er, &raquo;ist die Entz&uuml;ckung nicht mehr
+da von Mann zu Mann, der Glaube nicht, die Macht von
+Gem&uuml;t zu Gem&uuml;t nicht. Der Freund ist zum Gespielen geworden,
+zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und sp&auml;ter ist
+er Herr oder Sklave oder Feind. La&szlig;t doch lieber die Erde
+absterben und die Nationen vergehen, als da&szlig; ihr so weiter
+lebt, so arm, so halb.&laquo;</p>
+
+<p>Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch
+mehr als sonst.</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a></p>
+<p class="newsection">Es konnte ihm aber nicht entgehen, da&szlig; er in Oberlin
+einen gewonnen hatte, der ihm wesentlicher anhing und
+beharrlicher folgte als je einer zuvor. Den hatte er aus dem
+Innersten entfaltet und in die Flamme hineingetrieben, wo
+er nun mit Adorantenh&auml;nden stand. Es bewegte ihn sehr.
+Er h&auml;tte nicht k&uuml;hner begehren k&ouml;nnen, als es nun die Wirklichkeit
+schenkte.</p>
+
+<p>Manchmal schaute er in das erschlossene J&uuml;nglingsgesicht
+und dachte froh: ein Sch&uuml;ler! Was lag da nicht drin
+an Gew&auml;hr, an Unverg&auml;nglichem! So konnte es also sein!
+Manchmal auch erschrak er: bin ich dem gewachsen? Da
+war kein Einschr&auml;nken und Str&auml;uben; der volle Akkord aus
+der Tiefe, glockenklar.</p>
+
+<p>Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstpr&uuml;fung,
+Selbstbewachung; ein F&uuml;hren wie an seidenen F&auml;den. Er
+wurde gespannter, elastischer, beredter. Im Ma&szlig;e wie es
+ihn ergriff, erfuhr er die hundertmal erfahrene Angst von
+neuem: Angst vor Verlust, vor der Br&uuml;chigkeit, vor der Zeit
+und dem r&auml;uberischen Geschick. Auch dieser Ikarus wird mir
+in den Abgrund st&uuml;rzen, sagte er sich.</p>
+
+<p>Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die
+in der Kameradschaft, ungeduldig. Die Bevorzugung des
+h&uuml;bschen, aber nach dem allgemeinen Urteil etwas simplen
+Oberlin ver&auml;rgerte viele. Es hatte stets Beg&uuml;nstigte gegeben,
+doch so weit war es nie gediehen. W&auml;hrend aber die Unzufriedenheit
+in den meisten nur still g&auml;rte, auch durch ein
+Wort oder L&auml;cheln von der Leyens leicht zu beschwichtigen
+war, &uuml;bte Kurt Fink h&auml;mische Kritik. Dabei blieb es nicht;
+er verb&uuml;ndete sich mit dem Pr&auml;fekten Rottmann, und das
+Einverst&auml;ndnis gewann herausfordernden Charakter; denn
+zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine ernstliche
+Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>hatte der Pr&auml;fekt dem Schulleiter Widerpart geleistet
+und im Verlauf einer scharfen Auseinandersetzung sogar
+mit der &Ouml;ffentlichkeit gedroht.</p>
+
+<p>Von der Leyen hatte die Verf&uuml;gung erlassen, die gemeinsamen
+Leibes&uuml;bungen sollten v&ouml;llig nackt, auch ohne die
+&uuml;bliche Lendenhose vorgenommen werden. Er nannte dies
+Kleidungsst&uuml;ck unz&uuml;chtig und sagte, es versetze in den Zustand
+des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins. Die
+Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erkl&auml;rten
+sich bei der Schulversammlung einhellig f&uuml;r ihn;
+danach aber hatte Rottmann eine Gegenpartei zu bilden
+vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte auf seine
+Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war
+aber dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch
+von der Leyen nicht entschlie&szlig;en konnte, ihn brotlos zu
+machen.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt mal, Kinder, so geht das nicht weiter&laquo;, polterte
+eines Abends Justus Richter. &raquo;Rottmann schleicht im
+Schlafsaal herum, wenn man m&uuml;de ist, spioniert und st&auml;nkert.
+Ich erlaube nicht, da&szlig; hier gest&auml;nkert wird. Hier hat
+gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir gewollt,
+Oberlin, als er dich beiseite nahm?&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich antwortete: &raquo;Ich habe ihn nicht verstanden.
+Er tat so geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht
+an sich und an uns. Seine ideale Absicht w&auml;re nicht zu
+bezweifeln, aber er w&auml;re sich nicht klar dar&uuml;ber, da&szlig; er
+widernat&uuml;rliche Triebe in uns wecke.&laquo;</p>
+
+<p>Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. &raquo;O das
+Schwein!&laquo; rief er. &raquo;Hier gelob ichs, wenn er wieder das
+Lokal betritt, werf ich ihn die Treppe hinunter. Was
+f&uuml;r ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm erwidert?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>&raquo;Ja, ich wu&szlig;te nicht,&laquo; sagte Dietrich z&ouml;gernd, &raquo;ich wu&szlig;te
+garnicht, was er meinte. Was sind denn das: widernat&uuml;rliche
+Triebe?&laquo;</p>
+
+<p>Herzliches Gel&auml;chter folgte der Frage. Eine Weile noch
+wurde Dietrich geneckt, dann drehte der Zimmer&auml;lteste das
+Licht ab. Mehrere schimpften, aber zehn Minuten darauf war
+rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich allein konnte lange
+keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er sich.
+Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
+Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige
+wie im Schmerz verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein
+gefl&uuml;sterter Laut wieder; drau&szlig;en rauschten B&auml;ume, es war
+so schw&uuml;l, so eigen; auf den Zehen schlich er zum Fenster,
+&ouml;ffnete es und beugte sich hinaus, weit, durstig, beklommen,
+tr&auml;umend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im Kriechen
+m&uuml;d geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben
+wie eine zugemachte T&uuml;r. &raquo;Was tust du, Oberlin?&laquo; fragte
+eine leise Stimme.</p>
+
+<p>Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys,
+der mit aufs Kissen gest&uuml;tztem Arm ihn still forschend betrachtete.</p>
+
+<p>Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der gro&szlig;en
+L&auml;ngshalle angesagt. Als im goldigen Fr&uuml;hlicht die sechzehn-,
+siebzehn-, neunzehnj&auml;hrigen nackten Leiber sich geschmeidig
+durcheinander bewegten, hatten sie mit den Kleidern
+das eitel Unterschiedene abgestreift und waren sorglos
+spielende Fische geworden. Oberlin, von j&auml;hem Mutwillensrausch
+erfa&szlig;t, f&uuml;hrte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
+zum andern und ver&uuml;bte Schabernack, entschl&uuml;pfte gewandt,
+wenn sie ihn packen wollten, kletterte schlie&szlig;lich
+waghalsig auf einen der Tragbalken, ri&szlig; einen Glycinienzweig
+ab und flocht sich ihn um die Stirn. Seht, Oberlin
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>ist nicht bei Verstand, hie&szlig; es; aber seine Ausgelassenheit
+war ansteckend.</p>
+
+<p>Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft
+des Pr&auml;fekten Kre&szlig;. Es gab harten Kampf, von
+Zurufen und H&auml;ndeklatschen begleitet. Ein langbeiniger
+Junge war dem Ziel bereits nah, da &uuml;berholte ihn der dickliche
+Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um
+und machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse,
+da&szlig; das Gel&auml;chter dar&uuml;ber die Luft ersch&uuml;tterte.</p>
+
+<p>Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten L&auml;ufer.
+Lucian beteiligte sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb.
+Er hatte einen mageren Pantherk&ouml;rper, gestreckt, muskul&ouml;s,
+&auml;u&szlig;erst gehorsam. Nachdem angetreten war, gab einer der
+Pr&auml;fekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar F&uuml;&szlig;e raschelten
+flink &uuml;ber den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
+Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm
+hielt sich Georg Mathys, der prachtvoll lief, federnd, schleifend,
+wie m&uuml;helos. In der Mitte der Bahn gewann Oberlin
+die Spitze, um Armesl&auml;nge, um Meterl&auml;nge dann, behauptete
+sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
+innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu
+siegen. Aber da sauste ein brauner Schatten vor&uuml;ber; es
+mu&szlig;te Lucian sein; er hatte eine raffinierte Technik und versparte
+alle Kraft auf die letzten Sekunden.</p>
+
+<p>Oberlin bi&szlig; die Z&auml;hne aufeinander; der Atem sott;
+straffer den Nacken, lockrer die Gelenke, noch wars m&ouml;glich,
+ihn zu schlagen; zu sp&auml;t nun! Lucian war am Ziel. Dietrich
+stie&szlig; einen heiseren Zornschrei aus, stolperte im selben Moment
+und w&auml;re gest&uuml;rzt, wenn ihn Lucian nicht in seinen
+Armen aufgefangen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Sie schauten sich an, in st&uuml;rmischer Blutwallung beide;
+Oberlin keuchend, die Wangen gl&uuml;hend; der alternde Mann
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>bla&szlig; von der Anstrengung, doch seiner &Uuml;berlegenheit und
+St&auml;rke sich bewu&szlig;t. Als er Dietrich umfangen hatte, l&auml;chelte
+er; es war jenes finster-z&auml;rtliche L&auml;cheln, das wie eine
+Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht leidend und
+leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas M&uuml;tterliches,
+Froh-Ergriffenes; in einer r&auml;tselvollen Regung
+k&uuml;&szlig;te er den J&uuml;ngling auf den Mund.</p>
+
+<p>Mitten in der jagenden Hitze &uuml;berrieselte es Oberlin
+k&uuml;hl. Ma&szlig;loses Gl&uuml;ck und schreckenvolles Erstaunen war
+in einem; das Herz stand einen Augenblick still. Als ihn
+Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte sich an die
+Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen,
+mit neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen
+Zug im Gesicht.</p>
+
+
+<p class="newsection">Den Tag &uuml;ber bemerkte Oberlin nicht die ver&auml;nderte
+Stimmung in der Schulgemeinde. Er war versponnen und
+ging allen aus dem Weg. In seinen Augen war Verkl&auml;rung,
+aber von dunkler Tiefe her. Am Abend h&ouml;rte er,
+es sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach
+einem h&auml;&szlig;lichen Auftritt zum Bruch gekommen; der Pr&auml;fekt
+verlasse die Anstalt. Beim Aufstehen vom Essen trat
+Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu: &raquo;Nimm dich
+in acht, es geht was vor.&laquo; Lucian blieb unsichtbar; nachdem
+ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet
+hatte, trieb es ihn ins Freie; er legte sich unter einen Baum
+und schaute mit gl&auml;nzenden Blicken himmelan.</p>
+
+<p>Als es finster geworden war, kehrte er zur&uuml;ck und mischte
+sich unter die Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine
+gehemmtere Bewegung als sonst; der schw&uuml;l-farblose Abend
+dr&uuml;ckte vielleicht, eine von den Sommern&auml;chten, in denen
+Jugend zur B&uuml;rde wird und Gedanken wie Wunden sind.
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
+den Arm unter seinen und zog ihn von den andern
+fort. Er plauderte von den bevorstehenden Ferien, von
+Berlin, f&uuml;r das er schw&auml;rmte, von Theatern, Zirkus, Kabaretts,
+sch&ouml;nen Weibern; von Lucian unvermutet, an den er
+in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen
+M&auml;dchen dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war
+&uuml;berrascht und horchte auf, aber es ging so eilig, schon wieder
+sprach er von Lucian, beugte sich vor und starrte Dietrich
+lachend ins Gesicht; er konnte liebensw&uuml;rdig sein, in einer
+durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr sei, da&szlig; ihn Lucian
+gek&uuml;&szlig;t; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens h&auml;tten
+es erz&auml;hlt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich
+aus der fiebrig-schamhaften Verwirrung, da&szlig; er gerade
+Finks Gesicht unangenehm nah gesehen. Er machte sich
+los. Warum er so rot werde? rief Fink schadenfroh, warum
+er wie eine Jungfrau err&ouml;te? Darauf trat er dicht herzu,
+fa&szlig;te seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein, Oberlin
+gefalle ihm, die R&uuml;pelei neulich am Klavier sei nur aus
+Wut geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft
+immer geschnitten habe.</p>
+
+<p>Wie zuf&auml;llig begegnete ihnen Rottmann, gr&uuml;&szlig;te, gesellte
+sich zu ihnen, sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied
+nehmen zu k&ouml;nnen, da er morgen fr&uuml;h nach Freiburg fahre.
+Er habe gro&szlig;e St&uuml;cke auf Oberlin gehalten, und dies und
+anderes sagte er eigent&uuml;mlich beziehungsreich und lauernd.
+Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
+von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten
+Blick Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte
+sich wieder an ihn an, und bemerkte kichernd zu Rottmann,
+er h&auml;tte dabei sein sollen, wie Oberlin rot geworden sei,
+als er von der Ku&szlig;geschichte gesprochen. Rottmann tat
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>unwissend, Fink mu&szlig;te ihm den Vorfall in Erinnerung
+rufen; es klang sogar f&uuml;r Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter
+Dialog. Das halte er f&uuml;r unm&ouml;glich, sagte Rottmann
+abweisend, so etwas tue von der Leyen nicht, noch
+dazu in einer so verf&auml;nglichen Situation; Unsinn; solches
+Geschw&auml;tz d&uuml;rfe man nicht aufkommen lassen; von der
+Leyen sei viel zu herzenskalt &uuml;brigens, um sich in der geschilderten
+Weise hinrei&szlig;en zu lassen; er, Rottmann, f&uuml;rchte,
+Oberlin habe sich blo&szlig; wichtig machen wollen, aber dergleichen
+Prahlerei stehe ihm &uuml;bel an. Dietrich schaute ihm
+entr&uuml;stet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf zielte
+er hin? Was er im Denken kaum noch zu ber&uuml;hren sich unterfangen,
+das Geh&uuml;tete, dieser Irgendwer ri&szlig; es aus ihm
+heraus und wies mit Fingern hin. Im Innern war eine
+vorher nicht gesp&uuml;rte Last, ohne die es sch&ouml;ner und bunter
+zu leben war. Die ehrenkr&auml;nkende Bezichtigung gab ihm
+das Wort ein, da&szlig; es geschehen sei, habe niemand zu k&uuml;mmern,
+es w&auml;re ihm nie in den Sinn gekommen, dar&uuml;ber zu reden,
+und er begreife nicht, mit welchem Recht man ihn verd&auml;chtige.
+Nun, nun, bes&auml;nftigte Rottmann, es habe ja nichts weiter
+auf sich, er glaube ihm nat&uuml;rlich, mehr habe er nicht gewollt,
+als da&szlig; Oberlin den Vorgang einr&auml;ume, das Gest&auml;ndnis
+vor einem Zeugen gen&uuml;ge ihm vollst&auml;ndig. Er
+nickte den beiden zu und entfernte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat das zu bedeuten?&laquo; fragte Oberlin erstaunt.
+Kurt Fink zuckte die Achseln und sah verlegen aus.</p>
+
+<p>Georg Mathys hielt es f&uuml;r geraten, Oberlin zu warnen.
+&raquo;Du solltest dich nicht mit Kurt Fink einlassen&laquo;, sagte er
+noch am selben Abend zu ihm. Dem sei nicht zu trauen, dem
+Unsichern, sich selbst Gef&auml;hrlichen. Drau&szlig;en habe er schlechte
+Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert worden; ihn
+aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gestr&auml;ubt und
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>nur auf inst&auml;ndiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als
+er ihn einmal in Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus
+erwachsen, er mache sichs ja mit keinem leicht. Eine Zeitlang
+habe er sich besonders angelegentlich mit ihm besch&auml;ftigt,
+es h&auml;tte geschienen, als sei Fink ein anderer geworden.
+Da habe eines Tages der B&uuml;rgermeister im Dorf dr&uuml;ben
+sich beschwert, da&szlig; er in unversch&auml;mter Manier den M&auml;gden
+und Bauernt&ouml;chtern nachstelle, und daraufhin habe sich
+Lucian von ihm abgewendet. Seitdem habe er sich aufs&auml;ssig
+gezeigt, r&auml;nkevoll, und auf eine L&uuml;ge mehr oder weniger
+k&auml;me es ihm nicht an. &Uuml;brigens sei es das letzte Semester
+f&uuml;r ihn, er wolle sich in einer Presse f&uuml;r die Matura vorbereiten.</p>
+
+<p>Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander
+klar zu entscheiden. Oberlin f&uuml;hlte sich keineswegs wohl
+mit Kurt Fink, aber er mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes
+wie ein Wasser, dessen Tiefe man kennen mu&szlig;te;
+das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der verratende
+Blick. Er suchte ihn nicht, aber er lie&szlig; sich finden. Er &ouml;ffnete
+sich nicht, aber er lieh ihm Geh&ouml;r. H&auml;&szlig;liches wurde verf&uuml;hrerisch,
+und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
+Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft
+Verh&uuml;lltes. Es war ein W&uuml;hlen in der Erde und ein Brausen
+in den Wolken. Schlaf qu&auml;lte. Der Duft der Akazien war
+wie best&auml;ndiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie, zitterte
+man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindr&auml;ngen,
+Ertasten, Erw&uuml;nschen, da&szlig; Buch und Lehre verstummten.
+Auch mit den andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren
+Blicke, ihre unruhigeren H&auml;nde lie&szlig;en es wissen; in der
+Nacht richtete sich einer auf und rief ein Wort in die Dunkelheit;
+am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
+bla&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>Oberlin suchte Lucians N&auml;he; wenn er Fink verlassen
+hatte, sp&uuml;rte er es wie Durst nach Lucian. Doch Lucian
+schien bedr&auml;ngt. Es war bisweilen, als horche er, warte er;
+nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere Falte. Er
+sch&uuml;tzte geh&auml;ufte Arbeit vor, um einem Zusammensein auszuweichen,
+aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
+Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zur&uuml;ckzunehmen,
+doch wenn ihm Oberlin wortlos das Herz entgegentrug,
+richtete sein Auge eine Schranke auf.</p>
+
+<p>Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit
+nicht. Er ma&szlig;te sich das Recht nicht an, die Schale um die
+Menschenbrust zu sprengen; was konnte er tun, um Schutz
+zu bieten, die unbegrenzte Verhei&szlig;ung zu erf&uuml;llen? Er
+hatte sein Gesetz &uuml;bertreten, preisgegeben, was zu bewahren
+war, sich an ein Gef&uuml;hl verraten, das Mysterium
+entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin
+wurde ihm wie ein geliebtes Bild, das man besitzt, um es
+zu verschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und F&uuml;hrer war,
+gab es doch immer ein Zeichen, das nur f&uuml;r Oberlin bestimmt
+war, Worte, die nur ihm allein galten. Dietrich
+mu&szlig;te freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm nicht
+entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen;
+Spannung wuchs ins Unertr&auml;gliche, so da&szlig; er dann das
+leichte Opfer des Verf&uuml;hrers wurde, der das Netz um ihn
+wob. So geschah es auch am dritten Tag, nachdem der
+Pr&auml;fekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war wolkenloser
+Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
+mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden.
+Die vierzehn Z&ouml;glinge umgaben ihn wie junge Paladine;
+Georg Mathys mit dem gelassenen Schritt ging an seiner
+Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine Heiterkeit hatte
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als sp&uuml;re er das &uuml;ber ihm
+schwebende Verh&auml;ngnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
+alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes
+Thema hatte hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name
+erh&ouml;hte sich zur Figur. &Uuml;ber Friedrich von Preu&szlig;en zu
+sprechen, wie es zum heutigen Plan geh&ouml;rte, war ihm Leidenschaft;
+er zeichnete den Menschen als h&auml;tte er mit ihm gelebt;
+er war ihm der gro&szlig;e &raquo;Freund&laquo;; als er die Beziehung
+zwischen Friedrich und Katte schilderte, den Zwist mit dem
+Vater, Kattes Gang zur Hinrichtung vor dem Fenster von
+Friedrichs Gef&auml;ngnis, war etwas Schw&auml;rmerisches &uuml;ber
+ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur H&auml;rte, ja
+h&auml;ufigen D&uuml;rre seiner Natur. Nichts unterliege so dem
+Mi&szlig;verst&auml;ndnis und der Verzerrung, als was an geschichtlichen
+Pers&ouml;nlichkeiten, K&ouml;nigen und Feldherrn die Gr&ouml;&szlig;e
+genannt wird, bemerkte er beil&auml;ufig. Nicht die Gr&ouml;&szlig;e der
+Tat, immer die Gr&ouml;&szlig;e der Seele sei es, die Unsterblichkeit
+verleihe. Was Schwert und Politik au&szlig;erdem noch vollbringe,
+sei eher Abzug als Vermehrung, und man stecke
+in dieser Hinsicht noch im tr&uuml;ben Aberglauben historischer
+Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das ewig Lebendige
+vom Verwesten scheide.</p>
+
+<p>Hier&uuml;ber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den
+Lucian in sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt
+zwischen Kronprinz und K&ouml;nig wurde Anla&szlig;, von dem
+Verh&auml;ltnis zwischen Vater und Sohn &uuml;berhaupt zu sprechen.
+Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer darauf zur&uuml;ck;
+da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den
+er fruchtlos anst&uuml;rmte. &raquo;Unterbundene Wurzel, hei&szlig;t das
+nicht verdorrte Krone?&laquo; Er erz&auml;hlte, wie ihn sein Vater
+grausam gez&uuml;chtigt, als er sich, mit f&uuml;nfzehn Jahren, geweigert
+hatte, Theolog zu werden. Die Knaben lauschten
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>atemlos, sie h&ouml;rten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
+Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsproze&szlig;:
+Einsperrung, Fasten und die Peitsche.
+Zur Theologie gepeitscht.</p>
+
+<p>&raquo;Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene
+Rechnung. V&auml;ter und Urv&auml;ter haben das Herz der
+Menschheit vergiftet und die Vernunft vergewaltigt; kommt
+dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den Sohn mit der
+Forderung heran: verpf&auml;nde mir dein Herz und unterwirf
+mir deinen Geist. F&uuml;rchte dich, spricht er, so wie Jehovah
+zu seinem Volk sprach: f&uuml;rchte dich. Der Sohn beugt sich
+und dient dem &Uuml;bel weiter, bis abermals die Zeit kommt und
+nun er zum Sohn spricht: f&uuml;rchte dich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir f&uuml;rchten uns nicht,&laquo; wurde geantwortet, &raquo;wir gehorchen
+aus &Uuml;berzeugung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir gehorchen aus Liebe&laquo;, sagte eine Stimme.</p>
+
+<p>Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der
+Erde, sagte Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier,
+Krippe und Stall seien m&auml;chtiger als Prophetenwort. Und
+doch gebe die Tiermutter ihr Junges auf, sobald es sich
+selbst Nahrung verschaffen k&ouml;nne. Eine Vokabel wisse er,
+die solle ausgestrichen werden aus dem W&ouml;rterbuch der
+Sprache, die hei&szlig;e Gl&uuml;ck. Gl&uuml;ck und Leben verneinten einander.
+Wer Gl&uuml;ck wolle, der wolle Tod. Dabei sei es nur das
+Krippengl&uuml;ck, das Stallgl&uuml;ck, nach dem sie gierten, das
+verbrecherische Genug und Gen&uuml;gen, das Du sollst und
+Ich darf, ich der J&auml;ger, du das Wild.</p>
+
+<p>Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er
+auch zu fliehen vor sich selbst. F&uuml;rchtet euch nicht! Es war
+nicht die Mahnung eines Lehrers, sondern der Schlachtruf
+eines Soldaten. Georg Mathys wandte ein, es gebe eine
+sch&ouml;ne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht. Sie
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte
+Lucian; er anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt
+werde durch die Furcht und man ihn nicht zwingen wolle,
+auf Schutt und Moder zu bauen. Aber der Basler Hemmschuh
+lie&szlig; nicht locker. Ohne Furcht sei keine Macht, behauptete
+er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen f&auml;hig,
+so m&uuml;&szlig;te den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden,
+sonst gehe alles au&szlig;er Rand und Band.</p>
+
+<p>Lucian lachte. &raquo;Ist das nicht erg&ouml;tzlich, diese Neunzehnj&auml;hrigkeit
+auf dem rechten Fl&uuml;gel des Hauses?&laquo; rief er.
+&raquo;Aber siehst du; dich nenn ich eben furchtlos, und so behagst
+du mir. <em class="antiqua">Quo res cunque cadunt semper stat linea
+recta.</em> Das war die Devise der Ligne und Egmont, die
+wollen wir uns w&auml;hlen.&laquo; Er zog Oberlin, der in einem
+Krampf des Lauschens dicht vor ihm schritt, zwischen sich
+und Ulschitzky, nahm ihm die M&uuml;tze vom Kopf und trug
+sie im l&auml;ssig schlenkernden Arm.</p>
+
+<p>Auf dem Heimweg f&uuml;gte es sich wie von ungef&auml;hr, da&szlig;
+Kurt Fink mit Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen
+langsameren Schritt, da&szlig; sie allm&auml;hlich weit hinter den
+andern zur&uuml;ckblieben. Anfangs wehrte sich Dietrich still
+gegen den Weggenossen; er wu&szlig;te ja, was kam. Das Helle
+verging, das Silberne wurde grau. Oft f&uuml;hlte er in Farben,
+tr&auml;umte auch in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden
+Angsttraum, der nur darin bestand, da&szlig; s&uuml;&szlig;es
+Blau sich in t&uuml;ckisches Gelb verwandelte.</p>
+
+<p>Es d&uuml;nkte ihn schm&auml;hlich, da&szlig; er sich verlocken lie&szlig;, und
+es d&uuml;nkte ihn schw&auml;chlich, sich zu entziehen. Listige Worte
+umschwatzten ihn; noch hielt ihn Lucians Geisterkreis und
+Geisterblick, dann war es banges Sichfallenlassen. Es ist
+ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach unten lauscht,
+die Wimper verr&auml;t es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>hier ein verbotenes Pf&ouml;rtchen, durch das man in d&auml;mmrige
+Gew&ouml;lbe stieg. W&auml;hrend Fink Bl&auml;tter von den B&uuml;schen
+ri&szlig;, an einem Grashalm sog, sich b&uuml;ckte, um einen K&auml;fer
+oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald in das Revier,
+wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbl&auml;ser,
+Schl&uuml;ssellochdieb, l&uuml;sterner feiger R&auml;uber. Oberlin war
+zu sauber von Fantasie, um immer gleich deuten zu k&ouml;nnen,
+was der Verdorbene ihm zeigte; bisweilen zuckte er zusammen,
+die Vogelstimmen schwiegen, der Saft in den B&auml;umen
+h&ouml;rte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.</p>
+
+<p>Fink erz&auml;hlte, da&szlig; er sich mit seiner Verlobten, Hedwig
+Sch&ouml;nwieser, zu einer Reise ins Allg&auml;u verabredet habe;
+dann wollten sie einige Zeit im Inselhotel in Konstanz
+wohnen. Aus gelegentlichen Gespr&auml;chen, die Oberlin mit
+Georg Mathys und Justus Richter gef&uuml;hrt, wu&szlig;te er, da&szlig;
+Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger
+Villa eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter
+dar&uuml;ber korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur
+im Leuckerbad gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun
+fragte Fink, ob er ihn ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen
+d&uuml;rfe. Das war Oberlin sonderbar zu h&ouml;ren; die
+Reise mit einem M&auml;dchen, das die Braut sein sollte; demselben
+M&auml;dchen, von dem jener vor f&uuml;nf Minuten geschildert,
+wie es sich vor dem Spiegel v&ouml;llig entkleidet
+und ihm erlaubt habe, da&szlig; er aus dem Nebenzimmer in
+den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie seinen
+Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
+feierlich versprechen m&uuml;ssen; nur das Bild im Spiegel. Es
+war eine umgest&uuml;lpte Wirklichkeit, eigent&uuml;mlich ruchlos;
+die Lippe wurde trocken, der Fu&szlig; m&uuml;de. Dietrich vermochte
+lange nicht Antwort zu geben, dann stotterte er: &raquo;Ja, komm
+nur, bei uns ist es sehr h&uuml;bsch.&laquo; Kurt Fink lachte, Oberlin
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen, er
+habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder
+um, sah Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Pl&ouml;tzlich
+hatten sie einander untergefa&szlig;t und rangen, keuchend,
+schweigend, mitten in der Stille des Waldes, ohne Anla&szlig;,
+ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider Brust; keiner
+wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bew&auml;ltigen,
+da lie&szlig;en sie wieder voneinander. Oberlin hob die M&uuml;tze
+auf, reinigte sie von Erde und d&uuml;rren Nadeln und setzte
+hei&szlig; atmend seinen Weg fort. Nach kurzer Weile h&ouml;rte er
+Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied singen.</p>
+
+<p>Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald
+trat, eine schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen
+einer ungeheuren schwarzen. Im Dorf l&auml;uteten die Glocken,
+Schafe trippelten lautlos &uuml;ber den H&uuml;gelhang, ein paar
+Kr&auml;hen fielen wie Tintenklexe in die Furchen. Oberlin schlug
+im Gehen die H&auml;nde vors Gesicht; es war ihm bitter ums
+Herz, bitter und s&uuml;&szlig;; in einen Strudel von Sehnen wurde
+es hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die
+Welt war verloren, in die pochenden Adern verkroch sie
+sich, das Bitters&uuml;&szlig;e schn&uuml;rte die Kehle zusammen; man
+h&auml;tte niederkauern m&uuml;ssen, die Arme in die Erde w&uuml;hlen, die
+Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wu&szlig;ten
+so viel. Das Donnergegroll r&uuml;hrte ihn m&auml;chtig an; er trug
+Verlangen; Stra&szlig;e auf und Stra&szlig;e ab war leer; er war sich
+feind, er war sich alt.</p>
+
+<p>Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und
+Richter auf ihn. Sie erkundigten sich, wo Fink geblieben
+sei. Sie zogen ihn in den Garten und dort wanderten sie
+zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewu&szlig;t erf&uuml;llten sie
+die Aufgabe der Freunde, zu bes&auml;nftigen und zu vergessender
+Ruhe zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>Zweck; Justus Richter, dem sein sprudelndes Temperament
+Vorsicht nicht leicht machte, begann mit einer mi&szlig;f&auml;lligen
+Bemerkung &uuml;ber die zwischen Oberlin und Fink
+herrschende Intimit&auml;t; Georg Mathys milderte die Sch&auml;rfe;
+er sagte, f&uuml;r ihn spr&auml;chen Geschmacksgr&uuml;nde gegen einen
+solchen Verkehr, auch Gr&uuml;nde der Selbstliebe; neben dem
+wurmigen Holz kr&auml;nkle das gesunde bald. Seine Herzlichkeit
+und Zartheit, Richters warme Art drangen zu Oberlin;
+mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
+begriffen; sie waren mit der Erkl&auml;rung zufrieden.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter war die Siedlung Schauplatz fiebernder
+Aufregung. Kurz nach der Heimkehr schon hatte man
+Lucian mit einem Zeitungsblatt in der Hand auffallend
+bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort eine Konferenz
+der Lehrer und Pr&auml;fekten einberufen. Die Zeitung,
+so erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten
+f&uuml;r den Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden
+Artikel &uuml;ber die sittenlosen, oder wie es w&ouml;rtlich
+hie&szlig;, sardanapalischen Zust&auml;nde in der Hochlindener Schulgemeinde,
+dieses Geschw&uuml;r am Leibe eines christlichen Staates.
+Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
+heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten.
+Nicht genug damit, brachte dann die Achtuhrpost,
+gerade als zu Tisch gel&auml;utet wurde, mehr denn anderthalb
+Dutzend Briefe von Eltern, teils an die S&ouml;hne selbst, teils
+an den Leiter der Anstalt, mit dem emp&ouml;rten Hinweis auf
+skandal&ouml;se Enth&uuml;llungen, die ihnen von vertrauensw&uuml;rdiger
+Seite zugegangen seien und die, falls sie best&auml;tigt w&uuml;rden,
+l&auml;ngeres Verbleiben der Z&ouml;glinge unm&ouml;glich machten. Man
+forderte deshalb schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht.
+Vier Sch&uuml;ler aber erhielten Telegramme mit der Ank&uuml;ndigung
+von der Ankunft des Vaters oder der Mutter, und einer,
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne Verzug
+nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag.
+Aus dem Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, da&szlig;
+er der Ratsherrin als ein an den Vorg&auml;ngen unmittelbar
+Beteiligter denunziert worden war.</p>
+
+<p>Best&uuml;rztes Rennen &uuml;ber die G&auml;nge. In den S&auml;len traten
+Gruppen zusammen; jeder brachte jeden Augenblick neue
+Kunde. Drau&szlig;en tobte das Gewitter und pl&auml;tscherte der
+Juniregen. Gegen neun Uhr hie&szlig; es, im Spielsaal solle
+Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald &auml;ngstliches
+Gew&uuml;hl. Georg Mathys wurde umringt und man wollte
+seine Meinung h&ouml;ren; er hatte sich nicht nur im Verh&auml;ltnis
+zu seinen Angeh&ouml;rigen eine gewisse Selbst&auml;ndigkeit errungen,
+sondern geno&szlig; auch in der Schulgemeinde eine bevorzugte
+Stellung zwischen Z&ouml;gling und Erzieher; Lucian hatte ihn
+als Helfer sch&auml;tzen gelernt. Da er die Pr&uuml;fungen bereits
+im Fr&uuml;hjahr abgelegt und bestanden hatte, war es nur
+die Neigung zum Lehrberuf, Interesse an organischer Entwicklung
+des Geistes, die ihn an Hochlinden fesselten.</p>
+
+<p>Da&szlig; man ohne Wanken f&uuml;r Lucian einzustehen habe,
+brauchte er ihnen nicht zu sagen; es lag ihm im Gegenteil
+daran, einen zutage tretenden &Uuml;bereifer zu bek&auml;mpfen,
+und dieses Bem&uuml;hen erregte Unwillen, von Minute zu Minute
+mehr. Sie wollten zum Angriff &uuml;bergehen, f&uuml;r die Bedrohung
+und Verunglimpfung des F&uuml;hrers Rache &uuml;ben
+und sich f&uuml;r unabh&auml;ngig erkl&auml;ren. Die Er&ouml;rterung wurde
+ungest&uuml;m. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen das Wort.
+Der anschwellende Aufruhr entz&uuml;ndete die Gem&auml;&szlig;igten und
+Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz
+der Autorit&auml;t, hie&szlig; der Brandruf; man habe ein Recht zu
+leben, folglich ein Recht zu handeln; sich in einem so beispielhaften
+Fall bevormunden zu lassen sei Schmach; jetzt
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>oder nie m&uuml;sse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
+der verrotteten, vern&ouml;rgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
+stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender
+Stimme zur Gr&uuml;ndung des Bundes neuer Jugend auf; der
+Einfall begeisterte; sofort entstand der Plan, Statuten
+zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle sollten
+schw&ouml;ren, sich von nun an V&auml;tern und M&uuml;ttern nicht mehr
+zu f&uuml;gen. Beifallsgejohl; H&auml;nde erhoben sich; ein knatternder
+Donnerschlag brachte kurze D&auml;mpfung des Tumults
+hervor, um so wilder stieg die Woge bis zum n&auml;chsten. Einige
+umarmten sich; einige br&uuml;llten zornig aufeinander los;
+einige erkl&auml;rten, die Schule in ihrer bisherigen Verfassung
+sei abzuschaffen; Unterricht k&ouml;nne nur eine von den Sch&uuml;lern
+gew&auml;hlte Pers&ouml;nlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch
+die Luft, die sich bem&uuml;hten, etwas zu ergreifen, etwas in den
+Staub zu schleudern, sei es ein seit Menschengedenken beweihr&auml;ucherter
+G&ouml;tze, sei es ein unschuldiges ausgestopftes
+Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und Mozart
+waren nicht sicherer davor, endg&uuml;ltig von ihren Thronen
+gesto&szlig;en zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen
+Kassen den schm&auml;hlich erhandelten Mammon abz&auml;hlten.
+Fluchw&uuml;rdige Unterdr&uuml;ckung alles, eine Welt, deren morsche
+St&uuml;tzen dem Sturmatem herrlicher neuer Zeit nicht
+standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
+nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat
+sein unverbr&uuml;chliches Gesetz in sich; neu die Gef&uuml;hle,
+schrankenlos, neu die Formen, jeder erf&uuml;lle seine eigene:
+h&ouml;her die Woge, h&ouml;her der Gischt; erst das Bestehende zu
+Tr&uuml;mmern schlagen und die Ketten zerrei&szlig;en, dann wollen
+wir dar&uuml;ber nachdenken, wie wirs uns ertr&auml;glich einrichten.</p>
+
+<p>Manche nahmen das Gew&uuml;hl und Toben humorig auf,
+als Anla&szlig;, das unterste zu oberst zu kehren und sich mit;
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>doch waren die Schabernackleute in Minderzahl, und wenige
+waren so gutm&uuml;tig oder wohlerzogen, da&szlig; nicht in ihrem
+Auge etwas von Ha&szlig;, Vernichtungslust, geb&auml;ndigtem und
+nun hervorbrechendem b&ouml;sen Trieb erglomm. Jeder war
+Werkzeug f&uuml;r die wilderen Forderungen des andern, und
+jeder suchte wieder einen Schw&auml;cheren, den seine Unentschlossenheit
+verd&auml;chtigte, um an ihm den Rausch zu steigern.
+Dies hatte ungef&auml;hr eine halbe Stunde gedauert, da wurde
+die Mittelt&uuml;r zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte
+sich auf der Schwelle, begleitet von mehreren Pr&auml;fekten und
+dem bejahrten Mathematiklehrer. Er blickte &uuml;ber die
+K&ouml;pfe hin, verwundert, mit dem umbuschten, fl&uuml;chtigen
+L&auml;cheln; er kreuzte die Arme &uuml;ber der Brust; es war still.
+Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute
+ihn fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene
+sagte viel.</p>
+
+<p>Lucian trat in den Kreis, der sich &ouml;ffnete, blickte abermals
+schweigend umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes
+Schweigen. Da vernahm man Schritte; sie waren unerwartet,
+diese Schritte, sie hatten etwas Ordnung und
+Zucht durchbrechendes in der blo&szlig; vom verrollenden Donner
+gest&ouml;rten Stille. Sie r&uuml;hrten von Oberlin her, der sich von
+seinem Platz erhoben hatte, als Lucian unter der T&uuml;re erschienen
+war. W&auml;hrend des ganzen furchterweckenden L&auml;rms
+und Get&uuml;mmels war er steif und stumm auf dem Fenstersims
+am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in
+seinen H&auml;nden. Er hatte kaum recht geh&ouml;rt, was die Kameraden
+geredet, geschrien, gebr&uuml;llt; oder wenn geh&ouml;rt, doch das
+Einzelne nicht erfa&szlig;t; der rasende Wirrwarr hatte ihn in
+sich selbst zur&uuml;ckgetrieben, so da&szlig; er in seiner Beklommenheit,
+Ratlosigkeit und Best&uuml;rzung &uuml;ber den Inhalt der
+Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>er sich auf; die j&auml;he Ruhe verlieh ihm eine vertr&auml;umte Art
+von Mut; das Ger&auml;usch seiner Schritte war ihm aber ebenfalls
+erstaunlich, doch da eine Gasse f&uuml;r ihn gebildet wurde,
+besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian zu, reichte ihm
+das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
+&raquo;Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.&laquo;</p>
+
+<p>Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten
+sonderbarerweise eine besch&auml;mende und ergreifende Wirkung
+hervor. Augen senkten sich, die bis dahin noch voll
+Kampfgier und Selbstgef&uuml;hl gewesen waren. Lucian nahm
+das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing
+er an zu sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr denkt doch nicht, da&szlig; ich euch loben soll? Was ihr
+da getrieben habt, k&ouml;nnt ihr euch eine ersprie&szlig;liche Folge
+davon erhoffen? Es hat verdammte &Auml;hnlichkeit mit manchen
+Geschichten von den sieben Schwaben. Die sieben Schwaben
+nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie
+weit genug vom Schu&szlig; waren. Ihr seid sehr weit vom Schu&szlig;.
+Ich will euch auch keine Vorw&uuml;rfe machen, sonst ginge es
+mir vielleicht wie dem alten Storch in meiner Heimat. Es
+war da eine der feierlichen Storchenversammlungen, wie
+sie gew&ouml;hnlich im Herbst stattfinden. Nachdem die Burschen
+anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich pl&ouml;tzlich ein
+ohrenbet&auml;ubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein
+einziger alter w&uuml;rdevoller Storch bewahrte Haltung und gab
+sich M&uuml;he, die aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu
+bringen; da fielen sie insgesamt &uuml;ber ihn her und hackten
+ihn mit den Schn&auml;beln tot. Ob sie dann trotzdem gl&uuml;cklich
+nach &Auml;gypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt
+hatten, gekommen sind, wei&szlig; ich nicht. Es ist wahrscheinlich;
+demnach w&auml;re also der alte l&auml;stige Friedenstifter
+wirklich entbehrlich gewesen, und sie h&auml;tten von ihrem
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
+zu machen. <em class="antiqua">Exempla docent.</em> Hier stehe ich. R&uuml;hrt die
+Schn&auml;bel, Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also
+gebt acht.&laquo;</p>
+
+<p>Und er fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe da drau&szlig;en eine ganze Weile den Lauscher an
+der Wand gespielt. Und es war mir auch fast zumut, als
+h&ouml;rt ich meine eigene Schand. Zun&auml;chst h&auml;tte ich nat&uuml;rlich
+keinen Anla&szlig;, mich von euerm Anathema getroffen und
+inbegriffen zu f&uuml;hlen, denn schlie&szlig;lich zwitschert ihr
+ja, wie ich gesungen habe, und das m&uuml;&szlig;te mir eigentlich,
+werdet ihr sagen, eine gewisse Befriedigung gew&auml;hren. Aber
+man hat immerhin ein halbes Hundert Jahre auf dem Buckel,
+und man mag sich selber noch so zugeh&ouml;rig d&uuml;nken zu allem,
+was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen l&auml;&szlig;t
+sich durch keine Selbst&uuml;berredung achtzehnj&auml;hrig machen,
+und so unab&auml;nderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die
+erkaltende Lava ihre Kruste, so hat auch das vorger&uuml;ckte
+Lebensalter seine Zeichen. Etwas in uns wird starrer, etwas
+in uns versteint, wir m&ouml;gen tun und reden, so viel wir wollen,
+und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Proze&szlig; zu einem
+fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in
+meiner Weise versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis
+gekommen bin, da&szlig; die Stunde der Abdankung vielleicht
+auch f&uuml;r mich geschlagen hat, so darf euch das nach eurer
+turbulent ge&auml;u&szlig;erten Gesinnung nicht gro&szlig; verwundern.
+Ich erkl&auml;re mich also zum freiwilligen Autorit&auml;tsverzicht
+bereit; keine Zwischenrede, straft nicht L&uuml;gen, was euch der
+Geist eingegeben hat, ich erkl&auml;re mich bereit zum Verzicht,
+sage ich, allerdings unter einer Bedingung. Wenn von euch
+achtzig oder f&uuml;nfundachtzig, die ihr vor mir steht, einer vortreten
+und den Beweis liefern kann, da&szlig; er eine pers&ouml;nliche
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die f&uuml;r vorbildlich
+oder exemplarisch oder nachahmenswert oder r&uuml;hmlich
+gelten mu&szlig;, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbst&auml;ndiges
+Menschentum deutet, eine Handlung gro&szlig;er Unerschrockenheit,
+edler Verleugnung und Entbehrung, irgend
+ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
+alle F&ouml;rderndes, dann will ich meine &Auml;mter und Befugnisse,
+die ich mir ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht
+und das bessere Wissen angema&szlig;t, niederlegen und mich
+f&uuml;r einen eurer unw&uuml;rdigen Usurpator halten. Nun? niemand
+meldet sich? Was f&uuml;r verlegene Gesichter? Noch vor
+zehn Minuten habt ihr die Mauern ersch&uuml;ttert und den Donner
+&uuml;berdonnert mit euerm Weltbewu&szlig;tsein und jetzt so
+kleinlaut? Meint ihr denn, ihr k&ouml;nnt mir imponieren, so
+lang ihr blo&szlig; das Kapital verwirtschaftet, das andere f&uuml;r
+euch aufgeh&auml;uft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben wegzukehren
+und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmei&szlig;en
+sei schon was? K&ouml;nnt ihr einen Schuh verfertigen?
+K&ouml;nnt ihr einen Tisch zimmern? K&ouml;nnt ihr ein Hufeisen
+schmieden? K&ouml;nnt ihr Honigwaben aus dem Stock schneiden?
+Ich behaupte nicht, das sei n&ouml;tig, um Gesetze diktieren
+und Richter sein zu k&ouml;nnen, aber auf das Elementare
+mu&szlig; man sich verstehen, das mu&szlig; man hinter sich haben.
+Und hier ist der Punkt, wo ich mich, sicherlich zur Genugtuung
+des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
+habe. Als ich da drau&szlig;en vor der T&uuml;re stand, fiel mirs
+schuldschwer auf die Seele, da&szlig; ich euch und mich um dieses
+Elementare herumgeschwindelt habe, das einem echten Kerl
+freilich in den Gelenken sitzt, das aber gewu&szlig;t und bedacht
+werden mu&szlig;, sonst zersplittern die Schwerter am Urgestein
+und das Sch&auml;dliche bl&auml;ht sich hernach doppelt.
+Nichts anderes werf ich mir vor, als da&szlig; ich mirs zu bequem
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>habe werden lassen, wie wenn einer ein Fell gerben und
+sich die Lohe ersparen m&ouml;chte und glaubt, es sei dasselbe,
+wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da ist
+nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
+beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr f&uuml;hle ich mich
+zu dem Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorl&auml;ufigen
+Abschied von euch zu nehmen habe. Ich werde die
+Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den Verlauf dieser
+Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und
+mich jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen,
+zu entziehen. Ein stellvertretendes Lehrerkollegium
+&uuml;bernimmt die Leitung, und da&szlig; ihr diesen Entschlu&szlig; billigt,
+dar&uuml;ber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,&laquo; rief er und
+streckte die H&auml;nde aus gegen Zudr&auml;ngende, Bewegte, Bittende,
+&raquo;da ist nicht zu r&uuml;tteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt
+sich. Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern
+von allen, als w&auml;r es ein Einziger.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. &raquo;Und du,&laquo;
+sagte er langsam, indem er beide H&auml;nde auf Dietrichs Schultern
+legte, &raquo;du gehorche nur. Du sollst gehorchen. Aber merk
+dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder nicht bald, an dem
+kein anderer Mensch f&uuml;r dich da sein kann als ich. Dann
+mu&szlig;t du mich zu finden wissen.&laquo;</p>
+
+<p>Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verlie&szlig;
+und die meisten ihm das Geleite gaben, stand er zu Boden
+schauend und von Blitzen umzuckt, die das Nachgewitter
+durch die hohen Fenster streute.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Die_zweite_Stufe" id="Die_zweite_Stufe"></a>Die zweite Stufe</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a></p>
+
+
+<h3>Rottmanns Brief</h3>
+
+<p class="newchapter">Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
+Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern
+ihre S&ouml;hne zu sch&uuml;tzen verpflichtet sind. Wenn in einer
+Zeit der hemmungslosen gedanklichen Ausschweifungen in
+willensschwachen J&uuml;nglingsseelen der Keim der Verf&uuml;hrung
+aufschie&szlig;t, trifft es nur diejenigen &uuml;berraschend, die zuvor
+die Augen in gutm&uuml;tiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
+Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff
+davon geben, bis zu welch bedenklichem Grad das Unwesen
+gediehen ist. Die &Ouml;ffentlichkeit nimmt Ansto&szlig;, der Stein
+kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
+Grunds&auml;tzen des Doktor von der Leyen an ma&szlig;gebender Stelle
+auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den
+er in leider allzu empf&auml;ngliche Gem&uuml;ter zu senken wei&szlig;.
+Wobei ich mir und andern nicht verhehle, da&szlig; man es mit
+einem Mann von hohen Gaben zu tun hat, von einer ungemeinen
+Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart und
+R&uuml;cksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine
+Grenze achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm
+anvertraute Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal
+beschrittenen Wege abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung
+nicht zu verletzen, darf ich in meinen Andeutungen
+nicht ausf&uuml;hrlicher werden; nur so viel will ich erw&auml;hnen,
+da&szlig; ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der Verantwortung
+in keinem Punkt entziehen werde und mich, was
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>den unz&uuml;chtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner
+Trennung von Doktor von der Leyen war, auf das freie
+Eingest&auml;ndnis Ihres Sohnes Dietrich mir gegen&uuml;ber und
+vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es einem fernstehenden,
+aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
+Frau, da&szlig; er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten
+zu bel&auml;stigen. Seine Erw&auml;gung ist, eher das Odium des
+Angebers auf sich zu nehmen, als unter dem Gewissensvorwurf
+zu leiden, er habe das &auml;u&szlig;erste nicht getan, um eine
+w&uuml;rdige Familie vor Schande zu bewahren und einen
+jungen Menschen, der ihm trotz verzeihlicher Charakterm&auml;ngel
+wert ist, einer mit jedem vers&auml;umten Tag drohender
+sich gestaltenden Gefahr zu entrei&szlig;en. In besonderer Hochsch&auml;tzung
+Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
+Domgasse 8.</p>
+
+
+<h3>Dorine</h3>
+
+<p class="newchapter">Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine
+Jugend im Sinn von Freiheit und &Uuml;berschwang nicht gelebt,
+daher f&uuml;hlte sie dieses Alter nicht als Abstieg und nicht als
+Verarmung, sondern als Ergebnis eines nat&uuml;rlichen Prozesses,
+der sie weder zur R&uuml;ckschau zwang, noch zum Bedauern.
+Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie
+sich im Verh&auml;ltnis zu Menschen und Dingen an die bew&auml;hrte
+Regel. Nichts was von au&szlig;en zu ihr drang, von der Welt
+der Gleichgeordneten nicht und von der der Untergebenen
+nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das Dasein
+war vollkommen durchsichtig f&uuml;r sie gewesen.</p>
+
+<p>Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig
+Jahre &auml;lteren Mann geheiratet, der ihr gesicherte Umst&auml;nde,
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>gl&auml;nzende gesellschaftliche Stellung und ein Miteinanderleben
+ohne Konflikte versprach. In der Tat war die Ehe
+niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine Verstimmung
+getr&uuml;bt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet
+in ihren Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten
+und &auml;u&szlig;eren Beziehungen. Die g&auml;nzliche Leidenschaftslosigkeit
+der F&uuml;hrung bewirkte in den gemeinsamen Fragen
+einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-f&uuml;gen
+die Rede sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern
+Seite, da Wunsch und Wille stets aus der n&auml;mlichen Wurzel
+kamen und &Uuml;bereinkunft sich ergab wie bei zwei Reisegef&auml;hrten,
+die weder &uuml;ber den Weg noch &uuml;ber das Ziel ein
+Wort zu verlieren brauchen.</p>
+
+<p>Hieran &auml;nderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen
+des Sohnes. Wie das Verhalten zueinander so stand
+auch das zu dem Knaben unter einem Gesetz, das freilich
+bei den konservativsten Familien der Stadt seine urspr&uuml;ngliche
+Geltung nicht mehr besa&szlig; und von modernem Geist,
+moderner Schw&auml;che etwa seit der Wende des Jahrhunderts
+angekr&auml;nkelt war. Man mochte es patriarchalisch nennen
+oder b&uuml;rgerlich-patrizisch, es war Frucht von alt&uuml;berbrachten
+Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten und der profanierenden
+und entkr&auml;ftenden Aussprache nicht bedurften.</p>
+
+<p>Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen
+der Gemeinschaft ergeben, zu deren vornehmsten H&uuml;tern
+er geh&ouml;rte und sich z&auml;hlte, brach vielleicht daran, da&szlig; er
+die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah und im
+ahnungsvoll ersch&uuml;tterten Innern sp&uuml;rte, da&szlig; seine und
+seiner Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen
+Anla&szlig; hielt er in der Ratsversammlung eine Rede, die
+einigen Teilnehmern durch das schmerzlich-aufr&uuml;ttelnde
+Gest&auml;ndnis davon unverge&szlig;lich geblieben war.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>In der wachsenden Schwermut dann qu&auml;lten ihn hypochondrische
+Bef&uuml;rchtungen in bezug auf den Knaben, und er
+suchte gr&uuml;blerisch nach Mitteln, wie er vor dem Unheil zu
+retten w&auml;re, als ob der Brand, der den Besitz der Menschheit
+bedrohte, vor diesem allein h&auml;tte Halt machen sollen.
+Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung
+mit Dorine, in der es sich ausschlie&szlig;lich um die Richtlinien
+handelte, nach denen Dietrichs Erziehung zu vollenden
+sei.</p>
+
+<p>Es lag an der Atmosph&auml;re von Dorines Leben, dem
+spr&ouml;den Sichtragen, n&uuml;chternen Erscheinen, erzogenen und
+k&uuml;hl-heiteren Selbstsein, da&szlig; sichtbare Z&auml;rtlichkeit gegen
+Dietrich nie hervorgetreten war. Das einzige Kind; der
+erf&uuml;llte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener
+Mensch, f&uuml;gsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im
+Umgang; alles das war selbstverst&auml;ndlich. Schicksal war
+selbstverst&auml;ndlich. Daran, da&szlig; einer war wie er war, hatte
+er kein Verdienst; fuhr er doch in einem t&uuml;chtigen Fahrzeug
+auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als
+Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut.
+Man lie&szlig; sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf
+den Tag und diente Gott zu seiner Stunde. Da h&auml;tte
+Weichlichkeit dem frevlen Aufdr&ouml;seln eines dauerhaften
+Gewebes geglichen.</p>
+
+<p>Eines freilich ruhte in ihrem Gem&uuml;t als Grundstein von
+Denken und F&uuml;hlen, und nach dem Tod des Gatten noch
+tiefer darin versenkt denn zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum;
+nicht zu schm&auml;lerndes, von ihm nicht, von andern
+nicht; unbedingt ihr geh&ouml;rig wie kein Ding auf Erden sonst,
+Teil von ihr, Fleisch von ihr. Da&szlig; er auch eines Sinnes
+und Wesens mit ihr war, d&uuml;nkte ihr &uuml;ber jeden Zweifel
+und Argwohn erhaben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verj&uuml;ngend
+auf Dorine gewirkt. Manche versicherten es ihr
+taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht hatte Festigkeit und frische
+glatte Haut. Die Form des Kopfes war anmutig schmal,
+die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war
+ein wenig gest&uuml;lpt, mit nerv&ouml;s-beweglichen Fl&uuml;geln; die
+Lippen traten leicht hervor, und die obere, entschlossene,
+zwang die untere, etwas bed&auml;chtige, ihr im Schwung zu
+folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete auf Herrschsucht.
+Die langwimprigen Augen waren von intensivem
+Blaugrau; sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund,
+einen unbestimmteren, fast fragenden dahinter. Die Lider,
+umschattet und gelblich verfaltet wie bei Menschen, die
+wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die
+vierzig Jahre; im &uuml;brigen h&auml;tte sie f&uuml;r drei&szlig;ig gelten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sie besa&szlig; einen gesunden Organismus, ruhige Nerven,
+und ihre Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie
+gleichm&auml;&szlig;ig. Doch f&uuml;hrte sie auch nach dem Ableben des
+Ratsherrn das Haus im selben Stande weiter, niemand
+vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten
+G&auml;ste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen.
+Sie war Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan.
+In der Ermatinger Villa waren kostbare Sch&auml;tze davon aufgespeichert;
+sie hatte ihre Korrespondenten, und bisweilen
+besuchten sie H&auml;ndler, um ihr ein kostbares St&uuml;ck anzubieten.
+Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte botanische Arbeiten,
+legte Herbarien an, las die einschl&auml;gigen Werke und gelehrten
+Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine
+Flora.</p>
+
+<p>Wenn der F&ouml;hn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu
+Zeiten wie Krankheit &uuml;ber sie kam, folternd wurde, packte
+sie den Rucksack, fuhr ins Oberland und stieg auf die Berge.
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Sie konnte zehn Stunden wandern, ohne zu erm&uuml;den,
+hatte F&uuml;hrer, die sie bevorzugte und schreckte vor den
+schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zur&uuml;ck.
+Davon machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr
+sogar unangenehm, wenn es beredet wurde, und haupts&auml;chlich
+um diese Liebhaberei zu bem&auml;nteln, hatte sie sich
+von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.</p>
+
+
+<h3>Banger Traum</h3>
+
+<p class="newchapter">Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel
+fl&ouml;&szlig;ten ihr wohl Schrecken ein, doch fa&szlig;te sie nicht
+die Anklage. Unerl&auml;&szlig;lich erschien es ihr, Dietrich zur&uuml;ckzurufen,
+und ebenso unerl&auml;&szlig;lich, genaueren Aufschlu&szlig; zu
+erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich
+mit dem Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und
+ersuchte ihn, zu einer pers&ouml;nlichen Unterredung nach Basel
+zu kommen. Einen entsprechenden Geldbetrag wies sie
+telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei Stunden,
+und er traf noch am selben Nachmittag ein.</p>
+
+<p>Der Mann mi&szlig;fiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, &auml;rgerliche
+Mischung von Untert&auml;nigkeit und Insolenz. Aber das
+wollte nichts bedeuten gegen&uuml;ber seinen Er&ouml;ffnungen, die
+den Stempel der Wahrheit trugen.</p>
+
+<p>Es war au&szlig;erordentlich peinvoll. Sie hatte an die blo&szlig;e
+M&ouml;glichkeit von Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte,
+als seien sie in seinem Beruf allt&auml;glich. Er w&auml;hlte die
+Worte mit Vorsicht und err&ouml;tete sogar vor der strengblickenden
+Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit einem Ku&szlig;
+besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mu&szlig;te; er
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>schien durchaus nicht zu f&uuml;hlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit
+machte. Nur z&ouml;gernd nannte er die Gr&uuml;nde, die
+ihn bewogen hatten, sich wider die Verf&uuml;gung aufzulehnen,
+da&szlig; die Knaben sich in v&ouml;lliger Bl&ouml;&szlig;e im Freien tummeln
+sollten. Wor&uuml;ber er sich vornehmlich auslie&szlig;, war der verh&auml;ngnisvolle
+Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von
+der Leyen seine Sch&uuml;ler erf&uuml;llte, die best&auml;ndige verderbliche
+Lehre, mit dem Herkommen zu brechen, nichts gelten zu
+lassen, was bisher unantastbar gewesen, die Schranken
+des Egoismus und der Genu&szlig;sucht niederzurei&szlig;en und sich
+zu befreien, das hei&szlig;t kein anderes Gesetz anzuerkennen
+als das von den eigenen Leidenschaften diktierte.</p>
+
+<p>Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares
+Einzelnes, Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespr&auml;che
+und Reden, deren Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen
+vorzuweisen, schilderte die Art des Umgangs
+von Lucian mit den Z&ouml;glingen, die fangende, verf&auml;ngliche,
+Neugier und Wi&szlig;begier aufreizende, den jugendlichen Enthusiasmus
+mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie
+ein Ausspruch &uuml;ber Eltern, H&auml;uslichkeit, Religion, Staat
+als &auml;tzender Tropfen in die jungen Seelen tr&auml;ufelte, unl&ouml;slich
+vermengt mit Freundschaft, Zutrauen, Interesse,
+und wie durch ein L&auml;cheln, ein Achselzucken zunichte gemacht
+werde, was Liebe und redliche Bem&uuml;hung der Angeh&ouml;rigen
+aufgebaut. Darum sei es ihm gegangen, sagte er zum Schlu&szlig;,
+da&szlig; diese wenigstens zu wissen bek&auml;men, wo der Verw&uuml;ster
+zu suchen sei, wenn sie eines Tages entdeckten, da&szlig; ihre
+Hoffnung in Scherben vor ihnen l&auml;ge; in einer Welt, in der
+der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er
+sichs zur Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen,
+auch gegen so geschickt vermummte wie von der Leyen
+einer sei.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin.
+Weshalb man ihr denn die Anstalt empfohlen habe? Gebe
+es also solche, die das leichterdings auf ihr Gewissen n&auml;hmen?
+Ob er glaube, da&szlig; die Folgen unab&auml;nderlich und unheilbar
+seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
+da&szlig; er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des
+abscheulichen Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie
+sich ihm gegen&uuml;ber verhalten solle?</p>
+
+<p>Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch &uuml;ber
+sich selbst, fa&szlig;te sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie
+und Schmeichelei verbr&auml;mten Trost- und Beileidsfloskeln
+des Mannes schroff ab, dankte ihm f&uuml;r seine Willigkeit
+und guten Dienste, fragte, ob sie sich bei Gelegenheit
+seiner erinnern d&uuml;rfe und entlie&szlig; ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen,
+wird keine Schwierigkeit haben, der ist aus pr&auml;chtigem
+Stoff,&laquo; war sein letztes Wort, auf das sie nur ein h&ouml;fliches
+Kopfnicken hatte. Als er drau&szlig;en war, zeigte ihre Miene
+Widerwillen. Nein, dachte sie ver&auml;chtlich, jetzt keinen mehr
+von euch Seelenquacksalbern, jetzt hei&szlig;t es, Aug in Aug
+mit ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu
+retten ist.</p>
+
+<p>Hier&uuml;ber gr&uuml;belte sie den Rest des Abends: was verdorben
+sei und was zu retten sei. Sie versuchte, sich den
+Knaben in den Situationen vorzustellen, die der von ihr
+im Innersten beargw&ouml;hnte Mensch teils geschildert, teils
+hatte ahnen lassen. Es war nicht m&ouml;glich. Im ziellosen
+Sp&auml;hen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.</p>
+
+<p>Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne
+Scham. Oder nur Opfer von Schamlosen. Oder, wenn
+dies Tun auch vor minder strengem Blick h&auml;tte bestehen
+k&ouml;nnen, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu begreifen
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>f&auml;hig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben,
+der Verf&uuml;hrbare verf&uuml;hrt, der Ehrf&uuml;rchtige sich erfrechend,
+der Gehorsame widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie
+ihn gewinnen, wie ihn zur Mitteilung stimmen, damit sein
+Wort am Wort jenes andern zu messen war, der nicht
+gelogen haben mu&szlig;te, um doch L&uuml;gner zu sein? &#8211; Und
+wie ihm Unbefangenheit zeigen, die nat&uuml;rliche Scheu &uuml;berwinden,
+wenn sie gen&ouml;tigt war, ihn zur Rede zu stellen,
+den Trotz niederhalten, in dem er, auch er vielleicht, zum
+L&uuml;gner wurde, zum Verheimlicher, Besch&ouml;niger?</p>
+
+<p>Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal
+bedacht sein, in der ein Wesen abspenstig werden kann f&uuml;r
+immer. Da entscheidet ein Hauch, eine un&uuml;berlegte Geb&auml;rde.
+Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging; schlimmer noch,
+wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
+von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie
+zum Gest&auml;ndnis &uuml;berreden sollte. In jedem Fall war ein
+Geisterband zerrissen und etwas herabgezogen ins F&uuml;r und
+Wider, ins Nein und Ja, was hoch dar&uuml;ber geschwebt
+hatte, schlummernd.</p>
+
+<p>Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie h&ouml;rte eine
+Stimme, die ihr zurief: Mutter! Dann h&ouml;rte sie eine andere
+Stimme, die ihr zurief: Frau! Jene war eine erstickte
+und verhallende Stimme, diese eine lebendige und nahe.
+Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin
+kehrte, von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher
+an, bis sie schlie&szlig;lich voll Angst, die H&auml;nde an die
+Ohren pressend, entfloh.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a></p>
+
+
+<h3>In einem Tropfen Blut</h3>
+
+<p class="newchapter">Der Tag der R&uuml;ckkehr erschien Oberlin dunkelsch&auml;chtig
+wie ein Brunnen.</p>
+
+<p>Die Mutter sei ausgegangen und k&auml;me vor Abend nicht
+nach Hause, wurde ihm gesagt. Dies zu h&ouml;ren, war ihm
+nicht unlieb; es verz&ouml;gerte das Mi&szlig;liche und Ungewisse der
+Begegnung, und er durfte ihr etwas ver&uuml;beln, was von
+K&auml;lte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie
+von seiner Ankunft benachrichtigt.</p>
+
+<p>Er packte seinen Koffer aus und legte B&uuml;cher, W&auml;sche,
+Kleider ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld
+und trieb ihn durch die eigent&uuml;mlich starren Prunkr&auml;ume
+des Geschosses. Da&szlig; sie kleiner waren als noch gestern die
+Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm Sicherheit.</p>
+
+<p>Die Frage: was wird mit mir geschehen? besch&auml;mte,
+weil sie ihm zu sp&uuml;ren gab, da&szlig; &uuml;ber ihm ein fremder und
+st&auml;rkerer Wille war. Beim k&ouml;niglich-sonoren Schlag der
+Florentiner Uhr, die die sechste Stunde meldete, war sein
+Gedanke: so ist dieser Wille, un&uuml;berh&ouml;rbar, unwiderleglich.
+Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,
+teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben
+mir, hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte
+er sich.</p>
+
+<p>Im Vor&uuml;bergehen &ouml;ffnete er ein Album, und das erste
+Bild, das ihm in die Augen fiel, war das der Mutter.
+Er betrachtete es verwundert. So h&uuml;bsch kann sie doch nicht
+sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm er
+ihren Schritt, wandte sich um, die T&uuml;r ging auf, freundlich-rasch
+eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer
+Art von Best&uuml;rzung nahm er wahr, da&szlig; sie wirklich eine
+noch jugendliche Frau von besonders gepr&auml;gter Sch&ouml;nheit
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>war, schlank, elegant, geschmeidig. Er hatte es nicht gewu&szlig;t.
+Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl jahrlos, war
+das Alte gewesen, stets im n&auml;mlichen Kreis, in der n&auml;mlichen
+W&uuml;rde und Ferne.</p>
+
+<p>Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen,
+ohne ihn zu &uuml;berfallen und sich &uuml;berfallen zu lassen,
+hatte Dorine Mittel genug. In allem, was sie tat und sagte,
+war sie klug bem&uuml;ht, Spannung zu beseitigen. Kein Blick
+von ihr lie&szlig; merken, wie sie ihn im Auge hielt, jede Bewegung
+verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn
+ver&auml;ndert finden und fand ihn ver&auml;ndert: geschlossener,
+verborgener. Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter.
+Beides war nicht das Gew&uuml;nschte. Ihr Forschen
+bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da ber&uuml;hrte sie
+schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum
+auf der Oberlippe &auml;ngstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit;
+da war ein Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde
+Bemerkung, die ihr nicht gefallen wollten. Er hatte fr&uuml;her
+mehr Distanz gehabt, mehr wartende Unterordnung. Oder
+t&auml;uschte der brodelnde Argwohn?</p>
+
+<p>Ihn harmlos zu machen, erwies sich als &uuml;berfl&uuml;ssig.
+Er war harmlos. Sie hatte geglaubt, ein wenig gehofft
+sogar, da&szlig; er von schlechtem Gewissen bedr&uuml;ckt vor sie
+treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine
+neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als
+sie jeden Versuch zur Aussprache vors&auml;tzlich, wie er genau
+sp&uuml;rte, vereitelte. Schlie&szlig;lich war sie selbst die Bedr&uuml;ckte,
+und um nicht noch mehr Boden zu verlieren, sah sie sich gen&ouml;tigt,
+ihm entgegenzukommen. Es war schon sp&auml;t am
+Abend, und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben
+in der Schulgemeinde klang mehr wie der Abschlu&szlig; als wie
+der Beginn eines Gespr&auml;chs.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte
+er hastig die Gegenfrage, weshalb sie ihn zur&uuml;ckgerufen,
+so j&auml;h und drohend, zwei Wochen vor Semesterschlu&szlig;.
+Sie war erstaunt. Da&szlig; er sich v&ouml;llig unwissend geben w&uuml;rde,
+darauf war sie nicht gefa&szlig;t; dennoch wollte sie ihn nicht
+der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen
+und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in
+seinen Augen lie&szlig; sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln.
+Sie wurde irre und f&uuml;hlte sich erleichtert. In K&uuml;rze und
+mit k&uuml;hlen Worten berichtete sie von der Denunziation,
+verhehlte auch nicht, da&szlig; sie sich, um sicherer zu gehen,
+bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl
+sie, in un&uuml;berwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht,
+die Vorg&auml;nge kaum andeutend streifte, deren Kenntnis
+sie Rottmann verdankte, durchtr&auml;nkte doch das Unbehagen
+und der Widerwille dagegen jede Silbe.</p>
+
+<p>Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die
+Emp&ouml;rung &uuml;ber das Spiel hinter der Wand, den Verrat
+Rottmanns, in den er die Mutter verstrickt sah. Er hatte
+den Zusammenhang freilich erraten, dazu war kein Scharfsinn
+vonn&ouml;ten, und niemand in Hochlinden war in Ungewi&szlig;heit
+gewesen, wer den t&uuml;ckischen Streich gef&uuml;hrt. Aber
+die Best&auml;tigung gab ein anderes Bild als die Vermutung.</p>
+
+<p>Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine
+beobachtete ihn aufmerksam. Zu ihrer &Uuml;berraschung gewahrte
+sie ein L&auml;cheln auf seinen Lippen, helles, herzliches
+L&auml;cheln. Pl&ouml;tzlich packte er ihre beiden H&auml;nde und sagte:
+&raquo;Du, Mutter, wenn du eine Ahnung h&auml;ttest, wie es
+war!&laquo;</p>
+
+<p>Dorine entzog ihm ihre H&auml;nde, unwillk&uuml;rlich fast; sie
+kreuzte die Arme &uuml;ber der Brust und erwiderte freundlich:
+&raquo;Nun also, wie war es? Erz&auml;hle.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene
+Strom hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren
+nicht. Was f&uuml;r Worte; woher die Worte? woher die K&uuml;hnheit,
+sie ihr gegen&uuml;ber zu gebrauchen? Redete man &uuml;ber
+Menschen so, wie er &uuml;ber diesen Lehrer? Es h&auml;tte einer ein
+Halbgott sein m&uuml;ssen, um nur den geringsten Teil dessen
+zu verdienen, was der unersch&ouml;pflich begeisterte Knabenmund
+an ihm zu preisen hatte: Wissen und Geistesmacht,
+Verstehen und Gr&ouml;&szlig;e der Seele, F&uuml;hrertum und Genie
+der Freundschaft, F&uuml;lle des Erlebens und kristallene innere
+Welt, ruhige W&uuml;rde und vertraulichsten Umgang.</p>
+
+<p>Die Gespr&auml;che; wie Unterricht gemeinsames Wirken war;
+wie an jeder T&auml;tigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe
+und Regel nichts mehr galten; wie das Wirre sich von selber
+ordnete, jedes Ding sein richtiges Ma&szlig; und Gewicht erhielt
+und urspr&uuml;nglichen Sinn; wie man blo&szlig; das hatte
+achten m&uuml;ssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich
+das Gute vom B&ouml;sen schied, das Unn&uuml;tze vom N&uuml;tzlichen;
+Lucian brauchte nur eins gegen das andere zu halten, und
+es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so da&szlig; man von
+Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er h&auml;tte es
+bald gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos
+mit sich geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein
+Kehrichthaufen erschienen.</p>
+
+<p>Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht
+von einer Stunde zur n&auml;chsten. Nichts h&auml;&szlig;lich Befohlenes,
+keine Fu&szlig;angeln, Predigten, Strafmandate, alles
+Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer, williger Beschlu&szlig;.
+Da er das kennen gelernt, f&uuml;rchte er, jedes andere Dasein
+werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos
+vorkommen wie Krebsgang. Er k&ouml;nne sich des Gef&uuml;hls nicht
+erwehren, als habe man ihn aus der einzig f&ouml;rderlichen
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Bahn gerissen, und er wisse nun nicht wohin, zumal ihm
+ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm
+verfahren.</p>
+
+<p>Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten.
+Sie sagte, die Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten
+verf&uuml;gt, stehe ihm nicht zu, auch was seine Zukunft anlange,
+k&ouml;nne er getrost ihrer Einsicht vertrauen. Er habe ja mit
+viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden verbrachte
+Zeit geschildert; sie freue sich, da&szlig; er alles in so sch&ouml;nem
+Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schw&auml;rmerei, die schon ans
+Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse;
+wundern m&uuml;sse sie sich aber doch, da&szlig; er &uuml;ber die Bezichtigung,
+den dunklen Fleck in dem rosigen Bild, in
+geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich da
+nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er m&ouml;ge
+mit sich selber dar&uuml;ber ins Gericht gehen, denn h&ouml;ren
+wolle sie jetzt nichts mehr, heute nichts mehr. &raquo;Nur so
+viel,&laquo; und sie beugte sich mit gro&szlig;aufgeschlagenen Augen
+n&auml;her zu ihm, &raquo;ehrlich will ich dich wieder haben, ehrlich
+vor allem.&laquo;</p>
+
+<p>Sie endete mit einem L&auml;cheln und nickte ihm l&auml;chelnd zu.
+Er erhob sich, um gute Nacht zu sagen, z&ouml;gerte aber. Sein
+Blick war ratlos. Er verstehe nicht genau, was sie meine,
+stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort sei ja schlie&szlig;lich
+von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe trotzdem
+nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb
+man so viel Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf
+zerbrochen und verstehe es nicht. Er wurde flammend rot
+und schwieg, dann auf einmal, unter dem musternden,
+bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen,
+es zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in
+Scham.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Auch Dorine verf&auml;rbte sich. Das Zwiegespr&auml;ch d&uuml;nkte
+ihr unertr&auml;glich. Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe
+hatte das Gesicht eines Verworfenen; sie selbst erschien
+sich als das Opfer boshafter und schmutziger Umtriebe.
+&raquo;Geh,&laquo; sagte sie mit m&uuml;hsamer Gelassenheit, &raquo;es ist sp&auml;t,
+ich bin m&uuml;de.&laquo;</p>
+
+<p>Schuldgef&uuml;hl und Grollgef&uuml;hl waren in ihr. Lange sa&szlig;
+sie allein. Sie schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem
+Goldfinger hundertmal &uuml;ber die Gelenke, endlich schmerzte
+die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem Kn&ouml;chel
+hervor. W&auml;hrend sie darauf niederschaute, wurde er gro&szlig;
+und gr&ouml;&szlig;er, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel,
+und im hohlen und durchsichtigen Innern sah sie eine widrige
+Vision: den Unbekannten, den Verf&uuml;hrer, nackt; neben ihm
+Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide. Versteinerndes
+Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das Blut
+mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste
+eingebrannt; es fruchtete nicht, da&szlig; sie es mit Zorn, mit
+Ha&szlig; und H&auml;&szlig;lichkeit belud, und wie es aus dem Blut
+entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.</p>
+
+<p>Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe
+bis zu Dietrichs Stube, machte an der T&uuml;r Halt, ging wieder
+weg, kehrte zur&uuml;ck, dr&uuml;ckte die Klinke leise nieder, &ouml;ffnete
+und lauschte.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte ihn tief und ruhig atmen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich
+in der H&ouml;he oben zu sammeln und zu besinnen, war Bed&uuml;rfnis.
+Auch hatte sie seit drei N&auml;chten nicht mehr geschlafen.
+Als Dietrich zum Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch kam, war sie schon fort,
+und das M&auml;dchen h&auml;ndigte ihm einen Zettel ein, auf dem
+sie ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, da&szlig; sie zum
+Sonntag wieder zuhause sein w&uuml;rde und ihn anwies, sich
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>f&uuml;r die baldige &Uuml;bersiedlung nach Ermatingen vorzubereiten.
+Einerseits freute sich Dietrich der Aussicht, andererseits
+wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne vorherige
+&Uuml;bereinkunft befahl und immer nur befahl.</p>
+
+
+<h3>Nymphe und Faun</h3>
+
+<p class="newchapter">Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das
+Buch, das er las, zum Feind. Die gedruckten Worte verschworen
+sich mit gedachten. Das aufgenommene Bild zerflo&szlig;
+gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache fehlte, Deutung
+fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schw&uuml;l waren,
+ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter
+dem Gel&auml;chter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er
+ein Fremder. Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende
+Blicke junger M&auml;dchen, die er kannte, erz&uuml;rnten ihn.
+Spazierg&auml;nge langweilten; durch die Stra&szlig;en schlendern
+verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit
+&uuml;ber die Landstra&szlig;e, am liebsten der untergehenden Sonne
+entgegen, deren Glut er trinken zu k&ouml;nnen glaubte. Oft irrte
+er durch das Haus, griff nach Folianten in der Bibliothek,
+bl&auml;tterte zerstreut, durchsuchte Schubladen und Truhen,
+stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke,
+heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die
+wimmelnden Menschen in der Gassenschlucht, warf sich
+b&auml;uchlings in einen Winkel, wo Staub aufwirbelte und
+Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den Gesang
+mit einem Gel&auml;chter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen,
+das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der
+Kehle w&uuml;rgte wie der Laut eines in ihm versteckten andern.
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>Und wieder einmal h&ouml;rte er mit demselben Schrecken, da&szlig;
+seine Stimme fragte: &raquo;Wenn mir nur einer sagen k&ouml;nnte,
+wer ich bin.&laquo; Sich aufreckend, antwortete er fl&uuml;sternd:
+&raquo;Oberlin bin ich, Oberlin bin ich.&laquo; Und er fa&szlig;te seine Arme
+und seine Stirn an.</p>
+
+<p>Da war die Mutter schon zur&uuml;ckgekehrt. Er nahm sich
+vor ihr zusammen. Er wachte &uuml;ber sein &auml;u&szlig;eres Gehaben,
+das schmiegsame, gef&auml;llige, art- und standesbewu&szlig;te, das
+ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah weniger
+in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als
+aus Furcht, sich zu verraten. Ihn d&uuml;nkte zuweilen, er habe
+einen Aussatz am Leibe, der dem sp&auml;henden Blick &uuml;ber ihm
+um jeden Preis verhehlt werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Sie kamen &uuml;berein, da&szlig; er bis zum Oktober Ferien haben
+und sich dann das Pensum der Prima mit Hilfe privaten
+Unterrichts aneignen solle. Vom Besuch der Schule wollte
+Dorine unter Berufung auf das &auml;rztliche Verbot nichts
+wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte
+zu. Herbst, Winter, n&auml;chstes Jahr, das waren ungeheuer
+entfernte Zeitr&auml;ume; schien es doch jeden Abend, als stie&szlig;e
+man auf einem Nachen vom Ufer ab, ins Grenzenlose.</p>
+
+<p>Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte
+Georg Mathys und Justus Richter an ihr Versprechen, zu
+kommen; Mathys antwortete aus Hochlinden, er sei von
+Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden, noch sechs
+Wochen mit den Ferienz&ouml;glingen in der Schulgemeinde zu
+bleiben, dann m&uuml;sse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen,
+und erst in der zweiten Septemberh&auml;lfte sei er frei.
+F&uuml;r diesen Termin habe er sich auch mit Richter verabredet.
+Justus Richter schrieb in demselben Sinn.</p>
+
+<p>So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen,
+n&auml;her als je, zumal der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>begann. Dorine sah sich vor der Aufgabe, Freunde
+zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die gleichm&auml;&szlig;igen Tage
+mit Bewegung und Wechsel zu f&uuml;llen, wenn sie erreichen
+wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf gedankenvollen
+Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die
+Menschen nicht, ihr Geist besch&auml;ftigte sich kaum mit ihnen,
+der Abschlu&szlig; gegen die Welt war ihr willkommen und gewohnt,
+aber so viel war ihr klar, da&szlig; sie dem J&uuml;ngling T&uuml;r
+und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie zur&uuml;ckzuschenken
+vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und
+Sein richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung f&uuml;hlen zu
+lassen, ihn an sich zu binden, sich ihm notwendig zu machen,
+zur&uuml;ckzuerobern, was sie verloren, neu zu erobern, was ihr
+bisher nicht zu eigen gewesen war. Es hielt sie in Atem, es
+gab ihr zu denken, es nahm ihre Gem&uuml;tskr&auml;fte v&ouml;llig in
+Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und &Uuml;berh&ouml;rigkeit.
+So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in
+ihr, zu viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch;
+es ist gut und mu&szlig; gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.</p>
+
+<p>Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bem&uuml;ht,
+ihm ihr lebendiges Interesse einzufl&ouml;&szlig;en. Er schien empf&auml;nglich,
+durch ihre Kenntnisse und die Liebe f&uuml;r das kleine
+Einzelne &uuml;berrascht. Unter dem mitgenommenen Gep&auml;ck
+befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen
+Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entw&uuml;rfe, Aufs&auml;tze, in
+denen er sich &uuml;ber politische und soziale wie &uuml;ber Lebensprobleme
+in seiner profunden und gro&szlig;en Manier ausgesprochen.
+Da galt es zu sichten, zu pr&uuml;fen und was bewahrt
+zu werden verdiente, vom Fl&uuml;chtigen und Gelegentlichen zu
+sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander
+vor, es wurde nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>begaben, und Dietrich, in Eifer, Teilnahme und aufgesch&uuml;rter
+Wissenslust, brach nur widerstrebend ab.</p>
+
+<p>Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung
+anfertigen. Zu dem Zweck wurden die St&uuml;cke aus den
+Schr&auml;nken genommen, katalogisiert und mit kurzen Schlagworten
+beschrieben. Sie machte Dietrich auf sch&ouml;ne Besonderheiten
+aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen
+Fabriken und Stile, die Zartheit der Malerei,
+den Reiz der Formen, erw&auml;rmte und erhellte sich dabei so,
+da&szlig; ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem h&uuml;bschen
+L&auml;cheln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war
+sehr befriedigt von ihrer F&auml;higkeit, sich zu entz&uuml;cken und
+hatte sie ihr offenbar nicht zugetraut.</p>
+
+<p>Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewi&szlig;heit
+nie ledig. Er f&uuml;gt sich nur, er gibt sich M&uuml;he, rief es in ihr;
+es ist die wahre Natur nicht; wenn er die T&uuml;r hinter sich
+schlie&szlig;t, hat er ein anderes Gesicht. Ihr d&uuml;nkte, als f&uuml;hre
+jede ihrer Anstrengungen blo&szlig; dazu, da&szlig; er Schale um
+Schale &uuml;ber sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit
+jedem Tag unzug&auml;nglicher wurde.</p>
+
+<p>Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut
+war f&ouml;rmlich wund vor angespannter Wachsamkeit und
+Wachheit. Der verlorene Ausdruck jetzt, mit dem er die
+Blumen und Kr&auml;uter aus den Pressen nahm und sie zum
+Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten &uuml;ber der Stirn,
+die Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden gr&ouml;&szlig;er,
+nun zuckte er zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der
+kindlichen, unbegreiflichen R&ouml;te, ihr Blick umschlang ihn
+stumm, er warf den Blick unwillig ab, alles war Zur&uuml;ckweichen
+und Flucht.</p>
+
+<p>Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor
+den Glasschr&auml;nken auf sie wartete. Er hielt eine Mei&szlig;ener
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Gruppe zwischen den H&auml;nden, eines der kostbarsten und
+edelsten St&uuml;cke der Sammlung. Eine hingelagerte Nymphe;
+der &uuml;ppige K&ouml;rper woll&uuml;stig gedehnt; in jeder Linie Ruf,
+Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter
+einem Strunk der lauernde Faun; die Geb&auml;rde: frech beschlossener
+&Uuml;berfall; das Grinsen: Vorschmack des Besitzes;
+die Haltung: L&uuml;sternheit und St&auml;rke. Eine Sekunde,
+und Dorine begriff. Alles b&auml;umte sich in ihr vor Ha&szlig; und
+Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen
+Kugel, nur ins Verst&auml;ndlichere umgewandelt, aber
+deshalb nicht minder abschreckend f&uuml;r sie, Aufl&ouml;sung, fr&uuml;her
+Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne, besudeltes
+Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender,
+nicht Schauender; Dieb und J&auml;ger, Heimlichgeher und Abgewendeter,
+vom Trieb Entseelter und von Glut Entsch&auml;mter.
+Sie sah es in seinen Mienen; er hatte sie nicht eintreten geh&ouml;rt
+und betrachtete die Figuren mit sorgenvollem, fast
+schwerm&uuml;tigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den
+die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen
+Neugier. Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen;
+sein Gesicht ver&auml;nderte sich mit einer Raschheit ins Gleichg&uuml;ltige,
+die ein Meisterzug an einem Schauspieler gewesen
+w&auml;re. Auch das erfa&szlig;te Dorine, und es verletzte sie und
+stie&szlig; sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie &uuml;ber sich, da&szlig; ihr
+L&auml;cheln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie,
+ob die Gruppe schon einregistriert sei und nahm sie ihm
+behutsam aus den H&auml;nden. Dietrich ging zum Tisch, um in
+der Liste nachzusehen, w&auml;hrenddem geschah ein Fall und
+gl&auml;sernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem
+Boden.</p>
+
+<p>Dietrich eilte best&uuml;rzt herzu. Dorine b&uuml;ckte sich nach den
+Scherben, lie&szlig; sich auf die Knie nieder und verbarg das
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Gesicht, auf dem Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften
+Hinknien, eine stolze, bittere Genugtuung h&auml;tte
+sehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ungeschickt man sein kann,&laquo; murmelte sie; &raquo;schade
+um das herrliche Ding.&laquo;</p>
+
+
+<h3>Sommertag und -abend</h3>
+
+<p class="newchapter">Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter,
+den sie durch Dickicht schlug.</p>
+
+<p>Sie schm&uuml;ckte sich f&uuml;r ihn. Sie verwendete &uuml;berlegteste
+Sorgfalt auf ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsst&uuml;cks,
+den Einklang der Farben, Art und Haltbarkeit der Frisur.
+Was sie fr&uuml;her nur selten vermocht, sie sa&szlig; vor dem Spiegel,
+pr&uuml;fte ihr Gesicht und beobachtete &auml;ngstlich die Zeichen des
+Alterns.</p>
+
+<p>Sie wollte jung sein f&uuml;r ihn, stark, mutig, ausdauernd,
+Gef&auml;hrtin. Sie wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die
+Gabe in sich, zu gefallen. Es sollte ihm Vergn&uuml;gen bereiten,
+mit ihr unter die Menschen zu gehen, seinen Ehrgeiz wecken,
+mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie machte
+sich so viel wie m&ouml;glich frei von t&auml;glichen Obliegenheiten,
+Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdr&uuml;ckte
+ihr Verlangen nach Alleinsein und botanischen G&auml;ngen,
+war voll von Pl&auml;nen, Vorschl&auml;gen, Unternehmungslust.
+H&auml;ufig entzog sich Dietrich unter irgendeiner Ausrede; das
+Wetter sei zu unsicher; er sei m&uuml;de; er wolle arbeiten.
+H&auml;ufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar
+und kam erst am Abend zur&uuml;ck, in sich gekehrt, schweigsam,
+unfroh. Bisweilen aber stimmte er in gehobener
+Laune zu, ri&szlig; sie dann selbst mit, statt sich mitrei&szlig;en zu
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>lassen, und einmal geschah es, da&szlig; er w&auml;hrend eines Ausflugs
+innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von
+feuriger Gespr&auml;chigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des
+Mitteilens, vertrauender Offenheit, gl&uuml;cklicher und begl&uuml;ckender
+Hingabe in Blick und Rede, so da&szlig; Dorine
+glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe ihn sich
+errungen.</p>
+
+<p>In fr&uuml;her Nachmittagsstunde waren sie den See entlang
+nach Steckborn gefahren und hatten den Weg &uuml;ber Muren,
+Engerswylen, Gonterswylen, Helsighausen angetreten.
+Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert, schmeichelnd-k&uuml;hl
+und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fu&szlig;,
+der &uuml;ber sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem
+Auge leuchtende F&uuml;lle, die es weiter trug, unges&auml;ttigt und
+ruhig staunend. Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem
+k&uuml;nftigen Beruf zu sprechen, der Bestimmung, die er
+f&uuml;r sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel empfand, und zwar
+wie in neuem Bewu&szlig;tsein von Zuversicht und Erw&auml;hltheit.
+Man m&ouml;ge ihn nur gew&auml;hren lassen, ihn nicht vor der Zeit
+binden, weder an ein Programm, noch an praktische R&uuml;cksicht;
+er erblicke M&ouml;glichkeiten nach vielen Seiten, als stehe
+er im Mittelpunkt eines lodernden Kreises; bald dr&auml;nge es
+ihn dahin, bald dorthin, doch st&ouml;re ihn die Anziehung des
+Gegens&auml;tzlichen nicht, eher spanne sie und gebe das Gef&uuml;hl
+von Reichtum. Freiheit der Entscheidung m&uuml;sse er haben,
+und nicht schon beim ersten Mal mit der vollen B&uuml;rde der
+Verantwortung, sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden
+zu d&uuml;rfen, abwerfen, was sich hinderlich und falsch
+erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis sich ein
+Glied zum andern gef&uuml;gt und ein Organismus entstanden
+sei. Nur so, wenigstens sei er &uuml;berzeugt davon, k&ouml;nne man
+die in der Seele zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>bilden, ein gesammelter Mensch werden, einer der echt
+ist und echt handelt. Ob es nun die Geschichte sei, oder die
+wirtschaftliche Existenz der V&ouml;lker, oder die Rechtszust&auml;nde,
+oder die Repr&auml;sentation des eigenen Volks nach au&szlig;en,
+oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses k&ouml;nne sich
+erst in dem Ma&szlig; gestalten, wie man sich selber finde, sich
+selber zu gestalten Mu&szlig;e und Spielraum habe. Mit ihm,
+leider m&uuml;sse er es bekennen, sei es vorl&auml;ufig noch so, da&szlig; es
+ihn den einen Tag d&uuml;nke, er k&ouml;nne fliegen, den anderen aber
+sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu often
+Malen irre.</p>
+
+<p>Dorine h&ouml;rte mit gro&szlig;er Aufmerksamkeit zu. Ihr war,
+als lerne sie ein unbekanntes Land kennen. Hie und da warf
+sie ein Wort ein, Frage, Zweifel, Bedenken, aber sie wollte
+ihn nicht einsch&uuml;chtern, und er ging auch, je stiller der Pfad
+wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal wurde er
+kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und
+erkl&auml;rte, heiraten wolle er niemals; er k&ouml;nne sich gar nicht
+vorstellen, da&szlig; eine Frau das Leben des Mannes zu teilen
+verm&ouml;ge, im sch&ouml;nen, tiefen Sinn zu teilen (dabei schob er
+seinen Arm abbittend unter den der Mutter, und sie wanderten
+weiter wie Freunde im Gl&uuml;ck der ersten Gest&auml;ndnisse);
+er f&uuml;rchte &uuml;berhaupt, da&szlig; es ihm versagt sei, zu lieben, ja,
+wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht
+an die Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer
+Wahn, dem die Geschlechter durch grausamen Machtwillen
+der Natur verfielen, eine Idee blo&szlig;, an die keine Erfahrung
+hinreiche und deren verh&auml;ngnisvollen Einflu&szlig; sich zu entziehen
+sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewi&szlig; nicht schwer
+werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend,
+nicht besonders gutm&uuml;tig, und wenn auch einerseits ziemlich
+leidenschaftlich, so doch daf&uuml;r sehr egoistisch.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Dorine lachte. Aber ein k&ouml;stlicher Frieden war in ihrem
+Gem&uuml;t, und ein Gef&uuml;hl der Jugend bl&uuml;hte auf, wirklich nun,
+und nicht erbangt und erfeilscht, das den Tag in goldenes
+Licht tauchte, Bl&auml;tter, Wurzeln, Steine und den verd&auml;mmernden
+Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war ohne Gewicht
+und Anspruch, es versummte im aufgegl&uuml;hten Abend.
+Sie gingen rasch talabw&auml;rts, die Seefl&auml;che schimmerte
+bl&auml;ulich-silbern mit scharlachnen Flecken, der Westen war
+eine flammende Schmiede-Esse, &uuml;ber den schon nahen H&auml;usern
+lags wie flie&szlig;ender Brokat, farbige Segel glitten
+schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub;
+da sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie
+im Knabenba&szlig;.</p>
+
+<p>Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch
+die sie mu&szlig;ten, durch dichtes Menschengedr&auml;nge versperrt.
+Erregte Gesichter waren einem Haus zugewandt, vor welchem
+Schutzleute und M&auml;nner mit Sanit&auml;tsbinden am Arm
+standen; ein gr&uuml;ner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und
+nach kurzer Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen,
+denen weinende Kinder folgten und ein Weib,
+das sich rasend geb&auml;rdete. Ein wei&szlig;b&auml;rtiger Schlossermeister,
+den Dorine kannte, trat gr&uuml;&szlig;end zu ihr und Dietrich und
+erz&auml;hlte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein
+leichtfertiges M&auml;dchen gewohnt, eine gewisse Karoline
+Kranich, die beim Theater gewesen und dann immer tiefer
+gesunken war. Sie hatte zwei junge Leute in ihre Netze
+verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein hinterlistiges Spiel
+getrieben; der eine war Arbeiter bei den Friedrichshafener
+Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz. Sie
+bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren
+Profit schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich
+den jungen Arbeiter, der aus einem ordentlichen
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Menschen zum L&uuml;derjahn geworden war. Heute nun hatte
+sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung genommen; der
+andere hatte Argwohn gesch&ouml;pft, den Aufpasser gemacht,
+war ins Haus geschlichen, hatte unter w&uuml;stem L&auml;rm den
+Eintritt in ihr Zimmer erzwungen, den Revolver hervorgezogen,
+erst die Kranich und ihren Liebhaber niedergeknallt
+und dann sich selber durch einen Schu&szlig; in den Kopf
+get&ouml;tet.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem
+Wesen berichtete, dachte Dorine bedauernd an die vergangenen
+Stunden und ihre nun getr&uuml;bte Sch&ouml;nheit, und ohne ihn
+anzusehen, sp&uuml;rte sie, welche niederschlagende Wirkung das
+Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes
+h&auml;tte sie opfern k&ouml;nnen, um es wegzuwischen von der
+Tafel dieses Tages. Indessen gewahrte sie, da&szlig; Dietrich,
+mit einem Gesicht voll Bl&auml;sse, das ihre Ahnung best&auml;tigte,
+den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet hatte;
+seine Augen gl&auml;nzten best&uuml;rzt und erstaunt; stammelnd
+deutete er auf einen Mann, der inmitten der Menge die
+ihn Umgebenden stirnhoch &uuml;berragte; einen schlanken, b&auml;rtigen,
+d&uuml;ster-schauenden Mann; der breitrandige Hut, den
+er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote Himmel am
+Ende der Gasse verst&auml;rkte die Konturen der Gestalt; &raquo;er ist
+es, er mu&szlig; es sein&laquo;, dr&auml;ngte es sich halb jubelnd, halb
+zagend aus Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung
+hingeeilt, schob sich durch die Menschen, verschwand
+zwischen ihnen.</p>
+
+<p>Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer
+Gedanken ri&szlig; die Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder
+neben sie trat, in t&ouml;nende St&uuml;cke. Er war beklommen,
+sch&uuml;ttelte den Kopf und sagte: &raquo;Da&szlig; man sich so t&auml;uschen
+kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>w&auml;rs gewesen: Er!&laquo; Noch hingenommen von dem Wunsch- und
+Augentrug, zweifelnd noch, obwohl er sich Gewi&szlig;heit
+&uuml;ber den Irrtum verschafft, in einen Widerstreit h&auml;&szlig;licher
+Empfindungen durch die Erz&auml;hlung des alten Mannes und
+die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich
+der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der
+Seite der Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch
+das Gew&uuml;hl Bahn zu machen.</p>
+
+<p>Das fanatisch gefl&uuml;sterte &raquo;Er&laquo; hatte langen Widerhall
+in Dorine. Wie mu&szlig; ihn das Bild erf&uuml;llen, wie gegenw&auml;rtig
+mu&szlig; es ihm best&auml;ndig sein, dachte sie mutlos, da&szlig; eine ungef&auml;hre
+&Auml;hnlichkeit solche Wirkung hervorbringen kann.
+Das &Uuml;berhitzte seines Gebarens hatte ihr au&szlig;erdem mi&szlig;fallen,
+und als sie nach einer Erkl&auml;rung tastete, f&uuml;hlte sie
+den t&uuml;ckisch verkn&uuml;pfenden Anteil, den die Mordtat des
+jungen Arbeiters, und was sich zwischen den drei Menschen
+abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie sich m&uuml;de in
+einen Sessel, kreuzte die Arme, lie&szlig; den Kopf sinken und
+wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.</p>
+
+<p>Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach
+in sein Zimmer, Dorine pr&uuml;fte mit der K&ouml;chin die
+Rechnungen und hatte dann mit dem G&auml;rtner zu verhandeln.
+Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie war l&auml;ngst
+wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu h&ouml;ren glaubte,
+&uuml;ber den Flur, die Treppe hinunter, &uuml;ber den Kies im Garten.
+Es verdro&szlig; sie, da&szlig; er sich noch so sp&auml;t entfernte, sie wollte
+sich &uuml;berzeugen und ging in seine Stube. Es war finster
+dort. Sie drehte die elektrische Flamme auf, trat an den
+Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder sp&auml;hs&uuml;chtig,
+eher in trauriger und abgekehrter Gleichg&uuml;ltigkeit, &ouml;ffnete
+sie eine gro&szlig;e Ledermappe und sah einen Brief liegen.</p>
+
+<p>Sie las: Lieber einziger Freund.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu
+werden, dann langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks,
+der N&uuml;chternheit der &auml;u&szlig;eren Fassung bei solchem
+Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl, st&uuml;tzte die Stirn auf
+die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten, wurde
+bleich und bleicher, las und las:</p>
+
+
+<h3>An Lucian</h3>
+
+<p class="newchapter">Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du
+es begreiflich und verzeihlich finden, da&szlig; ich mich in meinem
+jetzigen Zustande einer recht ernsthaften Bedr&auml;ngnis an dich
+wende wie an einen &auml;lteren und erfahreneren Bruder,
+wobei ich aber freilich noch nicht wei&szlig;, ob ich diesen Brief,
+so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde. Jedenfalls
+ist er f&uuml;r dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
+nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit
+meine F&auml;higkeit dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann
+ich mir keinen andern Menschen als Empf&auml;nger und Leser
+denken.</p>
+
+<p>Wir haben einmal dar&uuml;ber gesprochen, da&szlig; jedes Individuum
+drei verschiedene Arten von Existenz habe, n&auml;mlich
+eine geistige, eine soziale und eine animalische. Du sagtest,
+keine f&uuml;r sich k&ouml;nne eine Lebensgestaltung herbeif&uuml;hren,
+sondern m&uuml;sse korrigierend und bereichernd auf die andere
+wirken, und je edler einer veranlagt sei, je h&ouml;her er auf der
+Stufenleiter der Gesch&ouml;pfe stehe, je sicherer werde er es zu
+einer Verschmelzung dieser Kr&auml;fte bringen.</p>
+
+<p>Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir
+auch heute noch richtig. Nur frage ich dich: was kann
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>man zu dieser Verschmelzung tun? Ich erinnere mich, ich
+habe schon damals eine &auml;hnliche Frage an dich gerichtet,
+darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
+gebe es daf&uuml;r nicht und es sei am ratsamsten, sich
+dem zu &uuml;berlassen, was man den guten Instinkt nenne und
+sonst Augen und Herz offen zu halten.</p>
+
+<p>Gewi&szlig;, das leidet keinen Zweifel. Gr&uuml;belei und Aufpassen
+auf sich selber macht einen schwach und feig. Aber
+siehst du, Lucian, es gibt ein &Uuml;berm&auml;chtiges, und eben das
+letzte von den dreien, das Animalische, ist das &Uuml;berm&auml;chtige.
+Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir dar&uuml;ber nicht
+viel Worte zu sagen, und dennoch mu&szlig; ich dir meine Verfassung
+etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten
+soll, da&szlig; du mir hilfst oder wenigstens einen Ausweg aus
+der Klemme zeigst. Etwas Extraordin&auml;res wird es ja nicht
+sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber schmerzlich
+und niederdr&uuml;ckend ist es, oft so, da&szlig; ich nicht mehr ein
+noch aus wei&szlig;.</p>
+
+<p>Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal &uuml;ber
+das Verh&auml;ltnis zwischen den Geschlechtern gesprochen, und
+was du von dir sagtest, da&szlig; du ein Anh&auml;nger und Verfechter
+der unbedingten Keuschheit seist, hat mich sehr ergriffen,
+ich wei&szlig; nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem Punkt, so
+sagtest du ungef&auml;hr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
+der Gedankenhaltung, Unterdr&uuml;ckung der leisesten Regung
+von Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest,
+die Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das
+W&uuml;nschenswerte f&uuml;r die Gesellschaft, wie man allgemein zu
+Nutz und Frommen des Staates doziere; das W&uuml;nschenswerte
+sei die Erziehung des Einzelnen zu einem Edeldasein
+und zur &Uuml;berwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
+Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>ja deine Anschauung durch die Lehren gro&szlig;er Denker best&auml;tigt
+wird.</p>
+
+<p>Alles das hindert nicht, da&szlig; meine Natur unterliegt.
+Ich habe mit mir gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden,
+obwohl deine N&auml;he den beginnenden Aufruhr immer
+wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem bestimmten Augenblick
+hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen, denn
+das hie&szlig;e zugleich ein unverge&szlig;liches Erlebnis besudeln,
+das eine Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen
+Bilder zu und etwas, das dicht gewesen war, wurde ausgeh&ouml;hlt.
+Es war nichts deutlich Beschreibbares, nichts,
+was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So weit
+durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.</p>
+
+<p>Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines
+Weibes zu wissen, fl&ouml;&szlig;t mir den un&uuml;berwindlichsten Abscheu
+ein. Vielleicht trifft das Wort nicht ganz, ich kann
+die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie mehr
+gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft
+nicht. Das Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt
+fr&uuml;her als ichs sehe wie gl&uuml;hende Kohle im Wasser, aber
+dann w&uuml;hlt es unterirdisch, dann kommt das Brausen im
+Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebr&uuml;llten
+Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
+Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die N&auml;chte,
+die Tr&auml;ume.</p>
+
+<p>Du wei&szlig;t, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug,
+um die nat&uuml;rlichen Vorg&auml;nge unbefangen zu beurteilen.
+Auch f&uuml;hle ich mich wie gesagt nicht als Ausnahmewesen
+und m&ouml;chte nicht bei dir in den Verdacht geraten, da&szlig; ich,
+was andern so gut beschieden ist wie mir, &uuml;berm&auml;&szlig;ig wichtig
+nehme. Das alles mu&szlig; wahrscheinlich erlebt und durchgek&auml;mpft
+werden, und wenn es mir schwerer f&auml;llt als andern,
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>so sind meine besonderen Umst&auml;nde daran schuld, die Art,
+wie man mich beh&uuml;tet hat, die Kargheit aller Mitteilung,
+die Entfernung vom Leben, die Strenge in der Auffassung
+alles dessen, was au&szlig;erhalb des Befohlenen und Akkreditierten
+liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu
+bestimmt sein, Rache zu nehmen f&uuml;r die Zur&uuml;ckhaltung und
+den Puritanismus ganzer Generationen? frag ich mich
+bisweilen. Bin ich die Entartung, der R&uuml;ckschlag, durch
+den die Natur sich entsch&auml;digt f&uuml;r das, was man ihr ein paar
+Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt
+hat? Solche Selbst&uuml;bersch&auml;tzung ruft vielleicht deinen Spott
+hervor, aber ich kann dir versichern, da&szlig; mich der Gedanke
+manchmal ernstlich besch&auml;ftigt. M&ouml;glicherweise erblickst du
+darin das, was du geistige Unzucht nennst, Verwahrlosung
+der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und Eind&auml;mmung
+der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die
+Phantasie erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt,
+je unb&auml;ndiger, je mehr man sie zu knebeln versucht.
+Sie erlauert die Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu
+peinigen.</p>
+
+<p>Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem
+d&uuml;nnen Tuch, in der letzten Zeit meide ich sogar das Bett
+und richte mir mein Lager auf dem Fu&szlig;boden. Es sch&uuml;tzt
+mich nicht vor widerlichen Tr&auml;umen. Diese Tr&auml;ume, obwohl
+sie nichts unmittelbar H&auml;&szlig;liches und Besch&auml;mendes
+an sich haben, sind doch derart, da&szlig; sie mich durch den Tag
+verfolgen wie Gift, das man mir eingegeben; das Schm&auml;hliche
+liegt oft mehr in der Farbe und in der Wirkung als
+im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist, da
+klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir
+sind eine hei&szlig;e, weiche, z&auml;he Masse; dabei f&uuml;hl ich, ich bins
+garnicht, ein fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Leib; es wird mir eigent&uuml;mlich wohlig matt, die feurige
+Luft wird dunkelblau, alles rinnt und rieselt um mich herum,
+schmeichelt und r&uuml;hrt mich an, will mich packen und h&ouml;hnt,
+und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei St&uuml;cke
+Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-wei&szlig;e,
+mit schl&uuml;pfrig zarter Haut und gr&uuml;nen Augen; sie
+ringeln sich an einem glatten Turm hinauf, von oben h&auml;ngen
+Haare herab wie aufgel&ouml;ste Haare einer Frau, ich mu&szlig; hingreifen,
+der Schauder verwandelt mich, ich bin selber
+Schlange, das Haar flutet &uuml;ber mich, der Turm f&auml;ngt an zu
+brennen, ich st&uuml;rze ma&szlig;los tief hinunter, &uuml;ber mir ein
+feuriges Rad, das dann mitten durch meinen K&ouml;rper hindurchf&auml;hrt.</p>
+
+<p>Ich laufe stundenlang, tagelang durch die W&auml;lder. Bin
+ich gleich m&uuml;d, Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus
+schon schlafen, stehl ich mich oft an den See, l&ouml;s das Boot
+von der Kette, rudere hinaus. Weit vom Ufer, la&szlig; ich die
+Ruder fallen, leg mich flach auf den R&uuml;cken, H&auml;nde hinterm
+Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit,
+Lucian, die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit
+der schwachen D&uuml;nung, leis surrt der Wind, die Nacht ist
+dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so in den Anblick der
+Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. K&ouml;nnt ich dirs
+nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das Sternengrauen,
+hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann:
+gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen
+in mir und der &Uuml;berwelt da droben? Ists denn erlaubt,
+den verbrecherischen Blick dorthin zu richten, den
+blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches in die
+Unendlichkeit tr&auml;gt und sie ansteckt mit Begierden? Da&szlig;
+ich das ewig versperrte gr&ouml;&szlig;ere Leben nur ahnen darf,
+verfinstert mir die Seele und verwirrt den Verstand; ich
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>m&ouml;chte nicht mehr sein, es ist, als lie&szlig;en mich Arme fallen,
+und unten sind Arme, die wollen mich auffangen, der Raum
+dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
+sein, wie ihn die Menschen sehen? W&auml;re man nicht ein
+viel wirklicherer Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren
+k&ouml;nnte?</p>
+
+<p>Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du m&uuml;&szlig;test diese
+Frau kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer.
+Sie hat seltene Eigenschaften, und ich habe au&szlig;erdem entdeckt,
+da&szlig; sie sch&ouml;n ist. Das macht mich kindischerweise oft
+ganz gl&uuml;cklich. Aber trotzdem wir uns gut vertragen, ist
+von innerer Beziehung, wie ich sie momentan n&ouml;tig h&auml;tte,
+keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr
+fehl in der Vermutung, da&szlig; zwischen Mutter und Sohn eine
+Schranke des Unaussprechlichen besteht und bestehen mu&szlig;?
+So nah sie einander durch das Blut sind, so fern sind sie
+einander durch das Wort. Es kommt in meinem Fall noch
+hinzu, da&szlig; ich das Gef&uuml;hl habe, als d&uuml;rfe sie gar nicht verstehen,
+als k&ouml;nne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt erfahrungslos,
+auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war
+und Kinder geboren hat, ja da&szlig; ichs grade heraus sage,
+als sei sie noch unschuldig, als sei sies zu meinem Refugium
+und zu meinem Stolz, und folglich von mir zu beh&uuml;ten,
+nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt schwer,
+wie du begreifen wirst&nbsp;...</p>
+
+<p>An dieser Stelle brach das Schreiben ab.</p>
+
+<p>Die ganze Nacht &uuml;ber lag Dorine angekleidet auf ihrem
+Bett, die Hand wider das Herz gedr&uuml;ckt, dessen unaufh&ouml;rlich
+tobende Schl&auml;ge nicht zu beschwichtigen waren.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a></p>
+
+
+<h3>Der Ha&szlig;</h3>
+
+<p class="newchapter">Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zur&uuml;ck,
+wohin er mit dem Motorboot gefahren war und sagte
+lebhaft: &raquo;Fink ist hier. Ich bin ihm zuf&auml;llig begegnet.
+Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag besuchen,
+aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.&laquo;</p>
+
+<p>Aus Dietrichs Erz&auml;hlungen erinnerte sich Dorine, da&szlig;
+Fink einer von seinen Hochlindener Kameraden war; sie
+erinnerte sich auch, da&szlig; er mit einiger Absch&auml;tzigkeit von
+ihm gesprochen. &raquo;So? dieser?&laquo; entgegnete sie leichthin
+und etwas verwundert &uuml;ber seine unverhohlene Freude;
+&raquo;ist er mit seinen Eltern da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer
+schon seine Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend
+zu verbringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er allein ist, k&ouml;nntest du ihn ja einladen, bei uns
+zu wohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr liebensw&uuml;rdig von dir, Mutter; aber es wird
+wohl nicht gehen. Er erwartet n&auml;mlich seine Braut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen
+Alters mit dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; zwanzig denk ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist
+denn die junge Dame, und wer ist sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich alles nicht, Mutter. Das hei&szlig;t, den Namen
+hat er mir mal gesagt; Sch&ouml;nwieser, glaub ich, Hedwig
+Sch&ouml;nwieser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wir werden ja sehen, was es damit f&uuml;r eine Bewandtnis
+hat,&laquo; schlo&szlig; Dorine das Gespr&auml;ch.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu
+einer Segelpartie abzuholen. Dorine hatte sich bereits
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>zur&uuml;ckgezogen und lie&szlig; den jungen Leuten sagen, sie erwarte
+sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem Wasser;
+der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
+erschienen, sa&szlig; Dorine in einem Strandsessel, ganz
+in Wei&szlig;, das blasse Gesicht von einem Panamahut mit
+Kornblumenkranz beschattet.</p>
+
+<p>Fink ver&auml;nderte ihr gegen&uuml;ber wie auf Kommando seine
+saloppe Haltung. Er verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent,
+schlug die Hacken zusammen, k&uuml;&szlig;te ihr die Hand,
+alles vollkommen artig, aber mit dem etwas l&auml;cherlichen
+Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
+Erziehung. Dorine war sich dar&uuml;ber gleich im Klaren, und
+auch sonst mi&szlig;fiel er ihr gr&uuml;ndlich. Die berlinische Suada,
+das unruhige Auge, das blecherne Lachen, der lasterhafte
+Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu gl&auml;nzen, das Besserwissen
+und sp&ouml;ttische Abtun von Gespr&auml;chsthemen, die sich
+&uuml;ber das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gef&uuml;rchtet
+Typisches. &Uuml;brigens sah er gut aus, die Z&uuml;ge
+waren angenehm, die Gestalt schlank, das Wesen von
+sorgloser Lebhaftigkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Deine Mutter ist famos,&laquo; sagte er zu Dietrich, als sie
+allein waren, &raquo;famose Frau. K&ouml;nnte ohne weiteres eine
+F&uuml;rstin abgeben. Famos, wie sie sich tr&auml;gt und wie schlicht
+sie dabei wirkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu F&uuml;rstin? es gen&uuml;gt ihr, eine Oberlin zu sein&laquo;,
+erwiderte Dietrich trocken.</p>
+
+<p>Fink lachte. &raquo;Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen
+Hochmut. Da kommt unsereins nicht gegen auf,
+und wenn wir die f&uuml;nfzackige im Schnupftuch h&auml;tten.&laquo;
+Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette im Mundwinkel,
+was Dietrich unsympathisch war. &raquo;Prachtvoller
+Besitz. Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausf&uuml;hren,
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>wenn du gestattest. So was kennt sie nicht, denn
+in Berlin, wei&szlig;t du, da bauen wir auf Sand, trotz vorhandenen
+Gottvertrauens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann kommt das Fr&auml;ulein?&laquo; erkundigte sich Dietrich
+etwas betreten.</p>
+
+<p>&raquo;Sp&auml;testens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm.
+Lustig wird das werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin?
+Sie ist n&auml;mlich ein reizender K&auml;fer, kann ich dir sagen,
+von Spielverderben nicht die Spur.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich fragte sch&uuml;chtern: &raquo;Reist sie wirklich allein und
+ist allein bei dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na h&ouml;r mal, warum denn nicht? Wen k&uuml;mmert das
+denn? Ist doch ganz unsere private Angelegenheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;; aber &uuml;blich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens
+nennt man es dann anders. Meine Mutter zum Beispiel
+k&ouml;nnte sie unter solchen Umst&auml;nden nicht empfangen,
+das wirst du begreifen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutet ihr auch kein Mensch zu&laquo;, antwortete Fink. &raquo;Die
+Hedwig, die will ihren Urlaub genie&szlig;en, alles andere l&auml;&szlig;t
+sie kalt. Mu&szlig; denn empfangen werden? Das klingt so
+gro&szlig;artig. Und wenn sich eine Begegnung nicht vermeiden
+l&auml;&szlig;t, mu&szlig;t du denn deiner Mutter gleich den juristischen Tatbestand
+auseinandersetzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht
+selber merkt, wird ihr zugetragen. Wir sind Provinzleute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer
+Fasson. <em class="antiqua">Vogue la gal&egrave;re</em> steht in meinem Stammbuch,
+auf der allerersten Seite. Leben, leben, leben, Mensch.
+Was nachher kommt, ist mir totalement gleichg&uuml;ltig. Meinetwegen
+Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen Zuchthaus,
+heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar
+die Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>hat! Du, Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen
+Kerkern Zentnerkugeln an den F&uuml;&szlig;en. Du
+tust mir leid, aber ich hab dich gern, und irgend was in dir,
+wei&szlig; der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir m&uuml;ssen
+wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln
+und mir aus der Faulheit helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
+Verbr&auml;mungen machte geringen Eindruck auf Dietrich.
+Mit nat&uuml;rlichem Instinkt sp&uuml;rte er, da&szlig; nichts dahinter
+war, und da&szlig; sogar die Verzweiflung und Herzensleere,
+die solche glitzernde Blasen aus dem Sumpf der Zeit
+emportrieb, hier ins Modische und Eitle verd&uuml;nnt war.
+Zu seiner eigenen Verwunderung stand er &uuml;berhaupt Fink
+voller Kritik und abwartender Ruhe gegen&uuml;ber, als ob
+nicht f&uuml;nf Wochen, sondern ebensoviel Jahre seit ihrem
+Zusammensein in Hochlinden verflossen w&auml;ren und er den
+andern w&auml;hrenddessen weit hinter sich gelassen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem lie&szlig; er sich bereden,
+jede freie Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten,
+segelten, badeten miteinander. Fink lud ihn zum Essen
+ins Hotel, wo er als splendider Kavalier in hoher Sch&auml;tzung
+stand, mietete ein Auto, erhandelte Antiquit&auml;ten, besichtigte
+Schl&ouml;sser und Landsitze, weil er daran dachte, sich in der
+Gegend ans&auml;&szlig;ig zu machen. Alles war ein wenig aufschneiderisch,
+ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine verletzende
+Form. Nur &uuml;ber der Quelle des luxuri&ouml;sen Wandels
+lag verd&auml;chtiges Zwielicht.</p>
+
+<p>Der so rasch intim gewordene Umgang war f&uuml;r Dietrich
+ein Mittel, sich selber auszuweichen, und er wu&szlig;te es sogar.
+Er betrog sich selbst mit dem neu gefundenen Gef&auml;hrten,
+er &uuml;berlistete seine anders erf&uuml;llte Seele. Deshalb ging er
+innen nicht ganz so weit mit, als er au&szlig;en mitging und war
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>st&auml;rker durch Vorbehalte als jener durch seine entschlossene
+Genu&szlig;gier. Fink war ein Ma&szlig;loser; er wurde erbittert,
+wenn er den Gemessenen an seiner Seite nicht &uuml;ber die
+Grenze zu ziehen vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend
+vor der gemeldeten Ankunft Hedwig Sch&ouml;nwiesers wollte
+er, berauscht von Wein, berauscht von unbeschr&auml;nkter Freiheit,
+Dietrich dazu bringen, da&szlig; er mit ihm ein M&auml;dchenhaus
+besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
+sich. Weder Bitten, noch Dr&auml;ngen konnten ihn bewegen.
+Fink machte sich &uuml;ber seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete,
+die Tugend habe damit nichts zu schaffen, es sei
+ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht, um die Feigheit
+zu bem&auml;nteln, erkl&auml;rte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
+wolle, gehe er allein. &raquo;Ich brauche mir nichts zu beweisen,&laquo;
+antwortete Dietrich, &raquo;aber ich werde dich bis an
+das Haus begleiten und auf dich warten. Ich bin neugierig,
+ob dus wirklich &uuml;ber dich gewinnst.&laquo; Fink kicherte. &raquo;Deine
+Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen hin, Fink trennte sich &auml;rgerlich von Dietrich,
+und dieser wanderte an der gegen&uuml;berliegenden Stadtmauer
+im dunklen Schatten auf und ab. Seine Betrachtungen
+waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde mochte vergangen
+sein, da kam Fink zur&uuml;ck und wollte sich aussch&uuml;tten
+vor Lachen &uuml;ber die Kleinstadthet&auml;ren, ihre Betteleleganz
+und ihre bescheidenen Verf&uuml;hrungsk&uuml;nste. Dietrichs Blick
+war aber so ernst, beinahe finster, da&szlig; er innehielt und fragte,
+was mit ihm geschehen sei. &raquo;Gute Nacht,&laquo; sagte Dietrich
+und reichte ihm widerstrebend die Hand, &raquo;ich hab noch einen
+weiten Weg.&laquo; Verbl&uuml;fft sah ihm Fink nach, als er sich entfernte.
+&raquo;Ich k&ouml;nnte ja ein St&uuml;ck mit dir gehen, Oberlin&laquo;,
+rief er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt.
+&raquo;Esel&laquo;, murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Am anderen Nachmittag lie&szlig; Fink Dietrich ans Telephon
+rufen und sagte ihm, er und Hedwig erwarteten
+ihn zum F&uuml;nfuhrtee im Hotel. Er z&ouml;gerte mit der Antwort
+und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um
+halb f&uuml;nf setzte er sich aufs Rad und fuhr hin&uuml;ber, nachdem
+er mehr Sorgfalt als sonst auf seinen Anzug verwendet
+hatte.</p>
+
+<p>Er lernte in Hedwig Sch&ouml;nwieser ein mageres, langaufgeschossenes
+M&auml;dchen kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig
+und f&uuml;nfundzwanzig, mit fuchsfeuerrotem Haar
+und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an ihr,
+die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
+Kost&uuml;m nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten
+Schneider, aber wie die Stiefel, die Str&uuml;mpfe, die Handschuhe,
+der Hut, sogar der Ring mit der Perle an der Hand
+von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch sich selber
+war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
+wurde, das von Unsicherheit j&auml;h in anmutlose Ungebundenheit
+umschlug. Wie die meisten Gro&szlig;stadtkinder war sie
+spotts&uuml;chtig, aber dieser Spott beruhte auf einem Mangel
+an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in keiner Weise
+zur&uuml;ckhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
+Stunde in ihre Familienverh&auml;ltnisse eingeweiht, und ob
+sie sich schon nicht in allen St&uuml;cken zur Wahrheit bekannte,
+wie er vermutete, lag doch das N&uuml;chterne und Armselige
+der Existenz sp&uuml;rbar hinter dem Erz&auml;hlten. Ihr Vater sei
+Beamter im Ministerium, erw&auml;hnte sie nebenbei; es klang
+so sehr nach Erfindung, da&szlig; Dietrich die Augen niederschlug
+und garnicht n&ouml;tig hatte, auf die Verr&auml;terei zu achten, die
+Fink durch ein schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren
+beging. Sie hatte die Gewohnheit, beim Zuh&ouml;ren die Lippen
+mit der Zungenspitze zu lecken und dabei die Lider zuzukneifen,
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>was ihrem Gesicht einen listigen und zugleich sinnlichen Ausdruck
+verlieh, der in Dietrich ein Gef&uuml;hl des Unbehagens
+erweckte.</p>
+
+<p>Er wurde inne, da&szlig; er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr
+besch&auml;ftigt hatte, als ihm bewu&szlig;t war. Ein Name verhei&szlig;t
+oft viel, scheint Schicksal zu enthalten; dieser war einst,
+als er ihn zum erstenmal vernommen, wie ein Gestirn
+an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll
+Scham war er sich dar&uuml;ber klar, jetzt wo die l&auml;stige Gegenwart
+ein so entschm&uuml;cktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit,
+eine Stirn ohne Traum, Geb&auml;rden ohne mitgeborne
+Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne Musik. Da&szlig; er
+Erwartungen gehegt, f&uuml;hlte er als Schuld und wurde
+schweigsamer und schweigsamer.</p>
+
+<p>Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den
+Mut, sich zu weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm
+in Arm, gaben sich keine M&uuml;he, ihre Verliebtheit zu verbergen,
+lachten best&auml;ndig, trieben harmlosen Scherz, auch
+minder harmlosen, ersannen Vergn&uuml;gungen f&uuml;r die ersten
+Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je
+ausgelassener wurden sie. Dietrich h&auml;tte ein Hund sein
+k&ouml;nnen, der neben ihnen trottete; sie beachteten ihn kaum.
+Nach einer Weile erinnerte sich Hedwig Sch&ouml;nwieser seiner
+und lockte ihn ins Gespr&auml;ch. &raquo;Ich freue mich, da&szlig; du einen
+so h&uuml;bschen Freund hast&laquo;, sagte sie zu Fink. Dieser antwortete:
+&raquo;Nimm dich blo&szlig; in acht vor Oberlin; stilles
+Wasser, tief wie der Rhein.&laquo; Mit den kobaltblauen Augen,
+einem Blau, wie es nur die Rothaarigen haben, schaute
+sie Dietrich pr&uuml;fend ins Gesicht; er l&auml;chelte err&ouml;tend, aber
+von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
+verst&auml;ndlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden
+Ha&szlig; gegen das junge M&auml;dchen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>Er ha&szlig;te ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die
+eckigen Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er
+ha&szlig;te die Spur, die ihr Schritt im Wegsand hinterlie&szlig;;
+den Gedanken an ihren Fu&szlig; im Schuh; den Atem, mit dem
+sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte ihn
+best&uuml;rzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich
+nach dem Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht
+enthielt es f&uuml;r eine Beliebige, die ihm zuf&auml;llig entgegentrat
+aus einer Millionenzahl von Frauen und M&auml;dchen. Es
+gibt eine Antipathie der K&ouml;rper, Antipathie der Atmosph&auml;ren;
+kaum die w&auml;re bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit,
+die ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn
+die junge Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte
+ihm, sie warb um seine g&uuml;nstigen Blicke, sie anerkannte
+ihn als Sendling einer Welt, die &uuml;ber der ihren stand und
+war bereit, sich zu verkleinern und unterzuordnen, alles,
+weil sie seine Abneigung sp&uuml;rte und sofort ihren ganzen
+Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte,
+jetzt schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit
+auf wie ein heimlicher Strahl; etwas B&ouml;ses kam zutage,
+eine Kraft, die geschlummert hatte; dann verdoppelten sich
+die Ausbr&uuml;che ihrer Lust und der Z&auml;rtlichkeit gegen ihren
+Geliebten.</p>
+
+<p>Durch nichts aber war der qu&auml;lend-r&auml;tselhafte Ha&szlig; in Dietrichs
+Brust zu beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr
+einfache Weise Herr werden, &uuml;berlegte er; ich brauche ja nur
+ihre N&auml;he zu meiden; ein Wort an Fink oder ein paar Briefzeilen,
+eine Bitte an die Mutter; man verreist f&uuml;r ein paar
+Tage und alles ist vor&uuml;ber. Aber gerade dazu f&uuml;hlte er
+sich nicht f&auml;hig, und er wu&szlig;te, da&szlig; er es nicht tun w&uuml;rde.
+Warum nur? Auf dem Heimweg, den ganzen Abend, die
+halbe Nacht dachte er dar&uuml;ber nach. Er war an dieses ihm
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>v&ouml;llig gleichg&uuml;ltige, v&ouml;llig fremde, v&ouml;llig uninteressante
+Wesen gebunden durch Ha&szlig;. Wie war das zu erkl&auml;ren?
+Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung,
+der Anbetung, der Verherrlichung W&uuml;rdige; weil das Schicksal
+aus der Millionenzahl gerade die und keine andere
+ausgew&auml;hlt hatte, um sie seinen nach einer Erscheinung
+durstigen Augen zu zeigen. In jedem menschlichen Herzen
+ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und Verherrlichung;
+von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem
+war nicht nur Vorrat, sondern &Uuml;berflu&szlig;; er konnte viel
+hergeben, er konnte verschwenderisch sein; er war dagestanden
+und hatte gewartet; einer Erscheinung h&auml;tte es bedurft, und
+seine Seele w&auml;re zerschmolzen; ja, so war es, so empfand
+ers, eine Erscheinung h&auml;tte sein m&uuml;ssen, damit man sich
+beugen konnte, alles w&auml;re hell geworden, verhei&szlig;end, in
+den Bereich des M&ouml;glichen ger&uuml;ckt, sogar Fink w&auml;re ein
+Verwandelter gewesen, ein Gereinigter, unbeneidet begnadeter
+Freund.</p>
+
+<p>Nun aber band ihn der Ha&szlig; mit Stricken an die beiden;
+er mu&szlig;te ihm t&auml;glich, st&uuml;ndlich frische Nahrung reichen und
+sich aus Redlichkeit best&auml;ndig vergewissern, ob er nicht Opfer
+einer T&auml;uschung sei. Er war unzertrennlich von ihnen.
+Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein und blieb
+meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot
+auf die Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell,
+wanderte mit ihnen auf die Berge und in die W&auml;lder, und
+in den Tagen, die seine Mutter in Basel verbrachte, lud er
+sie ins Haus, bewirtete sie, und sie sa&szlig;en bis sp&auml;t in den
+Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Sch&ouml;nwieser
+sang Lieder; sie hatte eine nicht &uuml;ble Altstimme; oder sie
+haschte nach den Leuchtk&auml;fern, mit denen die B&uuml;sche &uuml;bers&auml;t
+waren; der Tisch stand voller Rosen, die Grillen zirpten,
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>die Fr&ouml;sche quakten, es war der begl&uuml;ckendste Sommer, und
+Dietrich trug in ihm ein emp&ouml;rtes Herz. Zwietracht
+herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
+selbst.</p>
+
+<p>Fink w&uuml;nschte, da&szlig; er und Hedwig sich duzen sollten.
+Durch alle erdenklichen Ausreden wu&szlig;te Dietrich die Zeremonie
+hinauszuschieben. Als es sich nicht mehr vermeiden
+lie&szlig;, an einem der Abende in der Villa, verweigerte er doch
+den br&uuml;derlichen Ku&szlig;. Es m&uuml;sse sein, erkl&auml;rte Fink, wenn
+Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
+Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er,
+er sei statt dessen bereit, jede Bu&szlig;e zu entrichten, die man
+verlange; er sch&uuml;tzte ein Gel&uuml;bde vor, das er geleistet; er
+behauptete, seit Knabenzeit, seit einem gewissen Vorfall mit
+einer jungen Magd, habe sich in ihm ein un&uuml;berwindlicher
+Abscheu dagegen festgesetzt; man m&ouml;ge es krankhaft oder
+albern nennen, aber er k&ouml;nne sich nicht helfen.</p>
+
+<p>Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich
+und mitleiderweckend. Hedwig ma&szlig; ihn mit Erstaunen;
+Fink lachte, da&szlig; ihm die Tr&auml;nen in die Augen traten. &raquo;Na,
+Oberlin, und wie war das mit Lucian damals beim Wettlauf?&laquo;
+fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
+ginge ihm ein Licht auf &uuml;ber Dietrichs wahre Natur. Dietrich
+erbla&szlig;te und sah ihn zornblitzend an. Indessen fl&uuml;sterte
+Fink dem M&auml;dchen etwas ins Ohr, und sie hielten sich dabei
+herausfordernd umschlungen.</p>
+
+<p>Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der
+sich zwischen Dietrich und dem M&auml;dchen entsponnen hatte.
+Das Schauspiel erg&ouml;tzte ihn, und er mi&szlig;verstand es; was
+er an ihm begriff, schmeichelte seinem Besitzerstolz. Innerlich
+des M&auml;dchens bereits m&uuml;de, h&auml;tte er nichts dawider
+gehabt, wenn es Hedwig gelungen w&auml;re, den unfa&szlig;lich
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Spr&ouml;den zu umgarnen und zu verf&uuml;hren, wenigstens ihn bis
+zu dem Punkt zu bringen, wo er fallen mu&szlig;te, so wie alle
+fielen. Er kannte Hedwigs Verschlagenheit und hatte sie
+gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu bedienen. Jedenfalls
+ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses Unber&uuml;hrten,
+nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
+unbefleckten K&ouml;rpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht,
+vor der ein Etwas in ihm sich neidisch kr&uuml;mmte, und die er
+h&ouml;hnen und herabziehen mu&szlig;te, um sich vor schlimmeren
+Gel&uuml;sten zu retten.</p>
+
+<p>So war es mit Fink bestellt.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die
+Arme um Dietrichs Hals und schickte sich an zu rauben, was
+ihr nicht freiwillig gew&auml;hrt wurde. Dietrich aber, durch das
+verschw&ouml;rerische Wispern der beiden wachsam gemacht, kam
+ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
+waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die
+andere stemmte er gegen ihre Brust; und so erbittert roh
+stie&szlig; er sie zur&uuml;ck, da&szlig; sie taumelte und gefallen w&auml;re, wenn
+sie Fink nicht aufgefangen h&auml;tte. Sie war bleich geworden,
+gr&uuml;nliches Feuer spr&uuml;hte in den entsetzt ge&ouml;ffneten Augen.
+Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden H&auml;nden die
+Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. &raquo;Gehen wir,
+Kurt&laquo;, sagte das M&auml;dchen, raffte Schal, Handschuhe und
+T&auml;schchen zusammen und schritt zum Gartentor.</p>
+
+<p>&raquo;Was bist du f&uuml;r ein querer Bauer, Oberlin&laquo;, sagte Fink
+mit bedauerndem Achselzucken und folgte ihr.</p>
+
+<p>In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides
+hindurch die Brust des jungen Weibes gesp&uuml;rt hatte,
+war ihm traumartig die Szene mit dem Spiegel aufgestiegen,
+die ihm Fink vor langer Zeit geschildert: wie sie sich entkleidet
+hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich gezeigt
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
+seltsam j&auml;he Erinnerung hatte seinen w&uuml;hlenden Ha&szlig; aufs
+&auml;u&szlig;erste getrieben und ihm war zumut gewesen, als m&uuml;sse
+er sie zu Boden schmettern und zerfleischen, als k&ouml;nne die
+Bahn erst frei werden und Ruhe in ihn einkehren, wenn sie
+unsch&auml;dlich zu seinen F&uuml;&szlig;en lag.</p>
+
+<p>Aber er sp&uuml;rte noch immer die warme, feste, erschreckend
+vibrierende Brust; gleich einem mysteri&ouml;sen Tier hatte sie
+sich anger&uuml;hrt, und ihm graute vor seiner Hand, die er wieder
+und wieder betrachtete. Das Geschehene peinigte ihn mit
+jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand r&uuml;ckte. Hei&szlig;
+irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
+H&ouml;he, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop
+aufstand, und vor der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf
+er sich hin und dr&uuml;ckte das fieberflammende Gesicht in die
+Halme, die vom Tau trieften.</p>
+
+<p>Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht
+um ihn herum schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem
+Innern ist.</p>
+
+
+<h3>Die L&uuml;ge</h3>
+
+<p class="newchapter">Durch die Lekt&uuml;re des Briefes an Lucian in einen fortdauernd
+beklommenen Zustand versetzt, schmerzlich aus der
+Ungewi&szlig;heit gerissen, hatte sich Dorine vorgenommen, im
+Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes Einspruchs
+zu enthalten, jeder Ma&szlig;regel und Warnung, die
+dr&uuml;ckend oder hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen
+Mi&szlig;billigung auch. Der Entschlu&szlig; hatte schwere Stunden
+gekostet, in denen die Frage der Verantwortung sie ernstlich
+bedr&auml;ngte, die Furcht vor Vers&auml;umnis und Verlust nie schwieg.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>&raquo;Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin
+war und Kinder geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium
+und meinem Stolz, und folglich von mir zu beh&uuml;ten,
+nicht ich von ihr.&laquo;</p>
+
+<p>Diese S&auml;tze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn.
+Sie ahnte eine Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von
+der anderen Seite der Welt. Ihr Staunen war tief und
+unverratbar, f&uuml;r ewig eingeschlossen in der Seele und von
+verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den
+Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag f&uuml;r
+recht und gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen
+sind, die ihre Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie
+bescheiden in das allgemeine Lebensgetriebe verwoben haben.
+Nun war flammenhafter Zweifel aufgewachsen; als w&auml;re
+Wesentliches unerf&uuml;llt geblieben, ja, in der Dumpfheit des
+Gem&uuml;ts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als w&auml;re
+man achtlos vor&uuml;bergegangen an verzauberter Pforte, hinter
+der die Sch&auml;tze des Daseins lagen; als h&auml;tte man vergessen,
+das Antlitz dorthin zu wenden, den Schritt dorthin
+zu lenken, wo ein Gl&uuml;ck, wenn auch unbekannt, so doch vorbereitet,
+wartete.</p>
+
+<p>Gl&uuml;ck. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer
+in ihrer Fraueneinsamkeit, in der sie pl&ouml;tzlich das Licht
+und die W&auml;rme entbehrte. Es schien ihr, da&szlig; es frevelhaft
+sei, die Fundamente zu untersuchen, auf denen sich ihr
+Schicksal in ehrenvoller Ordnung zugetragen hatte. Sie
+wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Gl&uuml;ck: die Ausrede
+der Unzul&auml;nglichen, Ding ohne Ma&szlig; und ohne Form,
+ohne Kern und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und
+falsch bereuend sich ins Ungemessene verlieren, das hie&szlig;
+die Alt&auml;re besudeln, vor denen man gl&auml;ubig gekniet. Und
+doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach Verwesung;
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>das Zur&uuml;ckirren &uuml;ber die Wege und bange Lauschen an ein
+f&uuml;r allemal verriegelten T&uuml;ren; t&ouml;richtes, w&uuml;rdeloses
+Beginnen. Sogar mit einem Hingegangenen geriet sie in
+Hader dabei, rief den Schatten empor und verlangte
+F&uuml;hrung und Trost.</p>
+
+<p>Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er
+ihr als Verm&auml;chtnis hinterlassen. Und an ihm krampfte
+sich ihr Wille von neuem fest. Er darf mir nicht entweichen,
+war der letzte Schlu&szlig; des K&auml;mpfens und Gr&uuml;belns, und
+wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an
+ihnen, in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich
+bleibe an meinem Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis
+daf&uuml;r, da&szlig; ich mir und meinem Geschick treu war, so
+ist es sein Leben und sein Gewordensein.</p>
+
+<p>Ersch&uuml;ttert und noch ungewi&szlig;, l&ouml;ste sie sich aus dem gef&auml;hrlichen
+Netz. Das Erscheinen Finks d&uuml;nkte ihr wie der
+Anfang der Pr&uuml;fung und Erprobung. Sie zeigte Dietrich
+eine gleichm&auml;&szlig;ige Freundlichkeit auch dann, als er tage-,
+abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische Ermahnungen
+bewilligte sie seine erh&ouml;hten Geldforderungen.
+Sie vermied es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit
+und L&auml;ssigkeit in den kleinen Alltagsgesch&auml;ften vorzuwerfen.
+Sie h&ouml;rte ihm heiter zu, wenn er Heiteres berichtete; sie
+war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er schlechter Laune
+war. Nur ein einziges Mal erz&auml;hlte er von Hedwig Sch&ouml;nwieser;
+es war am Tag ihrer Ankunft. Sie sp&uuml;rte sogleich,
+da&szlig; etwas Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es
+auffallender von Tag zu Tag.</p>
+
+<p>Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus
+der L&auml;ssigkeit Vernachl&auml;ssigung. In den wenigen Stunden,
+die er daheim zubrachte, trieb es ihn von Zimmer zu Zimmer,
+vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum Fenster,
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequ&auml;lt von dem
+unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter
+wollte er sich rechtfertigen, klagte &uuml;ber Kopfschmerz, &uuml;ber
+die Hitze, &uuml;ber den starken Blumengeruch im Hause. Ohne
+beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er sah angestrengt aus,
+bisweilen verst&ouml;rt. Sein Auge hatte den aufrichtigen Kinderblick
+eingeb&uuml;&szlig;t, es senkte sich h&auml;ufig wie bei einem, den man
+auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen sp&auml;hte es
+dann.</p>
+
+<p>Bekannte sagten zu Dorine: &raquo;Was treibt der junge
+Mensch? Man sieht ihn nur noch in Gesellschaft dieses
+zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute, sehr zweifelhafte
+Leute; leben in Saus und Braus, genie&szlig;en &uuml;belsten Ruf.
+Kein Umgang, der sich f&uuml;r einen Oberlin schickt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Folge war, da&szlig; Dorine Haus und Garten nicht mehr
+verlie&szlig;, Besuche nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen
+alten Freund des Ratsherrn, Notar in Konstanz, Erkundigungen
+ein, und die Nachrichten stimmten sie ernst. Es war
+sogar das Ger&uuml;cht aufgetaucht, der junge Fink habe einem
+Gesch&auml;ftsfreund seines Vaters unter betr&uuml;gerischen Vorspiegelungen
+eine betr&auml;chtliche Geldsumme entlockt und nur
+mit vieler M&uuml;he und nach rascher Wiedergutmachung des
+Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das M&auml;dchen
+aber sei die Tochter eines Pf&ouml;rtners im Reichsmarineministerium
+und in einem Kaufhaus als Probiermamsell
+angestellt gewesen.</p>
+
+<p>Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten
+Flur, den gro&szlig;en Neufundl&auml;nder hinter sich,
+in dessen Begleitung sie ihre einsamen Spazierg&auml;nge zu
+machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem
+Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte
+sie. Er gehe in die Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>drinnen; man habe ihn eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt
+Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und die Braut. Pause.
+Ob er nicht telephonisch absagen m&ouml;chte und den Abend mit
+ihr verbringen? Sie w&uuml;nsche es heute. Er blickte verlegen,
+ja best&uuml;rzt. Es sei unm&ouml;glich. Unm&ouml;glich? Was f&uuml;r eine
+Wichtigkeit habe es denn? Keine besondere Wichtigkeit,
+aber es sei unm&ouml;glich. Wenn sie es aber ausdr&uuml;cklich verlange,
+wenn sie darauf bestehe? Der verlegen-weichende
+Blick begann im Raum zu schweifen. Unm&ouml;glich, er k&ouml;nne
+sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,
+Kameraden k&auml;men aus Hochlinden her&uuml;ber, Georg Mathys
+unter anderm, vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch,
+er habe telegraphiert, wie solle er sich da ausschlie&szlig;en ohne
+triftigen Grund? &raquo;Nun ja, wenn dem so ist&laquo;, sagte Dorine
+langsam. Die Mutter m&ouml;ge verzeihen, f&uuml;gte er hastig hinzu,
+aber er m&uuml;sse sich beeilen, der Dampfer fahre in f&uuml;nf Minuten.
+&raquo;Beeile dich nur,&laquo; antwortete sie gelassen, &raquo;es wird
+bald regnen, ein Gewitter h&auml;ngt am Himmel.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten
+nerv&ouml;s an der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die
+Bl&auml;sse der &Uuml;bern&auml;chtigkeit. Der Mund war unsch&ouml;n verzogen.
+Ein fremder junger Mensch, dachte sie.</p>
+
+<p>Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie
+nach dem Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem
+Schenkel rieb. Oben &ouml;ffnete sie das hohe Dielenfenster und
+beugte sich hinaus. Der schw&uuml;le Sturmwind zerzauste ihr
+Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke her&uuml;ber, die
+Bootsschraube durchw&uuml;hlte zornig das Wasser. Knarrend
+bogen sich die B&auml;ume und zeigten die bleiche Unterseite
+ihrer Bl&auml;tter, als entbl&ouml;&szlig;ten sie sich. Dorine schlo&szlig; die
+Augen. Der Hund stellte sich empor, legte die Tatzen auf
+das Fensterbrett und ber&uuml;hrte mit der Schnauze ihre Schulter.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich.
+Niemals im Leben hatte sie &auml;hnliches empfunden. Dieses
+&auml;tzende, giftige, entehrende Gef&uuml;hl, was war es? Es d&ouml;rrte
+den Hals aus, es schn&uuml;rte den Atem ab, es war wie eine
+Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.
+Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch
+schlafen k&ouml;nnte, ein Jahr lang schlafen. H&auml;tte man doch
+einen Freund, einen weisen Kenner der Dinge, einen liebenden
+Rater.</p>
+
+<p>Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein
+Glaube wankt; weil ein reines Bild beschmutzt wird; weil
+ein zugeh&ouml;riges Herz, aus dem Nest gesto&szlig;en, sich ans Nichtige
+und B&ouml;se verliert? Weil &uuml;ber ein geliebtes Antlitz der
+Schleim und Aussatz der L&uuml;ge kriecht? Jugendlicher Leichtsinn?
+Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die L&uuml;ge,
+so dumm, gedankenlos und sch&auml;big sie sich auch f&uuml;hrt, ihre
+widerw&auml;rtige Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu &uuml;berzeugen.
+L&uuml;ge stinkt, aber Augenschein war n&ouml;tig, damit man
+sie packen konnte.</p>
+
+<p>In den Z&uuml;gen war ein Ausdruck von K&auml;lte und Drohung,
+als sie das Fenster schlo&szlig;, in ihr Zimmer ging und dem M&auml;dchen
+l&auml;utete. Der Eintretenden befahl sie, bei dem benachbarten
+Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu bestellen; sie m&uuml;sse
+sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und im Seidenumhang
+&uuml;ber dem dunklen Stra&szlig;enkleid trat sie vors Gartentor,
+wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit
+Regen vermischt, trieben ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde
+sp&auml;ter stieg sie am Hotel aus. Sie ging durch die Halle
+und hierauf durch die uralten Kreuzbogengew&ouml;lbe, in denen
+&uuml;berall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen
+sa&szlig;en. Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich
+auf die stattliche, sch&ouml;nschreitende Frau. Sie suchte. Der
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>Hoteldirektor, der sie kannte, eilte ihr nach, um sich ehrerbietig
+nach ihrem Begehren zu erkundigen. Sie stellte eine
+Frage, er wollte sie f&uuml;hren, sie deutete mit einer Kopfbewegung
+an, da&szlig; ihr dies unerw&uuml;nscht sei, er wies nach einem
+zellenartigen Gela&szlig; am Ende eines gr&ouml;&szlig;eren Saales. Dort
+sa&szlig;en sie, Kurt Fink, das junge M&auml;dchen und Dietrich,
+dieser mit dem R&uuml;cken gegen den Eingang, das M&auml;dchen
+mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur
+f&uuml;r drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektk&uuml;bel;
+man war in munterm Gespr&auml;ch; die Stimme des
+M&auml;dchens war die herrschende; w&auml;hrend sie das Kelchglas
+in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte, erz&auml;hlte
+sie irgend etwas, wozu Fink h&auml;&szlig;lich lachte.</p>
+
+<p>Die Situation war derart, da&szlig; sich Dorine unauff&auml;llig
+fast bis an den Mauerbogen n&auml;hern konnte, der den Raum
+abschlo&szlig;, und die kurze Zeitspanne gen&uuml;gte ihr, um das
+M&auml;dchen ins Auge zu fassen, Gestalt und Gesicht. Sie
+tat es ohne ein &auml;u&szlig;eres Zeichen von Interesse. Der erste
+Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung,
+die allerdings nicht in der absichtsvoll modischen
+und reichen Toilette hervortrat. Die eigent&uuml;mlich
+w&auml;chserne Haut, das hektische Lippenrot, der umflorte, ja
+kahle Blick, die Stimme, die keine Begleitt&ouml;ne der Seele
+hatte, die harten, dringlichen Geb&auml;rden, die niedrig-sinnliche
+Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder K&ouml;rperlinie
+verriet und die fast nur Frauen, auch die keuschesten, an
+Frauen zu wittern verm&ouml;gen, das alles wirkte in hohem
+Grad absto&szlig;end auf Dorine.</p>
+
+<p>Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte
+gr&uuml;&szlig;en, war seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an,
+der drehte sich um, sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>Dorine nickte blo&szlig;. Als er einen Schritt auf sie zu machen
+wollte, f&uuml;gte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte
+sich. In tiefen Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder
+im Wagen Platz.</p>
+
+<p>In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen
+Sarg. Kein Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wu&szlig;te sie,
+war ihr versagt. Unertr&auml;glich langsam krochen die Stunden.</p>
+
+<p>Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hin&uuml;ber,
+machte Licht und fing an, auf und ab zu wandern,
+die Arme &uuml;ber der Brust verschr&auml;nkt, die Stirn verfaltet,
+aufrecht und kampfbereit.</p>
+
+<p>Man k&ouml;nnte auch dar&uuml;ber hinweggehen, dachte sie; aber
+dann w&auml;re man von anderer Zucht und aus anderm Holz.
+Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt, der kann auch die
+L&uuml;ge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund vorhanden,
+da&szlig; ich die Ware, die ich teuer erworben habe,
+billig hergeben soll. Will mir einer den Abla&szlig; predigen,
+so h&uuml;te er sich, mir Herzenstaubheit f&uuml;r l&auml;&szlig;liche S&uuml;nde
+aufzureden. Was f&uuml;r eine Welt w&auml;re das denn. Eher mit
+aller Liebe zuschanden werden, als sie in der Bequemlichkeit
+nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem
+Stoff, der im Gewebe rei&szlig;t, sobald ich ihn benutzen will?
+Was tu ich mit einem Sohn, der l&uuml;gt? Freilich straft sichs
+nicht von innen aus, ist Hopfen und Malz sowieso verloren.
+O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich mit einem Sohn,
+der l&uuml;gt!</p>
+
+<p>Sie pre&szlig;te die H&auml;nde an die Wangen und schaute verzweifelt
+empor. Nach einer Weile blieb sie am Schreibtisch
+stehen, &ouml;ffnete die Mappe und sah den Brief an Lucian
+noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein Wort war
+mehr hinzugef&uuml;gt. Dies erf&uuml;llte sie, kaum wu&szlig;te sie warum,
+mit schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftz&uuml;ge lange
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>betrachtet hatte, schlo&szlig; sie die Mappe wieder und setzte ihre
+Wanderung fort.</p>
+
+<p>Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Ger&auml;usch
+von Schritten auf dem Kies, des Schl&uuml;ssels im Tor,
+von Schritten auf der Treppe. Er trat ein. Er verharrte
+neben der T&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist noch auf, Mutter&nbsp;...&laquo; klang es halb trotzig,
+halb beklommen.</p>
+
+<p>Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa
+gesetzt und blickte vor sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich belogen,&laquo; begann er wieder, in demselben
+Ton; &raquo;ich wei&szlig; keine Entschuldigung daf&uuml;r, aber ich bitte
+dich, es zu vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Dorine sagte kalt: &raquo;Einem &Uuml;berf&uuml;hrten bleibt nicht viel
+anderes &uuml;brig, als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf
+dein Gest&auml;ndnis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>Sie erwiderte: &raquo;Ich w&uuml;nsche keine Er&ouml;rterung dar&uuml;ber.
+Weshalb ich dann hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen.
+Ich habe dich gesucht. Denn der, der dort beim Sekt gesessen
+ist, das warst du nicht. Und der, der jetzt vor mir steht,
+das bist du nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich fl&uuml;sterte: &raquo;Mutter, du tust mir Unrecht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte geringsch&auml;tzig die Achseln.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich brach er aus: &raquo;Du glaubst doch nicht am Ende,
+da&szlig; ich mir aus der Person etwas mache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus welcher Person?&laquo; fragte sie fremd und mit Hoheit.</p>
+
+<p>Die H&auml;nde bittend hingestreckt, wie au&szlig;er sich, mit einem
+Mund, der wie zerrissen aussah, trat er auf sie zu und
+wiederholte: &raquo;Da&szlig; ich mir aus der Person nur im allermindesten
+etwas mache, wirst du, Mutter, doch nicht
+glauben?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit
+ebensolcher Hoheit: &raquo;Ich wei&szlig; nicht, von welcher Person
+du sprichst. Redest du von der jungen Dame, von der du
+mir gesagt hast, da&szlig; sie die Verlobte deines Freundes ist?
+Wie w&auml;re das denn auch m&ouml;glich? Dann w&uuml;rdest du dich
+ja noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein
+scheint.&laquo; Sie ma&szlig; ihn von oben bis unten. &raquo;Nein, Dietrich,
+das bist du nicht. Aber bilde dir nicht ein, da&szlig; ich schon verzichte,&laquo;
+f&uuml;gte sie mit r&auml;tselhaft finsterem L&auml;cheln hinzu;
+&raquo;ich will und mu&szlig; dich wieder haben.&laquo;</p>
+
+<p>Damit verlie&szlig; sie das Zimmer.</p>
+
+<p>Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub
+sie sich f&ouml;rmlich in ihrem einsamen Hause, f&uuml;nf Tage
+lang.</p>
+
+
+<h3>Pygmalion</h3>
+
+<p class="newchapter">Da ihm ein schlimmes Gef&uuml;hl von der Szene mit Hedwig
+Sch&ouml;nwieser geblieben war, machte sich Dietrich am andern
+Tag ziemlich fr&uuml;h schon auf, sie zu besuchen und wenn auch
+nicht abzubitten, so doch um Finks willen, den er beleidigt
+glaubte, eine Vers&ouml;hnung herbeizuf&uuml;hren. Aber alles, was
+er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise.
+Die peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
+friedlose Sinnen und Hinst&uuml;rmen verd&uuml;sterte
+nachgerade sein Gem&uuml;t.</p>
+
+<p>Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er
+lie&szlig; sagen, er sei da und warte. Fink schickte Botschaft, er
+m&ouml;ge hinaufkommen. Es war nicht die Rede von dem
+gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt besch&auml;ftigt,
+seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>das ihn nach M&uuml;nchen rief, erz&auml;hlte er. Hedwig bleibe hier,
+wie lang es dauern werde, bis er sie abholen k&ouml;nne, wisse er
+noch nicht. Sie wolle nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu
+ungem&uuml;tlich; das verstehe er; sie wolle nach Mannenbach
+hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der N&auml;he der Villa Oberlin;
+das Haus und seine Lage &uuml;berm See h&auml;tten ihr gefallen.
+&raquo;Weiber lieben es, sich zu ver&auml;ndern&laquo;, sagte Fink, der hemd&auml;rmlig
+hin und her rannte und was ihm gerade zwischen
+die Finger kam, in den Koffer warf; &raquo;du wirst dich hoffentlich
+ein bi&szlig;chen um sie k&uuml;mmern, Oberlin. Ich verlasse
+mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du
+ja nicht machen, dazu bist du zu fischbl&uuml;tig und nat&uuml;rlich
+auch zu anst&auml;ndig. Und sie, wenn sie blo&szlig; ihre Ration Am&uuml;sement
+hat, l&auml;&szlig;t sie sich um den Finger wickeln. Versprichst
+du mir, da&szlig; du dich ihrer annehmen wirst, Oberlin?&laquo; Er
+blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide H&auml;nde auf die
+Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
+verhehlter Pfiffigkeit an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nicht der Richtige f&uuml;r ein solches Amt&laquo;, erwiderte
+Dietrich ausweichend. Es war ihm ein &auml;rgerlicher
+Gedanke, da&szlig; das M&auml;dchen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft
+wohnen sollte, und es schien ihm etwas wie Bosheit
+in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit abgesehen.</p>
+
+<p>Fink lie&szlig; sein schepperndes Lachen h&ouml;ren. &raquo;Du, Hedwig,&laquo;
+schrie er auf einmal durch die T&uuml;r, &raquo;Oberlin kann sich gar
+nicht fassen vor Wonne &uuml;ber deine Idee mit dem Pfauenhof.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich sagte durch die Z&auml;hne: &raquo;F&uuml;hlst du denn nicht,
+wie taktlos und wie geistlos du bist?&laquo;</p>
+
+<p>Fink zog die Brauen in die H&ouml;he, und in seinem Gesicht
+ging eine h&auml;&szlig;liche Ver&auml;nderung vor. Er antwortete giftig:
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>&raquo;Sag mir, warum du dich eigentlich so aufplusterst? Wof&uuml;r
+h&auml;ltst du dich eigentlich? H&auml;ltst du dich etwa f&uuml;r einen Edelmann?
+Wie viel Stockwerke &uuml;ber uns ist Euer Erlaucht geboren?
+Aber ohne Spa&szlig;, Oberlin, und auch ohne Groll,
+sag mir: was bist du f&uuml;r ein Mensch? Wir haben jetzt
+wochenlang wie zwei Kameraden verkehrt, du warst mein
+Gast, ich der deine, aber ich wei&szlig; wahrhaftig nicht, was du
+f&uuml;r ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein Narr? Ein
+Schw&auml;chling oder ein Verr&auml;ter? M&ouml;cht es gerne wissen.
+Nur damit man sich danach richten kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; entgegnete Dietrich langsam, &raquo;ich glaube,
+da&szlig; wir zwei beide nichts miteinander zu schaffen haben
+sollten. Ich glaube, da&szlig; jeder von uns beiden durch den
+anderen schlechter wird. Ob ich ein Schw&auml;chling oder ein
+Verr&auml;ter bin? fragst du. Beides. Ein Verr&auml;ter, weil ich
+dich trotz unserer Intimit&auml;t mit allen meinen Gedanken
+verabscheue und immer verabscheut habe, und ein Schw&auml;chling,
+weil ich zu feige und zu ehrlos war, daraus die Konsequenz
+zu ziehen. Somit wei&szlig;t du es und darfst mich
+ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
+selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir
+nicht erkl&auml;ren, aber ich versichere dir, da&szlig; ich es ganz gerechtfertigt
+finde und da&szlig; ich mich nicht einmal wehren w&uuml;rde,
+wenn mir irgend ein Mensch auf der Stra&szlig;e ins Gesicht
+spucken w&uuml;rde. K&ouml;nnte mir nur einer sagen, was ich tun soll.&laquo;</p>
+
+<p>Fink hatte sich verf&auml;rbt. In seinen Augen flimmerte Wut.
+Aber es lag in Dietrichs Worten solche Seelenqual, da&szlig;
+er sein Aufbrausen zur&uuml;ckhielt und in wegwerfendem Ton
+sagte: &raquo;Du bist einfach nicht zurechnungsf&auml;hig. Sonst
+h&auml;ttest du mir einzustehen f&uuml;r dein windiges Gerede. Ich
+halte dich f&uuml;r krank. Was du tun sollst? Na sch&ouml;n, wenn
+du einen freundschaftlichen Rat h&ouml;ren willst, so leg den
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Keuschheitsg&uuml;rtel ab. Such dir eine barmherzige Fee, die
+den Schl&uuml;ssel dazu verwahrt. Wir sind allesamt eines Fleisches,
+Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem wird
+das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
+&Uuml;berheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben
+sie sich dem l&uuml;sternsten von allen Teufeln verschrieben
+und verkohlen innerlich wie die Sp&auml;ne in einem Meiler.
+Folge mir und geh zu einem Weib.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ists nicht,&laquo; murmelte Dietrich; &raquo;nein. So simpel
+ist es nicht. Da bist du auf dem Holzweg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ists denn? Geh&ouml;rst du zu denen vielleicht, die das
+Ideal f&uuml;r sich verlangen?&laquo; h&ouml;hnte Fink, der aus einem unklaren
+Grund wieder in Wut geriet; &raquo;schlechtweg und ohne
+Rabatt das Ideal? die Madonna? die Jungfrau mit dem
+Glorienschein? M&ouml;chtest du Pygmalion spielen, he? den
+Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe?
+So siehste aus, Jungchen. Das gibt nen h&ouml;llischen Kladderadatsch,
+sag ich dir; da h&auml;ng dich nur lieber gleich am
+n&auml;chsten Baume auf.&laquo;</p>
+
+<p>Die T&uuml;r zum Nebenzimmer &ouml;ffnete sich, und auf die
+Schwelle trat Hedwig Sch&ouml;nwieser, mit nichts bekleidet
+als einem lilaseidenen &Uuml;berwurf, durch den die Formen ihres
+stengelschlanken K&ouml;rpers wie durch gef&auml;rbtes Glas sichtbar
+waren. Die feuerroten Haare hingen aufgel&ouml;st &uuml;ber die
+Schultern bis zu den H&uuml;ften herab. Mit beiden gekreuzten
+H&auml;nden hielt sie das Gewand vor der Brust zusammen,
+sch&uuml;ttelte den Kopf und fragte unzufrieden: &raquo;Was zankt
+ihr euch denn, ihr zwei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert&laquo;,
+brummte Fink verdrossen.</p>
+
+<p>Hedwig trippelte nacktf&uuml;&szlig;ig bis dicht vor Dietrich hin,
+beugte Kopf und Hals vor und sagte: &raquo;Wirst du nett sein
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>mit der kleinen neuen Freundin, keuscher Oberlin? Wirst
+du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten schenken
+und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen?
+Oder wirst du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen
+wollen?&laquo;</p>
+
+<p>Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und
+haupts&auml;chlich nicht ohne Gutm&uuml;tigkeit, die Dietrich beinahe
+entwaffnete und ihn seinen Widerwillen vergessen lie&szlig;.
+Aber die N&auml;he ihres kaum verh&uuml;llten Leibes bewirkte, da&szlig;
+er dar&uuml;ber wegh&ouml;rte und es sich wie Gew&ouml;lk um seine Lider
+legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte
+ihn; er wich zur&uuml;ck, einen Schritt und noch einen, Hedwig
+folgte ihm und brach in Gel&auml;chter aus, und w&auml;hrend sie
+lachte, ob es unabsichtlich oder in dirnenhafter Berechnung
+geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie den &Uuml;berwurf
+auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren K&ouml;rper
+nackt, porzellanwei&szlig; fast; wie eine wei&szlig;e Flamme kam es
+ihm vor.</p>
+
+<p>Lachend und sich sch&uuml;ttelnd kehrte sie sich ab und ging
+in ihr Zimmer zur&uuml;ck; auch Fink lachte aus vollem Halse.</p>
+
+<p>&raquo;Adieu, Fink&laquo;, sagte Dietrich gepre&szlig;t und st&uuml;rzte zur T&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Adieu, Pygmalion&laquo;, rief ihm Fink lachend nach.</p>
+
+<p>Er ging zu Fu&szlig; nach Hause. So wenig achtete er auf den
+Weg und die Menschen, da&szlig; er sich einmal vor einem Auto
+stehend fand, das der greulich schimpfende Chauffeur in der
+letzten Sekunde noch anzuhalten vermocht hatte, das andere
+Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder umstie&szlig;. Als
+er beim Pfauenhof vor&uuml;berkam, blieb er unwillk&uuml;rlich
+stehen. Das Geb&auml;ude lag in halber H&ouml;he des Hangs;
+der h&ouml;lzerne Giebel eines langgestreckten Pavillons war
+von einer Girlande aus Tannenzweigen umwunden, und
+darunter prangte in roten Lettern auf wei&szlig;er Tafel die
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Ank&uuml;ndigung: Morgen Abend findet gro&szlig;e Tanzunterhaltung
+statt.</p>
+
+<p>Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las
+ihn ohne Anteil. &raquo;Ich habe erst jetzt eine ann&auml;hernde Vorstellung
+davon gewonnen, wie viel Arbeit auf uns junge
+Leute wartet&laquo;, schrieb der Hemmschuh unter anderm. &raquo;Vor
+allem ist mir klar geworden, da&szlig; wir uns entschlossen ins
+Verh&auml;ltnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt
+eine gewisse H&auml;rte und eine gewisse K&auml;lte, und allerdings
+um die geht es. Vergangene Epochen haben mit Vorliebe
+das Abseitige und Irreale bewundert und gehegt, wenigstens
+platonisch; sie haben zum Beispiel den Tr&auml;umer, oder
+besser gesagt, den Traumbef&auml;higten auf ein Piedestal gehoben.
+Mich d&uuml;nkt, da&szlig; das f&uuml;r lange vorbei ist. Ich meine damit
+nicht, da&szlig; der Traum aus der Welt geschafft sei oder der
+Tr&auml;umer ausgerottet werden soll; ich bin sogar der Ansicht,
+da&szlig; es etwas gibt, was ich die Erziehung durch den Traum
+nennen m&ouml;chte, das so tief und hintergr&uuml;ndig ist wie die
+geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken,
+aber die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur
+entstehen kann. Wir werden unsere H&auml;nde r&uuml;hren m&uuml;ssen,
+Oberlin. Sieh zu, da&szlig; du in deiner Weise vom Fleck kommst.
+Neulich ging ich durch den Wald, und da hatten sie einen
+mehr als tausendj&auml;hrigen Baum umges&auml;gt. Herrgott, dacht
+ich mir, mein Leben und das von f&uuml;nfzig meiner Kameraden
+da hinein, und es ist noch immer nicht dieses wunderbar und
+ungeheuer Verdichtete an Kraft, an Wuchtigkeit und an
+Bedeutung f&uuml;r das Ganze&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite:
+ich werde es sp&auml;ter zu verstehen suchen.</p>
+
+<p>Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf?
+dachte er feindselig. Warum fordern sie, da&szlig; man gerade
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>so und so sein soll? wenn man nun anders ist und mit dem
+Anderssein zu existieren hat? Ist man dann ausgesto&szlig;en
+aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr
+in Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist
+das: das wirkliche Leben? was ist das: der Traum? Wer
+entscheidet: dies ist wirklich, dies ist unwirklich? Wer
+verwirft? wer verdammt? wer h&auml;lt Gericht? Die Zeit?
+Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich
+nicht, sie liebt mich nicht, ich sp&uuml;r sie nicht, was soll sie mir?</p>
+
+<p>So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut.
+Der Abend tr&ouml;stete nicht, gab nichts. In der Nacht lag er
+auf dem Marmorrondell beim Springbrunnen und lauschte
+auf das Rieseln des Wassers. Der gro&szlig;e Hund kauerte zu
+seinen F&uuml;&szlig;en, &uuml;ber ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
+Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor,
+als seien seine Adern in Gold verwandelt und die Glieder
+verwunschen. Die Welt war ausgetilgt und ihr S&uuml;&szlig;es
+und Bitteres ganz in ihn hineingeschl&uuml;pft wie in einen Fruchtkern.
+Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
+banges Glosen in einem brausenden Element. Als der
+erste Tagschein rosig-k&uuml;hl aufschimmerte, erhob er sich, ging
+ins Haus, warf sich ins Bett wie in einen Abgrund und
+schlief steinern bis zum Mittag.</p>
+
+<p>Gegen sechs Uhr am Nachmittag sa&szlig; er in dem kleinen
+Bibliotheksraum am Schreibtisch und versuchte seine Gedanken
+zu einem Brief an Mathys zu sammeln, als sich
+leise die T&uuml;r &ouml;ffnete und Hedwig Sch&ouml;nwieser eintrat,
+l&auml;chelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den
+Kopf hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte
+sie es sehr eilig gehabt, die T&uuml;r wieder zu schlie&szlig;en. &raquo;Es
+hat mich niemand gesehen,&laquo; fl&uuml;sterte sie; &raquo;ich bin die Stiege
+herauf und habe mindestens schon in drei Zimmern nachgeschaut.
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>Na, und da bist du ja endlich, kleiner Oberlin.
+Ich dachte schon, du w&auml;rst &uuml;ber alle Berge.&laquo;</p>
+
+<p>Sie trug ein wei&szlig;es Leinenkleid mit schmalen blauen
+Litzen; der Strohhut hing am Band an ihrem Arm. Sie
+schien sehr aufger&auml;umt, hatte die &raquo;diebische Lustigkeit&laquo; an
+sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und bewegte sich mit
+einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als w&auml;ren unbequeme
+Fesseln von ihr genommen.</p>
+
+<p>Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war
+aufgestanden, hatte sie angesehen, best&uuml;rzt, d&uuml;ster, beinahe
+hilflos, hatte sich wieder gesetzt, und sein Herz h&auml;mmerte
+tobend.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist dir wohl nicht recht, da&szlig; ich da bin?&laquo; fragte sie
+gekr&auml;nkt.</p>
+
+<p>Er stammelte etwas und gab sich M&uuml;he, zu l&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich
+wollte nur zu einem Menschen gehn&laquo;, sagte sie seltsam und
+setzte sich auf ein niedriges B&auml;nkchen am Fenster.</p>
+
+<p>&raquo;Wie schw&uuml;l es heute ist,&laquo; seufzte sie; &raquo;das Blut gerinnt
+einem vor Schw&uuml;le.&laquo;</p>
+
+<p>Und wieder: &raquo;Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof.
+Da m&ouml;cht ich tanzen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute
+ihn eine ganze Weile ruhig und forschend an. Er hatte die
+Augen gesenkt und sein Gesicht wurde allm&auml;hlich bleicher
+und immer bleicher. Sein Schweigen schien sie nicht zu
+st&ouml;ren, es war, als finde sie es selbstverst&auml;ndlich, und wie
+sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
+Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender.
+Sie umschr&auml;nkte die Knie mit den H&auml;nden, entstraffte
+die Muskeln des K&ouml;rpers, und auf ihren Lippen war der
+Ausdruck von Durst. &raquo;Hast du einen Brief geschrieben?&laquo;
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>fragte sie. &raquo;Zeig mir, was hast du geschrieben?&laquo; Sie erhob
+sich, trat an seine Seite, beugte sich &uuml;ber den Tisch und lachte.
+&raquo;Aber da steht ja nichts!&laquo; rief sie.</p>
+
+<p>Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und dr&uuml;ckte
+die Wange auf sein Haar. In einer Mischung von Grauen,
+Schrecken, angstvoll l&auml;hmender Erregung und Bewu&szlig;tlosigkeit
+verschwammen Dietrich alle Dinge ringsherum.
+Der Zustand eines tr&uuml;ben Halbgef&uuml;hls von Geschehen und
+Sein war von dieser Minute an der herrschende in ihm.
+Ich mu&szlig; sie erw&uuml;rgen, fuhr es ihm wie kalter Stahl durch
+den Kopf, ich mu&szlig; sie unbedingt erw&uuml;rgen; zugleich erzitterte
+er in einer schwindelnden, erstickenden, geha&szlig;ten, h&auml;&szlig;lichen
+Begehrlichkeit.</p>
+
+<p>Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht,
+zur&uuml;ckgesto&szlig;en zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift
+und schrieb auf das leere Blatt: Ich erwarte dich punkt
+neun Uhr bei der Kapelle.</p>
+
+<p>Sie sah ihn fragend an, stie&szlig; einen Vogellaut aus, dr&uuml;ckte
+seinen Kopf an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt
+kommen?</p>
+
+<p>Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm v&ouml;llig
+unbekannten Stimme: &raquo;Ich werde kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sicher?&laquo; jubelte sie leise.</p>
+
+<p>&raquo;Sicher.&laquo;</p>
+
+<p>Ein gehauchter Ruf von den Lippen des M&auml;dchens; sie
+richtete sich empor, Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin
+stand im Zimmer. Im Reiseanzug stand sie da, den Blick
+wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die beiden waren,
+mit den Z&auml;hnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
+etwas Gr&uuml;blerisches gab, und scheinbar gleichm&uuml;tig die Handschuhe
+von den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem
+Blatt, auf das Hedwig ihre gro&szlig;en Buchstaben geschrieben,
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>zerkn&uuml;llte es krampfhaft in der Faust und w&uuml;nschte,
+da&szlig; es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn ihm war,
+als dr&auml;ngen die Blicke der Mutter durch seine Hand und
+k&ouml;nnten die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit,
+sich scheu duckend unter den Augen dieser Frau, die sie als
+Luft behandelten, wu&szlig;te nicht recht, was sie tun sollte, endlich
+fa&szlig;te sie einen Entschlu&szlig;, ging mit einem hastigen Knix
+an Dorine vor&uuml;ber und huschte hinaus, was Dietrich ungeachtet
+seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.</p>
+
+<p>Auch das Verschwinden des M&auml;dchens schien Dorine
+nicht zu bemerken. Sie legte den Hut mit dem langen
+Schleier ab und ging l&auml;ssig hin und her. Sie erz&auml;hlte von
+der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
+Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise
+am Bahnhof gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen
+keine Notiz genommen, schien ihr auch Dietrichs Stummheit
+nicht aufzufallen, seine Bl&auml;sse und beengte Haltung
+nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen,
+bat sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments
+anzufertigen, das sie aus ihrem T&auml;schchen nahm und ihm
+reichte. Es war ein Gerichtsbeschlu&szlig; &uuml;ber die Vormundschaft
+und &uuml;ber den Nachla&szlig; des Ratsherrn, gespickt mit
+Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte Beflissenheit;
+er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
+Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine
+begriff er, und es beunruhigte ihn fieberhaft, da&szlig; ihn die
+Mutter hier festhalten wollte, da&szlig; sie sein Vorhaben ahnte
+und nach einem bestimmten Plan handelte.</p>
+
+<p>Nach einer halben Stunde kam sie wieder, r&uuml;ckte den
+Ledersessel ans Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen
+Werke und begann zu lesen. Bis zum
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen; nur einmal
+sagte sie: &raquo;Ich habe angeordnet, da&szlig; wir heute in diesem
+Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten
+im Saal.&laquo;</p>
+
+<p>Dann erschien das M&auml;dchen, r&auml;umte die B&uuml;cher und
+Zeitschriften vom Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen
+hatte Dietrich die Kopie beendigt; man setzte sich
+zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr; es war zehn
+Minuten nach acht. Er ber&uuml;hrte die Speisen kaum; fortw&auml;hrend
+h&auml;mmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr
+f&uuml;nf Minuten nach halb neun war, erhob er sich und
+sagte, er gehe jetzt.</p>
+
+<p>Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein
+Gesicht. Mit einem sonderbar heitern Ausdruck, indem sie
+sich vorbeugte und die H&auml;nde flach auf das Tischtuch legte,
+sagte sie: &raquo;Du bleibst.&laquo;</p>
+
+<p>Er erbebte. Sehr leise antwortete er: &raquo;Es w&auml;re besser,
+du w&uuml;rdest das nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich,
+da&szlig; ich in diesem Fall nicht gehorchen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht
+verschwand, schob sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch
+die Z&uuml;ge etwas Unerbittliches, ja Wildes bekamen,
+das Dietrich neu war. &raquo;Du bleibst&laquo;, wiederholte sie. Auch
+sie fl&uuml;sterte blo&szlig;. &raquo;Du bleibst in diesem Zimmer, bis ich es
+f&uuml;r gut finde, dich zu entlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es tut mir leid, Mutter,&laquo; antwortete er mit der Impertinenz,
+die ein Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms
+war, &raquo;ich bin dein Sklave nicht, ich habe mich verpflichtet.&laquo;
+Damit ging er zur T&uuml;r.</p>
+
+<p>Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich
+mit dem R&uuml;cken zur T&uuml;r, streckte gebieterisch den Arm aus
+und rief, totenfahl. &raquo;Keinen Schritt mehr und kein Wort
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave oder nicht, verpflichtet
+oder nicht, durch die T&uuml;r gehst du mir nicht. Aus
+dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein
+Wort!&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. &raquo;Gib den
+Weg frei,&laquo; r&ouml;chelte er; &raquo;Mutter, gib den Weg frei, oder
+beim allm&auml;chtigen Gott, es geschieht etwas&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bleibst&laquo;, rang sichs als Wehschrei von ihren wei&szlig;en
+Lippen, denn das Gr&auml;&szlig;liche war ihr schon geschehen, eh es
+geschah.</p>
+
+<p>Im Qualm seiner Raserei st&uuml;rzte er zum Tisch, ergriff
+das silberne Vorschneidemesser und wandte sich wider sie.
+Seine Lippen sprudelten sinnlose Laute. Er schleuderte das
+Messer zu Boden, hob die Arme, umklammerte mit den
+H&auml;nden ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit entleerten
+Augen an; der K&ouml;rper glitt am T&uuml;rrahmen herab und brach
+zusammen, wie wenn die Knochen geborsten w&auml;ren. Er
+h&ouml;rte noch, vom Flur drau&szlig;en, ein langgedehntes Aufseufzen.
+Dann rannte er die Stiege hinunter, aus dem Haus,
+aus dem Garten, die Stra&szlig;e entlang, den Hang hinauf,
+wie von F&auml;usten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.</p>
+
+<p>Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von
+der Ermatinger Kirche.</p>
+
+<p>Er stand da in der Nacht, steif und still, und lie&szlig; sein
+Keuchen verebben.</p>
+
+<p>Schwarze Wolken, wie Kl&ouml;tze, hingen tief. Vom Pfauenhof
+herauf klang widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt.
+Er sp&auml;hte nach den schimmernden Schatten. Keine
+Begierde war je so &uuml;bergewaltig in seiner Seele gewesen,
+so flehend und alle H&uuml;llen zersprengend wie die, da&szlig; sie
+jetzt kommen m&ouml;ge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute
+des reifen Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>rei&szlig;en und das Herz in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott,
+bettelte es in ihm, nur das nicht, da&szlig; sie jetzt nicht kommt!</p>
+
+<p>Aber die Minute verflo&szlig;, und dann die andern Minuten;
+und die Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden:
+kein Ger&auml;usch, kein Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht.
+Er irrte am Waldesrand; sein Auge durchbohrte die Finsternis
+links und rechts, oben und unten; sie kam nicht. Da
+d&uuml;nkte ihn, er werde aus einem kochend hei&szlig;en Raum pl&ouml;tzlich
+in einen eisigen gesto&szlig;en. Da verdarben Blut und Hirn;
+da starben Stimmen in ihm und Geister; da &uuml;berflutete ihn
+ein uns&auml;gliches Gef&uuml;hl von Wesenlosigkeit. Noch irrte er
+herum, noch wartete er; aber das war schon Schw&auml;che,
+traurige, geschlagene Geduld.</p>
+
+<p>Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er
+nahm es nicht wahr. Taumelnd verfolgte er den Weg hangabw&auml;rts.
+Unweit irisierten die Lichter vom Pavillon des
+Pfauenhofs. Er steckte die nassen H&auml;nde in die Taschen
+und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war
+die Musik, der er sich n&auml;herte. Schon unterschied er die tanzenden
+Paare einzeln. Er wu&szlig;te, da&szlig; auch sie drinnen tanzte.
+Dann sah er es.</p>
+
+<p>Er gewahrte sie am Arm eines st&auml;mmigen Menschen, der
+eine Brille trug und in angestrengter Weise den Kopf zur&uuml;ckgeworfen
+hatte, wobei seine Miene befehlend und hochm&uuml;tig
+war. Das Gesicht des M&auml;dchens hatte einen schw&auml;rmerischen
+Ausdruck, bisweilen schlo&szlig; sie sogar selbstvergessen
+die Augen. Er sah es genau, w&auml;hrend sie an der offenen
+Br&uuml;stung vor&uuml;bertanzte, um hierauf wieder im Gew&uuml;hl
+dahinter unterzutauchen.</p>
+
+<p>Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder
+Zorn noch Scham noch Verwunderung noch sonst eine Erregung.
+Es war ein fertiggelebtes St&uuml;ck Leben, das seinen
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man mit
+dem machen sollte, das weiterging, und ob es &uuml;berhaupt
+m&ouml;glich war, sich mit ihm abzufinden.</p>
+
+<p>Er &uuml;berquerte die Landstra&szlig;e und kam an den See. Sich
+auf das Gel&auml;nder lehnend, h&ouml;rte er zu, wie der Regen aufs
+Wasser pl&auml;tscherte, wie kleine Wellen lallend ans Ufer
+stie&szlig;en, und schauerte in der N&auml;sse seiner Kleider, von
+denen B&auml;che herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert
+schlich er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der
+Villa, stand unschl&uuml;ssig, ging hinein, ging ins Haus,
+sch&uuml;ttelte sich im Flur, da&szlig; es spritzte, ging im Finstern die
+Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer, das
+er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen
+hatte, schlo&szlig; leise die T&uuml;r, als er drinnen war, dr&uuml;ckte die
+Stirn an die Wand und begann unaufhaltsam still zu
+weinen.</p>
+
+<p>Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine
+schmerzliche, und dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft
+mit dem n&auml;chtlichen Sommerregen drau&szlig;en,
+der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schw&uuml;le die
+Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt
+hatte. Als er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit
+gew&ouml;hnten Augen eine Gestalt, die regungslos am
+Fenster sa&szlig;, den Kopf auf den Arm gest&uuml;tzt. Sonst war
+nichts zu unterscheiden.</p>
+
+<p>Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung
+und Erinnerung. Die Gestalt erhob sich. Er st&uuml;rzte auf
+die Knie und umschlang ihre Knie mit seinen Armen. Er
+pre&szlig;te sein Gesicht in den Scho&szlig;, aus dem er stammte; er
+pre&szlig;te es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zur&uuml;ckkehren.
+Er sprach nicht, r&uuml;hrte sich nicht, auch das Weinen
+war ihm vergangen. Er pre&szlig;te nur, angstvoll &uuml;ber die
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Ma&szlig;en, Kind, Sohn, Mann in einem, den Kopf in ihren
+Scho&szlig;.</p>
+
+<p>Da legten sich zwei H&auml;nde auf seine Haare, deren N&auml;sse
+von stundenlangem Ausgesetztsein zeugte. Die H&auml;nde blieben
+liegen. Sie hatten eine begl&uuml;ckende Schwere f&uuml;r Dietrich.
+Er l&ouml;ste das Gesicht aus der dunkelwarmen Kleidh&uuml;lle
+und schaute sch&uuml;chtern empor. Es zeichnete sich, &uuml;ber dem
+Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich wahrnehmbar,
+so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verhei&szlig;end,
+so rein, so liebreich, da&szlig; wie von aufgebrochener Quelle her
+freudige Zuversicht &uuml;ber ihn str&ouml;mte.</p>
+
+<p>Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses
+Wesen? wie es herausmei&szlig;eln aus dem Traum?</p>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Die_dritte_Stufe" id="Die_dritte_Stufe"></a>Die dritte Stufe</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a></p>
+
+
+<h3>Begegnung am Ufer</h3>
+
+<p class="newchapter">Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den
+zwanzigsten September, Georg Mathys von Basel her&uuml;ber,
+Justus Richter aus Tirol, wo er mit seinen Eltern
+gewesen war, beide an demselben Tag.</p>
+
+<p>Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist.
+Dietrich allein zu lassen, war ihr von einer Stunde zur n&auml;chsten
+wichtig geworden; pl&ouml;tzlich erkannte sie, da&szlig; Sammlung
+und Reifung f&uuml;r ihn auf dem Spiel stand und leidenschaftlich
+Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
+L&auml;uterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen
+Geschehnissen hatte diese Wirkung nicht gehabt;
+fast zu sp&auml;t begriff sie die Gefahr, die darin liegt, von der
+Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern im
+n&uuml;chtern-allt&auml;glichen Ablauf.</p>
+
+<p>Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig
+ans Ende. Der Plan war, &uuml;berhaupt nicht zur&uuml;ckzukehren,
+Herbst und Winter bei den Geschwistern in
+S&uuml;ddeutschland zu verbringen und f&uuml;r Dietrich alles so
+zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
+da&szlig; ihre pers&ouml;nliche Anwesenheit entbehrlich wurde.
+Brauchte er sie, rief er sie ausdr&uuml;cklich, dann wollte sie kommen,
+sonst mochte er, uneingestandener Neigung gehorchend,
+das Leben zun&auml;chst auf eigene Verantwortung f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Einen solchen Entschlu&szlig; zu fassen und demgem&auml;&szlig; zu
+handeln, verlangte ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge,
+<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>Bereitschaft zu einem Verzicht &uuml;berdies, den zu
+leisten einen Monat vorher sie nicht f&auml;hig gewesen w&auml;re.
+Dietrich wu&szlig;te es nicht, sollte es auch erst erfahren, wenn
+er in freier Verf&uuml;gung die Anstalten getroffen, die er f&uuml;r
+f&ouml;rderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere
+Gelassenheit gezeigt, die ihn so oft entz&uuml;ckte, ohne da&szlig; er
+ahnte, wie sehr sie erzogen und errungen war.</p>
+
+<p>Die Tage dann, in denen er sich v&ouml;llig geh&ouml;rte, kein Zwang
+zu vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete,
+hatten eine F&uuml;lle und &Uuml;berf&uuml;lle, die er freudig verausgabte
+bis zum Abend und die am Morgen wunderbar erneuert
+war, als seien Schlaf und Traum unersch&ouml;pfliche Beh&auml;ltnisse
+daf&uuml;r. Man durfte verschwenden und wurde nicht
+vermahnt; eben das ma&szlig;lose Sichent&auml;u&szlig;ern war ja der
+Besitz. Regel war ausgel&ouml;scht, Gebieten verstummt; er
+liebte sich mit jedem Atemzug ins Innerste der Dinge hinein
+und ins Kleinste, in den Grashalm und ins Sandkorn, in
+die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
+von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt
+oder gewebt, erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick
+ein Inwendig-Inniges, ein Ich; wie seltsam, zu sagen: ich;
+im n&auml;chsten ein Zeichen von gestern oder f&uuml;r morgen. Bisweilen,
+wenn er in anscheinender Zerstreutheit Gleichg&uuml;ltiges
+tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
+Gru&szlig; von dir; als stehe einer dr&uuml;ben in der Ecke, drau&szlig;en
+am Zaun und nicke ihm zu. Oberlin l&auml;&szlig;t dich gr&uuml;&szlig;en!
+Doch Oberlin war ja hier, tuend, sagend, fragend, in einer
+bebenden unzerst&uuml;ckten Erwartung.</p>
+
+<p>Als die Freunde eingetroffen waren und er f&uuml;r ihre behagliche
+Unterbringung gesorgt hatte, entstanden h&auml;ufig
+Momente der Verlegenheit. War er durch Ersch&uuml;tterungen
+mehr als durch mitteilbares Erlebnis von ihnen abger&uuml;ckt,
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>so waren sie es nicht minder von ihm durch sein scheues
+Entschl&uuml;pfen, das schweigende Bedeuten, da&szlig; fr&uuml;heres nicht
+mehr galt, seine ver&auml;nderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt
+dadurch, da&szlig; sie G&auml;ste waren, die sich trotz gew&auml;hrter
+Freiheit in die neue Ordnung und Umgebung erst einzuleben
+hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer etwas vom
+Tyrannen, und die Beziehung zwischen J&uuml;nglingen ist die
+empfindsamste und wachsamste, die es gibt.</p>
+
+<p>So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen,
+das die ersten Tage ungem&uuml;tlich machte. Justus Richter, der
+sich nicht verstellen konnte, fand es langweilig; Georg
+Mathys bedauerte Dietrichs Zugekn&ouml;pftheit und K&uuml;hle; es
+lag ihm daran, diese von allen Beteiligten herbeigew&uuml;nschte
+Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt richtig
+geleitet, vermied er ein ausschlie&szlig;lich auf Rede und Meinungstausch
+gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im
+Freien, Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie
+sein Meister Lucian verstand er sich auf Ablenkung und die
+geistigen Umwege, und wenn er ein Ziel vor Augen hatte,
+erreichte er es auch mit List und Geduld. Da&szlig; Kurt Fink in
+der Gegend gewesen war, wu&szlig;te er, von den Ereignissen im
+einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende
+Vorg&auml;nge witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in
+z&ouml;gerndes Erz&auml;hlen und Bekennen zu verlocken; er mu&szlig;te
+nur achthaben, da&szlig; Richters zufahrende Derbheit nicht
+verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.</p>
+
+<p>Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und
+L&ouml;sung, wennschon nur angedeutet, gewann etwas Urspr&uuml;ngliches.
+Das Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg
+Mathys glaubte es. Er war hierin nicht gef&auml;hrdet; mit
+klarem Blick sein eigener W&auml;chter, wurde er der Tr&uuml;bnisse
+handelnd Herr, und keinem Verd&auml;mmern der Sinne und
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>s&uuml;&szlig;em Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz
+bei ihm. Er wollte dienen, erforschter Not wirkend begegnen,
+nicht unterliegen, auch im Menschlichsten, Nat&uuml;rlichsten
+nicht; er hatte seine leuchtenden Muster, denen er nachzufolgen
+gesonnen war; &raquo;nicht lyrisch, sondern episch soll
+unsere Existenz sein&laquo;, war sein etwas weitgreifendes Wort.
+Justus Richter bek&auml;mpfte dies, wo er konnte, aber nicht
+immer mit schlagenden Argumenten. W&auml;hrend der in
+Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in einem Kreis
+von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch
+in ihm aufgew&uuml;hlten Fragen und Gedanken besch&auml;ftigten
+ihn dauernd. &raquo;Er hat den guten Geist verraten,&laquo; sagte
+Georg Mathys manchmal nachsichtig, &raquo;beim ersten Hahnenschrei
+schon.&laquo;</p>
+
+<p>Aber beide, der Gehaltene und der Ungest&uuml;me, verfielen
+im Umgang mit Oberlin einem Zauber; was ihnen das
+schw&auml;chere Element zu sein d&uuml;nkte, erwies sich als das
+st&auml;rkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die mitspannte;
+er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen
+des Bolzens; Nerv und Blick vibrierten sp&uuml;rbar, das ganze
+Wesen war eigent&uuml;mlich l&uuml;ckenlos. Dazu die Weichheit;
+ein fast m&auml;dchenhaftes Schmachten zuweilen, das nicht
+zum Spott reizte, nichts Verschwommenes hatte, weil es
+so quellend war, &Uuml;berschu&szlig; von reicherem. Da empfanden
+auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerf&uuml;llte; die
+Verhei&szlig;ung; die Flamme; die Sehnsucht; die gl&uuml;ckliche
+Last.</p>
+
+<p>An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann
+und sich dann umzog, gingen sie zu dritt auf den H&ouml;hen,
+lagerten am Waldrand, stiegen schlie&szlig;lich zum See herab.
+Ein lebhaftes Gespr&auml;ch &uuml;ber Lucian von der Leyen hatte sich
+entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum erstenmal
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>offen erkundigt, als h&auml;tte ihn bis jetzt eifers&uuml;chtiges
+Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen.
+Georg Mathys erz&auml;hlte, da&szlig; er noch immer nicht nach Hochlinden
+zur&uuml;ckgekehrt, da&szlig; der Proze&szlig; gegen ihn anh&auml;ngig
+gemacht sei, da&szlig; er in menschenmeidender Einsamkeit von
+Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen schreibe.
+Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe
+jede ausf&uuml;hrlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen
+wie ein Pr&auml;zeptor, der seinem au&szlig;er Rand und Band geratenen
+Z&ouml;gling Vernunft und M&auml;&szlig;igung predigen m&uuml;sse;
+der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er f&uuml;rchte,
+da&szlig; Lucian, einer T&auml;tigkeit entrissen, die ihn gezwungen
+habe, das Praktische und das Ideenhafte best&auml;ndig und
+t&auml;glich gegeneinander abzuw&auml;gen und mit seiner trotzigsten
+Forderung sich vor dem souver&auml;nen Leben zu beugen, dem
+kleinen einfachen Leben n&auml;mlich, nun innerlich zerfalle und
+erstarre.</p>
+
+<p>Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine
+Zweifel und Bedenken l&auml;ngst. Man k&ouml;nne eben mit dem
+Gedanken allein die Welt nicht regieren; es gehe nicht an,
+hundert oder tausend Menschenkinder von hundert- oder
+tausendf&auml;ltiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
+zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht,
+weil man es ins Programm gesetzt, da stecke ein verh&auml;ngnisvoller
+Kommandogeist drin, der Bl&uuml;ten und Wunder
+zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In all dem
+h&ouml;re er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
+einerseits hie&szlig;e: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
+andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.</p>
+
+<p>Georg Mathys sch&uuml;ttelte mi&szlig;billigend den Kopf und
+sagte: &raquo;Wer die Welt vorw&auml;rtsbringen will, mu&szlig; sich gegen
+sie stemmen. Und das hat er getan.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>&raquo;Ja, das hat er getan,&laquo; pflichtete Dietrich bei; &raquo;du, Justus,
+vergi&szlig;t, was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er
+vor einem stand, wie er mit einem ging, wie er einen bei der
+Hand packte, wie er einem die Natur und die Menschheit
+aufschlo&szlig;. War das nicht Bl&uuml;te und Wunder genug?
+f&uuml;r mich wars genug. Ich habe sehen und f&uuml;hlen gelernt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir hats nicht so gedient wie dir,&laquo; antwortete Justus,
+&raquo;ich hab immer ein wenig an der Bergkrankheit gelitten
+in seiner N&auml;he, das gesteh ich frei, und da&szlig; ers jetzt selber
+mit der Atemnot zu tun kriegt, k&ouml;nnt ihr nicht leugnen. Wir
+lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank schuldig, ist
+wahr. Und doch, pr&uuml;ft euch ehrlich, in uns allen ist was
+wie unaufgezehrter heimlicher Ha&szlig; gegen ihn, und einmal
+wirds noch an den Tag kommen. Denkt an mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie soll er an dich denken?&laquo; rief Dietrich emp&ouml;rt,
+&raquo;er, der vor nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst
+du das auf dich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehms auf mich,&laquo; versetzte Justus Richter, &raquo;und
+ich wei&szlig;, was ich damit sage.&laquo;</p>
+
+<p>Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen.
+Nun schwiegen sie pl&ouml;tzlich und richteten die
+Blicke auf eine ihnen entgegenkommende Gruppe. Zwei
+junge M&auml;dchen und ein junger Mann waren es. Dieser,
+von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
+ging mit dem einen M&auml;dchen voraus, das andere folgte im
+Abstand von zehn oder zw&ouml;lf Schritten. Beide M&auml;dchen
+waren in Haltung, Geb&auml;rde und Typus einander &auml;hnlich,
+auch waren sie gleich gekleidet, in Wei&szlig;, mit wei&szlig;em Lederg&uuml;rtel,
+wei&szlig;en Str&uuml;mpfen und Schuhen, breitrandigem
+Strohhut, von dem ein violettes Band auf die Schulter
+hing.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes
+ging, war von so strahlender, so au&szlig;ergew&ouml;hnlicher Sch&ouml;nheit,
+da&szlig; Mathys, Richter und Oberlin, w&auml;hrend sie auf
+dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt stehen
+blieben und ihr l&auml;cherlich best&uuml;rzt, mit unverwandten Augen
+ins Gesicht starrten.</p>
+
+<p>Es war ihr l&auml;stig, und das L&auml;stige war ein Gewohntes;
+in den fruchthaft ebenm&auml;&szlig;igen Z&uuml;gen zuckte es schmerzlich,
+dann ein wenig sp&ouml;ttisch, denn das Bild des regungslos
+gaffenden Trios war von hinl&auml;nglicher Komik. Ein
+einziger, unme&szlig;bar fl&uuml;chtiger Blick streifte Oberlin, der
+in der Mitte stand; vergegenw&auml;rtigte er sich sp&auml;terhin diesen
+Blick, so wollte es ihn d&uuml;nken, eine Frage sei darin enthalten
+gewesen, blitzschnelle Frage im nicht zu hemmenden
+Vor&uuml;bergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die Atmosph&auml;re
+durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden
+Stern.</p>
+
+<p>In den f&uuml;nf Sekunden war er entblutet. B&auml;ume, Wasser,
+Himmel drehten sich in w&uuml;tenden Kreisen. Oben war unten;
+der sandige Pfad gelber Streifen am Firmament, die Wolken
+zerfetzter Teppich zu seinen F&uuml;&szlig;en. In den f&uuml;nf Sekunden
+lebte er ein brausend ungeheures Leben durch,
+Empor und Hinab, Flug und Verkrampfung, M&ouml;glichkeit
+und letzte Schranke, Wunsch und Finsternis des Herzens.</p>
+
+<p>Dann aber sah er die gro&szlig;en ruhenden Augen; das zartger&ouml;tete
+Wei&szlig; einer Haut, der eine organische Fluoreszenz
+eigen schien; die Stirn, gebogen wie eine antike Schale,
+gleichsam aus edlerem Stoff noch als das &uuml;brige Gesicht;
+in Linie und W&ouml;lbung verborgen sinnvoll; damit &uuml;bereinstimmend
+der Mund: gef&auml;&szlig;haft, Zusammenfassendes der
+Seele, in die die seine hin&uuml;berstr&ouml;mte, als w&auml;ren ihre W&auml;nde
+geborsten; das kastanienbraune Haar, kurz geschnitten, doch
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>in &uuml;ppiger Dichte zum Halsansatz flie&szlig;end und wie auf
+Gem&auml;lden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund
+f&uuml;r das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen,
+Lippen, Augen. Wie sich ihm alles eingrub, einpfl&uuml;gte, eingl&uuml;hte;
+wie er es umfing und in sich trank, als h&auml;tte es
+ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die Gestalt,
+den Rhythmus, das Wei&szlig; und Dunkle, die Luft drum
+herum, das ein f&uuml;r allemal Gepr&auml;gte des Menschenwesens.</p>
+
+<p>Rauhe Ber&uuml;hrung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn
+an der Schulter gepackt und raunte ihm zu: &raquo;Was tust du,
+Oberlin! f&uuml;hrst dich auf wie ein Narr. Vorw&auml;rts.&laquo; Mit
+irrem Ausdruck war er bem&uuml;ht, den Boden unter sich wieder
+zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als m&uuml;sse er
+ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er
+sich entfernte, schien Verbrechen; er pre&szlig;te die Fingerspitzen
+an die Schl&auml;fen; was er am Leibe trug, war ihm steinern
+schwer. Schwarz und Rosenrot flo&szlig; in seinem Innern durcheinander.</p>
+
+<p>Inzwischen war auch das andere junge M&auml;dchen vorbeigegangen,
+stolz, gr&uuml;blerisch, den Blick erst abgekehrt, dann
+ihn verwundert, ja bis zum Erblassen verwundert auf Dietrich
+heftend, als errate sie seinen Zustand und die Ursache
+davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, ri&szlig; den Hut vom
+Kopf; sie wandte l&auml;ssig das Gesicht und dankte im Schreiten
+ein wenig &uuml;berrascht. &raquo;Kennst du sie denn?&laquo; fragte Mathys
+neugierig, als sie au&szlig;er H&ouml;rweite waren. &raquo;Freilich kenn
+ich sie,&laquo; war die aufgeregte Antwort; &raquo;allerdings nur vom
+Sehen, aber da wird ein Gru&szlig; in der Fremde schon erlaubt
+sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
+T&ouml;chter von Professor Landgraf in Heidelberg,
+dem Psychiater. Die alleine ging, hei&szlig;t Hanna; die andere,
+C&auml;cilie, war schon als Kind so sch&ouml;n, da&szlig; die Leute auf der
+<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>Gasse stehen blieben, <em class="antiqua">bouche b&eacute;ante,</em> genau so einf&auml;ltig
+wie wir vorhin, und da&szlig; die Gro&szlig;herzogin in Karlsruhe
+sie ins Schlo&szlig; bitten lie&szlig;, nur um sie anschauen und bewundern
+zu k&ouml;nnen. Und jetzt ists so mit ihr, ich h&ouml;r es oft,
+da&szlig; sie M&auml;nner und Frauen um den Verstand bringt, wenn
+sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber keine Freude machen, im
+Gegenteil; es hei&szlig;t, da&szlig; sie ganz einsiedlerisch geworden
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete
+hell durch die B&uuml;sche, und sie gingen schweigend durch den
+Garten.</p>
+
+
+<h3>Tragischer Abend</h3>
+
+<p class="newchapter">Eine Stunde sp&auml;ter sa&szlig;en sie auf der ger&auml;umigen Terrasse
+im Obergescho&szlig;, von welcher See und Landschaft weit
+zu &uuml;berschauen waren. Der Himmel hatte sich mit eint&ouml;nig
+grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte Wasserfl&auml;che
+farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
+Baumst&auml;nde herbstlich gealtert zeigte. Schwerm&uuml;tige Stille
+war in der Natur; sie d&auml;mpfte die Ger&auml;usche des vergehenden
+Tags. Zu Dietrichs F&uuml;&szlig;en kauerte Rust, der Neufundl&auml;nder,
+hob bisweilen den riesigen Kopf mit der gelblich gefleckten
+Schnauze und den triefenden Lefzen, r&uuml;ckte sich mit den
+Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine wuchtige
+und wachsame Schl&auml;frigkeit, seufzend.</p>
+
+<p>Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern
+und Purpur-Laub, eine l&auml;ngliche Schale, in der gro&szlig;e reife
+Birnen in einem Kranz schwerer Trauben lagen. Justus
+Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab, schob sie in
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
+verstehen, da&szlig; sie ihm schmeckten.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich euch jetzt sagen w&uuml;rde, woran ihr denkt,&laquo;
+begann er listig zwinkernd, &raquo;w&auml;rt ihr sicherlich nicht erstaunt
+dar&uuml;ber, da&szlig; ichs wei&szlig;. Aber es ist &uuml;berfl&uuml;ssig, davon
+zu reden.&laquo;</p>
+
+<p>Georg Mathys erwiderte: &raquo;Als ich im vorigen Jahr in
+Frankfurt die Athene des Myron sah, war mir, wie wenn
+ich gegen alles Schlechte und H&auml;&szlig;liche f&uuml;r lange gefeit sei,
+und Ungl&uuml;ck und Niedrigkeit nicht mehr an mich heran
+k&ouml;nnten. Die Wirkung war mir neu. Sch&ouml;nheit einer Statue
+war mir &auml;sthetischer Wert, geistiger. Da&szlig; sie so ins Zentrale
+dringen, so ersch&uuml;tternd sein konnte, so, da&szlig; man h&auml;tte weinen
+m&ouml;gen wie von einem Fluch erl&ouml;st, das hatte ich nicht gewu&szlig;t.
+Und bis heute wieder hab ich nicht gewu&szlig;t, da&szlig; es
+einem vor einem lebendigen Gesch&ouml;pf &auml;hnlich ergehen k&ouml;nne.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde bla&szlig;.
+Die Worte betasteten Unbetastbares. Sie erz&uuml;rnten und
+schmerzten ihn, nur weil sie ausdr&uuml;ckten, was er empfand.</p>
+
+<p>&raquo;Man darf es nicht egoistisch umgrenzen&laquo;, murmelte
+Justus Richter.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das darf man nicht&laquo;, stimmte Mathys zu.</p>
+
+<p>&raquo;Und doch,&laquo; fuhr Justus in seiner eindringlichen Art
+fort, &raquo;wenn man sich mit allen Sinnen eine abwesende Person
+vorstellt, von der man ahnt oder w&uuml;nscht oder f&uuml;rchtet,
+da&szlig; sie in unser Schicksal greifen wird, dann ist sie auch da,
+dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist euch nicht
+zumut, als s&auml;&szlig;e das fremde Wesen unter uns, fremd, weil
+es die Welt so will, als schl&uuml;ge sie die Augen auf, um etwas
+zu erz&auml;hlen, etwas zu klagen? Ich wei&szlig; auf einmal so viel
+von ihr, das hei&szlig;t, ein anderes Ich in mir wei&szlig; es; ich habe
+Unruhe um sie. Warum?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs
+nicht sah oder sie mi&szlig;deutete, sprach er weiter: &raquo;Es
+gibt Menschen, die gewinnen einen Einflu&szlig; auf Seelen wie
+magnetische Str&ouml;me in der Luft; pl&ouml;tzlich. In uns selber
+haben wir wohl den Appell daf&uuml;r, aber es fehlen die Mitteilungsformen.
+Die Zusammenh&auml;nge zwischen den Kreaturen
+untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir
+als toten Stoff betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir
+annehmen und gehen tiefer als alle Wissenschaft und
+Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und durch rohe
+Widerst&auml;nde gehemmt. Was Erkenntnis sein k&ouml;nnte, ist blo&szlig;
+Tr&auml;umerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein
+Strahl aus einer Ritze in den schwarzen Felsw&auml;nden, die
+uns auf allen Seiten umragen. Das ist dann ein Gef&uuml;hl,
+wie soll ichs nennen, ein Gef&uuml;hl wie nach dem Tod oder
+vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
+undenkend hingebe, kann ich mich ausl&ouml;schen und neue Gestalt
+erlangen. Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean
+in den Adern, und ich bin doch nur ein Tropfen davon,
+hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich Medium,
+n&auml;mlich Geist unter Geistern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind gef&auml;hrliche Wege,&laquo; sagte Georg Mathys stirnrunzelnd;
+&raquo;wir m&uuml;ssen uns h&uuml;ten, da&szlig; das Unbegreifliche
+zu billig wird f&uuml;r die Zunge und zu straflos f&uuml;r die Gedanken.
+Alles das steht unter einem strengen Gesetz; es
+h&auml;ngt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest
+du zu fr&uuml;h auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst
+eines Wahns oder das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei.
+Es ist da ein Punkt, wo sich der wirkende Mensch vom
+vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum Parasiten,
+wenn man sich in die D&auml;mmerregionen begibt, und d&uuml;nkelhaft
+und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Pfaffe, wir sehens jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig
+antworten,&laquo; beschwichtigte er den zu ungeduldiger Erwiderung
+Ger&uuml;steten, &raquo;ich m&ouml;chte ungern streiten, das l&auml;uft
+ja schlie&szlig;lich blo&szlig; auf metaphysisches Kannegie&szlig;ern hinaus.
+Heute hast du recht mit deinem aufgest&ouml;rten Gef&uuml;hl, es
+ist uns allen gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb
+w&uuml;nscht ich nicht daran erinnert zu werden, da&szlig; es f&uuml;r dergleichen
+bereits gestempelte Formeln und fl&uuml;ssige Meinungen
+gibt. Wir wollens f&uuml;r uns haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer der n&auml;mliche Despot&laquo;, murrte Justus Richter
+gutm&uuml;tig-unzufrieden. Aber er machte keine Einwendung
+mehr und &uuml;berlie&szlig; sich der lastenden Stille wie die andern.
+Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn auf den
+Tischrand gest&uuml;tzt, so da&szlig; es in der beginnenden Dunkelheit
+aussah, als l&auml;ge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale,
+mit gl&auml;nzenden Augen freilich in dem jugendlich
+belebten Gesicht. Da erschraken alle drei; ganz nahe, von
+der Richtung des Waldes her, war ein Schu&szlig; gefallen.
+Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.</p>
+
+<p>Sie lauschten. Nun ert&ouml;nte ein durchdringender Schrei.
+Zu zaudern war nicht mehr. Von der Terrasse f&uuml;hrte die
+Steintreppe unmittelbar in den Park, die eilten sie hinunter,
+dann zu der kleinen Gartenpforte oben. Der Wiesenstreifen
+war ungef&auml;hr zweihundert Meter breit, und trotzdem es
+ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen
+aufgeweicht war, hatten sie das Gel&auml;nde in wenigen Minuten
+&uuml;berquert. Am Waldrand, unter den vordersten St&auml;mmen,
+erblickten sie eine wei&szlig;e Gestalt. Rust stand schon
+vor ihr und verbellte sie.</p>
+
+<p>Mit dem R&uuml;cken an einen Baum gelehnt, das Gesicht
+mit den H&auml;nden bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der
+Anruf Richters, die hastige Frage Georg Mathys&#8217; ri&szlig; sie
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>nicht aus der Starrheit. Da deutete Dietrich mit gurgelndem
+Laut auf eine zweite wei&szlig;e Gestalt, die ausgestreckt im
+Moos lag, f&uuml;nf Schritte entfernt und leblos, soviel man
+im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Da&szlig; es die
+Schwestern waren, die sie vor anderthalb Stunden am
+Seeufer gesehen, war den jungen Leuten sofort klar. Georg
+Mathys st&uuml;rzte zu der auf der Erde Liegenden hin; als er
+sich niederlie&szlig;, ber&uuml;hrte sein Knie einen harten Gegenstand;
+mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein
+Revolver, der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das
+Gesicht; ein Blutfaden, in der Halbdunkelheit schw&auml;rzlich,
+rann von der Schl&auml;fe zum Ohr und ins Moos.</p>
+
+<p>Die Sch&ouml;ne war es, die da verblutete; die Sch&ouml;ne, die
+entseelt vor ihm lag. Es als unab&auml;nderlich erfahren zu
+m&uuml;ssen war ein herabst&uuml;rzender Block; Schultern und Schenkel
+zitterten ihm; er st&uuml;tzte sich mit den Armen auf den Boden,
+seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die rechte;
+die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen,
+h&ouml;rte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte,
+schaute sich hilfesuchend um, dann war er verschwunden,
+und man h&ouml;rte seine den Abhang hinunterst&uuml;rmenden
+Schritte.</p>
+
+<p>Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch
+die regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des
+b&ouml;sen, eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn
+endlich aufschreckte aus der Vergeisterung. Von der Stra&szlig;e
+schallten Stimmen empor; der Schu&szlig;, der Schrei hatten
+Passanten und Leute in der Nachbarschaft alarmiert. Einige
+n&auml;herten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten unschl&uuml;ssig
+wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts
+fest au&szlig;er einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem
+vergangenen befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>geirrt war. Er suchte die Beziehung zwischen hier und dort,
+den Sinn der Doppelheit und der Folge. Was dort geendet
+hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn, wie immer
+es wurde, er sp&uuml;rte es schicksalsgetroffen. Als s&auml;gte ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein
+Gef&uuml;hl hatte er. Sich hinbetten neben die Wei&szlig;e war seine
+inbr&uuml;nstige Begierde diese ewige brennende Spanne hindurch,
+die nur nach Minuten z&auml;hlte. Der Leib war gegenw&auml;rtig,
+also war sie selber gegenw&auml;rtig, und Leblosigkeit
+war Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er w&uuml;rde sich
+niemals damit abfinden, dessen war er gewi&szlig;; der Weg, der
+ihm heute aufgetan worden, konnte nicht von einem Grab
+versperrt werden, dessen war er gewi&szlig;.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt
+zu der Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten
+mit dunkler rauher Stimme, besinnend und abwesend
+erst wie von einer, die schwer aufwacht, dann erregt,
+ankl&auml;gerisch, verworren. Dietrich vernahm ungef&auml;hr dies:
+sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn
+harte Worte gesagt, habe die Herrschaft &uuml;ber sich verloren;
+sei von ihr weggegangen, sei vorausgeeilt; auf einmal der
+Schu&szlig;. Da&szlig; sie den Revolver bei sich gehabt, wer h&auml;tte
+daran denken sollen; da&szlig; sie es so aufgenommen, den ersten
+Zank in ihrer beider Leben, unfa&szlig;bar; sie sei zur&uuml;ckgerannt;
+C&auml;cilie, um Gottes willen, C&auml;cilie! Da sei es schon zu sp&auml;t
+gewesen.</p>
+
+<p>Sie hatte die H&auml;nde verflochten und hob sie zur Stirn.
+Was nun werden solle; die Eltern, man m&ouml;ge ihr helfen;
+sie k&ouml;nne so den Eltern nicht gegen&uuml;bertreten; um acht Uhr
+k&auml;men Vater und Mutter mit dem Dampfschiff von Meersburg,
+sie h&auml;tten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht
+und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Gnad von der Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg
+gefahren, um Freunde zu besuchen; C&auml;cilie sollte bei
+Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich darauf gefreut,
+alles sei vereinbart worden, ihr Gep&auml;ck sei schon dort, die
+heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel
+verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen w&uuml;rde; der
+Mutter; die &uuml;berlebe es nicht.</p>
+
+<p>Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde st&uuml;nden
+ihr zur Verf&uuml;gung, sie m&ouml;ge bestimmen, was zu geschehen
+habe. Es sei halb acht jetzt, bis zur Ankunft des Schiffes
+bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich erb&ouml;tig, die
+Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, da&szlig; sie sich
+zun&auml;chst fernhalte. Eine Frage noch m&ouml;ge sie verzeihen:
+sie und die Schwester seien in Begleitung eines Herrn
+gewesen; ob es ein Verwandter oder sonst nahestehender
+Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen solle?</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen stutzte. Widerwillig und fremd wies
+sie es ab. Die verflochtenen H&auml;nde ans Kinn gedr&uuml;ckt, die
+Blicke am Boden, sagte sie, es sei kein Nahestehender gewesen;
+sie und C&auml;cilie h&auml;tten sich um halb sieben Uhr von
+ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Z&uuml;rich gefahren.</p>
+
+<p>Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein
+kroch den Hang aufw&auml;rts. Justus kam mit dem
+G&auml;rtner und dessen Gehilfen aus der Oberlinschen Villa.
+Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf, gleich
+nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus
+Richter telephonisch gerufen hatte. &Uuml;ber die Hingestreckte
+gebeugt, indes der Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut,
+er sei hier leider &uuml;berfl&uuml;ssig. Hanna Landgraf warf sich
+schluchzend &uuml;ber die Leiche. Zwei Polizeibeamte, ebenfalls
+mit Laternen versehen, dr&auml;ngten sich durch die Zuschauer.
+Die j&auml;h ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur H&ouml;hle um.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>Georg Mathys r&uuml;hrte Hanna an der Schulter an. Sie
+m&ouml;ge sich fassen, sagte er, die Herren w&uuml;nschten einige Fragen
+an sie zu richten. Ihr d&uuml;sterer Blick ging im Kreis, sie
+erhob sich; mit wenigen S&auml;tzen und in ruhigem Ton erz&auml;hlte
+sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie gro&szlig;
+sch&auml;tzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester
+gewesen sei, als der Schu&szlig; gefallen, besann sie sich und
+erwiderte, es seien f&uuml;nfzig, vielleicht auch hundert Schritte
+gewesen. Pl&ouml;tzlich wandte sie sich zu Georg Mathys und
+sagte, wenn sie seine Freundlichkeit wirklich in Anspruch
+nehmen d&uuml;rfe, m&ouml;chte sie ihn bitten, da&szlig; er jetzt zum Landungsplatz
+gehe. Vielleicht k&ouml;nne er es veranstalten, da&szlig;
+er ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter
+m&uuml;sse geschont, m&uuml;sse vorbereitet werden; er m&ouml;ge dies
+ihrem Vater noch besonders ans Herz legen. Professor
+Landgraf sei ein mittelgro&szlig;er Mann mit goldener Brille,
+glattrasiert, tr&uuml;ge grauen Mantel und grauen Hut.</p>
+
+<p>Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und
+in irgendwelcher Weise feindselig besch&auml;ftigt. Sie dankte
+ihm, er schob seinen Arm in den des erschrocken auffahrenden
+Dietrich und sagte: &raquo;Komm, Oberlin.&laquo; Dietrich
+lie&szlig; sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er
+heim.</p>
+
+<p>Auf dem Weg zum See murmelte er: &raquo;Ich w&uuml;rde auch
+lieber nach Hause gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen
+wird, ist so gr&auml;&szlig;lich und&nbsp;... so gew&ouml;hnlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht auskneifen, Oberlin,&laquo; erwiderte Georg Mathys;
+&raquo;wie meinst du das: gew&ouml;hnlich? Ja, ich verstehe, aber das
+Gew&ouml;hnliche ist ja ein Trost. Schon ist Zeit verflossen,
+Menschen haben geredet, Tatsachen sind festgestellt, und
+das Ungeheure wird ans Allt&auml;gliche angeh&auml;ngt. Das ist
+gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>&raquo;Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden&laquo;, gab
+Dietrich zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie an der Landungsbr&uuml;cke warteten und die
+roten Lichter des Dampfers sich lautlos n&auml;herten, sagte
+Mathys: &raquo;Diese Hanna Landgraf gibt mir zu denken.
+Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und K&auml;lte
+sie dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar
+Mal ganz verwundert fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen
+Ereignis nur die zuf&auml;llige Zeugin gewesen. Schon
+vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie blo&szlig;er Schall
+in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen,
+die Verzweiflung&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nichts, ich habe nichts geh&ouml;rt,&laquo; sagte Dietrich;
+&raquo;was soll man auch da noch nachdenken oder schauen; es
+hat ja keinen Zweck mehr. Die oder andere; mein Gott,
+Menschen&nbsp;...&laquo; Er schwieg. Pl&ouml;tzlich entrang sich ihm ein
+Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann
+warf er den Kopf zur&uuml;ck und sah aufs Wasser. Georg Mathys
+ergriff seine Hand, dr&uuml;ckte sie fest und sagte z&auml;rtlich: &raquo;Mut,
+Br&uuml;derchen, Mut.&laquo; Nichts weiter, aber es war viel.</p>
+
+<p>Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur
+wenige Passagiere ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt,
+die sie suchten. Georg Mathys sprach den Professor h&ouml;flich-bescheiden
+an, fragte um den Namen, stellte sich selbst vor
+und bat ihm eine Er&ouml;ffnung unter vier Augen machen zu
+d&uuml;rfen. Jener erbla&szlig;te, ging ein paar Schritte mit ihm,
+und als er die ersten Worte vernommen, noch ein paar
+Schritte; die hagere, kr&auml;nklich aussehende Frau schaute ihnen
+betroffen nach. Es dauerte lange, das Schiff rauschte schon
+wieder in den See hinaus, Dietrich, an die Holzbr&uuml;stung
+gelehnt, wartete bedr&uuml;ckt; nun schallten die r&uuml;ckkehrenden
+Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpre&szlig;ter
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Stimme zu der Frau; sie schien aus seinen Mienen zu
+erraten, was er ihr noch verhehlte, schrill kreischend t&ouml;nte der
+Name C&auml;cilie in die Nacht.</p>
+
+
+<h3>Das Unbedingte</h3>
+
+<p class="newchapter">Die Stunden, die nun folgten, hinterlie&szlig;en in Dietrich
+den Eindruck zusammenhangloser Bilder. Begegnungen,
+Gespr&auml;che, Gesichter, Geb&auml;rden, es war wie Spiegelung im
+Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse rollten vorbei;
+er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel.
+Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht t&auml;tig und nicht
+schlaff; es war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter
+neue Gesetze stellte. Er bereitete sich auf einen Kampf vor;
+Duell mit einem m&auml;chtigen, unsichtbaren Gegner. Er sammelte
+sich. Er sch&ouml;pfte Atem.</p>
+
+<p>Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht
+worden, in das Musikzimmer neben dem Vestib&uuml;l.
+Leute gingen fortw&auml;hrend ein und aus. Als der Professor
+mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen sie ehrerbietig
+zur Seite und einige gr&uuml;&szlig;ten stumm.</p>
+
+<p>Frau Landgraf hatte man ohnm&auml;chtig in einen Wagen
+gesetzt. Sie ins Hotel zu schaffen, verbot sich. Dietrich &ouml;ffnete
+den fremden G&auml;sten sein Haus, und Justus Richter erhielt
+den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen. Der nahm es
+dankbar an, haupts&auml;chlich im Hinblick auf den Zustand
+seiner Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys
+und der G&auml;rtner hatten sie in eines der Fremdenzimmer im
+zweiten Stock getragen; sie war aus der Bewu&szlig;tlosigkeit
+noch nicht erwacht. Sp&auml;ter weinte sie ununterbrochen vor
+sich hin. Hanna war um sie bem&uuml;ht.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht.
+Es schien ihm angenehm, in Justus Richter den Sohn
+eines Amtskollegen zu finden; es befreite von dem Gef&uuml;hl,
+sich v&ouml;llig Unbekannten zu verpflichten. Da&szlig; die Leiche
+nicht &uuml;berf&uuml;hrt, sondern in Ermatingen beerdigt werden
+sollte, beschlo&szlig; er noch am Abend. Notwendige Formalit&auml;ten
+zu erledigen, durfte man nicht s&auml;umen. Die sommerliche
+Temperatur lie&szlig; das Verbleiben der Leiche im Haus l&auml;nger
+als &uuml;ber die Nacht untunlich erscheinen. Es mu&szlig;te der
+Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit
+dem Pfarrer, mit der Ortsbeh&ouml;rde und mit dem Distriktsarzt
+wegen des Totenscheins waren anzukn&uuml;pfen. Mathys
+und Justus Richter erkl&auml;rten sich mit Eifer zu Hilfe bereit;
+sie wurden von einem Nachbar der Oberlins, Regierungsrat
+Westerland, t&auml;tig unterst&uuml;tzt; er war an der Ungl&uuml;cksst&auml;tte
+gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil.
+Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend
+und gab so verkehrte Antworten, da&szlig; man schlie&szlig;lich
+auf seine Mitwirkung verzichtete. Der Regierungsrat
+bestellte telephonisch ein Auto und fuhr mit den jungen
+Leuten weg.</p>
+
+<p>Das alles war f&uuml;r Dietrich fern; Ger&auml;usche, Huschen
+von Schatten. Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe.
+Das eine Mal fragte sie ihn um den Weg nach der K&uuml;che; er
+geleitete sie; das andere Mal suchte sie eine fehlende Ledertasche;
+das Gep&auml;ck war vom Adlergasthof geholt worden.
+Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit
+fl&uuml;chtigem Blick und antwortete unbestimmt.</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Haus. Da fast alle Fenster des Geb&auml;udes
+erleuchtet waren, dehnten sich die Gartenwege hell. Er
+vernahm die kn&ouml;chern-harte Stimme des Professors durch
+ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand Rechenschaft
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>verlangt oder Umst&auml;nde aufz&auml;hlt, mit denen er einen
+Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war
+kein Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte
+sich, erbitterte sich, und niemand antwortete. Dietrich
+mochte nicht lauschen. Er verstand nur diese Worte:
+&raquo;Ich bin dazu verdammt, unter Unzul&auml;nglichen zu leben
+und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt.
+Wer Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles
+zu wissen und nichts verh&uuml;ten zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein
+von Menschen, die er gestern noch nicht gewu&szlig;t, die heute
+unter seinem Dache wohnten, ihm verbunden durch eine
+Tote.</p>
+
+<p>Er verbarg sich, als er die Freunde zur&uuml;ckkommen h&ouml;rte.
+Eine Weile unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon;
+offenbar hatten sie ihn gesucht, denn er vernahm mehrmals
+seinen Namen. Vom Herumirren m&uuml;de, warf er sich auf
+den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es
+verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen
+H&auml;nden umgriff er das schaurig hinrinnende Schicksal, die
+Augen hingen an der verborgenen Welt; Leiden durchdrang
+ihn.</p>
+
+<p>Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor.
+Das Haustor war versperrt, er hatte die Schl&uuml;ssel nicht,
+aber an der Seitenfront war ein Fenster offen, er kletterte
+am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er befand sich in
+dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit pochendem
+Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat
+er den Raum, in dem die Leiche lag.</p>
+
+<p>In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische
+Flamme. Die Frau des G&auml;rtners war zur Wache bestellt
+worden, aber sie schlief fest in einem Sessel neben der Toten;
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>auf dem Teppich vor ihr kauerte seltsamerweise der Neufundl&auml;nder.</p>
+
+<p>Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende
+Gestalt herab, &uuml;ber die bis an den Hals ein graues
+Tuch gebreitet war. Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht
+aus dem Dunkel spro&szlig;te. Die Schu&szlig;wunde war vom
+Haar verdeckt. Die Sch&ouml;nheit der Z&uuml;ge war ins Unirdische
+gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das
+Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den
+Tod m&uuml;ndete. Hier endete der Schmerz; dies zu schauen
+hie&szlig; an der Grenze sein und Auferstehung ahnen oder das
+Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog, war jenseits
+von Gef&uuml;hl und Willen, auch was ihn zwang, die
+H&auml;nde zu falten und zu beten.</p>
+
+<p>Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe,
+es dr&uuml;ckte neben Altgel&auml;ufigem und Verst&auml;ndlichem ein
+Mysterium aus, an das noch kein Gedanke von ihm ger&uuml;hrt
+hatte.</p>
+
+<p>Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten.
+Jetzt knurrte er, und als Dietrich sich erhob, fiel
+ein Schatten vor ihn. Sich ohne Neugier umwendend,
+gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn schweigend,
+in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen &ouml;ffneten sich zu
+einem Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf
+und legte die gekreuzten H&auml;nde an die Brust.</p>
+
+<p>Dietrich gr&uuml;&szlig;te stumm und wollte den Raum verlassen.
+Er lenkte den Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen
+war, gegen das Boudoir. Rust folgte ihm. Noch hatte er
+die Schwelle nicht erreicht, als er aus dem abermaligen
+Knurren des Hundes schlo&szlig;, da&szlig; das junge M&auml;dchen hinter
+ihm ging. Er hielt die T&uuml;r offen, sie trat ein, er machte die
+T&uuml;r wieder zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Neufundl&auml;nder wehrend, der mit Groll sich wider sie stellte,
+sagte sie bebend: &raquo;Was hat das Tier? Ich begreife nicht,
+was es von mir will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich versteh es auch nicht,&laquo; antwortete Dietrich befangen;
+&raquo;still, Rust, Platz!&laquo; gebot er. Der Hund gehorchte unwillig.
+Dietrich machte Licht.</p>
+
+<p>Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am
+Fenster stehen und schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug
+das wei&szlig;e Kleid vom Tag, dar&uuml;ber jedoch einen venezianischen
+schwarzen Schal, der die schlanke, mehr als mittelgro&szlig;e
+Gestalt bis &uuml;ber die H&uuml;ften einh&uuml;llte und ihr etwas
+zugleich Bescheidenes und W&uuml;rdevolles verlieh. In ihrem
+ganzen Auftreten machte sich diese Mischung geltend, in der
+Sparsamkeit der Bewegungen namentlich.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: &raquo;Warum
+sehen Sie mich so an? Warum verfolgen Sie mich immerfort
+mit demselben Blick? Glauben Sie, das sp&uuml;rt man
+nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im
+Haus begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?&laquo;</p>
+
+<p>In der Tat hatte Dietrich, w&auml;hrend sie am Fenster stand,
+mit dem R&uuml;cken gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen.
+&raquo;Nichts,&laquo; erwiderte er scheu und fast erschrocken,
+&raquo;es bedeutet nichts Besonderes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts, als da&szlig; Sie die Letzte waren, der letzte Mensch,
+der mit ihr geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht
+stehend und lebendig gesehen hat. Wenn man es so sagt,
+ist es nichts Besonderes; f&uuml;r mich ist es viel. Um halb sechs
+Uhr war es, da&szlig; sie an mir vor&uuml;bergegangen ist. Sie hat
+mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht.
+Aber seitdem wei&szlig; ich, seit sieben Stunden wei&szlig; ich, was
+<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Leben ist. Und seit f&uuml;nf Stunden wei&szlig; ich, was Tod
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine
+Mienen hatten einen Zug von Ersch&ouml;pfung. In den Mundwinkeln
+war ein zuckendes Kinderl&auml;cheln.</p>
+
+<p>Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb
+stehen, dachte lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute
+ihn mit tiefster Aufmerksamkeit an. Hierauf fl&uuml;sterte sie
+mit einem Ausdruck d&uuml;sterer Betroffenheit: &raquo;So also.
+Das also.&laquo;</p>
+
+<p>Sie setzte sich auf ein Taburett, verschr&auml;nkte die H&auml;nde
+&uuml;ber den Knien und sah mit dem gleichen Ausdruck zu
+Boden. Wieder betrachtete er dieses Gesicht; wieder konnte
+er den Blick nicht von ihm l&ouml;sen.</p>
+
+<p>Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der
+Toten. Er glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer
+durch Rauch, das andere, und er war dem lebendigen Gesicht
+dankbar. Er h&auml;tte nicht zu sagen vermocht, ob es ein anziehendes
+oder sympathisches Gesicht war. Es schien ihm ein
+Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst entr&auml;tselt werden mu&szlig;te,
+die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen,
+unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes
+war ihm eigen; es wechselte in der innern Form; verging
+und tauchte wieder auf, war beseelt und wieder leer;
+voll Ma&szlig; und Stille, dann wieder qu&auml;lend bewegt.</p>
+
+<p>Das Haar, weit dunkler als C&auml;cilies Haar, fast schwarz,
+war nicht kurz gehalten, sondern &uuml;ber dem Nacken in einen
+reichen Knoten gefa&szlig;t, &uuml;ber Schl&auml;fen und Ohren in nat&uuml;rlichen
+Wellen flie&szlig;end. Das Seltenste, graublaue Augen im
+Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick war
+bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die
+Brauen lang geschwungen und ungew&ouml;hnlich dicht. Der
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Mund war zur Mitte hin in einer harten Linie emporgehoben;
+die schmale Nase gab den Z&uuml;gen einen stolzen Charakter,
+so wie die bronzene Br&auml;une der Haut, unter der die Bl&auml;sse
+schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes,
+Energisches und Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte
+keinen Punkt, wo es sich sammelte; auch enth&uuml;llte es sich
+nur nach und nach, den verschiedenen Empfindungen und
+Trieben gem&auml;&szlig;, denen das innere Wesen hingeworfen war
+oder sich versucherisch, emp&ouml;rerisch zur Beute lieh. Dietrich
+sp&uuml;rte es; es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der
+Leidenschaft und der Gefahr.</p>
+
+<p>Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen
+Lippen und durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen
+einander fernen Menschen nicht zu herrschen pflegt: &raquo;Warum
+hat sie es getan?&laquo;</p>
+
+<p>Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger
+Abwehr machte, wiederholte er im n&auml;mlichen fallenden
+Rhythmus: &raquo;Warum hat sie es getan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht,&laquo; sagte Hanna finster, &raquo;fragen Sie
+mich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie werde ich aufh&ouml;ren, es zu fragen&laquo;, entgegnete Dietrich
+leise. &raquo;Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie m&uuml;ssen
+es wissen. Sie m&uuml;ssen es sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sprang auf. &raquo;Ich w&uuml;nsche, da&szlig; man mich in Frieden
+l&auml;&szlig;t,&laquo; stie&szlig; sie ver&auml;chtlich-b&ouml;se hervor, doch gleichfalls
+fl&uuml;sternd, als d&uuml;rften die Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer
+dringen, &raquo;niemand hat das Recht, mich zu foltern,
+niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es
+dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis
+wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine
+Beichte schuldig, blo&szlig; weil mich der Zufall in Ihr Haus
+verschlagen hat?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>&raquo;Davon ist keine Rede&laquo;, sagte Dietrich kopfsch&uuml;ttelnd.
+&raquo;Wozu Hohn und Schimpf? Bin ich vorl&auml;ufig in Ihren
+Augen des Vertrauens nicht w&uuml;rdig, so mu&szlig; ichs zu begreifen
+suchen und mich f&uuml;gen. Aber ich hoffe, da&szlig; Sie
+mich deshalb nicht g&auml;nzlich zur&uuml;cksto&szlig;en, da&szlig; Sie mir wenigstens
+die Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben.
+Es ist kein blo&szlig;er Zufall, da&szlig; ich vor Ihnen stehe und da&szlig;
+Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen Sie mir verbieten,
+zu fragen, so machen Sie etwas H&auml;&szlig;liches aus mir, einen
+Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. R&auml;umen
+Sie mir also das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid,
+damit ich weiterleben kann.&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Best&uuml;rzung
+in ihrem Gesicht. &raquo;Wie merkw&uuml;rdig,&laquo; murmelte
+sie, &raquo;wie furchtbar&nbsp;...&laquo; Und wie zuvor schaute sie ihn
+mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an.</p>
+
+<p>&raquo;Was? was ist merkw&uuml;rdig, was ist furchtbar?&laquo; fragte
+er kaum vernehmlich.</p>
+
+<p>Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: &raquo;Dieses&nbsp;...
+dieses Unbedingte&nbsp;... dieses&nbsp;... ich wei&szlig; kein Wort daf&uuml;r
+... auch sie hatte es&nbsp;... auch sie konnte so reden. Wer
+sind Sie eigentlich? Den Namen kenn ich nat&uuml;rlich; wir
+haben Ihnen ja f&uuml;r viele Freundlichkeit zu danken&nbsp;... Sie
+m&uuml;ssen mir von sich erz&auml;hlen&nbsp;... Ja, gewi&szlig;, wir wollen
+miteinander sprechen&nbsp;... aber nicht jetzt, nicht hier&nbsp;...
+lassen Sie mich gehen jetzt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Alles das fl&uuml;sterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe,
+in Eile loszukommen. Sie ging auf die T&uuml;r zu,
+dort hielt sie inne und horchte. Auch Dietrich h&ouml;rte ein
+Ger&auml;usch: wie wenn nackte F&uuml;&szlig;e langsam &uuml;ber Steinfliesen
+gingen; dann war ein Seufzen, dann war es
+wieder still.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens
+war eine Br&uuml;cke, die ihnen den Weg zueinander wies
+und sie st&auml;rker verband als die gewechselten Worte.</p>
+
+
+<h3>Warnende Stimme</h3>
+
+<p class="newchapter">Das Begr&auml;bnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit
+und Stille statt. Georg Mathys und Justus Richter gingen
+mit zum Kirchhof. Sie wunderten sich &uuml;ber die unersch&uuml;tterte
+Haltung, die der Professor am Grab zeigte. Er sprach
+vorher und nachher in gesch&auml;ftlich trockener Weise mit dem
+Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen h&ouml;flich entgegen.
+Hanna war bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war
+w&auml;hrend der ganzen Zeit verschwunden.</p>
+
+<p>Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den
+Wald hinaufgegangen, zu der Stelle, wo C&auml;cilie gelegen
+war. Dort hatte er sich auf einen Baumstumpf gesetzt und
+sich der Einsamkeit und Ruhe hingegeben. Indem er unverwandt
+in das zerdr&uuml;ckte und von vielen F&uuml;&szlig;en zertretene
+Moos schaute, zog es ihn sehns&uuml;chtig n&auml;her, er stand auf,
+blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich
+anschickt, und warf sich auf das St&uuml;ck Erde nieder, das die
+Sch&ouml;ne zuletzt getragen. Anfangs war es wirklich wie ein
+Frevel, den er ver&uuml;bte, dann aber l&ouml;ste sich in ihm die Unrast,
+die er in dem kurzen Schlaf der Nacht empfunden.
+Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr
+Blut &uuml;ber die Gr&auml;ser und Farne geflossen und in die Feuchte
+des Bodens gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben.
+Noch stand die n&auml;mliche Luft; noch ragten die n&auml;mlichen
+B&auml;ume; ihr letzter Blick und Seufzer hatte vielleicht den
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Rottannenzweig umfa&szlig;t, der so niedrig hing, da&szlig; ihn die
+Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und
+knochig aus der Tiefe kam. Nicht l&auml;nger der Weg vom Moos
+zu ihrem Herzen gestern als heute zu seinem; ihm war, als
+k&ouml;nne er noch einen verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen
+und mit fortnehmen, Gedanken oder Wunsch oder Bild;
+verhauchtes namenloses Etwas, von einer Geistermacht f&uuml;r
+ihn bewahrt, durch Geisterbeschlu&szlig; ihm zugesprochen.</p>
+
+<p>Als er zur&uuml;ckkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch
+bereit. Er dankte Dietrich f&uuml;r die gew&auml;hrte Gastfreundschaft,
+dr&uuml;ckte ihm mehrmals die Hand und sagte, wenn ihn
+der Weg nach Heidelberg f&uuml;hre, m&ouml;ge er das Landgrafsche
+Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem
+Anla&szlig; vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-unt&auml;tigem
+Gef&uuml;hl d&uuml;rfe er sich nicht &uuml;berlassen; er sei nur
+ein geringer Soldat in der gro&szlig;en Armee der Geistesk&auml;mpfer
+und geh&ouml;re auf seinen Posten. Es habe ihm wohlgetan, f&uuml;gte
+er, nicht mit der Miene eines geringen Soldaten, sondern
+eines Generals, zum Schlu&szlig; hinzu, in den drei jungen Leuten
+so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.</p>
+
+<p>Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede
+wirkte auf sie so wenig wie auf Dietrich angenehm. Es
+war alles Form, gedrechselt bis auf den Buchstaben, imponierend
+und &uuml;berlegen, doch ohne W&auml;rme. Man brachte ihm
+die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete
+ihn ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu h&ouml;ren war,
+scharfes Zwiegespr&auml;ch entspann sich zwischen Vater und
+Tochter; jener sah hochm&uuml;tig und beherrscht aus, das junge
+M&auml;dchen redete leise und bestimmt. Sie trennten sich, ohne
+einander die Hand zu reichen.</p>
+
+<p>Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause
+zu reisen. Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>ziehen und f&uuml;r die n&auml;chsten Wochen dann in einer Pension
+Unterkunft suchen. Sie w&uuml;nschte in der N&auml;he von C&auml;cilies
+Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als Hanna
+schienen durch ihre energische Willens&auml;u&szlig;erung ziemlich
+erstaunt. Dietrich bekam sie &uuml;brigens erst zu Gesicht, als
+sie an Hannas Seite das Haus verlie&szlig;, um in den Wagen zu
+steigen. Sie mochte f&uuml;nfzig Jahre z&auml;hlen, sah aber jetzt
+wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen wankte sie
+durch den Flur, die Haut war ents&auml;ftet, die Arme hingen
+kraftlos. Dietrich n&auml;herte sich sch&uuml;chtern, beugte sich herab
+und k&uuml;&szlig;te ihr die Hand. Sie schaute ihn gro&szlig; und fremd an,
+schien von einer Ahnung erfa&szlig;t zu werden und halb entsetzt,
+halb ergriffen st&uuml;tzte sie sich eine Sekunde lang auf
+seine Schulter.</p>
+
+<p>Als sie im Wagen sa&szlig;en, fing Hanna an, von Oberlin zu
+sprechen, von seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen
+Freundlichkeit. Sie habe ihm Nachricht verhei&szlig;en;
+sie habe sich entschlossen, ihn hie und da zu sehen, da sie
+nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu zeigen.
+Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber
+wenn man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare
+sei passiert, da&szlig; er C&auml;cilie noch von Angesicht zu
+Angesicht gesehen, vorher, und da&szlig; er nun um sie trauere,
+als sei sie seine Braut gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagst du da, Kind, was sagst du da!&laquo; rief Frau
+Landgraf beschw&ouml;rend.</p>
+
+<p>Hanna senkte die Augen. &raquo;Am liebsten h&auml;tte er uns bei
+sich im Haus behalten,&laquo; f&uuml;gte sie trocken hinzu; &raquo;als ich
+ihm sagte, da&szlig; wir gingen, wollte er nichts davon wissen
+und dich zum Bleiben bewegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen&laquo;, murmelte
+Frau Landgraf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er
+uns nachgeschaut hat mit den z&auml;rtlichen Augen. Ja, er hat
+z&auml;rtliche Augen, fuhr sie fort zu gr&uuml;beln; er ist einer, der
+sich zu opfern f&auml;hig ist. So sprechen sie, so blicken sie, die
+Unbedingten. Sie weinen nicht, sie verzweifeln nicht, sie
+handeln. Er ist anders als alle, und alle sp&uuml;ren es, auch
+der H&uuml;bsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der
+sein Freund ist.</p>
+
+<p>Ich m&ouml;chte, da&szlig; er tanzt, war pl&ouml;tzlich ihr bizarrer Gedanke;
+ich m&ouml;chte, da&szlig; er &uuml;bersch&auml;umt und wie ein Leichtsinniger
+schwatzt; ich m&ouml;chte ihn umkehren, da&szlig; er an sich
+irre wird; ich m&ouml;chte, da&szlig; er l&uuml;gt und stiehlt und es keinem
+bekennt au&szlig;er mir; er m&uuml;&szlig;te vor mir schuldig sein und sich
+dem&uuml;tigen.</p>
+
+<p>So konnte sie vor&uuml;bergehend empfinden. Sie war so
+vielfach in den Stunden wie die Stunden selbst waren.
+Keine Regung, mit der Blut und Gedanke nicht st&uuml;rmisch
+schwangen und die sich nicht verfl&uuml;chtigt h&auml;tte, anger&uuml;hrt
+von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog
+k&uuml;hn die H&auml;nde hin; und kehrte zur&uuml;ck in ihr Versteck,
+wo sie sich weltscheu verschanzte. Niemand konnte sie erraten;
+&auml;u&szlig;erlich n&uuml;chtern, gehorchte sie den &Uuml;berlieferungen
+ihrer Kaste.</p>
+
+<p>Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie
+trafen sich vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.</p>
+
+<p>Zwischen den Freunden kam es, kaum da&szlig; sie wieder unter
+sich waren, zu Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst
+nichtig; eine vergessene Verabredung gen&uuml;gte, ein &uuml;bereiltes
+Wort, eingebildete Vernachl&auml;ssigung. Aus Meinungsverschiedenheit
+wurde Streit, aus Streit fortwuchernde
+Mi&szlig;laune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>&uuml;berdr&uuml;ssig geworden sind; jeder wurde durch Blick und
+Miene des anderen gereizt, und sogar Georg Mathys lie&szlig;
+es dann an Wohlwollen fehlen.</p>
+
+<p>Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe
+offenen Bruch f&uuml;hrte ein Brief herbei, den Justus Richter
+von seiner Schwester aus Heidelberg erhielt und den er
+den Freunden vorlas. Er hatte &uuml;ber den Selbstmord C&auml;cilie
+Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort
+berichtete die Schwester, was man sich &uuml;ber die Landgrafsche
+Familie dort erz&auml;hlte und was l&auml;ngst stadtl&auml;ufig war,
+Skandal &uuml;ber Skandal, so da&szlig; die Katastrophe eigentlich
+wenig &Uuml;berraschung erregte. B&uuml;rgerliche Form als d&uuml;nner
+Firnis; darunter Zerst&ouml;rung und Zerfall.</p>
+
+<p>Die Frau von ihrem Gatten unw&uuml;rdig behandelt; das
+f&uuml;r den Haushalt n&ouml;tige Geld m&uuml;sse sie sich von Bekannten
+ausleihen. Seit Jahr und Tag habe der Professor eine Beziehung
+zu einer Schauspielerin in Darmstadt, deren verschwenderische
+F&uuml;hrung, Prunksucht und Spielleidenschaft,
+den Gro&szlig;teil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge.
+Von berechnendem Geiz gegen die Seinen, lebe er
+au&szlig;erhalb des Hauses als Grandseigneur. Die T&ouml;chter
+wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die
+ihre Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast
+&uuml;bersteige jeden Begriff; Lieferanten in der Stadt wie ausw&auml;rts
+drohten mit Proze&szlig;. In letzter Zeit habe die Dame
+in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu ein
+junges M&auml;dchen aus adligem Haus, eine Gr&auml;fin Bettine
+Gottlieben zu Gottlieben, die wegen eines Gem&uuml;tsleidens
+von ihrem Vater zu Professor Landgraf gebracht worden
+war. Zwischen ihr und C&auml;cilie habe sich Freundschaft entwickelt,
+die einerseits Hannas Eifersucht erweckte, andererseits
+dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>einer h&auml;&szlig;lichen Auseinandersetzung zwischen C&auml;cilie und
+ihrem Vater gekommen, und der Professor habe ge&auml;u&szlig;ert,
+er werde sie in eine Anstalt sperren lassen. Allgemein hei&szlig;e
+es, er k&ouml;nne sich an der Universit&auml;t wie auch in seiner Praxis
+nur durch den au&szlig;erordentlichen Ruf halten, den er als
+Gelehrter und Arzt genie&szlig;e; aus allen Weltteilen str&ouml;mten
+die Kranken zu ihm, und die Erfolge seiner analytischen
+Methode seien derart, da&szlig; sie die Gegner zum Schweigen
+zw&auml;ngen, obgleich selbst die Anh&auml;nger zugeben m&uuml;&szlig;ten,
+da&szlig; er einer von denen sei, die kaltbl&uuml;tig &uuml;ber Leichen schritten
+und deren Geldgier &uuml;brigens keine Grenzen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei
+alles nicht wahr, stie&szlig; er hervor, sei alles b&ouml;swilliger Klatsch
+und unbesonnenes Gerede, zusammengebraut von alten
+Weibern und aufs&auml;ssigen Fachgenossen; jedem Wort hafte
+die L&uuml;ge und &Uuml;bertreibung des giftigen H&ouml;rensagens an;
+wie Justus sich nicht sch&auml;men k&ouml;nne, dergleichen zum Besten
+zu geben.</p>
+
+<p>Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell;
+er wundere sich &uuml;ber die K&uuml;hnheit, mit der Oberlin
+seine Schwester verd&auml;chtige und weise den schn&ouml;den Inzicht
+zur&uuml;ck. Auch ihm seien, w&auml;hrend er zu Hause gewesen, &uuml;ble
+Ger&uuml;chte &uuml;ber den Professor zugetragen worden, er habe sich
+nur nicht gleich erinnert; dies und jenes h&auml;tten die Spatzen
+von allen D&auml;chern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie
+einf&auml;ltig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis
+in Abrede stelle, was, leider Gottes m&uuml;sse man sagen,
+sonnenklar am Tage liege.</p>
+
+<p>Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher
+Wut, er glaube es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend
+Zeugen daf&uuml;r bringe. Nichts sei glaubw&uuml;rdig, was unter
+den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das Reinste
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und Niedertr&auml;chtige
+un&uuml;berpr&uuml;ft f&uuml;r bare M&uuml;nze nehmen? Er glaube
+es nicht, keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden
+zu wollen, sei eine Schlechtigkeit.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;r mal, Oberlin, das ist n&auml;rrisch,&laquo; mischte sich Georg
+Mathys in den Zank; &raquo;du ereiferst dich sinnlos. Es handelt
+sich doch hier mehr oder weniger um Tatsachen, und die
+Wahrheit kann ergr&uuml;ndet werden, falls uns darum zu tun
+ist. D&uuml;nkt es dich denn etwas so Unerh&ouml;rtes, da&szlig; in der
+b&uuml;rgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen?
+Da wei&szlig;t du eben nicht, wie durchh&ouml;hlt der Boden ist, auf
+dem sich unsere Existenz abspielt und wie nah wir best&auml;ndig
+am Abgrund schreiten. Wie in einem Raum, aus dem nach
+und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen unserer
+Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei
+zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen,
+du wirst es schon erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Gemeinpl&auml;tze, ich bitte dich darum,&laquo; rief Dietrich,
+&raquo;es macht mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie
+leben, und keinen hast du in dir drin. Du mu&szlig;t nicht allen
+Verstand alleine haben wollen. Ich glaub dir nicht, ich glaub
+euch nicht, ihr redet so und handelt anders. Sei ehrlich,
+antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem
+Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zur&uuml;ck! Und du,
+Richter, denk doch, denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen
+und seid ihr nicht vor ihr dagestanden, als h&auml;tt euch
+der Erzengel mit silberner Fittich gestreift? Nun la&szlig;t ihrs
+zu, da&szlig; man Unrat &uuml;ber sie sch&uuml;ttet. Das ertrag ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick.
+Der von Mathys bat um Einhalt, er begriff das Au&szlig;ersichsein
+Dietrichs, die flehentliche Berufung pl&ouml;tzlich besser und
+tiefer als der eigensinnige Justus Richter, der sich verbissen
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>hatte und sich f&uuml;r die Schwester beleidigt fand. Es kam
+auch eine Art M&auml;nner&auml;rger hinzu, den er dar&uuml;ber versp&uuml;rte,
+da&szlig; Oberlin sich so ma&szlig;los einsetzte f&uuml;r ein weibliches Wesen,
+auf das er so wenig Anrecht besa&szlig; wie Justus selbst. Er
+wollte es nicht gelten lassen, sprudelte etwas hervor von
+Borniertheit und &Uuml;berheblichkeit und sagte sp&ouml;ttisch, wenn
+Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf beziehe,
+mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe,
+brauche er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein;
+die werde ihm sicherlich keinen reinen Wein einschenken.
+Georg Mathys, der das Erblassen Dietrichs bemerkte, wies
+die R&uuml;pelei Richters scharf zur&uuml;ck, und nun gerieten die
+zwei einander in die Haare, w&auml;hrend Dietrich mit verschr&auml;nkten
+Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute,
+die ihm h&auml;&szlig;lich vorkamen wie Fratzen.</p>
+
+<p>Auch als am Abend wieder vers&ouml;hnlichere Stimmung
+eintrat, blieb in allen der bittere Bodensatz. Es war keine
+freie Verst&auml;ndigung mehr, die Harmlosigkeit war gewichen,
+der sch&ouml;ne Dreiklang hatte sich in Mi&szlig;t&ouml;ne zersplittert, und
+jeder einzelne hatte das Gef&uuml;hl, da&szlig; die Zeit abgelaufen
+und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste,
+der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag
+schon reiste er nach Hause. Zu seiner &Uuml;berraschung teilte ihm
+Oberlin auf dem Bahnhof seinen Entschlu&szlig; mit, den Winter
+in Heidelberg zu verbringen und dort die Pr&uuml;fungen abzulegen.
+&raquo;Dann werden wir uns ja hoffentlich viel sehen&laquo;,
+antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coup&eacute;
+stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als
+wage er es nicht ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern.
+&raquo;Trotz allem, Oberlin&laquo;, sagte er lachend.</p>
+
+<p>Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied.
+Er fuhr zu Verwandten nach Luzern und wollte Ende Oktober
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>in Basel sein. Sie hatten dar&uuml;ber ein kurzes Gespr&auml;ch,
+und an dessen Schlu&szlig; sagte Mathys: &raquo;Zu verabreden haben
+wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich
+zu binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn
+ich dich jetzt verlasse, auf eine weite Reise. Ich wei&szlig; nicht,
+was in dir vorgeht, ich sp&uuml;r nur deine Ungeduld und dein
+erregtes Herz. Ich hab Angst um dich; ich sag es geradeheraus,
+dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, da&szlig;
+ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme
+Tante. Halt deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut
+nacht tr&auml;umte mir, eine tolle Bestie h&auml;tte dich im Wald &uuml;berfallen
+und in St&uuml;cke zerrissen. Menschen wie du sind auf
+der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu bezahlen. Gib
+wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was
+ich da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der tr&uuml;ben
+Ahnung; es ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken
+bin, und au&szlig;erdem haben deine Augen jetzt was
+merkw&uuml;rdig Geisterhaftes. Sei auf deiner Hut, Oberlin,
+und wenn du mich brauchst, du wei&szlig;t, dann bin ich da.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich nickte, bewegt und verwundert.</p>
+
+
+<h3>Was vermag denn ein Mensch?</h3>
+
+<p class="newchapter">Es klang nach vertraulicher Er&ouml;ffnung, als Hanna Landgraf
+Oberlin von einem Tagebuch C&auml;cilies erz&auml;hlte, das
+sie bis zuletzt gef&uuml;hrt. Er vernahm es hochaufhorchend.</p>
+
+<p>Z&ouml;gernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, C&auml;cilie habe ihr
+die eine oder andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der
+Schwester anzur&uuml;hren, habe sie sich gescheut. Er sagte, das
+begreife er. Vielleicht werde sie es beim n&auml;chsten Mal mitbringen,
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>fuhr sie fort; vielleicht entschlie&szlig;e sie sich, ihm etwas
+daraus zu zeigen.</p>
+
+<p>Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben
+d&uuml;rfe, was C&auml;cilie vor fremden Augen hatte verbergen
+wollen.</p>
+
+<p>Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu
+wahren wissen; es handle sich doch vor allem darum, zu
+erfahren, was den Vorsatz zu sterben in ihr bewirkt und befestigt
+habe, m&ouml;glicherweise finde sich in den Aufzeichnungen
+ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr ins
+Gewicht gegen die andere, gr&ouml;&szlig;ere. Ungewi&szlig;heit sei Qual;
+Wahrheit, selbst die grausamste, beruhige.</p>
+
+<p>Sie sprach mit ihrer f&uuml;lligen rauhen Stimme und mit
+einem unergr&uuml;ndlichen Unterton von K&auml;lte und Ironie.
+Wollte sie seiner spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst,
+mit denen sie ihn so &uuml;berraschend einbezog in das Gewebe
+von Leben und Tod der Schwester? Er f&uuml;rchtete es. War
+sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne F&auml;hrte?
+Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr
+zu verb&uuml;nden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit
+wolle, m&uuml;sse sie auch die Geheimnisse aufdecken, und an
+denen teilzunehmen, meine er kein Recht zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden ja sehen&laquo;, sagte sie kurz, und achselzuckend
+setzte sie hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er
+nicht zu sein. Ihr sei jetzt einer n&ouml;tig, der im kritischen Moment
+den Mut zum Ja oder Nein aufbringe. Nach einer
+mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen, dem Mut gewisserma&szlig;en
+Passion und Eingebung sei.</p>
+
+<p>Verf&auml;ngliche &Auml;u&szlig;erung; da er schwieg und nur einen
+schnellen Seitenblick auf sie warf, l&auml;chelte sie geringsch&auml;tzig
+und sagte, sie bezweifle, da&szlig; das Tagebuch die gew&uuml;nschten
+Aufschl&uuml;sse geben werde. Die ihr bekannten Partien
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen
+und Merkdaten fl&uuml;chtiger Erlebnisse. Ihr fehle f&uuml;r derlei
+sowohl Geduld wie Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem
+Tun und Denken eine ungeb&uuml;hrliche Wichtigkeit bei und
+meinten sich das Leben zu erleichtern, wenn sie solch kleinen
+Extrakalender in der Kommodeschublade aufbewahrten. Sie
+habe auch mit C&auml;cilie dar&uuml;ber gestritten, aber die Folge sei
+gewesen, da&szlig; sie ihr dann mi&szlig;traut habe.</p>
+
+<p>So h&auml;tten sie sich also nicht schwesterlich vertragen?
+erkundigte sich Dietrich naiv.</p>
+
+<p>&raquo;Wie einf&auml;ltig sich das anh&ouml;rt,&laquo; rief sie aus, &raquo;wie aus
+dem alemannischen Schatzk&auml;stlein.&laquo; Ob er glaube, zwei
+Menschen wie sie und C&auml;cilie h&auml;tten aufwachsen sollen
+wie Turtelt&auml;ubchen? &raquo;Wir waren oft eine von der andern
+wund,&laquo; sagte sie mit lodernden Augen, &raquo;es ging ans Blut,
+die Welt wurde eng. Freilich sie&nbsp;... sie wu&szlig;t es nicht wie
+ich; oder wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Sch&ouml;n-Sein
+zur&uuml;ck, in ihr Verg&ouml;ttert-Sein; dann ist man dagestanden,
+blamiert, armselig, hilflos&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter
+Nerv des Lauschens. Aber an der Ecke zu der
+Pension, wo Mutter und Tochter nun wohnten, warf sie
+ein gleichg&uuml;ltiges &raquo;auf morgen&laquo; hin, ohne ihm die Hand
+zu bieten.</p>
+
+<p>Als er bei der n&auml;chsten Begegnung, zur selben Stunde
+und wieder am Kirchhofstor, die Rede sch&uuml;chtern auf das
+Tagebuch brachte, erwiderte sie, sie habe es nicht gefunden;
+vielleicht habe es C&auml;cilie zu Hause gelassen. Auf seine ungl&auml;ubige
+Miene dann: sie wolle offen sein und gestehen, da&szlig; sie
+vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch nichts
+sagte: sie habe bereut, da&szlig; sie davon gesprochen; sie habe
+sichs &uuml;berlegt und f&uuml;rchte, es nicht verantworten zu k&ouml;nnen,
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>wenn sie ihm Einblick gew&auml;hre, dem v&ouml;llig Fremden, von
+dem nicht einmal der Name zu C&auml;cilie gedrungen sei.</p>
+
+<p>Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht fl&ouml;&szlig;te
+ihr Mitleid ein. &raquo;Wir werden sehen&laquo;, sagte sie wieder wie
+gestern, als er es gewesen, der Bedenken ge&auml;u&szlig;ert; es sei
+&uuml;brigens m&ouml;glich, da&szlig; es die Mutter in Verwahrung genommen
+h&auml;tte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an
+Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten,
+vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte
+er dies tun, mit welcher Befugnis?</p>
+
+<p>&raquo;Ist es ein Buch? ein Heft?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen
+Sie das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und
+was w&uuml;rde es besagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist nicht anzunehmen, da&szlig; ein Wort, eine Anspielung,
+ein Gest&auml;ndnis&nbsp;... haben Sie nicht daran gedacht? Antworten
+Sie doch!&laquo;</p>
+
+<p>Bedr&auml;ngt von dem beklommenen Ungest&uuml;m sagte sie, es
+sei nicht anzunehmen, es widerspreche C&auml;cilies Charakter
+durchaus. &raquo;Und wenn es auch geschehen w&auml;re,&laquo; rief sie,
+&raquo;was soll es, was n&uuml;tzt es? k&ouml;nnen Sie sie ins Leben zur&uuml;ckrufen
+damit? Was hat es f&uuml;r einen Sinn? Was &auml;ndert es
+f&uuml;r Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Er sagte leise: &raquo;Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den
+Sinn, zu sehen. Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann
+werd ich sie wirklich sehen. Ich mu&szlig; sie wirklich sehen.
+Vorher hab ich keine Ruhe.&laquo;</p>
+
+<p>Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein gr&uuml;blerisch
+gesammeltes Gesicht. Da fragte er unvermittelt,
+ihrem Auge begegnend, wer der junge Mann gewesen sei,
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>mit dem sie am Nachmittag vor dem Ungl&uuml;ck gegangen.
+Hanna, als h&auml;tte sie eben diese Frage erwartet, antwortete
+auffallend bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen,
+es sei Hubert Gottlieben gewesen, von den Grafen Gottlieben
+am Untersee.</p>
+
+<p>Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern.
+&raquo;Der Bruder von Bettine Gottlieben?&laquo; fl&uuml;sterte er best&uuml;rzt.
+Und nun war es an Hanna, zu erschrecken. Woher
+er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt sei?
+Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich
+von seinem Betragen denken solle?</p>
+
+<p>Mysteri&ouml;s erscheinen mochte er nicht. Er erz&auml;hlte ihr von
+dem Brief, den Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt,
+wohl mit schonenderen Worten, doch Punkt f&uuml;r Punkt,
+ohne erhebliche Auslassungen. Er erz&auml;hlte auch von dem
+Zank, der sich dar&uuml;ber zwischen ihm und den Freunden
+entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich
+nicht davon habe abbringen lassen, da&szlig; das alles abscheuliche
+Verleumdungen seien. Dem h&auml;tte namentlich
+Justus Richter widersprochen, und es w&auml;re Zerw&uuml;rfnis
+entstanden.</p>
+
+<p>Hanna Landgraf h&ouml;rte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen
+sah er die eigent&uuml;mlich gew&ouml;lbte Oberlippe beben, und unter
+der bronzenen Br&auml;une der Wangen schimmerte wieder die
+Bl&auml;sse, die er kannte und die ihn ergriff.</p>
+
+<p>Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein
+neues. Viel von dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle
+ihres Innern anger&uuml;hrt, die bisher verh&auml;rtet gewesen war
+gegen die Stimme der Welt. Die Lauterkeit des schlanken
+Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es zu fassen,
+des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie
+Zeit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>Es war gegen Abend, der Westen war zart bew&ouml;lkt und
+gef&auml;rbt, vom See zogen Oktobernebel herauf. Sie sa&szlig;en
+auf der Rundbank unter einer m&auml;chtigen Linde, die unfern
+von der Mauer des Friedhofes ihren noch wenig entlaubten
+Wipfel in die feuchte D&auml;mmerung breitete.</p>
+
+<p>&raquo;So weit ists also schon,&laquo; sagte Hanna, &raquo;man schreibt
+sichs einander, als w&auml;ren es &ouml;ffentliche Angelegenheiten.
+Ich wundere mich nicht, es l&auml;uft den Weg schon lang. Sie
+haben unrecht gehabt, es f&uuml;r L&uuml;ge und Verleumdung zu
+erkl&auml;ren; die Illusion mu&szlig; ich Ihnen leider rauben. Die
+schauderhaften Jahre haben ja flei&szlig;ig daran gearbeitet, da&szlig;
+die Mauern bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir
+in unseren vier W&auml;nden getan und geredet haben, war Gift
+und Schmach, und jeder hats eingeatmet und jeder hats
+erhorcht, der nur &uuml;ber die Schwelle schritt. Manches ist
+falsch in dem Brief; nat&uuml;rlich, es mu&szlig; doch auch f&uuml;r die
+Kombination der Leute was &uuml;brigbleiben; aber das meiste
+ist wahr, leider. Da&szlig; C&auml;cilie gewu&szlig;t haben soll von dem,
+was sich zwischen Bettine Gottlieben und meinem Vater
+abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die
+gewu&szlig;t hat, ich, die es durchgek&auml;mpft hat; nur meine Augen
+haben gesehen, nur ich hab davor gezittert. An C&auml;cilie kam
+das Schreckliche nicht heran, sie war die einzige, an die nichts
+herangekommen ist. Die Menschen redeten vor ihr mit
+andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein anderes Gesicht.
+An sie ist nichts herangekommen, au&szlig;er die Liebe,
+au&szlig;er die blinde Verg&ouml;tterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt,
+die Welt war umgelogen; im Nu war das Schwarze
+wei&szlig;, das H&auml;&szlig;liche sch&ouml;n, das Schlechte gut. Und sie, sie
+nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe und Verg&ouml;tterung;
+nicht als w&auml;re sie kalt gewesen und ohne Seele, o nein. Es
+war eben alles zu wenig f&uuml;r sie. Wenn einer sein ganzes
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>Inneres vor ihr ausgesch&uuml;ttet h&auml;tte, Hab und Gut geopfert
+h&auml;tte, wie es ja geschehen ist, die ganze Erde f&uuml;r sie erobert
+h&auml;tte, in den Himmel hinaufgeflogen w&auml;re, um die Sterne
+f&uuml;r sie herunterzurei&szlig;en: zu wenig. Sie sp&uuml;rte vielleicht gar
+nicht unsern Jammer, sie wu&szlig;te ihn nicht. Niemand h&auml;tte
+sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine Andeutung
+von dem zu machen, was um sie herum vorging,
+ich nicht, die Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst
+davor wie vor etwas Unausdenklichem. Unausdenklich war
+es f&uuml;r jeden, ihr Kummer zu bereiten oder nur Unruhe. Dabei
+war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im Traum was
+Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von
+ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und
+wer den zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen
+hatte, fragte hauchend: &raquo;Und Ihr Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr&laquo;, gab Hanna
+rauh zur&uuml;ck. &raquo;Er f&uuml;hlte sich nie wohl, wenn sie im Hause
+war. Seit ihrer fr&uuml;hen Jugend war er immer darauf bedacht,
+sie zu entfernen. Sie war monatelang bei Verwandten
+oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mu&szlig;te
+einfach mit. Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder
+er verreiste; in ihrer Gegenwart redete er mit ver&auml;nderter
+Stimme und spielte geradezu Kom&ouml;die. Es mag jetzt vier
+Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, C&auml;cilie
+und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zur&uuml;ckgekommen,
+da sa&szlig;en wir mit den Eltern bei Tisch und C&auml;cilie sprach
+zum erstenmal von ihrem Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule
+einzutreten. Die Mutter wollte nichts davon
+h&ouml;ren, auch der Vater schien nicht entz&uuml;ckt von dem Vorhaben
+und erkl&auml;rte ihr, da&szlig; sie sich nach seiner Meinung dadurch
+gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespr&auml;ch
+<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>auf andere Dinge, C&auml;cilie verlie&szlig; das Zimmer, und kaum war
+sie drau&szlig;en, sprang der Vater auf, streckte den Arm &uuml;ber
+den Tisch und rief meiner Mutter mit einem Ausdruck von
+Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: La&szlig; sie nur fort;
+sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule,
+ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes
+zu machen; vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen,
+mir graute beinahe, ich fragte mich: was ist das zwischen
+ihm und C&auml;cilie, was geht da vor? wozu diese Verstellung
+erst und dann die Freude?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seltsam&laquo;, fl&uuml;sterte Dietrich.</p>
+
+<p>&raquo;Von ihm w&auml;re viel zu sagen,&laquo; fuhr Hanna fort; &raquo;er
+ist stark und hat keine Grenzen wie andere, bei denen man
+dann wei&szlig;: so, jetzt &uuml;berschau ich ihn, jetzt kann mich nichts
+mehr &uuml;berraschen. Ich habe B&uuml;cher &uuml;ber schwarze Magie
+gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt
+hatten &uuml;ber den Teufel und die D&auml;monen. Ich glaube, solch
+ein Mensch ist er. Ach, mir ist pl&ouml;tzlich, als m&uuml;&szlig;t ich mir
+alles von der Seele reden. Sie haben etwas an sich, Dietrich
+Oberlin, das einen dazu verf&uuml;hrt. Dieser Mann, unser
+Vater, Sie k&ouml;nnen nicht ermessen, was er in unserm Leben
+bedeutet hat, in meinem und C&auml;cilies. Aber lassen Sie mir
+Zeit. Es geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich
+anschauen, mit dem Blick, in dem nichts steht als: C&auml;cilie,
+mit dem Sie mich beschw&ouml;ren und in die Enge treiben, da
+wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter. Begreifen
+Sie nicht, da&szlig; Sie mich f&ouml;rmlich austilgen und zu
+einem traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich
+hindurch zu ihr wollen und nichts anderes sonst?&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Durch Sie hindurch&nbsp;... zu ihr,&laquo; wiederholte Dietrich
+mit best&uuml;rztem Erstaunen, &raquo;ja, es mag sein, Sie haben recht,
+doch verzeihen Sie&nbsp;... verzeihen Sie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>&raquo;Verzeihen,&laquo; sie lachte gek&uuml;nstelt, &raquo;da ist nichts zu verzeihen.
+Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu
+dem Schatten; angenommen, ich lasse mich ausl&ouml;schen,
+austilgen und werde ganz zum Transparent f&uuml;r C&auml;cilie,
+wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt
+mir dann? was bin ich dann?&laquo; Da er betroffen schwieg, setzte
+sie mit schmerzlicher Koketterie hinzu: &raquo;Was wollen Sie
+mir daf&uuml;r geben, daf&uuml;r, da&szlig; ich nicht mehr bin&nbsp;&#8211;&nbsp;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles,&laquo; stammelte Dietrich, &raquo;alles will ich Ihnen geben,
+alles will ich Ihnen sein, was ein Mensch vermag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was vermag denn ein Mensch?&laquo; fragte sie lauernd;
+&raquo;was ist das: alles&nbsp;&#8211;&nbsp;?&laquo;</p>
+
+<p>Er ergriff ihre Hand und pre&szlig;te sie zwischen seinen beiden.
+&raquo;Alles, das bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele.
+Sie sind ja die Schwester, Sie sind ja ein St&uuml;ck von ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Schwester,&laquo; sagte sie klagend, &raquo;Zwillingsschwester
+sogar; Sie wissen nicht, was das hei&szlig;t. Du wei&szlig;t nicht,
+was das war. La&szlig; ab von mir, armer Dietrich, es nimmt
+kein gutes Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre k&uuml;hle
+Hand. Sie duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm
+langsam &uuml;ber das Haar. Sie l&auml;chelte r&auml;tselhaft dabei.</p>
+
+
+<h3>Bildnisse C&auml;cilies</h3>
+
+<p class="newchapter">Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie
+habe sich des &ouml;ftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An
+dem Nachmittag, an dem er sich dazu entschlo&szlig;, war eben
+eine Depesche des Professors eingetroffen, kategorischer Befehl
+an Frau und Tochter, nach Hause zu reisen. Sie hatten
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>das Logis bereits gek&uuml;ndigt. Frau Landgraf begr&uuml;&szlig;te Dietrich
+wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte,
+fragte sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter.
+Im Laufe der Unterhaltung sagte sie: &raquo;Wenn ich einen Sohn
+h&auml;tte haben d&uuml;rfen, w&auml;re alles anders geworden. Frauen, die
+keine S&ouml;hne haben, stehen im zweiten Rang; so scheints mir
+manchmal; sie wurzeln nicht kr&auml;ftig und sie wachsen
+nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs S&ouml;hnen,
+sie war eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden,
+das hatte was Grandioses.&laquo;</p>
+
+<p>Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von
+dem Standpunkt aus beurteilen wolle, d&uuml;rfe man sie nicht
+auf ihr Gut und B&ouml;se hin ansehen. Darum ginge es auch
+nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und b&ouml;se,
+sondern um &auml;rmer oder reicher, um st&auml;rker oder schw&auml;cher.
+Sich nach g&ouml;ttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten,
+sei ohnehin nicht Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes
+St&uuml;ck, sein Hinauf oder Hinab, und wisse um kein
+Ziel.</p>
+
+<p>Dietrich erz&auml;hlte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig
+verhaltene Worte, desungeachtet formte sich eine
+Gestalt aus reinstem Stoff, und gerade die j&uuml;nglinghafte
+Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde Schmuck.
+Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung;
+wie eigen, da sah er sie hoch &uuml;ber sich, in einer d&uuml;nneren Luft,
+mit ernster Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte
+furchtsam den Blick. Hanna lie&szlig; ihn nicht aus dem Auge,
+in ihren Mienen war neidvoller Unglaube, forschende Verwunderung.
+Es kam Dietrich &uuml;brigens vor, als sei sie in
+den letzten Tagen sch&ouml;ner geworden; schien es deshalb, weil
+ein gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte
+sie so seinem Wesen, seinem in der Stummheit wirkenden
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>Gef&uuml;hl? Es war leicht um ihn und in ihm; eine leichte s&uuml;&szlig;e
+musikalische Spannung.</p>
+
+<p>Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er
+ruhig, er gehe gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz
+l&auml;ngst, das Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen;
+der Einwilligung der Mutter sei er sicher. Hanna zeigte sich
+keineswegs &uuml;berrascht; sie verlor in Gegenwart der Mutter
+nicht die stolze Gemessenheit, und in besch&uuml;tzerischem Ton
+fragte sie, ob er denn ohne langwierige Vorbereitungen &uuml;bersiedeln
+k&ouml;nne. Er bejahte. Dann k&ouml;nne er ja mit ihr und
+der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er,
+und Frau Landgraf f&uuml;gte hinzu, sich an ihre Tochter wendend,
+da k&ouml;nne man ihm ja vielleicht die beiden Zimmer verschaffen,
+die Bettine Gottlieben bewohnt habe, oben im
+Kestnerschen Haus.</p>
+
+<p>Hanna schwieg. &raquo;Wunderlich,&laquo; sagte sie, als sie Dietrich
+in den Flur begleitete, &raquo;wie immer alle F&auml;den in denselben
+Knoten laufen, auch wenn man es nicht will und denkt.
+Ich werde an Kestners sofort schreiben; da&szlig; die Zimmer noch
+frei sind, wei&szlig; ich. Bettine ist die letzten drei Tage dort in
+einem krampf&auml;hnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war
+C&auml;cilie bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine
+Mieter mehr haben. Da&szlig; du dort hausen sollst!&laquo;</p>
+
+<p>Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie
+in Heidelberg an. Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel,
+am Morgen f&uuml;hrte ihn Hanna zu Kestners, einem alten
+Ehepaar. Nach etwas umst&auml;ndlichen Verhandlungen wurden
+ihm die beiden Zimmer &uuml;berlassen und eine Stunde sp&auml;ter
+zog er ein. Es waren R&auml;ume von angenehmen Verh&auml;ltnissen,
+die Decke niedrig, die W&auml;nde mit blaugemustertem
+Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da und dort; die
+hellen alten M&ouml;bel, bauchig geschwungen, bildeten ein
+<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube
+stand ein mit Figuren geschm&uuml;ckter wei&szlig;er Kachelofen; das
+breite franz&ouml;sische Bett im Schlafzimmer war in einen Alkoven
+ger&uuml;ckt und mit blauem Kattun verh&auml;ngt. Durch die
+niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar, dr&uuml;ben
+auf rotes uraltes D&auml;cherwerk, dann kamen G&auml;rten, schlie&szlig;lich
+der Schlo&szlig;berg und herbstbrauner Wald, beladen mit
+Sonne.</p>
+
+<p>Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in
+solcher Menge, da&szlig; seine Wirtin nicht wu&szlig;te, wo sie Vasen
+und Gl&auml;ser daf&uuml;r herschaffen sollte. Als Hanna kam, um
+ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei Landgrafs zu
+Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der T&uuml;r stehen; all
+das Gelb und Violett und Rot k&auml;mpfte jubelnd gegen die
+D&auml;mmerung. Er war besch&auml;ftigt, seine B&uuml;cher aufzustellen;
+Hanna war ihm behilflich. Sie plauderten dabei, jeder vor
+sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak sie; es war acht
+vor&uuml;ber, der Professor hielt auf P&uuml;nktlichkeit. Doch hatte
+man nur wenige Minuten zu gehen.</p>
+
+<p>Professor Landgraf begr&uuml;&szlig;te Dietrich und sagte, er sei
+erfreut, ihn so unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte
+etwas Beunruhigendes, da&szlig; man hinter den starken Brillengl&auml;sern
+seine Augen nur als schwarze Scheiben gewahrte.
+Dadurch wurde das Gef&uuml;hl erweckt, als habe man es noch
+mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man
+redete, einem im Hinterhalt verborgenen. &raquo;Sie haben sich
+mit Hanna angefreundet,&laquo; sagte er mit hoher Kehlstimme;
+&raquo;das ist sch&ouml;n; haltet nur gute Kameradschaft; auch Margarete,&laquo;
+er deutete auf seine Frau, &raquo;&auml;u&szlig;ert sich wohlgef&auml;llig
+&uuml;ber Sie. Sch&ouml;n, sehr sch&ouml;n; ist ohnehin selten geworden,
+da&szlig; junge Leute sich die Herzen &auml;lterer Damen erobern.
+Sie haltens alle mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole
+<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>ihre Zweckdienlichkeit.&laquo; Er lachte, nahm die Brille ab und
+putzte sie mit dem Taschentuch. Nun glichen die lichtlosen
+Augenscheiben vollends zwei ausgel&ouml;schten Lampen.</p>
+
+<p>Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen,
+Doktor Kelling, einer der Assistenz&auml;rzte des Professors.
+Er verbeugte sich, als Dietrich ihm vorgestellt wurde und
+verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch. Der Professor
+wies die Pl&auml;tze an. &raquo;Mein Tisch ist rund,&laquo; sagte er,
+&raquo;an ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch
+keinen Rang.&laquo; Er wandte sich seltsamerweise zumeist an
+Dietrich, l&auml;chelte ihn freundlich an, reichte ihm die Platten,
+schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen Bewegungen und
+Worten war nerv&ouml;se Hast, auch war er es fast allein, der
+redete.</p>
+
+<p>Dietrich a&szlig; wenig und h&ouml;rte unaufmerksam zu. Als er
+einmal den Blick auf Hanna richtete, machte ihn der gequ&auml;lte
+Ausdruck in ihrem Gesicht betroffen. Er war froh,
+als man aufstehen durfte; der Professor, seine Frau und
+Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna
+winkte Dietrich zur&uuml;ck. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt
+seine Hand fest, sie fl&uuml;sterte: &raquo;Ich mu&szlig; es dir sagen, es
+ist unertr&auml;glich; vielleicht ists Einbildung, vielleicht Hirngespinst,
+aber er spricht mit dir genau so, in genau demselben
+Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit ihr? mit&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Genau so wie er mit C&auml;cilie gesprochen hat. Mit keinem
+andern Menschen auf der Welt hat er so gesprochen.
+Das t&auml;uscht nicht. Mutter hat es auch gemerkt; sie war ganz
+verst&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was will er damit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen.
+Er err&auml;t die Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>ist wie ein Jagdhund, der einer Spur so lange folgt, bis er
+das Wild aufgescheucht hat. Es ist unm&ouml;glich, ihn zu durchschauen.
+Man kann noch so sehr auf der Hut sein, pl&ouml;tzlich
+packt er einen, und man ist verloren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn
+verloren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts, nichts&laquo;, wehrte sie schaudernd ab und schlug die
+H&auml;nde vors Gesicht. &raquo;Wir sind allesamt in seiner Gewalt.
+Wir sind alle nur seine Opfer.&laquo;</p>
+
+<p>Das rasch geraunte Zwiegespr&auml;ch hinterlie&szlig; in Dietrich
+Furcht. Er empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen,
+ihm am andern Tag Briefe zu bringen, die C&auml;cilie an
+sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an sie seien
+jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen,
+sie in Genf, C&auml;cilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren
+gewollt. Sie habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den
+Menschen keine Ruhe habe verschaffen k&ouml;nnen. Davon
+handelten die Briefe haupts&auml;chlich.</p>
+
+<p>In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht
+keinen Schlaf finden. Au&szlig;erdem redeten aus allen Ecken
+des Raums Stimmen zu ihm. Sein Ohr vernahm das L&auml;ngstgesprochene,
+sein Auge sah das L&auml;ngstvergangene. Zwei junge
+M&auml;dchen, die ihre Seele aufbl&auml;tterten, Geheimes vertrauend
+&auml;u&szlig;erten: die eine war tot, die andere in Geistesdunkelheit,
+verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf
+ihn zu, langsam n&auml;her; noch unbestimmt die Figur, ohne
+Umri&szlig; noch der Leib, wieviel Glut und Wille auch immer
+aufzubieten war, um ihr Gestalt zu geben, er mu&szlig;te sichs
+abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder! erscheine wieder!
+Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn vers&auml;umt,
+endg&uuml;ltig und unab&auml;nderlich, dann war die Welt ein schwarzer
+Wust von Sinnlosigkeit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Er bi&szlig; in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken.
+Nicht blo&szlig; diese eine Nacht, sondern in vielen N&auml;chten.</p>
+
+<p>Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen
+war. Hanna vertr&ouml;stete ihn. Jedesmal wu&szlig;te sie andere
+Ausrede, andere Verhinderung. &raquo;Was willst du,&laquo; sagte
+sie gelangweilt, &raquo;ich sage dir ja ohnehin, was drin steht.
+Wozu das Bild verderben.&laquo; Bisweilen peinigte ihn der
+j&auml;he Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gespr&auml;chigkeit
+zu ver&auml;chtlichem Schweigen, von junger herber Frische
+zu freudloser Versunkenheit. &raquo;Was ist denn f&uuml;r ein schlimmer
+Geist in dir, Hanna?&laquo; fragte er einmal. Und sie antwortete,
+mit einem Aufschrei fast: &raquo;Wirst du mich noch lange
+zwingen, Botin und Zwischentr&auml;gerin zu sein? Es macht
+mich m&uuml;rb, es macht mich krank.&laquo;</p>
+
+<p>Da nahm er ihre beiden H&auml;nde und k&uuml;&szlig;te sie eine nach der
+andern, sanft und bittend.</p>
+
+<p>Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und
+sobald sie eintrat, legte er B&uuml;cher und Schreibhefte beiseite.
+Lie&szlig; sie ihn wissen, da&szlig; sie zu der und der Zeit kommen w&uuml;rde,
+so sagte er bei den Lehrern ab, die er inzwischen aufgenommen
+und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende Gewissen
+zu beschwichtigen. Was ihn vorw&auml;rts trieb auf einer
+Bahn, die ihm nur durch Gedankengew&ouml;hnung und eingeborene
+Lebensform gewiesen war, weit weg von dem zerr&uuml;ttenden
+und alle H&ouml;hen und Abgr&uuml;nde durchw&uuml;hlenden
+Blut- und Herzenssturm, h&auml;tte er nicht zu sagen vermocht;
+es war nicht Beharren, nicht Bet&auml;ubung, nicht das dumpfe
+Pflichtgef&uuml;hl der subalternen Naturen. Es gibt Menschen,
+die erst, wenn sie sich vom Schicksal umklammert f&uuml;hlen,
+ihrem Schicksal und dessen Drohung und Gefahr, erst in der
+steigenden Flut der Bedr&auml;ngnis eine einfache bescheidene
+Kraft in sich finden und sie in ruhiger T&auml;tigkeit auf ein
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>erreichbares Ziel zu lenken bem&uuml;ht sind. Darin ist etwas von
+Gnade und von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten;
+in der Nebelwirrnis gl&uuml;ht ihnen ein Gnadenlicht auf.</p>
+
+<p>Schritt f&uuml;r Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk,
+in C&auml;cilies Bezirk. Oft mu&szlig;te er Hanna schlau und zart
+&uuml;berreden, damit sie von C&auml;cilie sprach. Wenn er so warb,
+kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es war, als suche sie
+mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt. Wie
+C&auml;cilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wof&uuml;r sie
+Vorliebe, f&uuml;r wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten,
+was f&uuml;r B&uuml;cher sie gelesen, welche Farben sie geliebt;
+ob sie gern Musik geh&ouml;rt habe; ob sie sich zumeist heiter
+gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie oft gel&auml;chelt
+habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme gewesen
+sei, welche charakteristischen Geb&auml;rden sie gehabt; wie
+sie sich gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe;
+ob sie im Reden besondere Worte und Wendungen gebraucht
+habe und welche.</p>
+
+<p>Hanna bem&uuml;hte sich, die Fragen zu beantworten. Sie
+bem&uuml;hte sich auch, ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche
+Bedeutung, indem sie einen Ton von Munterkeit
+annahm oder aus der Erinnerung Gespr&auml;che, kleine
+Begebenheiten, allt&auml;gliche Szenen berichtete, die auf das
+gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von
+dem Wortwechsel &uuml;ber ein Kleidungsst&uuml;ck etwa, und wie
+C&auml;cilie darauf gehalten habe, da&szlig; sie immer in den n&auml;mlichen
+Kost&uuml;men und in gleichen Farben ausgingen; stundenlange
+n&auml;chtliche Er&ouml;rterung dar&uuml;ber, ob ein Mensch, Doktor
+Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des
+Vertrauens w&uuml;rdig sei. Was sie hierbei von C&auml;cilie sagte,
+war geeignet, die Schwester als die Gewissenhaftere und
+Urteilsf&auml;higere hinzustellen. Sie selber trat zur&uuml;ck, gab
+<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>nach, ordnete sich unter. C&auml;cilie war h&ouml;flichen Gem&uuml;tes,
+machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich
+am einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst
+gegeben. Ihre innerste Angst war die vor der L&uuml;ge. Physische
+Furcht kannte sie nicht. Schrecknis war ihr, das arbeitslose
+Dasein einer verw&ouml;hnten Honoratiorentochter f&uuml;hren
+zu sollen, verha&szlig;t falscher Anspruch, Pochen auf gesellschaftlichen
+Vorrang, Loskauf mit falscher M&uuml;nze, alle
+Halbheit, aller D&uuml;nkel, alles Sich-bequem-machen. Sie
+hatte unbeirrbaren Blick f&uuml;r das Echte, und mit dem Surrogat
+sich daf&uuml;r zu begn&uuml;gen, weigerte sie sich standhaft. Es
+war schwer, sie zu erkennen; sie t&auml;uschte durch freudige Lernbegier,
+durch Unvoreingenommenheit und Teilnahme, vor
+allem aber durch ihre Sch&ouml;nheit, die in den sich ihr N&auml;hernden
+jeden andern Gedanken als eben den an ihre Sch&ouml;nheit
+erstickte, und die sie wie eine m&auml;rchenhafte Flamme umstrahlte.</p>
+
+<p>Einst h&auml;tten sie zusammen den Turm des Stra&szlig;burger
+M&uuml;nsters bestiegen, erz&auml;hlte Hanna; oben habe C&auml;cilie
+Schwindel gef&uuml;hlt und gebeten, da&szlig; man sie beim Hinabgehen
+an der Hand f&uuml;hre; dann aber, am selben Tage noch,
+sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals,
+denn sie wollte die Schw&auml;che bek&auml;mpfen und ihrer
+Herr werden, und das sei ihr auch gelungen.</p>
+
+<p>Ferner erz&auml;hlte Hanna, sie h&auml;tten beide im letzten Jahr
+Reitstunden genommen; C&auml;cilie sei der allzu zahmen Tiere
+&uuml;berdr&uuml;ssig geworden, und man habe ihr endlich ein junges,
+ziemlich wildes Pferd gegeben, noch dazu im ersten Stallfeuer.
+Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier scheu geworden
+und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden.
+Aber sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer geb&auml;ndigt
+und es sei ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus
+einer alten Chronik anmutete, erz&auml;hlte Hanna. Ein millionenreicher
+junger Amerikaner, der an der Universit&auml;t studierte,
+hatte sich Hals &uuml;ber Kopf in C&auml;cilie verliebt. Eines Tages
+ging er zu Professor Landgraf und hielt um ihre Hand an.
+Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und fragte,
+ob er sich der Einwilligung C&auml;cilies versichert habe. Da er
+dies verneinen mu&szlig;te, sagte ihm der Professor kalt, er
+m&ouml;ge sich zuvor an sie wenden. Der junge Mensch schrieb
+einen &uuml;berschwenglichen Brief an C&auml;cilie; die warf ihn
+aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein gro&szlig;es
+Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft
+der Stadt und nat&uuml;rlich auch die beiden Schwestern eingeladen
+waren. Nur weil Hanna sichs herzlich w&uuml;nschte,
+ging C&auml;cilie mit. Besonderer Prunk und Luxus wurde bei
+dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, lie&szlig; der
+Amerikaner s&auml;mtliche G&auml;ste durch eine Fanfare auf einer
+illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte
+ein rosengeschm&uuml;ckter Sessel stand. Er selbst erschien in
+&auml;rmlichen, ja bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um,
+bis er C&auml;cilie entdeckt hatte, ging auf sie zu und f&uuml;hrte sie,
+die der Meinung war, es handle sich um einen Scherz und
+daher nicht widerstrebte, zu dem bekr&auml;nzten Sitz. Dann
+kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie
+m&uuml;sse entweder sein Weib werden, oder er ent&auml;u&szlig;ere sich
+von der Stunde ab seiner G&uuml;ter und Reicht&uuml;mer, verzichte
+auf das Leben unter seinesgleichen und gehe als Matrose
+auf ein Schiff, um nie mehr in die Region zur&uuml;ckzukehren,
+in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt. C&auml;cilie erhob
+sich err&ouml;tend und erblassend und entgegnete, sie sehe keinen
+Grund, f&uuml;r seine Verirrung &ouml;ffentlich blo&szlig;gestellt zu werden,
+und zu sp&auml;t bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>angenommen zu haben, der sich damit nur den Vorwand
+zu einer h&auml;&szlig;lichen Erpressung verschaffen gewollt. Mit einem
+Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor Unwillen zitternd,
+ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von Verwunderten
+weg. Ein paar Tage darauf verlie&szlig; der junge Mensch
+die Stadt; es hie&szlig;, er habe in der Tat all seinen Besitz an
+Freunde verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm
+geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Dietrich lauschte, lauschte.</p>
+
+<p>Es war aber in Hannas Erz&auml;hlungen ein geheimes Frohlocken;
+undeutbar. Sie bewies Anmut und Geist dabei,
+eine franz&ouml;sische Art von Esprit oft, Schelmerei und anschauliche
+Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in allem
+das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich
+hin; es ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es
+sind Worte, und ich halte dir das Bild nur vor, um dich
+zu fangen, um dich zu blenden, um dich desto grausamer
+empfinden zu lassen, da&szlig; du vor dem Wesenlosen stehst, da&szlig;
+deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst
+du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht
+lebendige Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen
+und f&uuml;hlen? Willst du nicht sehen und f&uuml;hlen? Bin ich zur
+Kupplerin verdammt zwischen dir und einem Schemen, dann
+sollst dus b&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Ja, es war in dem Blick und L&auml;cheln Drohung: du wei&szlig;t
+noch nicht, wer ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich
+gegangen bin; schau in meine Augen hinein, tiefer, bis
+auf den Grund schau und sag mir, was du dort siehst, du
+Tr&auml;umer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.</p>
+
+<p>Doch dankte ihr Dietrich f&uuml;r jeden Zug aus C&auml;cilies Leben,
+f&uuml;r jede Erinnerung und &uuml;berlieferte Besonderheit. Er sa&szlig;
+wie ein aufmerksamer Sch&uuml;ler vor ihr, hing an ihren Lippen,
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>wie er einst nur an den Lippen Lucians gehangen, und ihre
+geleitende N&auml;he wurde ihm unentbehrlich. Er geriet in Erregung,
+wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er
+liebte den Schritt. Er err&ouml;tete freudig, wenn sie den Kopf
+zur T&uuml;r hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen
+pr&uuml;fenden Blick ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte
+Geb&auml;rde, die herrinnenhafte Haltung, das unerwartete
+Nachgeben dann, und wie sie gelassener wurde, fragiler.
+Er liebte es, wie sie Hut und Schleier abnahm, wie sie
+aus dem Mantel schl&uuml;pfte, wie sie sich an den Tisch setzte,
+den Kopf in die Hand st&uuml;tzte und in die Lampe schaute.
+Er h&auml;tte ohne das alles nicht mehr sein k&ouml;nnen, es war
+etwas ihm Verbundenes, das Eigentliche und Wahrhaftige
+des Tages, mit Ungeduld herbeigew&uuml;nscht, kostbar und
+wichtig.</p>
+
+<p>Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie
+Bilder C&auml;cilies mit, mehrere Photographien und eine von
+Doktor Kelling angefertigte Bleistiftzeichnung. Unter den
+Photographien war eine aus ihrem f&uuml;nfzehnten Jahr, eine
+vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus den letzten
+Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander
+um die H&uuml;ften geschlungenen Armen. Das fr&uuml;he M&auml;dchenbild
+hatte einen hinrei&szlig;enden Ausdruck von Unschuld und
+Adel. Die Augen, im Dreiviertelprofil, blickten nach oben;
+um den Mund schwebte ein kindlich-s&uuml;&szlig;es L&auml;cheln; die
+Z&uuml;ge hatten etwas Schw&auml;rmerisches und Kr&auml;ftiges. Dietrich
+betrachtete es, ohne sich zu r&uuml;hren. Hanna hielt derweil
+die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit
+musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor
+Kelling; der geh&ouml;re auch zu denen, die C&auml;cilies Tod nicht
+verwinden k&ouml;nnten; er sehe aus wie ein Gebrochener und
+von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme nach seinem
+<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>eigenen Gest&auml;ndnis in gro&szlig;en Dosen Veronal, um Schlaf
+zu finden; fr&uuml;her einer der hoffnungsvollsten Sch&uuml;ler des
+Professors, zeige er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem
+Beruf; der Vater &auml;u&szlig;ere sich bisweilen zornig dar&uuml;ber und
+habe ihn schon halb und halb fallen lassen.</p>
+
+<p>Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam.
+Er blickte empor, schaute sie ebenso selbstvergessen
+an, wie er das Bild angeschaut, und begriff. &raquo;Soll das mich
+treffen?&laquo; fragte er; &raquo;vergleichst du mich, willst mich besch&auml;men
+vielleicht? Hat es denn zwischen ihr und einem
+von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas Gemeinsames,
+oder nur die M&ouml;glichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie
+h&auml;tte w&auml;hlen, sie h&auml;tte entscheiden k&ouml;nnen. Sie hat es
+nicht getan. Sie hat gewartet. Als wir uns begegnet sind,
+durfte sie mich nur stumm gr&uuml;&szlig;en, von Weg zu Weg. Glaube
+mir, Hanna, auch sie hat in dem Augenblick gewu&szlig;t, da&szlig;
+jeder von uns beiden das Schicksal des andern ist.&laquo;</p>
+
+<p>Hanna erbla&szlig;te, aber sie l&auml;chelte. &raquo;Phantastischer Bub,
+du,&laquo; antwortete sie und ber&uuml;hrte mit der Hand seine
+Schulter; &raquo;und wenn ich es glaube, was soll dann ich,
+was bin dann ich vor dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du? du bist&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Still, sprich nicht&laquo;, unterbrach sie ihn und legte die
+rechte Hand auf seinen Mund. &raquo;Schau einmal dieses Bild
+an, auf dem wir so innig nebeneinander stehen, sie und ich.
+Genau entsinne ich mich noch des Tages, wo wir lachend
+und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert haben.
+Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will
+dirs zeigen: so, siehst du.&laquo; Sie schmiegte sich an ihn, wie
+auf dem Bild an C&auml;cilie, dr&uuml;ckte mit sonderbarer Z&auml;rtlichkeit
+die k&uuml;hle Schl&auml;fe an sein Gesicht, und er atmete den
+honigartigen Duft des Haares ein.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>&raquo;Aber das fanden wir ein wenig albern,&laquo; fuhr sie fort,
+&raquo;f&uuml;r Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte,
+wir sollten beide geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenk&auml;me,
+den wir beide liebten. Ich wei&szlig; noch, wie ich verwundert
+war, denn ich hatte das Wort in dem Sinne nie
+von ihr geh&ouml;rt, und als wir am andern Tag vorm Apparat
+standen, Arm in Arm, K&ouml;rper an K&ouml;rper, da dachte ich: w&auml;r
+es so, wie sie gesagt, dann m&uuml;&szlig;te eine von uns zweien sterben.
+Ja, das war mein Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen
+sind, hab ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen
+und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit dem Tag
+hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im
+Wald gelegen ist. Es waren Tr&auml;nen, aber von wo andersher.
+Nun, du schweigst? Du siehst mich an?&laquo;</p>
+
+<p>Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den
+seinen entfernt. Sie l&auml;chelte noch immer mit der sonderbaren
+schauspielerinnenhaften Z&auml;rtlichkeit, der sonderbaren bitteren
+Koketterie; aber er sp&uuml;rte, da&szlig; sie zitterte. Er schwieg, es
+&uuml;berlief ihn k&uuml;hl, und pl&ouml;tzlich dachte er erschauernd an das
+ankl&auml;gerische Knurren seines Hundes, an den sprachlosen
+und unerkl&auml;rlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.</p>
+
+
+<h3>Verdacht</h3>
+
+<p class="newchapter">Ein paar Tage sp&auml;ter &ouml;ffnete er zuf&auml;llig die Zeitung, die
+ihm das M&auml;dchen auf der Fr&uuml;hst&uuml;cksplatte zu bringen
+pflegte, und sein Blick fiel auf folgende kurze Anzeige:
+In Mailand hat sich der junge Graf Hubert Gottlieben,
+Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten
+Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blaus&auml;ure vergiftet.
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>Es ist dies innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche
+Ungl&uuml;ck, das die angesehene Familie betroffen hat, da im
+vergangenen Sommer eine Schwester des Selbstm&ouml;rders
+in der Anstalt des Professors Landgraf unheilbarem Wahnsinn
+verfallen ist.</p>
+
+<p>Je &ouml;fter er die Notiz las, je r&auml;tselhafter starrten ihn die
+Worte an. Er ging den ganzen Tag herum wie unter dem
+Druck einer entstehenden Krankheit. Verborgenes peinigte,
+und er ersch&ouml;pfte sich in der Einbildung von Gespr&auml;chen und
+Situationen. Mit Hanna war er erst f&uuml;r den Abend verabredet;
+er telephonierte und bat, sie m&ouml;ge, wenn es irgend
+angehe, schon fr&uuml;her kommen. Es war Unwetter, Sturm,
+Schnee und Regen, als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung
+und deutete auf die Stelle, die den Tod Hubert Gottliebens
+meldete.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte es dir eben sagen,&laquo; murmelte Hanna, &raquo;ich
+habs auch heut morgen erst gelesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hast vorher nicht darum gewu&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sollte ich?&laquo; entgegnete sie kalt verwundert. &raquo;Weshalb
+fragst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast auch nicht gewu&szlig;t, wo er lebt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;r zu, Dietrich, du wei&szlig;t, ich ertrage nicht, da&szlig;
+man mich verh&ouml;rt,&laquo; erwiderte sie stirnrunzelnd; &raquo;was ich
+sagen will, sag ich, was ich verschweigen will, verschweig
+ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn
+noch einmal gesehen hast seit jenem letzten Nachmittag
+am See?&laquo;</p>
+
+<p>Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: &raquo;Ja.
+Ich hab ihn seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben.
+Er hat mir mitgeteilt, da&szlig; er seinem Leben ein Ende machen
+will.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>&raquo;Bei welchem Anla&szlig; hast du ihn gesehen? Warum hast
+du ihn nicht an dem schrecklichen Vorhaben verhindert?
+Warum durfte ich von alledem nichts erfahren?&laquo;</p>
+
+<p>Sie setzte sich in die Sofaecke, verschr&auml;nkte die Arme,
+schlo&szlig; die Augen und fing nach einer Weile zu sprechen an:
+&raquo;Er kam am zweiten Tag nach dem Begr&auml;bnis bei Nacht
+aus Z&uuml;rich. Er alarmierte das Haus, er lie&szlig; mich aus dem
+Schlaf wecken, ich mu&szlig;te mit ihm zum Grab gehen, um
+ein Uhr nachts, er geb&auml;rdete sich wie toll, ich habe nie einen
+Menschen so verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt
+habe, um ihn zu beruhigen, daran erinnere ich mich nicht;
+es war jedenfalls vergeblich. Er schlug die Stirn am Holzkreuz
+blutig und schrie: warum? warum? warum? Er
+lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und
+st&ouml;hnte: warum? warum? Dieses gr&auml;&szlig;liche Warum, m&uuml;&szlig;t
+ichs nur nicht mehr h&ouml;ren. Auf einmal sprang er auf und
+st&uuml;rzte fort, war spurlos in der Finsternis verschwunden.
+Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem
+Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungef&auml;hr drei
+Wochen sp&auml;ter. Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube
+seien ihm abhanden gekommen; C&auml;cilie habe ihm
+das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich werde dir gleich erz&auml;hlen,
+was f&uuml;r ein Wort das war; er k&ouml;nne den Tag nicht
+mehr f&uuml;hren, sei seiner selbst &uuml;berdr&uuml;ssig, sehe kein Ziel
+mehr, er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber
+nun mu&szlig;t du wissen, was vorher gewesen war.&laquo;</p>
+
+<p>Sie atmete tief, dr&uuml;ckte den Kopf an das Polster, &ouml;ffnete
+gro&szlig; die Augen und fuhr fort: &raquo;Er war zu Anfang August
+nach Heidelberg gereist, weil die Ger&uuml;chte &uuml;ber seine Schwester
+Bettine und meinen Vater zu ihm gedrungen waren.
+Man hatte ihm von drei Seiten dar&uuml;ber geschrieben. Bettines
+Wohnung wu&szlig;te er nicht, zwischen ihr und der Familie
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>bestand Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewi&szlig;heit
+&uuml;ber den Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein
+&ouml;ffentlicher Skandal die Folge w&auml;re. Gleich nach seiner Ankunft
+hatte er eine Unterredung mit meinem Vater. Der
+war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester
+schon gesehen? Nein, das hatte er nat&uuml;rlich nicht. Da donnerte
+ihn mein Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung,
+seine Leistungen, sein Werk hin und verstand es, Hubert
+derart in Respekt zu setzen, darin hat er ja eine Virtuosit&auml;t,
+die ihresgleichen sucht, da&szlig; der geradsinnige und edeldenkende
+Mensch ihn schlie&szlig;lich zerknirscht um Verzeihung
+bat. Die Verleumder w&uuml;rden zur Rechenschaft gezogen
+werden, sagte mein Vater, er solle auch Bettine selbst zur
+Rede stellen, sie wohne da und da, doch bitte er ihn, sie nicht
+vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren Depressionen,
+denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden linderten.
+Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater
+gewesen war, kamen zwei W&auml;rter hierher ins Haus, forderten
+Bettine auf, in einen Wagen zu steigen, der unten
+hielt, und brachten sie fort. Mein Vater hatte pl&ouml;tzlich erkl&auml;rt,
+ihre Internierung sei unerl&auml;&szlig;lich; er lie&szlig; sie aber nicht
+in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei Neckargem&uuml;nd.
+Dies erfuhren wir erst sp&auml;ter. Als Hubert kam,
+war Bettine weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte
+ihm Auskunft geben. Er fragt nach dem Professor: der
+Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die Wohnung,
+verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir
+ahnt &Uuml;bles, ich sage mir: die Mutter mu&szlig; da au&szlig;er Spiel
+bleiben, ich empfange ihn. C&auml;cilie war den Tag vorher nach
+Ermatingen gefahren, um sich die Gartenschule anzusehen,
+in die sie eintreten wollte; das war noch ein Gl&uuml;ck. Damit
+du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar &uuml;bersiehst,
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>mu&szlig; ich &uuml;ber Bettine und ihr Verh&auml;ltnis zu C&auml;cilie und mir
+sprechen. Ein tr&uuml;bes Kapitel.&laquo;</p>
+
+<p>Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit &uuml;ber
+das Gesicht. Dietrich war n&auml;her zu ihr heranger&uuml;ckt und
+klammerte sich mit den Augen f&ouml;rmlich an ihr fest. Sie
+begann wieder: &raquo;Im Anfang der Behandlung hatte sie der
+Vater bei uns eingef&uuml;hrt; es erleichterte ihm die Verbindungswege;
+er hat es sp&auml;ter bereut; die Freundschaft, die
+sich zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte
+er nicht voraussehen. Bettine schlo&szlig; sich an jede von uns in
+besonderer Weise an. Sie war ein zerst&uuml;cktes Gesch&ouml;pf, ein
+halbiertes; ich glaube, es gibt viele solche junge Wesen. Die
+eine H&auml;lfte von ihr war durch und durch verderbt, durch und
+durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden Phantasie,
+und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte;
+die andere H&auml;lfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges
+Kind. Sie war ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem
+Land, unter der Zuchtrute einer pr&uuml;den, bigotten Erzieherin,
+geha&szlig;t vom Vater, weil ihre Geburt das Leben der Mutter
+gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir er&ouml;ffnete
+sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich
+preis, mir beichtete sie, mir gegen&uuml;ber klagte sie sich an,
+und es waren oft b&ouml;se Stunden, das kann ich wohl sagen,
+zumal als sie mir nicht l&auml;nger verhehlen wollte oder konnte,
+was zwischen ihr und meinem Vater vorging. Sie war
+v&ouml;llig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne moralischen
+Widerstand; sein Blick schon machte sie willf&auml;hrig zu
+allem. C&auml;cilie gegen&uuml;ber war sie das makellose Kind; sie
+betete C&auml;cilie an; ihr Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah,
+ich war einmal dabei, wie sie sich hinwarf, um C&auml;cilies
+Schuh zu k&uuml;ssen. Der verriet sie sich nicht, der gab sie nur
+ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten,
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten
+K&uuml;nste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte
+best&auml;ndig Angst um sie, best&auml;ndig Mitleid mit ihr. Die
+Melancholie zehrte sie k&ouml;rperlich auf; die letzten Tage, als
+sie in dem krankhaften Wachschlummer da drinnen im Alkoven
+lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn C&auml;cilie
+an ihrem Bett sa&szlig;, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung
+zu sich zu nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer,
+auch wenn ich es war, richtete sie sich mit verstr&auml;hnten Haaren
+empor und fing an zu weinen und sich zu f&uuml;rchten; am
+dritten Abend setzte ich es durch, da&szlig; C&auml;cilie fortging, ich
+&uuml;berredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine
+Pflegerin auf. Und seltsam, da f&uuml;hlte sich Bettine auf einmal
+wohler; sie stand auf, holte W&auml;sche aus der Kommode
+und fing ganz friedlich zu n&auml;hen an. Es scheint, da&szlig; C&auml;cilies
+Gegenwart in ihr das Gel&uuml;st nach Selbstpeinigung erweckt
+und best&auml;rkt hat.&laquo;</p>
+
+<p>Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer
+und M&uuml;digkeit war in ihren Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?&laquo; fragte
+Dietrich fl&uuml;sternd.</p>
+
+<p>&raquo;Er kam und erz&auml;hlte mir, was ihm geschehen war,&laquo;
+fuhr Hanna fort; &raquo;das Gespr&auml;ch mit meinem Vater; die
+vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat mich, ihm zu
+helfen. Wie sich denken l&auml;&szlig;t, war er an dem, was ihm mein
+Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die
+Sache nat&uuml;rlich. Ich hatte es ja schon &uuml;ber und &uuml;ber satt,
+das widerliche Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte
+zu Hubert Gottlieben, er m&ouml;ge sich vierundzwanzig Stunden
+gedulden, ich versprach ihm, die Angelegenheit bis dahin in
+Ordnung zu bringen, nur machte ich zur Bedingung, da&szlig;
+er nicht noch einmal ins Haus k&auml;me, ich w&uuml;rde ihn in seinem
+<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er m&ouml;ge mich erwarten.
+Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin
+eines Telephongespr&auml;chs gewesen, ich wu&szlig;te, wo der Vater
+zu suchen sei. Ich fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg.
+Ich miete ein Auto nach Darmstadt. Um elf Uhr abends
+komm ich an, geh ins Haus zu seiner&nbsp;... zu der Dame. Ich
+verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich h&ouml;re Stimmen,
+Gel&auml;chter, ich sto&szlig;e die Person zur&uuml;ck, die mich aufhalten
+will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit f&uuml;nf, sechs
+Leuten sitzt, darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle
+trinkend, redend, lachend. Es mu&szlig; ein merkw&uuml;rdiges Bild
+gewesen sein, als ich da auf der Schwelle stand, im bestaubten
+Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen,
+aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt
+schon, war eins. Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm
+und bla&szlig; geht er voran, f&uuml;hrt mich in einen Raum &uuml;berm
+Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich fordere Bettine
+Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht morgen
+zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich
+nun abspielte. Das Besch&auml;mende liegt darin, da&szlig; ich mich
+unterkriegen lie&szlig;, da&szlig; ich zu Kreuze kroch, da&szlig; ich ihm glaubte,
+genau wie Hubert Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an,
+geriet in Wut; davor f&uuml;rchtete ich mich aber nicht, das merkte
+er bald. Im Nu war er ein anderer, voll Ironie und Ruhe.
+Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und Zergliederungen,
+ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis
+die Willenskraft gebrochen, der st&uuml;rmische Anlauf erlahmt
+war. Es geht einem so bei ihm, es war immer so, es geht
+allen so. Und als er mich so weit hatte, nahm er mich unterm
+Arm, f&uuml;hrte mich ins Hotel, begleitete mich aufs Zimmer,
+w&uuml;nschte mir gute Nacht, k&uuml;&szlig;te mich auf die Stirn und ging.
+Am n&auml;chsten Morgen erschien er schon sehr fr&uuml;h, wir fuhren
+<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>mit seinem Wagen zur&uuml;ck, unterwegs fragte er, ob C&auml;cilie
+schon wieder zu Hause sei, und ich sagte, sie werde wohl zu
+Mittag kommen. Ich erw&auml;hne das, weil sich darauf, wie
+sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will, t&uuml;ckischeste
+Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen l&auml;&szlig;t, mit
+welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die
+Umst&auml;nde und Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen
+versteht. Am selben Abend kam er mit Hubert Gottlieben
+zu Tisch. Er hatte ihn abermals bes&auml;nftigt,
+abermals get&auml;uscht, er hatte ihm ein l&uuml;gnerisches
+Ehrenwort gegeben. C&auml;cilie war da. Von der Stunde an
+dachte Hubert nicht mehr an seine Schwester Bettine. Hast
+du je von einem Vater geh&ouml;rt, einem Mann der Wissenschaft
+dazu, einem der Koryph&auml;en der Nation, der seinem
+Ankl&auml;ger und zu f&uuml;rchtenden Verfolger die eigene Tochter
+als K&ouml;der hinwirft? Ich gebe ihn damit preis, ich, die Tochter,
+gebe ihn preis, gewi&szlig;, aber das hat seine tieferen Gr&uuml;nde
+noch, &uuml;ber die werd ich schon noch mit dir sprechen. Ich
+mu&szlig; ja endlich auch mal mein Herz aussch&uuml;tten, es zerspringt
+mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungef&auml;hr denken.
+Hubert Gottlieben wurde der Page C&auml;cilies, ihr Schlepptr&auml;ger;
+ihr Verg&ouml;tterer. Mein Vater beg&uuml;nstigte sein Werben,
+wo und wie er konnte, und in bezug auf Bettine hatte
+er freie Hand. Ich, ich war Huberts Vertraute, wiederum
+die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft beherrschte
+ihn derma&szlig;en, da&szlig; einen in seiner N&auml;he das Erbarmen
+ankam, und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit
+bald einsehen lernte, geriet er immer tiefer in den verschlingenden
+Strudel. C&auml;cilie litt zum erstenmal, denn der Mensch
+war ihr wert; was er sich w&uuml;nschte, konnte sie ihm nicht
+sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht
+l&auml;stig wie die der andern. Fast m&uuml;tterlich redete sie ihm oft
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>zu; wenn sie von Trennung redete, sprach er gleich von Tod.
+Dennoch gingen wir Mitte September nach Badenweiler,
+dann nach Neusatzeck. Er machte unsern Aufenthalt ausfindig
+und kam uns nach. Da fa&szlig;te C&auml;cilie ihren Entschlu&szlig;
+und schrieb an Frau Doktor Gnad, da&szlig; sie sogleich bei ihr
+Unterkunft suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich
+mochte nicht mehr die ohnm&auml;chtige Mittelsperson sein. Mir
+versagten die Nerven, ich flatterte hin und her wie ein Span
+zwischen zwei Magneten, und au&szlig;erdem qu&auml;lte mich der
+Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke qu&auml;lte auch
+Hubert; bisweilen schien er sich zu besinnen; das b&ouml;se Gewissen
+sah ihm aus den Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen,
+in Freiburg trafen wir die Eltern, es war ein
+schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert f&uuml;r den
+Abend, nach der R&uuml;ckkehr von Meersburg, zu einer Unterredung
+bestellt. Ich war aber mit C&auml;cilie &uuml;bereingekommen,
+da&szlig; diese Unterredung verhindert werden m&uuml;sse, und auf
+dem letzten Spaziergang brachte sie Hubert auch dahin, da&szlig;
+er abzureisen versprach, allerdings mu&szlig;te sie ihm geloben,
+da&szlig; sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle, da&szlig; sie
+ihn rufen w&uuml;rde, und da&szlig; er dann die entscheidende Frage
+an sie richten d&uuml;rfe. Als wir danach allein waren, erz&auml;hlte
+sie es mir mit allen Zeichen der Sorge und Bedr&auml;ngnis und
+f&uuml;gte hinzu, sie k&ouml;nne sich nicht vorstellen, wie das enden solle,
+sie f&uuml;hle sich dieser Liebe gegen&uuml;ber wie eine Bettlerin, die
+man zur Zahlung einer Schuld verhalte, ohne da&szlig; sie jemals
+eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorw&uuml;rfe, da&szlig;
+sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete
+unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ein Schweigen entstand. &raquo;Ich sehe, ich fange an zu
+sehen&laquo;, sagte Dietrich. &raquo;Alles das ist wie eine schwarze
+Kugel, die den Abhang hinunterrollt.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>&raquo;Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, da&szlig; die
+Geschichte mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war&laquo;,
+sprach Hanna leise. &raquo;Es hat nie existiert, das Saffianheft
+mit den silbernen Initialen. Ich wollte dich locken. Da ich
+doch arm bin, wollt ich was f&uuml;r dich haben. Es war so
+h&uuml;bsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich h&auml;tte
+daf&uuml;r noch ganz andere Dinge erfinden k&ouml;nnen. Nimmst
+du mirs &uuml;bel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es war nicht rechtschaffen,&laquo; sagte Dietrich betr&uuml;bt, &raquo;aber
+ich nehms dir nicht &uuml;bel, jetzt wo ich wei&szlig;, wie tapfer du
+warst.&laquo;</p>
+
+<p>Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre H&auml;nde
+und k&uuml;&szlig;te ihn auf die Augen, rasch auf die zwei Augen.
+Dann ging sie.</p>
+
+<p>In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen
+und trieb ihn unruhig umher. Er sah immerfort das &uuml;ber
+sich gebeugte Antlitz mit seinem Ausdruck von Kummer und
+Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er dieses Antlitz liebte,
+oder als m&uuml;sse er es lieben kraft eines geheimnisvollen Befehls,
+doch als ob er es zugleich f&uuml;rchtete wie ein alle Schritte
+umlauerndes Unheil. Den Kopf in die H&auml;nde vergraben
+sa&szlig; er die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und
+im Finstern schaute, sah er einen blauen Schatten an der
+Wand, der sich bewegte wie ein Schleier, den der Wind tr&auml;gt.
+Als der Schatten in der Ecke angelangt war, kam ein Raunen
+von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an
+die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich,
+nimm eine; nur eine nimm und vergi&szlig; die andere nicht&nbsp;...</p>
+
+<p>Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich?
+fragte eine Stimme. Aber seine Brust war voller unausgesch&ouml;pfter
+und unersch&ouml;pflicher Liebe, voller Zweifel und
+Verwirrung. Er sp&uuml;rte die Lippen auf seinen Augen, da
+<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>ermattete die Farbe jedes Bilds und sehns&uuml;chtig streckte er
+die Arme aus, ein hingegebenes Gesch&ouml;pf. &raquo;C&auml;cilie,&laquo;
+fl&uuml;sterte er, &raquo;C&auml;cilie.&laquo; Und dann: &raquo;Hanna&laquo;, und wieder:
+&raquo;Hanna.&laquo;</p>
+
+<p>Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die
+Stra&szlig;en, im aufgeweichten Schnee, pl&ouml;tzlich entschlo&szlig; er sich,
+zu Frau Landgraf zu gehen. Hanna war, wie er wu&szlig;te, um
+diese Stunde in der Universit&auml;t, wo sie historische Vorlesungen
+h&ouml;rte, Frau Landgraf war zu Hause und empfing ihn.
+Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte,
+Platz zu nehmen, sagte sie: &raquo;Es ist mir wirklich kaum mehr
+m&ouml;glich, diesen Widerw&auml;rtigkeiten standzuhalten. Da kommen
+Leute ins Haus, schlagen einen Ton an, &#8211; man sch&auml;mt
+sich krank.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten
+komme, sie denke oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum
+bin ich eigentlich hier? gr&uuml;belte er, indes ihn Frau Landgraf
+forschend betrachtete. &raquo;W&auml;r ich Ihre Mutter, so w&uuml;rde ich
+Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,&laquo; sagte sie mit anziehendem
+L&auml;cheln; &raquo;Sie sehen &uuml;beranstrengt aus.&laquo;</p>
+
+<p>Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen.
+Es schien ihm, als sei eben dies der heimliche Grund seines
+Kommens gewesen. Er hatte noch das Gesicht des Mannes
+in Erinnerung, das vergrabene Schweigen. Hannas Worte
+&uuml;ber ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vor&uuml;bereilen
+an dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. &raquo;Doktor Kelling?&laquo;
+erwiderte sie z&ouml;gernd; &raquo;ich h&ouml;re, da&szlig; es ihm nicht
+gut geht; ich h&ouml;re, da&szlig; er seit einiger Zeit sein Zimmer nicht
+mehr verl&auml;&szlig;t. Er hat sich den Besuch auch seiner n&auml;chsten
+Freunde verbeten.&laquo; Sie erhob sich, zog an den Vorhangschn&uuml;ren,
+trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie
+<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme:
+&raquo;Ist Ihnen bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, da&szlig; er es
+war, der den Revolver hergegeben hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er? Doktor Kelling?&laquo; fragte Dietrich zur&uuml;ck und stand
+gleichfalls auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hanna? Sie wollen sagen C&auml;cilie, gn&auml;dige Frau&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich starrte sie an. Er war so wei&szlig; geworden wie
+der Schnee, der den Fensterrahmen umkr&auml;nzte. &raquo;Aber wieso
+denn Hanna?&laquo; murmelte er, lallte er fast.</p>
+
+<p>&raquo;Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,&laquo;
+sagte Frau Landgraf mit sinnend fixiertem Blick;
+&raquo;so nebenhin, ganz trocken, wie es seine Art ist, ohne weitere
+Erl&auml;uterung. Im September gab er ihr die Waffe, bevor
+sie mit C&auml;cilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im
+Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling;
+danach bat ihn Hanna, er m&ouml;ge ihr den Revolver f&uuml;r die
+Dauer der Reise leihen; sie f&uuml;hle sich sicherer damit und
+habe momentan nicht Geld genug, sich einen neuen zu kaufen.
+H&auml;tte Kelling geahnt&nbsp;... Wahrscheinlich ist dann der Revolver
+C&auml;cilie in die H&auml;nde gekommen, und sie hat ihn zu
+sich genommen, ohne da&szlig; es Hanna wu&szlig;te. Ich habe mit
+Hanna dar&uuml;ber gesprochen; auch sie hat keine andere Erkl&auml;rung.
+Kelling macht sich nat&uuml;rlich die schwersten Vorw&uuml;rfe.
+Ich bitte Sie nur um eines, n&auml;mlich da&szlig; Sie &uuml;ber
+diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen
+davon erz&auml;hlt. Da&szlig; sie es nicht getan hat, beweist mir, da&szlig;
+das arme Kind unter dem Gedanken leidet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie glauben?&laquo; sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt:
+&raquo;Ja, es ist m&ouml;glich, da&szlig; sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der
+Oberfl&auml;che, und sie hat viele Tiefen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>Frau Landgraf antwortete: &raquo;Meine T&ouml;chter waren wie
+zwei &Auml;ste, die vom Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten
+Richtungen wuchsen. Zum Schlu&szlig; konnte ich sie
+gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite nicht.
+Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, da&szlig;
+mir oft zumute war, ich m&uuml;sse den Urgrund der Geschlechter
+aufw&uuml;hlen, um das Verbindende zu finden. Es war schwer,
+in der Mitte zu stehen, mit Mutterkraft die beiden zu halten;
+als Mutter ist man ja der Erde n&auml;her, und aus der Erde
+quillt die St&auml;rke. Aber die Mutter ist nicht allein, es ist
+noch der Vater da; wenn der kein guter G&auml;rtner ist, wenn er
+mit dem Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand&nbsp;...&laquo;
+Sie ging im Zimmer auf und ab und wiederholte ersch&uuml;tternd:
+&raquo;Mit dem Beil, mit dem Beil&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um
+ihn fiel es nieder wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren.
+Die Luft verfinsterte sich, die Wege verloren sich, der bl&auml;uliche
+Schatten aus der vergangenen Nacht gewann zerbrechliche
+Leiblichkeit und deutete zur&uuml;ck. Er war so beklommen
+und beladen, da&szlig; es ihn nicht &uuml;berraschte, als
+die T&uuml;r aufging und Hanna eintrat; es war eine Vervollst&auml;ndigung
+der schwankenden Gesichte.</p>
+
+<p>Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen
+Rock und Bluse, wodurch die Gestalt noch straffer erschien.
+Ihre Bewegungen hatten etwas studentisch Freies, das
+aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war, wenig Eintrag
+tat. &raquo;Ich wu&szlig;te, da&szlig; du da bist,&laquo; sagte sie zu Dietrich,
+&raquo;den ganzen Morgen hatte ich das Gef&uuml;hl, du k&auml;mst zur
+Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Sie machte sich am B&uuml;cherkasten zu schaffen und summte
+dabei wie achtlos vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich
+um und lehnte sich, die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken, an die S&auml;ule
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>des hohen Regales. &raquo;Ich wei&szlig; nat&uuml;rlich auch, da&szlig; ihr von
+dem Revolver gesprochen habt&laquo;, sagte sie in berechnet leichtem
+Ton. &raquo;Na, und was denkst du dar&uuml;ber, Dietrich Oberlin?
+Sprich dich nur offen aus. Was denkst du?&laquo;</p>
+
+<p>Aber Dietrich schwieg.</p>
+
+<p>Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen
+war, hatte er zun&auml;chst nicht die Kraft, auch das
+Haus zu verlassen; er setzte sich einige Minuten auf einen
+Stuhl im Korridor.</p>
+
+<p>Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten
+ein paar eilig hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, da&szlig; sie,
+sie k&ouml;nne noch nicht sagen f&uuml;r wie lange, nach Weimar zu
+Freunden reise. Die Adresse gab sie an.</p>
+
+
+<h3>Der Traum vom doppelten Ich und der
+Traum vom Weinen</h3>
+
+<p class="newchapter">Dietrich schrieb ihr, er sei wie gel&auml;hmt gewesen von der
+Nachricht ihrer Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht.
+Er sei zu dem Schlu&szlig; gekommen, da&szlig; es Flucht sei.
+Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo alles zwischen
+ihnen vollger&uuml;ttelt Ma&szlig; von Fragen sei? Er k&ouml;nne sich
+nicht darein finden; ihre Abwesenheit d&uuml;nke ihn Verrat.
+Er horche auf die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von
+ihren Tritten erklinge. Von seiner Mutter habe er einen Brief,
+doch sei er nicht imstande, ihr zu antworten. Da er sich vorgenommen
+habe zu arbeiten, arbeite er auch, aber es sei
+mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen
+Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, da&szlig; Trennung etwas
+so Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>gekehrt; ihr Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle
+ihm; er sitze da und rede in die Luft manchmal und warte
+auf ihr Wort. Wenn sie ein F&uuml;nkchen Gef&uuml;hl f&uuml;r ihn in
+der Brust trage, m&ouml;ge sie zur&uuml;ckkehren. Er verspreche, sich
+des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle
+sich nach ihrem Befehl und Gefallen richten; alles sei auf
+einmal schauderhaft leer, zu viele Ungewi&szlig;heit bedr&auml;nge ihn.</p>
+
+<p>Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit
+so gehandelt. Sie sei nicht fortgegangen aus Furcht vor
+seinen Fragen. Es sei nicht Flucht, wenn es auch so scheine,
+wenn sie auch der Entwicklung der Dinge zwischen ihr und
+ihm mit Bangen entgegensehe. &Uuml;ber die Raschheit ihres
+Entschlusses sei sie ihm Erkl&auml;rung schuldig. Aber da sie das
+Vertrauen habe, da&szlig; alles, was er tue, aus tiefem Antrieb
+seiner Natur geschehe, m&uuml;sse er gleiches Vertrauen fassen.
+Wie sie ihn keiner niederen Regung f&uuml;r f&auml;hig halte, d&uuml;rfe auch
+er nichts Schlechtes von ihr glauben, und nur, was sie selbst
+ihm er&ouml;ffne, d&uuml;rfe er annehmen. Seine Achtung wolle sie
+besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gr&uuml;nde zu
+ihrer pl&ouml;tzlichen Abreise seien so viele, da&szlig; sie M&uuml;he habe,
+sie aufzuz&auml;hlen; zun&auml;chst h&auml;tten &auml;u&szlig;ere Geschehnisse von
+einer Stunde zur andern den Ausschlag gegeben. Im Hause
+habe wieder einmal das Geld zum N&ouml;tigsten gefehlt, die
+Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und
+der betreffende Gl&auml;ubiger habe sie vor den Dienstleuten
+gr&ouml;blich beschimpft. Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine
+heftige Szene mit der Mutter gehabt, weil sie sich geweigert
+habe, dem Vater Mitteilung zu machen. Der Vater sei unerwartet
+dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede gestellt,
+ihm das gedem&uuml;tigte Leben der Mutter, die frivole
+Mi&szlig;wirtschaft, seine Verschwendung vor Augen gef&uuml;hrt.
+&raquo;Ich mu&szlig;t es herausschreien,&laquo; schrieb sie, &raquo;ich mu&szlig;t es
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>ihm sagen, ich mu&szlig;te sein Gesicht sehen, w&auml;hrend ich es sagte.
+Er aber, er hat mir seine eiskalte Verachtung entgegengesetzt;
+er z&uuml;ndete sich eine Zigarette an und fragte, woher
+ich die Stirn n&auml;hme, in sein beanspruchtes Dasein zu greifen,
+ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu
+suchen; ihn gel&uuml;ste nicht nach der N&auml;he einer Tochter, die
+nicht willens und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die
+seine zu begreifen. Mit meinem Geliebten? Ich erschrak bis
+in die Seele. Damit meinte er dich, Dietrich Oberlin. Er
+nannte dich auch. Er hatte von der geringsten Einzelheit
+unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, da&szlig;
+selbst die Mutter au&szlig;er sich geriet. Und kalt, wei&szlig;t du,
+immer eiskalt. Was ist mir da anderes &uuml;brig geblieben als
+fortzugehen? m&ouml;glichst schnell, m&ouml;glichst weit fort&nbsp;...?
+Und die Verwirrung in meinem Gem&uuml;t all die Tage vorher
+schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom.
+Jetzt bin ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich
+denk an dich, Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich antwortete in beschwingter Eile; hei&szlig;e Best&uuml;rzung
+atmete aus seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen
+Wendungen wiederholte er dasselbe: da&szlig; es die &auml;u&szlig;erste
+Pein f&uuml;r ihn sei, sie fern zu wissen, da&szlig; sie zur&uuml;ckkehren m&ouml;ge.
+Nun klang die Sehnsucht schon lauter und k&uuml;hner. Ihrer
+Mahnung zum Vertrauen h&auml;tte es nicht bedurft, doch sei
+in seinem Blut ein Tropfen Gift, in seinen Tr&auml;umen eine
+finstere Bosheit; ohne das lebendig getauschte Wort k&ouml;nne
+er beides nicht bew&auml;ltigen. Er m&uuml;sse ihre Augen wieder
+vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart
+wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch C&auml;cilie
+sogleich im Nichts hin, dann sei er so arm, da&szlig; ihn friere,
+dann ekle ihm vor dem Licht des Morgens, dann werde das
+Buch, das er aufschlage, klebrig wie Schlamm. Ob er nicht
+<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>zu ihr kommen d&uuml;rfe? Wovor sie denn bange sei? Ob etwas
+an ihm sie verdrossen oder entt&auml;uscht habe? Ob sie ihn anders
+haben wolle, als er sei?</p>
+
+<p>Darauf schrieb Hanna: &raquo;Lieber, herzenslieber Dietrich,
+kommen darfst du nicht, sonst ist alles aus. &Uuml;berla&szlig; es mir,
+zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen d&uuml;rfen. Wovor
+mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem Abbild in dir.
+Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die Schwester,
+denk es, fa&szlig; es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles. Soll
+sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderflie&szlig;en?
+C&auml;cilie und ich, d&uuml;rfen wir uns in dir begegnen?
+Mir bangt, auch dieses sollst du wissen, mir bangt vor deiner
+Jugend, und da&szlig; du dastehst mit deinem reichen wilden Herzen.
+Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre, sind sie
+auch ann&auml;hernd gleich, &ouml;ffnen doch eine Kluft zwischen uns;
+die zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher;
+ich habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin
+f&uuml;r dich schon alt. Ich werde zaghaft, wenn mich dein redlich
+klarer Blick trifft, und oft wieder m&ouml;cht ich dich einschlie&szlig;en,
+wie man seltene V&ouml;gel in ein Bauer sperrt, damit
+dir die Menschen nicht rauben k&ouml;nnen, was mir so teuer an
+dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein
+Schmerz, denn da geht man strenger mit sich ins Gericht
+und erschrickt vor der Tiefe, in die man h&auml;tte sinken k&ouml;nnen
+und vor der, in die man schon gesunken ist. Freunde stehen
+unsichtbar um dich und sch&uuml;tzen dich, das sind meine Feinde;
+denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf dir auch
+nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so sollst
+du mich in deinem Sinn bewahren.&laquo;</p>
+
+<p>War dies darauf berechnet, die Glut zu sch&uuml;ren, so wurde
+der Zweck erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas
+mit der Mahnung zur Arbeit, einem klugen Programm
+<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>k&uuml;nftiger Lebensgestaltung. So weise sind nur die, die
+heimlich w&uuml;nschen, da&szlig; man ihnen die Entsagung aus dem
+Herzen schmeicheln soll. Sie wu&szlig;te um die richtunggebenden
+Ereignisse aus Dietrichs Vergangenheit; sie wu&szlig;te von
+Lucian und wies ihn auf den Bewunderten hin, als ob er
+dessen Spruch sich erst zu f&uuml;gen h&auml;tte und als ob sie Dietrich
+erinnern m&uuml;&szlig;te an die h&ouml;here Menschenpflicht. Dietrich
+aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den
+Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden.
+Es g&auml;be kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm
+entziehe. Vor ein paar Tagen sei er am Kornmarkt Justus
+Richter begegnet, der sei entsetzt gewesen &uuml;ber sein Aussehen;
+ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er zu ihm kommen
+k&ouml;nne. Dann sei er auch gekommen, habe erz&auml;hlt, Lucian
+befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich,
+dem Verfasser der Schw&auml;bischen Laienpredigten,
+und arbeite an seiner Verteidigungsschrift f&uuml;r die Verhandlung;
+Richter habe ihn besucht und einen verbitterten
+Gr&auml;mling gefunden; nach keinem Menschen habe er gefragt,
+nur nach ihm, Oberlin. Das zu h&ouml;ren habe ihn stark
+betroffen, aber er habe das Gef&uuml;hl, der Weg zu Lucian sei
+jetzt so weit, da&szlig; er das ganze &uuml;brige Leben brauche, um zu
+ihm zu gelangen. Einmal vielleicht m&uuml;sse er hin, das sp&uuml;re
+er, aber dann sei kein Zur&uuml;ck mehr verstattet, gnadenlos versto&szlig;en
+werde er dann sein. &raquo;So hab ichs immer gef&uuml;rchtet
+und gehofft,&laquo; schlo&szlig; der Brief, &raquo;da&szlig; ein Wesen da ist, nach
+dem ich begehren mu&szlig; wie nach der unerf&uuml;llbaren Seligkeit.
+Bist dus oder ists C&auml;cilie? Ich wei&szlig; es nicht mehr. Schreib
+ich deinen Namen, so schallt mir der andere entgegen; es
+ist wie verzaubertes Echo; denk ich C&auml;cilie, so schaut mich
+Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du
+bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich
+<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>hin und sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle
+Sterne l&ouml;schen aus, alles Geredete wird L&uuml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden,
+und das aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es
+gen&auml;hrt hatten. Hanna beschwichtigte und mahnte, aber
+hinter den Worten war Jubel und freudiger Schrecken. Dies
+erfa&szlig;te Dietrich nicht; er glaubte sich geopfert; er mi&szlig;verstand
+das Z&ouml;gern, begriff nicht die Angst. Er schmiedete
+abenteuerliche Pl&auml;ne, versprach Gehorsam, forderte ungest&uuml;m,
+was ihm die Natur befahl, doch da&szlig; er liebte, das
+wu&szlig;te er nicht, das Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so
+wenig, wie er es bedachte oder Ma&szlig; und Gleichnis daf&uuml;r
+in einem schon gelebten Gef&uuml;hl hatte. Es war neu, niemals
+empfunden und von keinem empfunden. Es war
+Wirrnis, Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit
+und Qual. Wo seine ganze Seele begl&uuml;ckt und erschlossen
+weilte, war dem Leib der Eintritt verwehrt; und wo der
+Leib sein durfte, str&auml;ubte sich in unnennbarer Scheu die
+Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit
+rufend gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die
+lebendige Kreatur, doch in r&auml;tselhafter Zweideutigkeit und
+Drohung.</p>
+
+<p>Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, k&ouml;nne aber
+den Tag noch nicht angeben, setzte vor Gl&uuml;ck sein Pulsschlag
+aus. Sie schrieb, da&szlig; sie sich auf einem einsamen
+Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich hingedacht an
+den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen,
+das Wasser schwarz und still, blo&szlig; am Gestade war verschlafenes
+Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter.
+Da habe sie sich ihn in die Landschaft gedacht, in seine Landschaft,
+und ihn gesehen, wie er sich zum Rohr eines flie&szlig;enden
+Brunnens geb&uuml;ckt und in gierigen Schlucken getrunken
+<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun m&uuml;sse sie
+wieder zu ihm.</p>
+
+<p>Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht
+zwei Tr&auml;ume gehabt, und er erz&auml;hlte die Tr&auml;ume wie folgt.</p>
+
+<p>Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie
+eine Riesenhand, die mit den Fingerspitzen gegen die Erde
+gesetzt ist. Keine Stimme redete, aber er wu&szlig;te, da&szlig; es entscheidend
+f&uuml;r ihn sein w&uuml;rde, durch welchen der vier Bogen
+er ging. Das Tor war ganz aus gr&uuml;nem Stein. Ohne sich
+lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick,
+wo er den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerrei&szlig;ende
+Furcht &uuml;ber ihn, denn ihn d&uuml;nkte, er sei auf einmal
+au&szlig;erhalb der Welt. Die Landschaft, die sich vor ihm
+dehnte, war so gr&uuml;n wie jenes Tor; es war nicht das Gr&uuml;n,
+wie es die Bl&auml;tter haben, nicht das Gr&uuml;n des Mooses, nicht
+das Gr&uuml;n von alten Kupfergef&auml;&szlig;en, es war ein Gr&uuml;n, das
+er noch nie gesehen, ein finsteres b&ouml;ses totenhaftes Gr&uuml;n.
+Dar&uuml;ber w&ouml;lbte sich etwas wie ein Himmel; aber es war kein
+Himmel, es war eine wei&szlig;liche Blase, aus deren unteren
+R&auml;ndern wei&szlig;liches Licht str&ouml;mte. Weit und breit keine Seele,
+die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die
+Knochen gesch&uuml;ttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen,
+woran ich bin. Zu rasten war ihm nicht erlaubt, er mu&szlig;te
+gehen, best&auml;ndig vorw&auml;rts gehen. Er wollte sich beschweren,
+da&szlig; er m&uuml;de sei, aber das Wort m&uuml;de fiel ihm nicht ein, er
+dachte statt dessen blo&szlig;: gr&uuml;n. Der Furcht gesellte sich ein
+eigent&uuml;mlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand
+in dem Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm
+davon abzuh&auml;ngen, da&szlig; er sich verstecken k&ouml;nne; aber, sagte
+er sich, es ist au&szlig;erhalb der Welt, wo ich bin, und au&szlig;erhalb
+der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja da, fuhr er zu
+&uuml;berlegen fort, und wenn ich da bin, mu&szlig; ich mich doch auch
+<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er
+laut; sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschl&auml;ge, er seufzte,
+h&ouml;rte sich seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein.
+Da sah er in gro&szlig;er Ferne eine schw&auml;rzliche Figur; zuerst
+wars wie Ahnung, dann wuchs es aus dem Gr&uuml;nen heraus,
+stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Wei&szlig;, dieses
+Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht
+auf ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht
+er? Ihn nicht mehr aus dem Auge zu lassen, war ihm pl&ouml;tzlich
+so wichtig wie das Leben selbst, und mit starr hingehefteten
+Blicken folgte er dem Unkenntlichen, Unbekannten,
+Weitentfernten. Da geschah das Grausige, da&szlig; er jeden
+Schritt, den er vorw&auml;rts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit
+zur&uuml;ck tat, so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um
+sein Gehen bringe. Der Andere hingegen n&auml;herte sich ihm
+gerade dadurch, nicht zu ergr&uuml;nden auf welche Weise, und
+je n&auml;her er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm, unertr&auml;gliche,
+fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz
+nah war, der Unkenntliche, Unbekannte, b&uuml;ckte sich Dietrich
+und hob in verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte
+den Stein wider ihn. Aber Grauen und Wunder; ihn
+selbst traf der Stein, und mit einem furchtbaren Schmerz
+an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.</p>
+
+<p>Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schlie&szlig;lich
+&uuml;bermannte es ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein
+Traum, in welchem er flog. Sanft und best&auml;ndig flog er in
+azurne H&ouml;he. Das Firmament &ouml;ffnete sich, ein Gewimmel
+von sch&ouml;nen Geistern war um ihn her; die geschm&uuml;ckten Gestalten
+ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar,
+und auf der Scharlachwolke sa&szlig; Gott. In ergreifender
+Majest&auml;t ruhte er auf der Wolke, und Dietrich schaute hin,
+aber Gott sah ihn nicht. Er hatte Angst; schon w&auml;hrend des
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Fluges war es sein angstvolles Bestreben gewesen, wieder
+zur Erde herabgleiten zu d&uuml;rfen, und jetzt schien ihm die Erf&uuml;llung
+dieses Wunsches davon abzuh&auml;ngen, da&szlig; Gottes
+Blick ihn traf. Gott aber schaute &uuml;ber ihn hinweg in eine
+andere Richtung. Er wechselte den Platz; er suchte eine Stelle,
+wo Gottes Blick ihn treffen mu&szlig;te. Doch wenn er dann emporsah,
+erwies es sich, da&szlig; Gottes Blick ihn auch dort nicht
+traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch als
+er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der
+Blick durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu
+gewahren. Da wurde er von einem zermalmenden Kummer
+erfa&szlig;t, und er begann zu weinen. Als nun Gott merkte, da&szlig;
+er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von diesem
+Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte
+sich in das Gef&uuml;hl seliger Befreiung; um rascher zu sinken,
+weinte er absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.</p>
+
+<p>Das waren die beiden Tr&auml;ume, scheinbar ohne Zusammenhang,
+dennoch einer aus dem anderen geboren, einer in den
+anderen m&uuml;ndend, die er Hanna im letzten Brief mitteilte.
+Und nun erwartete er sie.</p>
+
+
+<h3>Die Schl&auml;ferin</h3>
+
+<p class="newchapter">Die Erwartung war gepre&szlig;tes Leben, Faser bei Faser so
+dicht, da&szlig; kein Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten
+waren ununterschieden, die Nacht gab keinen Einschnitt;
+Schlaf war bewu&szlig;tloses Eilen ans Ziel. Er z&auml;hlte
+die Stunden nicht, sie rauschten vor&uuml;ber; Essen und Trinken
+war, als befriedigte er die Bed&uuml;rfnisse eines Fremden.
+Bald waren ihm die R&auml;ume, in denen er hauste, wie ein
+<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Gef&auml;ngnis verha&szlig;t, bald hielten sie ihn fest als St&auml;tten der
+Entscheidung. In einer Schublade fand er ein blauseidenes
+Band; ob es Bettine geh&ouml;rt hatte, ob C&auml;cilie? Er
+lie&szlig; die Finger dar&uuml;ber gleiten und lauschte den Schl&auml;gen
+des Herzens ab, was die ihm verrieten. Sehnsucht nach
+Z&auml;rtlichkeit durchschauerte ihn. Das H&auml;&szlig;liche und das
+Sch&ouml;ne der Welt st&uuml;rzte von zwei Seiten her in einen Feuertrichter
+und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge.
+M&auml;dchen l&auml;chelten ihm zu, Knaben blickten verwundert,
+Kinder schlangen ihn in ihren Reigen, die Wohnungen der
+Menschen schienen bis zum Rand gef&uuml;llt mit Gl&uuml;ck, von
+den T&uuml;rmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band
+an der Brust, das C&auml;cilies Finger vielleicht einmal umschlossen
+hatten. Und wo war die Andere, die Lebendig-Tote,
+die sie geliebt? Es trieb ihn, nach Bettine zu forschen; ihr
+Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis zur Treppe
+von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um;
+er nahm sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen
+Weg ausfindig zu machen, aber einen Schritt vor der Ausf&uuml;hrung
+wurde ihm das Anma&szlig;ende des Vorhabens bewu&szlig;t.
+Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken?
+Was hatte er f&uuml;r Worte f&uuml;r sie? Wo war Gemeinsames
+mit ihr? Unvertrautes Bild, sagenhaft und schon umdunkelt
+von gewesener Zeit.</p>
+
+<p>Er wanderte durch W&auml;lder und in D&ouml;rfer, sprach mit
+fremden Menschen, wurde m&uuml;d und wieder elastisch in der
+n&auml;mlichen Stunde. Eines Nachmittags sa&szlig; er in einer
+&ouml;ffentlichen Vorlesung, die Professor Landgraf in der Universit&auml;t
+hielt. Der Saal war gedr&auml;ngt voll. Als der Professor
+erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle
+Grade von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht.
+An ihm selbst wurden die Verwandlungen deutlich, die
+<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>seine Stellung zur Welt und zu seiner Sache bezeichneten.
+Redete anfangs der ber&uuml;hmte Gelehrte, dem K&uuml;hnheit der
+Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen,
+so war es bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem
+Bem&uuml;hen Licht &uuml;ber die unbekannten Reiche der Seele verbreitete
+und alle Frucht der Erkenntnis und Entdeckung
+einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete.
+Das Thema, &uuml;ber das er sprach, war in den Titel gefa&szlig;t:
+Kontur und &Uuml;berg&auml;nge im psychischen Leben.</p>
+
+<p>Er f&uuml;hrte aus, da&szlig; es Seelen g&auml;be, die ihren Umri&szlig;,
+ihre Begrenzungslinie von Geburt an bes&auml;&szlig;en, mehr oder
+weniger scharf, mehr oder weniger weit, aber ein f&uuml;r alle
+Mal gezogen; ferner andere Seelen, die gegen Umwelt und
+Nebenbezirke unmerklich verschw&auml;mmen, die best&auml;ndig in
+Gefahr seien, die Zusammenh&auml;nge zu verlieren, und zwar
+nach innen sowohl wie nach au&szlig;en, nach der zerst&ouml;rerischen
+Seite wie nach der sch&ouml;pferischen, wennschon nach dieser
+selten und dann stets in verh&auml;ngnisvoller N&auml;he des Untergangs
+und der Selbstvernichtung. Und wie im individuellen
+Dasein, so lie&szlig;en sich die Kategorien auch in der Existenz
+ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja
+im sozialen Leben &uuml;berhaupt nachweisen. Die Konturlosen
+seien die Aufl&ouml;ser und Vermischer, die Anpasser und
+Entformer, die D&auml;mmerwesen und Blutverd&uuml;nner, am
+Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade
+nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur
+ausgesto&szlig;en. Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar
+um die Grenze wissen, und in der Natur wirken, hei&szlig;e
+nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier scheide
+sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die
+H&ouml;lle vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei
+&uuml;ber seinen Weg nicht mehr im Zweifel. Das Gebot der
+<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Grenzgebung beherrsche seinen Geist ausschlie&szlig;lich, und von
+der festgesetzten Grenze erst erw&uuml;chsen die schwierigen und
+tiefen Probleme, die diese verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig noch junge
+Wissenschaft heute zu l&ouml;sen habe.</p>
+
+<p>Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Pers&ouml;nlichkeit
+des Mannes konnte sich Dietrich nicht entziehen. Manches
+Wort mahnte; manches erinnerte an mahnende Stimmen
+von fr&uuml;her. Er vernahm S&auml;tze und Pr&auml;gungen von achtungeinfl&ouml;&szlig;endem
+Ernst und hoher sittlicher W&uuml;rde. Aber
+unaufh&ouml;rlich sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von
+dessen Tun und Sein ich wei&szlig;, ganz anderes wei&szlig;, als was
+er da droben k&uuml;ndet, dessen Gesicht mir lemurisch entgegengegrinst
+hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu, da&szlig;
+man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, da&szlig; ich ihm trotzdem
+glaube? Was ist das f&uuml;r ein Geist, der da s&uuml;ndigt, wo er
+sich nicht zu bekennen braucht? Was ist das f&uuml;r ein Mensch,
+der sein edleres Wollen L&uuml;gen straft, wenn er sich der Verantwortung
+enthoben w&auml;hnt? Was ist Geh&auml;use, was ist
+Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die
+Welt voller falscher Boten?</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter holte ihn Justus Richter ab, und sie
+gingen zum Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der
+Peterskirche. Dietrich hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen,
+die ihm Bet&auml;ubung gewesen in der krankhaften
+Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt
+aus Angst vor den vorger&uuml;ckten Stunden dann, wenn die
+Gassen in Stille versanken, das Haus mit seinen verlorenen
+Ger&auml;uschen wie ein einsamer Turm war, und die Vernunft
+nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen Herr werden
+konnte.</p>
+
+<p>Justus Richter erz&auml;hlte, Rektor und Senat der Universit&auml;t
+h&auml;tten sich gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung
+<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>gegen Professor Landgraf zu veranlassen; davon
+spreche seit gestern die Stadt. Das Ger&uuml;cht wollte wissen,
+da&szlig; Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen gegen den
+Professor erhoben habe, Anklagen, die man die l&auml;ngste
+Zeit als Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis
+man durch ein nicht abzuleugnendes k&ouml;rperliches Symptom
+gen&ouml;tigt worden sei, ihre Stichhaltigkeit zu &uuml;berpr&uuml;fen.
+Dabei habe sich eine Reihe von Verdachtsmomenten ergeben,
+die den Professor bedenklich belasteten, andere Umst&auml;nde
+aus anderer Sph&auml;re seien hinzugekommen, kurz, die
+Dinge st&uuml;nden nicht g&uuml;nstig f&uuml;r den gro&szlig;en Mann, und
+es hei&szlig;e, er werde Stellung und &Auml;mter freiwillig niederlegen,
+um eine Berufung nach S&uuml;damerika anzunehmen,
+wobei freilich vorausgesetzt war, da&szlig; es mit dem disziplinaren
+Verfahren sein Bewenden habe.</p>
+
+<p>Dietrich zeigte sich erregt &uuml;ber die Nachricht. Er lie&szlig;
+durchblicken, da&szlig; sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es dr&auml;ngte
+ihn sich mitzuteilen, aber zu wi&szlig;begierig hing Richters Auge
+an ihm, und diese Wi&szlig;begier enthielt zu wenig Unbefangenheit
+und Einfachheit. Zu reden aber, blo&szlig; um es mit sich
+selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht.
+Sie sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn
+Dietrich nicht bald aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich
+kopfsch&uuml;ttelnd, zu ihm wolle er erst gehen, wenn er
+keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er sich auf zuletzt.
+Die Antwort best&uuml;rzte Justus Richter, das Enigmatische
+darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin
+m&ouml;ge nicht zu hoch auf den einen Menschen setzen, warnte
+er vorsichtig, damit gebe er fast sich selber aus der Hand.
+&raquo;Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,&laquo; f&uuml;gte er hinzu,
+&raquo;und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt
+hat, ist f&uuml;r dich vielleicht nicht gut sein.&laquo; Darauf entgegnete
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>Dietrich: &raquo;La&szlig; die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal
+auf ihn gebaut. Als ich zu ihm kam, war ich ein Splitterding.
+Er hat mich in seinen Feuertopf geworfen, da&szlig; ich
+geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe.
+Das Leben h&auml;tte mich sonst nicht brauchen k&ouml;nnen, und wies
+auch ist, ich lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?&laquo;</p>
+
+<p>Richter sagte: &raquo;Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein
+mordsfeiner Kerl; ich m&ouml;chte, da&szlig; du mal mit mir zu meinen
+Freunden gehst; in unseren Zirkel, wei&szlig;t du; la&szlig; dir
+nicht von den g&auml;ngigen Fabeln und Vorurteilen Sand in
+die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem
+Zipfel an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht
+erwischt haben; es ist nicht auf Umst&uuml;rzlerei und nicht auf
+Sektiererei abgesehen, sondern auf Trost und bescheidenen
+Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein Staubkorn,
+das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den
+Stra&szlig;enschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind
+viele unbekannte stille Leute, die einander bei den H&auml;nden
+halten und eine Kette bilden, und durch die Kette l&auml;uft
+ein ehrf&uuml;rchtiger Strom, und einer verhilft dem andern
+zum Frieden.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich antwortete: &raquo;Sehr sch&ouml;n, was du da sagst, aber
+ich kann nicht mit dir gehen; ich mu&szlig; allein sein, Richter,
+mag der Sturm mich wirbeln, wohin er will. Ich biete mich
+ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er mich packt, ruf
+ich ihm zu: rei&szlig; mich nur in deine H&ouml;hn und Tiefen, da
+sp&uuml;r ich mich doch unzerst&uuml;ckt und ganz.&laquo;</p>
+
+<p>In Justus Richters Z&uuml;gen malte sich Verwunderung,
+und er war um Widerspruch verlegen.</p>
+
+<p>Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und sa&szlig;en bis weit
+&uuml;ber Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein
+Haus. Als er die alten knarrenden Treppen emporstieg,
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>&uuml;berkam ihn beklommenes Vorgef&uuml;hl; in der Wohnstube
+blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte, ehe
+er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch,
+ob nicht Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster
+war offen; M&auml;rznachtk&uuml;hle wehte herein, er schlo&szlig; es
+fr&ouml;stelnd. Er ging im Zimmer auf und ab und wiederholte
+sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen wie eine Melodie:
+wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander
+bei den H&auml;nden halten. Er &ouml;ffnete die T&uuml;r zum Schlafraum,
+da wehte es ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so
+eigen; er f&uuml;hlte sie rinnen wie Fl&uuml;ssiges, er schmeckte sie wie
+Bitteres. Seine Hand tastete nach dem elektrischen Schalter,
+doch lie&szlig; er sie wieder sinken; vom andern Zimmer fiel
+gen&uuml;gend Helligkeit herein, es war, als d&uuml;rfe er die Zwielichtgeister
+nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich
+und schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zur&uuml;ckzog,
+sah er im Bette jemand liegen. Es war Hanna.</p>
+
+<p>Sie schlief.</p>
+
+<p>Die Spuren gro&szlig;er Erm&uuml;dung in ihrem Gesicht erkl&auml;rten
+die Festigkeit des Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin-
+und Hergehen nicht hatte st&ouml;ren k&ouml;nnen. Sie war zugedeckt
+bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre Gew&auml;nder auf
+einem Stuhl zu H&auml;upten des Bettes liegen. Der Kopf war
+zur Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen &uuml;ber den
+schlanken Hals, in der ungew&ouml;hnlichen Bl&auml;sse des Antlitzes,
+verst&auml;rkt durch die matte Beleuchtung, erschienen die Lippen
+wie blutgef&auml;rbt, und der schwarze Strich der Wimpern,
+die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die eine
+Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es
+war was Ergebenes, was Verzichtendes in der Geb&auml;rde,
+die andere lag wei&szlig;, lang und flach wie beteuernd auf der
+ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit war in dem Bild
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>enthalten, unwidersprechliches Es-mu&szlig;-so-sein, das alle
+h&auml;&szlig;lichen und argw&ouml;hnischen Gedanken mit dem ersten
+Blick vertilgte. Die schlafgebundene Bewegung verriet
+vieles: F&uuml;&szlig;e, die gefl&uuml;chtet waren; zur einzigen Zuflucht
+geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich, sei
+es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen,
+das Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.</p>
+
+<p>Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war,
+als er sie erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn
+hinein. Er holte gewaltsam Luft durch die Z&auml;hne, die aufeinanderschlugen;
+er krampfte den Kopf zwischen die Schultern,
+weil ihm war, als m&uuml;sse der Wirbel brechen. Das erste
+Gef&uuml;hl war s&uuml;&szlig;es Mitleid gewesen, das n&auml;chste schmerzliche
+Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er
+zu atmen, aus Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken,
+als ob Gedanken L&auml;rm verursachten. Unh&ouml;rbar schob er den
+Vorhang weiter weg; unh&ouml;rbar glitt er auf die Knie nieder;
+mit gefalteten H&auml;nden, am Augenschein noch zweifelnd, sah
+er die Schlafende an.</p>
+
+<p>Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne
+&Uuml;berraschung, ohne Err&ouml;ten, mit seltsamem, erschreckendem
+Ernst. Und als dies eine Weile gedauert hatte, schlang sie
+den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich nieder. &raquo;Einmal,&laquo;
+fl&uuml;sterte sie erstickt, &raquo;einmal und zum letzten Mal.&laquo;
+Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen,
+entseelt fast, von kalt und hei&szlig;er Welle &uuml;berschwemmt,
+innerlich bebend, innerlich weinend. &raquo;Einmal,&laquo; fl&uuml;sterte
+sie, &raquo;zum letzten Mal.&laquo; Es war noch wie Schlummer fast,
+eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es
+wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn
+zur&uuml;ckstie&szlig;, auf den &auml;u&szlig;ersten Rand des Lagers r&uuml;ckte und
+halb entsetzt, halb beschw&ouml;rend, mit der tiefgurrenden
+<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Stimme, die gepre&szlig;t klang wie bei einer L&auml;uferin, sagte:
+&raquo;Sie ist da; sie ist zwischen uns; sp&uuml;rst dus nicht? la&szlig;
+Raum f&uuml;r sie zwischen uns. Lieg still; r&uuml;hr dich nicht; h&ouml;r
+mich an.&laquo;</p>
+
+
+<h3>Beichte</h3>
+
+<p class="newchapter">Und Dietrich lie&szlig; Raum, wie sie befahl. Es war ihm
+selbst, als l&auml;ge der Schatten zwischen ihnen. Er lag still
+und r&uuml;hrte sich nicht. Er h&ouml;rte zu. Die Worte kamen ihm
+vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf der er in
+einen unerme&szlig;lich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde.
+Es war ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er h&auml;tte
+auch beides nicht gewagt, etwas M&auml;chtiges hielt ihn gefa&szlig;t
+und verschlo&szlig; ihm die Lippen.</p>
+
+<p>Hanna erz&auml;hlte, da&szlig; sie um halb acht Uhr schon gekommen
+sei, direkt vom Bahnhof, wo sie ihr Reisegep&auml;ck gelassen.
+Sie hatte lange an seinem Schreibtisch gesessen, um ihm zu
+schreiben. Es ging nicht. Man kann nicht schreiben, wenn
+alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist. Sie
+wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht,
+konnte sie nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen,
+davor graute ihr; &uuml;brigens war es ja seinetwegen, da&szlig; sie
+gekommen war. Undenkbar, da&szlig; sie ihn heute nicht mehr
+sehen sollte; f&uuml;rs Heute war alles bestimmt und bereit, da
+lie&szlig; sich nichts verschieben, morgen war wie &uuml;bers Jahr.
+Sie beschlo&szlig; also zu bleiben und zu warten. Sie schaute
+zum Fenster hinaus und sagte sich: wenn ich bis hundert
+z&auml;hle, wird er da sein. Sie z&auml;hlte siebenmal bis hundert,
+dann &uuml;berw&auml;ltigte sie die M&uuml;digkeit. Eine Weile sa&szlig; sie
+auf dem Sofa, doch pl&ouml;tzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges
+<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>ein, da&szlig; sie sich in sein Bett legen k&ouml;nne. Als sie es tat,
+wu&szlig;te sie, was sie damit tat. Es war ein Sich&uuml;berliefern,
+unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm sie sich vor, nicht
+einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser, er findet
+mich schlafend, es erspart Worte, und er wei&szlig; dann gleich,
+wie es mit mir steht.</p>
+
+<p>Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die H&auml;nde lagen
+auf der Brust. Wie es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende.
+Sie habe ihm ja geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe.
+Es hatte sich in mannigfaltiger Weise ge&auml;u&szlig;ert,
+anfangs beunruhigend, untermengt mit einem Wirrsal von
+Zweifeln, Ungewi&szlig;heiten und Selbstanklagen; eines Tages
+hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke
+an ihn. Es half nichts, da&szlig; sich Spott dawider auflehnte,
+da&szlig; sie seine Jugend als Vorwurf empfand und ihr gegen&uuml;ber
+die eigene Person als schlaue Umstrickerin; sein redlicher
+Blick war nicht von ihr gewichen, seinen vertrauenden
+H&auml;ndedruck hatte sie gesp&uuml;rt, so oft sich eine fremde Hand
+dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall
+seines Wortes schon zufrieden gemacht. Indem sie dies
+berichtete, vermied sie jede starke Bezeichnung; manchmal
+war es, als lese sie in eint&ouml;nigem Tonfall aus einem Buch
+vor, das ge&ouml;ffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich
+f&uuml;r unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als h&auml;tte
+sie das Ding, das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, f&uuml;r
+Einbildung und Schw&auml;che genommen; aber es sei zu fern
+gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres Lebens war sie davon
+abgedr&auml;ngt gewesen; in der Schwester allein war es Ereignis
+geworden, aber nur von au&szlig;en her, nicht von innen;
+nur das Gef&auml;&szlig; hatte sie gewu&szlig;t, nicht den Inhalt. Sie
+konnte nicht von Liebe reden h&ouml;ren; sie hatte es bei keinem
+f&uuml;r das Eigentliche, schon gar nicht f&uuml;r das Wesentliche
+<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>erkannt. Raserei; Gelegenheit; Versponnenheit; kopflose
+Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie kalt; vor
+Abscheu kalt; alles war so t&ouml;richt gewesen, die zarteste
+Menschen- und Frauenw&uuml;rde war beleidigt. &raquo;Darf man
+denn das Wort aussprechen?&laquo; fragte sie; &raquo;wirds nicht unheilig
+und frech und gering und abgegriffen, wenn man es
+sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf ein schlechtes
+Geldst&uuml;ck; sie schieben es einander zu, ohne es zu pr&uuml;fen,
+und mit dem Minimum von Gef&uuml;hl und Opfer glauben sie
+immer schon das volle Ma&szlig; beanspruchen zu d&uuml;rfen. Und
+wenn auch Natur zum Vorschein kommt, wer hat denn Natur,
+mehr davon als in eine zuf&auml;llig gesteigerte Stunde geht, und
+aus wem spricht sie gro&szlig; und wahr? Wir m&uuml;ssen alle erst
+das Selbstverst&auml;ndliche lernen; in den geheimsten Falten
+nistet noch aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter
+vegetiert das Herz wie ein Kr&uuml;ppel.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hob die nackten Arme und verschr&auml;nkte die H&auml;nde hinter
+dem Kopf. Da&szlig; sie jetzt so denke und sich klar dar&uuml;ber
+geworden sei, das sei sein Werk. Und da&szlig; sie hieraus die
+Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls. &raquo;Schau, ich liege
+doch in deinem Bett!&laquo; rief sie aus. Aber sei das schon ein
+Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man
+die Widerst&auml;nde in Rechnung bringe; die w&auml;ren freilich
+zuerst un&uuml;berwindlich gewesen. Er k&ouml;nne es auch als einen
+Akt der Verzweiflung betrachten, wenn er wolle, aber ein
+solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes Leben und auf
+die F&uuml;gung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg einen
+Augenblick, dann sagte sie langsam: &raquo;In jeder Menschenbrust
+ist Eine gewaltig-g&ouml;ttliche Wahrheit; die mu&szlig; herausgesch&auml;lt
+werden aus der schleimigen Lebens- und L&uuml;genh&uuml;lle.
+Ich will es tun. Aber vorher gib mir noch einmal deine
+Hand.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Sie nahm seine Hand und k&uuml;&szlig;te sie inbr&uuml;nstig. Dann
+fuhr sie fort: &raquo;Mein ganzes Dasein ist innerlich und &auml;u&szlig;erlich
+bestimmt worden durch zwei Menschen: durch meinen
+Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen, wie
+zwischen zwei M&uuml;hlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich
+gedacht, empfunden und gehandelt. Von fr&uuml;h an stand der
+Vater gebieterisch &uuml;ber allem. Er war der Meister, von ihm
+hatte der Tag seine Regel. Nach ihm war der Dienst gerichtet,
+das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er verbreitete
+Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind
+kommen h&ouml;rte, schien mir immer, als w&uuml;rde der Raum,
+in dem ich war, finsterer und enger. Man schrumpfte unter
+seinem Blick zusammen; das Auge wagte sich nicht hinauf;
+er zwang einen zu sprechen, was er w&uuml;nschte, da&szlig; man sprechen
+sollte. Er wu&szlig;te um die Gedanken, alles Verhehlte war
+ihm bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich
+herzuziehen und anzuschauen, so hatte ich keinen Willen
+mehr und nicht nur das, mir fiel auch alles Schlechte ein,
+das ich gedacht und getan, und h&auml;tte er gefragt, ich h&auml;tte
+es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien sich selbst
+zu f&uuml;rchten vor der Macht seiner Frage; es r&uuml;hrte einen an
+wie k&uuml;hler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die
+Mutter, davor zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen.
+Doch begriff ich sehr bald das Gewicht, mit dem
+er unter den Menschen stand, und wie er h&ouml;her und h&ouml;her
+stieg in ihrer Meinung; es dr&uuml;ckte sich in seiner Geste aus,
+in seinem scharfen, schnellen Brillengl&auml;serblick, in seiner blockhaften
+Unersch&uuml;tterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken;
+ich kann es nicht anders sagen, wenn ich zur&uuml;ckdenke;
+&uuml;ber und &uuml;ber beladen; unheimlich klebte es an
+ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und was er
+infolgedessen wu&szlig;te. Das wurde in meiner Vorstellung ein
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>Berg, schwarzes Gebirg; ich wei&szlig; noch, ich war sechs Jahre
+alt, als ich mirs zum erstenmal deutlich machen konnte,
+was das war: Arzt f&uuml;r die Geisteskranken, f&uuml;r die Seelenkranken;
+so hatte man mir seinen Beruf erkl&auml;rt, und je
+n&auml;her ich dem Gedanken zu kommen suchte, je d&uuml;sterer wurde
+mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses
+Wegs bis zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie
+ein Sichdurchw&uuml;hlen durch unterirdische G&auml;nge. Ich wuchs
+heran; ich sah, was im Hause vorging; ich sah, wie ers trieb;
+er hatte eine Rede f&uuml;r die Menschen, eine andere Rede f&uuml;r
+uns. Drau&szlig;en saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns
+warf ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich
+an mein bet&auml;ubtes Staunen als Zehnj&auml;hrige, als ich beobachten
+konnte, wie die Leute ihn bewunderten, wie seine
+Patienten ehrf&uuml;rchtig-gehorsam vor ihm standen, gew&auml;rtig
+eines Winks von seinen Augen; das Gef&uuml;hl von seiner
+Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religi&ouml;ses. Als
+ich zw&ouml;lf Jahre alt war, entwendete ich ein Goldst&uuml;ck aus
+seiner Schreibtischlade, nur weil ich zu erfahren begierig
+war, ob ers erraten, ob ers wissen w&uuml;rde. Es wurde nicht
+entdeckt, und ich wartete entt&auml;uscht; ich sagte es ihm; er
+lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, da&szlig; ich einer
+kleinen Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch
+wissen, wann sie mich bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition
+f&uuml;r mich tut. Damals war er noch nicht so zerfetzt und
+von sich selber geblendet, wie ers sp&auml;ter geworden ist. Er
+h&auml;tte eine Frau haben m&uuml;ssen, die ihm gewachsen war.
+Mutter war ihm nicht gewachsen. Sie f&uuml;gte sich am falschen
+Ort, sie leistete Widerpart am falschen Ort, sie konnte
+ihm die Stichworte nicht geben, und darauf kommt es in
+Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten gegen&uuml;ber
+diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortw&auml;hrendes
+<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Aufgraben von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die
+Fugen; schon als ich die erste Kunde davon gewann und
+ihm heimlich auf seiner Bahn folgte, sagte ich mir: das ist
+ein Erdrosselungsapparat f&uuml;r das ganze Gl&uuml;ck der Erde.
+Was da zutage tritt! wovon da die H&uuml;llen fallen! die verwinkelten
+G&auml;nge, die schmutzigen Schlupfl&ouml;cher; die Labyrinthe
+von Schuld und Irrtum und Jammer und Betrug
+und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung und ersticktem
+Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt;
+wie sich das h&auml;uft; was f&uuml;r ein Gespenstertanz da
+entsteht. Und es erfragen; St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck aus der stummen
+Brust rei&szlig;en, das Bewu&szlig;tsein unterminieren; Ader um
+Ader die Wunde betasten; Zur&uuml;ckkriechen in die H&ouml;hlen
+der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen;
+wem fiele da die Welt nicht in Tr&uuml;mmer; wem sollte
+da das Herz nicht versteinen; was f&uuml;r ein Mensch m&uuml;&szlig;te
+einer sein, der dabei noch einen Gott im Innern behielte,
+einen Abglanz von Gott nur! Und h&auml;tt ich das nicht ahnen
+sollen? schon vor dem Wissen? &Uuml;bertr&auml;gt sich das nicht?
+Ists zum Verwundern, da&szlig; man schlie&szlig;lich selber ohne Gott
+dastand, nein, nicht ohne Gott, dar&uuml;ber h&auml;tte man hinwegkommen
+k&ouml;nnen, aber mit einem zerfleischten Gott, mit
+einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot geschleiften
+Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem
+Traum: wenn ich emporflog bis zu der Scharlachwolke,
+erblickte ich ja am Ende Gott; war er noch da f&uuml;r mich, so
+sah er mich doch nicht an, er w&uuml;rdigte mich keines Blicks.
+Ich wu&szlig;te zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu
+viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das
+himmlische Geheimnis verraten.&laquo;</p>
+
+<p>Sie dr&uuml;ckte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte.
+Dann sprach sie weiter: &raquo;Und nun C&auml;cilie. Du wei&szlig;t es
+<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>ja; ich habe dir begreiflich zu machen versucht, wie sie war.
+Der Vater und sie, das war wie Ahriman und Ormuzd.
+Deshalb seine fast abergl&auml;ubische Angst vor ihr, als ob
+ihm ein ohrenbl&auml;serischer Satan best&auml;ndig zuraunte, so viel
+Unschuld, so viel Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende
+W&uuml;rde d&uuml;rfe er nicht dulden. Er, den nur Besessene umgeisterten,
+denen er souver&auml;ner Richter war, mu&szlig;te toll
+werden wie die Magnetnadel &uuml;ber ihrem Pol beim Anblick
+eines Menschen, der in solchem Grad sich selbst besa&szlig;. Sie
+war sein Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil
+aus seinem Fleisch und Blut; an ihr wurde seine Macht
+und Selbstgewi&szlig;heit zuschanden. Ich konnte ihm noch
+spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr.
+Mu&szlig;te da nicht der Wunsch in ihm entstehen, da&szlig; sie aus
+seinem Kreis verschwand? mu&szlig;te der Wunsch nicht bis ins
+Verbrecherische wachsen, bei ihm, dessen Existenz auf B&auml;ndigung
+verbrecherischer Triebe gestellt war? So ist vielleicht
+auch mein W&uuml;nschen krank geworden. Ich konnte kein Lebensgut
+und Lebensgl&uuml;ck erlangen, das C&auml;cilie nicht schon hatte.
+Wo ich mich weh und blutig sch&uuml;rfte im Ringen und Wollen,
+da empfing sie. Wo ich h&auml;tte rauben m&uuml;ssen, wurde ihr
+gegeben, und in H&uuml;lle und F&uuml;lle. Unbegreiflich war mir
+diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu denken anfing.
+Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles L&auml;cheln schenkte
+sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft
+&ouml;ffnen wollte, in der n&auml;chsten Sekunde krampfte es
+sich schon wieder zu; wie durfte es sich nur r&uuml;hren neben
+C&auml;cilies. Zwillingsschwester! Das ist ein besonderes Ding.
+Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren in der
+n&auml;mlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gel&ouml;st, Muskel
+von Muskel, aus einem Gesch&ouml;pf wurden zwei. Am
+Scho&szlig; der Mutter stand ein Engel mit herrlichen Geschenken:
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>Sch&ouml;nheit, harmonische Bildung, Sanftmut, Gabe die Herzen
+zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der Engel
+wu&szlig;te nicht, da&szlig; zwei den Scho&szlig; verlassen w&uuml;rden, und
+der ersten, die ans Licht kam, verlieh er alles, f&uuml;r die andere
+blieb nichts. Er wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er
+hatte alle Geschenke bereits vergeben und war auf und davon,
+als sie hinter der Begnadeten auftauchte. Das ist keine
+Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin, mein Gestern,
+mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute.
+Wie fa&szlig; ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur.
+Einer ist doppelt auf der Welt bis zu einem gewissen Tag,
+und von dem Tag ab ist er halb. Ein Rechenexempel, um
+den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn gehei&szlig;en?
+Gleich wie der K&ouml;rper und der Schatten ein Doppeltes
+sind. Und halbiert dann, das bedeutet: der Schatten
+bleibt allein. Was soll ein Schatten allein anfangen? Er
+kriecht am Boden und kann sich nicht aufrichten. Er erbettelt
+Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er kann
+sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte
+und seine Vertraute wurde, war mir, als k&ouml;nnte ich
+ihn lieben. Aber mein Herz hatte nicht Mut genug. Qual,
+von der man keinen Begriff geben kann. Er geh&ouml;rte C&auml;cilie;
+alles geh&ouml;rte C&auml;cilie; alle geh&ouml;rten C&auml;cilie. Au&szlig;erdem
+wu&szlig;t ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt
+ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt
+war? Wie dann? Dann mu&szlig;te eine von uns sterben;
+sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich f&uuml;hlte es voraus,
+da&szlig; es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen,
+das uns beiden drohte. Ich wollte nicht l&auml;nger Schatten
+sein. Ich wollte K&ouml;rper werden. Es war mir klar, da&szlig; der,
+der dann kam, sich trotzdem nur nach ihr sehnen w&uuml;rde, nur
+nach ihr bangen und schmachten, und da&szlig; ich auch als K&ouml;rper,
+<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und &Uuml;berbleibsel
+sein w&uuml;rde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine
+Spanne wenigstens, ich wurde geh&ouml;rt und gesehen, ich war
+da, ich war lebendig. Und so hab ich sie get&ouml;tet. So hab ich
+den Revolver an ihre Schl&auml;fe gedr&uuml;ckt. So hab ich die
+Schwester get&ouml;tet. Jetzt wei&szlig;t du alles.&laquo;</p>
+
+<p>Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war
+Schweigen. Abermals wollte Dietrich schreien, doch die
+Kehle war versperrt. Er setzte sich im Bett empor. Er
+&ouml;ffnete den Mund; fahl, mit ge&ouml;ffneten Lippen, sah das
+Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager
+zur&uuml;ck. Der K&ouml;rper w&auml;lzte sich in Konvulsionen auf dem
+Linnen. Er pre&szlig;te die F&auml;uste in die Augen, in gr&auml;&szlig;licher
+Angst, da&szlig; das Gehirn herausrann.</p>
+
+<p>Hatte ers auch geahnt, als t&ouml;dliches Geheimnis von purpurner
+Tiefe her gef&uuml;rchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden
+gef&uuml;rchtet seit ihrem wei&szlig;en Dastehen im Wald
+schon, seit dem kl&auml;gerischen Gebell des Hundes, seit Worte
+zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes
+als ein kaum verr&auml;terischer Streifen am Saum wohlt&auml;tiger
+Nacht, was war sie gegen die nun aufgeschossene
+welt- und sinnverschlingende Flamme des donnernden
+Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen;
+es hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben,
+der W&auml;rme des Lebens, dem Gedanken und dem Bild.
+Ordnung zerst&auml;ubte in Chaos. Vergossenes Blut &uuml;berstr&ouml;mte
+die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum zweitenmal
+war es, doch endg&uuml;ltiger jetzt, als schl&uuml;ge ein Riesengespenst
+die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden
+Tag dazu, alle kommenden Tage dazu. C&auml;cilie!
+riefs; C&auml;cilie! Sie war da. Die andere war zerst&ouml;rt. Sie
+war zerst&ouml;rt; die andere lag neben ihm. Irrsinn, Wut des
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der aufr&uuml;hrerisch
+kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben
+zerschlagenen Welt? C&auml;cilie! riefs aus der zermalmten
+Kehle. O Mund, der du gek&uuml;&szlig;t hast, die Andere gek&uuml;&szlig;t hast,
+auf ewig verfluchter Mund! Geliebter Leib, den du umarmt
+hast, du warst nicht C&auml;cilies Leib. Noch einmal schrie
+er auf und hatte die Besinnung verloren.</p>
+
+<p>Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem
+Teppich. Es gibt ein Bild von Odilon Redon, <em class="antiqua">les yeux clos</em>
+genannt; diesem Bild &auml;hnelte sie. Es war eine sch&ouml;ne Gestalt
+von ann&auml;hernd vollkommener Pr&auml;gung und kr&auml;ftiger
+Rasse. Die Rundung der H&uuml;ften &uuml;bertraf die Breite der
+Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte
+weibliche Formen; mehr Frau vielleicht als M&auml;dchen, doch
+unendlich jung.</p>
+
+<p>Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gew&auml;nder lagen, kleidete
+sie sich langsam an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere
+Seite des Bettes und schaute seltsam besorgnislos in das
+Gesicht des unbeweglichen, mit geschlossenen Lidern daliegenden
+J&uuml;nglings. Sie beugte sich herab, ber&uuml;hrte mit den
+Lippen seine Stirn und die entbl&ouml;&szlig;te Brust, dann schritt
+sie leise zur T&uuml;r und ging. Sie hatte den Torschl&uuml;ssel.
+Drau&szlig;en war es schon Tag.</p>
+
+
+<h3>&raquo;Ich komme&laquo;</h3>
+
+<p class="newchapter">Erst am sp&auml;ten Vormittag betrat das Hausm&auml;dchen
+Dietrichs Schlafzimmer und fand ihn in schwerem Fieber
+und phantasierend. Der Arzt wurde geholt. Zuf&auml;llig kam
+um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem Freund
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich
+telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine
+ein.</p>
+
+<p>Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der
+behandelnde Arzt berief einen Spezialisten. Es war eine
+bedenkliche Form von Hirnhautentz&uuml;ndung. Das verheerende
+Fieber dauerte sechs Tage ohne wesentliche Abschw&auml;chungen.
+Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief
+g&uuml;nstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet
+betrachtet werden. In dieser Nacht schlief Dorine einige
+Stunden durch. Man hatte ihr im Wohnzimmer ein Feldbett
+aufgeschlagen.</p>
+
+<p>Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit w&auml;hrenden Bewu&szlig;tlosigkeit
+erwachte, war die an seinem Lager sitzende
+Mutter beruhigende Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend
+an. Sie legte stumm ihre Hand auf seine.</p>
+
+<p>Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was
+an greifbarer Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters
+Andeutungen vervollst&auml;ndigt. Dennoch war es zerbrochener
+Pfad f&uuml;r sie, auf dem ihr Schritt unsicher stockte. Von
+da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gew&ouml;lbt; es
+war entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd
+blickten die Ahnen her&uuml;ber; in ihrem f&uuml;rstlich geregelten
+Dasein hatte das Zerfallene keinen Platz; und sie, die
+Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu verh&uuml;ten?
+wu&szlig;te keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem
+noch Werdenden; Hoffnung, da&szlig; die tr&uuml;be Gor sich von
+innen aus kl&auml;re, da&szlig; der Niedergest&uuml;rzte sich schicksalsfr&ouml;mmer
+wieder aufrichte und bescheidener das Gesetz erkenne,
+nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand
+hatte da keine Gewalt mehr: F&uuml;hrung und Herrschaft waren
+dahin f&uuml;r immer.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in
+einem neuen Sinne Sohn: abgel&ouml;st von ihr und ihr gegen&uuml;berstehend
+als Pfl&uuml;ger auf eigenem Grund und Boden;
+ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in sp&auml;ter Zeit
+antreten will; vielleicht da&szlig; er es verkn&uuml;pft mit dem frisch
+Errungenen; vielleicht da&szlig; er es sondert; doch hat er sein
+Ur- und Geistesrecht in sich selber.</p>
+
+<p>Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr
+Richter und teilte es Dorine Oberlin mit, da&szlig; sich Hanna
+auf dem Grab ihrer Schwester erschossen habe. Den Morgen
+darauf stand es in allen Zeitungen. Die Nachricht wurde
+Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon weit
+fortgeschritten war. M&ouml;glich, da&szlig; er es ahnte. Er sprach
+nicht von Hanna. Er fragte niemals. Aber er mu&szlig;te
+wissen, wohin sie gegangen war, mu&szlig;te wissen, was sie
+getan, wenn anders Ma&szlig; und Gewicht dieser Welt f&uuml;r ihn
+nicht aufgeh&ouml;rt haben sollten zu gelten.</p>
+
+<p>Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwerm&uuml;tiger
+Ernst wich nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu
+zerstreuen und aufzuheitern, indem sie ihm vorlas oder erz&auml;hlte;
+er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte Teilnahme.
+Justus Richter stellte sich h&auml;ufig ein und spielte Schach mit
+ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte.
+Anfang Mai kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat,
+zeigte sich zum erstenmal ein heller Schimmer in Dietrichs
+Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er ausgehen. Dorine
+und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys
+allein. Da brachte Dietrich das Gespr&auml;ch auf Lucian und
+sagte, er wolle zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben
+w&uuml;rde. Dorine erschrak, als Georg Mathys es ihr sagte,
+und wollte Einspruch erheben, aber Mathys riet ihr, ihn
+gew&auml;hren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die
+<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Folgen k&ouml;nnten nur ersprie&szlig;liche sein. Er erbot sich, mit
+Dietrich zu fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen
+ausf&uuml;hrlichen Brief an Lucian, worin er Dietrichs Gem&uuml;tsverfassung
+schilderte, das Geschehene delikat ber&uuml;hrte und
+von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu besuchen.
+Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.</p>
+
+<p>Die Antwort lie&szlig; nicht lange auf sich warten. Sie war
+kurz und forderte die beiden Freunde an einem ihnen genehmen
+Tag zu kommen auf. Eine Woche sp&auml;ter gab der
+Arzt die Einwilligung zur Reise, die &uuml;brigens nur zwei
+Stunden dauerte. An einem sch&ouml;nen Morgen im letzten
+Drittel des Mai fuhr das gemietete Auto vor; den andern
+Abend wieder zur&uuml;ck zu sein, versprach Georg Mathys
+Dorine.</p>
+
+<p>Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen
+Pfarrhaus an. Es wurde ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich
+war heute siebzig Jahre alt. Die H&auml;user des Dorfs
+waren beflaggt, Deputationen standen im Hof, wei&szlig;gekleidete
+Kinder, mit Kr&auml;nzen von Wiesenblumen im Haar,
+sangen ein Lied. Der &auml;lteste Sohn des Pfarrers begr&uuml;&szlig;te
+die fremden G&auml;ste; nach einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich
+auf sie zu, eine w&uuml;rdige, von Freundlichkeit strahlende
+Gestalt, und sch&uuml;ttelte ihnen herzhaft die H&auml;nde.
+Mathys dr&uuml;ckte sein Bedauern &uuml;ber die Zufallsf&uuml;gung aus,
+die sie zu Festst&ouml;rern gemacht, aber der alte Herr erkl&auml;rte
+lachend, zwei mehr an seiner Tafel, das k&ouml;nne h&ouml;chstens
+eine Verlegenheit f&uuml;r die Pfarrerin bilden, und bei der
+sollten sie mal Nachfrage halten, die w&uuml;rde ihnen mit dem
+entr&uuml;stet geschwungenen Kochl&ouml;ffel antworten.</p>
+
+<p>Nun erschien auch Lucian unter dem geschm&uuml;ckten Tor:
+hager, gro&szlig;, streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten
+Z&uuml;gen ging er auf Dietrich zu. &raquo;Da bist du ja
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>endlich&laquo;, redete er ihn an mit der Stimme aus Metall,
+packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest.
+Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht.
+Sprechen konnte er nicht.</p>
+
+<p>Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian.
+Die Unterhaltung war stockend und eigentlich ohne Gegenstand.
+Lucian blieb ziemlich schweigsam. Auch Mathys
+und Dietrich verstummten. Um so l&auml;rmender verlief das
+Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei
+k&ouml;stlichem A&szlig;mannsh&auml;user. Die Tische waren im Freien
+aufgestellt, unter drei uralten Eichen. Die Angesehenen des
+Orts und Freunde des Pfarrers aus nah und fern waren
+geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen gereimten Gl&uuml;ckwunsch;
+ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs
+J&uuml;nger und Sch&uuml;ler, trank auf das Wohl des Jubilars den
+silbernen Pokal bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer sa&szlig;
+begl&uuml;ckt l&auml;chelnd die Pfarrerin, zwei S&ouml;hne rechts, zwei
+links, h&uuml;bsche gesunde Leute.</p>
+
+<p>Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt
+von dem festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge
+Lucian, der, ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys
+und dem Amtsrichter sa&szlig;. Es war Dietrich zur Bedingung
+gemacht worden, da&szlig; er den Nachmittag &uuml;ber ruhe. Die
+Hausfrau f&uuml;hrte ihn in ein Gemach unter dem Dache und
+sorgte f&uuml;r alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann
+pr&uuml;fende Nachschau; w&auml;hrend er noch im Zimmer war,
+schlief Dietrich ein. Er schlief fest und lang; erst als die
+Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf den
+schmalen h&ouml;lzernen Vorbau und schaute versonnen in das
+bl&uuml;ten&uuml;bers&auml;te Land. Hatte eben sein Herz noch leichter
+geschlagen, jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend
+kehrte er ins Zimmer zur&uuml;ck. Da stand Lucian vor ihm.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>&raquo;Bist du munter geworden, Oberlin?&laquo; fragte er; &raquo;wollen
+wir uns zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten?
+Hast du meiner oft gedacht? Bist du noch, der du
+warst?&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt
+und die Arme verschr&auml;nkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf
+seine gewaltige Stirn. Dietrich nahm am Tische Platz und
+st&uuml;tzte den Kopf in die Hand. &raquo;Nein, der ich war, bin ich
+nicht mehr&laquo;, antwortete er.</p>
+
+<p>Nach einem Schweigen dann: &raquo;Wie w&auml;re das auch m&ouml;glich?
+Du wei&szlig;t ja nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Lucian r&uuml;ckte die Schultern. &raquo;Ich wei&szlig;&laquo;, sagte er. &raquo;So
+viel zu wissen n&ouml;tig ist, wei&szlig; ich.&laquo;</p>
+
+<p>Scheu erhob Dietrich den Blick. &raquo;So brauch ich dir ja
+nichts zu erz&auml;hlen,&laquo; sprach er leise; &raquo;ich wollte dir erz&auml;hlen;
+aber ich sehe schon, da&szlig; ichs nicht gekonnt h&auml;tte. Gut, da&szlig;
+du es wei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich d&uuml;nkt, du Lieber, du warst ein bi&szlig;chen zu wehleidig&laquo;,
+erwiderte Lucian stirnrunzelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh&laquo;,
+sagte Dietrich mit einem kr&auml;nklichen L&auml;cheln. &raquo;Es konnte
+mir keiner helfen; und nun, wo alles vor&uuml;ber ist, trostlos
+vor&uuml;ber, wer kann mir nun helfen? Ich dachte, du k&ouml;nntests
+vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch nicht.
+Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt&laquo;, versetzte Lucian
+hart. &raquo;Du hast meine Erwartungen bitter entt&auml;uscht. Du
+hast unserm Vertrag zuwider gehandelt. Du hast dich ins
+giftige Netz begeben und die F&auml;den kleben noch an deinem
+Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine
+Seele verkauft.&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich lie&szlig; das Haupt sinken und schwieg.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>&raquo;Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,&laquo;
+fuhr Lucian fort, &raquo;der darf mir nicht erliegen und zu Boden
+fallen, wenn der trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt.
+Was ist dann meine Existenz, was bin ich wert, mir und
+euch, wenn die klug gebraute verf&uuml;hrerische Mixtur alles,
+was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft,
+da&szlig; du dich an den Fundamenten des Baues bew&auml;hrst und
+nicht an seinem Schn&ouml;rkelschmuck die Zeit vergeudest und
+Kraft und Geist vertust. Alle fallen. Alle. Keiner widersteht
+der Versuchung. Wie ich dich hielt, Oberlin, wie ich
+dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem Werkplatz,
+nicht einmal M&ouml;rtel und Klammern glaubt ich bei
+dir vonn&ouml;ten. Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht &uuml;ber
+meine Ernte mit der geschliffenen Sense, dacht ich. Und
+das Ende? Hineingeschleudert den ganzen Einsatz in ein
+Liebesspiel. Das hei&szlig; ich seinem Meister mit abgehauenen
+H&auml;nden gegen&uuml;bertreten. Sch&auml;m dich, Oberlin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So verdammst du mich also? verwirfst mich?&laquo; hauchte
+Dietrich und schaute Lucian gro&szlig; an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,&laquo; war
+die Antwort, &raquo;dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe
+blo&szlig;, da&szlig; der Ring eng und enger wird, ich fange an, den
+Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem vollen Umfang zu
+begreifen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst,&laquo; sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton,
+&raquo;du irrst, wenn du annimmst, da&szlig; ich den Einsatz verspielt
+habe. Du irrst, wenn du meinst, ich h&auml;tte vergessen, was
+ich mir und dir schuldig war. Das steht unverl&ouml;schbar geschrieben,
+es ist nicht ausgel&ouml;scht, es kann nicht ausgel&ouml;scht
+werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein
+heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich,
+als h&auml;tt ich den gelebt, den du forderst. La&szlig; es Hohlweg
+<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>oder Br&uuml;cke sein, aber la&szlig; es mir gelten und rechne es mir
+zu als ehrlich gelebtes St&uuml;ck. Du siehst mich nicht. Schau
+mich doch an, f&uuml;hl es doch, wie ich vor dir stehe.&laquo;</p>
+
+<p>Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von
+dessen Stirn das Rot der Sonne l&auml;ngst vergangen war,
+gehorchte der Aufforderung und sah Dietrich an. Zu schauen
+vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete er: &raquo;Alles
+m&uuml;&szlig;te von neuem beginnen. Doch dies ist unm&ouml;glich. Anfang
+hat seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich
+zurecht. Auf mich kannst du nicht z&auml;hlen. Ich bin ein
+geschlagener Mann, beleidigt, entw&uuml;rdigt, entwurzelt; und
+verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schw&auml;che zu
+verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem
+andern Kreuzpunkt unserer Wege. Vielleicht kannst du mir
+dann sagen, nicht: schau mich an, f&uuml;hl es, wie ich vor dir
+stehe, sondern: schau mein Getanes an und erkenne, was
+es wiegt und was es ist. Bis dahin mu&szlig; ich unerbittlich
+sein, sonst k&ouml;nnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge
+blicken. Ein Mensch ist nicht mehr da.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal k&uuml;hl bis in die
+Nieren, wer ist sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame
+und finstere Gott? Warum nennt er ihn? Ich bin zu
+ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er gibt mir
+Steine.</p>
+
+<p>Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik
+ert&ouml;nte vor dem Haus. Dietrich stand auf, pl&ouml;tzlich qu&auml;lte
+ihn die starre N&auml;he Lucians. Er trat auf den Altan hinaus.
+Eine Schar junger Menschen, alle mit brennenden Fackeln
+in den H&auml;nden, zog am Hause vorbei, an der Spitze die vier
+S&ouml;hne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln;
+drei spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel,
+wodurch ein wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter
+<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>ihnen schritt Georg Mathys. Er richtete den Blick empor,
+gewahrte Dietrich, schwenkte seine Fackel in der Luft und
+sagte laut: &raquo;Komm, Oberlin!&laquo; Da sahen auch andere in
+die H&ouml;he, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter
+Ruf erschallte: &raquo;Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!&laquo;</p>
+
+<p>Dietrich sp&uuml;rte, wie die Last von Brust und Schultern fiel.
+Er antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden
+L&auml;cheln und rief zur&uuml;ck: &raquo;Ich komme.&laquo;</p>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a></p>
+
+
+
+
+<h1><a name="Sturreganz" id="Sturreganz"></a>Sturreganz</h1>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a></p>
+<p class="dedication">Meiner Tochter Eva Agathe</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a></p>
+
+
+<h3>Die Bedr&auml;ngnis</h3>
+
+<p class="newchapter">Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenj&auml;hrigen und dem
+bayrischen Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souver&auml;nen
+deutschen Herrn, der nach einer etwa zwanzigj&auml;hrigen Regierung
+die nicht eben geringe, aber immerhin noch ertr&auml;gliche
+Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr &uuml;bernommen,
+derart in die H&ouml;he gebracht hatte (w&auml;hrend sonst alles
+j&auml;mmerlich bergab ging), da&szlig; ihm schlie&szlig;lich kein ruhiger
+Tag und keine freundliche Stunde mehr beschieden war.</p>
+
+<p>Dieser ungl&uuml;ckselige F&uuml;rst war der Markgraf Alexander
+von Ansbach und Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie
+man wei&szlig;, in der Bl&uuml;te des Mannesalters, stattlich, gesund,
+in kinderloser Ehe verm&auml;hlt mit einer Koburgerin,
+einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der
+ebenso gro&szlig;artigen als kostspieligen Damen Lady Craven
+und Mademoiselle Hyppolite Clairon.</p>
+
+<p>Sachverst&auml;ndige sind der Meinung, da&szlig; vier Millionen
+siebenmalhunderttausend Taler f&uuml;r jene Zeit eine gewaltige
+Summe vorstellten, und bis zu dieser furchteinfl&ouml;&szlig;enden
+Ziffer war das Schuldenthermometer nach und nach gestiegen.
+Das lawinenhafte Anschwellen zu stauen, sahen
+auch die geriebensten K&ouml;pfe keinen Weg, und alle Arten
+von Finanzoperationen bewiesen blo&szlig;, da&szlig; der Hydra immer
+neue K&ouml;pfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus-
+und Hofhalt zu beschr&auml;nken und in der Verwaltung zu sparen,
+h&auml;tte nur ein Ignorant raten k&ouml;nnen, der nicht in Betracht
+<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>zog, da&szlig; die Verschwender und Bankrottierer sich dadurch
+&uuml;ber Wasser halten, da&szlig; sie ihre Schulden mit ihren Schulden
+zahlen und da&szlig; ein gl&auml;nzendes Firmenschild die Dummen
+und Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank
+so leer ist wie ein Bethaus um Mitternacht.</p>
+
+<p>Wer h&auml;tte es auch wagen d&uuml;rfen und wem w&auml;re es in den
+Sinn gekommen, einem von seiner g&ouml;ttlichen Erw&auml;hltheit
+und seinen geheiligten Machtbefugnissen durchdrungenen
+Dynasten zu einer Verminderung des Etats und bescheidenerer
+F&uuml;hrung zuzureden? Das w&auml;re vermessenstes Rebellentum
+gewesen, beispiellos und strafw&uuml;rdig. Wie dem
+wracken Schiff der irdischen Regierung zu helfen sei, das
+ausfindig zu machen, mu&szlig;te man in Demut der himmlischen
+Regierung &uuml;berlassen und hatte nur daf&uuml;r zu sorgen,
+da&szlig; der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und
+seine Steuern entrichte.</p>
+
+<p>Die Kanzlei- und Geheimen R&auml;te gr&uuml;belten und meditierten
+daher vergeblich &uuml;ber den heiklen Punkt. Worauf
+war zu verzichten? Was h&auml;tte abgeschafft werden sollen?
+Der Markgraf war leidenschaftlicher J&auml;ger. Namentlich
+stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem
+Ansehen, und f&uuml;r die standesgem&auml;&szlig;e und sonach &auml;u&szlig;erst
+zu respektierende Passion des F&uuml;rsten wurden besoldet:
+ein Obristfalkenmeister, zwei Falkenjunker, ein Falkenpage,
+ein Falkensekret&auml;r, ein Falkenkanzellist, ein Reihermeister,
+ein Kr&auml;henmeister, ein Milanenmeister, vier Meisterknechte,
+vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherw&auml;rter und siebzehn
+Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts;
+jeder hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln,
+seine zu Recht bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder
+Wandlung zu dringen hie&szlig; sich verdienter Ungnade aussetzen.
+Keine M&ouml;glichkeit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>Dann war da der Hof mit einhundertf&uuml;nf Kammerherren,
+zwanzig Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern,
+zw&ouml;lf unbetitelten Kammerdienern und f&uuml;nf betitelten;
+mit hundertzw&ouml;lf Husaren, denen ein Generalleutnant vorstand,
+zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein
+Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten,
+Obristen, Obristleutnant, von den Kapit&auml;nen
+und niedrigen Chargen zu schweigen, und au&szlig;erdem noch
+f&uuml;nfhundert Mann Infanterie, junge, h&uuml;bsche, gut exerzierte,
+wohl angezogene Leute, f&uuml;r die sogar am obern
+Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie
+f&uuml;r entbehrlich erkl&auml;ren? Soldaten entbehrlich, Alpha
+und Omega der Repr&auml;sentation, der Legitimit&auml;t, der
+Hoch- und Ebenb&uuml;rtigkeit, der diplomatischen und politischen
+Aktionsfreiheit? Es w&auml;re Landesverrat gewesen,
+Frevel am Ehrw&uuml;rdigsten, Gef&auml;hrdung des Staates,
+Entfesselung d&auml;monischer Kr&auml;fte, die im Dunkeln
+schliefen.</p>
+
+<p>Dann war da das Theater mit Kom&ouml;dianten und Kom&ouml;diantinnen,
+S&auml;ngern und S&auml;ngerinnen, T&auml;nzern und
+T&auml;nzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister, Konzertmeister,
+Aufw&auml;rtern, Logenschlie&szlig;ern, Inspektoren, Zettelanklebern.
+Dann war da der Tiergarten, der allerdings an
+exotischen Bestien blo&szlig; zwei altersschwache Affen, ein melancholisches
+K&auml;nguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte,
+sonst aber an Seltsamkeiten einen Hirsch mit
+zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine Sau mit f&uuml;nf
+Beinen und eine Natter mit zwei Schw&auml;nzen aufwies;
+ferner die Stuterei mit f&uuml;nfhundert Pferden, die St&auml;lle mit
+gehauenen Steinen ausgelegt, Krippen und Ger&auml;te aus
+Metall, blitzblank alles, wie kaum eine menschliche Behausung
+im Lande.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>Nicht eine Uniform, nicht ein Ro&szlig;, kein T&uuml;rh&uuml;ter, kein
+Koch, kein G&auml;rtner, kein L&auml;ufer, kein Kutscher war zu missen.
+Das Zeremoniell forderte einen jeden zu seiner Zeit, die
+allerh&ouml;chste Notdurft mu&szlig;te zu jeder Frist des Geringsten
+versichert sein. F&uuml;r jeden war Wohnung, Kleidung, Nahrung
+und die seinem Rang angemessenen Di&auml;ten zu beschaffen.
+Die Eink&uuml;nfte des Landes reichten nicht hin; die bei
+N&uuml;rnberger und Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen
+reichten nicht hin. Anleihegesuche bei benachbarten,
+befreundeten, verschw&auml;gerten Herren hatten keinen Erfolg
+mehr. Den Rechnungsr&auml;ten stand der Verstand still. Sie
+wurden von Gl&auml;ubigern bedr&auml;ngt. Es kamen Sendschreiben
+von Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der
+Gemeinden um zugesagte Unterst&uuml;tzung, Invalidengelder,
+Beamtengeh&auml;lter. Die B&uuml;rgermeister wurden vorstellig.
+Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen.
+Sch&auml;den an &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden konnten nicht behoben
+werden. Das im Umlauf befindliche M&uuml;nzgeld wurde in
+be&auml;ngstigender Weise sp&auml;rlich. Die markgr&auml;fliche Auszahlungskanzlei
+blieb den gr&ouml;&szlig;ten Teil der Woche &uuml;ber
+geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag
+sah man einige besorgt aussehende Funktion&auml;re verstohlen
+hinter den eisernen Fenstergittern huschen.</p>
+
+<p>Von den verantwortlichen W&uuml;rdentr&auml;gern getraute sich
+nur selten einer, dem Markgrafen ungeschminkten Bericht
+zu geben. Sie schickten ihre Akten, sie schickten ihre Listen:
+verzweifelte Gegen&uuml;berstellungen von Soll und Haben.
+Der Markgraf sa&szlig; davor und studierte sie. Er seufzte und
+hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern
+schwollen, und in seiner Kehle entstand ein grimmiges
+Gurgeln, wie wenn ein Vulkan unterirdisch grollt. Bisweilen
+lie&szlig; er den Hofrat Schlemmerbach holen und beehrte
+<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>ihn mit dem Anblick eines hochf&uuml;rstlichen Wutanfalls.
+Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete,
+bis ihm der obligate Fu&szlig;tritt verabreicht wurde, eine gn&auml;dige
+Vertraulichkeit, die aber weder ihm noch dem Lande aus der
+Klemme half.</p>
+
+<p>Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben
+umgeben. Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil;
+er huldigte in seinen Ideen der damals &uuml;blichen Philanthropie,
+die ihm nicht erlaubt h&auml;tte, von der Menschheit im
+allgemeinen anders als in Ausdr&uuml;cken der Andacht und
+R&uuml;hrung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die
+Allt&auml;glichen, das klebrige Gew&uuml;rm, den Soundso und Soundso,
+den Justizamtmann und den Hofjuwelier, den Kommerzdirektor
+und den Leibmedikus, den Superintendenten
+und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend
+und ein Unsegen, und wenn sie ihm blo&szlig; vor Augen kamen,
+verzog sich schon ekelnd sein Mund.</p>
+
+<p>Es mu&szlig;te Rat geschaffen werden. Unn&uuml;tz, von nicht entdeckten
+Goldbergwerken zu tr&auml;umen, von W&uuml;nschelruten
+und vom Stein der Weisen. Unn&uuml;tz, mit verfinstertem Gem&uuml;t
+durch die hohen S&auml;le zu schreiten. Unn&uuml;tz das Denken
+und Murren, die Drangsal mu&szlig;te ein Ende haben. Seht
+zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!</p>
+
+
+<h3>Was zur Abhilfe geschah</h3>
+
+<p class="newchapter">Es wurde zun&auml;chst unter l&auml;rmenden Verk&uuml;ndigungen
+das genuesische Lotto eingef&uuml;hrt. Bew&auml;hrtes Schr&ouml;pfmittel
+anderswo, hier versagte es. Erstens war die allgemeine
+Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>Mi&szlig;trauen zu gro&szlig;. Kam hinzu, da&szlig; der Hauptpr&auml;mieneinnehmer
+eines Tages mit dem Monatserl&ouml;s, einer erheblichen
+Summe, auf Nimmerwiedersehen verschwand.</p>
+
+<p>Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft
+Sayn-Altenkirchen zu verpachten. Dem P&auml;chter sollte verstattet
+werden, ein St&uuml;ck des dazugeh&ouml;rigen Westerwaldes
+zu schlagen. Nach umst&auml;ndlichen Verhandlungen wurde das
+Projekt durchgef&uuml;hrt. F&uuml;nfzigtausend rheinische Gulden:
+eine Maus im Magen eines Mastodonts.</p>
+
+<p>Hierauf wurde ver&auml;u&szlig;ert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis;
+Schlo&szlig; Villingen bei Wei&szlig;enburg samt G&auml;rten,
+&Auml;ckern, Wiesen; ein halbes Dutzend H&ouml;fe im Mainkreis;
+das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im Altm&uuml;hlgrund:
+Brocken, um einen g&auml;hnenden Schlund zu
+stopfen.</p>
+
+<p>Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untert&auml;nigst
+zur Verauktionierung einiger der wertvollen Gem&auml;lde
+im Schlo&szlig;. Besa&szlig; man doch die Medea des Vanloo; bewundertes
+Meisterwerk. Den blutigen Dolch in der Hand,
+den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden
+Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen
+Wagen, hing sie im Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames
+Erg&ouml;tzen f&uuml;r die hohe Siesta, entschuldbar vielleicht
+durch eine gewisse &Auml;hnlichkeit zwischen dieser Medea und
+der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle
+Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand
+scharmanter Huldigungen gemacht. Man besa&szlig; sch&ouml;ne
+St&uuml;cke von Salvatore Rosa und den ber&uuml;hmten Zentauren
+aus Bronze, Geschenk des weiland K&ouml;nigs von Polen.</p>
+
+<p>Zu diesem Vorschlag sch&uuml;ttelte der Markgraf finster den
+Kopf. Abgesehen davon, da&szlig; man Kunstwerke nicht ohne
+Schm&auml;lerung des f&uuml;rstlichen Ansehens unter den Hammer
+<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>bringen konnte, waren es Embleme, farbige Tapeten des
+auserlesenen Daseins, Best&auml;tigung sublimer F&uuml;hrung,
+Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen
+zum n&auml;chsten Galadiner &uuml;bergangen.</p>
+
+<p>Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des
+Herrn von Seckendorf, Landoberj&auml;germeisters; er deutete
+an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich gro&szlig;m&uuml;tig bereit
+f&auml;nde, einen Teil ihres kostbaren, aus dem markgr&auml;flichen
+Schatz ihr zugewandten Schmucks f&uuml;r das Wohl des Staates
+zu opfern, k&ouml;nne man davon erklecklichen Zuflu&szlig; in den
+leeren S&auml;ckel erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf
+brauste auf. Herr von Bibra, Obristhofmeister, und Marchese
+Pescanelli, die G&uuml;nstlinge der Lady, konnten ihre
+Entr&uuml;stung nicht unterdr&uuml;cken. Der Landoberj&auml;germeister
+wurde f&uuml;r sechs Monate vom Hof verbannt.</p>
+
+<p>Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben
+auszuschreiben. Den Mut zu Einw&auml;nden hatte niemand,
+obwohl es klar am Tage lag, da&szlig; das Volk schon
+die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die Arbeit;
+wollte der Landmann leben, nur k&auml;rglich leben, so mu&szlig;te er
+jeden Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der
+ermatteten Erde ihr Letztes abringen; Salz, Zucker, Gew&uuml;rz,
+alles fremde Produkt, alle einheimische Hervorbringung,
+mobiles und immobiles Eigentum waren &uuml;ber das Erdenkliche
+und Vern&uuml;nftige hinaus besteuert und belastet. Die
+blutpresserische Daumenschraube tat schlie&szlig;lich auch nur die
+Wirkung, da&szlig; die Amtsschreiber f&uuml;r den Verbrauch von
+Tinte und Papier und die Gerichtsvollzieher f&uuml;r ihre Henkerg&auml;nge
+mehr aufrechneten, als mancher Gewerbetreibende
+von rechtswegen zu zahlen hatte.</p>
+
+<p>In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum
+Retter.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie
+waren unerforschlich. L&auml;sterm&auml;uler und Neidlinge nannten
+ihn einen dunklen Quidam, in die Welt gesetzt von einem
+noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch hatte
+er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewu&szlig;t,
+und das Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war
+niemals anderer Meinung als irgendein im Rang &uuml;ber ihm
+Stehender, und den ununterbrochenen Feuereifer der Zustimmung
+und Bekr&auml;ftigung gegen die Allverm&ouml;genden
+kann man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager
+des Markgrafen, er war der Jasager der Lady; er hatte einen
+ganzen Schwanz von unbedeutenderen Jasagern um sich
+gebildet und war sozusagen deren erm&auml;chtigte Zunge. Als
+Anerkennung f&uuml;r verschwiegene Dienste hatte ihm der Markgraf
+die oberste Leitung des Balletts &uuml;bertragen, ein seinen
+Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeni&ouml;sesten
+Reformen den Beifall seines Herrn erwarb.
+So hatte er unter anderm eine Drill- und Zuchtanstalt f&uuml;r
+Tanzelevinnen begr&uuml;ndet, eine durchtriebene Sache. Es
+wurden darin elternlose junge M&auml;dchen und solche, deren
+sich die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung
+entledigen wollten, bis zum kindlichen Alter herab
+aufgenommen und f&uuml;r das sp&auml;tere Vergn&uuml;gen des F&uuml;rsten
+erzogen. Nicht blo&szlig; f&uuml;r das Vergn&uuml;gen seiner Augen. Der
+weitblickende Marchese sagte sich, da&szlig; auch die bezauberndsten
+ausl&auml;ndischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen,
+und da&szlig; eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen
+einer anspruchsvollen und runzlig werdenden aus
+Gro&szlig;britannien am Ende vorzuziehen sei.</p>
+
+<p>Eines Morgens lie&szlig; sich der Marchese beim Markgrafen
+zur Audienz melden, und nachdem er vor den Herrn beschieden
+war, sprach er in heiterer Bescheidenheit ungef&auml;hr
+<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>wie folgt. Der Sorgenalp qu&auml;le den Erlauchten allzu sichtlich;
+die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen
+Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schl&ouml;sser, W&auml;lder,
+Fl&uuml;sse, Land, Jahrhunderterbe, um den v&auml;terlichen
+Pflichten gegen ihre V&ouml;lker zu gen&uuml;gen; sie werde keinerlei
+Dank daf&uuml;r ernten. Weshalb wolle Seine Gnaden nicht
+Menschen verkaufen? Schl&ouml;sser, W&auml;lder, Fl&uuml;sse, Land
+seien unersetzlich; unwiederbringlich M&uuml;hlen, S&auml;gewerke,
+Fischteiche, Steinbr&uuml;che. Menschen hingegen gebe es im
+&Uuml;berflu&szlig;; w&auml;re es nicht an dem, so h&auml;tte Seine Gnaden
+mindere M&uuml;he und Last; sie vermehrten sich ohne Zutun,
+was man von keinem andern Besitz behaupten k&ouml;nne, und
+je geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er
+Seine Gnaden in aller Submission bringen wolle, und zwar
+unter Hinweis auf das gleichgerichtete Unternehmen Seiner
+herzoglichen Gnaden von Hessen sei dies: England in
+seinem Kampf wider das aufst&auml;ndische Amerika brauche
+Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle f&uuml;r jeglichen
+Mann vier- bis sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden
+nur ein Wort, und dero unw&uuml;rdige Kreatur mache sich erb&ouml;tig,
+als leichten Gewinn aus dem Gesch&auml;ft Monat um
+Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des Finanzeinnehmers
+zu legen. Er schlo&szlig; mit dem Satz: &raquo;So lange
+es demnach Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich
+nicht ein, wie es Geldverlegenheiten geben sollte.&laquo;</p>
+
+<p>Der Markgraf h&ouml;rte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem
+Schweigen an. Seine &Uuml;berlegungen waren schon
+einmal denselben Weg gegangen; sie hatten jedoch eine halb
+abergl&auml;ubische, halb empfindsame Scheu nicht zu besiegen
+vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches
+&Uuml;berbleibsel barbarischer L&auml;ufte, hatte in dieser aufgekl&auml;rten
+Epoche keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen
+<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>schmutzigen Handschuh. Ernstere Skrupel bereitete hingegen
+das Dogma von der Menschenw&uuml;rde, auf das man
+eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespr&auml;che und
+philosophischer Lekt&uuml;re. Man schw&auml;rmte f&uuml;r den Helden
+Lafayette, f&uuml;r die Befreiung der Kolonien vom tyrannischen
+Joch des englischen Kr&auml;mers; war es w&uuml;rdig, war
+es human, war es f&uuml;rstlich, dem B&uuml;ttel und Pfeffersack die
+Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?</p>
+
+<p>Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte
+die Schw&auml;chlichkeit ihrer St&uuml;tzen. Darin erwies er sich
+als S&uuml;dl&auml;nder von Gebl&uuml;t, da&szlig; er den verhehlten wie den
+ge&auml;u&szlig;erten Gegenargumenten mit unerschrockener Rabulistik
+zu Leibe ging. Er ma&szlig; das gesprochene Wort am heimlichen
+Wunsch, und h&auml;tte er es nicht zustande gebracht,
+diesen &uuml;ber jenes triumphieren zu lassen, so w&auml;re er eben
+nicht der ge&uuml;bte Jasager gewesen, der er war. Jasager, auch
+Neinsager; es ist im Wesen das n&auml;mliche; wie der Herr befiehlt;
+man stellt sich an den Kreuzweg und zeigt nach links,
+wenn man genau erforscht hat, da&szlig; das Verlangen des Herrn
+nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so
+oft nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.</p>
+
+<p>Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene
+Hilfsmittel widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es
+eine Gefahr, noch war es, wie der einsichtige Ratgeber
+dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen Landen. Der
+Markgraf z&ouml;gerte an diesem Tage noch; er z&ouml;gerte auch
+am zweiten und dritten; er lie&szlig; sich in lange Disputationen
+mit dem Marchese ein, nannte ihn unmutig einen h&auml;&szlig;lichen
+Verf&uuml;hrer und schien zu grollen. Pescanelli war &uuml;ber alle
+Ma&szlig;en betr&uuml;bt, verschwor seinen Vorwitz und seine &uuml;berk&uuml;hne
+Dienstbeflissenheit und wollte, um die Verantwortung
+nicht allein tragen zu m&uuml;ssen, andere Stimmen geh&ouml;rt wissen,
+<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>unparteiische Stimmen, vern&uuml;nftige, besonnene und unverd&auml;chtige.
+Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die
+Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von
+Schlemmerbach, Herr von Menzingen, Herr Trechsel von
+Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr von Pirkensee.
+Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern
+belehrt und submissest &uuml;berstimmt. Er gab seine Einwilligung,
+f&uuml;gte aber hoheitsvoll hinzu, da&szlig; er mit der Affaire
+nichts zu tun haben, keine Klagen, keine Beschwerden,
+keine Berichte entgegennehmen wolle und es den aus&uuml;benden
+Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen
+zu schalten.</p>
+
+<p>Die Jasager verbeugten sich tief.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter begann die Treibjagd auf alle Sorten
+von M&auml;nnern, die Waffen zu tragen f&auml;hig waren, und durch
+deren Abfangung und Verschickung man nichts aufs Spiel
+setzte. An B&uuml;rgers&ouml;hne, Bauerns&ouml;hne und z&uuml;nftige Handwerker
+wagten sich die mit Menschenraub beauftragten
+Sendlinge vorerst nicht. Sie machten Beute unter den
+Obdachlosen, den Vaganten und mit dem Felleisen &uuml;ber
+die Landstra&szlig;e Wandernden; sie griffen auf: besch&auml;ftigungsuchende
+Gesellen, des Bettels &uuml;berwiesene Fremdlinge
+oder solche, in denen man Bettler argw&ouml;hnte, allerlei fahrendes
+Volk, Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktsk&uuml;nstler; jeden,
+der bei Holz- und Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen
+Trunkenbolde, junge Studenten ohne Anhang, Musikanten,
+die in den D&ouml;rfern zum Tanz aufspielten; sie durchst&ouml;berten
+die Gef&auml;ngnisse, die Fronfesten, die Irrenh&auml;user,
+die Spit&auml;ler, die Gark&uuml;chen. Als das Gesch&auml;ft in die Hochbl&uuml;te
+kam und die Beh&ouml;rden erst ein, dann beide Augen zudr&uuml;ckten,
+wurden sie frecher, drangen n&auml;chtlicherweile in die
+Wohnungen und stahlen Personen, die als Freigut geeignet
+<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>schienen und von bezahlten Angebern denunziert worden
+waren. So wurden junge Leute aus ihren Berufen gerissen,
+junge Ehem&auml;nner von der Seite ihrer Frauen, halbw&uuml;chsige
+Burschen aus dem Familienkreis; auch M&auml;nner in gesicherter
+Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem
+man sie durch gef&auml;lschte Briefe und Botschaften an heimliche
+Orte gelockt hatte. Keiner von ihnen sah Haus und
+Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen, sie waren wie
+vom Erdboden verschluckt.</p>
+
+<p>Der Jammer im Lande, anfangs sch&uuml;chtern, wurde laut
+und lauter. Die Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften
+&uuml;berschwemmt. Aus den Gemeinden pilgerten
+Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn Gerechtigkeit
+zu verlangen oder nur f&uuml;r die ihnen widerfahrene schwere
+Unbill ein gn&auml;dig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde
+durchs Tor des Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps
+standen wie eine eiserne Mauer. Da sammelten sie sich auf
+dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum Abend, oder
+hockten unter den Kastanienb&auml;umen der Promenade, und
+Weiber mit geflickten Kopft&uuml;chern und kotbespritzten R&ouml;cken
+flennten erb&auml;rmlich. Das Murren unter den B&uuml;rgern der
+Stadt wurde im Keim erstickt. Patrouillen zogen Stunde
+f&uuml;r Stunde durch die Gassen. M&uuml;&szlig;igg&auml;nger, die sich nicht
+ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf den sichern
+Weg verschickt zu werden. Angst l&auml;hmte die Gem&uuml;ter.</p>
+
+<p>Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen,
+verbrachte die meiste Zeit in sch&uuml;tzender Ferne auf seinem
+Jagdschlo&szlig; Triesdorf. Zuweilen befahl er die Akteurs und
+Aktricen sowie das Opernpersonal hinaus, widmete sich
+dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und dem
+inzwischen zum Oberstk&auml;mmerer erhobenen Marchese Tricktrack
+oder Piquet.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erf&uuml;llt.
+In den Kassen stieg die Talerflut bis an den Rand.
+Das Gold l&auml;utete, k&ouml;stliche Ohrenspeise, wie die Domglocken
+von Bamberg. Es l&auml;utete den M&uuml;den in den Schlaf, es
+l&auml;utete den Gest&auml;rkten aus dem Schlummer, es l&auml;utete zur
+Sch&auml;ferstunde, es l&auml;utete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches
+Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genie&szlig;en zu
+d&uuml;rfen, was zum Genusse sich bot. Woher der Segen kam,
+das brauchte nicht gewu&szlig;t zu werden. Das langerstrebte
+Gl&uuml;ck d&uuml;nkte dem Herrschergeist, da es erreicht war, Pflicht
+des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so
+selbstverst&auml;ndlich erschien ihm der Reichtum, so sehr verga&szlig;
+er das einstige Str&auml;uben gegen seine Quelle, da&szlig; er in gro&szlig;en
+Zorn geriet, als ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach,
+dem nur wohl war, wenn er Unheil k&uuml;nden konnte,
+mitteilte, da&szlig; unter den dingfest gemachten Rekruten immer
+h&auml;ufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattf&auml;nden,
+wodurch der Fiskus empfindlich gesch&auml;digt wurde. Der
+Markgraf erkl&auml;rte, den n&auml;chsten Transport wolle er in
+eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie bis
+Stefft am Main begleiten und Zeuge und W&auml;chter bei der
+&Uuml;berf&uuml;hrung auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinl&auml;nglich
+in Respekt setzen.</p>
+
+<p>Die Jasager l&auml;chelten entz&uuml;ckt.</p>
+
+
+<h3>Episode</h3>
+
+<p class="newchapter">Unter den markgr&auml;flichen Kom&ouml;dianten war ein gewisser
+Ludwig Taube, ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den
+Jahren f&uuml;r das Fach unbrauchbar geworden und nach Aussage
+<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden oder
+versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So
+wurde er im kernigsten Alter, er war Mitte der drei&szlig;ig,
+au&szlig;er T&auml;tigkeit und Wirkung gesetzt, und da&szlig; man ihn nicht
+entlie&szlig;, hatte er nur einem mit Verge&szlig;lichkeit gemischten
+Mitleid zu verdanken. Er wurde &uuml;bersehen, weil er sich so
+wenig wie m&ouml;glich bemerklich machte, und man zahlte ihm
+die bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in k&uuml;mmerlichsten
+Umst&auml;nden lebend, mit den Seinen nicht v&ouml;llig im
+Elend verkomme. Ein paarmal hatte er um Verwendung
+in komischen Rollen gebeten, f&uuml;r die er seiner Meinung nach
+&raquo;ein besonderes Faible und expressives Penchant&laquo; hege, wie
+es in der betreffenden Bittschrift hie&szlig;; aber mit dieser &uuml;berheblichen
+Forderung war er schroff abgewiesen worden, da
+das komische Fach &raquo;zur Zufriedenheit des hohen Adels und
+g&uuml;nstigen Publici&laquo; vertreten sei. Die Kollegen lachten ihn
+aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie ohne verachtungsvollen
+Blick an ihm vor&uuml;ber. &raquo;Was so ein Hungerleider
+unversch&auml;mt ist&laquo;, sagte er, der auch nicht an Lukulls
+Tisch gem&auml;stet war.</p>
+
+<p>Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen
+Haushalt, das &auml;lter als er und in gl&uuml;cklichen Zeiten Koloraturs&auml;ngerin
+am herzoglichen Hof zu Stuttgart gewesen sein
+sollte. Das war lange her; nun war sie h&auml;&szlig;lich, verrunzelt,
+vom Leben gebrochen und getraute sich nur des Abends aus
+ihrem Loch von Behausung, da sie blo&szlig; erb&auml;rmliche Fetzen
+zum Anziehen besa&szlig;. Sie hatten einander nicht geheiratet,
+um die Kosten der Eheschlie&szlig;ung zu ersparen; da sie zum
+Kom&ouml;diantenpack geh&ouml;rten, wurde dessen nicht gro&szlig; geachtet,
+aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht gesegnet hatte und
+trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte das
+beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn
+<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>noch die Bekannten wu&szlig;ten zu sagen, da&szlig; sie je Zank und
+Streit gehabt h&auml;tten. Drei Kinder waren ihnen gestorben;
+das vierte, drei Jahre alt, war ein M&auml;dchen und hie&szlig; Rebekka,
+gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und die Freude
+von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft gro&szlig;e Sorge
+hatten, und die demn&auml;chst wieder zu erwartende Vergr&ouml;&szlig;erung
+der Familie die Gedanken dar&uuml;ber nicht heiterer
+machte.</p>
+
+<p>Da geschah es, da&szlig; Ludwig Taube eines Morgens vor
+der Probe infolge eines Fehltritts vom Schn&uuml;rboden herabst&uuml;rzte,
+sich die Schulter verrenkte und das Nasenbein zerbrach.
+Man brachte ihn ins Krankenhaus, und dort zeigte
+es sich, da&szlig; auch sein Geist gelitten haben mu&szlig;te, denn er
+redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufs&auml;ssig,
+und verlangte einmal um Mitternacht, man solle
+ihm auf der Stelle <em class="antiqua">potage &agrave; la Richelieu</em> bringen und gehackten
+Rinderbraten mit Weinbr&uuml;he. Als er notd&uuml;rftig geheilt
+war, holte ihn sein Weib ab, f&uuml;hrte den d&uuml;ster vor sich
+hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine Kartoffelsuppe.
+Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack,
+der Jammer sah ihm aus den Augen, denn da&szlig; man
+ihn nun als halben Kr&uuml;ppel auf die Stra&szlig;e setzen werde, war
+mit Sicherheit zu erwarten. Bitter sagte er zu seiner kleinen
+Tochter, die dar&uuml;ber verwundert die zartgebogenen Brauen
+rundete: &raquo;Beckchen, es ist am gescheitesten, wir schn&uuml;ren dir
+dein R&auml;nzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem
+gegenw&auml;rtigen S&uuml;ndenregister wird dies noch gl&uuml;cken, sp&auml;ter
+ists unweigerlich die H&ouml;lle.&laquo; Florine, seine traurige Gesponsin,
+verwies ihm die Worte, aber auch sie horchte immerfort
+&auml;ngstlich nach der T&uuml;r und glaubte den Amtsboten mit
+dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch war die
+schwere Stunde ihres Leibes nah.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>In der n&auml;chsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten
+drei M&auml;nner in die Stube und forderten Ludwig Taube auf,
+ihnen zu folgen. Erkl&auml;rungen waren &uuml;berfl&uuml;ssig. Was solcher
+Besuch zu bedeuten hatte, wu&szlig;te jedes Kind. Florine
+brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund,
+und die braunen Augen gl&auml;nzten erschrocken. Taube sagte:
+&raquo;Ich gehe nicht; wollt ihr mich haben, so m&uuml;&szlig;t ihr mich mit
+Gewalt nehmen.&laquo; Das setzte die Leute nicht in Verlegenheit;
+des schw&auml;chlichen M&auml;nnchens war leicht Herr zu werden.
+Sie holten Stricke heraus und banden ihm die H&auml;nde.
+Ludwig Taube lachte schallend. &raquo;Ich wollte eine Rinderbrust
+haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten
+B&uuml;ffelkeule; auch gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist
+Fleisch.&laquo; Florine lehnte an der Mauer und breitete die Arme
+aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an zu weinen.
+&raquo;Ruhig, Beckchen,&laquo; herrschte sie Taube an, &raquo;spar dir die
+Tr&auml;nen auf den f&uuml;nften Akt, jetzt ist noch nicht mal der
+zweite. Geh in den Oberstock und sag der Madam Heberlein,
+da&szlig; sie die Hebamme ruft, deine Mutter will dir heut nacht
+noch Gesellschaft geben. Also, ihr Leute, auf in die Ferne&laquo;,
+wandte er sich gegen die H&auml;scher, und die f&uuml;hrten ihn am
+Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte abermals,
+warf Florine eine Ku&szlig;hand zu und rief: <em class="antiqua">&raquo;Addio, cara mia,</em>
+auf ein seliges Sterben.&laquo; Die H&auml;scher gr&uuml;&szlig;ten und sagten:
+&raquo;Das ist wenigstens mal ein Lustiger.&laquo;</p>
+
+<p>Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch
+viele befanden, hundert oder mehr, und warten mu&szlig;ten,
+bis die festgesetzte Zahl der jeweilig zu Verschickenden erreicht
+war. Das dauerte immerhin noch drei Wochen, und
+in dieser Zeit erfuhr er, da&szlig; Florine am f&uuml;nften Tag ihres
+Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach.
+&raquo;Man sollte nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel
+<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>f&uuml;r ein guter Prophet sein kann, wenns ihm an den Kragen
+geht&laquo;, sagte er mit verbissenen Z&auml;hnen, blieb bis zum Abend
+in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei seinen
+Gef&auml;hrten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen
+Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen
+begehrte, was mit Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal
+des &uuml;ber alle Ma&szlig;en von ihm geliebten Kindes beunruhigte
+ihn im Innersten seines Gem&uuml;ts, &uuml;berredete er einen Sergeanten
+mit guten Worten dazu, da&szlig; er Nachricht einziehe, und
+der teilte ihm dann auch mit, das M&auml;dchen sei im Pescanellischen
+Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde
+er wei&szlig; wie eine Kalkwand, und nach langem Schweigen,
+w&auml;hrend dessen ihm der k&uuml;hle Schwei&szlig; auf die Stirn getreten
+war, sagte er, es sei doch wunderbar, da&szlig; man hierzulande
+schon den S&auml;uglingen das Menuett und den <em class="antiqua">Pas
+de deux</em> beibringe; wo einem von fr&uuml;h auf die Grazie in die
+Knochen geh&auml;mmert w&uuml;rde, k&ouml;nne es nicht schief gehen.
+&raquo;Ich habe ihr gut geraten mit dem Paradies&laquo;, f&uuml;gte er
+salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.</p>
+
+<p>Es war n&auml;mlich offenes Geheimnis, da&szlig; die Pescanellischen
+Z&ouml;glinge einer h&ouml;chst grausamen Behandlung ausgesetzt
+waren. Von Zeit zu Zeit verbreitete sich immer wieder
+das Ger&uuml;cht, da&szlig; so ein Wesen elend verdorben und
+gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.</p>
+
+<p>Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte,
+war eben der, dem der Markgraf sein Geleit verhei&szlig;en hatte.
+Vierhundertsechzig Leute; in barem Geld ausgedr&uuml;ckt an
+zweimalhundertf&uuml;nfzigtausend Gulden; das war schon der
+M&uuml;he wert, das Ro&szlig; zu besteigen und zwanzig Meilen
+weit zu reiten. Bereits beim Abmarsch von der Schranne
+fielen Widersetzlichkeiten vor. Da wurde eine gro&szlig;e Anzahl
+wie die Schlachttiere geknebelt und auf Leiterwagen gepackt.
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Der Markgraf war mit seiner Pracht- und Leibkompagnie
+nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten
+und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich
+mit der gespannten B&uuml;chse und in seine Wildschur geh&uuml;llt an
+der Schiffstreppe und sah mit strengen Blicken zu, wie die
+kostbare aber schmutzige und h&auml;&szlig;liche Menschenfracht verladen
+wurde. Als die meisten schon sicher verstaut waren,
+entri&szlig; sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt
+wurden, blitzschnell den Armen der W&auml;chter und Soldaten,
+rannte mit geballten F&auml;usten und furchteinfl&ouml;&szlig;enden Mienen
+geradeswegs auf den Markgrafen zu, br&uuml;llte dumpf, mehr
+gegen den Himmel empor als gegen den entsetzt zur&uuml;ckweichenden
+F&uuml;rsten, kehrte sich mit gr&auml;&szlig;lichem Kopfsch&uuml;tteln
+pl&ouml;tzlich ab, da er sich ohne Zweifel dar&uuml;ber klar wurde,
+da&szlig; die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgel&auml;nder
+und sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit
+einem Aufschrei in den Strom. Das Wasser war jedoch
+an jener Stelle weder tief noch rei&szlig;end, und so war es ein
+paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen,
+ein Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.</p>
+
+<p>Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden K&ouml;rper
+an Bord brachten. Er sah das fahle, hohle, tod&auml;hnliche
+Gesicht mit dem zerbrochenen Nasenbein und erkundigte
+sich, wer der Mensch sei. Er hie&szlig;e Taube, wurde geantwortet,
+und sei Kom&ouml;diant im Dienste Seiner Gnaden gewesen,
+ehe ihn das Los getroffen, f&uuml;r die Glorie Englands ins
+Feld zu ziehen. Eigentlich h&auml;tte der Mensch f&uuml;r das <em class="antiqua">crimen
+majestatis</em> erschossen werden m&uuml;ssen, doch im Hinblick auf
+den damit unvermeidlichen Entgang des Heuergeldes wurde
+er zu Pr&uuml;gelstrafe und dreit&auml;gigem Liegen im Block verdammt,
+nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt
+haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen,
+b&ouml;sen, kranken, m&uuml;den, vorwurfsvollen, wuterf&uuml;llten,
+stumpfen. Er hing die Flinte mit dem Riemen &uuml;ber die
+Schulter, stieg schweigend &uuml;ber die Treppe ans Ufer zur&uuml;ck,
+bestieg sein Ro&szlig; und ritt mit d&uuml;sterer Stirne heimw&auml;rts.
+Er hatte das bittere Gef&uuml;hl eines Mannes, dessen redliche
+Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er
+nur das Gl&uuml;ck der andern im Auge hat.</p>
+
+<p>Als er am n&auml;chsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt
+einritt, warf sich ein Haufe flehender Weiber vor die
+Beine seines Pferdes hin. Die Gardehusaren mu&szlig;ten sie
+erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht lagen sie auf
+dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie entschlossen,
+sich Geh&ouml;r zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des Markgrafen
+in helle Entr&uuml;stung aus, und er rief, wenn man so
+mit ihm umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart
+f&uuml;r nichts achte, so wolle er sich um dieses liederliche und
+mi&szlig;ratene Volk in Zukunft &uuml;berhaupt nicht mehr k&uuml;mmern.
+&raquo;Sie werden bald an sich gewahren,&laquo; f&uuml;gte er grollend hinzu,
+&raquo;da&szlig; ich meine Hand von ihnen abziehe.&laquo;</p>
+
+<p>Hierzu konnte er sich nicht entschlie&szlig;en, aber was sich
+daraus weiter ergab, war auch nicht erfreulich.</p>
+
+
+<h3>Chronica</h3>
+
+<p class="newchapter">&Uuml;bellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen.
+Er war der Sohn eines &uuml;bellaunigen Vaters, einer
+&uuml;bellaunigen Mutter und eines &uuml;bellaunigen Landes. Mit
+dieser &Uuml;bellaunigkeit verband sich die tiefe &Uuml;berzeugung von
+seiner Unentbehrlichkeit im Gef&uuml;ge der Welt, und da&szlig; er
+<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>ausersehen sei, seine s&auml;mtlichen Untertanen auf den Gipfel
+irdischen Gl&uuml;cks zu f&uuml;hren, ja, da&szlig; sich in seiner Person
+allein schon der ihnen gem&auml;&szlig;e Gl&uuml;ckszustand inkarniert
+habe.</p>
+
+<p>Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie &uuml;bellaunig.
+Er erf&uuml;llte nach bestem Verm&ouml;gen seine Regentenpflichten,
+aber in &Uuml;bellaune. Er hatte seine Jugend genossen, aber
+in &Uuml;bellaune. Er las mit hei&szlig;em Bem&uuml;hen die Enzyklop&auml;disten
+und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms
+und Diderots zu eigen, aber in &Uuml;bellaune. Er glaubte an
+eine hohe Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in
+&Uuml;bellaune. Er hielt auf Leckerbissen, verzehrte sie aber in
+&Uuml;bellaune. Er hatte Sinn f&uuml;r Kunst und sch&ouml;ne Dinge, aber
+wenn er sie betrachtete, war es in &Uuml;bellaune.</p>
+
+<p>Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager
+erhob, dachte er: Ei, heute ist mir wohl, die Sonne scheint,
+es wird ein guter Tag. Stand er dann vertikal auf seinen
+zwei Beinen, so war die &Uuml;bellaune da. Verlor er im Spiel,
+so verursachte es ihm &Uuml;bellaune wegen des Verlustes; gewann
+er, so verursachte es ihm &Uuml;bellaune wegen der vergeudeten
+Zeit. Erlegte er einen Rehbock, so war er &uuml;belgelaunt,
+weil es kein Hirsch war; warf eine Zuchtstute pr&auml;chtige
+Fohlen, so war er &uuml;belgelaunt, weil ein Stallbursch
+die Kr&auml;tze bekam.</p>
+
+<p>Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen,
+den angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der
+Lady Craven. Freilich hatte sie erst die tragische Heroine,
+Fr&auml;ulein Clairon, aus dem Feld schlagen m&uuml;ssen, was keine
+leichte Arbeit war, denn die kothurnbekleidete Franz&ouml;sin,
+von der sie behauptete, da&szlig; sie auch mit ihrer Kammerzofe
+in Alexandrinern rede und da&szlig; ihre Nachthaube sogar die
+W&uuml;rde einer goldpapiernen Krone haben mu&szlig;te, war hartn&auml;ckig
+<a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>und verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der sch&ouml;nestark- und schlankgliedrig, mit feurigen Augen und
+einer fr&auml;nkischen Habichtsnase, so steif und feierlich geworden
+wie ein Rabe, und er hielt das Lachen f&uuml;r eine verp&ouml;nte und
+unanst&auml;ndige Vernachl&auml;ssigung der Gesichtsmuskeln. Lady
+Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und
+ansteckenden Kaskadengel&auml;chters bekehrt. Aber kann man
+einen ins Wasser fallenden Stein davon bekehren, auf den
+Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile halten, dann
+krampft sich der Arm; schlie&szlig;lich folgt er seinem Gesetz.
+Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen,
+und sie wolle den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen
+werde, zu weinen.</p>
+
+<p>Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund.
+Sie tr&auml;umte von der Markgrafenkrone und der Legitimit&auml;t,
+deren sie sich als Lord Berkeleys Tochter wohl w&uuml;rdig fand.
+Die Markgr&auml;fin war kinderlos; das ihr anhaftende K&ouml;rpergebrechen,
+das sie seit ihrem dreizehnten Jahre pl&ouml;tzlichen
+Unf&auml;llen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht.
+Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des
+Schlosses wie in einer H&ouml;hle verkrochen und spielte mit
+ihren zwei Hofdamen unabl&auml;ssig das einf&auml;ltige Kartenspiel
+Grab&uuml;ge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet werden;
+dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann
+wollte sie in diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern,
+wie sie nie zuvor gesehen worden; fort dann mit dem Barackenger&uuml;mpel
+um das Schlo&szlig;, Augenhohn, worin feiste
+dumme deutsche B&uuml;rger maulwurfhaft hausten, ihr bittres
+Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und
+ihre W&auml;sche wuschen; Pal&auml;ste sollten da entstehen und niemand
+in ihrer N&auml;he sollte die verha&szlig;te Sprache reden, die
+sich h&ouml;chstens f&uuml;r die Zungen von Fuhrknechten und Spittelweibern
+<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>eignete und klang, wie wenn man mit St&ouml;cken an
+eine morsche T&uuml;r trommelt.</p>
+
+<p>Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf
+den Wangen b&uuml;&szlig;te den Schimmer ein; verw&uuml;nschte zarte
+Rillen zerst&ouml;rten das Email der Stirn; Lippenl&auml;cheln starb
+oft hinter den Z&auml;hnen schon, die K&ouml;nigin von Frankreich
+kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave w&auml;hlte
+einen neuen Papst; verk&uuml;ndigte Kometen erschienen am
+Firmament; Perlen in den Geh&auml;ngen wurden krank;
+Menschen, mit denen man im Hydepark geritten, starben;
+Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die man einst
+feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld,
+Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das
+Pendel schwang, zieh das Uhrwerk auf; Sch&auml;ferstunden
+wurden fade, Spiegel blind. Goldleisten br&auml;unten, in
+Schr&auml;nken pochte der Wurm, die Stadt wurde immer leichnam&auml;hnlicher,
+das Land immer grauer, und der Herr &uuml;ber
+all dem immer &uuml;bellauniger.</p>
+
+<p>Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgr&auml;fin; sie spielt
+Grab&uuml;ge; sie lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch?
+Man empf&auml;ngt den preu&szlig;ischen Ambassadeur; der arme
+Kr&uuml;ppel hat das Podagra und erz&auml;hlt Anekdoten, in denen
+eine k&uuml;mmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge
+auf einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg l&auml;&szlig;t
+sich zur Visite melden; sie hat einen Schmerbauch, das
+Gehirn eines Kolibri und schnattert von Heidenmissionen
+und Kaffeekr&auml;nzchen. Pastor Nebenius bittet knief&auml;llig um
+Annahme des Protektorats &uuml;ber den Verein zur Hebung des
+Glaubens; Staatsrat Regenauer medisiert geistlos &uuml;ber
+adlige Aff&auml;ren. Es wimmeln Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien,
+Hofoffizianten, Schlo&szlig;verwalter, Sekret&auml;re, Minister;
+Worte pl&auml;tschern, Gesichter glotzen, H&auml;nde sind
+<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>gesch&auml;ftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der
+Herr versunken in das Studium, wie dem Jammer der
+Menschheit zu steuern sei.</p>
+
+<p>Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher
+Assembleen zu entfliehen, sch&uuml;tzte sie bisweilen Migr&auml;ne vor
+und zog sich in ihre Gem&auml;cher zur&uuml;ck, um sich von ihrer
+Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu lassen. Doch die
+erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller Nationen
+halfen ihr &uuml;ber die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg.
+Da hatte Herr von K&uuml;nsperg, einer der Jasager vom j&uuml;ngsten
+Jahrgang, den Einfall, aus Chroniken und &uuml;berlieferten
+Niederschriften Skandalosa der beiden markgr&auml;flichen H&auml;user
+f&uuml;r sie zusammenzustellen und ins Franz&ouml;sische zu &uuml;bersetzen,
+und es tauchten kuriose Geschichten auf, die das farblose
+Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen
+und ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen
+Fastnachtsschwank und Totentanz.</p>
+
+<p>Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl
+Wilhelm, der Vater Alexanders, aus dem Schmutzwinkel
+der K&uuml;che auf sein hochf&uuml;rstliches Lager gehoben hatte.
+Dar&uuml;ber schlugen die verschw&auml;gerten H&auml;user L&auml;rm;
+der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur M&auml;&szlig;igung
+mahnende Epistel, und das Scheuersubjekt mauste die im
+Tresor verwahrten Kostbarkeiten, stie&szlig; wohledle Damen
+vor den Kopf, f&uuml;hrte den Herrn an der Nase herum,
+brachte f&uuml;r ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite
+und wu&szlig;te sich schlie&szlig;lich auch noch die Freiherrnkrone zu
+erschleichen.</p>
+
+<p>Lady Craven kicherte.</p>
+
+<p>Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem
+roten Adlerorden in Brillanten, den der kleine Markgraf
+dem gro&szlig;en K&ouml;nig von England &uuml;berschickte, um ihn auszuzeichnen.
+<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Als nun lange Zeit verflo&szlig; und der Markgraf
+vom K&ouml;nig keiner Antwort gew&uuml;rdigt wurde, befahl dieser,
+die Sache zu untersuchen, und es ergab sich, da&szlig; Ischerlein,
+der Juwelier, falsche Diamanten verwendet hatte. Der
+Markgraf lie&szlig; den Juden holen und sodann den Scharfrichter.
+Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und als er
+den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl,
+rannte unter dem br&uuml;llenden Gel&auml;chter des Markgrafen um
+den langen Tisch herum, der im Saale stand, immer mit dem
+angebundenen Stuhl, der Scharfrichter hinter ihm drein,
+bis ihm der auf Befehl des Herrn &uuml;ber den Tisch hinweg den
+Kopf abhackte.</p>
+
+<p>Die Lady schauderte.</p>
+
+<p>Sie erfuhr von der Markgr&auml;fin Sophie, die, so sch&ouml;n sie
+war, eine noch sch&ouml;nere Tochter hatte. Eben deren Sch&ouml;nheit
+erregte ihren Neid und ihre Eifersucht derma&szlig;en, da&szlig;
+sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten versprach,
+wenn es ihm gel&auml;nge, die Prinzessin zu entehren. Das junge
+M&auml;dchen begegnete ihm aber mit solcher Geringsch&auml;tzung,
+da&szlig; schon die Versuche, sich ihr zu n&auml;hern, fehlschlugen. Da
+versteckte er sich mit Hilfe der Mutter im Schlafzimmer
+der Tochter; die Dienerschaft war bestochen, die Markgr&auml;fin
+sperrte die Kammer von au&szlig;en zu, und so setzte er sich trotz
+Bitten, Tr&auml;nen und wildem Str&auml;uben in den Besitz des
+sch&ouml;nen M&auml;dchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin,
+halb im Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen,
+schwarz im Gesicht wie Tinte; die Markgr&auml;fin machte die
+Schande der Tochter &ouml;ffentlich bekannt, so da&szlig; der Prinz
+von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich ablie&szlig;;
+die unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin
+verweinte ihr ferneres Leben auf der Plassenburg in Gef&auml;ngnishaft.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>Die Lady sagte leise vor sich hin: &raquo;Kri-Kri&laquo;, wie ein Vogel,
+der hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der
+aus Verwunderung und Ekel gemischt war. Tr&auml;umerisch
+schaute sie in den Kamin, wo das Buchenholz verbrannte,
+dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob es noch
+regne. Ja, es regnete, und &uuml;ber der Stadt lag Ruhe wie
+schwarzes Blei. Dann w&uuml;nschte die Dame la Roche mit
+Hofknix gute Nacht; dann knackten die Dielen, und es
+raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die Stunde noch
+weiter vorger&uuml;ckt war, der Markgraf. Man h&auml;tte denken
+sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch
+im Grunde; doch warb er nicht, l&auml;chelte nicht, redete nicht,
+sondern wartete griesgr&auml;mig und verdrossen, da&szlig; man den
+Tribut seiner Liebe entgegennahm.</p>
+
+<p>Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine m&auml;chtige Schulter
+und sagte leise vor sich hin: &raquo;Kri-Kri&laquo;.</p>
+
+
+<h3>Ma&szlig;regeln eines Philanthropen</h3>
+
+<p class="newchapter">Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so
+m&ouml;gen sie sich demgem&auml;&szlig; halten. Leiden alle Mangel, so
+soll niemand &uuml;berfl&uuml;ssig Geld ausgeben. Es ist verboten,
+Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten, Schmuck
+zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gew&auml;nder. Die
+B&uuml;rgermadams und Jungfern haben sich der gr&ouml;&szlig;ten Sittsamkeit
+zu beflei&szlig;igen. Kein Frauenzimmer darf mit einem
+Mannsbild im Konkubinat leben. Au&szlig;ereheliche Verh&auml;ltnisse
+werden scharf geahndet. S&auml;mtliche Bierh&auml;user und
+&ouml;ffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit geschlossen.
+Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine
+<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und
+Hochzeiten, keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen,
+und private nur mit ausdr&uuml;cklicher Bewilligung der
+Polizei. Es soll niemand auf der Stra&szlig;e Schabernack treiben;
+es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen
+verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgeh&auml;ngt
+werden. Sichtbarer M&uuml;&szlig;iggang ist verboten. Es soll jeder
+Mensch zu jeder Frist eingedenk sein, da&szlig; Armut im Lande
+herrscht, wie ja glaubw&uuml;rdig und allerwegen versichert wird,
+da&szlig; die Gesch&auml;fte stocken, da&szlig; die Handwerker keinen Verdienst
+haben und in den Gem&uuml;tern die Unzufriedenheit
+nistet. Daher hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden
+oder unterschiedenen Wandel neue Unzufriedenheit
+zu s&auml;en.</p>
+
+<p>Die Folge dieser wohldurchdachten Beschl&uuml;sse war, da&szlig;
+der Markgraf sich mit seiner Person und seinem Hofhalt zur
+Beispielgebung verbunden hielt.</p>
+
+<p>Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen,
+die Gartenfeste, die Karnevalsaufz&uuml;ge, die prunkvollen
+Diners und Abendessen. Die Empfangs&auml;le wurden gesperrt,
+die venetianischen Kristall&uuml;ster in graue T&uuml;cher geh&uuml;llt,
+Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrt&uuml;chern versehen.
+Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein
+Trauerspiel, einmal eine <em class="antiqua">Opera seria</em> aufzuf&uuml;hren. Die
+Toiletten der Damen unterlagen strenger Vorschrift. Den
+Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.</p>
+
+<p>In den Korridoren und Antichambres h&ouml;rte man nur
+noch Wispern und Raunen. Die Beamten und Lakaien
+gingen auf Zehen. Kein Mensch l&auml;chelte mehr, und zu lachen
+h&auml;tte als eine ganz unfa&szlig;liche Vermessenheit gegolten. Je
+sauert&ouml;pfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf Gnaden
+hatte er. Das Schlo&szlig; machte bei Tag den Eindruck eines
+<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>Klosters, bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die
+Pferde lie&szlig;en die K&ouml;pfe h&auml;ngen, und die Hunde schlichen
+mit eingezogenem Schwanz.</p>
+
+<p>Und wer da hoffte, da&szlig; es bald wieder anders werden
+w&uuml;rde, da&szlig; es nur eine vor&uuml;bergehende Grille des Markgrafen
+sei und er eines Tages zu seinen fr&uuml;heren Gewohnheiten
+zur&uuml;ckkehren w&uuml;rde, der t&auml;uschte sich. Hier brachen
+alle Einfl&uuml;sse, auch die von sonst gesch&auml;tzten Personen,
+auch die der Liebe, und man stie&szlig; auf unempfindliche Hartn&auml;ckigkeit.</p>
+
+<p>Und wer da glaubte, da&szlig; die freud- und festlosen Jahre,
+die nun kamen, eine Verminderung des Budgets bewirkten,
+der t&auml;uschte sich gleichfalls. Das Geld flo&szlig; in ebensoviele
+Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren Wegen; es
+waren ebensoviele M&auml;uler zu stopfen, ebensoviele &Auml;mtersitzer
+zu befriedigen, und ebensoviele K&ouml;che verdarben den
+Brei. Dies erregte sowohl Erstaunen als auch Unwillen
+beim Markgrafen, wenn er Nachfrage hielt. Aber Nachfrage
+hielt er selten, denn er sp&uuml;rte, da&szlig; das der einzige Punkt war,
+wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen st&auml;rker
+waren als er. Er begn&uuml;gte sich mit den Verordnungen; er
+begn&uuml;gte sich mit der Wahrnehmung, da&szlig; das Volk drau&szlig;en
+stille wurde, so still wie ein Kalb mit gebundenen F&uuml;&szlig;en;
+er las Akten, gab Unterschriften, ging auf die Jagd, hatte
+die Stirne voller Falten, &auml;u&szlig;erte seine W&uuml;nsche nur durch
+Brummen, sein Mi&szlig;fallen durch Brummen, sein Einverst&auml;ndnis
+durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen,
+seine Sattheit durch Brummen.</p>
+
+<p>Die Markgr&auml;fin spielte Grab&uuml;ge, Sommer und Winter;
+die Leibhusaren bezogen die Schlo&szlig;wache, Sommer und
+Winter; die Jasager hatten schweren Stand, denn es war
+nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die Lady
+<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>Craven bi&szlig; L&ouml;cher in ihre Spitzentaschent&uuml;cher, rieb mit ihren
+winzigen F&uuml;&szlig;chen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost,
+hatte Wut, hatte b&ouml;se Tr&auml;ume, hatte Fluchtgedanken und
+machte von Zeit zu Zeit mit ersticktem Lachen oder Weinen
+ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der krank und hungrig ist.</p>
+
+
+<h3>Die B&uuml;rger und ihre Stadt</h3>
+
+<p class="newchapter">Du kommst in diese Stadt; du f&auml;hrst durch das mittlere
+Tor ein und siehst, da&szlig; es eine freundlich gebaute Stadt ist;
+jedenfalls will sie dich nicht unfreundlich begr&uuml;&szlig;en. Die
+Stra&szlig;en sind unregelm&auml;&szlig;ig gewunden, von ungleicher
+Breite; die H&auml;user, viele mit geschnitzten Balkenk&ouml;pfen und
+gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen und
+Riesen; auf den Pl&auml;tzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde
+und Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus
+allen Fenstern sehen dich Menschen an; vor den Haust&uuml;ren
+stehen schwatzende, rauchende, gaffende Leute, du blickst
+tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder haben ihre
+Talglichte, die Wei&szlig;gerber ihre Felle auf langen Stangen
+stra&szlig;enw&auml;rts zum Trocknen aufgeh&auml;ngt; der B&ouml;ttcher und
+der Grobschmied arbeiten vor der T&uuml;re; das Vieh wird ein-
+und ausgetrieben; Schweine grunzen, H&uuml;hner gackern,
+Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen, S&auml;uglinge
+schreien.</p>
+
+<p>Es wei&szlig; der Pfragner, wann der B&auml;cker seine Stiefeln
+sohlen l&auml;&szlig;t; es wei&szlig; die Frau Apothekerin, was die Frau
+Stadtphysikus zu Mittag kocht; es wei&szlig; die Jungfer Rettich,
+um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser vor&uuml;berpromenieren
+wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu
+<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>erhaschen; es wei&szlig; der Kannenwirt, da&szlig; es bei Oberbaurats
+knapp zugeht; es wei&szlig; der Altgesell beim Strumpfwirker
+am Rathaus, da&szlig; sich die Schreinerseheleute, die hinterm
+Zollamt wohnen, best&auml;ndig in den Haaren liegen. Jeder
+wei&szlig; von jedem alles. Sie k&ouml;nnen nichts voreinander
+verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt
+geheim. Jeder ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes,
+dichtes, verwickeltes Gewebe von Leben, eins gegen das
+andere gerissen, eins vom andern bestimmt und gef&auml;rbt;
+Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine
+kahle, dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste
+noch den Nachbar &uuml;ber sich, neben sich, unter sich hat.
+Der Nachbar belauert das eheliche und das jungfr&auml;uliche
+Bett, er wacht &uuml;ber die Ehre des Hauses, er dringt in die
+Tr&auml;ume, auf ihm beruht der Kredit, das Gesch&auml;ft, die
+&ouml;ffentliche Meinung, die Sicherheit der Person und des
+Besitzes. Der Nachbar erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und
+zum Begr&auml;bnis; er schreit Alarm bei Diebsgefahr und hetzt,
+wenn der gute Name zerzaust wird. Er z&auml;hlt, wieviel
+Flaschen Wein im Keller sind, wieviel S&auml;cke Mehl auf dem
+Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberl&ouml;ffel
+in der Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben,
+keiner hassen, keiner krank sein, keiner genesen. Der Nachbar
+ist der Freund, der Feind, der Wohlt&auml;ter, der Verleumder,
+der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der Rater, die
+Zuflucht, die Drohung, der D&auml;mon, der Teufel und der
+einzige Trost.</p>
+
+<p>Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder
+zu singen in Ansbach; seit Jahrhunderten nicht.
+Eisern lag die Faust der F&uuml;rsten auf ihnen, seit Menschen
+denken konnten. Ihr Tag war M&uuml;hsal, ihre Nacht Alpdruck
+gewesen. Durch die langen Geschlechterketten pre&szlig;te der
+<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>Herr von Gottes Gnaden dem &Auml;rmsten noch den letzten
+Heller aus der Tasche und den letzten Tropfen Schwei&szlig; aus
+dem Leibe. Und all der Schwei&szlig; des Landes verwandelte
+sich in den Marst&auml;llen in G&auml;ule, in den Hof- und Kammerkanzleien
+in Pfr&uuml;nden, Sinekuren und Sporteln, in den
+Schl&ouml;ssern in vergoldete Sessel und auf den H&auml;lsen der
+Gunstdamen in Edelsteinketten.</p>
+
+<p>Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten
+doch Augen- und Ohrenweide daf&uuml;r gehabt. Sie hatten vor
+dem Schlo&szlig;tor stehen und zu strahlend erleuchteten Fenstern
+hinaufblicken d&uuml;rfen. Sie hatten sechssp&auml;nnige Karossen
+mit betre&szlig;ten Lakaien und bunten Wappen offenen Maules
+bestaunen d&uuml;rfen. Es war, von der Hofk&uuml;che her, Duft
+von niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an
+dem sich mancher Hungerleider wonnevoll erlabte, und er
+dachte sich: es ist trotzdem eine sch&ouml;ne Welt, in der so was
+zu riechen ist. Es hatte Schaugepr&auml;nge gegeben, Auffahrten,
+Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas, feierliche
+Kirchg&auml;nge, und sie hatten Spalier bilden d&uuml;rfen. Es war
+etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie
+hatten das Gef&uuml;hl gehabt, da&szlig; die Herrschaften wenigstens
+in Gl&uuml;ck und Reichtum schwammen daf&uuml;r, da&szlig; sie schwitzten
+und sich plagten.</p>
+
+<p>Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die
+Wege zum Wohlstand verrammelte, nicht nur, schlimmer
+als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von Steuern und Z&ouml;llen
+um die Fr&uuml;chte ihres Flei&szlig;es betrog und bestahl, nicht nur
+ihre S&ouml;hne, Br&uuml;der und Gatten als Kanonenfutter au&szlig;er
+Landes verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige
+Licht hatte ausl&ouml;schen lassen, das &uuml;ber ihrem Elend leuchtete,
+versank das Gemeinwesen nach und nach in eine graue
+Flut von bitterer, stummer, n&uuml;chterner Hoffnungslosigkeit.
+<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen, auf dem
+ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch erg&ouml;tzlichen
+Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm
+gemacht, und wenn die Kinder neugierig wurden und etwas
+von der Welt zu schauen begehrten, konnte man sie hinf&uuml;hren,
+auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es
+brennt.</p>
+
+<p>Demgegen&uuml;ber spielte, was ihnen selbst an Vergn&uuml;glichkeiten
+entzogen wurde, die geringere Rolle. F&uuml;r ihre Vergn&uuml;gungen
+h&auml;tten sie ja zahlen gemu&szlig;t, diese aber waren
+umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut verbieten:
+wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten
+Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erl&auml;sse
+h&auml;tte es kaum bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung
+fehlt, sagten sie in ihrer fr&auml;nkischen Geduld und
+Selbsth&auml;rte, hockten hinterm Ofen und schoben die Finger
+zwischen die Knie.</p>
+
+<p>Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen
+Haufen Betr&uuml;bnis. Wie das Sumpfwasser inmitten einer
+Landschaft sumpfige D&uuml;nste aushaucht, so entstr&ouml;mte der
+f&uuml;rstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des gemeinen
+und &ouml;ffentlichen Wesens, &Uuml;bellaunigkeit. &Uuml;bellaunigkeit
+drang in die Stuben, &Uuml;bellaunigkeit regierte das Verh&auml;ltnis
+zwischen Eheleuten, Geschwistern, Verwandten,
+Fremden; der Herr war m&uuml;rrisch gegen den Knecht, der
+Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles Gesinde, das
+Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die
+Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten,
+der Gef&auml;ngnisw&auml;rter gegen die H&auml;ftlinge, der Wirt gegen
+die G&auml;ste, der Kaufmann gegen die K&auml;ufer, der Meister
+gegen den Lehrling, der Postillon gegen die Passagiere, die
+Polizei gegen die B&uuml;rger, die B&uuml;rger gegen die Bauern,
+<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>s&auml;mtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und
+gegen das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie
+fluchten nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten
+sich auf nichts freuen, sie konnten &uuml;ber nichts lachen, sie
+standen m&uuml;rrisch auf und legten sich m&uuml;rrisch zu Bett.
+M&uuml;rrisch verrichteten sie ihre Gesch&auml;fte, m&uuml;rrisch z&uuml;ndeten
+sie ihre Lichter an, m&uuml;rrisch sa&szlig;en sie bei Tisch, m&uuml;rrisch betrachteten
+sie das Wetter, m&uuml;rrisch zeugten sie ihre Nachkommenschaft.
+M&uuml;rrisch und in der Stille gingen die Verbrecher
+ihre heimlichen Pfade, m&uuml;rrisch predigte der Pastor von der
+Kanzel, und m&uuml;rrisch wurde schlie&szlig;lich sogar das ber&uuml;hmte
+Schalksgesicht des Mondes &uuml;ber dieser Stadt von M&uuml;rrischen.</p>
+
+<p>So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.</p>
+
+
+<h3>Jahrmarkt</h3>
+
+<p class="newchapter">Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann,
+fremdl&auml;ndisch von Wesen und seltsam gekleidet. Er trug
+lange Schnabelschuhe, schwarzseidene Str&uuml;mpfe, schwarzsamtene
+Pluderhosen, schwarzes Jabot mit schwarzen
+Kn&ouml;pfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung
+in Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand.
+Dieser Mann, obwohl er sich nur als wandernder Schauspieler
+legitimierte, fl&ouml;&szlig;te durch eine Sicherheit und W&uuml;rde
+der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu haben pflegen,
+einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche Empfehlungen
+der Erzbisch&ouml;fe von K&ouml;ln und Trier sowie des Herzogs
+von Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut
+abschl&auml;gig beschieden werden, zumal er sich bereit erkl&auml;rte,
+<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>jede geforderte Geb&uuml;hr zu entrichten und eine Kaution von
+f&uuml;nfzig Talern zu erlegen. Er schien sich auch sonst in nichts
+weniger als &auml;rmlichen Umst&auml;nden zu befinden, da er im
+ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und
+mit zwei Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal
+waren.</p>
+
+<p>Das Ersuchen ging dahin, da&szlig; man ihm erlaube, w&auml;hrend
+des Jahrmarkts in einem fliegenden Theater, das er
+zu dem Behuf erbauen wollte, Vorstellungen zu geben.
+Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen seien,
+entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie
+einer, den tiefer Kummer bedr&uuml;ckt, in solchem Grabeston
+und mit solcher Leichenbittermiene, da&szlig; der Polizeigewaltige,
+der noch nicht zu den ganz Abgestorbenen geh&ouml;rte, sich eines
+s&auml;uerlichen Grinsens nicht erwehren konnte und zu der
+&Uuml;berlegung gelangte, das Wagnis k&ouml;nne allzugro&szlig; nicht sein;
+leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte
+Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht
+zu gew&auml;rtigen. Auch hatte, seit die strengen Vorschriften
+ergangen waren und jedem Bewerber Schwierigkeiten gemacht
+wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberk&uuml;nstlern,
+Quacksalbern, Schlangent&ouml;tern und &auml;hnlichem Volk zum
+herbstlichen Jahrmarkt fast v&ouml;llig aufgeh&ouml;rt; deshalb
+glaubte man diesmal milder verfahren zu d&uuml;rfen und
+gew&auml;hrte die erbetene Bewilligung.</p>
+
+<p>Drei Tage sp&auml;ter schon erhob sich in der Budengasse
+hinter dem Hofgarten, etwas zur&uuml;ckger&uuml;ckt gegen die St&auml;nde
+der K&auml;ser, Lebk&uuml;chner, Heringsbrater und &uuml;brigen
+H&auml;ndler eine gef&auml;llig aussehende Bretterbude, die etwa
+zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf
+roter Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort
+Sturreganz prangte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben
+stehen, murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die
+K&ouml;pfe und fragten einander: was ist das, Sturreganz?
+ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre verdrossene und
+apathische Neugier erhielt einige Aufkl&auml;rung durch den
+Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgeh&auml;ngt wurde
+und auf dem einige mi&szlig;trauisch Herzudr&auml;ngende folgendes
+lasen: &raquo;Einem hochl&ouml;blichen hiesigen Publico sowie einem
+hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, da&szlig; der weitber&uuml;hmte
+bis &uuml;ber die Grenzen des bekannten Erdkreises
+hinaus gesch&auml;tzte Sturreganz, Liebling m&auml;chtiger Potentaten,
+Leib- und Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs
+von Nassau und des Grafen von Bentheim, Freund der
+G&ouml;tter und Schrecken der finstern Geister, sich heute abend
+um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner
+unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten
+und sich dero Gunst und Augenmerk zu rekommandieren.
+Zahlreiches und p&uuml;nktliches Erscheinen ist erw&uuml;nscht.
+Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei Groschen,
+dritter Platz ein Groschen.&laquo;</p>
+
+<p>Man r&uuml;mpfte ungl&auml;ubig und absch&auml;tzig die Nase, hielt
+es f&uuml;r Prahlerei und Unfug und ging weiter. Gegen sechs
+Uhr abends, als noch die Lichter in den Verkaufsbuden
+brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen Papierh&uuml;llen
+oder bunten Glasgeh&auml;usen, trieben sich ein paar
+Menschen vor dem Brettertheater herum, unentschlossen,
+argw&ouml;hnisch, die M&uuml;nzen in den Lederb&ouml;rsen z&auml;hlend und
+abermals z&auml;hlend und zwischen den Fingern reibend, vorsichtig
+um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend,
+und schlie&szlig;lich waren es im ganzen vielleicht drei&szlig;ig oder
+f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Personen, die sich der Kassa n&auml;herten, ihre
+Groschen hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang
+<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>verschwanden. Das war alles; dann blieb der Platz vor
+dem Theater ver&ouml;det.</p>
+
+<p>Es geschah jedoch, da&szlig; etwa um halb sieben Uhr der
+Dichter Uz vor&uuml;berging, der beim Justizkollegium angestellt
+war und um diese Zeit sich auf dem Nachhauseweg
+befand. Er war ein w&uuml;rdiger Greis und als Poet eine Zierde
+der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn scherte.
+In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade
+&uuml;ber ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben
+die Gasse vor der Theaterbude &uuml;berqueren, als seine Aufmerksamkeit
+durch eine Reihe von wunderlichen Ger&auml;uschen
+abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das Gemecker vieler
+Ziegen; von dem unterschieden sich dann br&uuml;llende und
+quietschende T&ouml;ne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine
+auf ein Schindeldach regneten. Staunensw&uuml;rdig; es
+war Gel&auml;chter! Es war hohes, sonores, dumpfes, breites,
+keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu Sekunde anwachsendes
+herzhaftes Gel&auml;chter! Mitten in der Stadt
+Ansbach, abends um drei viertel sieben: Gel&auml;chter. Gel&auml;chter
+vieler Menschen. Unerh&ouml;rt. Der Gedanke blieb im
+Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis zerfiel. Das Madrigal
+zerstob seifenblasenhaft.</p>
+
+<p>Gel&auml;chter!</p>
+
+<p>Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da
+drinnen; wie die H&auml;lse sich bl&auml;hten gleich Blaseb&auml;lgen;
+wie die M&auml;uler zu Schl&uuml;nden wurden mit bleckenden Z&auml;hnen.
+Es war etwas Au&szlig;erordentliches, etwas v&ouml;llig Neues, seit
+Jahren Unbekanntes, und es mu&szlig;te ergr&uuml;ndet werden. Der
+Dichter, z&ouml;gernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in
+dem ein betr&uuml;bter J&uuml;ngling kauerte, entrichtete, nicht leichten
+Herzens, den Einla&szlig;groschen, und der rote Vorhang entzog
+seine hagere Figur dem Nebel des Oktoberabends.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine
+Stunde danach mit den andern drei Dutzend Menschen das
+Theater verlie&szlig;, war er vor Lachen in Schwei&szlig; gebadet
+gleich den andern. Es gluckste noch nachsch&uuml;tternd in seiner
+Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der
+Magen kollerte, der Gaumen war wund.</p>
+
+<p>Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie f&uuml;r m&ouml;glich
+gehalten. Die Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne
+Zweifel ein Ph&auml;nomen; ein Unikum; ein Weltwunder.
+Man mu&szlig;te Uz sein und sich so viel gegr&auml;mt haben im
+Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit
+und Schl&auml;ge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.</p>
+
+<p>Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je
+von ihm vernommen?</p>
+
+<p>V&ouml;llig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am
+selben Abend noch Bekannte auf, Imhofs und den Sanit&auml;tsrat
+Merklein. Er redete, berichtete, war aufgeregt,
+befeuert, au&szlig;er sich, verstieg sich zu einem Enthusiasmus
+der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu
+seiner gew&ouml;hnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte
+Worte; er ahmte, so gut er es vermochte, Bewegungen
+nach, schilderte die Mimik, die Haltung, die Gangart, die
+Stimme des &uuml;berw&auml;ltigenden Kom&ouml;dianten, nannte ihn
+volksm&auml;&szlig;ig und erhaben, mysteri&ouml;s und f&uuml;r ein Kind verst&auml;ndlich,
+und erzeugte schlie&szlig;lich in allen, die ihn anh&ouml;rten,
+eine unbezwingliche Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls
+zu sehen.</p>
+
+<p>Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends
+verbreitete die Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis
+zum Handlungsreisenden und Diurnisten herab, geb&auml;rdete
+sich auf seine Weise toll. Die Folge war, da&szlig; sich am n&auml;chsten
+<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine betr&auml;chtliche
+Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und
+der betr&uuml;bte J&uuml;ngling alle H&auml;nde voll zu tun bekam. Nachdem
+die Leute eingelassen waren und der rote Vorhang sich
+herabgesenkt hatte, blieben noch etwelche au&szlig;en stehen, die
+zwei oder drei Groschen doch nicht dransetzen wollten oder
+hofften, sie k&ouml;nnten auch so, wenn sie nur die Ohren recht
+spitzten, etwas zu h&ouml;ren kriegen. Ihnen gesellten sich dann
+die Budenbesitzer zu, neidisch &uuml;ber die guten Einnahmen
+des Fremdlings, ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher,
+M&auml;gde aus den benachbarten H&auml;usern; die buntmaskierten
+Kerzen beleuchteten ihre lauschenden Mienen,
+und alle die b&ouml;sen und &auml;rmlichen oder mi&szlig;g&uuml;nstigen oder
+vermagerten Gesichter, bla&szlig; und unfroh eins neben dem
+andern, verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm,
+der aus der Bude schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn
+man Weizen unter eine H&uuml;hnerschar wirft, wobei sie
+s&auml;mtlich die K&ouml;pfe zusammenstecken und picken. So pickten
+auch die das Lachen auf, wie gefr&auml;&szlig;ige H&uuml;hner. Sie vernahmen
+nichts als das immerfort anschwellende Gel&auml;chter;
+erst wie Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel;
+dann eine Kanonade; dann Stille; abermals eine Kanonade;
+jauchzendes Weibergequietsch; H&auml;ndeklatschen; w&uuml;tenderes
+H&auml;ndeklatschen; Johlen; ein unnennbares Gebr&uuml;ll pl&ouml;tzlich;
+es schien, als m&uuml;&szlig;ten sie sich den Bauch halten, als f&uuml;rchteten
+sie zu platzen. Und die Zaung&auml;ste spitzten die Lippen, feixten,
+stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen;
+ein paar lachten sogar laut mit. Es str&ouml;mten best&auml;ndig neue
+herzu, sie schlichen n&auml;her, beugten sich vor, knipsten mit den
+Fingern und schlugen einander auf die Schulter, wenn
+wieder das Donnergepolter der begl&uuml;ckten Kehlen drinnen
+losging; endlich l&ouml;ste sich bald der, bald der aus den Reihen,
+<a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>schob seine M&uuml;nze auf das Kassabrett und beeilte sich,
+hinter den Vorhang zu kommen.</p>
+
+<p>Am dritten Abend wurde bereits um die Pl&auml;tze gerauft.
+Drei Polizeim&auml;nner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen
+ihre Machtlosigkeit ein. Man schickte um die Schlo&szlig;wache.
+Die Leute stie&szlig;en und dr&auml;ngten sich derma&szlig;en, da&szlig; der
+Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde verschoben
+werden mu&szlig;te. Auch Notabilit&auml;ten hatten sich schon aufgemacht,
+um Sturreganz zu sehen. F&uuml;r sie waren besondere
+Pl&auml;tze reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie
+erschienen und sie mu&szlig;ten zugeben, da&szlig; die Fama weder
+gelogen noch &uuml;bertrieben hatte. Es gab keinen Einwand vor
+diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen Bedenken,
+sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gel&auml;chters
+gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von
+ihm, sie kicherten in ihren vier W&auml;nden noch, sie verk&uuml;ndeten
+das Ungew&ouml;hnliche unter ihren Freunden, aus den G&uuml;tern
+der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um Sturreganz
+zu sehen und mu&szlig;ten oft tagelang warten, bis sie Zutritt
+fanden.</p>
+
+<p>Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung.
+Es gab Leute, die keine einzige vers&auml;umen wollten und sich
+schon fr&uuml;h morgens vor dem Theaterchen postierten. Sie
+lie&szlig;en die Arbeit liegen, sie k&uuml;mmerten sich nicht um ihre
+Angelegenheiten, und sie h&auml;tten die H&auml;lfte ihrer Ersparnisse
+geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu
+Sturreganz h&auml;tten gelangen k&ouml;nnen. Schneider, Barbiere,
+Goldschl&auml;ger, Maurer, Amtsschreiber, K&ouml;che, K&uuml;chenjungen,
+Viehh&uuml;ter, H&ouml;kerinnen, Kr&auml;merinnen, Ladenmamsells waren
+darin eines Sinnes mit Lehrern, Richtern, Doktoren,
+Gymnasiasten, Fr&auml;uleins und Edeldamen. Es ereigneten
+sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>den Einla&szlig; der Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer
+ehrbaren Jungfer der Rock vom Leibe. Die Obrigkeit streckte
+die Waffen, da durch ihr Einschreiten immer die eine oder
+andere hochgestellte oder beamtete Person kompromittiert
+wurde. Sie lie&szlig; Sturreganz weiter spielen, auch als nach
+einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen
+war, und zwar ebenfalls auf die F&uuml;rsprache hochgestellter
+und beamteter Personen.</p>
+
+<p>Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker
+des Gemeinwesens. Es bestand Gefahr, da&szlig; die ganze
+Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus wurde.</p>
+
+
+<h3>Unterm Mond</h3>
+
+<p class="newchapter">In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine
+bemerkenswerte Wandlung geschehen.</p>
+
+<p>Gesittete B&uuml;rger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem
+Schmunzeln vor ihrer Haust&uuml;r. Sehr w&uuml;rdige
+M&auml;nner, von denen Gravit&auml;t durchaus unzertrennlich war,
+bohrten unversehens das Kinn in ihre Vaterm&ouml;rder und
+gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze
+geb&auml;rdeten sich auffallend munter. B&auml;rbei&szlig;ige Familienv&auml;ter
+begannen mitten in der Mahlzeit loszuprusten,
+wenn ihnen die Erinnerung ein Sturreganzsches Wort, eine
+seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen auffrischte. Zanks&uuml;chtige
+Weiber zeigten sich zahm beim blo&szlig;en Zur&uuml;ckdenken
+etwa an das zwerchfellersch&uuml;tternde Gespr&auml;ch, das er mit
+einer als b&ouml;se Sieben verkleideten, bl&ouml;d glotzenden Marionette
+gef&uuml;hrt. Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften
+&Uuml;berzeugungen, und unverbesserliche Schwarzseher
+<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>sahen sich ohne Groll um die Geltung bew&auml;hrter Maximen
+betrogen. Die N&ouml;rgler h&ouml;rten auf zu n&ouml;rgeln, Neidh&auml;mmel
+hatten ein umg&auml;ngliches Wesen, &Uuml;belredner hielten die
+Zunge im Zaum, schlechter Gesch&auml;ftsgang war f&uuml;r eine
+Weile vergessen, Streit vergessen, Widrigkeit vergessen, und
+wen der alte Jammer wieder zu zwicken drohte, der holte
+sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.</p>
+
+<p>Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel
+&raquo;Der unsterbliche Esel&laquo; auff&uuml;hrte, er hatte sich hierzu
+mehrere Kom&ouml;dianten von ausw&auml;rts verschrieben, da den
+markgr&auml;flichen die Mitwirkung nicht verstattet wurde, trieb
+die Woge zuh&ouml;chst empor. W&auml;hrend der Szene, wo er als
+gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten
+liest und jedem einzelnen ein endloses S&uuml;ndenregister
+vorh&auml;lt, fielen Menschen im Zuschauerraum vor Lachen
+buchst&auml;blich von den B&auml;nken herunter, w&auml;lzten sich auf dem
+Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. Wohlerzogene
+Frauen stie&szlig;en wahre Tierschreie aus, Matronen
+glucksten und schluchzten, vertrocknete alte M&auml;nner wieherten
+und wischten sich die Tr&auml;nen von den Backen, F&uuml;&szlig;e
+trampelten, H&auml;nde erhoben sich gegen die B&uuml;hne, um den
+Mitleidlosen zu beschw&ouml;ren, da&szlig; man nicht weiter k&ouml;nne,
+da&szlig; man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch,
+Gewimmer, Gest&ouml;hn, Gebr&uuml;ll, Geseufz und Gekeuch wie
+in einer Folterkammer, und als der Vorhang fiel und die
+Leute das Theater verlie&szlig;en, sahen sie zun&auml;chst entkr&auml;ftet
+und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und
+gl&uuml;ckselig zumute war.</p>
+
+<p>Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude
+nicht hatten kommen k&ouml;nnen, und hatten, wie es nun schon
+&uuml;blich geworden war, ihr Labsal beim Anh&ouml;ren des Lachorkans
+gefunden. Sie zogen mit den andern heimw&auml;rts und
+<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>lie&szlig;en sich erz&auml;hlen, schwelgten in deren Nachgenu&szlig;, schmiedeten
+Pl&auml;ne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.</p>
+
+<p>Den Tag &uuml;ber hatte die Sonne warm geschienen, und der
+Abend war s&uuml;dlich mild. An Schlaf war nicht zu denken.
+Sie blieben vor den Haust&uuml;ren stehen, Schl&uuml;ssel wurden ins
+Schlo&szlig; gesteckt und wieder herausgezogen, niemand wollte
+das tagbeschlie&szlig;ende Wort sagen, niemand hatte Lust, in
+die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, w&auml;hlten
+die Hauptgasse zur n&auml;chtlichen Promenade, und diese war
+alsbald so bev&ouml;lkert wie an Marktvormittagen.</p>
+
+<p>Fenster oben und Fenster unten wurden ge&ouml;ffnet. Die
+Frau Hofsekret&auml;rin beugte sich so weit &uuml;ber das Sims, da&szlig;
+ihr pr&auml;chtig entwickelter Busen keine Heimlichkeit mehr blieb.
+Die Frau Landr&auml;tin hatte eben, Hemd &uuml;ber dem Kopf, die
+verborgenen Partien ihres K&ouml;rpers nach Fl&ouml;hen abgesucht;
+als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie
+sich wieder an. Rufe schallten stra&szlig;auf, stra&szlig;unter, Fragen,
+Begr&uuml;&szlig;ungen, zerst&uuml;ckelte Berichte; ja, da h&auml;ttet ihr dabei
+sein sollen; freilich, das war mal eine sonderliche Sache, so
+was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen erhoben sich
+auf die Zehen und lugten abenteuers&uuml;chtig durch einen
+Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem
+Erker dem Herrn Regimentszahlmeister; der Oberj&auml;ger
+Fritsch warf aus dem dritten Stock eine N&uuml;rnberger Zeitung
+auf die Gasse, worin lang und breit &uuml;ber Sturreganz geschrieben
+war, und da&szlig; er im vorigen Jahr am Rhein das
+ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man ri&szlig; einander das
+Blatt aus den H&auml;nden; schlie&szlig;lich erwischte es ein Student,
+stieg unter einer &Ouml;llaterne auf einen Prellstein und las es
+mit schallender Stimme salbungsvoll vor. Sturreganz; das
+blo&szlig;e Wort behexte. Eine junge Magd wollte durch ein
+erdgesch&ouml;ssiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor beim
+<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs
+Pflaster und machte aus ihren geh&uuml;teten Sch&auml;tzen ein
+&ouml;ffentliches Schauspiel. Im l&uuml;sternen Schatten standen
+Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; geschwind
+und lustig entflohen andere durch verschwiegene T&uuml;ren.
+Der Mond kam &uuml;ber die D&auml;cher und wunderte sich.</p>
+
+<p>Dann geschah es, da&szlig; die Metzgerin Fr&uuml;hwald und der
+Sattlermeister Simson Arlacher aus ihrem Haus einen
+langen Tisch mitten auf die Gasse trugen. Kinder und Gesinde
+brachten St&uuml;hle, Leuchter, Kr&uuml;ge und Pokale; die
+Kr&uuml;ge f&uuml;llten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vor&uuml;bergehende
+wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu
+bedurfte es vieler Bitten nicht. Das Beispiel fand fr&ouml;hliche
+Nachahmung. Eine Viertelstunde sp&auml;ter stand die ganze
+Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an Leuchter,
+und in den Leuchtern wurden zur h&ouml;heren Festlichkeit die
+Kerzen angez&uuml;ndet, trotzdem der Mond recht hell schien.
+Aber das gab gute Wirkung; die Stra&szlig;e mit den barocken
+H&auml;userfassaden war wie ein gro&szlig;er Saal. Und es stand
+Krug an Krug, Pokal an Pokal; und M&auml;nner und Frauen,
+J&uuml;nglinge und M&auml;dchen, Meister und Gesellen, Kaufherren,
+Handwerker, Beamte, einer sa&szlig; neben dem andern in langer
+Doppelzeile.</p>
+
+<p>Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit
+einem Willen zum andern, einem Hinstreben zum andern,
+mit Lippen, die l&auml;chelten, lachten, Ungesagtes zu sagen begehrten.
+Vom Tisch bei der Schranne sprang ein Lied auf;
+ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein
+sch&ouml;nstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit
+Kennerstolz; einer lie&szlig; Taler klingend &uuml;ber den Tisch rollen,
+als h&auml;tte er keine Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen;
+einer erz&auml;hlte von Wanderfahrten; einer umarmte
+<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>sein Weib und schmatzte die Kreischende ab; einer rief: von
+heut ab soll es anders werden mit unserm Leben! Gro&szlig;e
+K&ouml;rbe mit &Auml;pfeln wurden herumgeboten; ein zw&ouml;lfj&auml;hriger
+Junge leerte vom zweiten Stock einen Sack N&uuml;sse auf die
+Gasse, da&szlig; das Geknatter eine Weile alles &uuml;bert&ouml;nte; eine
+Laute spielte da, eine Fl&ouml;te oder Mundharmonika dort;
+Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen ausgetauscht,
+gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit
+vergessen; das waren dieselben B&uuml;rger nicht mehr, die
+m&uuml;rrisch und polizeifromm die Tore schlossen, eh der W&auml;chter
+den ersten Rundgang antrat; das war dieselbe Stadt nicht
+mehr, die zu schlafen pflegte in der Nacht, bei Sternen- und
+bei Regenhimmel.</p>
+
+<p>Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie
+doch noch unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine
+Gleise verl&auml;&szlig;t, dem lohnen es die Augen. Unter der Zipfelm&uuml;tze
+waren ihnen nicht einmal Tr&auml;ume solcher Art gekommen.</p>
+
+<p>Es trat aus dem engen Adlerg&auml;&szlig;chen pl&ouml;tzlich ein Mann,
+der ein sieben- oder achtj&auml;hriges Kind auf den Armen trug.
+Dieser Mann war v&ouml;llig schwarz gekleidet; Str&uuml;mpfe,
+Pantalons, Rock, Halsbinde, der ungew&ouml;hnliche kegelf&ouml;rmige
+Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu haben
+f&uuml;r das Kind, das er trug; er sah nichts von dem n&auml;chtlichen
+Fest der Gasse, nicht die tafelnden B&uuml;rger, nicht ihre Lichter,
+nicht ihre Neugier; das Kind lag mit dem K&ouml;pfchen
+an seiner Schulter und streichelte bisweilen mit furchtsamem
+L&auml;cheln seine Wange, fast nur, als wolle es sich &uuml;berzeugen,
+da&szlig; das wirklich ein lebendiger Mensch sei, der es
+auf den Armen hielt, und so z&auml;rtlich hielt, so sorgsam, so
+sanft, so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur
+Seite und blickte auf das Pflaster hinunter; und siehe, was
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>war das? Ein Bild, seltsam und unglaubhaft, gruselig
+und erstaunlich: M&auml;use liefen da; ein ganzer Zug von M&auml;usen;
+unz&auml;hlbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter
+dem Schwarzgekleideten her, umraschelten seine F&uuml;&szlig;e, und
+das M&auml;dchen lachte still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies
+gewahrten, stie&szlig;en sie Schreckensschreie aus; die M&auml;nner
+erhoben sich von den St&uuml;hlen und B&auml;nken und starrten
+dumm-entsetzt; Kinder beugten sich &uuml;ber die Tische, deuteten
+aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und w&auml;hrend dessen
+ging der Mann vorbei, die Stra&szlig;e hinauf, verloren in den
+Anblick des Kindes, und die Hunderte und aber Hunderte von
+M&auml;usen, dichtaneinandergedr&auml;ngt, lautlos, zauberisch, wie
+mit F&auml;den an seine F&uuml;&szlig;e gebunden, folgten ihm und verschwanden
+mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schlo&szlig;platz
+einbog.</p>
+
+<p>Auf die Vermutung, da&szlig; der Mann Sturreganz sein
+k&ouml;nne, geriet keiner. Er zeigte sich nie; tags&uuml;ber hielt er sich
+in seinem Gasthofzimmer auf und lie&szlig; niemand vor sich.
+Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht auf pers&ouml;nliche
+Bekanntschaft anma&szlig;ten, wurden abgewiesen. Man
+erz&auml;hlte sich, da&szlig; er eines Morgens den Sanit&auml;tsrat Merklein
+aufgesucht und ihn um &auml;rztlichen Rat gefragt habe, was
+gegen das qu&auml;lende Gem&uuml;tsleiden zu tun sei, an dem er
+seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanit&auml;tsrat, der einen
+fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte,
+sagte, er k&ouml;nne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er
+m&ouml;ge doch eine Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor
+halte die hartn&auml;ckigste Verd&uuml;sterung nicht stand. Da habe
+der Patient schwerm&uuml;tig geantwortet: so ist mir nicht zu
+helfen, denn Sturreganz bin ich selber.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;ten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit
+au&szlig;erhalb der Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten
+<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>gab, hatte bereits etwas Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren
+es noch viele, die ihre Wi&szlig;begier und die Erregung
+&uuml;ber den M&auml;usegang nicht unterdr&uuml;cken konnten. W&auml;hrend
+die &auml;lteren, abgek&uuml;hlt und ein wenig durchschauert von dem
+Gesehenen, die Gegenst&auml;nde der improvisierten Lustbarkeit
+hinwegr&auml;umten und sich in die H&auml;user zur&uuml;ckzogen, &uuml;ber
+die auf der einen Seite ein samtiger Schattenmantel, auf
+der andern ein gelbflie&szlig;endes Gewebe von Mondlicht fiel,
+machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen.
+Sie sahen, da&szlig; er am Tor des Gasthofs zum Stern
+l&auml;utete, da&szlig; aber der Knecht, der ihm &ouml;ffnete, zur&uuml;ckprallte
+und das Tor wieder zuschlug, als er die M&auml;useflut gewahrte,
+da&szlig; er zum zweiten Mal und ungest&uuml;mer l&auml;utete,
+da&szlig; dann der Wirt kam, ihm den Einla&szlig; gleichfalls verweigerte,
+da&szlig; die Stadtwache sich einmengte, und als
+sie an Ort und Stelle waren, liefen schon von allen Seiten
+Leute herzu.</p>
+
+
+<h3>Fingerling</h3>
+
+<p class="newchapter">Da&szlig; Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische
+Institut kam, ist schon bekannt. Madam Heberlein
+hatte sie eines Tages kurzentschlossen hingef&uuml;hrt, weil sich
+niemand ihrer annehmen wollte. Bankert und Kom&ouml;diantenkind:
+beides war zu viel.</p>
+
+<p>Der Verwalter sch&uuml;ttelte den Kopf. In so fr&uuml;hem Alter
+hatte man noch keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich
+&uuml;berdies, die verdarb einem ja, wenn man sie
+anfa&szlig;te. Mochte sie immerhin versprechen, eine niedliche
+Person zu werden, dar&uuml;ber verhandeln lie&szlig; sich erst in ein
+<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>paar Jahren. Dann m&uuml;sse das arme Balg auf der Gasse
+krepieren oder auf den Schindanger geschafft werden, erkl&auml;rte
+Madam Heberlein, da es ja ein Waisenasyl oder sonstige
+Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber sei mit
+sechsen gesegnet und habe Not, die M&auml;uler zu f&uuml;ttern.
+M&ouml;ge sie tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das
+Institut sei seit neuestem ohnehin auf schmale Bez&uuml;ge gesetzt
+und k&ouml;nne bei fortdauernder Kalamit&auml;t leicht aufgel&ouml;st
+werden.</p>
+
+<p>Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wu&szlig;ten,
+da&szlig; der Name Tanzschule l&auml;ngst nur noch das unverf&auml;ngliche
+Aush&auml;ngeschild war; die eigentlichen Ziele wurden mit
+Umsicht und Vorsicht vor den Augen der Welt verschleiert.
+Es hatte sich ergeben, da&szlig; der Marchese sich das Beispiel
+seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den
+von ihm erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise
+in klingende M&uuml;nze umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht
+mehr, die heranwachsenden und zum Liebesdienst tauglichen
+Rekrutinnen f&uuml;r unbestimmte Zeit und ungewissen Zweck
+aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei g&uuml;nstiger
+Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel
+nicht so in gro&szlig;em Ma&szlig;stab betrieben werden wie der des
+Markgrafen, war auch nicht gleicherweise gesch&uuml;tzt durch
+die Machtvollkommenheit des unumschr&auml;nkten und unverletzlichen
+Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege
+dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht
+reif geworden und gelang es, sie am richtigen Ort in die
+richtigen H&auml;nde zu spielen, so war der Profit betr&auml;chtlich
+und die verschwiegenen Helfer wurden gut bezahlt. Was
+wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgef&auml;lliger war,
+wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kart&auml;tschenhagel
+eine Festung zu st&uuml;rmen oder den Gro&szlig;mogul und den
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>Khan in der Walachei zu vergn&uuml;gen, konnte er&ouml;rtert werden,
+Gewissensbisse verursachte es nicht.</p>
+
+<p>Was die Fr&uuml;chte und das Reifwerden betraf, war die
+g&auml;rtnerische Obsorge gering. In der Hauptsache verlie&szlig;
+man sich auf die g&uuml;tige Mutter Natur, die damals bei den
+Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die
+sich verhei&szlig;end entwickelten, wurden betreut und nach Kr&auml;ften
+geschont. Doch man lebte nicht in Toskana, sondern
+unter einem rauhen Himmel ohne aphrodisische Gaben.
+Solche, bei denen nur auf k&auml;rglichen Ertrag zu rechnen war,
+mu&szlig;ten n&auml;hen, sticken, flicken, scheuern, K&ouml;rbe flechten,
+Glasperlen f&auml;deln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei
+Stunden w&ouml;chentlich kam Ma&icirc;tre Herbois, der Tanzlehrer,
+und wendete redliche M&uuml;he auf, damit das Firmenschild
+nicht ganz zur L&uuml;ge werde. Auch hier waren die Talente
+sp&auml;rlich; das markgr&auml;fliche Ballettkorps hatte bis jetzt keine
+nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte,
+die Frauen in diesem Land k&auml;men mit Mammutf&uuml;&szlig;en auf
+die Welt.</p>
+
+<p>Es f&uuml;gte sich, da&szlig; Madame Heberlein, als sie das Haus
+verlassen wollte, ein Gespr&auml;ch mit der Pf&ouml;rtnerin ankn&uuml;pfte
+und dieser ihr Leid klagte, oder des Kindes Leid, das sie
+an der Hand nach sich zog. Zuweilen f&auml;llt ein Strahl des
+Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pf&ouml;rtnerin
+musterte Beckchen mit g&uuml;nstigen Augen; die rosigen Wangen
+und der offene Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn
+ihr der Verwalter die Kostzulage bewillige und ihr Mann
+nichts dawider habe, wolle sie das Wurm bei sich behalten.
+Der Verwalter erkl&auml;rte sich nach langem Bitten bereit, der
+Mann maulte und gab sich schlie&szlig;lich zufrieden, und Beckchen
+hatte eine Zuflucht. Die Pf&ouml;rtnerin war ein verlottertes
+Frauenzimmer und lebte mit dem Trunkenbold von Mann
+<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>in kinderloser Ehe. Die gutm&uuml;tige, vielleicht auch nach einem
+so jungen Wesen sehns&uuml;chtige Regung, die sie bestimmt
+hatte, Beckchen aufzunehmen, verfl&uuml;chtigte sich bald, und
+das Kind ward nichts weiter als ein St&uuml;ck Hausrat, das
+man von einem Winkel in den andern schiebt und vergi&szlig;t.</p>
+
+<p>Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe
+und Keller. Es war immer schmutzig, immer hungrig und
+immer allein. Manchmal putzte es sich am Brunnentrog
+das Gesicht, manchmal schlich es in die K&uuml;che und las einen
+Brocken auf oder kratzte eine Sch&uuml;ssel aus, aber Gesellschaft
+war nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung;
+der Altersunterschied auch gegen die j&uuml;ngsten Pension&auml;rinnen
+war zu erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung
+der Gesch&ouml;pfe tiefer noch als selbst die letzte.</p>
+
+<p>Beckchen lernte schwer sprechen, daf&uuml;r lernte es, sich in
+verlassene Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedma&szlig;en
+und plumpen Schritten der Erwachsenen eidechsenflink
+in Sicherheit zu bringen. Eidechse, das war das Gleichnis
+f&uuml;r ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun. Wie die Eidechse
+hatte sie ihre Schlupfl&ouml;cher und Verstecke. Der gelenkigste
+Knabe h&auml;tte dorthin nicht dringen k&ouml;nnen, wo sie mit ihrem
+winzigen K&ouml;rper m&uuml;helos sich barg. Zwischen Balken und
+Brettern, so dicht sie standen, war immer noch Raum f&uuml;r
+sie; in einem zerfallenen Regenfa&szlig;, in einer Mauerbresche,
+hinter einem Schrank, in der schmalsten Dachluke und unterm
+Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in einer
+Weise unscheinbar zu machen, da&szlig; die Leute, ohne sie zu
+gewahren, vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz
+oder neben der Torschwelle kauerte, und richtete einer das
+Wort an sie oder wollte sie anr&uuml;hren, so war sie entschl&uuml;pft,
+eh er es recht wu&szlig;te.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>Der Trunkenbold starb, die Pf&ouml;rtnerin verzog ins
+Schw&auml;bische, eine neue kam, und nun k&uuml;mmerte sich &uuml;berhaupt
+keine Seele mehr um Beckchen. Die K&uuml;chenmagd
+stellte ihr eine Sch&uuml;ssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und
+St&uuml;cke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte
+daran, wenn sie der Hunger &uuml;berkam. Fiel ihr das Kleidchen
+in Fetzen vom Leibe, so war es wieder die taubstumme Magd,
+die einen andern Fetzen beschaffte, zusammengest&uuml;ckelten
+Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die Bl&ouml;&szlig;e
+verh&uuml;llte und vor der schlimmsten K&auml;lte sch&uuml;tzte. Die stumme
+Magd war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete,
+und aus der Bem&uuml;hung heraus fand sie die Worte und
+gewann neue Worte, sonst h&ouml;rte sie nur, was aus T&uuml;ren
+und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die
+Gasse lief, was hinter den W&auml;nden murmelte, klagte und
+schalt.</p>
+
+<p>Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte,
+plauderte sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege,
+wo Spinnweben das Gel&auml;nder &uuml;berzogen, war sie schon
+weit von Menschen fort und hielt ihre Selbstgespr&auml;che, in
+denen es sich um Gel&uuml;ste handelte, Gel&uuml;ste nach gutem Essen
+und sch&ouml;nen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei
+der Verwalterin gesehen. Erw&auml;gung, wie es w&auml;re, wenn
+das und das gesch&auml;he, das Haus umst&uuml;rzte, die Sonne verl&ouml;schte,
+Spinnen fliegen und Steine gehen k&ouml;nnten, dumpfe
+Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in den
+Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser
+war nur Erinnerung an ein wei&szlig;es Gesicht im Sarg verblieben;
+von jenem etwas unendlich Fernes und Gestaltloses
+in einer Region, wo es keine Namen mehr gab.</p>
+
+<p>Das mit den M&auml;usen begann, als sie f&uuml;nf Jahre alt
+war. Da lag sie einmal krank in ihrem Verschlag, der ein
+<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>wenig Licht von der Seite erhielt und am Abend sogar durch
+ein &Ouml;ll&auml;mpchen neben der Stiege. Aber auch in der Dunkelheit
+konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze
+h&auml;tten sie entdeckt. Es geschah, da&szlig; eine Maus an ihr
+Lager kam, hin und her trippelte, stehenblieb, sie mit den
+schwarzen Perlchen von Augen beguckte, den Schwanz
+ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im ganzen sich
+merkw&uuml;rdig vern&uuml;nftig betrug. Nach einer Weile erschien
+eine zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen
+freute sich der lebendigen Kreaturen, doch h&uuml;tete sie
+sich, die Freude durch heftige Bewegung zu zeigen; beim
+vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde fl&uuml;chteten sie schon.
+Aber dann kehrten sie zur&uuml;ck; Beckchen streute ihnen Brotkrumen
+hin; das fl&ouml;&szlig;te Vertrauen ein; es kam eine vierte,
+eine f&uuml;nfte, und die erste wurde nun so k&uuml;hn, da&szlig; sie den
+Teller erklomm, der noch von Mittag dastand, und den
+Suppenrest aufleckte.</p>
+
+<p>Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd
+und fortwirkend, als sei eine magische Kraft in dem Kind,
+als bekr&auml;ftige sich dadurch ihre Entfernung von den Menschen.
+Wenn sie sich niederlegte, schl&uuml;pften die M&auml;use aus den
+Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend und mehr.
+Sie wu&szlig;te einen d&uuml;nnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf
+den sie h&ouml;rten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald
+sie das Kribbeln, Trippeln und Rascheln vernahm, l&auml;chelte
+sie, und wenn die glitzernden Augen ringsum auftauchten
+und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her huschten, legte
+sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der Schlaf,
+so schlo&szlig; sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte
+sie nur zu pfeifen, und schon zw&auml;ngten sie sich aus den L&ouml;chern.</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich wurde es so, da&szlig; an allen einsamen Orten,
+wo sie sich niederlie&szlig;, M&auml;use um sie waren. Es ist nicht nur
+<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>die M&ouml;glichkeit, sondern auch die Tatsache solcher Verh&auml;ltnisse
+verb&uuml;rgt, so selten sie auch in Erscheinung treten. Die
+Sage weist darauf hin, und unter den vielfachen Kr&auml;ften,
+die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die geheimnisvollste
+bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine P&auml;chterin,
+die die V&ouml;gel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles
+Getier, das sich im Forst verborgen h&auml;lt, auch das scheueste,
+Rehe, F&uuml;chse, Marder und Wiesel, und es wird von einem
+J&uuml;ngling im Elsa&szlig; erz&auml;hlt, da&szlig; er eine unerkl&auml;rliche Anziehung
+auf Fische &uuml;bte, die ihm in unabsehbaren Scharen
+folgten, wenn er &uuml;ber den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf
+im Blut und schlummernde Erinnerung an das Eins-sein
+aller Urnatur, die gebietet: du sollst nicht wissen, du sollst
+nicht vergleichen und du sollst dich nicht sondern. Beckchen
+gewahrte mit Lust, da&szlig; ihre Anh&auml;ngerzahl sich von Monat
+zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der
+Erde, Wesen, mit denen sie Zwiesprache halten konnte und
+&uuml;ber die sie Macht gewann. Die Menschen, unter denen sie
+fast unbemerkt und ungesehen lebte, erlangten keine Kenntnis
+von all dem, sonst w&auml;re ihres Bleibens im Hause wohl
+nicht l&auml;nger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme,
+jedes verd&auml;chtige Ger&auml;usch verscheuchte die Tiere, und
+wenn sich dann jemand von den Riesen zeigte, sah er das
+Kind, die kleine schmutzstarrende Kreatur mit den best&auml;ndig
+rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof, im Flur, in
+einem ausger&auml;umten Saal und eigen vor sich hinl&auml;cheln,
+benommen, heimlich, listig l&auml;cheln. H&auml;tte sie ihren Pfiff
+ert&ouml;nen lassen, so w&auml;ren die M&auml;use trotzdem gekommen, das
+wu&szlig;te sie, sie hatte es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags
+in der D&auml;mmerung von einigen Pension&auml;rinnen
+im Tanzsaal &uuml;berrascht worden war. Die gro&szlig;en M&auml;dchen
+umstanden verwundert das winzige schmutzige Gesch&ouml;pf
+<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>mit dem feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen
+Augen und entz&uuml;ckend feingebogenen Brauen. Da hatte
+Beckchen nicht zu widerstehen vermocht und hatte den kaum
+h&ouml;rbaren Pfiff ausgesto&szlig;en, und die M&auml;use waren hervorgekrochen,
+zwanzig, drei&szlig;ig auf einmal; aber kaum waren
+jene der ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.</p>
+
+<p>Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es
+kam niemand darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen,
+als die M&auml;use nach und nach erschreckend &uuml;berhand nahmen
+und zur richtigen Plage wurden. Man streute Gift, stellte
+Fallen, brachte Katzen ins Haus, r&auml;ucherte und schwefelte
+die L&ouml;cher aus, verm&ouml;rtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine
+Kammer war mehr sicher, die Vorr&auml;te wurden angenagt,
+das Holz der Schr&auml;nke durchgebissen, Betten, Kleider,
+Schuhe zeigten Spuren der Verheerung, und der Z&ouml;glinge
+bem&auml;chtigte sich solche Angst, da&szlig; manche schlaflos wurden,
+ein verst&ouml;rtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen.
+Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem
+Ma&icirc;tre Herbois und gelegentlichen Besuchern war es b&auml;nglich,
+wenn sie in der Dunkelheit und sp&auml;ter sogar bei hellichtem
+Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit F&uuml;&szlig;en
+traten, und die Panik erreichte den H&ouml;hepunkt, als eines
+Nachts einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine f&uuml;nfzehnj&auml;hrige
+Br&uuml;nette namens Margarete Kern in Kr&auml;mpfe
+verfiel, weil ihr die M&auml;use im Schlaf &uuml;ber Gesicht und
+Brust gelaufen waren. Die Kr&auml;mpfe wiederholten sich Nacht
+f&uuml;r Nacht, wuchsen an Heftigkeit und f&uuml;hrten schlie&szlig;lich
+den Tod des M&auml;dchens herbei.</p>
+
+<p>Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der
+Stadt war. Der Marchese kehrte eben von einer Reise
+zur&uuml;ck; er war au&szlig;er sich, als ihm Bericht erstattet wurde und
+<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>befahl strengste Untersuchung und t&auml;tige Abhilfe. Es wurde
+vorgeschlagen, ein anderes Asyl f&uuml;r das Institut ausfindig
+zu machen, denn die M&auml;dchen weigerten sich, im Dunkeln zu
+bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft
+und aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete
+lag noch im Haus; das Ger&uuml;cht von dem Vorfall hatte
+sich verbreitet und gab zu schlimmem Gerede Anla&szlig;. Pescanelli
+mu&szlig;te auf der Hut sein, er hatte nicht mehr viel
+aufs Spiel zu setzen, die markgr&auml;fliche Gunst hatte w&auml;hrend
+der letzten Jahre, wo die Tr&uuml;bsal am Hof zu h&ouml;heren Ehren
+kam als Munterkeit und Witz, bedenklich abgenommen; die
+unbedeutendste Ursache konnte der lukrativen Herrlichkeit
+ein Ende bereiten, darum galt es, das unangenehme Geschehnis
+um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter
+erhielt den Befehl, da&szlig; die Tote in der Nacht und unter Vermeidung
+jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem
+drangen unbestimmte Nachrichten ins Schlo&szlig;; es schien, da&szlig;
+dem Markgrafen auch sonst allerlei Abtr&auml;gliches &uuml;ber das
+Institut zu Ohren gekommen war; Pescanelli, wie die meisten
+Abenteurer dieser Art, Feigling durch und durch, und
+um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, best&auml;ndig
+zitternd, gr&uuml;belte dar&uuml;ber nach, wie er das drohende Unwetter
+von sich abwenden konnte, und als er von Sturreganz
+und dem beispiellosen Tumult h&ouml;rte, den der zugereiste
+Kom&ouml;diant unter der B&uuml;rgerschaft verursachte, war sein
+Plan so gut wie fertig.</p>
+
+<p>Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag
+vor dem Begr&auml;bnis der Margarete Kern eine seltsame
+Botschaft oder Aufforderung. Von einem Diener,
+der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben
+&uuml;bergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde,
+ein Kind namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>dritten Lebensjahr im Institut ohne eingeholte Zustimmung
+des Vaters untergebracht, zur selben Stunde auszuliefern.
+Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im Auftrag und
+in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig
+Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.</p>
+
+<p>Der Verwalter sagte, es t&auml;te ihm leid, eine Beckchen
+Taube befinde sich nicht in der Anstalt; man m&ouml;ge dies
+melden. Der Bote erkl&auml;rte darauf, er d&uuml;rfe unverrichteter
+Dinge nicht zur&uuml;ckkehren, sein Herr habe ihm bedeutet, wenn
+er von der Kom&ouml;die nach Hause komme, m&uuml;sse er das Kind
+vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter
+in Zorn, wiederholte seine Erkl&auml;rung und f&uuml;gte hinzu, selbst
+wenn die Genannte im Hause w&auml;re, sei er keineswegs befugt,
+sie freizulassen, und ohne h&ouml;here Bewilligung enthalte
+er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der Wortwechsel fand
+im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete Kern
+&uuml;ber die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende M&auml;dchen
+folgten, das Gesicht mit den H&auml;nden bedeckend, und eine
+beugte sich laut schluchzend &uuml;ber das Gel&auml;nder. Da erschrak
+der Abgesandte von Sturreganz und dachte in seinem Sinn,
+es m&uuml;sse einen schwerwiegenden und furchtbaren Grund
+haben, da&szlig; die amtliche Person sogar die Anwesenheit des
+Kindes Beckchen Taube leugne, und es k&ouml;nne nicht anders
+sein, als da&szlig; der Sarg die Erkl&auml;rung daf&uuml;r biete. Die Verlegenheit
+und das Erbleichen des Verwalters, dem dieser
+Zeuge des Sargtransports h&ouml;chst unerw&uuml;nscht war, schienen
+den Argwohn zu best&auml;tigen, aber viel Mu&szlig;e zu schauen und
+zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der &auml;rgerliche Majordom
+ohne Umst&auml;nde vor die T&uuml;re schob und hinter ihm
+den Schl&uuml;ssel zudrehte.</p>
+
+<p>Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wu&szlig;te nichts von
+Beckchen Taube, und niemand im Haus kannte den Namen.
+<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>Beckchen f&uuml;hrte den Namen l&auml;ngst nicht mehr, unter dem
+sie einst jene Pf&ouml;rtnerin aufgenommen hatte; der Name war
+vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der
+Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr geh&ouml;rt,
+und die Leute im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie
+riefen, nannten sie Fingerling. Irgend jemand hatte eines
+Tages den Namen f&uuml;r sie erfunden, vielleicht ihrer winzigen
+Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte, da&szlig; sie
+Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer z&uuml;nden oder
+Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was h&auml;ufig
+vorkam, hie&szlig; es: Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.</p>
+
+<p>So blieb ihr der Name Fingerling und l&ouml;schte jeden
+andern Namen aus.</p>
+
+
+<h3>Die Beiden</h3>
+
+<p class="newchapter">Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind fr&uuml;her
+anzufordern, als bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung
+und Ansehen. Er hatte es vermieden, sich an die Beh&ouml;rde
+zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre Faulheit und
+ihre Abh&auml;ngigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf
+gefa&szlig;t gewesen, denn er hatte von der Mi&szlig;handlung und
+Verh&ouml;hnung alles Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest
+stand f&uuml;r ihn, da&szlig; er das Ziel zu erreichen habe, das allein
+ihn in diese Stadt gef&uuml;hrt, das allein ihm vorgeschwebt in
+all den Jahren der Wanderschaft.</p>
+
+<p>Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und
+Verfolgung; Leibesnot und Geistesnot; Verfinsterung aller
+Dinge; Verlust alles Glaubens an Menschen und Menschheit,
+an Zukunft und g&ouml;ttliche Gerechtigkeit. An dem Tage, wo es
+<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holl&auml;ndischen
+Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im blo&szlig;en Gedanken
+schon seine Brust zu einem Sammelpunkt von Ha&szlig;, Gram,
+Abscheu, Trotz und Verzweiflung machte, denn niemand
+hatte einen h&ouml;heren, stolzeren, leidenschaftlicheren Begriff
+von Freiheit als er, an dem Tag hatte er nicht nur seinen Namen
+verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das Weiche,
+Empfindliche, Empf&auml;ngliche, Schw&auml;rmende, Sinnende, auch
+im Selbstspott noch Gl&auml;nzende, das Zarte, Gl&auml;ubige,
+Schwankende, Seelenhafte war abgetan, und der Mensch
+innen hatte einen eisernen Panzer gegen den Menschen au&szlig;en,
+so wie der Mensch au&szlig;en wieder gegen die Welt. Taube
+wu&szlig;te nichts von Sturreganz, Sturreganz wu&szlig;te nichts von
+Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere
+lebte dort, der eine zimmerte das neue Leben, der andere
+tilgte das alte in sich aus.</p>
+
+<p>Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das gro&szlig;erstaunte
+Augen hatte, fein- und langgeschwungene Brauen
+und die Figur einer porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf
+dieses allen beiden zugeh&ouml;rige Wesen schlossen Taube und
+Sturreganz einen Bund und bauten einen Mittlerweg, wo
+sie sich trafen und verst&auml;ndigten. Sie nannten es in ihren
+Beschl&uuml;ssen und d&uuml;stern Tr&auml;umen das Menschlein, oder
+die Gefangene von Ansbach, oder das markgr&auml;fliche Unterpfand.
+Es durfte nie vergessen werden, nicht einen Augenblick;
+mahnte Taube nicht, so mahnte Sturreganz; es war
+wie ein kostbares Juwel, das zur Einl&ouml;sung bereit lag, und
+f&uuml;r das man Kapital zusammenscharren mu&szlig;te, es war der
+Anreiz, die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb
+zur Entfaltung. Es war das, worin sich alle sonst verschwendete,
+verworfene, verirrte, entschm&uuml;ckte, beleidigte Liebe vereinigt
+hatte. Insiegel des Wirkens und des Geschehens.
+<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg;
+Taube stand am Kompa&szlig;, Sturreganz f&uuml;hrte das Steuer;
+Taube war der heimliche, feurige, ungeduldige Regent,
+Sturreganz der stumme, harte, arbeitsame Verrichter. Vierzehn
+Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht in der H&uuml;tte
+eines Nordseefischers krank; l&auml;nger als zwei Jahre rang
+er in den L&auml;ndern der rheinischen F&uuml;rsten um Brot, um
+Dienst, um Stellung und Ruf; da bew&auml;hrte sich Taubes
+gl&uuml;hender Geist dem Verdunkelten und Erbitterten gegen&uuml;ber,
+seine Gabe der Erfindung und &Uuml;berredung, sein schlauer,
+tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit
+war, fa&szlig;te Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In
+allem andern erwies er sich unzug&auml;nglich und von d&uuml;rrem
+Eigensinn, fand sogar die Doppelheit der Existenz nicht
+selten l&auml;stig.</p>
+
+<p>Es gibt ein Etwas im Gef&uuml;hl eines Vaters, das ins
+Ewige deutet und bei dem es um Sch&ouml;pfung und den Schicksalsweg
+der Geschlechter geht. Es beschlie&szlig;t die Verantwortung
+in sich und die Rechtfertigung; Best&auml;tigung vor
+dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns;
+Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen
+nach dem in jedem armen Ich vergrabenen St&uuml;ck
+Unsterblichkeit.</p>
+
+<p>Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich
+der Tochter gegen&uuml;ber, das ist erdhafter. Da sucht er die
+Gestalt seiner Fr&uuml;hlings- und Sp&auml;tlingstr&auml;ume wieder,
+die nie gefundene; da will er herrschen durch die Liebe und
+lieben durch die Macht. Da ist Besitz, unumschr&auml;nkter und
+durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen Menschen und
+in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und der
+in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufh&ouml;ren macht, zu
+d&uuml;rsten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging,
+Sturreganz und Taube.</p>
+
+
+<h3>H&ouml;flichkeit wird Grausen</h3>
+
+<p class="newchapter">Der Diener beschlo&szlig;, das Ende der Vorstellung abzuwarten,
+um Sturreganz den Bescheid des Institutsverwalters
+zu &uuml;berbringen, da er mit gutem Grund die Wirkung
+seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung
+f&uuml;rchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das St&uuml;ck
+beendigt war, trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein
+langes Ausbleiben mit geschickt ersonnenen Vorw&auml;nden
+und erz&auml;hlte dann, was er geh&ouml;rt und erfahren. Sturreganz
+sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar;
+sie glichen zwei leeren L&ouml;chern im Kopf und hatten weder
+Glanz noch Ausdruck. Er m&ouml;ge ihn begleiten, sagte er zu
+dem Mann, verlie&szlig; mit ihm das Theater durch das B&uuml;hnenpf&ouml;rtchen
+und schlug den Weg nach dem Institut ein, der ihm
+wohlbekannt war.</p>
+
+<p>Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen
+empor, und Sturreganz r&uuml;ttelte an einem verrosteten
+Glockenzug. Es schallte aber keine Glocke. Er pochte ans
+Tor. Es &ouml;ffnete niemand, es r&uuml;hrte sich niemand. Da vernahmen
+sie L&auml;rm und dumpfe Stimmen von einer andern
+Seite des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer
+entlang, zw&auml;ngten sich durch die morsch auseinanderfallenden
+Bretter eines Zauns, kamen um eine Ecke und sahen
+vier M&auml;nner vor sich, von denen zwei Windlichter trugen
+und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg,
+der dem Diener solche Besorgnis eingefl&ouml;&szlig;t, aus einer schmalen
+T&uuml;r schoben. Dies gewahren und hinzuspringen, war
+<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>f&uuml;r Sturreganz eins. Die j&auml;he Verwandlung, die mit ihm
+vorging und aus dem altmodisch gekleideten, gravit&auml;tisch
+schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen
+Begleiter derma&szlig;en, da&szlig; er den Kopf verlor und sinnlos um
+Hilfe zu rufen begann.</p>
+
+<p>&raquo;Den Sarg &ouml;ffnen!&laquo; befahl Sturreganz, aber da die
+M&auml;nner regungslos verharrten, beugte er sich selbst nieder,
+zerrte mit kraftvoller Faust den Deckel herunter, der nicht
+vernietet und nicht angenagelt war, ri&szlig; einem der Lampentr&auml;ger
+das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die Leiche
+im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend
+zur&uuml;ck. Das tote M&auml;dchen, mit einem Kranz von
+Grashalmen im Haar, sah sehr sch&ouml;n aus. Einige Menschen
+hatten sich unterdes zur T&uuml;r gedr&auml;ngt, das Verwalterehepaar,
+die Pf&ouml;rtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus
+anwesende Sekret&auml;r des Marchese, zwei oder drei Z&ouml;glinge,
+und unter ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen
+aussehende Fingerling, Beckchen Taube.</p>
+
+<p>Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder,
+sah die Leute der Reihe nach an, sah das M&auml;dchen an, das
+sich an den Pfosten geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der
+Lampe ins Gesicht, streckte die Linke mit gespreizten Fingern
+gegen sie und sagte leise, unsicher, gequ&auml;lt, z&auml;rtlich nur das
+Wort: &raquo;Beckchen&laquo;.</p>
+
+<p>Mochte sein, da&szlig; ein Strahl der Erinnerung Sinn und
+Herz des Kindes traf; mochte sein, da&szlig; der Ton, die Stimme,
+die Geb&auml;rde ihr eine un&uuml;berh&ouml;rbare Mitteilung zutrug;
+sie regte sich, ihr Auge regte sich und antwortete; ihre Lippen
+regten sich und l&auml;chelten; sie schmiegte sich noch dichter an
+den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen,
+wei&szlig;en Z&auml;hne, ihre winzigen, braunen H&auml;nde, ihre winzigen
+kotumkrusteten F&uuml;&szlig;e wirkten jedes f&uuml;r sich und wie losgel&ouml;st
+<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>im flackrigen Licht; Sturreganz reichte irgendeinem
+die Lampe, hob das Kind auf den Arm, fl&uuml;sterte ihm Verworrenes
+zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor
+sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung;
+verschollener Laut, Wirrwarr von L&auml;ngstentschwundenem;
+zum erstenmal f&uuml;hlte sie sich an einen Menschenk&ouml;rper gedr&uuml;ckt,
+zum erstenmal aufgehoben und genommen. Vater
+klang es; r&auml;tselhaftes Wort. Sie blickte zu der taubstummen
+Magd hin&uuml;ber und fing auf einmal herzlich zu lachen
+an, und dann, in der &uuml;berquellenden Freude, stie&szlig; sie den
+d&uuml;nnen, rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verflo&szlig;,
+da kamen sie schon aus ihren Ritzen und L&ouml;chern, aus
+den G&auml;ngen und H&ouml;hlen, die M&auml;use, die jahrelangen winzigen
+Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit lockerem
+Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gru&szlig; oder
+zum Dank; die Tiere schienen zu sp&uuml;ren, da&szlig; es Trennung
+und Abschied galt, es entstand Aufruhr unter ihnen, und
+als sich Sturreganz mit dem Kind auf dem Arm zum Gehen
+wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer Zauberbeschw&ouml;rung
+in grauen Scharen hinter ihm her.</p>
+
+<p>Der Menschen, die es sahen, der Sargtr&auml;ger, des Gesindes,
+der Anstaltsbeamten, der Z&ouml;glinge bem&auml;chtigte sich abergl&auml;ubisches
+Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten,
+wer an der M&auml;useplage schuld war. Nach und nach wich die
+Erstarrung von ihnen; es war strafw&uuml;rdiger Frevel geschehen;
+der Raub des Kindes war Frevel, das &Ouml;ffnen des
+Sarges war noch schwererer Frevel; die Pf&ouml;rtnerin schrie
+nach der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die
+Wache, und da er durch den Brief, den er am Nachmittag
+erhalten, den Namen des Eindringlings erriet, setzte er dem
+Sekret&auml;r des Marchese den Sachverhalt aufgeregt auseinander.
+Sturreganz&#8217; Diener, der halb von Furcht bezwungen,
+<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens seines
+Herrn zur&uuml;ckgeblieben war, suchte die Gem&uuml;ter zu beschwichtigen,
+doch versicherte man sich seiner Person, und als der
+Wachkommandant mit drei Gendarmen erschien, wurde er
+sogleich in scharfes Verh&ouml;r gezogen. Da&szlig; der &Uuml;belt&auml;ter zu
+verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem sie sich
+&uuml;ber die Natur des Verbrechens hinl&auml;nglich informiert
+hatte, begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des
+R&auml;ubers und Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum
+Stern-Gasthof.</p>
+
+<p>Dort hatte das Erscheinen Sturreganz&#8217; mit dem M&auml;usezug
+hinter sich ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor
+dem Institut und in der Gasse der pokulierenden B&uuml;rger,
+aber als dann von allen Seiten Menschen herbeistr&ouml;mten und
+l&auml;rmender Stimmentumult entstand, hatten sich die Tiere
+&auml;ngstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten
+auf den Plan traten, und unter neugierigem Andr&auml;ngen,
+Rufen und Fragen der Leute brachten sie Sturreganz
+in das Stadtgef&auml;ngnis, das nicht weit entfernt war. Er lie&szlig;
+alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm das Kind
+wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und
+zwar in einer so entschlossenen, furchteinfl&ouml;&szlig;enden, ja gro&szlig;artigen
+Manier, da&szlig; dem Kommandanten Bedenken gegen
+anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen und er sich darein
+f&uuml;gte, ihm das M&auml;dchen vorl&auml;ufig zu lassen. Kaum hatte
+Sturreganz den Gef&auml;ngnisraum betreten, als Beckchen in
+seinen Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche
+legen, sondern behielt sie die ganze Nacht &uuml;ber im Arm, sich
+kaum getrauend eine Bewegung zu machen, und als das
+erste Fr&uuml;hlicht durch das vergitterte Fenster schien, erquickte
+er sich an dem sorglos s&uuml;&szlig;en L&auml;cheln auf ihrem
+Mund.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam,
+durchlief wie Brandger&uuml;cht die Stadt, und einer der ersten,
+der davon erfuhr, auf dienstlichem Wege und gen&uuml;gend verl&auml;&szlig;lich
+durch die unmittelbare Zeugenschaft seines Sekret&auml;rs
+bei den n&auml;chtlichen Ereignissen, war Marchese Pescanelli.
+Er war h&ouml;chst unangenehm ber&uuml;hrt. Die &ouml;ffentliche
+Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte
+ihm die peinlichsten Empfindungen; sodann war es
+gerade dieser Kom&ouml;diant, den er zur Befestigung seiner gef&auml;hrdeten
+Stellung hatte benutzen wollen. Wenn es gelang,
+einen solchen genialen Spa&szlig;macher, als welcher ihm Sturreganz
+von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des
+Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten
+zu verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es
+stand zu vermuten, da&szlig; sich die morose Strenge der Lebensauffassung,
+die sich der Allverm&ouml;gende zu eigen gemacht, und
+die tierische Verstocktheit der Gem&uuml;ter um ihn wirksam
+beeinflussen und ver&auml;ndern lie&szlig;e. Wo in aller Welt konnte
+ein besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel
+n&auml;her zu kommen, war es notwendig, da&szlig; sich Sturreganz
+in einer Paraderolle bei Hof zeige, und hierzu wieder mu&szlig;te
+man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen rei&szlig;en und die
+Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht;
+kein schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren
+B&uuml;rger daran gew&ouml;hnt waren, da&szlig; berechtigtes Interesse
+der Justiz ihren Spruch ablistete oder schn&ouml;d durchkreuzte.</p>
+
+<p>Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen,
+bedurfte der Marchese Lady Cravens Hilfe. Er s&auml;umte
+nicht und lie&szlig; sich bei ihr melden. Sie empfing ihn gn&auml;dig.
+Mit &auml;u&szlig;erster Geschmeidigkeit brachte er sein Anliegen vor.
+Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche Wohl des
+geliebten Herrn; beklagenswert d&uuml;nke ihn die Abkehr von
+<a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>den Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung,
+die einem F&uuml;rsten so heilsam sei wie die unersch&uuml;tterliche
+Pflichttreue f&uuml;r den Untertan respektabel, ja
+zur Adoration zwingend. Demnach und in Anbetracht der
+schicklichen Gelegenheit gebe er zu erw&auml;gen, und so weiter;
+das Projekt wurde er&ouml;ffnet.</p>
+
+<p>Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum G&auml;hnen.
+Was er von Sturreganz sagte, erregte ihre Teilnahme.
+Sie hatte von ihm geh&ouml;rt. Sie w&uuml;nschte ihn zu sehen. Freilich,
+was f&uuml;r ein abscheulicher Name; was f&uuml;r ein h&auml;&szlig;liches
+deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte
+bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die
+Verballhornung eines italienischen; in Wahrheit hie&szlig;e der
+Mann Storregammato; auch sei er im Umgang des Franz&ouml;sischen
+vollkommen m&auml;chtig, habe er sich sagen lassen, da
+er stets bei gro&szlig;en Herren gedient. Lady Craven &uuml;berlegte
+und versprach ihre Unterst&uuml;tzung, doch m&uuml;sse man vorsichtig
+verfahren, meinte sie, der Markgraf liebe es nicht,
+&uuml;berrumpelt und vor <em class="antiqua">faits accomplis</em> gestellt zu werden;
+und nur wenn man des guten Ausgangs sicher sein d&uuml;rfe,
+biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man m&ouml;ge
+ihr diesen Storregammato bringen.</p>
+
+<p>Erste Folge dieses Gespr&auml;chs: Sturreganz&#8217; Entlassung
+aus dem Polizeigewahrsam.</p>
+
+<p>Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im
+Gasthof zum Stern. Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel
+bis zur Sohle, war gekommen, um Gunst zu spenden.
+Er lie&szlig; sich l&auml;ssig auf einen Stuhl fallen, warf Bein &uuml;ber
+Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneewei&szlig;en
+Fingern, schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in
+der andern, redete in einem hohen, singenden, larmoyanten,
+etwas erm&uuml;deten, etwas ver&auml;chtlichen Ton, h&uuml;stelte, zog
+<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>die Lorgnette, setzte sie fl&uuml;chtig an die Augen und wurde
+allgemach &uuml;ber irgendein unbestimmtes Etwas an seinem
+Zuh&ouml;rer und Gegen&uuml;ber unruhig.</p>
+
+<p>Was war das f&uuml;r ein Mann mit zwei lichtlosen braunen
+Steinen im Kopf statt der Augen, einer schiefen Nase und
+einem Gesicht, das ebensogut das eines Siebzigj&auml;hrigen
+wie eines Vierzigj&auml;hrigen sein konnte? Und das schwarze
+Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht,
+was den Marchese stutzig machte, sondern die H&ouml;flichkeit
+des Menschen war es, undurchdringliche, glatte, gleichm&auml;&szlig;ige,
+penetrante und abgefeimte H&ouml;flichkeit, wie ihm
+nie eine &auml;hnliche untergekommen, bei Untergebenen nicht,
+bei Gleichgestellten nicht. H&ouml;flich lauschte er, h&ouml;flich erkl&auml;rte
+er sich mit den Vorschl&auml;gen einverstanden, h&ouml;flich
+entwickelte er sein Programm, h&ouml;flich nannte er sein Honorar;
+nichts zu tadeln, nichts zu bem&auml;keln. Dennoch war sie
+wie best&auml;ndiger heimlicher Hohn, diese H&ouml;flichkeit; es war
+etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein t&uuml;ckischer Kobold
+hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie
+durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei
+an keiner Stelle und in keinem Wort nur im geringsten
+angreifbar. Der Marchese empfahl sich ziemlich hastig,
+nachdem die Pr&auml;sentation bei Lady Craven f&uuml;r den andern
+Mittag vereinbart war.</p>
+
+<p>Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli
+zur Audienz eingef&uuml;hrt. Es dauerte diese Audienz
+&uuml;ber Erwarten lange, denn sie nahm in ihrem Verlauf eine
+eigent&uuml;mliche Form an. Form eines Verh&ouml;rs, einer Umzingelung
+durch hinterh&auml;ltige Fragen, einer niedertr&auml;chtigen
+Hetzjagd, wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller
+Sturreganz war, der Marchese das mit kaltem
+Schwei&szlig; bedeckte Opfer und Lady Craven die mehr und mehr
+<a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die
+zur h&ouml;fischen Veranstaltung unerl&auml;&szlig;lichen Vorbesprechungen
+erledigt waren, &#8211; Lady Craven hatte vom Markgrafen
+gestern noch auf delikate Art die Erlaubnis zu einer abendlichen
+Auff&uuml;hrung im gro&szlig;en Tanzsaal erwirkt und ihn auf
+eine sublime &Uuml;berraschung vorbereitet, &#8211; ersch&ouml;pfte sich
+Sturreganz in einer h&ouml;flichen Danksagung gegen die Lady und
+f&uuml;gte hinzu, einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit
+f&uuml;r die erwiesene Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig.
+Er wandte sich an ihn. Er erkundigte sich, wie der Herr
+Marchese die Nacht verbracht habe und ob es verstattet sei,
+ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall auszudr&uuml;cken,
+der sich unter seinen Sch&uuml;tzlingen ereignet habe.
+Pescanelli bi&szlig; sich auf die Lippen und w&uuml;nschte das dem&uuml;tig
+vorgetragene Mitgef&uuml;hl zu allen Teufeln. Lady Craven
+sah ihn neugierig an, aber Sturreganz hatte schon wieder
+das Wort ergriffen und begl&uuml;ckw&uuml;nschte noch im selben
+Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen Wirksamkeit
+im Dienste Terpsichores. In seiner Schw&auml;rze und
+mit der ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften
+H&ouml;flichkeit, die dem Marchese von Sekunde zu Sekunde
+mehr zur Grimasse wurde, aus der er den Kern, den
+Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er n&auml;her vor Pescanelli
+hin und fragte mit dringlicher Wi&szlig;begier, ob sich
+die exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bew&auml;hrt h&auml;tten,
+deren Ruhm &uuml;ber Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen
+Lady Craven und bat sie mit einer tiefen Verbeugung um
+Nachsicht f&uuml;r sein spezielles Interesse, aber er handle im
+Auftrag eines H&ouml;heren, der das Unternehmen schon lange
+mit verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann
+die Haltung wieder und glaubte an die Einfalt und die
+h&ouml;flichen Argumente des Menschen; geschmeichelt leckte er
+<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>seine Lippen, zur Antwort bereit, doch Sturreganz, in verehrungsvollem
+Eifer, lie&szlig; ihn nicht dazu gelangen, und nun
+kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug
+zu preisendes Edukationsmittel die kl&ouml;sterliche Zucht ein,
+sagte Sturreganz, und seine H&ouml;flichkeit verstieg sich zu einem
+entz&uuml;ckten Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung,
+und er billige es durchaus, da&szlig; die jungen Pfleglinge der
+Anstalt hungern m&uuml;&szlig;ten, da&szlig; sie in schmierigen und geflickten
+Fetzen gekleidet gingen, da&szlig; sie ununterbrochene
+Arbeitsfron zu leisten h&auml;tten, da&szlig; die &Ouml;fen in ihren Stuben
+zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben
+zersplittert seien; da&szlig; sie im Winter fr&ouml;ren, im Sommer in
+Gestank und Unrat vers&auml;nken, und da&szlig; sie in jeder Weise wie
+zur h&auml;rtesten Bu&szlig;e verdammte Strafgefangene gehalten
+seien; ja, es leuchte ihm &uuml;ber alle Ma&szlig;en ein, er habe auch
+gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, aufs Nachdr&uuml;cklichste
+eine solche Disziplin verfochten; gewi&szlig; entspringe
+sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder
+nicht? O gewi&szlig;; dem au&szlig;erordentlichen Einblick gewi&szlig; in
+das Wesen der Kunst, die das Ideal in unerreichbare Fernen
+r&uuml;cke, der bewundernswerten und von allen Koryph&auml;en
+und Fachautorit&auml;ten gutgehei&szlig;enen Absicht, die gemeine,
+boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede m&ouml;gliche Weise
+noch gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar
+sie bis auf einen schlechthin unertr&auml;glichen Grad herabzudr&uuml;cken,
+um in den verzweifelten und gequ&auml;lten Herzen die
+Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entz&uuml;nden, den begnadeten
+Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt
+der Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen
+unterer und oberer Region gleichsam auf dem Weg einer
+geistreichen Allopathie fruchtbar zu machen. Das nenne
+er eine menschliche Aufgabe an der tiefsten Wurzel fassen,
+<a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>und ein solches Beginnen in den Augen der bl&ouml;den Welt als
+vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bed&uuml;rfnis.
+Nein, der Herr Marchese m&ouml;ge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit
+sei hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte
+wagen d&uuml;rfe, sei es die, ihm gn&auml;digst n&auml;here Daten zu geben:
+erstlich, wie man mit dem p&auml;dagogischen Ergebnis im allgemeinen
+zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine
+Stimme fl&ouml;tete f&ouml;rmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese
+zumut war, als w&uuml;rde er langsam ger&ouml;stet, dann habe
+ihm sein hoher G&ouml;nner sich zu unterrichten befohlen, wie
+der Verkauf der mannbar gewordenen und leiblich wohlgediehenen
+Z&ouml;glinge auf den Geist des Instituts wirke?
+Dies erscheine ihm n&auml;mlich als der am grandiosesten erdachte
+Erziehungs- und Lebenseingriff; seine Durchf&uuml;hrung lasse
+auf antike Charakterkraft schlie&szlig;en und befinde sich in
+angenehmem Gegensatz zu der heutzutage &uuml;blichen Empfindsamkeit.
+Empfindsamkeit sei ein vulg&auml;res Element und
+ein fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude
+die richtige Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgef&uuml;hrt,
+da&szlig; Tanz und Eros verschwisterte Genien seien;
+man k&ouml;nne den n&uuml;chternen und plumpen Deutschen gar
+kein gro&szlig;m&uuml;tigeres Geschenk machen, als es der Herr Marchese
+damit getan habe.</p>
+
+<p>Eine devote Reverenz beendigte die Rede.</p>
+
+<p>Pescanelli wu&szlig;te nicht, wohin den Blick wenden. Seine
+gro&szlig;en fleischigen Ohren waren rot wie Mohnbl&uuml;ten, seine
+Lippen kreidewei&szlig;. Lady Craven sah ihn an, sah ihn unabl&auml;ssig
+an, entgeistert, fr&ouml;stelnd, stumm. Sturreganz aber
+sah die gro&szlig;en, fleischigen Ohren des Marchese an, h&ouml;flich,
+dienstwillig, stumm. Lady Craven mu&szlig;te das Kopfnicken
+wiederholen, durch das er sich als entlassen zu betrachten
+hatte. Abermalige tiefe Reverenz vor der Dame, Verbeugung
+<a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>vor dem Marchese, und mit steinern h&ouml;flichem Gesicht verlie&szlig;
+er r&uuml;ckw&auml;rts schreitend den Raum.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schw&auml;tzer und Schalksnarr,&laquo; knirschte der zermalmte
+Jasager; &raquo;man m&uuml;&szlig;te ihn in den Kerker werfen
+oder Landes verweisen.&laquo; Er lachte gezwungen.</p>
+
+<p>&raquo;Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren,
+Marchese&laquo;, sagte Lady Craven mit kalter Hoheit, wandte
+sich und ging. In ihrem Boudoir dann st&uuml;rzte sie vor einem
+Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen Tr&auml;nenstrom
+aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: &raquo;So soll
+ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und
+Harlekine noch unheimlicher sind als die Schurken, die sie
+entlarven.&laquo;</p>
+
+
+<h3>Zwist</h3>
+
+<p class="newchapter">Der Tag des Spektakels lie&szlig; sich insofern unerfreulich an,
+als er unter dem Zeichen markgr&auml;flicher Vapeurs stand.
+Die Vapeurs des F&uuml;rsten waren gef&uuml;rchtet, da sie seine Mi&szlig;laune
+zu Wutausbr&uuml;chen steigerten. Sturreganz hatte also
+von vornherein ein schwer verr&uuml;ckbares Hindernis zu besiegen.
+Gegen f&uuml;nf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft,
+er k&ouml;nne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch
+alles in Frage gestellt war und sich unter den Hofleuten
+Best&uuml;rzung und Ratlosigkeit verbreitete.</p>
+
+<p>Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine
+heftige Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich,
+da&szlig; Pescanelli im Tr&uuml;ben gefischt und die Vorstellung zu
+hintertreiben versucht hatte, denn der Markgraf sagte, es
+gehe gegen W&uuml;rde und Anstand, da&szlig; er sich einen Spa&szlig;macher
+anh&ouml;ren solle, habe er sich doch derartige leichtfertige
+<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady &auml;rgerte
+sich, da&szlig; ihr die &Uuml;berraschung durch den Schleicher Pescanelli
+verdorben war, und sie &auml;rgerte sich &uuml;ber die Sprache
+ihres Geliebten. Den Marchese zu vernichten, sparte sie sich
+auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie war die Frau
+nicht, die schmutzige Betr&uuml;ger in ihrer N&auml;he duldete. Wichtiger
+war jetzt, da&szlig; sie sich die Z&uuml;gel nicht aus der Hand
+winden lie&szlig; und nicht der Anma&szlig;ung eines aufgequollenen
+Despoten unterlag.</p>
+
+<p>Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was
+er f&uuml;rchte? Etwa da&szlig; der Frost in seinen Adern taue? da&szlig;
+sich in seine weltfeindlichen Gedanken ein Strahl des Lichts
+mische? da&szlig; die vergebliche Gr&uuml;belei &uuml;ber die menschlichen
+Mi&szlig;st&auml;nde aufh&ouml;re, ihm eine schlechte Verdauung zu machen?
+Wolle er die deutsche Gr&uuml;ndlichkeit so weit treiben wie die
+alberne Person im M&auml;rchen, die im Keller greint, weil ein
+Balken von der Decke fallen und sie erschlagen k&ouml;nnte?
+Dann ziehe sie es vor, ihre Koffer zu packen und gastlichere
+Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem traurigen &Uuml;berrest
+von Jugend noch etwas anzufangen sei.</p>
+
+<p>Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber mit einem Tamburin durch die Stra&szlig;en ziehen,
+als noch l&auml;nger in einem Palast die Leibeigene eines Henkers
+aller harmlosen Freuden sein!&laquo; rief sie aus. &raquo;Lieber einem
+gener&ouml;sen Verschwender und Avanturier zum Opfer fallen,
+als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der
+Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde
+spart, mit seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit
+dem Genius der Menschheit, von dem ich nur so viel wei&szlig;,
+da&szlig; er mich langweilt und mir Kopfschmerz verursacht, wenn
+ich seinen Namen h&ouml;re, am Zahlbrett sitzt und ihm glaubt
+vorrechnen zu m&uuml;ssen, wieviel er von diesen teuren Sachen
+<a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie
+die Lorbeern Ihres Vetters von W&uuml;rttemberg nicht schlafen,
+der mit dem philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm
+im Schinznacher Bade spazieren ging? Genug der Kr&auml;merwirtschaft.
+Genug der Seelenpharmazie. Liegt Ihnen das
+Tugendkloster, in dem Sie in verh&auml;ngnisvollem Wahn zu
+leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Gl&uuml;ck Ihrer
+M&auml;tresse, so berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und
+geben Sie Lady Craven den Abschied.&laquo;</p>
+
+<p>Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer
+finsterer.</p>
+
+<p>Lady Craven n&auml;herte sich ihm, schmiegte den Kopf an
+seinen Arm und sah l&auml;chelnd zu ihm empor. &raquo;Nachtgedanken,&laquo;
+fl&uuml;sterte sie, &raquo;Nadelstiche aus b&ouml;sen Tr&auml;umen.
+Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erw&auml;gen. Sie haben Untertanen
+verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtsw&uuml;rdigen,
+wir werden &uuml;ber ihn noch sprechen. Weshalb gehen
+Sie nicht einen Schritt weiter: verkaufen Sie doch das ganze
+Land, wie es steht und l&auml;uft. Das ist der Rat einer Freundin.
+Die Markgr&auml;fin, so versichert der Leibarzt, hat nur
+noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen M&uuml;hlstein
+vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. &Uuml;berlassen
+Sie es dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein
+hitziger Wettbewerb, glauben Sie mir. Der Vorteil liegt
+auf der Hand. Sie tauschen ein gl&uuml;ckseliges Alter f&uuml;r ein
+betr&uuml;btes ein, und ich, ich w&uuml;rde mein jubelndstes Lied
+in die Luft schmettern.&laquo;</p>
+
+<p>Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand,
+schob einige dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite,
+&ouml;ffnete den Deckel und begann mit wenig geschulter, aber
+wohllautender Stimme zu singen: <em class="antiqua">&raquo;Le Roi, dimanche, dit &agrave;
+Laverdy, le Roi, dimanche, dit &agrave; Laverdy: Va-t-en, lundi!&laquo;</em></p>
+
+<p><a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit gro&szlig;en Augen.
+Welch ein Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen;
+die von Gott verliehene Krone zum Gegenstand eines
+Schachers machen! Wie k&uuml;hn, wie verderbt, wie unsinnig.
+Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden der Gewissensb&uuml;rde,
+ledig der Verantwortung, ledig der Bel&auml;stigung,
+ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der
+unbekannten, feindlichen, wachsamen, eifers&uuml;chtigen, h&auml;&szlig;lichen
+Menge da unten, Volk gehei&szlig;en. Wie verwegen, wie
+frevelhaft, wie strafw&uuml;rdig; und doch, wie verf&uuml;hrerisch
+im Grunde!</p>
+
+<p>Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady
+wu&szlig;te es. Es w&uuml;rde keimen, es w&uuml;rde Frucht tragen, der
+Tag der Erl&ouml;sung kam; und sie sang: <em class="antiqua">&raquo;Le Roi, dimanche,
+dit &agrave; Laverdy: Va-t-en lundi!&laquo;</em></p>
+
+<p>Da&szlig; er bei der theatralischen Vorf&uuml;hrung nicht fehlen
+werde, versprach der Markgraf ausdr&uuml;cklich. Der Kammerherr
+vom Dienst teilte ihm den Titel des St&uuml;ckes mit. Es
+hie&szlig;: Baron Gemperlein auf Reisen.</p>
+
+
+<h3>Die Ohren des Herrn Marchese</h3>
+
+<p class="newchapter">Eingeladen waren alle gr&auml;flichen und freiherrlichen Familien
+der Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten
+mit ihren Damen; die Gesandten und die Fremden von
+Distinktion, die in der Stadt anwesend waren, und einige
+auserw&auml;hlte Einzelne, darunter der Dichter Uz.</p>
+
+<p>Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang
+der Vorstellung war f&uuml;r acht Uhr bestimmt. Der gro&szlig;e
+Saal war strahlend hell erleuchtet, und das auf dem Platz
+<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung: Kerzenglanz,
+galonierte L&auml;ufer, karmesinbr&uuml;stige Lakaien, Fanfarenton;
+man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem
+Damast. Von solchen, die zum ersten Male da
+waren, wurde das sch&ouml;ne Deckengem&auml;lde von Carlino bewundert,
+allegorische Gestaltungen der Musik, der Architektur,
+der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier Eckfeldern,
+in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen,
+Venus und Amor auf dem Scho&szlig;.</p>
+
+<p>Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf,
+ernst, umw&ouml;lkt, majest&auml;tisch, die Begr&uuml;&szlig;ung der G&auml;ste
+gemessen erwidernd. Er f&uuml;hrte Lady Craven; hinter dem
+Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von Schlemmerbach,
+Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als
+die hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand
+feierliche Stille und der Vorhang schlug auseinander.</p>
+
+<p>Baron Gemperlein, von einem &uuml;berlangen, &uuml;berd&uuml;rren
+Menschen gespielt, war ein saurer Herr, gichtbr&uuml;chig,
+asthmatisch, kurzsichtig, argw&ouml;hnisch, schwarzgallig, der auf
+Reisen zu gehen beschlie&szlig;t, erstens um die ihm verha&szlig;ten
+Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr sehen
+zu m&uuml;ssen, zweitens um in den Abwechslungen der gro&szlig;en
+Welt Heilung f&uuml;r seine Stockbl&uuml;tigkeit zu finden. Den
+Hauptteil seiner Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben,
+Tr&auml;nkchen, Latwerge, Pflaster, Klistierspritzen, medizinische
+Folianten, Brillen, W&auml;rmflaschen, und als Diener nimmt
+er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz
+spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, l&uuml;gnerischen,
+alle Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen,
+frechen Burschen, der es allm&auml;hlich so weit bringt,
+da&szlig; Baron Gemperlein in heulende Verzweiflung ger&auml;t,
+<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>sich seiner nicht mehr erwehren kann und ihn knief&auml;llig und
+um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu &uuml;berlassen.</p>
+
+<p>Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses
+St&uuml;ck durch das Spiel von Sturreganz zu etwas h&ouml;chst
+Ungew&ouml;hnlichem. Katarakt von Witz; <em class="antiqua">presto furioso</em> der
+Narrheit; Hexensabbat von Irrt&uuml;mern, komischen Mi&szlig;verst&auml;ndnissen,
+unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen;
+das wuchs und schwoll an von Replik zu Replik,
+von Szene zu Szene und war voller Extempores, impertinenter
+Anspielungen, voller Bewegung, Laune, Schwung,
+Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit
+Riesenkn&ouml;pfen und unter dem Bauch geschnallten G&uuml;rtel;
+die beredten H&auml;nde, die unabl&auml;ssigen Zuckungen des Gesichts,
+das Verrenken der Glieder, die diabolische Geschwindigkeit
+der Zunge, das gesch&auml;ftige Hin- und Herrennen, das
+diebische Augenblinzeln, die unversch&auml;mte Verschmitztheit,
+die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all dies war
+vollkommen unwiderstehlich und von urspr&uuml;nglichster Natur.</p>
+
+<p>Die vornehme Zuh&ouml;rerschaft lie&szlig; sich anfangs an beif&auml;lligem
+L&auml;cheln gen&uuml;gen. Sodann begannen Damen zu
+kichern. Als er im ersten Nachtquartier mit s&auml;mtlichen Medikamenten
+beladen an das Bett des Herrn keucht, ihm alles
+auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem
+Tempo Spr&uuml;che zur Weltweisheit von sich gibt, verga&szlig; das
+Auditorium seine W&uuml;rde und die R&uuml;cksicht auf den F&uuml;rsten
+und platzte los. Von da an war kein Halten mehr. Bei der
+Szene, wo er, um Gemperleins Sinne aufzuheitern, ihm
+die drei erlesensten Sch&ouml;nheiten der Stadt vorf&uuml;hrt, triste
+Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre
+Vorz&uuml;ge preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu
+macht, geb&auml;rdeten sich die Wohledlen und Unnahbaren um
+<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>nichts anders als das geringe Publikum in der Bretterbude.
+Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an
+ihren Stand, ihre Orden, ihre B&uuml;rden einfach weg. Genau
+wie beim geringen Volk bl&auml;hten sich die H&auml;lse, schluckerte
+es in den Kehlen, sch&uuml;tterten die W&auml;nste, schlotterten die
+Kinnladen, tr&auml;nten die Augen. Genau so b&auml;umten sie sich,
+wieherten, br&uuml;llten, kreischten, tobten sie, aber was sie
+ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare
+Wahrnehmung, da&szlig; auch der Markgraf nicht vom Sturm
+verschont blieb. Was man seit Jahren nicht erlebt: er lachte.
+Sein Mund war offen, seine Z&auml;hne blitzten, die erlauchte
+Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht, zu widerstreben, die
+Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gn&auml;diger Akklamation
+zu beschr&auml;nken; der D&auml;mon da oben war st&auml;rker, die Schranken
+brachen nieder, ohnm&auml;chtig gab er sich preis, die Erhabenheit
+preis und platzte los, immer heftiger, immer wehrloser,
+und griff mit den H&auml;nden um sich, da ihn das Lachen
+zu ersticken drohte.</p>
+
+<p>Als das St&uuml;ck mit einem grotesken Sprung Balthasar
+Schnacks zum Fenster hinaus endigte, wand sich die ganze
+Gesellschaft wie ausgeblutet von ihren Kr&auml;mpfen, und das
+Chaos schriller, gellender, dumpfer, w&uuml;rgender Lach- und
+St&ouml;hnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob
+sich schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht,
+klatschte matt in die H&auml;nde und stammelte: &raquo;Er soll sich
+eine Gnade ausbitten; sogleich; der Mann soll sich eine Gnade
+ausbitten.&laquo; Lady Craven, das Taschentuch vor den Mund
+gepre&szlig;t und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint,
+auch sie, und atmete wie eine L&auml;uferin, warf Herrn von
+Schlemmerbach einen Blick zu, der st&uuml;rzte hinter die B&uuml;hne,
+man wartete einen Augenblick, pl&ouml;tzlich teilte sich der Vorhang
+wieder, Balthasar Schnack steckte den Kopf durch,
+<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>verbeugte sich grinsend, ohne da&szlig; man den K&ouml;rper sah, vor
+dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten,
+kletterte ein St&uuml;ck am Vorhang empor, h&uuml;llte sich in ihn
+und lie&szlig; wieder nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen
+wie ein Affe, verzog das Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften
+Ausdruck und rief mitten in den Saal hinein, schlickernd,
+lachend, mit infernalischer Frechheit: &raquo;Wenn Ihrer
+Gnaden Gro&szlig;mut mir eine Gnade erweisen will, so
+schenken Sie mir die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen
+Ohren des Herrn Marchese, damit sich mein
+Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer goldenen Schale wie
+das Haupt des Johannes, eine zinnerne gen&uuml;gt, eine irdene
+gen&uuml;gt. Aber die Ohren des Herrn Marchese f&uuml;r meinen
+Kater! Untert&auml;nigsten Dank im voraus! <em class="antiqua">Les oreilles du
+marchese Pescanelli! Milles mercis!</em> Geruhsame Nacht!&laquo;</p>
+
+<p>Es war unerh&ouml;rt, grausig-lustig, monstr&ouml;s-komisch. Ein
+Tuscheln ging durch die Reihen. Viele standen erstarrt.
+Viele blickten in die Richtung, wo sich der Marchese befand.
+Er lehnte bleich an einer Mauer.</p>
+
+<p>Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein
+Hanswurstgel&auml;chter, und er verschwand.</p>
+
+<p>In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg,
+der ansbachischen Bastille, verbracht.</p>
+
+
+<h3>Ein Gespr&auml;ch als Ausklang</h3>
+
+<p class="newchapter">Es f&uuml;gte sich, da&szlig; in der Kutsche der Extrapost, mit welcher
+drei Tage sp&auml;ter Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim
+zu fuhren, auch der Dichter und Justizrat Uz sa&szlig;, den
+eine Dienstreise an die w&uuml;rttembergische Grenze f&uuml;hrte.
+<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Sie waren die einzigen Fahrg&auml;ste; Uz, des Zusammentreffens
+froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der Poststation
+Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der
+gleichen H&ouml;flichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam
+nur langsam in Flu&szlig;; der Schauspieler, schwarz gekleidet
+wie immer, br&uuml;tete zumeist finster vor sich hin, und nur
+wenn er sich an das Kind wandte, das er in einem Winkel
+des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit
+befragte oder mit einer seltsam sch&uuml;chternen Liebkosung anr&uuml;hrte,
+belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter
+geschlossenen Mund versch&ouml;nte ein z&auml;rtlich-zartes L&auml;cheln.
+Beckchen trug sch&ouml;ne neue Schuhe und Str&uuml;mpfe und einen
+Mantel aus dunkelblauem Samt und Kn&ouml;pfen aus Perlmutter,
+in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte.
+Unter dem H&auml;ubchen sah das sauber gewaschene, rosige
+Gesicht blumenhaft vertr&auml;umt hervor, und die herrlich
+schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen
+Brauen schienen sich nicht sattsehen zu k&ouml;nnen an der Welt
+und dem begl&uuml;ckend Neuen, das Tag um Tag ihnen
+schenkte.</p>
+
+<p>Es war um die f&uuml;nfte Nachmittagsstunde; der Himmel,
+nur zum Teil bew&ouml;lkt, war in der westlichen Tiefe ger&ouml;tet,
+gegen den Zenit m&auml;&szlig;igten sich die Farben vom schweren
+Scharlach bis zum gr&uuml;nlichen Blau, und Gr&uuml;n und Blau
+und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten
+Weihern, die von keinem F&auml;ltchen gekr&auml;uselt waren. Das
+fr&auml;nkische Land lag in ausruhendem Frieden; kaum ein
+Luftzug wehte &uuml;ber die sanften H&uuml;gel; die Wiesen gilbten
+herbstlich, die Kronen der Tannenw&auml;lder umzogen den
+Horizont mit einem schwarzen Band.</p>
+
+<p>Es m&uuml;sse doch ein beseligendes Gef&uuml;hl sein, unterbrach
+der Justizrat ein lastend langes Schweigen, wenn man durch
+<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>die begnadete Kunst des Wortes Menschen so aus allen
+Schanzen und Befestigungen rei&szlig;en k&ouml;nne; es sei mit nichts
+sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers,
+ja, des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung,
+da&szlig; es der Geist sei, der solches bewirkte und nicht
+das Schwert. Denn die tiefen und wichtigen Verwandlungen,
+die moralischen Revolutionen f&uuml;hre nur der Geist
+herbei.</p>
+
+<p>Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen
+Blick in das treuherzig-g&uuml;tige Gesicht seines Gegen&uuml;ber.
+Dann sagte er widerstrebend, nicht dem Mann widerstrebend,
+sondern der eigenen Rede: &raquo;Es hat nichts damit
+auf sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie
+das?&laquo; fragte Uz erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist zu nichts n&uuml;tze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es
+gibt auf der Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme
+Schw&auml;rmer, die sich einbilden, Kunst sei etwas
+wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier, und man
+k&ouml;nne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es
+verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie
+nehmens hin, sie klatschen Beifall und winden in g&uuml;nstiger
+Laune dem Liebling einen Kranz; der Beelzebub bleibt
+drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine furchtbare Skepsis,&laquo; sagte Uz traurig;
+&raquo;gerade von Ihnen mu&szlig; ich solche Worte h&ouml;ren, der sich
+auf einen weithin sichtbaren Gipfel gestellt hat, wo die
+tragische Muse und die heitere sich die H&auml;nde reichen. Ich
+bekenne offen, da&szlig; mich bei Ihren Darbietungen, so oft
+ich das Gl&uuml;ck hatte, Zuschauer sein zu d&uuml;rfen, die Ersch&uuml;tterung
+&uuml;ber das uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig
+&uuml;berfiel, wie ich die g&ouml;ttliche Gel&ouml;stheit empfand, die erhabene
+<a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>Freiheit, die eine unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen
+Genies ist. Hier ist der Punkt, wo sich ganz Unsagbares
+in der Seele ereignet. Die Tiefe wird lichter, die H&ouml;he
+mysteri&ouml;ser. Die Furien verm&auml;hlen sich mit den unbegreiflichen
+Wesen, die wir im &Auml;ther ahnen. Alles wird Sph&auml;re,
+alles wird F&uuml;lle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond
+und Sonne, unerreichbar fern eins vom andern, und doch
+jedes zum andern bestimmt, jedes ans andere genietet.
+Ich habe manches von den Gesetzen des Schicksals begriffen
+oder doch in mir als Erkenntnis keimen gef&uuml;hlt, das mir
+verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der
+einzige. Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht
+verliehen ist, mu&szlig; wissen, was es mit ihr f&uuml;r eine Bewandtnis
+hat und was ihm die Menschheit schuldet. W&uuml;&szlig;te er
+es nicht, so w&auml;re auch in mir selbst Gef&uuml;hl und Ahnung
+L&uuml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>Ein kr&auml;nkliches L&auml;cheln bewegte Sturreganz&#8217; Lippen.
+&raquo;Sie &auml;u&szlig;ern sich mit sehr viel Freundlichkeit,&laquo; sagte er,
+&raquo;und was meine Person betrifft, kann ich Ihnen nur erwidern:
+es kostet zu viel. Es kostet Blut, es kostet Leben, es
+kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit und die himmlische
+dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das
+Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist
+sie mir nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag &uuml;berzeugt
+mich aufs neue davon, da&szlig; es eher m&ouml;glich w&auml;re,
+den Kaukasus auf meinen Schultern an den Rhein zu tragen
+als durch das, was ich bin und tue, nur einen einzigen Schurken
+von der allergeringsten seiner Schurkereien abzuhalten.
+Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem
+M&ouml;rder den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der
+Verleumder entgiften? die Augen der Habgierigen sanft
+machen? den Sinn der Blutd&uuml;rstigen fromm? die Dummk&ouml;pfe
+<a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>mit Vernunft begaben? den Verr&auml;tern Treue einimpfen?
+den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht
+Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins
+Elend und Verderben rollt, kann ich in ihre Achsen greifen?
+Was ists also? gro&szlig;? Was hat es denn auf sich mit eurer
+ber&uuml;hmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der W&uuml;ste
+unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer
+Weglosigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie k&ouml;nnen es nicht hindern, da&szlig; wir Sie lieben
+und verehren, wir zwei bis drei Dutzend wenigstens&laquo;, sagte
+Uz halb erschreckt, halb beg&uuml;tigend. Sturreganz sch&uuml;ttelte
+unwillig den Kopf.</p>
+
+<p>Der Abend d&auml;mmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz
+das Gespr&auml;ch durch die sch&uuml;chterne Frage wieder in Gang zu
+bringen, ob Sturreganz an eine Entwicklung der deutschen
+Kom&ouml;die &uuml;ber die etwa von Stranitzky-Bernardon geschaffenen
+Typen und Figuren hinaus zu einem h&ouml;heren
+Stil glaube, an eine Form ebenb&uuml;rtig der von Goldoni oder
+Moli&egrave;re. Es scheine ihm leider so zu liegen, da&szlig; man als
+Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es sei kein
+g&uuml;ltiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine
+Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu fr&uuml;h an eine Idee.
+Ruhelos werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde
+auf- und niedergerissen, ruhelos auch zwischen Osten und
+Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, alles Geschaffene
+verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und der Bruder
+werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.</p>
+
+<p>Sturreganz hatte sinnend zugeh&ouml;rt, dann sagte er mit
+schwerer Stimme: &raquo;Deutsch&nbsp;... das ist etwas sehr Fernes.
+Sehr weit ist es, sehr, sehr weit. Deutsch sein, das ist, wie
+wenn man in einem wilden wirren Traum l&auml;ge. Es hat
+keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser
+<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner wei&szlig; wohin,
+spricht und spricht, und keiner wei&szlig; was.&laquo;</p>
+
+<p>Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen m&uuml;de
+zugefallen waren, und fl&uuml;sterte mit einem Ausdruck m&uuml;tterlicher
+Liebe, der den greisen Dichter ergriff: <em class="antiqua">&raquo;Dormi, mia
+bella, dormi!&laquo;</em></p>
+
+<p>Da war es schon Nacht.</p>
+</div>
+
+<div class="advertisements">
+<!-- <p><a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a></p> -->
+<!-- <h1>Werke<br />
+von<br />
+Jakob Wassermann</h1> -->
+
+<p><a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a></p>
+<h2>Werke von Jakob Wassermann</h2>
+
+
+<h3>Die Juden von Zirndorf</h3>
+<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage</p>
+
+<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3>
+<p class="center">Roman. 23. Auflage</p>
+
+<h3>Der Moloch</h3>
+<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage</p>
+
+<h3>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund</h3>
+<p class="center">Drei Novellen. 71. Auflage</p>
+
+<h3>Alexander in Babylon</h3>
+<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage</p>
+
+<h3>Die Schwestern</h3>
+<p class="center">Drei Novellen. 6. Auflage</p>
+
+<h3>Caspar Hauser oder die Tr&auml;gheit des Herzens</h3>
+<p class="center">Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage</p>
+
+<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3>
+<p class="center">Roman. 15. Auflage</p>
+
+<h3>Der goldene Spiegel</h3>
+<p class="center">Erz&auml;hlungen in einem Rahmen. 17. Auflage</p>
+
+<h3>Die ungleichen Schalen</h3>
+<p class="center">F&uuml;nf einaktige Dramen</p>
+
+<h3>Der Mann von 40 Jahren</h3>
+<p class="center">Roman. 14. Auflage</p>
+
+<h3>Das G&auml;nsem&auml;nnchen</h3>
+<p class="center">Roman. 72. Auflage</p>
+
+<h3>Christian Wahnschaffe</h3>
+<p class="center">Roman in zwei B&auml;nden. 39. Auflage</p>
+
+<h3>Der Wendekreis, Bd. 1</h3>
+<p class="center">Novellen. 19. Auflage</p>
+
+<h3>Mein Weg als Deutscher und Jude</h3>
+<p class="center">15. Auflage</p>
+
+
+<p class="printer">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p>
+</div>
+
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten
+zusammengef&uuml;hrt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugef&uuml;gt. Die nachfolgende
+Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-wei&szlig;e, mit<br />
+p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon<br />
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf<br />
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich<br />
+p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein<br />
+p 236: nach war es -> noch war es<br />
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden W&ouml;rtern:</p>
+
+<p>p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)<br />
+p 184: Duenna (H&uuml;terin: Anstandsdame, Erzieherin)<br />
+p 248: medisieren (schm&auml;hen, l&auml;stern)<br />
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book&#8217;s two title
+pages have been merged into one, and a table of contents has been added.
+The table below lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<p>
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-wei&szlig;e, mit<br />
+p 090: [unified] Telefon -> Telephon<br />
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf<br />
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich<br />
+p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein<br />
+p 236: nach war es -> noch war es<br />
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+</p>
+
+<p>The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:</p>
+
+<p>p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)<br />
+p 184: Duenna (H&uuml;terin: Anstandsdame, Erzieherin)<br />
+p 248: medisieren (schm&auml;hen, l&auml;stern)<br />
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
+
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+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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