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diff --git a/18552-8.txt b/18552-8.txt new file mode 100644 index 0000000..3c3e537 --- /dev/null +++ b/18552-8.txt @@ -0,0 +1,8813 @@ +Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Zweite Folge + Oberlins drei Stufen, Sturreganz + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Jakob Wassermann + + Der Wendekreis + + Zweite Folge + + Oberlins + drei Stufen + + und + + Sturreganz + + + 1922 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis fünfzehnte Auflage + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + +Inhalt + +Oberlins drei Stufen ...... 7 + Die erste Stufe ......... 9 + Die zweite Stufe ........ 51 + Die dritte Stufe ........ 121 +Sturreganz ................ 225 + + + + +Oberlins drei Stufen + + +Marta der Gefährtin gewidmet + + + + +Die erste Stufe + + +Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen +Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie +gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und +ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister +gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der +Nation. + +Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter +gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit +dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine +festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und +endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde +Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei +Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so +unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr +mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das +und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von +Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug, +die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung, +die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die +Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich +entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln, +Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung. + +In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um +das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen, +japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem +königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die +eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen +Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit +eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und +bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles +wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu +denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd +krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er +zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals. + +War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd +und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge +Frau. + +Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man +behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war. +Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von +wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse +des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das +Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen +Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu +vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten. + +Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit +der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren +wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte; +geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den +ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte +dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da. +Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend +gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen. +Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits +Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die +Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie +unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich +waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein +beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten +Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst +verschloß. + +Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der +älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten. +Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er +hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete +Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das +erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne +Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war +bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte. + +Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war, +erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft +verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und +Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben +an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute +einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall +beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere +Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen +begann. + +Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der +Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn +er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte +sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die +sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen +Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem +modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem +Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen +als gefährlicher Fortschrittler galt. + +Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war +seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte +Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie +ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen, +lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg +selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und +anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß +er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die +Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte +aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß, +hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern. + + * * * * * + +Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes +Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit +der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte +jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt +war. + +Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die +schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige +haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn +aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein, +der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und +Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er +war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur +Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt. + +Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in +bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der +Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer, +sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden +sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke +niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein +unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war +zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr, +wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die +Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen +der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden +sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der +Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er +glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von +diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte. + +Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der +anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß +seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem +Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten. + +Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag +zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und +erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region +versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser. +Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war +nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im +Ungewissen. + +Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz. + + * * * * * + +An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden +gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der +Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung +entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen +weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend, +seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules +Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem +Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn +gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten +Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost +der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt +werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller +andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem, +der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für +alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende +Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern +Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem +Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist, +Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.« + +Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und +ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter +im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat +umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt +belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug, +einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich +vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu +verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder +Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche +Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr +warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel +Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die +Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren, +als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen? + +Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn +bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es +behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot +selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich +wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart. + +Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die +zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis +mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und +mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn +in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte, +sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen, +der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange. +Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen +hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden +Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu +spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen +Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher +Gier empfängt wie edlen. + + * * * * * + +Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von +ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und +wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig. +Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer. +Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher +trug er den Kopf. + +Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen +Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht +noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten +von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn +er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine +berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes +herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich. + +Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich +der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von +Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne +beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten +drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die +Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den +ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter +Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung +erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust +des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem +vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er +löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener +Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element +entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und +Funken Ur-Finsternis. + +Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten +Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung +verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der +Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder +vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die +Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt. +Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte +ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich +wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut +Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige +Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch +kühnen Versuch. + +Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen +aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten, +Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich +verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und +Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten. + + * * * * * + +An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im +Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm. +Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich +Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der +allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste +sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit +über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen +Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er +auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab, +erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete, +Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte, +wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im +prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und +Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein; +dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren +ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille. + +Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner +Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch +den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht +daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die +Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen. +Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden +Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig, +händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel, +das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin +stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink +erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein +kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei +Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.« + +Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der +Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten +sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß +er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen +aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin +verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die +Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die +Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen +wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn +fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und +glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und +sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu +lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich +Grinsen. + +»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die +schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt +Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann +einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen +begleitete. + +»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?« +fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich. + +»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht. + +Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von +der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um +seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und +das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener, +voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort +ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen +Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je +gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen +läutete, erhoben sie sich. + + * * * * * + +Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und +Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im +Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf +Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war +Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus +Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen +und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen +Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung. + +Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden +gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner +leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das +ergraute Haar, das faltige Gesicht. + +Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt +war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das +schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln, +das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie +verdeckten ihn nicht. + +Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er +selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern +geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf +sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch. + +Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender +Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die +Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von +fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer +weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm +um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl. + +Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder +einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so +war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn +gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in +denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert +und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern +zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu +dem man bewundernd emporsehen konnte. + +Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit +nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu +gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich +selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er +gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt +prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein +begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte +bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner +Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst, +nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete. +Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er +Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto +bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu +einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor +dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte, +seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit. + +Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm +gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht +enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus +unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder +ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht +wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein +Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte +beten mögen darum. + +Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein +Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer +verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht +leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand +ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen, +Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem +Einverständnis, Seiner Billigung. + +War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er +wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu +Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und +alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe +seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins +Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer +zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab +harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie +sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten +Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf. +Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit +ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller +miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien; +stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur +Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen +vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein +Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die +Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund +entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das; +Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen +heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht +sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem +Blut. + +Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein, +bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der +wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der +Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter +den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die +Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.« + +Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten. +Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut; +einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm +dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die +Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten +Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im +Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine +Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz +tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod, +Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines +gefundenen Herzens: ein Freund. + +Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um +sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als +einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in +dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er +erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er +spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm +ein Ziel, er sah eine Aufgabe. + +Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das +war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und +Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen +Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten +der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges +Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter +dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der +Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar +die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung +staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen +alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens +Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte +verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben +Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben. + +So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes +als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen +unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer +fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt +war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in +den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer +umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung +zwangen. + +Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne +sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten +ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden +vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende +verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden, +Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man +erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet +und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer +nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war +er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in +seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste +Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich +preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt. + +Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein +Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit +unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des +Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte +ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner +Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft +das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der +Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den +Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks +und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,« +sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube +nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen +geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder +Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen +vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.« + +Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst. + + * * * * * + +Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen +hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer +zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme +hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn +sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit +schenkte. + +Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte +froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem! +So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem +gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus +der Tiefe, glockenklar. + +Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung, +Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter, +elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die +hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der +Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser +Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich. + +Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft, +ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen +Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets +Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die +Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder +Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink +hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem +Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden +Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine +ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit +hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf +einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht. + +Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen +Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose +vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte, +es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins. +Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei +der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine +Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte +auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber +dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht +entschließen konnte, ihn brotlos zu machen. + +»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends +Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde +ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert +wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir +gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?« + +Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so +geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns. +Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht +klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.« + +Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er. +»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die +Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm +erwidert?« + +»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was +er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?« + +Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich +geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften, +aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich +allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er +sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden +Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz +verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder; +draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen +schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit, +durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im +Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine +zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme. + +Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs +Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete. + +Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle +angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-, +neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten, +hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und +waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem +Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben +zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn +packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der +Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die +Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine +Ausgelassenheit war ansteckend. + +Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten +Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein +langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der +dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und +machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das +Gelächter darüber die Luft erschütterte. + +Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte +sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren +Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten +war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße +raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen. +Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys, +der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der +Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann, +behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt, +innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen. +Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er +hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten +Sekunden. + +Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken, +lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun! +Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus, +stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in +seinen Armen aufgefangen hätte. + +Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin +keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der +Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er +Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche +Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht +leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas +Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er +den Jüngling auf den Mund. + +Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses +Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen +Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte +sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit +neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht. + + * * * * * + +Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der +Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen +Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es +sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen +Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim +Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu: +»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem +ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn +ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden +Blicken himmelan. + +Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die +Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als +sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den +Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden +sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich +den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von +den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von +Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an +den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen +dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte +auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte +sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte +liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr +sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens +hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus +der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht +unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief +Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er +dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein, +Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut +geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten +habe. + +Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen, +sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er +morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin +gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und +lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor +von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick +Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und +bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin +rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat +unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang +sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das +halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der +Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn; +solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei +viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise +hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß +wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an. +Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf +zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen, +das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit +Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es +schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm +das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm +nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit +welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es +habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er +nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor +einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und +entfernte sich. + +»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die +Achseln und sah verlegen aus. + +Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich +nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm. +Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen. +Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert +worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur +auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in +Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja +mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich +mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer +geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich +beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern +nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem +habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder +weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für +ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten. + +Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu +entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er +mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe +man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der +verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er +öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde +verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen. +Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein +Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der +Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie, +zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen, +Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den +andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren +Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief +ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen +blaß. + +Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es +wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen, +als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere +Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein +auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste +Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm +Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke +auf. + +Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er +maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu +sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte +Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben, +was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium +entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein +geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen. + +Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer +ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein +galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm +nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung +wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers +wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag, +nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war +wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde +mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn +Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen +Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine +Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das +über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen, +alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte +hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über +Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war +ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt; +er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich +und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur +Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas +Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte, +ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis +und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen +und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die +Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit +verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher +Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben +Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das +ewig Lebendige vom Verwesten scheide. + +Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in +sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz +und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn +überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer +darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er +fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte +Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich, +mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben +lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden +Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß: +Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht. + +»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung. +Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die +Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den +Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir +deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk +sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis +abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.« + +»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus +Überzeugung.« + +»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme. + +Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte +Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien +mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges +auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse +er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die +heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der +wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem +sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und +Ich darf, ich der Jäger, du das Wild. + +Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen +vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines +Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte +ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht. +Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er +anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die +Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen. +Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine +Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so +müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles +außer Rand und Band. + +Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf +dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich +eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper +stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen +wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht +vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom +Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm. + +Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit +Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie +allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich +Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle +verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch +in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur +darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte. + +Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn +schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch +hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges +Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach +unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor, +hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg. +Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich +bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald +in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser, +Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von +Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm +zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der +Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle. + +Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu +einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im +Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die +Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß +Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa +eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber +korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad +gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn +ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin +sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein +sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert, +wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß +er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie +seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er +feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine +umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken, +der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann +stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink +lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen, +er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah +Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie +einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der +Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider +Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen, +da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte +sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort. +Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied +singen. + +Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine +schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren +schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über +den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen. +Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums +Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es +hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren, +in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die +Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde +wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so +viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße +auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt. + +Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie +erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und +dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten +sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe +zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus +Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte, +begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und +Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte, +für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch +Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde +bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu +Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie +begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden. + +Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung. +Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in +der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort +eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so +erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den +Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die +sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der +Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen +Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung +heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug +damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde, +mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne +selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf +skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite +zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres +Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb +schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten +Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der +Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne +Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem +Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an +den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war. + +Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen; +jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter +und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal +solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl. +Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte +sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse +Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine +bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als +Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr +abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf, +Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden +fesselten. + +Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht +zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden +Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute +zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und +Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären. +Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen +das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und +Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität, +hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu +handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei +Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und +der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky +stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des +Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der +Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle +sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu +fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag +brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge +bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig +aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen +Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern +gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die +sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei +es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein +unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und +Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen +zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den +schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung +alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer +Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze; +nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein +unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die +Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt; +erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann +wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten. + +Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste +zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in +Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in +ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun +hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die +wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen +Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den +Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da +wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf +der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten +Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem +umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es +war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn +fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel. + +Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend +umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm +man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas +Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner +gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz +erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des +ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf +dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen +Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet, +geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt; +der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er +in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der +Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf; +die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch +seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse +für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian +zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich: +»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.« + +Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise +eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die +bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian +nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu +sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten. + +»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben +habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat +verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben. +Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit +genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch +keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten +Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen +Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem +die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich +ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger +alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die +aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt +über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem +glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten, +gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also +der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie +hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus +zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel, +Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.« + +Und er fuhr fort: + +»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt. +Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand. +Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema +getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja, +wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen, +eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes +Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig +dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen +läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so +unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre +Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in +uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so +viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu +einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise +versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde +der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das +nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich +erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine +Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich +erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer +Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir +steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine +persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für +vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten +muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum +deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und +Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns +alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir +ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen +angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator +halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor +zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert +mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr +könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das +andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben +wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon +was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern? +Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock +schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und +Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen, +das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich, +sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen +habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf +die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt +habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber +gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am +Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes +werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie +wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt, +es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da +ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das +beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem +Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch +zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den +Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich +jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen. +Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr +diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,« +rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende, +»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich. +Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär +es ein Einziger.« + +Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam, +indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du +sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder +nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich. +Dann mußt du mich zu finden wissen.« + +Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm +das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt, +die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute. + + + + +Die zweite Stufe + + +Rottmanns Brief + +Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde +Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen +verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen +Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der +Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor +die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender +Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch +bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt +Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen +Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle +auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider +allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern +nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat, +von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart +und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze +achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute +Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege +abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in +meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich +erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der +Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den +unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von +Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes +Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es +einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte +Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine +Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter +dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um +eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen, +der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem +versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In +besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg, +Domgasse 8. + + +Dorine + +Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von +Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter +nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines +natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum +Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im +Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von +außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der +der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das +Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen. + +Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann +geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche +Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat +war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine +Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren +Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die +gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen +Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede +sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und +Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab +wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel +ein Wort zu verlieren brauchen. + +Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes. +Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem +Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine +ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner +Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man +mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war +Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten +und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften. + +Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft +ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach +vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah +und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner +Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in +der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das +schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war. + +In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische +Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach +Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den +Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen +sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine, +in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen +Dietrichs Erziehung zu vollenden sei. + +Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen, +nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß +sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das +einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener +Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles +das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß +einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem +tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als +Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ +sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente +Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln +eines dauerhaften Gewebes geglichen. + +Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und +Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn +zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm +nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden +sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und +Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben. + +Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine +gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht +hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war +anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war +ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten +leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas +bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete +auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau; +sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast +fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei +Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die +vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können. + +Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre +Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte +sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande +weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten +Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war +Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa +waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre +Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein +kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte +botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und +gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine +Flora. + +Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie +Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr +ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern, +ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den +schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon +machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es +beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln, +hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen. + + +Banger Traum + +Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl +Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es +ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß +zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem +Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer +persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden +Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei +Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein. + +Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von +Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber +seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen. + +Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von +Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem +Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar +vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit +einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien +durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur +zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die +Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien +tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der +verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen +seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem +Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar +gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen +und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das +von den eigenen Leidenschaften diktierte. + +Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes, +Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren +Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte +die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende, +verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen +Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch +über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die +jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen, +Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht +werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum +sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen +bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages +entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt, +in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur +Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so +geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei. + +Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn +die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings +auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und +unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe, +daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen +Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten +solle? + +Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich +selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und +Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff +ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie +sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn. + +»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine +Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes +Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen +war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt +keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit +ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist. + +Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu +retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen +vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils +geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im +ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake. + +Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer +von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte +bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu +begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der +Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame +widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur +Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war, +der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? - Und wie ihm +Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie +genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem +er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher, +Beschöniger? + +Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der +ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch, +eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging; +schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch +von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden +sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas +herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber +geschwebt hatte, schlummernd. + +Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr +zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau! +Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und +nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte, +von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie +schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh. + + +In einem Tropfen Blut + +Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen. + +Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde +ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das +Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln, +was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von +seiner Ankunft benachrichtigt. + +Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider +ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die +eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren +als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm +Sicherheit. + +Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren +gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim +königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde +meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar, +unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus, +teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir, +hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich. + +Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die +Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch +kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm +er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch +eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von +Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von +besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er +hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl +jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der +nämlichen Würde und Ferne. + +Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu +überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In +allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu +beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt, +jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn +verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener. +Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das +Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da +berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf +der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein +Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht +gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende +Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn? + +Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie +hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen +bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine +neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch +zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich +war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren, +sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend, +und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der +Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines +Gesprächs. + +Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die +Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei +Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig +unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie +ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen +und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen +ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte +sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der +Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen, +bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in +unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge +kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte, +durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe. + +Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das +Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter +verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war +kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit +gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab +ein anderes Bild als die Vermutung. + +Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn +aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen +Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden +Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!« + +Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme +über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es? +Erzähle.« + +Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom +hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die +Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man +über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott +sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der +unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen +und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der +Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige +Würde und vertraulichsten Umgang. + +Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder +Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr +galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges +Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte +achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom +Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen +das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so +daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald +gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich +geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen. + +Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer +Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln, +Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer, +williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere +Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen +wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man +ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht +wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm +verfahren. + +Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die +Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht +zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht +vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden +verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem +Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans +Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse +sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in +dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich +da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich +selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts +mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit +großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder +haben, ehrlich vor allem.« + +Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich, +um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe +nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort +sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe +trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel +Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es +nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem +musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es +zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham. + +Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich. +Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines +Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und +schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es +ist spät, ich bin müde.« + +Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie +schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die +Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem +Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und +größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und +durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den +Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide. +Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das +Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt; +es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud, +und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen. + +Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu +Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück, +drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte. + +Sie hörte ihn tief und ruhig atmen. + +Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu +sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten +nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie +schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie +ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder +zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung +nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der +Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne +vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl. + + +Nymphe und Faun + +Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum +Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das +aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache +fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül +waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem +Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder. +Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er +kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen +schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über +die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut +er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach +Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen +und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke, +heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden +Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo +Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den +Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen, +das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut +eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit +demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen +könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin +bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an. + +Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er +wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und +standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah +weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus +Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am +Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden +mußte. + +Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das +Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom +Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot +nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu. +Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume; +schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab, +ins Grenzenlose. + +Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys +und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus +Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden, +noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu +bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und +erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe +er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben +Sinn. + +So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal +der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor +der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die +gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie +erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf +gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen +nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen +die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß +sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie +zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein +richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich +zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie +verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es +hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte +völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und +Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu +viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß +gut sein, antwortete sie sich unbeugsam. + +Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges +Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und +die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen +Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen +Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich +über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden +und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und +was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu +sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde +nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich, +in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur +widerstrebend ab. + +Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem +Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und +mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne +Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken +und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und +erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem +hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war +sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr +offenbar nicht zugetraut. + +Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt +sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur +nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht. +Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale +um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag +unzugänglicher wurde. + +Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich +wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck +jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie +zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die +Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er +zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen +Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab, +alles war Zurückweichen und Flucht. + +Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf +sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines +der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte +Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf, +Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem +Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das +Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke. +Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und +Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins +Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für +sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne, +besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender, +nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom +Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen; +er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit +sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den +die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier. +Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich +mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem +Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie +und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr +Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe +schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen. +Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah +ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem +Boden. + +Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben, +ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem +Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze, +bittere Genugtuung hätte sehen können. + +»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche +Ding.« + + +Sommertag und -abend + +Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch +Dickicht schlug. + +Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf +ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben, +Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie +saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die +Zeichen des Alterns. + +Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie +wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es +sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen, +seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie +machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten, +Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen +nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen, +Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter +irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle +arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und +kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen +aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt +sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines +Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von +feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens, +vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick +und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe +ihn sich errungen. + +In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn +gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen, +Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert, +schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß, +der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge +leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend. +Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen, +der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel +empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und +Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit +binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke +Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines +lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe +ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe +das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und +nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung, +sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was +sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis +sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur +so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele +zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter +Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die +Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die +Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen, +oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem +Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße +und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es +vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den +anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu +often Malen irre. + +Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein +unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage, +Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging +auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal +wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und +erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen, +daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen +Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der +Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten +Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben, +ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die +Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die +Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee +bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen +Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht +schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht +besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich, +so doch dafür sehr egoistisch. + +Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein +Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und +erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln, +Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war +ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie +gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit +scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über +den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel +glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da +sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß. + +Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten, +durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem +Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am +Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer +Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder +folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger +Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich +und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein +leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim +Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge +Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein +hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den +Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz. +Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit +schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen +Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden +war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung +genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war +ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer +erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren +Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den +Kopf getötet. + +Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete, +dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte +Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende +Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes +hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages. +Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das +ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet +hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er +auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch +überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der +breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote +Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist +es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus +Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich +durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen. + +Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die +Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende +Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich +so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar +wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug, +zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in +einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten +Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich +der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der +Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu +machen. + +Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß +ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte +sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen +kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und +als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch +verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich +zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie +sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und +wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht. + +Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer, +Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem +Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie +war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte, +über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß +sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und +ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische +Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder +spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete +sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen. + +Sie las: Lieber einziger Freund. + +Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann +langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der +äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl, +stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten, +wurde bleich und bleicher, las und las: + + +An Lucian + +Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich +und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer +recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und +erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich +diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde. +Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder +nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit +dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern +Menschen als Empfänger und Leser denken. + +Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei +verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine +soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine +Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und +bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je +höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er +es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen. + +Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig. +Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich +erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich +gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte +gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen, +was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu +halten. + +Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber +macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein +Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist +das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber +nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung +etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst +oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres +wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber +schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein +noch aus weiß. + +Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis +zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß +du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat +mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem +Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge +der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von +Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die +Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte +für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates +doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem +Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des +Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine +Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird. + +Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir +gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den +beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem +bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen, +denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine +Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das +dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich +Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So +weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht. + +Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen, +flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort +nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie +mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das +Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie +glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt +das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten +Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und +Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die +Träume. + +Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die +natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie +gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht +geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig +wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft +werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine +besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die +Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der +Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten +liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu +nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen? +frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch +den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar +Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche +Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann +dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt. +Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst, +Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und +Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie +erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je +unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die +Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen. + +Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in +der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf +dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese +Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich +haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift, +das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und +in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist, +da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine +heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein +fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir +eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt +und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich +packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei +Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem +glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare +einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin +selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu +brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das +dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt. + +Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd, +Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich +mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom +Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände +hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian, +die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung, +leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so +in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich +dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das +Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es +einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der +Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick +dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches +in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das +ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele +und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als +ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen, +der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich +sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer +Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte? + +Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau +kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene +Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das +macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut +vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte, +keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der +Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des +Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch +das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in +meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht +verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt +erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder +geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig, +als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von +mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt +schwer, wie du begreifen wirst ... + +An dieser Stelle brach das Schreiben ab. + +Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand +wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu +beschwichtigen waren. + + +Der Haß + +Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem +Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm +zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag +besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.« + +Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von +seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit +einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie +leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er +mit seinen Eltern da?« + +»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine +Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.« + +»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.« + +»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er +erwartet nämlich seine Braut.« + +»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit +dir?« + +»Nein; zwanzig denk ich.« + +»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge +Dame, und wer ist sie?« + +»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal +gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.« + +»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß +Dorine das Gespräch. + +Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie +abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen +Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem +Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd +erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse +Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet. + +Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er +verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken +zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas +lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter +Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst +mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das +blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu +glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die +sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet +Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt +schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit. + +»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren, +»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie +sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.« + +»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich +trocken. + +Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da +kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im +Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette +im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz. +Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du +gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen +wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.« + +»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten. + +»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das +werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein +reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.« + +Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein +bei dir?« + +»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz +unsere private Angelegenheit.« + +»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es +dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen +Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.« + +»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will +ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen +werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht +vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen +Tatbestand auseinandersetzen?« + +»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr +zugetragen. Wir sind Provinzleute.« + +»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson. +#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite. +Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement +gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen +Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die +Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du, +Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern +Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern, +und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir +müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir +aus der Faulheit helfen.« + +Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen +Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem +Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die +Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem +Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu +seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und +abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel +Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den +andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte. + +Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie +Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten +miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider +Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte +Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte, +sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig +aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine +verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag +verdächtiges Zwielicht. + +Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich +selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit +dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte +Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen +mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine +entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn +er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen +vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft +Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von +unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein +Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte +sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich +über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit +nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht, +um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun +wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete +Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich +warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink +kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.« + +Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser +wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf +und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde +mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten +vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre +bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst, +beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei. +»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand, +»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er +sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief +er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«, +murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um. + +Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte +ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte +mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf +setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als +sonst auf seinen Anzug verwendet hatte. + +Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen +kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit +fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an +ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches +Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber +wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring +mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch +sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar +wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug. +Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott +beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in +keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben +Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon +nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch +das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten. +Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so +sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht +nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein +schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die +Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und +dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und +zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des +Unbehagens erweckte. + +Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt +hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal +zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie +ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham +war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so +entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne +Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne +Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde +schweigsamer und schweigsamer. + +Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu +weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe, +ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen +Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten +Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener +wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen +trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich +Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich, +daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser +antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief +wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die +Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte +errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht +verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das +junge Mädchen. + +Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen +Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr +Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den +Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte +ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem +Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine +Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von +Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der +Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die +ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge +Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb +um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt, +die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und +unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren +ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt +schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein +heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert +hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der +Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten. + +Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu +beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden, +überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink +oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für +ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich +nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem +Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er +war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig +uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären? +Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der +Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der +Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie +seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem +menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und +Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war +nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte +verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer +Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so +war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man +sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich +des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein +Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund. + +Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm +täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit +beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war +unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein +und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die +Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die +Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel +verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät +in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder; +sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den +Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller +Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der +beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz. +Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm +selbst. + +Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle +erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als +es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa, +verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink, +wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten. +Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt +dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte +ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit +einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein +unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder +albern nennen, aber er könne sich nicht helfen. + +Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und +mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die +Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian +damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als +ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte +und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas +ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen. + +Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich +und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er +mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem +Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts +dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu +umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen, +wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs +Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu +bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses +Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines +unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein +Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen +mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten. + +So war es mit Fink bestellt. + +Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals +und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. +Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam +gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen +waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte +er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie +taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie +war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten +Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die +Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das +Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum +Gartentor. + +»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem +Achselzucken und folgte ihr. + +In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch +die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene +mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert: +wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich +gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese +seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste +getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden +schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und +Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag. + +Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende +Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm +graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das +Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand +rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die +Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor +der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das +fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften. + +Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum +schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist. + + +Die Lüge + +Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen +Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich +Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes +Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder +hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der +Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der +Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und +Verlust nie schwieg. + +»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder +geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und +folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.« + +Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine +Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt. +Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der +Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den +Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und +gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre +Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine +Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel +aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der +Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man +achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze +des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu +wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch +unbekannt, so doch vorbereitet, wartete. + +Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer +Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme +entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu +untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung +zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück: +die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern +und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins +Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man +gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach +Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für +allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit +einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor +und verlangte Führung und Trost. + +Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis +hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf +mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns, +und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen, +in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem +Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und +meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein. + +Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz. +Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und +Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch +dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische +Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied +es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den +kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er +Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er +schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig +Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas +Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag. + +Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit +Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb +es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum +Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem +unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich +rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken +Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er +sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den +aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem, +den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann. + +Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn +nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute, +sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf. +Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.« + +Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche +nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn, +Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie +ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem +Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine +beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher +Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das +Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium +und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen. + +Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den +großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen +Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem +Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die +Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn +eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und +die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend +mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja +bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es +denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es +aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der +verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er +könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet, +Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm, +vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie +solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so +ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig +hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten. +»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein +Gewitter hängt am Himmel.« + +Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an +der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit. +Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie. + +Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem +Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete +sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind +zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die +Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die +Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten +sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte +die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre +Schulter. + +Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben +hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende +Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es +war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul. +Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte, +ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner +der Dinge, einen liebenden Rater. + +Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil +ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest +gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes +Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher +Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so +dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige +Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber +Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte. + +In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster +schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden +befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu +bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und +im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor, +wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben +ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie +ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in +denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen. +Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche, +schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte, +eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen. +Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer +Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem +zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt +Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den +Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur +für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in +munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während +sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte, +erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte. + +Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den +Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze +Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und +Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste +Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die +allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette +hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot, +der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der +Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche +Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die +fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen, +das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine. + +Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war +seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um, +sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich. + +Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte, +fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen +Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz. + +In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein +Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich +langsam krochen die Stunden. + +Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte +Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust +verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit. + +Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von +anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt, +der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund +vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig +hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir +Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre +das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der +Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem +Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit +einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist +Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich +mit einem Sohn, der lügt! + +Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach +einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah +den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein +Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit +schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte, +schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort. + +Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten +auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er +trat ein. Er verharrte neben der Tür. + +»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen. + +Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und +blickte vor sich hin. + +»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß +keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.« + +Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig, +als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.« + +»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?« + +Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann +hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn +der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der +jetzt vor mir steht, das bist du nicht.« + +Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.« + +Sie zuckte geringschätzig die Achseln. + +Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus +der Person etwas mache?« + +»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit. + +Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie +zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus +der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch +nicht glauben?« + +Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher +Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von +der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines +Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja +noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie +maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber +bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft +finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.« + +Damit verließ sie das Zimmer. + +Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich +in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang. + + +Pygmalion + +Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser +geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon +auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks +willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber +alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die +peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich +friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt. + +Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da +und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht +die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt +beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten, +das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es +dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle +nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie +wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der +Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen. +»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin +und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer +warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin. +Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja +nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu +anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie +sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer +annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide +Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum +verhehlter Pfiffigkeit an. + +»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich +ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in +seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm +etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit +abgesehen. + +Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf +einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über +deine Idee mit dem Pfauenhof.« + +Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und +wie geistlos du bist?« + +Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine +häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich +eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du +dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer +Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir: +was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei +Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß +wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein +Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur +damit man sich danach richten kann.« + +»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei +beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß +jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein +Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil +ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue +und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und +zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und +darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir +selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären, +aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß +ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der +Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich +tun soll.« + +Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in +Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt +und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig. +Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte +dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen +freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab. +Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind +allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem +wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer +Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem +lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie +die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.« + +»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da +bist du auf dem Holzweg.« + +»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich +verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut +geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die +Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den +Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus, +Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng +dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.« + +Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig +Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch +den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas +sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern +bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das +Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte +unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?« + +»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink +verdrossen. + +Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und +Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin, +keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten +schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst +du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?« + +Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht +ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen +Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes +bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider +legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich +zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in +Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in +dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie +den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper +nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor. + +Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer +zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse. + +»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür. + +»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach. + +Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die +Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der +greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten +vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder +umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich +stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel +eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen +umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die +Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt. + +Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil. +»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie +viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter +anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins +Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse +Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene +Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und +gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder +besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich +dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der +Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden +soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die +Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig +ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber +die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen +kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in +deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da +hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht +ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und +es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an +Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...« + +Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es +später zu verstehen suchen. + +Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er +feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn +man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man +dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in +Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche +Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies +ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit? +Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht, +sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir? + +So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete +nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim +Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund +kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier +Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine +Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war +ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie +in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war +banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein +rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins +Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag. + +Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am +Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu +sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat, +lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf +hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig +gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,« +flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in +drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner +Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.« + +Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut +hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die +»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und +bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären +unbequeme Fesseln von ihr genommen. + +Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte +sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder +gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend. + +»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt. + +Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln. + +»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu +einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein +niedriges Bänkchen am Fenster. + +»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor +Schwüle.« + +Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.« + +Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze +Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein +Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen +schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich, +und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden +Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie +umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des +Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen +Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?« +Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und +lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie. + +Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf +sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender +Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge +ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein +war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen, +fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt +erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden, +gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit. + +Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen +zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das +leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle. + +Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf +an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen? + +Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten +Stimme: »Ich werde kommen.« + +»Sicher?« jubelte sie leise. + +»Sicher.« + +Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor, +Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug +stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die +beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene +etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von +den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig +ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der +Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn +ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten +die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend +unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht +recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit +einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich +ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand. + +Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie +legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her. +Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen +Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof +gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien +ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte +Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat +sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das +sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein +Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des +Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte +Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die +Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und +es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten +wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan +handelte. + +Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans +Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und +begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen; +nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem +Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.« + +Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom +Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die +Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr; +es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend +hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun +war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt. + +Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem +sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach +auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.« + +Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das +nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall +nicht gehorchen kann.« + +Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob +sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas +Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«, +wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer, +bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.« + +»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein +Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave +nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür. + +Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur +Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen +Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave +oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht. +Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!« + +Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,« +röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es +geschieht etwas ...« + +»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das +Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah. + +Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne +Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten +sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme, +umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit +entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach +zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur +draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege +hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang +hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben. + +Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger +Kirche. + +Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen +verebben. + +Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang +widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den +schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner +Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie +jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen +Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz +in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das +nicht, daß sie jetzt nicht kommt! + +Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die +Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein +Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge +durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam +nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich +in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben +Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl +von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war +schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld. + +Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr. +Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter +vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen +und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik, +der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln. +Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es. + +Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug +und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine +Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen +schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die +Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung +vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen. + +Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch +Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück +Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man +mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war, +sich mit ihm abzufinden. + +Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer +lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine +Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner +Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich +er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig, +ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte, +ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer, +das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß +leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und +begann unaufhaltsam still zu weinen. + +Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und +dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen +Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle +die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als +er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine +Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt. +Sonst war nichts zu unterscheiden. + +Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die +Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit +seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte; +er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren. +Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen. +Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den +Kopf in ihren Schoß. + +Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem +Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine +beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der +dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich, +über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich +wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein, +so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht +über ihn strömte. + +Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es +herausmeißeln aus dem Traum? + + + + +Die dritte Stufe + + +Begegnung am Ufer + +Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September, +Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit +seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag. + +Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu +lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden; +plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel +stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger +Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen +hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr, +die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern +im nüchtern-alltäglichen Ablauf. + +Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans +Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter +bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich +alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen, +daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie, +rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er, +uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene +Verantwortung führen. + +Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte +ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem +Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig +gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren, +wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für +förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit +gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie +erzogen und errungen war. + +Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu +vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle +und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am +Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum +unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde +nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel +war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug +ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins +Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild +von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt, +erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein +Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern +oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit +Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung: +Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und +nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend, +sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung. + +Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche +Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit. +War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von +ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein +scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr +galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß +sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung +und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer +etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die +empfindsamste und wachsamste, die es gibt. + +So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten +Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen +konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs +Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten +herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt +richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und +Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien, +Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian +verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein +Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt +Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im +einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge +witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und +Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende +Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte. + +Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung, +wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das +Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin +nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der +Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem +Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte +dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im +Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster, +denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll +unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus +Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden +Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in +einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in +ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat +den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig, +»beim ersten Hahnenschrei schon.« + +Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit +Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte, +erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die +mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des +Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war +eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes +Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes +hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden +auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die +Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last. + +An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog, +gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen +schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der +Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum +erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges +Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys +erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der +Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender +Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen +schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede +ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor, +der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung +predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte, +daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das +Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander +abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen +Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich +zerfalle und erstarre. + +Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und +Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht +regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von +hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide +zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es +ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin, +der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In +all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es +einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es +andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle. + +Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt +vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.« + +»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt, +was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er +mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur +und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für +mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.« + +»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer +ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich +frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr +nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank +schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was +wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an +den Tag kommen. Denkt an mich.« + +»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor +nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?« + +»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich +damit sage.« + +Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun +schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen +entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren +es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung, +ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn +oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus +einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem +Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von +dem ein violettes Band auf die Schulter hing. + +Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von +so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und +Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt +stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins +Gesicht starrten. + +Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft +ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn +das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein +einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte +stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn +dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im +nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die +Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern. + +In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten +sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber +Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In +den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor +und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke, +Wunsch und Finsternis des Herzens. + +Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer +Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen +wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige +Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend +der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine +hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune +Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend +und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für +das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm +alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich +trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die +Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein +für allemal Geprägte des Menschenwesens. + +Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter +gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie +ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter +sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er +ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich +entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die +Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und +Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander. + +Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz, +grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum +Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand +und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom +Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig +überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer +Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort; +»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon +erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern, +Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die +alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so +schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,# +genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe +sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu +können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und +Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber +keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch +geworden ist.« + +Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die +Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten. + + +Tragischer Abend + +Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß, +von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel +hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte +Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten +Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der +Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs +Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf +mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte +sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine +wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend. + +Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub, +eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer +Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab, +schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu +verstehen, daß sie ihm schmeckten. + +»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig +zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß. +Aber es ist überflüssig, davon zu reden.« + +Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene +des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche +für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich +heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir +ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so +erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem +Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich +nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen +könne.« + +Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte +betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie +ausdrückten, was er empfand. + +»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter. + +»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu. + +»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man +sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt +oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird, +dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist +euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es +die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen, +etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein +anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?« + +Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder +sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen +Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns +selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die +Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen +untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff +betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer +als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und +durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß +Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus +einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten +umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie +nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend, +undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen. +Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch +nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich +Medium, nämlich Geist unter Geistern.« + +»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir +müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge +und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen +Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu +früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder +das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich +der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum +Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft +und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens +jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er +den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten, +das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus. +Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen +gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran +erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln +und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.« + +»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden. +Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden +Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn +auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit +aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit +glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da +erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war +ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum. + +Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war +nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den +Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben. +Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es +ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht +war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand, +unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust +stand schon vor ihr und verbellte sie. + +Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen +bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige +Frage Georg Mathys' riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete +Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die +ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man +im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern +waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen +Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden +hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand; +mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver, +der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in +der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins +Moos. + +Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm +lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender +Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den +Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die +rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen, +hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich +hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den +Abhang hinunterstürmenden Schritte. + +Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die +regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen, +eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte +aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der +Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft +alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten +unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest +außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen +befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte +die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der +Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn, +wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er. +Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese +ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib +war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war +Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit +abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden, +konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß. + +Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der +Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher +Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht, +dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies: +sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte +gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen, +sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich +gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den +ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt; +Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen. + +Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden +solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht +gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff +von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht +und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der +Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu +besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich +darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort, +die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel +verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die +überlebe es nicht. + +Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung, +sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis +zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich +erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie +sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die +Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter +oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen +solle? + +Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die +verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie, +es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb +sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren. + +Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den +Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der +Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf, +gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter +telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der +Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider +überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei +Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die +Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um. + +Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen, +sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr +düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in +ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie +groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester +gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es +seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich +wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit +wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt +zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er +ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont, +müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans +Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener +Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut. + +Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher +Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den +des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.« +Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim. + +Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause +gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so +gewöhnlich.« + +»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das: +gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost. +Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind +festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist +gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?« + +»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück. + +Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des +Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt +mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie +dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert +fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige +Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie +bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die +Verzweiflung ...« + +»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man +auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die +oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich +ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann +warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine +Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.« +Nichts weiter, aber es war viel. + +Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere +ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys +sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte +sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu +dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die +ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich +aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das +Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die +Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden +Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der +Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch +verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht. + + +Das Unbedingte + +Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich den Eindruck +zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gespräche, Gesichter, Gebärden, +es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse +rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel. +Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht schlaff; es +war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er +bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mächtigen, +unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schöpfte Atem. + +Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in +das Musikzimmer neben dem Vestibül. Leute gingen fortwährend ein und +aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen +sie ehrerbietig zur Seite und einige grüßten stumm. + +Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel +zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete den fremden Gästen sein Haus, +und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen. +Der nahm es dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand seiner +Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Gärtner +hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war +aus der Bewußtlosigkeit noch nicht erwacht. Später weinte sie +ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemüht. + +Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm +angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es +befreite von dem Gefühl, sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß +die Leiche nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden +sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten zu erledigen, +durfte man nicht säumen. Die sommerliche Temperatur ließ das Verbleiben +der Leiche im Haus länger als über die Nacht untunlich erscheinen. Es +mußte der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem +Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt wegen des +Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys und Justus Richter erklärten sich +mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins, +Regierungsrat Westerland, tätig unterstützt; er war an der +Unglücksstätte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil. +Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab +so verkehrte Antworten, daß man schließlich auf seine Mitwirkung +verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr +mit den jungen Leuten weg. + +Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen von Schatten. +Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn +um den Weg nach der Küche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie +eine fehlende Ledertasche; das Gepäck war vom Adlergasthof geholt +worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit +flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt. + +Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes erleuchtet waren, +dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knöchern-harte Stimme +des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand +Rechenschaft verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen +Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein +Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte +sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er +verstand nur diese Worte: »Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen +zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer +Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und +nichts verhüten zu können.« + +Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen, +die er gestern noch nicht gewußt, die heute unter seinem Dache wohnten, +ihm verbunden durch eine Tote. + +Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. Eine Weile +unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn +gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren müde, +warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es +verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Händen umgriff er +das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen +Welt; Leiden durchdrang ihn. + +Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war +versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, aber an der Seitenfront war ein +Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er +befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit +pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den +Raum, in dem die Leiche lag. + +In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau +des Gärtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in +einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte +seltsamerweise der Neufundländer. + +Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt +herab, über die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war. +Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sproßte. Die +Schußwunde war vom Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins +Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das +Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mündete. +Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hieß an der Grenze sein und +Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog, +war jenseits von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die Hände zu +falten und zu beten. + +Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drückte neben +Altgeläufigem und Verständlichem ein Mysterium aus, an das noch kein +Gedanke von ihm gerührt hatte. + +Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er, +und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne +Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn +schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu einem +Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die +gekreuzten Hände an die Brust. + +Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den +Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir. +Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus +dem abermaligen Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter +ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die Tür wieder +zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundländer wehrend, der +mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: »Was hat das Tier? +Ich begreife nicht, was es von mir will.« + +»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; »still, Rust, +Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht. + +Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und +schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weiße Kleid vom Tag, +darüber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke, +mehr als mittelgroße Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas +zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten +machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen +namentlich. + +Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum sehen Sie mich so +an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie, +das spürt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus +begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?« + +In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, mit dem Rücken +gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. »Nichts,« erwiderte er +scheu und fast erschrocken, »es bedeutet nichts Besonderes.« + +»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!« + +»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr +geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig +gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; für mich ist +es viel. Um halb sechs Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist. +Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber +seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was Leben ist. Und seit +fünf Stunden weiß ich, was Tod ist.« + +Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen +Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlächeln. + +Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte +lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster +Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie mit einem Ausdruck düsterer +Betroffenheit: »So also. Das also.« + +Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände über den Knien +und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses +Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lösen. + +Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er +glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere, +und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er hätte nicht zu sagen +vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es +schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden +mußte, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen, +unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es +wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war +beseelt und wieder leer; voll Maß und Stille, dann wieder quälend +bewegt. + +Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz +gehalten, sondern über dem Nacken in einen reichen Knoten gefaßt, über +Schläfen und Ohren in natürlichen Wellen fließend. Das Seltenste, +graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick +war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang +geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer +harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen +Charakter, so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe +schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und +Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich +sammelte; auch enthüllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen +Empfindungen und Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war +oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich spürte es; +es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr. + +Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und +durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen +nicht zu herrschen pflegt: »Warum hat sie es getan?« + +Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte, +wiederholte er im nämlichen fallenden Rhythmus: »Warum hat sie es +getan?« + +»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie mich nicht.« + +»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich leise. +»Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen es wissen. Sie müssen es +sagen.« + +Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden läßt,« stieß sie +verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls flüsternd, als dürften die +Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, »niemand hat das Recht, +mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es +dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis +wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, bloß +weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?« + +»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. »Wozu Hohn und +Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht würdig, +so muß ichs zu begreifen suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie +mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens die +Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloßer Zufall, +daß ich vor Ihnen stehe und daß Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen +Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir, +einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen Sie mir also +das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben +kann.« + +Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung in ihrem +Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte sie, »wie furchtbar ...« Und wie +zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an. + +»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte er kaum +vernehmlich. + +Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... dieses +Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür ... auch sie hatte +es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn +ich natürlich; wir haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ... +Sie müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen miteinander +sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen +jetzt ...« + +Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile +loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, dort hielt sie inne und horchte. +Auch Dietrich hörte ein Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über +Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still. + +Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine +Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie stärker verband als +die gewechselten Worte. + + +Warnende Stimme + +Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt. +Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten +sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte. +Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem +Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war +bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit +verschwunden. + +Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald +hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er +sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe +hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen +zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf, +blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt, +und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt +getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann +aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht +empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut +über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens +gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche +Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer +hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß +ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und +knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen +gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen +verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken +oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer +Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen. + +Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er +dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals +die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das +Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem +Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem +Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in +der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es +habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen +Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen +Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben. + +Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so +wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf +den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte +ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn +ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes +Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah +hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und +bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen. + +Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen. +Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die +nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in +der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als +Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt. +Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das +Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre +zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen +wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen +kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte +ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung +erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine +Sekunde lang auf seine Schulter. + +Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von +seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie +habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da +zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu +zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn +man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert, +daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß +er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen. + +»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf +beschwörend. + +Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus +behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen, +wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.« + +»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf. + +Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns +nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen, +fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So +sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie +verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren +es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein +Freund ist. + +Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich +möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich +möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt +und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig +sein und sich demütigen. + +So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den +Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und +Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte, +angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn +die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu +verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte +sie den Überlieferungen ihrer Kaste. + +Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich +vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung. + +Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu +Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene +Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung. +Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde +Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig +geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt, +und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen. + +Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte +ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg +erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord +Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort +berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie +dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so +daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche +Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall. + +Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt +nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag +habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt, +deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den +Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem +Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur. +Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre +Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff; +Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter +Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu +ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu +Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor +Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich +Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte, +andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer +häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen, +und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren +lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in +seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als +Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu +ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie +die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben +müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen +schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte. + +Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht +wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes +Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen; +jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an; +wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben. + +Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er +wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester +verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien, +während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen +worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten +die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie +einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede +stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege. + +Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube +es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei +glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das +Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und +Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht, +keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine +Schlechtigkeit. + +»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den +Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder +weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns +darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der +bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du +eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz +abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem +Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen +unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei +zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst +es schon erfahren.« + +»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht +mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du +in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich +glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders. +Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem +Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch, +denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr +dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift? +Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich +nicht.« + +Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys +bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche +Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus +Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt +fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte, +daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das +er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten +lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und +sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf +beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche +er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm +sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das +Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück, +und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit +verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die +ihm häßlich vorkamen wie Fratzen. + +Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen +der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die +Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne +zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit +abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste, +der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er +nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof +seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort +die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel +sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé +stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht +ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte +er lachend. + +Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten +nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber +ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden +haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu +binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt +verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich +spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich; +ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß +ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt +deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine +tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen. +Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu +bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich +da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es +ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und +außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf +deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich +da.« + +Dietrich nickte, bewegt und verwundert. + + +Was vermag denn ein Mensch? + +Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von +einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er +vernahm es hochaufhorchend. + +Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder +andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe +sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es +beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie +sich, ihm etwas daraus zu zeigen. + +Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was +Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen. + +Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es +handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu +sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in +den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr +ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit, +selbst die grausamste, beruhige. + +Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem +unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner +spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so +überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er +fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne +Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu +verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie +auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein +Recht zu haben. + +»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie +hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr +sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein +aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen, +dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei. + +Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick +auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß +das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten +Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und +Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie +Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine +ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern, +wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade +aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die +Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe. + +So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich +Dietrich naiv. + +»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem +alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und +Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine +von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut, +die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder +wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr +Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig, +hilflos ...« + +Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des +Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun +wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand +zu bieten. + +Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am +Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte +sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause +gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und +gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch +nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs +überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm +Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu +Cäcilie gedrungen sei. + +Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein. +»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der +Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in +Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an +Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten, +vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher +Befugnis? + +»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er. + +»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.« + +»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?« + +»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es +besagen?« + +»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ... +haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!« + +Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht +anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es +auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie +sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert +es für Sie?« + +Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen. +Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen. +Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.« + +Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes +Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge +Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen. +Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend +bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben +gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee. + +Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von +Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu +erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt +sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von +seinem Betragen denken solle? + +Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den +Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen +Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte +auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden +entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe +abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem +hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis +entstanden. + +Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die +eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune +der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn +ergriff. + +Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von +dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt, +die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die +Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es +zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit. + +Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See +zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer +mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch +wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete. + +»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander, +als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es +läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und +Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die +schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern +bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan +und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und +jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist +falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der +Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie +gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und +meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die +gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben +gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche +nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die +Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein +anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer +die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war +umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das +Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe +und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o +nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes +Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es +ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel +hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig. +Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht. +Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine +Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die +Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas +Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten +oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im +Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von +ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den +zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.« + +Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte +hauchend: »Und Ihr Vater?« + +»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er +fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend +war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei +Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit. +Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer +Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie. +Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie +und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir +mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem +Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter +wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem +Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch +gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge, +Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater +auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem +Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur +fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule, +ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen; +vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich +fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu +diese Verstellung erst und dann die Freude?« + +»Seltsam«, flüsterte Dietrich. + +»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat +keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau +ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über +schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt +hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist +er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden. +Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt. +Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm +Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es +geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in +dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die +Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter. +Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem +traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen +und nichts anderes sonst?« - + +»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem +Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ... +verzeihen Sie ...« + +»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen. +Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen, +ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für +Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir +dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit +schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür, +daß ich nicht mehr bin - ?« + +»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich +Ihnen sein, was ein Mensch vermag.« + +»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das: +alles - ?« + +Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das +bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die +Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.« + +»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie +wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von +mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.« + +Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie +duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar. +Sie lächelte rätselhaft dabei. + + +Bildnisse Cäcilies + +Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des +öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem +er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors +eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu +reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte +Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte +sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der +Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre +alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten +Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie +wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war +eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was +Grandioses.« + +Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus +beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen. +Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und +böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich +nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht +Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder +Hinab, und wisse um kein Ziel. + +Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene +Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und +gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde +Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie +eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster +Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick. +Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller +Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei +sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein +gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen, +seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in +ihm; eine leichte süße musikalische Spannung. + +Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe +gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das +Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter +sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in +Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in +beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige +Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr +und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau +Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja +vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt +habe, oben im Kestnerschen Haus. + +Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur +begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn +man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß +die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage +dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie +bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben. +Daß du dort hausen sollst!« + +Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an. +Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu +Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen +wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er +ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die +Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da +und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein +behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit +Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im +Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun +verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar, +drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der +Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne. + +Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß +seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen +sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei +Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all +das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war +beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie +plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak +sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch +hatte man nur wenige Minuten zu gehen. + +Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so +unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß +man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze +Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es +noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem +im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,« +sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute +Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich +wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden, +daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle +mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er +lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun +glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen. + +Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer +der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm +vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch. +Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an +ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er +wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich +an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen +Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der +redete. + +Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf +Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht +betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine +Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte +Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie +flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists +Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so, +in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit +ihr.« + +»Mit ihr? mit ...?« + +»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen +auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch +gemerkt; sie war ganz verstört.« + +»Und was will er damit?« + +»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die +Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der +einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist +unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein, +plötzlich packt er einen, und man ist verloren.« + +»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?« + +»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors +Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine +Opfer.« + +Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er +empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu +bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an +sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in +Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie +habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe +verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich. + +In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen +Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu +ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das +Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten, +Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in +Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf +ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der +Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt +zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder! +erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn +versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer +Wust von Sinnlosigkeit. + +Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese +eine Nacht, sondern in vielen Nächten. + +Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna +vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung. +»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was +drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe +Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu +verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser +Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?« +fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst +du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht +mich mürb, es macht mich krank.« + +Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft +und bittend. + +Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat, +legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie +zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er +inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende +Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die +ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war, +weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden +Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht +Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der +subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom +Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und +Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache +bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein +erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und +von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis +glüht ihnen ein Gnadenlicht auf. + +Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies +Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von +Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es +war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt. +Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe, +für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie +gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob +sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie +oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme +gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich +gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere +Worte und Wendungen gebraucht habe und welche. + +Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch, +ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie +einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche, +kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das +gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über +ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie +immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen; +stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor +Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens +würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die +Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie +selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen +Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am +einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre +innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht. +Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten +Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen +auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle +Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren +Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen, +weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie +täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und +Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr +Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit +erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte. + +Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen, +erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man +sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch, +sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie +wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr +auch gelungen. + +Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden +genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und +man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch +dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier +scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber +sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei +ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund. + +Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten +Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger +Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf +in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt +um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und +fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies +verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie +wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an +Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein +großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der +Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur +weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk +und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ +der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer +illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein +rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja +bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt +hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle +sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten +Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie +müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde +ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter +seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die +Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt. +Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe +keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und +zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu +haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung +verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor +Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von +Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die +Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde +verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört. + +Dietrich lauschte, lauschte. + +Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar. +Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft, +Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in +allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es +ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich +halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um +dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen +stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst +du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige +Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du +nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und +einem Schemen, dann sollst dus büßen. + +Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer +ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine +Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort +siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir. + +Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede +Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer +Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen +Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er +geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte +den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür +hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick +ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die +herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie +gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier +abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch +setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte +ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das +Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht, +kostbar und wichtig. + +Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies +mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte +Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem +fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus +den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die +Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen +hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im +Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein +kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und +Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt +derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit +musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling; +der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er +sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme +nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu +finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige +er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich +bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen. + +Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte +empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild +angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er; +»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn +zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas +Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie +hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie +hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm +grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem +Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern +ist.« + +Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete +sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube, +was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?« + +»Du? du bist ...« + +»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf +seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig +nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des +Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert +haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs +zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an +Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein +Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein. + +»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für +Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide +geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten. +Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem +Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat +standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie +gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein +Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem +Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit +dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im +Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du +schweigst? Du siehst mich an?« + +Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt. +Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften +Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß +sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er +erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den +sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres. + + +Verdacht + +Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die ihm das +Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel +auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert +Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten +Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. Es ist dies +innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglück, das die +angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine +Schwester des Selbstmörders in der Anstalt des Professors Landgraf +unheilbarem Wahnsinn verfallen ist. + +Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die Worte an. Er +ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden +Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschöpfte sich in der +Einbildung von Gesprächen und Situationen. Mit Hanna war er erst für den +Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend +angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen, +als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die +den Tod Hubert Gottliebens meldete. + +»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich habs auch heut +morgen erst gelesen.« + +»Und hast vorher nicht darum gewußt?« + +»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb fragst du?« + +»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?« + +»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß man mich verhört,« +erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich sagen will, sag ich, was ich +verschweigen will, verschweig ich.« + +»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen +hast seit jenem letzten Nachmittag am See?« + +Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. Ich hab ihn +seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, daß +er seinem Leben ein Ende machen will.« + +»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem +schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts +erfahren?« + +Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, schloß die Augen +und fing nach einer Weile zu sprechen an: »Er kam am zweiten Tag nach +dem Begräbnis bei Nacht aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich +aus dem Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr +nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so +verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu +beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich. +Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum? +Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und stöhnte: +warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt ichs nur nicht mehr hören. +Auf einmal sprang er auf und stürzte fort, war spurlos in der Finsternis +verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem +Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei Wochen später. +Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden +gekommen; Cäcilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich +werde dir gleich erzählen, was für ein Wort das war; er könne den Tag +nicht mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel mehr, +er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mußt du +wissen, was vorher gewesen war.« + +Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete groß die Augen +und fuhr fort: »Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil +die Gerüchte über seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm +gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben. +Bettines Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand +Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit über den +Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein öffentlicher Skandal die Folge +wäre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem +Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester +schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte ihn mein +Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein +Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat +er ja eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige +und edeldenkende Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung bat. +Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater, +er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch +bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren +Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden +linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war, +kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen +Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater +hatte plötzlich erklärt, ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie +aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei +Neckargemünd. Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, war Bettine +weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt +nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die +Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt +Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel bleiben, ich empfange +ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die +Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein +Glück. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst, +muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir sprechen. +Ein trübes Kapitel.« + +Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über das Gesicht. +Dietrich war näher zu ihr herangerückt und klammerte sich mit den Augen +förmlich an ihr fest. Sie begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte +sie der Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die +Verbindungswege; er hat es später bereut; die Freundschaft, die sich +zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht +voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in besonderer Weise an. +Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt +viele solche junge Wesen. Die eine Hälfte von ihr war durch und durch +verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden +Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die +andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war +ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer +prüden, bigotten Erzieherin, gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das +Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir +eröffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich +preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, und es waren +oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht +länger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater +vorging. Sie war völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne +moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu allem. +Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie betete Cäcilie an; ihr +Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie +sich hinwarf, um Cäcilies Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht, +der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten, +bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten +Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte beständig Angst um +sie, beständig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie körperlich +auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da +drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie an +ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu +nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete +sie sich mit versträhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu +fürchten; am dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging, +ich überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin +auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand +auf, holte Wäsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nähen an. +Es scheint, daß Cäcilies Gegenwart in ihr das Gelüst nach +Selbstpeinigung erweckt und bestärkt hat.« + +Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Müdigkeit war +in ihren Zügen. + +»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte Dietrich flüsternd. + +»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das +Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat +mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein +Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache +natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche +Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge +sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die +Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur +Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in +seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich +erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines +Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich +fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach +Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu +der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre +Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten +will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt, +darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend. +Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle +stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen, +aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins. +Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt +mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich +fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht +morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun +abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ, +daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert +Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich +mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll +Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und +Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die +Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem +so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit +hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich +aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging. +Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem +Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei, +und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil +sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will, +tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit +welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und +Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er +mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt, +abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben. +Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine +Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der +Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger +und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich +gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das +hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir +sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es +zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken. +Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr +Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte, +und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts +Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft +beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam, +und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er +immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal, +denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht +sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie +die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von +Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte +September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern +Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß +und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft +suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die +ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte +hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte +mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert; +bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den +Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die +Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für +den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung +bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese +Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang +brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings +mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle, +daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie +richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit +allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich +nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe +gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte, +ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe, +daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete +unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...« + +Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte +Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang +hinunterrollt.« + +»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte +mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es +hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich +wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben. +Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür +noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?« + +»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms +dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.« + +Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf +die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie. + +In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn +unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit +seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er +dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines +geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein +alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er +die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute, +sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein +Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt +war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an +die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine; +nur eine nimm und vergiß die andere nicht ... + +Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine +Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und +unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die +Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und +sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf. +»Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder: +»Hanna.« + +Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im +aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu +gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo +sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und +empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte, +Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich, +diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus, +schlagen einen Ton an, - man schämt sich krank.« + +Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke +oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte +er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter, +so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit +anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.« + +Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm, +als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte +noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen. +Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an +dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen. + +Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte +sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit +einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch +seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den +Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie +langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen +bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver +hergegeben hat?« + +»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf. + +»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.« + +»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...« + +»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.« + +Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den +Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er +fast. + +»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau +Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es +seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die +Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im +Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn +Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie +fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen +neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der +Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich +genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber +gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich +natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich +daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen +davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme +Kind unter dem Gedanken leidet.« + +»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist +möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie +hat viele Tiefen.« + +Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom +Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum +Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite +nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft +zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das +Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit +Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher, +und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es +ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem +Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer +auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem +Beil ...« + +Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder +wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich, +die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht +gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so +beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging +und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden +Gesichte. + +Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse, +wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas +studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war, +wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich, +»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.« + +Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos +vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände +auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich +auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet +leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich +dich nur offen aus. Was denkst du?« + +Aber Dietrich schwieg. + +Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte +er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich +einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor. + +Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig +hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen +für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an. + + +Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen + +Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer +Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß +gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo +alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich +nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf +die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von +seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu +antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch, +aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen +Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so +Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr +Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in +die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl +für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich +des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem +Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu +viele Ungewißheit bedränge ihn. + +Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie +sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht +Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge +zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres +Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen +habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe, +müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung +für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und +nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle +sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer +plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen; +zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den +Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten +gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der +betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft. +Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter +gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen. +Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede +gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole +Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es +herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein +Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte +Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und +fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu +greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu +suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens +und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit +meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich, +Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten +Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst +die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist +mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell, +möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage +vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin +ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich, +Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.« + +Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus +seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er +dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß +sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner. +Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem +Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das +lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre +Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart +wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im +Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem +Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie +Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob +etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders +haben wolle, als er sei? + +Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du +nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns +wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem +Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die +Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles. +Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen? +Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses +sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit +deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre, +sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die +zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich +habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich +werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft +wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer +sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an +dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz, +denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der +Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon +gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das +sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf +dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so +sollst du mich in deinem Sinn bewahren.« + +War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck +erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur +Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind +nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem +Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse +aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den +Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und +als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht. +Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den +Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe +kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar +Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt +gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er +zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian +befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem +Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner +Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und +einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er +gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen, +aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das +ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht +müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet, +gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet +und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich +begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists +Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt +mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie, +so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du +bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und +sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles +Geredete wird Lüge.« + +So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das +aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna +beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und +freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich +geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er +schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm, +was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das +Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder +Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war +neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis, +Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze +Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt +verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer +Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend +gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in +rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung. + +Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht +angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich +auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich +hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen, +das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes +Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in +die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er +sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen +Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse +sie wieder zu ihm. + +Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume +gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt. + +Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand, +die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme +redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch +welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne +sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er +den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über +ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die +Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war +nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses, +nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie +gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas +wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase, +aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine +Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen +geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu +rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen. +Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm +nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich +ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem +Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er +sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt, +wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja +da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch +auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut; +sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich +seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer +Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus +dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß, +dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf +ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr +aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben +selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen, +Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden +Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat, +so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der +Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf +welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm, +unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war, +der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in +verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn. +Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem +furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor. + +Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es +ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog. +Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich, +ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten +Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der +Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der +Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte +Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben +gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm +die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn +traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er +wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen +mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn +auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch +als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick +durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er +von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun +Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von +diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in +das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er +absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf. + +Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer +aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im +letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie. + + +Die Schläferin + +Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein +Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden, +die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel. +Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken +war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm +die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten +sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er +ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ +die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was +die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das +Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen +Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen +lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in +ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt +mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an +der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und +wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn, +nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis +zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm +sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu +machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende +des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken? +Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes +Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit. + +Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen, +wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines +Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor +Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der +Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade +von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden +die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner +Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit +der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es +bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die +unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis +und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das +Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge +im psychischen Leben. + +Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre +Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr +oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen, +die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig +in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen +sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der +schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in +verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie +im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der +Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im +sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser +und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und +Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade +nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen. +Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in +der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier +scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle +vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht +mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist +ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die +schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge +Wissenschaft heute zu lösen habe. + +Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte +sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an +mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von +achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich +sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich +weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir +lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu, +daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube? +Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen +braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen +straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse, +was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt +voller falscher Boten? + +Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum +Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich +hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen +in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt +aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille +versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer +Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen +Herr werden konnte. + +Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich +gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor +Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das +Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen +gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als +Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht +abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre +Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von +Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten, +andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge +stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde +Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach +Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem +disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe. + +Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken, +daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen, +aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier +enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um +es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie +sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald +aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle +er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er +sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische +darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch +auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast +sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte +er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat, +ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich: +»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich +zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf +geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe. +Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich +lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?« + +Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl; +ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren +Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen +Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel +an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es +ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern +auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein +Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den +Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele +unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine +Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und +einer verhilft dem andern zum Frieden.« + +Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht +mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln, +wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er +mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da +spür ich mich doch unzerstückt und ganz.« + +In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um +Widerspruch verlegen. + +Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über +Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die +alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl; +in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte, +ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht +Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen; +Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer +auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen +wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander +bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es +ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen +wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach +dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern +Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die +Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und +schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette +jemand liegen. Es war Hanna. + +Sie schlief. + +Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des +Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören +können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre +Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur +Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals, +in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte +Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze +Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die +eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was +Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang +und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit +war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle +häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die +schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur +einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich, +sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das +Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin. + +Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie +erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte +gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den +Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen. +Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche +Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus +Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm +verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt +er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch +zweifelnd, sah er die Schlafende an. + +Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne +Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile +gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich +nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.« +Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast, +von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich +weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie +Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es +wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn +zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt, +halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie +bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus +nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör +mich an.« + + +Beichte + +Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der +Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte +zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf +der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war +ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht +gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen. + +Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom +Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem +Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann +nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist. +Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie +nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens +war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn +heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit, +da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß +also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte +sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal +bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf +dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie +sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit +tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm +sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser, +er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie +es mit mir steht. + +Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie +es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja +geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in +mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit +einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines +Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn. +Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend +als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue +Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen +vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand +dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes +schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede +starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall +aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich +für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding, +das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche +genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres +Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es +Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das +Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe +reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar +nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit; +Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie +kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste +Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort +aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und +abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf +ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu +prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon +das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein +kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte +Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst +das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch +aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein +Krüppel.« + +Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß +sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein +Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls. +»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon +ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die +Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich +gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten, +wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes +Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg +einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist +Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der +schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir +noch einmal deine Hand.« + +Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein +ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei +Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen, +wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht, +empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über +allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm +war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er +verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen +hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer +und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte +sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man +sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm +bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und +anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel +auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er +gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien +sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an +wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor +zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr +bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher +und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus, +in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften +Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es +nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen; +unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und +was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg, +schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs +zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die +Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf +erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer +wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis +zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch +unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich +sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere +Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf +ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes +Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn +bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen, +gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner +Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre +alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur +weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde. +Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm; +er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen +Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich +bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch +nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden +ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war +ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete +Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben, +und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten +gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben +von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich +die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte, +sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der +Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten +Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und +Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung +und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie +sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen; +Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein +unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die +Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem +fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht +versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen +Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das +nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists +zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein, +nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem +zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot +geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich +emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war +er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich +keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu +viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische +Geheimnis verraten.« + +Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie +weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu +machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und +Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein +ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel +Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden. +Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war, +mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines +Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein +Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch +und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich +konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr. +Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis +verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei +ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war? +So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein +Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo +ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie. +Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle. +Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu +denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte +sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen +wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie +durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist +ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren +in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von +Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein +Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung, +Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der +Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten, +die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er +wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits +vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten +auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin, +mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß +ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf +der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein +Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn +geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und +halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein +Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht +aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er +kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte +und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein +Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann. +Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie. +Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt +ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann +mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich +fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen, +das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte +Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur +nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich +auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel +sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne +wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig. +Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe +gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.« + +Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen. +Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er +setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten +Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager +zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte +die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann. + +Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her +gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem +weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes, +seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als +ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie +gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des +donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es +hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des +Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos. +Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum +zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein +Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag +dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die +andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm. +Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der +aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben +zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der +du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund! +Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch +einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren. + +Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt +ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte +sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und +kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der +Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen; +mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung. + +Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam +an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und +schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit +geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab, +berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann +schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen +war es schon Tag. + + +»Ich komme« + +Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer +und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde +geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem +Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich +telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein. + +Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt +berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von +Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne +wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief +günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden. +In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im +Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen. + +Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit +erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende +Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre +Hand auf seine. + +Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer +Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt. +Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher +stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war +entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen +herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene +keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu +verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch +Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der +Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener +das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte +da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer. + +So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne +Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem +Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später +Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch +Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und +Geistesrecht in sich selber. + +Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte +es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester +erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die +Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon +weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von +Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war, +mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für +ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten. + +Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich +nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem +sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte +Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit +ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai +kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein +heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er +ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys +allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle +zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als +Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys +riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die +Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu +fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an +Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene +delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu +besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich. + +Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte +die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche +später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei +Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr +das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein, +versprach Georg Mathys Dorine. + +Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde +ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die +Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof, +weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein +Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach +einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von +Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die +Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie +zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr +an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin +bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen +mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten. + +Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß, +streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf +Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme +aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest. +Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte +er nicht. + +Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung +war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich +schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender +verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei +köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter +drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers +aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen +gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs +Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal +bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die +Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute. + +Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem +festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der, +ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es +war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über +ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte +für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau; +während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und +lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf +den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das +blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen, +jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer +zurück. Da stand Lucian vor ihm. + +»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns +zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft +gedacht? Bist du noch, der du warst?« + +Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die +Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn. +Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein, +der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er. + +Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja +nicht ...« + +Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen +nötig ist, weiß ich.« + +Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu +erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe +schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.« + +»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte +Lucian stirnrunzelnd. + +»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit +einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo +alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich +dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch +nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?« + +»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du +hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider +gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben +noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine +Seele verkauft.« + +Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg. + +»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian +fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der +trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz, +was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische +Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft, +daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem +Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle +fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt, +Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem +Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten. +Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der +geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den +ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit +abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.« + +»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und +schaute Lucian groß an. + +»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort, +»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und +enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem +vollen Umfang zu begreifen.« + +»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn +du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du +meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht +unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht +ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein +heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt +ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber +laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du +siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir +stehe.« + +Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das +Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah +Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete +er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat +seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst +du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt, +entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu +verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt +unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an, +fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und +erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich +sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein +Mensch ist nicht mehr da.« + +Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist +sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum +nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er +gibt mir Steine. + +Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus. +Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er +trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit +brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die +vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei +spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein +wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg +Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine +Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere +in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf +erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!« + +Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er +antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und +rief zurück: »Ich komme.« + + + + +Sturreganz + + +Meiner Tochter Eva Agathe + + +Die Bedrängnis + +Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen +Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der +nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber +immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr +übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles +jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine +freundliche Stunde mehr beschieden war. + +Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und +Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des +Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer +Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der +ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle +Hyppolite Clairon. + +Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen +siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe +vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das +Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte +Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und +alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue +Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu +beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant +raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und +Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit +ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und +Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein +Bethaus um Mitternacht. + +Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen, +einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten +Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats +und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum +gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der +irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in +Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu +sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine +Steuern entrichte. + +Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher +vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte +abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger. +Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem +Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende +Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei +Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist, +ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier +Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und +siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder +hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht +bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich +verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit. + +Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig +Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und +fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant +vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein +Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten, +Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu +schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge, +hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern +Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich +erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der +Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und +politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am +Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte, +die im Dunkeln schliefen. + +Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und +Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister, +Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren, +Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an +exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches +Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an +Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine +Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner +die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen +ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum +eine menschliche Behausung im Lande. + +Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein +Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell +forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu +jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung, +Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen. +Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und +Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin. +Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren +hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still. +Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von +Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte +Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister +wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen. +Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im +Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die +markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über +geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige +besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen +Fenstergittern huschen. + +Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer, +dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre +Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von +Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und +hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in +seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan +unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen +und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls. +Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der +obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die +aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half. + +Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben. +Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen +der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der +Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und +Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen, +das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den +Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den +Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend +und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich +schon ekelnd sein Mund. + +Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten +Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen. +Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten. +Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht +zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter! + + +Was zur Abhilfe geschah + +Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto +eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens +war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das +Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages +mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen +verschwand. + +Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen +zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des +dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen +wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine +Maus im Magen eines Mastodonts. + +Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß +Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend +Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im +Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen. + +Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur +Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man +doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch +in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden +Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im +Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta, +entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser +Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle +Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter +Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den +berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen. + +Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen +davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen +Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige +Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung, +Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum +nächsten Galadiner übergangen. + +Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf, +Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich +großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem +markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates +zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel +erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra, +Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady, +konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister +wurde für sechs Monate vom Hof verbannt. + +Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben. +Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das +Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die +Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden +Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr +Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle +einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über +das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die +blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung, +daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die +Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher +Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte. + +In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter. + +Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich. +Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt +gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch +hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das +Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung +als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen +Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann +man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er +war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von +unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren +ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm +der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen +Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten +Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine +Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene +Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich +die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen +wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere +Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner +Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die +bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen, +und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer +anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende +vorzuziehen sei. + +Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden, +und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer +Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten +allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen +Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land, +Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu +genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine +Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien +unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche, +Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an +dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich +ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je +geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in +aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das +gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei +dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche +Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis +sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero +unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem +Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des +Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach +Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es +Geldverlegenheiten geben sollte.« + +Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen +an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie +hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu +besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches +Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche +keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh. +Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf +das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und +philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die +Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war +es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack +die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte? + +Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit +ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den +verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener +Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen +Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes +triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager +gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das +nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und +zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des +Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft +nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen. + +Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel +widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es, +wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen +Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am +zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem +Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu +grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen +Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die +Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört +wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und +unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die +Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr +von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr +von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern +belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber +hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine +Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es +den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu +schalten. + +Die Jasager verbeugten sich tief. + +Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die +Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung +man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige +Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge +vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und +mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf: +beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder +solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk, +Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und +Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge +Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz +aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die +Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die +Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten, +wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und +stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten +Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren +Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen, +halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter +Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch +gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte. +Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen, +sie waren wie vom Erdboden verschluckt. + +Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die +Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den +Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn +Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere +Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des +Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer. +Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum +Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber +mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten +erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim +erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen. +Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf +den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter. + +Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die +meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf. +Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal +hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und +dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder +Piquet. + +Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen +stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche +Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den +Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur +Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches +Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse +sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das +langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war, +Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so +selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das +einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als +ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil +künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten +immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der +Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten +Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie +bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung +auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen. + +Die Jasager lächelten entzückt. + + +Episode + +Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube, +ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar +geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden +oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im +kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung +gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit +Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil +er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die +bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen +lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte +er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung +nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in +der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen +Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur +Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die +Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie +ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider +unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet +war. + +Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter +als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof +zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie +häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des +Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum +Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der +Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde +dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht +gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte +das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die +Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten. +Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein +Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und +die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge +hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie +die Gedanken darüber nicht heiterer machte. + +Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge +eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter +verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus, +und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn +er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig, +und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle +#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit +Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte +den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine +Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der +Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel +auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter +sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die +zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir +schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem +gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists +unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm +die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und +glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch +war die schwere Stunde ihres Leibes nah. + +In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in +die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen +waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes +Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund, +und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe +nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das +setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war +leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die +Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust +haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch +gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der +Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an +zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die +Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in +den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft, +deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr +Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die +führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte +abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf +ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist +wenigstens mal ein Lustiger.« + +Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden, +hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der +jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei +Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres +Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte +nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein +kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen, +blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei +seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen +Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit +Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm +geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete +er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe, +und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen +Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine +Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle +Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß +man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux# +beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert +würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem +Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu. + +Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer +höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit +verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend +verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei. + +Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der +Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem +Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon +der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten. +Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor. +Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf +Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und +Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten +und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten +Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit +strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche +Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut +waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt +wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit +geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den +Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den +entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem +Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde, +daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und +sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom. +Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so +war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein +Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen. + +Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten. +Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen +Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde +geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn +das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen. +Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen +werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang +des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block +verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben +würde. + +Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen, +kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die +Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die +Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne +heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche +Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der +andern im Auge hat. + +Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf +sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die +Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht +lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie +entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des +Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm +umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle +er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt +nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er +grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.« + +Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter +ergab, war auch nicht erfreulich. + + +Chronica + +Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der +Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines +übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe +Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er +ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen +Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen +gemäße Glückszustand inkarniert habe. + +Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte +nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er +hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem +Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms +und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe +Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf +Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst +und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune. + +Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei, +heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er +dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er +im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann +er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte +er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf +eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein +Stallbursch die Krätze bekam. + +Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den +angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich +hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld +schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die +kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit +ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die +Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und +verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und +schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase, +so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen +für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln. +Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden +Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden +Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile +halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz. +Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle +den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen. + +Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte +von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord +Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das +ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre +plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht. +Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie +in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig +das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet +werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in +diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen +worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn, +worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres +Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche +wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte +die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von +Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit +Stöcken an eine morsche Tür trommelt. + +Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen +büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email +der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin +von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte +einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen +in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark +geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die +man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld, +Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang, +zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind. +Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde +immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all +dem immer übellauniger. + +Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie +lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen +Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in +denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf +einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden; +sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von +Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig +um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens; +Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln +Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter, +Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind +geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr +versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei. + +Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu +entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre +Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu +lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller +Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da +hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den +Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der +beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins +Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die +das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und +ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und +Totentanz. + +Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater +Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches +Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm; +der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel, +und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten, +stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum, +brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich +schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen. + +Lady Craven kicherte. + +Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden +in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England +überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der +Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die +Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier, +falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und +sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und +als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte +unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum, +der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter +hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg +den Kopf abhackte. + +Die Lady schauderte. + +Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch +schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre +Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten +versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge +Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die +Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit +Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war +bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte +er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des +schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im +Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die +Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der +Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die +unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr +ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft. + +Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der +hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung +und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das +Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob +es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes +Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann +knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die +Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken +sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde; +doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete +griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe +entgegennahm. + +Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte +leise vor sich hin: »Kri-Kri«. + + +Maßregeln eines Philanthropen + +Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich +demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld +ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten, +Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die +Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu +befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat +leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche +Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit +geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine +Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten, +keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit +ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße +Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen +verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer +Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk +sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen +versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen +Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher +hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen +Wandel neue Unzufriedenheit zu säen. + +Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich +mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt. + +Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste, +die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die +Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue +Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen. +Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal +eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen +strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen. + +In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und +Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte +mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit +gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf +Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters, +bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe +hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz. + +Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur +eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu +seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier +brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch +die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit. + +Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen, +eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls. +Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren +Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer +zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte +sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage +hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der +einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen +stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte +sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still +wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften, +ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche +nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis +durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch +Brummen. + +Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren +bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren +Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die +Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren +winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut, +hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit +ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der +krank und hungrig ist. + + +Die Bürger und ihre Stadt + +Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und +siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie +dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig +gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten +Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen +und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und +Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen +dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende, +gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder +haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen +straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied +arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine +grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen, +Säuglinge schreien. + +Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es +weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht; +es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser +vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu +erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht; +es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die +Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren +liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander +verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder +ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe +von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und +gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle, +dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar +über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche +und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt +in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche +Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar +erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm +bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt, +wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem +Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der +Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank +sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der +Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der +Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige +Trost. + +Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in +Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf +ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht +Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr +von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und +den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des +Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und +Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern +in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in +Edelsteinketten. + +Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen- +und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu +strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten +sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen +Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von +niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher +Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine +schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge +gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas, +feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war +etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl +gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen +dafür, daß sie schwitzten und sich plagten. + +Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand +verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von +Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl, +nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes +verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen +lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und +nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner +Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen, +auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen +Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die +Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten, +konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es +brennt. + +Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen +wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen +gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut +verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten +Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum +bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in +ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und +schoben die Finger zwischen die Knie. + +Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis. +Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht, +so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des +gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang +in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen +Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch +gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles +Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die +Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der +Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der +Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon +gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die +Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen +das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten +nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts +freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und +legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte, +mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch, +mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre +Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre +heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und +mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes +über dieser Stadt von Mürrischen. + +So lagen die Dinge, als Sturreganz kam. + + +Jahrmarkt + +Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von +Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe, +schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit +schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in +Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er +sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine +Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu +haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche +Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von +Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden +werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu +entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien +sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden, +da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei +Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren. + +Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in +einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte, +Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen +seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer, +den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher +Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz +Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren +konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht +sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte +Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte, +seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber +Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern, +Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen +Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder +verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung. + +Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem +Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner, +Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude, +die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter +Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte. + +Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen, +murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander: +was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre +verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den +Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige +mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen +hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, +daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises +hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und +Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von +Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich +heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner +unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero +Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches +Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei +Groschen, dritter Platz ein Groschen.« + +Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei +und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter +in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen +Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen +vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in +den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern +reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend, +und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder +fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen +hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war +alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet. + +Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz +vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit +sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet +eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn +scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über +ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der +Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von +wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das +Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und +quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein +Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes, +sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu +Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach, +abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen. +Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis +zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft. + +Gelächter! + +Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die +Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden +wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas +völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden. +Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein +betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den +Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel +des Oktoberabends. + +Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit +den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen +in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in +seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen +kollerte, der Gaumen war wund. + +Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die +Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein +Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben +im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und +Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen. + +Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen? + +Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch +Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete, +berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem +Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner +gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so +gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung, +die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn +volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und +erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche +Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen. + +Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die +Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und +Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war, +daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine +beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der +betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute +eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben +noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht +dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die +Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann +die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings, +ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den +benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre +lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen +oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern, +verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude +schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine +Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und +picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie +vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie +Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann +Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch; +Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares +Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als +fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen, +feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein +paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie +schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen +einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten +Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den +Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter +den Vorhang zu kommen. + +Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei +Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit +ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten +sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde +verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon +aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze +reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie +mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es +gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen +Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters +gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in +ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren +Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um +Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt +fanden. + +Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die +keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem +Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich +nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer +Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu +Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger, +Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen, +Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern, +Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten +sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der +Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom +Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten +immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person +kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach +einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar +ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen. + +Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es +bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus +wurde. + + +Unterm Mond + +In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte +Wandlung geschehen. + +Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln +vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus +unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und +gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze +gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen +mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein +Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen +auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen +Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit +einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt. +Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen, +und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung +bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln, +Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge +im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit +vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu +zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur. + +Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der +unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten +von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht +verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo +er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest +und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen +im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter, +wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. +Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten +und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich +die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die +Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne, +daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer, +Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als +der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst +entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und +glückselig zumute war. + +Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten +kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr +Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern +heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß, +schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war. + +Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich +mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren +stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen, +niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in +die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die +Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert +wie an Marktvormittagen. + +Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin +beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen +keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über +dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht; +als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an. +Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte +Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal +eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen +erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen +Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn +Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock +eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über +Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das +ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den +Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer +Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme +salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd +wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor +beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und +machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im +lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; +geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der +Mond kam über die Dächer und wunderte sich. + +Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister +Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse +trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale; +die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende +wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler +Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde +später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an +Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die +Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab +gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein +großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und +Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren, +Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile. + +Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum +andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten, +Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein +Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein +schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz; +einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine +Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von +Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende +ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben! +Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge +leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das +Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte +oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen +ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit +vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und +polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang +antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in +der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel. + +Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch +unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es +die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher +Art gekommen. + +Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben- +oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig +schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der +ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu +haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest +der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre +Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und +streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als +wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei, +der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft, +so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte +auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam +und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer +Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem +Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte +still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie +Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und +Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische, +deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging +der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes, +und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt, +lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm +und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz +einbog. + +Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er +zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und +ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht +auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte +sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn +um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu +tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der +einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte, +er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine +Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste +Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet: +so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber. + +Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der +Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas +Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier +und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während +die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen, +die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in +die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger +Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht +fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen. +Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der +Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als +er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer +läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte, +daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren, +liefen schon von allen Seiten Leute herzu. + + +Fingerling + +Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam, +ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages +kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte. +Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel. + +Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch +keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb +einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine +niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein +paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf +den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein +Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber +sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie +tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem +ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität +leicht aufgelöst werden. + +Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name +Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die +eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der +Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das +Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm +erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze +umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum +Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen +Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger +Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in +großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht +gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten +und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege +dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und +gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so +war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut +bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger +war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine +Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu +vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht. + +Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge +gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur, +die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die +sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont. +Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne +aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu +rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten, +Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden +wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche +Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier +waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis +jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die +Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt. + +Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte, +ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte, +oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt +ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin +musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene +Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die +Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das +Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten +bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen +hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer +und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die +gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige +Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich +bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von +einem Winkel in den andern schiebt und vergißt. + +Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war +immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich +am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las +einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war +nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der +Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu +erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer +noch als selbst die letzte. + +Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene +Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen +Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen. +Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun. +Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der +gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem +winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so +dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen +Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten +Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in +einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren, +vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle +kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so +war sie entschlüpft, eh er es recht wußte. + +Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue +kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die +Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und +Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie +der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war +es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte, +zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die +Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd +war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung +heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur, +was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die +Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt. + +Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte +sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer +überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre +Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach +gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der +Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe, +das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine +gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in +den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur +Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas +unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen +mehr gab. + +Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal +krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und +am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der +Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze +hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und +her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen +beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im +ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine +zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich +der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige +Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten +sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen +Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine +fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der +noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte. + +Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend, +als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch +ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften +die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend +und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie +hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln, +Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden +Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her +huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der +Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte +sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern. + +Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich +niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit, +sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie +auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den +vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die +geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin, +die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das +sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder +und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine +unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen +folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und +schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du +sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich +nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich +von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen, +mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann. +Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte, +erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause +wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes +verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand +von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende +Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof, +im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln, +benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen +lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte +es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von +einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen +Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem +feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend +feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht +und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren +hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der +ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen. + +Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand +darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach +erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute +Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte +die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war +mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke +durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung, +und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos +wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen. +Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und +gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und +später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit +Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts +einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette +namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf +über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich +Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod +des Mädchens herbei. + +Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der +Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm +Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige +Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut +ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu +bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und +aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das +Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem +Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr +viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der +letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit +und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der +lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das +unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter +erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung +jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte +Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst +allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war; +Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und +durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig +zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich +abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult +hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte, +war sein Plan so gut wie fertig. + +Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem +Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung. +Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben +übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind +namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr +im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur +selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im +Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig +Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters. + +Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich +nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er +dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm +bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind +vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn, +wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im +Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere +Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der +Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete +Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten, +das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut +schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz +und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und +furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit +des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als +daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das +Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst +unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu +schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche +Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel +zudrehte. + +Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube, +und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst +nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der +Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der +Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute +im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie +Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden, +vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte, +daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder +Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es: +Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes. + +So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus. + + +Die Beiden + +Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als +bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es +vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre +Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf +gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles +Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu +erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm +vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft. + +Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot +und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an +Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem +Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen +Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine +Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und +Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren, +leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er +nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das +Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im +Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende, +Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen +Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen +die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von +Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort, +der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich +aus. + +Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen +hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer +porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige +Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen +Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in +ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene +von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen +werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte +Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit +lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz, +die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war +das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte, +entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und +des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg; +Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der +heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte, +arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht +in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er +in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung +und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und +Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein +schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit +war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern +erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die +Doppelheit der Existenz nicht selten lästig. + +Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei +dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es +beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung +vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns; +Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in +jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit. + +Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter +gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings- +und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen +durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz, +unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen +Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und +der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten. + +Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz +und Taube. + + +Höflichkeit wird Grausen + +Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz +den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem +Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung +fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war, +trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit +geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und +erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar; +sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch +Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm +das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem +Institut ein, der ihm wohlbekannt war. + +Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und +Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber +keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich +niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite +des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich +durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine +Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen +und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener +solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies +gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe +Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten, +gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen +Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen +begann. + +»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos +verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust +den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß +einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die +Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend +zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah +sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt, +das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus +anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter +ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling, +Beckchen Taube. + +Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute +der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten +geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die +Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher, +gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«. + +Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes +traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine +unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und +antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich +noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen, +weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten +Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht; +Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm, +flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor +sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung; +verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal +fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal +aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte +zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen +an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen, +rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon +aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die +jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit +lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank; +die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es +entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf +dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer +Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her. + +Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der +Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches +Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage +schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war +strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das +Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach +der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er +durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des +Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den +Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz' Diener, der halb von +Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens +seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen, +doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit +drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen. +Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem +sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte, +begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und +Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof. + +Dort hatte das Erscheinen Sturreganz' mit dem Mäusezug hinter sich +ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der +Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen +herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die +Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten +auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen +der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit +entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm +das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in +einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß +dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen +und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum +hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen +Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern +behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine +Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte +Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem +Mund. + +Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie +Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf +dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare +Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war +Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche +Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm +die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant, +den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen +wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher +ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des +Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu +verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß +sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende +zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn +wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein +besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es +notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und +hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und +die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein +schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt +waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder +schnöd durchkreuzte. + +Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der +Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr +melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er +sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche +Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den +Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem +Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den +Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in +Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so +weiter; das Projekt wurde eröffnet. + +Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz +sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte +ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein +häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte +bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines +italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im +Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen, +da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und +versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren, +meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits +accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs +sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man +möge ihr diesen Storregammato bringen. + +Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz' Entlassung aus dem +Polizeigewahrsam. + +Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern. +Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um +Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein +über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern, +schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete +in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas +verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an +die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an +seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig. + +Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf +statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut +das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das +schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was +den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war +es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte +Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen +nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte +er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein +Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu +bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese +Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer +Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie +durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner +Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese +empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven +für den andern Mittag vereinbart war. + +Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz +eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm +in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer +Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd, +wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war, +der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die +mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die +zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt +waren, - Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art +die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt +und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, - erschöpfte sich +Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu, +einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene +Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er +erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob +es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall +auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe. +Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene +Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber +Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte +noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen +Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der +ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die +dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er +den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor +Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die +exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über +Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit +einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber +er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit +verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder +und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen; +geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch +Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und +nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu +preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte +Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten +Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es +durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie +in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie +ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren +Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben +zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und +Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße +verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle +Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, +aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe +sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem +außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal +in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen +Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine, +boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch +gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen +schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten +und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden, +den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der +Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und +oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie +fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der +tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der +blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis. +Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei +hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm +gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen +Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine +Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war, +als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu +unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und +leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies +erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und +Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft +schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage +üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein +fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige +Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros +verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen +Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr +Marchese damit getan habe. + +Eine devote Reverenz beendigte die Rede. + +Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen +Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah +ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz +aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich, +dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch +das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz +vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem +Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum. + +»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man +müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte +gezwungen. + +»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady +Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann +stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen +Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll +ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch +unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.« + + +Zwist + +Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter +dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren +gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten. +Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis +zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er +könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage +gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit +verbreitete. + +Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige +Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben +gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der +Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen +Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige +Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr +die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie +ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu +vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie +war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete. +Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden +ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag. + +Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß +der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen +Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über +die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu +machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die +alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der +Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre +Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem +traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei. + +Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin. + +»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in +einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!« +rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum +Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der +Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit +seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der +Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir +Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt +und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen +verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern +Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem +philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade +spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie. +Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu +leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so +berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den +Abschied.« + +Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer. + +Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah +lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus +bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben +Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen, +wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt +weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das +ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt, +hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen +Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es +dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb, +glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein +glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein +jubelndstes Lied in die Luft schmettern.« + +Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige +dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und +begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le +Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en, +lundi!«# + +Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein +Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott +verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie +verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden +der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung, +ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten, +feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk +geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie +verführerisch im Grunde! + +Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde +keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang: +#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«# + +Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach +der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den +Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen. + + +Die Ohren des Herrn Marchese + +Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der +Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die +Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend +waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz. + +Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war +für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und +das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung: +Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton; +man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz. + +Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast. +Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne +Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der +Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier +Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus +und Amor auf dem Schoß. + +Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt, +majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady +Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von +Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die +hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und +der Vorhang schlug auseinander. + +Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt, +war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig, +argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens +um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr +sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt +Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner +Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster, +Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als +Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz +spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle +Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen +Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in +heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und +ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu +überlassen. + +Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel +von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz; +#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen +Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das +wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war +voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune, +Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit +Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten +Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der +Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin- +und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte +Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all +dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur. + +Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln +genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten +Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn +keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem +Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium +seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an +war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne +aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt, +triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge +preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich +die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum +in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an +ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim +geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen, +schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen. +Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie, +aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare +Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was +man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine +Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht, +zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger +Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken +brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und +platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen +um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte. + +Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster +hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von +ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender +Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich +schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in +die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich; +der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch +vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint, +auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach +einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen +Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack +steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den +Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten, +kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder +nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das +Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den +Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn +Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir +die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn +Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer +goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine +irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater! +Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli! +Milles mercis!# Geruhsame Nacht!« + +Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging +durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die +Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer. + +Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter, +und er verschwand. + +In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der +ansbachischen Bastille, verbracht. + + +Ein Gespräch als Ausklang + +Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage +später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der +Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die +württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz, +des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der +Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der +gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in +Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist +finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in +einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit +befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte, +belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund +verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe +und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus +Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem +Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt +hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen +Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem +beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte. + +Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil +bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten +sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün +und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern, +die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in +ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die +Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den +Horizont mit einem schwarzen Band. + +Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein +lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes +Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei +mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja, +des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der +Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen +und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der +Geist herbei. + +Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das +treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend, +nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts +damit auf sich.« + +»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz +erstaunt. + +»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der +Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich +einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier, +und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es +verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie +klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen +Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.« + +»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen +muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel +gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände +reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich +das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das +uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die +göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine +unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der +Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird +lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den +unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles +wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne, +unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt, +jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des +Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das +mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige. +Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß +wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die +Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst +Gefühl und Ahnung Lüge.« + +Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz' Lippen. »Sie äußern sich mit +sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft, +kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es +kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit +und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das +Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir +nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue +davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an +den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen +einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien +abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder +den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften? +die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen +fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue +einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht +Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben +rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es +denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der +Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer +Weglosigkeit.« + +»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir +zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb +begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf. + +Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch +die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine +Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon +geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an +eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider +so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es +sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine +Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos +werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen, +ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, +alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und +der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte. + +Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme: +»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr +weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum +läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser +in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und +spricht, und keiner weiß was.« + +Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren, +und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen +Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«# + +Da war es schon Nacht. + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman. 23. Auflage + +Der Moloch +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage + +Der niegeküßte Mund +Drei Novellen. 71. Auflage + +Alexander in Babylon +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage + +Die Schwestern +Drei Novellen. 6. Auflage + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens +Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage + +Die Masken Erwin Reiners +Roman. 15. Auflage + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen + +Der Mann von 40 Jahren +Roman. 14. Auflage + +Das Gänsemännchen +Roman. 72. Auflage + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden. 39. Auflage + +Der Wendekreis, Bd. 1 +Novellen. 19. Auflage + +Mein Weg als Deutscher und Jude +15. Auflage + + * * * * * + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten +zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich +p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein +p 236: nach war es -> noch war es +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden) +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin) +p 248: medisieren (schmähen, lästern) +p 298: vif (lebendig, lebhaft) + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book's two title +pages have been merged into one, and a table of contents has been added. +The table below lists all corrections applied to the original text. + +p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit +p 090: [unified] Telefon -> Telephon +p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf +p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich +p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein +p 236: nach war es -> noch war es +p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden) +p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin) +p 248: medisieren (schmähen, lästern) +p 298: vif (lebendig, lebhaft) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE *** + +***** This file should be named 18552-8.txt or 18552-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18552/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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