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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der Wendekreis - Zweite Folge
+ Oberlins drei Stufen, Sturreganz
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+ Jakob Wassermann
+
+ Der Wendekreis
+
+ Zweite Folge
+
+ Oberlins
+ drei Stufen
+
+ und
+
+ Sturreganz
+
+
+ 1922
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Oberlins drei Stufen ...... 7
+ Die erste Stufe ......... 9
+ Die zweite Stufe ........ 51
+ Die dritte Stufe ........ 121
+Sturreganz ................ 225
+
+
+
+
+Oberlins drei Stufen
+
+
+Marta der Gefährtin gewidmet
+
+
+
+
+Die erste Stufe
+
+
+Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen
+Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie
+gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und
+ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister
+gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der
+Nation.
+
+Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter
+gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit
+dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine
+festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und
+endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde
+Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei
+Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so
+unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr
+mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das
+und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von
+Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug,
+die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung,
+die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die
+Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich
+entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln,
+Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.
+
+In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um
+das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen,
+japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem
+königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die
+eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen
+Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit
+eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und
+bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles
+wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu
+denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd
+krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er
+zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.
+
+War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd
+und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge
+Frau.
+
+Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man
+behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war.
+Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von
+wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse
+des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
+Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen
+Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu
+vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten.
+
+Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit
+der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren
+wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte;
+geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den
+ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte
+dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da.
+Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend
+gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen.
+Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits
+Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die
+Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie
+unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich
+waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein
+beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten
+Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst
+verschloß.
+
+Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der
+älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten.
+Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er
+hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete
+Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das
+erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne
+Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war
+bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte.
+
+Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war,
+erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft
+verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und
+Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben
+an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute
+einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall
+beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere
+Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen
+begann.
+
+Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der
+Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn
+er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte
+sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die
+sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen
+Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem
+modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem
+Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen
+als gefährlicher Fortschrittler galt.
+
+Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war
+seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte
+Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie
+ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen,
+lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg
+selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und
+anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß
+er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die
+Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte
+aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß,
+hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern.
+
+ * * * * *
+
+Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
+Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit
+der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte
+jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt
+war.
+
+Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die
+schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige
+haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn
+aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein,
+der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und
+Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er
+war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur
+Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.
+
+Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in
+bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der
+Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer,
+sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden
+sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke
+niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein
+unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war
+zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr,
+wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die
+Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen
+der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden
+sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der
+Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er
+glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von
+diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.
+
+Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der
+anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß
+seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem
+Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten.
+
+Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag
+zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und
+erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region
+versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser.
+Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
+nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im
+Ungewissen.
+
+Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz.
+
+ * * * * *
+
+An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden
+gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der
+Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung
+entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen
+weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend,
+seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules
+Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem
+Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn
+gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten
+Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost
+der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt
+werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller
+andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem,
+der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für
+alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende
+Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern
+Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem
+Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist,
+Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.«
+
+Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und
+ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter
+im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat
+umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
+belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug,
+einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich
+vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu
+verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder
+Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche
+Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr
+warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel
+Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die
+Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
+als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen?
+
+Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn
+bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es
+behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot
+selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich
+wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.
+
+Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die
+zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis
+mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
+mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn
+in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte,
+sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen,
+der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange.
+Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen
+hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden
+Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu
+spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen
+Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
+Gier empfängt wie edlen.
+
+ * * * * *
+
+Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von
+ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und
+wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig.
+Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
+Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher
+trug er den Kopf.
+
+Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen
+Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht
+noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten
+von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn
+er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine
+berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
+herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.
+
+Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich
+der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von
+Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne
+beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten
+drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die
+Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den
+ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
+Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung
+erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust
+des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem
+vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er
+löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener
+Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element
+entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und
+Funken Ur-Finsternis.
+
+Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten
+Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung
+verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der
+Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder
+vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
+Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
+Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte
+ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich
+wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut
+Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige
+Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch
+kühnen Versuch.
+
+Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen
+aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten,
+Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich
+verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und
+Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.
+
+ * * * * *
+
+An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im
+Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm.
+Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
+Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der
+allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste
+sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit
+über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen
+Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er
+auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab,
+erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete,
+Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte,
+wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im
+prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und
+Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein;
+dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren
+ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.
+
+Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner
+Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch
+den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht
+daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die
+Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen.
+Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden
+Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig,
+händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel,
+das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin
+stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink
+erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein
+kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
+Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«
+
+Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der
+Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten
+sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß
+er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen
+aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin
+verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die
+Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die
+Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen
+wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn
+fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und
+glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und
+sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu
+lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich
+Grinsen.
+
+»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die
+schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt
+Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann
+einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen
+begleitete.
+
+»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?«
+fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.
+
+»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.
+
+Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von
+der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um
+seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und
+das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener,
+voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort
+ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen
+Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je
+gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
+läutete, erhoben sie sich.
+
+ * * * * *
+
+Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und
+Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im
+Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf
+Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
+Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus
+Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen
+und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen
+Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.
+
+Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden
+gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner
+leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das
+ergraute Haar, das faltige Gesicht.
+
+Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt
+war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das
+schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln,
+das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie
+verdeckten ihn nicht.
+
+Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er
+selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern
+geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf
+sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.
+
+Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender
+Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die
+Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von
+fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer
+weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm
+um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.
+
+Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder
+einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so
+war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn
+gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in
+denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert
+und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern
+zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu
+dem man bewundernd emporsehen konnte.
+
+Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit
+nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu
+gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich
+selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er
+gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
+prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein
+begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte
+bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner
+Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst,
+nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete.
+Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er
+Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto
+bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu
+einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor
+dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte,
+seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit.
+
+Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm
+gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht
+enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus
+unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder
+ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht
+wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein
+Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte
+beten mögen darum.
+
+Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein
+Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer
+verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht
+leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand
+ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen,
+Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem
+Einverständnis, Seiner Billigung.
+
+War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er
+wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu
+Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und
+alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe
+seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins
+Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer
+zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab
+harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie
+sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten
+Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf.
+Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit
+ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller
+miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien;
+stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur
+Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen
+vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein
+Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die
+Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund
+entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das;
+Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen
+heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
+sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem
+Blut.
+
+Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein,
+bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der
+wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der
+Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter
+den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die
+Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.«
+
+Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten.
+Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut;
+einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm
+dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die
+Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten
+Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im
+Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine
+Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz
+tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
+Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines
+gefundenen Herzens: ein Freund.
+
+Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um
+sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als
+einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in
+dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er
+erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er
+spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm
+ein Ziel, er sah eine Aufgabe.
+
+Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das
+war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und
+Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen
+Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten
+der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges
+Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter
+dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der
+Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar
+die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung
+staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen
+alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens
+Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte
+verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben
+Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben.
+
+So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes
+als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen
+unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer
+fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt
+war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in
+den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer
+umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
+zwangen.
+
+Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne
+sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten
+ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden
+vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende
+verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden,
+Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man
+erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet
+und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer
+nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war
+er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in
+seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste
+Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich
+preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt.
+
+Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein
+Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit
+unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des
+Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte
+ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
+Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft
+das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der
+Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den
+Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks
+und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,«
+sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube
+nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen
+geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder
+Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen
+vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.«
+
+Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.
+
+ * * * * *
+
+Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen
+hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer
+zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme
+hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn
+sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit
+schenkte.
+
+Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte
+froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem!
+So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem
+gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus
+der Tiefe, glockenklar.
+
+Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung,
+Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter,
+elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die
+hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der
+Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser
+Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich.
+
+Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft,
+ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen
+Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets
+Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die
+Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder
+Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink
+hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem
+Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden
+Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine
+ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
+hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf
+einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht.
+
+Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen
+Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose
+vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte,
+es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins.
+Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei
+der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine
+Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte
+auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber
+dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht
+entschließen konnte, ihn brotlos zu machen.
+
+»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends
+Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde
+ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert
+wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir
+gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?«
+
+Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so
+geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns.
+Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht
+klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.«
+
+Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er.
+»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die
+Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm
+erwidert?«
+
+»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was
+er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?«
+
+Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich
+geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften,
+aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich
+allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er
+sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
+Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz
+verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder;
+draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen
+schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit,
+durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im
+Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine
+zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme.
+
+Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs
+Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.
+
+Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle
+angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-,
+neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten,
+hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und
+waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem
+Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
+zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn
+packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der
+Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die
+Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine
+Ausgelassenheit war ansteckend.
+
+Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten
+Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein
+langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der
+dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und
+machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das
+Gelächter darüber die Luft erschütterte.
+
+Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte
+sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren
+Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten
+war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße
+raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
+Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys,
+der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der
+Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann,
+behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
+innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen.
+Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er
+hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten
+Sekunden.
+
+Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken,
+lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun!
+Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus,
+stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in
+seinen Armen aufgefangen hätte.
+
+Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin
+keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der
+Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er
+Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche
+Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht
+leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas
+Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er
+den Jüngling auf den Mund.
+
+Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses
+Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen
+Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte
+sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit
+neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der
+Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen
+Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es
+sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen
+Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim
+Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu:
+»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem
+ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn
+ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden
+Blicken himmelan.
+
+Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die
+Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als
+sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den
+Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden
+sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
+den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von
+den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von
+Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an
+den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen
+dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte
+auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte
+sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte
+liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr
+sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens
+hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus
+der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht
+unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief
+Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er
+dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein,
+Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut
+geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten
+habe.
+
+Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen,
+sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er
+morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin
+gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und
+lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
+von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick
+Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und
+bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin
+rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat
+unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang
+sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das
+halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der
+Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn;
+solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei
+viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise
+hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß
+wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an.
+Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf
+zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen,
+das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit
+Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es
+schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm
+das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm
+nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit
+welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es
+habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er
+nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor
+einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und
+entfernte sich.
+
+»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die
+Achseln und sah verlegen aus.
+
+Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich
+nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm.
+Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen.
+Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert
+worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur
+auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in
+Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja
+mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich
+mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer
+geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich
+beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern
+nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem
+habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder
+weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für
+ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.
+
+Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu
+entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er
+mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe
+man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der
+verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er
+öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde
+verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
+Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein
+Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der
+Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie,
+zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen,
+Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den
+andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren
+Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief
+ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
+blaß.
+
+Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es
+wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen,
+als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere
+Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein
+auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
+Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm
+Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke
+auf.
+
+Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er
+maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu
+sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte
+Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben,
+was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium
+entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein
+geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen.
+
+Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer
+ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein
+galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm
+nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung
+wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers
+wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag,
+nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war
+wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
+mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn
+Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen
+Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine
+Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das
+über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
+alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte
+hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über
+Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war
+ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt;
+er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich
+und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur
+Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas
+Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte,
+ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis
+und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen
+und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die
+Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit
+verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher
+Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben
+Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das
+ewig Lebendige vom Verwesten scheide.
+
+Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in
+sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz
+und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn
+überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer
+darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er
+fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte
+Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich,
+mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben
+lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
+Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß:
+Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.
+
+»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung.
+Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die
+Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den
+Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir
+deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk
+sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis
+abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«
+
+»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus
+Überzeugung.«
+
+»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.
+
+Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte
+Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien
+mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges
+auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse
+er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die
+heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der
+wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem
+sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und
+Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.
+
+Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen
+vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines
+Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte
+ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht.
+Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er
+anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die
+Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen.
+Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine
+Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so
+müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles
+außer Rand und Band.
+
+Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf
+dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich
+eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper
+stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen
+wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht
+vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom
+Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm.
+
+Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit
+Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie
+allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich
+Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle
+verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch
+in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur
+darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.
+
+Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn
+schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch
+hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges
+Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach
+unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
+hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg.
+Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich
+bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald
+in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser,
+Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von
+Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm
+zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der
+Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.
+
+Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu
+einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im
+Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die
+Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß
+Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa
+eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber
+korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad
+gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn
+ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin
+sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein
+sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert,
+wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß
+er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie
+seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
+feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine
+umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken,
+der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann
+stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink
+lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen,
+er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah
+Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie
+einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der
+Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider
+Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen,
+da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte
+sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort.
+Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied
+singen.
+
+Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine
+schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren
+schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über
+den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen.
+Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums
+Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es
+hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren,
+in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die
+Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde
+wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so
+viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße
+auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.
+
+Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie
+erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und
+dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten
+sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe
+zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus
+Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte,
+begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und
+Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte,
+für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch
+Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde
+bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu
+Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
+begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.
+
+Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung.
+Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in
+der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort
+eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so
+erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den
+Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die
+sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der
+Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen
+Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
+heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug
+damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde,
+mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne
+selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf
+skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite
+zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres
+Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb
+schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten
+Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der
+Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne
+Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem
+Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an
+den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.
+
+Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen;
+jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter
+und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal
+solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl.
+Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte
+sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse
+Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine
+bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als
+Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr
+abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf,
+Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden
+fesselten.
+
+Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht
+zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden
+Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute
+zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und
+Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären.
+Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen
+das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und
+Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität,
+hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu
+handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei
+Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
+der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
+stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des
+Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der
+Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle
+sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu
+fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag
+brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge
+bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig
+aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen
+Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern
+gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die
+sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei
+es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein
+unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und
+Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen
+zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den
+schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung
+alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer
+Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
+nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein
+unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die
+Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt;
+erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann
+wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.
+
+Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste
+zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in
+Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in
+ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun
+hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die
+wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen
+Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den
+Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da
+wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf
+der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten
+Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem
+umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es
+war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn
+fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.
+
+Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend
+umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm
+man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas
+Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner
+gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz
+erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des
+ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf
+dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen
+Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet,
+geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt;
+der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er
+in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der
+Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf;
+die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch
+seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse
+für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian
+zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
+»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
+
+Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise
+eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die
+bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian
+nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu
+sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
+
+»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben
+habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat
+verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben.
+Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit
+genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch
+keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten
+Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen
+Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem
+die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich
+ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger
+alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die
+aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt
+über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem
+glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten,
+gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also
+der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie
+hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
+zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel,
+Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
+
+Und er fuhr fort:
+
+»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt.
+Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand.
+Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema
+getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja,
+wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen,
+eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes
+Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig
+dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen
+läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so
+unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre
+Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in
+uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so
+viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu
+einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise
+versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde
+der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das
+nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich
+erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine
+Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich
+erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer
+Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir
+steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine
+persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für
+vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten
+muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum
+deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und
+Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
+alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir
+ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen
+angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator
+halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor
+zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert
+mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr
+könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das
+andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben
+wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon
+was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern?
+Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock
+schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und
+Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen,
+das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich,
+sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
+habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf
+die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt
+habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber
+gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am
+Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes
+werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie
+wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt,
+es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da
+ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
+beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem
+Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch
+zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den
+Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich
+jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen.
+Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr
+diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,«
+rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende,
+»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich.
+Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär
+es ein Einziger.«
+
+Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam,
+indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du
+sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder
+nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich.
+Dann mußt du mich zu finden wissen.«
+
+Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm
+das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt,
+die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.
+
+
+
+
+Die zweite Stufe
+
+
+Rottmanns Brief
+
+Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
+Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen
+verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen
+Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der
+Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor
+die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
+Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch
+bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt
+Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
+Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle
+auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider
+allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern
+nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat,
+von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart
+und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze
+achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute
+Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege
+abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in
+meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich
+erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der
+Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den
+unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von
+Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes
+Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es
+einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
+Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine
+Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter
+dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um
+eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen,
+der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem
+versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In
+besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
+Domgasse 8.
+
+
+Dorine
+
+Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von
+Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter
+nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines
+natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum
+Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im
+Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von
+außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der
+der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das
+Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.
+
+Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann
+geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche
+Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat
+war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine
+Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren
+Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die
+gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen
+Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede
+sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und
+Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab
+wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel
+ein Wort zu verlieren brauchen.
+
+Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes.
+Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem
+Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine
+ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner
+Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man
+mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war
+Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten
+und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.
+
+Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft
+ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach
+vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah
+und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner
+Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in
+der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das
+schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.
+
+In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische
+Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach
+Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den
+Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen
+sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine,
+in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen
+Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.
+
+Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen,
+nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß
+sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das
+einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener
+Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles
+das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß
+einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem
+tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als
+Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ
+sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente
+Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln
+eines dauerhaften Gewebes geglichen.
+
+Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und
+Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn
+zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm
+nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden
+sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und
+Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben.
+
+Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine
+gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht
+hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war
+anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war
+ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten
+leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas
+bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete
+auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau;
+sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast
+fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei
+Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die
+vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.
+
+Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre
+Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte
+sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande
+weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten
+Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war
+Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa
+waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre
+Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein
+kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte
+botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und
+gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine
+Flora.
+
+Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie
+Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr
+ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern,
+ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den
+schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon
+machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es
+beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln,
+hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.
+
+
+Banger Traum
+
+Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl
+Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es
+ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß
+zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem
+Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer
+persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden
+Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei
+Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.
+
+Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von
+Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber
+seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.
+
+Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von
+Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem
+Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar
+vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit
+einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien
+durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur
+zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die
+Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien
+tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der
+verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen
+seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem
+Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar
+gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen
+und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das
+von den eigenen Leidenschaften diktierte.
+
+Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes,
+Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren
+Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte
+die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende,
+verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen
+Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch
+über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die
+jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen,
+Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht
+werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum
+sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen
+bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages
+entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt,
+in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur
+Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so
+geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.
+
+Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn
+die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings
+auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und
+unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
+daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen
+Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten
+solle?
+
+Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich
+selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und
+Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff
+ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie
+sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn.
+
+»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine
+Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes
+Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen
+war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt
+keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit
+ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.
+
+Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu
+retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen
+vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils
+geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im
+ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.
+
+Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer
+von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte
+bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu
+begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der
+Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame
+widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur
+Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war,
+der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? - Und wie ihm
+Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie
+genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem
+er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher,
+Beschöniger?
+
+Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der
+ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch,
+eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging;
+schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
+von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden
+sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas
+herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber
+geschwebt hatte, schlummernd.
+
+Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr
+zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau!
+Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und
+nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte,
+von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie
+schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh.
+
+
+In einem Tropfen Blut
+
+Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen.
+
+Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde
+ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das
+Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln,
+was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von
+seiner Ankunft benachrichtigt.
+
+Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider
+ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die
+eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren
+als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm
+Sicherheit.
+
+Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren
+gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim
+königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde
+meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar,
+unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,
+teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir,
+hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.
+
+Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die
+Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch
+kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm
+er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch
+eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von
+Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von
+besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er
+hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl
+jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der
+nämlichen Würde und Ferne.
+
+Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu
+überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In
+allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu
+beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt,
+jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn
+verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener.
+Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das
+Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da
+berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf
+der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein
+Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht
+gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende
+Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn?
+
+Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie
+hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen
+bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine
+neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch
+zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich
+war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren,
+sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend,
+und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der
+Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines
+Gesprächs.
+
+Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die
+Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei
+Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig
+unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie
+ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen
+und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen
+ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte
+sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der
+Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen,
+bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in
+unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge
+kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte,
+durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.
+
+Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das
+Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter
+verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war
+kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit
+gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab
+ein anderes Bild als die Vermutung.
+
+Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn
+aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen
+Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden
+Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!«
+
+Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme
+über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es?
+Erzähle.«
+
+Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom
+hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die
+Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man
+über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott
+sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der
+unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen
+und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der
+Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige
+Würde und vertraulichsten Umgang.
+
+Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder
+Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr
+galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges
+Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte
+achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom
+Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen
+das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so
+daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald
+gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich
+geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.
+
+Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer
+Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln,
+Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer,
+williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere
+Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen
+wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man
+ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht
+wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm
+verfahren.
+
+Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die
+Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht
+zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht
+vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden
+verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem
+Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans
+Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse
+sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in
+dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich
+da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich
+selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts
+mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit
+großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder
+haben, ehrlich vor allem.«
+
+Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich,
+um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe
+nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort
+sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe
+trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel
+Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es
+nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem
+musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es
+zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.
+
+Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich.
+Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines
+Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und
+schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es
+ist spät, ich bin müde.«
+
+Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie
+schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die
+Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem
+Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und
+größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und
+durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den
+Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide.
+Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das
+Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt;
+es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud,
+und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.
+
+Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu
+Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück,
+drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte.
+
+Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.
+
+Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu
+sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten
+nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie
+schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie
+ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder
+zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung
+nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der
+Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne
+vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl.
+
+
+Nymphe und Faun
+
+Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum
+Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das
+aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache
+fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül
+waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem
+Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder.
+Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er
+kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen
+schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über
+die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut
+er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach
+Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen
+und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke,
+heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden
+Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo
+Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den
+Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen,
+das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut
+eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit
+demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen
+könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin
+bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an.
+
+Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er
+wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und
+standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah
+weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus
+Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am
+Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden
+mußte.
+
+Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das
+Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom
+Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot
+nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu.
+Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume;
+schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab,
+ins Grenzenlose.
+
+Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys
+und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus
+Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden,
+noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu
+bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und
+erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe
+er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben
+Sinn.
+
+So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal
+der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor
+der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die
+gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie
+erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf
+gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen
+nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen
+die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß
+sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie
+zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein
+richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich
+zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie
+verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es
+hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte
+völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und
+Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu
+viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß
+gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.
+
+Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges
+Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und
+die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen
+Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen
+Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich
+über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden
+und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und
+was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu
+sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde
+nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich,
+in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur
+widerstrebend ab.
+
+Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem
+Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und
+mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne
+Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken
+und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und
+erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem
+hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war
+sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr
+offenbar nicht zugetraut.
+
+Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt
+sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur
+nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht.
+Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale
+um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag
+unzugänglicher wurde.
+
+Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich
+wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck
+jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie
+zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die
+Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er
+zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen
+Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab,
+alles war Zurückweichen und Flucht.
+
+Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf
+sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines
+der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte
+Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf,
+Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem
+Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das
+Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke.
+Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und
+Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins
+Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für
+sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne,
+besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender,
+nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom
+Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen;
+er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit
+sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den
+die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier.
+Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich
+mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem
+Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie
+und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr
+Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe
+schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen.
+Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah
+ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem
+Boden.
+
+Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben,
+ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem
+Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze,
+bittere Genugtuung hätte sehen können.
+
+»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche
+Ding.«
+
+
+Sommertag und -abend
+
+Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch
+Dickicht schlug.
+
+Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf
+ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben,
+Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie
+saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die
+Zeichen des Alterns.
+
+Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie
+wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es
+sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen,
+seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie
+machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten,
+Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen
+nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen,
+Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter
+irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle
+arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und
+kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen
+aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt
+sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines
+Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von
+feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens,
+vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick
+und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe
+ihn sich errungen.
+
+In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn
+gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen,
+Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert,
+schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß,
+der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge
+leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend.
+Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen,
+der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel
+empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und
+Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit
+binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke
+Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines
+lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe
+ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe
+das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und
+nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung,
+sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was
+sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis
+sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur
+so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele
+zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter
+Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die
+Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die
+Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen,
+oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem
+Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße
+und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es
+vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den
+anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu
+often Malen irre.
+
+Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein
+unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage,
+Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging
+auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal
+wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und
+erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen,
+daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen
+Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der
+Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten
+Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben,
+ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die
+Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die
+Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee
+bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen
+Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht
+schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht
+besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich,
+so doch dafür sehr egoistisch.
+
+Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein
+Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und
+erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln,
+Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war
+ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie
+gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit
+scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über
+den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel
+glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da
+sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß.
+
+Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten,
+durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem
+Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am
+Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer
+Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder
+folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger
+Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich
+und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein
+leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim
+Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge
+Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein
+hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den
+Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz.
+Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit
+schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen
+Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden
+war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung
+genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war
+ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer
+erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren
+Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den
+Kopf getötet.
+
+Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete,
+dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte
+Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende
+Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes
+hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages.
+Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das
+ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet
+hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er
+auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch
+überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der
+breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote
+Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist
+es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus
+Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich
+durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.
+
+Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die
+Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende
+Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich
+so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar
+wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug,
+zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in
+einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten
+Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich
+der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der
+Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu
+machen.
+
+Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß
+ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte
+sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen
+kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und
+als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch
+verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich
+zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie
+sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und
+wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.
+
+Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer,
+Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem
+Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie
+war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte,
+über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß
+sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und
+ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische
+Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder
+spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete
+sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.
+
+Sie las: Lieber einziger Freund.
+
+Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann
+langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der
+äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl,
+stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten,
+wurde bleich und bleicher, las und las:
+
+
+An Lucian
+
+Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich
+und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer
+recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und
+erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich
+diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde.
+Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
+nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit
+dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern
+Menschen als Empfänger und Leser denken.
+
+Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei
+verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine
+soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine
+Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und
+bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je
+höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er
+es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.
+
+Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig.
+Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich
+erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich
+gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
+gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen,
+was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu
+halten.
+
+Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber
+macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein
+Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist
+das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber
+nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung
+etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst
+oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres
+wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber
+schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein
+noch aus weiß.
+
+Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis
+zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß
+du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat
+mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem
+Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
+der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von
+Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die
+Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte
+für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates
+doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem
+Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
+Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine
+Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird.
+
+Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir
+gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den
+beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem
+bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen,
+denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine
+Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das
+dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich
+Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So
+weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.
+
+Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen,
+flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort
+nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie
+mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das
+Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie
+glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt
+das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten
+Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
+Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die
+Träume.
+
+Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die
+natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie
+gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht
+geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig
+wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft
+werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine
+besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die
+Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der
+Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten
+liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu
+nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen?
+frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch
+den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar
+Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche
+Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann
+dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt.
+Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst,
+Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und
+Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie
+erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je
+unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die
+Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.
+
+Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in
+der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf
+dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese
+Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich
+haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift,
+das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und
+in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist,
+da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine
+heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein
+fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir
+eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt
+und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich
+packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei
+Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem
+glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare
+einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin
+selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu
+brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das
+dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.
+
+Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd,
+Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich
+mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom
+Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände
+hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian,
+die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung,
+leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so
+in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich
+dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das
+Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es
+einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der
+Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick
+dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches
+in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das
+ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele
+und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als
+ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen,
+der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
+sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer
+Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte?
+
+Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau
+kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene
+Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das
+macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut
+vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte,
+keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der
+Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des
+Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch
+das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in
+meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht
+verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt
+erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
+geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig,
+als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von
+mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt
+schwer, wie du begreifen wirst ...
+
+An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
+
+Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand
+wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu
+beschwichtigen waren.
+
+
+Der Haß
+
+Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem
+Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm
+zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag
+besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«
+
+Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von
+seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit
+einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie
+leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er
+mit seinen Eltern da?«
+
+»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine
+Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.«
+
+»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.«
+
+»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er
+erwartet nämlich seine Braut.«
+
+»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit
+dir?«
+
+»Nein; zwanzig denk ich.«
+
+»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge
+Dame, und wer ist sie?«
+
+»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal
+gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.«
+
+»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß
+Dorine das Gespräch.
+
+Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie
+abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen
+Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem
+Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
+erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse
+Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.
+
+Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er
+verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken
+zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas
+lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
+Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst
+mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das
+blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu
+glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die
+sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet
+Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt
+schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.
+
+»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren,
+»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie
+sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.«
+
+»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich
+trocken.
+
+Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da
+kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im
+Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette
+im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz.
+Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du
+gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen
+wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.«
+
+»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten.
+
+»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das
+werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein
+reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.«
+
+Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein
+bei dir?«
+
+»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz
+unsere private Angelegenheit.«
+
+»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es
+dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen
+Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.«
+
+»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will
+ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen
+werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht
+vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen
+Tatbestand auseinandersetzen?«
+
+»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr
+zugetragen. Wir sind Provinzleute.«
+
+»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson.
+#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite.
+Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement
+gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen
+Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die
+Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du,
+Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern
+Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern,
+und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir
+müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir
+aus der Faulheit helfen.«
+
+Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
+Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem
+Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die
+Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem
+Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu
+seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und
+abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel
+Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den
+andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.
+
+Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie
+Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten
+miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider
+Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte
+Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte,
+sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig
+aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine
+verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag
+verdächtiges Zwielicht.
+
+Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich
+selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit
+dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte
+Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen
+mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine
+entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn
+er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen
+vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft
+Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von
+unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein
+Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
+sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich
+über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit
+nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht,
+um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
+wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete
+Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich
+warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink
+kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«
+
+Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser
+wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf
+und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde
+mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten
+vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre
+bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst,
+beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei.
+»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand,
+»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er
+sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief
+er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«,
+murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.
+
+Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte
+ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte
+mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf
+setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als
+sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.
+
+Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen
+kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit
+fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an
+ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
+Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber
+wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring
+mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch
+sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
+wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug.
+Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott
+beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in
+keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
+Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon
+nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch
+das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten.
+Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so
+sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht
+nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein
+schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die
+Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und
+dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und
+zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des
+Unbehagens erweckte.
+
+Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt
+hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal
+zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie
+ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham
+war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so
+entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne
+Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne
+Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde
+schweigsamer und schweigsamer.
+
+Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu
+weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe,
+ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen
+Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten
+Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener
+wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen
+trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich
+Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich,
+daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser
+antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief
+wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die
+Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte
+errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
+verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das
+junge Mädchen.
+
+Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen
+Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr
+Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den
+Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte
+ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem
+Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine
+Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von
+Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der
+Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die
+ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge
+Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb
+um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt,
+die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und
+unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren
+ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt
+schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein
+heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert
+hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der
+Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten.
+
+Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu
+beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden,
+überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink
+oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für
+ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich
+nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem
+Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er
+war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig
+uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären?
+Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der
+Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der
+Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie
+seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem
+menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und
+Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war
+nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte
+verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer
+Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so
+war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man
+sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich
+des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein
+Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.
+
+Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm
+täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit
+beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war
+unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein
+und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die
+Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die
+Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel
+verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät
+in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder;
+sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den
+Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller
+Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der
+beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz.
+Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
+selbst.
+
+Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle
+erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als
+es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa,
+verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink,
+wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
+Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt
+dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte
+ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit
+einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein
+unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder
+albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.
+
+Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und
+mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die
+Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian
+damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
+ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte
+und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas
+ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.
+
+Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich
+und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er
+mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem
+Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts
+dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu
+umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen,
+wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs
+Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu
+bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses
+Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
+unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein
+Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen
+mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten.
+
+So war es mit Fink bestellt.
+
+Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals
+und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde.
+Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam
+gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
+waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte
+er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie
+taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie
+war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten
+Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die
+Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das
+Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum
+Gartentor.
+
+»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem
+Achselzucken und folgte ihr.
+
+In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch
+die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene
+mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert:
+wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich
+gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
+seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste
+getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden
+schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und
+Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag.
+
+Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende
+Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm
+graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das
+Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand
+rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
+Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor
+der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das
+fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.
+
+Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum
+schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.
+
+
+Die Lüge
+
+Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen
+Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich
+Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes
+Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder
+hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der
+Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der
+Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und
+Verlust nie schwieg.
+
+»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
+geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und
+folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.«
+
+Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine
+Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt.
+Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der
+Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den
+Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und
+gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre
+Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine
+Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel
+aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der
+Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man
+achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze
+des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu
+wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch
+unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.
+
+Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer
+Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme
+entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu
+untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung
+zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück:
+die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern
+und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins
+Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man
+gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach
+Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für
+allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit
+einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor
+und verlangte Führung und Trost.
+
+Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis
+hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf
+mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns,
+und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen,
+in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem
+Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und
+meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.
+
+Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz.
+Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und
+Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch
+dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische
+Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied
+es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den
+kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er
+Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er
+schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig
+Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas
+Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.
+
+Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit
+Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb
+es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum
+Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem
+unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich
+rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken
+Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er
+sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den
+aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem,
+den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann.
+
+Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn
+nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute,
+sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf.
+Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«
+
+Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche
+nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn,
+Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie
+ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem
+Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine
+beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher
+Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das
+Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium
+und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.
+
+Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den
+großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen
+Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem
+Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die
+Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn
+eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und
+die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend
+mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja
+bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es
+denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es
+aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der
+verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er
+könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,
+Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm,
+vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie
+solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so
+ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig
+hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten.
+»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein
+Gewitter hängt am Himmel.«
+
+Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an
+der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit.
+Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.
+
+Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem
+Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete
+sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind
+zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die
+Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die
+Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten
+sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte
+die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre
+Schulter.
+
+Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben
+hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende
+Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es
+war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.
+Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte,
+ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner
+der Dinge, einen liebenden Rater.
+
+Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil
+ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest
+gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes
+Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher
+Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so
+dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige
+Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber
+Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte.
+
+In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster
+schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden
+befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu
+bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und
+im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor,
+wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben
+ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie
+ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in
+denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen.
+Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche,
+schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte,
+eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen.
+Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer
+Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem
+zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt
+Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den
+Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur
+für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in
+munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während
+sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte,
+erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.
+
+Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den
+Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze
+Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und
+Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste
+Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die
+allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette
+hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot,
+der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der
+Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche
+Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die
+fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen,
+das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine.
+
+Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war
+seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um,
+sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.
+
+Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte,
+fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen
+Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.
+
+In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein
+Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich
+langsam krochen die Stunden.
+
+Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte
+Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust
+verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.
+
+Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von
+anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt,
+der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund
+vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig
+hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir
+Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre
+das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der
+Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem
+Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit
+einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist
+Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich
+mit einem Sohn, der lügt!
+
+Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach
+einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah
+den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein
+Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit
+schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte,
+schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.
+
+Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten
+auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er
+trat ein. Er verharrte neben der Tür.
+
+»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen.
+
+Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und
+blickte vor sich hin.
+
+»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß
+keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.«
+
+Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig,
+als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.«
+
+»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«
+
+Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann
+hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn
+der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der
+jetzt vor mir steht, das bist du nicht.«
+
+Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.«
+
+Sie zuckte geringschätzig die Achseln.
+
+Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus
+der Person etwas mache?«
+
+»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit.
+
+Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie
+zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus
+der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch
+nicht glauben?«
+
+Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher
+Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von
+der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines
+Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja
+noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie
+maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber
+bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft
+finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.«
+
+Damit verließ sie das Zimmer.
+
+Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich
+in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang.
+
+
+Pygmalion
+
+Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser
+geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon
+auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks
+willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber
+alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die
+peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
+friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt.
+
+Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da
+und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht
+die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt
+beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
+das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es
+dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle
+nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie
+wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der
+Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen.
+»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin
+und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer
+warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin.
+Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja
+nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu
+anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie
+sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer
+annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide
+Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
+verhehlter Pfiffigkeit an.
+
+»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich
+ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in
+seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm
+etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit
+abgesehen.
+
+Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf
+einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über
+deine Idee mit dem Pfauenhof.«
+
+Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und
+wie geistlos du bist?«
+
+Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine
+häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich
+eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du
+dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer
+Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir:
+was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei
+Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß
+wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein
+Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur
+damit man sich danach richten kann.«
+
+»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei
+beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß
+jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein
+Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil
+ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue
+und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und
+zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und
+darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
+selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären,
+aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß
+ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der
+Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich
+tun soll.«
+
+Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in
+Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt
+und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig.
+Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte
+dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen
+freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab.
+Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind
+allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem
+wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
+Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem
+lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie
+die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.«
+
+»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da
+bist du auf dem Holzweg.«
+
+»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich
+verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut
+geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die
+Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den
+Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus,
+Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng
+dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.«
+
+Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig
+Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch
+den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas
+sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern
+bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das
+Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte
+unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?«
+
+»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink
+verdrossen.
+
+Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und
+Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin,
+keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten
+schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst
+du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?«
+
+Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht
+ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen
+Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes
+bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider
+legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich
+zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in
+Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in
+dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie
+den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper
+nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor.
+
+Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer
+zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse.
+
+»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür.
+
+»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach.
+
+Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die
+Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der
+greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten
+vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder
+umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich
+stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel
+eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen
+umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die
+Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt.
+
+Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil.
+»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie
+viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter
+anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins
+Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse
+Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene
+Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und
+gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder
+besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich
+dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der
+Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden
+soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die
+Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig
+ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber
+die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen
+kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in
+deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da
+hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht
+ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und
+es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an
+Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...«
+
+Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es
+später zu verstehen suchen.
+
+Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er
+feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn
+man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man
+dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in
+Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche
+Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies
+ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit?
+Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht,
+sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?
+
+So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete
+nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim
+Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund
+kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
+Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine
+Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war
+ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie
+in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
+banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein
+rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins
+Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.
+
+Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am
+Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu
+sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat,
+lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf
+hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig
+gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,«
+flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in
+drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner
+Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«
+
+Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut
+hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die
+»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und
+bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären
+unbequeme Fesseln von ihr genommen.
+
+Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte
+sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder
+gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend.
+
+»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt.
+
+Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.
+
+»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu
+einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein
+niedriges Bänkchen am Fenster.
+
+»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor
+Schwüle.«
+
+Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.«
+
+Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze
+Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein
+Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen
+schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich,
+und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
+Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie
+umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des
+Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen
+Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?«
+Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und
+lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie.
+
+Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf
+sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender
+Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge
+ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein
+war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen,
+fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt
+erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden,
+gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit.
+
+Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen
+zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das
+leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.
+
+Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf
+an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?
+
+Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten
+Stimme: »Ich werde kommen.«
+
+»Sicher?« jubelte sie leise.
+
+»Sicher.«
+
+Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor,
+Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug
+stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die
+beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
+etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von
+den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig
+ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der
+Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn
+ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten
+die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend
+unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht
+recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit
+einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich
+ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.
+
+Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie
+legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her.
+Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
+Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof
+gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien
+ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte
+Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat
+sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das
+sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein
+Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des
+Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte
+Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
+Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und
+es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten
+wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan
+handelte.
+
+Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans
+Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und
+begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen;
+nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem
+Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.«
+
+Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom
+Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die
+Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr;
+es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend
+hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun
+war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt.
+
+Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem
+sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach
+auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.«
+
+Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das
+nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall
+nicht gehorchen kann.«
+
+Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob
+sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas
+Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«,
+wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer,
+bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.«
+
+»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein
+Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave
+nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür.
+
+Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur
+Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen
+Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave
+oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht.
+Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!«
+
+Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,«
+röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es
+geschieht etwas ...«
+
+»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das
+Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah.
+
+Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne
+Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten
+sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme,
+umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit
+entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach
+zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur
+draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege
+hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang
+hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.
+
+Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger
+Kirche.
+
+Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen
+verebben.
+
+Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang
+widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den
+schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner
+Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie
+jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen
+Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz
+in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das
+nicht, daß sie jetzt nicht kommt!
+
+Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die
+Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein
+Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge
+durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam
+nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich
+in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben
+Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl
+von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war
+schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld.
+
+Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr.
+Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter
+vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen
+und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik,
+der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln.
+Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es.
+
+Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug
+und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine
+Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen
+schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die
+Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung
+vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen.
+
+Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch
+Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück
+Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man
+mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war,
+sich mit ihm abzufinden.
+
+Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer
+lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine
+Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner
+Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich
+er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig,
+ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte,
+ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer,
+das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß
+leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und
+begann unaufhaltsam still zu weinen.
+
+Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und
+dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen
+Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle
+die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als
+er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine
+Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt.
+Sonst war nichts zu unterscheiden.
+
+Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die
+Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit
+seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte;
+er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren.
+Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen.
+Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den
+Kopf in ihren Schoß.
+
+Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem
+Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine
+beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der
+dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich,
+über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich
+wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein,
+so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht
+über ihn strömte.
+
+Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es
+herausmeißeln aus dem Traum?
+
+
+
+
+Die dritte Stufe
+
+
+Begegnung am Ufer
+
+Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September,
+Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit
+seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.
+
+Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu
+lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden;
+plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel
+stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
+Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen
+hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr,
+die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern
+im nüchtern-alltäglichen Ablauf.
+
+Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans
+Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter
+bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich
+alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
+daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie,
+rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er,
+uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene
+Verantwortung führen.
+
+Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte
+ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem
+Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig
+gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren,
+wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für
+förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit
+gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie
+erzogen und errungen war.
+
+Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu
+vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle
+und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am
+Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum
+unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde
+nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel
+war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug
+ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins
+Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
+von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt,
+erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein
+Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern
+oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit
+Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
+Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und
+nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend,
+sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung.
+
+Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche
+Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit.
+War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von
+ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein
+scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr
+galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß
+sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung
+und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer
+etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die
+empfindsamste und wachsamste, die es gibt.
+
+So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten
+Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen
+konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs
+Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten
+herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt
+richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und
+Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien,
+Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian
+verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein
+Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt
+Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im
+einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge
+witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und
+Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende
+Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.
+
+Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung,
+wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das
+Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin
+nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der
+Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem
+Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte
+dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im
+Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster,
+denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll
+unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus
+Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden
+Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in
+einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in
+ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat
+den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig,
+»beim ersten Hahnenschrei schon.«
+
+Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit
+Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte,
+erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die
+mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des
+Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war
+eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes
+Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes
+hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden
+auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die
+Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last.
+
+An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog,
+gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen
+schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der
+Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum
+erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges
+Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys
+erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der
+Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender
+Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen
+schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede
+ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor,
+der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung
+predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte,
+daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das
+Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander
+abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen
+Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich
+zerfalle und erstarre.
+
+Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und
+Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht
+regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von
+hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
+zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es
+ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin,
+der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In
+all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
+einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
+andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.
+
+Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt
+vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.«
+
+»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt,
+was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er
+mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur
+und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für
+mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.«
+
+»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer
+ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich
+frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr
+nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank
+schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was
+wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an
+den Tag kommen. Denkt an mich.«
+
+»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor
+nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?«
+
+»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich
+damit sage.«
+
+Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun
+schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen
+entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren
+es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
+ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn
+oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus
+einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem
+Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von
+dem ein violettes Band auf die Schulter hing.
+
+Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von
+so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und
+Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt
+stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins
+Gesicht starrten.
+
+Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft
+ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn
+das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein
+einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte
+stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn
+dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im
+nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die
+Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern.
+
+In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten
+sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber
+Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In
+den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor
+und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke,
+Wunsch und Finsternis des Herzens.
+
+Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer
+Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen
+wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige
+Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend
+der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine
+hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune
+Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend
+und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für
+das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm
+alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich
+trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die
+Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein
+für allemal Geprägte des Menschenwesens.
+
+Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter
+gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie
+ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter
+sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er
+ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich
+entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die
+Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und
+Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander.
+
+Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz,
+grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum
+Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand
+und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom
+Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig
+überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer
+Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort;
+»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon
+erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
+Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die
+alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so
+schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,#
+genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe
+sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu
+können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und
+Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber
+keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch
+geworden ist.«
+
+Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die
+Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten.
+
+
+Tragischer Abend
+
+Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß,
+von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel
+hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte
+Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
+Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der
+Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs
+Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf
+mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte
+sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine
+wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend.
+
+Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub,
+eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer
+Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab,
+schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
+verstehen, daß sie ihm schmeckten.
+
+»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig
+zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß.
+Aber es ist überflüssig, davon zu reden.«
+
+Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene
+des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche
+für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich
+heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir
+ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so
+erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem
+Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich
+nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen
+könne.«
+
+Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte
+betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie
+ausdrückten, was er empfand.
+
+»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter.
+
+»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu.
+
+»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man
+sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt
+oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird,
+dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist
+euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es
+die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen,
+etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein
+anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?«
+
+Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder
+sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen
+Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns
+selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die
+Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen
+untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff
+betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer
+als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und
+durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß
+Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus
+einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten
+umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie
+nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
+undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen.
+Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch
+nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich
+Medium, nämlich Geist unter Geistern.«
+
+»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir
+müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge
+und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen
+Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu
+früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder
+das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich
+der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum
+Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft
+und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens
+jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er
+den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten,
+das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus.
+Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen
+gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran
+erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln
+und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.«
+
+»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden.
+Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden
+Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn
+auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit
+aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit
+glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da
+erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war
+ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.
+
+Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war
+nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den
+Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben.
+Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es
+ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht
+war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand,
+unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust
+stand schon vor ihr und verbellte sie.
+
+Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen
+bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige
+Frage Georg Mathys' riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete
+Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die
+ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man
+im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern
+waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen
+Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden
+hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand;
+mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver,
+der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in
+der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins
+Moos.
+
+Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm
+lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender
+Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den
+Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die
+rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen,
+hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich
+hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den
+Abhang hinunterstürmenden Schritte.
+
+Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die
+regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen,
+eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte
+aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der
+Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft
+alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten
+unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest
+außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen
+befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte
+die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der
+Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn,
+wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er.
+Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese
+ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib
+war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war
+Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit
+abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden,
+konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß.
+
+Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der
+Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher
+Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht,
+dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies:
+sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte
+gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen,
+sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich
+gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den
+ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt;
+Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen.
+
+Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden
+solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht
+gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff
+von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht
+und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der
+Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu
+besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich
+darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort,
+die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel
+verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die
+überlebe es nicht.
+
+Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung,
+sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis
+zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich
+erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie
+sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die
+Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter
+oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen
+solle?
+
+Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die
+verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie,
+es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb
+sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren.
+
+Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den
+Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der
+Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf,
+gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter
+telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der
+Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider
+überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei
+Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die
+Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um.
+
+Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen,
+sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr
+düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in
+ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie
+groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester
+gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es
+seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich
+wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit
+wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt
+zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er
+ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont,
+müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans
+Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener
+Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut.
+
+Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher
+Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den
+des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.«
+Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim.
+
+Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause
+gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so
+gewöhnlich.«
+
+»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das:
+gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost.
+Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind
+festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist
+gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?«
+
+»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück.
+
+Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des
+Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt
+mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie
+dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert
+fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige
+Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie
+bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die
+Verzweiflung ...«
+
+»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man
+auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die
+oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich
+ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann
+warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine
+Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.«
+Nichts weiter, aber es war viel.
+
+Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere
+ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys
+sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte
+sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu
+dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die
+ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich
+aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das
+Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die
+Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden
+Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der
+Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch
+verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht.
+
+
+Das Unbedingte
+
+Die Stunden, die nun folgten, hinterließen in Dietrich den Eindruck
+zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gespräche, Gesichter, Gebärden,
+es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse
+rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel.
+Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht tätig und nicht schlaff; es
+war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er
+bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mächtigen,
+unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schöpfte Atem.
+
+Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in
+das Musikzimmer neben dem Vestibül. Leute gingen fortwährend ein und
+aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen
+sie ehrerbietig zur Seite und einige grüßten stumm.
+
+Frau Landgraf hatte man ohnmächtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel
+zu schaffen, verbot sich. Dietrich öffnete den fremden Gästen sein Haus,
+und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen.
+Der nahm es dankbar an, hauptsächlich im Hinblick auf den Zustand seiner
+Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Gärtner
+hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war
+aus der Bewußtlosigkeit noch nicht erwacht. Später weinte sie
+ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemüht.
+
+Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm
+angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es
+befreite von dem Gefühl, sich völlig Unbekannten zu verpflichten. Daß
+die Leiche nicht überführt, sondern in Ermatingen beerdigt werden
+sollte, beschloß er noch am Abend. Notwendige Formalitäten zu erledigen,
+durfte man nicht säumen. Die sommerliche Temperatur ließ das Verbleiben
+der Leiche im Haus länger als über die Nacht untunlich erscheinen. Es
+mußte der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem
+Pfarrer, mit der Ortsbehörde und mit dem Distriktsarzt wegen des
+Totenscheins waren anzuknüpfen. Mathys und Justus Richter erklärten sich
+mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins,
+Regierungsrat Westerland, tätig unterstützt; er war an der
+Unglücksstätte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil.
+Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab
+so verkehrte Antworten, daß man schließlich auf seine Mitwirkung
+verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr
+mit den jungen Leuten weg.
+
+Das alles war für Dietrich fern; Geräusche, Huschen von Schatten.
+Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn
+um den Weg nach der Küche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie
+eine fehlende Ledertasche; das Gepäck war vom Adlergasthof geholt
+worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit
+flüchtigem Blick und antwortete unbestimmt.
+
+Er verließ das Haus. Da fast alle Fenster des Gebäudes erleuchtet waren,
+dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knöchern-harte Stimme
+des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand
+Rechenschaft verlangt oder Umstände aufzählt, mit denen er einen
+Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein
+Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte
+sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er
+verstand nur diese Worte: »Ich bin dazu verdammt, unter Unzulänglichen
+zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer
+Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und
+nichts verhüten zu können.«
+
+Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen,
+die er gestern noch nicht gewußt, die heute unter seinem Dache wohnten,
+ihm verbunden durch eine Tote.
+
+Er verbarg sich, als er die Freunde zurückkommen hörte. Eine Weile
+unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn
+gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren müde,
+warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es
+verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Händen umgriff er
+das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen
+Welt; Leiden durchdrang ihn.
+
+Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war
+versperrt, er hatte die Schlüssel nicht, aber an der Seitenfront war ein
+Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er
+befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit
+pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den
+Raum, in dem die Leiche lag.
+
+In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau
+des Gärtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in
+einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte
+seltsamerweise der Neufundländer.
+
+Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt
+herab, über die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war.
+Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sproßte. Die
+Schußwunde war vom Haar verdeckt. Die Schönheit der Züge war ins
+Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das
+Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mündete.
+Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hieß an der Grenze sein und
+Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog,
+war jenseits von Gefühl und Willen, auch was ihn zwang, die Hände zu
+falten und zu beten.
+
+Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drückte neben
+Altgeläufigem und Verständlichem ein Mysterium aus, an das noch kein
+Gedanke von ihm gerührt hatte.
+
+Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er,
+und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne
+Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn
+schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen öffneten sich zu einem
+Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die
+gekreuzten Hände an die Brust.
+
+Dietrich grüßte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den
+Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir.
+Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus
+dem abermaligen Knurren des Hundes schloß, daß das junge Mädchen hinter
+ihm ging. Er hielt die Tür offen, sie trat ein, er machte die Tür wieder
+zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundländer wehrend, der
+mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: »Was hat das Tier?
+Ich begreife nicht, was es von mir will.«
+
+»Ich versteh es auch nicht,« antwortete Dietrich befangen; »still, Rust,
+Platz!« gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht.
+
+Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und
+schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weiße Kleid vom Tag,
+darüber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke,
+mehr als mittelgroße Gestalt bis über die Hüften einhüllte und ihr etwas
+zugleich Bescheidenes und Würdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten
+machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen
+namentlich.
+
+Plötzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: »Warum sehen Sie mich so
+an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie,
+das spürt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus
+begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?«
+
+In der Tat hatte Dietrich, während sie am Fenster stand, mit dem Rücken
+gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. »Nichts,« erwiderte er
+scheu und fast erschrocken, »es bedeutet nichts Besonderes.«
+
+»Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!«
+
+»Nichts, als daß Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr
+geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig
+gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; für mich ist
+es viel. Um halb sechs Uhr war es, daß sie an mir vorübergegangen ist.
+Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber
+seitdem weiß ich, seit sieben Stunden weiß ich, was Leben ist. Und seit
+fünf Stunden weiß ich, was Tod ist.«
+
+Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen
+Zug von Erschöpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlächeln.
+
+Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte
+lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster
+Aufmerksamkeit an. Hierauf flüsterte sie mit einem Ausdruck düsterer
+Betroffenheit: »So also. Das also.«
+
+Sie setzte sich auf ein Taburett, verschränkte die Hände über den Knien
+und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses
+Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lösen.
+
+Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er
+glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere,
+und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er hätte nicht zu sagen
+vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es
+schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst enträtselt werden
+mußte, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen,
+unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es
+wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war
+beseelt und wieder leer; voll Maß und Stille, dann wieder quälend
+bewegt.
+
+Das Haar, weit dunkler als Cäcilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz
+gehalten, sondern über dem Nacken in einen reichen Knoten gefaßt, über
+Schläfen und Ohren in natürlichen Wellen fließend. Das Seltenste,
+graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick
+war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang
+geschwungen und ungewöhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer
+harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zügen einen stolzen
+Charakter, so wie die bronzene Bräune der Haut, unter der die Blässe
+schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und
+Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich
+sammelte; auch enthüllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen
+Empfindungen und Trieben gemäß, denen das innere Wesen hingeworfen war
+oder sich versucherisch, empörerisch zur Beute lieh. Dietrich spürte es;
+es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr.
+
+Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und
+durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen
+nicht zu herrschen pflegt: »Warum hat sie es getan?«
+
+Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte,
+wiederholte er im nämlichen fallenden Rhythmus: »Warum hat sie es
+getan?«
+
+»Ich weiß es nicht,« sagte Hanna finster, »fragen Sie mich nicht.«
+
+»Nie werde ich aufhören, es zu fragen«, entgegnete Dietrich leise.
+»Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie müssen es wissen. Sie müssen es
+sagen.«
+
+Sie sprang auf. »Ich wünsche, daß man mich in Frieden läßt,« stieß sie
+verächtlich-böse hervor, doch gleichfalls flüsternd, als dürften die
+Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, »niemand hat das Recht,
+mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es
+dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis
+wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, bloß
+weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?«
+
+»Davon ist keine Rede«, sagte Dietrich kopfschüttelnd. »Wozu Hohn und
+Schimpf? Bin ich vorläufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht würdig,
+so muß ichs zu begreifen suchen und mich fügen. Aber ich hoffe, daß Sie
+mich deshalb nicht gänzlich zurückstoßen, daß Sie mir wenigstens die
+Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloßer Zufall,
+daß ich vor Ihnen stehe und daß Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen
+Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Häßliches aus mir,
+einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Räumen Sie mir also
+das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben
+kann.«
+
+Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestürzung in ihrem
+Gesicht. »Wie merkwürdig,« murmelte sie, »wie furchtbar ...« Und wie
+zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an.
+
+»Was? was ist merkwürdig, was ist furchtbar?« fragte er kaum
+vernehmlich.
+
+Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: »Dieses ... dieses
+Unbedingte ... dieses ... ich weiß kein Wort dafür ... auch sie hatte
+es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn
+ich natürlich; wir haben Ihnen ja für viele Freundlichkeit zu danken ...
+Sie müssen mir von sich erzählen ... Ja, gewiß, wir wollen miteinander
+sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen
+jetzt ...«
+
+Alles das flüsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile
+loszukommen. Sie ging auf die Tür zu, dort hielt sie inne und horchte.
+Auch Dietrich hörte ein Geräusch: wie wenn nackte Füße langsam über
+Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still.
+
+Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine
+Brücke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie stärker verband als
+die gewechselten Worte.
+
+
+Warnende Stimme
+
+Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt.
+Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten
+sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte.
+Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem
+Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war
+bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit
+verschwunden.
+
+Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald
+hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er
+sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe
+hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen
+zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf,
+blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt,
+und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt
+getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann
+aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht
+empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut
+über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens
+gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche
+Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer
+hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß
+ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und
+knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen
+gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen
+verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken
+oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer
+Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen.
+
+Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er
+dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals
+die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das
+Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem
+Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem
+Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in
+der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es
+habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen
+Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen
+Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.
+
+Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so
+wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf
+den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte
+ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn
+ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes
+Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah
+hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und
+bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen.
+
+Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen.
+Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die
+nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in
+der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als
+Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt.
+Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das
+Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre
+zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen
+wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen
+kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte
+ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung
+erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine
+Sekunde lang auf seine Schulter.
+
+Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von
+seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie
+habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da
+zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu
+zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn
+man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert,
+daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß
+er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen.
+
+»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf
+beschwörend.
+
+Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus
+behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen,
+wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.«
+
+»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf.
+
+Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns
+nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen,
+fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So
+sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie
+verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren
+es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein
+Freund ist.
+
+Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich
+möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich
+möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt
+und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig
+sein und sich demütigen.
+
+So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den
+Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und
+Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte,
+angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn
+die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu
+verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte
+sie den Überlieferungen ihrer Kaste.
+
+Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich
+vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.
+
+Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu
+Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene
+Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung.
+Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde
+Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig
+geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt,
+und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen.
+
+Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte
+ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg
+erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord
+Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort
+berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie
+dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so
+daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche
+Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall.
+
+Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt
+nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag
+habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt,
+deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den
+Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem
+Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur.
+Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre
+Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff;
+Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter
+Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu
+ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu
+Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor
+Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich
+Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte,
+andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer
+häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen,
+und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren
+lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in
+seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als
+Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu
+ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie
+die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben
+müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen
+schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte.
+
+Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht
+wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes
+Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen;
+jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an;
+wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben.
+
+Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er
+wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester
+verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien,
+während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen
+worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten
+die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie
+einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede
+stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege.
+
+Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube
+es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei
+glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das
+Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und
+Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht,
+keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine
+Schlechtigkeit.
+
+»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den
+Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder
+weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns
+darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der
+bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du
+eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz
+abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem
+Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen
+unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei
+zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst
+es schon erfahren.«
+
+»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht
+mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du
+in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich
+glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders.
+Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem
+Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch,
+denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr
+dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift?
+Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich
+nicht.«
+
+Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys
+bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche
+Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus
+Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt
+fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte,
+daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das
+er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten
+lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und
+sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf
+beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche
+er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm
+sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das
+Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück,
+und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit
+verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die
+ihm häßlich vorkamen wie Fratzen.
+
+Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen
+der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die
+Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne
+zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit
+abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste,
+der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er
+nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof
+seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort
+die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel
+sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé
+stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht
+ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte
+er lachend.
+
+Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten
+nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber
+ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden
+haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu
+binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt
+verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich
+spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich;
+ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß
+ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt
+deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine
+tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen.
+Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu
+bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich
+da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es
+ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und
+außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf
+deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich
+da.«
+
+Dietrich nickte, bewegt und verwundert.
+
+
+Was vermag denn ein Mensch?
+
+Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von
+einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er
+vernahm es hochaufhorchend.
+
+Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder
+andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe
+sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es
+beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie
+sich, ihm etwas daraus zu zeigen.
+
+Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was
+Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen.
+
+Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es
+handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu
+sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in
+den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr
+ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit,
+selbst die grausamste, beruhige.
+
+Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem
+unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner
+spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so
+überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er
+fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne
+Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu
+verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie
+auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein
+Recht zu haben.
+
+»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie
+hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr
+sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein
+aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen,
+dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei.
+
+Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick
+auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß
+das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten
+Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und
+Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie
+Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine
+ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern,
+wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade
+aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die
+Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe.
+
+So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich
+Dietrich naiv.
+
+»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem
+alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und
+Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine
+von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut,
+die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder
+wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr
+Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig,
+hilflos ...«
+
+Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des
+Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun
+wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand
+zu bieten.
+
+Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am
+Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte
+sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause
+gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und
+gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch
+nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs
+überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm
+Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu
+Cäcilie gedrungen sei.
+
+Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein.
+»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der
+Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in
+Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an
+Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten,
+vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher
+Befugnis?
+
+»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er.
+
+»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.«
+
+»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?«
+
+»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es
+besagen?«
+
+»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ...
+haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!«
+
+Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht
+anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es
+auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie
+sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert
+es für Sie?«
+
+Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen.
+Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen.
+Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.«
+
+Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes
+Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge
+Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen.
+Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend
+bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben
+gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.
+
+Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von
+Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu
+erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt
+sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von
+seinem Betragen denken solle?
+
+Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den
+Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen
+Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte
+auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden
+entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe
+abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem
+hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis
+entstanden.
+
+Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die
+eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune
+der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn
+ergriff.
+
+Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von
+dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt,
+die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die
+Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es
+zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.
+
+Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See
+zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer
+mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch
+wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.
+
+»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander,
+als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es
+läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und
+Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die
+schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern
+bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan
+und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und
+jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist
+falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der
+Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie
+gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und
+meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die
+gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben
+gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche
+nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die
+Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein
+anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer
+die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war
+umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das
+Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe
+und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o
+nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes
+Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es
+ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel
+hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig.
+Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht.
+Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine
+Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die
+Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas
+Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten
+oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im
+Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von
+ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den
+zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.«
+
+Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte
+hauchend: »Und Ihr Vater?«
+
+»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er
+fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend
+war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei
+Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit.
+Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer
+Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie.
+Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie
+und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir
+mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem
+Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter
+wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem
+Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch
+gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge,
+Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater
+auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem
+Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur
+fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule,
+ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen;
+vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich
+fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu
+diese Verstellung erst und dann die Freude?«
+
+»Seltsam«, flüsterte Dietrich.
+
+»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat
+keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau
+ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über
+schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt
+hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist
+er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden.
+Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt.
+Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm
+Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es
+geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in
+dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die
+Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter.
+Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem
+traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen
+und nichts anderes sonst?« -
+
+»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem
+Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ...
+verzeihen Sie ...«
+
+»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen.
+Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen,
+ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für
+Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir
+dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit
+schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür,
+daß ich nicht mehr bin - ?«
+
+»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich
+Ihnen sein, was ein Mensch vermag.«
+
+»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das:
+alles - ?«
+
+Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das
+bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die
+Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.«
+
+»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie
+wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von
+mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.«
+
+Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie
+duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar.
+Sie lächelte rätselhaft dabei.
+
+
+Bildnisse Cäcilies
+
+Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des
+öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem
+er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors
+eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu
+reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte
+Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte
+sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der
+Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre
+alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten
+Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie
+wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war
+eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was
+Grandioses.«
+
+Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus
+beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen.
+Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und
+böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich
+nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht
+Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder
+Hinab, und wisse um kein Ziel.
+
+Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene
+Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und
+gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde
+Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie
+eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster
+Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick.
+Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller
+Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei
+sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein
+gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen,
+seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in
+ihm; eine leichte süße musikalische Spannung.
+
+Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe
+gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das
+Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter
+sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in
+Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in
+beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige
+Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr
+und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau
+Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja
+vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt
+habe, oben im Kestnerschen Haus.
+
+Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur
+begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn
+man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß
+die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage
+dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie
+bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben.
+Daß du dort hausen sollst!«
+
+Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an.
+Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu
+Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen
+wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er
+ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die
+Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da
+und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein
+behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit
+Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im
+Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun
+verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar,
+drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der
+Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne.
+
+Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß
+seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen
+sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei
+Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all
+das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war
+beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie
+plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak
+sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch
+hatte man nur wenige Minuten zu gehen.
+
+Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so
+unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß
+man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze
+Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es
+noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem
+im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,«
+sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute
+Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich
+wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden,
+daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle
+mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er
+lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun
+glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen.
+
+Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer
+der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm
+vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch.
+Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an
+ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er
+wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich
+an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen
+Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der
+redete.
+
+Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf
+Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht
+betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine
+Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte
+Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie
+flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists
+Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so,
+in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit
+ihr.«
+
+»Mit ihr? mit ...?«
+
+»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen
+auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch
+gemerkt; sie war ganz verstört.«
+
+»Und was will er damit?«
+
+»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die
+Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der
+einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist
+unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein,
+plötzlich packt er einen, und man ist verloren.«
+
+»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?«
+
+»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors
+Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine
+Opfer.«
+
+Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er
+empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu
+bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an
+sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in
+Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie
+habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe
+verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich.
+
+In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen
+Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu
+ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das
+Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten,
+Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in
+Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf
+ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der
+Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt
+zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder!
+erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn
+versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer
+Wust von Sinnlosigkeit.
+
+Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese
+eine Nacht, sondern in vielen Nächten.
+
+Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna
+vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung.
+»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was
+drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe
+Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu
+verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser
+Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?«
+fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst
+du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht
+mich mürb, es macht mich krank.«
+
+Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft
+und bittend.
+
+Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat,
+legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie
+zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er
+inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende
+Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die
+ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war,
+weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden
+Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht
+Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der
+subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom
+Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und
+Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache
+bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein
+erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und
+von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis
+glüht ihnen ein Gnadenlicht auf.
+
+Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies
+Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von
+Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es
+war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt.
+Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe,
+für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie
+gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob
+sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie
+oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme
+gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich
+gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere
+Worte und Wendungen gebraucht habe und welche.
+
+Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch,
+ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie
+einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche,
+kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das
+gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über
+ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie
+immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen;
+stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor
+Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens
+würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die
+Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie
+selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen
+Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am
+einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre
+innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht.
+Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten
+Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen
+auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle
+Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren
+Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen,
+weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie
+täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und
+Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr
+Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit
+erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte.
+
+Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen,
+erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man
+sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch,
+sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie
+wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr
+auch gelungen.
+
+Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden
+genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und
+man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch
+dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier
+scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber
+sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei
+ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.
+
+Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten
+Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger
+Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf
+in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt
+um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und
+fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies
+verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie
+wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an
+Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein
+großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der
+Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur
+weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk
+und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ
+der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer
+illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein
+rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja
+bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt
+hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle
+sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten
+Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie
+müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde
+ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter
+seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die
+Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt.
+Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe
+keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und
+zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu
+haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung
+verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor
+Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von
+Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die
+Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde
+verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört.
+
+Dietrich lauschte, lauschte.
+
+Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar.
+Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft,
+Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in
+allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es
+ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich
+halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um
+dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen
+stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst
+du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige
+Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du
+nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und
+einem Schemen, dann sollst dus büßen.
+
+Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer
+ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine
+Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort
+siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.
+
+Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede
+Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer
+Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen
+Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er
+geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte
+den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür
+hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick
+ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die
+herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie
+gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier
+abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch
+setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte
+ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das
+Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht,
+kostbar und wichtig.
+
+Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies
+mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte
+Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem
+fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus
+den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die
+Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen
+hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im
+Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein
+kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und
+Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt
+derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit
+musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling;
+der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er
+sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme
+nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu
+finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige
+er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich
+bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen.
+
+Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte
+empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild
+angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er;
+»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn
+zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas
+Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie
+hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie
+hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm
+grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem
+Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern
+ist.«
+
+Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete
+sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube,
+was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?«
+
+»Du? du bist ...«
+
+»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf
+seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig
+nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des
+Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert
+haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs
+zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an
+Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein
+Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein.
+
+»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für
+Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide
+geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten.
+Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem
+Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat
+standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie
+gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein
+Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem
+Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit
+dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im
+Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du
+schweigst? Du siehst mich an?«
+
+Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt.
+Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften
+Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß
+sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er
+erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den
+sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.
+
+
+Verdacht
+
+Ein paar Tage später öffnete er zufällig die Zeitung, die ihm das
+Mädchen auf der Frühstücksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel
+auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert
+Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten
+Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausäure vergiftet. Es ist dies
+innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglück, das die
+angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine
+Schwester des Selbstmörders in der Anstalt des Professors Landgraf
+unheilbarem Wahnsinn verfallen ist.
+
+Je öfter er die Notiz las, je rätselhafter starrten ihn die Worte an. Er
+ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden
+Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschöpfte sich in der
+Einbildung von Gesprächen und Situationen. Mit Hanna war er erst für den
+Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie möge, wenn es irgend
+angehe, schon früher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen,
+als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die
+den Tod Hubert Gottliebens meldete.
+
+»Ich wollte es dir eben sagen,« murmelte Hanna, »ich habs auch heut
+morgen erst gelesen.«
+
+»Und hast vorher nicht darum gewußt?«
+
+»Wie sollte ich?« entgegnete sie kalt verwundert. »Weshalb fragst du?«
+
+»Hast auch nicht gewußt, wo er lebt?«
+
+»Hör zu, Dietrich, du weißt, ich ertrage nicht, daß man mich verhört,«
+erwiderte sie stirnrunzelnd; »was ich sagen will, sag ich, was ich
+verschweigen will, verschweig ich.«
+
+»Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen
+hast seit jenem letzten Nachmittag am See?«
+
+Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: »Ja. Ich hab ihn
+seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, daß
+er seinem Leben ein Ende machen will.«
+
+»Bei welchem Anlaß hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem
+schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts
+erfahren?«
+
+Sie setzte sich in die Sofaecke, verschränkte die Arme, schloß die Augen
+und fing nach einer Weile zu sprechen an: »Er kam am zweiten Tag nach
+dem Begräbnis bei Nacht aus Zürich. Er alarmierte das Haus, er ließ mich
+aus dem Schlaf wecken, ich mußte mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr
+nachts, er gebärdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so
+verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu
+beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich.
+Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum?
+Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und stöhnte:
+warum? warum? Dieses gräßliche Warum, müßt ichs nur nicht mehr hören.
+Auf einmal sprang er auf und stürzte fort, war spurlos in der Finsternis
+verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem
+Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefähr drei Wochen später.
+Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden
+gekommen; Cäcilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich
+werde dir gleich erzählen, was für ein Wort das war; er könne den Tag
+nicht mehr führen, sei seiner selbst überdrüssig, sehe kein Ziel mehr,
+er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mußt du
+wissen, was vorher gewesen war.«
+
+Sie atmete tief, drückte den Kopf an das Polster, öffnete groß die Augen
+und fuhr fort: »Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil
+die Gerüchte über seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm
+gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darüber geschrieben.
+Bettines Wohnung wußte er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand
+Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewißheit über den
+Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein öffentlicher Skandal die Folge
+wäre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem
+Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester
+schon gesehen? Nein, das hatte er natürlich nicht. Da donnerte ihn mein
+Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein
+Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat
+er ja eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht, daß der geradsinnige
+und edeldenkende Mensch ihn schließlich zerknirscht um Verzeihung bat.
+Die Verleumder würden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater,
+er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch
+bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren
+Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden
+linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war,
+kamen zwei Wärter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen
+Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater
+hatte plötzlich erklärt, ihre Internierung sei unerläßlich; er ließ sie
+aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei
+Neckargemünd. Dies erfuhren wir erst später. Als Hubert kam, war Bettine
+weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt
+nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die
+Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt
+Übles, ich sage mir: die Mutter muß da außer Spiel bleiben, ich empfange
+ihn. Cäcilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die
+Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein
+Glück. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar übersiehst,
+muß ich über Bettine und ihr Verhältnis zu Cäcilie und mir sprechen.
+Ein trübes Kapitel.«
+
+Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit über das Gesicht.
+Dietrich war näher zu ihr herangerückt und klammerte sich mit den Augen
+förmlich an ihr fest. Sie begann wieder: »Im Anfang der Behandlung hatte
+sie der Vater bei uns eingeführt; es erleichterte ihm die
+Verbindungswege; er hat es später bereut; die Freundschaft, die sich
+zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht
+voraussehen. Bettine schloß sich an jede von uns in besonderer Weise an.
+Sie war ein zerstücktes Geschöpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt
+viele solche junge Wesen. Die eine Hälfte von ihr war durch und durch
+verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden
+Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die
+andere Hälfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war
+ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer
+prüden, bigotten Erzieherin, gehaßt vom Vater, weil ihre Geburt das
+Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir
+eröffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich
+preis, mir beichtete sie, mir gegenüber klagte sie sich an, und es waren
+oft böse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht
+länger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater
+vorging. Sie war völlig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne
+moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfährig zu allem.
+Cäcilie gegenüber war sie das makellose Kind; sie betete Cäcilie an; ihr
+Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie
+sich hinwarf, um Cäcilies Schuh zu küssen. Der verriet sie sich nicht,
+der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten,
+bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten
+Künste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte beständig Angst um
+sie, beständig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie körperlich
+auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da
+drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Cäcilie an
+ihrem Bett saß, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu
+nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete
+sie sich mit versträhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu
+fürchten; am dritten Abend setzte ich es durch, daß Cäcilie fortging,
+ich überredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin
+auf. Und seltsam, da fühlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand
+auf, holte Wäsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nähen an.
+Es scheint, daß Cäcilies Gegenwart in ihr das Gelüst nach
+Selbstpeinigung erweckt und bestärkt hat.«
+
+Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Müdigkeit war
+in ihren Zügen.
+
+»Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam?« fragte Dietrich flüsternd.
+
+»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das
+Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat
+mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein
+Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache
+natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche
+Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge
+sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die
+Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur
+Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in
+seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich
+erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines
+Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich
+fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach
+Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu
+der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre
+Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten
+will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt,
+darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend.
+Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle
+stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen,
+aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins.
+Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt
+mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich
+fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht
+morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun
+abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ,
+daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert
+Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich
+mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll
+Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und
+Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die
+Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem
+so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit
+hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich
+aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging.
+Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem
+Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei,
+und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil
+sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will,
+tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit
+welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und
+Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er
+mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt,
+abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben.
+Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine
+Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der
+Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger
+und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich
+gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das
+hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir
+sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es
+zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken.
+Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr
+Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte,
+und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts
+Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft
+beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam,
+und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er
+immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal,
+denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht
+sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie
+die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von
+Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte
+September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern
+Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß
+und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft
+suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die
+ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte
+hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte
+mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert;
+bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den
+Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die
+Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für
+den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung
+bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese
+Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang
+brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings
+mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle,
+daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie
+richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit
+allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich
+nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe
+gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte,
+ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe,
+daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete
+unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...«
+
+Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte
+Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang
+hinunterrollt.«
+
+»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte
+mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es
+hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich
+wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben.
+Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür
+noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?«
+
+»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms
+dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.«
+
+Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf
+die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie.
+
+In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn
+unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit
+seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er
+dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines
+geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein
+alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er
+die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute,
+sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein
+Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt
+war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an
+die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine;
+nur eine nimm und vergiß die andere nicht ...
+
+Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine
+Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und
+unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die
+Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und
+sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf.
+»Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder:
+»Hanna.«
+
+Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im
+aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu
+gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo
+sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und
+empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte,
+Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich,
+diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus,
+schlagen einen Ton an, - man schämt sich krank.«
+
+Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke
+oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte
+er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter,
+so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit
+anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.«
+
+Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm,
+als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte
+noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen.
+Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an
+dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen.
+
+Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte
+sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit
+einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch
+seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den
+Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie
+langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen
+bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver
+hergegeben hat?«
+
+»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf.
+
+»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.«
+
+»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...«
+
+»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.«
+
+Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den
+Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er
+fast.
+
+»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau
+Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es
+seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die
+Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im
+Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn
+Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie
+fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen
+neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der
+Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich
+genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber
+gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich
+natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich
+daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen
+davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme
+Kind unter dem Gedanken leidet.«
+
+»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist
+möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie
+hat viele Tiefen.«
+
+Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom
+Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum
+Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite
+nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft
+zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das
+Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit
+Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher,
+und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es
+ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem
+Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer
+auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem
+Beil ...«
+
+Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder
+wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich,
+die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht
+gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so
+beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging
+und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden
+Gesichte.
+
+Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse,
+wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas
+studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war,
+wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich,
+»den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.«
+
+Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos
+vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände
+auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich
+auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet
+leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich
+dich nur offen aus. Was denkst du?«
+
+Aber Dietrich schwieg.
+
+Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte
+er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich
+einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor.
+
+Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig
+hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen
+für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an.
+
+
+Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen
+
+Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer
+Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß
+gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo
+alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich
+nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf
+die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von
+seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu
+antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch,
+aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen
+Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so
+Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr
+Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in
+die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl
+für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich
+des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem
+Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu
+viele Ungewißheit bedränge ihn.
+
+Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie
+sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht
+Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge
+zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres
+Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen
+habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe,
+müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung
+für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und
+nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle
+sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer
+plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen;
+zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den
+Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten
+gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der
+betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft.
+Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter
+gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen.
+Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede
+gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole
+Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es
+herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein
+Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte
+Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und
+fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu
+greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu
+suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens
+und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit
+meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich,
+Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten
+Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst
+die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist
+mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell,
+möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage
+vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin
+ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich,
+Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.«
+
+Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus
+seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er
+dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß
+sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner.
+Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem
+Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das
+lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre
+Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart
+wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im
+Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem
+Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie
+Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob
+etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders
+haben wolle, als er sei?
+
+Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du
+nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns
+wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem
+Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die
+Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles.
+Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen?
+Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses
+sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit
+deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre,
+sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die
+zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich
+habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich
+werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft
+wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer
+sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an
+dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz,
+denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der
+Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon
+gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das
+sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf
+dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so
+sollst du mich in deinem Sinn bewahren.«
+
+War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck
+erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur
+Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind
+nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem
+Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse
+aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den
+Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und
+als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht.
+Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den
+Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe
+kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar
+Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt
+gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er
+zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian
+befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem
+Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner
+Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und
+einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er
+gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen,
+aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das
+ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht
+müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet,
+gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet
+und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich
+begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists
+Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt
+mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie,
+so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du
+bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und
+sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles
+Geredete wird Lüge.«
+
+So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das
+aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna
+beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und
+freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich
+geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er
+schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm,
+was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das
+Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder
+Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war
+neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis,
+Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze
+Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt
+verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer
+Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend
+gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in
+rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung.
+
+Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht
+angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich
+auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich
+hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen,
+das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes
+Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in
+die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er
+sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen
+Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse
+sie wieder zu ihm.
+
+Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume
+gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.
+
+Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand,
+die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme
+redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch
+welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne
+sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er
+den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über
+ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die
+Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war
+nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses,
+nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie
+gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas
+wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase,
+aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine
+Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen
+geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu
+rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen.
+Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm
+nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich
+ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem
+Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er
+sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt,
+wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja
+da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch
+auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut;
+sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich
+seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer
+Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus
+dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß,
+dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf
+ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr
+aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben
+selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen,
+Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden
+Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat,
+so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der
+Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf
+welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm,
+unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war,
+der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in
+verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn.
+Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem
+furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.
+
+Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es
+ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog.
+Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich,
+ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten
+Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der
+Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der
+Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte
+Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben
+gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm
+die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn
+traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er
+wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen
+mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn
+auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch
+als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick
+durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er
+von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun
+Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von
+diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in
+das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er
+absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.
+
+Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer
+aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im
+letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie.
+
+
+Die Schläferin
+
+Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein
+Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden,
+die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel.
+Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken
+war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm
+die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten
+sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er
+ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ
+die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was
+die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das
+Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen
+Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen
+lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in
+ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt
+mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an
+der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und
+wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn,
+nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis
+zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm
+sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu
+machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende
+des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken?
+Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes
+Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit.
+
+Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen,
+wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines
+Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor
+Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der
+Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade
+von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden
+die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner
+Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit
+der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es
+bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die
+unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis
+und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das
+Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge
+im psychischen Leben.
+
+Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre
+Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr
+oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen,
+die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig
+in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen
+sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der
+schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in
+verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie
+im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der
+Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im
+sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser
+und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und
+Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade
+nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen.
+Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in
+der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier
+scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle
+vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht
+mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist
+ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die
+schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge
+Wissenschaft heute zu lösen habe.
+
+Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte
+sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an
+mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von
+achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich
+sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich
+weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir
+lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu,
+daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube?
+Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen
+braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen
+straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse,
+was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt
+voller falscher Boten?
+
+Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum
+Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich
+hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen
+in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt
+aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille
+versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer
+Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen
+Herr werden konnte.
+
+Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich
+gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor
+Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das
+Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen
+gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als
+Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht
+abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre
+Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von
+Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten,
+andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge
+stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde
+Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach
+Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem
+disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe.
+
+Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken,
+daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen,
+aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier
+enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um
+es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie
+sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald
+aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle
+er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er
+sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische
+darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch
+auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast
+sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte
+er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat,
+ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich:
+»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich
+zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf
+geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe.
+Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich
+lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?«
+
+Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl;
+ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren
+Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen
+Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel
+an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es
+ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern
+auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein
+Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den
+Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele
+unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine
+Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und
+einer verhilft dem andern zum Frieden.«
+
+Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht
+mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln,
+wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er
+mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da
+spür ich mich doch unzerstückt und ganz.«
+
+In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um
+Widerspruch verlegen.
+
+Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über
+Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die
+alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl;
+in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte,
+ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht
+Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen;
+Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer
+auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen
+wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander
+bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es
+ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen
+wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach
+dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern
+Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die
+Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und
+schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette
+jemand liegen. Es war Hanna.
+
+Sie schlief.
+
+Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des
+Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören
+können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre
+Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur
+Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals,
+in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte
+Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze
+Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die
+eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was
+Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang
+und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit
+war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle
+häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die
+schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur
+einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich,
+sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das
+Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.
+
+Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie
+erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte
+gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den
+Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen.
+Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche
+Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus
+Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm
+verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt
+er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch
+zweifelnd, sah er die Schlafende an.
+
+Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne
+Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile
+gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich
+nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.«
+Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast,
+von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich
+weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie
+Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es
+wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn
+zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt,
+halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie
+bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus
+nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör
+mich an.«
+
+
+Beichte
+
+Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der
+Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte
+zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf
+der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war
+ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht
+gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen.
+
+Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom
+Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem
+Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann
+nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist.
+Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie
+nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens
+war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn
+heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit,
+da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß
+also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte
+sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal
+bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf
+dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie
+sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit
+tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm
+sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser,
+er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie
+es mit mir steht.
+
+Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie
+es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja
+geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in
+mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit
+einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines
+Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn.
+Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend
+als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue
+Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen
+vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand
+dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes
+schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede
+starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall
+aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich
+für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding,
+das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche
+genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres
+Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es
+Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das
+Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe
+reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar
+nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit;
+Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie
+kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste
+Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort
+aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und
+abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf
+ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu
+prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon
+das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein
+kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte
+Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst
+das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch
+aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein
+Krüppel.«
+
+Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß
+sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein
+Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls.
+»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon
+ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die
+Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich
+gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten,
+wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes
+Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg
+einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist
+Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der
+schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir
+noch einmal deine Hand.«
+
+Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein
+ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei
+Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen,
+wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht,
+empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über
+allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm
+war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er
+verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen
+hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer
+und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte
+sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man
+sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm
+bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und
+anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel
+auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er
+gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien
+sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an
+wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor
+zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr
+bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher
+und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus,
+in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften
+Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es
+nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen;
+unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und
+was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg,
+schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs
+zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die
+Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf
+erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer
+wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis
+zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch
+unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich
+sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere
+Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf
+ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes
+Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn
+bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen,
+gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner
+Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre
+alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur
+weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde.
+Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm;
+er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen
+Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich
+bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch
+nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden
+ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war
+ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete
+Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben,
+und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten
+gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben
+von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich
+die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte,
+sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der
+Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten
+Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und
+Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung
+und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie
+sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen;
+Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein
+unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die
+Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem
+fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht
+versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen
+Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das
+nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists
+zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein,
+nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem
+zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot
+geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich
+emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war
+er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich
+keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu
+viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische
+Geheimnis verraten.«
+
+Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie
+weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu
+machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und
+Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein
+ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel
+Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden.
+Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war,
+mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines
+Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein
+Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch
+und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich
+konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr.
+Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis
+verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei
+ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war?
+So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein
+Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo
+ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie.
+Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle.
+Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu
+denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte
+sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen
+wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie
+durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist
+ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren
+in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von
+Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein
+Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung,
+Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der
+Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten,
+die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er
+wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits
+vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten
+auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin,
+mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß
+ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf
+der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein
+Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn
+geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und
+halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein
+Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht
+aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er
+kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte
+und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein
+Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann.
+Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie.
+Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt
+ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann
+mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich
+fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen,
+das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte
+Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur
+nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich
+auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel
+sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne
+wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig.
+Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe
+gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.«
+
+Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen.
+Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er
+setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten
+Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager
+zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte
+die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann.
+
+Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her
+gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem
+weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes,
+seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als
+ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie
+gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des
+donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es
+hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des
+Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos.
+Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum
+zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein
+Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag
+dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die
+andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm.
+Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der
+aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben
+zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der
+du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund!
+Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch
+einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren.
+
+Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt
+ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte
+sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und
+kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der
+Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen;
+mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung.
+
+Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam
+an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und
+schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit
+geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab,
+berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann
+schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen
+war es schon Tag.
+
+
+»Ich komme«
+
+Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer
+und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde
+geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem
+Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich
+telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein.
+
+Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt
+berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von
+Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne
+wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief
+günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden.
+In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im
+Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen.
+
+Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit
+erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende
+Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre
+Hand auf seine.
+
+Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer
+Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt.
+Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher
+stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war
+entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen
+herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene
+keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu
+verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch
+Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der
+Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener
+das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte
+da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer.
+
+So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne
+Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem
+Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später
+Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch
+Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und
+Geistesrecht in sich selber.
+
+Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte
+es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester
+erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die
+Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon
+weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von
+Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war,
+mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für
+ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten.
+
+Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich
+nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem
+sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte
+Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit
+ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai
+kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein
+heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er
+ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys
+allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle
+zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als
+Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys
+riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die
+Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu
+fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an
+Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene
+delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu
+besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.
+
+Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte
+die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche
+später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei
+Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr
+das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein,
+versprach Georg Mathys Dorine.
+
+Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde
+ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die
+Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof,
+weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein
+Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach
+einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von
+Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die
+Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie
+zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr
+an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin
+bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen
+mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten.
+
+Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß,
+streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf
+Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme
+aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest.
+Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte
+er nicht.
+
+Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung
+war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich
+schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender
+verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei
+köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter
+drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers
+aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen
+gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs
+Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal
+bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die
+Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute.
+
+Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem
+festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der,
+ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es
+war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über
+ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte
+für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau;
+während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und
+lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf
+den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das
+blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen,
+jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer
+zurück. Da stand Lucian vor ihm.
+
+»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns
+zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft
+gedacht? Bist du noch, der du warst?«
+
+Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die
+Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn.
+Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein,
+der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er.
+
+Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja
+nicht ...«
+
+Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen
+nötig ist, weiß ich.«
+
+Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu
+erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe
+schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.«
+
+»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte
+Lucian stirnrunzelnd.
+
+»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit
+einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo
+alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich
+dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch
+nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?«
+
+»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du
+hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider
+gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben
+noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine
+Seele verkauft.«
+
+Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg.
+
+»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian
+fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der
+trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz,
+was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische
+Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft,
+daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem
+Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle
+fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt,
+Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem
+Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten.
+Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der
+geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den
+ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit
+abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.«
+
+»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und
+schaute Lucian groß an.
+
+»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort,
+»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und
+enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem
+vollen Umfang zu begreifen.«
+
+»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn
+du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du
+meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht
+unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht
+ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein
+heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt
+ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber
+laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du
+siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir
+stehe.«
+
+Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das
+Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah
+Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete
+er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat
+seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst
+du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt,
+entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu
+verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt
+unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an,
+fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und
+erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich
+sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein
+Mensch ist nicht mehr da.«
+
+Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist
+sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum
+nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er
+gibt mir Steine.
+
+Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus.
+Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er
+trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit
+brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die
+vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei
+spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein
+wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg
+Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine
+Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere
+in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf
+erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!«
+
+Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er
+antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und
+rief zurück: »Ich komme.«
+
+
+
+
+Sturreganz
+
+
+Meiner Tochter Eva Agathe
+
+
+Die Bedrängnis
+
+Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen
+Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der
+nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber
+immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr
+übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles
+jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine
+freundliche Stunde mehr beschieden war.
+
+Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und
+Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des
+Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer
+Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der
+ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle
+Hyppolite Clairon.
+
+Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen
+siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe
+vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das
+Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte
+Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und
+alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue
+Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu
+beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant
+raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und
+Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit
+ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und
+Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein
+Bethaus um Mitternacht.
+
+Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen,
+einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten
+Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats
+und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum
+gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der
+irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in
+Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu
+sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine
+Steuern entrichte.
+
+Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher
+vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte
+abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger.
+Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem
+Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende
+Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei
+Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist,
+ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier
+Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und
+siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder
+hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht
+bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich
+verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit.
+
+Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig
+Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und
+fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant
+vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein
+Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten,
+Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu
+schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge,
+hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern
+Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich
+erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der
+Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und
+politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am
+Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte,
+die im Dunkeln schliefen.
+
+Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und
+Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister,
+Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren,
+Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an
+exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches
+Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an
+Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine
+Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner
+die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen
+ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum
+eine menschliche Behausung im Lande.
+
+Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein
+Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell
+forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu
+jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung,
+Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen.
+Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und
+Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin.
+Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren
+hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still.
+Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von
+Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte
+Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister
+wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen.
+Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im
+Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die
+markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über
+geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige
+besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen
+Fenstergittern huschen.
+
+Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer,
+dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre
+Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von
+Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und
+hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in
+seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan
+unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen
+und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls.
+Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der
+obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die
+aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half.
+
+Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben.
+Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen
+der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der
+Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und
+Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen,
+das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den
+Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den
+Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend
+und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich
+schon ekelnd sein Mund.
+
+Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten
+Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen.
+Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten.
+Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht
+zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!
+
+
+Was zur Abhilfe geschah
+
+Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto
+eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens
+war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das
+Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages
+mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen
+verschwand.
+
+Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen
+zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des
+dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen
+wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine
+Maus im Magen eines Mastodonts.
+
+Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß
+Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend
+Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im
+Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen.
+
+Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur
+Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man
+doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch
+in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden
+Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im
+Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta,
+entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser
+Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle
+Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter
+Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den
+berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen.
+
+Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen
+davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen
+Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige
+Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung,
+Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum
+nächsten Galadiner übergangen.
+
+Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf,
+Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich
+großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem
+markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates
+zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel
+erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra,
+Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady,
+konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister
+wurde für sechs Monate vom Hof verbannt.
+
+Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben.
+Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das
+Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die
+Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden
+Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr
+Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle
+einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über
+das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die
+blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung,
+daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die
+Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher
+Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte.
+
+In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter.
+
+Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich.
+Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt
+gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch
+hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das
+Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung
+als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen
+Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann
+man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er
+war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von
+unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren
+ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm
+der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen
+Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten
+Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine
+Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene
+Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich
+die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen
+wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere
+Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner
+Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die
+bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen,
+und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer
+anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende
+vorzuziehen sei.
+
+Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden,
+und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer
+Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten
+allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen
+Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land,
+Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu
+genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine
+Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien
+unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche,
+Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an
+dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich
+ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je
+geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in
+aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das
+gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei
+dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche
+Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis
+sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero
+unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem
+Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des
+Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach
+Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es
+Geldverlegenheiten geben sollte.«
+
+Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen
+an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie
+hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu
+besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches
+Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche
+keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh.
+Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf
+das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und
+philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die
+Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war
+es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack
+die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?
+
+Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit
+ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den
+verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener
+Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen
+Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes
+triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager
+gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das
+nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und
+zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des
+Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft
+nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.
+
+Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel
+widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es,
+wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen
+Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am
+zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem
+Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu
+grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen
+Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die
+Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört
+wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und
+unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die
+Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr
+von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr
+von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern
+belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber
+hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine
+Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es
+den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu
+schalten.
+
+Die Jasager verbeugten sich tief.
+
+Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die
+Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung
+man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige
+Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge
+vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und
+mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf:
+beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder
+solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk,
+Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und
+Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge
+Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz
+aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die
+Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die
+Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten,
+wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und
+stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten
+Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren
+Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen,
+halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter
+Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch
+gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte.
+Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen,
+sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
+
+Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die
+Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den
+Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn
+Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere
+Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des
+Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer.
+Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum
+Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber
+mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten
+erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim
+erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen.
+Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf
+den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter.
+
+Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die
+meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf.
+Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal
+hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und
+dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder
+Piquet.
+
+Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen
+stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche
+Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den
+Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur
+Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches
+Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse
+sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das
+langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war,
+Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so
+selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das
+einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als
+ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil
+künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten
+immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der
+Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten
+Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie
+bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung
+auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen.
+
+Die Jasager lächelten entzückt.
+
+
+Episode
+
+Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube,
+ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar
+geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden
+oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im
+kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung
+gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit
+Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil
+er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die
+bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen
+lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte
+er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung
+nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in
+der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen
+Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur
+Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die
+Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie
+ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider
+unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet
+war.
+
+Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter
+als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof
+zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie
+häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des
+Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum
+Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der
+Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde
+dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht
+gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte
+das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die
+Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten.
+Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein
+Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und
+die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge
+hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie
+die Gedanken darüber nicht heiterer machte.
+
+Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge
+eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter
+verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus,
+und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn
+er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig,
+und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle
+#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit
+Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte
+den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine
+Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der
+Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel
+auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter
+sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die
+zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir
+schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem
+gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists
+unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm
+die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und
+glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch
+war die schwere Stunde ihres Leibes nah.
+
+In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in
+die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen
+waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes
+Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund,
+und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe
+nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das
+setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war
+leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die
+Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust
+haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch
+gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der
+Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an
+zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die
+Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in
+den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft,
+deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr
+Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die
+führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte
+abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf
+ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist
+wenigstens mal ein Lustiger.«
+
+Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden,
+hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der
+jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei
+Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres
+Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte
+nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein
+kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen,
+blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei
+seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen
+Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit
+Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm
+geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete
+er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe,
+und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen
+Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine
+Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle
+Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß
+man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux#
+beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert
+würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem
+Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.
+
+Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer
+höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit
+verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend
+verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.
+
+Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der
+Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem
+Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon
+der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten.
+Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor.
+Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf
+Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und
+Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten
+und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten
+Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit
+strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche
+Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut
+waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt
+wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit
+geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den
+Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den
+entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem
+Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde,
+daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und
+sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom.
+Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so
+war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein
+Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.
+
+Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten.
+Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen
+Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde
+geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn
+das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen.
+Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen
+werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang
+des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block
+verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben
+würde.
+
+Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen,
+kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die
+Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die
+Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne
+heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche
+Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der
+andern im Auge hat.
+
+Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf
+sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die
+Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht
+lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie
+entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des
+Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm
+umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle
+er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt
+nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er
+grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.«
+
+Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter
+ergab, war auch nicht erfreulich.
+
+
+Chronica
+
+Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der
+Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines
+übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe
+Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er
+ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen
+Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen
+gemäße Glückszustand inkarniert habe.
+
+Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte
+nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er
+hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem
+Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms
+und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe
+Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf
+Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst
+und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune.
+
+Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei,
+heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er
+dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er
+im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann
+er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte
+er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf
+eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein
+Stallbursch die Krätze bekam.
+
+Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den
+angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich
+hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld
+schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die
+kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit
+ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die
+Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und
+verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und
+schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase,
+so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen
+für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln.
+Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden
+Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden
+Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile
+halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz.
+Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle
+den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen.
+
+Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte
+von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord
+Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das
+ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre
+plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht.
+Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie
+in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig
+das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet
+werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in
+diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen
+worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn,
+worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres
+Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche
+wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte
+die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von
+Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit
+Stöcken an eine morsche Tür trommelt.
+
+Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen
+büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email
+der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin
+von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte
+einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen
+in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark
+geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die
+man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld,
+Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang,
+zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind.
+Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde
+immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all
+dem immer übellauniger.
+
+Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie
+lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen
+Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in
+denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf
+einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden;
+sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von
+Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig
+um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens;
+Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln
+Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter,
+Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind
+geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr
+versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei.
+
+Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu
+entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre
+Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu
+lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller
+Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da
+hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den
+Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der
+beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins
+Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die
+das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und
+ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und
+Totentanz.
+
+Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater
+Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches
+Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm;
+der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel,
+und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten,
+stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum,
+brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich
+schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen.
+
+Lady Craven kicherte.
+
+Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden
+in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England
+überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der
+Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die
+Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier,
+falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und
+sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und
+als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte
+unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum,
+der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter
+hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg
+den Kopf abhackte.
+
+Die Lady schauderte.
+
+Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch
+schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre
+Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten
+versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge
+Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die
+Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit
+Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war
+bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte
+er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des
+schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im
+Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die
+Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der
+Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die
+unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr
+ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft.
+
+Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der
+hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung
+und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das
+Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob
+es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes
+Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann
+knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die
+Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken
+sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde;
+doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete
+griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe
+entgegennahm.
+
+Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte
+leise vor sich hin: »Kri-Kri«.
+
+
+Maßregeln eines Philanthropen
+
+Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich
+demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld
+ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten,
+Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die
+Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu
+befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat
+leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche
+Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit
+geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine
+Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten,
+keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit
+ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße
+Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen
+verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer
+Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk
+sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen
+versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen
+Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher
+hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen
+Wandel neue Unzufriedenheit zu säen.
+
+Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich
+mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt.
+
+Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste,
+die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die
+Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue
+Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen.
+Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal
+eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen
+strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.
+
+In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und
+Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte
+mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit
+gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf
+Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters,
+bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe
+hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz.
+
+Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur
+eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu
+seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier
+brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch
+die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit.
+
+Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen,
+eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls.
+Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren
+Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer
+zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte
+sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage
+hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der
+einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen
+stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte
+sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still
+wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften,
+ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche
+nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis
+durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch
+Brummen.
+
+Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren
+bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren
+Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die
+Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren
+winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut,
+hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit
+ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der
+krank und hungrig ist.
+
+
+Die Bürger und ihre Stadt
+
+Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und
+siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie
+dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig
+gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten
+Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen
+und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und
+Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen
+dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende,
+gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder
+haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen
+straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied
+arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine
+grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen,
+Säuglinge schreien.
+
+Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es
+weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht;
+es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser
+vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu
+erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht;
+es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die
+Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren
+liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander
+verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder
+ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe
+von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und
+gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle,
+dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar
+über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche
+und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt
+in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche
+Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar
+erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm
+bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt,
+wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem
+Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der
+Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank
+sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der
+Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der
+Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige
+Trost.
+
+Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in
+Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf
+ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht
+Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr
+von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und
+den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des
+Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und
+Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern
+in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in
+Edelsteinketten.
+
+Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen-
+und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu
+strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten
+sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen
+Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von
+niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher
+Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine
+schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge
+gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas,
+feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war
+etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl
+gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen
+dafür, daß sie schwitzten und sich plagten.
+
+Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand
+verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von
+Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl,
+nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes
+verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen
+lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und
+nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner
+Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen,
+auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen
+Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die
+Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten,
+konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es
+brennt.
+
+Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen
+wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen
+gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut
+verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten
+Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum
+bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in
+ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und
+schoben die Finger zwischen die Knie.
+
+Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis.
+Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht,
+so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des
+gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang
+in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen
+Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch
+gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles
+Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die
+Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der
+Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der
+Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon
+gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die
+Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen
+das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten
+nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts
+freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und
+legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte,
+mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch,
+mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre
+Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre
+heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und
+mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes
+über dieser Stadt von Mürrischen.
+
+So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.
+
+
+Jahrmarkt
+
+Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von
+Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe,
+schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit
+schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in
+Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er
+sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine
+Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu
+haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche
+Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von
+Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden
+werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu
+entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien
+sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden,
+da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei
+Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.
+
+Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in
+einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte,
+Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen
+seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer,
+den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher
+Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz
+Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren
+konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht
+sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte
+Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte,
+seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber
+Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern,
+Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen
+Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder
+verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung.
+
+Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem
+Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner,
+Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude,
+die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter
+Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.
+
+Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen,
+murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander:
+was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre
+verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den
+Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige
+mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen
+hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis,
+daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises
+hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und
+Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von
+Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich
+heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner
+unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero
+Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches
+Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei
+Groschen, dritter Platz ein Groschen.«
+
+Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei
+und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter
+in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen
+Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen
+vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in
+den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern
+reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend,
+und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder
+fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen
+hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war
+alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet.
+
+Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz
+vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit
+sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet
+eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn
+scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über
+ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der
+Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von
+wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das
+Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und
+quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein
+Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes,
+sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu
+Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach,
+abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen.
+Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis
+zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.
+
+Gelächter!
+
+Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die
+Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden
+wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas
+völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden.
+Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein
+betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den
+Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel
+des Oktoberabends.
+
+Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit
+den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen
+in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in
+seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen
+kollerte, der Gaumen war wund.
+
+Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die
+Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein
+Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben
+im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und
+Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.
+
+Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen?
+
+Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch
+Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete,
+berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem
+Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner
+gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so
+gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung,
+die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn
+volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und
+erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche
+Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen.
+
+Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die
+Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und
+Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war,
+daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine
+beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der
+betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute
+eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben
+noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht
+dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die
+Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann
+die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings,
+ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den
+benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre
+lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen
+oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern,
+verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude
+schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine
+Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und
+picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie
+vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie
+Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann
+Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch;
+Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares
+Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als
+fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen,
+feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein
+paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie
+schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen
+einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten
+Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den
+Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter
+den Vorhang zu kommen.
+
+Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei
+Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit
+ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten
+sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde
+verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon
+aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze
+reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie
+mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es
+gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen
+Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters
+gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in
+ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren
+Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um
+Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt
+fanden.
+
+Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die
+keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem
+Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich
+nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer
+Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu
+Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger,
+Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen,
+Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern,
+Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten
+sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der
+Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom
+Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten
+immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person
+kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach
+einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar
+ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen.
+
+Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es
+bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus
+wurde.
+
+
+Unterm Mond
+
+In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte
+Wandlung geschehen.
+
+Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln
+vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus
+unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und
+gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze
+gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen
+mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein
+Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen
+auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen
+Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit
+einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt.
+Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen,
+und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung
+bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln,
+Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge
+im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit
+vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu
+zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.
+
+Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der
+unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten
+von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht
+verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo
+er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest
+und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen
+im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter,
+wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich.
+Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten
+und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich
+die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die
+Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne,
+daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer,
+Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als
+der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst
+entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und
+glückselig zumute war.
+
+Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten
+kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr
+Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern
+heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß,
+schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.
+
+Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich
+mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren
+stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen,
+niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in
+die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die
+Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert
+wie an Marktvormittagen.
+
+Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin
+beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen
+keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über
+dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht;
+als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an.
+Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte
+Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal
+eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen
+erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen
+Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn
+Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock
+eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über
+Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das
+ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den
+Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer
+Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme
+salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd
+wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor
+beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und
+machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im
+lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel;
+geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der
+Mond kam über die Dächer und wunderte sich.
+
+Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister
+Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse
+trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale;
+die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende
+wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler
+Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde
+später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an
+Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die
+Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab
+gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein
+großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und
+Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren,
+Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile.
+
+Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum
+andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten,
+Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein
+Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein
+schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz;
+einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine
+Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von
+Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende
+ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben!
+Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge
+leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das
+Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte
+oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen
+ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit
+vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und
+polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang
+antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in
+der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel.
+
+Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch
+unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es
+die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher
+Art gekommen.
+
+Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben-
+oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig
+schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der
+ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu
+haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest
+der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre
+Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und
+streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als
+wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei,
+der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft,
+so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte
+auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam
+und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer
+Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem
+Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte
+still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie
+Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und
+Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische,
+deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging
+der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes,
+und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt,
+lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm
+und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz
+einbog.
+
+Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er
+zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und
+ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht
+auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte
+sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn
+um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu
+tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der
+einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte,
+er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine
+Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste
+Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet:
+so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber.
+
+Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der
+Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas
+Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier
+und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während
+die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen,
+die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in
+die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger
+Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht
+fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen.
+Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der
+Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als
+er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer
+läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte,
+daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren,
+liefen schon von allen Seiten Leute herzu.
+
+
+Fingerling
+
+Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam,
+ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages
+kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte.
+Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel.
+
+Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch
+keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb
+einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine
+niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein
+paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf
+den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein
+Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber
+sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie
+tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem
+ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität
+leicht aufgelöst werden.
+
+Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name
+Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die
+eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der
+Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das
+Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm
+erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze
+umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum
+Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen
+Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger
+Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in
+großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht
+gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten
+und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege
+dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und
+gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so
+war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut
+bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger
+war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine
+Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu
+vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht.
+
+Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge
+gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur,
+die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die
+sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont.
+Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne
+aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu
+rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten,
+Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden
+wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche
+Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier
+waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis
+jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die
+Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt.
+
+Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte,
+ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte,
+oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt
+ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin
+musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene
+Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die
+Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das
+Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten
+bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen
+hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer
+und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die
+gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige
+Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich
+bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von
+einem Winkel in den andern schiebt und vergißt.
+
+Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war
+immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich
+am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las
+einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war
+nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der
+Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu
+erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer
+noch als selbst die letzte.
+
+Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene
+Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen
+Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen.
+Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun.
+Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der
+gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem
+winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so
+dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen
+Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten
+Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in
+einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren,
+vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle
+kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so
+war sie entschlüpft, eh er es recht wußte.
+
+Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue
+kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die
+Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und
+Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie
+der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war
+es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte,
+zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die
+Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd
+war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung
+heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur,
+was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die
+Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt.
+
+Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte
+sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer
+überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre
+Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach
+gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der
+Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe,
+das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine
+gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in
+den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur
+Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas
+unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen
+mehr gab.
+
+Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal
+krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und
+am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der
+Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze
+hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und
+her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen
+beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im
+ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine
+zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich
+der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige
+Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten
+sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen
+Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine
+fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der
+noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte.
+
+Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend,
+als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch
+ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften
+die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend
+und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie
+hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln,
+Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden
+Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her
+huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der
+Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte
+sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern.
+
+Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich
+niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit,
+sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie
+auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den
+vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die
+geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin,
+die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das
+sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder
+und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine
+unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen
+folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und
+schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du
+sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich
+nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich
+von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen,
+mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann.
+Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte,
+erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause
+wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes
+verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand
+von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende
+Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof,
+im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln,
+benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen
+lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte
+es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von
+einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen
+Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem
+feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend
+feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht
+und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren
+hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der
+ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.
+
+Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand
+darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach
+erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute
+Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte
+die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war
+mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke
+durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung,
+und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos
+wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen.
+Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und
+gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und
+später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit
+Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts
+einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette
+namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf
+über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich
+Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod
+des Mädchens herbei.
+
+Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der
+Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm
+Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige
+Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut
+ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu
+bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und
+aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das
+Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem
+Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr
+viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der
+letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit
+und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der
+lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das
+unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter
+erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung
+jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte
+Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst
+allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war;
+Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und
+durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig
+zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich
+abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult
+hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte,
+war sein Plan so gut wie fertig.
+
+Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem
+Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung.
+Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben
+übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind
+namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr
+im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur
+selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im
+Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig
+Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.
+
+Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich
+nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er
+dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm
+bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind
+vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn,
+wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im
+Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere
+Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der
+Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete
+Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten,
+das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut
+schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz
+und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und
+furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit
+des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als
+daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das
+Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst
+unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu
+schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche
+Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel
+zudrehte.
+
+Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube,
+und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst
+nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der
+Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der
+Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute
+im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie
+Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden,
+vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte,
+daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder
+Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es:
+Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.
+
+So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus.
+
+
+Die Beiden
+
+Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als
+bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es
+vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre
+Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf
+gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles
+Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu
+erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm
+vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft.
+
+Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot
+und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an
+Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem
+Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen
+Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine
+Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und
+Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren,
+leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er
+nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das
+Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im
+Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende,
+Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen
+Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen
+die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von
+Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort,
+der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich
+aus.
+
+Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen
+hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer
+porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige
+Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen
+Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in
+ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene
+von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen
+werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte
+Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit
+lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz,
+die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war
+das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte,
+entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und
+des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg;
+Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der
+heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte,
+arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht
+in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er
+in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung
+und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und
+Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein
+schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit
+war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern
+erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die
+Doppelheit der Existenz nicht selten lästig.
+
+Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei
+dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es
+beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung
+vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns;
+Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in
+jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit.
+
+Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter
+gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings-
+und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen
+durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz,
+unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen
+Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und
+der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten.
+
+Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz
+und Taube.
+
+
+Höflichkeit wird Grausen
+
+Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz
+den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem
+Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung
+fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war,
+trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit
+geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und
+erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar;
+sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch
+Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm
+das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem
+Institut ein, der ihm wohlbekannt war.
+
+Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und
+Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber
+keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich
+niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite
+des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich
+durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine
+Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen
+und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener
+solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies
+gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe
+Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten,
+gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen
+Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen
+begann.
+
+»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos
+verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust
+den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß
+einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die
+Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend
+zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah
+sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt,
+das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus
+anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter
+ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling,
+Beckchen Taube.
+
+Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute
+der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten
+geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die
+Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher,
+gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«.
+
+Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes
+traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine
+unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und
+antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich
+noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen,
+weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten
+Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht;
+Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm,
+flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor
+sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung;
+verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal
+fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal
+aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte
+zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen
+an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen,
+rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon
+aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die
+jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit
+lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank;
+die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es
+entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf
+dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer
+Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her.
+
+Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der
+Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches
+Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage
+schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war
+strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das
+Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach
+der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er
+durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des
+Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den
+Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz' Diener, der halb von
+Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens
+seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen,
+doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit
+drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen.
+Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem
+sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte,
+begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und
+Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof.
+
+Dort hatte das Erscheinen Sturreganz' mit dem Mäusezug hinter sich
+ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der
+Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen
+herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die
+Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten
+auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen
+der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit
+entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm
+das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in
+einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß
+dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen
+und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum
+hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen
+Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern
+behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine
+Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte
+Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem
+Mund.
+
+Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie
+Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf
+dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare
+Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war
+Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche
+Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm
+die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant,
+den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen
+wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher
+ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des
+Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu
+verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß
+sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende
+zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn
+wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein
+besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es
+notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und
+hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und
+die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein
+schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt
+waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder
+schnöd durchkreuzte.
+
+Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der
+Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr
+melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er
+sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche
+Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den
+Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem
+Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den
+Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in
+Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so
+weiter; das Projekt wurde eröffnet.
+
+Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz
+sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte
+ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein
+häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte
+bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines
+italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im
+Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen,
+da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und
+versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren,
+meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits
+accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs
+sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man
+möge ihr diesen Storregammato bringen.
+
+Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz' Entlassung aus dem
+Polizeigewahrsam.
+
+Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern.
+Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um
+Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein
+über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern,
+schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete
+in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas
+verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an
+die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an
+seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig.
+
+Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf
+statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut
+das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das
+schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was
+den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war
+es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte
+Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen
+nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte
+er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein
+Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu
+bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese
+Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer
+Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie
+durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner
+Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese
+empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven
+für den andern Mittag vereinbart war.
+
+Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz
+eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm
+in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer
+Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd,
+wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war,
+der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die
+mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die
+zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt
+waren, - Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art
+die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt
+und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, - erschöpfte sich
+Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu,
+einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene
+Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er
+erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob
+es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall
+auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe.
+Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene
+Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber
+Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte
+noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen
+Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der
+ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die
+dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er
+den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor
+Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die
+exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über
+Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit
+einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber
+er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit
+verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder
+und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen;
+geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch
+Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und
+nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu
+preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte
+Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten
+Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es
+durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie
+in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie
+ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren
+Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben
+zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und
+Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße
+verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle
+Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen,
+aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe
+sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem
+außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal
+in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen
+Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine,
+boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch
+gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen
+schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten
+und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden,
+den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der
+Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und
+oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie
+fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der
+tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der
+blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis.
+Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei
+hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm
+gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen
+Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine
+Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war,
+als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu
+unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und
+leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies
+erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und
+Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft
+schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage
+üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein
+fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige
+Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros
+verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen
+Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr
+Marchese damit getan habe.
+
+Eine devote Reverenz beendigte die Rede.
+
+Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen
+Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah
+ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz
+aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich,
+dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch
+das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz
+vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem
+Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum.
+
+»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man
+müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte
+gezwungen.
+
+»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady
+Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann
+stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen
+Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll
+ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch
+unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.«
+
+
+Zwist
+
+Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter
+dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren
+gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten.
+Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis
+zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er
+könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage
+gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit
+verbreitete.
+
+Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige
+Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben
+gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der
+Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen
+Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige
+Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr
+die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie
+ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu
+vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie
+war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete.
+Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden
+ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag.
+
+Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß
+der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen
+Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über
+die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu
+machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die
+alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der
+Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre
+Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem
+traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei.
+
+Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.
+
+»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in
+einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!«
+rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum
+Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der
+Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit
+seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der
+Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir
+Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt
+und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen
+verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern
+Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem
+philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade
+spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie.
+Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu
+leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so
+berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den
+Abschied.«
+
+Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer.
+
+Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah
+lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus
+bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben
+Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen,
+wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt
+weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das
+ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt,
+hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen
+Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es
+dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb,
+glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein
+glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein
+jubelndstes Lied in die Luft schmettern.«
+
+Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige
+dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und
+begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le
+Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en,
+lundi!«#
+
+Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein
+Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott
+verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie
+verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden
+der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung,
+ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten,
+feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk
+geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie
+verführerisch im Grunde!
+
+Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde
+keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang:
+#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«#
+
+Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach
+der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den
+Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen.
+
+
+Die Ohren des Herrn Marchese
+
+Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der
+Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die
+Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend
+waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz.
+
+Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war
+für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und
+das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung:
+Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton;
+man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.
+
+Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast.
+Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne
+Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der
+Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier
+Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus
+und Amor auf dem Schoß.
+
+Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt,
+majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady
+Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von
+Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die
+hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und
+der Vorhang schlug auseinander.
+
+Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt,
+war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig,
+argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens
+um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr
+sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt
+Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner
+Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster,
+Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als
+Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz
+spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle
+Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen
+Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in
+heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und
+ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu
+überlassen.
+
+Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel
+von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz;
+#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen
+Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das
+wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war
+voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune,
+Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit
+Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten
+Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der
+Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin-
+und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte
+Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all
+dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur.
+
+Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln
+genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten
+Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn
+keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem
+Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium
+seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an
+war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne
+aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt,
+triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge
+preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich
+die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum
+in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an
+ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim
+geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen,
+schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen.
+Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie,
+aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare
+Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was
+man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine
+Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht,
+zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger
+Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken
+brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und
+platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen
+um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte.
+
+Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster
+hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von
+ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender
+Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich
+schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in
+die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich;
+der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch
+vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint,
+auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach
+einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen
+Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack
+steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den
+Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten,
+kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder
+nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das
+Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den
+Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn
+Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir
+die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn
+Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer
+goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine
+irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater!
+Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli!
+Milles mercis!# Geruhsame Nacht!«
+
+Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging
+durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die
+Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer.
+
+Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter,
+und er verschwand.
+
+In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der
+ansbachischen Bastille, verbracht.
+
+
+Ein Gespräch als Ausklang
+
+Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage
+später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der
+Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die
+württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz,
+des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der
+Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der
+gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in
+Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist
+finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in
+einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit
+befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte,
+belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund
+verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe
+und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus
+Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem
+Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt
+hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen
+Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem
+beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte.
+
+Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil
+bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten
+sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün
+und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern,
+die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in
+ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die
+Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den
+Horizont mit einem schwarzen Band.
+
+Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein
+lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes
+Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei
+mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja,
+des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der
+Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen
+und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der
+Geist herbei.
+
+Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das
+treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend,
+nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts
+damit auf sich.«
+
+»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz
+erstaunt.
+
+»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der
+Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich
+einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier,
+und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es
+verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie
+klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen
+Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.«
+
+»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen
+muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel
+gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände
+reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich
+das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das
+uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die
+göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine
+unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der
+Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird
+lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den
+unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles
+wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne,
+unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt,
+jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des
+Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das
+mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige.
+Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß
+wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die
+Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst
+Gefühl und Ahnung Lüge.«
+
+Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz' Lippen. »Sie äußern sich mit
+sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft,
+kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es
+kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit
+und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das
+Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir
+nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue
+davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an
+den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen
+einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien
+abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder
+den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften?
+die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen
+fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue
+einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht
+Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben
+rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es
+denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der
+Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer
+Weglosigkeit.«
+
+»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir
+zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb
+begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf.
+
+Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch
+die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine
+Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon
+geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an
+eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider
+so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es
+sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine
+Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos
+werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen,
+ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden,
+alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und
+der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.
+
+Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme:
+»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr
+weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum
+läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser
+in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und
+spricht, und keiner weiß was.«
+
+Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren,
+und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen
+Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«#
+
+Da war es schon Nacht.
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman. 23. Auflage
+
+Der Moloch
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage
+
+Der niegeküßte Mund
+Drei Novellen. 71. Auflage
+
+Alexander in Babylon
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen. 6. Auflage
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
+Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman. 15. Auflage
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen. 17. Auflage
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen
+
+Der Mann von 40 Jahren
+Roman. 14. Auflage
+
+Das Gänsemännchen
+Roman. 72. Auflage
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden. 39. Auflage
+
+Der Wendekreis, Bd. 1
+Novellen. 19. Auflage
+
+Mein Weg als Deutscher und Jude
+15. Auflage
+
+ * * * * *
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten
+zusammengeführt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
+p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
+p 236: nach war es -> noch war es
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
+p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)
+p 248: medisieren (schmähen, lästern)
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book's two title
+pages have been merged into one, and a table of contents has been added.
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
+p 090: [unified] Telefon -> Telephon
+p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
+p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
+p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
+p 236: nach war es -> noch war es
+p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
+p 184: Duenna (Hüterin: Anstandsdame, Erzieherin)
+p 248: medisieren (schmähen, lästern)
+p 298: vif (lebendig, lebhaft)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***
+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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